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JULIA EXTRA BAND 395

MICHELLE SMART

Mit einem Playboy nach Paris

Für Playboy Pepe ist die Affäre mit Cara abgehakt. Erst als die schöne Irin ihn mit einer verhängnisvollen Nachricht konfrontiert, stellt er sich einer Herausforderung, die sein Leben aus den Angeln hebt …

SUSAN STEPHENS

Heiße Nächte, funkelnde Diamanten

Warum weckt ausgerechnet Tyr diese unstillbare Sehnsucht in ihr? fragt sich Jasmina verzweifelt. Schließlich ist sie schon dem Emir versprochen … Doch nun weiß sie: Um ihr Glück zu finden, muss sie alles riskieren …

CAROL MARINELLI

Nur deine Liebe zählt, Alina!

Demyan duldet keinen Widerspruch. Eine Tatsache, die seine neue Assistentin Alina ignoriert – eigentlich müsste er sie deshalb feuern, aber ihrer sinnlichen Ausstrahlung kann er sich einfach nicht entziehen …

REBECCA WINTERS

Das Geheimnis des attraktiven Italieners

Nicht im Traum denkt der alleinerziehende Banker Leon an eine Heirat … bis die bezaubernde Belle vor ihm steht. Als er nachts am Strand von Rimini in ihre blauen Augen sieht, fasst er einen verrückten Entschluss …

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Mit einem Playboy nach Paris

1. KAPITEL

Pepe Mastrangelo nahm sich noch ein Glas Rotwein vom Tablett der Bedienung und stürzte es in einem einzigen Zug herunter. Tante Carlotta, die ihn seit der Ankunft auf dem Anwesen der Familie auf Schritt und Tritt verfolgte, redete pausenlos auf ihn ein. Es ging mal wieder um ihr Lieblingsthema: Wann würde Pepe endlich dem Beispiel seines älteren Bruders folgen, heiraten und eigene bambini in die Welt setzen?

Der gesamte Clan der Mastrangelos glaubte offenbar, sich in Pepes Privatleben einmischen zu dürfen. Auch die Familie seiner Mutter, der Clan der Lombardis, hielt dies für ihr gutes Recht. Natürlich meinten sie es nur gut, und normalerweise hatte er auch immer eine passende Antwort parat, nach dem Motto, es gäbe so viele wunderschöne Frauen auf der Welt, warum sollte er sich mit einer einzigen begnügen? Nein, Pepe dachte nicht im Traum daran, zu heiraten! Das war etwas für Masochisten und Idioten.

Wobei – als er noch jung und naiv gewesen war, hätte Pepe beinahe seine Jugendliebe geheiratet. Die Frau, die ihm dann das Herz herausgerissen und fein säuberlich in kleine Fetzen gerissen hatte …

Im Nachhinein war er fast froh darüber, noch mal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Er hatte seine Lektion gelernt und würde sich nie wieder auf das Abenteuer Ehe einlassen!

Pepe war klug genug, diese Episode seiner Jugend für sich zu behalten. Womöglich würde ihn die Familie sonst erst recht dazu drängen, zu heiraten. Oder – noch schlimmer – sich einem Psychotherapeuten anzuvertrauen.

Warum musste er sich ausgerechnet heute den unangenehmen Fragen seiner Verwandtschaft stellen? Um seine Schlagfertigkeit war es gerade schlecht bestellt, denn er war abgelenkt. Verächtliche Blicke aus grünen Mandelaugen folgten ihm, wohin er auch ging.

Cara Delaney.

Cara und er hatten die Patenschaft für seine Nichte übernommen. Er war gezwungen gewesen, in der Kirche neben Cara zu sitzen und Seite an Seite mit ihr am Taufbecken zu stehen.

Seltsam, er hatte völlig vergessen, wie bildhübsch sie war – die großen, ausdrucksvollen grünen Augen, die Stupsnase, die herzförmigen Lippen – zum Anbeißen. Und dieses flammend rote Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte … Das rote Samtkleid, für das Cara sich heute entschieden hatte, brachte ihre Kurven hervorragend zur Geltung. Sie sah unwiderstehlich sexy aus. Unter anderen Umständen hätte er es genossen, den Tag mit ihr zu verbringen, zu flirten, ihr Drinks zu besorgen …

Ob sie ihn noch einmal in ihr Bett lassen würde?

Bisher hatte er kein Problem damit gehabt, eine Exgeliebte wiederzusehen. Er spürte sofort, wenn eine Frau es auf Heirat und Babys abgesehen hatte und machte dann lieber einen großen Bogen um sie. Seine Exfreundinnen gehörten nicht in diese Schublade, deswegen war ein Wiedersehen mit ihnen normalerweise keine große Sache.

Normalerweise stahl Pepe sich aber auch nicht heimlich aus der Hotelsuite, nachdem er mit einer Geliebten geschlafen hatte. Und normalerweise ließ er auch nicht einfach das Handy einer Geliebten mit sich gehen …

Seit das Datum für die Taufe feststand, wusste er, dass er Cara wiedersehen würde. Schließlich war sie die beste Freundin seiner Schwägerin und Taufpatin der kleinen Lily.

Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn strahlend begrüßen würde, aber diese abgrundtiefe Verachtung fand er doch etwas übertrieben. Hatte er die wirklich verdient?

Frustriert stellte er fest, dass er frühestens in einer Stunde aufbrechen konnte. Unnötig lange auf dem Flughafen wollte er sich nämlich auch nicht aufhalten. Morgen würde ihn die Besichtigung eines Weinguts an der Loire ablenken. Er hatte gerüchteweise gehört, es sollte verkauft werden. Wenn es genug Profit abwarf, wollte er es gern erwerben – bevor es offiziell auf den Markt kam.

„Wie ich schon sagte, sie ist wunderschön, oder?“ Tante Carlottas Tonfall klang frostig.

Pepe war so in Gedanken versunken gewesen, dass ihm entgangen war, wie Carlotta sich das Baby geschnappt hatte. Jedenfalls hielt sie Lily jetzt hoch, damit er seine Nichte genau inspizieren konnte.

Widerstrebend betrachtete er das wohlgenährte Baby, das ihn mit großen Augen ansah. Wunderschön? Na ja, wenn man kleine rosige Ferkelchen als schön bezeichnen mochte …

„Ja, wirklich wunderschön“, säuselte er unaufrichtig und rang sich ein Lächeln ab.

Dieser Hype um Babys war ihm schon immer auf die Nerven gegangen. Für ihn waren das langweilige kleine Monster, mit denen er nichts anfangen konnte. Wenn sie erst mal laufen konnten, war das natürlich schon bedeutend interessanter, aber vorher?

Glücklicherweise drängte eine seiner Großtanten sich zwischen Tante Carlotta und ihn, um auch einen Blick auf Lily zu werfen. Pepe nutzte die Gunst der Stunde und verzog sich schleunigst ans andere Ende des Zimmers.

Die letzte Taufe, die er besucht hatte, lag fünfzehn Jahre zurück. Er konnte sich nicht erinnern, ob damals auch so ein Buhei um den Täufling veranstaltet worden war. Am liebsten hätte Pepe das Fest geschwänzt, doch dann hätte sein Bruder Luca wohl nie wieder ein Wort mit ihm geredet. Als Taufpate hatte er keine Chance, zu kneifen.

Ob Luca und Grace wohl schon über weiteren Nachwuchs nachdachten? Wie er seinen Bruder kannte, würde der nicht eher ruhen, als bis ein Junge zur Welt kam.

Seine Eltern hatten mit Luca ja gleich beim ersten Versuch einen Stammhalter hinbekommen. Die Geburt von Pepe war im Prinzip überflüssig gewesen. Aber vielleicht hatten sie einen Spielkameraden für ihren Erstgeborenen gewollt…

Geistesabwesend griff Pepe nach einem weiteren Glas Rotwein und ließ den Blick über die versammelte Sippschaft gleiten. Es schien, als wären alle beschäftigt, abgelenkt, ins Gespräch vertieft. Vielleicht sollte er die Gelegenheit beim Schopf packen und doch schon jetzt unauffällig verschwinden. Lange hielt er die verächtlichen Blicke der rothaarigen Geisha nämlich nicht mehr aus.

„Du wirkst gestresst, Pepe.“

Er fluchte unterdrückt. War ja klar, dass er nicht verschwinden konnte, ohne von ihr angesprochen zu werden.

Also rang er sich ein weiteres nichtssagendes Lächeln ab und wandte sich langsam um. „Cara!“ Du liebe Zeit, er merkte selbst, wie aufgesetzt seine Freude klang. Mit der freien Hand zog Pepe die kleine Frau an sich und beugte sich hinunter, um sie auf die Wangen zu küssen. „Wie geht es dir? Amüsierst du dich gut?“

Cara zog die kupferroten Augenbrauen zusammen. „Klar, ich amüsiere mich prächtig“, antwortete sie sarkastisch.

Er ignorierte ihren Sarkasmus und strahlte. „Super! Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest …“

„Willst du dich mal wieder aus dem Staub machen?“ Ihr irischer Akzent war wesentlich ausgeprägter als bei der letzten Begegnung. Als er Cara vor drei Jahren hier in Sizilien kennengelernt hatte, wäre er nicht darauf gekommen, dass sie Irin war. Kein Wunder, sie war als Teenager nach England gezogen und hatte den dortigen Akzent angenommen. Als Pepe sie vor vier Monaten in Dublin verführt hatte, sprach sie schon wieder wie eine Irin. Aber so ausgeprägt wie jetzt war der Akzent nicht gewesen.

„Ich habe noch einen Termin“, erklärte er hoheitsvoll.

„Ach, wirklich?“

Ihr schneidender Tonfall ließ Pepe fast zusammenzucken.

Cara machte eine Kopfbewegung in Graces Richtung. „Ihretwegen hast du mein Handy gestohlen, oder?“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Pepe atmete tief durch. Dieser eisige Blick … Beim letzten Mal hatte noch heißes Verlangen in ihren grünen Augen geschimmert. „Ja, es war wegen Grace.“

Sein Blick verweilte auf Caras sinnlichem Mund. Die herzförmige Gestalt ihrer vollen roten Lippen rief erneut das Bild einer Geisha in ihm hervor. Jetzt biss sie auch noch auf ihre Unterlippe! Fasziniert beobachtete Pepe, wie sich das Rot ihrer Lippen sogar noch intensivierte … Dieser Mund war zum Küssen wie geschaffen!

„Ist Luca ihr durch mein Handy auf die Spur gekommen?“

Warum hätte er es bestreiten sollen? Cara kannte die Antwort ja bereits. „Si.“

„Du bist also extra nach Dublin in das Auktionshaus gekommen, in dem ich arbeite, und hast zwei Millionen Euro für ein Gemälde ausgegeben – nur um an mein Handy zu kommen?“

„Si.“

Er gab es auch noch zu! Fassungslos schüttelte Cara den Kopf, dass die langen kupferroten Locken nur so flogen. Das war wieder einmal typisch für Pepe! Genau wie seine Entscheidung, im legeren Freizeitlook zur Taufe seiner Nichte zu erscheinen. Nur Pepe konnte sich so etwas erlauben – und dabei auch noch umwerfend gut aussehen in lose herabhängendem Hemd und lässigen blauen Chinos.

Dieser Mann hatte einfach ein unglaubliches Charisma! Und ein göttliches Gesicht: aristokratische Nase, hohe Wangenknochen, zerzaustes schwarze Haar, gepflegter Kinnbart …

Doch in diesem Augenblick war Pepes Aussehen absolut nebensächlich! Cara atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf ihr Gespräch. „Deine Behauptung, du wolltest schon immer mal eine Städtereise nach Dublin machen, war also nur ein Vorwand, mich dazu zu bringen, dich herumzuführen?“

„Ja.“ Er hielt ihrem eisigen Blick stand und versuchte, sich zu rechtfertigen. „Es war wirklich ein tolles Wochenende. Du bist eine ausgezeichnete Stadtführerin.“

„Und du bist ein kompletter …“ Wieder biss sie sich auf die Lippe. „Ach, was soll’s. Du hast mich also nur verführt, um an mein Handy zu kommen, sowie ich eingeschlafen war.“

„Das war der Hauptgrund …“ Besonders stolz war er nicht darauf. „Aber ich kann dir versichern, dass ich jede Minute mit dir genossen habe. Und ich weiß, dass es dir ebenso gegangen ist.“

In seinen Armen hatte Cara damals jede Selbstkontrolle verloren. An diese außergewöhnliche Erfahrung hatte Pepe in den letzten Monaten immer wieder denken müssen. Sosehr er auch versuchte, das Ganze aus seinem Gedächtnis zu verdrängen.

