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JULIA EXTRA BAND 451

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Gefährliche Leidenschaft im Castello

1. KAPITEL

„Werden Sie wohl still sitzen?“, sagte Eva Bergen gereizt zu dem Mann auf dem Hocker vor ihr. Sie hatte die Blutung auf seiner Nase gestillt und hielt jetzt kleine Klammerpflaster bereit, um die Wunde zu verschließen. Diese relativ simple Aufgabe wurde jedoch dadurch erschwert, dass der Verletzte ungeduldig mit dem rechten Fuß auf den Boden klopfte, wodurch sein gesamter Körper in Bewegung geriet.

Er funkelte sie gereizt an. Sein rechtes Auge schwoll bereits zu und begann sich zu verfärben. „Machen Sie schon!“

„Soll ich die Wunde nun verschließen oder nicht? Ich bin keine Krankenschwester! Für so eine ungewohnte Tätigkeit brauche ich meine volle Konzentration, also halten Sie endlich still!“

Daniele holte tief Luft, biss die Zähne zusammen und sah starr an ihr vorbei. Anscheinend spannte er auch die Muskeln seines rechtens Beins an, denn das Fußklopfen hörte schlagartig auf.

Ebenfalls tief Luft holend beugte Eva sich auf ihrem Hocker vor, den sie höhergestellt hatte, um auf einer Ebene mit Daniele Pellegrini zu sein. Sie zögerte. „Sind Sie sicher, dass sich keiner unserer Ärzte die Wunde ansehen soll? Ihre Nase könnte gebrochen sein!“

„Nun machen Sie schon!“, wiederholte er ungeduldig.

Nervös hob Eva ihre Hand und klebte den ersten Streifen über die Wunde. Sie achtete sorgfältig darauf, so viel Distanz wie möglich zu dem Mann vor ihr zu wahren und den Hautkontakt auf das Nötigste zu beschränken.

Es war erstaunlich, dass Daniele Pellegrini es sogar mit einer blutigen Nase fertigkriegte, wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Sein volles dunkelbraunes Haar saß nach wie vor perfekt, sein makellos gebügelter Maßanzug ebenfalls. Kein Zweifel, Pellegrini war ein gut aussehender Mann. Im Flüchtlingslager gab es wohl keine Entwicklungshelferin, die sich nicht nach ihm umgedreht hatte, als er vor einem Monat das erste Mal hier aufgetaucht war.

Das hier war sein zweiter Besuch. Er hatte Eva vor einer halben Stunde angerufen und sie grußlos gefragt, ob sie noch im Lager war. Hätte er sich die Mühe gegeben, auch nur irgendetwas über sie herauszufinden, hätte er gewusst, dass sie wie die anderen Helfer auch in einem eigenen Bereich im Lager untergebracht war.

Als Eva ihn am Telefon darüber aufgeklärt hatte, hatte Daniele Pellegrini ihr mitgeteilt, dass er im Erste-Hilfe-Zelt auf sie warten würde. Er hatte aufgelegt, bevor sie ihn fragen konnte, was er von ihr wollte. Als Eva kurz darauf im Zelt eintraf, hatte sie beim Anblick von Danieles lädiertem Gesicht keine Erklärungen mehr gebraucht …

Nachdem Hurrikan Ivor die Karibikinsel Caballeros heimgesucht hatte, hatte die Blue Train Aid Agency, die schon länger in dem korrupten Land aktiv war, als erste Wohltätigkeitsorganisation ein Lager dort errichtet. Inzwischen, zwei Monate nach der größten Naturkatastrophe, die das Land je heimgesucht hatte, beherbergte das Lager dreißigtausend Menschen in Zelten, Containern und improvisierten Hütten. Die später errichteten Lager der anderen Hilfsorganisationen waren genauso überfüllt. Die Lage war katastrophal.

Daniele war der Bruder des Philanthropen Pieta Pellegrini, der nach dem Hurrikan sofort beschlossen hatte, der Hauptstadt der Insel ein neues Krankenhaus zu spenden. Nur eine Woche später war er jedoch bei einem Hubschrauberunglück ums Leben gekommen.

Eva hatte Pietas Tod sehr bedauert, in der Welt der Hilfsorganisationen war dieser Mann eine eigene Größe gewesen. Ein Mensch, der nicht nur respektiert, sondern auch verehrt worden war. Umso mehr hatte Eva sich gefreut, als sie erfuhr, dass die Familie Pellegrini an seiner Stelle das Krankenhaus bauen würde – im Angedenken an ihn. Die Einwohner der Insel waren dringend darauf angewiesen. Die Hilfsorganisationen taten zwar, was sie konnten, aber es reichte hinten und vorne nicht.

Pietas Schwester Francesca war die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen. Die Entschlossenheit der jungen Frau hatte Eva so gut gefallen, dass sie positive Erwartungen an Francescas Bruder Daniele gehabt hatte – einen mehrfach ausgezeichneten Architekten und Bauunternehmer, der für die Bauarbeiten sorgen würde.

Sie hatte ihn jedoch auf Anhieb unsympathisch gefunden. Der arrogante Idiot hatte förmlich die markante Nase gerümpft, als er sie im Lager abgeholt hatte! Für ein Date, dem sie nur zugestimmt hatte, weil er ihr versichert hatte, dass es kein Date war. Daniele Pellegrini hatte behauptet, dass es ihm ausschließlich darum ging, sich ihren Rat einzuholen, was den Bau des Krankenhauses anging. Eva galt nämlich als eine Art Expertin für das Land und seine Bewohner.

Er hatte sie auf die malerische, vom Hurrikan verschonte Nachbarinsel Aguadilla fliegen lassen und sie in ein exklusives Siebensternehotel gebracht. Dort hatte er viel zu viel getrunken, ihr ständig impertinente Fragen gestellt und schamlos mit ihr geflirtet. Das einzig Positive an ihm war sein gutes Aussehen. Und reich war er auch. Da Männer Eva jedoch kaltließen und sie sich nicht für Geld interessierte, war sie von seinen Flirtversuchen völlig unbeeindruckt geblieben.

Sein entgeisterter Blick war unbezahlbar gewesen, als sie sein Angebot, auf seiner Suite noch einen „Schlummertrunk“ zu trinken, kühl abgelehnt hatte. Daniele Pellegrini, offensichtlich kein Nein gewohnt, wenn es um das andere Geschlecht ging, hatte sie sofort von seinem Chauffeur zum Flughafen zurückfahren lassen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Bis heute hatte sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.

Und dabei wäre es vermutlich geblieben, wenn ihm nicht irgendjemand die Faust ins Gesicht gerammt hätte. Eva hätte gern gewusst, wer das gewesen war – um demjenigen einen Drink zu spendieren.

„Ich bin keine Krankenschwester“, hatte sie protestiert, als Daniele von ihr verlangt hatte, ihn zu verarzten.

Er hatte nur mit den breiten Schultern gezuckt und sie grimmig angeblickt. Von dem charmanten Lächeln, das sie noch von ihrem „Date“ erinnerte, war dieses Mal nichts zu sehen. „Sie müssen nur die Blutung stoppen. Das werden Sie doch wohl hinkriegen.“

Das tat Eva allerdings. Sie war im Lager zwar als Koordinatorin und Übersetzerin angestellt, musste den Ärzten aber öfter zur Hand gehen, wenn Not am Mann war. Was jedoch noch lange nicht hieß, dass sie sich zutraute, eine gebrochene Nase zu richten – schon gar nicht die eines arroganten Milliardärs in einem Anzug, der vermutlich mehr als das durchschnittliche Jahresgehalt hier auf Caballeros gekostet hatte. Wenn die Einwohner überhaupt das Glück hatten, einen Job zu finden.

„Ich hole lieber eine der Krankenschwestern …“

„Nein, die sind alle beschäftigt“, fiel er ihr ungeduldig ins Wort. „Stoppen Sie einfach die Blutung, dann sind Sie mich los.“

Eva war drauf und dran gewesen zu behaupten, dass sie ebenfalls beschäftigt war, aber Danieles kaum gezügelte Wut hatte sie davon abgehalten. Er wirkte, als würde er jeden Moment explodieren. Es erschien ihr nicht ratsam, sich mit ihm anzulegen.

Als Eva nach dem dritten und letzten Streifen griff, fiel ihr einmal mehr der seidige Glanz seines dunklen Haars auf. Hätten seine Geschwister nicht auch so schönes Haar gehabt, hätte sie ihm unterstellt, auf Reisen immer einen persönlichen Friseur im Schlepptau zu haben. Und einen persönlichen Stylisten.

In gewisser Hinsicht konnte sie sogar nachvollziehen, warum er sich in diesem Lager so unwohl fühlte. Daniele war an ein Leben im Luxus gewohnt, und hier drin herrschten Schmutz und Elend. Auch Eva trug nur eine abgetragene Jeans und ein T-Shirt. Niemanden hier interessierte ihr Aussehen. Das hier war ein Flüchtlingslager, da musste man jederzeit damit rechnen, sich die Hände schmutzig zu machen. Sich modisch zu kleiden, wäre nicht nur völlig unpassend, sondern auch total unpraktisch gewesen.

Trotzdem hätte sie in seiner Gegenwart gern gepflegter ausgesehen …

„Halten Sie still!“, rief sie ihm ins Gedächtnis, als er wieder hibbelig wurde. „Ich bin fast fertig. Ich tupfe noch einmal etwas Blut weg, und dann können Sie gehen. Sie müssen die Streifen etwa eine Woche dranlassen und trocken halten.“

Sie griff nach einem antiseptischen Feuchttuch und tupfte sanft ein paar winzige Blutstropfen ab.

Sein Duft stieg Eva in die Nase – ein toller Duft. Er erinnerte sie an Urwälder und exotische Früchte. Wie konnte ein so widerwärtiger Typ nur so gut riechen? Außerdem hatte er tolle Augen, von einem schwer zu beschreibenden Braungrün. Aus denen er sie gerade ansah. Intensiv.

Eva stand einen Moment im Bann seines Blicks, bevor sie erschrocken ihren Hocker zurückschob und aufstand. „Ich hole Ihnen eine Kältekompresse für Ihr Auge“, murmelte sie, um ihre Verwirrung zu verbergen.

„Nicht nötig. Verschwenden Sie nicht meinetwegen Material.“ Daniele griff in die Innentasche seines Jacketts und zog seine Brieftasche heraus. Er entnahm ihr ein paar Banknoten und gab sie Eva. „Hier. Damit Sie das verbrauchte Verbandsmaterial ersetzen können.“ Ohne ein Wort des Danks schlenderte er aus dem Zelt.

Erst als Eva die von seiner Berührung noch kribbelnde Hand öffnete, sah sie, dass er ihr zehn Hundertdollarnoten gegeben hatte …

„Es muss doch eine Alternative geben“, sagte Daniele genervt und schenkte sich noch ein Glas Rotwein ein. „Nimm du das Schloss.“

Seine Schwester Francesca schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, das weißt du genau. Ich habe das falsche Geschlecht.“

„Aber ich will nicht heiraten.“ Die Ehe war für Daniele ein rotes Tuch. Er empfand nicht das geringste Bedürfnis nach einer Ehefrau. Er hatte schon immer vermieden, sich festzulegen, wenn es um Frauen ging.

„Wenn du nicht heiratest, wird Matteo alles erben.“

Bei der Erwähnung seines verräterischen Cousins verlor Daniele endgültig die Selbstbeherrschung. Wütend schleuderte er sein Glas gegen eine Wand.

Francesca streckte eine Hand aus, um ihren Verlobten Felipe, einen ehemaligen Elitesoldaten der spanischen Armee, am Einschreiten zu hindern. „Er ist nach dir der nächste männliche Erbe, das ist nun mal so. Wenn du nicht heiratest und das Erbe annimmst, kriegt Matteo alles.“

Daniele holte tief Luft, um seine Wut zu zügeln. Der von der Wand strömende Wein sah aus wie das Blut, das ihm nach der Prügelei mit Matteo von der Nase geströmt war. Sie hätten sich noch viel schlimmer geprügelt, wenn Felipe nicht dazwischengegangen wäre. Doch die Wut war seitdem Danieles ständiger Begleiter.

Matteo hatte sie alle hintergangen.

