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Flitterwochen auf Spanisch

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1. KAPITEL

„Estelle, ich verspreche dir, du musst nichts weiter tun, als Gordons Hand zu halten, mit ihm zu tanzen und …“

„Und was noch?“, stieß Estelle hervor und legte einen Finger zwischen die aufgeschlagenen Seiten ihres Buches. Sie konnte kaum glauben, dass sie diese Unterhaltung wirklich führte, ganz zu schweigen von Ginnys verrücktem Plan.

„Vielleicht noch ein kleiner Kuss auf seine Wange …“ Estelle schüttelte ihren Kopf, doch Ginny sprach weiter. „Du musst nur so tun, als wärst du ganz furchtbar verliebt in ihn.“

„In einen Vierundsechzigjährigen?“

„Ja.“ Ginny seufzte. „Natürlich wird jeder denken, dass du nur auf sein Geld aus bist. Welches du …“ Ein heftiger Hustenfall ließ sie ihren Satz nicht zu Ende bringen.

Estelle und Ginny waren Studentinnen, die gemeinsam ein kleines Haus bewohnten. Mit fünfundzwanzig war Estelle ein paar Jahre älter als Ginny, und sie hatte sich lange gefragt, wie sich die Jüngere das Auto und die vielen teuren Klamotten leisten konnte. Jetzt wusste sie es: Ihre Mitbewohnerin arbeitete für eine Begleitagentur. Und sie hatte einen Stammkunden – den Politiker Gordon Edwards. Ginny hatte versichert, dass es überhaupt kein Problem sein würde, wenn Estelle an ihrer Stelle mit ihm auf diese große Hochzeit gehen würde. Sie musste dem Politiker, über dessen homosexuelle Neigungen in der Öffentlickeit nichts bekannt werden durfte, nur dabei helfen, den Schein zu wahren.

„Aber ich muss mir mit ihm ein Zimmer teilen“, stelle Estelle fest, die noch nie mit einem Mann über Nacht zusammen gewesen war. Dabei war sie nicht besonders schüchtern oder zurückhaltend, aber sie war auch nicht so selbstbewusst und kontaktfreudig wie Ginny, die am liebsten jedes Wochenende ausging. Estelle hingegen besichtigte an den Wochenenden lieber alte Kirchen oder machte es sich mit einem guten Buch bequem.

„Gordon schläft immer auf dem Sofa, wenn wir uns ein Zimmer teilen.“

„Nein.“ Estelle schob ihre Brille auf der Nase hoch und widmete sich wieder ihrem Buch über die Qin-Dynastie. Doch es fiel ihr schwer, sich auf den Text zu konzentrieren, denn immer wieder musste sie an ihren Bruder denken. Er hatte noch immer nicht angerufen hatte, um ihr zu sagen, ob er den Job bekommen hatte.

Ja, das Geld käme gerade recht.

Doch es war bereits spät am Morgen. Und die Hochzeit würde schon heute Nachmittag stattfinden, weit weg in einem Schloss in Schottland. Sollte Estelle sich für den Job entschließen, dann müsste sie auf der Stelle los, um den Flieger nach Edinburgh noch rechtzeitig zu bekommen. Die Zeit lief ihr davon.

„Bitte!“, flehte Ginny sie an. „Die Agentur flippt aus, weil sie so kurzfristig keinen Ersatz finden können. Und Gordon kommt schon in einer Stunde, um mich abzuholen.“

„Aber was werden denn die Leute denken?“, fragte Estelle. „Ich meine, alle sind es doch gewohnt, ihn zusammen mit dir zu sehen …“

„Gordon wird einfach sagen, dass wir einen Streit hatten. Du musst dir keine Sorgen machen, Estelle, er ist wirklich ein netter Mann. Und es liegt ein so großer Druck auf ihm, zu gesellschaftlichen Anlässen nie ohne weibliche Begleitung aufzutauchen. Er kann auf dieser Hochzeit einfach nicht alleine erscheinen. Komm, denk einfach an das Geld!“

Estelle konnte gar nicht aufhören, daran zu denken! Mit dem Geld würde sie die Hypothek ihres Bruders für einen ganzen Monat bezahlen können – und obendrein noch einige seiner Rechnungen.

