Logo weiterlesen.de
Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 288

Diana Hamilton, Cara Colter, Sarah Morgan, Judy Christenberry

Die schönsten Liebesromane der Welt, Band 288

DIANA HAMILTON

Weihnachtstage wie im Märchen

Ein Heiratsantrag unter dem Christbaum – so romantisch wie in ihren schönsten Träumen. Nur ein Wermutstropfen trübt Matildas Glück. James, dem ihr Herz schon lange gehört, spricht mit keinem Wort von Liebe …

CARA COLTER

Küsse mich, mein süßer Engel

Michael ist der jungen Kirsten unendlich dankbar, dass sie ihm nach einem schweren Schicksalsschlag geholfen hat. Doch er möchte mehr: Er will das Herz seines Engels erobern ...

SARAH MORGAN

Im schimmernden Schein der Kerzen

Obwohl Christy ihren Mann liebt, hat sie ihn verlassen. Er war nie für sie da. Und nun ist sie zu den Festtagen mit den Kindern zurückgekehrt. Werden sich Weihnachten ihre sehnsüchtigen Wünsche erfüllen?

JUDY CHRISTENBERRY

Das Glück in deinen Augen

Bald ist Weihnachten! Und Jake hofft so sehr, Penny endlich seine Liebe gestehen zu können. Doch die eifersüchtige Angela tischt Penny eine gemeine Lüge auf. Zerbricht ihr Glück, bevor es beginnt?

image

Diana Hamilton

Weihnachtstage wie im Märchen

1. KAPITEL

„Bei dir wird es also ein stilles Weihnachtsfest – wie gewöhnlich“, bemerkte Dawn missbilligend aus den Tiefen des Sessels, der ganz in der Nähe der offenen Küche stand. „Du solltest endlich lernen, etwas Spaß im Leben zu haben.“

Von der hochmodernen Kochinsel aus musterte Matilda ihre älteste und beste Freundin, die hübsch und wohlgerundet, kontaktfreudig und fröhlich war, und fragte sich unwillkürlich: Hätte meine Mutter mich mehr geliebt, wenn ich wie Dawn wäre?

Entschieden verdrängte sie diesen Gedanken. All das war vorbei, schon seit neun Jahren. Sie war gerade einmal sechzehn Jahre jung gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Es hatte keinen Sinn, in der Vergangenheit zu verweilen.

Sie griff zu Lesebrille und Kochbuch und entgegnete: „Bei euch dagegen wird es wohl noch turbulenter als sonst.“

Besonders zur Weihnachtszeit wirkte Dawns Zuhause, die alte Pfarrei des malerischen Dorfes in Sussex, wie ein Magnet auf die große und fröhlich-unkomplizierte Familie. Das verwohnte weitläufige Haus füllte sich an Feiertagen stets mit Kindern und Enkelkindern, Liebe und Lachen.

Ganz im Gegensatz zu diesem prachtvoll-strengen Gebäude, das Matilda mit ihrem verwitweten Vater bewohnte.

„Ja. Die ganze Sippschaft trudelt ein, und dazu Frank und seine Eltern.“ Mit leuchtenden Augen betrachtete Dawn den Smaragdring an ihrer Hand. „Sie kommen Heiligabend an, also schon morgen. Du bist am ersten Weihnachtstag eingeladen – und dein Vater natürlich auch. Du musst also nicht kochen, obwohl Mrs. Flax Urlaub hat. Und ich akzeptiere kein Nein als Antwort. Ich kann es nicht erwarten, meiner allerbesten Freundin meinen Verlobten vorzustellen.“

„Tut mir leid.“ Matilda schüttete Mehl auf die Küchenwaage. „Aber James verbringt die Feiertage hier. Er hat heute Morgen angerufen und sich selbst eingeladen.“ Das Herz wurde ihr schwer bei dem Gedanken an ihn. Er musste sich scheußlich fühlen. Ursprünglich hatte er sicherlich geplant, Weihnachten auf eine aufregendere und romantischere Art zu verbringen als in einem Nest, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. „Ich weiß, dass ich ihn mitbringen dürfte, aber ich glaube nicht, dass ihm nach Feiern zumute ist – unter den gegebenen Umständen.“ In Erwartung eines Widerspruchs schüttete sie das Mehl so energisch in eine Rührschüssel, dass pudrige weiße Wolken aufstiegen.

Dawn drehte sich im Sessel um, stützte einen Ellbogen auf die dicke Armlehne und das Kinn in die Hand. „Dann steht dir wohl eine tränenreiche Zeit bevor, oder?“

„Ich glaube nicht, dass James Carter überhaupt Tränen vergießen kann“, entgegnete Matilda sachlich. Sie hatte ihn vor langer Zeit als Sohn des Geschäftspartners ihres Vaters kennengelernt. Vor elf Jahren, nach dem Tod seines Vaters, war James in dessen Fußstapfen getreten, im relativ jungen Alter von fünfundzwanzig. Nie hatte sie ihn starke Gefühle zeigen sehen. Er gab sich immer selbstsicher, gefasst, gleichgültig. Manchmal erschreckend unnahbar, schien er in einer eigenen Welt zu leben, in der nichts und niemand ihm etwas anhaben konnte.

Doch momentan litt er gewiss. In aller Öffentlichkeit von der Frau, die er hatte heiraten wollen, den Laufpass zu bekommen, musste eine sehr schmerzliche Erfahrung sein.

„Na ja, er wird seine Gefühle nicht unbedingt zur Schau stellen“, räumte Dawn ein. „Da seine Eltern aber tot sind, sind dein Vater und du doch praktisch seine einzige Familie. Deshalb weint er sich vielleicht bei euch aus. Und sein Ego hat bestimmt gewaltig gelitten. Wenn man bedenkt, dass die Klatschpresse noch vor wenigen Monaten ‚die himmlische Hochzeit des Jahres zwischen der ehrenwerten schönen Fiona Cambell-Blair und dem Finanzmogul‘ angekündigt hat! Und dann erklärt die feine Dame plötzlich, dass sie die ganze Sache abgeblasen hat, weil – ich zitiere wörtlich – ‚Jimmy meine hohen Erwartungen nicht erfüllt‘. Ich meine, da muss er ja total am Boden zerstört sein.“

„Wahrscheinlich“, murmelte Matilda schroff. Sie fühlte mit James und hätte diese Fiona am liebsten eigenhändig erwürgt. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie eine Frau, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte war, einen so faszinierenden und unwiderstehlich maskulinen Mann wie ihn abservieren konnte. Um von dem leidlichen Thema abzulenken, schlug sie vor: „Wie wäre es, wenn du uns einen Kaffee kochst?“ Sie schaute in das Kochbuch und gab Butter zu dem Mehl. „Ich versuche gerade, Weihnachtsplätzchen zu backen. Wirklich schade, dass Emily – Mrs. Flax – ausgerechnet jetzt ihren Jahresurlaub genommen hat.“

Der Wunsch der Haushälterin, eine Winterpause in der Sonne bei ihrer Schwester einzulegen, war bereitwillig gewährt worden. Matildas Vater scherte sich nicht um die Feiertage, seit seine Frau ihn verlassen hatte. Daher verlief Weihnachten normalerweise wie jeder andere Tag. Da James sich jedoch angekündigt hatte, plante Matilda, für ihn ein Festessen mit allem Drum und Dran zu zaubern, auch wenn es sie große Mühe kostete.

Dawn spazierte in die Küche und überflog das Rezept. „Wenn du statt Wasser geschlagenes Eiweiß nimmst, wird der Teig viel lockerer. Soll ich vielleicht weitermachen? Ich helfe Mum von klein auf beim Kochen. Du dagegen hast gar keine Übung. Du bist zwar sehr gescheit, aber eine Niete, wenn es um praktische Dinge geht.“

„Demnach wird es höchste Zeit, dass ich mich bessere.“

„Tja, dann musst du es selbst ausbaden – oder besser gesagt, der Magen deines Ehrengastes muss es aushalten.“ Dawn füllte den Wasserkessel. „Wenn du deine Trümpfe richtig ausspielst, kannst du ihn ja über seine Enttäuschung hinwegtrösten und ihn dir angeln.“

„Also wirklich! Manchmal redest du wie eine zurückgebliebene Zehnjährige!“ James Carter schenkte ihr, der unansehnlichen, unbedeutenden Matilda Trent, keinen zweiten Blick. Er stand nicht auf Mauerblümchen, sondern bevorzugte elegante Schönheiten wie seine Exverlobte, die aus der Menge herausragten.

„Wenn du meinst.“ Unberührt von der Rüge brühte Dawn Kaffee auf. „Aber denk mal darüber nach. Bevor ich nach Richmond gezogen bin, waren wir beide praktisch unzertrennlich. Dadurch habe ich ihn fast so oft gesehen wie du. Dir gegenüber verhielt er sich immer irgendwie beschützerisch und sanft. Da ist ganz eindeutig eine gute Portion Zuneigung im Spiel. Und nachdem dieses feine hohlköpfige Flittchen ihn abserviert hat, wird er eine Person zu schätzen wissen, die intelligent, loyal, nett und besonnen ist. Du kannst nicht leugnen, dass du dich schon vor elf Jahren in ihn verliebt hast. Da warst du gerade mal vierzehn. Also leg dich ins Zeug.“

Verärgert kniff Matilda die goldbraunen Augen hinter den Brillengläsern zusammen. „Ich habe mich in etwa zu der Zeit in James verknallt, als du für unseren Physiklehrer geschwärmt hast. Ich hatte es schon überwunden, lange bevor du deine ‚ewige Liebe‘ auf irgendeinen grässlichen Popstar umgelenkt hast. Also lass es bitte gut sein.“

Das ist eine regelrechte Lüge, gestand sie sich im Stillen ein. Sie hatte ihre jugendliche Schwärmerei keineswegs überwunden. Im Gegenteil. Trotz aller gegenteiligen Bemühungen und Beteuerungen waren ihre geheimen Gefühle für ihre Jugendliebe im Laufe der Zeit nur noch gewachsen.

Millionen von Sternen funkelten am klaren Winterhimmel, als James aus seinem Jaguar stieg. Er atmete tief die schneidend kalte Luft ein und entspannte sich bereits ein wenig. Trotz des Aufruhrs in seinem Leben spürte er seltsamerweise den Zauber des Heiligen Abends.

Während der Fahrt von London waren James Zweifel gekommen, ob sein Vorhaben weise war. Doch nun, in der tiefen ländlichen Stille, erkannte er, dass es ihm guttun würde, die Festtage bei den Trents zu verbringen. Es war genau der richtige Ort, um die demütigenden und schmerzlichen Geschehnisse der vergangenen Woche, ja die ganze Episode mit seiner ehemaligen Zukünftigen hinter sich zu lassen.

Berrington House lag überwiegend im Dunkeln. Nur aus einzelnen Fenstern drang schwaches Licht durch die zugezogenen Vorhänge. Im Laufe der Jahre war dieses Anwesen zu einem zweiten Zuhause für ihn geworden. Ihm gefiel es, wie schon seinem Vater vor ihm, die Geschäfte mit Edward Trent, dem Mitinhaber der bedeutenden Konstruktionsfirma, bei einem stilvollen Dinner oder an einem langen Wochenende in dieser ländlichen Idylle abzuwickeln.

Es war nicht das Gebäude an sich. Berrington wirkte für seinen Geschmack zu streng und düster – wie ein Vorzeigeprojekt dafür, was Tradition und Vornehmheit bedeutet, nicht wie ein bewohntes Zuhause. Und es war auch nicht die Gesellschaft seines Geschäftspartners, die ihn zu diesem Zeitpunkt anzog. Vielmehr war es Matildas bescheidenes Wesen, das er in dieser persönlichen Krise brauchte.

Er runzelte die Stirn. Mit dieser Erkenntnis war er keineswegs glücklich. Denn schon in jungen Jahren hatte er gelernt, selbst genügsam zu sein. Er wollte nicht von einem anderen Lebewesen abhängig sein.

Aber ihre beachtliche Intelligenz regte ihn an; die heitere Gemütsruhe besänftigte ihn; die Schwächen – wie ihre Ungeschicklichkeit in praktischen Dingen – amüsierten ihn; der Mangel an Eitelkeit war erfrischend. Er kannte keine andere Frau, die sich so wenig aus Kleidung machte, die es überhaupt nicht darauf anlegte, erotisch zu wirken. Verführerische Tricks wie Wimpernklimpern, Schmollen oder Schlafzimmerblicke waren ihr völlig fremd.