„Es muss doch einen Weg geben, die Klausel rechtlich außer Kraft zu setzen“, sagte Daniele ungeduldig. Er würde die Wand neu streichen lassen müssen, bevor er die Wohnung neu vermietete. In den letzten Jahren hatte seine Schwester hier gewohnt, doch sie würde nach ihrer Hochzeit demnächst nach Rom ziehen. „Sie ist total mittelalterlich.“

„Ja. Das wissen wir alle. Pieta hat auch schon versucht, sie für ungültig erklären zu lassen, aber das war nicht so einfach wie erhofft. Es kann Monate, wenn nicht Jahre dauern, etwas dagegen zu unternehmen, und währenddessen heiratet Matteo Natasha und nimmt das Erbe an.“

Dieses dämliche Erbe! Es handelte sich um den Landsitz der Familie, der aus einem sechshundert Jahre alten castello und Tausenden Hektar Weinbergen bestand. Die Pellegrinis entstammten einem uralten italienischen Adelsgeschlecht, hatten jedoch schon vor Jahrzehnten ihre Titel abgelegt.

Um den Besitz zusammenzuhalten, konnte nur der älteste Sohn erben. Ein Patriarch des 19. Jahrhunderts, der seinen Ältesten im Verdacht gehabt hatte, homosexuell zu sein, hatte dieses Jahrhunderte alte Gesetz noch um die Zusatzklausel ergänzt, dass der Älteste die Erbschaft nur antreten konnte, wenn er verheiratet war.

Und zwar mit einer Frau. Seltsamerweise hatte der Patriarch das damals ausdrücklich festgehalten …

Bisher war das nie ein Problem gewesen, da jeder schließlich früher oder später heiratete. So war das nun mal, vor allem in der italienischen Aristokratie.

Aber die Zeiten hatten sich geändert.

Daniele war noch ein Kleinkind gewesen, als sein Großvater gestorben war und sein Vater alles geerbt hatte. Als Zweitgeborener hatte er immer gewusst, dass sein älterer Bruder Pieta der nächste Alleinerbe war. Er hatte nie ein Problem damit gehabt. Er hasste das zugige alte Schloss, das viel zu viel Geld verschlang, sowieso. Außerdem hatte es ihm immer eine Art perverser Genugtuung bereitet, Single zu bleiben und ein ganz anderes Leben zu führen als sein pflichtbewusster und seriöser Bruder Pieta.

Doch jetzt war Pieta tot.

Zwei Monate lang hatte Daniele sich an der Hoffnung festgeklammert, dass Pietas Witwe Natasha vielleicht schwanger war – denn sollte sie ein männliches Baby bekommen, würde Daniele sein freies und ungebundenes Leben weiterleben können.

Wie sich inzwischen herausgestellt hatte, war Natasha tatsächlich schwanger – nur leider nicht von Pieta. Noch bevor der Leichnam ihres Mannes in der Erde erkaltet war, hatte sie eine Affäre mit Danieles und Francescas Cousin Matteo angefangen, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr wie ein Bruder bei ihnen aufgewachsen war. Der illoyale Bastard hatte Daniele neulich gestanden, dass Natasha von ihm schwanger war!

Jetzt gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder suchte Daniele sich eine Frau und gab seine kostbare Freiheit für etwas auf, das er gar nicht wollte, oder der falsche Hund Matteo bekam alles, woran Danieles Vater und Bruder so gehangen hatten.

Und seine Mutter immer noch hing.

Er biss die Zähne zusammen. „Ich muss heiraten.“

„Richtig.“

„Und zwar bald.“

„Hast du schon jemanden ins Auge gefasst?“, fragte Francesca. Sie wusste, wie sehr ihrem Bruder die Vorstellung widerstrebte zu heiraten. Daniele hielt seine Schwester insgeheim für eine noch bessere Juristin als Pieta. Wenn sie es nicht schaffte, die Zusatzklausel außer Kraft zu setzen, würde es niemandem gelingen.

Daniele nahm sich jedoch fest vor, das nachzuholen. Die nächste Generation von Pellegrinis sollte nie zu etwas gezwungen werden, das sie nicht wollte.

Etwas ratlos dachte Daniele an all die Frauen, mit denen er im Laufe der Jahre zusammen gewesen war. Wohl jede Frau, die in der Zwischenzeit noch keinen anderen geheiratet hatte, würde sofort Ja sagen und den nächsten Brautmodenladen stürmen.

Erst dann fiel ihm sein letztes Date ein – das einzige Date, das nicht in seinem Schlafzimmer geendet hatte.

Unwillkürlich berührte er seine Nase. Die Streifen, die Eva Bergen so vorsichtig darauf fixiert hatte, waren noch da, und die Wunde verheilte gut.

Bei seiner ersten Reise nach Caballeros vor einem Monat hatte sie für ihn gedolmetscht. Auf der zerstörten Insel, in der alles in Schutt und Asche zu liegen schien, war sie eine auffallende Erscheinung gewesen. Vielleicht wegen ihres leuchtend roten Haars, das sie in einem mädchenhaften Pferdeschwanz trug. So unnatürlich dieses Rot auch war – er bildete einen tollen Kontrast zu ihrer zarten, hellen Haut.

Und obwohl Eva auch bei ihrer letzten Begegnung nur eine abgetragene Jeans und ein T-Shirt mit dem Logo der Blue Train Aid Agency getragen hatte, war sie für Daniele die schönste und erotischste Frau, der er im Laufe seines dreiunddreißigjährigen Lebens je begegnet war.

Und sie verabscheute ihn zutiefst.

Daniele richtete den Blick wieder auf seine Schwester. „Ja. Ich weiß die perfekte Kandidatin“, sagte er trocken.

Eine Stunde später verließ er seine Wohnung mit der beruhigenden Gewissheit, dass zumindest seine Mutter glücklich über seine Entscheidung sein würde.

Geduldig stand Eva in der Schlange vor den Duschen für das Personal und vertrieb sich die Zeit mit einem Computerspiel auf ihrem Handy. Im Lager gab es nur wenig Wasser, sodass auch die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen ihren Anteil streng rationierten. Auch Eva erlaubte sich nur alle drei Tage eine extrem kurze, bestenfalls lauwarme Dusche.

Wie der Rest der Hilfskräfte empfand sie immer eine Mischung aus Schuldgefühlen und Erleichterung, wenn sie an einem freien Wochenende zum Ausgleich den raren Luxus genoss, sich in einem billigen Hotel auf Aguadilla einzuquartieren. Dort lag sie dann stundenlang in der Badewanne, frischte ihre Haarfarbe auf und lackierte ihre Nägel …

Als ihr Handy vibrierte, spielte sie für einen Moment mit dem Gedanken, das Gespräch nicht anzunehmen, überlegte es sich jedoch anders. „Hallo?“

„Eva? Sind Sie das?“

Ihr rutschte fast das Herz in die Hose. „Ja. Wer ist dran?“ Sie wusste durchaus, wer am Apparat war. Die tiefe klangvolle Stimme mit dem starken italienischen Akzent würde sie überall wiedererkennen.

„Daniele Pellegrini. Ich muss Sie sehen.“

„Rufen Sie meine Sekretärin an und vereinbaren Sie einen Termin.“ Eva hatte keine Sekretärin, aber das brauchte dieser arrogante Typ ja nicht zu wissen.

„Es ist wichtig.“

„Na und? Ich will Sie nicht sehen.“

„Das wird sich ändern, wenn Sie wissen, weshalb ich Sie sehen will.“

„Nein, wird es nicht. Sie sind ein …“

„Ein Mann mit einem Vorschlag, von dem Ihr Flüchtlingslager finanziell profitieren wird“, schnitt er ihr aalglatt das Wort ab.

„Wie bitte?“

„Näheres verrate ich Ihnen bei unserem Treffen. Ich kann Ihnen aber jetzt schon versichern, dass es sich für Sie und das Lager lohnen wird.“

„Mein nächstes freies Wochenende habe ich erst …“

„Ich bin schon unterwegs nach Aguadilla. Ich schicke jemand zu Ihnen, der Sie zu mir bringt.“

„Wann?“

„Heute Abend. In zwei Stunden werden Sie abgeholt.“

Und mit diesen Worten legte er einfach auf.

2. KAPITEL

Beim Anblick des Luxushotels am Ende der langen Einfahrt bekam Eva ein mulmiges Gefühl. Es handelte sich um dasselbe Hotel, in das Daniele sie bei ihrem ersten „Date“ getrickst hatte. Vermutlich wäre alles andere unter seiner Würde gewesen. Das Eden Hotel war das exklusivste Hotel auf Aguadilla und wurde nur von Stinkreichen frequentiert.

Eva trug diesmal ihr einziges Paar sauberer Jeans und eine schwarze Bluse, die sie wegen eines Stromausfalls im Lager jedoch nicht hatte bügeln können.

Als Daniele sie zuerst hierhergebracht hatte, hatte der Anblick des Hotels sie sofort alarmiert. „Sie haben doch gesagt, dass Sie sich nur über das Krankenhaus unterhalten wollen“, hatte sie scharf gesagt. Sie war davon ausgegangen, dass sie in einem der zahlreichen Restaurants am Strand essen würden, die für ihr gutes, aber günstiges Essen, ihre anregende Musik und ihre entspannte Atmosphäre bekannt waren.

„Das will ich ja auch“, hatte er scheinheilig geantwortet und sie damit noch wütender gemacht. Als sie kurz darauf an den von Kopf bis Fuß durchgestylten Gästen vorbeigegangen waren, hatte sie sich total fehl am Platz gefühlt.

Es war richtig erniedrigend gewesen, aber diesmal wusste sie wenigstens, was auf sie zukam, sodass sie die Hotellobby hocherhobenen Hauptes betrat. Ein Hotelangestellter eilte sofort auf sie zu. Auf dem Schild an seinem Revers stand, dass er der Hotelmanager war.

„Miss Bergen?“, fragte er höflich. Sollte er sich an ihrem Outfit stören, ließ er sich nichts anmerken.

Sie nickte. Wahrscheinlich hatte er sie an ihrem roten Haar erkannt. Und an ihrer unpassenden Kleidung.

„Würden Sie bitte mitkommen?“

Sie folgte ihm an einem riesigen Wasserfall und dem Restaurant vorbei, in dem sie vor einem Monat gegessen hatte. Ein paar Boutiquen und Restaurants weiter kam ein Fahrstuhl. Erst als der Manager auf den Knopf für die oberste Etage drückte, schrillten bei Eva die Alarmglocken. „Wo bringen Sie mich denn hin?“

„Zu Mr. Pellegrinis Suite.“

Sie waren schon angekommen, noch bevor er ausgesprochen hatte. Ein Page öffnete die Tür.

Eva zögerte. Sie hatte damit gerechnet, wieder in einem Restaurant zu essen. Es war keine gute Idee, allein die Suite eines reichen Mannes zu betreten.

Der Manager sah sie auffordernd an. Anscheinend erwartete er von ihr, freiwillig den sicheren Fahrstuhl zu verlassen und sich in die Höhle des Löwen zu begeben.

Sie konnte Nein sagen. Das wäre das Vernünftigste. Sich einfach weigern. Wenn Daniele Pellegrini sie so dringend sprechen wollte, dass er dafür eigens in die Karibik geflogen war, konnte er auch in der Öffentlichkeit mit ihr essen gehen.

Andererseits hatte er nicht den Eindruck vermittelt, dass er eine Frau zu etwas zwingen würde, das sie nicht wollte, so sexbesessen er auch sein mochte.

Zögernd verließ sie den Fahrstuhl und folgte dem Manager einen breiten Flur entlang zu einer Tür. Nachdem er angeklopft hatte, wurde die Tür von einem Butler geöffnet.

„Guten Abend, Miss Bergen“, begrüßte er sie in makellosem Englisch. „Mr. Pellegrini erwartet Sie schon auf der Terrasse. Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“

„Ein Glas Wasser bitte“, antwortete sie und versuchte, sich nicht von dem Luxus der Suite beeindrucken zu lassen. Die Anwesenheit des Butlers war eine Erleichterung. Es war beruhigend zu wissen, dass sie nicht allein mit Daniele sein würde.

Nachdem der Manager sich verabschiedet hatte, führte der Butler Eva durch einen hellen großzügigen Wohnbereich zu einer riesigen Terrasse mit toller Aussicht auf die von unzähligen Sternen erhellte nächtliche Karibik. Links befand sich ein ovaler Swimmingpool und rechts ein Tisch, an dem bequem zwölf Leute Platz gefunden hätten, der jedoch nur für zwei gedeckt war. Dort saß der hochgewachsene Daniele Pellegrini – und sah wieder unverschämt gut aus.

