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JULIA EXKLUSIV BAND 276

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1001 Nacht – und die Liebe erwacht

1. KAPITEL

Was für eine Frau! Sie hatte die Figur eines Topmodels, das Gesicht eines Engels – und sie bedrohte ihn mit einem Messer!

Es geschah nicht alle Tage, dass seine Hochseejacht von einer halb nackten Amazone geentert wurde. Die durchnässte, zerrissene Kleidung bedeckte den geschundenen Körper der jungen Frau nur spärlich. Das Messer, mit dem sie herumfuchtelte, stammte offensichtlich aus seiner Kombüse. Mit der anderen Hand umklammerte sie ein Stück Brot mit Käse, das sie ihm wohl auch gestohlen hatte.

Lohnte es sich, für ein Stück Baguette einen Mord zu begehen?

Wahrscheinlich, dachte er. Er selbst hatte einen französischen Meisterbäcker überredet, eine Filiale in Sinnebar zu eröffnen.

Erbarmungslos brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Sicherlich wäre die Piratenbraut besser im Schatten aufgehoben gewesen. Ihr das zu raten, hätte sie jedoch als Provokation auffassen können. Daher enthielt er sich jeden Kommentars und musterte sie nur wortlos. Sie war jung, kaum dem Teenageralter entwachsen, und sie hatte offensichtlich eine traumatische Erfahrung hinter sich. Er bemerkte die zerzauste blonde Mähne und das geschwollene Gesicht. Die leicht schräg gestellten blaugrünen Augen wirkten verletzlich.

„Was erlauben Sie sich eigentlich?“, fragte er schließlich ruhig.

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“ Erneut fuchtelte sie mit dem Messer umher.

Mühsam verkniff er sich das Lachen. Offenbar hatte sie sich im Schutz des Nebels, der sich inzwischen gelichtet hatte, an Bord geschlichen.

„Keine Bewegung!“, rief sie drohend, obwohl er sich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Noch einen Schritt zurück, und sie würde über Bord gehen.

Sein unvermutetes Auftauchen hatte sie wohl so erschreckt, dass sie aggressiv reagierte. Er beschloss, sich ganz ruhig zu verhalten, um sie nicht noch mehr aus der Fassung zu bringen. Erkannt hatte sie ihn jedenfalls nicht, sonst hätte sie längst das kleine Messer fallen lassen.

„Wollen Sie mir nicht das Messer geben?“, schlug er vor. Hätte sie ihn wirklich angreifen wollen, wäre das längst passiert. „Oder werfen Sie es einfach über Bord.“

Sie fletschte die Zähne und knurrte – wie ein Welpe mit Zahnweh. „Ein Schritt näher, und ich …“

„Was denn?“ Blitzschnell schoss er auf sie zu und entwand ihr das Messer. Er spürte ihren warmen Körper, dann kreischte sie und wehrte sich mit Händen und Füßen. „Kleines Biest!“, rief er wütend, als sie ihn mit scharfen weißen Zähnen in die Hand biss. Schließlich gab sie den Widerstand auf, beäugte jedoch misstrauisch das große Messer, das von seinem Gürtel baumelte. „Ich will Ihnen nichts Böses“, versicherte er ihr schnell.

Doch sie hörte gar nicht auf ihn, sondern wehrte sich erneut verzweifelt, als er begann, sie vor sich her zu schieben, um unter Deck an den Erste-Hilfe-Kasten zu gelangen. „Jetzt reicht es mir aber!“ Wütend schwang er sie sich über die Schulter. Als die kleine Furie daraufhin seinen Rücken mit den Fäusten bearbeitete, herrschte er sie an: „Schluss jetzt! Oder wollen Sie sich den Kopf stoßen?“

Sie gehorchte sofort, und er brachte sie unter Deck, wo er sie absetzte. Das Mädchen barg stöhnend den Kopf in den Händen. Vermutlich war sie halb verdurstet. Also nahm er einen Energiedrink aus dem Kühlschrank, schraubte die Flasche auf und reichte sie ihr. „Bitte sehr.“ Sie verzog keine Miene und sah einfach an ihm vorbei – das Gesicht kreidebleich.

„Wenn Sie nicht selbst trinken, flöße ich Ihnen das Zeug gewaltsam ein.“ Diese Schocktherapie hatte bei seinem jüngeren Bruder Razi immer gewirkt, wenn er seine Medizin nicht einnehmen wollte.

Die Fremde reagierte wie erwartet. „Das würden Sie niemals wagen“, zischte sie wütend.

Ein Blick von ihm, und sie gab nach. Resigniert griff sie nach der Flasche und stürzte die Flüssigkeit hinunter.

„Wann haben Sie zuletzt etwas getrunken?“

Statt zu antworten wischte sie sich nur über den Mund und musterte ihn mit eisigem Blick.

Auf eine Entschuldigung für ihr Benehmen musste er wohl vergeblich warten.

Er zog sich ein T-Shirt über und holte heißes Wasser, Desinfektionsmittel und Tupfer, um ihre Schrammen zu reinigen. Nachdem er einen Schuss von dem Desinfektionsmittel ins Wasser gegeben hatte, griff er nach einer Decke, die er dem ungebetenen Gast reichte. „Hier, legen Sie sich die um!“

Erschrocken zuckte sie zurück und kreuzte schützend die Arme vor dem Oberkörper.

Langsam verlor er die Geduld. „Ihr Körper interessiert mich nicht“, versicherte er ihr. Das trug ihm einen ungläubigen Blick ein. Offensichtlich war sie eher daran gewöhnt, bewundernde Blicke auf sich zu ziehen. Also ließ er seinen Worten Taten folgen, stellte die Wasserschüssel ab und hüllte das Mädchen in die Decke. Dabei kam er nicht umhin, die halb entblößte Brust zu bemerken.

Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzte das Mädchen. Sie entriss ihm die Decke und hielt sie so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Bilden Sie sich bloß nichts ein!“, sagte er lachend.

Sie war völlig sicher vor ihm – zu jung, zu leichtsinnig. Außerdem ärgerte ihn ihr ungebetenes Erscheinen. Unter anderen Umständen hätte er sich ihrer längst entledigt.

Allerdings war sie zäher, als er gedacht hatte. Andere Frauen wären längst hysterisch in Tränen ausgebrochen. Natürlich ärgerte er sich über sie, musste jedoch zugeben, dass sie Mut hatte und sich wohltuend von den aufgedonnerten Xanthippen unterschied, die sich ihm sonst an den Hals zu werfen versuchten.

Allerdings erinnerte sie ihn an jemanden, und das störte ihn. Die zerzausten Locken, die schräg gestellten Augen riefen Erinnerungen an die Geliebte seines Vaters wach. Diese Frau hatte das Leben seiner Mutter zerstört und Razi – seinen über alles geliebten Stiefbruder – als den größten Fehler ihres Lebens bezeichnet. Inzwischen war sie tot, doch sie hatte einen Scherbenhaufen hinterlassen und die Schwäche seines Vaters überdeutlich zum Vorschein gebracht. Statt sich seinem Land und seinem Volk zu widmen, hatte er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Ihm selbst war das eine Lehre gewesen. Erst nach seiner Inthronisierung hatte sich das Blatt in seinem Land wieder zum Guten gewendet. Sinnebar war dem Chaos entronnen, und sein Volk wusste, dass er niemals den Fehler seines Vaters begehen und zum Sklaven seiner Gefühle werden würde.

Er schob die Gedanken fort und konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. „Ich werde jetzt Ihre Schrammen versorgen, sonst entzünden sie sich womöglich noch“, sagte er energisch.

Ihr Blick verriet, was sie davon hielt, doch als er sie nur mürrisch musterte, gab sie ihren Widerstand auf. Auf ihn wirkte sie wie ein verzogener Teenager. „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“, fragte er.

Ihr knurrender Magen sagte mehr als tausend Worte. Jetzt erinnerte er sich auch wieder, dass er sie mit einem Stück Brot in der Hand erwischt hatte. „Wenn ich die Wunden versorgt habe, bekommen Sie etwas zu essen.“

Ohne ein Wort zu sagen, sah sie nur arrogant an ihm vorbei.

Von mir aus kann sie auch hungern, dachte er. Insgeheim jedoch bewunderte er ihre Haltung. Und das Knistern zwischen ihnen gefiel ihm auch. Doch auch das änderte nichts an seinem Vorsatz, sie den Behörden zu übergeben, sowie er Erste Hilfe geleistet hatte. „Strecken Sie die Arme aus!“, kommandierte er. Sie würde schon sehen, was sie davon hatte, ihr Leben im Golf aufs Spiel zu setzen. „Von Seerecht haben Sie keine Ahnung, oder?“

Ihr unsicherer Blick sprach für sich.

„Wenn ich dem Scheich von Sinnebar melde, was Sie sich geleistet haben … Das ‚Schwert der Vergeltung‘ ist Ihnen doch ein Begriff, oder? Das ist sein inoffizieller Name.“ Zufrieden stellte er fest, dass sie bleich wurde. „Wenn er erfährt, dass Sie meine Jacht geentert, meine Lebensmittel gestohlen und mich mit einem meiner eigenen Messer bedroht haben, wird er Sie zweifellos zu lebenslänglicher Haft verurteilen.“

„Aber das würden Sie niemals tun.“

Trotz ihrer Sorge funkelte sie ihn herausfordernd an. Ihr Temperament gefiel ihm. Ihre Stimme war sehr anziehend. Und er mochte …

„Was? Sie melden?“ Seinen verräterischen Gedanken musste Einhalt geboten werden. „Das liegt ganz bei Ihnen. Wenn Sie mir genau erzählen, wie Sie hergekommen sind, überlege ich es mir vielleicht. Aber wagen Sie ja nicht, mich anzulügen! Das merke ich nämlich sofort.“

Die Drohung zeigte Wirkung. Jedenfalls schien die Nixe ihre kämpferische Haltung aufzugeben.

„Sie hatten hier geankert, und da dachte ich …“, begann sie.

Gut, sie packt die Gelegenheit beim Schopf, dachte er. Ihr Blick erregte ihn. Die junge Schönheit sprach fließend englisch, allerdings mit leicht italienischem Akzent. „Sie sehen gar nicht aus wie eine Italienerin“, bemerkte er.

„Meine Mutter war Engländerin“, erklärte sie und biss sich gleich darauf auf die Lippen.

„Also, was haben Sie hier im Golf und insbesondere auf meiner Jacht verloren?“

„Ich bin von Bord gesprungen und geschwommen.“

„Sie sind was? Bei diesem Seegang?“ Ungläubig musterte er sie.

„Ja, es kam mir wie Stunden vor.“

„Und dann?“ Er widmete sich wieder der Wundversorgung.

