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JULIA EXTRA BAND 470

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In den Armen des italienischen Millionärs

1. KAPITEL

Gracie James strich sich eine Locke aus dem Gesicht und tippte dann den Zahlencode in das Display ein. Ein leises Surren ertönte, und das schwere Eisentor öffnete sich wie von Zauberhand.

Langsam schob sie ihr Fahrrad hindurch und lehnte es auf dem weitläufigen Grundstück gegen einen Baum, während sich das Tor leise wieder hinter ihr schloss.

Eigentlich hatte sie gedacht, langsam immun gegen die Schönheit der italienischen Architektur und der Gärten zu sein. Schließlich lebte sie bereits seit vier Monaten in Bellezzo am Comer See. Doch die Pracht dieser Villa, die versteckt am Seeufer lag, überwältigte sie.

Die Villa Rosetta war ein Paradebeispiel typischer Eleganz des achtzehnten Jahrhunderts, und in dem goldenen Licht der tiefstehenden Sonne wirkte das gesamte Areal des Parks wie verzaubert.

„Atemberaubend“, flüsterte Gracie, während sie sich dem Gebäude näherte. „Einfach nur atemberaubend!“

Lange war die Villa ein Luxusresort für reiche Familien gewesen, doch nun hatte ein neuer Besitzer das Anwesen übernommen und den öffentlichen Zugang abriegeln lassen. Das hatte ihm natürlich den Ärger der Einheimischen eingebracht.

Niemand in Bellezzo wusste, was Rafael Vitale, ein milliardenschwerer Börsenmakler, mit der Villa plante. In den letzten Wochen hatte es umfangreiche Bauarbeiten gegeben, und Gerüchte machten die Runde, dass die Villa nicht wieder an Urlauber vermietet werden würde. Das wäre ein herber Schlag für die Bewohner des Dorfes, denn sie bestritten einen wesentlichen Teil ihres Lebensunterhaltes durch den Tourismus.

Neuerdings hieß es allerdings auch, dass in der Villa bald Orgien stattfinden würden. Vitales Ruf als Frauenheld eilte ihm voraus.

Gracie musste beim Gedanken daran lachen. Absurd, was diesem Mann, den niemand hier kannte, unterstellt wurde. Zugegeben, die Villa bot alles, was man sich an Privatsphäre nur wünschen konnte. Aber Orgien?

Natürlich wusste auch Gracie nicht, was von Rafael Vitale zu halten war. Es erschien ihr jedoch unfair, jemanden einfach so zu verurteilen, ohne ihn kennengelernt zu haben. Dass er hier aber nun allein wohnen sollte, kam ihr merkwürdig vor. Sie könnte niemals so einsam und abgeschieden leben.

Gracie ließ den Blick über das Grundstück schweifen, zum Pool mit verlockend azurblauem Wasser und weiter bis an den Privatstrand hinunter. Verborgen hinter einer Hecke befand sich ein wunderschöner alter Rosengarten.

Der süße Duft zauberte Gracie ein Lächeln ins Gesicht. Es gab kaum romantischere Orte als diese verwunschenen Gärten, die wirkten, als wären sie seit Jahrhunderten sich selbst überlassen. Dabei steckte viel Arbeit in der Pflege der Rosen. Das wusste sie, seitdem sie Alex Peterson kennengelernt hatte – einen älteren Nachbarn, der im Erdgeschoss des Hauses lebte, in dem auch Gracie eine Wohnung bezogen hatte.

Alex war ebenso wie sie ein Zugewanderter. Er hatte seine Frau in Bellezzo kennengelernt und mit ihr fünfzig Jahre lang hier gelebt. Vor elf Monaten war sie gestorben, und seitdem hatte Alex sich noch mehr mit seinem Hobby beschäftigt: dem Rosengarten.

Glücklicherweise hatte man ihm erlaubt, sich weiterhin um die Blumen zu kümmern.

Gracie machte sich ein wenig Sorgen um Alex, denn eine heftige Sommergrippe hatte ihn erwischt, und seine Angehörigen konnten ihn nicht versorgen, denn sein Sohn lebte in Mailand und seine Tochter in London.