Bei ihrem Anblick stand er auf und schlenderte auf sie zu, eine Hand ausgestreckt. „Schön, Sie zu sehen, Eva“, sagte er lächelnd. Seine heutige Laune stand im krassen Gegensatz zu seiner unterschwelligen Wut bei ihrer letzten Begegnung im Erste-Hilfe-Zelt.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm die Hand zu schütteln, aber kaum hatte sie ihm ihre gereicht, zog er Eva an sich und küsste sie auf beide Wangen.

Sie erschauerte lustvoll, als sie seine Lippen auf ihrer Haut spürte und ihr wieder sein frischer Duft in die Nase stieg, der ihre Sinne immer auf eine so absurde Art berauschte.

Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie froh war, vorhin geduscht und sich umgezogen zu haben. Daniele sah nämlich mal wieder aus wie aus dem Ei gepellt. In seiner Gegenwart kam sie sich immer vor wie eine abgerissene Straßengöre.

Eva atmete erleichtert auf, als er sie losließ, und unterdrückte den Impuls, ihre von seiner Berührung kribbelnde Hand an ihrer Jeans abzuwischen. „Ihre Nase sieht gut aus“, sagte sie, ihren beschleunigten Herzschlag ignorierend.

Danieles Nase war inzwischen abgeschwollen. Sein rechtes Auge war zwar noch etwas verfärbt, aber ansonsten gab es keine Spuren eines Kampfes mehr. Wieder fragte sie sich, wer wohl Danieles Gegner gewesen war. Einer der vielen korrupten Beamten auf Caballeros? Der eifersüchtige Freund einer Liebhaberin?

„Ja. Sie haben gute Arbeit geleistet.“

Eva lächelte verkrampft. „Waren Sie inzwischen bei einem Arzt?“

Er schnaubte abfällig. „Das war völlig überflüssig.“

Der Butler kehrte mit einem Tablett mit zwei Gläsern und zwei Flaschen Wasser zurück.

„Ich wusste nicht, ob Sie stilles Wasser oder welches mit Kohlensäure bevorzugen, also habe ich Ihnen beides gebracht“, erklärte er. „Wünschen Sie noch etwas, bevor ich das Abendessen serviere?“

„Für mich nichts, danke“, antwortete Eva.

„Ich hätte gern noch einen Scotch“, sagte Daniele. „Bringen Sie am besten gleich die ganze Flasche.“

„Wie Sie wünschen.“ Der Butler verschwand.

Daniele zeigte auf den Tisch. „Setzen Sie sich. Ich habe schon mal das Essen bestellt, damit es schneller geht. Sollte es nicht Ihren Geschmack treffen, wird der Koch Ihnen etwas anderes zubereiten.“

Eva ärgerte sich mal wieder über ihn. Sie war nicht anspruchsvoll, was Essen anging – in ihrem Job konnte sie sich das auch nicht erlauben –, aber dass er diese Entscheidung einfach über ihren Kopf hinweg getroffen hatte, sprach ebenfalls gegen ihn. „Was haben Sie denn bestellt?“

„Broccoli-Stilton-Suppe und Beef Wellington.“ Daniele schenkte ihr wieder ein charmantes Lächeln und setzte sich. „Ich dachte, Sie sehnen sich vielleicht nach der englischen Küche.“

Irritiert nahm sie ihm gegenüber Platz. „Englische Küche? Ich komme aus den Niederlanden.“

„Sie sind Holländerin?!“

Wäre Eva danach zumute gewesen, hätte sie höhnisch aufgelacht. Daniele und sie hatten einen ganzen Abend miteinander verbracht, und er hatte hemmungslos mit ihr geflirtet, aber nicht ein einziges Mal hatte er sich die Mühe gegeben, ihr eine persönliche Frage zu stellen. Er hatte sie einfach nur ins Bett kriegen wollen. „Ja. In Rotterdam geboren und aufgewachsen.“

Er runzelte verwirrt die Stirn. „Ich dachte, Sie sind Engländerin.“

„Das glauben viele.“

„Ihr Englisch ist akzentfrei.“

„Engländer sehen das anders, aber für Sie als Italiener ist mein Akzent wahrscheinlich nicht so auffällig.“

Der Butler brachte Danieles Scotch und fragte Eva, ob sie etwas Stärkeres zum Essen wollte.

Sie schüttelte den Kopf und richtete den Blick wieder auf Daniele. „Ich ziehe es vor, heute Abend einen klaren Kopf zu behalten.“

Daniele musste wider Willen lächeln. Er sollte selbst wohl auch besser bei klarem Verstand bleiben, aber nach den letzten Tagen verspürte er das Bedürfnis, sich zu betäuben. Der Scotch würde ihm auch bei dem bevorstehenden Gespräch helfen.

„Was für Sprachen sprechen Sie noch?“ Er wäre nie auf die Idee gekommen, dass Eva keine Engländerin war. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie für ihn und seinen inzwischen verhassten Cousin Matteo gedolmetscht, und ihr Englisch war ihm perfekt vorgekommen.

„Ich spreche fließend Englisch, Spanisch und Französisch und ganz passabel Italienisch.“

„Beweisen Sie es“, forderte er sie in seiner Heimatsprache auf.

„Wieso?“, konterte sie auf Italienisch. „Wollen Sie mich auf die Probe stellen?“

Lachend schüttelte er den Kopf. „Das nennen Sie passabel?“ Sie hatte fließend und mit perfekter Aussprache geantwortet.

„Ich beherrsche eine Sprache erst dann fließend, wenn ich einen Film in der Originalsprache ohne Untertitel verstehen kann“, erwiderte sie, diesmal wieder auf Englisch. „Und das kann bei Ihrer Sprache noch eine Weile dauern.“

„Dann lassen Sie uns doch Italienisch sprechen. Das übt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie wollen etwas Wichtiges mit mir besprechen. Ich will Ihnen gegenüber nicht im Nachteil sein.“

„Vertrauen Sie mir nicht?“

„Nicht im Geringsten.“

„Ihre Ehrlichkeit ist bewundernswert.“ So etwas war heutzutage selten. Nur Danieles Familie nahm ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund. Seitdem er ein berühmter Architekt war und seine erste Milliarde gemacht hatte – unter anderem dank kluger Investitionen –, war er niemandem mehr begegnet, der ihm offen widersprochen oder sich ihm widersetzt hätte.

Der Butler kehrte mit dem ersten Gang und einem Korb Brötchen zurück.

Eva beugte sich schnüffelnd über die Brötchen und nickte anerkennend. „Mm, riecht köstlich.“

Der Butler strahlte. „Sie sind frisch gebacken, aber wir haben auch glutenfreie, falls Ihnen das lieber ist.“

„Das ist nicht nötig! Ich habe keine Glutenunverträglichkeit“, antwortete sie lächelnd. „Aber danke für das Angebot.“

Eva war aus Danieles Bekanntenkreis die einzige Frau seit drei Jahren, die nicht auf glutenfreiem Essen bestand oder sonst irgendeine langweilige Diät einhalten musste. Er hatte das schon bei ihrem ersten Date erfrischend gefunden – noch etwas, das Eva von anderen Frauen unterschied. Man sah es ihr sogar an, dass sie sich normal ernährte. Sie hatte überaus weibliche Kurven und wunderbar volle Brüste …

Oh ja, Eva Bergen war verdammt sexy. Er konnte es kaum erwarten, sie in femininerer Kleidung zu sehen.

Oder am besten gleich ganz nackt.

Als sie wieder allein waren, nahm sie sich ein Brötchen und zerbrach es. „Worüber wollen Sie mit mir reden?“

„Lassen Sie uns erst essen.“

Eva legte ihr Brötchen wieder zurück. „Nein, wir reden jetzt. Sonst muss ich wieder annehmen, dass Sie mich unter falschem Vorwand hergelockt haben.“

„Es gab beim letzten Mal keinen falschen Vorwand.“

„Ich hatte mich klar ausgedrückt, dass es sich nicht um ein Date handelt, aber Sie haben trotzdem so getan, als sei es eins. Ihre paar Fragen zum Krankenhaus hätte ich auch bei einem Kaffee beantworten können.“

„Wo bleibt denn da der Spaß?“

„Bei meiner Arbeit geht es nicht um Spaß, Mr. Pellegrini …“

„Nennen Sie mich bitte Daniele!“, unterbrach er sie. Er hatte sie schon bei ihrem ersten Treffen zigmal aufgefordert, ihn nicht so förmlich anzureden. Damals wäre es ihm nicht im Traum eingefallen, dass seine Aufmerksamkeit ihr unangenehm sein könnte. Der Name seiner Familie und sein gutes Aussehen hatten die Frauen schon immer angezogen. Seitdem er ein berühmter, reicher Architekt war, warfen sie sich ihm förmlich an den Hals.

Nur Eva nicht.

Dabei hatte sie bei ihrer ersten Begegnung durchaus interessiert gewirkt. Für einen Moment hatten zwischen ihnen förmlich die Funken gesprüht. Es war das erste Mal seit dem Tod seines Bruders gewesen, dass Daniele sich sofort zu einer Frau hingezogen gefühlt hatte. Seine Reaktion auf Eva hatte ihn wieder daran erinnert, dass er ein gesunder Mann mit natürlichen Bedürfnissen war.

Dass sie ihm gegenüber sofort einen kühlen und professionellen Ton angeschlagen hatte, hatte er auf die Situation geschoben. Schließlich hatte sie sich aufs Dolmetschen konzentrieren müssen. Er war selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie sich in seiner Gegenwart entspannen würde, sobald sie auf Aguadilla waren.

Doch darin hatte er sich gründlich getäuscht.

Sie war genauso kühl und distanziert gewesen wie bei der Arbeit. Auf seine charmanten Komplimente hatte sie mit eisigem Schweigen reagiert, und sein Angebot, bei ihm noch einen Schlummertrunk zu trinken, sofort abgelehnt. Und das sogar mit einem Unterton der Verachtung.

Kein Zweifel – Eva Bergen hatte auf ihn herabgesehen. Auf ihn!

Das hatte bisher noch niemand getan. Die Erfahrung war ihm so unangenehm gewesen, dass er sich Eva sofort aus dem Kopf geschlagen hatte. Mit ihrer Zurückweisung konnte er zur Not umgehen, aber mit Verachtung?

Sie hatte ihn unangenehm an seinen Vater erinnert, wenn der sich mal wieder über einen von Danieles Medienskandalen aufgeregt hatte. Seine Eltern hatten ihm immer in den Ohren gelegen zu heiraten und sich ein Beispiel an Pieta zu nehmen, der schließlich auch eine Frau gefunden hatte. Auch wenn er sechs Jahre gebraucht hatte, sie zu heiraten …

Doch Daniele hatte sich geweigert. Ihm gefiel sein ungebundenes Leben. Er konnte tun und lassen, was er wollte, ohne jemandem gegenüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Wenn er Lust hatte, übers Wochenende nach Las Vegas zu fliegen, brauchte er nur in seinen Jet zu steigen und unterwegs ein paar Freunde abholen. Anders als sein perfekter Bruder, der sich nie anders als … vorbildlich verhalten hatte. Wie Danieles Eltern nicht müde geworden waren zu betonen.

Dass Danieles Vermögen irgendwann größer gewesen war als Pietas Privatvermögen und Erbe zusammen, hatte Daniele immer mit tiefer Genugtuung erfüllt.

Bis ihm nach Pietas Hubschrauberunfall das Lachen vergangen war. Der Mann, den Daniele zugleich geliebt und verabscheut hatte – sein Erzrivale – war tot. Es war irgendwie surreal.

„Ich nehme meinen Beruf sehr ernst, Mr. Pellegrini. Ich bin nicht hier, um Spaß zu haben“, sagte Eva kühl, als sei Spaß etwas Verwerfliches. „Mit mir zu flirten, war völlig unpassend, ganz zu schweigen von Ihrem anschließenden Angebot.“

Danieles Schwester würde ihn zweifellos für einen Masochisten halten, weil er eine Frau heiraten wollte, die ihn so offensichtlich verachtete. Francesca verstand nicht, wie erfrischend es war, mit einer so unverstellten Frau zusammen zu sein. Dass Eva genau aus diesem Grund eine reizvolle Herausforderung für ihn war.

Gefährlich war sie höchstens für sein Ego, aber das konnte ein paar Dämpfer gut gebrauchen. „Man sollte meinen, ein intimes Essen für zwei in einem guten Restaurant sei ein recht passender Anlass, um mit einer schönen Frau zu flirten.“

Eva errötete. „Wenn Sie so weitermachen, gehe ich.“

„Ohne sich anzuhören, worüber ich reden will?“

„Ich bleibe nur, wenn Sie sich zusammenreißen und endlich zur Sache kommen.“ Sie schob sich geistesabwesend einen Löffel voll Suppe in den herrlich sinnlichen Mund.