„Unser Boot fuhr in Küstennähe, bis Nebel aufkam.“

„Sie waren also nicht allein.“

Unwillig schüttelte sie den Kopf. „Ich konnte die Insel sehen und war mir sicher, sie zu erreichen.“

„Sie müssen eine sehr gute Schwimmerin sein“, sagte er.

„Ja.“

Trotzdem grenzte es an ein Wunder, dass sie es bis hierher geschafft hatte. Der Golf war bekannt für seine gefährlichen Strömungen und plötzlichen Wetterwechsel.

Das Mädchen weckte seinen Beschützerinstinkt, und der hatte sich nicht mehr gemeldet, seit sein jüngerer Bruder Razi erwachsen war. „Warum sind Sie überhaupt über Bord gesprungen?“ Zwar hatte er bereits eine Vermutung, wollte aber hören, was das Mädchen sagte.

Verstört senkte sie den Blick. „Unser Boot wurde angegriffen.“

„Können Sie mir das etwas genauer erklären?“ Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, mussten seine Sicherheitskräfte möglichst viele Details erfahren. „Handelte es sich um einen Piratenangriff?“

„Woher wissen Sie das?“ Entsetzt musterte sie ihn. Offenbar hielt sie ihn für einen der Angreifer.

Er widerstand dem Impuls, sie tröstend in den Arm zu nehmen. „Es war nur eine Vermutung. Keine Angst, ich bin kein Verbrecher“, fügte er hinzu, als sie ihn weiterhin beunruhigt anschaute. „Ganz im Gegenteil. Ich sorge für Recht und Ordnung.“

„Sind Sie Polizist?“

„So etwas in der Richtung.“

Erst jetzt entspannte sie sich wieder. „Ich habe Glück gehabt“, murmelte sie leise. „Wäre ich nicht geflüchtet, hätten sie mich vielleicht schon …“ Bei der Vorstellung erschauerte sie.

Nun übertreibt sie aber, dachte er. Offensichtlich war sie es gewohnt, ihrem Umfeld etwas vorzuspielen – vermutlich einem älteren Bruder. Er aber ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen. „Sie können sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein“, sagte er. „Und ich rede nicht von den Piraten. Sie haben unerlaubt meine Jacht geentert. Ich habe Waffen an Bord und würde im Notfall auch von ihnen Gebrauch machen. Mit dem kleinen Messer hätten Sie kaum etwas dagegen ausrichten können.“

Ihre intelligenten Augen funkelten wie Aquamarine. Erneut überkam ihn ein Gefühl der Erregung. Schnell wandte er sich ab, griff nach dem Funkgerät und teilte dem diensthabenden Offizier mit, dass das Mädchen in Sicherheit war.

Sie bebte am ganzen Körper. Die Kombination ihres Gegenübers aus brutaler Stärke, Intelligenz und blendenden Aussehens überwältigte sie. Der Mann war stolz, er behandelte sie fast so, als wäre sie unter seiner Würde. Seine Berührung war wie eine intime Liebkosung. Alles schön und gut, aber sie fühlte sich ihm nicht gewachsen. Dabei flirtete sie gern und bekam immer, was sie wollte. Doch so einem Mann war sie noch nie begegnet. Er behandelte sie fast wie Luft! Das kannte sie nicht. Normalerweise lagen ihr Bruder und die restliche Männerwelt ihr zu Füßen. Manchmal wurde ihr das sogar zu viel. Dann hätte sie sich am liebsten unsichtbar gemacht. Doch hier und jetzt sehnte sie sich nach Aufmerksamkeit, nach seiner Aufmerksamkeit.

Warum sollte der Mann sich allerdings ausgerechnet für sie interessieren? Er spielte in einer ganz anderen Liga, war älter, erfahrener und sah umwerfend gut aus. Sie hingegen hatte ihr behütetes Zuhause in Rom verlassen, um Lebenserfahrung zu sammeln. Mit so einem Sprung ins kalte Wasser hatte sie allerdings nicht gerechnet. Ob der beeindruckende Fremde vertrauenswürdiger war als die Piraten? Immerhin hatte er ihre Verletzungen versorgt. Das war doch ein gutes Zeichen, oder?

Trotzdem blieb sie auf der Hut. Er strahlte so eine gefährliche Aura aus. Den Piraten war sie durch einen Sprung ins Meer entkommen, doch dieser Mann hatte seine Augen überall. Jetzt sprach er in gutturalem Landesdialekt ins Funkgerät. Vor ihrer Abreise hatte sie sich mit der sinnebalesischen Sprache beschäftigt, schnappte jetzt aber leider nur einige Worte auf. Allerdings verriet seine Körpersprache mehr als tausend Worte. Fasziniert beobachtete Antonia den Mann, dessen gesamte Ausstrahlung Autorität verriet. Neugierig fragte sie sich, mit wem sie es wohl zu tun hatte.

Auf ihre Jugend und Verletzlichkeit nahm er keinerlei Rücksicht. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ihr Bruder erdrückte sie fast mit seiner Besorgnis. Am liebsten hätte er sie keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Dieser Mann dagegen wirkte eher wie ein Krieger, dem sie lästig war. Groß, dunkelhaarig, fantastisch gebaut – ein Traummann, wie er im Buche stand. Zumindest theoretisch. In Wirklichkeit wünschte sie sich, Rom niemals verlassen zu haben.

Verstohlen beobachtete sie ihn. Was hätte sie denn tun sollen? Sie war so erschöpft gewesen, dass sie sich mit letzter Kraft an Bord der Jacht gerettet hatte, die sie schemenhaft im Nebel ausgemacht hatte. Antonia kauerte sich auf ihrem Sitz zusammen, als der Mann den Funkspruch beendete. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, ging er durch die Kabine.

Der bronzefarbene Teint, das schwarze Haar, der Dreitagebart, der ausdrucksvolle, sinnliche Mund, der Ohrring, die gefährlich funkelnden Augen verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Ein absoluter Traummann! Fraglos hatte er schon unzählige Frauenherzen gebrochen. In Hollywood wäre er die Idealbesetzung eines Piraten gewesen.

Dabei waren Piraten im wirklichen Leben ungepflegt, hässlich und gemeingefährlich – wie sie aus eigener Erfahrung wusste.

Als sie bei der Erinnerung an die schreckliche Begegnung mit diesen Bestien unwillkürlich wimmerte, wirbelte der Mann herum. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, fragte er barsch.

„Nichts.“ Sie wusste, dass sie von ihm kein Mitleid erwarten konnte.

2. KAPITEL

„Sie dürfen sich nie wieder einer solchen Gefahr aussetzen.“ Eindringlich schaute er dem Mädchen in die Augen.

Überrascht erwiderte sie seinen Blick. „Wir sind von Piraten überfallen worden. Ich bin ins Wasser gesprungen und um mein Leben geschwommen. Was blieb mir denn anderes übrig?“

In keinem Fall durfte das Mädchen auf die Schnapsidee kommen, auch von seiner Jacht zu fliehen. Wäre die Sicht besser vorhin gewesen, hätten seine Scharfschützen, die die Jacht aus der Luft beobachteten, sie beim Entern erschossen.

Hatte ihn jemals jemand so herausfordernd angeschaut? Er konnte sich nicht erinnern. Normalerweise verbeugten sich die Menschen ehrfürchtig vor ihm. Diese Begegnung war eine willkommene Abwechslung. Das durfte er sich jedoch nicht anmerken lassen. Die Sicherheit des Mädchens stand auf dem Spiel. Es war wichtig, dass die Nixe verstand, in welcher Gefahr sie schwebte, sollte sie einen zweiten Fluchtversuch riskieren. „Erzählen Sie mir genau, was passiert ist!“

Entschlossen riss sie sich zusammen und gehorchte. Je länger er ihr zuhörte, desto größere Bewunderung empfand er für sie.

Hoffentlich ist ihr diese Erfahrung eine Lehre, dachte er am Ende. „Offenbar finden Sie das alles ganz romantisch“, bemerkte er, als sie Luft holte. „In Wirklichkeit ist dieser Teil des Golfs aber kein Ferienparadies. Sie können von Glück sagen, dass Sie mit einigen Kratzern davongekommen sind.“

Zu seiner Erleichterung sahen die Verletzungen schlimmer aus, als sie tatsächlich waren. Beim Desinfizieren mit Jod hatte die schöne Nixe kaum mit der Wimper gezuckt. Auch das war bemerkenswert. Sie hatte wunderschöne lange Beine und einen hellen Teint. Lange konnte sie sich noch nicht in der Golfregion aufhalten. „Was hat Sie dazu bewogen, in diese Region zu kommen? Wollen Sie sich vor dem Studium den Wind um die Nase wehen lassen?“

„Kann schon sein.“

Offensichtlich befürchtete sie, bei etwas Verbotenem ertappt zu werden. Bevor er nachhaken konnte, stellte sie eine Gegenfrage. „Und was hat Sie hierher verschlagen?“

Man stellte ihm keine Fragen! Doch das konnte sie natürlich nicht wissen. Er war schließlich inkognito hier. Also zuckte er nur nonchalant die Schultern und antwortete: „Der Sturm.“

So einfach war das. Beim Segeln vergaß er, dass er Herrscher über ein Volk war. Auf dem Meer gewann er seine Menschlichkeit zurück. Hier konnte er ganz er selbst sein. Und das kam seinen Untertanen zugute. „Was sagten Sie, wohin Sie unterwegs waren?“, fragte er.

„Ich habe gar nichts gesagt. Aber mein Ziel ist Sinnebar“, erklärte sie widerstrebend, als er ihr unnachgiebig in die Augen sah.

Sie verheimlicht mir etwas! Diese Erkenntnis durchzuckte ihn, als sie unsicher den Blick abwandte.

„Müssen wir das unbedingt jetzt besprechen?“ Jetzt spielte sie ihm die Erschöpfte vor.

„Ja. Oder wollen Sie, dass die Piraten entkommen?“

„Nein, natürlich nicht!“ Sie sah wieder auf.

„Gut, dann erzählen Sie mir, wo genau der Überfall stattgefunden hat. Kennen Sie die Koordinaten?“ Ungeduldig wartete er auf die Antwort.

„Leider nicht.“

Offensichtlich ärgerte es sie, dass sie ihm die gewünschte Antwort nicht geben konnte.

Anhand ihres Berichts reimte er sich zusammen, dass die Piraten es im Schutz des dichten Nebels auf ein Boot ohne Radar und Alarmanlage abgesehen hatten. „Dann haben Sie das Boot also nicht selbst gesteuert, als der Überfall passierte?“, fragte er ungeduldig.

„Nein.“

Müde barg sie den Kopf auf den Knien. Doch solange die Verbrecher noch auf freiem Fuß waren, durfte er kein Mitleid mit ihr haben. „Sehen Sie mich an!“, befahl er unwirsch.