Ich muss hier raus, dachte Pepe frustriert. Erst die Taufe, dann das nicht enden wollende Gerede über Hochzeit und Babys, und jetzt auch noch Caras Vorwürfe – das war einfach alles zu viel.

„Was redest du denn da von Genießen?“, stieß Cara wütend hervor. „Du hast mich das ganze Wochenende lang nach Strich und Faden belogen! Hast mir vorgespielt, du würdest dich mit mir wohlfühlen!“

Pepe setzte sein gewinnendstes Lächeln auf. „Ich habe mich wirklich wohlgefühlt in deiner Gesellschaft.“ Jetzt war allerdings das Gegenteil der Fall. Caras Gardinenpredigt war ja schlimmer als die Strafpredigten des Schuldirektors früher. Obwohl er Caras Standpauke wohl verdient hatte.

„Ja, klar! Du hältst mich wohl für sehr dämlich“, fauchte sie. „Du hast dich nur an mich rangemacht, weil dein Bruder alles in Bewegung gesetzt hat, um Grace zu finden.“

„Es war sein gutes Recht, zu erfahren, wohin seine Frau sich abgesetzt hatte.“

„Nein! Schließlich ist sie nicht sein Eigentum“, widersprach Cara wütend.

„Das ist ihm inzwischen auch bewusst geworden. Schau dir die beiden doch mal an!“ Er zeigte auf Luca und Grace, die Arm in Arm in der Nähe standen und einander verliebte Blicke zuwarfen. „Sie sind glücklicher denn je. Alles hat sich zum Guten gewendet.“

„Ich war noch Jungfrau, Pepe.“

Er zuckte zusammen. Dieses kleine Detail hatte er zu verdrängen versucht. „Bist du auf eine Entschuldigung aus? Kannst du haben. Aber ich habe dir an dem besagten Abend schon gesagt, dass ich das nicht wissen konnte.“

„Ich hatte es dir doch erzählt!“

„Du hast lediglich gesagt, du hättest noch nie eine feste Beziehung gehabt.“

„Genau!“

„Das heißt ja wohl nicht automatisch, dass du noch unberührt bist.“

„Doch, genau das wollte ich damit ausdrücken.“

„Woher sollte ich das denn wissen? Du bist sechsundzwanzig, Cara.“ Verunsichert musterte er sie. Die Zornesröte war ihr ins Gesicht gestiegen, und sie zitterte vor Wut. Pepe war nicht unbedingt scharf darauf, vor seiner ganzen Verwandtschaft geohrfeigt zu werden. Auch wenn Cara dazu wohl eine Trittleiter gebraucht hätte …

„Du hast mich benutzt“, zischte sie. „Und du hast mir vorgegaukelt, es wäre dir ernst mit mir und wir würden uns bald wiedersehen.“

„Wann soll ich das denn gesagt haben?“

„Du hast gesagt, ich soll dich in deinem neuen Haus in Paris besuchen und einen schönen Platz für den Canaletto aussuchen, den du ersteigert hattest.“

„ Das war geschäftlich. Du bist Kunstexpertin. Ich brauche wirklich jemanden, der mich auf diesem Gebiet berät.“ Seine Kunstsammlung, die er in seinem Haus in Paris präsentieren wollte, war noch immer eingelagert.

„Geschäftlich! Ich weiß noch genau, wann du mir den Vorschlag gemacht hast, Pepe: als du deinen Finger in Champagner getaucht hast, damit ich ihn ablecken konnte.“

Ihm wurde heiß. Das war bei dem romantischen Abendessen gewesen. Anschließend hatte sie zugestimmt, ihn in seine Hotelsuite zu begleiten und die Nacht mit ihm zu verbringen.

Er durfte nicht mehr daran denken. Schon die bloße Erinnerung an jenen Abend weckte die Leidenschaft in ihm!

„Wozu überhaupt dieser ganze Aufwand, Pepe? Hättest du mein Handy nicht sofort stehlen können, statt mir das ganze Wochenende lang vorzugaukeln, wie verliebt du in mich bist?“ Caras Feindseligkeit war Verwirrung gewichen.

Pepe musste zugeben, dass er alles andere als stolz auf seine Aktion war. Doch die lag inzwischen vier Monate zurück. Langsam wurde es doch wohl Zeit, mit der Sache abzuschließen, oder?

„Wie hätte ich denn anders an dein Handy herankommen sollen, Cara? Es war ständig in deiner Handtasche, und die hast du keine Sekunde lang aus den Augen gelassen“, rechtfertigte er sich. Auch jetzt umklammerte sie ihre Handtasche mit festem Griff.

„Du und dein Bruder kennt doch sicher genug dunkle Gestalten, die mir die Tasche auf offener Straße hätten rauben können“, fuhr sie ihn an. „Dann hättest du nicht ein ganzes Wochenende mit mir verschwenden müssen.“

„Du hättest dabei aber verletzt werden können“, gab er zu bedenken. Ihm wurde tatsächlich ganz mulmig bei der Vorstellung. Doch dieses Gefühl wollte er gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Überhaupt reichte es ihm langsam. Okay, er hatte sich nicht gerade wie ein Gentleman benommen, hatte jedoch keine Lust, sich den restlichen Abend lang immer wieder dafür zu entschuldigen.

„Hättest du deine Tasche nur einen Moment lang aus den Augen gelassen, wäre das alles nicht passiert, Cara“, sagte er abschließend.

„Ach, jetzt ist es auch noch meine Schuld?“ Wütend funkelte sie ihn an.

Cara war wirklich eine der kleinsten Frauen, die er kannte! In den vier Monaten, in denen Pepe sie nicht mehr gesehen hatte, schien sie noch zierlicher geworden zu sein … Er bewunderte die Energie, die in diesem Persönchen steckte. Das flammend rote Haar, die funkensprühenden Augen … Unerschütterlich maß sie ihn mit Blicken, als wäre sie so groß wie er.

Pepe verkniff sich einen erneuten Fluch. „Es ist nun mal passiert. Ich habe mich entschuldigt, und damit ist die Angelegenheit für mich erledigt. Ich schlage vor, du lässt die Sache jetzt auch auf sich beruhen und blickst nach vorn.“

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und machte sich auf den Weg zu Luca und Grace, um sich von ihnen zu verabschieden.

„So einfach ist das nicht.“

Etwas in ihrem Tonfall sorgte dafür, dass Pepe abrupt stehen blieb.

„Für mich ist es unmöglich, ‚die Sache auf sich beruhen zu lassen‘.“

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Langsam wandte Pepe sich wieder um. Er ahnte, was Cara ihm sagen wollte.

„Du nutzloser, verantwortungsloser Playboy“, stieß sie wütend hervor. „Ich bin schwanger!“

2. KAPITEL

Cara hatte keine Ahnung, wie Pepe auf diese Neuigkeit reagieren würde. Aber mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet.

Er grinste breit und fragte betont lässig: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Nein, ich bin in der sechzehnten Woche. Herzlichen Glückwunsch, Pepe. Du wirst Vater.“

Sein Blick wurde durchdringend, das aufgesetzte Lächeln blieb. Der Familienclan rückte neugierig näher, um nur ja nichts zu verpassen.

Cara wurde es mulmig zumute. Sie wünschte, sie könnte sich hinter Grace verstecken, wie sie es seit Teenagerzeiten getan hatte. Wenn sie sich mit einer ungewohnten Situation konfrontiert sah oder neue Leute kennenlernte, schob sie zuerst immer Grace vor. Sobald sie die Situation einschätzen konnte, wagte Cara sich dann aus der Deckung. Jahrelang hatte das gut funktioniert. Grace war so verständnisvoll und hatte sie immer beschützt.

Aber dann hatte sie geheiratet und war nach Italien gezogen. Cara war plötzlich auf sich allein gestellt und musste ihr eigenes Leben führen.

Eigentlich war sie auf einem guten Weg gewesen. Sie zog wieder nach Irland, fand einen Job, der sie begeisterte, auch wenn er schlecht bezahlt war, und sie hatte sich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut.

Und dann hatte Pepe ihr alles kaputt gemacht. Wie ein Bulldozer hatte er alles in Schutt und Asche gelegt. Kein Stein lag mehr auf dem anderen.

Cara war verzweifelt und schwanger, sah einer ungewissen Zukunft entgegen, und er hatte sie einfach sitzen lassen.

Jetzt machte er eine Kopfbewegung Richtung Tür. „Komm mit!“

Erleichtert, den neugierigen Blicken zu entkommen und sich einen Moment lang zu sammeln, folgte Cara ihm widerspruchslos hinaus auf den breiten Korridor.

Pepe lehnte sich an die Steinmauer und fuhr sich durchs dichte schwarze Haar.

Eine Bedienung eilte an ihnen vorbei, um die hungrigen Gäste im Wohnzimmer mit frischen Appetithappen zu versorgen.

Im nächsten Moment verließen zwei ältere Herren lachend das Zimmer. Als sie ihren Großneffen Pepe entdeckten, klopften sie ihm herzlich auf die Schultern und bestürmten ihn mit Fragen. Freundlich lächelnd gab er den neugierigen Verwandten Auskunft. Dabei vermittelte er den Eindruck, alles wäre in bester Ordnung.

Kaum waren die alten Herren von dannen gezogen, erlosch Pepes unbekümmertes Lächeln. „Hier können wir nicht ungestört reden. Komm mit!“

Er schlug einen Weg in dem umgebauten Kloster ein, der Cara bisher verborgen geblieben war, obwohl sie früher schon viel Zeit mit Grace und Luca auf dem Familiengut der Mastrangelos verbracht hatte. Pepe hatte sich ihnen damals gelegentlich angeschlossen. Dann waren sie alle zusammen losgezogen und hatten sich amüsiert. Zu Cara hatte er immer ein kumpelhaftes Verhältnis gepflegt. Bis …

„Wohin gehen wir, Pepe?“ Sie wollte jetzt nicht an diese unbeschwerte Zeit denken, das half ihr auch nicht weiter.

„In meinen Wohnbereich.“

Die kleine Cara hatte Mühe, dem mit Riesenschritten davoneilenden Mann zu folgen. „Wozu?“

Ungeduldig warf er ihr einen finsteren Blick über die Schulter hinweg, dachte aber nicht daran, langsamer zu gehen. „Weil ich keine Lust habe, dieses Gespräch unter den Argusaugen der versammelten Clans der Mastrangelos und Lombardis zu führen. Oder wäre dir das lieber?“

„Natürlich nicht! Aber in deine Wohnung will ich auch nicht. Können wir uns nicht an einem neutralen Ort unterhalten?“

„Nein.“ Er blieb vor einer Tür stehen, schloss sie auf und bat Cara hinein. „In genau zwei Stunden geht mein Flieger nach Paris. Du solltest dich also kurzfassen. So. Dann versuch mal, mich zu überzeugen, dass ich es war, der dich geschwängert hat.“

Empört musterte sie ihn. Er wirkte gelangweilt. „Willst du mir etwa unterstellen, dich zu belügen?“

„Du wärst nicht die erste Frau, die versucht, einem Unschuldigen ihr Kind unterzuschieben.“

Mit einem Blick, der hätte töten können, marschierte sie an Pepe vorbei – direkt in sein Reich. Niemals würde sie auf die Idee kommen, mit diesem Mistkerl eine gemeinsame Zukunft zu planen!

Pepes Reich sah aus wie eine typische, ultramoderne Junggesellenwohnung. Ein Flachbildfernseher von der Größe einer Kinoleinwand dominierte das gigantische Wohnzimmer, das mit allen nur möglichen technischen Spielereien ausgestattet war.

Plötzlich kamen Cara Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, mit Pepe zu reden.

„Möchtest du was trinken, Cara?“

„Nein. Lass uns die Sache schnell hinter uns bringen.“ Natürlich war es richtig, Pepe zu informieren! Das war sie ihrem ungeborenen Kind schuldig.

„Ich brauche aber einen Drink.“ Pepe griff nach einer Fernbedienung, die auf einem Glastisch mitten im Zimmer gelegen hatte und betätigte sie.

Staunend beobachtete Cara, wie eine Wandverkleidung aus Eichenholz zur Seite glitt und den Blick auf eine komplett ausgestattete Bar freigab.

Schweigend mixte Pepe sich einen Drink und wandte sich kurz um. „Kann ich dir wirklich nichts anbieten?“

„Nein.“

Er trank das Glas in einem Zug leer und sah dann wieder Cara mit seinen dunkelblauen Augen an. „Du wolltest mich doch überzeugen. Dann schieß mal los!“

„Ich bin schwanger“, wiederholte sie.

„Das sagtest du bereits.“

„Es ist eine Tatsache.“

„Wie viel?“

„Wie viel was?“

„Geld. Wie viel Geld willst du aus mir herauspressen?“

Wütend funkelte sie ihn an. „Ich presse nichts aus dir heraus.“

„Du willst also kein Geld?“, fragte er spöttisch.