Okay, das würde nicht das ganze Problem lösen, aber es würde Andrew und seiner kleinen Familie zumindest ein wenig Zeit verschaffen.

Und ihr Bruder hatte schon so viel für sie getan – er hatte damals, als ihre Eltern gestorben waren, sein eigenes Leben hintangestellt, um ganz für Estelle da zu sein.

Dies war ihre große Chance, sich bei ihm zu revanchieren.

Estelle nahm einen tiefen Atemzug. Ihre Entscheidung war gefallen. „Okay, ruf die Agentur an und sag, dass ich komme.“

„Das … habe ich bereits getan“, gab Ginny ein wenig kleinlaut zu. „Estelle, jetzt sieh mich bitte nicht so an. Ich weiß doch, wie gut du das Geld gerade gebrauchen kannst. Und außerdem habe ich es nicht übers Herz gebracht, Gordon zu sagen, dass ich niemanden für ihn finde.“

Kritisch begutachtete Ginny nun ihre Mitbewohnerin, die für sie einspringen würde. Ihr langes schwarzes Haar war im Nacken zu einem schlichten Zopf zusammengebunden, ihre helle makellose Haut schimmerte wie Elfenbein, und ihre großen grünen Augen leuchteten – und all das ganz ohne Wimperntusche und Make-up, denn Estelle schminkte sich nie. Ginny versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber sie war sich plötzlich nicht sicher, wie eine herausgeputzte Estelle aussehen würde. Konnte sie ihrer Rolle gerecht werden?

„Du musst dich fertig machen. Ich werde dir mit den Haaren und so weiter helfen.“

„Komm mir bloß nicht zu nahe mit deiner Grippe“, sagte Estelle. „Ich schaff das schon.“ Sie sah Ginnys zweifelnden Gesichtsausdruck. „Aber könntest du mir vielleicht etwas Passendes zum Anziehen leihen?“

Ginny nickte eifrig. „Ich habe mir extra ein neues Kleid für die Hochzeit gekauft.“ Sie eilte zu dem Kleiderschrank in ihrem Zimmer und zog ein goldfarbenes Kleid daraus hervor, bei dessen Anblick Estelle fast der Mund offen stehen blieb.

„Ist das nicht viel zu eng und durchsichtig?“

„Es sieht angezogen umwerfend aus.“

„Ja, an dir vielleicht …“, sagte Estelle, die deutlich kurviger als ihre sehr schlanke Mitbewohnerin war. „Herrje, ich werde darin aussehen wie eine …“

„Genau das ist der Sinn der Sache“, sagte Ginny und lächelte verschmitzt. „Versuch einfach, ganz entspannt zu sein, dann wirst du auch Spaß haben.“

„Das bezweifle ich“, sagte Estelle, während sie eilig Strähne für Strähne ihrer langen dunklen Haare auf große Lockenwickler drehte. Dann begann sie sich unter Ginnys wachsamem Blick zu schminken.

„Du brauchst mehr Puder.“

„Noch mehr?“ Estelle fühlte sich schon total zugekleistert.

„Und mehr Wimperntusche.“

Ginny betrachtete Estelle, deren dunkles Haar nach dem Entfernen der Lockenwickler nun in sanften Wellen über ihre Schulter fiel. „Und jede Menge Haarspray …“, sagte Ginny. „Oh, und noch etwas. Gordon nennt mich Virginia. Nur für den Fall, dass mich jemand erwähnen sollte.“

Als sich Estelle schließlich umdrehte, blickte Ginny sie ehrlich bewundernd an.

„Wow, du siehst atemberaubend aus! Lass dich jetzt mal in dem Kleid sehen.“

„Kann ich mich denn nicht vor Ort umziehen?“

„Das lässt Gordons knapper Terminplan leider nicht zu.“

Das goldene Kleid war sexy und elegant zugleich, und es brachte Estelles Figur perfekt zur Geltung. Ginny pfiff anerkennend durch die Zähne, als Estelle in High Heels schlüpfte und probeweise vor ihr durch den Raum lief.