Sie gehorchte sofort. Ihr Blick verriet, dass sie überlegte, ob sie vom Regen in die Traufe gekommen war. Jetzt tat sie ihm doch leid. In der ausgefransten Shorts, dem verblichenen Top und dem am Gürtel befestigten Messer musste er ja einen furchterregenden Anblick bieten! Aber er durfte sie jetzt nicht schonen. Schließlich benötigte er Informationen, um die Piraten zu fassen. „Weiter im Text! Sonst sitzen wir nächste Woche noch hier.“

„Ein Fischerboot hat mich mitgenommen“, gestand sie leise.

„Wie bitte?“ Sprachlos musterte er sie. Ihre Naivität schockierte ihn. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was der Nixe alles hätte passieren können. „Was wollten Sie sich denn damit beweisen?“, fragte er schließlich.

„Gar nichts.“

Das wagte er zu bezweifeln. Wahrscheinlich wollte sie ihre Familie beeindrucken. „Warum haben Sie nicht die Fähre genommen? Oder wäre das zu einfach gewesen?“

„Ich dachte, die Fahrt auf dem Fischerboot wäre authentischer.“

„Unglaublich! Dann gehören Sie also auch zu den Touristen, die sich einbilden, nur mit Abenteuerlust und Überlebensausrüstung im Ausland bestehen zu können.“

„Das ist eine haltlose Unterstellung!“, erwiderte sie und erblasste vor Wut.

„Nein, das ist die Wahrheit. Und dann wundern Sie sich, dass Sie plötzlich in Gefahr schweben?“

Die Vorstellung von Piraten vor Sinnebar brachte ihn fast um den Verstand. Doch auch das Mädchen zerrte an seinen Nerven. Wie klein ihre Hände waren! Sie war überhaupt sehr zierlich. Ungefähr halb so groß wie er. Und unglaublich mutig. Nur ihrer Geistesgegenwart verdankte sie ihr Leben. Offensichtlich hatten die Piraten sich von ihrer zierlichen Figur täuschen lassen. Dieser Fehler würde ihm nicht passieren. Er wusste, dass sie nicht zu unterschätzen war.

Gerade sprach sie leidenschaftlich von einer angemessenen Strafe für die Seeräuber und einer entsprechenden Entschädigung für die Fischer. Erneut erregte ihn ihr Temperament. Ihr Körper fühlte sich weich und nachgiebig an, doch ihr Verstand sprach eine andere Sprache. In seinem Leben war jedoch kein Platz für Komplikationen. Daher riss er sich schnell zusammen. „Haben Sie den Bootstyp der Angreifer erkannt? Nein? Macht nichts.“ Ungeduldig versuchte er, möglichst viele Informationen zu sammeln, die er dem Kommandeur seiner Seestreitkräfte übermitteln konnte. „Welche Farbe hatte das Boot?“

„Es war ein Skiff. Die weiße Farbe über der Wasseroberfläche blätterte schon ab, die untere Hälfte war schwarz gestrichen, das Bootsinnere hellblau wie ein Aquamarin.“

„Wie ein hellblauer Aquamarin?“, fragte er trocken. „Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher.“ Sein trockener Humor schien sie zu amüsieren. „Haben Sie jetzt genug gehört?“, erkundigte sie sich, als er sich dem Funkgerät zuwandte.

„Mehr, als ich zu erwarten gehofft hatte“, gab er zurück. „Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“

Er spürte ihren Blick im Rücken, als er Befehle ins Funkgerät bellte. Wahrscheinlich war er jetzt zum Mittelpunkt ihrer Wüstenträumereien geworden. Pech für sie, er war nicht interessiert. Es gab genug Frauen, die wussten, was von ihnen verlangt wurde. Dieses Mädchen gehörte nicht dazu. Er beendete den Funkspruch und wandte sich wieder um.

„Alles okay?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Alles okay“, bestätigte er. „Jetzt konzentrieren wir uns ganz auf Sie.“ Kühl musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Wie heißen Sie, und was haben Sie hier verloren?“

Kein Name. Auf keinen Fall durfte sie ihm verraten, dass sie Antonia Ruggiero hieß. Offensichtlich war er ein erfolgreicher Mann, und erfolgreiche Menschen hatten Verbindungen. Es würde sich schnell herumsprechen, dass sie eine Diebin war und ihn mit einem Messer bedroht hatte. Das musste sie unbedingt verhindern. Schließlich hatte sie einen Plan, den sie nicht aufgeben wollte.

„Sie kommen aus Europa“, sagte er mit dieser hinreißenden Baritonstimme. „Und haben Ihre Schuldbildung in England genossen, wie ich. Stimmt’s?“

Nur ein ganz leichter Akzent verriet, dass er kein gebürtiger Engländer war. „Stimmt“, antwortete Antonia heiser.

„Wo sind Sie zur Schule gegangen?“ Seinem forschenden Blick entging nichts. Darum hütete sie sich, diesen Mann anzulügen.

„In Ascot.“

„In Ascot? So so.“ In seinem Tonfall lag Spott. Natürlich hatte er schon von dem exklusiven Mädcheninternat gehört. „Dann sind Sie also eine richtig wohlerzogene junge Lady.“

Wohlerzogen? Wenn er wüsste, was ihr beim Anblick seines muskulösen Oberkörpers durch den Kopf gegangen war! „Ich gebe mir alle Mühe“, erwiderte sie so bescheiden, wie es von einem Internatszögling erwartet wurde.

Natürlich nahm er ihr das nicht ab. „Und wie kommt eine so wohlerzogene junge Lady dazu, meine Jacht zu entern, sich an meinen Lebensmitteln zu vergreifen und mich mit einem Messer zu bedrohen?“

Bei seinem unnachgiebigen Blick überkam sie ein erregtes Prickeln, was augenblicklich ihre Konzentration beeinträchtigte. Dabei war dies wahrscheinlich ihre einzige Chance, aufs Festland zu gelangen. Koste es, was es wolle, sie musste versuchen, ihn von ihrem Standpunkt zu überzeugen. Er durfte sie nicht den Behörden ausliefern. Womöglich wurde sie dann umgehend des Landes verwiesen. „Ich war halb verhungert und verdurstet. Als ich Ihre Jacht sah, habe ich einfach die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“

Sie zuckte zusammen, als er nur humorlos lachte.

„Ja, das habe ich gemerkt“, sagte er. „Eines verstehe ich jedoch nicht. Warum haben Sie sich nicht bemerkbar gemacht, als Sie an Bord gekommen sind? Sie hätten wenigstens versuchen können, mit mir zu reden, bevor Sie sich des Mundraubs schuldig gemacht haben.“

„Ich habe gerufen, aber keine Antwort erhalten.“

Mit einem abfälligen Lächeln lehnte er sich an die Bank, auf der sie saß. „Und da haben Sie sich eben einfach selbst bedient.“

„Außer in der Kombüse habe ich nichts angerührt.“ Musste er ihr unbedingt so nahe kommen?

„Macht das die Sache besser?“

„Es tut mir leid.“ Jetzt klang sie wie ein kleines Mädchen und fast wehleidig. Aber sie wusste einfach nicht, was sie sonst sagen sollte.

„Wenn ich das nächste Mal in Ascot bin, dann spaziere ich auch einfach in Ihr Haus und bediene mich. Einverstanden?“

„Ich wohne nicht in Ascot.“ Ohne vorher nachzudenken schleuderte sie ihm die Worte wie aus der Pistole geschossen wütend an den Kopf.

Er lächelte. „Okay, Ascot können wir dann schon mal ausschließen.“

Bevor er weitere Fragen stellen konnte, verdrehte sie die Augen und griff sich theatralisch an die Kehle.

„Ist Ihnen nicht gut?“ Sein misstrauischer Blick verriet, dass er ihre Schmierenkomödie durchschaute.

„Es geht schon wieder.“ Entschlossen hielt sie seinem Blick stand. Auf keinen Fall durfte der Typ merken, wie sehr er sie aus dem Gleichgewicht brachte.

„Ja, das sehe ich.“ Aus zusammengekniffenen Augen musterte er sie. „Sie haben einen Schock erlitten und müssen sich erholen.“

Hoffentlich ließ er sie jetzt in Ruhe. Seine unglaublich männliche Ausstrahlung setzte ihr nämlich sehr zu. Erleichtert stellte sie fest, dass er von der Bank zurückwich.

„Entspannen Sie sich.“ Er lächelte amüsiert. „Bei mir sind Sie ganz sicher.“

Wollte er sie beruhigen oder beleidigen? War sie wirklich sicher? Konnte sie ihm vertrauen? Zum ersten Mal in ihrem Leben war Antonia ratlos. Er war so abweisend und kurz angebunden – und doch viel furchteinflößender als die Piraten.

Dass er ihre Verletzungen versorgt hatte, hieß noch gar nichts. Und dieses Flattern in ihrer Brust – war das eine Mahnung, wachsam zu sein, oder handelte es sich um erotische Anziehungskraft?

„Sind Sie allein unterwegs?“, wollte er unvermittelt wissen.

Erneut lief ihr ein Schauer über den Rücken. Was bezweckte er mit der Frage? „Ja“, antwortete sie schließlich widerstrebend. „Ich reise ohne Begleitung. Aber es gibt Menschen, die über meinen Aufenthaltsort informiert sind.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort“, gab er sarkastisch zurück. „Ihre Familie lässt Sie also schutzlos durch die Welt ziehen?“

„Meine Familie vertraut mir.“ Aufgebracht funkelte sie ihn an. Sie musste die Ehre ihres Bruders verteidigen. Ihr älterer Bruder Rigo hatte sich um sie gekümmert, seit ihre Mutter ein halbes Jahr nach ihrer Geburt gestorben war. Ihr Vater war seiner Frau kurze Zeit später in den Tod gefolgt.

„Und Sie danken es Ihrer Familie, indem Sie einfach Gesetze brechen?“

Verdammt! Der Mann gab keine Ruhe.

„Ich habe mich doch gerade bei Ihnen dafür entschuldigt, ungebeten Ihre Jacht betreten zu haben.“ Wütend herrschte sie ihn an. „Ich hatte keine andere Wahl.“

Mit einer Geste bedeutete er ihr, sich wieder zu beruhigen. „Sie haben wirklich Glück gehabt, dass ich hier vor Anker lag.“

Antonia ballte die Hände zu Fäusten, um ihr Temperament zu zügeln. Das brachte ihr einen ironischen Blick ein. Diese Augen … Wie es sich wohl anfühlte, von diesem Mann verlangend angeschaut zu werden …

„Ich hoffe, Sie haben Ihre Lektion gelernt“, sagte er barsch und nahm ihr damit jede Illusion.

