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JULIA EXTRA BAND 453

CLARE CONNELLY

Liebesbetrug im Inselparadies?

Allein mit Rio in seinem Inselparadies, kann Matilda dem sexy Milliardär nicht lange widerstehen. Doch sie ahnt: Sobald ihr Traummann entdeckt, wer sie wirklich ist, wird ihr Liebesmärchen jäh enden!

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Als Tycoon Alex mit Adele in seine griechische Heimat reist, begehrt er sie heimlich immer mehr. Aber er ist nicht nur ihr Boss, auch andere Umstände machen eine Beziehung mit ihr unmöglich! Oder?

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Die Anziehungskraft zwischen Dane Redmond und seiner Nochehefrau Xanthe ist so magisch wie damals! Nach einer heißen Liebesnacht auf seiner Jacht kommt allerdings das schockierende Erwachen …

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Die schüchterne Jane darf sich nichts vormachen: Ihre Ehe mit Scheich Zayed ist eine rein geschäftliche Abmachung! Doch beim Blick in seine glutvollen Augen prickelt es trotzdem gefährlich sinnlich …

Liebesbetrug im Inselparadies?

PROLOG

Seltsam, dass Rio sich seiner Mutter so nahe fühlte an einem Ort, an dem sie nur wenige Wochen ihres Lebens verbracht hatte. Es kam ihm vor, als spürte er in dem kleinen Haus ihre Gegenwart und hörte im Rauschen der Wellen ihre Stimme. Sobald er die Augen schloss, sah er Rosa. Nicht schwach und matt wie im Krankenhaus. Sondern so, wie sie die Zeit auf dieser Insel verbracht haben musste. Barfuß im Sand und unbeschwert lachend.

Rio schwenkte sein Scotch-Glas in der Hand, bis das Eis darin klirrte. Und während er einen Schluck des kühlen Getränks nahm, sah er zu den Sternen hinauf. Es gab so viele, hier an diesem wunderschönen Ort, weit entfernt von Zivilisation und Problemen.

Kein Wunder, dass Rosa diesen Ort geliebt hatte.

Ihr Leben war von Problemen bestimmt gewesen. Von Sorgen, Einsamkeit, Verlust und Schmerz. Und jetzt saß Rio auf der Terrasse vor dem Haus des Mannes, der so viel von diesem Schmerz hätte lindern können, wenn er nur einmal den Mut gehabt hätte, sich zu Rosa zu bekennen.

Rio schüttelte den Kopf, als ihm klar wurde, dass das Haus gar nicht mehr Piero gehörte. Sondern seinem Sohn.

Ihm selbst.

Es war ein Erbe, auf das Rio nur zu gerne verzichtet hätte.

Auch zwei Monate nach dem Tod seines Vaters wollte er nichts mit diesem Mann zu tun haben. Weder mit seinem Geld noch mit der Insel, auf der Piero und Rosa so glücklich gewesen waren. Rio wollte nur vergessen. Und das würde er, sobald dieses Stück Land am Ende der Welt verkauft war.

1. KAPITEL

„Cressida Wyndham?“

Es wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Lüge zu korrigieren. Aufrichtig zu sein und diesem ganzen Schlamassel zu entkommen. Warum konnte sie nicht einfach die Wahrheit sagen?

Nein, ich bin Matilda Morgan. Ich arbeite für Art Wyndham.

Sie konnte es nicht, weil sie mit dem Rücken zur Wand stand. Weil ein kleiner Gefallen für eine reiche Erbin zu einer Zwangslage geworden war, der sie, Tilly, nicht entkommen konnte. Weil sie dringend die dreißigtausend Pfund brauchte, die Cressida für die „Geste der Freundschaft“ auf ihr Konto überwiesen hatte. Tilly war gekauft und bezahlt worden, und es würde schreckliche Folgen haben, wenn sie den Plan nicht nach Abmachung durchzog.

Es ging nur um eine Woche. Und war es nicht richtig, sieben Tage lang zu lügen, wenn man damit ein Leben retten konnte?

„Ja“, sagte sie leise und erinnerte sich dann daran, dass sie eine Erbin zu spielen hatte. Solche Frauen sprachen mit Selbstbewusstsein.

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht, zwang sich zu dem strahlenden Hollywoodlächeln, das sie stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte, und sah zu dem Mann hinüber, der ein paar Meter entfernt am Strand der Insel stand.

Dann erstarrte sie. „Sie sind Rio Mastrangelo.“

Der Mann antwortete nicht, doch Tilly war sich auch auf die Entfernung ganz sicher. Illario Mastrangelo war einer der bedeutendsten Großunternehmer Londons. Zeitungen, Fernsehsendungen und das Internet berichteten regelmäßig von seinem einzigartigen Verhandlungstalent und seinem gnadenlos guten Aussehen, das jeder Frau zittrige Knie verschaffte. Und von seinem unbeugsamen Willen, der ihn für die meisten Menschen unantastbar machte.

„Ja“, antwortete er schließlich knapp, bevor er durch das seichte Wasser auf das Motorboot zuwatete, mit dem Tilly gekommen war. Sie merkte, wie ihre Knie zu Wackelpudding wurden. Sicher lag das nur am Schaukeln des Bootes. Denn es war für Tilly das erste Mal, dass sie mit einem Schnellboot gereist war.

„Ich hatte erwartet, auf einen Immobilienmakler zu treffen“, rief sie, um ihre Unsicherheit zu verbergen.

„Hier gibt es nur mich.“

Tilly blickte Hilfe suchend in die Richtung des Bootsführers, eines mageren alten Mannes mit wettergegerbter Haut, der zu beschäftigt mit dem Lesen einer Zeitung schien, als dass er seinen Fahrgast mit Aufmerksamkeit bedenken konnte. Dann blickte sie zurück auf Rio Mastrangelo. Seine Jeans waren durch das Laufen im Wasser bis zu den Knien nass geworden. Sie klebten an seiner Haut, sodass Tilly sofort die muskulösen Beine auffielen, die sich unter dem Stoff abzeichneten. Ihr Herz schlug laut.

„Auf der Reise wirst du nur irgendeinem unbedeutenden Immobilienmakler und den Hausangestellten begegnen“, hatte Cressida ihr versprochen. „Sag ihnen einfach, dass du ungestört bleiben willst, um die Insel kennenzulernen und zu entspannen. Die Tage in Italien werden wie ein bezahlter Urlaub für dich. Keine Sorge!“

Nur dass bereits ein paar Sekunden mit Rio Mastrangelo besorgniserregend waren. Dieser Mann war alles andere als unbedeutend. Und Tilly würde es niemals schaffen, ihm gegenüber die Fassade einer Milliardärin aufrechtzuerhalten.

„Haben Sie einen Koffer?“, fragte er in diesem Moment.

Tilly griff nach der Louis Vuitton Tasche, die Cressida ihr geliehen hatte, während Rio Mastrangelo ganz dicht ans Boot trat, um ihr die Tasche abzunehmen. Für einen Moment blickte er zu Tilly auf, und noch einmal hatte sie das Gefühl, dass ihre Knie nachgaben.

Rio Mastrangelo sah im wahren Leben noch viel besser aus als auf den Bildern, die Zeitungen und Magazine von ihm veröffentlichten. Oder vielleicht hatte Tilly den Fotos einfach nie genügend Beachtung geschenkt?

Sie hatte einiges über ihn gelesen. Der Mann, der so nah vor ihr stand, war ein Immobilienmagnat, der sich innerhalb weniger Jahre ein eigenes Unternehmen aufgebaut hatte. Vor ungefähr einem Jahr war er in aller Munde gewesen, weil er mehrere Straßenzüge im Süden Londons gekauft hatte. Tilly erinnerte sich an ein Interview, in dem er beteuert hatte, die ursprüngliche Schönheit der alten Häuser bei der Renovierung erhalten zu wollen. Und daran, wie froh sie über sein Versprechen gewesen war. Denn in dieser Gegend gab es einen der ältesten Pubs in London. Knirschende Holzböden und schräge Wände zierten das antike Lokal, in dem Tilly während ihrer Schulzeit im Sommer gearbeitet hatte. Der Gedanke, dass man es niederreißen und durch ein modernes Restaurant ersetzen könnte, hatte sie traurig gemacht.

„Sie reisen mit leichtem Gepäck“, bemerkte Rio Mastrangelo.

Tilly nickte. Sie hatte zwei Bikinis in die Tasche geworfen, zusammen mit einem Paar Flip-Flops, einigen Büchern und Sommerkleidern. Mehr hatte sie für eine einsame Woche auf einer italienischen Insel nicht für nötig befunden.

Ihr Empfangsherr schwang die Tasche über seine linke Schulter und reichte dann Tilly seine rechte Hand, um ihr beim Aussteigen aus dem Boot zu helfen. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie befürchtete, jeden Moment ohnmächtig zu werden.

„Danke, ich komme zurecht“, stammelte sie und presste die Lippen zusammen, als ihr einfiel, dass eine reiche Erbin sicher nichts lieber tat, als sich von hinreißenden Männern helfen zu lassen. Wenn sie in ihrer Rolle überzeugen wollte, musste sie einen Snob erster Güte spielen.

Cressida Wyndham war eine Frau, deren Eskapaden den meisten Menschen Röte in die Wangen schießen ließen. Die ihren Vater, Tillys Boss, nach Strich und Faden ausnutzte und belog. Art hatte seine Tochter gebeten, die kleine Insel auf ihre Eignung als einen potenziellen Hotelstandort zu überprüfen. Doch da Cressida Besseres zu tun hatte, war Tilly für sie eingesprungen.

Und jetzt musste sie einem der wichtigsten Unternehmer Londons eine Scharade vorspielen. Tilly grübelte, wie ihr das jemals gelingen sollte, während sie sich auf wackeligen Beinen in Richtung der Leiter begab, auf der sie von Bord des Schnellbootes gehen musste. Sie vermied es, Rio Mastrangelo anzusehen. Er war schön. Zu schön. Nicht auf die Art, wie man es von Hollywood-Beaus kannte. Nicht auf klassische Weise betörend oder attraktiv. Er wirkte wie ein ungeschliffener Diamant. Das war Tilly bereits aus halbwegs sicherer Entfernung klar aufgefallen. Doch jetzt, wo sie die Leiter betrat und Rio Mastrangelo viel zu nahe kam, festigte sich das Bild des unzähmbaren Fremden.

Seine Haut war braun gebrannt und seine Wangen von dunklen Bartstoppeln bedeckt, so als hätte er sich seit Tagen nicht rasiert. Seine Augen, die von den dunkelsten und geschwungensten Wimpern gerahmt waren, die Tilly je an einem Mann gesehen hatte, waren grau und erinnerten an ein aufgewühltes Meer. Sein gewelltes Haar war pechschwarz und so lang, dass es den Kragen seines Hemdes berührte. Rio Mastrangelo war groß und sehr schlank, und seine breiten Schultern und die muskulösen Arme und Beine ließen auf regelmäßige sportliche Betätigung schließen.

Tilly schluckte. Sie musste diese Inspizierung beenden. Sonst würde sie niemals sicheren Fußes das Festland betreten. Erneut zwang sie sich zu ihrem eingeübten Lächeln und sah in Rios Gesicht.

Ein Fehler. Denn seine wunderschönen Augen fesselten sie so sehr, dass sie nur noch verlegener wurde. Das Boot schwankte bedrohlich, und Tilly musste sich für einen Moment am Geländer festklammern.

Tilly verfluchte ihre Unsicherheit, bevor sie ihr türkisfarbenes Kleid und die langen kirschroten Haare glatt strich, um so elegant wie möglich die oberen Stufen der Leiter hinabzusteigen. So wie es Cressida bei ihrem strahlenden und selbstbewussten Auftritt getan hätte. In der Mitte der Treppe angelangt, zog sie ihre Sandalen von den Füßen und hängte sie mit den Riemchen an den Daumen.

Der Bootsführer war so nah wie möglich ans Ufer der Insel gefahren, doch die letzten Meter zum Strand würde Tilly – ebenso wie Rio Mastrangelo – durch das seichte Wasser laufen müssen. Schon berührte sie mit ihren Zehen die warmen Wellen, als das Boot erneut schwankte … so heftig, dass Tilly komplett den Halt verlor – und höchst unelegant ins Wasser stolperte.