Ja, genau das war es, was James brauchte: die Gesellschaft einer Frau, die ihn sexuell nicht herausforderte, körperlich nicht reizte und auch sonst nichts von ihm erwartete.

Mäuschen. Seine harten Gesichtszüge wurden ein wenig sanfter. Mein kleines graues Mäuschen.

Mit der Reisetasche in der Hand schritt er über den makellos geharkten Kiesweg zum Haupteingang und läutete. Während er wartete, fragte er sich, ob sie sich wohl noch immer mit der Übersetzung jenes dicken wissenschaftlichen Wälzers vom Deutschen ins Italienische abmühte.

Doch wie er Matilda kannte, war der Auftrag längst abgeschlossen. Finanziell gesehen hatte sie es gar nicht nötig zu arbeiten. Aber sie kniete sich gern in ein Projekt hinein, bis es vollendet war. Er wollte sie gleich danach fragen, sobald sie ihn einließ.

Doch es war sein Partner, der die Tür öffnete. Für einen Mann mit knapp sechzig war Edward Trents Gesicht relativ faltenfrei. Nur sein stahlgraues Haar und die dickliche Taille verrieten sein wahres Alter. Und sein Blick kündete von Verlegenheit. Gefühle behagten ihm nicht. Sofern er überhaupt welche hegte, verbarg er sie entschieden, und dasselbe erwartete er von jedem, mit dem er zu tun hatte.

James war ihm in diesem Punkt sehr ähnlich. Vielleicht kamen sie deshalb so gut miteinander aus. „Es ist nett von dir, dass du mir für ein paar Tage Unterschlupf gewährst. Mir ist danach, für eine Weile abzutauchen. Aber ich will dich nicht mit Details langweilen und nicht rührselig werden. Deshalb schlage ich vor, dass wir meine geplatzte Verlobung einfach totschweigen.“

„Das ist wohl am besten.“ Edward atmete erleichtert auf. „Aber lass dir vorher noch gesagt sein, dass du froh sein kannst. Mattie und ich haben diese Fiona ja nur ein Mal gesehen, aber wir sind uns einig, dass sie nicht gut genug für dich ist. Zugegeben, ihr Stammbaum ist einwandfrei, und du könntest sie gut als Gastgeberin gebrauchen. Aber die Frau ist oberflächlich, egoistisch und hartherzig. Es hätte nie funktioniert. Und damit genug davon. Willst du zuerst in dein Zimmer gehen oder mit mir einen Drink nehmen?“

„Ich entscheide mich für den Drink.“ James ließ die Reisetasche am Fuß der Treppe fallen und folgte seinem Gastgeber in ein makellos ordentliches, minimal möbliertes Wohnzimmer.

Im Innern ärgerte er sich gewaltig. Wie konnte Matilda sich anmaßen, über Fiona zu urteilen? Was verstand sie schon davon? Sie lebte völlig weltfremd in diesem Provinznest – hinter Büchern verschanzt und in völliger Unkenntnis dessen, was zwischen sexuell aktiven Erwachsenen vor sich ging.

Soweit er wusste, hatte sie kein Sexualleben. Folglich konnte sie den männlichen Drang nicht nachempfinden, so wunderschöne und sündhaft aufreizende Frauen wie die Fionas dieser Welt zu besitzen – als leidenschaftliche Gespielin im Bett wie als brillante Hausherrin und Zierde bei Tisch anlässlich der zahlreichen gesellschaftlichen Anlässe.

Er zwang sich, seine düstere Stimmung abzuschütteln, als er ein Glas mit einem guten Schuss Whisky entgegennahm und auf einen der steifen Polsterstühle sank, die um einen exquisiten Chippendale-Tisch gruppiert standen. „Wo steckt Mattie?“ Seine Verärgerung über ihr anmaßendes Urteil begann abzuklingen, als er den ersten Schluck Alkohol trank.

Es war ohnehin ein unwürdiges Gefühl, das sich seltsamerweise überhaupt nicht gegen Edward richtete, obgleich dieser dieselbe Meinung vertrat. Die Ereignisse der vergangenen Woche mussten wohl bisher ungeahnt weitreichende Spuren hinterlassen haben.

„Sie hantiert in der Küche herum.“ Edward seufzte. „Ich fürchte, das Essen wird sehr zu wünschen übrig lassen, denn Emily hat Urlaub. Bei allem, was nicht mit ihrem Beruf zu tun hat, ist Mattie nicht besonders geschickt.“

James nahm einen weiteren Schluck. Das arme Mäuschen! Hätte er sich nicht aufgedrängt, hätte sie sich bis zur Rückkehr der Haushälterin mit kalten Speisen oder Fertiggerichten begnügt, wie er sehr wohl wusste. Es behagte ihm nicht, dass sie sich seinetwegen Umstände machte. Und daher beschloss er großmütig und zu seiner eigenen Überraschung, ihr in den nächsten Tagen zur Hand zu gehen.

Matilda war weit davon entfernt, in der Küche zu hantieren. Vielmehr stand sie in ihrem Zimmer und betrachtete sich bedrückt im Spiegel. Sie fand sich nicht besonders reizvoll in dem dunkelbraunen Rock und dem rehbraunen Sweater. Ihre Haut war blass und das schulterlange kastanienbraune Haar, noch feucht vom Duschen, wie üblich zu einem Knoten im Nacken verschlungen.

Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich vom Spiegel ab. Es hatte keinen Sinn, Make-up aufzulegen. Sie wusste seit ewigen Zeiten, dass sie unattraktiv war. Ihr Spiegelbild anzustarren, änderte nichts an den seltsam hellen goldbraunen Augen, der unauffälligen Nase, dem ausgeprägten Kinn, den vollen Lippen.

James fällt es nicht mal auf, wenn ich in einem Kartoffelsack erscheine.

Mäuschen, so nannte er sie manchmal. Denn so sah er sie – als etwas Kleines, Stilles, Graues und Unbedeutendes. Sie wusste all das, hatte es schon vor Jahren akzeptiert. Was störte sie also plötzlich daran?

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Er hatte sie niemals in irgendeiner Form ermutigt, war völlig blind gegen ihre Gefühle für ihn, die so tief verwurzelt waren, dass sie sich nie für einen anderen Mann interessiert hatte und nie wie ihre Freundinnen Affären eingegangen war.

Anstatt sich nach etwas zu verzehren, das niemals sein konnte, sollte sie James lieber Trost spenden und ihm über das gebrochene Herz hinweghelfen.

Stoisch verdrängte sie ihren eigenen Kummer, hob das Kinn und eilte hinunter.

„Natürlich helfe ich dir mit dem Lunch“, beharrte James unbeirrbar am nächsten Morgen. „Ich will mich doch nicht von vorn bis hinten bedienen lassen.“ Er lächelte spitzbübisch. „Und da wir beide noch nie ein Festessen im großen Stil fabriziert haben, könnte das Ergebnis sehr interessant werden.“

Ein wenig gezwungen lächelte Matilda ihn an. Musste er unbedingt so umwerfend gut aussehen? Musste sie in seiner Nähe ständig Schmetterlinge im Bauch haben?

Er trug eine enge graue Hüfthose und einen schwarzen Kaschmirpullover, der die Breite seiner Schultern betonte. Die eindrucksvolle Größe von gut eins neunzig, markante Gesichtszüge, silbergraue Augen und Wimpern, die so dicht und schwarz waren wie seine Haare, ergaben eine faszinierende Kombination.

Hör auf damit, mahnte eine innere Stimme, denk an etwas anderes. „Falls du Angst hast, dass es so schrecklich wie das gestrige Dinner wird, dann kann ich dich beruhigen. Ich weiß sehr wohl, dass die Quiche klitschig, der Salat langweilig und das Gebäck zäh war.“

Sie trug eine Kittelschürze von Mrs. Flax, in der sie förmlich versank. Nun holte sie die Lesebrille aus einer Tasche und setzte sie sich auf die Nase. Dass sie aussah, als hätte sie sich für einen Maskenball als Vogelscheuche verkleidet, diente als eine Art Selbstschutz. Es unterstrich die Tatsache, dass sie in James’ Augen keines zweiten Blickes würdig war.

Obgleich er in dem Ruf eines skrupellosen Geschäftsmannes stand, verhielt er sich Matilda gegenüber stets freundlich – sofern er sie überhaupt wahrnahm. Manchmal glaubte sie, dass sie ihn amüsierte; andere Male schien er durch sie hindurchzublicken.

Nun holte sie tief Luft und erklärte: „Ich bin gestern in Panik geraten. Mir ist alles schiefgegangen. Da Mrs. Flax immer kocht, musste ich es nie lernen. Das heißt aber nicht, dass ich unfähig bin. Es ist alles eine Frage der Logik und Planung. Deshalb habe ich gestern Abend Rezeptbücher gewälzt, Listen angefertigt und …“

Sie hielt inne, als sie ein belustigtes Funkeln in seinen Augen sah. „Jedenfalls habe ich hier alles im Griff.“ Die Vorbereitungen hatten sie abgelenkt von der Tatsache, dass er unter demselben Dach schlief – oder aber wach lag und seiner Verlobten nachtrauerte. „Und du kannst den Vormittag produktiver mit Dad verbringen. Er brennt darauf, die Finanzierung dieses Hotelprojekts in Spanien mit dir zu besprechen. Oder war es Italien?“

„Spanien. Und das kann warten.“ James schmunzelte verstohlen, denn sie sah so ernsthaft aus in ihrem Eifer, so niedlich mit den zurückgekämmten Haaren und der eulenhaften Brille auf der kecken Nasenspitze. „Ich helfe dir auf jeden Fall. Ich kann ja zumindest Kartoffeln schälen oder dich mit Kaffee versorgen oder dir den Schweiß von der Stirn wischen. Wie auch immer, es macht mir garantiert Spaß.“

Dass es der Wahrheit entsprach, überraschte ihn keineswegs. Er genoss stets ihre Gesellschaft. Sie zu beobachten, wie sie sich mit unvertrauten Tätigkeiten abmühte, wie sie dabei die Brauen zusammenzog und sich mit der Zungenspitze über die Lippen strich, amüsierte ihn und lenkte ihn von anderen Dingen ab.

„Wenn du meinst“, murmelte sie, doch sie wusste genau, dass er eigentlich keinen Spaß daran hatte. Er fühlte sich nur dazu verpflichtet, weil er ahnte, dass ohne seine Anwesenheit alle Zutaten, die Mrs. Flax für ein festliches Weihnachtsmahl eingefroren hatte, im Tiefkühlschrank geblieben wären.

Matilda gestattete sich nicht zu glauben, dass er ihre Gesellschaft wirklich genoss. Sie ließ sich nicht täuschen. Dennoch stellte er, sofern er in zugänglicher, aufmerksamer Stimmung war, eine ernste Gefahr für ihren Seelenfrieden dar.

Und so war es dann auch das gesamte Weihnachtsfest über. Sein lässiger Charme raubte ihr den Atem und ließ sie hin und wieder sogar an das alte Sprichwort glauben, dass man etwas nur stark genug begehren muss, um es auch zu bekommen. Nur gelegentlich zog er sich in sich selbst zurück und brütete, zweifellos über seine verlorene Liebe. Nicht, dass der Name Fiona auch nur ein einziges Mal erwähnt worden wäre.

An dem Morgen, als James abzureisen gedachte, klagte Edward über exzessive Völlerei während der Feiertage und brach zu einem ausgedehnten Spaziergang auf. „Du hast uns wirklich verwöhnt, Mattie“, bemerkte er verwundert beim Verlassen des Hauses. „Aber wahrscheinlich ist das James zu verdanken. Er hat verhindert, dass du uns noch mehr missratene Speisen auftischst wie am Heiligabend.“

Sie verübelte ihm diese Bemerkung. Denn sie hatte sich redlich und erfolgreich bemüht, wohlschmeckende Gerichte auf den Tisch zu bringen, und verdiente dafür mehr Anerkennung. Um ihrem Ärger Luft zu machen, saugte sie Staub im ganzen Haus.

Gerade stellte sie das Gerät zurück in den Besenschrank, als James die Küche betrat. „Bist du zum Aufbruch bereit?“, fragte sie in gelassenem Ton, obwohl sie sich innerlich aufgewühlt fühlte.

Ich werde ihn monatelang nicht sehen und ihn furchtbar vermissen, dachte sie betrübt. Denn am vergangenen Abend hatte er verkündet, dass das Spanienprojekt sehr viel Zeit von ihm erforderte. Deshalb sollten die nächsten geschäftlichen Besprechungen mit Edward in London stattfinden.