„Worauf Sie sich verlassen können.“ Es hatte keinen Zweck, sich in Tagträumen zu verlieren. Sie musste sich mit den Tatsachen abfinden. Um das Interesse so eines Mannes zu wecken, war sie viel zu jung und unerfahren. Er hielt sie für zerbrechlich und kindisch. Aber schließlich konnte er ja nicht wissen, wie entschlossen sie war, es allen zu beweisen. Insbesondere ihrem Bruder, den sie anbetete und der sie beschützte, wollte sie beweisen, dass sie auch ohne seine Fürsorglichkeit überleben konnte. Allerdings musste sie zugeben, keinen guten Start erwischt zu haben.

„Erzählen Sie mir von Ihrer Familie“, forderte der Fremde.

Sein Blick war beunruhigend und verführerisch zugleich. Doch sie würde sich hüten, ihm von ihrer Familie zu erzählen. Das könnte ihren Plan gefährden. Schließlich war sie nicht nach Sinnebar gekommen, um Abenteuer zu suchen, sondern um die Behörden zu überreden, eine Zweigstelle von Rigos Stiftung für bedürftige Kinder zu eröffnen. Rigo hatte schon so vielen kranken und benachteiligten Kindern geholfen, und Antonia hatte versprochen, ihm dabei zu helfen, Niederlassungen in der ganzen Welt zu gründen.

Doch das war nicht der einzige Grund für Antonias Reise nach Sinnebar. Sie wollte bei dieser Gelegenheit auch versuchen, etwas über ihre Mutter zu erfahren. Es brach ihr das Herz, sich nicht an sie erinnern zu können – nicht an ihre Stimme, nicht an ihre Liebkosungen, nicht an den Duft ihres Haars. Sie wusste so gut wie gar nichts von der Frau, die ihr das Leben geschenkt hatte, nur dass sie vor der Heirat mit Antonias Vater und dem Umzug nach Rom einige Zeit am Hof des Königs von Sinnebar verbracht hatte.

„Ich warte darauf, dass Sie mir von Ihrer Familie erzählen.“ Die ungeduldigen Worte durchbrachen ihre Gedanken.

Antonia riss sich zusammen und überlegte sorgfältig, was sie sagen sollte. Zwar hatte Rigo sie von Kindesbeinen an ermahnt, stets die Wahrheit zu sagen, doch bei diesem Mann musste sie wohl zu einer Notlüge greifen. „Meine Familie weiß nicht, dass ich hier bin“, gestand sie schließlich. Teilweise stimmte das ja sogar.

„Dann sollten Sie sich vielleicht bei ihr melden.“ Hilfsbereit hielt er ihr ein Satellitentelefon hin.

„Nein.“ Wenn sie das täte, würde Rigo ihre sofortige Rückkehr verlangen. Wahrscheinlich bestand ihr Bruder sogar darauf, sie persönlich abzuholen. Und das würde sie wieder einmal zum unnützen Spielball degradieren.

„Dann rufe ich bei Ihrer Familie an“, drohte er.

„Nein, bitte nicht.“ Instinktiv streckte sie die Hand aus, zog sie aber schnell wieder zurück, weil sie sich nicht traute, ihn zu berühren. „Ich möchte sie nicht beunruhigen.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Es ist besser, wenn ich mich erst bei ihnen melde, wenn ich in Sinnebar in meinem Hotelzimmer bin. Finden Sie nicht auch?“

Sowie Rigo erfuhr, wo sie steckte, würde er nach Sinnebar fliegen, um sie zur Rede zu stellen. Und dann wäre ihr schöner Plan gescheitert, und Rigo würde ihr verbieten, je wieder für seine Stiftung zu arbeiten. Dabei wünschte Antonia sich nichts mehr als einen Job. Sie war es leid, jeden Monat fürs Nichtstun eine großzügige Summe auf ihrem Konto zu finden. Auch sie wollte sich endlich für die Belange Bedürftiger einsetzen, anstatt nur an sich selbst zu denken.

„Ich rufe zu Hause an, sowie ich in Sinnebar bin. Großes Ehrenwort.“ Das setzte natürlich voraus, dass der Jachteigner sie tatsächlich nach Sinnebar bringen würde. Aber davon ging sie einfach mal aus.

So ganz schien er ihr nicht über den Weg zu trauen. Trotzdem zuckte er schließlich nachgiebig die Schultern. „Einverstanden. Schließlich kennen Sie Ihre Familie besser als ich.“

Oh ja, sie kannte Rigo nur zu gut. Zwar konnte er manchmal eine richtige Plage sein, doch sie verdankte ihm auch ihre unbeschwerte Kindheit. Er hatte stets dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Sie durfte reiten, Ski fahren, segeln, fechten und schwimmen. Und neben ihm hatte sie gelernt, wie man in der Nähe eines erfolgreichen und einflussreichen Mannes überlebte. Das kam ihr jetzt zugute.

Antonia sah zu, wie der Unbekannte für Ordnung sorgte, und bot ihre Hilfe an. Doch er beachtete sie nicht und wandte sich ihr erst wieder zu, als er seinen Vorratsschrank geschlossen hatte. „Und Sie hatten es also nur auf meine Lebensmittel abgesehen, als Sie an Bord kamen?“

Erstaunt sah sie ihn an. „Worauf denn sonst?“

„Es ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, meine Jacht zu stehlen?“

Sie hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt und errötete schuldbewusst.

Der Mann lachte verächtlich, als hätte er es geahnt. Dann fuhr er sie barsch an: „Wir setzen dieses Gespräch fort, wenn Ihnen keine Ausflüchte mehr einfallen.“

„Aber ich …“

„Schluss jetzt!“

Sein harscher Tonfall unterstrich, was sie bereits befürchtet hatte: Dieser Mann würde nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Er war derjenige, der das Kommando hatte.

„Sie werden sich jetzt ausruhen“, befahl er. „Ich bin bereit zu warten, bis Sie sich von dem Schock erholt haben. Aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Und bilden Sie sich ja nicht ein, Sie könnten mich an der Nase herumführen.“

Ein erregender Schauer rann ihr über den Rücken. Als er sich umwandte, hatte sie erneut die Gelegenheit, ihn zu beobachten. Seltsam, aber in seiner Gegenwart hatte sie sich tatsächlich beruhigt. Gleichzeitig erfasste sie aber auch eine ungewohnte erotische Spannung. Fasziniert schaute sie zu, wie geschmeidig und sicher er sich in dem beengten Raum bewegte. Er machte einen unglaublich athletischen Eindruck. Trotz seiner abgerissenen Bekleidung wirkte er wie ein Mann von Welt. Verzweifelt zerbrach sie sich den Kopf darüber, wer er wohl sein konnte. Schließlich gab sie auf. Gleichgültig wer er war, sie musste versuchen, sich lieb Kind bei ihm zu machen. Sowie er wieder in ihre Nähe kam, fasste sie sich ein Herz. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich unerlaubt Ihre Jacht betreten und mich an Lebensmitteln und dem Messer vergriffen habe. Sie müssen mir glauben, dass ich niemals die Absicht hatte, das Messer gegen Sie zu erheben. Bitte sehen Sie von einer Meldung an den Scheich ab.“

„Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen sich ausruhen?“ Er dachte gar nicht daran, es ihr so leicht zu machen.

Noch immer behandelte er sie wie einen streunenden Hund, dessen Verletzungen er versorgt hatte. Immerhin hat er mir geholfen, dachte sie. Aber was soll ich tun, wenn er es sich anders überlegt?

„Es liegt bei Ihnen, wie es weitergeht“, erklärte er barsch. Offenbar hatte er ihre Gedanken erraten. „Sie müssen nur meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten.“

War das alles? Hatte er eigentlich eine Ahnung, wie furchteinflößend und einschüchternd er wirkte?

„Das werde ich tun“, versprach sie leise und räusperte sich. Aber nur, solange die Fragen sich auf den Piratenüberfall beziehen, fügte sie in Gedanken hinzu.

3. KAPITEL

Der Mann war Antonia nicht ganz geheuer, aber es hing so viel davon ab, jetzt nicht die Nerven zu verlieren. Sie musste unbedingt nach Sinnebar gelangen! Hätte sie gewusst, wer er war, wäre es einfacher gewesen, mit ihm zu reden. Leider hatte sie auf der Jacht keinen einzigen Hinweis auf seine Identität entdeckt. In der kleinen Kombüse stapelten sich große Lebensmittel- und Getränkevorräte sowie technische Ausrüstungsgegenstände. Bei genauerem Hinsehen erwies sich die Decke, die ihre Schultern bedeckte, als feinste Kaschmirwolle. Nur der Mann selbst blieb ihr ein Rätsel. Um ein Handgelenk trug er ein schwarzes Band, von einem Ohrläppchen baumelte ein Goldring – sehr sexy. Besonders aufschlussreich war das jedoch auch nicht.

Nicht einmal den Namen der Jacht kannte sie. Als sie an Bord geklettert war, hatte sie nur ans Überleben gedacht und war zu erschöpft gewesen, um sich darum zu sorgen, wem das Boot gehörte. Essen, trinken und nach Sinnebar gelangen, das waren ihre Prioritäten gewesen. Um aufs Festland zu gelangen, hätte sie die Jacht sogar entführt.

„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, auf Ihre Erklärungen zu warten“, sagte er ungeduldig. „Sie könnten mir wenigstens erzählen, warum Sie hier sind.“

Das war einfacher gesagt als getan. Seine erotische Ausstrahlung beeinträchtigte ihr Denkvermögen. Eine Beziehung mit ihm wäre sicher ausgesprochen explosiv.

Antonia riss sich zusammen und sah auf. Der Mann hielt ihr ein knuspriges, mit Butter bestrichenes und mit Käse belegtes Baguette hin. Sofort lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

„Ist das für mich?“ Lächelnd streckte sie die Hand aus.

Blitzschnell zog er das Brot weg. „Erst unterhalten wir uns“, entgegnete er kurz angebunden. „Sie hatten genug Zeit, sich zu sammeln. Und wenn Sie sich nicht an Ihren eigenen Namen erinnern, fangen wir mit den Namen Ihrer Eltern an.“

„Meine Eltern sind tot.“

„Und sie hatten auch keine Namen, oder?“ Ironisch hob er eine Augenbraue.

Dieser kühle, abweisende Typ besaß überhaupt kein Mitgefühl. Ihn wollte sie lieber nicht zum Feind haben. Offenbar war er zu keiner menschlichen Regung fähig. Seine Haltung verunsicherte sie so sehr, dass sie beinahe den Namen ihrer Mutter laut ausgesprochen hätte, damit er sie beschützte wie ein Talisman. Doch ihre Mutter bedeutete ihr zu viel. Darum senkte sie den Kopf und schluchzte auf. „Bitte lassen Sie mich zuerst etwas essen. Ich bin halb verhungert.“

Einen Moment lang herrschte gespannte Stille, dann knurrte ihr Magen – wie aufs Stichwort. „Bitte“, sagte sie noch einmal.