Daniele griff ebenfalls nach seinem Löffel. „Na schön, ganz wie Sie wollen. Ich brauche eine Ehefrau und will, dass Sie den Part übernehmen.“

Ihre Augen blitzten wütend auf. „Sehr witzig! Was wollen Sie wirklich?“

Daniele probierte von der Suppe. Sie war so lecker wie die Brötchen. „Was ich will, ist, in meinen Jet steigen und von hier wegfliegen, aber was ich brauche, ist eine Frau, und Sie, tesoro, sind perfekt für den Job.“

Eva starrte ihn für einen Moment fassungslos an, bevor sie ihren Stuhl zurückschob und aufstand. „Sie sind widerlich, wissen Sie das? Spielen Sie Ihre Spielchen gefälligst ohne mich! Und ich bin nicht Ihr Schatz!“ Sie griff nach der Baumwolltasche neben ihrem Stuhl und sprang auf, um die Terrasse und die Suite zu verlassen – weg von diesem arroganten Kerl, den sie nie wiedersehen wollte.

Sie war noch keine zwei Schritte gegangen, als sie erst ein Klicken und dann Danieles Stimme hinter sich hörte. „Bevor Sie gehen, will ich Ihnen noch etwas zeigen.“

„Ich will es nicht sehen.“

„Noch nicht mal eine Million Dollar in bar?“

Wider besseres Wissen drehte Eva sich um.

Und da, auf dem Tisch, lag ein offener Aktenkoffer.

Sie blinzelte. Wie hatte Daniele das so schnell geschafft? Konnte er zaubern? Der Koffer war bis zum Rand mit Geldbündeln gefüllt. Eva blinzelte erneut und hob den Blick zu Daniele.

„Habe ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit?“, fragte er. Seine bisherige gute Laune, die Eva ohnehin nur für eine Fassade gehalten hatte, war plötzlich verschwunden.

Eva nickte. Sie hatte das Gefühl, in einer Parallelwelt gelandet zu sein. Aktenkoffer voller Bargeld gab es nur in Träumen oder im Film. Nicht im echten Leben.

Genauso wenig gab es im echten Leben Männer wie Daniele Pellegrini. Er war nicht nur Milliardär, sondern entstammte auch einem alten Adelsgeschlecht. Was konnte er nur von ihr wollen?

„Wenn Sie mich heiraten, werde ich dieses Geld morgen früh der Blue Train Aid Agency übergeben. Und das ist erst der Anfang.“

„Der Anfang?“, fragte sie mit schwacher Stimme.

„Setzen Sie sich, dann erkläre ich Ihnen alles.“

Zögernd kehrte Eva zu ihrem Platz zurück und ließ sich auf ihren Stuhl sinken, den Blick unverwandt auf Daniele gerichtet, als ob er gleich ein Kaninchen aus seinem nicht existierenden Hut zaubern würde.

Er stürzte seinen Scotch hinunter, füllte sein Glas und schob es ihr zu.

Ohne zu zögern leerte sie es, ohne sich darum zu scheren, dass seine Lippen es zuvor berührt hatten. Noch nie hatte sie einen so weichen Scotch getrunken. Eine Flasche davon kostete vermutlich mehr, als sie pro Woche verdiente.

„Heiraten Sie mich, und Ihre Wohltätigkeitsorganisation bekommt das Geld. Am Tag unserer Hochzeit werde ich zwei weitere Millionen spenden und drei weitere in jedem Jahr unserer Ehe. Außerdem werde ich Ihnen monatlich eine Viertelmillion Dollar überweisen, mit der Sie machen können, was Sie wollen. Von mir aus können Sie die ebenfalls spenden, da ich Ihnen auch eine Kreditkarte geben werde, mit der Sie alle laufenden Kosten begleichen können.“

Eva schwirrte der Kopf. Sie kam sich immer noch vor wie im falschen Film. „Darf ich noch etwas von dem Scotch …?“, murmelte sie.

Daniele leerte sein Glas, bevor er es nachfüllte und ihr reichte.

Doch der Alkohol half ihr auch nicht weiter. Verwirrt schüttelte sie den Kopf und holte tief Luft. „Sie wollen mich dafür bezahlen, Ihre Frau zu werden?“

„Ja.“

„Warum wollen Sie mich denn heiraten?“

„Es geht nicht um das, was ich will, sondern um das, was ich tun muss. Ich brauche eine Ehefrau.“

„Das haben Sie schon gesagt, aber warum ausgerechnet mich? Es gibt doch bestimmt Hunderte Frauen, die Sie nicht bestechen müssen. Warum wollen Sie jemanden heiraten, der Sie noch nicht mal mag?“ Es war zwecklos zu lügen. Sie konnte ihn nicht ausstehen, und das wusste er genau.

„Genau deshalb will ich Sie ja.“

„Ich verstehe nicht.“

Er lächelte grimmig. „Ich will keine Ehefrau, die sich womöglich in mich verliebt.“

3. KAPITEL

Daniele Pellegrini musste den Verstand verloren haben. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde einen solchen Vorschlag machen.

Doch als Eva ihm in die grünbraunen Augen sah, stellte sie zu ihrer Bestürzung fest, dass er genau wusste, was er tat. Was sie noch mehr beunruhigte. Eva schlug das Herz bis zum Hals, doch sie versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. „Niemals!“

Achselzuckend nahm er ihr das Glas ab und schenkte sich großzügig nach. „Ich will keine Ehefrau mit romantischen Vorstellungen. Ich heirate nicht aus Liebe, sondern um an das Erbe meiner Familie zu kommen.“ Anscheinend merkte er ihr ihre Verwirrung an, denn er fügte hinzu: „Mein Bruder starb kinderlos. Ich bin der Zweitgeborene, aber ich kann nur erben, wenn ich verheiratet bin.“

„Wofür brauchen Sie denn noch mehr Geld? Sie haben doch so schon genug.“

„Damit das Schloss unserer Familie auch in der Familie bleibt.“ Er wirbelte den Scotch im Glas, bevor er ihn trank. „Die Pflicht ruft.“

„Sie brauchen eine Frau, um Ihr Erbe anzutreten?“

Sí. Das Erbe …“ Er schien nach den richtigen Worten zu ringen. „Es ist an eine alte Klausel gebunden, der zufolge nur ein verheirateter Mann erben kann.“

„Ist so etwas überhaupt legal?“

Daniele nickte grimmig. „Es würde Jahre dauern, die Klausel außer Kraft zu setzen, und die Zeit habe ich nicht. Ich muss jetzt handeln.“

„Suchen Sie sich eine andere.“

„Ich will aber keine andere. Die Frauen, die ich kenne, sind alle viel zu weich. Sie hingegen sind aus härterem Holz geschnitzt.“

„Sie kennen mich doch gar nicht“, widersprach sie irritiert. „Noch vor zwanzig Minuten dachten Sie, ich sei Engländerin.“

Wenn sie hart war, dann nur, weil sie es hatte lernen müssen. Sich von ihrer Familie abzusetzen und dann auch noch Johann zu verlieren, hatte sie so hart gemacht.

Es war ein langsamer Prozess gewesen. Erst vor vier Jahren war ihr bewusst geworden, wie sehr sie sich verändert hatte. Damals hatte sie in Den Haag gewohnt und gearbeitet. Ein betrunkener Kollege hatte ihr vorgeworfen, kalt und gefühllos zu sein. Als sie in ihre kleine Wohnung zurückgekehrt war, war ihr bewusst geworden, dass er nicht ganz unrecht hatte. Sie war innerlich wie abgestorben …

„Ich weiß alles über Sie, was ich wissen muss, tesoro“, konterte er. „Mehr ist nicht nötig. Ihre Vergangenheit ist mir egal. Ich will kein romantisches Bettgeflüster. Ich will eine Partnerschaft, keine Liebesbeziehung. Jemanden, der auch unter Druck rational und beherrscht bleibt.“

So sah er sie also?

Eva wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Wirkte sie so gefühllos, dass er ihr ein so nüchternes Arrangement zutraute? Früher mal war sie ganz anders gewesen, voller Hoffnungen und Träume, aber die waren irgendwann zu Staub zerfallen.

Doch was sagte Danieles Vorschlag über ihn selbst aus? Warum hatte er eine so zynische Einstellung zur Ehe? „Die Ehe ist kein Spiel“, begann sie. Nervös sah sie zwischen dem Bargeld und Danieles glitzernden Augen hin und her. Mit dem Geld ließe sich eine Menge bewirken. Die Blue Train Aid Agency war komplett auf Spenden angewiesen. Sie hatten nie genug Geld, um alle Projekte zu realisieren.

Was hatte er für schöne Augen …

Mühsam riss sie den Blick von Daniele los und richtete ihn aufs Meer. Kaum zu glauben, dass sie einen so lächerlichen Vorschlag auch nur in Erwägung zog.

„Das hier ist durchaus kein Spiel für mich“, antwortete er. „Heiraten Sie mich, und wir werden alle davon profitieren. Ihre Wohltätigkeitsorganisation bekommt ein garantiertes Einkommen, Sie bekommen unbegrenzten Zugriff auf mein Vermögen, meine Mutter kann beruhigt sein, dass das Schloss weiterhin in der Familie bleibt, und ich bekomme mein Erbe. Sie sind doch ein rationaler Mensch, Eva. Mein Vorschlag macht Sinn.“

„Ich weiß nicht recht.“ Eva festigte ihren Pferdeschwanz. „Sie behaupten, es sei kein Spiel für Sie, aber andererseits argumentieren Sie, dass wir alle dabei gewinnen. Dabei sollte eine Ehe eigentlich die Verbindung zweier Menschen sein, die einander lieben, und nicht die von zwei Menschen, die einander nicht ausstehen können.“

Er zuckte die Achseln. „Meine Familie existiert schon seit Jahrhunderten. Die erfolgreichsten Ehen wurden arrangiert, um Allianzen zu bilden. Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Ich hatte nie das Bedürfnis, mein Leben mit einem bestimmten Menschen zu verbringen, bin aber bereit, mich an Sie zu binden. Es wird natürlich keine Liebesheirat, aber ich kann Ihnen meinen Respekt zusichern.“

„Wie wollen Sie mich respektieren, wenn Sie mich quasi kaufen?“

„Ich werde Sie nicht kaufen, tesoro. Betrachten Sie das Geld als Anreiz.“

„Ich will aber nicht Ihr Besitz sein.“ Eva wollte nie wieder jemandem gehören. Mit achtzehn war sie von ihrer Familie weggelaufen, um sich nicht mehr ihren starren Regeln unterwerfen zu müssen. Unwillkürlich dehnte sie ihre schmerzenden Finger. Sie waren längst verheilt, aber der Schmerz war geblieben – ein Andenken an ihre Vergangenheit. An alles, wovor sie geflohen war.

„Wenn ich eine Frau besitzen wollte, würde ich nicht ausgerechnet Sie wählen.“

Bevor ihr eine Erwiderung darauf einfiel, kehrte der Butler zurück, um ihre Teller abzuräumen. Zu Evas Überraschung war ihrer leer. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass sie die Suppe aufgegessen hatte.

Sie wartete mit ihrer nächsten Frage, bis der nächste Gang serviert worden war: in hauchdünne Scheiben geschnittenes Beef Wellington. „Falls ich Ja sage – was hält mich davon ab, Ihr Geld zu nehmen und damit davonzulaufen?“

„Sie werden erst Zugriff auf mein Konto bekommen, wenn wir verheiratet sind. Nach italienischem Gesetz dürfen Sie sich erst nach drei Jahren von mir scheiden lassen, was Sie natürlich nicht davon abzuhalten braucht, vorher zu gehen. Ich will nur, dass Sie mich rechtzeitig informieren.“

Er würde ihr also vertrauen müssen. Doch noch wichtiger war die Frage, ob sie ihm vertrauen konnte.

Das Beef Wellington war superb. Eva hatte immer vermutet, es handele sich um irgendeinen langweiligen trockenen Braten, doch stattdessen war es zartrosa Fleisch, umgeben von einer raffinierten Hülle aus Pilzen, Petersilie und buttrigem Blätterteig.