„Natürlich will ich Geld.“ Mit Genugtuung bemerkte sie, wie seine ebenholzschwarzen Augenbrauen hochschossen. „Schließlich schwimmst du darin, und ich bin praktisch pleite. Als Vater des Kindes wirst du ja wohl für eine vernünftige Ausstattung sorgen und für eine Wohnung, in der dein Kind aufwachsen kann.“

„Mit anderen Worten: Du versuchst, Geld aus mir herauszupressen.“

„Nein!“ Mit bebenden Händen zog sie einen braunen Umschlag aus der Handtasche, griff hinein und reichte Pepe einen Ausdruck. „Hier ist der Beweis. Ich bin in der sechzehnten Woche schwanger – und zwar von dir.“

Pepe brach der Schweiß aus, ihm wurde übel, und sein Herz raste.

Kein Wunder, beim Anblick dieses Ultraschallbildes. Es wirkte so echt, Cara konnte es nicht gefälscht haben, oder?

Mit starrem Blick betrachtete er das nierenförmige Gebilde, das ihn entfernt an E. T. erinnerte. Ein Fötus. Pepe sah genauer hin und fand den Namen der Klinik in Dublin, die eine gewisse Cara Mary Delaney aufgesucht hatte. Ihr Geburtsdatum war ebenfalls vermerkt sowie der errechnete Geburtstermin des Kindes. Pepe rechnete zurück.

Vor exakt sechzehn Wochen war er tatsächlich in Dublin gewesen.

Pepe sah auf. „Du siehst gar nicht schwanger aus.“ Sie war schlanker, als er sie in Erinnerung hatte.

„Ich hatte viel Stress.“ Cara rang sich ein Lächeln ab. „Durch die unerwartete Schwangerschaft habe ich ständig abgenommen. Aber keine Sorge, dem Baby geht’s gut. Vermutlich sieht man mir bald an, dass ich ein Kind erwarte.“

Er warf noch einen Blick auf das Ultraschallbild. Es schien sich um ein Original zu handeln. Cara war zwar clever, aber er traute ihr nicht zu, so ein Bild zu fälschen. Das Exemplar, auf das er vor zehn Jahren stundenlang gestarrt hatte, war verschwommen gewesen. Davon abgesehen, entdeckte er keinen Unterschied.

Cara war schwanger!

Perplex schaute er sie an. Sie bebte am ganzen Körper. Pepe musste sich sehr beherrschen, sie nicht tröstend an sich zu ziehen. Ratlos atmete er tief durch und versuchte, die Situation möglichst sachlich einzuschätzen. Doch seltsamerweise konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Herzlichen Glückwunsch! Du wirst also Mutter. Was macht dich eigentlich so sicher, dass ich der Vater bin?“

Im ersten Moment fehlten ihr die Worte. „Was ist denn das für eine blöde Frage? Natürlich bist du der Vater! Du bist der einzige Mann, mit dem ich je Sex hatte. Wie konnte ich nur so dumm sein!“

Die letzte Bemerkung überhörte Pepe. „Und das soll ich dir glauben?“

„Du weißt genau, dass ich noch Jungfrau war.“

„Das bestreite ich ja gar nicht. Aber woher soll ich denn wissen, ob du nach meiner Abreise nicht mit einem anderen Kerl ins Bett gestiegen bist? Könnte ja sein, dass du auf den Geschmack gekommen bist.“

Ehe er sichs versah, hatte er eine schallende Ohrfeige eingefangen. Cara hatte mit voller Wucht zugeschlagen.

„Wage ja nicht, mich in den Dreck zu ziehen!“, zischte sie wütend.

Vorsichtig strich Pepe über die schmerzende Wange. So viel Kraft hätte er der kleinen Cara niemals zugetraut. Der Abdruck ihrer Hand brannte auf der Narbe, die ihm im Alter von achtzehn Jahren durch einen Messerstich zugefügt worden war.

„Tu das nie wieder!“, raunzte er mit gefährlich leiser Stimme. „Sonst hast du mich zum letzten Mal gesehen. Und Geld gibt es auch nicht.“

„Die Ohrfeige hast du dir selbst zuzuschreiben.“

„Wieso? Weil ich misstrauisch bin? Lass dir eins gesagt sein: Ich vertraue niemandem. Schon gar nicht einer Frau, die behauptet, mein Kind zu erwarten.“

„Ich erwarte dein Kind.“

„Du erwartest ein Kind. Bis ich nach der Geburt des Kindes einen Vaterschaftstest durchführen lasse. Wenn der sich als positiv erweist – okay. Dann ist es mein Kind. Bis dahin will ich nichts mehr davon hören.“

Seit der Geschichte mit Luisa hatte Pepe jedes Vertrauen in die Menschheit verloren. Das galt besonders für Frauen. Nie wieder würde er einer Frau glauben, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Nie wieder! Jedenfalls nicht ohne einen eindeutigen Beweis. Den konnte nur ein Vaterschaftstest liefern.

Cara juckte es in den Fingern, noch einmal zuzuschlagen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, bis die Fingernägel sich schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Erst dann ließ sich der Impuls unterdrücken.

Pepe nie wiederzusehen hätte sie überlebt. Aber auf sein Geld war sie angewiesen. Nachdem sie das Rückflugticket nach Sizilien bezahlt hatte, blieben ihr noch genau achtundvierzig Euro bis zur nächsten Gehaltsüberweisung in vierzehn Tagen. Wenn es nur um sie allein gegangen wäre, hätte Cara tagelang von gebackenen Bohnen auf Toast leben können. Aber nun musste sie auf die Gesundheit ihres Babys achten!

Außerdem würde sie bald eine neue Wohnung brauchen. In ihrer derzeitigen Wohngemeinschaft von vier Frauen war kein Platz für Kinder.

Als Cara ihre Schwangerschaft festgestellt hatte, wäre sie bei der Vorstellung, dass ein kleiner Mensch in ihr heranwuchs, fast in Panik ausgebrochen. Ausgerechnet sie erwartete ein Baby? Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen Säugling auch nur auf dem Arm gehalten zu haben. Nachdem der erste Schock überstanden war, erfasste Cara langsam das ganze Ausmaß dessen, was da auf sie zukam. Das Kind war ja völlig abhängig von ihr. Sie musste dem Baby Liebe geben, für ein sicheres Zuhause und eine vernünftige Ernährung sorgen. Daran, dass sie ihr Baby lieben würde, bestand überhaupt kein Zweifel. Aber sie verdiente ja kaum genug Geld, um sich selbst über Wasser zu halten!

Die Situation wäre halb so schlimm gewesen, wenn Cara bereits die Karriereleiter erklommen hätte. Aber sie stand ja noch auf der untersten Sprosse.

„Soll das heißen, du erwartest in fünf Monaten einen Anruf von mir, um zu erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?“ Cara bemühte sich, die erneut aufsteigende Panik zu unterdrücken. Leicht fiel ihr das nicht.

Pepe durchbohrte sie mit Blicken. „Aber nein, cucciola mia.“

So hatte er sie während des gemeinsamen Wochenendes genannt. Neugierig hatte sie den Kosenamen auf ihrem Handy nachgeschlagen, das er dann später gestohlen hatte. ‚Mein Welpe‘? Besonders angetan war sie nicht gerade gewesen. Doch wenn Pepe es mit seinem sizilianischen Akzent aussprach, klang es unglaublich sexy.

Während sie noch darüber rätselte, warum er sie eben wieder mit dem Kosewort bedacht hatte, betrachtete Pepe das Ultraschallbild noch einmal eingehender.

„Das Bild ist bereits vier Wochen alt“, bemerkte er mit Blick auf das Datum in der Ecke.

„Und?“

„Wieso hast du dir vier Wochen Zeit gelassen, mich zu informieren?“

Sein Misstrauen ging ihr langsam auf die Nerven. Überall schien er eine gegen ihn gerichtete Verschwörung zu vermuten.

„Ich habe es dir nicht eher erzählt, weil ich dir nicht über den Weg traue. Jetzt ist es zu spät, mich zu einer Abtreibung zu zwingen.“

Pepe kniff die Augen, presste die Lippen zusammen. „Warum sollte ich das tun?“

Beinahe hätte sie laut gelacht. „Du hast so viele Frauen verführt und verlassen, dass man den Eindruck gewinnen könnte, du betreibst das berufsmäßig. Was sollst du als ‚Playboy des Jahres‘ mit einem Kind?“

Für einen kurzen Moment verfinsterte sich seine Miene. Dann setzte er wieder das lakonische Grinsen auf, das Cara inzwischen nur zu gut kannte. „Vielleicht kann ich als Vater bei noch mehr Frauen landen.“

Der harte Ausdruck seiner Augen ließ Cara unwillkürlich erschauern. „Mir machst du nichts vor, Pepe. Hast du schon vergessen, dass ich dabei war, als du dich abfällig über Kinder geäußert hast, nachdem Grace und Luca darüber diskutiert hatten, ob sie Nachwuchs haben wollen?“

„Und daraus hast du haarscharf geschlossen, ich würde von dir eine Abtreibung verlangen?“

„Ja, denn du hast dich kategorisch gegen Kinder in deinem Leben ausgesprochen.“

Ein kleiner Puls pochte an seinem Kinn. Widerstrebend fragte Pepe schließlich: „Sollte der Vaterschaftstest positiv sein, was erwartest du von mir? Dass ich dich heirate?“

„Nein!“, rief Cara entsetzt. „Eine Heirat kommt für mich überhaupt nicht infrage.“

„Jetzt bin ich aber erleichtert.“ Grinsend ging er wieder an die Bar und mixte sich noch einen Drink. „Für mich gilt nämlich genau das gleiche. Heirat? Nein danke!“

Was trank Pepe da eigentlich? Und was hatte er ihr an dem bewussten Wochenende zu trinken gegeben? Ob er sie damals wohl unter Drogen gesetzt hatte, um sie zu verführen? Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Verlangen gespürt. Es war ein überwältigendes Gefühl gewesen, fast wie ein Rausch …

Cara musste an ihre Eltern denken. Ihr Vater hatte eine Affäre nach der anderen gehabt. Natürlich hatte es deswegen ständig Ehekrach gegeben. Aber ihre Mutter hatte ihm immer wieder verziehen. War es beiden immer nur um das berauschende Gefühl des Verlangens gegangen? Hatten sich ihre Eltern deswegen so unglaublich egoistisch verhalten?

Entschlossen verdrängte Cara diese Gedanken. Niemals könnte sie so selbstsüchtig sein wie ihre Mutter! An erster Stelle standen die Bedürfnisse des menschlichen Wesens, das in ihr heranwuchs.

Cara sah auf. „Gut, in dem Punkt sind wir uns wenigstens einig: Geheiratet wird nicht. Aber ich brauche deine finanzielle Hilfe, Pepe. Mein kleines Gehalt reicht ja kaum für mich. Wie soll ich davon auch noch ein Kind großziehen?“

Wieder leerte er das Glas auf einen Zug. „Und da dachtest du, du versuchst es mal bei mir.“

„Leicht fällt es mir nicht, dich um Geld zu bitten. Aber schließlich bist du verantwortlich.“

„Ach, es ist also alles meine Schuld?“

„Wer war denn unvorsichtig?“ Ihr wurde heiß bei der Erinnerung an die unvergessliche Liebesnacht.

Wie berauscht, war sie an Pepes Brust gelegen, nachdem sie zum ersten Mal Liebe gemacht hatten. Der sonst so lässige Pepe wirkte plötzlich ernst und nachdenklich. Diese Seite von ihm hatte sie noch gar nicht gekannt. Irgendwann hatte er sich über sie gebeugt und ihr tief in die Augen geschaut. Dann hatte sie sich auf seine sinnlichen Lippen konzentriert. Kaum zehn Minuten nach dem ersten Liebesspiel durchströmte sie erneut heißes Verlangen. Pepe hatte sich auf sie geschoben und leidenschaftlich geküsst. Sie waren beide so entrückt gewesen, dass keinem von ihnen wirklich bewusst wurde, was geschah, als Pepe in sie eindrang. Es war unbeschreiblich gewesen. Wie lange sie so dagelegen, einander geküsst und tief in die Augen geschaut hatten, wusste sie nicht. Nur widerstrebend hatte Pepe sich irgendwann zurückgezogen und doch noch ein Kondom angelegt.

Und dieser eine unbedachte Moment hatte ausgereicht, um ein neues Leben zu schaffen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser eine Augenblick genügt hat, um ein Baby zu machen“, sagte Pepe jetzt mürrisch.