Vielleicht war sie blass geworden oder hatte leicht geschwankt. Jedenfalls gab der Mann widerstrebend nach. „Also gut, dann essen Sie erst das Baguette.“ Er reichte es ihr.

Erleichtert biss sie hinein. Himmlisch. Doch sie schlang den Imbiss zu schnell hinunter und verschluckte sich.

„Nicht so hastig!“ Er hielt ihr eine Flasche Wasser hin. „Hier, trinken Sie etwas! Gleich wird es besser.“

Das klang mitfühlend, war es aber nicht. Ihm ging es nur darum, endlich Fakten von ihr zu hören. Er hatte keine Lust, ewig zu warten. Was für ein Mann, dachte Antonia. So einer könnte ihr gefallen. Die hübschen Jungen, die ihr in Scharen nachliefen, hatte sie noch nie ernst nehmen können.

Doch leider schien ihr Traummann nicht interessiert zu sein. Im Vorbeigehen warf er ihr lediglich eine weitere Decke hin. Sehr romantisch! Sie dagegen stellte sich gerade vor, in seinen Armen zu liegen.

„Sie brauchen Schlaf. Offensichtlich stehen Sie noch immer unter Schock. Wir reden später.“

Sie sollte schlafen? Das war nicht sein Ernst, oder? Wie sollte sie denn auf Kommando schlafen? „Wo soll ich denn schlafen?“ Ratlos betrachtete sie die schmale Pritsche.

„Hier.“ Sein Blick hätte einen erwachsenen Mann in die Flucht geschlagen.

„Ich weiß nicht, ob ich schlafen kann“, erklärte sie wahrheitsgemäß.

„Versuchen Sie es wenigstens.“

Widerwillig zog sie die Decke an sich. Sie duftete nach Meer, genau wie er. Und sie fühlte sich auch so wundervoll an wie er. Als sie sich gehorsam auf die Pritsche legte, sehnte sie sich mehr denn je nach diesem unerschrockenen Mann. Obwohl er bedrohlich wirkte, fühlte sie sich in seiner Nähe geborgen. Das war schön.

Energisch drängte Antonia die aufsteigenden Tränen zurück. Sie war völlig erschöpft – physisch und psychisch. Aber ihre Schwäche ärgerte sie. Es kam nicht infrage, ihren großartigen Plan jetzt aufzugeben. Zumal sie sich ihren Triumphzug nach Rom bereits ausgemalt hatte. Rigo würde Augen machen, wenn sie ihm berichtete, dass seine wohltätige Stiftung nun auch in Sinnebar vertreten war. Nach ihrer Heldentat würde er ihr vermutlich einen netten Ehemann aussuchen, der sie genauso anbetete wie er selbst.

Doch bis dahin …

Sie wollte ihre Unschuld an keinen Geringeren verlieren als an diesen Mann hier. Wie sollte sie sich je mit einem hübschen Jungen zufrieden geben, nachdem sie einen richtigen Mann kennengelernt hatte? Und was Sex betraf …

„Entspannen Sie sich“, sagte er eindringlich, als sie sich unruhig hin und her warf. „Niemand wird Sie anrühren, während ich in der Nähe bin.“

Er schon gar nicht. Leider!

Warum hatte das Schicksal sie mit einem Mann zusammengebracht, der ihre Welt mit einem einzigen Blick auf den Kopf stellte, aber gar kein Interesse an ihr verspürte? Sie zog sich die Decke über den Kopf. Aus den Augen, aus dem Sinn, dachte sie hoffnungsvoll. Doch seine Schritte hörte sie weiterhin. Allerdings wirkten sie seltsam beruhigend auf sie, sodass sie schließlich doch einschlief.

Mit gedämpfter Stimme gab er seinem Stabschef Befehle durchs Funkgerät. Das Mädchen war gerade eingeschlafen. Wie ein goldener Vorhang hing das blonde Haar bis zum Boden. Schnell wandte er sich wieder ab, um sich von dem Anblick nicht ablenken zu lassen. Als er alle Informationen durchgegeben hatte, die er von seinem ungebetenen Gast erhalten hatte, beendete er das Gespräch und ging an Deck. Es wurde bereits dunkel. Bald würde die undurchdringliche Wüstennacht sich schützend über sie legen.

Während er an Deck hin und her ging, dachte er über das Mädchen nach. Unglaublich, wie sehr sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Zusammen schienen sie eine Energie zu entwickeln, die eine neue Kraft hervorbrachte. Voller Ungeduld wartete er darauf, dass sein ungebetener Gast aufwachte. Er wollte die Kleine auf die Probe stellen. War sie wie alle anderen: auf den ersten Blick faszinierend, doch bei genauerem Hinsehen oberflächlich?

Instinktiv lauschte er auf ihre Schritte, doch er hörte nur das rastlose Meer und das rhythmische Zirpen der Zikaden an Land. An den Mast gelehnt, ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Natürlich drehten sie sich sofort um das mysteriöse Mädchen. Er dachte an ihre klaren blaugrünen Augen, die sich leidenschaftlich verdunkelten, wenn sie ihn anschaute.

Ärgerlich schüttelte er den Kopf, als ließen sich die erregenden Gedanken so vertreiben. Er hatte doch bereits beschlossen, dass sie zu jung war für ihn.

Trotzdem fand er sie faszinierend.

Das Klingeln des Satellitentelefons bot eine willkommene Abwechslung. Seine Laune verschlechterte sich jedoch sofort, als er den Grund des Anrufs erfuhr. Nach dem Tod seines Vaters hatte er angeordnet, alle Paläste durchzulüften und zu reinigen, bevor sie renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Heute war bei diesen Arbeiten ein verschlossener Raum entdeckt worden. Der zuständige Beamte berichtete, dass kein passender Schlüssel existierte.

Handelte es sich um das Zimmer der Geliebten seines Vaters? Um diese Frau rankten sich unendlich viele Geheimnisse.

Er ordnete an, die Tür aus den Angeln zu heben oder sie aufzubrechen, falls dies erforderlich wäre. Wenn es wirklich ihr Zimmer war, sollten alle Sachen entfernt und vernichtet werden.

Als Antonia erwachte, war der Mann nirgends zu sehen. Vermutlich war er an Deck. Es war sicher sehr romantisch, unter dem Sternenhimmel zu schlafen, gleichzeitig erkannte sie schuldbewusst, dass sie sein Bett belegte. Sie richtete sich auf und streckte sich. Es war noch recht früh, wahrscheinlich schlief er noch gar nicht.

Sie wollte ihn wiedersehen, wollte, dass er sie mit anderen Augen sah. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie unter Schock gestanden und sich dumm verhalten. Warum hatte sie sich nicht in seine Lage versetzt? Inzwischen konnte sie seine barsche, abweisende Art nachvollziehen. Schließlich war sie ein Eindringling. Trotzdem hatte er ihre Verletzungen versorgt und ihr zu essen gegeben. Und wie hatte sie ihm das gedankt? Sie nahm sich vor, für ihn zu kochen, ihm auf dem Boot zu helfen, irgendetwas. Schließlich wollte sie nicht undankbar erscheinen.

Für den Anfang würde sie ihm einen kühlen Drink bringen.

Das ist das Mindeste, dachte Antonia, als sie mit einem Becher Limonade, den sie mit einer Scheibe Zitrone und einem Blatt Minze dekoriert hatte, leise an Deck ging.

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt vor ihr auf. Sie schrie erschrocken auf und ließ den Becher fallen. Der Mann zog sie an sich und fragte wütend: „Haben Sie Ihre Lektion noch immer nicht gelernt?“

Sie zitterte am ganzen Körper und war im ersten Moment sprachlos. Dann jedoch erholte sie sich von dem Schreck und funkelte ihn zornig an. „Nette Begrüßung!“

Das heizte seine Wut noch mehr an. Ganz dicht vor ihrem Gesicht stieß er hervor: „Tun Sie sich selbst einen Gefallen und begreifen Sie endlich, wie gefährlich es ist, sich an mich anzuschleichen.“

„Tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe.“

„Erschreckt?“ Ungläubig starrte er sie an. Dann warf er den Kopf zurück und lachte laut. Seine makellosen weißen Zähne blitzten im Mondschein.

Ich kann ihm nicht einmal einen Drink bringen, ohne eine Katastrophe anzurichten, dachte Antonia – wütend auf sich selbst. In den Kreisen ihres Bruders in Rom hatte sie noch nie mit solchen Problemen zu kämpfen gehabt, aber hier machte sie alles falsch. Wahrscheinlich hatte sie gerade ihre Chance verspielt, nach Sinnebar zu kommen. „Bitte entschuldigen Sie. Es tut mir wirklich sehr leid.“

„Lappen her!“, kommandierte er, ohne sie auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

Weil sie einsah, dass er recht hatte, verkniff sie sich eine empörte Bemerkung. Schließlich befanden sie sich nicht auf einem Luxusliner, und es war ihre Schuld, die Limonade verschüttet zu haben. „Ich hole ein Tuch.“

„Das will ich stark hoffen! Sie haben das Chaos angerichtet, Sie beseitigen es gefälligst auch wieder!“

Sein Tonfall irritierte sie so sehr, dass sie inzwischen bedauerte, ihm das Getränk nicht ins Gesicht geschüttet zu haben. Doch sie riss sich zusammen. „Ich wollte Ihnen nur ein Erfrischungsgetränk bringen. Woher sollte ich wissen, dass Sie mich anfallen? Und jetzt kommandieren Sie mich herum wie einen Hund. Gleich werden Sie wohl nach mir pfeifen.“

„Sind Sie fertig?“

Die leisen Worte richteten ihre Aufmerksamkeit auf seine sinnlichen Lippen. Blitzschnell lief sie zurück nach unten, goss einen frischen Drink ein und griff nach einem sauberen Wischtuch. „Bitte“, sagte sie, als sie dem Mann das Glas reichte.

„Wo wollen Sie hin?“, fragte der Mann, als sie ihren Weg fortsetzte.

Sie wedelte mit dem Lappen. „Saubermachen.“

„Setzen Sie sich hin.“ Er wies auf einen Sitz in sicherer Entfernung. „Und versuchen Sie, nicht über Bord zu gehen, während ich mich um das Chaos kümmere, das Sie angerichtet haben.“

Er traute ihr wohl gar nichts zu. Widerspenstig hielt sie das Tuch fest. Wahrscheinlich würde er es ihr gleich aus der Hand reißen. „Ich möchte aber helfen. Ich habe einen Fehler gemacht. Tut mir leid, ich bin ziemlich ungeschickt. Aber ich möchte es wiedergutmachen.“

Schweigend musterte er sie. Dann hob er den Becher. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

Jetzt lacht er mich auch noch aus, dachte sie und biss die Zähne zusammen. Sie durfte sich nicht provozieren lassen, schließlich wollte sie, dass er sie nach Sinnebar brachte. Und sie wusste, dass sie ein gefährliches Spiel mit einem Mann spielte, den sie überhaupt nicht kannte. Sie musste aufhören, Fantasie und Wirklichkeit zu vermischen. Es war wichtig, den Mann bei Laune zu halten.

