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JULIA EXKLUSIV BAND 272

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Ein Playboy zum Verlieben!

1. KAPITEL

„Willst du, Damien Halliburton, Chelsea London zu deiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen?“

Die Worte des Pfarrers drangen wie von Ferne an Cals Ohr, der immerhin Trauzeuge war. Er tat wirklich sein Bestes, um ein Gähnen zu unterdrücken und sich ganz auf die Trauung seines besten Freundes und Geschäftspartners zu konzentrieren.

„Ja, ich will“, sagte Damien laut und feierlich, während er seiner zugegebenermaßen bezaubernden Braut tief in die Augen schaute.

Auch wenn Cal nicht abstreiten konnte, dass sein Freund seit der Beziehung mit Chelsea vor Glück nur so strahlte, so war er doch felsenfest davon überzeugt, dass diese Art Glück nichts für ihn selbst war.

Nein, er genoss seinen privilegierten Lebensstil in vollen Zügen. Um nichts wollte er die Dinge missen, die damit einhergingen: Tennis, Golf, Segeln, Drinks im Club und gelegentliche Wochenenden am Meer.

Außerdem ging er in seiner Arbeit völlig auf. Kaum etwas bereitete ihm mehr Befriedigung, als die reichsten und schwierigsten Kunden für Keppler, Jones und Morgenstern an Land zu ziehen. Manch einer in seiner Branche hielt ihn für ziemlich skrupellos. Doch das stimmte nicht. In Wahrheit war es ihm schon immer leichtgefallen, Menschen zu überzeugen.

Cal schaute quer über den Altar und fing den Blick von Kensey auf, einer Brautjungfer, die zufälligerweise auch Chelseas ältere Schwester war. Im Gegensatz zur blonden Chelsea war sie brünett. Cal hatte schon immer Brünette bevorzugt.

Er lächelte ihr zu.

Kenseys Augen weiteten sich. Im nächsten Moment hob sie die linke Hand und wedelte mit ihrem Ehering in seine Richtung.

Cal lächelte nur noch breiter und zuckte entschuldigend die Schultern, doch als er seinen Blick von ihr abwandte, verwandelte sich sein Gesicht kurz in eine Grimasse. Zur Hölle, war denn mittlerweile die ganze Welt verheiratet?

Rasch überflog er die versammelte Gästeschar, die die elegante Kirche bis auf den letzten Platz ausfüllte. Die geschiedenen, aber immer noch freundschaftlich verbundenen Eltern des Bräutigams saßen natürlich in der ersten Reihe und weinten hemmungslos. Wenn die beiden nicht spätestens am Ende des Monats erneut vor den Altar traten, dann wollte Cal nicht mehr Cal heißen.

Seine eigenen Eltern, die ehrenwerten Gilchrists, ein Paar, das den Hinweis „bis dass der Tod euch scheide“ so ernst nahm, dass es ihn nicht wundern würde, wenn sie sich eines Tages gegenseitig erwürgten, saß natürlich auf dem zweitbesten Platz direkt hinter den Halliburtons.

Von der fünften Reihe aus winkte ihm Damiens Tante Gladys kokett zu. Cal winkte zurück, woraufhin die ältere Dame beinahe auf der Stelle in Ohnmacht fiel.

Unbewusst nahm er viele bekannte und unbekannte Gesichter wahr, darunter einige, die er nicht unbedingt wiedersehen wollte.

Aber halt! Hatte er da nicht eben lange braune Locken gesehen, dazu ein Paar strahlend blauer Augen, eingerahmt von unglaublich langen Wimpern, und dazu ein wundervoll sinnlicher, verführerischer Mund, für den jeder Mann sterben würde?

Ava …

Ihr Name tauchte für ihn wie aus dem Nichts auf, ähnlich einer Explosion, die ihn in seinen Grundfesten erschütterte.

Blitzschnell suchte er erneut die Reihen ab, auch wenn ihm klar war, dass seine Fantasie ihm einen Streich gespielt haben musste.

Obwohl – rein theoretisch konnte er sie gesehen haben. Immerhin war sie Damiens Schwester. Doch sein Freund hatte nie erwähnt, dass sie nach beinahe zehn Jahren extra aus Boston zur Hochzeit anreisen würde. Hätte Damien etwas in die Richtung angedeutet, wäre es Cal ganz bestimmt nicht entgangen.

Doch jetzt sah er nur unbekannte Gesichter, von denen keines ein solches Herzrasen in ihm auslöste, wie es das ihre tat. Oder genauer gesagt: getan hatte. Vor langer, langer Zeit, in einem anderen Universum …

Als er Ava das letzte Mal gesehen hatte, war er ein zweiundzwanzigjähriger BWL-Absolvent gewesen, der sich bedenkenlos seines Familiennamens bediente, um vorwärtszukommen. Sie dagegen war eine hochbegabte Studentin der Geisteswissenschaften, die bereit war, notfalls bis ans Ende der Welt zu gehen, um einen Ort zu finden, an dem niemand ihren Familiennamen kannte.

Schon seit Highschool-Zeiten waren sie befreundet, mindestens ebenso lange bekämpften sie sich, und für eine einzige Nacht waren sie zu Liebenden geworden – exakt einen Tag, bevor Ava nach Harvard gereist war, um ein Stipendium anzutreten, das man ihr dort gewährt hatte. Es war die erste von diversen Universitäten, die sie besuchte. Sie ging, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Sie schrieb keine Postkarten, keine Briefe und keine E-Mails, und sie rief auch nicht an.

Cal runzelte die Stirn. Er hatte jetzt jede Reihe abgesucht und konnte keine braunen Locken mehr entdecken, ebenso wenig wie rauchblaue Augen oder rosige Lippen. Vermutlich hatte er sich nur eingebildet, ihr Gesicht gesehen zu haben. Immerhin hatte er sich schon immer wie ein Narr benommen, wenn es um Ava Halliburton ging …

„Cal?“

Cal starrte den Bräutigam verständnislos an, während ein kaum unterdrücktes Lachen durch die Reihen ging.

„Du bist dran, alter Freund“, sagte Damien.

„Womit genau?“

„Der Ring?“, erwiderte Damien und dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen, das Cal deutlich sagte, dass er ihn nicht zum ersten Mal angesprochen hatte.

„Ja, richtig“, sagte Cal leise. „Es tut mir leid, ich war meilenweit weg.“

„Das ist nicht unbedingt das, was ich in diesem Moment hören möchte.“ Damien lächelte zwar noch immer, doch es war deutlich, dass ihm allmählich der Geduldsfaden riss.

Rasch griff Cal in die Innentasche seines Smokings und fischte einen mit Diamanten besetzten Weißgoldring heraus. Beinahe noch schneller ließ er ihn in Damiens offene Handfläche fallen, damit nur ja nichts von der unwillkommenen Romantik des Schmuckstücks auf ihn abfärbte.

Von da an war die Trauung im Eiltempo vorbei.

Der beste Part war der Kuss. Damien fasste seine Chelsea um die Taille, beugte sie so weit nach hinten, dass ihr Haar beinahe den Boden berührte, und gab ihr einen derart heißen Kuss, dass die ungefähr zweihundert Gäste in laute Jubelrufe ausbrachen.

Das ist mein Damien, dachte Cal, der froh war, dass sich sein Freund nicht zu einem kompletten Weichei entwickelt hatte, jetzt wo er in die Fänge einer Ehefrau geraten war.

Arm in Arm mit Chelseas Schwester, die ihn fröhlich anlächelte, folgte er dem frisch vermählten Paar den Gang hinunter. Am Ausgang angekommen, täuschte er Desinteresse und Langeweile vor, während er in das helle Licht eines Fotoapparats blickte.

„Einen Moment lang hatte ich schon Angst, du würdest uns in Ohnmacht fallen“, neckte Kensey.

Cal lächelte kurz. „Ich? In Ohnmacht? Nie im Leben, Honey.“

„Dann bist du also ein Fan von großen weißen Hochzeiten, ja?“

„Es gäbe nichts, wo ich lieber wäre an einem Samstagnachmittag.“

„Wirklich? Dann muss ich es mir wohl eingebildet haben, dass du plötzlich kalkweiß geworden bist und aussahst, als hättest du ein Gespenst erblickt.“

„Ja, das musst du dir wirklich eingebildet haben.“

Dennoch konnte er sich nicht verkneifen, noch einmal nach links zu schauen, auf der Suche nach einem Paar hübscher blauer Augen und langem dunklem Haar.

Was für ein verdammter Narr er doch war.

Nachdem bestimmt eine Stunde lang am Strand Fotos gemacht worden waren, stieg Cal endlich vor dem Haus der Halliburtons am Ende des Stonnington Drive aus seiner Limousine aus.

Er streckte seine verkrampften Glieder, dann schaute er ganz unwillkürlich rauf zum zweiten Stock, zum dritten Fenster von rechts.

Avas Schlafzimmerfenster.

Innerhalb von zwei Herzschlägen verwandelte er sich wieder von einem zweiunddreißigjährigen erfahrenen Geschäftsmann zu einem Zwanzigjährigen, der seine Hormone nicht im Griff hatte und sich fragte, ob Ava dort oben war, ob sie schlief, ob sie lernte, sich anzog, sich auszog …

An diesem Tag war das Fenster geschlossen. Kein Licht hinter den Vorhängen zu sehen. Sein Verstand kam zur Ruhe.

Mit seinen Hormonen verhielt es sich anders.

Rasch umrundete er das massive Haus und hoffte, dass die Bewegung ein wenig die Anspannung lockern würde, die er seit der Kirche verspürte.

Auf dem perfekt gepflegten Rasen der Halliburtons waren zwei große Festzelte aufgebaut worden, die hell erleuchtet waren und wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht aussahen. Zwischen den Zelten befand sich eine etwa zehn Meter breite Lücke, in die man direkt unter den Sternen eine großzügige Tanzfläche montiert hatte. Große runde Tische waren festlich gedeckt mit feinstem Porzellan, auf Hochglanz poliertem Tafelsilber und funkelnden Kristallgläsern.

Cal holte tief Luft, schob die Hände in die Taschen seiner Smokinghose und betrat das erste Zelt. Rasch prägte er sich die verschiedenen Ausgänge ein, freundete sich mit einem der vorbeieilenden Kellner an, sodass ihm mit Sicherheit als Erstem die Horsd’œuvres serviert werden würden, und ging dann mit direkten Schritten auf die nächste Bar zu.

Er bestellte einen Whisky und setzte gerade zum ersten Schluck an, als er eine viel zu vertraute weibliche Stimme hinter sich hörte. „Cal Gilchrist, wie er leibt und lebt.“

Er stieß mit dem Glas gegen die Zähne und schluckte mehr als auf nüchternen Magen gut war.