„So war es aber. Du hast mich benutzt, Pepe. Jetzt stehe gefälligst auch für die Konsequenzen gerade.“

Es ärgerte ihn, dass sie vermutlich recht hatte. Er genoss zwar den Ruf eines Playboys, war aber nie leichtsinnig. Doch, einmal hatte er es drauf ankommen lassen. Damals war er achtzehn gewesen und hatte geglaubt, verliebt zu sein.

Bei Cara hatte er schlicht und einfach nicht ans Kondom gedacht. Es hatte sich so natürlich angefühlt, in ihr zu sein. Zudem war er abgelenkt gewesen, denn seine Gedanken hatten noch bei dem Moment verweilt, als er gemerkt hatte, dass Cara noch unberührt war. Das hatte er erst mal verarbeiten müssen.

Bei allen anderen Frauen, mit denen er bisher geschlafen hatte, war er anschließend ins Badezimmer gegangen, hatte sich dann wieder ins Bett gelegt, sich unterhalten, ein Glas getrunken, vielleicht noch einmal Liebe gemacht und war dann verschwunden. Doch bei Cara war alles anders gewesen. Sein Magen hatte rebelliert, das Herz war ihm schwer geworden. Vielleicht hatte sich auch das schlechte Gewissen gemeldet, weil er Cara die Unschuld geraubt hatte. Und ihr dann auch noch ihr Handy entwenden musste …

Was auch immer es war, Pepe hatte es kaum erwarten können, sie noch einmal zu lieben. Seine Lust hatte ihn einfach überwältigt. Zum Denken war es zu spät gewesen. In diesem einen unvorsichtigen Moment musste das Baby entstanden sein. Unglaublich!

In diesem Moment hatte er aber auch ein Gefühl der Zweisamkeit empfunden. Als hätte er endlich genau das gefunden, wonach er sich immer gesehnt hatte.

Pepe sah auf. „Ich lass mir einen Kaffee bringen. Möchtest du auch etwas zu trinken?“ Etwas Alkoholisches wäre ihm lieber gewesen, aber er hatte genug konsumiert. Er brauchte jetzt einen klaren Kopf.

„Nein.“ Sie lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, bereit, das Streitgespräch fortzusetzen.

Noch während Pepe seinen Kaffee orderte, nahm der Plan in seinem Kopf bereits Gestalt an.

Wenn Cara sich streiten wollte, nur zu! Doch diesen Streit würde sie nie gewinnen!

3. KAPITEL

„Setz dich!“

Pepes Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Doch Cara blieb stehen. Die Knie drohten ihren Dienst zu versagen, sodass sie sich noch etwas stärker gegen die Wand lehnen musste. Zum Glück verbarg das Kleid, wie wackelig sie auf den Beinen war.

Egal, wie wohlhabend und einflussreich Pepe in seiner Welt auch sein mochte, sie würde sich ihm niemals kampflos unterordnen!

„Dann eben nicht.“ Mürrisch ließ Pepe sich auf einem der braunen Ledersofas nieder, schlüpfte aus den Schuhen und streckte die langen Beine aus. Dann lächelte er zufrieden.

Caras Knie bebten noch stärker. Wie sie dieses aufgesetzte Lächeln hasste! Und doch ging es ihr unter die Haut und brachte ihr Herz zum Rasen.

„Mir ist klar, dass du in einer schwierigen Lage steckst“, sagte Pepe und fuhr sich nachdenklich durchs Haar.

„Das kann man wohl sagen.“ Cara atmete tief ein und aus, um ihre Nerven zu beruhigen.

„Mir ist eine Lösung eingefallen, mit der wir beide leben können.“

Misstrauisch kniff Cara die Augen zusammen.

„Allerdings müssten wir beide Zugeständnisse machen.“

Wieder dieses aufgesetzte Lächeln!

„Aber wenn ich tatsächlich der Vater deines Kindes sein sollte, lohnt es sich, Opfer zu bringen.“

Was weiß denn der Playboy Pepe Mastrangelo von Opfern und Zugeständnissen?

„Welche Opfer?“, fragte sie misstrauisch.

„Du wirst bis zur Geburt des Kindes bei mir wohnen. Dann lassen wir den Vaterschaftstest machen. Ist er positiv, kaufe ich dir ein Haus, ganz egal, wo du willst, und zahle natürlich Unterhalt.“

Cara glaubte, sich verhört zu haben, und fragte lieber noch mal nach. „Ich soll bei dir wohnen?“

„Si.“

„Warum? Eigentlich wollte ich dich nur um Geld für eine annehmbare Mietwohnung und die Erstausstattung für das Baby bitten. Und nach der Geburt erwarte ich natürlich Unterhaltszahlungen.“

„Ich zahle aber nur, wenn es tatsächlich mein Kind ist.“

Cara biss die Zähne zusammen und stieß hervor: „Es ist dein Kind. Aber da du mir offensichtlich nicht glaubst, bin ich bereit, vertraglich zuzusichern, dir jeden Cent zurückzuzahlen, sollte der Vaterschaftstest negativ ausfallen und sich erweisen, dass der große Unbekannte das Baby gezeugt hat.“

„Wenn es doch so einfach wäre.“ Pepe zog die Mundwinkel nach unten. „Es besteht die Möglichkeit, dass ich tatsächlich der Vater bin. Deshalb möchte ich jedes nur mögliche Risiko für das Kind ausschließen.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass es für eine Abtreibung zu spät ist. In Irland ist sie sowieso verboten, und in Sizilien ist sie nur in den ersten drei Monaten erlaubt.“ Energisch drängte Cara die Tränen zurück. Es kam nicht infrage, vor Pepe zu weinen. Sonst würde er womöglich noch so viel Macht über sie bekommen wie ihr Vater über ihre Mutter.

Ihren Stolz hatte sie schon hinuntergeschluckt, wenigstens ihre Würde wollte sie sich bewahren.

„Von einer Abtreibung war nie die Rede. Ich mache mir Sorgen um deine Gesundheit, Cara. Du hast erheblich an Gewicht verloren. Ich werde dafür sorgen, dass du dich vernünftig um das Baby in deinem Bauch kümmerst. Es könnte ja tatsächlich von mir sein.“

„Aber Pepe, was redest du da? Natürlich kümmere ich mich um das Baby! Das Wohl unseres Kindes hat für mich höchste Priorität.“ Deshalb führte sie ja jetzt dieses Gespräch mit Pepe!

„Hört sich gut an. Trotzdem bestehe ich auf meinen Bedingungen. Du wohnst während der restlichen Schwangerschaft bei mir, wo auch immer ich mich gerade aufhalte. Ich werde dafür sorgen, dass es dir und dem Baby an nichts fehlt. Cash gibt es allerdings nicht. Sollte der Vaterschaftstest positiv sein, werde ich dir ein Haus kaufen. Den Ort kannst du bestimmen. Geldsorgen wirst du auch nie wieder haben, denn meine Unterhaltszahlungen werden sehr großzügig sein.“

Das klang so vernünftig und anständig, dass Cara sich fragte, warum sie so lange gezögert hatte, mit Pepe zu reden. Offenbar hatte sie ihn völlig falsch eingeschätzt. So wie er reagierte, hätte er niemals eine Abtreibung von ihr verlangt, oder?

Er schien ihre Gedanken zu lesen. „Ich bin doch kein Monster, das verlangt, ein Kind wegmachen zu lassen!“

Am Haupteingang zu Pepes Wohnbereich wurde energisch angeklopft. Ein Hausmädchen brachte ein Tablett mit einer Kanne Tee, einer Kanne Kaffee und zwei Tassen, stellte es auf dem Glastisch ab und verschwand wieder.

„Ich habe doch gesagt, ich will nichts trinken“, sagte Cara mit Blick auf die Teekanne.

„Du musst aber ausreichend Flüssigkeit zu dir nehmen“, behauptete Pepe.

„Bist du jetzt unter die Ärzte gegangen? Oder kennst du dich so gut aus, weil du schon unzählige uneheliche Kinder gezeugt hast?“ Herausfordernd sah sie ihn an.

Er versuchte, sie mit einem vernichtenden Blick zum Schweigen zu bringen.

Doch das funktionierte bei Cara nicht. Sie ließ sich nicht einschüchtern. „Du willst mir doch nicht weismachen, du hättest noch nie eine Vaterschaftsklage am Hals gehabt, oder?“

Sein Blick war undurchdringlich. „Ich benutze immer Kondome.“

„Ja, das habe ich gemerkt.“ Sie lachte ironisch.

Nun musste auch Pepe lachen. „Eins zu null für dich.“ Anerkennend neigte er den Kopf.

Fasziniert schaute Cara ihn an. Wenn Pepe lachte, war er einfach unwiderstehlich. Schnell rief sie sich zur Ordnung. Sein Aussehen, seine Männlichkeit spielten keine Rolle. Noch einmal würde sie sich nicht mit ihm einlassen, nur weil ihre Hormone verrücktspielten! Wie lässig er da auf dem Sofa lümmelte, während sie selbst immer noch äußerst unbequem an die Wand gelehnt dastand – und sich trotzdem benachteiligt fühlte. Sehr unfair!

Eine schwarze Locke lugte aus dem Halsausschnitt seines rosa Hemds hervor. Nur ein so maskuliner Typ wie Pepe konnte es sich leisten, diese Farbe zu tragen, ohne wissende Blicke auf sich zu ziehen. Cara erinnerte sich, wie seidig das dichte Brusthaar sich angefühlt hatte. Alles andere an Pepe war allerdings extrem hart gewesen …

Sie brauchte nur daran zu denken, schon empfand sie wieder dieses ungestüme Verlangen. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Verflixt! Jetzt musste sie doch etwas trinken.

Entschlossen löste Cara sich von der Wand, ging zum Glastisch und schenkte sich eine Tasse Tee ein, die sie mit zum anderen Sofa nahm, gegenüber von Pepe. Vorsichtig setzte sie sich auf den Rand, verlor jedoch sofort den Halt auf dem weichen Sofa, das sie fast verschluckte. Ihre Beine schossen so abrupt in die Höhe, dass der heiße Tee aus der Tasse schwappte und sich über Caras Schoß ergoss.

Sie schrie auf vor Schmerzen.

Pepe war sofort bei ihr und nahm ihr schnell die Tasse aus der Hand. „Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.

Cara wimmerte nur vor Schmerzen, hob den Kleidersaum hoch und fächelte damit kühlende Luft auf die verbrannten Schenkel. Dann rollte sie vorsichtig die schwarzen halterlosen Strümpfe hinunter.

„Alles okay, Cara?“, fragte Pepe noch einmal.

Er schien wirklich besorgt zu sein. Das schmerzte Cara noch mehr als die Verbrennung, die zu einer heftigen Rötung des linken Oberschenkels geführt hatte. Der rechte war zum Glück fast verschont geblieben. „Es tut schrecklich weh“, stieß sie hervor und presste die Lippen wieder zusammen.

„Klar tut das weh. Kannst du gehen?“

„Warum fragst du?“

„Weil wir das mit kaltem Wasser kühlen sollten.“

„Ach so.“ Das sah sie ein.

„Komm mit ins Badezimmer!“

Das Gesicht schmerzverzerrt, ließ Cara sich von Pepe vom Sofa helfen. Ihre Beine zitterten wie Espenlaub. Pepe erfasste die Situation sofort, hob Cara hoch und trug sie ins Badezimmer.

Eigentlich hätte Cara sofort protestieren müssen, aber es tat so gut, endlich wieder Pepes Duft einzuatmen! Am liebsten hätte sie sich an seine breite Brust geschmiegt und dort Geborgenheit gesucht.

Das Badezimmer war doppelt so groß wie Caras Schlafzimmer und glich einem weiß-schwarz-goldenen Palast. Doch sie hatte jetzt keine Zeit, dieses traumhafte Badzimmer zu bewundern!

„Du musst das Kleid ausziehen“, sagte Pepe, als er sie einige Marmorstufen hinuntertrug und Cara behutsam auf den Wannenrand setzte.

„Kommt nicht infrage!“

„Gut, dann wird es eben nass.“

„Das ist es bereits.“

Pepe schüttelte nur kurz den Kopf, dann kniete er sich vor Cara hin und legte ihr eine Hand aufs Knie.

„He, was soll das?“

„Ich ziehe dir die Strümpfe aus.“ Gesagt, getan.

Cara war froh, dass sie die Beine vor dem Abflug nach Sizilien noch frisch gewachst hatte.

„Ganz schön sexy.“ Wie eine Trophäe hielt er die Strümpfe hoch.