Also machte sie sauber und wandte sich dann um. „Mir ist klar, dass ich mich nicht gerade besonders klug verhalten habe.“

Der erwartete Widerspruch blieb natürlich aus. Aber der Typ war schließlich auch kein Gentleman. Stattdessen musterte er sie nur verächtlich, als fragte er sich, wie tief sie sich noch hineinreiten wollte.

„Können wir bitte noch einmal von vorn anfangen?“, fragte sie ruhig.

Angesichts seiner hochgezogenen Augenbraue errötete sie, ließ sich jedoch nicht beirren. Schließlich ging es um etwas sehr Wichtiges. „Ich bin bereit, für meine Passage nach Sinnebar zu arbeiten. Sie müssen mir nur sagen, was ich tun soll.“

„Sie könnten mich in Frieden lassen“, schlug er vor.

Völlig verblüfft starrte sie ihn an. Überall auf der Welt wurde sie mit offenen Armen empfangen, nur hier nicht. Die Geste war eindeutig: Sie sollte wieder unter Deck verschwinden.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, erkundigte er sich von oben herab.

„Nein, vielen Dank. Sie haben schon genug für mich getan“, erwiderte sie eisig.

Bevor sie unter Deck verschwand, warf sie noch einen Blick auf die Insel im Hintergrund, die im fahlen Mondschein kaum auszumachen war. Auf keinen Fall wollte sie dort stranden! „Ich möchte nur noch einmal klarstellen, dass es mir wirklich leidtut, den Drink verschüttet zu haben. Aber Sie hätten mich nicht so erschrecken dürfen.“

Er musterte sie mit drohendem Blick.

Doch Antonia fuhr mutig fort. „Ich habe Ihnen den Drink nur gebracht, weil …“

„Weil Sie glauben, mir etwas schuldig zu sein? Das passiert Ihnen sicher zum ersten Mal.“

„Wie können Sie das sagen? Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

„Ich weiß genug über Sie.“

Im Klartext: Ich bin ihm völlig gleichgültig, dachte sie enttäuscht. „Was habe ich Ihnen eigentlich getan? Warum hassen Sie mich so?“

„Ich hasse Sie nicht. Das wäre reine Energieverschwendung. Ich habe nur weder Zeit noch Lust, mich mit verzogenen Gören herumzuschlagen, die sich sehenden Auges in Gefahr begeben und von anderen erwarten, aus dem Schlamassel gerettet zu werden.“

„So war das aber gar nicht“, protestierte sie.

„Wie würden Sie es denn beschreiben?“

Ihr verschlug es die Sprache. „Ich gehe jetzt runter“, verkündete sie schließlich leise.

„Tun Sie das.“

So war noch nie jemand mit ihr umgesprungen. Weil sie sich so ungerecht behandelt fühlte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Warum soll ich eigentlich in der stickigen Koje schlafen, während Sie sich hier oben in der angenehmen Brise entspannen?“

„Sie geben wohl nie auf, oder?“ Er seufzte tief. „Dieses Mal wird Ihnen aber nichts anderes übrig bleiben. Unter Deck mit Ihnen! Aber schnell!“

„Ich bleibe hier“, widersprach sie.

Darauf zuckte er nur die Schultern, wandte sich um und ging von dannen.

4. KAPITEL

Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie hatte sich in gebührendem Abstand von ihm hingesetzt und musterte ihn, wenn sie glaubte, er würde es nicht merken. Offenbar machte sie sich mit ihrer Umgebung vertraut, bevor sie die nächsten Schritte unternahm. Als sie bemerkte, dass er sie beobachtete, wandte sie schnell den Blick ab.

Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen. Die Jacht schaukelte sanft auf der spiegelglatten See. Es wurde schnell Nacht in diesen Gefilden, und er rechnete damit, dass das Mädchen sich vor dem Abendessen frisch machen wollte. Zwar hatte er sich über sie geärgert, doch er konnte sie wohl kaum verhungern lassen.

„Haben Sie Hunger?“, erkundigte er sich.

Als hätte sie seine Frage nicht gehört, streckte sie sich aus und blickte hinauf zum klaren Sternenhimmel. „Wie spät ist es?“, fragte sie schließlich ungerührt.

„Gerade richtig, um zu schwimmen und sich zu erfrischen, bevor wir zu Abend essen.“

Dass er Bedingungen ans Abendessen knüpfte, elektrisierte Antonia. Sie setzte sich auf, wand ihr Haar geschickt zu einem Knoten und befestigte ihn mit einem Gummiband, das sie vom Handgelenk streifte.

Wie zierlich und graziös sie ist, dachte er, wandte den interessierten Blick jedoch gleich wieder ab. „Auf geht’s!“, rief er. „Sie haben jetzt lange genug gefaulenzt und brauchen Bewegung.“

„Um über den Schock hinwegzukommen?“ Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

„Um die Glieder zu strecken.“ Auf ihr „Armes Opfer“-Getue ging er nicht ein. Es war besser für sie, die traumatische Erfahrung so schnell wie möglich zu vergessen. Außerdem vermutete er sowieso, dass ihr Erlebnis nur halb so dramatisch gewesen war, wie sie ihm weiszumachen versuchte.

„Schwimmen ist eine gute Idee“, verkündete sie und bedachte ihn mit einem schiefen Blick.

Kopfschüttelnd wandte er sich ab. Warum fand er das Mädchen so anziehend? Sie machte doch nur Schwierigkeiten. Er sollte sich wirklich nicht auf sie einlassen. Zumal er reife, adelige Frauen bevorzugte, die genau wussten, was von ihnen erwartet wurde – im Gegensatz zu diesem Mädchen.

Hätte er nur nicht vorgeschlagen, schwimmen zu gehen. Er konnte die Fehler, die er bisher in seinem Erwachsenenleben gemacht hatte, an einer Hand abzählen. Und nun das! Musste er denn unbedingt daran erinnert werden, dass das Mädchen, das darauf bestanden hatte, das ganze Deck zu schrubben und alles zu polieren, bis es glänzte, die Figur eines Playmates hatte?

Als sie dem Meer entstieg und in ihren viel zu kurzen Shorts und dem zerschlissenen Top auf ihn zu schlenderte, saß er am Ufer der Insel, vor der die Jacht ankerte, und machte Feuer. Es hatte keinen Sinn, den Blick abzuwenden, denn ihr Anblick hatte sich bereits fest in sein Gedächtnis gebrannt. Offenbar war sie sich ihrer Wirkung auf ihn gar nicht bewusst. Sie blieb neben ihm stehen und schüttelte sich das Meerwasser aus dem Haar. „Was gibt es zum Abendessen?“, fragte sie dann unbekümmert.

„Wonach sieht es denn aus?“

„Nach Fisch?“

„Sehr gut.“

„Aber bitte nicht verkohlt“, bat sie fröhlich. Das Bad schien ihre Sinne belebt zu haben. „Sie können gar nichts an mir leiden, oder?“, fragte sie bei seinem gequälten Blick.

Das genaue Gegenteil war der Fall, doch das behielt er lieber für sich. Er bewunderte ihre Sturheit. Unbeirrt steuerte sie auf ihr Ziel zu – genau wie er. Das beeindruckte ihn. Gespannt lehnte er sich zurück und harrte der Dinge, die da zweifellos kommen würden. Und er wurde nicht enttäuscht.

Da es ihr misslungen war, ihn zu provozieren, verstärkte sie ihre Bemühungen. „Ich bin Ihnen nur im Weg.“ Traurig verzog sie das Gesicht. „Sie wären viel lieber allein.“

„Ohne Schmierenkomödie?“ Er stocherte im Feuer. „Da haben Sie recht.“

Wie eine junge Gazelle umkreiste sie ihn, offensichtlich unschlüssig, was sie als Nächstes tun sollte. Schließlich gewann die Neugier die Oberhand, und sie spähte ihm über die Schulter, um zu sehen, was er fürs Abendessen zubereitete.

„Da ist ja noch der Kopf dran!“, rief sie entsetzt, als er den Fisch aufspießte.

„In der Golfregion hat ein Fisch nun mal einen Kopf.“

„Gibt es noch etwas anderes zu essen?“

„Oh je, habe ich etwa vergessen, Ihnen die Speisekarte zu bringen?“

„Sie machen sich über mich lustig“, entgegnete sie beleidigt und belustigt zugleich.

Fast unmerklich hatte sich die Atmosphäre zwischen ihnen verändert. Die anfängliche Anspannung war endlich gewichen. Antonia hatte aber auch hart dafür gearbeitet.

„Sie brauchen den Fisch ja nicht zu essen.“ Amüsiert ging er auf ihr Spiel ein. „Sie brauchen gar nichts zu essen. Oder Sie holen sich Brot aus der Kombüse. Davon ist reichlich vorhanden.“

Daraufhin zog sie eine Grimasse, lächelte dann aber unsicher, als sie seinen Blick auffing.

Langsam konnten sie einander einschätzen, und sie fanden Gefallen aneinander. So schätzte er die Situation jedenfalls ein. Er war viel entspannter als sonst. Für ihn war es der reinste Luxus, selbst gefangenen Fisch über dem offenen Feuer zu garen. Endlich konnte er einmal das einfache Leben genießen.

Der gegrillte Fisch duftete appetitlich, und Antonia war sehr hungrig. „Können wir noch einmal ganz von vorn anfangen?“, bat sie zum zweiten Mal an diesem Tag. Für sie stand mehr auf dem Spiel als eine warme Mahlzeit. Es ging um die Reise nach Sinnebar und darum, mit einem beängstigend attraktiven Mann zu Abend zu essen, der sich langsam, aber sicher für sie zu interessieren begann.

„Das kommt darauf an.“

„Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen gern helfe. Ich kann segeln. Ich helfe Ihnen beim Segeltörn zum Festland.“

„Sie wollen mir beim Segeln helfen?“ Skeptisch ließ er den Blick über ihren zierlichen Körper gleiten.

„Es ist mein voller Ernst. Ich würde Ihnen gern beweisen, dass ich nicht so unnütz bin, wie ich aussehe. Und in dem Zusammenhang wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mir Ihren Namen verraten würden. Wir könnten dann bestimmt entspannter miteinander umgehen.“

„Ist das nicht eigentlich mein Text?“, fragte er lächelnd und sah sie an.

Verflixt! Antonia biss sich auf die Zunge. Was war nur plötzlich in sie gefahren? Keinesfalls durfte sie ihm ihren Namen verraten!

„Ich muss Sie doch irgendwie anreden“, sagte sie ausweichend.