Sie wäre wohl mit den Knien voraus in den himmelblauen Ozean gestürzt, wenn Rio Mastrangelo sie nicht wie selbstverständlich aufgefangen hätte. Mit der Louis Vuitton Reisetasche auf seinen starken Schultern, machte er einen schnellen Schritt auf Tilly zu und schwang seinen rechten Arm um ihre Taille, kurz bevor sie sich vollkommen zur Idiotin machte.

Galant half er ihr, sich aufzurichten, doch Tilly entging das spöttische Aufleuchten seiner grauen Augen nicht. Aus nächster Nähe sah er verheerend gut aus, und Tilly musste sich zusammenreißen, um ihn nicht anzustarren. Die kleinen Sommersprossen auf seiner perfekten Nase und seine wunderschönen Augen, die in diesem Moment mit der Sonne um die Wette leuchteten.

„Sagten Sie nicht, Sie kommen zurecht?“, fragte er kritisch.

Tillys Puls raste. Was für eine Närrin sie doch war! Cressida hätte einen Auftritt niemals so vermasselt. Sie hätte Rio Mastrangelos Hand in dem Moment genommen, als er sie ihr angeboten hatte. Dann hätte sie ihre Fingernägel über seine Handfläche streifen lassen und ihn dazu ermutigt, sie so anzustarren, wie Tilly es bei ihm getan hatte. Um anschließend alles zu tun, was man mit einem hinreißenden Mann auf einer einsamen Insel tat.

Doch Matilda Morgan war eine ungeschickte Anfängerin. Von einem Schnellboot zu fallen passte perfekt zu ihr. Wie hätte ihr Zwillingsbruder Jack in diesem Moment gelacht. Und sie mit ihm. Tilly konnte normalerweise gut über ihre eigenen Missgeschicke lachen. Jack und sie hatten das ihr ganzes Leben lang getan.

Sie spürte, wie sie beim Gedanken daran auch jetzt lachen musste. Es ließ sich einfach nicht unterdrücken, obwohl sie sich in Rio Mastrangelos Gegenwart furchtbar dafür schämte.

„Es tut mir leid.“ Sie presste ihre linke Hand vor ihre Lippen, um sich zu zwingen, mit dem Lachen aufzuhören. „Ich bin der ungeschickteste Mensch auf diesem Planeten.“

Dieses natürliche Lachen … Rio hätte so etwas niemals von Cressida Wyndham erwartet. Noch weniger das Geständnis eines Mangels an Eleganz.

Als Art ihm gemailt hatte, er würde seine Tochter schicken, um die Insel auf eine Eignung zum Kauf zu überprüfen, hatte Rio mit allem gerechnet. Nur nicht damit, dass die schöne Erbin sein Herz dazu bringen konnte, lauter zu schlagen.

Sie war bekannt für ihr Desinteresse am Unternehmen ihres Vaters. Für ihre schnellen und nicht immer sinnvollen Kaufentscheidungen. Dafür, hinter einem hinreißenden Gesicht einen Menschen ohne Werte und Ideale zu verstecken. Solche Frauen hatte Rio zu Hunderten gekannt. Und auch, wenn viele von ihnen seinen Körper berührt hatten – sein Herz hatte keine erreicht.

Doch Cressida Wyndhams Lachen wärmte Rio mehr als die Sonnenstrahlen, die sich im himmelblauen Wasser des Meeres brachen. Und es klang für ihn schöner als das Rauschen der Wellen.

Immer noch schmunzelnd löste sie sich von ihm. „Es ist alles in Ordnung“, versicherte sie. „Ein bisschen Wasser hat noch keinem geschadet.“

Rio nickte, zog seine Hand zurück und wies mit einer lässigen Bewegung die Küstenlinie hinauf. „Sie können sich im Haus abtrocknen.“

Zum ersten Mal nahm Tilly die Schönheit der Insel wahr. Üppiges Grün, darüber rote Klippen, die in der Höhe in sanfte Ockertöne übergingen. In der Ferne sah sie Bäume – Zypressen, Oliven und Zitronenbäume, vermutete sie. Der blendend weiße Sandstrand erstreckte sich über die ganze Bucht. Und ein einziges Haus stand am Ende der Bucht.

Ob es eine Hütte war, ein großer Bootsschuppen oder ein Ferienhaus, das konnte Tilly nicht erkennen. Aus der Ferne zeichnete sich nur eine simple Steinkonstruktion mit hellblauen Fenstern ab, von denen die Farbe bereits begann, abzublättern. Als sie sich dem Strand näherten, erkannte Tilly eine überdachte Veranda mit einem kleinen Tisch und zwei Korbsesseln. Eine große Topfpflanze, die offenbar seit Jahren Wind und Wetter trotzte, war wie ein Wächter an der Tür postiert. Neben dem kleinen Haus stand ein Motorrad, daneben ein Anhänger mit einem Schnellboot darauf.

Tilly war wirklich gespannt, was wohl dieses Gebäude war, auf das Rio mit schnellen Schritten zulief. Nur mit Mühe schaffte sie es, ihm zu folgen. Hätte jemand wie Cressida sich für einen anderen Menschen beeilt? Tilly wusste es nicht.

Und so hielt sie einfach für einen Augenblick inne, um ihre Füße in den warmen Sand zu graben. Sie war von der Schönheit dieses Ortes verzaubert und wollte das überwältigende Gefühl genießen. Eine warme Brise streichelte ihr Haar, und ihre Haut und begann bereits, Tillys durchnässtes Kleid zu trocknen. Dankbar blickte sie zum leuchtend blauen Himmel empor und flüsterte: „Es ist wunderschön hier.“

Rio hörte die Worte genau. Obwohl er wusste, dass sie nicht für ihn bestimmt waren, drehte er sich um. Und erstarrte. Cressida Wyndhams Kleid war bis zum Bauch durchnässt. Wusste sie, dass sie ebenso gut völlig nackt am Strand hätte stehen können? Denn statt ihren Körper zu bedecken, betonte der nasse Stoff ihre sinnlichen Kurven. Ihr rotes Haar hatte sich aus seinem Knoten gelöst und fiel in sanften Wellen über Cressida Wyndhams Rücken. Sie wirkte wie einem Gemälde oder einem Traum entsprungen.

Sie war wunderschön.

Rio biss die Zähne zusammen und wandte sich ab, als er sich darauf besann, was Zeitungen über diese Frau schrieben. Sie war eine verwöhnte Göre ohne Moral, die alles tat, um Männer um den Finger zu wickeln.

Kopfschüttelnd stieg er die Stufen des kleinen Hauses hinauf und öffnete die Tür.

„Was haben Sie vor?“, fragte Cressida Wyndham, und Rio spürte den Blick ihrer großen grünen Augen auf sich.

„Ich zeige Ihnen, wo wir beide wohnen“, erwiderte er knapp und trat ins Haus, ohne sich noch einmal nach seiner hübschen Begleiterin umzusehen.

Tillys Herz flatterte in ihrer Brust wie ein gefangener Vogel.

Wir beide?

Das kleine Haus war höchstens für einen einzigen Menschen angelegt. Und selbst für den würde es eng werden. Tilly trat durch die schmiedeeiserne Tür. Es war kühl und dunkel in dem kleinen Flur. Die Hitze des Tages hatte die steinernen Wände noch nicht durchdrungen. Am Ende des Flures fiel Licht auf ein Bett, einen Schreibtisch und ein Bücherregal.

„Ihr Zimmer“, hörte sie ihren Gastgeber mit einem Kopfnicken in Richtung des hellen Raumes sagen. Er wies auf eine Tür zu seiner Linken. „Und dort ist meins.“ Dann öffnete Rio Mastrangelo eine weitere Tür. „Das Badezimmer.“

Im Vorbeilaufen spähte Tilly in den winzigen gefliesten Raum. Das Bad war einfach, aber sauber. Es roch nach Rio Mastrangelos Eau de Toilette. Tilly atmete den frischen maskulinen Geruch ein, und ihr Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich.

„Da drüben ist die Küche“, erklang die Stimme ihres wohlriechenden Begleiters.

Tilly blickte nach rechts und erkannte einen weiteren winzigen Raum mit einem Herd, der mindestens fünfzig Jahre alt sein musste. Vor dem Fenster standen ein Holztisch und vier passende Stühle. Es sah reizend aus. In einer Ecke summte ein kleiner Kühlschrank. Und durch das Fenster konnte man den Strand sehen. Verträumt starrte Tilly für einen Moment hinaus.

„Ich habe Ihnen das Schlafzimmer hergerichtet, von dem Sie ebenfalls einen Blick auf den Strand haben“, hörte sie Rio Mastrangelo unvermittelt sagen. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen.“

„Ich wusste nicht, dass wir im selben Haus untergebracht sind“, entgegnete Tilly scheu.

„Es ist das einzige Haus auf der Insel.“ Die sarkastische Nuance, die in seinen Worten mitschwang, entging Tilly nicht, als er hinzufügte: „Hat Ihr Vater Ihnen das nicht mitgeteilt?“

Tilly sah zu Boden. Als sie im Vorfeld nach der Unterkunft gefragt hatte, war Cressida ihr immer wieder ausgewichen. Sie hatte nur permanent von der friedvollen Abgeschiedenheit der Insel gesprochen.

Ob ihr klar gewesen war, dass Tilly ein winziges Haus mit Rio Mastrangelo teilen würde? Hatte sie deshalb beschlossen, die Reise nicht selbst anzutreten: um dem Mann, der als einer der schwierigsten Verhandlungspartner seiner Branche galt, mit einer kunstvollen Täuschung aus dem Weg zu gehen?

„Er muss es irgendwie vergessen haben“, antwortete Tilly mit einem Schulterzucken. Sie hoffte inständig, dass Rio Mastrangelo nicht hören konnte, wie laut ihr Herz bei dem Gedanken an das Zusammenleben in dem kleinen Häuschen schlug. Wenn sie Cressidas dreißigtausend Pfund nicht so dringend gebraucht hätte, wäre sie in diesem Moment einfach zurück zum Strand gelaufen – in der Hoffnung, dass der Kapitän des Schnellbootes seine Zeitung noch nicht ausgelesen hatte und Tilly gleich mit zurück aufs Festland nehmen konnte.

Aber Tilly brauchte das Geld. Für ihren Bruder. Sie würde alles tun, um Jack zu helfen. Und Cressida wusste das.

Rio Mastrangelo zog Tillys Gepäckstück von seinem Arm, bevor er es ihr reichte und auf die geöffnete Tür des hellen Schlafzimmers wies. „Fühlen Sie sich einfach wie zu Hause.“

Tilly griff nach der Tasche, ohne ihren attraktiven Gastgeber anzusehen. Ihre Finger berührten seine, und es fühlte sich an, als zuckte ein Blitz durch ihren Körper. Rio Mastrangelo musste es bemerkt haben, denn er zog augenblicklich seine Hand zurück, sodass die Tasche zu Boden fiel.

„Entschuldigung“, murmelte Tilly.

Ihr Gastgeber bückte sich, um ihr Gepäck aufzuheben und in Tillys Schlafzimmer zu bringen. „Vielleicht sollten Sie sich etwas Trockenes anziehen“, bemerkte er, als er zurück auf den Flur trat. „Sie zittern ja am ganzen Körper.“

Tilly nickte wortlos, bevor sie ihre Schlafzimmertür schloss und in ihrem nassen Kleid auf das schmale Bett sank. Wenn eine simple Berührung seiner Hand sie bereits dermaßen durcheinanderbrachte, stand ihr wohl eine ziemlich anstrengende Woche bevor.

Rio starrte für einen langen Moment auf die Tür, die hinter Cressida Wyndham ins Schloss gefallen war.

Wie konnte eine verzogene Tochter aus reichem Hause so hinreißend sein?

Mit den riesigen smaragdfarbenen Augen in ihrem zarten Gesicht, dem roten Haar, das nicht glatt wie auf den Zeitungsfotos war, sondern sich im Wind und der Ozeanluft zu Wellen gekräuselt hatte, und dem nassen Kleid, das noch immer an ihrem Körper klebte, erinnerte sie ihn an eine Meerjungfrau.