„Beinahe.“ Er schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen, als wollte er den Weg versperren.

Selbst in verwaschenen Jeans und in alter Lederjacke sah er so überwältigend gut aus, dass Matilda sich ermahnen musste, ihn nicht unverhohlen anzuhimmeln. Seit Jahren erstickte sie erfolgreich ihre Gefühle, und es gab keinen Grund, warum sich das nun ändern sollte. „Soll ich dir einen Kaffee kochen, bevor du abfährst?“

„Danke, nein.“ Mit eindringlichem Blick näherte er sich. „Ich will dich etwas fragen. Und ich möchte, dass du es dir gut überlegst, bevor du mir an die Gurgel gehst.“

Wenige Schritte entfernt blieb er stehen. Er lächelte, als das vertraute Stirnrunzeln auf ihrem Gesicht erschien. Die Idee war ihm ganz plötzlich am vergangenen Abend gekommen, doch er hatte sie anschließend lange und gründlich erwogen. Es war ein sinnvoller, zweckmäßiger Vorschlag, und wie er Matilda kannte, sah sie das ein, sobald sie sich mit dem Gedanken angefreundet hatte.

Seelenruhig fragte er: „Mattie, willst du mich heiraten?“

2. KAPITEL

Matilda fühlte sich wie von einer erschreckenden Krankheit ergriffen, die Schwindel auslöste, ihr den Verstand raubte und das Blut in den Ohren rauschen ließ, sodass sie sich nicht vorhandene Stimmen einbildete.

„Mattie?“

Trotz des verwirrten Zustands entdeckte sie einen belustigten Unterton in James’ Stimme. Sein Antrag war also nur ein schlechter Scherz. Wie konnte er es wagen!

Es geschieht ihm nur recht, wenn ich mich jetzt in seine Arme stürze und mit feuchten Augen von weißen Brautkleidern und Babys schwärme!

Doch die Vernunft sagte ihr, dass sie mehr sich selbst als ihm schadete, wenn sie auf seinen Antrag einging. Sie wandte sich zur Spüle um und setzte Wasser auf. Auch wenn er keinen Kaffee wollte, sie brauchte eine Stärkung. Tonlos erklärte sie: „Sei vorsichtig, James. Solche Scherze können übel ausgehen. Du könntest ernst genommen werden.“

„Ich meine es ernst“, versicherte er direkt hinter ihr.

Sie erstarrte. Unmöglich! Das konnte einfach nicht sein!

Er nahm sie bei den Schultern, drehte sie zu sich herum und riss sie dadurch aus ihrer Erstarrung. Ihr Herz begann zu pochen. Sie schüttelte seine Hände ab. Er hatte sie nie zuvor berührt, jedenfalls nicht bewusst, und sosehr sie diese kleine Intimität auch genießen mochte, konnte sie nicht damit umgehen – zumindest nicht in diesem Moment. Es galt, nüchtern zu ergründen, was er im Schilde führte.

„Hat es damit zu tun, dass Fiona dich abgeschoben hat? Sie gibt dir den Laufpass, und schon verlobst du dich mit einer anderen, nur um ihr zu beweisen, dass sie nicht die Einzige auf der Welt ist?“

Matilda verspürte einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Hatte sie recht? War ihm zuzutrauen, dass er sie derart schamlos benutzte, um sich bei der Frau zu revanchieren, die er liebte? Beabsichtigte er, die Verlobung in aller Öffentlichkeit kundzutun, um sie dann in aller Stille aufzulösen, sobald sich die Wogen um Fionas Laufpass wieder geglättet hatten?

Als er nicht gleich antwortete, hakte sie sarkastisch nach: „Nun? Hast du ausnahmsweise keine schlaue Antwort parat? Oder hast du dich plötzlich bis über beide Ohren in mich verliebt?“

James warf einen Blick auf die Armbanduhr. Er beabsichtigte, den Rest des Tages mit Papierkram in seiner Wohnung zu verbringen. Ungeduldig und auch ein wenig belustigt meinte er: „Du stellst dein Licht unter den Scheffel. Das solltest du dir wirklich abgewöhnen. Und nein, ich bin genauso wenig ‚bis über beide Ohren‘ in dich verliebt wie du in mich. Ich glaube nicht, dass dieser Zustand überhaupt existiert.“

Schweren Herzens fand er sich damit ab, dass er wohl nicht den ganzen Nachmittag mit sinnvoller Arbeit würde zubringen können. Die Annahme, dass er in wenigen Minuten seine Gründe für eine Heirat darlegen und Matilda zur Einsicht bringen konnte, war wohl etwas zu optimistisch. Vielmehr spiegelte sich unterdrückter Zorn auf ihrem Gesicht.

„Bitte hör dir an, was ich zu sagen habe. Erstens …“ Er verstummte, als er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Verdammt! So bald hatte er seinen Partner nicht zurückerwartet.

Edward kam in die Küche. Die schneidende Kälte hatte sein Gesicht gerötet, und er rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. „James, du bleibst also doch zum Lunch? Ich dachte, du wärst längst unterwegs nach London. Mattie, falls du etwas kochst, bitte nicht für mich. Ich kriege einen Bauch.“

„Ich führe Mattie zum Essen aus“, erklärte James spontan. „Als kleines Dankeschön für die Schufterei, die sie in den letzten Tagen auf sich genommen hat.“ Eindringlich blickte er sie an. „Geh deinen Mantel holen.“

Ihr Instinkt drängte sie, sich gegen diesen herrischen Befehl aufzulehnen. Schließlich war sie keine kleine Angestellte von ihm. Doch nachdem sie ihre Gefühle für ihn schon seit Jahren unterdrückte, erschien es ihr töricht, nun ihrer Empörung Luft zu machen.

Ungehalten forderte er: „Nun geh schon! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

Seine Stimme sandte Matilda einen Schauer über den Rücken. Er stand in dem Ruf, ein mächtiger Mann mit zwingender Persönlichkeit zu sein, mit dem sich nur ein ausgemachter Dummkopf anlegte. Dennoch hatte sie ihn in all den Jahren ihrer Bekanntschaft noch nie gefürchtet. Bevor er sie noch weiter verwirren oder erzürnen konnte, verließ sie lieber den Raum.

Natürlich habe ich keine Angst vor ihm, dachte sie, während sie die Kittelschürze auszog und eine Winterjacke aus dem Garderobenschrank nahm. Angst vor den Gefühlen, die er in ihr erweckte, das traf eher zu.

Sie stopfte gerade die Hosensäume in die Lederstiefel, als James mit den Wagenschlüsseln klimperte und fragte: „Fertig?“

Erschrocken zuckte sie zusammen und blickte zu ihm auf. Er wirkte ungeduldig. Sicher nicht, weil er mit ihr allein sein wollte. Schließlich war er nicht in sie verliebt, wie er deutlich genug klargestellt hatte. „Ja, ich bin fertig – und neugierig zu erfahren, was das alles soll“, entgegnete sie ruhig, obwohl ihr Herz pochte.

„Ich sage es dir beim Lunch.“ Er beobachtete, wie sie sich eine schwarze Wollmütze aufsetzte, die ihr Gesicht noch blasser als gewöhnlich aussehen ließ, und dachte: Armes Mäuschen!

Sie fuhren eine halbe Meile bis zur Dorfkneipe. Die Zeit reichte nicht für Matilda, um ihre Gedanken zu ordnen. Dass James sie tatsächlich heiraten wollte, ging ihr einfach nicht in den Kopf.

Vor Jahren, bevor sie gelernt hatte, törichte Tagträume zu unterbinden, hatte sie sich häufig ausgemalt, wie er um ihre Hand anhielt: Auf einem Knie im Mondenschein, mit einem Rosenstrauß schwor er bei romantischen Klängen, dass er sie schon ewig liebte und nur auf ihre Mündigkeit gewartet hatte.

Wie sehr unterscheidet sich die Realität doch von den Träumereien eines Teenagers!

Wegen der stets ruhigen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr hatten sie die kleine Gaststube ganz für sich allein. Das Feuer in der Kaminecke war gerade erst angezündet worden, sodass es kühl im Raum war.

Matilda behielt die Jacke an. Doch während sie die Speisekarte las, nahm James ihr die Mütze vom Kopf und murmelte: „So ist es besser.“

Sie blickte ihm ins Gesicht. Er lächelte derart selbstzufrieden, dass sie schroff erklärte: „Ich habe keinen Hunger. Ich will einfach nur wissen, was hinter deinem einzigartig unromantischen Heiratsantrag steckt.“

„Wir reden darüber beim Essen, wie zivilisierte Leute. Such dir etwas Leichtes aus, wenn du keinen großen Appetit hast. Ich nehme die Lasagne.“

Nun, zivilisiertes Verhalten kann er haben, dachte sie und entschied sich für ein Krabbensandwich. Während sie auf das Essen warteten, trank sie ein Glas von dem Rotwein, den er bestellt hatte.

Als ihr ein riesiges Sandwich serviert wurde, verkrampfte sich ihr Magen. Sie kostete einen kleinen Bissen und nahm einen großen Schluck Wein dazu. Wie konnte James sich nur so genüsslich über den Berg auf seinem Teller hermachen? Ganz einfach: Er hatte keine Schmetterlinge im Bauch, seine Brust war nicht wie zugeschnürt, sein Herz pochte nicht wild vor Aufregung. Er war völlig unberührt.

Matilda legte die Gabel nieder. „Ich warne dich, James. Wenn du dich – wie ich vermute – so überstürzt verloben willst, um dich an Fiona zu rächen, dann kannst du mich dabei gleich vergessen. Such dir eine andere für deine Spielchen.“

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. „Ich habe nichts von einer Verlobung gesagt. Was hätte es für einen Sinn, wenn wir innerhalb von drei Wochen heiraten können? Und lass bitte Fiona aus dem Spiel.“

„Das geht aber nicht.“ Er war alles, was sie sich je erträumt hatte, aber sie wollte sich nicht benutzen lassen. Sie hätte es nicht ertragen, als seine Ehefrau mit ihm zu leben und zu wissen, dass er jedes Mal, wenn er mit ihr schlief, an Fiona dachte. Mit belegter Stimme fuhr sie fort: „Du hast Verliebtsein als einen ‚Zustand‘ bezeichnet, der nicht existiert. Du bist mit hinreißenden Frauen ausgegangen, solange ich denken kann, aber heiraten wolltest du nur Fiona. Demnach musst du sie lieben.“

Leise, mitfühlend sagte sie: „Ich kann mir vorstellen, wie weh sie dir getan hat, aber eine überstürzte Heirat mit einer anderen nimmt dir nicht den Kummer.“

Sie wollte tröstend seine Hand nehmen, doch er wirkte derart distanziert, dass sie es nicht wagte. Hastig leerte sie das Weinglas. „Wenn du die Sache mit Fiona erst mal überwunden hast und zur Vernunft kommst, würdest du es bereuen, eine Frau am Hals zu haben, die du nicht lieben kannst. Und ich will nicht in dem Wissen leben, nur zweite Wahl zu sein.“

„Du eignest dich nicht als Kummerkastentante, denn du weißt ja gar nicht, wovon du redest“, entgegnete James. Im Gegensatz zu ihr dachte er keineswegs an eine normale Ehe.

Er füllte ihr Weinglas auf und erklärte: „In Anbetracht meines Lebensstils habe ich beschlossen, dass ich eine Ehefrau brauche. Fiona schien hervorragend geeignet. Schön anzusehen …“, ganz zu schweigen von ihrem Einfallsreichtum im Bett, dachte Matilda, während James fortfuhr: … und eine vollendete Gastgeberin. Das ist sehr wichtig für mich. Du weißt ja, dass ich Mrs. Briggs zusammen mit dem Haus von meinem Vater geerbt habe. Sie wird bald in den Ruhestand treten. Die alltägliche Haushaltsführung schafft sie zwar gerade noch, aber mit der Ausrichtung von Dinnerpartys für meine Geschäftsfreunde und deren Frauen ist sie einfach überfordert. Also scheint eine Heirat das Gegebene. Aber mit Fiona hat es nun mal nicht geklappt. Okay, es hat mich ein bisschen verbittert und von Frauen abgebracht. Deswegen schlage ich dir eine sogenannte Vernunftehe vor, die selbstverständlich nur auf dem Papier besteht.“

Der winzige Funken Hoffnung, dass er mit der Zeit lernen könnte, ihre Liebe zu erwidern, erlosch abrupt. Matilda lächelte ihn kühl an. „Du kannst ja jemanden engagieren – zum Beispiel eine gute Cateringfirma, die deine vornehmen Dinnerpartys mir nichts, dir nichts organisiert. Und bestimmt kannst du das eine oder andere von diesen süßen jungen Dingern, die dich umschwärmen wie Bienen den Honigtopf, überreden, als deine Gastgeberin zu fungieren. Du brauchst keine Ehefrau.“

„Eine Ehefrau soll der Abschreckung dienen – um die Schwärme vom Honigtopf fernzuhalten. Ich bin nicht mehr an Frauen interessiert“, sagte James matt.