Nach langem Schweigen erhielt sie tatsächlich eine Antwort. „Sie können mich Saif nennen.“

„Saif?“ Erstaunt musterte sie ihn. „Heißt das nicht ‚Schwert‘ auf sinnebalesisch?“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, erklärte sie: „Ich habe einen Sprachkurs gemacht, bevor ich die Reise begonnen habe.“

Statt mit Begeisterung zu reagieren, winkte er nur lässig ab. „Der Name Saif ist in Sinnebar sehr verbreitet.“ Mit einem dicken Stock stocherte er im Feuer.

„Aber es ist nicht Ihr wirklicher Name, oder? Sie haben ihn für die Dauer Ihres Aufenthalts hier angenommen.“ Bitte, bitte, sag doch etwas, flehte sie stumm. „Es macht mir nichts aus, wenn Sie mir Ihren richtigen Namen nicht verraten wollen“, fuhr sie dann hastig fort.

Schweigen.

„Wir könnten eine Art Namenspakt schließen“, schlug sie vor.

„Was meinen Sie damit?“

Antonia wurde sofort zuversichtlicher. Es machte ihr Spaß, der Fantasie freien Lauf zu lassen. „Wir befinden uns hier außerhalb unserer normalen Lebensumstände. Sie können hier also Saif sein, und ich …“

„Ich werde Sie Dienstag nennen“, schnitt er ihr das Wort ab.

„Dienstag?“ Verblüfft musterte sie ihn.

„Sie haben sicher schon von Freitag gehört, oder?“

„Ja, sicher, aber …“

„Sehen Sie? Und Sie sind an einem Dienstag auf meiner Jacht aufgetaucht.“

Zum ersten Mal führten sie eine richtige Unterhaltung. Und zum ersten Mal, seit sie das Boot geentert hatte, sah Antonia ein Licht am Ende des Tunnels. Oder anders ausgedrückt: den Leuchtturm an der Hafeneinfahrt nach Sinnebar.

„Okay, dann bin ich also Dienstag.“ Sie lächelte fröhlich. „Soll ich den Fisch filetieren?“ Sie wollte Saif beweisen, wie nützlich sie sich machen konnte.

Er hielt das Messer schon in der Hand, musterte sie zweifelnd, gab dann jedoch nach. „Also schön, dann walten Sie mal Ihres Amtes …“

Behutsam nahm sie ihm das Messer mit dem wunderschön gestalteten Knauf ab, das er ihr reichte. „Was für ein schönes Messer. Haben Sie es geerbt?“

„Das ist nichts Besonderes“, behauptete Saif, während er den Fisch vom Spieß zog. „Einfach nur ein ganz normaler Gebrauchsgegenstand.“

„Aber ein besonders edler“, widersprach sie. Und natürlich glaubte sie ihm kein Wort. Erstens war das Messer riesig, zweitens so scharf, dass es einen Hai mit einem Stich getötet hätte, und drittens sah es furchteinflößend aus. Antonia freute sich darauf, es zu benutzen. Zumal ihr das Wasser im Mund zusammenlief, sobald ihr das Aroma des gegrillten Fisches in die Nase stieg.

Endlich machten sich die Besuche von Nobelrestaurants mit ihrem Bruder Rigo bezahlt. Sie legte den Fisch auf ein großes, sauberes Blatt, das als Teller diente, entfernte geschickt Kopf, Haut und Gräten und sah auf. „Bedienen Sie sich!“ Höflich reichte sie ihm das smaragdgrüne Blatt mit dem sorgfältig zerlegten gegrillten Fisch.

Als Saif anerkennend nickte und sich bedankte, atmete sie erleichtert auf.

„Schmeckt köstlich“, rief sie, als sie den ersten Bissen probiert hatte. „Wir beide sind ein richtig gutes Team.“

Da war sie wohl über das Ziel hinausgeschossen, denn Saif hob nur arrogant eine schwarze Augenbraue. Schweigend aß sie weiter. Nach dem Essen wusch Antonia sich die Hände im Meer, setzte sich in sicherem Abstand von Saif in den Sand und betrachtete den Mond. Sie sehnte sich nach etwas, was sie nicht haben konnte: einem sexy arabischen Liebhaber mit einem Körper, der wie geschaffen für die Liebe war.

Bei ihrem sehnsüchtigen Seufzen drehte Saif sich ungeduldig um. Aber was sollte sie denn machen? Es war ein so romantischer Abend. Am Horizont schimmerte es orangerot. Rosa und aquamarinblaue Streifen zierten den Nachthimmel. „Sie können sich sehr glücklich schätzen, hier zu leben“, sagte sie leise. „Obwohl man sagt, dass der Scheich und Herrscher über Sinnebar …“

„Was?“, fragte Saif in scharfem Tonfall. „Was sagt man über den Scheich?“

Seine finstere Miene verriet Antonia, dass sie eine unsichtbare Grenze überschritten hatte. Sie rollte sich auf den Bauch und stützte ihr Kinn auf die Hände. Jetzt war diplomatisches Geschick gefragt. „Sie kennen ihn sicher besser als ich.“

„Vielleicht“, gab er zu.

„Dürfen Sie nichts Unhöfliches über ihn sagen?“, erkundigte sie sich.

„Doch, aber ich mag es nicht.“ Saif warf ihr einen warnenden Blick zu.

„Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich habe nur gehört, dass er sehr strikt sein kann.“

Sie legte sich wieder auf den Rücken und hoffte, dass Saif sich beruhigte. Nichts lag ihr ferner, als ihn zu beleidigen. „Wie wär’s jetzt mit Nachtisch?“, fragte sie, um die angespannte Atmosphäre wieder zu lockern.

„Nachtisch?“

„Ja, dann wäre es ein richtiges Picknick.“ Blitzschnell sprang sie auf und lief zum Boot zurück. Vor ihrem Bad im Meer hatten sie es am Ankersteg der Insel vertäut. Kurz darauf kehrte sie mit Decken und einer Kühlbox zurück. Nachdem sie die Decken am Strand ausgebreitet hatte, öffnete sie den Deckel ihrer Schatztruhe und förderte eisgekühlte Getränke, grüne Oliven und Datteln zutage, die sie in Saifs Kombüse gefunden hatte.

„Ich habe ja versprochen, mich nützlich zu machen“, sagte sie, als er ihr ein Kompliment machte.

In einträchtigem Schweigen ließen sie sich die Köstlichkeiten schmecken.

„Und was tun Sie jetzt?“, fragte Saif schließlich, als sie wieder den Mond betrachtete.

Seine sexy Stimme war so erregend, dass Antonia sich am liebsten im Meer abgekühlt hätte. Sie beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen – wenigstens teilweise. „Ich denke gerade darüber nach, was für ein aufregender Tag das gewesen ist. Erst haben uns Piraten überfallen, dann bin ich durchs nebelverhangene Meer geschwommen, und nun sitze ich hier mit Ihnen.“

„Ich weiß, was Sie meinen“, antwortete er trocken. Doch gerade, als sie sicher war, dass sie Fortschritte machten, sprang er auf und ging davon.

Er brauchte dringend Abstand. Wann er eine Frau zuletzt so sehr begehrt hatte, wusste er nicht. Eigentlich war er noch nie so verrückt vor Sehnsucht gewesen wie nach diesem Mädchen. Es liegt an der Umgebung, redete er sich ein, als er nachdenklich am Ufer stehen blieb. Es gab wohl kaum etwas Erregenderes als eine Wüstennacht bei sternenklarem Himmel.

Plötzlich musste er über sich selbst lächeln. Und dann rief sie: „Warten Sie auf mich!“

Offensichtlich konnte sie nichts aus der Ruhe bringen. Und er wollte auf sie warten. Was ihn zu der Frage brachte, wann er zuletzt auf jemanden gewartet hatte. Dann jedoch überlegte er es sich anders. „Ich gehe schwimmen. Sie bleiben hier!“ Er entbot ihr den traditionellen sinnebalesischen Gruß, drehte sich um und ging weiter. Doch das Bild, wie sie mit ihren kleinen weißen Zähnen Datteln knabberte, ließ sich nicht so leicht abschütteln.

Als sie ihn einholte, aß sie immer noch Datteln. Sie benahm sich völlig natürlich und hatte überhaupt nichts Gekünsteltes an sich. Sie war hungrig, sie waren am Strand, und sie aß, um ihren Hunger zu stillen, nicht, um ihn zu beeindrucken. Sein schöner Überraschungsgast besaß einfach einen gesunden Appetit. Ob der sich auf Lebensmittel beschränkte, darüber wollte er lieber nicht nachdenken. Das war gefährliches Terrain.

„Tut mir leid“, stieß sie hervor und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Aber so kurz nach dem Essen sollten Sie nicht schwimmen, Saif.“

Jetzt gab sie ihm schon Ratschläge! „Tatsächlich? Was tun Sie da eigentlich?“, fragte er verwundert. Sie blickte gen Himmel und wedelte mit den Armen. Gleichzeitig führte sie einen Tanz auf. Saif fand das unschuldig und verführerisch zugleich.

„Ich beschwöre den Mond.“

„Aha.“ Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Und wozu?“

„Sie dürfen sich nicht über mich lustig machen, Saif. Vielleicht bin ich ja eine Mondanbeterin.“

„Sicher, und ich bin ein Kamel. Man jadda wajad wa man zara’a hasad.“

„Das klingt wunderschön“, rief sie begeistert. „Was bedeutet es?“

Sein Blick lag auf ihren Lippen, als sie ihm die Worte auf sinnebalesisch nachsprach.

„Wer suchet, wird finden“, übersetzte er. „Und wer sät, wird ernten.“

„Perfekt.“ Verträumt schaute sie ihn an. „Das ist wie für mich geschrieben.“

„Dann merken Sie es sich gut. Ich werde Sie morgen abfragen.“

„Morgen?“ Ein Strahlen erhellte ihr Gesicht. Doch sie beherrschte sich schnell wieder.

„Wir hängen hier noch eine Weile fest“, erklärte er und betrachtete den Himmel.

„Wunderbar! Dann habe ich ja noch viel Zeit zu tanzen.“

Daran hatte er nun nicht gerade gedacht. „Sie sind verrückt“, sagte er lachend.

Ebenso verrückt wie das heiße Verlangen, das ihn durchflutete. Sie mochte jünger sein als er, aber ihre Lebensfreude faszinierte ihn, und es fiel ihm schwer, bei ihren Mätzchen ernst zu bleiben. Noch nie zuvor hatte er sich zu einer Frau so hingezogen gefühlt, und er wehrte sich nicht dagegen. Statt einsam und allein schwimmen zu gehen, wollte er seine Zeit lieber mit ihr verbringen.

„Haben Sie schon mal einen Fisch gefangen?“, fragte er, wohl wissend, dass sie dieser Herausforderung nicht widerstehen könnte.