„Was für eine Art Ehe schwebt Ihnen genau vor, wenn Sie keine traditionelle wollen?“, fragte sie nach dem köstlichen zweiten Bissen. Auch Eva konnte sich selbst nicht in einer traditionellen Ehe vorstellen, weder mit Daniele noch mit sonst jemandem. Eine Vernunftehe, die ihrer geliebten Wohltätigkeitsorganisation jede Menge Geld einbrachte, klang jedoch überraschend verlockend.

Daniele Pellegrini war ein außergewöhnlich gut aussehender Mann mit unglaublichem Sexappeal, aber trotzdem ließ er Eva kalt. Er mochte eine gewisse körperliche Anziehungskraft auf sie ausüben, doch ihr Herz war bei ihm nicht in Gefahr. Und nur darauf kam es an. Sie wollte sich nie wieder verletzlich machen. Man hatte ihr Herz schon so oft gebrochen, dass der nächste Schlag es zerstören konnte.

„In der Öffentlichkeit werden wir als Paar auftreten“, antwortete er, während eine leichte Brise durch sein dunkles Haar fuhr. „Wir werden unter einem Dach wohnen und gemeinsam Familie und Freunde besuchen und Gäste empfangen. Und eines Tages werden wir vielleicht auch Eltern …“

Eva blieb vor Schreck das Essen im Hals stecken. Hustend schlug sie sich auf die Brust und griff nach einer Wasserflasche.

„Alles in Ordnung?“, fragte Daniele beunruhigt. Er war halb aufgesprungen.

„Nein.“ Sie lachte kurz auf und hustete erneut. „Ich hab mich wohl verhört. Ich dachte, Sie hätten gesagt, dass wir Eltern werden könnten!“

„Ja. Wenn wir heiraten, werden wir ja auch ein Bett teilen.“

„Und das sagen Sie mir erst jetzt?“

„Ich dachte, das verstünde sich von selbst. Ehepaare schlafen miteinander, und ich werde mit Ihnen schlafen.“ Seine Augen blitzten. „Das Bett mit Ihnen zu teilen, betrachte ich als einen der Pluspunkte unserer Ehe.“

„Ich will aber keinen Sex mit Ihnen.“

Er lachte. „Das ist Ihre erste Lüge mir gegenüber. Ich weiß, dass Sie sich zu mir hingezogen fühlen.“

„Wäre das der Fall, hätte ich beim letzten Mal ja wohl kaum Ihr Angebot mit dem Schlummertrunk abgelehnt!“

„Wäre das nicht der Fall, hätten Sie damals nicht gezögert, bevor Sie Nein gesagt haben. Glauben Sie etwa, ich merke es nicht, wenn eine Frau auf mich steht? Ich kenne mich gut mit Körpersprache aus, und Ihre ist die einer Frau, die gegen ihr Verlangen ankämpft. Ich kann gut nachvollziehen, warum. Es kann nicht angenehm sein, einen Mann zu begehren, den man nicht mag.“

„Waren Sie eigentlich schon immer so selbstgefällig?“

„Vermutlich schon. Und Sie haben immer noch nicht abgestritten, dass Sie sich zu mir hingezogen fühlen.“

„Ich fühle mich nicht zu Ihnen hingezogen.“

„Zwei Lügen in einer Minute? Sehr bedenklich bei einer Frau, die meine Ehefrau werden will.“

„Ich habe noch nicht Ja gesagt.“

„Stimmt. Aber das werden Sie, das wissen Sie genauso gut wie ich.“

„Um mal eins klarzustellen! Sollte ich Sie tatsächlich heiraten, werde ich nicht mit Ihnen schlafen.“

„Um ebenfalls eins klarzustellen: Wenn wir heiraten, werden wir ein Bett teilen. Ob wir darin Sex haben, liegt allerdings ganz bei Ihnen.“

„Sie werden nicht auf meinen ehelichen Pflichten bestehen?“

„Das wird nicht nötig sein. Sie können es leugnen, bis Sie schwarz werden, aber zwischen uns knistert es gewaltig, und unter derselben Decke zu liegen, wird das noch intensivieren.“

„Dann würden Sie mich also nicht zwingen?“

Angewidert verzog er das Gesicht. „Niemals. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich nicht versuchen werde, Sie zu verführen – Dio, tesoro, Sie sind verdammt sexy, und ich bin kein Heiliger –, aber ich respektiere das Wort Nein. Sobald Sie Nein sagen, werde ich mich auf die andere Seite drehen und einschlafen.“

Es lag ihr auf der Zunge, ihn zu fragen, ob er sich dann eine Geliebte nehmen würde, aber ihr Bauchgefühl riet ihr davon ab. Sie selbst war schon seit sechs Jahren enthaltsam und hatte Sex bisher nie vermisst, nur das Kuscheln. Sex an sich hatte sie immer gelangweilt. Sie konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, was andere daran fanden. Aber vermutlich war es völlig unrealistisch, von Daniele Enthaltsamkeit zu erwarten.

„Sollte ich Sie heiraten, will ich weiterhin arbeiten.“

„Das ist nicht nötig.“

„Geben Sie denn Ihren Job auf?“

Er hob die Augenbrauen. Wunderschöne Augenbrauen, wie ihr geistesabwesend auffiel.

„Dann wollen Sie also arbeiten, Eva?“

„Klar. Ich liebe meinen Job.“

Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. „Mitten in einem Flüchtlingslager werden Sie jedenfalls nicht mehr leben können.“

Eva war enttäuscht. Sie hatte zwar nur einen Verwaltungsjob, aber ihre Aufgaben waren sehr vielfältig. Sie fühlte sich nützlich. Und sie hatte Erfahrungen gemacht, die sie anderswo nie gemacht hätte. „Ich kann doch nicht einfach so aufhören“, flüsterte sie.

„Warum nicht? Die Organisation wird zwar eine Angestellte verlieren, dafür aber jährlich drei Millionen Dollar bekommen. Und Ihr ausbleibendes Gehalt wird durch meinen Unterhalt mehr als kompensiert.“

„Es geht mir nicht um das Geld.“

„Worum denn dann?“

Sie holte tief Luft. Wie sollte sie Daniele erklären, dass nur ihr Job ihrem Leben einen Sinn gab? Er interessierte sich sowieso nicht für sie oder ihre Beweggründe.

Entschlossen hob Eva das Kinn. „Okay, fünf Millionen jährlich für die Organisation, wenn ich Sie heirate. Und das will ich schriftlich.“

Daniele zuckte nicht mit der Wimper. „Ich nehme das in unseren Ehevertrag auf.“

„Ich werde mir einen Anwalt nehmen, um mich zu vergewissern, dass alles Hand und Fuß hat.“

„Selbstverständlich.“

„Ich habe einen Monat Kündigungsfrist und …“

„Nein“, fiel er ihr ins Wort. „Das dauert zu lange. Ich will in Italien heiraten, und zwar so schnell wie möglich. Vorher muss noch eine Menge organisiert werden. Sie werden morgen Ihre Kündigung einreichen und Ihren Vorgesetzten mitteilen, dass Sie sofort gehen. Oder ich behalte diesen Koffer hier und suche mir eine andere Frau.“ Als er ihren wütenden Blick bemerkte, fügte er hinzu: „Ich werde jemanden suchen, der Sie vertreten kann, bis die Organisation Ersatz für Sie findet.“

„Und wenn Ihnen das nicht gelingt?“

„Das schaff ich schon.“ Er sah wieder so selbstgefällig aus, dass es Eva in den Fingern juckte, ihn zu ohrfeigen. „Aber sobald ich der Blue Train Aid Agency morgen das Geld übergebe, sind Sie verpflichtet, mich zu heiraten. Dann gibt es keinen Weg mehr zurück.“

„Nur unter der Voraussetzung, dass mein Anwalt den Ehevertrag absegnet.“

„Dann also abgemacht? Sie werden mich heiraten? Sie werden morgen Ihren Job kündigen und mit mir nach Italien fliegen?“

„Nur wenn die Agentur die neue Mitarbeiterin, die mich ersetzen soll, auch wirklich akzeptiert.“

„Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen.“

„Ich muss aber noch nach Hause, bevor ich nach Italien fliege.“

Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. „Warum?“

„Sie sind Italiener, ich nicht. Es wird Schwierigkeiten mit der Heiratserlaubnis geben, wenn ich meine Dokumente nicht dabeihabe. Ich habe mal im Außenministerium gearbeitet und weiß daher, wovon ich rede.“

„Ich werde jemanden bei Ihnen vorbeischicken.“

„Ich will aber nicht, dass ein Fremder meine Sachen durchwühlt.“

Daniele sah sie ein paar Sekunden genervt an, nickte dann jedoch. „Okay, wir fliegen zuerst nach Holland. Aber weitere Verzögerungen werde ich nicht dulden. Ich werde meine Anwälte schon mal bitten, den Ehevertrag aufzusetzen.“

Eva bekam wieder einen Anflug von Panik, unterdrückte ihre Bedenken jedoch. Was machte es schon für einen Unterschied, ob sie die nächsten Jahre in einer lieb- und gefühllosen Ehe lebte? Emotional war sie sowieso längst abgestorben. Daniele zu heiraten würde der Blue Train Aid Agency eine Menge Geld bringen, und das war mehr wert als ihr schlecht bezahlter Job dort.

Wie Daniele selbst gesagt hatte – alle Seiten würden davon profitieren.

Trotzdem wurde sie die Angst nicht los, dass es bei so vielen Gewinnern auch Verlierer geben musste.

Andererseits … Was hatte sie schon zu verlieren? Sie würde Daniele nicht ihr Herz schenken, sondern nur ihre physische Anwesenheit. Also ignorierte sie die warnende Stimme in ihrem Hinterkopf und erwiderte Danieles Blick. „Okay.“

„Dann werden Sie mich also heiraten?“

Sie nickte.

„Sagen Sie es“, befahl Daniele.

„Ja, ich werde Sie heiraten.“

Er verzog die Lippen zu einem grimmigen Lächeln. „Dann lassen Sie uns darauf anstoßen.“

Daniele warf einen Blick auf seine Armbanduhr und seufzte ungeduldig. Die verblüfften Leiter der Blue Train Aid Agency hatten seine gigantische Spende entgegengenommen und widerspruchslos die neue Mitarbeiterin akzeptiert, die Eva ersetzen sollte. Seine Anwälte setzten bereits den Ehevertrag auf, und Evas Rucksack lag im Kofferraum seines Wagens. Sie hätten dieses gottverdammte Lager schon längst verlassen können, wenn Eva nicht irgendetwas über Abschiednehmen gemurmelt hätte und verschwunden wäre.

Vor fast einer Stunde.

Gezwungen lächelnd akzeptierte er einen weiteren dünnen Kaffee von einer weiblichen Angestellten, die bei seinem Anblick jedes Mal knallrot anlief. Er wollte nur noch weg aus diesem Lager hier, in dem er sich unwillkürlich für die Privilegien schämte, die er von Geburt an gewohnt war. Er hätte der Agentur die Million auch gespendet, wenn Eva seinen Antrag abgelehnt hätte, aber das brauchte sie nicht zu wissen.

Daniele nippte an dem abscheulichen Gebräu und beschloss, seine Spende zu erweitern und die Hilfsorganisation für die nächsten Jahrzehnte auch noch mit anständigem Kaffee zu versorgen. Als er den Becher gerade beiseitestellte, erschien Eva.

„Fertig?“, fragte er ungeduldig.

Sie nickte. Seit seiner Ankunft heute Vormittag hatte sie kaum ein Wort mit ihm gewechselt und ihn nicht ein einziges Mal angesehen.

„Dann lass uns aufbrechen.“

Der Weg zu seinem Wagen war kurz. Bei ihrem Anblick öffnete der Chauffeur sofort die Beifahrertür.

„Eva!“

Daniele drehte sich um und sah drei männliche Jugendliche auf Eva zulaufen.

Evas Gesicht hellte sich bei ihrem Anblick auf. Sie umarmte sie alle nacheinander und zauste ihnen zum Abschied liebevoll das Haar. Erst dann stieg sie in den Wagen.

Daniele stieg gleich nach ihr ein, bevor sie es sich womöglich noch anders überlegte, und tippte gegen die Trennwand, um dem Chauffeur zu signalisieren loszufahren.

Die Jungs liefen winkend, rufend und Luftküsse verteilend neben dem Wagen her, als er das Lager verließ.

Erst als sie auf der Straße waren und das Lager weit hinter ihnen lag, sah Daniele eine Träne über Evas Gesicht rollen.

Schweren Herzens betrat Eva die kleine Zweizimmerwohnung, in der sie zusammen mit Johann gewohnt hatte.