„Das ist eine völlig unpassende Bemerkung.“

Ein amüsiertes Lächeln umspielte seinen Mund. „Tut mir leid.“

„Schwindler!“

Er grinste frech, griff nach dem Duschkopf, der auf goldenen Armaturen ruhte, stellte das Wasser an, prüfte die Temperatur und richtete dann den kalten Strahl auf Caras Verbrennungen. Das Wasser spritzte in alle Richtungen und traf auch Pepe. Hastig änderte er die Druckeinstellung. „Willst du das Kleid nicht doch ausziehen?“

„Auf gar keinen Fall!“ Lieber würde sie Verbrennungen dritten Grades riskieren, als sich hier vor Pepes Augen zu entblättern!

„Warum stellst du dich so an? Ich habe dich schon nackt gesehen.“

„Aber nicht bei grellem Licht.“

Pepe lächelte nur und richtete den sanften kühlen Duschstrahl weiter auf die Verbrennungen.

Langsam spürte Cara eine Linderung. Das kalte Wasser tat so gut. Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück.

Minuten später blickte sie an sich hinunter. Das Kleid war höher gerutscht und gab die Sicht auf das schwarze Höschen frei. Kein Wunder, dass Pepes Augen plötzlich glänzten.

„Das reicht jetzt.“ Energisch zog Cara das klitschnasse Kleid zurecht und senkte verlegen den Blick.

Der Anblick des nassen schwarzen Höschens hatte Pepe nicht unbeeindruckt gelassen. Seine Hose schien plötzlich so unangenehm eng zu sitzen, dass er kaum atmen konnte. Verärgert rang Pepe um Selbstbeherrschung. Unter keinen Umständen durfte er sich jetzt von seinem Verlangen leiten lassen!

Nachdem er das Wasser abgestellt und den Duschkopf wieder in die Verankerung gehängt hatte, ging er vor Cara in die Hocke und sah ihr in die Augen. „Die Rötung ist zurückgegangen, und zum Glück haben sich keine Brandblasen gebildet. Zur Sicherheit gebe ich dir aber noch eine Brandsalbe, die du auf den Verbrennungen verteilen solltest. Danach kannst du dich umziehen. Wo sind deine Sachen?“

„Ich habe nichts zum Wechseln mitgebracht.“

„Wieso nicht?“ Normalerweise blieb Cara immer eine Woche zu Besuch bei ihrer besten Freundin.

„Weil ich heute Abend direkt zurückfliegen will.“

„Wirklich?“ Auch er war ja erst zwanzig Minuten vor der Taufe aus Paris eingeflogen, um so wenig Zeit wie möglich mit Cara zu verbringen. Offensichtlich hatte Cara das gleiche Ziel verfolgt.

„Ich wollte nicht riskieren, mich bei Grace zu verplappern, bevor ich mit dir gesprochen habe“, erklärte sie.

„Danke, das war sehr fair.“

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, widersprach Cara. „Grace hätte es nämlich sofort Luca erzählt, und der hätte dich vorgewarnt.“

Oder Grace hätte mir höchstpersönlich den Kopf abgerissen, dachte Pepe. „Wie auch immer. Ich frage sie, ob sie dir was zum Anziehen leihen kann.“

„Untersteh dich!“

„Wieso?“ Blöde Frage, dachte er sofort. „Du hast recht. Grace will dann natürlich wissen, warum deine Sachen klitschnass sind, und dann kommt alles raus. Sag mal, weiß sonst noch jemand von dem Baby?“

„Nur meine Mutter. Aber die zählt nicht.“

Pepe stutzte, fragte jedoch nicht nach. Er hatte auch so schon genug zu bedenken.

„Warum fragst du? Befürchtest du, die Mastrangelo-Sippe könnte auf sofortiger Heirat bestehen?“, fragte Cara keck.

„Versuchen können sie es ja.“ Und sie würden es versuchen! Gar keine Frage. „Aber bei mir beißen sie auf Granit.“ Jedenfalls bis zum Ergebnis des Vaterschaftstests. Sollte der positiv sein …

„Bei mir auch. Wie stellst du dir das eigentlich vor, dass ich bei dir wohnen soll, Pepe? Hast du dir mal überlegt, wie ich jeden Tag zur Arbeit nach Dublin kommen soll? Du hast ja mindestens drei Wohnsitze in Europa.“

„Und einen in Südamerika. Deinen Job musst du natürlich an den Nagel hängen.“ Plötzlich bemerkte er, dass Cara zitterte. Sie musste dringend aus den nassen Sachen raus. „Komm jetzt aus der Wanne! Wir können später darüber reden, wenn dir wieder warm ist und du trockene Klamotten trägst.“

„Weder werde ich meinen Job aufgeben noch zu dir ziehen“, beharrte sie.

„Darüber reden wir später. Komm jetzt!“ Fürsorglich streckte er die Arme nach ihr aus. Nur widerstrebend hielt sie sich fest und ließ sich von ihm aus der Wanne helfen. Sie sieht aus wie ein begossener Pudel, dachte Pepe. Das Wasser war ihr sogar ins Gesicht gespritzt.

Zu spät bemerkte er, dass ihre Wangen feucht von Tränen waren, nicht vom Wasser. „Weinst du etwa?“

„Ja, weil ich so wütend bin“, schluchzte sie. „Du hast mein Leben zerstört. Und nun willst du mir auch noch die Zukunft kaputt machen. Ich hasse dich!“

Behutsam wickelte er sie in ein Badetuch und wich einen Schritt zurück. „Wenn du die Wahrheit sagst, blickst du einer rosigen Zukunft entgegen. Dir und dem Baby wird es nie an etwas fehlen. Das verspreche ich dir.“

„Ich will mich aber nicht von dir aushalten lassen. Ich will nur so viel, wie unserem Kind zusteht.“

„Das ist ja auch nur ein Angebot, Cara. Wenn das Kind von mir ist, bist du bis ans Ende deiner Tage versorgt. Was du mit dem Geld machst, ist deine Sache. Stell ruhig eine Nanny ein, meinetwegen auch mehrere, und geh wieder arbeiten.“

„Die nehmen mich bestimmt nicht wieder, wenn ich so lange fehle“, schluchzte sie.

„Dann suchst du dir eben einen neuen Job.“

„So einen finde ich nie wieder. Du hast ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, auf dem Kunstmarkt ohne Beziehungen einen Fuß in die Tür zu kriegen.“

Am liebsten hätte Pepe sie an sich gezogen und getröstet. Doch er widerstand dem Impuls – aus reinem Selbstschutz.

Als Luisa damals auf die Tränendrüsen gedrückt hatte, war er darauf hereingefallen. Das passierte ihm kein zweites Mal! Jeden Tag wurde er daran erinnert, wenn er in den Spiegel schaute und die Narbe in seinem Gesicht sah. Natürlich hätte er sich die Narbe entfernen lassen können. Doch ihm war es lieber, täglich daran erinnert zu werden, niemandem zu vertrauen und sich nie wieder zu verlieben.

„Du musst nicht zu mir ziehen“, sagte er und zog das Badetuch fester um sie. Die tränenfeuchten Augen durften ihn nicht anrühren. Ich muss stark bleiben, ermahnte er sich. „Flieg zurück nach Irland und sieh zu, wie du zurechtkommst. Du kannst auch hierbleiben, ich werde dich unterstützen. Sowie das Baby auf der Welt ist, lassen wir den Vaterschaftstest machen. Aber eins muss dir klar sein: Wenn du zurück nach Dublin fliegst, bekommst du keinen Cent von mir, bis geklärt ist, ob ich der Vater bin. Du wirst einen Gerichtsbeschluss für einen Gentest brauchen. Selbst wenn du den bekommst, musst du mich erst finden, bevor du eine Speichelprobe von mir nehmen lassen kannst. Bei Wohnsitzen in vier verschiedenen Ländern kann das Jahre dauern, wenn ich es darauf anlege.“

Natürlich war das gemein von ihm. Eigentlich grenzte es sogar an Erpressung. Aber das war ihm egal.

Sollte Cara wirklich von ihm schwanger sein, dann musste er alles in seiner Macht Stehende tun, um das ungeborene Leben zu beschützen. Wenn es nicht anders ging, manövrierte er sie eben in eine Ecke, aus der es nur einen Ausweg gab: direkt zu ihm. Und da würde sie bis zur Geburt auch bleiben.

Auf gar keinen Fall würde er riskieren, noch ein Kind zu verlieren.

4. KAPITEL

So verunsichert wie in diesem Augenblick hatte Cara sich noch nie gefühlt.

Pepes blaues Hemd reichte ihr bis zu den Knien. Die Hosenbeine waren x-mal umgekrempelt. Hätte sie dazu noch extragroße Schuhe getragen, ihr Outfit als Clown wäre perfekt gewesen.

Sie folgte Pepe die Gangway hinauf in seinen Privatjet und erwiderte die freundliche Begrüßung durch die Crew. Alle taten so, als wäre ihr Aufzug völlig normal. Das ließ ja tief blicken. Wer mochte Pepe wohl sonst auf seinen Flügen um die Welt begleiten?

Ein Steward führte sie zu einem der eleganten Ledersitze. Pepe nahm neben ihr Platz. Die Sicherheitsgurte schnappten ein.

„Du kannst unter zehn Sitzplätzen wählen“, sagte sie frustriert.

„Du auch“, antwortete er und streckte lässig die langen Beine aus. Dann bemerkte er das Billighandy in Caras Hand. „Wen willst du anrufen?“

„Grace.“

„Und was willst du ihr sagen?“

„Dass ihr Schwager ein skrupelloser Mistkerl ist.“

Pepe zog eine Augenbraue hoch.

Frustriert gab Cara klein bei. „Zumindest hatte ich vor, ihr das in einer SMS zu schreiben. Aber ich warte wohl lieber, bis das Finanzielle geregelt ist. Ich möchte ja nicht riskieren, dass sie dir vorher den Kopf abreißt.“

„Sehr anständig von dir“, kommentierte Pepe trocken.

Das trug ihm einen giftigen Blick ein, bevor sie auf die ‚Senden‘-Taste drückte. „Ich habe mich bei Grace entschuldigt, ohne Abschied von der Tauffeier verschwunden zu sein. Als Grund habe ich angeführt, dass du mir eine Mitfahrgelegenheit zum Flughafen angeboten hast und es eilig hattest. Unsere gemeinsame Abfahrt ist sicher nicht unbeobachtet geblieben.“

„Befürchtest du Gerede?“, fragte Pepe gelangweilt.

„Ach wo.“ Sollen sie doch denken, was sie wollen. Mir ist es egal. Irgendwann kommt die Wahrheit ans Tageslicht, und die Leute werden merken, dass Pepe gar nicht so liebenswürdig ist, wie er immer tut, dachte Cara. Laut sagte sie: „Ich wollte nur vermeiden, dass Grace sich Sorgen macht.“

Verflixt, sie hätte doch zuerst Grace um Hilfe bitten sollen, als feststand, dass sie ein Kind erwartete. Normalerweise hätte sie sich auch an ihre beste Freundin gewandt, doch Grace war zu dem Zeitpunkt ja nicht auffindbar gewesen. Also hatte sie sich ihrer Mutter anvertraut, die leider mal wieder nur mit sich und ihrem untreuen zweiten Ehemann beschäftigt war und gar nicht richtig zugehört hatte. Typisch!

Inzwischen hatte Luca ja wieder seine Grace aufgespürt, sie hatten sich versöhnt und schwebten im siebten Himmel. Die Tauffeier vorhin wäre eigentlich die perfekte Gelegenheit gewesen, Grace von der Schwangerschaft zu erzählen. Selbstverständlich hätte Grace ihrer besten Freundin geholfen. Allerdings wäre dann die ganze erbärmliche Wahrheit ans Tageslicht gekommen. Und dann?

Außerdem war Pepe für das Kind verantwortlich, nicht Grace. Also sollte er auch dafür zahlen. Dieser nutzlose Playboy.

Jetzt war es sowieso zu spät, Grace ins Vertrauen zu ziehen. Die würde Luca alles brühwarm erzählen, der hätte nichts Eiligeres zu tun, als Pepe anzurufen, und der würde Druck auf seinen Bruder ausüben, damit dieser dafür sorgte, dass Grace auf keinen Fall Geld an Clara weitergab. So eine verfahrene Situation.

„Tun deine Beine noch weh?“, erkundigte Pepe sich, nachdem der Steward endlich die Kabine verlassen hatte.

„Es ist auszuhalten.“ Die Salbe hatte Wunder gewirkt. In der Hinsicht hatte Pepe sich wirklich sehr umsichtig verhalten. Andererseits gab er keinen Millimeter nach, was die Forderung betraf, zu ihm zu ziehen. Es war diese kompromisslose Härte gewesen, die Cara vorhin so hatte verzweifeln lassen, dass sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

Der Jet hatte sich in Bewegung gesetzt und rollte zur Startbahn. Bedrückt blickte Cara aus dem Fenster. Was hier passierte, war völlig verrückt. Irgendwie musste sie Pepe doch umstimmen. Sie gab sich einen Ruck.