„Ich glaube, das war’s dann wohl mit Gordon und mir“, sagte Ginny mit einem ironischen Seufzer.

„Ganz bestimmt nicht“, erwiderte Estelle mit fester Stimme. „Das bleibt eine einmalige Sache.“

„Ja, genau das habe ich damals auch gesagt, als ich in der Agentur angefangen habe“, erwiderte Ginny. „Aber wenn es gut läuft …“

„Denk nicht einmal daran!“, unterbrach Estelle sie. In diesem Moment hupte draußen vor dem Haus ein Wagen und ließ sie zusammenzucken.

„Alles wird gut“, sagte Ginny beruhigend. „Du siehst großartig aus. Ich weiß, dass du das kannst.“

Innerlich wiederholte Estelle die Worte ihrer Mitbewohnerin immer wieder, während sie aus dem kleinen Haus heraustrat. Auf den ungewohnt hohen Schuhen stöckelte sie aufgeregt auf den silbernen Wagen zu, der an der Straße parkte.

„Oh, wie ich sehe, habe ich einen ausgezeichneten Geschmack!“, begrüßte Gordon sie mit einem gewinnenden Lächeln, während der Fahrer ihr die Wagentür aufhielt und Estelle einsteigen ließ. Gordon war rundlich, trug eine schottische Tracht und war Estelle auf Anhieb sympathisch. Erleichtert setzte sie sich neben ihn.

„Und Sie haben definitiv die schöneren Beine von uns beiden“, sprach er weiter. „Ich fühle mich lächerlich in einem Kilt.“

Auf dem Weg zum Flughafen wies er Estelle kurz ein. „Wir sind uns vor zwei Wochen das erste Mal begegnet …“

„Wo?“, fragte Estelle, die schon gar nicht mehr so aufgeregt war.

„Bei Dario’s …“

„Dario wer?“

Gordon lachte. „Du kennst dich wirklich gar nicht aus, oder? Das ist eine angesagte Bar in Soho – und für alte Knacker wie mich ein Paradies.“

„Ach du meine Güte …“, erwiderte Estelle und schluckte.

„Arbeitest du?“, fragte Gordon.

„Teilzeit in der Bibliothek.“

„Vielleicht solltest du das nicht unbedingt erwähnen. Sag einfach, falls man dich fragt, dass du ein wenig modelst“, schlug Gordon vor. „Lass alles ein wenig vage. Oder sag, dass es für dich ein Vollzeitjob ist, mich glücklich zu machen.“ Gordon bemerkte die Röte, die Estelle bei seinen Worten in die Wangen stieg. „Ich weiß. Schrecklich, oder? Und schuld daran bin ich, schließlich habe ich diese fürchterliche Fassade selbst erschaffen.“

„Ich befürchte, dass ich diese Rolle nur schlecht hinbekomme.“

„Du wirst das toll machen“, versicherte Gordon ihr, und dann ging er alles noch mal mit Estelle durch, bis sie ihre Geschichte auswendig konnte.

Er erkundigte sich zu ihrer Überraschung sogar nach ihrem Bruder und ihrer kleinen Nichte.

„Virginia und ich sind im letzten Jahr gute Freunde geworden“, erklärte Gordon. „Sie hat mir von dem schlimmen Unfall deines Bruders erzählt und auch davon, dass das Baby nicht gesund auf die Welt kam …“ Er drückte mitfühlend ihre Hand. „Wie geht es der Kleinen jetzt?“

„Sie wartet auf die Operation.“

„Mach dir einfach bewusst, dass du ihnen gerade hilfst“, sagte Gordon auf dem Weg vom Flugzeug zum Hubschrauber, der sie zum Schloss fliegen würde, in dem die exklusive Hochzeit stattfinden würde.

Als sie wenig später über den perfekt getrimmten Rasen zum Schloss gingen, nahm Gordon ihre Hand, und Estelle ergriff sie dankbar.