„Nun, wenn das nicht die kleine Ava Halliburton ist. Höchstpersönlich“, sagte er im Umdrehen mit einem nonchalanten Lächeln.

Ihre dunklen Locken waren noch genauso lang und sexy wie mit neunzehn und das Blau ihrer Augen mindestens ebenso strahlend. Um ihren sinnlichen Mund spielte ein zauberhaftes Lächeln, und ihre Wangen waren gerötet.

Sie hatte sich kein bisschen verändert.

In diesem Moment tauchte von irgendwoher ein entfernter Verwandter auf und forderte ihre Aufmerksamkeit für sich. Ava warf Cal einen kurzen, um Entschuldigung heischenden Blick zu, ehe sie sich abwandte und ausgiebiges Wangentätscheln über sich ergehen ließ, zusammen mit Bemerkungen wie: „Ich kannte dich schon, als du noch sooo klein warst.“

Cal trat einen Schritt zurück, hin zur Bar, wo er sein Glas abstellen konnte und dankbar war, um sich einen Moment sammeln zu können.

Ava Halliburton. Es war eine ganze Weile her, seit dieser Name ihn dazu gebracht hatte, die Hände zu Fäusten zu ballen.

Mit zweiundzwanzig, verwirrt und unsterblich verliebt, gerade mal wenige Stunden nach der aufregendsten, zärtlichsten, aufwühlendsten Nacht seines jungen Lebens, da war er ihr zum Flughafen gefolgt, und fünf Minuten bevor ihr Flug aufgerufen wurde, hatte er sie – Narr, der er war – gebeten, bei ihm zu bleiben.

Und es war ihm ernst gewesen. In diesem verrückten Moment war er bereit, jeden Gedanken an eine andere Frau zu vergessen, wenn er nur sie haben konnte.

Denn in ihren warmen, willigen Armen hatte er zum ersten Mal das Gefühl absoluten Glücks erlebt.

Ja, Glück, ganz richtig.

Und sie hatte gerade mal eine halbe Sekunde gebraucht, um abzulehnen und das Flugzeug zu besteigen.

Gott sei Dank, hatte er in den vergangenen zehn Jahren in genug zauberhafte Augen geblickt, sodass Ava Halliburton nie wieder eine solche Wirkung auf ihn haben konnte wie damals.

Zumindest glaubte er daran, bis er sah, wie Ava mit einer Hand an einer dünnen Lederkette um ihren Hals spielte.

Eine lange, dünne, braune Lederkette. Eine, die derjenigen verdammt ähnlich sah, die er ihr zusammen mit einem Holzmedaillon einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Mit einem Foto von sich darin, als Scherz. Sie hatte es drin gelassen. Jahrelang.

Das letzte Mal hatte er das Medaillon in jener Nacht gesehen, die sie zusammen verbracht hatten.

Cals Blick blieb wie gebannt an Avas Fingern hängen, die weiterhin mit dem Lederband spielten. Das Band verschwand im Ausschnitt ihres Kleids, sodass er nicht wissen konnte, was sie nun dort über ihrem Herzen verwahrte. Ganz kurz gestattete er sich, darüber nachzudenken.

In der Zwischenzeit verabschiedete sich der Cousin dritten Grades, und Ava drehte sich wieder zu Cal um – noch immer spielte ein kleines Lächeln um ihre Lippen. Mit einem Mal interessierte ihn die Kette bei Weitem nicht mehr so sehr wie diese Lippen, die so verführerisch schimmerten.

„Es war eine sehr schöne Trauung, findest du nicht?“, fragte Ava und wandte sich ab, um den Blick über die Hochzeitsgesellschaft schweifen zu lassen.

Sie gab sich verdammt cool. Nun, sie war in diesem Fach noch nicht auf ihren Meister gestoßen. Mach dich auf eine Eiszeit gefasst, Baby …

„Absolut perfekt“, erwiderte er frostig.

„Und hast du jemals solche Sterne gesehen?“

„Wenn ich hochgeblickt habe. Sicher.“

„Es ist die perfekte Nacht für ein Fest im Freien.“ Ihre Nase kräuselte sich leicht. „Obwohl es noch regnen wird.“

„Hast du unter deinem Kleid irgendwo ein Barometer versteckt?“

Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Das brauche ich nicht. Schau dir die Wolken da drüben im Osten an. Gewitterwolken. Die bringen Regen. Aber erst spät in der Nacht. Alles andere hätten meine Eltern sich auch verbeten.“

Cal straffte die Schultern, bis er merkte, dass er sich ganz allmählich entspannte. Normalerweise war er immer entspannt. Allerdings war es ihm noch nie so schwergefallen wie in diesem Augenblick.

Er beugte sich ein wenig vor. „Wollen wir für die Weddingplanerin hoffen, dass es nicht regnet, denn andernfalls wird sich deine Mutter vermutlich weigern, die Rechnung zu bezahlen, während dein Vater sich einen Monat lang in seinem Arbeitszimmer verschanzt und froh ist um die Ausrede, es tun zu dürfen.“

Anstatt sein Bemühen, die Situation aufzulockern, mit einem breiten Lächeln zu quittieren, lächelte Ava nur ganz knapp. Nervös schwenkte sie den Champagner in ihrem Glas – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie nicht so gelassen war, wie sie vorgab zu sein.

Ja, sie arbeitete genauso hart an dieser Konversation wie er.

Rasch blickte er zur Seite, damit sie nicht gleich erriet, wie es um ihn stand.

Wo zum Teufel war der Kellner mit den Horsd’œuvres, wenn man ihn wirklich brauchte?

2. KAPITEL

„Ich bin wirklich froh, dass ich dir jetzt über den Weg laufe, wo die Party noch ihren geregelten Gang geht“, sagte Ava.

„Was glaubst du denn, was uns noch bevorsteht?“, fragte Cal.

„Der DJ ist ein Cousin von mir.“

„Verstehe. Dann wäre es wohl eine echte Überraschung, wenn er Musik auflegt, die neuer als neunzehnhundertfünfundachtzig ist.“

Ava lächelte. Sie schaute zur Seite, dann wieder zurück zu ihm. „Damien hat mir erzählt, dass du Ende letzten Jahres in New York warst.“

Was für ein Übergang, dachte Cal. „Ja, das war ich. Rein geschäftlich. Kurz rübergeflogen und gleich wieder zurück.“

„Ich kann nicht glauben, dass du mich nicht besucht hast. Du hättest gut einen Abstecher nach Boston machen können.“

„Ich habe einen halben Tag am Flughafen verbracht. Der Zeitplan hat es nicht zugelassen.“

Sie nickte und schluckte mehrfach. Ihre Stimme klang heiser, als sie flüsterte: „Ich habe dich vermisst, weißt du.“

Und einfach so, mit dem leisesten Hauch von Verletzlichkeit, machte Ava Cals stoischen Widerstand zunichte. Plötzlich spürte er ein brennendes Verlangen, ihren Arm zu berühren, mit dem Daumen über die Konturen ihrer Unterlippe zu streichen, einen Finger unter das Lederband zu schieben, es herauszuziehen und die verborgenen Geheimnisse des Medaillons zu enthüllen.

Reiß dich zusammen, Cal, ermahnte er sich selbst. Ava Halliburton hatte schon immer nichts als Schwierigkeiten bedeutet, und er tat gut daran, das nicht zu vergessen.

Nachdem sie beide eine Weile betreten geschwiegen hatten, räusperte sich Ava und blickte auf ihre Schuhe hinunter. „Ich habe euch alle vermisst. Unheimlich. Heute ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, wie lange ich schon nicht mehr hier war. Mein Cousin, der DJ, war acht, als ich ging, und jetzt …“

„Jetzt bedient er den Plattenteller wie kein Zweiter.“

„Genau.“

Sie sah ihn an, und wieder mal fiel ihm auf, wie unglaublich lang ihre Wimpern waren. Er hatte sie immer für ihren größten Vorzug gehalten, doch jetzt lieferten sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren sinnlichen Lippen. Cal kämpfte gegen widerstreitende Gefühle an.

„Schön zu sehen, dass du dich endlich von deinen Vorlesungen und Studiengruppen losreißen konntest, um den großen Tag deines Bruders zu feiern“, sagte er schließlich.

Ein Funkeln trat in ihre himmelblauen Augen, und sie lächelte so breit, dass sich mehrere reizende Grübchen bildeten. Der Himmel steh ihm bei!

„Es ist genauso schön zu sehen, dass du immer noch derselbe Witzbold bist wie eh und je. Ich kann nicht glauben, dass Damo dreimal nach dem Ring fragen musste. Es wird die Geschichte sein, die sie bei jedem Hochzeitstag erzählen.“

Cal verneigte sich kurz. „Ich bemühe mich immer zu gefallen.“

„Hm“, murmelte sie und schaute viel zu schnell von ihm fort, um ihren Blick erneut über die Gästeschar schweifen zu lassen. „Jetzt erinnere ich mich wieder daran, dass du schon immer gern im Rampenlicht gestanden hast.“

Sie erinnerte sich jetzt daran? Wie schmeichelhaft. „Während du immer vorgezogen hast, jeglicher Aufmerksamkeit zu entfliehen, ganz so als könntest du dich daran verbrennen“, entgegnete er.

Das Funkeln in ihren Augen verblasste. Ganz leicht. Dennoch genug, um zu erkennen, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Es verschaffte ihm weniger Befriedigung, als er gedacht hätte.

Hastig führte sie ihr Champagnerglas an die Lippen und nippte daran. Sein Blick folgte der Bewegung, und so sah er, dass sie keinen Ring trug.

Das Letzte, was er gehört hatte, war, dass sie mit einem Professor zusammenlebte, der ungefähr doppelt so alt war wie sie. In den vergangenen Jahren hatte es viele solcher Geschichten gegeben – Geschichten von unpassenden und wesentlich älteren Männern, von immer wieder gebrochenen Herzen und daraus resultierenden Uni-Wechseln, die sie von einem Ende der Welt ans andere trieben.

Als er aufblickte, stelle er fest, dass sie ihn musterte. Mehr als das – sie begutachtete jeden einzelnen Zentimeter seines Gesichts.

„Wie ich sehe, haben sich manche Dinge doch geändert. Du hattest nie zuvor einen Dreitagebart“, bemerkte sie mit einem Lächeln.

Spontan streckte sie die Hand aus, doch sie stoppte wenige Millimeter vor seinem Gesicht, sodass sie nur Luft berührte, während sie die Konturen nachzeichnete.

„Dir ist wohl nicht in den Sinn gekommen, dass du dich für den Anlass hättest rasieren können?“, fragte sie.

