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JULIA EXTRA BAND 403

Sharon Kendrick, Cathy Williams, Jessica Gilmore, Carole Mortimer, Raye Morgan

JULIA EXTRA BAND 403

SHARON KENDRICK

Wenn ein Milliardär dich begehrt

Luis Martinez erkennt sich selbst nicht wieder. Die schönsten Frauen liegen ihm zu Füßen, aber er hat nur Augen für seine widerspenstige Haushälterin! Was hat Carly an sich, das ihn so erregt?

CATHY WILLIAMS

Auf dem Landsitz des stolzen Italieners

Alessio Baldini will nur eins von Lesley: Sie soll denjenigen aufspüren, der ihm Erpresser-Mails schickt. Doch dazu muss er Lesley nah an sich heranlassen. Gefährlich nah – bei ihrem Sex-Appeal!

JESSICA GILMORE

Cinderella und der Playboy

Der vermögende Geschäftsmann Castor Rafferty überredet die schöne Clara, seine Freundin zu spielen. Denn noch ist er einfach nicht bereit, sich wirklich dauerhaft zu binden …

CAROLE MORTIMER

Heirate mich, mein Engel!

Merry ist die Richtige zum Heiraten! Davon ist der Verleger Zack Kingston überzeugt und versucht alles, um ihr Herz zu erobern.Dumm nur, dass eine Hochzeit das Falsche für Merry zu sein scheint …

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Wenn ein Milliardär dich begehrt

1. KAPITEL

Carly erstarrte, als die wütende Stimme durchs Haus donnerte.

„Carly!“

Sie betrachtete die Speisestärke unter ihren Fingernägeln. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte versuchen, ihn zu ignorieren, doch welchen Sinn hätte das? Wenn ihr ebenso brillanter wie launischer Boss etwas wollte, dann musste es vor zehn Minuten erledigt sein, vorzugsweise noch früher. Er war zielstrebig und ehrgeizig, auch wenn er nur fünfzig Prozent gab. Denn bei Luis Martinez kamen fünfzig Prozent der vollen Leistung eines Durchschnittsmenschen gleich.

Carly verzog das Gesicht. Hatte er den häuslichen Frieden mit seinen ständigen Anweisungen und seiner schlechten Laune in den letzten Wochen nicht oft genug gestört? Wahrscheinlich hatte er guten Grund dazu, anspruchsvoller als sonst zu sein, aber trotzdem … Sie wusste nicht mehr, wie oft sie sich schon auf die Zunge gebissen hatte. Wenn sie es sich inständig wünschte, würde er vielleicht verschwinden und sie in Ruhe lassen.

Am besten für immer.

„Carly!“

Da er nun noch ungeduldiger klang, nahm sie ihre Schürze ab und schüttelte ihren Pferdeschwanz. Nachdem sie sich rasch die Hände gewaschen hatte, eilte sie zum Fitnessbereich im hinteren Teil des Hauses, wo Luis Enrique Gabriel Martinez gerade eine weitere Rehaeinheit mit seiner Physiotherapeutin abhielt.

Zumindest sollte er nach dem schweren Autounfall, den er offenbar nur mit Glück überlebt hatte, Reha bekommen. In letzter Zeit fragte sie sich allerdings immer öfter, ob die beiden bereits eine Grenze überschritten hatten. Die ehemals kühle Physiotherapeutin erschien inzwischen auffällig stark geschminkt und duftend, wenn sie morgens klingelte. Nun, im Grunde war das auch nicht anders zu erwarten gewesen, denn Luis übte eine starke Wirkung auf Frauen aus, was wohl an seinem exotischen Äußeren und seiner unbändigen Lebenslust lag.

Er kam, sah und siegte – nur nicht unbedingt in der Reihenfolge, denn er machte alle Frauen schwach. Selbst im Krankenhaus war es der Fall gewesen, sodass fast sämtliche behandelnden Schwestern ihn später unter irgendeinem Vorwand zu Hause besucht hatten. Ein ans Bett gefesselter, ausgesprochen verführerischer Milliardär war natürlich ein attraktives Ziel, doch zu Carlys Überraschung hatte er sie alle kurz abgefertigt.

Zum Glück gehörte sie zu den wenigen Frauen, die gegen den sorglosen Charme des Argentiniers immun waren – nicht, dass dieser ihn bei ihr hatte spielen lassen. Vielleicht war das einer der Vorteile, die es mit sich brachten, wenn man wie eine graue Maus aussah. So konnte sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren und einer besseren Zukunft entgegenblicken. Und sich seine vielen negativen Eigenschaften wie Egoismus, Rastlosigkeit und sträflichen Leichtsinn ins Gedächtnis rufen. Außerdem ließ er überall seine Espressotassen herumstehen.

Kurz vor dem Fitnessbereich blieb Carly stehen und überlegte, ob sie lieber bis zum Ende der Massage warten sollte.

„Carly!“

Hatte er sie trotz der Turnschuhe, die sie trug, kommen hören? Man schrieb es unter anderem seinen scharfen Sinnen zu, dass er als Rennfahrer lange so erfolgreich gewesen war.

„Kommen Sie jetzt endlich rein, Carly!“

Inzwischen hatte sie sich an seinem autoritären, verächtlichen Tonfall gewöhnt. Hunde, die bellen, beißen nicht, hieß es in seinem Umfeld. Seine vorletzte Freundin musste er jedenfalls oft gebissen haben, denn sie hatte beim Frühstück immer stolz ihre Knutschflecken gezeigt.

Carly öffnete die Tür und betrat den Raum, in dem ihr berühmter Arbeitgeber auf dem Rücken auf der Massagebank lag. Er hatte die Arme im Nacken verschränkt, und sein gebräunter Körper bildete einen faszinierenden Kontrast zu dem weißen Laken. Als er sie erblickte, kniff er die Augen zusammen und sah sie scheinbar erleichtert an.

Seltsam, doch im nächsten Moment registrierte Carly die Anspannung im Raum. Dann stellte sie fest, dass Mary Houghton, die Physiotherapeutin, schwer atmend am anderen Ende stand – und Luis bis auf ein kleines weißes Handtuch über der Hüfte nackt war.

Carly spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, und plötzlich wurde sie wütend. Hätte er sich nicht vor ihrer Ankunft bedecken können? Er hätte sich doch denken können, dass der Anblick seiner muskulösen Brust, seiner breiten Schultern und seiner langen Beine ihr peinlich war.

Sie hielt sich von Männern fern, und das aus gutem Grund. Doch als sie nun wider Willen fasziniert ihren Boss betrachtete, vergaß sie ihre unterschwelligen Ängste und Komplexe gegenüber dem anderen Geschlecht.

In diesem Moment konnte sie verstehen, warum die Frauen ihn anbeteten und die Presse ihn Die Liebesmaschine genannt hatte, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere und amtierender Weltmeister war. Das war vor ihrer Zeit gewesen, aber natürlich hatte sie von ihm gehört.

Damals hatte er nicht nur die Sportseiten beherrscht, sondern war auch ein bekanntes Werbegesicht gewesen. Die Klatschpresse hatte ebenfalls ständig über ihn berichtet, denn attraktive südamerikanische Milliardäre, an deren Armen immer irgendeine Blondine hing, garantierten eine hohe Auflage. Irgendeine Journalistin hatte einmal geschrieben, dass seine dunklen Augen beinah leer wirkten, was seine Faszination offenbar nur verstärkt hatte.

Denn sogar Carly war klar, dass Luis Martinez nicht nur gut aussah, sondern etwas Wildes, Ungezähmtes an sich hatte. Er war das Objekt der Begierde, das keine Frau lange halten konnte. Das etwas zu lange schwarze Haar erinnerte an einen Freibeuter, und unter dem Blick seiner schwarzen Augen fühlte sie sich entschieden unbehaglich.

Schnell blickte sie Mary Houghton an, die inzwischen seit Wochen ins Haus kam. Mit ihrem glänzenden Haar und der tollen Figur war die Physiotherapeutin so attraktiv wie immer, wirkte allerdings gekränkt.

„Endlich, Carly“, sagte Luis sarkastisch. „Sie wissen doch, dass ich nicht gern warte.“

„Ich habe gerade Alfajores für Sie zum Kaffee gemacht“, erwiderte Carly.

„Ah, ja.“ Widerstrebend nickte er. „Ihr Zeitmanagement ist miserabel, aber Sie sind eine hervorragende Köchin. Ihre Alfajores schmecken genauso, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne.“

„Wollten Sie etwas Bestimmtes?“, erkundigte sie sich demonstrativ. „Es ist nämlich nicht gut für den Teig, wenn man beim Backen unterbrochen wird.“

„Ich glaube nicht, dass es Ihnen zusteht, mir Vorträge über Zeitmanagement zu halten“, erklärte er scharf, bevor er sich an Mary wandte, die aus irgendeinem Grund tief errötet war. „Manchmal scheint Carly zu vergessen, dass ein gewisser Grad an Unterwürfigkeit bei einer Haushälterin wünschenswert ist. Aber da sie sehr kompetent ist, nehme ich es hin, dass sie gelegentlich aufbegehrt. Nun, da Sie gehen wollen, Mary … Glauben Sie, jemand wie sie schafft es, mich wieder zur alten Form zu bringen?“

Dass Luis über sie redete, als wäre sie gar nicht anwesend, interessierte Carly in diesem Moment nicht. Sie wollte vielmehr wissen, warum die ehemals so unnahbare Physiotherapeutin derart angespannt wirkte.

„Stimmt etwas nicht?“, hakte sie nach, woraufhin Mary Houghton verlegen die Schultern zuckte.

„Nicht direkt. Aber mein Engagement bei Señor Martinez ist … beendet. Er benötigt keine Physiotherapeutin mehr.“ Ihre Stimme bebte leicht. „Aber in den nächsten Wochen braucht er weiterhin regelmäßig Massagen und muss trainieren, und das sollte jemand beaufsichtigen.“

„Aha.“ Carly wusste nicht genau, worauf sie hinauswollte.

Luis fixierte sie mit einem durchdringenden Blick. „Sie hätten kein Problem damit, das zu übernehmen, oder, Carly? Sie sind doch geschickt.“

„Ich?“, brachte sie entsetzt hervor. Bei der Vorstellung, in die Nähe eines halb nackten Mannes – auch wenn es Luis Martinez war – zu kommen, bekam sie eine Gänsehaut. „Heißt das, ich soll Sie massieren?“

Nun funkelten seine Augen, und sie wusste nicht, ob es Belustigung oder Ärger war. „Finden Sie den Gedanken so schrecklich, Carly?“

„Nein, nein, natürlich nicht“, log sie. Sie hätte ihm sagen müssen, wie wenig Ahnung sie von Männern hatte. Sie zuckte die Schultern, und das Blut stieg ihr ins Gesicht. „Es ist nur … Na ja, ich habe noch nie jemanden massiert.“

„Das ist kein Problem“, erklärte Mary Houghton kühl. „Ich kann Ihnen die Grundlagen beibringen. Und mit den Übungen ist Señor Martinez schon vertraut. Sie müssen vor allem darauf achten, dass er sie regelmäßig macht.“

„Meinen Sie, Sie schaffen das, Carly?“

Der Klang der verführerischen Stimme drang an ihr Ohr, und als Carly sich umwandte, machte sein Blick sie schwindlig. Es schien ihr, als würde Luis sie zum ersten Mal richtig ansehen. Der Ausdruck in seinen Augen war beinah … abschätzend, und das alarmierte sie. Dachte Luis, was unzählige Männer vor ihm gedacht hatten? Dass sie unscheinbar und unbeholfen war und nichts aus ihrem Typ machte? Und würde er sich wundern, wenn er wüsste, dass es ihr ganz recht war? Dass sie nicht gern auffiel, weil das Leben so sicherer war? Sicherer und vorhersehbarer.

Nachdem sie die dunklen Erinnerungen routiniert wie immer verdrängt hatte, dachte Carly über seine Frage nach. Natürlich konnte sie sich die Grundlagen aneignen, denn wie er ganz richtig festgestellt hatte, war sie sehr geschickt. Schließlich führte sie seinen Wohnsitz hier in England schon seit Jahren. Sie machte den Haushalt, kümmerte sich um das Catering, wenn er eine große Party gab, oder engagierte einen Sternekoch und bestellte Blumen, wenn er eine seiner Freundinnen einlud.