„Und denk immer daran“, sagte Gordon. „Morgen um diese Zeit wird das alles vorbei sein, und du musst keinen dieser Leute jemals wiedersehen.“

2. KAPITEL

Es war nicht das Geschrei der Seemöwen, das Raúl geweckt hatte, auch nicht die Musik, die aus der Ferne zu ihm drang, sondern ein furchtbarer Albtraum. Ein Traum, dem eine nur allzu wahre Erinnerung zugrunde lag. Mit klopfendem Herzen lag Raúl da und versuchte sich wieder zu beruhigen.

Das sanfte Schaukeln seiner Jacht, die im Hafen von Marbella vor Anker lag, ließ ihn fast wieder in den Schlaf gleiten, doch dann fiel ihm ein, dass er heute mit seinem Vater verabredet war.

Raúl zwang sich, seine Augen zu öffnen, und erblickte sogleich die blonde Frau neben sich.

„Buenos días“, schnurrte sie.

„Buenos días“, erwiderte Raúl und drehte sich von ihr weg auf den Rücken.

„Wann müssen wir los zur Hochzeit, Schatz?“

Raúl schloss die Augen. Er hatte Kelly nie darum gebeten, ihn zu begleiten. Aber das kam eben dabei raus, wenn man mit seiner persönlichen Assistentin schlief – sie kannte seinen Terminplan ganz genau. Die Hochzeit würde heute Nachmittag in den schottischen Highlands stattfinden. Und Kelly schien ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass er sie mitnehmen würde.

„Wir werden später darüber sprechen“, sagte Raúl und warf einen Blick auf den Wecker. „Jetzt muss ich mich mit meinem Vater treffen.“

„Aber Raúl …“ Kelly drehte sich in einer sanften Bewegung zu ihm.

„Später“, sagte er und kletterte aus dem Bett. „Ich soll schon vor zehn Minuten bei ihm sein.“

Er lief die Treppe hinauf aufs Deck, wo eine Angestellte bereits damit beschäftigt war, das Partychaos der vergangenen Nacht zu beseitigen.

Gracias“, bedankte sie sich freundlich, als er ihr ein größeres Trinkgeld für ihre Dienste in die Hand drückte. Sie nahm ihm das Durcheinander nicht übel, denn Raúl feierte zwar gerne lang und ausschweifend, aber er war stets höflich und bezahlte ausgesprochen gut.

Raúl setzte seine Sonnenbrille auf und ging durch den Jachthafen Puerto Banús, der ein beliebter Treffpunkt der Schönen und Reichen war. Hier fühlte er sich wohl – und die Geräusche einer ausgelassenen Feier, die über das Wasser zu ihm herübergetragen wurden, erinnerten ihn wieder daran, warum er diesen Ort so liebte: Es war nur selten still hier. Raúl hasste die Stille.

Im Hafen reihte sich eine Luxusjacht an die andere, und an Land standen teure Limousinen. Raúl, müde, unrasiert und dennoch unglaublich gut aussehend, passte nur zu gut in dieses Bild.

Ein paar Touristen, die gerade aus irgendeinem Club nach Hause stolperten, stießen sich an und tuschelten leise, als er an ihnen vorbeiging. Offenbar hielten sie ihn für einen Filmstar.

Enrique, sein Fahrer, wartete bereits auf ihn, um ihn zum De La Fuente Konzern zu bringen. Raúl ahnte schon, worüber sein Vater mit ihm sprechen wollte. Dabei fiel ihm wieder Kelly ein. Wann habe ich eigentlich angefangen, mein Interesse an ihr zu verlieren?

Raúl fühlte sich wie … eine Insel.

Eine gut besuchte Insel mit legendären Partys. Eine Insel, auf der immer die Sonne schien und das Geld nie ausging. Aber auch eine, die keine Dauergäste duldete. Und er hatte nicht vor, daran etwas zu ändern, denn er wollte sein Herz nie wieder an einen anderen Menschen verlieren.

„Es wird nicht lange dauern“, teilte Raúl seinem Fahrer mit und stieg aus.