Cal nutzte die Gelegenheit, um sich mit einer Hand über den Bartansatz zu fahren – es kratzte leicht, was ihn gnädigerweise von den anderen Sinneseindrücken ablenkte, die seinen Körper und Geist aufs Äußerste beschäftigten.

Der Anblick ihrer seidigen Locken und samtweichen Haut, der Duft eines Parfums, das er nicht identifizieren konnte und dennoch nie vergessen würde, die sanft schimmernden Lippen, die er das letzte Mal geküsst hatte, kurz bevor sie weggegangen war … und ihn damit jeder Sorglosigkeit beraubt hatte.

„Nein“, sagte er gedehnt und ließ seine Hand wieder sinken, um mit seinem Whiskyglas zu spielen. „Heutzutage gehe ich als Schurke durch, wusstest du das nicht? Wenn ich mich rasieren würde, würde man mich nicht mehr ernst nehmen.“

„Oh ja natürlich, du willst dein Publikum nicht enttäuschen.“

Er lächelte leicht. „Ich habe noch nie enttäuscht“, entgegnete er seidig.

In der Vergangenheit hätte sie die Stirn gerunzelt, insgeheim wissend, dass seine Worte eine doppelte Bedeutung hatten, und wenn sie sie herausgefunden hätte, wäre sie errötet. Jetzt hielt sie seinem Blick mühelos stand.

Sie erwiderte sein Lächeln und nickte leicht, beinahe unmerklich. Vielleicht hatte die kleine Ava Halliburton tatsächlich die Zeit gefunden, zwischen all ihren Unikursen erwachsen zu werden.

„Sei vorsichtig“, warnte er sie. „Die Leute werden anfangen, Spekulationen anzustellen, wenn du zu lange bei mir stehst. Du riskierst deinen guten Ruf.“

„Ich werde es überleben.“

Cal trat von einem Fuß auf den anderen, weil ihn eine plötzliche Hitze erfasste. Bevor er jedoch die Chance hatte, herauszufinden, wie erwachsen sie tatsächlich geworden war, richtete sie ihren Blick erneut nach oben.

Er schaute ebenfalls hinauf, um zu sehen, was sie dort derart faszinierte, und da erblickte er Abermillionen von funkelnden Sternen.

Ava seufzte. „Wusstest du, dass Galileo sechzehnhundertzweiundvierzig gestorben ist – das Jahr, in dem Isaac Newton geboren wurde?“

Cal musste lächeln. Jede andere Frau hätte viel Theater um den romantischen Anblick von Mond und Sternen gemacht, doch nicht Ava. Auch wenn ihre gemeinsame Vergangenheit keine besonders glückliche war und er nicht genau wusste, wo sie jetzt miteinander standen, musste er doch zugeben, dass sie in jeder Hinsicht außergewöhnlich war.

Er lehnte sich an die Bar und fragte: „Wie läuft’s an der Uni?“

Sie blickte noch ein paar Sekunden zum Sternenhimmel empor, ehe sie sich wieder ihm zuwandte. „Es läuft gut.“

„Und was ist jetzt dein Hauptfach? Ich verliere immer den Überblick.“

„Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit in Anthropologie.“

„Heißt das, dass ich dich bei unserem nächsten Treffen Dr. Halliburton nennen muss? Beeindruckend.“

Sie antwortete nicht, sondern lächelte nur unergründlich.

„Dann bist du also immer noch der Liebling der Lehrer.“

Irgendein ungenanntes Gefühl flackerte in ihren Augen auf, flüchtig wie Quecksilber, dann war es schon wieder vorbei. „Wenn du dich genau erinnerst, dann wirst du wissen, dass ich nie der Liebling der Lehrer war. Dazu habe ich immer viel zu viele lästige Fragen gestellt, von denen ich heute weiß, dass keiner sie wirklich mag.“

Cal lachte leise. Ihm war immer alles in den Schoß gefallen. Aber Ava Halliburton bedeutete harte Arbeit für ihn. Sie ging keiner Diskussion aus dem Weg, gab nie auch nur einen Zoll nach. Sie war eine Herausforderung, und es gab nichts, was Cal lieber mochte.

Los, Junge.

„Hast du deine Eltern schon gesehen?“, fragte er.

Sie blickte auf ihr Glas hinunter. „Bislang ist es mir gelungen, dieser kleinen Wiedervereinigung aus dem Weg zu gehen.“

Er konnte es ihr nicht mal verübeln. Seit der Scheidung ihrer Eltern hatte sie kaum drei Worte mit ihrem Vater gewechselt, und ihre Mutter, die zwar eine großartige Tischnachbarin bei jeder Dinnerparty war, entsprach dennoch allzu sehr den Klischees der Frauen, die am Stonnington Drive lebten: viel zu viel plastische Chirurgie, noch mehr Egozentrik und viel zu wenig mütterliche Wärme.

„Übernachtest du hier?“, fragte er, wobei er eigentlich wissen wollte, wie lange sie bleiben würde.

„Nein, im Hotel“, entgegnete sie und schüttelte den Kopf, was ihre dunklen Locken zum Tanzen brachte.

Cal schob die Hände in die Hosentaschen. Er wollte sich davon abhalten, ihr das Haar aus der Stirn zu streichen, damit er ihr Gesicht besser sehen konnte. Sie hatte schon immer so ein bezauberndes Gesicht gehabt.

Nachdenklich blickte Ava zu dem prächtigen Haus hinüber, in dem sie groß geworden war. „Weißt du, dass dies das erste Mal in beinahe zehn Jahren ist, dass ich wieder an diesem Ort bin?“

Neun Jahre und vier Monate. Cal wusste es nur zu genau, und darüber ärgerte er sich maßlos.

Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Damien vom anderen Ende des Zeltes heftig zu ihm herüberwinkte. Seine Gesten bedeuteten, dass es wohl an der Zeit für weitere Fotos war.

„Dann schätze ich, dass du noch mit einer ganzen Menge Leute reden willst“, erklärte Cal. „Ich sollte dich nicht so in Beschlag nehmen.“

Entschlossen straffte er die Schultern und trat einen Schritt zurück. „Außerdem sieht es so aus, als hätten meine Pflichten als Trauzeuge gerade erst begonnen. Bleibst du noch eine Weile hier?“

„Bis zum Schluss“, entgegnete sie und hob ihr Glas.

„Schön. Falls ich dich nicht mehr sehen sollte – es war mir ein Vergnügen.“

„Absolut.“ Sie lächelte gleichmütig, ohne auch nur den kleinsten Hinweis darauf zu geben, ob „bis zum Schluss“ bedeutete, dass sie an Mitternacht zurückflog oder dass sie für immer hier bleiben würde.

Cal schüttelte den Kopf. Warum sollte er Vermutungen darüber anstellen? Es war für ihn doch ohne jede Bedeutung.

Er hatte sie gesehen. Hatte mir ihr geredet. War in Reichweite gewesen, und hatte es überlebt. Mehr als das. Es hatte ihn völlig unberührt gelassen.

Nun, zumindest so unberührt, wie ein Mann in Gesellschaft einer schönen Frau jemals sein konnte.

Er beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Ava nahm ihn offensichtlich gerne an, denn ein kleines Lächeln erhellte ihre Züge.

In dem Sekundenbruchteil, bevor seine Lippen ihre Wange berührten, hatte er das Gefühl, einen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen, denn plötzlich strömten die Erinnerungen mit aller Macht auf ihn ein.

Es war spät am Abend, und er polierte sein Boot. Ein Geräusch. Das Kratzen eines Schuhs auf Betonboden. Er drehte sich um. Ava, ein dunkler Schatten im Türrahmen. Tränen glitzerten auf ihren Wangen.

Und dann der Kuss. Ihr erster Kuss. Ihr erstes Mal.

Sie reckte ihre schlanken, blassen Arme in die Luft – so vertrauensvoll, während er ihr das Greenpeace-T-Shirt über den Kopf streifte. Mein Gott, der Ausdruck in ihren Augen, als sie den BH öffnete. Diese wundervolle, weiche Haut, die nur seinen Blicken enthüllt wurde. Ganz allein für ihn.

Ava …

Wieder stieg ihr Name in ihm auf, diesmal jedoch wie eine Sommerbrise – als Vorbote künftiger Freuden.

Cal schloss die Augen, streifte nur ganz kurz ihre Wange und gab sein Bestes, nicht durch die Nase zu atmen. Doch es war schon zu spät.

Mit dem ersten Atemzug nahm er den verführerischen Duft von Seife, Puder und Orangenblüten wahr.

Im nächsten Moment erinnerte er sich an Schulkreide, alte Bücher und den Geruch des frisch gemähten Rasens unten am Yarra, wo sie einen Sommer lang immer Kricket gespielt hatten.

Zum Schluss dann, und das am stärksten: den Geruch eines frisch gesaugten Teppichs in der Flughafenhalle von Melbourne, während er sich wie vor den Kopf gestoßen fühlte, weil sie ihn wirklich verließ und sich kein bisschen um sein gebrochenes Herz scherte.

Cal zog sich zurück und atmete einmal mehr den verführerischen Duft von Puder und Orangenblüten ein, der ihn nach mehr verlangen ließ.

Für einen Mann, der noch nie etwas entbehrt hatte, hieß das einiges. Er lebte ein Leben voller Reichtum und Erfolg, voller schneller Autos und wechselnder Frauenbekanntschaften. Nur das Beste gönnte er sich und niemandem musste er deswegen Rechenschaft ablegen.

Er hätte ihr danken sollen. Sie hatte an jenem längst vergangenen Tag unbewusst den Grundstein für sein Streben nach Unabhängigkeit und seine Entschlossenheit, um jeden Preis gewinnen zu wollen, gelegt.

Ava Halliburton hatte ihn zum Mann gemacht.

Doch als Cal sich jetzt von ihr abwandte, verwünschte er sie und diesen verhängnisvollen Tag.

Ava stand allein mitten in dem großen bauschigen weißen Hochzeitszelt, und ihr Herz pochte so laut, dass es ein Wunder war, dass sie überhaupt ein Wort von Cal verstanden hatte.

Es war schon nervenaufreibend genug, denen aus ihrer Familie zu begegnen, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte. Deshalb hatte sie Cal ganz bewusst in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins verbannt.

Cal Gilchrist. Der Junge, den sie angebetet hatte, seit sie vierzehn war. Der Junge, der sie immer an den Zöpfen gezogen und ihr den Spitznamen Avocado verpasst hatte, den sie während der kompletten Highschool-Zeit nicht mehr losgeworden war. Der beste Freund ihres Bruders. Der Teufel in ihrem Nacken. Der, der an ihre alte Wunde rührte.