Offensichtlich liebte er Fiona doch noch, und die Trennung traf ihn doppelt hart, weil er sich sicherlich zum ersten Mal einen Korb eingehandelt hatte. Er sah wirklich mitgenommen aus, hatte Schatten unter den Augen und scharfe Linien um den Mund.

Matilda wollte ihm den Kummer nehmen und wusste doch, dass sie es nicht vermochte. Forsch erklärte sie: „Ich kann verstehen, dass du momentan so empfindest. Aber glaub mir, das wird nicht anhalten. Die Frauen werfen sich dir an den Hals, und irgendwann gerätst du wieder in Versuchung. Schließlich bist du ein sinnlicher Mensch.“

Er schluckte schwer und unterdrückte ein Lächeln. Es klang fast, als wüsste sie, wovon sie redete. Aber was verstand sie schon von Fleischeslust? Rein gar nichts. „Wenn wir heiraten, werde ich nicht fremdgehen. Darauf gebe ich dir mein Wort.“

Auf sein Wort war Verlass. Sie wusste, dass er niemals ein Versprechen brach. Und doch war es undenkbar, seinen Antrag anzunehmen. Erneut nippte sie an ihrem Weinglas. „Du hast die Sache nicht durchdacht. Du willst doch bestimmt irgendwann Kinder.“

James schenkte ihr den restlichen Wein aus der Karaffe ein. „Als ich zehn Jahre alt war, wurde mir klar, dass ich für meine Eltern nichts weiter als eine Last war. Ich forderte Dinge, die sie mir nicht geben konnten: Zeit, Beachtung, Rücksicht, Liebe. Ich wurde ins Internat gesteckt – aus den Augen, aus dem Sinn. In den Ferien waren Angestellte da, die für mein leibliches Wohl sorgten. Von meinen Kümmernissen und Ängsten, Freuden und Triumphen wollten meine Eltern nichts wissen. Und deshalb will ich keine Kinder. Ich bin nicht sicher, ob ich mich ihnen so widmen könnte, wie sie es verdienen. Meine Eltern waren nicht an ihrem Nachwuchs interessiert, und den Naturgesetzen zufolge habe ich deren Gene geerbt.“ Er zuckte die Schultern. „Ich will es nicht riskieren.“

„Oh“, murmelte sie betroffen. Diese Umstände erklärten seine distanzierte Art, seine Aura der Unberührbarkeit wie den Eindruck, dass er die Ereignisse wie auch die Menschen um sich herum stets unter Kontrolle halten wollte. Sie hätte seine Eltern am liebsten erwürgt, doch sie waren schon vor Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen.

Sie wollte ihm sagen, dass sie ihm all die Liebe geben konnte, die seine Eltern ihm versagt hatten, und jedes Kind von ihm wie den kostbarsten Schatz auf der Welt umhegen würde. Aber sie wusste, dass er das Angebot abgelehnt hätte. Also murmelte sie sanft: „Von deiner unglücklichen Kindheit habe ich nichts gewusst. Allem Anschein nach bist du immer gut mit deinen Eltern ausgekommen.“

„Bei den seltenen Zusammenkünften sind wir stets höflich miteinander umgegangen“, räumte er ein. „Ich habe mich schon als Kind damit abgefunden und gelernt, das Herz nicht auf der Zunge zu tragen.“ Er blickte zur Uhr und zog die dunklen Brauen zusammen. „Aber es geht nicht um mich. Ich erkläre dir nur, warum ich keine Kinder will.“

„Und Fiona war glücklich damit?“ Matilda hatte natürlich nicht vergessen, dass er nicht über seine Ex reden wollte. Doch der Wein hatte ihr die Zunge gelöst. „Na ja, ich nehme an, sie will sich die tolle Figur nicht durch eine Schwangerschaft verderben und ihre schicken Designer-Outfits nicht mit Babyspucke ruinieren.“

Mich hat er gar nicht erst gefragt, ob ich Kinder will, dachte sie pikiert. Er nahm überhaupt keine Rücksicht auf ihre Gefühle. Vielleicht glaubte er, dass sie genau wie er keine hegte. „Was habe ich davon, wenn ich deinen Vorschlag annehme – abgesehen von dem Stress, Dinnerpartys veranstalten zu müssen?“, wollte sie schroff wissen. Allmählich bereute sie den Alkoholgenuss, der sie sentimental machte. Schon spürte sie einen dicken Kloß in der Kehle, und es war zu befürchten, dass sie ihre tiefsten Empfindungen preisgab.

James stützte die Ellbogen auf den Tisch. Sein Blick wurde wärmer. „Ich habe alles gut durchdacht. Es ist eine zufriedenstellende Regelung für uns beide. Die Rolle der Gastgeberin bereitet dir sicher keine Probleme. Wir kommen gut miteinander aus. Ich habe großen Respekt vor deiner Intelligenz, Arbeitsmoral und Integrität. Du bist zum Glück keine Träumerin und sehr angenehm im Umgang. Wir sind ein gutes Team. Und was du von der Regelung hast …“

Er lächelte charmant und raubte ihr damit den Atem. „Du bekommst meinen guten Namen, meinen Schutz und die Zusicherung, dass dein Beruf immer über deinen Pflichten als Ehefrau steht. Ich weiß schließlich, wie viel dir deine Arbeit bedeutet. Du bekommst ein elegantes Zuhause in einem der begehrtesten Viertel von London.“

„Du stellst mich hin wie eine streunende Hündin, die einen Unterschlupf braucht!“, zischte Matilda empört.

Er seufzte. „Damit kommst du der Wahrheit näher, als du ahnst. Dein Vater hat es dir zwar noch nicht gesagt, aber er ist fest entschlossen, das Haus zu verkaufen und mit Mrs. Flax eine Stadtwohnung zu beziehen. Und er will in den Ruhestand treten und dir seine Geschäftsanteile übertragen. Wenn wir heiraten, hast du ein Zuhause, und die Firma bleibt in der Familie.“

Anstatt wie erwartet anzuerkennen, dass seine Ausführungen durchaus Sinn ergaben, blickte sie ihn in stummer Bestürzung an.

Sanft fragte er: „Was für Probleme hast du denn damit? Machen wir uns doch nichts vor, Mattie. Du bist fünfundzwanzig und hattest noch nie eine Beziehung, soweit ich weiß. Hättest du Ambitionen in Richtung Ehemann und Kinder, hättest du längst etwas unternommen. Du wärst ausgegangen, hättest dich mehr um deine Kleidung gekümmert und all das getan, was eine Frau so tut mit ihren Haaren und ihrem Gesicht. Und was spricht abgesehen davon denn dagegen, dass zwei Menschen, die einander mögen und respektieren, sich zusammentun und eine erfolgreiche Partnerschaft gründen?“

Mit großen Augen starrte sie ihn an. Sie fühlte sich, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Plötzlich erschien ihr eine Heirat mit James als der einzige Fels, an den sie sich klammern konnte. Vergessen war in diesem Moment sein Bestreben, durch eine Ehe mit ihr die bisherigen Firmenanteile ihres Vaters von fünfzig Prozent zu kontrollieren. Vergessen war die Tatsache, dass er sie nicht liebte. Damit konnte sie umgehen. Darin hatte sie viel Übung.

Was sie jedoch nicht verkraften konnte, war dieses Gefühl, von ihrem Vater verraten worden zu sein. Sie hatte geglaubt, dass zumindest er ihren Wert anerkannte, ihre Meinung schätzte. Aber er hatte es nicht für nötig befunden, sie bei seinen tief greifenden Entscheidungen zu konsultieren. Das tat wirklich weh.

Schon in ganz jungen Jahren hatte sie erfahren, dass sie mit ihrem dünnen Haar, dem unansehnlichen Gesicht und mageren Körper eine herbe Enttäuschung für ihre Mutter war. Alle Bemühungen, das hässliche Entlein in einen schönen Schwan zu verwandeln, waren kläglich gescheitert.

Und so hatte die Mutter die Existenz der Tochter vergessen, sobald ihr wundervoller Sohn zur Welt gekommen war. Über seinen frühen Tod an Meningitis war sie nie hinweggekommen. Sie hatte ihre Tochter und ihren Ehemann völlig aus ihrem Leben ausgeschlossen und schließlich verlassen.

Aber Matilda hatte herausgefunden, wie sie sich den Stolz ihres Vaters sichern konnte: durch gute Schulnoten. Sie hatte gelernt, sich ganz auf ihre Studien zu konzentrieren.

Doch nun erkannte sie, dass sie sich gewaltig getäuscht haben musste. Offensichtlich war er gar nicht stolz auf sie und schätzte sie eigentlich gar nicht. Denn sonst hätte er solch lebensverändernde Entscheidungen mit ihr abgesprochen.

Mit weichen Knien stand sie auf. Der Anblick des kaum angerührten Essens und des fast leeren Weinglases rief einen Anflug von Übelkeit hervor. „Ich nehme dein Angebot an, James. Lass mich nur Ort und Datum wissen, und ich werde da sein.“

3. KAPITEL

In der schneidenden Januarluft zitterte Matilda ebenso vor Anspannung wie vor Kälte. Sie vergrub die Hände in den Taschen ihrer Jacke – von keinem Geringeren als Armani aus bernsteinfarbener Seide kreiert.

Was wird mein Vater dazu sagen, dass ich so aufgestylt bin?

Mussmutig blickte sie zu der Anzeigetafel auf dem zugigen Bahnsteig. Sein Zug hatte Verspätung. Nach einer Woche in London hatte er am vergangenen Abend angerufen und sie gebeten, ihn am Bahnhof abzuholen, da Mrs. Flax noch immer im Urlaub war.

Die Fahrt nach Lewes war wie ein Albtraum für Matilda gewesen. Sie hasste es, bei Nacht zu fahren, weil sie wegen ihrer Sehschwäche stark von entgegenkommenden Fahrzeugen geblendet wurde. Und die Befürchtung, dass ihr Vater ihr neues Aussehen verurteilte, hatte ihre Nervosität nur noch verstärkt.

Wird er mir vorwerfen, dass ich aus einem Ackergaul ein Rennpferd zu machen versuche? Wird er mich als mitleiderregend bezeichnen, als billig oder sogar lächerlich?

Nicht, dass die Meinung ihres Vaters besonders viel bedeutete, aber sie konnte als Hinweis auf James’ zu erwartende Reaktion dienen.

Und das ganze Dilemma war Dawns Schuld. Sie war in der vergangenen Woche aufgetaucht und hatte entschieden erklärt: „Wir müssen dich dringend aufmotzen. Es sind nur noch zehn Tage bis zur Hochzeit, und ich wette, du hast nicht einen Gedanken daran verschwendet, was du anziehen willst. Wo ist dein Vater?“

„In der Stadt.“

„Gut. Dann müssen wir ja keine Zeit mit Erklärungen verschwenden. Du brauchst dir nur deine Kreditkarten zu schnappen und das Haus abzuschließen. Also, auf nach London!“

„Du bist ja verrückt!“

„Nein. Ich bin deine gute Fee. Ich lasse dich umstylen, und du wirst es mir ewig danken. Und wenn nicht, wird es zumindest James gefallen.“

Bestimmt nicht. Er hat mich ausgesucht, weil ich nett im Umgang bin – keine Träumerin, sondern eine graue Maus.

„Er hat mich so erwählt, wie ich bin“, hatte Matilda schroff entgegnet. „Mit allen Fehlern und Mängeln.“

„Aber deine Verwandlung wird für ihn das Tüpfelchen auf dem i. Ich habe dir immer gesagt, dass du umwerfend aussehen kannst, wenn du dich nicht länger wie deine eigene Großmutter kleidest. Und jetzt will ich beweisen, dass ich recht damit habe.“

Im Stillen hatte Matilda sich erinnert, wie ihre Mutter sie wieder einmal in ein Rüschenkleid steckte, ihr Schleifen ins Haar band und dann verärgert erklärte: „Ich weiß gar nicht, warum ich mir solche Mühe mit dir gebe! Steh gerade, Kind, und hör auf zu schmollen! Warum kannst du nicht ein bisschen mehr wie deine Freundin Dawn sein? Ich weiß nicht, woher du dieses hässliche Aussehen hast – bestimmt nicht von meinem Zweig der Familie.“

Zum ersten Mal war Matilda in einem Anfall von Trotz der Versuchung erlegen, die Behauptungen über ihre unabänderliche Hässlichkeit zu widerlegen.