Er war nicht sonderlich erpicht auf dieses Gespräch, aber sein Vater hatte darauf bestanden, sich an diesem Morgen mit ihm zu treffen. Jetzt wollte Raúl es nur so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Buenos días“, begrüßte er wenig später Angela, die persönliche Assistentin seines Vaters. „Was machst du hier an einem Samstag?“, fragte er, weil Angela normalerweise immer übers Wochenende zu ihrer Familie flog. Sie war schon, solange er denken konnte, bei seinem Vater angestellt.

„Ich warte auf einen gewissen Spanier, der pünktlich um acht Uhr morgens hier sein wollte“, erwiderte Angela spitz. Sie war die einzige Frau, die ungestraft in diesem Ton mit Raúl sprechen durfte. „Ich habe versucht, dich anzurufen, Raúl. Gehst du eigentlich auch mal an dein Telefon?“

„Der Akku war leer.“

„Nun gut, aber bevor du mit deinem Vater sprichst, muss ich noch deine Termine mit dir durchgehen.“

„Später.“

„Nein, Raúl. Jetzt. Mein Flieger geht noch heute Vormittag. Außerdem müssen wir noch eine neue Sekretärin für dich finden – vorzugsweise eine, die nicht dein Typ ist.“ Angela ließ sich von seinem genervten Augenrollen wenig beeindrucken. „Raúl, ich werde schon in wenigen Wochen auf eine lange Dienstreise gehen. Wenn dir daran gelegen ist, dass ich noch jemanden für dich einarbeite, dann muss ich jetzt damit beginnen.“

„Dann such du jemanden für mich aus, Angela“, sagte Raúl. „Du hast wahrscheinlich recht. Vermutlich ist es am besten, jemanden zu nehmen, der nicht mein Typ ist.“

„Okay, sehr gerne“, seufzte Angela erleichtert.

Was ist mit den Frauen nur los? wunderte sich Raúl. Warum konnten sie, sobald sie einmal mit ihm im Bett gewesen waren, nicht länger für ihn arbeiten und mit ihm schlafen? Alle wollten sie gleich eine feste Beziehung. Doch daran hatte Raúl kein In­teresse. Kelly würde leicht einen anderen Job im Unternehmen finden – oder eine großzügige Abfindung bekommen, falls ihr das lieber sein sollte.

„Dein Flug nach Schottland geht heute Nachmittag“, informierte Angela ihn weiter. „Aber ich kann nicht glauben, dass du einen Rock tragen wirst.“

Raúl lächelte amüsiert. „Das ist kein Rock, Angela, sondern ein Kilt. Donald hat alle männlichen Gäste gebeten, einen zu tragen.“ Raúl hatte vier Jahre in Schottland studiert, was vielleicht die besten vier Jahre seines Lebens gewesen waren. Und die Freundschaften, die er dort geschlossen hatte, hatten bis heute Bestand.

Bis auf eine.

Seine Miene verdunkelte sich bei dem Gedanken an seine Exfreundin, die heute Abend auch anwesend sein würde. Vielleicht sollte er Kelly doch mitnehmen, überlegte er, oder vor Ort mit einer seiner alten Flammen anbändeln, nur um Araminta eines auszuwischen.

„Okay, ich geh dann mal zu meinem Vater …“

Raúl machte sich auf den Weg zu seinem Büro, doch Angela rief ihn zurück. „Trink doch noch einen Kaffee, bevor du ihn triffst.“

„Nicht nötig“, sagte Raúl. „Ich werde das jetzt hinter mich bringen und danach bei Sol’s frühstücken.“ Er liebte die Samstagmorgen bei Sol’s – einem wunderschönen Café am Wasser, dessen Türen für Normalsterbliche geschlossen blieben. Menschen wie Raúl hingegen wurden dort nicht einmal mit einer Rechnung belästigt, denn man schätzte den Glamour, den er mit sich brachte.

„Mach dich erst mal frisch, ich bring dir einen Kaffee und ein frisches Hemd.“

Raúl betrat kopfschüttelnd sein eigenes Büro, das mehr einer luxuriösen Hotelsuite glich, und ging ins Badezimmer. Beim Blick in den Spiegel wurde ihm deutlich, warum Angela so hartnäckig darauf bestand, sich vor dem Gespräch mit seinem Vater noch einmal frisch zu machen.