Ihr erster Liebhaber.

Es dauerte gut dreißig Sekunden, bis sie merkte, dass sie ihm immer noch hinterhersah.

Nach all den Jahren sah er immer noch umwerfend aus: breite, muskulöse Schultern und ein durchtrainierter Körper, der seinesgleichen suchte. Seine ganze Haltung strahlte Macht und Selbstbewusstsein aus. Den Smoking trug er mit solch selbstverständlicher Eleganz, dass sich James Bond eine Scheibe von ihm hätte abschneiden können.

Sein braunes Haar war wesentlich kürzer geschnitten als noch vor Jahren, sodass nichts von seinen Naturlocken zu sehen war. Und in seinen haselnussbraunen Augen, die früher immer voller Schalk gewesen waren, funkelte heute etwas anderes. Selbstvertrauen? Erfahrung? Oder eine präzise Erinnerung an ihre damalige Nacht?

Ava schloss die Augen.

All das war so lange her. Ewigkeiten. Ein ganzes Leben. Dennoch spürte sie eine merkwürdige Energie in sich.

Als sie die Augen wieder öffnete, beobachtete sie, wie er mit jemandem plauderte, den sie nicht kannte. Er lächelte so umwerfend, woraufhin ihr ganz eng um die Brust wurde.

Dabei gehörte sie nicht mal mehr zu den Frauen, die sich von dieser Art männlicher Schönheit beeindrucken ließen. Sie bevorzugte Männer, die … reif und erfahren waren. Männer, deren Anzüge Ellbogenflicken aufwiesen anstatt Designer-Label und Männer, die einen gemütlichen Vollbart trugen.

Ihr aktueller Mann war mit der Weisheit des Alters gesegnet. Zugegeben: Als Frau drehte man sich nach anderen Männern um.

Aber halt! Ihr Mann? Ha! Für einen kleinen Moment hatte sie doch tatsächlich vergessen, dass sie jetzt ganz allein in der Welt war, ohne einen Mann, der der Rede wert gewesen wäre. Wenn sie ganz ehrlich war, dann wusste sie nicht mal, ob sie jemals einen Mann lange genug besessen hatte, um ihn ihren Mann zu nennen. Sie war jedoch clever genug, dass sie den Grund dafür ganz genau kannte.

Wenn ihre Mutter weniger interessiert daran gewesen wäre, Statussymbole anzuhäufen und jeden davon wissen zu lassen, dann hätten sich ihre Eltern niemals so plötzlich und unerwartet scheiden lassen und Ava hätte nicht diese absolute Verlorenheit und Unsicherheit verspürt. Sie wäre nicht jedes Mal davongelaufen, wenn es auch nur annähernd so aussah, als wolle jemand eine Beziehung mit ihr.

Mein Gott, sie war wirklich nicht sicher, ob es klug gewesen war, heute hierher zu kommen. Zum Stonnington Drive.

Eine Ansammlung von nicht mehr als dreißig Häusern, dennoch ein wahres Bollwerk. Die Männer des Stonnington Drive trugen ihre Maßanzüge noch lange nach Büroschluss. Die Frauen des Stonnington Drive glaubten an Gin, Tennis und Privatinternate für die Kinder.

Ava hielt es für eine erstickende, zermürbende Daseinsform. Der Druck, mit den Jones’ und den Gilchrists mitzuhalten, hatte die Ehe ihrer Eltern auf übelste, öffentlichste Weise zerstört. In der Folge hatte Ava überall nach Orientierung und Anleitung gesucht. Heute war sie stolz, aus dieser Welt ausgebrochen zu sein.

Sie blickte zu ihrem Bruder herüber und stellte fest, dass Cal sich mittlerweile zu ihm gesellt hatte. Damien hatte ihre Kindheit besser überstanden, weil er älter gewesen war. Stärker. Glücklicher.

Die zwei Männer umarmten sich, steckten die Köpfe zusammen und redeten miteinander. Beste Freunde, auch nach all den Jahren noch. So eng wie Brüder. Vielleicht sogar noch enger, wenn man bedachte, dass ihr Vater Cal immer wie den zweiten Sohn behandelt hatte, der ihm nie vergönnt gewesen war.

Kein Wunder.

Cal war das perfekte Produkt seiner Erziehung: reich, gutaussehend, arrogant, lässig. In seiner Gegenwart sollte sie sich eigentlich unwohl fühlen, trotz ihrer ehemaligen Freundschaft.

Also warum konnte sie ihn nicht einfach abschütteln?

Weil dieser Ort ansteckend war. In gewisser Weise lullte er die Leute ein mit seinem Luxus und der lockeren Lebensweise.

Damien legte einen Arm um seine Braut, führte sie in Richtung des Fotografen und küsste sie stürmisch. Es war so süß. So romantisch. Avas Magen verkrampfte sich. Sie musste wegschauen.

Ein Paar haselnussbrauner Augen fing ihren Blick auf. Cal, schon wieder.

Obwohl sie mindestens dreißig Meter voneinander entfernt waren, obwohl das Streichquartett ein absolut respektables „Clair de Lune“ spielte und ungefähr zweihundert Gäste um sie herum waren, fühlte sie sich plötzlich erhitzt und ruhelos.

Sie sollte den Blickkontakt abbrechen. Sollte zur Seite schauen, so als hätte sie es gar nicht bemerkt.

Doch nach dem Monat, der hinter ihr lag, tat es wahnsinnig gut, wenn ein Mann wie Cal Gilchrist sie ansah, als sei sie ein besonders verführerischer Leckerbissen, den er am liebsten gleich vernaschen wollte. Wie Balsam legte sich sein Blick über den tiefen Riss in ihrem Selbstwertgefühl.

Sie legte den Kopf schief und blickte ihn fragend an. Ein träges Lächeln blitzte in seinen Augen auf. Dessen Funkenflug erreichte sie und brachte ihre Knie zum Zittern.

Zehn Jahre lang hatte sie nichts von ihm gehört. Dennoch hatte sie sich oft gefragt, ob er ihre gemeinsame Nacht in liebevoller Erinnerung hielt oder ob er sie bedauerte – oder ob er überhaupt daran dachte. Jetzt hatte sie ihre Antwort: Ihr alter Freund dachte nicht daran, sie erneut an den Haaren zu ziehen.

Ihr Herz reagierte auf seinen Blick, und merkwürdigerweise kam sie sich dabei nicht wie die große Verliererin vor. Vielleicht war in der Vergangenheit gar nicht alles so schlecht gewesen. Und war sie nicht aus Harvard geflohen, um ausgerechnet bei ihrer ach so gestörten Familie Zuflucht zu finden?

Sie fuhr sich mit der Zunge über die plötzlich staubtrockenen Lippen, worauf Cals Lächeln noch breiter wurde. Es war das träge, selbstsichere Lächeln eines Raubtiers, das ganz genau wusste, was sein Opfer dachte.

Die Hand, mit der Ava das Champagnerglas hielt, zitterte so heftig, dass sie das Glas auf dem nächsten Tisch abstellte.

Sie drehte sich um, wischte die feuchten Handflächen an ihrem Kleid ab, erspähte eine Lücke in der Menge und schlüpfte rasch hindurch.

Nachdem sie das Zelt verlassen hatte, ging sie weiter, und zwar so schnell, wie es ihre niedrigen Absätze erlaubten. Sie hob den Rock, eilte die Treppenstufen zum Haus ihrer Eltern hinauf und öffnete die Tür.

Im Haus hatte sich nichts verändert. Die untere Hälfte der Wände bestand immer noch aus weißem Holz, die obere aus pastellfarbener Tapete. Sanftes Mondlicht fiel auf die drei Stockwerke hohe Decke.

Erinnerungen strömten auf sie ein – gute wie schlechte. Doch immerhin konnte sie zum ersten Mal, seit sie Boston verlassen hatte, wieder frei atmen.

Nach Hause zu kommen, selbst wenn es nur für ein paar Tage war, ehe sie sich dem Akademischen Rat der Uni stellen musste, war die richtige Entscheidung gewesen.

Dies war sicherlich der einzige Ort, an dem sie sich Klarheit über ihr Leben und das Chaos, das es darstellte, verschaffen konnte, denn hier war es zuallererst den Bach runtergegangen. Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Cal Gilchrist dabei eine Hauptrolle spielen würde. Doch wenn das Schicksal es so wollte, warum sollte sie sich dem entgegenstellen?

3. KAPITEL

Cal blickte zu dem großen Haus hinüber. In diese Richtung hatte er Ava zuletzt gehen sehen. Jede Konversation mit ihr war dem Gespräch vorzuziehen, das er im Moment führte.

Damien, Chelsea, Kensey und deren Ehemann Greg erörterten die verschiedensten Möglichkeiten von Fensterdekoration. Ernsthaft! Seit einer Viertelstunde hörte Cal jetzt schon den Vorzügen von Gardinen gegenüber Jalousien zu. Genug war genug.

Er klopfte Damien erst auf die Schulter und packte danach fest zu.

Damien entwand sich seinem Griff und drehte sich mit einem Stirnrunzeln zu ihm um. „Willst du mich zum Krüppel machen, bevor ich in die Flitterwochen fliege?“

Cal entgegnete: „Habe ich schon erwähnt, dass ich deiner Schwester über den Weg gelaufen bin?“

Damien besaß immerhin den Anstand, verlegen zu wirken. „Oh, du hast Ava gesehen.“

„Ja, es sei denn, du hast noch eine Schwester, von der ich bislang nichts wusste. Natürlich habe ich Ava gesehen! Du feierst zwar die größte Hochzeit, die diese Stadt je gesehen hat, aber es war dennoch ziemlich unwahrscheinlich, dass mir die Anwesenheit deiner lange verschollenen Schwester entgehen würde. Dir ist nicht zufälligerweise in den Sinn gekommen, dass du mich hättest vorwarnen können?“

Damien spielte auf Zeit, indem er Chelsea ihr Champagnerglas aus der Hand nahm und erst mal einen großen Schluck daraus trank. Danach drückte er seiner Braut das Glas wieder in die Hand. Chelsea redete einfach weiter mit ihrer Schwester, ohne irgendetwas zu merken. „Wenn ich ehrlich bin, dann war ich mir gar nicht sicher, ob sie kommen würde“, sagte Damien schließlich.

Cal hob eine Augenbraue und drückte damit seine Zweifel aus.