Sie wünschte nur, sie hätte den Mut zu sagen, dass sie es nicht tun wollte, dass sie sich bei der Vorstellung, ihm nahezukommen, komisch fühlte. Und obwohl sie diesen Job nur machte, weil sie einmal Ärztin werden wollte, musste sie ihre ersten praktischen Erfahrungen nicht bei einem Mann wie Luis Martinez sammeln.

Wenn sie sich vorstellte, seine Haut zu berühren, vor allem wenn er nur mit einem Handtuch bedeckt war, so wie in diesem Moment … Wenn sie sich vorstellte, jeden Tag mit ihm allein im Massageraum zu sein … Ja, sie kam mit Luis Martinez klar, aber nur aus der Distanz.

„Das kann doch auch jemand anders übernehmen, oder?“, schlug sie deshalb vor.

„Ich möchte aber, dass Sie es machen“, erwiderte er. „Oder haben Sie andere Verpflichtungen, Carly? Gibt es da etwas, wovon ich wissen sollte? Schließlich bin ich Ihr Arbeitgeber, oder?“

Sie ballte die Hände zu Fäusten, weil er sie jetzt in die Ecke gedrängt hatte, und sie wussten es beide. Luis zahlte sehr gut, und sie sparte den größten Teil ihres Lohns für ihr geplantes Medizinstudium.

Ihre Tätigkeit hier ließ ihr noch genug Zeit zum Lernen. Sie liebte sie sogar, vor allem, wenn Luis sich nicht in England aufhielt, was meistens der Fall war. Er besaß exklusive Domizile auf der ganzen Welt, überall, wo er Geschäfte machte, und sein Wohnsitz hier stand normalerweise ganz unten auf seiner Liste. Als sie einmal seinen stämmigen Assistenten Diego, einen ehemaligen Ringer, fragte, warum er dieses Anwesen überhaupt behielt, hatte dieser gesagt, aus steuerlichen Gründen.

Ihre Aufgabe bestand darin, immer alles fertig zu haben, falls Luis unerwartet auftauchen sollte. Normalerweise wäre er jetzt auch nicht hier gewesen, wenn er nicht an dem Wohltätigkeitsrennen teilgenommen hätte, das ihm einen wochenlangen Krankenhausbesuch wegen eines komplizierten Beckenbruchs beschert hatte.

Carly betrachtete ihn und überlegte, ob sie sein arrogantes und willkürliches Verhalten auf einer intimeren Ebene ertragen würde. Wie sollte sie ihn massieren, ohne der Versuchung nachzugeben, die Fingernägel in seine seidenweiche, gebräunte Haut zu krallen? Wie, in aller Welt, sollte sie einen so berüchtigten Sexgott auch nur berühren, ohne sich lächerlich zu machen?

„Vielleicht sollten Sie eine andere Therapeutin engagieren“, beharrte sie deshalb.

Luis warf Mary Houghton, die immer noch genauso dastand wie eben, einen Blick zu und verzog gereizt die Lippen. „Geben Sie uns bitte einen Moment, Mary?“

„Ja, natürlich. Ich … rede mit Ihnen, wenn Sie fertig sind, Carly.“ Mary ging zu ihm und streckte ihm die Hand entgegen. „Auf Wiedersehen, Luis. Es war … schön.“

Er nickte, doch Carly fiel auf, wie kalt seine Miene war, als er sich auf einen Ellbogen stützte und Mary die Hand schüttelte.

„Auf Wiedersehen, Mary“, sagte er.

Nachdem Mary den Raum verlassen hatte, setzte er sich auf und bedeutete Carly ungeduldig, ihm den schwarzen Bademantel zu reichen, der an einem Haken an der Tür hing.

Sie holte ihn und wandte schnell den Blick ab, bis Luis sich bedeckt hatte.

„Warum sind Sie so verdammt stur?“, fragte er dann gereizt.

Zuerst antwortete sie nicht. Würde er sie verspotten, wenn er erfuhr, dass die Intimität ihr Angst machte? Oder wäre er schockiert, wenn sie ihm erzählte, dass sie den Umgang mit Männern wegen eines traumatischen Erlebnisses scheute? Ein Mann wie er würde ihr genau wie die anderen wahrscheinlich raten, es zu vergessen – als wäre das so einfach.

Aber es ging nicht nur um das, was ihr widerfahren war, oder? Wenn sie sich einverstanden erklärte, würde sie sich nur Ärger einhandeln, denn reiche, mächtige Männer wie Luis bedeuteten Ärger. War nicht ihre eigene Schwester seit der Pubertät auf der Jagd nach diesen Typen und machte trotz der Rückschläge immer weiter?

Einige von Bellas unrühmlichen Eskapaden kamen ihr in den Sinn, als sie Luis’ Blick erwiderte. „Ich möchte meine häuslichen Pflichten nicht vernachlässigen“, erklärte sie.

„Dann stellen Sie jemanden ein, der das Kochen und Saubermachen übernimmt. Wie schwierig kann das sein?“

Carly errötete. Dass er ihren Job so gering schätzte, kränkte sie.

„Ich kann auch eine Masseurin engagieren, die das bestimmt besser macht als ich“, schlug sie vor.

„Nein“, entgegnete Luis wütend. „Ich kann keine Fremden mehr sehen. Ständig kommen irgendwelche Leute in mein Haus und wollen mir vorschreiben, was ich tun und lassen soll.“ Er presste die Lippen zusammen. „Was ist los, Carly? Sagen Sie Nein, weil Massagen für Ihren genesenden Boss nicht im Arbeitsvertrag vorgesehen sind?“

„Ich habe keinen Vertrag“, klärte sie ihn auf.

„Nein?“

„Nein. Beim Bewerbungsgespräch sagten Sie, wenn Ihr Wort mir nicht genügt, würden Sie auch nicht wollen, dass ich für Sie arbeite.“

Nun lächelte er arrogant. „Habe ich das wirklich gesagt?“

„Allerdings.“ Und sie hatte sich einverstanden erklärt, weil es eine einmalige Gelegenheit für sie gewesen war – eine Bleibe und ein großzügiges Gehalt.

Luis war ernst geworden. „Diese Diskussion langweilt mich allmählich“, verkündete er scharf. „Helfen Sie mir jetzt oder nicht?“

Carly hörte die unterschwellige Drohung heraus. Würde er sie feuern, wenn sie ablehnte? Musste sie sich dann einen neuen Job suchen? Einen, der ihr keine Zeit zum Lernen ließ? Als sie an die Rechnung für den Champagner von seiner letzten Party dachte, fasste sie einen Entschluss.

„Ich mache es, wenn Sie mir eine Art Bonus geben“, schlug sie vor.

„Eine Gefahrenzulage?“, spottete er. Er verzog das Gesicht, als er die Beine von der Liege nahm. Dabei klaffte sein Bademantel auseinander, und ihr Blick fiel auf seinen von feinen Härchen bedeckten Schenkel.

„Genau“, erwiderte sie heiser und wandte schnell den Blick ab. „Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.“

Luis lachte auf. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Sie verhandeln können, Carly.“

„Und warum nicht?“

Luis antwortete nicht und konzentrierte sich darauf, die Hüften zu dehnen, so wie Mary es ihm gezeigt hatte. Seine unscheinbare kleine Haushälterin hatte ihn gerade darin bestätigt, dass jeder Mensch seinen Preis hatte. Er wies sie allerdings nicht darauf hin, weil er sie nicht verärgern wollte, denn es hatte keinen Sinn, eine Frau zu verärgern, sofern es sich vermeiden ließ. Oft ließ es sich natürlich nicht vermeiden, denn entweder hörten sie nicht richtig zu, oder sie glaubten, einen umstimmen zu können.

Oder sie verliebten sich in einen, auch wenn man sie nicht im Entferntesten dazu ermutigt hatte. Erneut presste Luis die Lippen zusammen. Genau den Fehler hatte Mary Houghton begangen. Sie hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie scharf auf eine … Liaison war, und er war natürlich in Versuchung geraten. Sie war eine attraktive Frau, und hatte er nicht irgendwo gelesen, dass Physiotherapeutinnen gut im Bett waren, weil sie sich mit dem menschlichen Körper auskannten? Es war aber höchst unprofessionell von ihr gewesen und hatte ihn entsetzt.

Luis richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Carly. Bei ihr hatte er wenigstens nichts zu befürchten, denn er würde sich bestimmt nicht zu ihr hingezogen fühlen. Er fragte sich, ob sie zu Hause einen Spiegel hatte oder einfach nicht sah, was die anderen sahen.

Sie hatte das dicke braune Haar zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden und war ungeschminkt. Da sie hellbraune Augen und porzellanfarbene Haut hatte, hätte ihr Gesicht etwas Farbe benötigt, und er hatte oft überlegt, warum sie bei der Arbeit immer einen blauen Overall trug, der zudem an bestimmten Stellen spannte, weil sie eine altmodisch kurvenreiche Figur hatte.

Er umgab sich normalerweise nur mit Frauen, die Weiblichkeit zu einer Kunstform erhoben hatten. Die unendlich viel Zeit und Geld in ihre Schönheit investierten und den Rest ihres Lebens dann damit verbrachten, diesen Zustand zu erhalten. Carly hingegen war anders.

Luis lächelte ironisch. Was pflegten die Engländer zu sagen? Der Schein trügt. Ja, er konnte nicht leugnen, dass Carly Connor Kampfgeist besaß. Keine andere Frau hätte bei der Vorstellung, ihn – sprichwörtlich – in die Finger zu bekommen, auch nur eine Sekunde gezögert. Und genau deswegen wollte er sie für den Job. Er musste so schnell wie möglich wieder fit werden, denn dieser Zustand trieb ihn in den Wahnsinn.

Im Grunde wünschte er sich nur, sich endlich wieder normal zu fühlen und am Leben teilzuhaben. Wenn man zur Untätigkeit verdammt war, grübelte man zu viel und glaubte, etwas zu verpassen. Er wollte wieder Ski laufen. Er wollte wieder fliegen. Er brauchte den Kick gefährlicher Sportarten, damit er sich wieder lebendig fühlte.

Schmerzerfüllt verzog Luis das Gesicht, als er sich von der Liege hochstemmte.

„Reichen Sie mir die Krücken, Carly?“ Als sie nur die Augenbrauen hochzog, stöhnte er. „Bitte.“

Schweigend reichte Carly ihm die Krücken und beobachtete, wie Luis sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Es war seltsam, einen Mann wie ihn an Krücken zu sehen, aber wenigstens befand er sich jetzt auf dem Wege der Besserung. Den Ärzten zufolge konnte er von Glück reden, dass er den Unfall überhaupt überlebt und zudem keine bleibenden Schäden zurückbehalten hatte.

Sie erinnerte sich noch an den Tag, als man sie angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass man ihn ins Krankenhaus gebracht hätte. Mit klopfendem Herzen war sie hingefahren und hatte mit dem Schlimmsten gerechnet.

Auch seine Entourage hatte verrücktgespielt. Überall waren Leute herumgerannt und dem medizinischen Personal in die Quere gekommen. Sicherheitsbeamte. PR-Leute. Sein Assistent Diego hatte den Journalisten Interviews gegeben, und seine Anwälte hatten bereits mit Klage gedroht, weil die Rennstrecke nicht den Vorschriften entsprochen hätte.

Angesichts dieses Durcheinanders hatte sie sich gefragt, ob überhaupt noch jemand an den Schwerverletzten dachte, der gerade operiert wurde. Und dann war sie wieder in ihr altes Verhaltensmuster verfallen, helfen zu wollen. Sie hatte die Intensivstation betreten, wo sie an seinem Bett sitzen durfte – und nur sie, weil der Patient sich nicht aufregen sollte. Carly erinnerte sich noch, wie allein er gewirkt hatte, trotz seines Erfolges und seines Geldes. Er hatte keinen Besuch von Angehörigen bekommen, denn seine Eltern lebten nicht mehr, und er hatte keine Geschwister. Sie war die Einzige gewesen.