Gracie wusste zu gut, wie schwer es war, allein zu sein. Vor allem, wenn man krank war. Deshalb kümmerte sie sich jetzt noch umsichtiger um den alten Mann als sonst.

Alex wollte, dass die Rosen wegen der Hitze gut gewässert wurden, und hatte Gracie gebeten, das Gießen für ihn zu übernehmen. So hatte sie auch die Gelegenheit, einen Blick auf die wundervolle Villa zu erhaschen.

Bevor sie die Blumen zu gießen begann, zog sie ihr Handy aus der Tasche und rief Alex an. „Ich bin es“, sagte sie. „Die Rosen sind einfach wundervoll! Man merkt, wie viel Mühe du dir all die Jahre gegeben hast.“

„Sehen sie gut aus? Trotz der Hitze?“

„Ja, alles in bester Ordnung. Ich mache ein Foto und bringe es dir mit.“

„Du solltest nicht zu mir kommen, sondern den Abend auf dem Fest im Dorf genießen!“

Gracie musste lächeln.

„Auf keinen Fall, du bist noch immer krank.“

„Ich bin aber nicht allein. Sofia ist vor ein paar Minuten hergekommen und hat so viel Minestrone mitgebracht, dass es für mehrere Jahre reicht.“

Sofia war die Cousine von Francesca, Gracies Chefin in der pasticceria. Gut zu wissen, dass sie sich gerade um Alex kümmerte.

„Du kannst mir ja einen Teller Suppe aufheben“, sagte sie und merkte, dass ihr Magen zu knurren begann. Seit dem Frühstück war sie nicht mehr zum Essen gekommen. Auf der Arbeit war so viel los gewesen, dass sie es völlig vergessen hatte.

„Nichts da“, erwiderte Alex. „Du gehst ins Dorf und vergnügst dich auf der Feier! Es ist das schönste Fest des ganzen Jahres, das Feuerwerk ist sehenswert!“

„Bist du sicher?“ Gracie würde schon gern auf das Fest gehen. Nicht nur, weil sie für den kleinen Stand der pasticceria ungefähr eine Million Gebäckstücke angefertigt hatte, die heute dort verkauft wurden. Es wäre einfach schön, sich den Abend über treiben zu lassen …

„Natürlich! Sofia wird mich nicht allein lassen. Wahrscheinlich zieht sie sogar hier ein, fürchte ich!“

„Okay. Aber dann komme ich direkt morgen früh vorbei!“

„Nicht zu früh“, brummte Alex. „Du stehst ja eher auf als ich!“

Ja, das stimmte. Gracie unterdrückte ein Seufzen. Üblicherweise hatte sie eine Früh- und eine Abendschicht in der Pasticceria Zullo. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viel gearbeitet. Sie war auch noch nie so glücklich gewesen.

„Also gut, dann sehen wir uns morgen nach meiner ersten Schicht, okay?“

„Das klingt gut. Danke!“

„Sehr gern, Alex.“

Er hörte sich schon viel besser an als noch vor zwei Tagen, und Gracie war erleichtert. Rasch machte sie ein Foto von den Rosen, dann widmete sie sich dem Gartenschlauch.

Die Aussicht, den Abend auf dem Fest zu verbringen, ließ ihr Herz schneller schlagen. Lachende Menschen, glückliche Familien, Musik, Tanz – Freude! Sie konnte es kaum erwarten. Weil genau diese Dinge in ihrem Leben viel zu kurz gekommen waren.

Ganz sicher würden auch jede Menge Urlauber dort sein, aber Gracie bezeichnete sich selbst nicht als eine Touristin. Sie lebte und arbeitete in Bellezzo, und deshalb gehörte sie zu den Einheimischen. Dieser Ort war ihr Zuhause geworden.

Gracie nahm den Gartenschlauch, drehte das Wasser auf und begann, die Rosen zu gießen.