Allein der Gedanke, dass sie hinter der Tür aus ihrer Kleidung schlüpfte, ließ das Blut in Rios Adern brodeln. Und er war froh darüber. Seit der Nachricht vom Tod seines Vaters hatte er kein Interesse mehr an den vielen Frauen gehabt, die Woche für Woche anboten, sein Bett zu teilen. Zu fühlen, wie sein Körper zurück ins Leben fand, war gut. Auch wenn er seinen Empfindungen für Cressida Wyndham niemals nachgeben würde, genügte ihm die Vorfreude darauf – sobald er die Insel verließ –, die Nummer von Anita, Sophie oder einer der anderen Frauen zu wählen, die um Rückruf gebeten hatten. Und dann würde er ein paar sehr angenehme Lebensgewohnheiten wiederentdecken, die ihm die Trauer der letzten zwei Monate genommen hatte.

2. KAPITEL

„Sind Sie hungrig?“ Rio saß über einen Stapel Akten gebeugt am Küchentisch und blickte nicht auf, als Tilly den Raum betrat.

„Nein, nein.“ Zögerlich trat sie auf ihn zu. Sicher war es keine gute Idee, Rio Mastrangelo bei der Arbeit zu stören. Doch sie hatte ein wirklich wichtiges Anliegen: „Mein Telefon funktioniert hier nicht.“

Er löste den Blick von seinen Dokumenten und blickte Tilly an, als käme sie vom Mond. „Hier auf der Insel sind Strom und fließendes Wasser die einzige Infrastruktur. Wenn Sie ein Funknetz und WLAN erwartet haben, muss ich Sie leider enttäuschen.“

„Was tun Sie in Notfällen?“

„In welchen Notfällen?“

„Falls Probleme auftauchen. Eine Bande von Seeräubern, eine Attacke durch wilde Tiere, oder falls einer von uns krank wird?“

Ängstlich musterte Tilly Rio Mastrangelos Gesicht und sah, wie der verständnislose Blick aus seinem Gesicht wich. Stattdessen trat erneut ein amüsiertes Funkeln in seine grauen Augen. Ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen, und schließlich begann er, aus vollem Herzen zu lachen. Es klang so fröhlich und überwältigend, dass ein Schwarm von Schmetterlingen in Tillys Bauch aufflatterte. Und sie konnte nicht anders, als in Rio Mastrangelos Lachen einzustimmen.

„Sollten tatsächlich Seeräuber oder wilde Tiere hier auftauchen, verspreche ich, Sie zu beschützen, Cressida! Und falls es wirklich Probleme wie Krankheiten oder ein Feuer geben sollte, habe ich ein Satellitentelefon, mit dem wir Hilfe holen können.“

Die Schmetterlinge in Tillys Bauch flogen wilder. Rio Mastrangelo versprach ihr, sie zu beschützen? Gänsehaut breitete sich auf ihrem ganzen Körper aus, und ihre Knie begannen so sehr zu zittern, dass sie sich am Türrahmen festhalten musste.

Ihr Gastgeber schien zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Denn er erhob sich schnell von seinem Platz und trat auf Tilly zu. „Ist alles in Ordnung?“

Sie nickte und zwang sich zu einem Lächeln.

„Sie brauchen sich wirklich nicht zu fürchten“, erklärte Rio Mastrangelo. „Ein Wassertank und ein Generator sorgen sicherlich dafür, dass Sie die kommende Woche ohne allzu große Komforteinbußen überleben werden. Und falls Sie Ihren Vater kontaktieren müssen, kann ich Ihr Tablet oder Ihren Laptop mit dem Satellitentelefon verbinden, sodass Sie Internetzugang haben. Langsamen Internetzugang zwar, aber eine Verbindung zum Rest der Welt.“

„Danke schön. Das hilft mir weiter.“ Tilly schluckte, während sie versuchte, die Informationen zu verarbeiten. Vielleicht war ja die vollkommene Isolation der Insel der Grund, warum Cressida den Auftrag ihres Vaters nicht selbst übernommen hatte? Für ein Glamourgirl musste es schwer sein, eine Woche am Ende der Welt zu verbringen. Für ein einfaches Mädchen wie Tilly hingegen klang es wie ein Traum. Wer immer dieses Haus auf der Insel errichtet hatte, wollte der Welt entkommen. Und das war etwas, was Tilly sich schon oft gewünscht hatte.

Es war nur der Gedanke an die gemeinsamen Tage mit Rio Mastrangelo, der ihren Traum überschattete. Denn was manchen Menschen als ersehntes Schlupfloch erschien, konnte anderen wie das perfekte Liebesnest vorkommen. Wie viele Frauen hatte Rio wohl schon hierhergebracht, um ihnen zu sagen, dass er sie beschützen würde? Um ihnen Zärtlichkeiten ins Ohr zu flüstern, die nach den Tagen auf der Insel vergessen waren? Und was erwartete er von Tilly, die sich unwissend und arglos auf eine gemeinsame Zeit mit ihm eingelassen hatte?

„Möchten Sie das Internet jetzt gleich benutzen?“, hörte sie ihn wie von weit her fragen. Wie gerne hätte Tilly mit Ja geantwortet. Um Cressida eine E-Mail zu schicken, in der sie ihre Sorgen loswerden konnte. Und den Ärger darüber, ausgenutzt und reingelegt worden zu sein. Doch natürlich stand ihr das nicht zu. Sie atmete tief durch und zwang sich zu einem weiteren Lächeln. „Ich möchte mir erst mal die Insel ansehen. Sie wissen, dass ich nur eine Woche habe, um alles nach Arts … Daddys Wünschen zu erkunden.“

„Natürlich.“ Rio Mastrangelo strich durch sein dunkles Haar. Sein Hemd wurde durch die Geste ein wenig nach oben gezogen, sodass es ein paar Zentimeter seines flachen Bauches enthüllte. Unwillkürlich blickte Tilly auf die gebräunte Haut. Die definierten Muskeln. Als ihr klar wurde, was sie tat, zuckte sie zusammen, als hätte sie sich verbrannt. Schnell sah sie zurück in Rio Mastrangelos Gesicht.

Er nickte kurz und lief dann zum Küchentisch zurück, um seine Dokumente einzusammeln. „Ich begleite Sie“, erklärte er und sah zu Tilly auf. „Damit ich Sie vor Gefahren beschützen kann.“

Tillys Nervenenden gingen durch die mit tiefer und heiserer Stimme gesprochenen Worte nur noch mehr in Flammen auf. Ihr ganzer Körper schien plötzlich vor Sehnsucht nach Rio Mastrangelo zu glühen. Röte schoss in ihre Wangen, als sie spürte, wie ihre Brustwarzen sich gegen den dünnen Stoff ihres blauen Leinenkleides drückten. Denn sie wusste, dass Rio Mastrangelo nicht entging, welchen Effekt er auf sie hatte.

„Ich finde schon meinen Weg.“ Sie lächelte schwach. Dann erinnerte sie sich an ihre Rolle und fügte in ihrem kühlsten Geschäftston hinzu: „Ich komme zurecht!“

Erneut trat ein amüsiertes Funkeln in Rio Mastrangelos Augen. „So wie Sie beim Aussteigen aus dem Boot zurechtkamen?“

Das war nicht gerade höflich.

Tilly spürte Ärger in sich aufkommen. Ärger auf Cressida, die ihr den ganzen Schlamassel eingebrockt hatte. Und auf den viel zu gut aussehenden Mann, der jetzt mit seinen Akten in der Hand zu ihr in den Türrahmen trat. „Ein Gentleman sollte so etwas nicht sagen“, erklärte sie würdevoll.

„Was bringt Sie auf die Idee, dass ich ein Gentleman bin?“, fragte er leise. Rio Mastrangelo stand ihr so nahe, dass sein Atem ihr Haar berührte, als er sprach.

„Nichts …“, stammelte Tilly, der es schwerfiel, sich zu konzentrieren. „Aber ich habe wirklich einen guten Orientierungssinn. Ich finde immer meinen Weg zurück.“

„Dennoch werde ich Sie begleiten“, erklärte Rio entschlossen und fragte sich, warum er Arts Tochter nicht einfach gehen ließ. Er hatte noch unglaublich viel Arbeit vor sich. Pläne für den Kauf eines Wolkenkratzers in Manhattan und die Renovierung eines Einkaufzentrums in Kanada waren auszuarbeiten. Es war nicht gut für ihn, seine Zeit mit einem sturen, verzogenen Mädchen wie Cressida Wyndham zu vergeuden. Auch wenn er zugeben musste, dass er ihre Gegenwart genoss. Außer, dass sie ein wenig zu viel redete.

„Warum?“, hörte er Cressida in diesem Augenblick fragen.

Rio biss die Zähne zusammen. „Weil ich Ihrem Vater versprochen habe, dass ich auf Sie aufpasse.“ Mit diesen Worten drückte er sich an seiner schönen Besucherin vorbei, um die Akten in sein Schlafzimmer zu bringen.

„Wenn Sie wirklich Ihre Zeit damit verschwenden wollen, für mich den Immobilienmakler zu spielen, dann kommen Sie eben mit“, hörte er Cressida Wyndham rufen, die noch immer im Türrahmen seiner Küche stand.

Kurze Zeit später lief sie an Rios Seite den Strand entlang. Seit dem Verlassen des Hauses hatte sie nichts gesagt, und obwohl Rio den ruhigen Spaziergang genoss, begann er sich zu fragen, ob er sie mit seinem Verhalten in der Küche gekränkt hatte. Er musste Art Wyndham dazu bringen, seinen Vertrag zu unterschreiben, sodass er die Insel schnellstmöglich loswerden konnte. Rio wollte nichts besitzen, das ihn mit seinem Vater verband.

Prüfend blickte er in Cressidas Gesicht. Ihre Züge wirkten entspannt, und ihre großen Augen strahlten, fast als ob der Anblick der Insel sie beruhigte. Als ob sie glücklich war. Rio schluckte. Hatte er sich bei seinem ersten Besuch hier nicht ähnlich gefühlt? Als er vor vielen Jahren genau diesen Weg zusammen mit seiner Mutter gegangen war? Es ist, als hätte Gott uns ein kleines Stück Himmel geschenkt, mein Schatz, hatte seine Mum ihm immer wieder gesagt. Und sie hatte recht gehabt. Das dunkle Türkis des Meeres. Der wolkenlose Himmel. Die strahlende Sonne.

Cressida Wyndhams Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen. „Ich hatte nicht erwartet, dass es so himmlisch hier ist.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Himmlisch?“ Rio sah sie erstaunt an, als ihm die Ähnlichkeit zu den Worten seiner Mutter bewusst wurde.

„Ja.“ Cressida Wyndham hielt seinem Blick stand. „Dieser Ort ist ein Paradies.“

Dann schloss sie für einen Moment die Augen, und als sie Rio wieder ansah, war ihm, als bemühte sie sich um ein absichtlich zynisches Lächeln. „Zumindest ist es das, was Daddy allen Touristen klarmachen wird, sobald er die Insel gekauft und hier ein Luxushotel errichtet hat.“

Rio nickte. Selbstverständlich durfte er von einem verzogenen Mädchen wie Cressida Wyndham nicht mehr erwarten. „Die Insel ist perfekt geeignet für ein Luxushotel. Prim’amore wird den Gästen Ihres Vaters unvergessliche Ferien bieten.“

Prim’amore?“ Arts Tochter sah ihn an. „Was bedeutet das?“

„Erste Liebe“, übersetzte er für sie.

„Das ist romantisch. Gibt es einen besonderen Grund für diesen Namen?“

„Nein“, log Rio und schüttelte den Kopf.

Lügen. Geheimnisse. Auch wenn er die Insel verkauft hätte, würde er dieses Erbe seines Vaters niemals loswerden. Es würde immer Dinge geben, die er niemals sagen durfte. So wie er selbst niemals hätte existieren dürfen.

„Warum verkaufen Sie Ihre Insel?“, hörte er Cressida Wyndham in diesem Augenblick fragen. Sie hatte offenbar zu ihrer Redseligkeit zurückgefunden.

„Ich will sie nicht“, antwortete Rio knapp.

Sie blieb für einen Moment stehen. „Wie kann man so ein Paradies nicht wollen?“

Rio blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu seiner Besucherin um. Aus ein paar Schritten Entfernung sah er Cressida Wyndham an. Sie war ein ganzes Stück kleiner als er und wirkte zerbrechlich und zart an diesem Strand. Ihr rotes Haar wehte im Sommerwind, und ihre weit aufgerissenen Augen erschienen riesig in ihrem schmalen Gesicht. Rio verspürte plötzlich einen fast übermenschlichen Wunsch danach, seine schöne Besucherin einfach in seine Arme zu schließen.

Was war nur mit ihm los?