Die ganze Nacht hatte sie dort gesessen, seine Hand gehalten und mit den Fingerspitzen darübergestrichen. Hatte ihm, der überhaupt nicht reagierte, erzählt, dass er wieder gesund werden würde. Doch es war eine seltsame Erfahrung gewesen. Für eine Weile hatte sie beinah zärtliche Gefühle für ihren Boss empfunden …

Bis er sich langsam erholt hatte und wieder der Alte gewesen war. Man hatte sie einfach weggeschoben, als eine Frau nach der anderen aufgetaucht war, ausnahmslos in knappen Lederröcken – weil alle wussten, dass der ehemalige Weltmeister auf Leder stand. Carly erinnerte sich noch, wie sie eines Tages sein Zimmer betreten und eine Blondine in hohen Stiefeln mit der Hand unter der Bettdecke ertappt hatte. Danach hatte sie ihn nie wieder besucht und erst wiedergesehen, als er sich gegen den Rat seines Arztes auf eigene Verantwortung entließ.

Allerdings argwöhnte sie, dass der Unfall ihn verändert hatte. Obwohl das Haus sehr groß war, war es ihr immer überfüllt erschienen, weil seine Leute überall herumhingen. Und Luis war noch launischer als sonst gewesen, denn ständig kam jemand in sein Zimmer, um mit ihm zu sprechen. Seinen eigenen Worten zufolge hatte er sich wie ein König gefühlt, der im Sterben lag. Schließlich hatte er alle zurück nach Buenos Aires geschickt, sogar Diego.

Nun schreckte Carly aus ihren Gedanken und nahm seinen forschenden Blick wahr. Luis erwartete eine Antwort auf seine Frage, die eigentlich ein Befehl gewesen war.

„Ja, ich mache es.“ Sie seufzte. „Ich lasse mich von Mary einweisen. Allerdings verstehe ich nicht, warum Sie sie entlassen haben.“

Den Grund dafür erfuhr sie, als sie Mary Houghton im Wintergarten antraf, wo diese starr durchs Fenster in den verregneten Garten blickte. Die Farben der Sommerblumen erinnerten an einen Regenbogen, doch Carly registrierte vor allem, dass die Schultern der Physiotherapeutin leicht bebten.

„Mary?“, erkundigte sie sich sanft. „Alles in Ordnung?“

Es dauerte einen Moment, bis Mary sich umdrehte und Carly das verräterische Glitzern in ihren Augen bemerkte.

„Wie schafft er das nur, Carly?“, fragte Mary mit bebender Stimme. „Wie schafft er es, dass vernünftige Frauen wie ich sich in einen Mann verlieben, den sie nicht einmal mögen? Dass er mich eiskalt hat abblitzen lassen und ich ihn trotzdem immer noch für das Größte seit der Erfindung der Bratkartoffel halte?“

„Na ja, ich war noch nie ein großer Fan von Bratkartoffeln“, versuchte Carly zu scherzen, um den Schmerz in Marys Augen zu vertreiben.

Mary schluckte. „Tut mir leid, ich hätte nichts sagen sollen. Sie arbeiten für ihn. Wahrscheinlich muss ich Sie bemitleiden, statt Mitgefühl von Ihnen zu erwarten.“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Sie sind nicht die erste Frau, die er zum Weinen gebracht hat, und werden auch nicht die letzte sein.“ Carly zuckte die Schultern. „Ich glaube nicht, dass es Berechnung ist. Anscheinend hat er einfach nur das gewisse Etwas, sodass alle Frauen verrückt nach ihm sind. Vielleicht ist es unvermeidlich, wenn man so attraktiv, wohlhabend und einflussreich ist …“

„Ich habe mich noch nie in einen Patienten verknallt“, erklärte Mary eindringlich. „Ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen – obwohl natürlich nicht viele Männer wie Luis Martinez im Krankenhaus landen. Und ich fasse einfach nicht, dass ich es mir habe anmerken lassen.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Es ist so … unprofessionell. Und erniedrigend. Dass er mich gefeuert hat, habe ich nicht anders verdient.“

Carly wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte Mary Houghton immer für kühl und unerschütterlich gehalten. Forschend betrachtete sie sie. Vielleicht musste sie froh darüber sein, dass sie damals ihre Lektion gelernt hatte. Denn sollte Liebeskummer nicht fast genauso schlimm sein wie der Verlust eines Menschen?

„Es tut mir leid“, sagte sie mitfühlend.

Mary verzog die Lippen. „Ich werde schon darüber hinwegkommen. Vielleicht ist es auch besser so. Vielleicht gehe ich mal mit dem süßen jungen Arzt aus, der mich schon seit Wochen fragt, und vergesse den Mann, der als notorischer Frauenheld gilt. So“, fuhr sie energisch fort. „Ich zeige Ihnen jetzt, was Sie tun müssen, damit Luis bald wieder fit ist.“

„Geht es Ihnen denn wirklich besser?“

„Ja, Carly!“

Carly beobachtete jedoch, wie Mary ein Papiertuch aus ihrer Handtasche nahm und sich auch noch eine ganze Weile später immer wieder die Nase putzte.

2. KAPITEL

Ihr Herz pochte wie wild, denn es war wirklich seltsam.

Ihre Hände zitterten ein wenig, als Carly sie über Luis’ nackten Rücken hielt. Sie atmete tief durch und hoffte, er erriet nicht, wie nervös sie war. Hoffte, sie würde sich nicht ungeschickt anstellen, als sie Marys Anweisungen umzusetzen begann. So schwer kann Massieren doch nicht sein, sagte sie sich energisch.

Doch obwohl ihr Mund allein bei der Vorstellung, seine Haut zu berühren, vor Angst ganz trocken wurde, ließ es sich nicht vermeiden. Luis zahlte ihr einen Bonus. Sie hatten sich darauf geeinigt. Und war es nicht verrückt, wenn man in diesem Alter noch Angst davor hatte, einen Mann zu berühren? Während sie die Hände sinken ließ, überlegte sie, warum sie sich noch derart von der Vergangenheit beeinflussen ließ. Wollte sie sich von einem Kerl, der nur Abschaum war, das Leben ruinieren lassen?

Denn wenn sie tatsächlich Ärztin werden wollte, müsste sie ständig Menschen berühren.

Also legte sie die Finger auf seine seidenglatte Haut und fing an, Luis zu massieren. Zum Glück konnte er ihr Gesicht nicht sehen, denn sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Er trug nur enge schwarze Boxershorts, und der Anblick lenkte sie ab. Ihr fiel auf, wie hell ihre Hände im Vergleich zu seiner gebräunten Haut wirkten und dass ihre Finger leicht zitterten. Zu ihrer Überraschung legte sich ihre Nervosität allerdings, sobald sie eine Art Rhythmus fand. Wenn sie sich auf die medizinische Seite konzentrierte, konnte sie ihre beunruhigenden Gedanken verdrängen. Als sie sich seinem großen Rückenmuskel widmete, stöhnte Luis leise.

„Ist das gut so?“, erkundigte sie sich nervös.

Er stieß einen unverständlichen Laut aus.

„Ich tue Ihnen doch nicht weh, oder?“

Luis schüttelte den Kopf und veränderte ein wenig seine Position, wobei er das Handtuch im Schritt spürte, was er natürlich nicht wollte. Santo cielos! Nein, Carly tat ihm nicht weh, aber er fragte sich, ob sie ihn foltern wollte. Die Wange an seine verschränkten Arme geschmiegt, schloss er die Augen, unfähig zu entscheiden, ob dies Himmel oder Hölle war. Oder beides.

Was, zum Teufel, geschah mit ihm?

Er spürte, wie ihre Hände über seinen Rücken glitten, über seinen Po und schließlich zu seinen Schenkeln. Die Minuten vergingen, und plötzlich verlor er sich in Empfindungen, die Carly hervorrief. Falls sie nervös war, merkte er es ihr nicht an. Zuerst hatten ihre Finger ein wenig gezittert, aber dann hatte sie ihn erstaunlich routiniert zu massieren begonnen. Wer hätte geglaubt, dass diese mausgraue Haushälterin magische Hände besaß?

Ja, sie hatte ihn ganz professionell mit einem flüchtigen Lächeln begrüßt. Sie flirtete nicht mit ihm, und so fragte er sich, warum er so erregt war. Wie konnte die unscheinbare kleine Carly eine derartige Reaktion bei ihm hervorrufen? Weil sie nicht mit ihm flirtete und er das nicht gewohnt war? Für einen Moment malte er sich aus, wie sie ihn bat, den Po anzuheben, damit sie die Hände unter ihn gleiten lassen konnte. Wie sie ihn umfasste und streichelte und innerhalb kürzester Zeit zum Höhepunkt brachte.

Sein Mund wurde ganz trocken.

„Nein, Sie tun mir nicht weh“, sagte er schließlich, sobald er die Sprache wiedergefunden hatte.

Schweigend machte Carly weiter. Sie grub die Finger tiefer in seine Haut, und während seine Muskeln sich allmählich lockerten, fantasierte Luis weiter. Er überlegte, wie ihre Brüste aussehen mochten. Plötzlich sah er ganz deutlich helle Brüste mit rosigen Knospen vor sich und malte sich aus, wie er diese langsam mit der Zunge liebkoste. Heftiges Verlangen wallte in ihm auf, sodass er wieder seine Position ändern musste.

Offenbar hatte Carly es gemerkt, denn sie hielt mitten in der Bewegung inne.

„Tue ich Ihnen wirklich nicht weh?“

Luis schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er rau. „Sie sind ein Naturtalent. Ich kann nicht glauben, dass Sie das noch nie gemacht haben.“

„Mary hat mich genau eingewiesen. Außerdem habe ich gestern Abend im Internet recherchiert.“

Wieder stöhnte er wohlig. „Sie haben an einem Freitagabend nichts Besseres zu tun, als sich über Massagetechniken zu informieren?“

Einen Moment lang herrschte Schweigen.

„Ich möchte meine Arbeit vernünftig machen. Außerdem zahlen Sie mir eine sehr großzügig bemessene Zulage“, erwiderte Carly dann.

Da sie die finanzielle Seite betonte, fand er nichts dabei, sie weiter zu befragen. „Es gibt also keinen Freund, der wissen möchte, warum Ihr Boss Ihre Zeit so beansprucht?“

Diesmal machte Carly eine noch längere Pause. Sie schien ihre Worte sorgfältig abzuwägen. „Ich habe keinen Freund“, antwortete sie schließlich. „Aber wenn es so wäre, könnte ich diesen Job nicht damit vereinbaren – nicht wenn es etwas Ernstes wäre.“

„Warum nicht?“

„Weil ich unregelmäßige Arbeitszeiten habe, hier wohne und …“

„Ich meine nicht, warum sich so ein Job nicht mit einer Beziehung vereinbaren lässt“, unterbrach er sie ungeduldig, „sondern warum Sie keinen Freund haben.“

Carly verteilte noch etwas Öl in ihren Handflächen. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Es fiel ihr ohnehin schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn sie Luis so berührte. Wäre sie nicht so durcheinander gewesen, hätte sie ihm vielleicht gesagt, ihr Privatleben würde ihn nichts angehen. Vielleicht hätte sie sogar angedeutet, dass sie wegen einer traumatischen Erfahrung nichts mehr von Männern wissen wollte. Doch sie konnte nur daran denken, wie fantastisch Luis sich anfühlte. Die intensivsten Empfindungen bestürmten sie.

Die Jalousien waren heruntergelassen, und der halbdunkle Raum wirkte plötzlich viel kleiner als vorher. Dank einiger Duftkerzen roch es nach Sandelholz, und auf Marys Rat hin hatte sie eine CD mit Entspannungsmusik eingelegt. Luis mochte in dieser Atmosphäre loslassen, bei ihr hingegen funktionierte es nicht.

Zu ihrer Verblüffung war sie nicht vor Angst erstarrt, sondern empfand es als zunehmend schön, ihn zu berühren. Fasziniert betrachtete sie seinen gebräunten Körper – wohin hätte sie auch sonst blicken sollen? Die Boxershorts waren zwar besser als ein Handtuch, betonten allerdings auch seinen durchtrainierten Po.

„Ich interessiere mich eigentlich nicht für Männer“, sagte sie schließlich.