Bis jemand plötzlich seine Hand auf ihre Schulter legte.

Gracie schrie erschrocken auf und wirbelte herum, den Gartenschlauch noch immer fest in den Händen. Das Wasser ergoss sich über die Gestalt eines sehr großen, breitschultrigen Mannes.

„Was machen Sie hier?“, schrie sie.

„Das frage ich Sie!“, entgegnete er, ebenfalls auf Englisch, aber mit einem amerikanischen Akzent.

Mit einer schnellen Bewegung nahm der Fremde den Gartenschlauch an sich. Ein eiskalter Wasserstrahl erwischte Gracie direkt am Bauch. Sie japste überrascht auf, und der Mann ließ den Schlauch zu Boden fallen.

Gracie starrte ihr Gegenüber an. Sie konnte den Blick einfach nicht mehr von ihm abwenden, denn er wirkte so perfekt wie eine antike Statue. Unfassbar schön – und von oben bis unten durchnässt. Sein maßgeschneiderter Smoking war ganz sicher ruiniert.

Smoking!

In Windeseile begann Gracie zu schätzen, wie viel dieses Kleidungsstück wohl gekostet hatte …

„Wären Sie so freundlich, mir zu verraten, warum Sie mit dem Gartenschlauch auf mich losgehen?“ Der Mann wischte sich Wasser von Gesicht und Hemd.

Gracie streckte die Hand aus und strich das Wasser von seinem Anzug. Erst als sie merkte, dass der Mann vor ihr wie erstarrt stehen geblieben war, hielt sie inne.

Zaghaft sah sie ihn an und blickte in unfassbar dunkelbraune Augen, die von langen Wimpern umrahmt wurden.

Er war die Perfektion in Person, mit markanten Gesichtszügen und einer gefährlich attraktiven Ausstrahlung. Nie zuvor hatte Gracie jemanden erlebt, der so männlich und elegant zugleich war.

Oh mein Gott …

„Verzeihung“, murmelte sie, machte einen Schritt zurück und merkte, wie ihr seltsam heiß wurde. Gleichzeitig wurde ihr klar, wen sie vor sich hatte. Sie erkannte ihn wieder, weil Francesca ihr ein Foto aus der Zeitung gezeigt hatte.

Diese hohen Wangenknochen würde sie unter Tausenden wiedererkennen. Sie gehörten Rafael Vitale.

„Sie sollten nicht hier sein“, stieß Gracie mit zittriger Stimme hervor.

„Genau das könnte ich auch zu Ihnen sagen.“ Ein kühler Blick traf sie. „Das ist mein Haus. Sie haben hier nichts zu suchen.“

Gracie versuchte ein schwaches Lächeln. „Es tut mir leid. Ich habe nicht angenommen, dass Sie hier sind.“

„Offensichtlich nicht.“ Seine Miene blieb vollkommen unbewegt.

Ich sterbe! Vor Peinlichkeit. Und weil dieser Mann so entsetzlich gut aussieht. Einfach umwerfend.

„Sie sind vollkommen durchnässt“, sagte Gracie leise.

Sein muskulöser Oberkörper zeichnete sich nur zu deutlich unter dem weißen Stoff des Hemdes ab, und Gracie spürte, wie ihre Kehle merkwürdig trocken wurde. „Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel.“

„Doch. Das tue ich.“ Seine Antwort war barsch. Zeitgleich zog er die Smokingjacke aus. Das machte es nur noch schlimmer, denn jetzt hatte Gracie einen noch besseren Blick auf seinen athletischen Körper. Ein leises Kichern löste sich aus ihrer Kehle, und sie presste rasch eine Hand vor ihren Mund. Reiß dich zusammen!

Offenbar hielt er sie ohnehin für geistig minderbemittelt. Aber sie konnte einfach nicht aufhören, ihn anzustarren!

Was war das nur? Sie fühlte sich so sehr zu diesem Mann hingezogen, dass sie sich kaum noch beherrschen konnte! Gab es so etwas wie Lust auf den ersten Blick?