„Bitte, Pepe! Ich muss wirklich zurück nach Dublin. Wenigstens für zwei Tage, damit ich alles organisieren kann.“ Zweimal hatte sie in der vergangenen Stunde schon versucht, ihm wenigstens dieses Zugeständnis abzuringen.

„Unmöglich. Ich bin morgen den ganzen Tag geschäftlich unterwegs, und am Abend findet noch ein Geschäftsessen statt.“

„Aber ich muss morgen arbeiten.“

„Du wirst mich begleiten, Cara. Ich habe dir bereits mehrfach mitgeteilt, dass ich die ganze Woche über Termine wahrzunehmen habe.“

„Heißt das im Klartext, ich kann erst am Wochenende nach Hause?“, fragte sie entsetzt.

„Ich fürchte, in der nächsten Zeit ist ein Flug nach Dublin nicht machbar.“

„Was soll das heißen?“

„Dass du deine Angelegenheiten nicht vor Ort regeln kannst.“

„Wie denn sonst? Soll ich etwa per SMS oder E-Mail kündigen?“

„Das musst du selbst entscheiden.“

„Wenn es nach mir ginge, würde ich auf gar keinen Fall kündigen“, erklärte sie wütend. „Aber da du mich ja praktisch dazu zwingst, würde ich meinem Chef gern persönlich mitteilen, dass ich meine Stelle aufgeben muss.“

„Ich verstehe ja, wie unerfreulich das für dich ist. Aber wenn das Baby tatsächlich von mir ist, dann wirst du bald für all die Unannehmlichkeiten entschädigt.“

Schwang da etwa so etwas wie Mitgefühl in seiner Stimme mit? „Und was ist mit meinen Mitbewohnerinnen? Werden die auch entschädigt?“

„Wofür?“

„Dafür, dass ich mein Zimmer nicht ausräumen kann, weil ich nicht nach Dublin darf. Also kann das Zimmer nicht weitervermietet werden, wodurch ihnen die Mieteinnahmen entgehen.“

„Ich werde jemanden nach Dublin schicken, der deine Sachen packt.“

„Kommt nicht infrage!“ So weit kam es noch, dass eine völlig fremde Person in ihren Dessous wühlte. Verzweifelt kniff Cara die Augen zu.

Während sie sich noch stritten, beschleunigte der Jet. Cara drehte sich der Magen um. Schnell presste sie sich gegen die Rückenlehne. Im nächsten Moment hob die Maschine ab.

Cara beruhigte sich langsam. „Wenn ich meine Mitbewohnerinnen bitte, meine Sachen zu packen, kannst du dann dafür sorgen, dass alles abgeholt wird?“

„Selbstverständlich.“

„Dann habe ich sie morgen früh?“

„Wozu die Eile?“ Pepe musterte sie erstaunt.

„Weil ich außer meiner Handtasche nichts bei mir habe. Ich brauche meine Kulturtasche, was zum Anziehen …“

„Darum habe ich mich bereits gekümmert. Morgen früh wird dir neue Kleidung geliefert.“

„Ich will aber meine eigenen Sachen“, beharrte sie störrisch.

„Die bekommst du ja auch bald.“

„Wann genau?“

„Sehr bald. Und für entgangene Mieteinnahmen werden deine Mitbewohnerinnen entschädigt.“

„Gut.“ Ihr Magen rebellierte schon wieder. Cara atmete tief ein und aus.

„Alles in Ordnung?“

Wieder schwang Besorgnis in seiner Stimme mit, wie Cara frustriert feststellte. „Ich bin schwanger, der Vater meines Kindes bezweifelt seine Vaterschaft, besteht aber andererseits darauf, dass ich den Job aufgebe, an dem ich sehr hänge, und dass ich meine Mitbewohnerinnen im Stich lasse, nur damit ich ihn wie eine Konkubine rund um die Welt begleiten kann. Außerdem habe ich nichts zum Anziehen und keine Kosmetika. Nicht einmal eine Zahnbürste. Aber sonst ist alles in Ordnung. Vielen Dank.“

Pepe grinste amüsiert. „Meine Konkubine? Weißt du überhaupt, was eine Konkubine ist?“

Verlegen senkte sie den Blick. „Das habe ich nur so dahergesagt, weil ich so unglücklich bin.“

„Aha. Genau genommen handelt es sich bei einer Konkubine um die Geliebte eines Mannes.“

„Das weiß ich auch.“

„Der Mann begleicht alle Rechnungen seiner Konkubine, kauft ihr ein Haus …“

„Sie vertreibt ihm die Zeit, wenn ihm seine Frau zu langweilig ist“, warf sie ein. „Da du aber nicht verheiratet bist, kann ich auch nicht deine Konkubine sein.“

Seine sexy dunkelblauen Augen glitzerten gefährlich. „Da ich keine Frau habe, sorgst du also hauptsächlich für meinen Zeitvertreib?“, fragte er frech.

„Eher fresse ich einen Besen.“

Pepe lachte. „Das möchte ich sehen. Aber ich finde sicher etwas Appetitlicheres für dich.“

„Sei bloß still! Mir ist sowieso schon schlecht.“

„Irgendwie hatte ich das anders in Erinnerung.“

„Hör auf! Mir ist wirklich übel.“ Cara hatte schon immer unter Reisekrankheit gelitten. Erschöpft kniff sie die Augen zu und holte tief Luft.

Pepe beugte sich zu ihr hinüber und betrachtete sie forschend. Selbst wenn sie das Gesicht verzog, sah Cara unglaublich sexy aus. Er hätte schon Lust gehabt, mit ihr zu flirten. Doch das hätte ihm wohl nur noch weitere Probleme beschert. Davon gab es aber auch so schon reichlich.

Sie schlug die Augen wieder auf. „Was ist los?“

„Wieso?“

„Warum starrst du mich so an?“

„Ist es verboten, eine wunderschöne Frau anzusehen?“ Okay, dann flirtete er jetzt eben doch. Aber Cara war wirklich bildhübsch, besonders, wenn sie wütend war.

„Ich bin schwanger.“ Ihre dunklen Augen sprühten Funken.

„Und wahnsinnig sexy und begehrenswert. Aber keine Angst, ungebetene Avancen sind nicht mein Stil.“ Obwohl ihn die Lust fest im Griff hielt …

Aber Cara verachtete ihn. Es spielte keine Rolle, wie sehr er sie begehrte. Pepe war sich zwar ziemlich sicher, dass Cara auch heiß auf ihn war, es gab da so gewisse Anzeichen, aber trotzdem. Ihm waren Frauen lieber, die willig in sein Bett kamen und nicht bereits bei Erwähnung seines Namens an die Decke gingen.

Sex mit Cara? Lieber nicht. Ein einziges heißes Wochenende mit ihr hatte ihm nur Schwierigkeiten bereitet. Instinktiv hatte er wohl deshalb so lange die Finger von ihr gelassen, obwohl sie ihn von Anfang an interessiert hatte.

In seinen Kreisen waren die Mädchen freizügig. Man ging zusammen ins Bett, hatte Spaß und ging wieder getrennte Wege. So einfach war das. Aber nicht mit Cara.

„Gut zu wissen.“ Cara lächelte sarkastisch. „Du brauchst nichts von mir, also musst du mir auch nichts mehr vorgaukeln.“

„Was soll dass denn heißen?“

„Vor dieser Sache mit dem Handy hast du mich nie begehrenswert gefunden!“

„Das genaue Gegenteil ist der Fall, cucciola mia! Ich fand dich schon immer wahnsinnig attraktiv.“

„Du findest doch jede halbwegs lebendige Frau attraktiv. Aber ich rede von Begehren. Du bist nie scharf auf mich gewesen.“

„Oh doch! Aber ich wollte nicht riskieren, dass meine Schwägerin mich nackt an einen Baum fesselt, sollte ich je versuchen, bei dir zu landen.“

Nun musste Cara doch lachen. Pepe hatte zwar ihr Leben völlig durcheinandergebracht, doch irgendwie gelang es ihm trotzdem, sie aufzuheitern. „Schade, das Schauspiel hätte ich zu gern gesehen.“

„Keine Sorge, falls das Baby von mir ist und Grace Wind davon bekommt, wird es mit Sicherheit ganz großes Theater geben! Und du sitzt dann in der ersten Reihe“, versprach er.

„Das Baby ist von dir.“

„Wir werden sehen.“ Nachdenklich zog er die Brauen zusammen. „Sag mal, steht dann unter Umständen auch dein Vater vor meiner Tür, um mir die Meinung zu sagen?“

„Darüber mach dir mal keine Sorgen. Der taucht nicht mehr auf.“

Pepe richtete sich auf. „Tut mir leid, Cara. Ich wusste nicht, dass auch du deinen Vater schon verloren hast.“

Erstaunt sah sie auf. „Nein, er ist nicht tot.“ Pepes Vater war ja schon vor vielen Jahren gestorben. „Nur nicht sonderlich interessiert an meinem Leben“, fügte sie betont lässig hinzu, obwohl die alte Verbitterung ihr noch immer zu schaffen machte. „Jedenfalls würde er dir ganz sicher kein Härchen krümmen. Eher würde er dir ein Bier ausgeben.“

Verständnislos schüttelte Pepe den Kopf. Wenn seine Tochter ungewollt schwanger wäre, würde er sich den werdenden Vater ganz bestimmt zur Brust nehmen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Na ja, noch wusste er ja nicht, ob Caras Kind überhaupt von ihm war. Erst wenn er Gewissheit hatte, wollte er sich wieder Gedanken um den Nachwuchs machen. Bis dahin musste er versuchen, das alles nicht an sich heranzulassen. Nach allem, was er mit Luisa durchgemacht hatte, war das doch nur vernünftig, oder? Reiner Selbstschutz.

Er hatte schon einmal das Ultraschallbild eines Embryos in der Hand gehalten. Er war damals so stolz, so glücklich, so überwältigt gewesen, hatte sich ausgemalt, wie es sich anfühlen würde, sein Kind im Arm zu halten, später mit ihm Fußball zu spielen …

Doch diese Erfahrung war ihm verwehrt gewesen, denn das Kind war nie auf die Welt gekommen.

Während Pepe noch in seinen Erinnerungen verstrickt war, kämpfte Cara immer noch mit der Reisekrankheit. Um sich abzulenken, provozierte sie Pepe, der plötzlich so nachdenklich geworden war. „Weißt du, Pepe, wenn ich es mir recht überlege, bist du meinem Vater ziemlich ähnlich. Beide seid ihr Charmeure. Wenn du ihn kennenlernst, könnt ihr Sextipps austauschen.“

Pepe musterte sie verblüfft. „Wieso beschleicht mich das Gefühl, gerade beleidigt worden zu sein?“

„Weil du nicht so dumm bist, wie du aussiehst?“ Bevor er auf diese gemeine Bemerkung reagieren konnte, stand Cara auf. „Wenn du nichts dagegen hast, lege ich mich auf das Sofa da und versuche zu schlafen. Einer der Stewards wird mich schon rechtzeitig vor der Landung wecken.“

Sie sah so müde aus, dass er sich jeglichen Kommentar verkniff. Obwohl er liebend gern mehr über Caras Vater erfahren hätte. Doch das konnte warten. Cara war schrecklich bleich und musste sich dringend ausruhen.

„Wie fühlst du dich?“, fragte er, nun doch etwas besorgt.

„Mir ist übel. Aber keine Sorge, dein Sofa wird schon keinen Schaden nehmen.“

Leicht beunruhigt blickte Pepe ihr nach, wie sie sich schwankend zum Sofa vorarbeitete und schließlich hinlegte.

Ein Klopfen an der Tür riss Cara aus dem Schlaf.

Sie wusste sofort, wo sie war: Im Gästezimmer von Pepes Haus in Paris.

Weil sie im Flugzeug keine Lust mehr auf weitere Diskussionen mit Pepe gehabt hatte, hatte sie Müdigkeit vorgetäuscht, sich auf dem Sofa ausgestreckt und sich schlafend gestellt – bis kurz vor der Landung auf dem Flughafen Charles de Gaulle.

Während der Fahrt zu Pepes beeindruckender fünfgeschossiger Villa in einem Nobelstadtteil von Paris hatte sie kaum den Mund aufgemacht. Das hielt sie auch eisern durch, als Pepe sie durchs Haus führte. Sonst wäre sie nämlich in enthusiastische Begeisterung ausgebrochen, denn das Haus war ein Traum! Hier wollte Pepe also seine Kunstsammlung präsentieren. Cara konnte sich das sehr gut vorstellen. Die Einrichtung wirkte sehr elegant, geschmackvoll und doch erstaunlich gemütlich.