„Aha. Sie bevorzugen also Frauen?“

„Nein!“, rief sie, schockiert über seine Offenheit und verletzt über die Unterstellung. Natürlich konnte Luis über sie denken, was er wollte, und sie hätte ihn darauf hinweisen können, dass ihre Sexualität ihn nichts anging. Dennoch antwortete sie ihm, als würde sie Wert darauf legen, dass er es wusste. „Ich bin … heterosexuell.“

„Ah.“ Er wandte den Kopf zur Seite, und sie sah, dass ein Lächeln seine Lippen umspielte. „Also, warum gibt es keinen Mann in Ihrem Leben?“

„Ich kann das nicht mehr hören. Es ist immer das Erste, was man als alleinstehende Frau gefragt wird.“ Sie fuhr mit der Massage fort. „Sie haben doch auch keine Freundin, oder? Aber ich stelle es nicht so dar, als wäre es eine Charakterschwäche, oder fange an, Sie darüber auszufragen.“

„Ich habe keine feste Partnerin, nein, aber von Zeit zu Zeit Freundinnen. Sie dagegen nicht.“

Wieder hielt sie mitten in der Bewegung inne und betrachtete starr ihre Hände. „Woher wollen Sie das wissen? Sie sind doch fast nie hier.“

„Weil mein Verwalter mich immer auf dem Laufenden hält. Ich möchte gern wissen, was die Frau macht, die hier während meiner Abwesenheit alles leitet. Also erkundige ich mich ab und zu nach Ihnen. Nicht, dass er mir irgendetwas Interessantes erzählt, denn offenbar führen Sie das Leben einer Nonne.“

Angesichts der unterschwelligen Kritik verspannte sie sich. „Was haben Sie gegen Nonnen?“

„Gar nichts. Aber Sie haben keinen Eid geleistet, seit Sie für mich arbeiten, oder, Carly? Jedenfalls haben Sie nicht Armut oder Gehorsam geschworen“, spottete er.

„Als Arbeitgeber verlangen Sie auf jeden Fall bedingungslosen Gehorsam von Ihren Angestellten, auch wenn ich nicht leugnen kann, dass Sie sehr gut zahlen.“

„Damit bleibt also nur Keuschheit, stimmt’s?“

Wieder pochte ihr Herz wie wild, als sie sich zwang, sich auf die Massage zu konzentrieren. „Was ich in meiner Freizeit mache, geht Sie nichts an.“

„Mein Verwalter hat mir erzählt, dass Sie ständig lesen“, fuhr Luis unbeirrt fort. „Und dass Sie abends irgendwelche Kurse im Ort besuchen.“

„Spricht denn etwas dagegen, dass ich mich weiterbilde?“, konterte sie. „Vielleicht sollte ich wilde Partys feiern, wenn Sie abreisen, damit der Verwalter nächstes Mal etwas zu erzählen hat.“

„Mögen Sie wilde Partys?“

„Nein.“

„Ich auch nicht“, erklärte er überraschend.

„Sie feiern doch andauernd welche“, erinnerte Carly ihn stirnrunzelnd. „Und ständig ist das Haus voller Leute. Wie passt das zusammen?“

„Da haben Sie recht. Es ist wohl ein Relikt aus meiner Zeit als Rennfahrer. Da waren ausschweifende Partys gang und gäbe, aber in letzter Zeit langweilen sie mich.“ Luis zuckte die Schultern. „Es ist immer dasselbe.“

Irritiert blinzelte sie. Seltsam. Sie hatte geglaubt, er würde die ausschweifenden Feiern lieben, die immer Anlass zu Gesprächsstoff im Ort waren. Dabei fielen die Reichen und Schönen in Horden ein, manche reisten sogar aus Paris oder New York an. Bei den Frauen handelte es sich normalerweise um die üblichen Blondinen, die er so mochte. Schon oft hatte sie um vier Uhr morgens in der Küche gestanden und Kaffee gekocht, während irgendein armes Wesen sich am Tisch die Augen ausweinte, weil Luis eine andere Frau mit in sein Schlafzimmer genommen hatte. Einmal hatte sie die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und ein französisches Supermodel nackt auf einem Fell vor dem Kamin liegen sehen, während Luis längst abgereist war.

„So.“ Carly beendete die Massage. Erst jetzt merkte sie, dass ihr Schweiß zwischen den Brüsten hinabrann. Lag es an der Hitze, dass diese plötzlich spannten und ihre Knospen prickelten? Und warum betrachtete sie seinen golden schimmernden Rücken und dachte dabei, dass dieser sich hervorragend in einem Anatomiebuch gemacht hätte? Unbehaglich schluckte sie. „Geht es Ihnen jetzt besser?“

„Ich fühle mich … gut“, erwiderte Luis undeutlich.

Schnell wischte sie sich die Hände an einem Handtuch ab. Sie musste ihre Fantasie zügeln. „Ich glaube, das reicht vorerst, oder?“, erkundigte sie sich betont geschäftsmäßig. „Wir können das Ganze wiederholen, bevor … Sie sich heute Abend zurückziehen. Wenn Sie möchten, können Sie jetzt aufstehen, Luis.“

Er wollte allerdings nicht aufstehen. Oder besser gesagt, er konnte es nicht, denn sonst würde Carly sofort sehen, wie sehr sie – die graue Maus – ihn erregte. Luis spürte das pochende Verlangen, das er sich immer noch nicht erklären konnte. Es lag sicher nicht nur daran, dass sie ihn berührt hatte, sonst hätte er Mary gegenüber viel mehr als Zorn empfinden müssen.

Das Verlangen wurde stärker, und als er sich wand, machte er es nur noch schlimmer. Ärgerlich verzog er das Gesicht. Die Wochen der Untätigkeit brachten ihn beinah um den Verstand – keine Arbeit, kein Vergnügen und kein Sex. Er war ein Mann der Tat und hatte zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt.

Sein Krankenhausaufenthalt hatte ihn veranlasst, Bilanz zu ziehen und sich klarzumachen, was für ein Zirkus sein Leben inzwischen war. Er hatte an seine verschiedenen Wohnsitze auf der ganzen Welt gedacht und seine Entourage, die ihn überallhin begleitete, und dabei das Gefühl gehabt, die Welt eines Fremden zu betrachten. Er erinnerte sich gut daran, wie schockiert seine Mitarbeiter gewesen waren, als er sie, allen voran Diego, nach Buenos Aires zurückgeschickt hatte. Und an die seltsame Stille, die nach ihrer Abreise im Haus geherrscht hatte.

Luis bewegte ein wenig das Bein, während er überlegte, wie routiniert Carly in ihre neue Rolle als Aushilfemasseurin geschlüpft war. Offenbar eignete sie sich genauso zur Physiotherapeutin wie zur Haushälterin. Vor der Massage hatte sie die Übungen überwacht, mit denen er sein gebrochenes Becken trainierte.

„Wie wäre es jetzt mit Schwimmen, Luis?“

Der sanfte Klang ihrer Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, und erleichtert stellte Luis fest, dass er nicht mehr erregt war. Er gähnte. „Ist das ein Vorschlag?“

„Nein, eine Anweisung, denn es tut Ihnen gut.“ Carly zog eine Jalousie hoch und blickte nach draußen. „Oje, es regnet schon wieder.“

„In diesem verdammten Land regnet es immer.“

„Deswegen ist es ja auch so grün“, konterte sie zuckersüß. „Egal, Sie können ja den Pool drinnen benutzen.“

„Sie wissen genau, dass ich den nicht mag“, erwiderte er unwirsch. „Er ist so klein, dass ich klaustrophobische Anwandlungen bekomme. Warum gehen wir nicht raus und leben einmal gefährlich?“

Carly wandte sich vom Fenster ab und presste missbilligend die Lippen zusammen. Sie hatte schon oft beobachtet, wie Gäste im Regen bekleidet in den Swimmingpool sprangen, und einmal am nächsten Morgen sogar einen Slip im Gras gefunden. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie es sein musste, ein so dekadentes Leben zu führen.

„Ich lebe aber nicht gern gefährlich“, erklärte sie. „Und würden Sie es nicht tun, wären Sie wahrscheinlich auch nicht im Krankenhaus gelandet. Das Gras ist nass, und die Fliesen am Pool werden glatt sein.“

„Wie beängstigend!“, bemerkte Luis sarkastisch.

Carly reagierte nicht darauf, obwohl er sie absichtlich zu provozieren schien. Was war heute bloß mit ihm los? Er war noch schlechter gelaunt als sonst – und das wollte etwas heißen. „Wenn Sie also nicht Gefahr laufen wollen, zu stürzen und den Genesungsprozess hinauszuzögern, rate ich Ihnen, im Pool drinnen zu schwimmen, der für Tage wie diesen gebaut wurde.“

„Haben Sie es nicht irgendwann satt, immer die Stimme der Vernunft zu sein?“

Und haben Sie es nicht irgendwann satt, immer den verruchten Playboy zu geben? Nur mit Mühe konnte sie es sich verkneifen, es auszusprechen, als sie sich zu ihm umdrehte. „Ich dachte, dafür bezahlen Sie mich.“

„Dafür und fürs Kochen.“ Er zögerte kurz, die Augen zusammengekniffen. „Sie leben also nicht gern gefährlich?“

Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf. Nein, sie hatte sich immer Sicherheit und Stabilität gewünscht, allerdings vergeblich. Aber das wollte Luis bestimmt nicht wissen, oder? Er interessierte sich nicht für sie als Person. „Nein, Sie gehen genug Risiken für uns beide ein.“

Daraufhin seufzte er theatralisch. „Okay, Miss Vernünftig, Sie haben gewonnen. Holen Sie Ihren Badeanzug, wir treffen uns am Pool.“

Als Carly nach oben eilte, um sich umzuziehen, klangen ihr seine Worte in den Ohren, denn er hatte einen Nerv getroffen. Sie war stets vernünftig gewesen. Für ihre Mitschüler war sie immer die erste Wahl gewesen, wenn diese Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Die vorsichtige Carly hatte man sie genannt, und sie hatte diesen Spitznamen nicht besonders gemocht.

In ihrem Dachzimmer angekommen, schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen, um tief durchzuatmen. Der Raum war groß und bot einen fantastischen Blick über den weitläufigen Garten und die Felder dahinter. Hier befand sie sich über den Baumwipfeln und konnte die spektakulärsten Sonnenauf- und – untergänge sehen, die alles in ein rotgoldenes Licht tauchten. Es gab einen kleinen Schreibtisch, an dem sie lernte, und an der Wand über dem Kamin hing das kleine Aquarell, das ihr Vater in dem Jahr, bevor er so schwer erkrankt war, gemalt hatte.

Sie ging zur Kommode und suchte ihren Badeanzug heraus, in dem Luis sie bestimmt nicht sehen wollte. Sie war zu pummelig. Zu blass. Zu alles. Und obwohl sie sich niemals mit den Frauen messen konnte, die normalerweise den Pool mit ihm teilten, musste sie an diese denken. Langbeinige Supermodels in knappen Bikinis. Unwillkürlich erschauerte sie, bevor sie sich auszog und in den Badeanzug schlüpfte. Die Farben waren verblasst, und zudem schien er eingelaufen zu sein.

Kleider machen Leute, hatte ihre Mutter immer gesagt. Dies war allerdings nicht der geeignete Zeitpunkt, sich ins Gedächtnis zu rufen, warum ihre puppenhafte Schwester immer das Beste vom Besten bekommen hatte, während sie selbst in eher zweckmäßigen Outfits herumlief. Warum sollte die unansehnliche Carly auch die schönen Sachen tragen, die ihre Mutter, eine Theaterschauspielerin, bevorzugt hatte, um ein Abbild ihrer selbst zu schaffen?

Als sie alt genug gewesen war, um sich ihre Kleidung selbst zu kaufen, war sie experimentierfreudiger geworden – bis zu jenem verhängnisvollen Abend, an dessen Ende sie erst hatte sterben und dann einfach nur noch unsichtbar sein wollen. Und Letzteres hatte sie zur Kunstform erhoben.

Carly dachte an die Fragen, die Luis ihr gestellt hatte, und betrachtete ihr Leben plötzlich aus dem Blickwinkel ihrer Mitmenschen. Vermutlich sahen die anderen in ihr eine Frau, die niemals ausging und nie einen Freund hatte. Die im Haus des Milliardärs wohnte und alles auf Hochglanz brachte, obwohl er nie dort war. Als Frau in einer spießigen Welt, die sie nun zu verhöhnen schien.

Und Luis wusste nichts von ihren Träumen und Zielen. Er ahnte nicht, dass sich hinter ihrem langweiligen Äußeren jemand verbarg, der eines Tages Gutes tun würde. Jemand, der sein geistiges Potenzial nutzte und sich nicht auf sein Äußeres verlassen musste.

Nachdem sie ihren Bademantel übergezogen hatte, eilte sie nach unten zum Pool, wo Luis bereits auf sie wartete. Unwillkürlich erschauerte sie. Er stand vor dem riesigen Fenster mit Blick auf die Wälder und trug nur enge Schwimmshorts. Aus dieser Entfernung wirkte er fast wieder völlig fit.