Gracie wand sich innerlich, so unangenehm war ihr das alles.

Andererseits schien er es gewohnt zu sein, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, und sie war ganz sicher nicht die erste Frau, die so auf ihn reagierte. Wahrscheinlich lagen ihm alle zu Füßen. Und sie war nur eine weitere in dieser Reihe.

Gracie, es reicht jetzt!

Sie trat erneut einen Schritt zurück, um möglichst viel Abstand zwischen sich und den Besitzer der Villa zu bringen, doch auf dem nassen Gras rutschte sie weg und landete unsanft auf einem ihrer Knie. Ein stechender Schmerz schoss in das Gelenk.

Gracie fluchte leise und spürte im gleichen Moment zum zweiten Mal seine Hand an ihrem Körper. Er stützte sie am Ellbogen und half ihr auf. Unglücklicherweise rutschte sie direkt wieder aus, und das Nächste, was sie wahrnahm, war eine sichere Umarmung.

Er hatte sie an sich gezogen und hielt sie so fest, dass sie stabil stand.

Gracie schluckte schwer. Er fühlte sich so gut an … Viel zu gut!

Das alles war ihr so peinlich, dass sie es nicht einmal schaffte, ihn anzusehen. Ihr Knie schmerzte fürchterlich, doch die Umarmung und der wundervolle Duft des Aftershaves wirkten besser als jedes Medikament.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er ruppig.

Wahrscheinlich hielt er sie wirklich für nicht ganz normal. Gracie versuchte, das verletzte Knie zu belasten, und zuckte leise wimmernd zusammen.

Rafael Vitale zögerte keine Sekunde. Bevor sie begriff, was geschah, hatte er sie auf seine starken Arme gehoben.

Diese unglaubliche Nähe raubte ihr den Atem. „Lassen Sie mich herunter!“

„Damit Sie erneut ausrutschen und sich das Genick brechen?“ Er setzte sich in Bewegung und steuerte den Eingang der Villa an. „Sie sind eine Gefahr, nicht nur für sich selbst. Je schneller Sie von hier verschwinden, desto besser.“

„Sie wollen mich jetzt wirklich bis zum Tor tragen?“

Höchstwahrscheinlich war das absolut kein Problem für ihn. Gracie spürte das Spiel seiner Muskeln durch die nasse Kleidung hindurch, und ihre Haut begann zu prickeln.

Es war einfach unpassend, sich so zu diesem Mann hingezogen zu fühlen!

Dennoch konnte sie ein weiteres Lachen nicht unterdrücken, während er sie mühelos zur Villa trug.

„Sie sind ein wenig hysterisch, oder?“, kommentierte er ihr Kichern.

„Nein.“ Gracie atmete tief durch. „Ich bin einfach nur peinlich berührt. Das Lachen ist eine Stressreaktion. Es tut mir leid, wirklich.“ Mutig blickte sie ihn an und versuchte ein weiteres Lächeln. „Lachen ist immerhin besser als weinen. Oder?“

„Stimmt“, antwortete er grimmig. „Eine weinende Einbrecherin wäre noch unangenehmer.“ Er stieg die Stufen hinauf und trat in die große Eingangshalle. „Ich bin Rafael Vitale“, sagte er.

„Das dachte ich mir.“

„Und Sie sind?“

Gracie hörte seine Frage, aber sie war durch die Inneneinrichtung zu abgelenkt, um zu antworten. Dieses Gebäude war unglaublich! Sie wusste gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte!

Rafael Vitale allerdings ließ ihr auch keine Zeit, sich genauer umzusehen, sondern ging von der Eingangshalle direkt weiter durch einen Flur in die anschließende Küche. Dort setzte er sie auf einem großen Tisch ab.

Gracie blinzelte. „Wow“, sagte sie. Die schlichte Eleganz der Villa zog sich auch durch das Interieur der Küche.

Der Hausherr schien all das aber kaum wahrzunehmen. „Ist es sehr schmerzhaft?“, fragte er kühl.