Staub wirbelte auf, als sie langsam das Wohnzimmer durchschritt. Sie war seit über einem Jahr nicht mehr hier gewesen und hatte seit vier Jahren nicht mehr richtig hier gewohnt. Es wäre natürlich vernünftiger gewesen, die Wohnung zu verkaufen oder zumindest zu vermieten, aber sie konnte sich einfach nicht dazu durchringen.

Die Fotos waren noch dort, wo sie sie zurückgelassen hatte. Sie nahm eins von der Fensterbank. Es zeigte sie und Johann im Schnee. Noch nicht mal die dicke Winterjacke konnte verbergen, wie schmächtig Johann immer gewesen war. Sie sahen beide so jung aus. Sie waren jung gewesen – erst neunzehn, als das Foto geknipst worden war.

Liebevoll küsste sie das kalte Glas und stellte das Foto zurück.

Daniele hatte nicht gerade erfreut reagiert, als sie darauf bestanden hatte, dass er im Wagen blieb. Sie hatte ihn nicht in ihrer Wohnung haben wollen. Lieber hatte sie versprochen, sich nicht länger als zehn Minuten hier aufzuhalten. An diesem Ort hatten Johann und sie sich damals ein Zuhause aufgebaut. Halbe Kinder waren sie gewesen …

Seufzend nahm sie ihren Koffer vom Kleiderschrank und füllte ihn mit ihren wenigen warmen Sachen. Draußen schneite es – ein starker Kontrast zu dem strahlenden Sonnenschein auf Caballeros. Außer ein paar warmen Kleidern nahm sie nichts mit. Ihre Ehe mit Daniele würde schließlich nicht für immer dauern.

Danieles castello in den Hügeln der Toskana war fast genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es dämmerte bereits, und die erhellten Fenster verliehen dem Schloss ein ätherisches, fast gespenstisches Aussehen. Erst aus der Nähe sah sie, wie verfallen es war.

„Hast du vor, es zu sanieren?“, fragte sie, als sie auf dem riesigen Vorhof aus dem Wagen stieg.

„Mein Bruder hat bereits den Südflügel erneuern lassen. Keine Ahnung, was ich mit dem Rest anfange.“ Daniele klang wenig begeistert.

„Gefällt es dir hier nicht?“

Er zuckte die Achseln. „Ich ziehe moderne Architektur vor. Wenn ich könnte, würde ich das Schloss abreißen und von vorne anfangen.“

Sie folgte ihm durch eine solide Eichentür und fand sich in einer Halle mit hoher Decke wieder, die ihr trotz aller Größe und Pracht kalt und muffig vorkam. Bis jetzt hatte ihr die Kälte nichts ausgemacht, doch in diesem zugigen alten Schloss spürte Eva sie bis in die Knochen.

„Der Koch hat schon etwas für uns vorbereitet“, sagte Daniele und rieb sich fröstelnd die Hände. „Ich zeige dir nur rasch unsere Wohnräume.“

Sie folgte ihm zu einem breiten, von Fenstern und Türen gesäumten Korridor. Daniele zeigte auf eine der Türen rechts. „Das ist mein Zimmer. Oder vielmehr unseres, sobald wir verheiratet sind.“ Er lächelte anzüglich. „Natürlich bist du herzlich willkommen, mir dort schon vorher Gesellschaft zu leisten.“

Zynisch lächelte sie zurück. Nur wenn die Hölle zufriert! „Und wo ist mein Zimmer?“

„Du kannst dir eins aussuchen. Serena, unsere Haushälterin, hat sämtliche Betten beziehen lassen. Nur Francescas Zimmer ist tabu.“ Er zeigte auf eine weitere Tür. „Sie würde mich umbringen, wenn ich dich darin schlafen lasse.“

„Wohnt sie hier denn?“ Eva hätte das nicht gedacht. Erst jetzt, wo sie hier war, wurde ihr bewusst, dass sie noch so gut wie nichts über Daniele und seine Familie wusste. Zumindest nichts Persönliches.

„Nein, aber sie kommt oft zu Besuch. Wir haben alle einen Schlüssel und können jederzeit hier übernachten. Francesca ist öfter hier als wir anderen. Aber vermutlich wird sich das ändern, jetzt, wo sie heiratet und nach Rom zieht.“

„Steht ihr euch eigentlich nahe?“

Daniele überlegte kurz und nickte. „Du kennst sie bereits, oder?“

„Ja, wir sind uns auf Caballeros begegnet. Sie hat mir gut gefallen.“

„Umso besser, denn du wirst morgen mit ihr einkaufen gehen.“

„Was? Wieso das denn?“

Daniele musterte Evas übliche Uniform aus Jeans und dickem Pullover kritisch. „Um dir neue Sachen zum Anziehen zu kaufen. Francesca gibt gern mein Geld aus und wird dir mit Vergnügen dabei helfen.“

„Aber warum sollte ich denn dein Geld ausgeben? Wir sind doch noch gar nicht verheiratet.“

Daniele lächelte. „Du bist jetzt hier und hast deinen Job gekündigt. So wie ich das sehe, brauchst du neue Kleidungsstücke. Also gebe ich dir eine Kreditkarte. Aber vorher müssen wir noch ins Konsulat für unsere Heiratserlaubnis und danach zum Standesamt, um einen Hochzeitstermin zu beantragen. Francesca wird uns dort treffen und hinterher mit dir losziehen. Sie kennt sämtliche Läden in Florenz.“

Eva wusste nicht, wann sie zuletzt richtig shoppen gegangen war. Es musste vor ihrer Zeit in der Blue Train Aid Agency gewesen sein.

„Such dir schon mal ein Zimmer aus“, fuhr Daniele fort. „Hinter der Tür am Ende des Korridors ist der Wohnbereich. Dort werden wir später essen.“

„Werden wir hier leben?“ Eva wusste, dass Daniele noch andere Wohnungen und Häuser hatte. Wenn sie hierblieben, brauchte sie wirklich neue Sachen, vor allem warme. Sie hätte nicht gedacht, dass der Winter in der Toskana so kalt sein konnte!

„Nur bis die Erbschaft unter Dach und Fach ist und ich der rechtmäßige Eigentümer bin. Wir sehen uns in einer halben Stunde beim Essen.“ Daniele verschwand in seinem Zimmer.

Unschlüssig betrachtete Eva die vielen Türen auf der rechten Seite des Korridors. Sie entschied sich für das, was am weitesten von Danieles entfernt lag. Es war ein relativ kleiner Raum mit ausgeblichener Tapete und einer Kassettendecke aus Holz. Es hatte ein Himmelbett, einen Schrank, eine Kommode, schwere Vorhänge und einen hübschen kleinen Kamin.

Und vor allem ein Schloss an der Tür! Sie würde nämlich keinen Tag früher als unbedingt nötig das Bett mit Daniele teilen!

4. KAPITEL

Gleich am nächsten Morgen brachen Daniele und Eva zum Konsulat in Florenz auf. Zu Evas Verblüffung bekamen sie auf der Stelle die nötige Heiratserlaubnis. Kopfschüttelnd sah sie den mal wieder selbstgefällig lächelnden Daniele an. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

„Wen hast du bestochen?“

„Niemanden. Ich habe nur ein paar Telefonate erledigt, bevor wir losgefahren sind.“ Er grinste frech. „Wenn ich etwas will, akzeptiere ich eben kein Nein.“

„Ist mir schon aufgefallen“, murmelte sie.

Er konnte wirklich im Handumdrehen Dinge in Bewegung versetzen. Das war Eva schon gestern Abend aufgefallen, als er ihr beim Essen den Entwurf für ihren Ehevertrag vorgelegt hatte. Er hatte sich Punkt für Punkt an ihre Absprachen gehalten.

Danach hatte er ihr einen Grundriss des castello gegeben, den er extra für sie gezeichnet hatte. Überall waren Kommentare hinzugefügt, wie etwa: „Dieses Zimmer solltest du nur mit einem Regenschirm betreten!“ Eva konnte es noch immer kaum fassen, wie viel Mühe Daniele sich mit der Zeichnung gegeben hatte …

Als Nächstes kam das Standesamt dran, wo sie von einem Beamten in Empfang genommen und in dessen Büro geführt wurden. Es musste ungefähr das zehnte Mal seit Danieles Heiratsantrag sein, dass Eva sich fragte, ob sie im falschen Film war. Sie vereinbarte gerade einen Hochzeitstermin mit einem ihr fast Fremden, der ihr noch dazu unsympathisch war. Das Ganze kam ihr irgendwie surreal vor – wie etwas, das jemand anderem passierte.

Daniele zügelte seine Ungeduld, als der Standesbeamte sich bei der Durchsicht der Bescheinigung des Konsulats und von Danieles und Evas Papieren Zeit ließ. Erst nachdem er von allem Kopien angefertigt hatte, reichte er die Unterlagen in einem Stapel zurück.

Daniele nahm sie entgegen. Als sein Blick auf dem obersten Dokument hängen blieb, machte sein Herz einen Satz.

Er hatte keine Ahnung gehabt, dass die kühle Schönheit, die er heiraten wollte, Witwe war.

„Wann ziehst du eigentlich nach Rom?“, fragte Eva die Frau, die in fünf Tagen ihre Schwägerin sein würde.

In fünf Tagen nur …

Der Standesbeamte hatte sich nämlich bereit erklärt, sie schon dann zu trauen.

Eva konnte kaum fassen, wie schnell alles ging. Sie hatte mit einer wochenlangen Wartezeit gerechnet und insgeheim sogar darauf gehofft, um sich besser an die Vorstellung gewöhnen zu können, Daniele zu heiraten.

Er schien wirklich Berge versetzen zu können. Als sei er eine Art Zauberer.

Unmittelbar nach ihrem Termin beim Standesamt hatte Daniele ihr wortlos eine Kreditkarte und einen Schlüssel für das castello überreicht, etwas von Arbeit gemurmelt, und war davongefahren. Er war so kurz angebunden gewesen, dass sie seinem Wagen verwirrt hinterhergesehen hatte. Irgendetwas schien ihn verstimmt zu haben, doch dann hatte Francesca sie mit zum Einkaufen genommen, und sie hatte keine Zeit mehr gehabt, über Daniele nachzudenken.

Der in nur fünf Tagen ihr Ehemann sein würde. Sie würden aneinander gebunden sein, egal was kam.

Plötzlich fühlte sich das Ganze nur allzu real an.

Aber vorerst stand Eva in der Umkleidekabine einer extrem teuren Boutique und knöpfte sich die edle blaue Seidenbluse auf, die sie gerade anprobiert hatte. Beim Anblick des Preisschilds hatte sie einen Schreck bekommen, doch Francesca hatte darauf bestanden, dass sie sie anprobierte. Na ja, achtundzwanzig Jahre Sparsamkeit ließen sich offensichtlich nicht so leicht abschütteln.

„Eigentlich wollten wir schon dieses Wochenende umziehen, haben das aber wegen eurer Hochzeit verschoben.“ Francesca hielt Evas Hand fest, um sie am Aufknöpfen zu hindern. „Behalt die Bluse doch gleich an. Sie steht dir ganz toll.“

„Darf ich das denn?“

„Du hast Danieles Kreditkarte. Mit der steht dir alles offen.“

Eva lachte. Francesca gefiel ihr immer besser. „Aber ich werde darin frieren.“

„Dann kaufen wir dir eben noch einen Mantel. Zieh die schwarze Jeans und die schwarzen Stiefel dazu an.“

Die Jeans hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Jeans, die Eva sonst trug. Die hier saß hauteng und hatte kleine Glitzersteine um die Taschen. Auch so hohe Stiefel hatte Eva noch nie getragen. „Nuttenschuhe“ hätte ihre Mutter sie wegen der hohen Absätze genannt. Sie wäre bei dem Anblick in Ohnmacht gefallen! Und angesichts des Preises hätte sie einen Herzinfarkt bekommen.

Was Daniele wohl zu ihren neuen Sachen sagen würde?

„Weißt du schon, was für ein Hochzeitskleid zu willst?“, riss Francesca sie aus ihren Gedanken. Eva gab sich innerlich einen Ruck. Wen juckte es schon, ob sie Daniele in den neuen Kleidungsstücken gefiel? Sie jedenfalls nicht!

Und doch sahen ihre Wangen im Spiegel verräterisch rot aus …

„Keine Ahnung, aber ich finde schon was“, murmelte sie verlegen. Sie hatte ihre Hochzeit bisher so erfolgreich verdrängt, dass sie sich noch keine Gedanken über ein Kleid gemacht hatte.