Frohen Mutes war sie nach drei Tagen in London mit Unmengen von extravaganten Kleidern und teuren Schminkutensilien, neuem Haarschnitt und beträchtlichem Loch im Geldbeutel nach Hause zurückgekehrt.

Doch nun, ohne Dawns Enthusiasmus, Energie und Überzeugungskraft, hegte Matilda widerstreitende Gefühle und zweifelte ernsthaft an der Weisheit ihres Handelns.

Zugegeben, ihr Haar – zu einem kinnlangen Bob geschnitten und mit glänzenden Strähnchen in kräftigem Kupfer durchzogen – sah nun wesentlich besser und gesünder aus. Aber von der Kleidung, zu deren Kauf sie sich hatte drängen lassen, war sie ganz und gar nicht überzeugt.

Sie fühlte sich nicht mehr wie sie selbst. James wollte eine stille, unauffällige Frau, die ihn in seiner Rolle als Gastgeber unterstützte und andere Frauen abschreckte, von denen er nach dem Fiasko mit Fiona nichts mehr wissen wollte. Sagte er nun womöglich die Hochzeit ab, weil eine modisch gestylte Frau nicht mehr seinen Wünschen entsprach?

Matilda blickte an sich hinab, musterte zweifelnd die enge Hose aus cremefarbenem butterweichem Leder und die hochhackigen Stiefeletten, die ihre Beine lang und wohlgeformt aussehen ließen. Sie fröstelte.

Wäre es denn so schlimm, wenn er die Hochzeit absagt?

Wahrscheinlich war ihre Enttäuschung darüber, dass ihr Vater ihr seine Zukunftspläne verheimlichte, hoffnungslos übertrieben. Sollte sie deswegen wirklich ihr künftiges Glück aufs Spiel setzen, indem sie einer Beziehung mit einem Mann zustimmte, der sie niemals lieben konnte?

Als der Zug schließlich einlief und Edward ausstieg, straffte sie die Schultern. Er war schon fast an ihr vorbeigegangen, als sie ihn am Arm festhielt und mit ungewöhnlicher Schärfe sagte: „Du hättest mich ruhig anrufen und mir sagen können, dass du eine ganze Stunde Verspätung hast.“

Ohne auf ihren vorwurfsvollen Ton einzugehen, musterte er sie mit aufgerissenen Augen. „Mattie? Großer Gott, ich habe dich gar nicht erkannt! Was hast du denn mit dir angestellt?“

Das verheißt nichts Gutes. Was, wenn James auch so schockiert reagiert?

Kritisch musterte Edward sie in der grellen Bahnsteigbeleuchtung. „Es sieht dir gar nicht ähnlich, so helle Farben zu tragen. Du kommst mir vor wie eine Fremde. Diese ausgefallene Aufmachung stammt doch bestimmt nicht aus einem der hiesigen Geschäfte.“

„Stimmt. Dawn und ich waren für ein paar Tage in London“, erklärte sie steif.

Er lächelte. „Ich dachte mir doch, dass sie dahintersteckt. Sie hat sich schon immer sehr auffällig gekleidet. Aber sie ist ja auch durchaus hübsch dabei. Übrigens gefallen mir deine Haare. Du hast sie abschneiden lassen, oder?“ Er setzte sich in Bewegung. „Lass uns gehen. Es ist verdammt kalt, wenn man hier draußen herumsteht.“

„Wem sagst du das!“, murrte Matilda und dachte: Aha, helle Farben darf man also nur tragen, wenn man hübsch ist! Der zarte Glaube an ihre neue Erscheinung, die ebenso auf einem Besuch in einem erstklassigen Schönheitssalon wie auf der Designerkleidung beruhte, schwand rasch dahin. Schroff sagte sie: „Wenn du nicht als Unfallopfer in die Statistik eingehen willst, solltest du selbst fahren.“

Zum Glück war Edward nur zu gern bereit, das Steuer zu übernehmen, und sie sank auf den Beifahrersitz und vertiefte sich in düstere Gedanken.

Der Trip nach London erwies sich nun als teure Verschwendung. Sie hätte sich nicht überreden lassen dürfen, sich in eine andere Person zu verwandeln. Am Vvernünftigsten war es wohl, die neuen Kleider ganz nach hinten in den Schrank zu stopfen und wieder die schlichten bequemen Sachen zu tragen, in denen sie sich so wohlfühlte. Und als Nächstes, noch an diesem Abend, wollte sie James anrufen und die Hochzeit absagen. Inzwischen verstand sie gar nicht mehr, was sie überhaupt veranlasst hatte, den kaltblütigen Antrag anzunehmen.

Aber eigentlich wusste sie es doch. Der Hauptgrund war, dass ihr Vater zwar James in seine Zukunftspläne eingeweiht, sie aber dabei völlig ignoriert hatte, als existierte sie für ihn überhaupt nicht.

Sein Verhalten hatte das Gefühl der Unzulänglichkeit und Verlassenheit aufleben lassen, das entstanden war, als ihre Mutter vor all den Jahren fortgegangen war, um sich nie wieder zu melden. Dagegen war ihr eine Ehe mit James, selbst wenn sie nur auf dem Papier bestand, wie ein sicherer Hafen erschienen.

Doch sie kam durchaus allein zurecht und konnte sich ein eigenes Leben aufbauen. Mit ihren Qualifikationen würde sie sehr leicht eine Anstellung finden als Lehrerin für Englisch oder Spanisch, Französisch oder Italienisch. Sie war nicht das hoffnungslos schwache und untaugliche Wesen, für das alle sie zu halten schienen.

Ungeduldig wartete Matilda im Foyer auf ihren Vater, während er das Auto in die Garage fuhr. Sobald er das Haus betrat, konstatierte sie tonlos: „Ich glaube, du hast mir etwas zu sagen.“

„Habe ich das?“

„Ich denke ja.“ Sie war fest entschlossen, diese Sache zu klären, bevor sie die Hochzeit absagte. „Rücktritt, Übertragung der Geschäftsanteile an mich, Stadtwohnung für dich und Emily … Klingelt es da vielleicht bei dir?“

„Aha.“ Seine Miene kündete von Unbehagen. „James hat es dir also erzählt. Ich wollte es dir sagen …“

„Wann denn? Wenn die neuen Besitzer hier einziehen und dir wieder einfällt, dass ich existiere und nicht wie ein unerwünschtes Möbelstück zurückgelassen werden kann?“

„So ist es doch gar nicht!“ Nie zuvor hatte Edward erlebt, dass sie sich ihm gegenüber derart auflehnte. Ihr Verhalten verblüffte ihn noch mehr als ihre veränderte Erscheinung. „Lass uns in die Küche gehen und eine heiße Schokolade trinken. Dabei erkläre ich dir alles. Ich möchte heute früh ins Bett.“

Schweigend ging Matilda voraus und holte eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank. Ihr war nach einem kräftigeren Schlummertrunk als der allabendlichen heißen Schokolade zumute.

Kommentarlos bereitete Edward sich sein Getränk zu. Dann setzte er sich zu seiner Tochter an den Küchentisch und eröffnete: „Ich hatte nicht vor, dich aus meinen Plänen auszuschließen.“

Streitlustig blickte sie ihn über den Rand ihres Glases an. „Warum hast du es dann getan?“ Ihr fiel auf, dass er sehr müde aussah. „Bist du fest entschlossen umzuziehen?“

„Ja, aber erst seit achtundvierzig Stunden, als ich die ideale Wohnung gefunden habe. Da mir mein Arzt geraten hat, es ruhiger angehen zu lassen …“ Er sah Angst in ihren Augen aufblitzen und erklärte hastig: „Kein Grund zur Sorge. Es ist nur der Blutdruck. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. James ist durchaus fähig, die Geschäfte ohne mich zu führen. Ich könnte ihm meine Anteile verkaufen, aber mir ist es lieber, wenn sie an dich gehen und somit in der Familie bleiben. Natürlich musste ich die Angelegenheit mit ihm besprechen. Das leuchtet dir doch sicher ein, oder?“

Als Matilda sich nicht dazu äußerte, seufzte er und fuhr fort: „Und dieser riesige Schuppen … Wir drei geistern schon zu lange hier herum. Eine Wohnung ist für Emily leichter zu bewältigen, und in London sind wir den angenehmen Dingen des Lebens näher. Wir haben einige gemeinsame Interessen – Theater, Museen, italienische Restaurants und so weiter. Und du hättest auch ein geselligeres Leben. Du verbringst zu viel Zeit allein in diesem Haus.“

Sie schwieg weiterhin.

„Diese vagen Ideen wurden erst konkret, als ich von deinen Hochzeitsplänen erfuhr. Also bin ich in London auf Wohnungssuche gegangen und habe mich mit dem Firmenanwalt wegen der Überschreibung meiner Anteile auf dich beraten.“ Er lächelte sie an. „Ich habe dir bisher nichts davon gesagt, weil noch nichts definitiv war – nicht, weil ich dich übergehen wollte. Du bist nicht gerade sehr praktisch veranlagt. Ich wollte nicht, dass du unnötig in Aufregung gerätst.“

„Du dachtest, dass ich wie ein kopfloses Huhn herumrenne“, bemerkte sie trocken. Gewiss war es zum Teil berechtigt, dass alle eine wenig schmeichelhafte Meinung von ihr hegten. Doch das sollte sich nun ändern.

Sie schenkte sich Wein nach und schickte sich an, ihrem Vater zu eröffnen, dass sie vorhatte, die Hochzeit abzusagen. Doch dann überlegte sie es sich anders. James musste als Erster von ihrer Entscheidung erfahren. So viel war sie ihm schuldig. „Du hast also eine passende Wohnung für dich – und Emily – gefunden?“

Unwillkürlich fragte sie sich, ob womöglich mehr dahintersteckte, als sie bisher geahnt hatte. Emily lebte schon seit ewigen Zeiten im Haus. Sie war sehr tüchtig, freundlich und fürsorglich, einige Jahre jünger als Edward und noch immer recht hübsch. Und er hatte es nach all den dunklen Jahren der Einsamkeit verdient, mit ihr glücklich zu werden.

„Ja. Etwa zehn Minuten zu Fuß von James’ Haus. Wir werden uns also nach eurer Heirat leicht besuchen können. Habt ihr euch oft gesehen, während du mit Dawn in London warst?“

„Nein.“ Matilda hatte James seit seinem Heiratsantrag gar nicht gesehen. Vermutlich wusste er nicht einmal, dass sie die letzten Tage außer Haus verbracht hatte.

Mit gerunzelter Stirn eröffnete Edward: „Ich muss schon sagen, dass es mich sehr gefreut hat, von euren Heiratsplänen zu erfahren. Jeder Vater möchte seine Tochter und ihr Glück wohl gern in die Obhut eines Mannes geben, dem er bedingungslos vertraut. Aber immerhin war er bis vor Kurzem mit dieser schrecklichen Fiona verlobt. Bist du sicher, dass er dich glücklich machen kann?“

Er könnte mich zur glücklichsten Frau auf der Welt machen, dachte sie. Aber da er sie nicht liebte, bestand eher die Gefahr, dass es sie unsäglich unglücklich machte, seinen Ring am Finger zu tragen. Das hatte sie inzwischen erkannt. „Lass das nur meine Sorge sein“, erwiderte sie ausweichend. „Zieh dich jetzt lieber zurück. Du wolltest doch früh schlafen gehen, und es ist schon nach zehn.“

Sie brauchte Zeit für sich allein, um ihren Entschluss zu stärken, bevor sie James mitteilte, dass eine Eheschließung für beide Seiten falsch war. Schließlich war er ein gesunder Mann mit normalen Bedürfnissen. Es war vorprogrammiert, dass ihm früher oder später eine begehrenswerte Frau begegnete, die ihn die zynische Behauptung, er habe der Liebe und dem Sex endgültig abgeschworen, einfach vergessen ließ. Und wenn er dann der Versuchung nachgab, musste er unweigerlich unter Schuldgefühlen leiden, da er ein durch und durch ehrenwerter Mann war.