Dass er trotz seiner schweren Verletzungen so schnell genesen war, lag wahrscheinlich daran, dass er vor dem Unfall so gut in Form gewesen war. Trotz der Krücken wirkte er durchtrainiert und unglaublich zäh. Scheinbar gedankenverloren blickte er starr nach draußen auf die Neembäume, deren cremeweiße Blüten das Grau auflockerten.

Nun drehte er sich um, und etwas Seltsames geschah mit ihr, als ihre Blicke sich begegneten. Starr sah sie ihn an und hörte nur das Blut in ihren Ohren rauschen. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie wollte einen Mann wie Luis nicht ansehen und ihn begehren. Sie wollte nicht, dass ihr warm wurde und Hitzewellen ihren Schoß durchfluteten. Warum er und warum jetzt?

Weil sie ihn berührt und ein Tabu gebrochen hatte, das sie so lange gequält hatte? Sie hatte ihn massiert und es nur tun können, weil jeder wusste, dass es eine Heilmethode war. Aber vielleicht hatte sie sich geändert. Vielleicht war es mehr als das gewesen. Was wäre, wenn es etwas in ihr geweckt hätte, das sie für erloschen gehalten hatte? Etwas, das nun ein Eigenleben entwickelte?

Carly blinzelte und wünschte, alles wäre wieder so wie vorher und sie würde Luis für einen großzügigen, aber sehr arroganten Boss halten. Sie wollte kein Verlangen empfinden und all das, was es mit sich brachte. War sie in der Hinsicht nicht eine Versagerin? Hatte man ihr das nicht unmissverständlich zu verstehen gegeben?

Als sie ihren Bademantel auszog, warf Luis ihr einen Blick zu, der einige dieser Empfindungen sofort erlöschen ließ. Wahrscheinlich hatte er noch nie eine Frau gesehen, die nicht Size Zero hatte. Beim Betrachten ihrer Figur glaubte er vermutlich, sie würde immer alle übrig gebliebenen Alfajores essen, wenn er wieder abgereist war. Und das zu Recht.

Sie zwang sich zu einem geschäftsmäßigen Lächeln, als sie auf ihn zuging. „Fertig?“

„Ich bin schon eine ganze Weile fertig“, sagte er scharf. „Aber Sie haben sich wie immer verspätet.“

„Ich musste meinen Badeanzug erst suchen.“

„Tut mir leid, dass ich Ihnen solche Umstände bereite“, bemerkte er sarkastisch. „Vielleicht hätte ich es Ihnen vorher schriftlich geben sollen.“

Carly beschloss, nicht darauf zu reagieren, was beim Anblick seines muskulösen Körpers allerdings nicht ganz leicht war. „Jedenfalls können wir jetzt anfangen“, verkündete sie fröhlich. „Gehen Sie rückwärts die Leiter hinunter.“

„Mittlerweile weiß ich, wie ich in diesen verdammten Pool gelange.“

Vorsichtig nahm sie ihm die Krücken ab und lehnte sie an die Wand. „Ich wollte nur …“

„Lassen Sie es“, fiel er ihr unwirsch ins Wort. „Ich mache dieses Programm inzwischen seit Wochen und finde mich jetzt endlich damit ab. Als Nächstes werden Sie mir zeigen, wie ich Messer und Gabel benutzen muss. Oder vielleicht sogar anfangen, mich mit dem Löffel zu füttern.“

Für sie war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. War es nicht schon schlimm genug, dass sie in einem unvorteilhaften Badeanzug vor ihm stehen und sich zu Tode frieren musste – in einer Rolle, die er ihr aufgezwungen hatte? Wütend funkelte sie ihn an. „Müssen Sie eigentlich so schlecht gelaunt sein? Ich versuche doch nur, Ihnen zu helfen!“

Einen Moment lang blickten sie sich an, und Carly fragte sich schon, welche Beleidigung Luis ihr als Nächstes an den Kopf werfen würde. Doch er seufzte unerwartet.

„Ich weiß, dass Sie das tun“, lenkte er ein. „Ich verhalte mich nur so, weil ich frustriert bin. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich nie wieder auf die Beine kommen.“

„Ja.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Das ist eine Sichtweise.“

Daraufhin zog er die Augenbrauen hoch. „Oder wollen Sie mir zu verstehen geben, dass ich auch sonst unerträglich bin?“

Schnell ließ sie den Blick zu seinen Füßen schweifen. „Das steht mir nicht zu.“

„Daraus kann ich ja nur einen Schluss ziehen“, spottete er.

Nun sah sie ihm wieder in die Augen. „Sie sind nicht gerade für Ihre Duldsamkeit bekannt“, gestand sie, und zu ihrer Verblüffung lachte er, als er in den Pool stieg.

„Nein, wahrscheinlich nicht. Wollen Sie nicht reinkommen, Carly?“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Wasseroberfläche, sodass er nass wurde und einige Tropfen auf seiner gebräunten Haut glitzerten. „Mary hat das immer gemacht.“

Darauf wette ich, dachte Carly, als sie neben ihm ins Wasser glitt. Aber tat sie nicht genau dasselbe wie Mary? Sie fantasierte über ihren Boss, und zudem war sie scheinheilig, weil sie das Verhalten der Physiotherapeutin missbilligt hatte.

Als sie tiefer hineinging und das Wasser ihren Bauch erreichte, erschauerte sie. Sie bekam eine Gänsehaut und spürte, wie ihre Knospen sich wieder aufrichteten. Um es zu kaschieren, lehnte sie sich an die Wand und spritzte sich Wasser über die Arme. „Sie sollen zehn Bahnen schwimmen.“

„Ich weiß, aber ich will zwanzig schaffen.“

„Halten Sie das für klug?“

Luis lächelte hart. „Lassen Sie es uns herausfinden.“

Fasziniert beobachtete sie, wie er das Wasser durchschnitt. Er schwamm mit derselben Energie und Entschlossenheit, mit der er alle Dinge im Leben anpackte. Nachdem er zwölf Bahnen geschafft hatte, stellte sie allerdings fest, dass er trotz seiner Bräune blass geworden war.

„Schwimmen Sie langsamer, Luis“, ermahnte sie ihn, als er mit dem Kopf an die Oberfläche kam. „Das hier ist kein Wettrennen.“

Aber er war stur, und für ihn war das ganze Leben ein Wettrennen. Deshalb überraschte es sie nicht, als er weiterschwamm, doch zum Schluss war er völlig erschöpft. Er zog sich aus dem Wasser, die Ellbogen auf den Rand gestützt, und legte den Kopf darauf, bis er wieder zu Atem gekommen war.

Dann blickte er sie an. Seine Augen funkelten unter den nassen Wimpern. „Na, wie war das?“

„Das wissen Sie genau. Soll ich Sie jetzt dafür loben, dass Sie die Anweisungen der Physiotherapeutin missachtet haben?“

. Ich will gelobt werden. Also, warum sagen Sie mir jetzt nicht, wie gut ich bin?“ Ein herausforderndes Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie wissen, dass Sie es wollen.“

Carly verspannte sich, als ein Prickeln sie überlief. Flirtete Luis etwa mit ihr? Nein, bestimmt nicht. Es sei denn, es war wie ein Reflex für ihn. Er raspelt nur Süßholz, und es bedeutet überhaupt nichts, sagte sie sich energisch. Also reiß dich zusammen. „Sie haben sich wahrscheinlich überanstrengt, aber ja, Sie waren gut“, räumte sie widerstrebend ein. „Sehr gut sogar.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ein Lob aus Ihrem Mund ist wirklich eins, Carly.“

Damit er ihr ihre Verlegenheit nicht anmerkte, tauchte sie schnell unter. Als sie jedoch wieder an die Oberfläche kam, stellte sie fest, dass er sie fasziniert betrachtete – oder vielmehr ihre Brüste.

Der Badeanzug klebte wie eine zweite Haut an ihr und war nun fast durchsichtig. Ihre Knospen zeichneten sich unter dem nassen Stoff ab.

Oh nein! Hatte Luis das gesehen?

„Sie sollten jetzt aus dem Wasser gehen“, sagte sie schnell. „Sonst wird Ihnen noch kalt.“

„Oder zu heiß“, ergänzte er so leise, dass sie nicht wusste, ob sie richtig gehört hatte.

„Gehen wir.“ Erneut tauchte sie ein, um vor seinem Blick zu fliehen.

Sie schwamm weiter, als sie beabsichtigt hatte, doch leider kühlte das Wasser sie nicht ab. Als sie wieder auftauchte und ihn ansah, pulsierten ihre Knospen immer noch.

3. KAPITEL

Luis fluchte laut auf Spanisch. Draußen heulte der Wind, und der Regen prasselte immer noch gegen die hohen Fenster des ganz in Dunkelrot und Gold gehaltenen Salons.

Wann hörte dieser verdammte Regen endlich auf?

Luis ließ den Blick zur anderen Seite des Raumes schweifen, wo Carly sich gerade über ein Tablett beugte und ihm einen Espresso einschenkte. Sofort flammte heißes Verlangen in ihm auf, und er machte ein finsteres Gesicht.

Er langweilte sich. Und er war frustriert.

Das eine resultierte aus dem anderen, denn warum sonst hätte er eine so graue Maus begehren sollen? Forschend betrachtete er sie, um eine Antwort darauf zu finden. Ausnahmsweise einmal betonte der formlose Overall vorteilhaft ihre Figur, denn als Carly sich hinunterbeugte, spannte dieser über ihrem Po. Sie sollte öfter enge Sachen tragen, dachte Luis. Genauso wie er jetzt eigentlich in seinem Arbeitszimmer sitzen und den Aktienmarkt studieren oder die unzähligen E-Mails lesen sollte, die Diego ihm geschickt hatte.

„Lassen Sie uns Karten spielen, Carly“, hörte er sich sagen.

Carly richtete sich auf und blickte ihn erst erschrocken, dann argwöhnisch an. „Ich kann nicht Karten spielen.“

„Dann bringe ich es Ihnen bei.“ Als sie immer noch zögerte, fuhr er fort: „Fürchten Sie, ich könnte Sie verderben oder Sie könnten beim Pokern Ihren hart verdienten Lohn verlieren?“

Wenn Luis sie doch bloß nicht so ansehen würde! Carly brachte ihm den Espresso und stellte ihn auf den Tisch neben ihm.

Ob er auch nur ahnte, wie sehr er sie bereits verdorben hatte? Wäre er entsetzt, wenn er wüsste, wie oft sie in letzter Zeit an ihn denken musste? Dass sie nachts wach lag und von ihm träumte? Sich nach ihm sehnte, wie sie glaubte, aber dann immer von beängstigenden Erinnerungen heimgesucht wurde. Doch selbst die verhinderten nicht, dass ihre Knospen prickelten und Hitzewellen ihren Schoß durchfluteten.

Sie war frustriert, aber die Bedürfnisse, die sie so lange unterdrückt hatte, machten ihr Angst. Immer wieder sagte sie sich, dass sie nur ihr inneres Gleichgewicht wahren musste, bis alles wieder normal wäre.

Doch wann würde das der Fall sein?

Wenn ihr Boss fit genug wäre, um nach Buenos Aires, New York, Frankreich oder wohin auch immer zu fliegen? Wenn er zu ihr auf Distanz ging, sodass diese Gefühle nachließen? Wenn sie ihr beschauliches Leben wieder aufnehmen und ihn vergessen konnte?

Mit ihm Karten zu spielen würde die Situation nicht besser machen, oder? Sie musste weniger Zeit mit ihm verbringen, nicht mehr.

„Ich glaube, wir haben keine Karten“, erklärte sie.

„Doch. In meinem Schlafzimmer. Auf der linken Seite meines Schreibtisches, zweite Schublade von oben. Holen Sie sie, Carly?“

Carly zog die Augenbrauen hoch.

Luis seufzte. „Bitte.“

„Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich keine große Lust habe?“

„Dann wäre ich vielleicht gezwungen, meine Autorität spielen zu lassen.“

„Es ist also ein Befehl?“

Er lächelte überheblich. „Allerdings.“

Schweigend wandte sie sich ab und verließ den Raum, doch ihre Beine waren schwer, als sie die Treppe hochging. Sie fühlte sich gefangen – wie eine Fliege in einem Spinnennetz. Da es immer noch stürmte und goss, konnten sie nicht nach draußen gehen, und es schien Carly, als wären Luis und sie die einzigen Menschen auf der Welt. Ihre stärker werdenden Gefühle vergrößerten ihr Dilemma, denn selbst ihr war bewusst, dass sich etwas verändert hatte.