Innerlich fluchend vergrub er beide Hände in den Taschen seiner Jeans und zwang sich zu einer professionellen Antwort. „Ich besitze bereits eine Insel im Mittelmeer. Das sollte genügen.“ Er sah Arketà vor sich. Seine Luxusinsel mit der riesigen Villa, dem Hubschrauberlandeplatz und den drei Schwimmbädern. Es war großartig dort. Und dennoch musste Rio sich eingestehen, dass es nicht das Paradies war.

Er hörte Cressida Wyndham auflachen. „Und ich befürchtete schon, dass Ihr Interesse an Schönheit nur eine Erfindung der Medien sei.“

Ihr Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. Rio wünschte sich, er hätte mehr davon hören dürfen. Und dass Cressida Wyndham wüsste, wie viel Interesse er an Schönheit hatte. Besonders an ihrer …

Er sah sie für einen Moment an und hätte beinahe dem Drang nachgegeben, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Warum haben Sie Prim’amore gekauft, wenn Sie es nicht brauchen?“, hörte er sie in diesem Augenblick fragen.

Und schon wusste er wieder, warum es besser war, die Wahrheit zu verbergen. Er wollte mit niemandem darüber sprechen, dass die Insel für ihn eine Last war, die er nicht mehr ertragen konnte. Ebenso wenig wie die vielen anderen Geheimnisse seiner Familie.

„Weil ich ein hoffnungsloser Romantiker bin und den Namen der Insel mochte“, log er.

Wieder musste Tilly laut lachen. „Nein. Ich würde mein Leben darauf verwetten, dass Romantiker nicht zu den Wörtern gehört, mit denen man Sie im Allgemeinen beschreibt.“

„Ach nein?“ Auch auf Rio Mastrangelos Lippen trat ein Lächeln. „Und worauf gründet diese Annahme?“

Tilly trat auf ihn zu, sodass sie ihren Spaziergang am Strand fortsetzen konnten. „Nach allem, was man über Sie liest und hört, sind Sie ein hoffnungsloser Workaholic mit Affären am laufenden Band. Das passt nicht gerade zu den Idealen eines Romantikers.“

„Vielleicht zeichnen die Medien ja nur ein oberflächliches Bild. Ich hatte Sie mir auch ganz anders vorgestellt“, entgegnete Rio Mastrangelo lächelnd.

Tilly wäre vor Schreck beinahe gestolpert. „Warum?“, platzte es aus ihr hervor.

Hatte sie etwas falsch gemacht, das sie bereits nach einer guten Stunde als falsche Cressida enttarnt war?

Eigentlich war ihr Plan doch narrensicher gewesen. Tilly und Cressida sahen einander so ähnlich, dass sie bei ihrem ersten Treffen in Arts Büro selbst erschrocken waren. Dasselbe lange rote Haar, dieselbe helle Haut. Nur dass Tilly in der Sonne leichter Bräune annahm. Beide waren beinahe gleich groß, und da die von Natur aus spindeldürre Cressida an den entsprechenden Stellen mit Silikon nachgeholfen hatte, waren auch ihre Figuren zum Verwechseln ähnlich.

„Ich hatte Sie für eine Person ohne Tiefgang gehalten“, erklärte Rio Mastrangelo unverblümt. „Doch ich denke, Ihr Desinteresse an der Welt ist nur gespielt. In Wirklichkeit sind Sie gar nicht so oberflächlich.“

Tilly atmete auf. Doch im selben Augenblick überkam sie eine Welle von Mitgefühl für Arts Tochter. Auch wenn ihr Lebensstil eigensüchtig und ausschweifend war … Cressida war mehr als eine glanzvolle Fashionista. „Die Zeitungen sind nicht immer fair zu mir“, sagte sie leise.

„Zu mir auch nicht“, erklärte Rio Mastrangelo. „Also wissen wir beide voneinander nur, dass wir eigentlich nichts voneinander wissen.“

Tilly musste lächeln. „Und wir wissen, dass Sie eine Insel verkaufen möchten, an der mein Daddy großes Interesse hat.“ Sie sprach die Worte fröhlich, doch im Herzen verspürte sie einen schmerzhaften Stich. Denn die Vorstellung, dass in wenigen Monaten ein riesiges Hotel und breite Straßen die schöne Landschaft zerstören würden, tat Tilly weh. Sie mochte sich nicht vorstellen, wie Massen von Touristen über das wunderschöne Paradies herfielen.

„Warten Sie, bis Sie Ihrem Vater von dem Vulkan berichtet haben“, fügte Rio Mastrangelo hinzu. „Das wird sein Interesse wahrscheinlich noch steigern. Er gibt dem Luxus-Ferienort noch einen Hauch von Abenteuergeist. Und genau das ist es doch, was die Touristen von heute wollen.“

„Ein Vulkan?“ Tilly war sich nicht sicher, ob sie das wollte. „Ist das Ihr Ernst?“

„Natürlich. Er ist zwar erloschen, doch er ist echt.“

„Wie kann man sicher sein, dass er erloschen ist?“

„Es fließt keine Magma mehr darin.“

„Wer sagt das?“

Jetzt lachte Rio Mastrangelo. Es klang beruhigend und beinahe fröhlich und ließ Tilly ihre Angst vergessen.

„Ein ganzes Team von Geologen sagt das“, erklärte er. „Aber wir können gerne auf den Berg fahren, wenn Sie sich selbst überzeugen möchten.“

Tilly starrte ihn mit offenem Mund an. In einen Vulkankrater hinabzusehen war so ziemlich das Gefährlichste, das sie sich vorstellen konnte. So ziemlich. Denn je länger sie in Rio Mastrangelos wunderschöne Augen sah, desto mehr befürchtete sie, dass das Feuer eines Vulkans nicht das Einzige war, woran sie sich hier verbrennen würde.

„Ich denke, es wäre das Beste“, zwang sie sich zu sagen. Cressida würde sich niemals vor so etwas drücken. Und Tillys Verhalten hatte Rio Mastrangelo bereits misstrauisch gemacht. Sie musste ihre Rolle der verzogenen Erbin etwas überzeugender spielen. „Brechen wir doch gleich auf!“

„Wir werden das morgen machen.“

„Warum nicht jetzt?“

„Weil es nicht ganz ungefährlich ist und weil Sie bereits eine weite Reise hinter sich haben.“

„Aber …“

„Kein Aber!“

Insgeheim war Tilly unendlich froh, sich erst morgen der Gefahr stellen zu müssen. Sie wollte viel lieber noch ein wenig am Strand entlanglaufen und das Gefühl genießen, wie die sanften Wellen die Haut an ihren Füßen und Knöcheln streichelten.

„Ich weiß, Sie sind gewohnt, dass alle nach Ihrer Pfeife tanzen, aber erwarten Sie das bitte nicht von mir!“ Der Mann, der noch vor zwei Minuten fröhlich gelacht hatte, sprach nun mit schroffer Stimme.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich kenne viele Frauen wie Sie“, erklärte Rio Mastrangelo, ohne Tilly dabei anzusehen. „Sie sind mit mehr Geld aufgewachsen, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben sehen werden. Und Sie glauben, mit einem Wort alles zu bekommen, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben! Aber bei mir funktioniert das nicht.“

Tilly wusste, dass sein Angriff nicht ihr selbst, sondern ihrer Doppelgängerin galt. Und dennoch ärgerte es sie, dass ihr Begleiter einen Menschen, den er gerade mal eine gute Stunde kannte, aufgrund achtloser Spekulationen und Gerüchte verurteilte. „Weil Sie ebenso gewohnt sind, dass alle nach Ihrer Pfeife tanzen?“, fragte sie bitter und bereute es in dem Moment, als die Worte ausgesprochen waren.

Rio Mastrangelo sah sie jetzt an. Doch sein Blick war so düster, dass es Tilly Angst machte. „Im Gegensatz zu Ihnen habe ich mir das hart erarbeitet, Principessa“, erklärte er abfällig.

Tilly war nicht sicher, was sie von dieser Aussage halten sollte. Die Worte schienen mehr zu beinhalten als bloße Geringschätzung für eine starrsinnige Erbin. War Rio Mastrangelo vielleicht im Gegensatz zu den meisten Großunternehmern der westlichen Welt nicht in Reichtum und Überfluss aufgewachsen? Tilly hatte zu wenig über ihn gelesen, um seinen Lebenslauf zu kennen. Vielleicht hatte sie an einem der nächsten Tage die Möglichkeit, sich ein paar Informationen im Internet anzusehen. Oder sie könnte Rio Mastrangelo einfach fragen …

Doch irgendetwas im Ton seiner Stimme warnte sie, das Thema weiterzuverfolgen, als er sagte: „Da vorne endet der Sandstrand, und die Klippen beginnen. Ich denke, wir sollten zurückgehen und den felsigen Weg für einen der nächsten Tage aufsparen.“ Ohne Tilly noch eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und lief in die Richtung der Hütte.

3. KAPITEL

Was für eine Folter. Jedes einzelne Schlagloch auf dem unebenen Weg.

Da Rio die Kapazität des alten, aber leistungsstarken Motorrads mit der Unbeschwertheit eines Experten nutzte, sah Tilly sich gezwungen, ihre Beine, so fest es ging, an seine zu pressen und ihre Arme um seine Taille zu schlingen. Unter ihren Händen fühlte sie sein Herz rasen. Und da sie ganz nah an ihn gedrückt saß, atmete sie die Frische seines Eau de Toilette ein, den Duft seiner Haut und seines Haares. Ihr Magen schlug Purzelbäume.

Oh, wie sie in diesem Moment die Fliehkraft hasste! Bei jeder Bodenwelle wurde ihr Körper für den Bruchteil einer Sekunde vom Sitz gelöst, nur um aufgrund der hohen Geschwindigkeit im nächsten Moment mit voller Wucht gegen Rio Mastrangelos Rückseite zu prallen. Und Tilly konnte nicht verhindern, dass ihre intimste Weiblichkeit dabei seinen Po berührte. Oder dass das Ganze Bedürfnisse und Wünsche in ihr wachrief, die sie kaum zu ignorieren vermochte. Hitze, die nichts mit der Morgensonne zu tun hatte, ließ ihre Körpertemperatur gefährlich ansteigen.

Tilly war nie ein großer Fan von Autos oder anderen motorisierten Fahrzeugen gewesen. Oder von den Männern, die sie besaßen. Sie hatte immer den Typus des Jungen von nebenan bevorzugt. Einfach, nett, freundlich. Mit strahlendem Lächeln, blonden Haaren und blauen Augen. Jungen, die ihre Mutter ‚Madam‘ nannten und sich zusammen mit Jack und Tillys Vater Fußballspiele ansahen.

Rio Mastrangelo war alles andere als der nette Junge von nebenan. Doch Tilly begehrte ihn in diesem Augenblick mehr als irgendeinen anderen Mann zuvor.

Sie sah zur Seite, um den Blick über die wunderschöne Landschaft schweifen zu lassen, während sie mit Rio auf dem Motorrad den Berg zu erklimmen begann. Doch all ihre Konzentration blieb auf ihn gerichtet. Anstatt sich am glitzernd blauen Meer zu erfreuen oder den wunderschönen Blumen am Wegrand, konnte sie nur daran denken, wie es wohl wäre, mehr von Rio zu spüren.

Auf dem Ledersitz seines Motorrads von ihm geliebt zu werden.

Sie verfluchte sich dafür.

Ebenso wie für die Tatsache, dass sie letzte Nacht von ihm geträumt hatte und danach in einem seltsamen Zustand von Verwirrung und Erregung aufgewacht war. Denn diese Träume hatten ihren Körper empfindsamer gemacht. Und jetzt, wo sie Rio Mastrangelos Haut so dicht an ihrer spürte, nur getrennt durch den dünnen Stoff ihrer beider Sommerkleidung, war Tilly wirklich in großen Schwierigkeiten.

Für jemanden wie Cressida Wyndham standen zwanglose Liebesnächte mit Fremden ganz oben auf der Tagesordnung. Tilly jedoch hatte kein Interesse an derartigen Affären und Abenteuern. Nicht dass sie prüde gewesen wäre. Doch sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch, mit dem sie ihre geheimsten Bedürfnisse und Wünsche teilte, nach kürzester Zeit wieder aus ihrem Leben verschwand. Sie war immer auf der Suche nach einem Märchen gewesen. Nach einem Mann, der ihr sein Herz zu Füßen legte. Für immer.