„In Pisa gibt es einen tollen Brautmodenladen. Dort habe ich mein Hochzeitskleid gekauft. Darf ich deine Brautjungfer sein?“

„So eine Hochzeit wird das nicht.“

„Sei nicht albern, eine Hochzeit ist eine Hochzeit. Und wer weiß – vielleicht verliebt ihr euch ja ineinander? Das würde mich jedenfalls freuen!“

Eva war so schockiert, dass ihr die Kinnlade nach unten klappte. „Du weißt Bescheid?“

„Dass Daniele dich dafür bezahlt, ihn zu heiraten? Ja, das weiß ich. Genauso wie Felipe und unsere mamma.“

„Und das stört dich gar nicht?“

„Wir wollen alle, dass das castello in unserem Zweig der Familie bleibt. Vor allem nach dem, was Matteo und Natasha uns angetan haben.“ Angewidert verzog sie das Gesicht.

„Matteo? Euren Cousin meinst du? Den Chirurgen?“

Francesca nickte. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Einen Augenblick lang sah sie ganz ähnlich aus wie ihr Bruder Daniele, wenn er mit etwas Unangenehmem konfrontiert wurde. „Hat Daniele dir nichts von ihnen erzählt?“

„Nein. Was denn?“

„Matteo hat eine Affäre mit Pietas Frau, Natasha. Sie ist von ihm schwanger.“

Eva klappte schon wieder die Kinnlade nach unten. „Echt?“

Francesca nickte grimmig. „Ja. Wir haben es erst letzte Woche erfahren. Es stand in allen Zeitungen.“

„Ich lese keine Zeitungen.“ Eva zählte im Geiste eins und eins zusammen. Daniele und Matteo zusammen auf Caballeros … Danieles kaputte Nase … Seine miese Laune … „Letzte Woche? Haben die beiden sich vielleicht deswegen geprügelt?“

„Ja. Es ist so schrecklich! Ich will Matteo nie wiedersehen. Mir wird schon schlecht, wenn ich nur an ihn denke! Er war für uns wie ein Bruder, und Natasha … Wir haben so viel von ihr gehalten. Sie haben uns beide hintergangen.“

Francesca holte tief Luft und blinzelte gegen ihre Tränen an, bevor ihr Gesicht sich wieder aufhellte. „Wie dem auch sei, ich freue mich, dass du Daniele heiratest. Er führt sich manchmal wie ein Idiot auf, aber im Grunde ist er schwer in Ordnung. Und durch eure Heirat bleibt das castello in unserem Zweig der Familie. Falls Matteo nämlich Natasha heiratet, ist er der Nächste in der Erbfolge.“

Eva schwieg betroffen. Sie konnte sich noch gut an ihre erste Begegnung mit Francesca erinnern. Ihre Schwägerin war damals nach Caballeros geflogen, um das Grundstück für das Krankenhaus zu erwerben. Eva hatte ihr ein paar Tipps gegeben und bei dieser Gelegenheit erfahren, dass Daniele das Krankenhaus bauen und Matteo für die Ausstattung und das Personal sorgen würde.

Bei ihrer späteren Begegnung mit den beiden Männern hatten die zwei so vertraut miteinander gewirkt – so vereint in ihrem Bemühen, das Krankenhaus dem verstorbenen Pieta zu Ehren zu vollenden. Und jetzt waren sie, war die ganze Familie auseinandergerissen worden …

Zum ersten Mal stieg so etwas wie Mitgefühl für Daniele in ihr auf. Erst hatte er Pieta verloren und jetzt auch noch den Cousin, der ihm so nahegestanden hatte wie ein Bruder.

Eva war immer noch in Gedanken bei Daniele, als Francesca und Felipe, der in einem Café auf sie gewartet hatte, sie später am Nachmittag beim castello absetzten. Sie dachte schon den ganzen Tag an ihn. Er ließ sie einfach nicht los.

Felipe bestand darauf, ihre Tüten ins Haus zu tragen, schüttelte aber den Kopf, als Eva die beiden fragte, ob sie noch auf einen Drink reinkommen wollten.

„Danke, aber wir müssen noch woandershin“, antwortete Francesca und warf ihrem Verlobten einen vielsagenden Blick zu.

Eva hatte den Verdacht, dass ihre künftige Schwägerin ein Bett meinte. Das offensichtliche Verlangen der beiden nacheinander versetzte ihr einen Stich – vor Neid. Sie hatte auch mal einen Mann geliebt – Johann. Aber Verlangen hatte bei ihren Gefühlen für ihn keine Rolle gespielt.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Es hatte keinen Zweck, sich nach etwas zu sehnen, das sie nie erlebt hatte und wozu sie vielleicht auch gar nicht fähig war.

Als ihr der Mann einfiel, den sie bald heiraten würde, erschauerte sie lustvoll. Daniele war der anziehendste Mann, dem sie je begegnet war. Als Teenager hätte sie sich glatt ein Poster von ihm an die Wand gehängt, wenn ihre Eltern nicht …

Ihre Schwester hatte mal so etwas gewagt. Eva hatte sie angefleht, das Poster abzunehmen, bevor ihre Mutter es sah, doch Tessel hatte sich strikt geweigert. Natürlich hatte sie für ihren Mut büßen müssen, und Eva war nie in Versuchung gekommen, ihrem Beispiel zu folgen. Sie hatte immer aus den Fehlern ihrer Schwester gelernt. Na ja, zumindest meistens. Es hatte so viele Regeln gegeben, dass man früher oder später immer eine davon brach.

Die Erinnerungen verdrängend, zog sie den von Daniele gezeichneten Grundriss aus der edlen Handtasche, zu der Francesca sie überredet hatte. Ihr fiel auf, wie präzise seine Schrift war. Keine Ahnung, warum ihr bei dem Anblick schon wieder ganz heiß wurde.

Drei Mal musste sie zwischen der Eingangshalle und ihrem neuen Zimmer hin- und herlaufen, um sämtliche Tüten und Schachteln zu verstauen. Es war todstill im castello. Anscheinend war sie allein.

Als sie Lust auf einen Kaffee bekam, studierte sie wieder den Grundriss und stellte fest, dass sie am schnellsten in den Küchenbereich kam, wenn sie durch die Wohnräume ging. Vielleicht fand sie ja in der Küche jemanden – zum Beispiel den Koch, der gestern ihr Abendessen und heute Morgen ihr Frühstücksgebäck zubereitet hatte.

Das seltsame Ziehen in ihrem Unterleib verstärkte sich noch, als sie Daniele über den großen Esstisch gebeugt sitzen sah, an dem sie gestern Abend gegessen hatten. Er trug ein dickes dunkelblaues Sweatshirt, studierte irgendeinen Entwurf und hatte verschiedene Kugelschreiber und Bleistifte vor sich ausgebreitet.

Unschlüssig blieb sie in der Tür stehen. Sie fühlte sich plötzlich gehemmt. Er wirkte so konzentriert und versunken. Das hätte sie ihm gar nicht zugetraut.

Als sie gerade mit dem Gedanken spielte zu husten, um sich bemerkbar zu machen, wandte er ihr das Gesicht zu.

Etwas flackerte in seinen Augen auf. Erst nach ein paar Sekunden richtete er sich auf und zog die Ohrstöpsel heraus, die mit seinem Handy verbunden waren. „Sorry, ich habe dich nicht gehört. Ich höre bei der Arbeit immer Musik, bin aber noch nicht dazu gekommen, hier eine Anlage installieren zu lassen. Bist du schon länger zurück?“

„Erst seit etwa zwanzig Minuten. Störe ich?“

„Ganz und gar nicht.“ Er schob einen Ärmel hoch, um einen Blick auf seine Armbanduhr zu werfen, wobei er einen sehr maskulinen Unterarm mit feinem dunklem Haar entblößte. „Ich wusste gar nicht, dass es schon so spät ist. Wie war dein Einkaufsbummel?“

„Ganz okay.“ Mühsam riss Eva den Blick von seinem Unterarm los und begegnete seinem intensiven Blick. Ihr wurde wieder ganz heiß.

Ihre Reaktion brachte sie völlig durcheinander, doch sie beschloss, sich nichts anmerken zu lassen. Trotzig hob sie das Kinn. „Sorry, aber ich habe mehr ausgegeben, als ich wollte.“ Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Francesca sie nur in teure Designer-boutiquen schleppen und zu einem wahren Kaufrausch verführen würde. Inzwischen hatte Eva deswegen Schuldgefühle.

Daniele zuckte die Achseln und dehnte die verspannten Schultern. Er saß schon seit Stunden an diesem Tisch, doch Evas Rückkehr belebte ihn wieder. Sie sah fantastisch in den neuen Sachen aus. Noch besser würde sie aussehen, wenn sie ihr Haar offen tragen würde. Er freute sich schon jetzt auf den Anblick. „Die Kreditkarte gehört dir. Du kannst dir damit kaufen, was du willst.“

„Deine Schwester nimmt mich morgen mit nach Pisa, um ein Hochzeitskleid zu besorgen, aber mehr brauche ich dann erst mal nicht.“

„Man muss nicht unbedingt etwas brauchen, um es zu wollen.“

Daniele fragte sich, ob Eva für ihren ersten Ehemann auch ein Hochzeitskleid getragen hatte. Diese Frage beschäftigte ihn schon seit Stunden. Er hatte sich schließlich Stöpsel ins Ohr gesteckt, um sich mit Musik abzulenken und sich endlich auf den Umbau des Konzerthauses für das Orchestre National de Paris zu konzentrieren. „Ich bin einer der reichsten Männer Europas. Kauf dir, was dein Herz begehrt.“

„Wenn man Geld hat, muss man es noch lange nicht mit vollen Händen ausgeben.“

War das eine gezielte Spitze gegen ihn? Daniele hatte hart für sein Geld gearbeitet. Warum sollte er die Früchte seiner Arbeit nicht genießen? „Du klingst wie eine Puritanerin.“

Sie errötete. „Man braucht nicht Puritaner zu sein, um Verschwendung für falsch zu halten.“

„Vielleicht nicht“, räumte er ein. „Aber wenn man Geld hat, sollte man es auch ausgeben. Das kurbelt die Wirtschaft an.“

Eva legte für einen Moment nachdenklich den Kopf schief, bevor sie achselzuckend eintrat.

Daniele musterte sie wieder bewundernd. Dio, Evas neue hautenge Jeans war total sexy. Sie sah darin aus wie eine zu Leben erwachte Bernini-Statue. Wären ihre Wangen nicht gerötet gewesen, hätte man glauben können, sie sei aus Marmor. Er bekam eine Erektion, als er sich Eva nackt vorstellte. Nicht mehr lange …

Eva räusperte sich. „Ich bin keine Wirtschaftswissenschaftlerin, nur eine Frau, die jahrelang bei den Ärmsten der Armen gearbeitet hat.“

Daniele riss die Gedanken mühsam von seiner Vorstellung von Evas nacktem Körper los. Schon bald würde er sich nicht nur auf seine Fantasie beschränken müssen … „Diese Menschen profitieren nun finanziell von unserer Hochzeit.“

„Ich weiß.“

„Hat dein Anwalt sich schon wegen des Ehevertrags gemeldet?“

Sie nickte. „Er hat mir geraten zu unterschreiben.“

„Das überrascht mich nicht.“ Daniele hatte seinen eigenen Anwalt gebeten, den Vertrag so kurz und klar wie möglich aufzusetzen.

„Nur eins ist mir aufgefallen …“

„Was denn?“, hakte Daniele nach, als Eva verstummte und den Blick verlegen zu Boden senkte.

„Nirgendwo steht, dass wir das Bett miteinander teilen werden.“

„Soll ich den Vertrag entsprechend ergänzen?“, fragte er verwirrt.

„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf so vehement, dass ihr Pferdeschwanz flog.

„Bist du sicher? Wir können gern festhalten, dass wir jede Nacht das Bett teilen werden, solange wir verheiratet sind.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und verhüllte so ihre neue und extrem schmeichelhafte Seidenbluse. War ihr eigentlich bewusst, wie sehr der glänzende Stoff ihre Brüste betonte? Eva war wirklich verdammt sexy, und die Vorstellung, schon bald jede Nacht neben ihr zu liegen, war so erregend, dass sie ihm sogar den Verlust seiner Freiheit versüßte.

„Ich ging einfach davon aus, dass es im Vertrag stehen würde, mehr nicht“, murmelte sie.