Seine dunklen Augen sahen ihm müde entgegen, und da er gestern vergessen hatte, sich zu rasieren, zeichnete sich auf seinen Wangen und seinem markanten Kinn ein deutlicher Bartschatten ab. Zudem fiel ihm sein sonst so tadellos frisiertes schwarzes Haar zersaust in die Stirn, und auf seinem Kragen waren deutlich die Spuren von Lippenstift zu erkennen.

Oh ja, er sah von Kopf bis Fuß wie der Playboy aus, für den ihn sein Vater hielt.

Raúl zog sein Jackett und sein Hemd aus und spritzte sich dann kaltes Wasser ins Gesicht. „Gracias!“, rief er durch die angelehnte Badezimmertür, als er hörte, wie Angela ihm Kaffee auf den Schreibtisch stellte.

Kurz darauf trat er halb rasiert und mit nacktem Oberkörper aus dem Badezimmer. Angela war vermutlich die einzige Frau, die bei diesem Anblick nicht augenblicklich errötete – sie kannte ihn schließlich schon, seit er ein kleiner Junge war. „Danke, dass du mich so nicht zu meinem Vater hast gehen lassen.“

„Kein Problem.“ Sie lächelte. „Und ich habe dir auch ein frisches Hemd mitgebracht.“

„Weißt du, warum er mich unbedingt sehen will?“, fragte Raúl. „Will er mir vielleicht wieder eine Predigt über meinen unsteten Lebenswandel halten?“

„Keine Ahnung“, sagte Angela, doch ihre Wangen färbten sich verräterisch rot. „Raúl, höre dir bitte einfach an, was dein Vater dir zu sagen hat. Er ist sehr krank …“„Aber nur weil er krank ist, hat er nicht automatisch recht.“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte Angela vorsichtig. „Aber er macht sich große Sorgen um dich, Raúl. Bitte rede mit ihm …“ Angela verstummte, als sie Raúls Stirnrunzeln sah.

„Ich glaube, du weißt ganz genau, warum er mich sprechen will.“

„Raúl, ich habe dich nur gebeten, ihm zuzuhören. Und ich hoffe, ihr streitet euch nicht wieder, denn das kann ich nicht ertragen.“

„Keine Sorge“, sagte Raúl freundlich, denn er mochte Angela. Sie war das, was einer Mutter für ihn am nächsten kam. „Ich glaube nur, dass er mir mit meinen dreißig Jahren nicht mehr sagen muss, was ich zu tun und zu lassen habe. Vor allem nicht in Hinblick auf Frauen.“

Er ging zurück ins Badezimmer, um sich fertig zu rasieren. Nachdenklich betrachtete er sein Spiegelbild. Wäre es denn eine so große Sache sein, seinen todkranken Vater glauben zu lassen, er wäre kurz davor, eine feste Beziehung einzugehen?

„Wünsch mir Glück.“ Frisch rasiert und mit geordneten Gedanken ging er an Angela vorbei, um seinem Vater gegenüberzutreten. Dabei fiel ihm auf, wie ungewohnt angespannt sie wirkte. „Alles wird gut“, versicherte er ihr. Und dann fügte er aus rein taktischen Gründen hinzu: „Weißt du, es gibt da nämlich bereits eine Frau, mit der ich mir etwas Festes vorstellen kann. Aber ich will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.“

Angelas Augen weiteten sich. „Wer ist sie?“

„Wir sind uns zufällig wieder begegnet. Sie lebt in England, aber ich werde sie heute Abend auf der Hochzeit wiedersehen …“

„Araminta!“

„Okay, stopp …“ Raúl lächelte. Mehr brauchte es nicht. Er wusste, dass seine Neuigkeit ankommen würde.

Raúl klopfte an die Tür seines Vaters und trat ein.

Ein paar warnende Flammen wären gut gewesen, dachte er im Nachhinein. Oder etwas Schwefelgeruch … Denn was er an diesem Morgen von seinem Vater erfuhr, war für Raúl die reine Hölle.

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