Und es musste jeder Frau auf den ersten Blick klar sein, dass Rio Mastrangelo niemandem sein Herz zu Füßen legte. Er war ein Mann, der sich nahm, was er brauchte. In jeder Hinsicht. Was ihn ganz sicher zu einem sensationellen Liebhaber machte …

Tilly unterdrückte ein Stöhnen. Nur mit Mühe konnte sie sich davon abhalten, ihre Hände, die in diesem Moment auf Rio Mastrangelos Brustkorb ruhten, tiefer wandern zu lassen. Um den Saum seines T-Shirts zu ertasten und ihre Fingerspitzen darunterzuschieben, damit sie die Wärme seiner Haut direkt an ihrer spüren konnte. Doch das war unmöglich.

Auf keinen Fall konnte sie diesen Wünschen nachkommen.

Es wäre ein Verrat ihrer Werte. Und ein Verrat gegenüber Cressida. Denn zum ersten Mal in ihrem Leben schien der glanzvollen Erbin etwas wirklich wichtig zu sein. „Ich habe einen wichtigen privaten Termin, Tilly. Ich würde nicht um deine Hilfe bitten, wenn es sich dabei um eine Nichtigkeit handelte. Doch Mum und Dad würden niemals billigen, dass ich aus persönlichen Gründen eine Geschäftsreise absage. Bitte nimm dir ein paar Tage frei, und vertrete mich.“

Tilly arbeitete lange genug für Art, um zu wissen, dass es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten stand. Und jedes Mal, wenn er Sorgen oder eine Auseinandersetzung mit Cressida hatte, ging es ihm schlechter. Was mit ihm passierte, wenn er von dem Rollentausch erfuhr, wollte Tilly sich nicht einmal ansatzweise ausmalen. Sie musste einfach diese Woche mit Rio Mastrangelo durchstehen, ohne gegenüber sich selbst oder anderen einen Fehler zu begehen. Und danach würde sie diesen Mann nie wieder sehen.

Seltsam, dass Tilly bei diesem Gedanken einen schmerzhaften Stich im Herzen verspürte. Doch da sie genau in diesem Augenblick eine Kurve erreichten, in die Rio Mastrangelo sich so weit lehnte, dass Tilly das Gefühl hatte, beinahe das Gras am Straßenrand zu berühren, blieb ihr keine Zeit, ihre verzwickte Situation weiter zu überdenken. So fest sie konnte, klammerte sie sich an ihren Fahrer. Und sie ließ ihn nicht los, als sie längst wieder auf gerader Strecke fuhren. Alles in Tillys Kopf drehte sich, und ihre Gedanken waren nur noch von der betörenden Nähe zu diesem Mann beherrscht. Bis sie irgendwann spürte, dass das Motorrad zum Stillstand kam.

„Weiter können wir nicht fahren.“ Rio Mastrangelos Worte klangen wie ein weit entferntes Echo.

Viel zu spät merkte Tilly, dass sie noch immer seine Taille umklammert hielt. Ruckartig zog sie ihre Arme zurück und schaffte es mehr schlecht als recht, vom Motorrad zu steigen.

Beschämt beobachtete sie, wie Rio Mastrangelo sich elegant von der Maschine schwang.

„Sie fahren Motorrad, als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes getan“, stammelte sie ehrfürchtig.

Rio Mastrangelo löste den Helm von seinem Kopf. Dann trat er einen Schritt auf seine Begleiterin zu und legte seinen Helm beiseite, um Tilly mit ihrem zu helfen. „Jeder kann das lernen“, sagte er ruhig.

„Trotzdem …“ Tilly konnte nicht weitersprechen, als Rio Mastrangelos Fingerspitzen die Haut an ihrem Hals streiften.

Sie spürte, wie er den Schnappverschluss öffnete und ihr Helm sich lockerte. Reflexartig griff sie nach dem Kopfschutz, und ihre Finger streiften Rio Mastrangelos. Tilly sah zu ihm auf. Er wich nicht wie erwartet zurück, sondern hielt für ein paar Sekunden ihrem Blick stand. Und sie drohte in seinen leuchtenden Augen zu ertrinken.

Unsicher räusperte sie sich und zog ihre Hände zurück. Dann lächelte sie scheu.

Großartig.

Genau das hätte Cressida nicht getan.

Rio Mastrangelo schien ihren Fehltritt nicht zu bemerken. Er legte nur lautlos den Helm auf den Motorradsitz, um dann im nächsten Moment sanft mit den Fingern durch Tillys Haar zu streichen.

Tilly hatte beinahe das Gefühl, sich in ihrem wunderschönen Traum von letzter Nacht zu befinden. In einem Traum, der Wirklichkeit wurde. Wie verzaubert nahm sie wahr, dass Rio Mastrangelo ihre Haarlängen glatt strich. Sein Blick wirkte nachdenklich. Tilly schluckte. Hatte er erkannt, wer sie war? Oder vielmehr, wer nicht?

„Färben Sie Ihr Haar?“

Sie verstand nicht, warum Rio Mastrangelo ihr so eine Frage stellte. „Nein!“

„Das dachte ich mir.“ Noch immer sah er Tilly nachdenklich an. „Es glänzt wie eine Mischung aus Kupfer und Gold.“ Sanft nahm er eine der Strähnen zwischen Daumen und Zeigefinger.

Seine Berührung, sein intensiver Blick – Tilly konnte es fast nicht ertragen. Reflexartig wich sie einen Schritt zurück und wäre beinahe über einen großen Stein gestolpert, der hinter ihr aus dem Boden ragte.

Rio Mastrangelo fing sie mit einem geschickten Griff am Ellbogen auf. Dann löste er sich von ihr. In seinen Augen aber lag noch immer dieser Blick, der Tilly den Atem raubte.

„Früher wollte ich sie immer färben. Denn ich wurde in der Schule wegen meiner Haare geärgert.“ Sie wusste nicht, warum sie ihm das sagte.

„Das kann ich nur schwer glauben.“

„Es stimmt!“ Tilly musste nun lächeln. Denn es war etwas, das sie und Cressida verband. Als Kinder waren sie aufgrund ihrer seltenen Haarfarbe stets gehänselt worden.

„Natürlich können Sie es nur schwer glauben. Sie wurden wahrscheinlich immer wie ein junger Gott verehrt.“ Die Worte waren gesagt, bevor Tilly darüber nachdenken konnte, und Röte schoss in ihre Wangen. Wie peinlich. Genauso gut hätte sie Rio Mastrangelo ins Gesicht sagen können, dass sie die ganze Nacht lang von ihm geträumt hatte.

Doch ihr Gastgeber lachte nicht. Er schüttelte nur mehrmals den Kopf, bevor er sagte: „Nein. Doch eines kann ich Ihnen mit Gewissheit sagen: Ich hätte Sie niemals wegen Ihrer Haare gehänselt. Oder wegen irgendetwas anderem.“

Dann lächelte er. Und dieses Lächeln ließ Tillys Herz in ihrer Brust flattern wie einen gefangenen Vogel.

Um sich abzulenken, sah sie sich in der felsigen Berglandschaft um. Und erstarrte. Denn erst in diesem Augenblick erkannte sie die felsige Bergspitze, die in ein paar Kilometer Entfernung über ihnen lag. „Ist das der Vulkan?“

Rio Mastrangelo grinste, bevor er ebenfalls zum Gipfel hinaufsah. „Ja. Ist er nicht beeindruckend?“ Aus dem Stauraum seines Motorrads zog er einen schwarzen Rucksack, den er sportlich über seine rechte Schulter schwang. „Bereit für eine Bergtour?“

Tilly schluckte. „Sicher.“ Sie trug Flip-Flops und ein dünnes Sommerkleid – da sie nichts mitgebracht hatte, das auch nur im Entferntesten für die Erstürmung eines Gipfels geeignet war. Doch irgendwie würde sie schon dort oben ankommen.

„Wie gesagt, der Vulkan ist ganz sicher ein Touristenmagnet“, erklärte Rio, während er losstapfte. „Der frühere Eigentümer der Insel hatte sogar vor, eine Seilbahn nach oben einzurichten.“

„Super Idee“, murmelte Tilly, die Mühe hatte, ihrem Begleiter zu folgen. Der Anstieg war steil, und trotz der Tatsache, dass sie im Allgemeinen in guter Form war, brannten ihre Lungen bereits nach kurzer Zeit vor Anstrengung.

„Sagen Sie bitte, wenn Sie eine Pause brauchen“, hörte sie Rio Mastrangelo sagen. Er lief gute fünf Schritte vor Tilly. Sie war nicht sicher, ob er es tat, um ihr den besten Weg zu zeigen, oder weil sie einfach viel zu langsam für ihn war. Sie sah zu ihm auf und schüttelte den Kopf. „Ich komme schon …“

„Zurecht“, beendete er den Satz für sie. „Das weiß ich. Doch Sie sagen das immer, kurz bevor Sie hinfallen. Also wäre es wohl das Beste, genau jetzt eine Pause zu machen.“ Er blieb stehen und grinste.

Als Tilly zu ihm aufgeschlossen hatte, musste sie ebenfalls grinsen. „Immer?“, fragte sie fröhlich. Dann schlug sie Rio Mastrangelo leicht auf den Oberarm. „Es ist nur ein einziges Mal passiert!“

Rio Mastrangelo lächelte ihr zu. Tilly erwartete eine freche oder herausfordernde Bemerkung. Doch ihr hinreißendes Gegenüber sah sie nur an, während ihre Hand noch immer auf seinem Oberarm lag. Etwas wie elektrische Spannung lag in der Luft.

Tilly schluckte und zwang das Gespräch zurück auf sicheren Boden. „Wollte der frühere Besitzer die Insel ebenfalls für Touristen erschließen?“

„Ja.“ Rio Mastrangelo atmete tief durch. Dann trat er einen ruckartigen Schritt zurück und löste sich von Tillys Berührung.

„Was hat ihn davon abgehalten?“

„Er starb.“ Ohne ein weiteres Wort setzte Rio Mastrangelo den Weg Richtung Gipfel fort.

„Oh, das tut mir leid! Ich wollte Ihnen mit meiner Frage nicht zu nahe treten! Kannten Sie ihn?“ Tilly musste jetzt fast rennen, um mit Rio Mastrangelo Schritt zu halten.

„Nur dem Namen nach.“ Als er stehen blieb und sich zu ihr umdrehte, wirkte er als ränge er um eine unbequeme Erklärung. „Piero Varelli.“

Tillys Augen weiteten sich. „Der Reedereibesitzer? Er soll einer der reichsten Männer der Welt gewesen sein.“

„Geld ist nicht alles“, entgegnete Rio Mastrangelo düster. „Sehen Sie, wir …“

Doch Tilly, die in diesem Moment hinter Rio Mastrangelo den strahlend blauen Ozean erblickte, konnte nicht anders, als ihren Begleiter zu unterbrechen: „Nein, sehen Sie! Wir sind auf dem Dach der Welt!“

Wärme breitete sich in ihrem Herzen aus, und Tilly spürte, wie ein Strahlen sich auf ihrem Gesicht ausbreitete. Der Ozean lag wie eine große blaue Decke unter ihnen, und von so weit oben konnte Tilly in der Ferne Boote und eine weitere Insel erspähen. „Es ist unfassbar schön!“

Rio Mastrangelo nickte.

Tilly blickte zu ihm auf, und das intensive Leuchten, das in seine Augen zurückgekehrt war, raubte ihr den Atem. Sie konnte nicht anders, als ihren Begleiter für ein paar lange Sekunden anzustarren. Hier oben auf dem Dach der Welt schien es erlaubt. Fast als hätten Zweifel und Sorge sich hier oben in Luft aufgelöst. Als könnte man für einen wunderbaren Moment sagen und tun, was man wollte, ohne irgendetwas zu riskieren. Tilly war sicher, dass Rio Mastrangelo diese unbeschwerte Atmosphäre ebenso wahrnahm wie sie, als er sagte: „Ich habe mich gestern geirrt, Cressida. Ich habe noch nie eine Frau wie Sie kennengelernt. Ich kannte Frauen mit ähnlichen Hintergründen. Und doch scheinen Sie einzigartig.“

Als er Tilly zulächelte, hatte sie das Gefühl, den Himmel zu berühren.

„Das gelingt nicht jedem, der in einem goldenen Käfig aufgewachsen ist“, fuhr Rio Mastrangelo fort, während er auf das hellblaue Meer hinabsah.