Von meinem eigenen Kummer ganz zu schweigen.

Matilda war derart in Gedanken vertieft, dass sie ihren Vater kaum Gute Nacht sagen hörte und ihm ganz zerstreut antwortete. Es war an der Zeit, in den sauren Apfel zu beißen und die Hoffnung aufzugeben, dass James sie eines Tages lieben lernen könnte.

Auf dem Weg durch das Foyer zog sie sich die Seidenjacke aus, denn bei dem Gedanken an das bevorstehende Telefongespräch mit ihm wurde ihr heiß. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und alles in ihr verkrampfte sich.

Gerade wollte sie das Arbeitszimmer betreten, als sich die Haustür öffnete und James rief: „Du bist ja doch hier! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Warum hast du meine Anrufe nicht beantwortet?“

Matilda war erschrocken herumgewirbelt und starrte ihn stumm an. Wie er so in der noch offenen Haustür stand, die Finsternis der Nacht als Hintergrund, sah er geheimnisvoll und faszinierend aus. Wie konnte sie die Hochzeit absagen, wenn sie ihn mit jeder Faser ihres Seins begehrte und anbetete? Und doch wusste sie, dass sie es tun musste.

Verwundert musterte er ihr Gesicht und dann ihren Körper – die kecken Brüste, deren Rundungen sich deutlich unter dem engen Top abzeichneten, die schmale Taille und die wohlgerundeten Hüften, die schlanken Beine in dem weichen Leder.

Es schien, als hätte er sie nie zuvor gesehen, als wäre er völlig fasziniert von ihrer Erscheinung und ihr Anblick ein einzigartiger Genuss. Seine Miene verriet, dass er ihre Verwandlung weder schockierend noch mitleiderregend noch lächerlich fand.

Zum allerersten Mal betrachtete er sie wie eine richtige Frau, wie ein begehrenswertes Wesen.

Matilda konnte ihm unmöglich einen Korb geben. Wie war sie überhaupt auf eine derart verrückte Idee gekommen? Sein Blick erschien ihr wie die zärtliche Berührung eines Geliebten, ließ ihre Haut prickeln und ihr Herz höher schlagen. Sein unverkennbares sexuelles Interesse an ihr war ein hoffnungsvoller Auftakt. Vielleicht würde er sie mit der Zeit sogar lieben lernen.

Ohne den Blick von ihr zu lösen, stieß James die Tür hinter sich zu und verbannte damit die nächtliche Finsternis. Derart schick gekleidet, schlank und doch verführerisch wohlgerundet, wirkte Matilda wie eine Offenbarung – eben ganz Frau. Die Sorge um ihr Wohlergehen, die ihn so spät an diesem Abend herführte, verwandelte sich in ein wesentlich stärkeres Empfinden, das er nicht zu benennen vermochte.

„Also, wo hast du gesteckt?“ Seine Stimme klang barsch und vorwurfsvoll, da er in den vergangenen Tagen mehrmals vergeblich versucht hatte, sie telefonisch zu erreichen. In wahren Horrorvisionen hatte er sich die schwersten Erkrankungen und schlimmsten Unfälle ausgemalt, während sie – ihrem Aussehen nach zu urteilen – sich in der Großstadt vergnügt hatte.

Matilda hätte am liebsten einen Jubelschrei ausgestoßen. Er klang wie ein argwöhnischer, ja sogar ein eifersüchtiger Ehemann! Sie schenkte ihm ein verhaltenes Lächeln mit halb gesenkten Augenlidern.

Sein Herzschlag beschleunigte sich angesichts dieses Lächelns. Bronzefarbener Lippenstift ließ ihre hübschen Zähne strahlend weiß leuchten und ihren vollen Mund sehr einladend wirken. James trat näher. „Ich habe dir mehrere Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, aber du hast nicht reagiert. Heute Abend habe ich es wieder vergeblich versucht. Ich bin hergekommen, weil ich mir Sorgen gemacht habe. Also, wo hast du gesteckt?“

Im Stillen freute sie sich über seinen Verdruss. In all den Jahren ihrer Bekanntschaft hatte er ihr nie mehr als brüderliche Zuneigung entgegengebracht. Ihr Herz schlug höher in der Gewissheit, dass James sie nun – dank Dawns Beharrlichkeit – zum ersten Mal als richtige Frau betrachtete. Das war eine solide Basis, auf der sie aufbauen konnte, wenn sie nur geduldig und clever genug vorging. Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich wundervoll frei und unverwundbar.

Besänftigend erklärte sie: „Als du heute Abend angerufen hast, war ich wahrscheinlich gerade unterwegs zum Bahnhof, um Dad abzuholen. Und vorher war ich mit Dawn in London und habe für meine Aussteuer eingekauft. Ich habe den Anrufbeantworter noch gar nicht abgehört. Tut mir leid, dass du dir Sorgen gemacht hast. Wie du siehst, war kein Grund dafür vorhanden. Jetzt komm mit in die Küche. Ich mache dir etwas zu essen, und dann kannst du hier übernachten. Du willst heute bestimmt nicht mehr in die Stadt zurückfahren.“

Er folgte ihr in die Küche, den Blick unverwandt auf ihren hübschen kleinen Po in dem butterweichen Leder geheftet. Wie und wann hatte sich seine alte Freundin von einer geschlechtslosen grauen Maus in eine überwältigend erotische Frau verwandelt, die bei jedem Mann einen kräftigen Hormonstoß auslöste?

Die behagliche Vernunftehe, die er ihr angeboten hatte, erschien ihm plötzlich kaum noch praktikabel. Doch Matilda erwartete nichts anderes, und wenn er die Sache nicht ganz abblasen wollte, musste er sich wohl daran halten.

So schwer kann es wiederum auch nicht werden, redete er sich ein, als er sich an den Küchentisch setzte und beobachtete, wie sie Eier für ein Omelett aufschlug. Schließlich hatte er den Frauen allesamt abgeschworen.

Außerdem hatte ihre Freundin sie gewiss dazu verleitet, sich diese neue Kleidung anzuschaffen und dadurch die bisher ungeahnte Tatsache zu enthüllen, dass sie einen wundervollen Körper besaß – schlank, aber mit perfekten Proportionen. Und Matilda hatte sich lediglich gefügt, weil niemand erfahren sollte, dass die bevorstehende Ehe nur zum Schein war.

Sobald sie in seinem Haus wohnte, verwandelte sie sich sicherlich zurück in ihr altes Selbst. Ohne Druck von Dawn vergrub sie die Nase bestimmt wieder in den Büchern und versteckte den Körper wie früher unter den unförmigen farblosen Sachen.

Bald wird alles wieder wie bisher sein, dachte James zuversichtlich.

4. KAPITEL

„Wie wir unsere Ehe führen, geht niemanden etwas an außer uns beiden“, erklärte James vorwurfsvoll.

„Das weiß ich.“ Matilda lächelte ihn beschwichtigend an, während sie die silbernen Deckel von den Schüsseln auf dem Servierwagen nahm. „Aber denk doch mal nach. Mrs. Briggs ist gewiss ein Schatz, diskret und sehr loyal, aber sie ist auch nur ein Mensch. Ich habe es geschafft, sie wegen unserer getrennten Schlafzimmer zu beruhigen. Ich habe behauptet, das wäre die moderne Art, und sie hat es geschluckt. Aber dann verbringst du den ganzen Tag im Büro – den ersten Tag nach unserer Hochzeit! Das ist ihr sehr seltsam vorgekommen. Was sollte ich also tun?“

An diesem Abend waren ihre Lippen leuchtend rot geschminkt und luden förmlich zu leidenschaftlichen Küssen ein. James strich mit einem Finger am Kragen seines schneeweißen Leinenhemdes entlang. War die Zentralheizung zu hoch eingestellt, oder hatte er sich eine Krankheit zugezogen? Wie einen ernsten Fall von Lust?

„Ich habe ihr erklärt, wie leid es dir tut, dass du wegen eines unvorhergesehenen Zwischenfalls ins Büro musstest. Außerdem hab ich sie gebeten, das Dinner vorzubereiten, und ihr für den restlichen Abend freigegeben. Dann habe ich dafür gesorgt, dass sie mich in dieser Aufmachung sieht.“

Sie trug einen durchscheinenden Hauch von einem Kleid in Schwarz, das die perfekt gerundeten Brüste umhüllte, die schmale Taille betonte und in einem schmeichelnden Saum kurz oberhalb der Knie endete.

Erstaunlich hübsche Knie, durchfuhr es ihn.

„Sie glaubt also, dass wir ein romantisches Dinner zu zweit einnehmen und auf keinen Fall gestört werden möchten“, erklärte Matilda mit einem kehligen Lachen, das sein Herz pochen ließ. „Damit dürfte ihr Verdacht über unsere Ehe ausgeräumt sein. Wie gesagt, sie ist auch nur ein Mensch und ebenso anfällig für Spekulationen und Tratsch wie jeder andere.“

Sie trug die Schüsseln vom Servierwagen zum Tisch, der in der Fensternische stimmungsvoll gedeckt war. Glänzendes Silber, funkelndes Kristall, eine Vase mit lieblich duftenden Freesien, flackernde Kerzen – kurzum: Alles, was zu einem romantischen Dinner gehört, war vorhanden.

Sie bewegte sich wundervoll. Graziös und aufreizend. War ihre Sinnlichkeit erwacht, seit ihr Körper von der langweiligen Kleidung befreit war? Oder hatte James ihre Anmut bisher nur übersehen?

„Wir wollen doch nicht, dass die Leute über uns und unsere Ehe tratschen, oder?“, fragte sie ernst. „Uns mag die Regelung perfekt passen, aber wenn bekannt oder auch nur geargwöhnt wird, dass die Ehe bloß auf dem Papier besteht, hast du keinen Schutz mehr vor den Frauen, die sich dir scharenweise an den Hals werfen. Und ich will nicht verspottet werden, weil ich mit einem Mann verheiratet bin, der mich überhaupt nicht begehrt.“

Ungehalten fragte er sich, wie sie auf die Idee kam, dass er sie nicht begehrte. Wollte sie sich über ihn lustig machen oder ihn anstacheln? Welcher Mann hätte sie nicht begehrt in dieser reizvollen Aufmachung! Er malte sich aus, die schmalen Träger von den zarten Schultern zu schieben, den hauchdünnen Stoff von den Brüsten zu entfernen, den Kopf zu senken und …

Mit zusammengebissenen Zähnen verdrängte er diesen gefährlichen Gedankengang und zwang sich, ihr ins Gesicht zu blicken und tief durchzuatmen.

In den goldbraunen Augen, die wie eh und je groß, vertrauensvoll und unschuldig blickten, war kein Spott zu erkennen und kein Anzeichen dafür, dass sie ihn anzustacheln versuchte. Sie ahnte nichts von der erregenden Wirkung, die sie auf ihn ausübte; und dass sie nicht zum Gespött der Leute werden wollte, war durchaus verständlich.

„Dann lass uns essen“, schlug James gespielt gelassen vor. Er durchquerte seinen vornehm eingerichteten Salon und trat an den Tisch, an dem Matilda sich gerade in aufreizender Weise eine Weinflasche an den wundervollen Busen klemmte, während sie mit dem Korken kämpfte.

Irgendwie muss ich ihr klarmachen, wie Männer ticken, durchfuhr es ihn. Auf schonende Weise natürlich, denn in sexuellen Dingen war sie noch völlig unbedarft. Oder benahm sie sich etwa ganz bewusst so verführerisch?

„Würdest du bitte den Wein öffnen? Irgendwie geht es bei mir immer schief.“ Sie blickte ihn mit großen Augen arglos an.

Seine Miene besänftigte sich. Sie war noch immer das unsichere, nicht gerade praktisch veranlagte Mäuschen, das er im Laufe der Jahre lieb gewonnen hatte. Wie kam er nur auf die Idee, dass sie sich plötzlich in einen sexy Vamp verwandelt haben könnte?

„Natürlich.“ Er griff nach der Flasche, und dabei streiften seine Finger die Unterseite einer perfekt geformten Brust. Die Berührung mit der festen warmen Rundung unter dem dünnen Stoff sandte tiefe Schauer durch seinen ganzen Körper.

Seine Hände zitterten, als er den Korken entfernte. Wenn sie die Art von Ehe beibehalten wollten, die ihr so perfekt zusagte, wie sie gerade erst bekräftigt hatte, dann konnte er die geplante Erklärung nicht früh genug abgeben.