„Nein. Auf dem Gebiet bin ich völlig unbegabt und würde wohl verhungern.“ Die Fische, die sie fing, kamen direkt aus der Tiefkühltruhe. Antonia lächelte verstohlen.

„Möchten Sie, dass ich Ihnen zeige, wie es geht?“

Dieses Angebot kam so überraschend, dass sie den Fehler machte, Saif in die Augen zu schauen. Sofort überlief sie ein erregtes Prickeln. „Ja, gern.“ Die Gelegenheit, etwas mit Saif zu unternehmen, war einfach zu verführerisch. Selbst wenn es nur darum ging, einen Fisch zu fangen …

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er direkt hinter ihr stehen und die Hand umfassen würde, mit der sie die Leine auswarf. Im seichten Wasser standen die Fische in richtigen Schwärmen beieinander. Doch Antonia spürte nur Saifs Körperwärme und konnte sich nicht auf den Fischfang konzentrieren. Trotzdem biss ein Fisch an. Gemeinsam mit Saif zog sie ihn an Land.

Saif nahm den Fisch aus, während sie das Feuer wieder anfachte. Als er ihr zulächelte, während der Fisch auf dem Feuer garte, hätte sie die ganze Welt umarmen können. Wenn sie nur fest genug an sich glaubte, würde ihr alles gelingen. Davon war Antonia in diesem Moment überzeugt.

Nicht nur das Feuer, sondern auch Saifs heiße Blicke wärmten sie. Und sie spürte das erregende Knistern zwischen ihnen. „Was ist?“, fragte sie leise, als er sie von der Seite anschaute.

„Ich habe gerade über dich nachgedacht“, erklärte er.

Entzückt registrierte sie, dass er zum vertrauten Du übergegangen war. Aber worüber mochte er nachgedacht haben? Ob sie gut im Bett war? In dem Punkt würde sie ihn enttäuschen müssen, denn sie hatte keinerlei Erfahrung vorzuweisen. Langsam wurde ihr die Situation zu brenzlig. Darum wechselte sie schnell das Thema.

„Worüber denn? Über den Termin, den ich in Sinnebar habe? Das ist nicht der einzige Grund für meine Reise. Ich möchte hier auch Erkundigungen über meine Mutter einholen“, erzählte sie. „Sie ist kurz nach meiner Geburt gestorben, und ich habe jetzt erst erfahren, dass sie einige Zeit in Sinnebar verbracht hat. Und du? Was tust du hier?“

„Ich?“ Er wandte den Blick ab. „Ich gönne mir einen Kurzurlaub.“

„Du hättest dir keinen schöneren Ort aussuchen können. Hier kann man sich wirklich wunderbar entspannen.“

„Ich glaube, wir sollten jetzt schwimmen.“ Offenbar wollte er das Thema nicht vertiefen. „Oder hast du für heute genug vom Wasser?“

„Nein, ich schwimme sehr gern.“ Sie sprang auf. „Und es ist bestimmt über eine halbe Stunde her, seit wir etwas gegessen haben.“

„Davon kannst du ausgehen“, antwortete er trocken und stürzte sich in die Fluten.

5. KAPITEL

Wie Delfine tollten sie im Wasser umher. Saif war ein viel besserer Schwimmer als Antonia, und als eine Riesenwelle über ihrem Kopf zusammenschlug, war er in wenigen Augenblicken zur Stelle. Schützend zog er Antonia an sich. An seiner Brust fühlte sie sich sicher und geborgen, doch die plötzliche Nähe erregte sie auch.

Zum ersten Mal wurde sie sich ihrer Körperlichkeit richtig bewusst. Sie sehnte sich danach, Saif aus der Reserve zu locken, wollte mit ihm flirten, mit dem Feuer spielen. Zeitweise bekam sie Angst vor der eigenen Courage, dann wieder hoffte sie, dass er ihre Annäherungsversuche bemerkte.

So eine Nacht würde sie wahrscheinlich nicht wieder erleben. Sie waren auf einer abgelegenen Insel, niemand störte sie. Hier konnten sie ihren Alltag hinter sich lassen und einfach tun und lassen, was sie wollten.

Und Antonia wollte, dass Saif sich zu ihr hingezogen fühlte.

Also warf sie sich in die Wellen und kraulte weit hinaus. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Als er sie eingeholt hatte, zog er sie an sich und wollte wissen, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte.

Ausgelassen spritzte sie ihm Wasser ins Gesicht. Das verblüffte ihn völlig. Sofort nutzte sie die Gelegenheit zur Flucht. Doch sie kam nicht weit.

„Na warte!“, rief er drohend. „Das wirst du mir büßen!“

Erneut spritzte sie ihn nass und rief übermütig: „Dazu musst du mich aber erst einmal fangen.“ Im letzten Moment entging sie seinem Griff und kraulte los.

„Okay, tut mir leid.“ Sie kreischte aufgeregt, als er sie erneut festhielt. Sie spielte mit ihm, als wären sie ein Liebespaar. Doch dies hier war die Golfregion, er war König und sie war … wundervoll. Sie fühlte sich so warm und anschmiegsam an, und sie passten perfekt zueinander. Langsam schwammen sie zurück zum Ufer.

„Gar nichts tut dir leid.“ Gespielt vorwurfsvoll funkelte er sie an.

„Doch, aber nicht sehr.“ Sie lächelte übermütig.

„Du scheinst die Gefahr zu lieben.“ Saif passte sich ihrem Schwimmtempo an. Das erotische Knistern zwischen ihnen ließ sich schon lange nicht mehr leugnen.

„So gefährlich habe ich noch nie gelebt“, antwortete sie aufrichtig.

Das glaubte er ihr aufs Wort.

„Wenigstens wird es nicht langweilig“, rief sie lachend und tauchte unter einer Welle hindurch.

Von Langeweile konnte bei ihr wirklich keine Rede sein. Sie hatte mehr Elan als sein gesamter Hofstaat. Innerhalb weniger Stunden hatte sie ihm unbewusst vor Augen geführt, woran es seinem Ältestenrat mangelte: an Persönlichkeit, Jugend und Ausdauer – um nur einige Kriterien zu nennen. Obwohl er sich mit großer Leidenschaft dafür einsetzte, Sinnebar zu modernisieren, konnte er nicht alles selbst in die Hand nehmen. Es wäre wunderbar, jemanden wie die schöne Fremde im Team zu haben. Was für eine absurde und vollkommen lächerliche Idee! Er musste sie sich sofort wieder aus dem Kopf schlagen. Trotzdem – sie war jung und voller Energie und erschien ihm wie eine Seelenverwandte. Natürlich machte sie auch Fehler, aber sie lernte bereitwillig aus ihnen.

„Geht es auch etwas langsamer?“, rief sie irgendwann erschöpft. „Es ist ganz schön anstrengend, mit dir mithalten zu wollen.“

Lachend wartete er auf sie. Er spürte schon Boden unter den Füßen, als sie an ihm vorbeischwamm. Weil ihre Sicherheit für ihn an oberster Stelle stand, ließ er sich hinter ihr von den Wellen tragen und folgte ihr, als sie ans Ufer watete. Sie war ausdauernd und durchsetzungsfähig. Jetzt konnte er sich auch vorstellen, wie es ihr gelungen war, den Piraten zu entkommen. Aber wie passte diese energiegeladene junge Frau in sein Leben? Leider gar nicht.

Es war einfach, Argumente zu sammeln, die gegen sie sprachen. Doch als die Schöne sich jetzt umwandte und ihm zulächelte, bewegte sich die Waagschale wieder in die andere Richtung. Sie stellte eine Herausforderung für ihn dar. Die meisten Männer wären schlicht und einfach überfordert, es mit ihr aufzunehmen.

Für die war sie sowieso zu schade!

Offensichtlich bekommt mir die Einsamkeit hier nicht, dachte er und beschloss energisch, sich die Fremde aus dem Kopf zu schlagen.

„Wohin gehst du, Saif?“ Sie hielt ihn zurück, als er sich davonmachen wollte.

Er hätte in ihren Augen versinken mögen. Sie schienen das Geheimnis des Lebens zu bergen. Nur widerstrebend wandte er sich ab und gab vor, ungeduldig zu werden. Er wies auf den im Mondschein silbern schimmernden Strand. „Ist hier nicht genug Platz? Müssen wir uns unbedingt denselben Quadratmeter Sand teilen?“

„Das liegt ganz bei dir.“

Wieder schaute er ihr tief in die Augen. In ihren Wimpern hingen Wassertropfen, der Mund war leicht geöffnet und schimmerte feucht. Während sie voller Vorfreude darauf wartete, was als Nächstes geschehen würde, wusste er nur zu gut, dass er ihre Träume nicht erfüllen konnte.

Der Tag war auch so schon traumatisch genug gewesen für sie. Entschlossen wandte er sich wieder ab, erkannte dann jedoch, dass dies die Gelegenheit war, ihr die Frage zu stellen, die ihn schon die ganze Zeit lang beschäftigte. Wenn die Piraten sich bei dem Überfall an ihr vergriffen hatten, würde er dafür sorgen, dass sie in Sinnebar sofort psychologischen Beistand erhielt.

Eigentlich hätte Saifs Frage Antonia verlegen machen müssen, doch dazu war er ihr inzwischen schon viel zu vertraut. „Das Boot wurde überfallen“, erklärte sie. „Aber ich bin von Bord gesprungen, bevor sie mir etwas tun konnten.“

„Die Erfahrung reicht ja schon“, fand er.

Schweigend schauten sie einander an. Sie wussten beide, dass sie großes Glück im Unglück gehabt hatte.

Ein Lächeln erhellte sein schönes Gesicht. „Du hast das alles gut überstanden.“

Die Zeit schien stillzustehen, als sie einander ansahen. Antonias Herz pochte aufgeregt. Saif berührte sie nicht einmal. Das brauchte er auch gar nicht, denn im nächsten Moment lag sie in seinen Armen.

Das Bad im Meer hatte sie abgekühlt, doch sein Kuss erhitzte ihren ganzen Körper. Er schmeckte nach Salz und so herrlich, wie sie es sich in ihren verwegensten Träumen nicht schöner hätte ausmalen können. Heiß und kalt, salzig und süß war dieser überwältigende Kuss.

„Bin ich in Sicherheit?“, fragte sie verträumt, als er den Kuss beendete.

„So sicher, wie du willst.“

„Also gar nicht.“ Lächelnd schaute sie ihn an.

„Fürchtest du dich vor mir?“

„Ein wenig“, gab sie zu.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Wie kann ein Mädchen, das durch das aufgepeitschte Meer geschwommen ist und dabei kaum die Hand vor Augen sehen konnte, jetzt Angst haben?“

„Weil es dich für einen sehr gefährlichen Mann hält“, erklärte sie leise.

„Aha.

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