„Es scheint Ihnen ebenfalls gelungen zu sein.“

Ihr Begleiter blickte noch immer in Richtung des Meeres. Es wirkte fast, als ob er überlegen musste, wie und ob er auf ihre Bemerkung antworten sollte. Schließlich jedoch erklärte er: „Ich bin ohne Geld groß geworden. Mein Vater hat meine Mum verlassen, noch bevor ich geboren wurde. Sie musste hart arbeiten, damit wir einigermaßen über die Runden kamen. Dann wurde sie krank und verlor ihre Arbeit. Also habe ich nach der Schule kleine Jobs angenommen, damit wir das Nötigste zum Leben hatten.“

„Das tut mir leid“, murmelte Tilly, deren Magen sich schmerzhaft zusammenzog. „Davon habe ich nichts gewusst. Geht es Ihrer Mutter jetzt besser?“

„Sie ist vor langer Zeit gestorben.“

„Oh, Rio.“ Ohne nachzudenken, legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm. Sie musterte sein Profil, und im grellen Licht der Sonne standen ihm die Qualen der Vergangenheit deutlich ins Gesicht geschrieben. Tilly fragte sich, warum es ihr vorher nicht aufgefallen war. Vielleicht, weil sie von ihm ein ebenso vorgefasstes Bild gehabt hatte wie er von ihr.

„Sie hat fünf Jahre lang an Krebs gelitten. Am Ende war es für sie eine Erlösung.“

„Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Mutter verloren?“

„Siebzehn.“

Tillys Herz brach für den einsamen Jungen, der Rio Mastrangelo einst gewesen sein musste. Wahrscheinlich bemerkte er es, denn er sah sie an und sagte leise: „Ich bin nicht der Einzige auf der Welt, dem so etwas passiert ist, cara. Aber ich danke dir für dein Mitgefühl.“

Sein Lächeln war traurig, als er sich Tillys Berührung entzog und seinen Weg in Richtung des Gipfels fortsetzte.

Für eine gute Viertelstunde folgte Tilly ihm schweigend. Rio Mastrangelo hatte sie cara genannt. Und du. Und während sich dieser Gedanke wie ein Sonnenstrahl auf ihrer Seele anfühlte, konnte sie bereits die Schatten sehen, die von den jüngsten Entwicklungen vorausgeworfen wurden.

Tilly war derart in Gedanken versunken, dass sie zu spät bemerkte, wie Rio abrupt stehen blieb. Doch kurz bevor sie gegen ihn stieß, legte er den rechten Arm um ihre Taille – als wollte er Tilly vor einem erneuten Sturz bewahren. Die Geste war vertraut – beinahe liebevoll. Tillys Herz schlug wild. Und dort, wo sie Rios nackten Arm dicht an ihrem Körper spürte, drohte ihre Haut zu verbrennen.

„Schau“, er drehte sie so, dass sie vor ihm stand, und wies mit der linken Hand auf eine Stelle, die nur gute drei Schritte von ihnen entfernt lag. „Es wäre nicht gut, hier hinzufallen! Denn es geht einige Meter in die Tiefe.“

Tilly blickte nach vorn … und ihr Mund blieb offen stehen. Zum Glück hielt Rio sie immer noch fest, denn sie hatten den Krater des Vulkans erreicht, der mehrere Hundert Fuß in die Tiefe abfiel. Ein Abgrund aus Stein und Geröll.

Überwältigt drehte sie sich zu Rio um, doch sein Gesicht aus nächster Nähe zu sehen brachte sie immer wieder durcheinander. Ihre Knie gaben nach, und sie stolperte nach vorn.

Mit einem leisen Fluchen zog Rio sie zurück und hielt sie für einen Moment fest gegen seinen Brustkorb gedrückt.

Tilly konnte nicht mehr atmen, und ihr Herz schien für ein paar Schläge auszusetzen. Ob es die Gefahr war oder die Nähe zu Rio, das konnte sie in diesem Moment nicht wirklich einschätzen.

„Du solltest besser auf dich aufpassen!“ Auch Rios Stimme klang atemlos. In seinen Augen stand erneut der intensive Blick, der Tillys Seele Flügel verlieh. Sie nahm plötzlich nichts anderes mehr wahr als Rios schönes Gesicht. Seine Hände auf ihrem Bauch, die sie zuerst hielten und dann sanft streichelten. Die Wärme seiner Haut, die Stärke seines Körpers. Und seinen Geruch, nach Eau de Toilette, Meersalz und Sonne.

Glühende Lava schien durch Tillys Bauch zu fließen und breitete sich bis tief zu ihren geheimsten Stellen aus. Würde ihr Traum wahr werden? Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass Rio sie küsste. Nein: Sie wünschte sich, ihn zu küssen …

Cressida hätte es ohne Zögern getan. Sie hätte einfach ihre Arme um Rios Hals geschlungen und ihre Lippen auf seine gedrückt, bis er keinen Zweifel mehr daran gehabt hätte, wovon sie träumte. Aber obwohl sie wie Zwillinge aussahen – Tilly war ganz anders als Cressida. „Ich denke, wir sollten einen Schritt zurücktreten“, sagte sie gehemmt.

Doch sie konnte weder ihren Blick von Rios lösen noch den Impuls unterdrücken, mit der Zungenspitze über ihre Lippen zu fahren. Sie sehnte sich so sehr nach einem Kuss von ihm, dass sie kaum noch Kontrolle über ihr Verhalten hatte. Dennoch zwang sie sich, hinzuzufügen: „Sonst stürzen wir beide noch ab.“

„Du hast recht“, antwortete Rio mit heiserer Stimme. Seine Augen streichelten Tillys Gesicht, und die Sehnsucht danach, von seine Lippen und Händen berührt zu werden, brachte sie beinahe um. Dann jedoch senkte er den Blick und wiederholte: „Sonst stürzen wir beide ab.“ Seine Atmung klang flach und schnell, als er sprach. Und Tilly war klar, dass er dieselbe Sehnsucht spürte, die sie selber in diesem Moment zu verbrennen drohte.

Doch schließlich räusperte er sich, löste seine Arme von Tilly und trat einen beherzten Schritt zur Seite. Er blinzelte kurz, und als er Tilly wieder anblickte, wirkte es, als hätte er einen Schalter in sich umgelegt. Als hätte er sie nicht gerade noch fest in seinen Armen gehalten. Als hätte er nicht mit den Fingerspitzen über ihren Bauch gestreichelt. Als wären sie beide nicht nur einen Wimpernschlag entfernt von einem Kuss gewesen. „Wenn du mir versprichst, nicht in den Krater zu fallen, würde ich dir gerne etwas zeigen“, hörte Tilly ihn sagen.

Sie selbst fand es unglaublich schwer, ihren Verstand wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Doch irgendwann gelang es ihr zu nicken und sich auf einigermaßen sicherem Fuß erneut dem Krater zu nähern. Es entging ihr nicht, dass Rio dicht an ihre Seite trat, um sie im Notfall zurückziehen und vor einem Unfall zu bewahren. Die Versuchung, ein weiteres Stolpern vorzutäuschen, war groß.

Doch Tilly riss sich zusammen. Für einen langen Moment blickte sie in die Tiefe des Vulkans. Ungläubig nahm sie unterhalb der Steine und des Gerölls eine blaue Lagune wahr, und für einen Moment verdrängte der Anblick ihr Gefühlschaos. „Ich habe noch nie einen Vulkan mit einem See darin gesehen“, erklärte sie beeindruckt. Es sah aus, als ob der Vulkan einen dunklen Tunnel bildete, hinter dem der Himmel auf Erden wartete.

„Jeder Vulkan ist anders“, antwortete Rio mit einem Lächeln.

„Kann man dorthin hinabsteigen?“, fragte Tilly verzaubert.

Rio schüttelte heftig den Kopf, bevor er sagte: „Du ganz sicher nicht. Das wäre eine Katastrophe.“ Und dann lachte er. So unbefangen und fröhlich, wie Tilly es niemals erwartet hätte. Beinahe übermütig, so wie sie es von ihrem Bruder kannte, wenn er sie ärgerte.

Tilly sah Rio an und musste ebenfalls lachen. „Ich bin nicht so ungeschickt, wie du glaubst.“

„Trotzdem klettern wir da nicht hinunter, cara. Du würdest mich an den Rand eines Herzinfarkts bringen.“

Seine Besorgnis bedeutete Tilly mehr, als sie zuzugeben wagte. Und so warf sie einen letzten träumerischen Blick in Richtung der blauen Lagune, während sie sagte: „Das möchte ich natürlich nicht riskieren. Aber dort unten sieht es nach dem Himmel auf Erden aus.“

Rio zwinkerte ihr zu. „Wir können zu einem Ort fahren, der noch schöner ist. Aber vorher solltest du dich für den Rückweg stärken.“ Er zog den Rucksack von seiner Schulter und holte zwei Wasserflaschen und Äpfel hervor, von denen er Tilly jeweils eines reichte.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Sekunden war sie erstaunt über seine Umsichtigkeit und Fürsorge. Noch etwas, das sie niemals erwartet hätte.

Rio wies in Richtung eines Steins, der Tilly als Pausenplatz dienen konnte. Und während sie sich setzte und den Proviant entgegennahm, merkte sie, wie hungrig und durstig sie war.

Gestärkt und mit einem seltsamen Gefühl der Sicherheit an der Seite ihres Begleiters verlief der Abstieg kurze Zeit später ohne Komplikationen. Obwohl Tilly und Rio kaum miteinander sprachen, schien eine Art stille Eintracht zwischen ihnen zu herrschen. Auch während der Motorradfahrt zurück ins Tal stellte sich Tilly geschickter an, als sie zu hoffen gewagt hatte. Irgendwie schienen Rios Ruhe und seine Selbstsicherheit ein wenig auf sie abzufärben. Und das tat gut.

Nach zwanzig Minuten Fahrt erreichten sie einen dichten Pinienwald.

„Wo sind wir?“, fragte Tilly, sobald sie den Helm von ihrem Kopf gelöst hatte und den wunderbaren Geruch der Nadelbäume einatmete.

Rio stieg vom Motorrad und löste ebenfalls seinen Helm vom Kopf. „Du wolltest doch den Himmel auf Erden sehen“, antwortete er mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Tilly versuchte wirklich, sich möglichst elegant vom Rücksitz des Motorrades gleiten zu lassen. Aber ihr Sommerkleid rutschte weit nach oben und entblößte einen Moment lang ihre Oberschenkel. Schnell strich sie es zurück, doch sie spürte Rios Blick auf ihrer Haut. Als sie zu ihm aufsah, leuchteten seine Augen heller als die Sonne. Und Tilly wusste noch deutlicher als zuvor auf dem Gipfel des Vulkans: Er fühlte dieselbe Anziehungskraft wie sie.

„Wir müssen diesmal nur ein paar Hundert Meter laufen“, hörte sie ihn mit heiserer Stimme sagen. Dann lief er los, den Blick starr in Richtung der Bäume gerichtet. Er kämpfte ebenso gegen seine Gefühle an wie Tilly.

Als sie ihm im kühlen Schatten der Bäume folgte, spürte sie die Anziehungskraft zwischen ihnen wie ein sengendes Feuer. Und ihr war klar, dass es keine Möglichkeit mehr gab, einen Schritt zurückzutreten. Was immer sich zwischen ihnen entwickelte – es war unvermeidbar.

4. KAPITEL

„Was denkst du?“, fragte Rio. Obwohl er an einem der beeindruckendsten Plätze war, die er kannte, hing sein Blick wie gefesselt am Gesicht der wunderschönen Frau an seiner Seite. Ihre Augen waren so grün wie die Pflanzen, die die kleine Lagune säumten, zu der Cressida in diesem Moment hinabsah, ihre Wimpern so lang und dicht, dass sie Schatten auf die zarten Wangen warfen.

„Wow!“ Seine hinreißende Begleitung nickte, bevor sie zu einem weißen Felsen lief und sich vorsichtig an dessen Rand niederkniete, um hinab ins Wasser sehen zu können. Eine der vielen Besonderheiten von Prim’amore war die Spaltung der Insel in der Mitte. Dadurch war eine weitere Lagune entstanden, noch größer und blauer als die im Vulkankegel. Auch Rio hatte an diesem Platz das Gefühl, den Himmel auf Erden zu sehen. Ganz besonders in der Gesellschaft einer rothaarigen Meerjungfrau, deren Augen vor Ergriffenheit leuchteten, als sie sagte: „Dieser Ort ist perfekt.“ Ihre Stimme war sanft und gefühlvoll.