Früher hatte sie Luis für distanziert und anstrengend gehalten. Nun hingegen stellte sie fest, dass sie seine Gesellschaft auf eine verquere Art und Weise sogar genoss. Luis konnte nicht fahren und wollte auch nicht den Zug nach London nehmen. Und er hatte ihr gesagt, dass er keinen Besuch wollte, der seinen Wein trank und seine Vorräte aß und ihm vor Augen führte, was er alles nicht konnte.

Am meisten beunruhigte sie allerdings die Tatsache, dass es ihr gefiel, ihn ganz für sich zu haben.

Carly öffnete die Tür zu seiner mit Eichenholz vertäfelten Suite, die fast den ganzen ersten Stock des Herrenhauses einnahm. Sie war an diesem Tag schon einmal hier gewesen, weil sie wie immer sein Bett gemacht hatte.

Als sie zu seinem Schreibtisch ging, fiel ihr Blick auf die beiden gerahmten Fotos, die links und rechts darauf standen. Eins zeigte seine Mutter mit den traurigen Augen und dem schwarzen Haar, das andere ihn, nachdem er zum ersten Mal Weltmeister geworden war. Das Haar nass vom Champagner, hob er einen großen Pokal hoch.

Es war komisch, sie hatte diese beiden Fotos unzählige Male gesehen und meistens darum herum Staub gewischt, ohne sie richtig wahrzunehmen. Jetzt fühlte sie sich jedoch wie ein Eindringling, der herumschnüffelte, als hätte ihre Rolle in diesem Haus sich leicht verändert und als wüsste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte.

„Carly!“

Seine ungeduldige Stimme hallte durchs Haus. Schnell suchte Carly das Kartenspiel heraus und eilte nach unten ins Wohnzimmer, wo Luis immer noch im Sessel saß.

Er funkelte sie an. „Warum hat das so lange gedauert?“

„Ich wusste nicht, dass Sie die Zeit stoppen. Ich habe geträumt.“

„Und wovon?“, erkundigte er sich trügerisch sanft.

Sie spürte, wie ihr die Wangen brannten. „Von nichts Besonderem“, erwiderte sie hastig und ging zu dem Kartentisch.

Langsam stand Luis auf und zuckte dabei leicht zusammen. Als er zu Carly an den Tisch ging, stellte er fest, dass das Lampenlicht faszinierende Schatten auf ihr eher eckiges Gesicht zeichnete. Er bemerkte, wie ihre Brüste sich leicht hoben und senkten, während sie die Karten mischte. Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass er sich gerade vorstellte, wie sie nackt aussehen mochte? Er zog sich einen Stuhl hervor und setzte sich. Wie lange würde dieser verrückte Zustand noch anhalten? Luis presste die Lippen zusammen, denn er hatte noch nie mit einer Angestellten geschlafen und beabsichtigte auch nicht, damit anzufangen – nicht mit Carly.

Er streckte ihr die Hand entgegen, damit sie ihm die Karten gab.

„Was wollen wir spielen?“, erkundigte sie sich.

Leider verstärkte ihre unschuldige Frage seinen Frust, und als ihre Hand seine streifte, sehnte er sich nach mehr. Er wollte ein Spiel spielen, das nichts mit Herz oder Karo zu tun hatte, sondern eins, in dem er Carlys faszinierende Kurven mit den Lippen und Händen erkundete, bis er sein Verlangen gestillt hatte.

Luis schüttelte den Kopf, um die plastischen Bilder zu verdrängen. „Haben Sie Lust, Poker zu lernen?“

„Ist es denn einfach?“

„Nein.“

„Dann gern.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

Nachdem er die Karten verteilt hatte, erklärte er Carly die Regeln. Zu seiner Überraschung schien sie diese sehr schnell zu verstehen.

Was hatte er denn erwartet? Dass er sie mühelos schlagen und sich dann schnell langweilen würde, so wie es ihm oft mit anderen Gegnern erging? Beim zweiten Spiel wurde ihm bewusst, dass sie gut war. Sehr gut sogar. Er musste sich richtig anstrengen, um mit ihr mitzuhalten.

Sie ist intelligent, dachte er verwirrt. Sehr intelligent sogar.

„Haben Sie wirklich noch nie gepokert?“, erkundigte er sich argwöhnisch.

„Nein. Warum hätte ich mir sonst von Ihnen die Regeln erklären lassen sollen?“

„Aus taktischen Gründen?“

„Das ist ein sehr zynischer Standpunkt, Luis“, sagte Carly, während sie ihr Blatt betrachtete.

„Vielleicht hat das Leben mich zum Zyniker gemacht.“

Daraufhin blickte sie auf und machte einen Schmollmund. „Oh, armer Kerl!“

Luis musste lachen. Das brachte ihn allerdings noch mehr durcheinander, denn normalerweise amüsierten Frauen ihn nicht, es sei denn, sie machten neckische Bemerkungen, wenn sie sich auszogen. Und plötzlich faszinierte ihn diese schlecht gekleidete Frau mit ihrer überraschend scharfen Auffassungsgabe. „Ihnen ist doch klar“, meinte er langsam, „dass ich praktisch nichts von Ihnen weiß.“

Als Carly aufblickte, schien ihr das Licht der Lampe direkt ins Gesicht und verlieh ihren Augen die Farbe von Honig. Schöne Augen, dachte er.

„Sie müssen auch nichts über mich wissen“, konterte sie. „Für meine Arbeit ist es unerheblich.“

„Eine Frau, die Fragen zu ihrer Person abwehrt? Träume ich etwa?“

„Das ist eine ziemlich anmaßende Verallgemeinerung.“

„Die aber zutrifft. Wie es bei Verallgemeinerungen meistens der Fall ist.“ Luis lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen. „Also, wie lange arbeiten Sie schon für mich? Ein Jahr?“

„Zweieinhalb Jahre.“

„So lange schon?“

„Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man sich amüsiert“, erklärte Carly forsch.

„Als Haushälterin zu arbeiten ist ziemlich ungewöhnlich für eine Frau in Ihrem Alter, stimmt’s?“

„Ich glaube schon.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber es ist ein guter Job, wenn man keine Qualifikationen hat. Oder eine Bleibe braucht“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

Luis legte seine Karten umgedreht auf den Tisch. „Sie haben keine Qualifikationen? Das wundert mich. Sie sind doch sehr intelligent – so schnell, wie Sie die Spielregeln verstanden haben.“

Carly antwortete nicht sofort, und das nicht nur, weil seine Worte so herablassend klangen. Sie wollte Luis nicht von ihren Hoffnungen und Träumen erzählen. Sie wollte sich ihm überhaupt nicht öffnen, weil es ihr gefährlich erschien. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie sich vielleicht mit irgendeiner Aufgabe abgelenkt und gehofft, er würde es vergessen. Dies war allerdings eine andere Situation, und sie befand sich nicht in ihrer Komfortzone. Luis wollte reden, und er zahlte ihren Lohn. Und was er wollte, bekam er normalerweise auch.

„Ich versuche, verlorene Zeit aufzuholen“, erwiderte sie schließlich. „Deswegen besuche ich Abendkurse. Und deswegen habe ich einige Prüfungen in Naturwissenschaften abgelegt, die ich eigentlich in der Schule hätte machen müssen.“

„Sie beschäftigen sich mit Naturwissenschaften?“, hakte er verblüfft nach.

„Ja, warum nicht? Manch einer mag diese Fächer.“

„Aber Frauen normalerweise nicht.“

„Schon wieder eine anmaßende Verallgemeinerung.“ Gespielt spöttisch schüttelte Carly den Kopf. „Das ist Ihre zweite sexistische Äußerung innerhalb weniger Minuten, Luis.“

„Wieso sexistisch? Wenn Sie mir nicht glauben, sehen Sie sich die Statistiken an. Naturwissenschaften sind eine Männerdomäne, genauso wie Mathematik.“

„Was eher an bestimmten Erwartungen und Lehrmethoden liegen dürfte als daran, dass sie intelligenter sind.“

Seine Augen begannen zu funkeln. „Ich glaube, darin sind wir nicht einer Meinung.“

Sie spürte, wie ihr heiß wurde, als er sie forschend betrachtete, und wieder witterte sie Gefahr. „Wie Sie wünschen“, lenkte sie ein, weil sie das Thema wechseln wollte. Doch er ließ nicht locker.

„In welchen naturwissenschaftlichen Fächern waren Sie gut?“, hakte er nach.

„In allen. Bio und Chemie. Auch in Mathe. Ich habe diese Fächer geliebt.“

„Also, warum …?“

„Warum ich meine Prüfungen nicht abgelegt habe?“ Auch sie legte nun ihre Karten umgedreht auf den Tisch. Sie wollte nicht darauf antworten, wusste allerdings, dass Luis nicht lockerlassen würde, und der Schmerz ließ mit der Zeit nach, oder nicht? Irgendwann konnte man fast im Plauderton über gewisse Dinge sprechen. „Weil mein Vater … na ja, er war damals schwer krank, und so habe ich die Schule etwas vernachlässigt.“

„Das tut mir leid“, erwiderte Luis unerwartet sanft, was ihr beinah zum Verhängnis wurde.

„So ist das Leben“, wiegelte sie ab.

Er kniff die Augen zusammen. „Was genau ist passiert? Was verschweigen Sie mir, Carly? Auch andere Menschen haben kranke Eltern, machen aber trotzdem ihre Prüfungen.“

Seine Hartnäckigkeit überraschte und verunsicherte sie gleichermaßen, weil er nicht gerade dafür bekannt war, dass er sich für das Privatleben seiner Angestellten interessierte. Und im nächsten Moment ertappte Carly sich dabei, wie sie zu erzählen begann. Es war lange her, dass sie das letzte Mal darüber gesprochen hatte, weil die meisten Leute nicht über derartige Themen reden wollten. Heutzutage stellte man sein Leben dar, als wäre es eine einzige Party.

„Es war eine chronische, langwierige Krankheit“, begann sie leise. „Und da er kaum noch aus dem Haus gehen konnte, habe ich mich nach der Schule immer zu ihm gesetzt und ihm von meinem Tag erzählt. Manchmal habe ich ihm auch vorgelesen. Und wenn ich dann das Abendessen gemacht und die Schwester vom Pflegedienst ihn ins Bett gebracht hatte, war ich zu müde, um noch Hausaufgaben zu machen. Vielleicht war ich auch einfach zu faul“, fügte sie hinzu, um die Atmosphäre aufzulockern – vergeblich, denn seine Miene blieb ernst.

„Und, ist er wieder gesund geworden?“

Erneut übte der sanfte Klang seiner Stimme eine gefährliche Wirkung auf sie aus, weckte Gefühle in ihr, die sie nicht empfinden durfte – jedenfalls nicht für ihn. Sie fühlte sich verletzlich, und genau das hatte sie immer vermieden. Carly presste die Lippen zusammen. In letzter Zeit weinte sie nie deswegen, aber der Verstand spielte einem manchmal seltsame Streiche. Eine unschuldige Frage trieb ihr die Tränen in die Augen, und das durfte jetzt auf keinen Fall passieren. Nicht vor ihrem Boss. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht. Er ist gestorben, als ich neunzehn war.“

Sein Blick schien sie zu durchdringen.

„Und was war mit Ihrer Mutter?“, hakte Luis nach. „Hat sie Ihnen nicht geholfen?“

Es war schwierig, ihm die Geschehnisse zu vermitteln, ohne dass sie ihre Mutter wie eine böse Hexe darstellte. Das war diese auch nicht – sondern nur gelegentlich etwas fehlgeleitet.