Sie tat Fasan in Rotweinsoße auf die Teller. „Gemüse?“, fragte sie mit einem kleinen Lächeln, während sie den Servierlöffel über einer Schüssel Brokkoli schweben ließ.

Er nickte knapp und schenkte Wein ein. Warum war ihm nie das bezaubernde Grübchen in ihrer Wange aufgefallen? Weil du sie nie richtig angeschaut hast, antwortete er sich im Stillen. Er hatte ihr – früheres – Äußeres einfach hingenommen wie die Form eines alten Möbelstücks, das seit Jahren im Haus herumstand.

„Mrs. Briggs ist eine wundervolle Köchin“, sagte Matilda, als sie sich setzten. „Aber wie du schon gesagt hast, sie wird allmählich schwerfällig. Und ich bin ein hoffnungsloser Fall. Also ist es wohl am besten, wenn ich für deine groß angelegten Dinnerpartys einige Cateringfirmen unter die Lupe nehme. Die Tischdekoration und Ähnliches können Mrs. Briggs und ich bewältigen. Ich sehe da also kein Problem. Du vielleicht?“

„Was?“ James hatte kaum ein Wort gehört. Vielmehr beschäftigte ihn ihr Aussehen im Kerzenschein, der warme Schatten auf ihre nackte Haut malte, ihr eine geheimnisvolle Aura verlieh, die hohen Wangenknochen ebenso unterstrich wie die sinnlich vollen Lippen. „Entschuldige. Ich bin überzeugt, dass du eine gute Regelung findest. Wann fängst du eigentlich mit deinem nächsten Projekt an? Hast du dir schon ein Zimmer als Büro ausgesucht?“

Er klammerte sich an das Thema wie an einen Strohhalm. Denn er hoffte, dass wieder Normalität einkehrte, sobald sie sich in ihre Arbeit vertiefte. Dass dann die schicke Kleidung verschwand, für die sie neuerdings eine Vorliebe zeigte, und sie auf die schlabbrigen langen Röcke, alten Jeans und unförmigen Sweater zurückgriff, die ihr zwei Nummern zu groß waren.

Er konnte es kaum erwarten, der Versuchung zu entrinnen, jeden reizvollen Zentimeter zu erforschen und herauszufinden, ob dieser äußerst feminine Körper und die sinnlichen Lippen hielten, was der Anblick versprach.

Hastig rückte James mit dem Stuhl näher an den Tisch, denn dieser Gedankengang führte zu unübersehbaren, keineswegs verwunderlichen, aber in diesem Fall unangebrachten Auswirkungen auf einen bestimmten Teil seines Körpers.

„Nein“, erklärte Matilda. „Mrs. Briggs und ich haben nur die Kartons in ein unbenutztes Zimmer geräumt. Ich habe der Agentur, mit der ich zusammenarbeite, Bescheid gegeben, dass ich vorläufig Urlaub mache und keine Aufträge annehme. Ich will dir eine richtige Ehefrau werden.“

Eine richtige Ehefrau? Wusste sie, was sie da sagte? Ihr Blick unter halb gesenkten Wimpern und ihr Lächeln deuteten darauf hin.

Er griff nach seinem Weinglas und leerte es in einem Zug. Erneut war ihm viel zu warm.

„Die Jobbeschreibung als deine Ehefrau beinhaltet, dass ich als Gastgeberin fungiere, deinen Terminkalender für gesellschaftliche Anlässe führe und so weiter. Ich bin es nicht gewohnt, mich um solche Dinge zu kümmern. Ich habe bisher sehr zurückgezogen gelebt. Aber ich werde dich nicht enttäuschen und alles lernen. Und ich halte es für wichtig, dass wir uns gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigen, um den Schein zu wahren. Wir sollten uns wie ein normales frischverheiratetes Paar benehmen.“

Hastig fügte sie hinzu: „Nicht, dass diese Ehe normal ist, aber das soll schließlich niemand wissen. Also müssen wir wohl oder übel viel Zeit miteinander verbringen.“ Sie schenkte ihm ein bedauerndes Lächeln. „Dessert?“

„Nein, danke.“ Zerstreut schüttelte James den Kopf, während sie sich ein großes Stück Blaubeertorte mit Schlagsahne genehmigte.

Gerade um keine Zeit mit ihr zu verbringen, hatte er sich den ganzen Tag im Büro aufgehalten – um sich der Versuchung zu entziehen, mit seiner Ehefrau zu schlafen. Allmählich wurde die Situation absurd. Es war höchste Zeit, reinen Tisch zu machen.

„Mattie, wir müssen unbedingt mal offen miteinander reden.“ Seine Stimme klang rau. Er räusperte sich. „Wir wissen beide, was wir von dieser Ehe erwarten: eine ungezwungene Gemeinschaft, nicht mehr und nicht weniger. Für dich ein schönes Zuhause, ohne fünftes Rad am Wagen bei deinem Vater und Emily Flax zu sein; die Freiheit, deinem Beruf nachzugehen; nach deinem Gutdünken meinen Haushalt zu führen. Und für mich vor allem jemand, der mir die Frauen vom Leib hält, die es auf mein Geld abgesehen haben. Wie bereits gesagt, stehen sie mir bis hier.“

Er strich sich mit einer Hand über die Kehle. „Jede Frau unter fünfzig kann mir gestohlen bleiben.“

„Oh!“ Mit großen Augen legte sie den Löffel nieder. „Aber ich bin noch lange nicht fünfzig!“

„Natürlich nicht. Aber du bist ja auch keine Frau.“

„Bin ich das nicht?“ Sie klimperte mit den dichten Wimpern und leckte sich mit der Zungenspitze einen Klecks Sahne aus dem Mundwinkel.

James stöhnte. „Ich wollte damit sagen, dass ich nie von dir als Frau gedacht habe. Du bist für mich einfach Mattie. Schlau und gebildet, angenehm im Umgang und im Gegensatz zu anderen weiblichen Wesen völlig anspruchslos in puncto männlicher Aufmerksamkeit.“ Er erwärmte sich für das Thema und beugte sich eindringlich vor. „Du hast mich nie herausfordernd angeschaut oder gefragt, ob dir ein bestimmter Lippenstift steht oder ob irgendein Outfit ohne BH besser aussähe …“

Er verstummte abrupt. Warum zum Teufel wählte er ausgerechnet dieses Beispiel, obwohl sie ganz offensichtlich keinen BH trug?

Er rang um Fassung und bemühte sich redlich, sich und die Situation im Griff zu behalten. „Was ich sagen will, ist, dass ich von dir immer wie von einer kleinen Schwester gedacht habe.“

„Wenn du überhaupt an mich gedacht hast“, warf Matilda schnippisch ein.

„Natürlich habe ich an dich gedacht“, versicherte er hastig. Sehr oft sogar hatte er an sie gedacht, aber wenn er ehrlich war, hatte er immer nur das graue Mäuschen gesehen, das über Büchern brütete, ganz konträr zu den glamourösen ultravornehmen Frauen, die in seinem Leben ein und aus gingen.

Aber nun hatte seine frisch Angetraute rein gar nichts mehr von einer grauen Maus an sich, und das war das Problem. „Schließlich kenne ich dich schon ewig. Ich habe dich aufwachsen sehen, deinen Werdegang verfolgt, und als deine Mutter, von der du jahrelang nichts gehört hattest, damals in Manchester auf der Straße überfahren wurde, habe ich dich getröstet. Weißt du das nicht mehr?“

„Doch. Du warst sehr nett zu mir.“ Sie erinnerte sich an jedes Wort, an jede Geste, an die unvergessliche Art, in der er sie tröstend in die Arme geschlossen hatte. Denn damals war ihre bereits zwei Jahre bestehende geheime Schwärmerei zu wahrer Liebe geworden.

„Tja, nun“, sagte er schroff, „ich will nicht gelobt werden, sondern dich nur daran erinnern, dass ich sehr wohl an dich gedacht habe. Wie an eine Schwester wohlgemerkt.“ Es war ihm wichtig, diesen Aspekt zu betonen. „Nicht auf sexuelle Weise. Überhaupt nicht. Wir waren uns darüber einig, was wir uns von dieser Ehe erhoffen, und Sex gehört eindeutig nicht dazu.“

Lügner, schalt James sich. In diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als mit ihr ins Bett zu gehen – ein monumentaler Fehler, denn das widersprach eindeutig ihren Wünschen.

Stumm, mit großen Augen blickte Matilda ihn an.

„Sex bringt nur alles durcheinander und führt zu Komplikationen“, teilte er ihr mit. „Es mag großartig sein, solange es andauert. Aber das tut es nicht. Andauern, meine ich. Und wir wollen doch beide nicht eine Beziehung ruinieren, die eine Partnerschaft von gegenseitigem Nutzen sein kann.“

Er schob den Stuhl zurück und stand auf. Er begann zu schwitzen, aber er zwang sich zu einem gelassenen, ja sogar ein wenig belustigten Ton. „Aber ich bin ein voll funktionstüchtiger Mann, und die Art, in der du dich in letzter Zeit kleidest, könnte zu Verwicklungen führen, die wir beide vermeiden möchten. Du willst doch bestimmt nicht, dass ich über dich herfalle. Für unser beider Seelenfrieden schlage ich vor, dass du dich wieder so kleidest wie früher. Ich bin sicher, dass du verstehst, was ich meine.“

Herrje, du klingst wie ein aufgeblasener herablassender Schnösel!

Er hatte das leidige Thema total falsch angepackt, aber das war leider nicht mehr zu ändern. Nun verspürte er den Drang, schleunigst zu verschwinden und eine kalte Dusche zu nehmen. Seit seiner Teenagerzeit hatte er sich nicht mehr derart außer Kontrolle, derart hormongesteuert gefühlt.

„Gute Nacht“, murmelte er rau und stürmte zur Tür hinaus.

5. KAPITEL

Am folgenden Morgen blieb Matilda bis weit nach zehn Uhr im Bett liegen. Zum einen war sie erst in den frühen Morgenstunden in einen unruhigen Schlaf gefallen, zum anderen wollte sie James nach ihrem unmöglichen peinlichen Verhalten am vergangenen Abend nicht begegnen.

Sie hätte Dawn niemals über den wahren Charakter der Ehe ins Vertrauen ziehen und sich schon gar nicht zu dieser Verführungskampagne überreden lassen dürfen.

Zieh alle Register, hatte Dawn sie gedrängt, schließlich hast du nichts zu verlieren.

Doch in Wirklichkeit hatte Matilda sehr viel zu verlieren, nämlich seine Freundschaft und seinen Respekt. Außerdem wollte sie ihn nicht zu Sex überlisten. Vielmehr sollte er sich in sie verlieben. Doch das war wohl ein unerreichbares Ziel.

Hatte er ihr nicht gesagt, dass dieser Zustand für ihn nicht existierte? Und welche Chancen hatte ein durchschnittliches Wesen wie sie schon bei ihm, wenn selbst die wundervollen Kreaturen, die mit schöner Regelmäßigkeit durch sein Leben tanzten und in einer Lichtgestalt wie Fiona gipfelten, seine Liebe nicht gewinnen konnten?

Die hoffnungsvollen Bemühungen hatten Matilda nichts weiter als die niederschmetternde Mitteilung eingebracht, dass ihr Ehemann keinen Sex mit ihr wünschte.

Nun, darauf war sie eigentlich auch nicht aus, obwohl sie durchaus mit ihm schlafen wollte. Er war der einzige Mann, der solche Gelüste in ihr weckte. Aber Sex ohne Liebe kam für sie nicht infrage.

In der Überzeugung, dass James inzwischen das Haus verlassen hatte, stand sie schließlich auf und zog sich ihren bequemen alten Steppmantel über das weite Baumwollnachthemd, in dem sie am vergangenen Abend zu Bett gegangen war. Die hauchzarte Reizwäsche aus Satin und Spitze, die Dawn ihr als absolutes Muss für eine frischgebackene Braut aufgeschwatzt hatte, war ein für alle Mal tabu.

Übernächtigt spazierte Matilda in die Küche, um sich mit starkem Kaffee in Schwung zu bringen.

„Da sind Sie ja, Madam.“ Mrs. Briggs schmunzelte. Das Funkeln in ihren Augen kündete von der Annahme, dass ihre neue Herrin nach einer stürmischen Nacht der Leidenschaft aus Erschöpfung so lange geschlafen hatte. „Ich serviere gleich das Frühstück, ja? Mr. James ist in seinem Arbeitszimmer. Sagen Sie ihm bitte Bescheid?“

Matilda brachte ein vages Lächeln zustande, obwohl es ihr ganz und gar nicht behagte, ihm unter die Augen zu treten. Während sie sich widerstrebend zu ihm auf den Weg machte, legte sie sich einen Schlachtplan zurecht.