„Das war eine private Abmachung. Ich ging davon aus, dass du dich daran halten wirst. Oder sollte ich mich geirrt haben?“

Zum ersten Mal, seitdem er sie kannte, wirkte sie völlig durcheinander, was sie jedoch nicht davon abhielt, seinen Blick trotzig zu erwidern. „Nein, ich werde mich an unsere Abmachung halten.“

„Dann brauchen wir auch nicht weiter darüber zu reden. Ich werde meinen Anwalt bitten, morgen vorbeizukommen, damit wir den Vertrag unterschreiben können.“

Eva nickte und ging an Daniele vorbei zur Tür, die zu den Küchenräumen des castello führte. Die Arme hatte sie immer noch um ihre Körpermitte geschlungen.

„Wann wolltest du mir eigentlich mitteilen, dass du schon mal verheiratet warst?“, hörte er sich spontan fragen.

Abrupt blieb sie stehen und drehte sich langsam zu ihm um. Ihr Gesicht war eine emotionslose Maske. „Hast du nicht selbst gesagt, dass meine Vergangenheit dich nicht interessiert?“

Daniele beschloss, genauso cool zu bleiben. Eva hatte nicht ganz unrecht, doch sie war ihm gegenüber immer so unterkühlt und distanziert, dass er sie generell so eingeschätzt hatte, auch wenn er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie herzlich sie sein konnte. Zu den Jugendlichen auf Caballeros zum Beispiel. Die Vorstellung, dass sie einem anderen Mann nahe genug gewesen war, um ihn zu heiraten, war irgendwie verstörend, auch wenn er selbst nicht wusste, wieso. „Ich finde einfach, dass ich das hätte wissen müssen.“

„Wie konnte ich das ahnen, nachdem du mir so nachdrücklich versichert hast, bereits alles über mich zu wissen, was du wissen musst? Ich bin schließlich keine Hellseherin!“

Und er hatte seine Schwester für explosiv gehalten! Der einzige Unterschied zwischen ihr und Eva war, dass Eva auch in ihrer Wut äußerlich kühl und beherrscht blieb, was so faszinierend wie aufreizend war. Sie könnte wirklich aus Marmor sein.

Daniele versuchte, seinen eigenen Ärger zu zügeln. „Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?“

Spöttisch hob sie eine Augenbraue. „Woher soll ich wissen, was du für wichtig hältst?“

Hast du ihn aus Liebe geheiratet?

Doch Daniele behielt diese Frage für sich. Das war nicht wichtig. Es war sogar so unwichtig, dass er sich fragte, warum ihm diese Frage überhaupt durch den Kopf geschossen war. „Wie wärs zum Beispiel mit Vorstrafen?“, versuchte er zu witzeln, um die Spannung etwas zu entschärfen.

„Keine Vorstrafen“, antwortete sie und zeigte auf die Tür zum Küchenbereich. „Ich hol mir einen Kaffee. Willst du auch einen?“

„Ich kann doch jemanden vom Personal bitten, uns etwas zu bringen.“

„Ich wusste nicht, dass gerade jemand hier ist.“

„Das Küchenpersonal schon.“

„Dann gehe ich mich mal vorstellen.“ Sie zuckte die Achseln. „Schließlich wohne ich hier bis auf Weiteres, da sollte das Personal mich kennen.“

„Geh die zweite Treppe im Flur hoch und dann links. Der Fahrstuhl für das Personal funktioniert leider nicht mehr. Wir müssen ihn reparieren lassen, so wie fast alles in diesem verdammten alten Kasten.“

Eva zuckte nur erneut die Achseln und ging weiter.

Aber Daniele konnte sich eine weitere Frage nicht verkneifen. „Was ist eigentlich mit deinem Mann passiert?“

„Du möchtest wissen, woran Johann gestorben ist?“

Daniele nickte. Hätte der Anblick des Todesscheins ihm nicht einen solchen Schock versetzt, hätte er ihn sich vermutlich gründlicher durchgelesen.

„An einem Hirntumor.“

„Das tut mir leid.“

Sie presste die Lippen zusammen. „Danke“, sagte sie nickend.

Daniele zögerte einen Moment. „Wie lange wart ihr verheiratet?“

„Vier Jahre.“

„Ihr müsst noch sehr jung gewesen sein, als ihr geheiratet habt.“

„Wir waren beide erst achtzehn.“

Daniele war verblüfft. Eva war eine moderne, unabhängige Frau. Was hatte sie dazu bewogen, so früh zu heiraten?

Ihm war bewusst, dass er sie nur zu fragen brauchte. So offen, wie sie ihn ansah, würde sie ihm alles sagen, was er wissen wollte. Sie würde jede seiner Fragen beantworten, aber er würde darauf verzichten.

Er brauchte nicht mehr zu erfahren, als er schon wusste.

Schon gar nicht, ob sie Johann aus Liebe geheiratet hatte.

Zu Evas Verblüffung vergingen die nächsten vier Tage wie im Flug. Jedes Mal, wenn sie auf die Uhr sah und damit rechnete, dass erst zehn oder zwanzig Minuten vergangen waren, war schon eine Stunde vorbei. Daniele bekam sie kaum zu Gesicht. Er hatte vor ihrer Hochzeit noch jede Menge zu erledigen und überließ sie daher mehr oder weniger sich selbst. Was sich ändern würde, sobald sie verheiratet waren.

Wie versprochen fuhr Francesca mit Eva nach Pisa und überraschte sie anschließend mit einem Restaurantbesuch, bei dem auch Vanessa Pellegrini, Evas künftige Schwiegermutter, dazustieß. Zu Evas Erleichterung nahm sie sie genauso herzlich auf wie ihre Tochter. Auch sie war offensichtlich hocherfreut über diese Hochzeit. Sollte sie sich daran stören, dass ihr Sohn Eva dafür bezahlte, behielt sie das jedenfalls für sich.

Eva verbrachte die restlichen Tage damit, das castello und seine Umgebung zu erkunden. Die winterlichen Weinreben waren kahl, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass sie in den heißen Sommertagen voller dicker, saftiger Trauben hängen würden. Wenigstens etwas, worauf sie sich freuen konnte.

Sie besichtigte auch die Privatkapelle des castello, in der Daniele und sie getraut werden würden. Sie hatte deswegen Bedenken gehabt und Daniele darauf angesprochen. „Wenn wir uns beide einig sind, ist unsere Heirat kein Sakrileg“, hatte er nur geantwortet.

„Aber es ist keine echte Hochzeit.“

Er hatte sie mit seinen grünbraunen Augen fixiert. „Als mein Vorfahr Emmanuele der Dritte geheiratet hat, hat der Vater der Braut sie an den Armen festhalten müssen, damit sie nicht wegläuft. Was wir hier machen, ist verglichen damit harmlos, und sie waren trotzdem zwanzig Jahre lang verheiratet.“

„Und? Waren sie glücklich?“, hatte Eva spöttisch gefragt.

Daniele hatte gelacht. „Wohl kaum. Aber so lange brauchst du nicht auszuharren. Du kannst gehen, wann immer du willst.“

„Was nur meine Skepsis bestätigt. Warum heiraten wir nicht nur standesamtlich?“

„Weil ich eine richtige Hochzeit will. Du wirst meine einzige Ehefrau sein. Wenn du irgendwann gehen willst, dann geh, aber ich werde nie wieder heiraten. Außerdem wird eine kirchliche Trauung meine Mutter glücklich machen, und sie kann gerade weiß Gott etwas Freude gebrauchen.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet gewesen.

Seitdem Eva ihre Schwiegermutter kannte, musste sie ihm widerstrebend recht geben. So lieb und herzlich Vanessa ihr gegenüber auch gewesen war – man merkte ihr ihre Trauer deutlich an. Genauso wie Francesca. Die beiden versuchten zwar, sich nichts anmerken zu lassen, aber Pietas Tod setzte ihnen ganz offensichtlich immer noch zu.

Plötzlich verspürte Eva auch für Daniele Mitgefühl. Der Tod seines Bruders musste ihn tief getroffen haben. Und dann hatte er sich auch noch mit dem Cousin entzweit, der ihm so nahegestanden hatte wie ein Bruder …

5. KAPITEL

Als die Uhr Mitternacht schlug, schnürte sich Evas Hals zu.

Es war so weit. Heute würde sie zum zweiten Mal heiraten. In zwölf Stunden würde sie Johanns Namen ablegen und Signora Pellegrini werden.

Das Feuer im Kamin brachte kaum Wärme. Sie hatte sich in die schweren Decken gekuschelt, sodass ihr einigermaßen warm war, aber sie konnte einfach nicht einschlafen.

Der Fußboden war kalt unter ihren bestrumpften Füßen, als sie sich ihren neuen dicken Morgenmantel überstreifte und ihr Zimmer verließ, um etwas Heißes zu trinken. Fasziniert vom Anblick hinter den beschlagenen Fenstern im Korridor blieb sie stehen. Sie wischte eine Fensterscheibe frei, um mehr zu erkennen. Ja, draußen schneite es – in der Toskana ein rarer Anblick.

Wie verzaubert setzte sie sich auf die kalte Fensterbank, wischte noch mehr Kondenswasser mit einem Ärmel ab und presste das Gesicht an die Scheibe, um die verschneiten Weinreben und Hügel zu betrachten – eine magische Szenerie, die so schön war, dass ihr fast die Tränen kamen.

In diesem Augenblick ging die Wohnzimmertür auf, und Daniele erschien. Sein dunkles Haar war zerzaust, und er trug eine Rolle mit Bauzeichnungen unterm rechten Arm. Er sah erschöpft aus und hatte Bartstoppeln im Gesicht. Trotzdem erwachten ihre Sinne bei seinem Anblick zu neuem Leben.

„Ich dachte, du schläfst schon“, sagte er und ging auf sie zu.

Evas Herzschlag beschleunigte sich. Verstohlen zog sie den Gürtel ihres Morgenmantels enger. „Ich konnte nicht einschlafen.“

„Aufgeregt wegen der Hochzeit?“, witzelte er.

„Ich sterbe fast vor Aufregung“, witzelte sie verkrampft zurück.

Ihre Blicke begegneten sich … und schon wieder sprühten die Funken. Ein spannungsgeladenes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.

„Du wirst dich noch erkälten, wenn du zu lange hier sitzen bleibst“, sagte Daniele irgendwann. Seine Augen funkelten belustigt.

„Es schneit.“

Er setzte sich neben sie und wischte Kondenswasser von einer Scheibe. „Stimmt. Ich weiß gar nicht, wann es hier zuletzt geschneit hat.“ Er stieß einen leisen Fluch aus, als die Scheibe sofort wieder beschlug. „Diese Fenster sind eine Schande.“ Er dehnte den Nacken. „Ich brauche dringend ein Arbeitszimmer. Ich kann nicht ständig am Esszimmertisch arbeiten.“

„Hier gibt es doch genug Zimmer“, antwortete Eva mechanisch. Fasziniert betrachtete sie Danieles muskulöse Oberschenkel, nur wenige Zentimeter von ihren entfernt.

Noch nie waren sie einander körperlich so nahe gewesen.

„Die Fenster sind total verrottet.“

Ich friere gar nicht mehr, fiel Eva auf. Sie wusste nicht, ob es an Danieles körperlicher Nähe lag oder an etwas anderem, aber sie spürte die Kälte nicht mehr. Bei der Vorstellung, dass sie ab morgen Nacht neben Daniele liegen und seine Körperwärme spüren würde, wurde ihr noch wärmer …

„Warum hat dein Bruder nicht auch diesen Flügel sanieren lassen?“, fragte sie aus purer Verzweiflung. Daniele war einfach zu attraktiv, zu maskulin. Und er duftete zu gut. Egal, wie sehr sie versuchte, ihn zu ignorieren – sie reagierte einfach auf ihn. Das musste sie dringend in den Griff bekommen.

Sie musste sich von ihm fernhalten! Aber wie sollte sie das tun, wenn sie ab morgen sein Bett teilen und jeden Morgen neben ihm aufwachen würde?

Daniele lächelte humorlos. „Pietas Ziel war, dass das castello sich selbst trägt. Deshalb hat er den Südflügel zuerst sanieren lassen. Wir vermieten die Säle und einige der Schlafzimmer an Firmen für Tagungen. Und Touristen kommen gerne für romantische Wochenenden und Geisterjagden.“

Eva erschauerte, aber nicht wegen des Themas. „Spukt es denn hier etwa?“

„Wenn man an so etwas glaubt. Glaubst du daran?“

„Nein.“ Sie glaubte nur an das, was sie sehen und fühlen konnte.

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