„Was? Ach so, mein Knie … Ich glaube, die Peinlichkeit hat die Schmerzen betäubt.“

Gracie versuchte, ihn nicht anzublicken. Schwierig, da er direkt vor ihr stand. Er schien eine geradezu magnetische Anziehungskraft auszuüben, und Gracie fühlte sich hilflos und fasziniert zugleich.

„Ich werde etwas Eis auf das Knie legen“, sagte er knapp. „Das sollte den Heilungsvorgang beschleunigen.“

„Der Kühlschrank ist beeindruckend“, plapperte Gracie los, um sich abzulenken, während Rafael Vitale das Knie versorgte. „Die ganze Villa ist beeindruckend! Diese Küche ist größer als die in unserer Bäckerei, und wir sind immerhin ein Unternehmen.“

Er antwortete nicht, sondern legte einige Eiswürfel in ein Geschirrtuch und platzierte das improvisierte Coolpack dann auf Gracies Knie.

Sie spürte, wie ihr ein Schauer über die Haut lief. Aber das lag nicht an dem Eis. Sondern an der Präsenz dieses Mannes.

„Sie dürften gar nicht hier sein“, redete sie weiter, um ihre Unsicherheit zu überspielen. „Meines Wissens nach hätte erst morgen jemand herkommen sollen.“

„Sie neigen nicht nur zu Hysterie, Sie reden auch die ganze Zeit, wenn Sie nervös sind.“ Er drückte das Coolpack sanft auf das Knie.

„Eigentlich nicht“, erwiderte Gracie leise. Dann presste sie die Lippen zusammen. Normalerweise schwieg sie eher, anstatt zu viel zu reden. Sie hatte schon als Kind gelernt, dass es gefährlich war, etwas von sich preiszugeben, und diese Gewohnheit ließ sich nur schwer ablegen.

„Wissen Sie, es tut nicht mehr wirklich weh“, sagte sie schließlich. „Ich denke, Sie können das Eis jetzt wegnehmen.“

Rafael Vitale blieb unbeeindruckt. „Halten Sie es fest“, sagte er.

Gracie streckte die Hand aus, um das Coolpack selbst auf ihr Knie zu drücken, und berührte dabei ungewollt die Finger ihres Gegenübers.

„Entschuldigung“, stieß sie hervor und errötete vor Verlegenheit. Es war einfach unglaublich, wie dumm sie sich anstellte …

Sie schluckte schwer und versuchte, eine unbeteiligte Miene aufzusetzen, während er sein durchnässtes Hemd aufknöpfte. Einige Sekunden später hatte er es abgestreift und stand mit nacktem Oberkörper vor ihr.

Gracie hatte den Eindruck, als würde sich jegliche Vernunft in ihr ausschalten. Dieser Mann war so unglaublich schön! Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Die breiten Schultern, die leicht gebräunte Haut, die schmalen Hüften … Nicht zu vergessen die sich deutlich abzeichnende Muskulatur am Bauch, von dessen Nabel aus sich eine feine Linie schwarzer Haare bis zum Bund der Hose zog …

Als Rafael Vitale sich kurz von Gracie abwandte, presste sie das Coolpack an ihre Wangen. Ihr war so heiß, dass sie zu glühen glaubte. Zugleich zermarterte sie ihr Hirn nach allem, was Francesca ihr über diesen Mann erzählt hatte.

Soweit sie wusste, hatte er seine Milliarden durch Finanztransaktionsgeschäfte verdient, inzwischen war er im Immobiliensektor tätig und Besitzer unzähliger Häuser und Anwesen.

Für Gracie war das unverständlich. Sie hatte sich immer nur einen einzigen Ort gewünscht, an dem sie wirklich zu Hause sein konnte …

Wenn man der Boulevardpresse glauben konnte, umgab sich Rafael Vitale gern mit Models und adligen Damen und tauchte auf Veranstaltungen üblicherweise mit umwerfend schönen Frauen auf. Jetzt, da Gracie ihm leibhaftig begegnet war – und seinen nackten Oberkörper sah –, verstand sie, warum niemand ihm widerstehen konnte.