„Das stimmt“, verteidigte sich sein Freund. „Sie konnte erst nicht sagen, ob sie sich von der Uni loseisen kann. Sie steckt mitten in ihrer Doktorarbeit, weißt du.“

„Ja“, erwiderte Cal, „das habe ich gehört.“

„Na, also, was machst du für ein Theater deshalb? Du konntest dir doch denken, dass sie eingeladen ist.“

„Das reicht mir nicht, Damien“, entgegnete Cal, dem es immer noch schwerfiel, seine Gelassenheit wiederzufinden. Ganz besonders nach diesem langen, heißen Blick, den er mit der Frau der Stunde quer durch den überfüllten Raum geteilt hatte. Den hatte er sich keinesfalls eingebildet. Die Elektrizität zwischen ihnen war förmlich greifbar gewesen.

„Also schön“, gab Damien sich geschlagen. „Die Wahrheit ist, dass ich nach dem, was du mir erzählt hast, deine Hoffnungen nicht zu hoch schrauben wollte. An diesem Nachmittag in der Bar, kurz bevor ich Chelsea den Antrag gemacht habe …“

Cal hob eine Hand, um seinen Freund zu stoppen. Er erinnerte sich nur allzu gut daran, was er Damien an jenem Tag gestanden hatte. Eine unglückliche Kombination aus Heuschnupfen-Medikamenten, Übermüdung, weil er die komplette Woche für seinen liebeskranken Partner eingesprungen war, war dafür verantwortlich. Vielleicht verfügte er auch noch über ein letztes romantisches Gen. Jedenfalls hatte er Damien davon erzählte, welche Gefühle er für dessen Schwester vor langer Zeit gehegt hatte.

Doch nur für den Fall, dass er es doch vergessen haben könnte, fügte sein Freund noch hinzu: „Wenn meine verrückten Eltern Ava nicht so ein schlechtes Beispiel in Sachen Beziehung vorgelebt hätten, dann könnten wir jetzt miteinander verwandt sein.“

Cal hätte Damien am liebsten den Mund zugehalten. „Vielen Dank für die Erinnerung.“

Damien lächelte frech. „Gern geschehen. Also, wie ist das große Wiedersehen verlaufen? Haben die Geigen gespielt, die Herzen getanzt und die Engel geweint?“

„Oh, es war toll. Nicht ganz so aufregend wie eine Wurzelbehandlung, aber immer noch besser als Bingo spielen.“

Damiens Augen verengten sich. „Tatsächlich?“

Cal lächelte humorlos.

„In drei Tagen fliege ich in die Flitterwochen. Bis dahin werde ich dich brauchen, und ich möchte auch, dass Ava da ist. Also versprich mir, dass du dich zurückhältst.“

Cal griff nach einem gefüllten Champignon, den er sich vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners klaubte, und sagte nichts.

„Es hat mich einige Mühe gekostet, meine Braut davon zu überzeugen, dass nicht alle Familien so gestört sind wie ihre. Ich kann mir nicht leisten, dass ihr zwei euch in den Haaren liegt, so wie ihr das immer getan habt, und die Illusion zerstört, okay?“

Anstatt auf seine Bemerkung einzugehen, betrachtete Cal Damiens Stirn, hob die Stimme an und fragte laut: „Sag mal, trägst du eigentlich Make-up?“

Sekundenlang stand Damien mit weit geöffnetem Mund und entsetztem Blick einfach nur da, bis er schließlich aufgebracht rief: „Was? Hast du sie noch alle?“

Als sie die entsetzte Frage ihres Ehemannes hörte, verstummte Chelsea und drehte sich zu ihm um. Kensey tat dasselbe. Beide Frauen sahen Damien aufmerksam an.

Cal steckte den Champignon in den Mund, lächelte seinen Freund breit an und machte sich davon. Raus aus dem Zelt und auf in Richtung Haus.

„Benimm dich!“, rief Damien ihm hinterher. „Um meinetwillen, halt dich zurück!“

Cal zuckte kurz mit den Schultern und machte keine Versprechungen.

Cal betrat das große Foyer des Halliburton Hauses und fand Ava auf der Treppe sitzend, die Beine an die Brust gezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Auch wenn sie eine leere Bierflasche in der Hand hielt, wirkte sie in diesem Moment wie ein kleines Mädchen, das sich die Kleider der älteren Schwester ausgeliehen hatte.

Als sie ihn erblickte, lächelte sie.

„Hi“, sagte sie.

„Hi“, entgegnete er und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

Ihr Lächeln wurde noch breiter. Bei jeder anderen Frau hätte er es für Koketterie gehalten, ganz so als denke sie darüber nach, ob sie ihn verführen solle.

„Wir müssen aufhören, uns ständig über den Weg zu laufen“, bemerkte sie.

„Zehn Jahre lang kein einziges Wort und jetzt zweimal in zwanzig Minuten. Wenn ich es nicht besser wüsste, Miss Halliburton, dann würde ich vermuten, dass du mich verfolgst.“

„Hey, ich war zuerst hier.“

„Ja, das warst du.“

Er erwiderte ihr Lächeln. Mein Gott, sie gingen viel zu zivilisiert miteinander um, das konnte nicht anhalten.

„Gibt es einen bestimmten Grund, warum du dich von den Feierlichkeiten davongestohlen hast?“, fragte er.

„Ich verstecke mich“, verriet sie.

„Vor wem?“

„Vor der Familie im Großen und Ganzen.“

„Aha. Heißt das, du hast endlich deinen Vater getroffen?“

Sie biss sich auf die Lippe und sah ein paar Sekunden lang wie durch ihn hindurch, ehe sie herausplatzte: „Tante Gladys. Ich verstecke mich hauptsächlich vor Tante Gladys. Sie hat mir dreimal aufgelauert, um mich mit ihrem Neffen Jonah zu verkuppeln. Dass Jonah mein Cousin ist, scheint ihr völlig entfallen zu sein.“

„Das ist ein wenig beunruhigend, selbst für Tante Gladys’ Verhältnisse.“

„Allerdings. Ich dachte mir, wenn ich eine Zeit lang nicht zu finden bin, dann sucht sie sich vielleicht ein anderes Opfer für ihre Kuppelversuche.“

„Klingt nach einem vernünftigen Plan.“

Cal fragte sich, warum sie Tante Gladys nicht einfach gesagt hatte, dass sie in Begleitung war. Vor seinem inneren Auge tauchte das Bild des schlaksigen, grauhaarigen Professors auf, der zweifellos täglich seinem Glück dafür dankte, dass diese wunderbare junge Dame ausgerechnet ihm in die Arme gelaufen war. Es war an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

„Wo steckt denn der Professor, von dem Damien mir so ausnehmend wenig erzählt hat? Ist er schon ins Hotel zurückgekehrt? Weil seine Schlafenszeit bereits vorbei ist? Oder wollte er seine heiße Milch am Kamin mit der Katze zu Füßen nicht aufgeben und ist deshalb gar nicht erst mitgekommen?“

„Ja“, sagte sie, ohne ihn anzublicken. „So was in der Art.“

Hastig stand sie auf und taumelte dabei ein bisschen. Cal fragte sich unwillkürlich, ob dies ihr erstes Bier war.

„Und welche von den schönen Blondinen da draußen ist deine neueste Trophäe?“, fragte sie.

„Wer sagt denn, dass ich an Trophäen interessiert bin?“

Ava hob das Kinn und warf ihm einen Blick zu, der deutlich besagte, dass er ihr nichts vormachen konnte. „Es gibt so etwas wie E-Mails, weißt du. Und wie ich von denjenigen weiß, die besagte E-Mails benutzen, um mir Neuigkeiten von zu Hause mitzuteilen, bist du heutzutage ein regelrechter Schürzenjäger.“

Cal lachte. Es tat unheimlich gut, weshalb er länger lachte, als er das sonst getan hätte. „Wie kommst du darauf, dass du solchen Geschichten trauen kannst?“

„Weil die Quelle verlässlich ist.“

Er warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Mein Bruder.“

Cal lachte erneut. „Du kannst nicht deinen Bruder zitieren, da bin ich mir sicher.“ Damien hätte ihn noch ganz anders beschrieben.

„Oh doch, das tue ich“, widersprach sie. „Oder zumindest glaube ich es. Vielleicht hat er das Ganze ein wenig anders ausgedrückt, und ich habe meine eigenen Schlüsse daraus gezogen. Wie auch immer“, wechselte sie plötzlich das Thema, „ich wollte mir gerade mein altes Zimmer anschauen und nachsehen, ob meine Mutter ein Aquarium daraus gemacht hat oder ein Yoga-Studio. Was meinst du?“

„So wie ich deine Mutter kenne, würde ich sagen … ein Zimmer voller Siegerpokale und Urkunden.“

Ava schnippte mit den Fingern. „Natürlich, das ist es. Also, willst du mitkommen und sehen, ob du recht hast?“

Cal konnte es nicht fassen. Ava lud ihn in ihr altes Schlafzimmer ein.

Es konnte nicht das bedeuten, was der plötzliche Adrenalinrausch besagte – oder?

Es gab nur einen Weg, um es herauszufinden …

Ava streckte die Hand aus und legte sie auf das Treppengeländer. „Kommst du?“

Er deutete die Treppe hinauf. „Nach dir.“

Schließlich hatte Damien ihn gebeten, sich zu benehmen.

Damien …

In diesem Moment verbannte er den Namen aus seinem Gedächtnis. Das hier hatte nichts mit seinem besten Freund und Geschäftspartner zu tun. Nichts mit dem Mann, der ihn zu einem Teil seiner Familie gemacht hatte, sobald er festgestellt hatte, dass es in Cals Elternhaus ungefähr so warmherzig zuging wie in einem Eisschrank.

Nein, damit hatte es noch nie zu tun gehabt, und es sah so aus, als würde es das auch nie.

Ava knickste leicht, lächelte und rannte dann die Treppe hinauf, ohne zurückzublicken. Sie war schon beinahe ganz oben, als er sich endlich aus seiner Erstarrung löste und ihr folgte.

Sie steuerte direkt auf die dritte Tür am Ende des Ganges zu. Sie war geschlossen. Ava atmete heftig, als sie die Hand auf die Klinke legte und öffnete.

„Hatte ich recht?“, fragte Cal.

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu, ihr Lächeln wirkte überrascht. „Nicht mal annähernd.“ Im nächsten Moment war sie im Zimmer verschwunden und ließ die Tür weit offen stehen.

Cals Herz schlug viel zu schnell. Etwas, was er selbst an sich schätzte, war die Tatsache, dass er nie die Kontrolle verlor. Egal ob er anspruchsvolle Klienten im Club unterhielt, Millionen bei einem Börsendeal riskierte oder sich in der Gesellschaft einer schönen Frau befand. Er ließ niemals zu, dass er vergaß, wo er war oder was er von der Situation wollte.