Rio trat neben sie an die Klippe. „Ich habe dir also nicht zu viel versprochen?“

Zwei kleine Tränen liefen über ihre Wangen, als sie Rio ansah und gestand: „Ich bin überwältigt. Ich bin nie zuvor an einem so wunderbaren Ort gewesen.“

Rio musterte Art Wyndhams Tochter erstaunt. Seit dem Tod seiner Mutter hatte er niemanden getroffen, der ein ähnliches Interesse an den schönsten Plätzen der Erde gehabt hatte wie er selbst. Sollte er gerade in diesem verzogenen Partygirl jemanden gefunden haben, der ähnlich fühlte wie er?

„Bestimmt hältst du mich jetzt für dumm“, hörte er Arts Tochter sagen. Verstohlen und ohne Rio anzusehen, wischte sie sich die Tränen von den Wangen.

„Nein, ganz sicher nicht“, erklärte er und lächelte ihr zu.

Rios Stimme klang sanft, und er wirkte nicht im Geringsten so, als machte er sich über Tillys Gefühlsausbruch lustig. Erleichtert atmete sie auf und brachte ebenfalls ein Lächeln zustande. „Können wir hier schwimmen?“, fragte sie hoffnungsvoll. Den ganzen Tag über hatten die warme Sonne und das Gefühlschaos in Rios Nähe Tillys Haut brennen lassen, als hätte sie hohes Fieber. Der Wunsch danach, in das kühle blaue Wasser am Fuß der Klippen zu tauchen und sich zu erfrischen, war in diesem Moment beinahe übermächtig.

Rio lachte erneut – so unbefangen wie auf dem Gipfel des Berges. „Wenn du nichts dagegen hast, dass wir uns gegenseitig in Unterwäsche sehen, können wir das tun!“

Tilly fühlte, wie sie am ganzen Körper errötete. „Ich … ich trage einen Bikini“, stammelte sie.

„Ich nicht.“ Rio lachte noch immer.

Und bevor Tilly sich versah, hatte er schon nach dem Saum seines T-Shirts gegriffen, um es auszuziehen. In der nächsten Sekunde fiel ihr Blick auf seine perfekt definierten Brust- und Bauchmuskeln, und sie musste sich zusammenreißen, um ein ehrfürchtiges Aufkeuchen zu unterdrücken. Ihre Augen wanderten über die gebräunte Haut und folgten der feinen Linie dunklen Haares bis zum Bund seiner tief sitzenden Jeans, die er in diesem Moment aufknöpfte, um sich auch dieses Kleidungsstückes zu entledigen. Tilly schloss die Augen. Sonst hätte sie wahrscheinlich vor Verlangen nach diesem Mann laut aufgestöhnt.

„Für eine Frau, die auf einem Festival mit dreihundert Leuten nackt gebadet hat, bist du ziemlich prüde“, hörte sie ihn wie von weit her sagen.

„Ich bin nicht prüde!“ Tilly riss die Augen auf und starrte Rio an. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass er noch schwarze Boxershorts trug. Doch sie spürte erneut, wie sie errötete, als ihr Blick über seine langen Beine wanderte. Sie waren so muskulös. So stark. Wie wundervoll musste es sich anfühlen, wenn sich diese Beine um ihre schlossen …

Oh, Gott. Sie war wirklich in ernsten Schwierigkeiten. Denn auch wenn sie nicht prüde war – schüchtern war sie schon. Und zugleich verbrannte sie beinahe vor Sehnsucht nach einem Mann, der niemals erfahren durfte, wer sie wirklich war. „Das Nacktbaden auf dem Festival war eine Erfindung der Presse“, beteuerte sie und nahm einen tiefen Atemzug. Zumindest hatte Cressida das ihrem Vater immer wieder versichert.

Cressida. Die Frau, deren Rolle sie spielte. Ein Partygirl, das sich niemals ein kühles Bad mit einem hinreißenden Millionär entgehen lassen würde. Tilly schluckte schwer, bevor sie mit zitternden Fingern nach den Trägern ihres Sommerkleides griff, um sich auszuziehen. Sie selbst hatte Rio doch darum gebeten, schwimmen gehen zu können. Wenn sie nicht riskieren wollte, dass ihre kleine Scharade auffiel, dann musste sie jetzt auch den nächsten Schritt gehen.

Als sie langsam das Kleid von ihrem Körper zog, spürte sie Rios Blick wie Feuer auf ihrer Haut. Plötzlich war es so still am Rand der Klippe, dass Tilly sicher war, dass nicht nur sie, sondern auch Rio den Atem angehalten hatte.

Tilly wagte kaum, zu ihm aufzusehen, als sie schließlich in ihrem weißen Bikini vor ihm stand. Sie fühlte sich seltsam schutzlos und nackt. Das Leuchten in Rios Augen verunsicherte sie und machte sie im selben Moment seltsam stolz. „Wow!“, flüsterte er. „Nicht nur dieser Ort ist perfekt.“

Tilly wusste nicht, was sie angesichts eines solchen Kompliments sagen oder tun sollte. Doch als Rio einen bewundernden Pfiff ausstieß, verflog ihre Befangenheit. Lachend trat Tilly auf ihren Begleiter zu und schlug ihm spielerisch auf den Brustkorb. „Lass uns endlich schwimmen!“

„Gern!“, hörte sie ihn sagen, kurz bevor er sie in seine Arme hob und mit ihr zum äußersten Rand der Klippe lief. Und im nächsten Moment sprang er, mit Tilly fest an sich gedrückt, in Richtung des blauen Wassers.

Für Sekunden spürte sie die Wärme seiner Haut an ihrer, während sie tiefer und tiefer fielen. Sein fröhliches „Juhu!“ war das Letzte, was Tilly hörte, bevor sie gemeinsam in das kühle Wasser tauchten.

Platschend kamen sie auf der Wasseroberfläche auf und versanken im dunklen Blau der Lagune. Augenblicklich ließ Rio Tilly los, damit sie auftauchen konnte. Sie schwamm an die Oberfläche, strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und sah sich für einen Moment verwirrt und verloren um. Was war hier gerade passiert? Und wo war Rio?

„Du musst vollkommen verrückt sein!“, schimpfte sie, als er lachend neben ihr auftauchte. „Warum hast du das getan?“

„Weil du unbedingt schwimmen gehen wolltest! Und beim Versuch, die Klippen hinabzusteigen, hättest du dir wahrscheinlich irgendetwas gebrochen!“ Rios Augen leuchteten mit der Sonne um die Wette, und er schien nicht im Geringsten schuldbewusst.

„Ich wäre schon irgendwie heruntergekommen“, erwiderte Tilly leicht verärgert. „Ich brauche keine Hilfe, um schwimmen zu gehen!“

„Ich denke doch.“ Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite und lachte erneut.

„Und warum denkst du das?“, fragte Tilly grimmig.

„Darum!“ Grinsend hob Rio seine linke Hand, in der er ein weiß schimmerndes Stück Stoff hielt. Tillys Magen drehte sich beinahe um, als sie es als ihr Bikinioberteil erkannte.

Mit einem erstickten Laut sank sie etwas tiefer in das blaue Wasser und warf Rio, der sich nun mit dem dringend benötigten Kleidungsstück näherte, einen verzweifelten Blick zu. „Gib es mir!“, flehte sie.

„Genau das beabsichtige ich ja“, erklärte Rio, der nun so dicht vor ihr schwamm, dass Tilly sich verlegen abwandte.

„Hier.“ Seine heisere Stimme klang nah. Viel zu nah. Am liebsten hätte Tilly sich zu ihm umgedreht, um seinen Körper so dicht an ihrem zu spüren wie während des freien Falls in die Lagune. Nur dass sie diesmal seine nackte Brust an ihrer spüren würde und …

Nein! Sie riss sich zusammen und nahm, ohne Rio anzusehen, ihr Bikinioberteil entgegen. Mit viel Mühe schaffte sie es, den Stoff an seinen Platz zurückzuziehen, ohne dabei unterzugehen. Doch sie musste eine gefühlte Ewigkeit am Verschluss herumfummeln, dessen Haken sich unter ihren zitternden Fingern einfach nicht schließen wollten.

„Brauchst du vielleicht doch Hilfe?“ Rios Stimme klang amüsiert. Und mittlerweile machte Tilly das wirklich ärgerlich!

„Nein, danke. Ich komme schon …“

„… zurecht!“ Noch immer sprach er in diesem viel zu amüsierten Ton.

Tillys Nerven lagen mittlerweile so blank, dass sie sich wütend zu ihrem gut aussehenden Begleiter umdrehte. „Mach dich nicht über mich lustig!“, herrschte sie ihn an.

Augenblicklich wich die Fröhlichkeit aus seinem Gesicht. „Das würde ich niemals tun!“ Für ein paar Sekunden sah er Tilly reumütig an. Und dann legte er ohne ein weiteres Wort seine Finger auf Tillys Rücken und schloss die Haken ihres Bikinioberteils. Er hatte jede Gelegenheit, die Situation auszunutzen. Doch er tat es nicht. Stattdessen bewegte er seine Finger mit beinahe professionellem Geschick und verharrte keine Sekunde länger als nötig auf Tillys Haut. Dabei hatte sie sich insgeheim nichts mehr gewünscht als das.

„Ich hatte nicht vor, dich zu verärgern“, sagte er aufrichtig.

Tilly schluckte. Sie glaubte Rio. Und ihre schroffe Reaktion auf seinen Übermut entsprach normalerweise überhaupt nicht ihrem Wesen. Doch in Rios Nähe kannte sie sich selbst nicht mehr. Sie war vollkommen durcheinander. „Schon gut. Es ist ja nichts passiert“, sagte sie und zwang sich zu einem unbekümmerten Lächeln.

Doch Rio durfte niemals sehen, wie viel wirklich in den letzten vierundzwanzig Stunden mit Tilly passiert war. Sie hatte begonnen, ihr Herz an ihn zu verlieren …

Ohne zu wagen, ihn länger als nötig anzublicken, schickte sie sich an, in Richtung einer weißen Grotte zu schwimmen, die auf der anderen Seite der Lagune lag.

„Diese Höhle ist unglaublich“, sagte sie atemlos, als sie nach ein paar Minuten sicheren Boden unter den Füßen spürte.

Rio, der nicht im Geringsten erschöpft wirkte, ließ sich weiter im kristallklaren Wasser treiben. „Die ganze Lagune ist etwas Besonderes. Wenn man durch diese Höhle schwimmt, erreicht man ein Netzwerk aus vielen weiteren. Ich habe sie noch nicht alle erkundet, aber was ich bisher gesehen habe, war wirklich beeindruckend.“

„Kannst du es mir zeigen?“

„Nicht heute.“ Rio stellte sich neben Tilly in das seichte Wasser.

„Warum?“, fragte sie verwirrt. Traute er ihr etwa nicht zu, dass sie die Höhlen erkunden konnte?

„Ich muss heute Nachmittag einige Dokumente durchsehen. Meine Sekretärin wartet dringend auf ein paar Anweisungen.“

Tilly senkte enttäuscht den Blick. Irgendwie war sie davon ausgegangen, dass Rio den ganzen Tag für sie Zeit hätte. Doch er war ein Unternehmer und nicht ihr Reiseleiter. Und angesichts des seltsamen Magnetismus, der sie beide verband, war es sicher das Beste, nicht allzu viel Zeit zusammen zu verbringen. Sonst würde Rio vielleicht doch noch herausfinden, dass er nicht der reichen und bedeutenden Cressida Wyndham seine Insel zeigte, sondern Matilda Morgan. Einem Niemand ohne Ruhm, Einfluss oder Geld.

„Kein Problem. Dann vielleicht ein andermal.“ Sie zwang sich, die seltsame Traurigkeit zu ignorieren, die wie eine schwere Last auf ihre Schultern drückte. Irgendwie zauberte sie ein Lächeln auf ihr Gesicht, bevor sie in das blaue Wasser zurückglitt, um sich zurück zur anderen Seite der Lagune zu begeben.

Ein paar Minuten später kletterte Rio geschickt auf einen der kleineren Felsen und reichte Tilly die rechte Hand, um ihr aus dem Wasser zu helfen. Diesmal nahm sie die Unterstützung dankbar an, denn sie hatte sich erhebliche Sorgen darüber gemacht, wie sie es schaffen sollte, an dem felsigen Ufer an Land zu kommen.