„Sie konnte nicht … sehr gut mit Krankheiten umgehen. Manche Menschen schaffen das einfach nicht“, sagte Carly in jenem beiläufigen Tonfall, den sie so gut beherrschte. Der den Eindruck vermittelte, dass sie die Entscheidungen ihrer Mutter guthieß, ihre eigenen gescheiterten Träume durch ihre schöne jüngere Tochter auszuleben. Sie erinnerte sich noch daran, wie ihre Mum immer davon gesprochen hatte, dass Bella als Model groß herauskommen würde, man aber immer Geld investieren müsste, um später welches zu verdienen. Und das hatte sie angetrieben und sie bewogen, ihr ganzes Geld auszugeben und schließlich alles zu verlieren. Und selbst wenn sie Erfolg gehabt hätte, was hätte es für eine Rolle gespielt? Als hätte dies die deprimierende Atmosphäre wettgemacht, die zu Hause vorgeherrscht hatte. „Meine Mutter war damit beschäftigt, die Model-Karriere meiner Schwester voranzutreiben“, fügte Carly hinzu.

„Oh.“ Luis zog die Augenbrauen hoch. „Model ist eine Bezeichnung, die normalerweise viele Sünden in sich vereint. Kenne ich Ihre Schwester?“

„Ja, vielleicht“, erwiderte Carly. „Aber vielleicht auch nicht. Sie wird hauptsächlich für Kataloge gebucht. Und letztes Jahr für die Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums in Dubai.“

„Aha.“

Sein sarkastischer Unterton ärgerte sie. So war es immer. Man konnte seine eigene Familie nach Belieben kritisieren, aber wehe dem Außenstehenden, der es tat!

„Zurzeit hat sie viele Shootings für Bademoden und Wäsche. Sie ist sehr schön.“

„Ist sie das?“, fragte Luis skeptisch.

Sofort erwachten all ihre Unsicherheiten wieder und drohten sie förmlich zu ersticken. Glaubte Luis etwa, eine Frau wie sie könnte keine schöne, feingliedrige Schwester mit Haaren wie weißes Gold und natürlichen vollen Lippen haben? Denn Bella war all das – und mehr.

Und musste sie nicht einfach glauben, dass ihre Schwester eines Tages den Erfolg haben würde, auf den sie und ihre Mutter all die Jahre hingearbeitet hatten? Denn ansonsten wären all der Kummer und die Opfer vergeblich gewesen. Und die Erinnerungen daran, wie ihr Vater vergeblich nach seiner Frau rief, umso unerträglicher. Und ihre Mutter hätte umsonst so viele Schulden gemacht und das Haus verloren. Und sie, Carly, würde sich nicht mehr in ihr Schicksal fügen müssen. Denn sie wollte auf keinen Fall Bitterkeit empfinden, wenn sie sich daran erinnerte, dass sie ihren Studienplatz für Medizin nicht angetreten hatte.

„Ja“, erklärte sie heftig, „sie ist die exquisiteste Frau überhaupt.“

Luis schwieg einen Moment. Carlys Mutter schien oberflächlich und gleichgültig zu sein, doch es schockierte ihn nicht besonders. Schließlich war sie eine Frau, und er hatte noch nie eine kennengelernt, der man vertrauen konnte.

Aber es musste hart für diese graue Maus gewesen sein. Obwohl sie im Plauderton darüber sprach, sah er ihr an, dass sie sich nur mühsam beherrschte. Und obwohl er sich normalerweise nicht um die Gefühle von Frauen scherte, empfand er mit dieser Mitgefühl. Carly war keine Frau, die sich verrückt machte, weil sie ein paar Kilo zugenommen hatte oder ein Mann sich weigerte, ihr einen Diamantring zu kaufen.

Nein, sie war eine intelligente junge Frau, die in den naturwissenschaftlichen Fächern brillierte und ihre Prüfungen verpasst hatte, weil sie sich um ihren schwer kranken Vater gekümmert hatte. Und wer hatte sich um sie gekümmert?

Luis erinnerte sich, wie er nach seiner Operation immer wieder das Bewusstsein verloren und dann wiedererlangt hatte, und fragte sich, wer in der Nacht danach an seinem Bett gesessen und ihm über die Stirn gestrichen hatte. Am nächsten Tag hatte er sich bei der Schwester erkundigt, ob er halluziniert hätte, und diese hatte er erwidert, es wäre die junge Frau mit dem Pferdeschwanz in dem alten Regenmantel gewesen. Er hatte nicht gewusst, von wem sie redete. Eine nette junge Frau, hatte die Schwester hinzugefügt, und da war ihm klar geworden, dass sie Carly meinte.

Danach hatte Carly ihn einige Male besucht, und in gewisser Weise hatte er sich darauf gefreut – vor allem weil sie seine Kissen aufgeschüttelt und ihm in eine bequemere Position geholfen hatte als die Schwestern. Ein wenig steif hatte sie an seinem Bett gesessen und ihn ermuntert, tief durchzuatmen und dabei die Füße zu bewegen. Irgendwann war sie dann nicht mehr erschienen.

Luis nahm seine Kaffeetasse in die Hand und trank einen Schluck. Trotz ihrer gelegentlichen heftigen Ausbrüche empfand er ihre Gesellschaft als überraschend angenehm, auch wenn Carly bei jeder Gelegenheit in ihr Zimmer flüchtete. Auch wenn sie sich bewusst burschikos gab …

Wenigstens trug sie heute Abend nicht diesen schrecklichen Overall, sondern eine beige Baumwollbluse, auch keine besonders vorteilhafte Farbe. Wegen ihrer hellbraunen Augen hätte er ihr kräftige Farben, vielleicht sogar Rot empfohlen.

Er ließ den Blick zu ihren Händen schweifen. Es waren die Hände einer Arbeiterin, mit kurzen, unlackierten Nägeln, die zu ihrer schlichten Frisur und ihrem ungeschminkten Gesicht passten. Flüchtig überlegte er, warum sie ihre Weiblichkeit so leugnete. Weil sie so lange im Schatten ihrer schönen Schwester gestanden hatte? Oder weil sie ihren Vater so lange gepflegt und sich darüber vernachlässigt hatte?

Ihre Kindheit und Jugend schienen nicht besonders glücklich gewesen zu sein. Wunden, die die Familie einem zufügte, heilten nie, oder? Er dachte an seine eigene Familie, während der Regen wieder an die Fenster zu prasseln begann.

„Das Wetter spielt wirklich verrückt“, bemerkte er frustriert.

„Kein Wunder, wir sind ja auch in England.“

„Das können wir ändern.“ Abrupt stellte er seine Tasse ab und blickte Carly an. „Besitzen Sie einen Pass?“

„Ja, natürlich.“

„Gut.“ Er nahm seine Karten wieder in die Hand. „Dann halten Sie sich morgen früh bereit. Wir reisen ab.“

Sie blinzelte. „Wir reisen ab? Wohin?“

„Nach St Jean Cap Ferrat. Da habe ich ein Haus.“

Verwirrt sah sie ihn an. „Cap Ferrat in Südfrankreich?“

Luis zog die Augenbrauen hoch. „Gibt es denn noch ein anderes?“

„Aber warum wollen Sie dahin? Und warum so plötzlich?“

„Weil ich mich langweile“, erwiderte er trügerisch sanft.

Unbehaglich betrachtete Carly ihn. Sie hatte genug Geschichten über seine Villa am Mittelmeer gehört, um sich diese vorstellen zu können. Ein Treffpunkt für die Reichen und Schönen, wo sie überhaupt nicht hinpasste. „Ich … würde lieber hierbleiben, wenn es Ihnen recht ist.“

„Nein, das ist es nicht“, entgegnete er überheblich. „Ich zahle Ihnen viel Geld, damit Sie mir das Leben angenehmer machen, Carly, deshalb tun Sie, was ich wünsche. Und Nummer eins auf meiner Wunschliste ist, vor diesem verdammten Regen zu fliehen und wieder Wärme auf meiner Haut zu spüren. Also fangen Sie an zu packen.“

4. KAPITEL

Dieser arrogante Mistkerl!

Selbst die Schönheit der Umgebung lenkte Carly nicht von ihrem Ärger über Luis’ überhebliches Verhalten vor ihrer Abreise ab.

Ich zahle Ihnen viel Geld.

Ja, das wusste sie.

Damit Sie mir das Leben angenehmer machen.

Das wusste sie auch. Aber gab es ihm das Recht, sie so zu behandeln? Doch was Luis wollte, bekam er auch, oder? Und falls der südamerikanische Milliardär beschloss, in seine Villa in Südfrankreich umzuziehen, weil er sich langweilte und Sonne auf der Haut spüren wollte, dann würde genau das eintreten.

Dennoch hatte Carly sich gezwungen, positiv zu denken, als sie ihren Koffer packte, und rief sich die großzügige Zulage ins Gedächtnis, die Luis ihr zahlte. Ihr Traum vom Medizinstudium war nun in greifbare Nähe gerückt. Sie musste den überheblichen argentinischen Playboy nur noch etwas länger ertragen, dann wäre sie frei.

Der Vormittag war ihr seltsam unwirklich erschienen. Zuerst waren sie in London an Bord von Luis’ Privatjet gegangen, der sie nach Nizza gebracht hatte. Dort hatte ein Paparazzo, der offenbar auf Prominente wartete, sie entdeckt und unzählige Fotos von Luis im Terminal geschossen.

Obwohl er sich auf seinen Krücken nur langsam vorwärtsbewegte, wurde er sofort von einer Gruppe Frauen umringt, die mit ihrem blond gefärbten Haar und den Jeansshorts wie Klons anmuteten. Eine wollte ein Autogramm von ihm, eine andere lud ihn zu einer Party ein und steckte im ungefragt eine Karte zu. Obwohl er sie mit einer ungeduldigen Geste wegwinkte, zückten sie sofort ihre Smartphones und begannen, Schnappschüsse von ihm zu machen.

„Passiert Ihnen das oft?“, fragte Carly, als sie draußen in die wartende Limousine stiegen.

„Was? Dass ich nach der Landung durch die Ankunftshalle gehe?“

„Sie brauchen nicht so sarkastisch zu sein“, erwiderte sie angespannt. „Dass Sie von weiblichen Fans umringt werden, meine ich.“

Gleichmütig zuckte er die Schultern. „Überall und ständig.“

„Wird es Ihnen nicht zu viel?“

Er warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Was glauben Sie denn?“

Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete. „Ich glaube, Sie führen ein … seltsames Leben. Einerseits stehen Sie ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, andererseits sind Sie sehr einsam.“

„Zehn von zehn Punkten für Auffassungsgabe“, bemerkte er spöttisch.

Carly schnallte sich an, während der Chauffeur losfuhr. „Aber Sie sind nicht auf die Angebote dieser Frauen eingegangen. Das hätten viele Männer an Ihrer Stelle getan.“

Nun lachte Luis auf. „Meinen Sie nicht, dass ich diese Art von Beziehungen satthabe? Dass diese Frauen genauso austauschbar sind wie die Reifen, die ich während eines Rennens verbraucht habe?“

„Das ist gemein.“

„Aber die Wahrheit.“

Es klang hitziger, als sie beabsichtigt hatte. „Komisch, aber früher war es doch auch kein Hindernis für Sie.“

„Warum hätte es das auch sein sollen? Meinen Sie, ich sollte eine schöne, willige Blondine abweisen, weil wir nichts gemeinsam haben außer der Tatsache, dass unsere Hormone verrücktspielen?“

Carly schüttelte den Kopf. „Sie sind unmöglich.“

Seine dunklen Augen funkelten, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Das wussten Sie doch schon, Carly. Ich antworte nur ehrlich auf Ihre Fragen.“

Ja, das stimmt, dachte sie. Und bewunderte sie seine Ehrlichkeit nicht, selbst wenn diese sie manchmal beunruhigte? Vielleicht war der leere Ausdruck in seinen Augen eine Folge dieser Übersättigung.

„Genießen Sie es, berühmt zu sein?“, erkundigte sie sich dann.

„Das klingt so, als hätte ich eine Wahl gehabt, aber das hatte ich nicht.“ Er legte die Handflächen auf seine Beine und bewegte die Finger. „Ich habe den Ruhm nicht gesucht. Ich wollte nur Rennen fahren und der Beste sein – die Popularität war dann der Nebeneffekt.“

Als Luis ihr in die Augen blickte, erinnerte er sich allerdings, dass es auch andere Nebeneffekte gegeben hatte. Wenn man so erfolgreich war wie er, konnte man seine eigenen Regeln aufstellen, und genau das hatte er getan. Und wie! Er hatte die Verantwortung gescheut. Er hatte von Frauen nur genommen, ohne etwas zurückzugeben. Das hatte er auch gar nicht gebraucht. Er hatte viel Geld verdient und große Bewunderung genossen, doch nichts hatte die Leere in ihm ausgefüllt. Womöglich war das der Preis, den man für den Ruhm zahlte.