Diesen Eindruck behielt sie aber wohlweislich für sich. Pepe musste ja nicht wissen, wie beeindruckt sie von seinem Haus war.

Sie wollte auch verheimlichen, dass seine besorgten Blicke während des Fluges fast dazu geführt hätten, sie einknicken zu lassen. Mehrmals musste sie den starken Impuls unterdrücken, sich an Pepes breite Brust zu schmiegen. Sie sehnte sich nach Geborgenheit.

Im Flieger hatte sie ihn heimlich beobachtet, hatte den tiefen Schmerz in seinem Blick bemerkt, bevor Pepe sich abgewandt hatte. Offenbar war er gar nicht so oberflächlich, wie er immer tat. Andererseits durfte sie nicht vergessen, wie sehr er in mancher Hinsicht ihrem Vater ähnelte. Und von dem war noch nie etwas Gutes gekommen.

Cara setzte sich auf und rieb sich die Augen.

Wieder wurde an die Tür geklopft.

„Mademoiselle Delaney?“

Vermutlich die Haushälterin, dachte Cara. „Ich bin wach.“ Sie stand auf und streckte sich. Das war das bequemste Bett, in dem sie je gelegen hatte, musste sie widerstrebend zugeben.

Die Tür ging auf, und eine Frau in mittleren Jahren trug ein Tablett mit Kaffee und Croissants hinein, das sie auf einem runden Tisch abstellte.

Pepe hatte sie ihr gestern vorgestellt. Wie war noch mal ihr Name gewesen? Monique?

„Guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?“, fragte die Haushälterin.

„Ja, sehr gut, danke.“ Cara rang sich ein freundliches Lächeln ab. Fremden gegenüber war sie zuerst immer etwas schüchtern.

„Die Bestellungen sind eingetroffen.“ Monique zog die schweren bodenlangen Vorhänge zurück und gab den Blick auf einen kleinen Balkon frei.

Sofort wurde das Zimmer in Sonnenlicht getaucht.

„Welche Bestellungen?“, fragte Cara überrascht.

„Aus den Boutiquen. Ich bringe sie sofort. Monsieur Mastrangelo lässt ausrichten, Sie möchten bitte in einer Stunde abfahrbereit sein.“

Ach ja, die Geschäftsreise an die Loire hätte sie fast vergessen.

Caras Stimmung hob sich wieder, als Monique und ein junges Mädchen Kleidersäcke, Schachteln und einen Kosmetikkoffer ins Zimmer schleppten.

„Falls Sie noch etwas benötigen, melden Sie sich bitte, Mademoiselle.“ Monique lächelte höflich und verließ mit dem jungen Mädchen das Gästezimmer.

Cara legte das angebissene Croissant zurück auf den Teller und inspizierte neugierig die Lieferung. Wunderschöne Kleidung und Accessoires, die sie sich auch selbst ausgesucht hätte, wenn sie das Geld dazu gehabt hätte. Musste Pepe sie unbedingt so verwöhnen? Warum hatte er ihr keine hässlichen Sachen besorgt, die sie ihm vor die Füße werfen konnte? Sogar die Nachthemden waren hauchzart und wunderhübsch. Der Kosmetikkoffer enthielt alle Marken, die Cara schon immer gern gekauft hätte, wenn sie das Geld dazu gehabt hätte. Das Make-up passte genau zu ihrem Typ. Richtige Freude wollte aber trotzdem nicht aufkommen, denn Cara hasste die Vorstellung, Pepe Dank zu schulden.

Aber schließlich griff sie doch nach dem Kosmetikkoffer und verschwand im Badezimmer. Dort begutachtete sie zuerst ihre Oberschenkel. Pepes Salbe hatte Wunder gewirkt. Nur noch eine leichte Rötung war nachgeblieben. Schmerzen hatte Cara nicht mehr.

Die Dusche weckte Caras Lebensgeister, das wunderbar duftende Duschgel verführte dazu, sich gleich zweimal damit einzuschäumen. Anschließend hüllte sie sich in ein warmes flauschiges Badetuch und kehrte zurück ins Gästezimmer, um etwas zum Anziehen auszusuchen. Es fiel ihr schwer, sich für eins der zwölf Outfits zu entscheiden. Ein echtes Luxusproblem, wie Cara selbstironisch feststellte.

Als ihre Wahl schließlich auf eine schwarze Designerjeans und einen kirschroten Kaschmirpulli gefallen war, klopfte es schon wieder.

„Herein!“, rief sie freundlich in Erwartung der Haushälterin. Doch ihr Lächeln erstarb, als die Tür aufging und Pepe ins Zimmer spazierte.

5. KAPITEL

„Was willst du?“, fragte Cara ungehalten.

„Auch dir einen schönen guten Morgen, cucciola mia.“ Pepe lächelte und zeigte seine strahlend weißen Zähne. Er trug heute einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und – ein schwarzes Halstuch.

Ein Halstuch! Seltsam, aber an ihm wirkte es nicht lächerlich. Er konnte so was durchaus tragen. Genau genommen sah er sogar einfach unwiderstehlich aus.

„Wir müssen gleich aufbrechen.“

„Wenn du unbedingt willst, dass ich mitkomme, musst du dich etwas gedulden, Pepe. Ich bin noch nicht fertig.“

„Monique hat dir doch ausrichten lassen, du möchtest bitte in einer Stunde fertig sein. Das ist jetzt eine Stunde her.“

„Da ich keine Armbanduhr trage und mein Handy nicht aufgeladen ist, habe ich keine Ahnung, wie spät es ist. Das Ladegerät für mein Handy ist in Dublin.“

„Kein Problem.“ Pepe drängte sich an ihr vorbei und setzte sich auf die Bettkante. „Dann warte ich eben.“

„Aber nicht hier.“

„Willst du mich etwa davon abhalten?“, fragte er und lächelte herausfordernd.

Das trug ihm einen vernichtenden Blick ein.

Pepe lachte nur amüsiert, was Cara natürlich noch wütender machte. Natürlich ließ er sich nicht beirren, sondern schnappte sich ein winziges Höschen aus schwarzer Spitze. „Ziehst du das an?“

Sie riss es ihm sofort aus der Hand und überspielte ihre Verlegenheit mit der energischen Forderung: „Jetzt aber raus! Sonst wird das heute nichts mehr mit dem Anziehen.“

„Komisch, wieso habe ich das Gefühl, du beeilst dich mehr, wenn ich hierbleibe?“

Wütend bedachte sie ihn leise vor sich hin schimpfend mit jedem Kraftausdruck, der ihr gerade einfiel, klaubte dabei die Sachen zusammen, die sie ausgesucht hatte und verschwand türenknallend wieder im Badezimmer. Pepe würde nicht wagen, ihr ins Badezimmer zu folgen, oder? Wahrscheinlich konnte er mit seinem Röntgenblick sowieso durch geschlossene Türen schauen. Nur zögernd legte Cara das Badetuch ab. Die Vorstellung, Pepe könnte heimlich ihren nackten Körper anstarren, erregte sie – sehr zu ihrem Ärger. Manchmal wusste sie selbst nicht, was mit ihr los war.

Hastig stieg sie in das Höschen. Es war ausgerechnet das, das sie Pepe gerade aus der Hand gerissen hatte! Kaum war er in der Nähe, spielten ihre Hormone verrückt. Gegen alle anderen Männer schien sie immun zu sein. Sehr seltsam.

Gegen Ende des gemeinsamen Wochenendes hatte sie sich wie eine sexbesessene Nymphomanin gefühlt. Was hatte ausgerechnet dieser Mann an sich? Wieso reagierte ihr Körper wie besessen auf Pepe? Obwohl sie schwanger war. Oder gerade deshalb?

Geistesabwesend hatte sie sich angezogen und ging wieder nach nebenan. Pepe hatte es sich inzwischen in einem Sessel bequem gemacht und hielt sein Handy in der Hand.

„Brauchst du noch lange?“, fragte er.

„Ich bin fertig.“

„Dein Haar ist noch nass.“

„Nur noch etwas feucht.“ Sie hatte es frottiert, so gut es ging.

„Draußen ist es aber kalt.“

„Mein Föhn ist in Dublin.“

Langsam kannte er Caras Blick, der sagen sollte, ‚wenn ich nach Dublin hätte fliegen dürfen, um meine Sachen zu holen, hätten wir dieses Problem jetzt nicht‘.

„Wenn wir zurückkommen, hast du einen Föhn hier“, versprach er.

„Bis dahin sind meine Haare hoffentlich trocken.“

„Sehr witzig.“

„Findest du? Schön für dich, denn in deiner Gesellschaft bricht offenbar meine sarkastische Ader durch.“

Pepe stand auf und gab ihr einen angedeuteten Nasenstüber. Caras Stupsnase war einfach zu entzückend! „Okay, dann muss ich mir ein Gegenmittel einfallen lassen, das hoffentlich auch gegen deine giftigen Blicke wirkt.“

„Lass mich nach Dublin zurückkehren. Das hilft.“

Er versteckte seine Verärgerung hinter einem aufgesetzten Lächeln. „Du kannst jederzeit nach Dublin fliegen. Die Konsequenzen sind dir ja bekannt.“

„Dir ist wirklich nicht zu helfen.“

„Wieso? Ich finde, ich habe eine sehr gute Lösung für uns beide gefunden. Schade, dass du das offensichtlich ganz anders siehst. Man kann es eben nicht jedem recht machen.“ Er deutete eine Verbeugung an. „So, meine feurige kleine Geisha, dann wollen wir uns mal auf den Weg machen.“

Erbost stützte sie die Hände auf die Hüften und fragte drohend: „Wie hast du mich gerade genannt?“

„Nun sei doch nicht so empfindlich!“

„Geisha, Konkubine – ich finde das beleidigend.“

„Das siehst du ganz falsch. Eine Konkubine ist ein fester Bestandteil im Leben eines Mannes. Sie ist nur zu seinem Vergnügen da. Eine Geisha fungiert als Gastgeberin und Künstlerin. Nur wenige Geishas schlafen auch mit ihren Kunden.“

Diese Erklärungen schienen Cara allerdings auch nicht versöhnlicher zu stimmen.

„Du bist wirklich ein hartes Stück Arbeit.“ Pepe stöhnte theatralisch. „Gut, dass ich fünf Monate Zeit habe, dir ein Lächeln zu entlocken.“

Bitte nicht! dachte Cara wenig später entsetzt, als sie vom Wagen aus einen großen Hubschrauber mit dem Emblem der Mastrangelos entdeckte. „Du willst doch wohl nicht etwa mit dem Ding da fliegen?“

„Die Alternative wäre eine achtstündige Autofahrt hin und zurück“, gab Pepe zu bedenken. „Mit dem Heli schaffen wir es in zwei Stunden.“

„Ich bin für die Autofahrt.“

„Und ich bin für den Flug im Hubschrauber.“

„Dann steht es unentschieden.“

„Aber es sind meine Zeit und mein Geld.“

„Muss ich denn unbedingt mitkommen, Pepe? Ich kann doch hier auf dich warten.“

„Du kommst mit!“ Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. „In einer Stunde sind wir da. Du bist in dem Heli ganz sicher und hast es bequem.“ Er stieg aus und machte sich auf den Weg zum Helikopter.

Cara streckte ihm die Zunge aus und sah zu, wie er sich mit drei Männern in schwarzen Overalls unterhielt. Das musste die Crew sein. Widerstrebend stieg Cara aus und folgte Pepe die Stufen hinauf. Blieb ihr etwas anderes übrig?

Eigentlich wirkte der Innenraum ganz gemütlich. Sie setzte sich auf einen weißen Ledersessel und lehnte sich zurück. „Leistest du mir keine Gesellschaft?“, fragte sie erstaunt, als Pepe die Kabine wieder verließ.

Grinsend drehte er sich um. „Einer muss diese Schönheit ja fliegen.“ Schon war er draußen und ließ die Tür einschnappen. Eine Minute später saß er bereits im Cockpit.

„Sehr witzig, Pepe Mastrangelo“, sagte Cara über die Trennwand hinweg. Als er nicht reagierte, wurde ihr mulmig zumute. „Wo ist der Pilot?“ Keine Reaktion. Pepe saß in der Kanzel und schien irgendwelche Knöpfe zu drücken.

„Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän“, sagte er dann hörbar amüsiert. „Bitte bleiben Sie für die Dauer des Fluges angeschnallt auf Ihrem Sitz und unterlassen das Rauchen. Air Mastrangelo wünscht Ihnen einen guten Flug.“

„Das ist nicht dein Ernst!“

Pepe setzte Kopfhörer auf und wandte sich kurz um. „Schnall dich an, Cara! Du bist in guten Händen. Versprochen.“

„Wo sind die Männer, mit denen du dich vorhin unterhalten hast? Ich dachte, die fliegen uns.“

„Das war die Wartungsmannschaft.“

Erst als Pepe den Rotor betätigte, ahnte Cara, dass Pepe tatsächlich selbst am Steuerknüppel saß.

„Du nimmst mich hoffentlich nur auf den Arm, oder?“, schrie sie über den Rotorenlärm hinweg. Meine Güte, war das ohrenbetäubend! Schnell setzte Cara ihre Kopfhörer auf.

„Leg den Sitzgurt an, Cara!“ Plötzlich begann Pepe in fließendem Französisch ins Mikrofon der Kopfhörer zu sprechen. Er wirkte jetzt ganz anders – besonnen und konzentriert.

„Kannst du diesen Vogel denn wirklich fliegen?“ Cara fragte vorsichtshalber doch noch einmal nach.

„Ja, ich habe einen Pilotenschein für Hubschrauber. Bist du angeschnallt?“

„Ja.“

„Dann heben wir jetzt ab.“

Kaum hatten sie den Boden verlassen, fing Caras Magen an zu rebellieren.

Langsam gewannen sie an Höhe. Es gab keine abrupten Bewegungen, alles schien in bester Ordnung, soweit Cara das beurteilen konnte. Sie lehnte sich zurück und entspannte sich etwas. Ihre Gedanken überschlugen sich allerdings. Woher nahm ein Playboy die Disziplin, den Pilotenschein zu machen? An Pepes Intelligenz hatte sie nie gezweifelt, an seiner Geduld jedoch schon. An Frauen verlor er jedenfalls sehr schnell das Interesse.

Seltsam, dass er noch nie erwähnt hatte, dass er einen Hubschrauber fliegen konnte. Pepe musste doch sehr stolz darauf sein, denn einfach war es sicher nicht, so ein Fluggerät in der Luft zu halten und sicher wieder zu landen. Grace, Luca, Pepe und sie waren so oft zusammen ausgegangen. Da hätte sich doch mal eine Gelegenheit ergeben, das Thema auf Helikopter zu lenken und so ganz nebenbei einfließen zu lassen, dass er sie fliegen konnte. Auch während des gemeinsamen Wochenendes in Dublin hätte er es erwähnen können, statt ausführlich von den Weingütern zu erzählen, die er und Luca auf der ganzen Welt besaßen.

So wie er da an den Instrumenten saß, konzentriert und entspannt zugleich, konnte man den Eindruck gewinnen, Pepe wäre plötzlich vollkommen in seinem Element und hätte nie etwas anderes getan.

Cara hatte so viele Fragen, die sie auf später verschieben musste. Jetzt musste sie sich trotz des ruhigen Fluges darauf konzentrieren, ihr Frühstück bei sich zu behalten. Kein leichtes Unterfangen …

„Alles okay da hinten?“

„Klar. Danke.“ Sie holte tief Luft und schloss die Augen.

„In der Seitentasche des Sessels findest du Spucktüten“, fügte er kurze Zeit später hinzu.

Cara hob nur kurz die Hand.

Natürlich war Pepe besorgt um sie. Schon auf dem Flug nach Paris war ihm klar geworden, dass sie an Reisekrankheit litt. Als Cara sich in seinem Privatjet hingelegt hatte, war er immer wieder zu ihr gegangen, um zu sehen, ob sie etwas brauchte.

Seit er vor zehn Jahren seinen Pilotenschein gemacht hatte, waren immer wieder Leute an Bord gewesen, die unter den gleichen Symptomen gelitten hatten wie Cara.

„Du kannst dir auch das Nackenstützkissen aus der Seitentasche ziehen“, schlug er vor und stellte die Klimaanlage an. „Das gibt deinem Kopf mehr Halt. Und du musst starr auf einen Punkt am Horizont blicken. Das sollte helfen. Es wird ein ruhiger Flug, Cara, die Wetterbedingungen sind sehr gut.“

Wieder hob sie nur kraftlos eine Hand, zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte.

Immer wieder vergewisserte er sich, dass Caras Zustand sich nicht verschlechtert hatte. Am Ende des Flugs setzte er schließlich weich und behutsam auf einem Feld in der Nähe des Weinguts auf, das er möglicherweise erwerben wollte.

Pepe erschrak, als er über die Trennwand kletterte und Cara aus der Nähe betrachten konnte. Er hatte noch nie einen Menschen mit einer so ungesunden Gesichtsfarbe gesehen. Einmal abgesehen vom unglaublichen Hulk … In den verkrampften Händen hielt sie eine unbenutzte Spucktüte. Er öffnete die Tür, um frische Luft hereinzulassen, kehrte zurück zu Cara und hockte sich neben sie. „Wir sind da.“

Cara riskierte einen kurzen Blick. „Ich weiß. Wir bewegen uns nicht mehr.“

„Kannst du aufstehen?“

„Ich versuch’s gleich mal.“ Sie schloss die Augen wieder und holte einige Male tief Luft. „Komm ja nicht auf Idee, mich hinauszutragen. Dann verpasse ich dir eine Ohrfeige.“

Das klang fast wieder wie die alte Cara. „Atme tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. So ist es gut.“

„Ich weiß, wie man atmet“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das tue ich schon seit meiner Geburt.“

„Wie praktisch!“, bemerkte Pepe trocken, doch seine Augen glitzerten. Selbst wenn es ihr schlecht ging, konnte Cara nicht aufhören, sich mit ihm zu kabbeln. Irgendwie fand er das unglaublich sexy … „Du hast jetzt fünf Minuten, dich zu erholen. Wenn du dann nicht gehen kannst, trage ich dich zum Wagen.“

Die Drohung hatte gewirkt. Als Pepe nach fünf Minuten zurückkehrte, saß Cara aufrecht, die Augen offen.

„Ich fürchte, du musst mir beim Aufstehen helfen“, sagte sie leise.

„Okay.“ Es musste ihr noch schlechter gehen, als er befürchtet hatte. Vorsichtig zog er sie an den Händen hoch. Dabei gruben sich ihre Fingernägel schmerzhaft in seine Hände.

Langsam arbeiteten sie sich bis zur Tür vor. „So, jetzt setz dich hin!“ Pepe sprang hinaus und streckte ihr die Arme entgegen. „Halt dich an mir fest! Ich hebe dich herunter.“

„Muss das sein?“ Die Frage klang halbherzig.

„Zumindest wäre es vernünftiger.“

Cara biss die Zähne zusammen. „Okay.“

Als Pepe sie an sich zog und ihre Brüste an seinem Oberkörper spürte, fühlte er erneut eine Welle der Erregung in sich aufsteigen. Gut zu wissen, dass sich da wieder was tut, dachte Pepe. In den vergangenen vier Monaten hatte er angefangen, sich ernsthafte Sorgen um seine Potenz zu machen. Am liebsten hätte er die kurvenreiche Cara noch länger in den Armen gehalten, doch das war jetzt wohl keine so gute Idee.

„Kannst du gehen, Cara?“

„Klar kann ich gehen.“ Mehr schlecht als recht, aber mit Pepes Hilfe schaffte sie die zehn Meter zum Landrover.

Der Weingutbesitzer Christophe Beauquet saß persönlich am Steuer, machte jedoch keine Anstalten, auszusteigen und seine Gäste willkommen zu heißen. Er brummte nur vor sich hin, als Pepe der immer noch etwas benommenen Cara auf den Beifahrersitz half und sie anschnallte.

Die Ärmste kämpfte noch immer mit der Übelkeit und hielt die Spucktüte fest umklammert.

„Sie muss geradeaus sehen“, erklärte er dem wortkargen Fahrer, bevor er auf dem Rücksitz Platz nahm.

Christophe schüttelte verächtlich den Kopf. „So ein Theater wegen eines kurzen Hubschrauberflugs?“

Diese unpassende Bemerkung konnte Pepe nicht schweigend hinnehmen. „Sie ist schwanger“, erklärte er knapp und lehnte sich zurück. Der Tonfall des Franzosen gefiel Pepe nicht. Er gefiel ihm überhaupt nicht!

6. KAPITEL

Es war dunkel, als Cara aufwachte. Dieses Mal hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befand. Sie erinnerte sich nur, dass der Landrover vor einem hübschen Bauernhaus geparkt und Pepe den Wagenschlag aufgerissen hatte, damit sie sich nicht im Auto erbrach. Sie hatte sich hinausgelehnt und die Tüte benutzt, während Pepe ihr behutsam den Rücken massiert und das Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte. Seine Fürsorge hätte sie fast zu Tränen gerührt.

Vorsichtig tastete Cara ihren Körper ab und stellte erleichtert fest, dass sie vollständig bekleidet war. Sie fühlte sich auch schon sehr viel besser.

Langsam richtete sie sich auf und schlüpfte in ihre brandneuen Designerschuhe, die ordentlich vor dem bequemen Doppelbett platziert worden waren.

Dann werde ich mich mal auf die Suche nach Pepe machen, dachte sie.

Auf dem Flur blieb sie stehen und lauschte angestrengt. Stimmen drangen von unten zu ihr herauf. Noch etwas benommen, arbeitete sie sich die Treppe hinunter und folgte dem Klang der Stimmen.

Pepe, dieser Christophe und eine Frau, die sogar noch kleiner war als Cara selbst, saßen um einen rustikalen Eichentisch herum.

Die kleine Frau mit dem vogelähnlichen Gesicht entdeckte Cara zuerst und eilte zu ihr. Fürsorglich hakte sie Cara unter und geleitete sie an den Tisch, während sie auf Französisch auf ihren Gast einredete.

Pepe erhob sich sofort höflich. „Cara!“ Er zog sie an sich und küsste sie auf beide Wangen. „Wie geht es dir?“

„Danke, viel besser.“

„Gut.“ Er ließ sie los und betrachtete sie forschend. „Noch etwas blass um die Nase, aber nicht mehr so grün wie der unglaubliche Hulk.“

„Das ist natürlich ein Fortschritt.“ Cara setzte sich auf den Stuhl neben Pepes. Im nächsten Moment wurde ihr eine Schale köstlich duftender Bouillon serviert, zusammen mit einem Körbchen frischer Baguettescheiben.

„Mangez!“ Die kleine Frau forderte sie pantomimisch zum Essen auf.

„Cara? Das ist Christophes Frau Simone“, stellte Pepe sie vor. „Sie spricht kein Englisch, macht aber eine vorzügliche Bouillon.“

Cara schenkte Simone ein dankbares Lächeln. „Vielen Dank … merci.“ Ihr leerer Magen knurrte. Schnell griff Cara zum Löffel und ließ es sich schmecken.

„Simone hat ihre Hausärztin gerufen“, berichtete Pepe.

Tatsächlich erinnerte Cara sich jetzt vage, dass eine stark parfümierte Frau auf der Bettkante gesessen und Cara untersucht hatte. „Ich dachte, ich hätte geträumt.“

Pepe lachte amüsiert. „Wir wollten sicher sein, dass du abgesehen von der Reisekrankheit okay bist.“

Cara wurde es warm ums Herz. So viel Umsicht und Fürsorge hätte sie niemals erwartet. Verlegen senkte sie den Blick. „Unter Reisekrankheit leide ich schon seit meiner Kindheit. Durch die Schwangerschaft ist alles noch schlimmer geworden.“

„Auf alle Fälle lasse ich morgen meinen Hausarzt nach Paris einfliegen, damit du gründlich untersucht wirst“, erklärte Pepe ernst. „Offenbar ist dein Blutdruck besorgniserregend niedrig.“

„Das ist schon immer so gewesen.“

„Trotzdem muss das abgeklärt werden. In dir wächst ein Kind. Du bist jetzt nicht nur für dich allein verantwortlich, sondern musst auch des Babys wegen an deine Gesundheit denken“, fügte Pepe mahnend hinzu.

„Nun übertreib mal nicht gleich, Pepe. Du klingst ja wie ein besorgter Vater.“

Das aufgesetzte Lächeln wich nicht von Pepes Gesicht, doch in seinen Augen hatte kurz etwas sehr Ernstes aufgeflackert. Bevor Cara darüber nachdenken konnte, wurde sie durch Simone abgelenkt, die ihr ein Glas Eiswasser einschenkte.

„Warum starrt sie mich die ganze Zeit an?“, wisperte Cara schließlich unauffällig in Pepes Ohr. Christophe hingegen umklammerte sein Glas und zeigte keine menschliche Regung. Cara war überzeugt, dass er der englischen Sprache mächtig war – im Gegensatz zu seiner Frau, die ständig gestikulierte und sie aufforderte, zu essen und zu trinken.

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