Als sie ohne Zwischenfälle auf der Klippe angekommen waren, sah Tilly auf Rios Finger, die ihre so schützend umschlossen hielten. Sie erinnerten Tilly an die Finger eines Künstlers. Lang und spitz zulaufend, ein Charakteristikum kreativer und sensibler Menschen. Dazu die quadratisch geformte und starke Handfläche, die einen seltsam perfekten Kontrast dazu bildete. Die samtige gebräunte Haut und der sichere Griff. Tilly nahm einen zittrigen Atemzug. Wäre sie doch nur wirklich eine reiche Erbin. Dann könnte sie diesen außergewöhnlichen Mann vielleicht für sich gewinnen. Doch an einer einfachen Frau wie ihr würde er niemals Interesse zeigen. Sie konnte ihm ja nicht einmal ihren Namen verraten … Beim Gedanken daran stolperte sie, schaffte es jedoch, nicht hinzufallen. Mit einem entschuldigenden Blick löste sie ihre Hand aus Rios und lief dann schnell in Richtung ihrer Kleidung, um sich anzuziehen. Nur so konnte sie sich davon abhalten, Rios wunderschöne Finger zu streicheln und weiter darüber nachzudenken, was sie über seine Persönlichkeit sagten. Und davon, nicht sofort alles dafür zu tun, diese Finger auf jedem Zentimeter ihrer Haut zu spüren …

Doch der Wind, der während des Rückwegs zum Motorrad durch die Bäume strich, schien laut und verhängnisvoll zu flüstern: Es ist unvermeidbar. Bekämpfe es nicht. Er fühlt genauso.

„Du hast mehr Zeit auf der Insel verbracht als ich“, sagte Tilly, als Rio eine halbe Stunde später die Tür zu der kleinen Hütte öffnete. „Was würdest du an meiner Stelle heute Nachmittag unternehmen?“

„Ich würde mir die Hotelpläne des früheren Besitzers ansehen“, antwortete Rio, ohne nachzudenken. Als ihm klar wurde, was er gesagt hatte, war es zu spät. Er konnte den Vorschlag nicht wieder rückgängig machen. Noch nie zuvor hatte er jemandem die Baupläne gezeigt, die seine Mutter vor Jahren auf Wunsch seines Vaters gezeichnet hatte. Rosas Pläne einer anderen Person zu geben war für Rio, als vertraute er dieser Person den Schlüssel zu seinen tiefsten Geheimnissen an. Solche Fehler beging Rio nicht. Niemals. Wieso also hatte er Cressida Wyndham dieses gedankenlose Angebot gemacht?

„Das wäre toll“, hörte er sie im selben Moment sagen. „Ich habe versprochen, so viele Informationen wie möglich mit zurück nach London zu nehmen.“

„Natürlich.“ Er sagte nur dieses einzige Wort. Doch seine Stimme klang aus Wut über sich selbst so eisig und gereizt, dass Tilly zusammenzuckte. Durch ihre dichten Wimpern sah sie ihn betroffen an, fast als wäre sie diejenige gewesen, die soeben einen Fehler gemacht hatte. Rio verspürte plötzlich nur noch einen sehnlichen Wunsch danach, mit den Fingerspitzen über ihre geröteten Wangen zu streichen. Sein Gesicht an ihres zu schmiegen und ihr die ganze Wahrheit über die Insel zu erzählen. Doch er hatte sich geschworen, diese Geschichte für sich zu behalten. Sonst würde er niemals mit seiner Vergangenheit abschließen können. „Ich hole sie dir“, sagte er mit erzwungener Ruhe und verschwand dann schnell in seinem Zimmer. Sein Herz schlug plötzlich so wild und laut, dass es schmerzte. Seit dem Tod seiner Mutter hatte Rio niemandem erlaubt, auch nur in die Nähe seines Herzens zu kommen. Doch seine liebenswerte, kluge und feinfühlige Besucherin hatte es an nur einem einzigen Tag geschafft, die Schutzmauern einzureißen, hinter denen Rio sich seit Jahren versteckte. Und das machte ihm Angst.

In dieser Nacht träumte Tilly von Jack. Ihrem Zwillingsbruder, der in so große Schwierigkeiten geraten war. Sie sah ihn vor sich, so wie er vor knapp vier Wochen in ihrer Küche gestanden hatte. Blass, mit dunklen Augenringen und Tränen, die unaufhörlich über seine Wangen liefen. „Ich habe ein paar Wetten verloren, Tilly. Und mein ganzes Geld. Ich war sehr dumm und habe mich mit den falschen Leuten eingelassen. Jetzt brauche ich bis Ende des Monats fünfundzwanzigtausend Pfund. Sonst bringen sie mich um!“

Zitternd wachte Tilly auf. Ihr Herz und ihr Puls rasten, und sie spürte, dass ihre eigenen Wangen bedeckt von Tränen waren. Die Wellen, die sich am Strand brachen, erinnerten sie daran, wo sie war. Daran, dass Jack sicher war. Weil Cressida Tilly im Voraus das Geld für den Rollentausch gegeben hatte und sie es genutzt hatte, um Jacks Schulden zu begleichen. Dafür hatte Tilly unterschrieben, dass niemals eine Menschenseele von ihrem Rollentausch erfahren durfte. Sonst müsste sie Cressida das Geld zurückgeben.

Und weil Tilly sich nicht ausmalen wollte, was dann passieren würde, musste sie Abstand zu Rio Mastrangelo wahren. Auch wenn es bisher noch keinem Mann gelungen war, in weniger als zwei Tagen ihr Herz zu erobern.

5. KAPITEL

Im Licht der Morgensonne schimmerte ihr Haar wie Feuer. Wie Flammen im Wind, die die helle Haut ihres Körpers umzüngelten. Rio stand am Küchenfenster und starrte wie verzaubert auf Cressida Wyndhams Erscheinung am Strand. Sie sah wunderschön aus.

Unschuldig und süß.

Rio hatte niemals für möglich gehalten, diese Eigenschaften mit Art Wyndhams Tochter zu verbinden.

Er beobachtete, wie sie sich bückte, um etwas Sand durch ihre Finger gleiten zu lassen. Es wirkte, als verstreute sie Goldstaub. Wie gestern erinnerte Cressida ihn an eine Meerjungfrau, die an Land gekommen war, um Träume zum Leben zu erwecken.

Doch sogar aus der Ferne konnte Rio sehen, dass sie traurig war. Seinetwegen? Nach ihrer Rückkehr zum Haus war Rio ihr für den Rest des gestrigen Tages aus dem Weg gegangen. Und auch wenn er tatsächlich mit seiner Sekretärin telefoniert hatte, um die dringendsten Verträge durchzugehen, war er vor allem damit beschäftigt gewesen, einen Weg zu finden, um den immer stärkeren Gefühlen zu entkommen, die ihn in der Nähe seiner schönen Besucherin übermannten.

So wie auch jetzt. Als er merkte, dass Cressida den Kopf in seine Richtung drehte, wandte er sich vom Fenster ab und begab sich zum Herd, wo er kopfschüttelnd begann, in der alten Espressokanne Kaffee aufzusetzen.

Normalerweise stellte Rio sich den Herausforderungen seines Lebens. Er versuchte weder Situationen zu entkommen noch sie abzuwenden.

Doch Cressida Wyndham brachte ihn durcheinander. Natürlich war sie schön. Lebensfroh. Sexy. Damit hatte er, nach allem, was über sie in Zeitungen und Online-Artikeln geschrieben wurde, gerechnet. Doch ebenso hatte er erwartet, dass sich hinter dieser charmanten Maske eine seichte und langweilige Persönlichkeit verbarg. Und genau das Gegenteil war der Fall. Rio hatte Cressidas Nähe vom ersten Moment an genossen. Und seit dem gestrigen Ausflug kreisten seine Gedanken um nichts anderes als die hinreißende Meerjungfrau, die aufrichtiges Interesse und Wertschätzung für die Insel seiner Mutter zeigte und ihn mit ihrer Scheu und Ungeschicktheit zum Lachen brachte.

Das machte ihre Gegenwart für Rio kompliziert. Vor allem, da er sich, seitdem er in der Lagune Cressidas nackte Haut berührt hatte, in einem Zustand permanenter Erregung befand. Seit er mit angehaltenem Atem die Häkchen ihres Bikinis geschlossen hatte. Ihre kühle Haut hatte sich unter seinen Händen wie Seide angefühlt. Und Rio hatte sich nichts mehr gewünscht, als mehr davon zu spüren. Es hatte ihn all seine Willenskraft gekostet, seine Finger nicht um Cressidas schmale Schultern zu schließen. Um seine schöne Besucherin nicht dicht an sich zu ziehen und Küsse auf ihren zarten Hals zu drücken, während er seine Finger zu ihren Brüsten wandern ließ, um die weichen Rundungen und harten Brustwarzen zu streicheln. So lange, bis Cressida willenlos gegen ihn sank …

Er schüttelte erneut den Kopf. Wahrscheinlich hatte er einfach zu lange nicht mehr mit einer Frau geschlafen. Nach dem Tod seines Vaters war ihm wenig Sinn nach menschlicher Gesellschaft gestanden. Und für einen Mann wie Rio, bei dem die Frauen Schlange standen, um sein Bett zu teilen, waren zwei Monate Abstinenz ein Ausnahmezustand, den sein Körper nicht gewohnt war. In so einer Situation auf eine Frau wie Cressida zu treffen – die nach allem, was man über sie las, fähig war, jedem Mann der Welt den Kopf zu verdrehen –, das war, wie ein Holzhaus mit Benzin zu übergießen und eine Schachtel Streichhölzer auf dem Tisch zurückzulassen.

Rio musste die Streichhölzer wegräumen.

Als er ein paar Minuten später hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, zwang er sich zu Gelassenheit.

„Oh! Du bist wach.“ Ein Lächeln huschte über das müde Gesicht der schönen Meerjungfrau, als sie Rio am Küchentisch sah.

Er wies auf eine zweite Tasse mit Kaffee, die er bereits auf den Platz gegenüber seinem gestellt hatte. „Es ist fast neun“, antwortete er schulterzuckend.

„Stimmt.“ Cressida setzte sich auf den freien Stuhl und griff nach der Kaffeetasse. Ihre Wangen waren rosa, fast als ob sie am Strand entlanggerannt wäre. Nachdem sie einen großen Schluck Espresso genommen hatte, stellte sie ihre Tasse ab und sah direkt in Rios Gesicht. „Genau das habe ich gebraucht. Ich bin ein Koffein-Junkie ersten Grades. Vielen Dank für den Espresso, du hast mich damit gerettet.“

Rio hatte beinahe das Gefühl, das Benzin riechen zu können, das den Streichhölzern in diesem Moment viel zu nah kam …

„Und danke für die Baupläne, die du mir gestern gegeben hast. Sie sind großartig! Ich liebe die Idee vieler einzelner Häuschen statt eines einzigen Hotelblocks. Es würde einfach perfekt mit der Landschaft harmonieren. Der Vorbesitzer der Insel muss einen wunderbaren Architekten gehabt haben …“

Zoom. Nicht nur Rios Körper, sondern auch sein Herz stand in Flammen.

„Hast du vielleicht noch mehr Zeichnungen? Ich würde sie unheimlich gerne mit nach London nehmen und zum Leben erwecken.“

Rio starrte Cressida an. Ein Leuchten war in ihre müden Augen getreten, als sie von den Plänen seiner Mutter sprach. Wiederholt spürte er diese seltsame Verbindung durch gemeinsame Interessen, die er nach Rosas Tod bei keinem anderen Menschen erfahren hatte. „Sie müssen irgendwo sein …“, stammelte er.

„Irgendwo?“ Sein hinreißendes Gegenüber lachte. „Das klingt, als müsste man sie herzaubern.“

Auch Rio musste lachen. „Ich traue dir zu, dass du das schaffst!“

„Wie bitte?“ Sie sah ihn so verständnislos an, dass er erneut lachen musste.

„Hat dir noch nie jemand gesagt, dass du manchmal wie eine Gestalt aus einem Märchenbuch wirkst? Wie die zauberhafte Meerjungfrau, die Träume wahr werden lässt.“ Warum er ihr das sagte, wusste er nicht. Er spürte nur diese seltsame Verbundenheit, die ihm die Sicherheit gab, dass Cressida Wyndham ihn verstand.

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