„Vielleicht hätte ich nicht so viele Werbeaufträge annehmen sollen“, sagte er langsam. „Aber ich war jung, und der Erfolg ist mir zu Kopf gestiegen. Außerdem wollten meine Sponsoren es unbedingt. Der Rennsport sollte ein sexy Image bekommen, und ich war der perfekte Kandidat dafür.“

Und Rennsport war wirklich sexy, wie Carly bewusst wurde. All das Testosteron, das Geld und der Einfluss – Luis hatte es perfekt verkörpert. Kein Wunder, dass wildfremde Frauen ihm am Flughafen eindeutige Angebote machten und ihm ihre Telefonnummer zusteckten. Kein Wunder, dass sogar Frauen wie sie nicht gegen seinen Charme immun waren.

„Und wenn man erst mal berühmt ist, kann man nicht mehr zurück“, meinte sie langsam. „Man ist nicht mehr der Mensch, der man einmal war.“

„Richtig. Man hat ein bestimmtes Image, und das wird man nicht mehr los.“

„Das stimmt nicht ganz. Sie könnten …“, rutschte es ihr heraus, woraufhin Luis die Augenbrauen zusammenzog.

„Was könnte ich?“

„Ach nichts.“

„Los, sagen Sie schon. Es interessiert mich.“

Carly zuckte die Schultern. „Sie sorgen ja selbst für Publicity, indem Sie mit Frauen ausgehen, die den Klatschreportern ihr Herz ausschütten, nachdem Sie sie haben fallen lassen.“

„Meinen Sie, ich sollte sie eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen lassen, bevor ich mit ihnen ins Bett gehe?“

„Ich weiß nicht, Luis. Ich bin Ihre Haushälterin, nicht Ihre PR-Beraterin.“ Sie wandte den Kopf, als der Chauffeur eine beängstigend schmale Serpentinenstraße hochfuhr. Die Berge waren dicht bewachsen. „Ist das schön hier!“

„Wechseln Sie absichtlich das Thema, Carly?“

„Vielleicht.“

Luis lachte. „Waren Sie schon mal auf dem Kontinent?“

Carly beobachtete, wie ihnen ein hellroter Sportwagen entgegenkam. „Ich habe nur mal Pauschalurlaub in Spanien gemacht – zwei Wochen in Benidorm mit meiner Mutter und meiner Schwester. Das Hotel war … eher einfach.“

„Dann haben Sie sich vielleicht etwas Luxus verdient“, bemerkte er trocken. Als im nächsten Moment sein Handy klingelte, nahm er es aus der Tasche und antwortete auf Spanisch.

Während er telefonierte, fragte sich Carly, was ihre Schwester wohl dazu sagen würde, wenn sie sie jetzt sehen könnte – in einer Limousine mit Chauffeur in einer der teuersten Gegenden der Welt. Wahrscheinlich hätte Bella es nicht geglaubt. Sie konnte es ja selbst kaum fassen.

Als der Wagen um eine Kurve fuhr, entdeckte sie Luis’ Haus, eine Belle-Époque-Villa, die er, wie er ihr einmal erzählt hatte, von einem arabischen Prinzen, dem Freund eines befreundeten Sultans, gekauft hatte.

Für sie war es ein weiteres Beispiel für sein exklusives Leben, in das sie bisher nur Einblicke bekommen hatte. Doch plötzlich fügten sich alle Teile wie ein riesiges Puzzle zusammen. Er kannte Sultane und Könige. Supermodels und Politiker gingen bei ihm ein und aus. Er reiste von einem luxuriösen Domizil zum anderen, hatte aber kein richtiges Zuhause. Luis Martinez war nichts weiter als ein reicher, verwöhnter Zigeuner.

Als der Chauffeur durch das Tor fuhr, ging Carly durch den Kopf, dass die Villa wie eine luxuriöse Festung wirkte. Mit den weißen Mauern und von hohen, schlanken Zypressen umgeben, lag sie hoch in den Hügeln mit Blick auf die azurblauen Buchten.

„Haben Sie hier viele Angestellte?“, erkundigte sie sich, plötzlich nervös.

„Nur die üblichen. Und Ihr französisches Pendant heißt Simone. Sie werden sie mögen.“

Simone empfing sie in der großen Empfangshalle, von der mehrere Korridore in verschiedene Richtungen abgingen. Hohe Vasen mit orangefarbenen Rosen und Eukalyptuszweigen standen vor hohen Spiegeln mit Goldrahmen. In einer Ecke zog eine klassische Statue die Blicke auf sich, eine junge Frau, die Wasser über sich laufen ließ.

Carly fühlte sich ein wenig wie in einem Museum, und die französische Haushälterin war geradezu beängstigend schick. Simone trug ein schlichtes, figurbetontes graues Kleid, und ihr Haar war schön getönt. Obwohl sie an die fünfzig sein musste, kam Carly sich im Vergleich zu ihr richtig schäbig vor.

„Ich gehe gleich in mein Arbeitszimmer“, verkündete Luis. „Ich muss unbedingt einige von Diegos hysterischen E-Mails beantworten, sonst brennt bei ihm noch eine Sicherung durch.“ Nachdenklich strich er sich über die Nase, die er sich bei dem Unfall gebrochen hatte. „Simone, Carly ist zum ersten Mal in Frankreich. Ich finde, wir sollten sie in dem blauen Zimmer mit Blick auf die Bucht unterbringen.“

Simone zögerte kurz. „Stört Mademoiselle Conner Sie denn nicht, wenn Ihre Zimmer so dicht beieinander sind?“ Beharrlich lächelte sie weiter. „Ich habe eines der Gästehäuser hergerichtet, was vielleicht … passender wäre.“

„Ich finde, wir sollten Carly eine schöne Aussicht bieten. Das dürfte doch kein Problem darstellen, oder?“

„Mais non!“ Simone wedelte ein wenig mit den Händen. „Das ist kein Problem.“

Als Carly merkte, dass Luis sie forschend betrachtete, spürte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sah er sie an, statt wie sonst durch sie hindurchzublicken, oder ging ihre Fantasie mit ihr durch? Sie spürte, wie ihre Knospen sich aufrichteten, und beobachtete, wie seine Augen zu funkeln begannen.

„Das ist sehr nett von Ihnen“, sagte sie verlegen.

„Keine Ursache. Genießen Sie die Aussicht. Wir sehen uns später. Massage nach dem Mittagessen?“

„Wenn das Essen nicht schwer im Magen liegt.“

„Sehen Sie, wie streng sie sein kann, Simone?“, wandte Luis sich spöttisch an seine Haushälterin. „Keine Angst, Carly. Sie dürfen überwachen, was ich esse, wenn Sie sich damit besser fühlen.“

Seine Worte verwirrten Carly nur noch mehr. Flirtete er mit ihr, oder deutete sie nur wieder zu viel hinein? Doch auch wenn ihr Verstand ihr sagte, dass Letzteres der Fall war, sagte ihr Instinkt etwas anderes. Ein verlangender Ausdruck war in Luis’ Augen getreten, und sie überlegte, ob Simone es auch wahrgenommen hatte.

Als sie beobachtete, wie er den Korridor entlangging, fiel ihr auf, welche Fortschritte er gemacht hatte. Vielleicht sollte sie einfach ihre frühere Tätigkeit wieder aufnehmen und so tun, als hätte es dieses bizarre Zwischenspiel nie gegeben.

Es wäre auch besser so, sagte sie sich heftig. Dann würde sie nicht mehr die Hände über seine eingeölte Haut gleiten lassen und keine Wassertropfen mehr auf ihrer Haut spüren müssen, wenn er im Pool neben ihr aus dem Wasser auftauchte. Und sie konnten wieder jene ungefährliche Beziehung von früher aufnehmen. Als Luis sie kaum wahrgenommen hatte …

„Ich zeige Ihnen jetzt das Haus“, verkündete Simone nun. „Allerdings muss ich Sie warnen, denn beim ersten Mal kann es etwas überwältigend sein. Den Koffer lasse ich in Ihr Zimmer bringen.“

Während Carly der Französin einen der langen Korridore entlang folgte, versuchte sie sich zu merken, welcher Raum sich wo befand, aber es war tatsächlich etwas zu viel. Die meisten der Räume mit den hohen Decken hatten Meeresblick. Sie zählte zwei Speisezimmer, eins mit einer Glaskuppel, die Simone zufolge geöffnet werden konnte. Im Erdgeschoss gelangte man durch einen Fitnessraum auf eine Terrasse mit angrenzendem Pool, und im ersten Stock bot ein umlaufender Balkon einen herrlichen Blick auf die Berge, die sich auf der Rückseite des Gebäudes erhoben. Für sie war es der schönste Ort, den sie je gesehen hatte.

Auch ihr Zimmer war sehr beeindruckend. Es bot eine fantastische Aussicht aufs Mittelmeer, und die duftige Leinenwäsche auf dem Bett lud zum Ausruhen ein.

„Und hier wohnen Sie“, informierte Simone sie.

Plötzlich konnte Carly verstehen, warum Simone dagegen gewesen war, sie hier unterzubringen, denn der Raum hätte einem König gebührt. Und Luis hatte ihn ihr überlassen. Die Kehle schnürte sich ihr zu. „Wirklich?“, brachte sie hervor.

„Ja“, erwiderte Simone und klang nun beinah sanft. „Ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie sich umziehen können. Das Mittagessen wird kurz nach zwei auf der Terrasse serviert. Finden Sie den Weg dorthin noch?“

„Ich glaube schon.“

Nachdem die Haushälterin den Raum verlassen hatte, ging Carly wie in Trance umher. Langsam strich sie mit den Fingerspitzen über die hauchzarten weißen Vorhänge vor den Fenstern. Auf der Terrasse entdeckte sie einen Tisch mit Stühlen und eine Liege. Sie freute sich schon darauf, in der Sonne lernen zu können.

Im Bad entdeckte sie exklusive Toilettenartikel – Badesalz mit Lavendelaroma stand neben einer großen altmodischen Wanne. Dicke, flauschige Handtücher lagen säuberlich gestapelt in einem Regal. Weiße Freesien in einer kleinen Vase verbreiteten einen betörenden Duft. Als sie daran schnupperte, wallten wieder Gefühle in ihr auf, die sie nicht unterdrücken konnte.

Denn zum ersten Mal überhaupt fühlte sie sich nicht wie die zweite Wahl. Wie das schlaksige Mädchen, das immer nur praktische Sachen trug, während seine Schwester in hübschen Kleidern herumflanierte. Dieses Mädchen stand nun im Haus eines Milliardärs, in einer exklusiven Suite, in der normalerweise seine vornehmen Freunde wohnten. Was Bella und ihre Mutter wohl sagen würden, wenn sie sie jetzt sehen würden …

Als Carly ihren Koffer auszupacken begann, wurde ihr allerdings klar, dass sich nichts geändert hatte. Aus einem hässlichen Entlein konnte kein schöner Schwan werden. Ihre Mutter hatte immer gesagt, Carly wäre intelligent, aber Bella wäre schön. Und für ihre Mutter war das äußere Erscheinungsbild alles gewesen.

Carly blickte sich um. Alles hier war exklusiv, teuer und top gepflegt. Alles außer ihr. In dem hohen Spiegel sah ihr eine Frau mit erhitztem Gesicht, zerzaustem Haar und zerknitterten Sachen entgegen. War sie wirklich so naiv zu glauben, Luis hätte sie verlangend betrachtet?

Sie blickte auf die Uhr. An ihrem Äußeren konnte sie etwas ändern. Sie konnte sich zumindest die Haare waschen und etwas Netteres anziehen. Aber als sie sich auszog und unter den kühlen Duschstrahl trat, fühlte sie sich immer noch völlig deplatziert. Befangen wegen ihrer üppigen Figur, seifte sie sich ein und shampoonierte sich das Haar. Danach föhnte sie es, und sie hatte gerade einen sauberen BH und dazu passenden Slip angezogen, als es an der Tür klopfte.

Vielleicht war es Simone. Schnell nahm Carly das Handtuch vom Bett und hielt es sich vor; dann eilte sie zur Tür, öffnete sie – und riss erschrocken die Augen auf.

Vor ihr stand nicht die Haushälterin, sondern Luis.

Luis, dessen schwarzes Haar zerzaust und feucht war, als hätte er genau wie sie gerade geduscht. Luis, dessen Leinenhemd seinen ...

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