Doch jetzt hatte er nicht den leisesten Schimmer, was er eigentlich von Ava Halliburton wollte …

Wir sind alte Freunde, redete er sich rasch ein. Das hier hat nichts mit jener gemeinsamen Nacht zu tun. Wenn überhaupt dann hat es mit den Jahren davor zu tun. Oder den zehn Jahren seitdem. Wir sind beide einfach nur höflich. Wir erneuern eine alte Freundschaft. Um Damiens willen. Damien – mein bester Freund und Geschäftspartner.

Ava streckte den Kopf zur Tür heraus und winkte ihn mit einem Finger zu sich, dann verschwand sie wieder in dem Zimmer, das Cal einst wie das Gelobte Land vorgekommen war.

Wenn er wirklich glaubte, dass sie einfach nur höflich miteinander umgingen, dann war er der größte Narr der Welt. Und wenn er der Einladung in Ava Halliburtons verführerischen blauen Augen nachgab, dann war er ein noch größerer Narr. In vielerlei Hinsicht.

Dennoch betrat er den Raum. Ihr Schlafzimmer. Hübsch und sauber und kein bisschen anders als an dem Tag, an dem sie gegangen war.

Plötzlich schien Ava der Mut zu verlassen. Sie schaute von ihm zu dem Bett, das wie ein Monument an der Mitte der gegenüberliegenden Wand stand. Rasch eilte sie auf das Fenster zu, öffnete es und legte damit so viel Abstand zwischen sie beide wie möglich.

Die kühle Nachtluft, die hereinströmte, nahm etwas von der Hitze, die zwischen ihnen herrschte. Ava entspannte sich langsam, und schon bald richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das alte Bücherregal an der Wand. Sie nahm ein Buch heraus, schlug es auf und vertiefte sich in die Lektüre. Cal wusste nur zu gut, dass sie nichts mehr um sich herum wahrnahm, sobald sie einmal angefangen hatte zu lesen. Das war schon immer so gewesen. Sie gierte nach Wissen, war immer die Klassenbeste.

Je länger er sie beobachtete, desto deutlicher erkannte er, dass er sich selbst etwas vorgemacht hatte. Das ein wenig linkische Schulmädchen von einst gab es nicht mehr. Da, wo die alte Ava sich verschüchtert zurückgezogen hätte, stand die neue Ava selbstbewusst da – die Schultern gestrafft, das Kinn hoch erhoben.

Die Ava, die er vor all den Jahren so kurz gekannt und so schnell verloren hatte, war zwar unheimlich klug gewesen, aber im Innersten dennoch ein verunsichertes, starrköpfiges Mädchen.

Die Ava von heute war eine starke Frau.

Musik aus dem Zelt drang durch die Nacht und strömte auf leisen Tönen zu ihnen ins Zimmer herein. Ein romantisches Piano und eine rauchige Frauenstimme, die von unglücklichen Liebenden sang.

Ava schaute von ihrem Buch auf, blinzelte, sah eine Weile aus dem Fenster und lächelte dann ein trauriges Lächeln. Ein Lächeln voller Erfahrung.

Cal stellte fest, dass sein Herz wieder viel zu laut klopfte.

„Ich liebe diesen Song sehr“, sagte Ava mit ungewöhnlich heiserer Stimme.

Langsam ließ sie ihren Blick zu ihm herüberwandern und lächelte ihn sanft an.

Cal schaute nicht weg. Er konnte nicht. Zur Hölle, er wollte es nicht. Er saugte ihren Anblick geradezu in sich auf. Diese strahlend blauen Augen. Die sündhaft langen Wimpern. Das dunkle Haar, das in einer grandiosen Kaskade über ihren Rücken fiel.

Er war so gebannt von dem Bild, das sie im fahlen Mondlicht bot, zusammen mit der traumhaft romantischen Musik, dass er zuerst gar nicht bemerkte, wie sie sich auf ihn zu bewegte. Er merkte es erst, als er den Duft von Orangenblüten wahrnahm.

„Liebst du diesen Song nicht auch?“, fragte sie.

Song? Da lief ein Song?

Musste wohl. Ava schwang verführerisch die Hüften, ein kleines Lächeln spielte um ihren Mund. Ganz allmählich kehrte die Musik wieder in sein Bewusstsein zurück.

Ava streckte ihm die Hände entgegen. „Tanz mit mir. Um der alten Zeiten willen.“

Er war lange genug dabei, um zu wissen, dass sie ihn nicht nur um einen Tanz bat. Einer von ihnen beiden musste vernünftig bleiben. Zu dumm, dass er es war.

„Ava“, begann er.

Doch sie legte einen Finger auf seine Lippen, ergriff seine Hand und schob die andere auf ihren Rücken.

Wenn er seinen kleinen Finger ein bisschen bewegte, könnte er die Kurve ihres Pos berühren.

Cal schloss die Augen und bat um Vergebung.

Danach dachte er lange Zeit an nichts anderes mehr als an die Frau in seinen Armen.

4. KAPITEL

Der langsame Rhythmus der Musik war äußerst verführerisch. Doch Cal wehrte sich noch immer dagegen, sich Avas sinnlichem Duft oder dem aufregenden Gefühl hinzugeben, sie in den Armen zu halten.

Natürlich führte sie. Oder zumindest versuchte sie es.

Selbstverständlich konnte Cal das nicht auf sich sitzen lassen. Zwar verfluchte er sich innerlich, dennoch legte er den Arm so weit um sie, dass er sie an seinen muskulösen Körper ziehen konnte.

Während er eine endlos lange Minute darum kämpfte, sein Verlangen nicht zu stark werden zu lassen, legte Ava den Kopf zurück und schaute ihm in die Augen.

„Hi“, wisperte sie.

„Noch mal hallo“, entgegnete er.

„Das hier ist nett.“

Nett? Sie hielt das Vorspiel, dem sie sich so unüberlegt hingaben, für nett? Er hielt es für geradezu wahnwitzig!

„Wir könnten das auch da draußen machen, weißt du“, bemerkte er. „Wo es eine richtige Tanzfläche dafür gibt. Direkt unter den Sternen, die du vorhin noch so bewundert hast.“

Ava rümpfte die Nase. „Ich tanze nicht gern in der Öffentlichkeit. Ich habe zwei linke Füße.“

Seine Stimme klang tief und dunkel. „Im Moment stellst du dich aber ganz geschickt an.“

Sie schmiegte sich an ihn, sodass er all ihre verführerischen Kurven spüren konnte und sich zusammenreißen musste, damit er sie nicht kurzerhand über die Schulter warf, zum Bett hinübertrug und ihr die Kleider vom Leib riss.

„Du aber auch“, sagte sie fröhlich, so als merke sie rein gar nichts von dem Vulkan, der in ihm brodelte. „Hast du Tanzstunden genommen?“

„Tanzstunden?“ Cal zog eine Grimasse. Er mimte den Latin Lover, und sie sah Fred Astaire! „Oh nein. Ich bin ein Naturtalent.“

„Bist du das, ja?“ Ihr Lächeln wirkte so kokett, dass er beinahe schwach wurde.

„Sei einfach still und tanze, okay?“

„Jawohl, Sir.“

Er zog sie noch enger an sich, sodass ihr Kopf an seiner Brust zu liegen kam und ihr Haar sein Kinn kitzelte. Wenigstens musste er jetzt nicht mehr in ihre rauchblauen Augen schauen oder auf diese himmlischen Lippen, die wie zum Küssen gemacht schienen.

Der Song endete. Begeisterter Applaus der feiernden Gästeschar drang zu ihnen herauf. Sie hörten auf zu tanzen.

Wenn er anständig gewesen wäre, dann hätte er sich jetzt aus Avas Armen gelöst, hätte sich dem Spiel entzogen, das sie hier mit ihm trieb, und den Raum verlassen. Ja, er wäre zu seinen Pflichten als Trauzeuge zurückgekehrt und hätte sorgsam darauf geachtet, dass er seine Finger von der Schwester des Bräutigams ließ.

Doch Cal tat nichts dergleichen.

Weil er immer versuchte, zu gewinnen, das zu bekommen, was er wollte. Nie wieder wollte er das Wort Nein hören und daran zugrunde gehen. Auch wenn er wusste, dass er sich wieder aufrichten und weitermachen konnte. Das hatte er schließlich schon einmal getan, aber es war eine Erfahrung, die er nicht wiederholen wollte.

Und was genau wollte er in diesem Moment? Da gab es etwas, das er sich nicht versagen würde …

Er trat einen Schritt zurück. Ava blickte zu ihm auf. Dabei wirkten ihre Augen geheimnisvoll und unergründlich. Es sah verteufelt sexy aus.

„Es reizt mich schon den ganzen Abend, das zu tun“, sagte er.

Im nächsten Moment schob er eine Hand sanft unter das Lederband um ihren Hals, zog die Kette aus ihrem Ausschnitt heraus und enthüllte den Anhänger.

Das Medaillon.

Das Medaillon, das er ihr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte.

Sie trug es noch immer.

Cal wusste nicht, was er fühlen sollte – Befriedigung oder Unbehagen?

Er blickte auf den Verschluss, stellte sich vor, wie er ihn öffnete, um nachzusehen, ob immer noch sein Bild dort darin steckte. Doch diesen nächsten Schritt zu gehen, wagte er nicht. Es würde mehr verraten, als er sich selbst gegenüber einzugestehen bereit war.

Deshalb war er beinahe glücklich, dass er plötzlich andere Dinge wichtiger fand.

Zum Beispiel wie warm sich ihre Haut anfühlte.

Oder dass sie heftig atmete.

Oder dass er dieses kleine Grübchen neben ihrem Mundwinkel einfach küssen musste.

Er ließ den Anhänger fallen, ungeöffnet und voller Erinnerungen. Erinnerungen, die nicht die letzten zehn Jahre umfassten. Denn sie war gegangen. Ohne zurückzuschauen.

Nur zu gut wusste er, dass es in ihrer Natur lag, davonzulaufen, wenn es ernst wurde. Das sollte er besser im Hinterkopf behalten. Ganz sicher hatte er keine Bedenken wegen der kleinen Verführungsszene, die sie hier abspielte, doch zu einer erneuten emotionalen Verwicklung durfte er es keinesfalls kommen lassen.

Dann schaute er ihr in die Augen.

Sie lächelte freundlich. Der kleine Vamp wusste ganz genau, was er dachte.

Fragend hob er eine Augenbraue. Sie tat dasselbe, während sie bereits eine Hand um seinen Nacken legte, seinen Kopf zu sich herunterzog und ihn küsste. Mit geöffneten Lippen. Forschender Zunge. Geschlossenen Augen. Den Körper fest an seinen gepresst.