Sie musste ehrlich zu ihm sein – bis zu einem gewissen Grad. Was sie wirklich für ihn fühlte, durfte sie ihm natürlich nicht anvertrauen. Damit hätte sie ihn in Verlegenheit gebracht und sich selbst gedemütigt. Aber sie wollte ihm sagen, dass er völlig recht hatte, dass es niemanden etwas anging, wie sie ihre Ehe führten.

Das widersprach zwar ihrem Verhalten vom vergangenen Abend, aber das war ihr im Nachhinein äußerst peinlich, entsprach es doch ganz und gar nicht ihrem wahren Wesen. Sie hatte sich ihm präsentiert wie ein angemaltes und verkleidetes albernes Püppchen, erschaffen aus ihrer eigenen Dummheit und Dawns Kreativität.

An diesem Morgen war Matilda wieder sie selbst. Eine ganz gewöhnliche Frau mit genügend Verstand, um ihr törichtes Verhalten einzusehen, und mit genügend Charakter und Rückgrat, um den Lebensstil zu akzeptieren, in den sie eingewilligt hatte. Sie konnte es durchaus verkraften, nur auf dem Papier mit James verheiratet zu sein.

Diese optimistische Einschätzung geriet jedoch ins Wanken, sobald sie die Tür zum Arbeitszimmer öffnete und ihn erblickte. Er sah so maskulin aus in seinem dunklen maßgeschneiderten Anzug, dass ein Schauer durch ihren ganzen Körper bis hinab zu den nackten Zehen rann.

„Guten Morgen, Mattie.“ Sein Lächeln wirkte flüchtig und ein wenig irritiert. „Ich muss heute leider wieder für einige Zeit ins Büro, aber es ist mir gelungen, für heute Abend zwei Karten für das ‚Haymarket‘ zu besorgen.“ Seine Stimme klang höflich, distanziert. „Möchtest du frühstücken?“

„Ja. Mrs. Briggs lässt ausrichten, dass sie das Frühstück jetzt serviert.“ Sie wünschte, sie wäre sich ihrer reizlosen Aufmachung wie seiner überwältigend männlichen Ausstrahlung weniger deutlich bewusst gewesen. „Du hättest wirklich nicht auf mich warten müssen. Ich habe verschlafen.“

Auf bloßen Füßen eilte sie voraus in das Frühstückszimmer. Weil James ihr auf den Fersen folgte, stolperte sie beinahe über den Saum des bodenlangen Bademantels. Irgendwie musste es ihr gelingen, die Wirkung zu überspielen, die er auf sie ausübte. „Du hättest schon vor Stunden essen können.“

„Ich wollte mir doch nicht die Gelegenheit entgehen lassen, mit meiner frischangetrauten Ehefrau zu frühstücken. Was hätte Mrs. Briggs denn denken sollen!“

Matilda stöhnte im Stillen. Er hatte sich ihre unsinnigen Bemerkungen vom vergangenen Abend also zu Herzen genommen. Daher dieses lauschige Beisammensein und die Theaterkarten. Wie in aller Welt mochte er es geschafft haben, Karten für ein seit Monaten ausverkauftes Stück zu bekommen? Durch Beziehungen, dachte sie düster und fragte sich, wie sie mit einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt vermählt, wenn auch nicht untrennbar verbunden sein konnte.

Mrs. Briggs schob den Servierwagen in das ruhige holzgetäfelte Zimmer. „Schinken und Eier, Tomaten und Pilze, Toast, Saft und Kaffee“, zählte sie munter auf. Währenddessen stellte sie die entsprechenden Speisen so überschwänglich auf den Tisch, als ob sie ein Magier sei, der Kaninchen aus seinem Hut zaubert. „Werden Sie beide zum Lunch zugegen sein?“

James schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich muss arbeiten.“ Seine Miene wirkte überzeugend bedauernd. „Und du, Darling?“

Verlegen starrte Matilda auf ihren Teller. Indem er sie Darling nannte, trieb er es entschieden zu weit. „Ich werde auch außer Haus sein, Mrs. Briggs.“ Ihre Stimme klang ungewöhnlich schrill. „Ich gehe shoppen.“ Nach anständiger Kleidung. Denn leider hatte sie sich von Dawn überreden lassen, ihre alte Garderobe in die Kleidersammlung zu geben.

„Und wir werden auch heute Abend nicht hier sein“, verkündete er. „Ich führe meine Frau ins Theater, und anschließend gehen wir essen. Machen Sie sich also einen gemütlichen Tag.“ Er schenkte Kaffee ein. „Sie können jetzt gehen. Wir bedienen uns selbst.“

Sobald Mrs. Briggs sich zurückgezogen hatte, eröffnete er: „Mattie, was ich gestern Abend gesagt habe …“

Widerstrebend blickte sie ihn an. „Ja?“

„Es war falsch von mir, dir vorschreiben zu wollen, was du anziehen sollst und was nicht. Ich hatte kein Recht dazu.“

„Schon gut“, wehrte sie verlegen ab.

„Nein, es ist gar nicht gut.“ James nahm sich eine Scheibe Toast. „Ich weiß, dass du früher nie besonders auf dein Äußeres geachtet hast. Du hast einfach das erstbeste Kleidungsstück aus dem Schrank geholt und dir die Haare zusammengebunden.“ Er lächelte charmant, wie um seinen Worten jegliche beleidigende Wirkung zu nehmen.

Matilda griff nach einer Kaffeetasse und drehte sie zwischen den Händen. Dieses Lächeln besänftigte seine nahezu einschüchternd markanten Züge, enthüllte Mitgefühl und Warmherzigkeit. Diese Seite an ihm, die ihm nur wenige Menschen zutrauten, hatte ihre jugendliche Vernarrtheit in tiefe dauerhafte Liebe verwandelt. Sie schluckte schwer und dachte: Alles wäre viel einfacher, wenn er mich wie eine Fremde behandelte, die als Hausgast unter seinem Dach wohnt.

„Ich darf dir keine Vorschriften machen. Du hast jedes Recht, dich als die wundervolle, bemerkenswerte und verführerische Frau zur Geltung zu bringen, die du bist.“ Erneut dieses Lächeln, verbunden mit einem vagen Schulterzucken. „Also vergiss, was ich gestern Abend gesagt habe. Und vergiss meinen vermeintlichen Ruf als Weiberheld. Ich habe nicht den unkontrollierbaren Trieb, über jede schöne Frau herzufallen, die mir unter die Augen kommt. Du bist also ziemlich sicher vor ungewollten Aufmerksamkeiten“, schloss er trocken.

„Oh“, murmelte sie zerstreut. Wundervoll, bemerkenswert, verführerisch … Diese Worte hallten in ihrem Kopf wider. Waren sie wirklich ernst gemeint? Und was war, wenn sie James gestand, dass seine Aufmerksamkeiten durchaus erwünscht waren?

Sie trank einen Schluck Kaffee und holte tief Luft. „Weißt du, Designerkleidung ist eigentlich gar nicht mein Ding. Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal, was ich trage. Als Dawn mir vorgeschlagen hat, mich umzustylen, war ich zuerst dagegen. Aber dann habe ich es mir überlegt. Ich wollte einfach wissen, ob ich präsentabel und feminin aussehen kann. Dass ich niemals richtig hübsch sein kann, weiß ich natürlich längst.“

„Seit wann denn das?“ Seine Augen blickten warm, kündeten ohne jede Belustigung von vielen Jahren der Kameradschaft.

Sie fasste sich ein Herz. Er war vor allem ihr Freund. Sie hatte immer mit ihm reden können. Sie konnte sich ihm auch jetzt anvertrauen. „Seit ich ein dürres, hässliches Ding mit roten Haaren und mürrischem Gesicht war. Meine Mutter, die Ärmste, ist an mir verzweifelt. Sie hat sich eine niedliche, hübsche Tochter gewünscht und stattdessen mich bekommen. Dann wurde Liam geboren. Er war ein wundervolles Baby – blond, blaue Augen, Grübchen, ein sonniges Gemüt. Da hat sie erleichtert aufgeatmet und ihm all ihre Aufmerksamkeit gewidmet.“

Gedankenverloren starrte Matilda aus dem Fenster auf den nackten winterlichen Garten. „Zum Teil ist es meine Schuld, dass sie weggegangen ist. Wäre ich hübscher, hätte sie mich lieben können und wäre bei uns geblieben. Weißt du, nachdem Liam an Meningitis gestorben war, konnte sie meinen Anblick nicht mehr ertragen.“ Sie seufzte. „Na ja, und jetzt wollte ich mir beweisen, dass ich nicht so eine hässliche Niete bin, wie meine Mutter mir immer eingeredet hat.“

„Du warst nie hässlich und nie eine Niete!“, rief James nachdrücklich, mit kaum verhohlenem Zorn auf ihre Mutter. „Du bist sehr hübsch. Und genau deshalb sollst du dich auch weiterhin hübsch kleiden.“ Er stand auf und trat zu ihr. „Ich muss jetzt leider gehen.“ Er beugte sich zu ihr vor, küsste sie auf die Wange und sagte ganz sanft: „Frühstücke in Ruhe weiter.“

Und so saß sie zehn Minuten später immer noch am Tisch. Verklärt berührte sie mit den Fingerspitzen die Stelle an der Wange, die seine Lippen berührt hatten. Nie zuvor hatte James sie geküsst. Natürlich war es kein echter Liebesbeweis, aber immerhin ein Zeichen von Zuneigung. Das war ein guter Anfang.

Zuneigung, dachte sie mit einem Aufflackern von Hoffnung, ist eine viel solidere Ausgangsbasis als Lust.

James interessierte sich viel mehr für seine Begleitung als für die Geschehnisse auf der Bühne. Eingehend musterte er Matildas Profil – die gebogenen dichten Wimpern, die klare Linie der niedlichen Nase und die vollen Lippen, das kleine feste Kinn und den schlanken Hals.

Im Gegensatz zum Vortag war sie sehr dezent geschminkt, mit rauchigem Lidschatten und rosa Lippenstift. Sie trug ein braves graues Kostüm und derbe schwarze Schuhe mit flachen Absätzen. Ihr offensichtliches Bestreben, mit ihren erst kürzlich entdeckten Reizen zu geizen, amüsierte ihn und erweckte gleichzeitig ein nie geahntes Gefühl der Zärtlichkeit.

Ganz offensichtlich nahm sie sich die Drohung, dass er über sie herfallen könnte, sehr zu Herzen – obwohl er an diesem Morgen Entwarnung gegeben hatte. Fürchtete sie sich tatsächlich vor ihm? Wusste sie denn nicht, dass er ihr niemals wehtun konnte?

Im Stillen verfluchte James den Mangel an Beherrschung, den er am vergangenen Abend bewiesen hatte, der ihn zutiefst beschämte. Ausgerechnet er, der sich mit Fug und Recht rühmte, stets jeden Aspekt seines Lebens unter Kontrolle zu haben, war aus der Fassung geraten. Ihr Aussehen hatte ihn sexuell erregt und ihn zu solch dummen Forderungen verleitet.

Er konnte sich nicht erklären, was in ihn gefahren war. Gerade einmal sechs Wochen war es her, als er aufgrund der gescheiterten Verlobung für den Rest seines Lebens den Frauen abgeschworen hatte!

Bis tief in die Nacht hatte er darüber nachgedacht und schließlich die Schlussfolgerung getroffen, dass es geradezu sträflich war, Matilda aus Angst vor den Konsequenzen zu verbieten, ihre Möglichkeiten als schöne, begehrenswerte Frau auszuleben. Daher musste er ihr überzeugender beteuern, dass sie von ihm keine Zudringlichkeiten zu befürchten hatte.

Aber wenn sie sich künftig wieder so aufreizend zurechtmachte, war es unausweichlich, dass irgendwann ein anderer Mann des Weges kam, dem nach ihr gelüstete – und die Gefahr war groß, dass sie sich diesem zuwendete. Die Entdeckung ihrer weiblichen Seite hatte gewiss weiter reichende Folgen als kunstvolles Make-up und kokette Kleidung. Sicherlich war in ihr die Sehnsucht nach etwas erwacht, das sie nie zuvor interessiert zu haben schien: sexuelle Abenteuer.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 0288" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen