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JULIA EXTRA BAND 412

MICHELLE SMART

Neues Glück in den Armen des stolzen Spaniers?

Wütend blitzt Charley ihren Noch-Ehemann an. Raul war ihre letzte Hoffnung, doch der Tycoon denkt nicht daran, ihr Kinderheim vor dem Ruin zu retten. Außer sie kehrt zurück an seine Seite. Und in sein Bett!

LYNNE GRAHAM

Insel unserer Leidenschaft

Durch die Scheinehe mit Cesare betritt Farmerstochter Lizzie eine fremde Welt voller Luxus und Sinnlichkeit. Doch sie darf ihr Herz nicht an den Tycoon verlieren – weil seines einer anderen gehört …

JENNIFER HAYWARD

Wie widersteht man diesem Boss?

Seidige Haare, endlose Beine, Spitzenstrümpfe … Harrison stöhnt auf. Die neue Sekretärin bringt nicht nur sein Büro, sondern auch sein Inneres durcheinander. Würde sie wohl auch seine Laken zerwühlen?

REBECCA WINTERS

Der süße Duft der Sehnsucht

Ein Stein fällt Jasmin vom Herzen: Luc Charriere hilft ihr, das großelterliche Parfümhaus zu retten! Doch sie darf Lucs Charme nicht erliegen – denn jenseits des Ozeans erwartet sie eine alte Pflicht …

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Neues Glück in den Armen des stolzen Spaniers?

1. KAPITEL

Der Vollmond stand hoch über dem Hotel und tauchte die Szenerie in ein unwirkliches, fast schon märchenhaftes Licht. Für den normalen Betrachter mochte es ein verlockender Anblick sein. Charlotte dagegen sah nur die dunklen, bedrohlichen Schatten. Das Mondlicht hätte nicht silbern leuchten dürfen. Blutrot wäre die passendere Farbe gewesen.

Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, um sich einschüchtern zu lassen. Sie war aus einem wichtigen Grund hergekommen und musste sich darauf konzentrieren.

Sie atmete tief durch und wartete, bis sich die Schranke hob. Dann fuhr sie in die Tiefgarage. Kein Hoteldiener kam angelaufen, um ihren Fiat 500 in die bewachte Parkzone zu fahren, in der sich die Ferraris, Lamborghinis und Maseratis aneinanderreihten.

In der riesigen Hotellobby wurde sie von klassischer Musik begrüßt. Die Hotelgäste in teurer Abendgarderobe saßen auf cremefarbenen Ledersesseln und nippten an ihren Cocktails. Charlotte, die meistens Charley genannt wurde, senkte den Blick und ging langsam zu dem Festsaal, der sich am anderen Ende der Lobby befand.

Mit jedem Schritt schlug ihr Herz schneller. Als sie die Tür zum Saal erreicht hatte, war das Klopfen so laut geworden, dass sie die Musik kaum noch wahrnahm.

Ein Schrank von einem Mann stellte sich ihr in den Weg.

„Darf ich bitte Ihre Einladung sehen“, sagte er und hob die Hand.

„Mein Mann ist schon da“, sagte sie auf Spanisch, doch war ihr englischer Akzent deutlich zu hören. Obwohl sie schon seit mehr als fünf Jahren im Land lebte, hatte sie erst in den letzten Monaten das Gefühl, die Sprache ansatzweise zu beherrschen. „Er hat sicher ausrichten lassen, dass ich mich ein wenig verspäte“, log sie.

„Ihr Mann?“

Charley öffnete die silberne Handtasche, zog ihren Pass heraus und hielt ihn hoch. „Raul Cazorla.“ Kurz überlegte sie, wie ihr Noch-Ehemann sich an ihrer Stelle verhalten würde, und setzte eine arrogante Miene auf. Sie zog das Handy aus der Tasche. „Soll ich ihn anrufen, damit er kommt und bestätigt, wer ich bin?“

Sie konnte förmlich sehen, wie es in dem Türsteher arbeitete. Wahrscheinlich hatte er Raul erst vor wenigen Minuten selbst in den Saal eingelassen. Und vermutlich war ihm auch das rothaarige Unterwäschemodel an seinem Arm nicht entgangen.

Das Unterwäschemodel …

Als sie an die Frau dachte, spürte sie einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Erst vor zwei Wochen hatte eine spanische Illustrierte auf dem Cover ein Foto von dem glücklichen Paar gezeigt. Raul hatte ausgesehen wie ein Kater, der soeben eine ganze Schüssel mit Sahne ausgeschleckt hat. Kein Wunder, denn alles an dieser Jessica war einfach perfekt.

Und Charley war sich ziemlich sicher, dass diese Frau seit ihrer Trennung nicht Rauls erste Geliebte war. Sie war nur die erste, mit der er sich öffentlich zeigte.

Mit wem er sich trifft, geht dich nichts mehr an, ermahnte sie sich selbst. In wenigen Wochen wäre ihre Scheidung rechtskräftig. Danach war er ein freier Mann.

Sie atmete tief ein und kniff die Augen leicht zusammen. Das hatte sie bei Raul oft beobachtet. Damit zeigte er einem Menschen, dass ihm irgendetwas missfiel. „Vielleicht wollen Sie lieber reingehen und ihn suchen, damit er bestätigt, wer ich bin?“

Mehr als diese Frage brauchte es nicht. Der Mann erwiderte nichts mehr, sondern legte eine Hand auf die Tür. Aber wer wäre auch gern derjenige gewesen, der Raul Cazorla, einen der reichsten Männer Spaniens, bei einer High-Society-Party gesucht hätte, um ihn zu fragen, ob die Frau, die seinen Namen trug, auch wirklich seine Frau war?

„Genießen Sie das Fest“, sagte er und stieß die Tür auf.

Der Festsaal des exklusiven Hotel Garcia war eine riesige Halle aus Glas und Chrome, in der sich alles, was in Barcelona Rang und Namen hatte, heute Abend versammelt hatte. Man hatte extra einen Top-DJ einfliegen lassen, und Charley konnte die wummernden Bässe der aktuellen Tanzhits unter ihren schmerzenden Füßen spüren. Es war das erste Mal seit fast zwei Jahre, dass sie sich in High Heels gequetscht hatte, und nun tat ihr jeder einzelne Fußknochen weh.

Kellner und Kellnerinnen trugen geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten herum. Charley nahm sich im Vorbeigehen ein Glas und stürzte den Inhalt in einem Zug herunter.

Während sie den Saal durchquerte, bemerkte sie neugierige Blicke. Fast meinte sie, die Leute flüstern zu hören: „Ist das nicht Charlotte …?“

Sie blendete die Menschen um sich herum aus und konzentrierte sich auf die geöffnete Glastür am Ende des Saals, hinter der der herrliche Garten lag.

Draußen in der milden Abendluft saßen weitere Nachtschwärmer an schmiedeeisernen Tischen. Sie waren mit Reden, Rauchen, Küssen beschäftigt …

Ihr Herz nahm ihn zuerst wahr und begann wie wild zu klopfen. Groß und athletisch, eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, stand er mit dem Rücken zu ihr. Er war mit einem ihr unbekannten Mann ins Gespräch vertieft. Am Tisch daneben saßen zwei Frauen und unterhielten sich. Die Rothaarige zog an ihrer Zigarette und inhalierte tief.

Raul kann rauchen nicht ausstehen, dachte sie.

Einen schrecklichen Moment lang hatte sie das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

Plötzlich drehte Raul den Kopf, als hätte er ihren Blick im Rücken gespürt.

Er schaute flüchtig in ihre Richtung, bevor er sich wieder zu dem Mann drehte und das Gespräch fortführte.

Charley nahm ihren Mut zusammen und ging auf ihn zu. Sie hatte nur ein paar Schritte gemacht, als er den Kopf erneut zu ihr umwandte. Dieses Mal schaute er sie direkt an.

Raul drehte sich ganz um.

Er war so attraktiv, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Sie nahm die kurzen, dunklen Haare und den maßgeschneiderten Anzug in sich auf, der die schmalen Hüften perfekt umschmeichelte …

Als sie am Tisch ankam, verstummten die Gespräche. Charley konnte den bohrenden Blick der Rothaarigen fast schon spüren.

„Hallo, Raul“, sagte sie leise. Die Wut, die sie dazu gebracht hatte, in die Party zu platzen, legte sich erheblich, als sie sein Gesicht aus der Nähe betrachtete. Seit fast zwei Jahren hatte sie es nicht mehr gesehen.

Falls ihr plötzliches Auftauchen ihn erschüttert hatte, ließ er sich nichts anmerken. Aber er hatte seine Gefühle schon immer gut verbergen können. Außer im Schlafzimmer …

„Charlotte“, sagte er und beugte sich zu ihr herunter, um ihr auf beide Wangen einen trockenen Kuss aufzudrücken. „Was für eine unerwartete Freude.“

Seine Augen schienen jedoch etwas anderes auszudrücken. Obwohl sie die leichte Berührung seiner Lippen ein wenig benommen gemacht hatte, entging ihr der Zorn in seinen Augen nicht.

Als er weitersprach, bemerkte sie die Angespanntheit in seiner Stimme. „Bitte entschuldigt mich einen Augenblick“, sagte er zu seinen Begleitern, bevor er Charleys Arm ergriff und sie mit sanftem Druck wegzog.

Blicke folgten ihnen, als sie schweigend zur hinteren Ecke des Gartens gingen, wo umringt von Blumen ein paar Bänke standen, wie geschaffen für Liebespaare. Charley zwang sich bei jedem Schritt an die Worte zu denken, die sie den ganzen Tag über auswendig gelernt hatte.

Das Zusammentreffen mit ihm war tausendmal schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte.

Das letzte Mal, dass sie ihren Mann gesehen hatte, war genau sechshundert und dreiunddreißig Tage her.

Als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, hatten sie einander angeschrien, und Hass und Wut waren wie ein Feuerwerk explodiert. An jenem Abend hatte sie ihn verlassen und seitdem nicht wiedergesehen.

Sie hatte eigentlich geglaubt, der Schmerz und die Wut von damals wären längst verflogen. Dass sie jetzt aber in den alten Strudel der Gefühle zurückgezogen wurde, machte ihr mehr Angst als alles, was sie seit jener Nacht erlebt hatte.

Sie spürte förmlich, wie er die eigene Wut im Zaum halten musste, obwohl er auf andere sicherlich ruhig gewirkt hätte. Aber als seine Frau war sie ihm nähergekommen als alle anderen Menschen, und nur sie konnte hinter seine Fassade blicken.

Erst als sie hinter einem Baum angekommen waren, ließ er ihren Arm los und starrte sie finster an. „Was willst du?“

„Mit dir reden.“

„Das habe ich wohl verstanden. Ich meine auch eher, warum du dich auf die Party geschlichen hast, obwohl ich doch klipp und klar gesagt habe, dass ich dich nicht mehr sehen will.“

Seine Worte hätten sie nicht wie eine Ohrfeige treffen dürfen. Aber sie taten beinahe so weh wie seine strikte Weigerung, sich noch einmal mit ihr zu treffen oder auch nur ihre Anrufe entgegenzunehmen.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie und schaute ihm dabei in die blauen Augen, die sie früher so geliebt hatte. Als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, war ihr Herz so weit geworden, dass sie fast Angst gehabt hatte, es würde ihren Brustkorb sprengen. Seine markante Wangenknochen, die vollen Lippen, die sich interessant von seinem kantigen Kinn abhoben …

Sie blinzelte und blickte weg. Rauls extrem männliche Schönheit hatte ihr schon früher die Sinne geraubt. Aber sie musste unbedingt einen kühlen Kopf bewahren und durfte sich nicht in die Zeit vor fünf Jahren zurückversetzen, als ihre Lust ihren Verstand ausgeschaltet hatte. Sonst würde sie ihn niemals dazu überreden können, ihr zu helfen. „Hast du meinen Brief mit dem Businessplan bekommen?“

Er machte ein verächtliches Geräusch. „Meinst du den Bettelbrief, den du mir vor ein paar Tagen geschickt hast?“

Sie rieb sich die Augen und verfluchte sich im nächsten Moment dafür. Sie hatte eine Ewigkeit gebraucht, um Make-up aufzulegen. Nach fast zwei Jahren, in denen sie sich so gut wie nie geschminkt hatte, war sie völlig aus der Übung gekommen. Vermutlich war jetzt alles ruiniert. Dabei musste sie unbedingt gut aussehen, damit Raul ihre Bitte auch ernst nahm. Ihr Noch-Ehemann legte vor allem Wert auf den schönen Schein. Ganz gleich, was sich hinter verschlossener Tür abspielen mochte, in der Öffentlichkeit musste man sich perfekt präsentieren.

„Dann hast du ihn also gelesen?“

Raul hatte nur einen Blick auf die mädchenhafte Handschrift werfen müssen und sofort gewusst, wer der Absender war. Charleys Handschrift war so ungelenk wie die einer Zwölfjährigen.

Mit einem Mal fiel ihm ein, wie sehr sie sich für ihre Schrift immer geschämt hatte. Sie musste demnach ziemlich verzweifelt gewesen sein, dass sie diesen Weg der Kontaktaufnahme gewählt hatte.

Als er den Brief vor ein paar Tagen bekommen hatte, war ihm das noch nicht aufgegangen. Der Anblick ihrer Handschrift hatte ihn tief getroffen und alte Gefühle wieder aufgewühlt, sodass er den Briefumschlag kurzerhand zerknüllt und an die Wand geworfen hatte. Erst eine Stunde später hatte er sich wieder so weit unter Kontrolle gehabt, dass er den Brief lesen konnte. Nach knapp einem Drittel hatte er ihn wieder zerknüllt. Den sogenannten Businessplan hatte er kurzerhand in den Schredder geworfen.

„Ich habe genug gelesen, um zu wissen, dass du noch mehr Geld von mir willst.“ Nachdem er von ihr verlassen worden war, hatte er zehn Millionen Euro auf ihr Konto überwiesen, um sie daran zu erinnern, was sie aufgegeben hatte. Eigentlich hatte er damals erwartet, sie würde reumütig zu ihm zurückkriechen. Selbst, als ein Jahr später die Scheidungspapiere in seinem Briefkasten gelandet waren, hatte er geglaubt, sie würde irgendwann zu ihm zurückkommen.

Jetzt hatte sie die Millionen vermutlich verbraten und stand vor ihm, aufgedonnert bis zum Gehtnichtmehr, und streckte die gierigen Hände nach seinem Geld aus.

„Ich hab’s nicht auf dein Geld abgesehen. Hast du den Teil über die Kindertagesstätte Poco Rio nicht gelesen?“

„Doch“, stieß er hervor.

Kindertagesstätte Poco Rio. Diese Wörter waren der Auslöser gewesen, warum er den Brief ein zweites Mal in die Ecke gefeuert hatte. Schließlich war es die Weigerung seiner Noch-Ehefrau gewesen, ein Kind von ihm zu bekommen, an der ihre Ehe gescheitert war.

Damals hatte er Unsummen in ihre wahnwitzigen Geschäftsideen gepumpt. Jetzt besaß sie die Frechheit, ihn erneut um Geld anzugehen, weil sie wieder eine Idee umsetzen wollte, zum Überfluss auch noch eine, die mit Kindern zu tun hatte.

Wollte sie ihn absichtlich quälen?

„Dann weißt du, was auf dem Spiel steht. Ich habe das perfekte Haus gefunden, aber der Besitzer will mit dem Verkauf nicht länger warten. Entweder einigen wir uns noch in diesem Monat, oder er sucht sich einen neuen Käufer. Bitte, Raul, uns läuft die Zeit davon. In vier Monaten müssen wir aus den alten Räumen ausziehen und …“

„Dein Problem, nicht meins.“

„Aber ohne dich bekomme ich den Rest der Finanzierung nicht zusammen. Ich habe es überall versucht …“

„Dann versuch es eben weiter. Vielleicht bleibst du ja einmal bis zum Ende am Ball, anstatt mittendrin aufzugeben.“

Sie atmete schwer ein. „Ich werde nicht aufgeben. Aber niemand will in das Projekt investieren.“

„Dann musst du wohl deinen Businessplan überarbeiten. Vielleicht frisierst du die Zahlen und hoffst, dass niemand sie überprüft.“ Er trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Ich habe dir genug von meiner Zeit geschenkt – meine Begleiterin fühlt sich bestimmt schon vernachlässigt. Den Ausgang findest du allein, oder?“

Bei dem Wort Begleiterin wurde sie blass.

Er erwartete, Genugtuung zu empfinden, aber stattdessen stiegen Schuldgefühle in ihm auf. Warum bloß? Charley hatte ihn verlassen. Nachdem er sie drei Jahre lang mit Geld überschüttet, sie in allem unterstützt und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatte … hatte sie sich geweigert, ihm ein Kind zu schenken.

Drei Jahre lang hatte sie ihm das Versprechen wie eine Karotte vor die Nase gehalten, bevor sie ihm endlich die Wahrheit gestanden hatte. Sie wollte kein Kind von ihm.

Ihre Ehe war nichts als eine Lüge gewesen.

Und nun besaß sie die Frechheit, ihn um Hilfe zu bitten.

Aber, als er sie jetzt im Mondlicht vor sich stehen sah, mit ihrer blassen Alabasterhaut, musste Raul die Hände zu Fäusten ballen, damit er sie nicht nach ihr ausstreckte.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte er gerade die Leitung der Cazorla-Hotelkette übernommen, weil sein Vater einen Schlaganfall erlitten hatte. Obwohl er ein eigenes Geschäftsimperium zu führen hatte, hatte Raul nicht eine Sekunde gezögert und war für seinen kranken Vater eingesprungen. Seit dem Schlaganfall saß dieser im Rollstuhl und konnte nicht mehr sprechen, aber er hatte Raul dennoch deutlich spüren lassen, wie wenig er von ihm als seinem Nachfolger hielt. Es schien ihn zu ärgern, dass sein Sohn die Geschäfte übernahm. Raul wusste, dass der Erfolg, zu dem er das Familiengeschäft seitdem geführt hatte, schwer an dem alten Mann nagte.

An jenem Tag hatte er das Hotel auf Mallorca inspiziert, so wie er allen Hotels im Besitz der Cazorlas einen Kurzbesuch abgestattet hatte. Im Gegensatz zu den übrigen Luxusresorts handelte es sich hierbei um ein Familienhotel. Charley war bei einer spanischen Firma angestellt gewesen und hatte dort als Animateurin für Kinder gearbeitet.

Am Abend hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Sie hatte den Hotelkomplex verlassen, in Shorts, Glitzertop und Flip-Flops, und ihr offenes, honigblondes Haar hatte ihre Schultern umspielt. Sie hatte über irgendetwas gelacht, das eine Freundin zu ihr gesagt hatte, und ihr von Herzen kommendes Lachen hatte ihm ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Am nächsten Abend hatte er sie auf einer Bühne wiederentdeckt. Sie hatte eine Gameshow moderiert und die Zuschauer zum Mitmachen animiert. Dank ihrer fröhlichen, energiegeladenen Art hatten ihr Jung und Alt buchstäblich aus der Hand gefressen. Nach dem Ende der Show hatte er sie ausfindig gemacht. Eigentlich hatte sie mit Kollegen auf eine Party gehen wollen, aber er hatte sie nicht lange überreden müssen, stattdessen mit ihm auszugehen.

Die Frau, die jetzt vor ihm stand, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem jungen Mädchen von damals. Sie trug ein enges, rotes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt, der ihr zart gebräuntes Dekolleté perfekt zur Geltung brachte, und farblich passende High Heels. Sobald Charley Zugriff auf sein Bankkonto bekommen hatte, hatte sie ihren Stil komplett umgekrempelt und den Kleiderschrank mit teuren Designerstücken gefüllt.

Ihre perfekt betonten grünen Augen blinzelten, und sie presste die vollen Lippen aufeinander, bis nur noch ein Strich zu sehen war. Beschwörend hob sie die Hand. „Du bist der Einzige, der mir helfen kann. Endlich habe ich eine Bank gefunden, die bereit ist, mir Geld für das Projekt zu geben, aber leider wollen sie sich nur darauf einlassen, wenn du für mich bürgst.“

„Was zum …“ Er verkniff sich den Fluch. „Das ist ja noch schlimmer, als würdest du mich direkt um Geld bitten. Du musst verrückt sein, wenn du glaubst, ich würde als Bürge für deine waghalsigen Geschäftsideen fungieren. Als wir verheiratet waren, habe ich Millionen von Euro für deine abenteuerlichen Ideen zum Fenster rausgeworfen.“

Plötzlich kam ihm ein Verdacht. „Warum will die Bank, dass ich für dich bürge? Wir leben seit zwei Jahren getrennt. Unsere Scheidung, die du, falls ich dich erinnern darf, selbst in die Wege geleitet hast, wird in wenigen Wochen rechtskräftig sein.“

Sie senkte betreten den Kopf. „Ich …“

„Was hast du ihnen erzählt?“ Er wusste, wie impulsiv seine Frau handeln konnte. Bei ihr war alles möglich.

„Ich … ich habe gesagt, wir hätten uns wieder versöhnt.“

„Wie bitte?“

Sie zuckte zusammen. „Ich wusste nicht mehr, was ich tun soll“, gestand sie kleinlaut.

„Verstehe ich das richtig … Du hast der Bank erzählt, wir wären wieder zusammen, damit sie dir Geld für dein nächstes Schwachsinnsprojekt geben?“

„Es ist nicht schwachsinnig“, erwiderte sie zornig. „Ohne die Finanzierung haben die Kinder sonst bald keinen Ort mehr, wo sie hingehen können.“

„Das ist nicht mein Problem.“ Die Wut, die er bisher unterdrückt hatte, kochte hoch. „Mir ist es egal, was für Lügen du ihnen aufgetischt hast. Ich will damit nichts zu tun haben. Genauso wenig wie mit dir. Du hast diesen Mist verzapft und wirst die Suppe allein auslöffeln. Adios.“

Er ließ sie stehen, war aber nur ein paar Meter weit gegangen, als sie ihm hinterherrief.

„Noch ist es nicht zu spät, dich auf eine viel größere Summe Unterhalt zu verklagen, und das weißt du.“

Er blieb abrupt stehen.

„Unsere Scheidung ist noch nicht rechtskräftig. Ich kann meine Anwältin am Montagmorgen anrufen und ihr sagen, ich habe meine Meinung geändert und will nun doch die höhere Abfindung, die mir nach ihrer Auskunft zusteht.“

Langsam drehte er sich zu ihr um. Wagte sie es wirklich, ihm zu drohen? Bevor er wusste, was er tat, stand er wieder vor ihr.

„Vielleicht steht dir eine größere Summe zu. Aber bis das Gericht zu einer Entscheidung kommt, können Monate ins Land gehen. Das dürfte für deine neue Geschäftsidee wohl zu spät sein.“ Er grinste sie an und beugte sich so weit vor, dass ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander getrennt waren. „In der Zwischenzeit hast du genug Zeit, um über die Folgen deines unüberlegten Handelns und deiner Lügen nachzudenken.“

Als er sich erneut zum Gehen wandte, rief sie ihm nicht hinterher.

Doch als er wieder am Tisch angelangt war, sah er noch immer ihr entsetztes, schmerzerfülltes Gesicht mit den hohen Wangenknochen vor sich.

Jessica warf ihm einen unterkühlten Blick zu und zog gelangweilt an ihrer Zigarette. „Was war denn das, bitte?“

Er schaute sie an. Seit der Trennung von Charley war sie sein erster Dating-Versuch gewesen, und inzwischen gingen sie schon seit einem Monat miteinander aus.

Jessica war groß, schlank und schön und belegte bei der Wahl zur Sexiest Woman Alive immer einen der vorderen Plätze. Sie war selbstsicher und cool und machte sich einfach gut an seinem Arm.

Charley war fast einen Kopf kleiner und wesentlich kurviger. Dazu war sie impulsiv und herzlich, und ihr Lachen wirkte ansteckend. Und sie duftete nach Vanille.

Er hatte ihren Duft noch immer in der Nase.

„Nun?“, hakte Jessica nach und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.

Charley hatte immer wundervoll gerochen, vor allem am frühen Morgen, wenn sich der Duft der Liebesnacht mit ihrem Parfüm vermischt hatte.

Er hasste den Gestank von Zigaretten. War es da ein Wunder, dass er Jessica in der ganzen Zeit noch nicht einmal geküsst hatte?

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie ein rotes Kleid vorbeirauschte. Er drehte sich um und sah Charley ins Hotel zurücklaufen. Ihre Körperhaltung verriet, wie bedrückt und niedergeschlagen sie nach der Begegnung mit ihrem Noch-Ehemann war.

Er schaute zu Jessica und zwang sich zu einem Lächeln. „Einen Drink noch, dann brechen wir auf“, sagte er schnell.

Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging raschen Schrittes in den Festsaal des Hotels. Während er sich zur Bar durchdrängelte, schaute er sich vergeblich nach der Frau im roten Kleid um.

Charley war nicht mehr da.

2. KAPITEL

Charley zwang sich zu einem Lächeln, als sie dem Bankdirektor zum Abschied die Hand schüttelte und sein Büro verließ. Dabei war ihr so eng ums Herz, dass sie meinte, keine Luft mehr zu bekommen. Schnell trat sie in die Empfangshalle des riesigen Glasgebäudes, ging im Eilschritt zur Damentoilette und schloss die Tür der ersten Kabine hinter sich.

Es war aus.

Der Direktor hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ohne die Bürgschaft von Raul kein Darlehen bekommen würde.

Ihre letzte Hoffnung hatte sich zerschlagen. Sie riss eine Hand vor den Mund, um den tiefen Seufzer zurückzuhalten.

Obwohl sie wirklich alles gegeben hatte, würde Poco Rio keine neue Bleibe finden und wohl für immer schließen müssen.

Die armen Kinder. Die Hiobsbotschaft würde sie und ihre Eltern noch viel härter treffen. Dabei hatten sie in ihrem kurzen Leben wahrlich schon genug gelitten.

Jetzt wusste sie wirklich nicht mehr weiter. Sie hatte alles versucht und sich in ihrer Verzweiflung sogar an Raul gewendet.

Sie hätte beinahe laut aufgeschluchzt, als sie daran dachte, wie er ihr die Bitte ins Gesicht zurückgeschleudert hatte. Nie hätte sie ihn für so herzlos gehalten. Und nie hätte sie geglaubt, dass ihn das Scheitern ihrer Ehe noch immer so wütend machte.

Sie erinnerte sich noch gut an den vernünftigen Tonfall, den er immer angeschlagen hatte, wenn sie über ihre beruflichen Misserfolge geredet hatten. „Cariño“, hatte er dann zu ihr gesagt. „Begreif doch endlich, du bist nun mal keine Businessfrau. Du hast es versucht, aber jetzt sollten wir endlich die Familie gründen, von der wir einmal geredet haben.“

Noch deutlicher aber erinnerte sie sich daran, wie ihr das Blut bei diesen Worten in den Adern gefroren war.

Hatte er wirklich von ihr erwartet, ein Kind zu bekommen, obwohl ihre Ehe doch so ungleich war?

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich immer darauf gefreut, eines Tages Kinder zu haben. Aber zuerst wollte sie sich etwas Eigenes aufbauen und ihre Nische im Leben finden.

Ihre eigene Mutter hatte schwer schuften müssen, damit Charley ein Dach über dem Kopf und jeden Tag etwas zu essen gehabt hatte. Aber als Teenager hatte Charley ihrer Mutter nie die Dankbarkeit gezeigt, die sie verdient gehabt hätte. Heute schämte sie sich für ihr Verhalten und wollte auf gar keinen Fall, dass sich so etwas wiederholte. Ihre Kinder sollten eines Tages zu ihr aufblicken können. Niemals sollten sie ihre Eltern miteinander vergleichen und einen Vater sehen, der in allem erfolgreich war, und eine Mutter, die im Leben gescheitert war. Sie wollte, dass ihr Mann und ihre Kinder stolz auf sie sein konnten, weil sie es ganz allein geschafft hatte.

Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, ihn zu verlassen. Aber als sie ihm an jenem Abend erklären wollte, warum jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für ein Baby sei, hatte sich daraus ein furchtbarer Streit entwickelt, und am Ende hatten sie sich schlimme Dinge an den Kopf geworfen.

Raul hatte sie eine Versagerin genannt und ihr unterstellt, nur hinter seinem Geld her zu sein. Die Worte klangen noch heute in ihren Ohren nach und sorgten dafür, dass sich ihr Magen zusammenkrampfte. Seine Vorwürfe hatten ihr furchtbar wehgetan. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, ihre Geschäftsideen erfolgreich umzusetzen, weil sie ihn mit etwas anderem als ihrem Körper beeindrucken wollte. Heute wusste sie, dass sie sich mit ihren Ideen übernommen hatte. In ihrer Verzweiflung, sich beweisen zu wollen, hatte sie sich maßlos überschätzt.

Und dann hatte er ihr ins Gesicht gesagt, sie solle verschwinden.

In ihrem Kopf war eine Sicherung durchgebrannt. Alles, was sie sich vorher nicht hatte eingestehen wollen, war ihr schlagartig klar geworden. Sie hatte gewusst, dass es so nicht mehr weiterging. Niemals würde sie die perfekte Frau sein, die Raul sich wünschte.

Als sie fertig gepackt hatte, hatte Raul sich so weit beruhigt, dass er sie gebeten hatte, bei ihm zu bleiben. Aber da war es zu spät gewesen. Für ihn musste immer alles perfekt sein, und das konnte sie ihm nicht bieten. In dem Moment wusste sie, dass ihre Ehe vorbei war.

Warum tat ihr also jetzt noch das Herz weh, wenn sie an ihn dachte? Warum hatte seine Weigerung, ihr zu helfen, sie nicht nur wütend oder traurig gemacht, sondern sie so sehr deprimiert, dass sie seit der Begegnung vor zwei Tagen kaum noch einen Bissen herunterbrachte?

Erst als sie sicher war, die Tränen wenigstens so lange zurückhalten zu können, bis sie zu Hause angekommen war, verließ sie die Damentoilette der Bank. Vorher vergewisserte sie sich im Spiegel, dass ein Lächeln auf ihren Lippen lag. Das hatte ihr der Benimmlehrer, den Raul damals für sie engagiert hatte, eingeimpft: ganz gleich, wie es im Inneren aussieht, immer Haltung bewahren und ein freundliches Gesicht machen. Für die Cazorlas ging es schließlich nur darum, den Schein zu wahren.

Charley hatte in einer Seitenstraße geparkt, aber bevor sie den Wagen erreichte, entdeckte sie eine große Gestalt, die an einem silbernen Maserati lehnte.

„Raul?“

Sie erstarrte mitten in der Bewegung.

Ihn im strahlenden Sonnenlicht zu sehen, im dunklen Anzug mit hellblauem Hemd, das die Farbe seiner Augen noch betonte, war zu viel für ihr kleines Herz.

Es konnte kein Zufall sein. Raul verfügte über beste Kontakte zu allen spanischen Banken.

Vermutlich hatte er lange vor Charley gewusst, wie das Gespräch mit dem Direktor ausgehen würde.

Mit schnellen Schritten ging sie auf ihn zu. „Du bist bestimmt hier, um dich an meiner Niederlage zu weiden, oder?“

Er löste die vor der Brust verschränkten Arme und straffte die Schulter.

„Nein, Cariño.“ Ein winziges Lächeln zog über seine sinnlichen Lippen. „Ich bin hier, weil ich dir eine Rettungsleine zuwerfen will.“

„Rettungsleine?“, wiederholte sie misstrauisch.

„Ich will dir ein Angebot machen, das es dir ermöglichen wird, die Tagesstätte zu retten.“

Raul beobachtete, wie ein halbes Dutzend Gefühle über ihr hübsches Gesicht huschten.

„Du willst mir helfen?“

Er lächelte und öffnete die Beifahrertür des Maserati. „Steig ein. Wir reden während der Fahrt.“

„Sag mir, wo ich hinkommen soll. Ich bin mit meinem Auto da.“

Sie hatte den Führerschein gemacht? Mit dieser Neuigkeit hatte er nicht gerechnet.

„Falls ich dir bei deinem Projekt helfen soll, steigst du jetzt besser ein. Entweder so, oder ich fahre weg und das Angebot ist vom Tisch.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern ging ums Auto herum und setzte sich auf den Fahrersitz.

Erst als er den Sicherheitsgurt anlegte, wurde Charley aktiv. Sie zwängte sich auf den Beifahrersitz und knallte die Tür hinter sich zu.

Er setzte die Sonnenbrille auf, bevor er Charley das Gesicht zuwandte. Sie trug ein schwarzes Designerkostüm, hatte aber, bis auf Eyeliner und Mascara, auf das üppige Make-up verzichtet, ohne das sie während der Ehe niemals aus dem Haus gegangen wäre.

Als er ihren Vanilleduft wahrnahm, zogen sich seine Lenden zusammen. Seit sie in die Party geplatzt war, hatte er ihn in der Nase gehabt.

Sie starrte zurück. In ihrem Blick wechselten sich Überraschung und Misstrauen ab.

Eine Art Zufriedenheit überkam ihn.

Er hatte sie genau dort, wo er sie haben wollte.

Schnell ließ er den Motor an und fädelte den Sportwagen in den fließenden Verkehr ein.

„Willst du mir wirklich helfen?“, fragte sie. Ihre Stimme klang so sexy, wie er sie in Erinnerung hatte.

„Warum wäre ich wohl sonst hier?“

Am Samstagabend war er noch fest entschlossen gewesen, sie die Suppe allein auslöffeln zu lassen und sich auf sein eigenes Leben zu konzentrieren.

Er hatte Jessica nach Hause gebracht und war in sein eigenes Haus zurückgekehrt, wo er, wie jede Nacht seit der Trennung von Charley, allein ins Bett gegangen war.

Aber dann hatte er nicht schlafen können, sondern an die Nächte gedacht, in denen seine Frau und er sich stundenlang geliebt hatten. Er erinnerte sich an jede Kurve ihres Körpers, an die Zartheit ihrer Haut, an ihren Duft nach dem Sex … und zum ersten Mal seit zwei Jahren war seine Libido erwacht.

Bei Sonnenaufgang hatte er immer noch wachgelegen und an sie gedacht.

Obwohl Sonntag war, hatte er seine Beziehungen spielen lassen und in Erfahrung gebracht, wie es um die Finanzierung von Charleys Projekt bestellt war.

Charley besaß gerade so viel Eigenkapital, um die Hälfte der Anschaffungskosten für das Haus zu bezahlen. Raul fragte sich, was sie mit den zehn Millionen gemacht hatte, die er ihr nach der Trennung überwiesen hatte.

Bei den Investoren hatte sie sich jegliches Vertrauen verspielt. Die Bank wollte ihr nur ein Darlehen gewähren, wenn Raul als Bürge für sie eintrat.

Er war der Einzige, der das Projekt retten konnte.

Und er würde sie einen hohen Preis dafür zahlen lassen.

„Willst du mir das Geld nun doch leihen?“

„Viel besser – ich werde es dir schenken.“

Sie ließ die Worte einen Moment lang sacken, bevor sie ihm einen Seitenblick zuwarf.

„Ich nehme an, die Sache hat einen Haken“, sagte sie.

„Im Leben ist nichts umsonst, Cariño.“ Er merkte, wie sie bei dem alten Kosenamen erstarrte. Gut. Wenn der Tag zu Ende ging, würde sie bestimmt nicht mehr neben ihm erstarren. Spätestens bei Sonnenuntergang würde sie in seinem Bett liegen und sich lustvoll unter ihm winden.

Seine fast zwei Jahre währende Enthaltsamkeit war keine bewusste Entscheidung gewesen. Erst, als er vorgestern Nacht wachgelegen hatte, war ihm aufgegangen, warum er sich keine neue Bettgefährtin gesucht hatte.

Wie hätte er mit einer anderen Frau zusammen sein können, wenn sich jede Faser seines Körpers noch immer nach Charley verzehrte?

Charley war nicht nur in die Party geplatzt, sie hatte sich wieder in seinem Körper ausgebreitet. Und er hatte eine Idee, wie er sie sich ein für alle Mal austreiben konnte.

„Wo ist der Haken?“

„Wir reden darüber, sobald wir zu Hause sind.“

„Du bringst mich nach Barcelona?“

„Ja. Und dort werden wir uns wie zivilisierte Menschen beim Mittagessen über die einzelnen Punkte unserer Abmachung unterhalten. Ich verrate dir nur so viel: Falls du dich auf meine Bedingungen einlässt, ist das Haus, das du dir ausgesucht hast, so gut wie gekauft.“

Charley biss sich auf die Unterlippe.

„Willst du mir nicht wenigstens verraten, warum du deine Meinung geändert hast?“

„Wir reden darüber, sobald wir zu Hause sind.“

Sie hätte gern so lange weitergebohrt, bis er ihr eine Antwort gegeben hätte, aber dann zwang sie sich zur Vernunft. Immerhin behandelte er sie jetzt einigermaßen freundschaftlich und ließ sie nicht mehr seine Verachtung spüren, wie er es auf der Party getan hatte. Er hatte gesagt, dass er ihr helfen wolle, und sie wusste, auf sein Wort war Verlass. Das war alles, was im Augenblick zählte. Wenn sie ihn durch weitere Fragen gegen sich aufbrachte, würde sie nichts erreichen.

Zum Wohl der Kinder würde sie seine Gegenwart ertragen.

Allerdings ließ sich die Reaktion ihres Körper mit dem Wort ertragen nicht unbedingt beschreiben. Mit Raul auf so engem Raum allein zu sein, ließ ihren Puls rasen und ihre Haut kribbeln.

Für einen kurzen Moment dachte sie an die Zeit zurück, als sie sich nächtelang geliebt hatten.

Damals waren sie glücklich gewesen. Charley war es wenigstens gewesen.

Schnell verdrängte sie die Erinnerung und konzentrierte sich stattdessen auf die Straße.

Ein paar Minuten später hatten sie den Landeplatz von Rauls privatem Helikopter erreicht. Der Pilot wartete bereits, um sie nach Barcelona zu fliegen.

Eingeschüchtert blickte Charley zum Haus von Raul hoch.

„Wann bist du hier eingezogen?“, fragte sie.

„Vor einem Jahr.“

Im Gegensatz zur alten Villa, die an einem kleinen Privatstrand gelegen hatte, befand sich das neue Haus in einer exklusiven Wohngegend. Es war von hohen Sicherheitszäunen und Palmen umgeben, hatte drei Stockwerke und Türmchen an jeder Ecke des Dachs. Es war Cremeweiß getüncht, und die roten Terrakottaziegel auf dem Dach hoben sich geschmackvoll davon ab.

Eine innere Stimme warnte Charley, dass sie geradewegs in eine Falle lief. Aber sie würde sich nicht einschüchtern lassen, sondern seinen Vorschlag abwarten und entsprechend reagieren. Sie durfte nur an das Wohl der Kinder denken.

Das Innere des Hauses unterschied sich ebenfalls stark von ihrem damaligen Zuhause. Im Gegensatz zu der modernen Strandvilla atmete dieses Haus mit den im spanischen Stil gefliesten Fußböden und den bemalten Gewölbedecken einen Hauch von Geschichte.

Nachdem Raul sich fast zwei Jahre lang nicht bei ihr gemeldet hatte, hatte sie schon vermutet, er habe sich im Leben neu orientiert. Und das Haus war der endgültige Beweis dafür.

Sie schluckte den bitteren Geschmack herunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. „Wo sind die Angestellten?“ An einem Montagmorgen musste hier eigentlich geschäftiges Treiben herrschen.

„Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich den Tag freinehmen.“ In Rauls Augen lag ein Glanz, den sie sich nicht erklären konnte. „Ich hielt es für das Beste, wenn wir allein sind.“

Sie spürte ein Ziehen im Unterleib.

Wieso reagierte sie auf ihn, als hätte es die letzten beiden Jahre nie gegeben?

Sie rieb sich die Arme. Ihr Misstrauen wuchs mit jeder Sekunde. „Wie sehen die Bedingungen aus, über die du mit mir reden willst? Nur, dass du es weißt: Ich arbeite morgen früh in der Tagesstätte und darf heute nicht zu spät nach Valencia zurückkommen.“

„Wir reden beim Mittagessen.“

Sie folgte ihm ins Esszimmer mit den großen Fenstern, von denen man einen herrlichen Blick auf den Garten hatte. Die Sonne stand hoch am Himmel und warf ihr strahlendes Licht auf den gepflegten Rasen und die vielen bunten Blumen.

Am langen Holztisch war für zwei gedeckt worden. Raul bot ihr einen Stuhl an. „Die Köchin hat was für uns vorbereitet. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Zu Hause? Bei dem Gedanken schluckte sie. Dies würde nie ihr Zuhause sein. In wenigen Wochen wäre ihre Scheidung rechtskräftig.

Gedankenverloren strich sie mit dem Finger über das teure Silberbesteck.

Gleich würde er ihr seine wahren Motive enthüllen. Sie bezweifelte, dass es tatsächlich nur um Geld ging. Im Gegensatz zu ihr machte ihr Mann alles, was er anfasste, zu Gold. Obwohl er bereits Multimillionär gewesen war, hatte er die von ihm gegründete Technologie-Firma verkauft, nachdem sein Vater den Schlaganfall gehabt hatte und er die Leitung der Luxushotelkette übernehmen musste. Mit dem Verkauf der Firma war sein Vermögen laut Presseberichten auf zweieinhalb Billionen Euro angewachsen.

Ihr Mann besaß mehr Geld als so manches Land der Welt.

Wenn sie den Rat ihrer Anwältin befolgt hätte, hätte sie sich mit der Scheidung eine dicke Scheibe von seinem Vermögen abschneiden können. Sie hätte viel mehr fordern können als die zehn Millionen, die er ohne ihr Wissen auf ihr Konto überwiesen hatte. Aber sie hatte noch nicht einmal dieses Geld antasten wollen und sich auch monatelang an den Vorsatz gehalten. Es war Rauls Geld, nicht ihres. Sie hatte nichts dafür geleistet, warum sollte sie einen Anspruch darauf haben?

Er kam ins Esszimmer zurück und brachte ein Tablett mit Tapas: eingelegtes Gemüse, geröstete Peperoni, sonnengetrocknete Tomaten, Oliven, Käse, Chorizo und knusperiges Brot – alles, was sie gern aß. Und das war sicherlich erst die Vorspeise …

Er goss zwei Gläser Rotwein ein, bevor er ihr mit einem Glas zuprostete und es in einem Zug halb leer trank. Dann setzte er sich auf den Stuhl neben ihr.

Charley hielt es keine Sekunde länger aus. „Das sieht alles köstlich aus, aber solange du mir nicht deine Bedingungen nennst, bekomme ich keinen Bissen runter.“

Raul tat sich in aller Seelenruhe von allem etwas auf den Teller, dann biss er vom Brot ab und kaute langsam. Nach einem weiteren Schluck Rotwein antwortete er endlich. „Ich bin bereit, dir so viel Geld zu geben, wie du für den Kauf des Hauses und die Umbauarbeiten benötigst.“

Sie runzelte misstrauisch die Stirn.

„Wie lange wirst du für die Umbauarbeiten und den Umzug brauchen?“, fragte er.

„Mehr als vier Monate dürfen es nicht werden. Die neuen Mieter von unserem jetzigen Haus haben uns eine Frist von sechs Monaten gesetzt, und zwei sind schon um.“

„Also vier Monate für Umbau und Umzug?“

„Ja, ich weiß, das klingt lang. Aber wir müssen auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Einige Wände müssen herausgerissen werden, die Türen verbreitert …“

Raul machte eine wegwerfende Handbewegung. „Darüber können wir reden, nachdem wir unsere Abmachung getroffen haben.“

„Was für eine Abmachung?“, fragte sie verwirrt. „Unsere Kindertagesstätte bekommt jeden Monat ausreichend finanzielle Unterstützung, sodass wir das Darlehen relativ bald zurückzahlen können.“

Er verzog den Mund zu einem Haifischgrinsen. „Wie ich schon sagte, ich will dir kein Darlehen geben. Bei dir weiß man ja nie, ob man es wirklich zurückbekommt.“

Sein spöttischer Tonfall trieb ihr die Zornesröte ins Gesicht. „Ich habe dir doch gesagt …“

„Du hast den Geschäftssinn eines Kindes. Ich traue deinen Zahlen nicht. Genauso wenig wie deinem Urteilsvermögen.“

„Mein Urteilsvermögen muss mich im Stich gelassen haben, als ich dich geheiratet habe.“

Sobald sie es gesagt hatte, bereute sie ihre Worte.

Raul grinste noch immer, aber in seinen Augen glitzerte es eisig. „Das tut mir leid für dich – auch wenn ich sagen muss, dass ich deine Meinung nicht teile.“

Sie starrte ihn an.

„Als ich sagte, ich will dir das Geld schenken, meinte ich das nicht wortwörtlich. Ich erwarte eine Form der Rückzahlung, allerdings denke ich dabei nicht an Geld.“

Sie hatte mit ihrer Vermutung, an der Sache müsse ein Haken sein, also richtig gelegen.

„Meine Bedingungen, damit ich dir das Geld gebe und dir bei dem Projekt mit Rat und Tat zur Seite stehe, sind recht bescheiden. Ich möchte, dass du, bis der Umzug abgeschlossen ist, mit mir das Bett teilst und wieder als meine Frau mit mir zusammenlebst.“

3. KAPITEL

Die Farbe wich so schnell aus Charleys Wangen, dass Raul kurz Angst hatte, sie würde ohnmächtig werden.

Dann schoss ihr das Blut in den Kopf zurück, und auf ihren Wangen bildeten sich wütende Flecken.

„Was soll das heißen: als deine Frau? Die Scheidung ist bald durch.“

„Wir können sie aufschieben.“ Er trank sein Glas in einem Zug leer. „Wenn du von mir Geld für das neue Haus willst, dann ist das meine Bedingung.“

„Aber warum verlangst du ausgerechnet das von mir? Bis letzten Samstag hatten wir fast zwei Jahre lang nicht mehr miteinander geredet. Unsere Ehe ist aus und vorbei.“

„Die Scheidung ist noch nicht rechtskräftig.“ Er schob sich eine schwarze Olive in den Mund. „Wir legen sie auf Eis, bis die neue Tagesstätte fertig ist.“

„Aber warum müssen wir dafür so tun, als wären wir wieder zusammen?“

„Wir werden nicht nur so tun. Aber, zu deiner Frage – ich werde eine beträchtliche Summe für dein Projekt spenden und ich will sichergehen, dass du es auch bis zum Ende durchziehst und nicht mittendrin aufgibst.“

„Das werde ich ganz bestimmt nicht.“

„Während unserer Ehe hast du etliche Geschäftsideen verwirklichen wollen und bist jedes Mal kläglich gescheitert, weil du nicht auf meinen Rat hören wolltest. Bei diesem Projekt werde ich nicht nur als Geldgeber fungieren, sondern alles selbst kontrollieren.“

Bei der Anspielung auf ihre Misserfolge zuckte sie zusammen. „Du hast nicht die geringste Ahnung, was für die Tagesstätte alles berücksichtigt werden muss und welche Umbauarbeiten nötig sind.“

„Du wirst mir als Assistentin zur Seite stehen. Sieh es doch mal als Chance. Du hast vier Monate Zeit, um zu lernen, wie man ein Geschäft richtig führt. Und falls du versagst“, fuhr er fort, „leidet nicht mein Konto darunter, sondern die Kinder und ihre Familien, denen du leere Versprechen gemacht hast.“

Sie zuckte kaum merklich zusammen.

Aber Mitgefühl durfte sie von ihm nicht erwarten.

Charley liebte Kinder. Das hatte er sofort erkannt. Sie waren sich einig gewesen, dass sie eine Familie gründen wollten. Und er hatte ihre Bitte, erst ein paar Jahre zu warten, bis sie sich etwas Eigenes aufgebaut hatte, lange Zeit akzeptiert.

Er hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

Zum Dank hatte sie ihm das verweigert, was er sich am meisten gewünscht hatte: ein Kind.

Zusammen hätten sie die perfekte Familie gründen können.

Immer wieder hatte er sich ihr ungeborenes Kind vorgestellt. Er hatte sich fest vorgenommen, ihm ein besserer Vater zu sein als sein eigener es gewesen war. Nie würde er seinem Kind vermitteln, dass es nichts wert sei. Er wollte die Erfolge seiner Kinder feiern, ihnen jeden Fehler verzeihen und ihre Meinung akzeptieren. Er wollte seinem Vater zeigen, was es hieß, ein richtiger Vater zu sein.

„Wenn du unbedingt die Kontrolle übernehmen willst, schön“, sagte Charley mit zitternder Stimme. „Führ dich mal wieder als Alphamännchen auf. Solange die Tagesstätte in vier Monaten wiedereröffnet wird, ist mir alles andere egal. Aber es gibt keinen Grund, warum wir so tun sollten, als wären wir wieder zusammen.“

Er ballte die Hände zu Fäusten. Auf keinen Fall durfte er ihr zeigen, wie wütend ihre Worte ihn machten. Sie tat ja so, als wäre er ein Tyrann. Sicherlich wollte sie ihn damit nur ärgern. Aber er durfte sich nicht zu einer unüberlegten Äußerung hinreißen lassen, sondern musste cool bleiben.

„Ich verstehe nicht, was dein Problem ist“, sagte er ruhig. „Als du dir einen Vorteil davon versprochen hast, hattest du keine Hemmungen, dem Bankdirektor vorzulügen, wir wären wieder zusammen. Von dieser Vereinbarung verspreche ich mir einen Vorteil, und ich muss dafür nicht zu einer Lüge greifen. Vier Monate lang wirst du als meine Frau mit mir zusammenleben. Danach kannst du tun und lassen, was du willst. Dieses Mal werde ich bestimmen, wann unsere Ehe zu Ende ist.“

Die Vorstellung verschaffte ihm jetzt schon enorme Befriedigung. Und wenn er erst einmal daran dachte, dass seine Frau schon bald wieder in seinem Bett liegen würde …

Wenn sie Sex gehabt hatten, war das jedes Mal eine unglaubliche Erfahrung gewesen. Ob hart und schnell oder süß und langsam, ihre Lust aufeinander hatte keine Grenzen gekannt.

„Das ist doch dein verletzter Stolz, der da spricht. Weil ich die Frechheit besessen habe, dich zu verlassen, willst du mich jetzt demütigen, stimmt’s?“

„Überhaupt nicht“, gab er betont gelassen zurück. „Du willst meine Hilfe, dafür erwarte ich eine Gegenleistung – da du kein Geld hast, wirst du eben mit deinem Körper bezahlen.“

Blitzschnell schob sie den Stuhl zurück und sprang auf. „Du verlangst von mir, dass ich mich prostituiere?!“

„Ich verlange nur, dass du, meine rechtmäßige Frau, für eine festgelegte Zeitdauer in unser Ehebett zurückkehrst. Und in dieser Zeit erwarte ich, dass du dich mir, wo ich will und wann ich will, hingibst.“

Bei dem Gedanken, dass sie alles tun musste, was ihm gefiel, zogen sich seine Lenden vor Lust zusammen. Er hatte all die Jahre im Bett alles gegeben, um ihr Lust zu verschaffen … Nun drehte er den Spieß um und forderte von ihr, dass sie sich ihm unterwarf.

Ja, vier Monate sollten ausreichen. Während ihrer Ehe waren sie oft getrennt gewesen, und mit der Entfernung war die Lust aufeinander noch gewachsen. Dieses Mal würde er sie nicht von seiner Seite weichen lassen und sie nehmen, wann immer ihm danach war. Das sollte sein Verlangen nach ihr ein für alle Mal stillen. Danach würde er sein Leben fortsetzen und nie mehr zurückschauen. Er würde sie verlassen, so wie sie ihn verlassen hatte.

Charley bekam weiche Knie.

„In all den Jahren habe ich dich nie gehasst.“ Ihre Stimme zitterte, dennoch zwang sie sich, ihm in die Augen zu sehen. „Aber im Moment hasse ich dich so sehr, wie ich nicht geglaubt habe, jemanden hassen zu können.“

Er stand auf und lächelte sie aus kalten Augen an. „Dein Hass interessiert mich genauso wenig wie deine Liebe.“ Er streckte eine Hand aus, schob sie unter den geöffneten Kragen ihrer Bluse und legte sie ihr aufs Schlüsselbein.

Die unerwartete Berührung traf sie wie ein Stromschlag. Sie hielt den Atem an. Raul bemerkte bestimmt, wie schnell ihr Herz schlug.

Es war so viel Zeit vergangen, seit er sie zum letzten Mal berührt hatte.

„Ich bin bereit, dir zu geben, was du willst“, flüsterte er mit rauchiger Stimme. „Bist du bereit, mir zu geben, was ich will? Denn, seien wir ehrlich, das ist das Einzige, worin du wirklich gut bist.“

Wenn sein Daumen nicht im selben Moment die empfindliche Stelle an ihrem Hals berührt hätte, die immer ein verlangendes Kribbeln in ihrem ganzen Körper auslöste, hätte Charley vermutlich schneller auf seine Worte reagiert. So brauchte sie dafür etwas länger, aber als sie begriffen hatte, was er gerade gesagt hatte, schob sie seine Hand energisch weg.

„Wie kannst du es wagen, mich als Sexspielzeug zu betrachten?“

Das Eis in seinen Augen verwandelte sich in ein Glühen. Er trat noch einen Schritt näher, sodass sie zwischen ihm und dem Esstisch gefangen war. „Früher hattest du kein Problem damit, mein Sexspielzeug zu sein.“

Als sie seine Nähe spürte, strömte Hitze durch ihre Adern und die Erinnerungen, die sie sechshundertfünfunddreißig Tage lang zu unterdrücken versucht hatte, kehrten schlagartig zurück.

Seit dem ersten Wiedersehen vor zwei Tagen hatte sie sich nach ihm gesehnt.

Er war ganz anders als die Männer, die sie vor ihm gekannt hatte. Wahnsinnig attraktiv, unglaublich reich … alles, wovon eine junge Frau von zwanzig Jahren nur träumen konnte. War es da ein Wunder, dass er ihr Herz im Sturm erobert hatte?

Und dann erst der Sex … Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie zu solcher Lust fähig war. Und ausgerechnet in diesem Moment, in dem sie unbedingt einen kühlen Kopf bewahren musste, flammte die Lust erneut in ihr auf.

Damals hatte sie Lust mit Liebe verwechselt. Statt es bei einer kurzen, stürmischen Affäre zu belassen, hatte sie ihn geheiratet. Und die Ehe hatte ihr nur Kummer bereitet.

Sosehr sie sich auch bemüht hatte – in seine Welt hatte sie einfach nicht gehört. Chaley stammte aus einfachen Verhältnissen, und ihre Familie war zerrüttet. Raul war in einer reichen, angesehenen Familie aufgewachsen und strotzte vor Selbstbewusstsein.

Sie waren so verschieden wie Feuer und Wasser. Und doch hatte ihr Verlangen nacheinander keine Grenzen gekannt.

„Ja, aber damals habe ich dich geliebt“, sagte sie heiser. Tatsächlich war aus ihrer Lust Liebe geworden, eine so große Liebe, wie sie es niemals erwartet hätte.

Jetzt hatte sich die Liebe in Hass verkehrt. Aber die Lust war noch immer da. „Wenn du jemals etwas für mich empfunden hättest, würdest du mich jetzt nicht um so etwas … Abscheuliches bitten.“

„Oh, ich empfinde immer noch sehr viel für dich.“ Er hob eine Hand und strich ihr mit den Fingern über den Nacken, während er die Hüften an sie presste.

Als sie spürte, wie hart er war, konnte sie nur mit Mühe ein Stöhnen zurückhalten.

„Du kannst mich nicht dazu zwingen.“ Ihre Stimme hatte fest klingen sollen, aber dann kam lediglich ein Flüstern heraus. Sein männlicher Duft, der ihr so vertraut war, stieg ihr mit jedem Atemzug zu Kopf.

Er lachte leise an ihrem Ohr und ließ die Hände an ihrem Körper herunterwandern. „Ich muss dich ja gar nicht zwingen.“

Wie zum Beweis umfasste er eine ihrer Brüste und strich mit dem Daumen über die Knospe, die von innen hart gegen den BH drängte. Hitze sammelte sich zwischen Charleys Beinen, und sie presste die Schenkel fest zusammen.

Sie versuchte, sich von ihm loszumachen, aber er hielt sie fest.

„Du merkst es doch selbst“, sagte er, während er ihre Hände nahm und auf den Tisch zog. „Du kannst es so lange abstreiten, wie du willst, aber unser Verlangen nacheinander ist so stark wie eh und je. Wenn ich dich darum bitte, dich mir hinzugeben, sagt dein Verstand vielleicht Nein, aber dein Körper wird darum betteln.“

Sie wusste, dass er recht hatte, und das beschämte sie noch mehr. Wahrscheinlich hatte er nur das bezwecken wollen. Als sie ihn verlassen hatte, hatte das seinen Stolz verletzt. Jetzt wollte er sie dafür bezahlen lassen.

Und das Schlimmste war, ihr Körper wollte diesen Preis nur zu gern zahlen.

„Ich hasse dich.“

„Ich weiß.“ Er senkte den Kopf und knabberte ihr am Ohrläppchen. „Stell dir nur vor, wie heiß es erst sein wird, wenn du mit diesem Hass deine Lust befeuerst.“

Seine Berührung und sein Atem auf ihrer Haut erweckten jede Faser ihres Körpers zum Leben.

Zwei Jahre ohne ihn …

Irgendwie schaffte sie es, die Hände aus seinem Griff zu befreien. Eigentlich wollte Charley sie gegen ihn einsetzen. Stattdessen machten sich ihre Hände selbstständig und schlossen sich um seinen Nacken, um seinen Kopf zu sich zu ziehen, wo ihre Lippen sehnsüchtig auf den Kuss warteten. Ihre Instinkte siegten über ihren Verstand und wollten sich holen, wonach ihr Körper sich sehnte.

Ihre Lippen, ihre Zungen fanden einander zu einem gierigen Kuss. Sein Geschmack erfüllte sie, sein warmer Atem mischte sich mit ihrem eigenen und sandte ein noch heißeres Verlangen durch ihre Adern. Jeder Teil ihres Körpers sehnte sich nach seinem Kuss, seiner Berührung …

Er griff ihr mit einer Hand unter den Rock und ließ sie den Schenkel hinaufgleiten. Unterdessen küsste er Charley gierig weiter, und seine Zunge spielte mit ihrer. Endlich fand er den Saum ihres Slips und schob die Hand darunter, um die feuchte Hitze zu spüren.

Als er die geschwollene, vor Verlangen schmerzende Lustknospe fand, stöhnte Charley laut auf.

Gleich im nächsten Moment zog er die Hand so schnell wieder zurück, dass ihre Beine wohl versagt hätten, wäre sie nicht an den Tisch gestützt gewesen.

Raul nickte in Richtung Fenster. „Der Gärtner“, sagte er knapp.

Draußen war ein Geräusch zu hören, und Charley erkannte hinter dem Fenster eine Gestalt auf einem Aufsitzrasenmäher. Der Mann war nur wenige Meter von ihnen entfernt.

Schlagartig setzte ihr Verstand wieder ein.

Was war bloß in sie gefahren?

Sie strich den Rock glatt und richtete sich auf.

Ein spöttisches Grinsen umspielte seine Lippen. „Siehst du, Cariño? Wusste ich’s doch. Hass kann Lust herrlich befeuern.“

Sie wischte sich trotzig über den Mund. Weil sie ihn zuerst geküsst hatte, hasste sie sich selbst fast so sehr, wie sie ihn für seinen spöttischen Tonfall und die Macht, die er über sie besaß, hasste.

„Das wird nie wieder vorkommen“, versprach sie.

„Meinst du nicht, du hast langsam genug Lügen erzählt?“

Raul setzte sich an den Tisch und angelte sich ein Stück Brot, in der Hoffnung, der Aufruhr in seinem Inneren würde sich bald wieder legen.

Wie hatten ihm die Dinge nur so schnell entgleiten können?

Er hatte sie ärgern und ihr beweisen wollen, wer hier das Sagen hatte.

Aber dann hatte sie ihn zuerst geküsst.

Sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen, und das Verlangen nach ihr hatte jeden klaren Gedanken zunichtegemacht.

Zwischen ihnen hatte immer eine explosive Chemie geherrscht, aber was gerade eben geschehen war …

Er war kurz davor gewesen, Charley auf dem Tisch zu nehmen.

Im letzten Moment war ihm eingefallen, dass er zwar den Angestellten im Haus freigegeben hatte, aber den wöchentlichen Termin des Gärtners völlig vergessen hatte.

Charley stand noch immer am Tisch und funkelte ihn aus grünen Augen hasserfüllt an.

„Gilt die Abmachung also?“ Erleichtert stellte er fest, dass seine Stimme wieder ganz normal klang. „Du bekommst deine Kindertagesstätte und verbringst im Gegenzug vier Monate in meinem Bett, in Ordnung?“

Vier Monate. Das durfte reichen, sie danach ein für alle Mal zu vergessen.

Wenn er ein neues Leben führen wollte, musste er aufhören, ständig daran zu denken, wie großartig es war, mit ihr zu schlafen.

Sie hob das Kinn. „Ja. Ich gehe auf deine Bedingungen ein, aber ich stelle eine Forderung: Erst wenn ich den Kaufvertrag für das Haus in den Händen halte, werde ich mir mit dir das Bett teilen.“

„Das Haus wird Ende der Woche unter dem Namen Cazorla eingetragen sein.“

„Dann wirst du bis dahin warten müssen, bevor du mich wieder berühren darfst.“

„Du bist nicht in der Lage, hier Forderungen zu stellen.“

„Und ob.“ Sie schluckte, hielt dabei aber den Blick starr auf ihn gerichtet. „Wenn dir die vier Tage zu lang werden, kannst du jederzeit zu deiner Freundin gehen.“

„Das ist vorbei“, sagte er knapp. Charley musste nicht wissen, dass zwischen Jessica und ihm nie etwas gelaufen war.

Der Anflug eines Lächelns huschte ihr über die Lippen, doch im nächsten Moment funkelte sie ihn wieder hasserfüllt an.

Noch vier Tage?

Er musste bestimmt nicht viel tun, damit sie ihre Meinung änderte. Aber in den vier Tagen hätten sich seine und ihre Lust wahrscheinlich bis zur Raserei gesteigert.

Er kannte die starke Sinnlichkeit, die in dieser Frau schlummerte. Und die Chemie zwischen ihnen war ungebrochen stark – wenn nicht sogar stärker als je zuvor.

Wenn sie vier Tage unter einem Dach verbrachten, würde Charley ihn bestimmt anflehen, endlich mit ihr zu schlafen.

Er hatte es fast zwei Jahre ohne sie ausgehalten. Da würde er auch noch vier weitere Tage ertragen.

„Wann bist du mit der Arbeit fertig?“, fragte Raul, als er den Maserati vor dem Gebäude parkte, in dem Poco Rio noch untergebracht war.

„Um fünf“, gab sie zurück. „Ich rufe dich an, falls es länger dauert.“

„Ich werde hier um fünf auf dich warten, und du kommst pünktlich.“

Statt einer Antwort zuckte sie die Schultern, stieg aus und knallte die Autotür zu.

Raul hasste es, wenn sie seinen Wagen so unsanft behandelte.

Als sie einander kennengelernt hatten, hatte sie zwar gewusst, dass man Bitte und Danke sagt, aber ansonsten keine Ahnung von guten Umgangsformen gehabt. Ihre Mutter war mit ihren beiden Jobs zu beschäftigt gewesen, um der Tochter Benehmen beizubringen, und ihr Vater war sowieso nur zu ihnen gekommen, wenn ihm der Sinn danach stand. Und das war nicht besonders häufig gewesen. Trotzdem hatte Charley nur auf diese Tage hingelebt.

Als Kind hatten ihre Mahlzeiten zu Hause darin bestanden, dass sie mit ihrer erschöpften Mutter vor dem Fernseher saß, beide ein Tablett mit irgendeinem aufgewärmten Essen auf den Knien.

In der Familie von Raul hatte man auf Tischsitten viel Wert gelegt. Zu jedem Gang hatte es eine neue Sorte Wein und anderes Besteck gegeben. Für Charley war es eine fremde Welt gewesen. Vor der Hochzeit hatte Raul einen Benimmlehrer eingestellt, der ihr zeigte, wie man sich in der spanischen Gesellschaft bewegte. Zuerst hatte ihr der Unterricht großen Spaß gemacht, aber dann …

Sie hatte etwas Zeit gebraucht, bis ihr klar geworden war, dass Raul sie zurechtbiegen wollte, damit sie dem Namen Cazorla keine Schande machte.

Raul hatte aus ihr die perfekte Frau machen wollen, die er sich an seiner Seite wünschte.

Vielleicht hatte sie ihn in den sechshundertsechsunddreißig Tagen schrecklich vermisst, aber immerhin hatte sie wieder sie selbst sein dürfen.

Nachdem sie ihn verlassen hatte, war sie sich wie von einer Zentnerlast befreit vorgekommen. Sie musste nicht mehr so tun, als wäre sie jemand anderes, und musste sich auch nicht mehr als Charlotte vorstellen. Das war zwar der Name, der in ihrer Geburtsurkunde stand, aber gepasst hatte er noch nie zu ihr. Sie war Charley. Aber Raul hatte sie mit diesem Namen kein einziges Mal angesprochen.

Was auch immer in den nächsten vier Monaten geschehen würde, sie wollte sich auf gar keinen Fall wieder selbst aus den Augen verlieren.

Charley trat ins Haus, wo die kleine Karin schon auf sie wartete. Karin hatte als Kind einen Autounfall überlebt, bei dem ihr Vater gestorben war. Allerdings hatte sie schwere Hirnverletzungen erlitten und lebte seitdem in ihrer eigenen kleinen Welt. Doch zu Charley hatte sie eine besondere Zuneigung gefasst, und sie schien es irgendwie zu spüren, wenn Charley einen Arbeitstag in der Kindertagesstätte hatte.

Charley zog das Mädchen in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann stand sie auf und nahm die Hand des Mädchens. Karin würde ihr den ganzen Tag über auf Schritt und Tritt folgen, und ihre Liebe wärmte Charley das Herz.

Als sie in den Aufenthaltsraum traten, spürte Charley einen Kloß im Hals. Die zwölf Kinder, die allesamt mit mehr oder minder schweren Behinderungen zu kämpfen hatten, waren das, wofür sie jederzeit zu kämpfen bereit war. Daran musste sie sich in den nächsten vier Monaten festhalten.

Für diese Kinder würde sie alles tun und es sogar ertragen, wieder mit ihrem verhassten Mann zusammenzuleben.

4. KAPITEL

Raul saß im Maserati und starrte missmutig auf sein Handy. Es war halb sechs, und Charley war immer noch nicht da. Und seine Anrufe nahm sie auch nicht entgegen.

Er schaute zum Haus und fragte sich zum wiederholten Mal, ob er sich die Blöße geben und hineingehen sollte. Für ihn sah das Haus nicht gerade einladend aus. Der einzige Farbfleck auf dem grauen Beton war das Schild mit dem Namen Poco Rio. Kleiner Fluss. Welche Eltern schickten ihr Kind tagsüber gern dorthin?

Seine Gedanken wanderten zu dem Sanatorium, wo sein Vater die ersten Wochen nach dem Schlaganfall verbracht hatte, während seine Mutter das Elternhaus rollstuhlgerecht hatte umbauen lassen. Das Sanatorium war in einer herrlichen Villa untergebracht gewesen, inmitten von üppigen, sonnendurchfluteten Gärten.

Doch das Sanatorium hätte so prachtvoll sein können wie das erste Cazorla-Hotel, das Rauls Großvater erbaut hatte, und trotzdem hätte sein Vater sich dort nicht wohlgefühlt. Doch der Schlaganfall hatte ihn so geschwächt, dass er nicht mehr sprechen und seinen Unmut äußern konnte.

Sein Vater war schuld daran gewesen, dass die ehemals führende Hotelkette wirtschaftlich stark angeschlagen gewesen war. Denn statt in die Firma zu investieren, hatte er lieber dafür gesorgt, dass die Familie in Saus und Braus leben konnte.

Raul erinnerte sich noch gut an jenen Tag vor vielen Jahren, als er sich mit seinem Vater zusammengesetzt hatte, um über Möglichkeiten zu reden, wie der Verfall der Hotelkette gestoppt werden konnte. Raul hatte damals gerade sein Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen und geglaubt, endlich die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen. Doch dieser hatte über seine Vorschläge nur höhnisch gelacht.

Und nachdem Raul dreiundzwanzig Jahre lang nichts als Kritik von seinem Vater hatte einstecken müssen, war ihm innerlich der Kragen geplatzt. Ohne sich seine Wut anmerken zu lassen, hatte er das Büro seines Vaters verlassen und war ins Haus der Familie zurückgefahren. Dort hatte er seine Koffer gepackt, war in eine kleine Wohnung gezogen und hatte das Geld, das er von seinem Großvater geerbt hatte, in die aufstrebende Technologiefirma eines Freundes gesteckt. Nach nur drei Monaten hatte er seine Investition plus Zinsen wieder hereingeholt und sofort in die nächste Firma gesteckt.

Sein ganzes Leben lang hatte er versucht, der perfekte Sohn für seinen Vater zu sein. Nun wollte er endlich er selbst sein. Und das hieß für ihn in erster Linie, niemals so zu werden wie sein Vater.

Raul hatte sich aus eigener Kraft zum Multimillionär hochgearbeitet. Seine Familie allerdings hatte nie ein Wort über seine Leistung verloren oder verlauten lassen, was sie von seinem Ausstieg aus dem Familienbetrieb hielt. Auch seine Mutter, die aus einer angesehenen spanischen Familie stammte, hatte mit ihm nie darüber gesprochen. Solange Raul den pflichtbewussten Sohn spielte und bei wichtigen Anlässen anwesend war, reichte ihr das.

Ein blauer Minibus fuhr in die Einfahrt und riss Raul aus seinen Gedanken. Die Fahrertür ging auf, und Charley stieg aus.

Ohne zu lächeln gab sie ihm ein Handzeichen, dass sie noch fünf Minuten brauchen würde.

Raul stieß die Tür von seinem Sportwagen auf. „Wir müssen sofort los. Du bist sowieso schon viel zu spät dran.“

„Ich habe dich vorgewarnt“, sagte sie und zuckte die Schultern. „Ich muss kurz rein und die Autoschlüssel abgeben.“

Sie lief ins Haus, und sein Blick fiel auf ihre Jeans.

Das war nun wirklich neu. Während ihrer Ehe hatte er seine Frau nie in Jeans gesehen.

Als er ihr am Abend zuvor gesagt hatte, er würde sie am nächsten Morgen in aller Früh nach Valencia zurückbringen, hatte sie darauf bestanden, in einem Shoppingcenter ein paar Sachen einzukaufen. „Ich kann schlecht im Chanel-Kostüm zur Arbeit gehen“, hatte sie ihm erklärt.

Sobald sie wieder in seinem Haus angekommen waren, war Charley in ihrem Zimmer verschwunden und erst am frühen Morgen wieder zum Vorschein gekommen.

Kurz war er versucht gewesen, ihre Tür einzutreten, aber im nächsten Moment hatte er seine Gefühle wieder unter Kontrolle gehabt. Er musste unbedingt einen kühlen Kopf bewahren.

Am Freitag würde sie in seinem Bett liegen. Falls sie sich dann noch weigern würde, musste sie mit Konsequenzen rechnen. Er würde ihr den Geldhahn zudrehen, und die Tagesstätte konnte sie ein für alle Mal vergessen.

Fünf Minuten später trat Charley aus dem Gebäude. Sie stieg in den Maserati und knallte die Tür hinter sich zu.

Raul stellte den Motor an, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Einfahrt.

„Warum bist du diesen Bus gefahren?“

„Ich habe ein paar Kinder nach Hause gebracht.“

„Seit wann hast du einen Führerschein?“

„Seit einem Jahr“, erwiderte sie knapp.

Während der Ehe hatte sie sich geweigert, in Spanien den Führerschein zu machen.

„Für den Job musste ich fahren lernen“, erklärte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Wir wechseln uns mit dem Abholen und Zurückbringen der Kinder ab.“

„Ich nehme an, den Taxidienst lasst ihr euch extra vergüten?“, sagte er.

Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Natürlich nicht.“

„Das wird sich in Zukunft ändern“, sagte er bestimmt.

Charley atmete tief ein und verkniff sich eine Bemerkung.

Dass es ihrem Mann nur um Geld ging, hatte sie immer gewusst. Aber dass er kein Mitgefühl mit diesen armen Kindern hatte, machte sie furchtbar wütend.

„Weißt du, wo ich wohne?“, wechselte sie das Thema, bevor sie sich noch dazu hinreißen ließ, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

„Deine Adresse stand in den Scheidungspapieren.“

Den Rest der Fahrt über schwiegen sie einander an.

Hier wohnst du?“, fragte Raul verblüfft, als er den Wagen in die Einfahrt lenkte.

„Hattest du etwas anderes erwartet?“

„Ich hatte mir etwas Luxuriöseres vorgestellt.“ Er grinste spöttisch. „Musstest du etwa verkaufen, als dein Geld zur Neige ging?“

„Ich habe mir dieses Haus sechs Monate nach der Trennung gekauft. Luxus ist dein Stil, nicht meiner“, erwiderte sie kühl. Ihr Häuschen hatte nur drei Zimmer, aber mehr brauchte sie ohnehin nicht.

„Das habe ich anders in Erinnerung.“

Natürlich. Er hielt sie ja für eine Frau, die nur darauf aus war, eine gute Partie zu machen. „Auf deine Erinnerungen habe ich keinen Einfluss.“

„Genauso wenig wie auf deine Ausgaben.“

Charley schluckte die aufsteigende Wut herunter und wühlte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. „Dann werde ich mal schnell packen.“

Im Haus lief sie sofort ins Schlafzimmer und begann, ihre Sachen in zwei Koffer zu stopfen. Sie ahnte, dass Raul sich umsah. Kaum fünf Minuten später stand er schon in ihrem Zimmer und beobachtete, wie sie die letzten Kleidungsstücke verstaute.

„Bist du bald fertig?“

„Ja. Was ich sonst noch brauche, hole ich am Freitag.“ Am Freitag würden sie von Barcelona aus nach Valencia zurückkehren. Charley würde in der Tagesstätte arbeiten, während Raul den Kaufvertrag für das Haus unterschrieb. Raul ging davon aus, dass sie danach mit der Arbeit in der Tagesstätte aufhören würde. Und sie würde ihn in diesem Glauben lassen, bis sie den unterzeichneten Vertrag in den Händen hielt.

Raul nahm die beiden Koffer vom Bett und trug sie zu seinem Wagen. Charley schlüpfte in ihr winziges Arbeitszimmer, um die Pläne für den Umbau der Tagesstätte zu holen.

„Was ist das?“, fragte er, als er zurückkehrte und sie im Arbeitszimmer vorfand.

„Das sind die Umbaupläne für das neue Haus.“

„Die kannst du hier lassen“, sagte er abfällig. „Ich werde meinen Architekten damit beauftragen.“

Ohne sich ihre innere Wut anmerken zu lassen, legte Charley die Zeichnungen in eine Aktentasche. Nur nicht laut werden, ermahnte sie sich. Raul hat noch ein paar Tage Zeit, es sich anders zu überlegen. „Dein Architekt kann meine Pläne als Vorlage benutzen“, sagte sie.

„Glaubst du etwa, du hast mehr Ahnung als ein Mann mit zwanzig Jahren Berufserfahrung?“

„Darüber können wir reden, wenn der Vertrag unterschrieben ist“, erwiderte sie kühl.

Cariño, denk immer daran: Ich habe jetzt die Kontrolle über das Projekt.“ Er trat auf sie zu, sodass sie seine Wärme am Rücken spüren konnte. „Und über dich auch.“

Charley erstarrte und schluckte schwer.

Wieso löste er nur so widerstreitende Gefühle in ihr aus? Sie hätte sich ihm am liebsten in die Arme geworfen, gleichzeitig wollte sie ihm zu gern das Gesicht zerkratzen.

„Bis Freitag gehöre ich dir aber noch nicht“, sagte sie heiser. „Und bis dahin fasst du mich nicht an.“

„Du wirst mich ganz bestimmt nicht so lange warten lassen.“

„Ich hasse dich.“

„Ich weiß.“ Sein Atem war direkt an ihrem Haar. „Es muss schlimm für dich sein, mich so zu hassen, aber dennoch zu begehren.“

„Ich begehre dich nicht.“

„Als wir verheiratet waren, ist mir nie aufgefallen, was für eine Lügnerin du bist.“ Er steckte die Nasenspitze in ihr Haar. „Wenn mich das Verlangen nach dir nicht so blind gemacht hätte, hätte ich deine Lügen schon viel früher durchschaut. Du hast mir deine Liebe nur geschworen und mir ein Kind versprochen, weil du an mein Geld kommen wolltest.“

Charley wirbelte herum und sah den Ausdruck in seinen Augen.

„Ich habe dich nicht angelogen, und ich habe dich nicht wegen deines Geldes geheiratet.“ Es tat ihr weh, dass er glaubte, sie hätte ihm ihr Glück nur vorgespielt.

„Weswegen hast du mich dann geheiratet? Wegen meines Humors und meines Charmes?“, fragte er grimmig.

„Ich habe dich geheiratet, weil du du bist.“ Hitze breitete sich in ihrem Nacken aus. „Ich fand dich einfach umwerfend.“

„Ach, und jetzt findest du mich nicht mehr umwerfend?“, erkundigte er sich mit gespielter Gekränktheit.

„Ich finde dich herzlos. Du benutzt die armen Kinder als Druckmittel, um mich wieder in dein Bett zu kriegen. Und alles nur aus Rache, weil ich kein Baby von dir wollte.“

Sie hatte keine Ahnung, warum sie das gesagt hatte, und hätte sich nachträglich am liebsten die Zunge abgebissen.

Seine Augen blickten so eisig, dass sie innerlich zitterte. Er beugte sich vor, bis sich ihre Wangen fast berührten. „Das ist keine Rache, Cariño. Ich gebe dir, was du willst. Und dafür gibst du mir, was ich will.“

„Meinen Körper.“

„Genau“, flüsterte er. „Aber wenn ich tatsächlich auf Rache aus wäre, dann kann es keine süßere geben, als dich wieder in meinem Bett zu haben.“

Ich finde dich herzlos.

Das hatte Charley zu ihm gesagt.

War er wirklich herzlos?

Der Gedanke quälte Raul. Als sein Vater noch gesund gewesen war, war er ein extrem herzloser Mensch gewesen, und Raul hatte sich geschworen, niemals so zu werden.

Wenn er an ihre Reaktion dachte, krampfte sich ihm der Magen zusammen. Sie hätte ihm ebenso gut eine Ohrfeige verpassen können.

Er holte tief Luft und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.

Charley saß an dem großen Schreibtisch und betrachtete die Papiere, die sie vor sich ausgebreitet hatte.

„In einer Stunde müssen wir los.“ Beim Frühstück hatte er sie informiert, dass sie abends mit Freunden essen gehen würden.

Sie schaute nicht hoch. „Ich werde rechtzeitig fertig sein.“

„Charlotte, du brauchst mindestens zwei Stunden, um dich ausgehfertig zu machen.“ Er wusste, dass sie immer ihren gesamten Kleiderschrank anprobierte, bis sie sich für ein Outfit entschied. Und sie probierte mindestens zehn Frisuren aus, bis sie die passende gefunden hatte. Ganz gleich, wie oft er es zu ihr gesagt hatte, nie hatte sie ihm geglaubt, dass er sie in allem, was sie trug, wunderschön fand.

Plötzlich fiel ihm die Hochzeitsreise wieder ein, die sie auf einer kleinen Karibikinsel verbracht hatten. Eines Abends, als er sie gedrängt hatte, sich endlich für ein Kleid zu entscheiden, weil das Essen kalt wurde, hatte sie ihn nur angegrinst und sich in Windeseile aller Kleider entledigt. Dann war sie zu einer abgelegenen Ecke des Strands gerannt und hatte sich lachend in die Wellen geworfen. Sie hatte ihn mit ihrer Spontaneität so bezaubert, dass er sich ebenfalls ausgezogen hatte und ins Wasser gelaufen war. Dort hatten sie dann miteinander geschlafen.

Bei dem Gedanken an diesen wunderbaren Moment weitete sich seine Brust. Damals, als die untergehende Sonne seinen nackten Körper gewärmt und seine junge Frau die schlanken Beine um seine Taille geschlungen hatte, hatte er sich frei wie ein Vogel gefühlt.

In diesem Moment hatte er wirklich geglaubt, sie wären das perfekte Paar.

„Ich werde rechtzeitig fertig sein“, wiederholte sie.

„Was machst du da?“

„Ich gehe die Umbaupläne ein letztes Mal durch.“

„Wieso? Ich habe doch gesagt, mein Architekt übernimmt das.“

Sie richtete kurz den Oberkörper auf. „Ich habe viel Arbeit in diese Pläne gesteckt. Es wäre idiotisch, sie sich nicht mal anzusehen.“

„Der Architekt wird sich freuen, wenn du ihm seinen Job erklärst“, erwiderte er spöttisch.

Sie schob den Stuhl zurück und stand auf. „Ich gehe duschen“, sagte sie kurz.

„Eine Stunde.“

„Wie oft willst du dich noch wiederholen?“ Sie schloss die Tür des angrenzenden Badezimmers hinter sich und drehte den Schlüssel um.

Raul knackte mit den Fingern und atmete tief durch.

In den letzten drei Tagen hatte er den Eindruck gehabt, mit einem schmollenden Teenager zusammenzuwohnen. Aber morgen würde der Kaufvertrag unterzeichnet, und dann war ihre Schonfrist vorbei.

Aus Neugier warf er einen Blick auf die Baupläne.

Einen Augenblick später saß er stirnrunzelnd auf dem Stuhl.

Charley hatte jeden Raum maßstabsgetreu aufgezeichnet und ihre Ideen dazu am Rand festgehalten. Das Ganze sah richtig professionell aus.

Charley hatte behauptet, die Baupläne selbst angefertigt zu haben.

Hatte sie gelogen, um ihn zu beeindrucken?

Aber die Anmerkungen am Rand waren eindeutig in ihrer mädchenhaften Handschrift verfasst.

Er massierte sich die Schläfen. Sein Brustkorb zog sich zusammen, als er sich vorstellte, wie sie in dem winzigen Arbeitszimmer in ihrem winzigen Haus gesessen und die Pläne ausgearbeitet hatte. Ganz allein.

Nachdem er ebenfalls geduscht hatte, machte Raul sich auf die Suche nach Charley. Er fand sie im Wohnzimmer.

„Bist du fertig?“, fragte er erstaunt, weil sie schon auf ihn wartete. Und ihre Aufmachung war nicht weniger erstaunlich. Sie trug eine enge graue Hose und eine schlichte schwarze Bluse. Dazu hatte sie flache, schwarze Riemchensandalen gewählt.

„Ja.“ Sie stand auf und ging am Fenster vorbei. Im Schein der untergehenden Sonne erkannte er, dass ihre vermeintlich brave Bluse durchsichtig war und ein schwarzer Spitzen-BH darunter aufblitzte.

„Was guckst du mich so an?“, fragte sie und runzelte die Stirn.

„Willst du wirklich so zum Essen gehen?“

„Ja, warum nicht? Hast du was an meinen Sachen auszusetzen?“

„Ich wundere mich nur, das ist alles.“ Sie sah gut aus – sehr schön sogar. Er konnte sich nur nicht daran erinnern, dass sie während der Ehe jemals in Hose und Bluse ausgegangen war. Die Charley, die er geheiratet hatte, hätte nicht im Traum daran gedacht, zu einem Abendessen irgendetwas anderes als ein Designerkleid und Zwölf-Zentimeter-Absätze anzuziehen.

„Das ist das, was ich im Kleiderschrank habe.“

„Was ist aus deinen anderen Kleidern geworden?“, fragte er ungläubig.

„Ich habe sie einem wohltätigen Second-Hand-Laden gegeben.“

„Warum?“

Sie zuckte die Schultern. „Poco Rio legt keinen großen Wert auf Dolce & Gabbana.“

„Ich rufe meine Schwester an und bitte sie, in den nächsten Tagen mit dir shoppen zu gehen.“ Er suchte in der Hosentasche nach seinem Smartphone.

Charley verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht shoppen gehen. Mir gefallen meine Sachen.“

„Charlotte“, sagte er seufzend. „In den nächsten vier Monaten werden wir meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen müssen. Vielleicht waren deine Sachen für die Tagesstätte geeignet, aber die Zeiten sind jetzt vorbei. Du weißt, was von meiner Frau erwartet wird.“

„Dass ich mich wie eine Schaufensterpuppe aufdonnere?“

„Nein.“ Mit ihrer Begriffsstutzigkeit wollte sie ihn bestimmt nur ärgern. „Als Mitglied der Familie Cazorla hat man einem gewissen Bild zu entsprechen …“

„Warum?“

Er rieb sich den Nacken und stieß die Luft zwischen den Zähnen aus. „Wir haben das doch schon vor der Verlobung durchdiskutiert. Meine Familie genießt großes Ansehen, unsere Hotels zählen zu den besten der Welt. Die Leute blicken zu uns auf.“

„Ich verstehe trotzdem nicht, warum ich mich deshalb wie eine Schaufensterpuppe aufdonnern muss.“

„Das musst du gar nicht“, erwiderte er. „Ich verstehe dein Problem nicht. Als wir zusammengelebt haben, hast du dich doch gern chic angezogen.“

Er erinnerte sich daran, wie es nach der ersten Shoppingtour mit seiner Schwester Marta in Charleys Augen gefunkelt hatte. Lachend hatte sie jedes einzelne Kleidungsstück aus den Einkaufstaschen gezogen und ihm vorgeführt. Damals war sie wirklich glücklich gewesen.

Sie lächelte schief.

„Am Anfang, ja. Aber welche Zwanzigjährige wäre nicht begeistert gewesen, in einer der schicksten Einkaufspassagen der Welt shoppen gehen zu dürfen, ohne darauf achten zu müssen, was es kostete?“

„Dann gibst du es also zu. Du hast mich wegen meines Geldes geheiratet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nicht lügen – dein Geld und dein Lebensstil haben mir den Kopf verdreht. Aber ich hätte dich auch geheiratet, wenn du in einer Hütte gewohnt hättest.“

Er lachte trocken. „Was für ein Glück, dass du keine Pinocchio-Nase hast …“

Sie schaute ihm in die Augen. „Wenn ich es wirklich nur auf dein Geld abgesehen hätte, warum bin ich dann weggegangen und habe deinen Reichtum aufgegeben?“

„Du bist mit zehn Millionen Euro auf dem Konto weggegangen.“

„Um das Geld habe ich dich nicht gebeten“, entgegnete sie. „Und du weißt sehr wohl, dass ich eine Menge mehr von dir hätte fordern können.“

„Und du weißt ganz genau, dass du noch mehr fordern kannst, solange unsere Scheidung nicht rechtskräftig ist.“ Er hob eine Hand und zog mit einem Finger die Linie ihrer Wange nach.

Sie hatte natürlich recht. Sie hatte ihn nicht um das Geld gebeten. Er hatte es ihr freiwillig überwiesen.

Und auch davor hatte er ihr alles freiwillig gegeben, nur damit sie noch einmal so glücklich lächelte wie nach jener ersten Shoppingtour.

Aber ihr Glück zählte für ihn nicht länger. Jetzt wollte er nur noch ein lustvolles Lächeln auf ihrem Gesicht sehen.

Eine Nacht musste er noch allein schlafen, dann würde sie wieder ihm gehören.

„Es ist bestimmt kein Zufall, dass du wieder bei mir aufgetaucht bist, als dir das Geld ausgegangen ist“, erklärte er.

Sie wollte etwas erwidern, aber er strich ihr mit dem Daumen über die Lippen. „Wenn du deine Karten in den nächsten vier Monaten richtig ausspielst, wirst du feststellen, dass meine Großzügigkeit keine Grenzen kennt. Ich kann dir so viel Geld geben, dass du es im Leben nicht ausgeben kannst.“

Sie schob seine Hand wütend weg. „Sobald die Tagesstätte ins neue Haus gezogen ist, gibt es nur noch eins, was ich von dir will: meine Freiheit.“

„In vier Monaten hast du deine Freiheit wieder.“ Er konnte nicht widerstehen und vergrub das Gesicht an ihrem Hals, um den betörenden Vanilleduft einzuatmen. „Und ich meine“, fügte er hinzu.

5. KAPITEL

Schlag fünfzehn Uhr trat Charley aus dem Gebäude, in dem die Kindertagesstätte untergebracht war. Als sie Raul im Sportwagen entdeckte, lief sie sofort auf ihn zu. Die Aufregung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie die Beifahrertür aufriss.

„Ist alles in trockenen Tüchern?“

„Ja.“

Sie riss eine Faust hoch. „Gott sei Dank.“

„Gern geschehen. Aber Raul würde mir als Anrede reichen.“

Sie schnitt eine Grimasse und lachte. „Ich bin dir so dankbar, ich würde dich mit jedem Namen anreden, den du hören möchtest.“

Er verkniff sich eine Bemerkung, weil er den Moment nicht zerstören wollte. Ihre Freude und Begeisterung taten seiner Seele gut.

Es war eine Ewigkeit her, dass er dieses Lächeln gesehen hatte.

Ein dünner Mann mit beginnender Glatze steckte den Kopf aus der Tür des Gebäudes. Charley lief zu ihm, schlang ihm die Arme um den Oberkörper und küsste ihn auf die Wange. Der Mann grinste breit und trat ins Haus zurück.

Sie lief zum Auto, stieg ein und machte die Tür geräuschlos zu. Dann zog sie das Band aus ihrem Pferdeschwanz und strich das Haar mit den Fingern glatt. Ihre Augen strahlten vor Freude.

„Wer war das?“, fragte Raul betont beiläufig. Als er gesehen hatte, wie seine Frau die Arme um einen wildfremden Mann schlang, hatte es sich angefühlt, als würden ihm spitze Nadeln in die Haut getrieben.

Zum ersten Mal fragte er sich, ob seine Frau seit der Trennung einen anderen Mann gehabt hatte.

„Das ist Miguel – er leitet die Tagesstätte. Er wird den anderen die gute Nachricht gleich überbringen.“ Charleys Freude war so ansteckend, dass selbst das Autoradio ein fröhliches Stück spielte.

„Ich hoffe, sie freuen sich so sehr wie du.“ Er stellte das Radio ab und legte den ersten Gang ein. Wenn sie Glück hatten, herrschte noch kein so dichter Verkehr und sie würden in wenigen Stunden in Barcelona sein.

„Ich bin mir sicher, sie feiern die ganze Nacht.“

„Würdest du gern mit ihnen feiern?“

„Oh ja, schrecklich gern.“

Falls sie hoffte, er würde nachgeben und sie über Nacht in Valencia lassen, dann hatte sie sich geschnitten. Sie hatten eine Abmachung getroffen. Von jetzt an gehörte Charley ihm.

„Ist Miguel ein guter Freund von dir?“

„Ja.“

„Mehr nicht?“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Versuchst du herauszufinden, ob zwischen Miguel und mir was läuft?“

„Und läuft was?“

„Er ist verheiratet.“

„Du auch.“

Ihre Miene wurde ernst. „Wenn du die Scheidungspapiere unterschrieben hättest, wäre ich es nicht mehr. Aber ich würde trotzdem nie mit einem verheirateten Mann rummachen.“

„Und was ist mit alleinstehenden Männern? Hast du seit unserer Trennung mit vielen rumgemacht?“

Sie schwieg kurz, bevor sie mit angespannter Stimme antwortete. „Ich sage dir, mit wie vielen Männern ich rumgemacht habe, wenn du mir sagst, mit wie vielen Frauen du was hattest. Jessica habe ich ja schon gesehen. Aber wie viele waren es noch?“

Wenn sie nur wüsste, wie es in Wahrheit gewesen war.

Wie würde sie reagieren, wenn er ihr erzählte, dass er seit der Trennung mit keiner anderen Frau etwas angefangen hatte? Dabei hatte es ihm nicht an Möglichkeiten gemangelt. Aber es war beinahe so, als wäre er unterhalb der Taille tot gewesen. Obwohl Jessica eine der begehrtesten Frauen der Welt war, hatte auch sie ihn kaltgelassen.

„Zahlen zu nennen ist ziemlich geschmacklos“, sagte er ausweichend.

„Finde ich auch.“

„Aber damit eins klar ist: Solange du mit mir das Bett teilst, wird es für dich keinen anderen geben“, warnte er sie.

„Ich gehöre dir nur so lange, bis die Umbauarbeiten fertig sind“, erwiderte sie gedehnt. Ihre Freude über den abgeschlossenen Kaufvertrag war verflogen.

„Aber bis dahin, Cariño, gehörst du allein mir.“ Als wollte er seine Forderung bekräftigen, legte er ihr eine Hand auf den Schenkel und drückte ihn sanft.

Er hörte, wie sie die Luft scharf einsog.

„Hast du den Vertrag dabei?“, fragte sie, und ihre Stimme klang seltsam hohl.

„Ich habe eine Ausfertigung in meiner Tasche. Du kannst sie haben, sobald wir zu Hause sind.“

Nur noch wenige Stunden, und sie würde wieder in seinem Bett liegen.

Falls sie in den letzten zwei Jahren einen Liebhaber gehabt hatte, würde er schon dafür sorgen, dass sie ihn bald vergaß.

Heute Nacht würde sie wieder ihm gehören. Nur ihm allein.

Charley betrat die Villa und hatte sofort den Eindruck, eine Zentnerlast würde sich auf ihre Schultern legen.

Als Raul ihr den Kauf des neuen Hauses bestätigt hatte, war sie einen kurzen Moment lang so glücklich gewesen, dass sie auch ohne Helikopter hätte fliegen können.

Dann hatte er alles zerstört, indem er angedeutet hatte, zwischen ihr und Miguel könne etwas laufen. Und das von einem Mann, der mit einem Unterwäschemodel ins Bett ging.

Raul hatte sein Leben fortgeführt, als wäre Charley nie ein Teil davon gewesen. Alle Ängste, die sie während der Ehe ausgestanden hatte, waren tatsächlich wahr geworden. Er verhielt sich ihr gegenüber nicht anders als ihr Vater: aus den Augen, aus dem Sinn. Für beide Männer war Charley jederzeit ersetzbar.

Raul hatte nach vorne geschaut. Er hatte ein neues Haus, eine neue Geliebte, ein neues Leben.

Leider war ihr das nicht so leichtgefallen.

In den letzten zwei Jahren hatte sie sich innerlich leer gefühlt. Sie hatte es nicht einmal übers Herz gebracht, einen anderen Mann auch nur anzusehen.

Raul rief aus dem Wohnzimmer nach ihr.

Als sie eintrat, schenkte er zwei Gläser Rotwein ein und drückte ihr eins in die Hand.

„Auf uns“, sagte er und hob sein Glas.

„Auf die neue Tagesstätte“, entgegnete sie und stieß mit ihm an.

„Eins ohne das andere gibt es nicht.“ Seine Augen funkelten. „Ich habe dir gegeben, was du wolltest. Jetzt ist es an der Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Genießerisch trank er einen Schluck Wein. Seine blauen Augen bohrten sich in ihre.

Wie immer, wenn er sie so angesehen hatte, sammelte sich Hitze in ihrem Unterleib und ihre Haut begann zu prickeln.

Sie dachte an all die Nächte zurück, in denen sie sich stundenlang geliebt hatten und nicht genug voneinander bekommen konnten …

Aber ihr wahres Ich hatte er nie geliebt, sondern nur die Frau, die er nach seinen Vorstellungen geformt hatte.

Und er hatte ihr ins Gesicht gesagt, dass sie nur für eine Sache taugte. Und jetzt wollte er, dass sie mit ihrem Körper die Schulden abzahlte.

Der Gedanke reichte, um sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Schön, er nahm ihr übel, dass sie ihn verlassen hatte. Aber sie hatte eine bessere Behandlung verdient, als sich von ihm nehmen zu lassen, wann immer er Lust verspürte. Der letzte Rest Dankbarkeit, den sie ihm gegenüber empfand, weil er die Tagesstätte gerettet hatte, verflog nun auch noch. Im Vergleich zu seinem immensen Vermögen waren die Kosten für das Haus verschwindend gering.

Sie räusperte sich. „Ich würde mir gern den Vertrag ansehen.“

Seine Miene wurde hart. „Wie du möchtest.“

Er ging zu der Aktentasche, die er auf einen Beistelltisch gelegt hatte, und öffnete sie. Bevor er den Vertrag jedoch herausziehen konnte, klingelte sein Smartphone. Er schaute aufs Display. Offensichtlich war es ein dringender Anruf, denn er blickte kurz zu Charley und verließ das Zimmer.

Erleichtert, dass sie ein wenig Zeit gewonnen hatte, zog Charley das eigene Smartphone aus der Tasche und las die Glückwünsche, die ihr die Kolleginnen und Eltern der Kinder per SMS übermittelt hatten.

Nachdem sie alle Nachrichten gelesen hatte, starrte sie wieder auf die Aktentasche von Raul.

Sie konnte sich keine Sekunde länger gedulden und ging zu dem kleinen Tisch. Ohne zu zögern, öffnete sie die Aktentasche und zog einen weißen Umschlag heraus. Ein kurzer Blick auf die erste Seite verriet ihr, dass es der gesuchte Vertrag war.

Als sie die neue Adresse der Tagesstätte las, kehrte die Euphorie zurück. Sie zog den dicken Stapel aus dem Umschlag und überflog die Seiten. Sie dachte an die vielen Pläne, die sie mit dem Haus gehabt hatte. Jetzt würden sie endlich Wirklichkeit werden.

Plötzlich stutzte sie. Irgendetwas war faul. Sie las die Seiten noch einmal sorgfältig durch, während sie nervös mit einer Locke spielte …

So ein Mistkerl!

Jetzt wusste sie, was faul war.

Noch einmal ging sie alle Seiten durch und suchte vergeblich nach ihrem eigenen Namen.

Wutentbrannt stürmte sie zu dem Arbeitszimmer von Raul und riss die Tür auf.

„Du verlogener, hinterhältiger …“, rief sie und schleuderte den Vertrag auf den Schreibtisch.

Er schaute sie eine Sekunde lang an, dann redete er kurz in sein Handy und beendete das Gespräch.

„Passt dir irgendwas im Vertrag etwa nicht?“, fragte er seelenruhig.

„Es steht nur dein Name darin.“

„Ja“, erwiderte er.

„Du hast gesagt, das Haus würde unter meinem Namen eingetragen.“

„Nein, ich habe gesagt, das Haus würde unter dem Namen Cazorla eingetragen. Und genau das habe ich veranlasst.“

„Du weißt ganz genau, dass ich geglaubt habe, es würde unter meinem Namen laufen. Damit ich eine Stiftung gründen und ihr das Haus später übertragen kann.“

Er lachte. „Dann habe ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich nur meinen Namen in den Vertrag gesetzt habe. Was wissen ein paar Kindsköpfe schon davon, wie man so ein Projekt managt?“

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