Ava …

Ganze anderthalb Sekunden widersetzte Cal sich, dann stürzte er sich mit aller Leidenschaft in diesen Kuss.

Sie schmeckte nach Erdbeeren und Frühlingssonne. Ihr Haar fühlte sich wie flüssige Seide an. Der Kuss dauerte vielleicht dreißig Sekunden, dennoch war Cal noch nie in seinem ganzen Leben derart erregt gewesen. Sie fühlte sich wie eine Frau an, küsste wie eine Frau, und er begehrte sie wie ein Mann.

Als sie sich von ihm löste, waren ihre Augen ganz dunkel. Er las nichts darin. Dennoch lächelte sie, und das reichte ihm. Cal beugte den Kopf, um sie erneut zu küssen, doch sie wich ihm aus.

Offenbar hatte Ava ihre eigenen Vorstellungen vom weiteren Verlauf des Abends. Lächelnd machte sie sich an seiner Krawatte zu schaffen. Welches Spiel sie auch immer spielten, es schien komplizierter zu werden.

Jetzt konnte er nicht mehr zurück.

Ava biss sich auf die Lippe, während sie sich darauf konzentrierte, seine Krawatte zu lösen. Schließlich gab das Ding nach und segelte zu Boden. Als Nächstes waren die Knöpfe seines Hemdes dran. Plop. Plop. Plop.

Ava schob die Hände in den klaffenden Spalt, streichelte sanft seine Haut, umfasste seine Taille und strich dann seinen Rücken hinauf.

Es war ein gefährliches Spiel, das sie da begonnen hatte, und er hegte die feste Absicht, ihr ganz genau zu zeigen, wie gefährlich er sein konnte. Zwar war er heute viel zu vorsichtig, um sich noch einmal von ihr bezaubern zu lassen, aber das hielt ihn nicht davon ab, sie um den Verstand bringen zu wollen.

Es war an der Zeit, dass er das Heft in die Hand nahm.

Rasch wirbelte er sie herum, sodass sie mit dem Rücken zu ihm zu stehen kam. Als sie sich willig an ihn lehnte, strich er ihr ganz langsam das Haar aus dem Nacken und streifte die Träger ihres Kleids hinunter. Cal bemerkte den Schauer, der sie erfasste und der auch sein Blut zum Kochen brachte.

Er senkte den Kopf und fuhr genießerisch mit der Zunge über ihre Schulter. Honig, Sahne, Schokolade, alles in einem. Sie schmeckte wie die leibhaftige Sünde.

Hatte sie beim ersten Mal auch schon so geschmeckt? Wenn ja, wie konnte er das nur vergessen haben?

Mit jedem seiner zärtlichen Bisse schmiegte sie sich enger an ihn, bis ihre Knie gänzlich nachzugeben drohten. Als er an ihrem Ohrläppchen zu knabbern begann, seufzte sie. Sanft schob er eine Hand in ihr Haar und zog ihren Kopf zurück, sodass er noch ungehinderteren Zugang hatte. Ihre Lippen öffneten sich voller Verlangen.

All ihre Reaktionen waren ungekünstelt und echt. Sie hielt nichts zurück. Das Wissen stieg Cal zu Kopf wie schwerer Wein. Ava war bezaubernd. Viel zu schnell vergaß er, wie zynisch er sonst in solchen Dingen war.

Dabei hatten sie gerade erst begonnen.

Vorsichtig strich er über ihr Kleid. Er fand den Reißverschluss und öffnete ihn quälend langsam. Das Geräusch zerrte an seinen Nerven.

Sobald er den Stoff zur Seite schlug, enthüllte sich ihm noch mehr ihrer verführerisch zarten Haut. Erst im nächsten Moment realisierte er, dass sie keinen BH trug. Der Himmel sollte ihm beistehen!

Ava drehte den Kopf, legte eine Hand an seine Wange und zog seinen Mund zu sich herunter. Der Kuss war süß, zärtlich, träge, beinahe unschuldig, doch gleichzeitig unglaublich erotisch.

Zur Hölle, dachte er. Was die Lady wünscht, soll sie bekommen …

Sie drehte sich in seinen Armen. Überall dort, wo er sie berührte, bekam sie eine Gänsehaut.

Es war unglaublich, wie empfindsam sie auf ihn reagierte. Sie gab ihm das Gefühl, dass jede Berührung eine einzige Liebkosung war. Jeder Blick ein Ausdruck des Verlangens. Doch er wahrte die Kontrolle. Das tat er immer.

Ava trat einen Schritt zurück und schaute ihm unverwandt in die Augen, während das Kleid auf ihre Hüften hinabfiel. Schlagartig verabschiedete sich seine Kontrolle.

Die Ava, die er früher gekannt hatte, vermischte sich mit der von heute, mit den Veränderungen, die die beinahe zehn Jahre dazwischen mit sich gebracht hatten. Ihre einst mädchenhaft schlanke Figur war kurviger geworden – genau an den richtigen Stellen.

Cal spürte brennend heißes Verlangen.

Während er ihren Anblick in sich aufsog, warf sie die Haare zurück.

„Sag mir, dass ich nicht träume“, sagte er leise.

Langsam schüttelte sie den Kopf, ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Du träumst nicht.“

„Auf was, zur Hölle, warte ich dann?“

Er machte zwei Schritte auf sie zu, legte eine Hand um ihren Hinterkopf und küsste sie. Ava schmiegte sich mit ihren entblößten Brüsten an seinen Oberkörper, fuhr mit der Hand durch sein kurzes Haar und schloss die Augen.

Innerhalb von Sekunden konnte er nur noch an ihre samtweiche Haut denken und an alles, was im Moment noch seinen Blicken entzogen war. Sie trug immer noch viel zu viel. Ihre Weichheit und Süße stiegen ihm zu Kopf.

Leidenschaftlich drängte er sie ans Bett, bis ihre Knie an die Kante stießen. Sie fiel nach hinten. Er landete direkt neben ihr.

Ganz bewusst nahm er sich Zeit, während er ihren zarten Hals küsste, die Schultern, das Schlüsselbein und dann die rosigen Brüste, die ihn schon so lange lockten.

Als er tiefer glitt, den Stoff ihres Kleids zwischen die Zähne nahm und ihn immer weiter nach unten zog, während sie sich an die Laken klammerte, gelang es ihm nur schwer, sich zu beherrschen.

Der Bund ihres Höschens lugte hervor. Weiße Spitze. So verführerisch. So aufreizend. Sanft blies er seinen warmen Atem über ihren Bauchnabel, worauf sie sich ihm verlangend entgegenbog.

Zum ersten Mal in seinem Leben versuchte Cal, einer Frau wahre Lust zu schenken. Normalerweise war es umgekehrt.

Als er sie berührte, war es, als werde er berührt. Als er ihren Bauchnabel küsste, war es, als ströme flüssiges Feuer durch seine Adern. Und als er eine Hand unter ihren Rock schob, brachte ihn die Hitze in seinem Körper beinahe um den Verstand.

Mein Gott, er war immer noch fast vollständig angezogen! Dennoch befand er sich an einem Punkt, an dem die Begierde beinahe schmerzhaft wurde.

Der dünne Hauch Spitze, der sie von ihm trennte, war lächerlich. Sanft glitt er mit dem Finger über den Stoffrand. Ava schloss die Augen.

Doch er wollte, dass sie ganz genau wusste, wer diese Gefühle in ihr auslöste. „Ava, sieh mich an.“

Sie öffnete die Augen und blickte ihn an. Sein Herz klopfte wie verrückt, während er darauf wartete, dass ihr Atem stockte, dass ihr Lächeln ihm zeigte, dass sie für die Nacht ihres Lebens bereit war.

Nichts dergleichen geschah.

Stattdessen sagte sie: „Das Durchschnittsbett beherbergt mehr als sechs Milliarden Staubmilben.“

„Mach dir keine Sorgen“, entgegnete er mit einem frechen Grinsen. „Du darfst oben liegen.“

Über ihrer Nase entstand eine steile Falte, und dann legte sie die Hände auf seine Brust – das internationale Zeichen für „Stopp!“

Irgendetwas war geschehen. Sie war nicht länger die willige Gefährtin und noch weniger die aktive Verführerin. Himmel, noch vor zwei Minuten hatte sie auf jede seiner Berührungen reagiert, und er hätte sie geradewegs ins Paradies führen können.

Nur zwei Minuten. Nie zuvor war ihm eine derart kurze Zeitspanne so greifbar erschienen – und gleichzeitig so weit entfernt.

Er löste sich von ihr, denn er konnte nur dann klar denken, wenn er nicht mehr ihre wundervolle warme Haut berührte.

In ihren Augen lag keine wilde Leidenschaft mehr, sondern beinahe nackte Panik.

Sie hätte ihm genauso gut einen Eimer Eiswasser über den Kopf kippen können, so schnell verabschiedete sich die wilde Lust, die er noch vor einer Minute verspürt hatte.

Cal setzte sich ganz auf, sodass er sie gar nicht mehr berührte. Sie hätte sich nicht schneller von ihm lösen können.

Als sie sich ebenfalls aufsetzte, raffte sie das Kleid sorgsam über der Brust zusammen. Ihr Haar war eine einzige wilde Mähne, die Knie hatte sie angezogen.

Er streckte die Hand nach ihr aus, zog sie jedoch sofort wieder zurück.

„Ava, Liebling“, sagte er rau, „ist alles in Ordnung?“

Ihr Blick wirkte wie in die Ferne gerichtet, dabei lag er auf der Knopfreihe seines Hemds. Sie hob eine Hand und entgegnete: „Ich brauche nur eine Minute.“

Eine Minute? Mein Gott war sie cool.

Er knöpfte die unteren beiden Knöpfe seines Hemds zu, stand hastig auf und tigerte zur entgegengesetzten Wand des Raums. Dann lief er wieder zurück und fragte sich dabei, wie er erneut in diese Situation hatte geraten können. Zurückgewiesen. Wieder mal.

„Was sollte das alles?“, fragte er kalt.

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts.“

Cal deutete auf die halb offene Schlafzimmertür. „Sweetheart, du bringst mich hier rauf, wirfst dich mir an den Hals, nachdem wir uns zehn Jahre lang nicht gesehen haben und während da unten zweihundert Leute inklusive deiner Familie die Hochzeit deines Bruders feiern, und du nennst das nichts?“

Sie schaute zu ihm auf. Funkelte ihn vielmehr an. Doch das war in Ordnung. Besser als der Ausdruck des Selbsthasses, den er zuvor in ihren Augen gelesen hatte.

„Das habe ich nicht!“, protestierte sie. „Ich wollte nur … Das würdest du nicht verstehen.“

„Stell mich doch auf die Probe.“

Sie biss sich auf die Lippe.

„Ava, rede jetzt oder schweige für immer!“

„Ich … einfach nur danke, okay? Es war genau das, was ich gebraucht habe.“

Nun, er hatte eine direkte Antwort verlangt, oder etwa nicht?

5. KAPITEL

„Genau das, was du gebraucht hast?“, wiederholte Cal und klang genauso benommen, wie er sich fühlte. „Ist Vorspiel das neueste Mittel, um den Jetlag zu überwinden?“

„Vielleicht sollte es das“, schoss Ava zurück.

„Ava!“, warnte er.

Sie hob eine Augenbraue, dann zuckte sie nur achtlos die Schultern. „Es ist einfach so …“, begann sie, „dass der vergangene Monat für mich so erniedrigend war, dass ich nicht mal … Taylor und ich haben uns getrennt. Also bin ich gegangen. Und jetzt bin ich hier. Ich kannte kaum eine Menschenseele in diesem Zelt, was nur umso deprimierender war, weil ich mich fragen musste, warum ich überhaupt hergekommen bin. Aber dann warst du da …“

Ihre Stimme schwankte. Kein Wunder.

Sie hatte ihn benutzt. Von Anfang an.

„Taylor?“, brachte er mühsam hervor.

„Mein Freund. Ex-Freund.“

„Der Professor.“

Erstaunt und zum ersten Mal seit Ewigkeiten schaute sie ihm direkt in die Augen. „Woher weißt du …?“

„Ich stehe in Kontakt zu deiner Familie, auch wenn du selbst es nicht tust.“

„Oh ja, natürlich.“ Ihre Augen wirkten riesig groß und glasig. Unsicher blickte sie ihn an. „Wir sind schon ganz schön cool, was?“

Cool? Cool?

„Sicher“, entgegnete er eisig. „Es muss doch zu was gut sein, Trauzeuge zu sein. Da darf man zumindest mal der verzweifelten, betrunkenen Schwester des Bräutigams mit einer kleinen Nummer über die Enttäuschung hinweghelfen.“

Ava warf die Hände so entnervt in die Luft, dass er augenblicklich verstummte. Seine Kehle schnürte sich zu, als er die Tränen in ihren Augen sah.

„Es tut mir leid, okay?“, sagte sie leise. „Bist du jetzt zufrieden?“

„Unheimlich. Und du?“

„Oh ja. Unglaublich. Mein Leben ist ja so unglaublich toll. Willst du wissen, warum er mit mir Schluss gemacht hat? Man hat meinem sogenannten Partner eine Position im Akademischen Rat der Uni angeboten, der für die Betreuung der Doktoranden zuständig ist. Und da ich selbst gerade an meiner Doktorarbeit schreibe, hielt er unsere Beziehung für einen Interessenkonflikt.“

Ihre Unterlippe zitterte. Cal ballte die Hände zu Fäusten, damit er nur ja nicht in Versuchung geriet, sie zu berühren und zu trösten.

Dann sagte sie: „Ihm war die Uni wichtiger als ich.“

Wenn ihm das nicht bekannt vorkam … Irgendwo musste ein Gott sitzen und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen, hatte sie ihn doch damals wegen eines Stipendiums am Flughafen stehen lassen.

„Als du mich dann gesehen hast, musst du geglaubt haben, dein Glück kehre zurück“, erklärte Cal bitter. „Du dachtest, der gute alte Cal ist gut genug für eine schnelle Nummer. Hat er ja schon mal gemacht. Er ist das perfekte Mittel, um wieder auf Kurs zu kommen.“

„Nein!“

„Nein?“, erwiderte er und konnte seine Wut nicht länger im Zaum halten. „Du hast also nicht gedacht, dass ich gut genug für eine schnelle Nummer wäre? Dann vielleicht für eine langsame Nummer. Eine ‚Lass-uns-Zeit-nehmen-und-jede-einzelne-Sekunde-auskosten-Nummer‘. So viele Nummern, dass du am nächsten Tag aufgewacht wärst und dich nicht mal mehr an den Namen deines studierten Trottels hättest erinnern können. Wenn du mir genug Zeit gegeben hättest, dann hätte ich da drüben all deine Erwartungen übertroffen, das verspreche ich dir.“

Er deutete mit einer Hand auf das Bett, das so zerwühlt aussah, dass jedem, der zufällig hineingeschaut hätte, sofort klar gewesen wäre, was sie getrieben hatten. Ein Funke entzündete sich in seinem Innern – mein Gott, er begehrte sie noch immer.

Ava schluckte schwer und blickte ihn mit ihren großen blauen Augen an. Sie durchschaute ihn sofort.

Ihr Blick wanderte zu seinem halb offenen Hemd hinunter. Sie holte einmal tief Luft und befeuchtete die Lippen. Ganz so, als habe sie noch bei Weitem nicht genug mit ihm gespielt.

In diesem Augenblick wurde Cal klar, dass er nur drei Schritte auf sie zumachen und sie in seine Arme nehmen musste, und es würde kein Warten mehr geben. Das Mädchen, die Frau, die er sich schon seit Jahren zurückwünschte, würde die ganze Nacht ihm gehören.

Aber eine Frau wie Ava bekam man nicht einfach für eine Nacht. Eine Frau wie Ava war nichts für einen One-Night-Stand.

Schrilles Gelächter durchbrach die spannungsgeladene Stille, gefolgt von hastigen Schritten. Offensichtlich hatte ein anderes Paar unter den Gästen dieselbe Idee gehabt wie sie beide und suchte nach einem Raum, in dem sie das Angefangene zu Ende bringen konnten. Es reichte, um Cal aus seiner Betäubung zu reißen.

„Komm schon, Doc“, sagte er. „Lass uns zur Party zurückkehren. Ich muss noch eine hübsche Rede halten, ehe der Abend vorbei ist, und Tante Gladys hat bestimmt schon einen Suchtrupp nach dir losgeschickt.“

Ava nickte. Sie streckte den Rücken durch, schob die Träger ihres Kleids hoch, stand auf und glättete den Rock.

Als sie zu ihm hinüberblickte, lag ein schuldbewusster Ausdruck in ihren wunderschönen Augen.

Cal würde sich ganz bestimmt nicht noch mehr von ihr einwickeln lassen. In keiner Weise. Wenn jener Tag am Flughafen vor beinahe zehn Jahren seinen weiteren Lebensweg bestimmt hatte, indem er das Leben eines reichen, alleinstehenden Junggesellen führte, dann hatte das Desaster des heutigen Abends sein Schicksal endgültig besiegelt. Cal Gilchrist würde sich nicht noch einmal an eine Frau binden!

Ava zog den Reißverschluss ihres Kleides hoch, frischte rasch ihren Lippenstift auf, ordnete ihr Haar und versuchte die Geräusche zu ignorieren, die aus Cals Richtung kamen.

Zwecklos. Sie hörte ganz genau, wie er die restlichen Knöpfe seines Hemds schloss und erneut die Krawatte band. Es erinnerte sie mit aller Macht daran, dass sie gerade versucht hatte, die Nacht zu wiederholen, die sie vor langer Zeit mit ihm verbracht hatte. Damals hatte sie plötzlich das Gefühl gehabt, ihr Leben liege kristallklar vor ihr.

Ava schluckte schwer, schloss die Augen und versuchte vergeblich, an etwas anderes zu denken …

Langsam öffnete sie die Tür zum Bootshaus. Sie suchte ihren Bruder, um ihm zu sagen, dass sie am nächsten Tag nach Harvard reisen und das Stipendium annehmen würde, das man ihr angeboten hatte.

Stattdessen fand sie Cal, allein im Halbdunkel, der den Rumpf seines Ruderbootes polierte. Die Ärmel seines Hemds hatte er bis zu den Ellbogen hochgerollt. Der Stoff schmiegte sich um muskulöse Arme, die sie bislang nicht bemerkt hatte.

Als er sich zu ihr umdrehte und sie erblickte, verdunkelten sich seine Augen. Er erkannte genau, wie aufgelöst sie war. Zärtlich schloss er sie in seine Arme und tröstete sie. Bald ließ sich die Anziehung zwischen ihnen nicht mehr ignorieren.

Er küsste ihre Tränen fort. Sie fühlte sich so sicher, ja sie vertraute ihm grenzenlos, und deshalb ließ sie zu, dass er ihre Arme anhob und das T-Shirt über ihren Kopf streifte.

Mein Gott, die Macht, die sie fühlte, als sie ihren BH öffnete und seinen sehnsuchtsvollen Blick auf sich spürte. Es war wie eine Erkenntnis. Eine Offenbarung.

Ihn zu berühren und zu liebkosen, seine warme Haut und seine Muskeln. Der kurze Moment des Schmerzes, als sie das erste Mal zusammenkamen. Doch er war so vorsichtig, so zärtlich, und dennoch so selbstsicher. Schon bald verebbte der Schmerz, und sie ließ sich von den Wogen der Ekstase davontragen …

Avas Körper pulsierte noch an allen Stellen, an denen er sie berührt hatte. Überall, wo er sie geküsst oder wo sein warmer Atem sie gestreift hatte.

Sie öffnete die Augen und betrachtete gedankenverloren einen leeren Fleck an der Wand. War es das, was sie sich erneut von ihm gewünscht hatte? Die Art Vergnügen, die einen die Sorgen und Nöte für einen Moment vergessen ließ? Und wenn ja, war das wirklich zu viel verlangt von einem Mann wie Cal Schürzenjäger Gilchrist?

Sie schüttelte den Kopf und verbannte die Erinnerungen. Sie war nicht der Typ für einen One-Night-Stand. Die lange Zeit, die sie gebraucht hatte, um beim ersten Mal über Cal hinwegzukommen, bewies das eindeutig.

In jener Nacht vor knapp zehn Jahren hatte es einen Moment gegeben, als sie in seinen Armen gelegen und er mit dem Medaillon um ihren Hals gespielt hatte. Er lächelte das Foto von sich an, das immer noch darin steckte. Wenn er sie in diesem Augenblick gebeten hätte zu bleiben und nicht erst am nächsten Tag am Flughafen, dann wäre ihr ganzes Leben anders verlaufen. Sie hätte Harvard vergessen. Sie wäre niemals abgereist und hätte nie an den verschiedensten Top-Universitäten dieser Welt studiert. Sie hätte nie andere Kulturen oder andere Männer kennengelernt, die ihr den Erfahrungsschatz vermittelt hatten, mit dem sie heute das Leben betrachtete.

Im besten Fall wären sie und Cal zusammengeblieben, hätten geheiratet und ein Haus in der Nähe ihrer Eltern gekauft.

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