Instinktiv presste sie die Beine fester zusammen. Es war einfach unglaublich, wie stark sie auf ihn reagierte! Eine wilde Anziehung, die sich schlecht verbergen ließ.

Ja, je schneller sie von hier verschwand, desto besser! Es war sinnlos, einen Mann anzuschmachten, der vollkommen unerreichbar war. Normalerweise hätte er sie sicher nicht einmal wahrgenommen.

„Warum haben Sie vorhin ein Foto gemacht?“, hörte sie ihn jetzt sagen.

Irritiert runzelte Gracie die Stirn. „Weil ich ihm zeigen wollte, dass sie in Ordnung sind.“

„Wem wollten Sie zeigen, dass wer in Ordnung ist?“ Es lag plötzlich eine große Wachsamkeit in Rafael Vitales Blick.

„Alex. Die Rosen.“

„Wer ist Alex?“

„Wie bitte? Sie haben keine Ahnung, wer Alex ist?“

„Der Hausmeister? Ich war noch nie in der Villa, deshalb weiß ich es wirklich nicht.“

Hausmeister? Du liebe Güte … Alex hatte vierzig Jahre seines Lebens damit verbracht, den Rosengarten zu pflegen!

Gracie starrte Vitale an. „Sie waren wirklich noch nie hier? Und haben die Villa einfach auf Verdacht gekauft? – Wow. Das ist speziell.“

„Es geht also lediglich um die Rosen?“

„Natürlich geht es um die Rosen! Oder glauben Sie etwa, ich habe mich auf dem Grundstück herumgetrieben, um Sie zu sehen?“

„Sie wären nicht die erste Frau, die bei mir einbricht.“ Er lächelte nachsichtig.

„Ich bin nicht eingebrochen!“

„Feinheiten.“ Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und blickte Gracie amüsiert an. „Die meisten sind auf der Suche nach meinem Schlafzimmer.“

„Ich bin ganz sicher keine Stalkerin!“ Hatte er gerade sein Schlafzimmer erwähnt? Erneut lief ihr ein heißer Schauer über den Rücken.

„Das freut mich zu hören.“ Er legte den Kopf schief und betrachtete Gracie noch eindringlicher.

Sie spürte seine Blicke wie ein leichtes Glühen auf der Haut und war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Sie sollten sich jetzt besser etwas anziehen“, sagte sie nervös. „Offenbar wollten Sie ausgehen. Ich muss auch ins Dorf zurück.“

Sie machte Anstalten, vom Tisch herunterzurutschen, und achtete dabei darauf, ihr Knie nur vorsichtig zu belasten.

„Wie heißen Sie?“, fragte Rafael Vitale.

Es war eine ganz normale Frage. Er konnte nicht wissen, dass genau diese für Gracie enorm schwierig war.

Als Kind hatte sie hunderte verschiedene Antworten darauf gegeben. Ihr Leben war eine einzige riesige Lüge gewesen.

Es ist nur zu deinem Besten, Liebling. So können wir zusammenbleiben.

Es war ein ewiges Verstecken gewesen, inklusive häufiger Umzüge. Gracie schüttelte die Erinnerungen ab. Sie hatte sich für einen Namen entschieden, und es sollte kein Problem mehr sein, dazu zu stehen. Dennoch wollte sie am liebsten nicht antworten.

Sie sah, dass sich zum ersten Mal ein wirkliches Lächeln in Rafael Vitales Gesicht zeigte. „Nun, es spielt eigentlich auch keine Rolle“, sagte er lässig. „Wir werden uns ohnehin nie wiedersehen.“

„Stimmt“, murmelte Gracie. „Obwohl …“ Sie nahm allen Mut zusammen. „Wahrscheinlich doch. Ich muss noch für einige Tage den Job von Alex übernehmen.“

Das Lächeln verschwand schlagartig. „Die Rosen gießen?“

„Ja.“

„Es gibt automatische Bewässerungssysteme“, antwortete er kalt.

„Aber die Rosen sind wie Kinder!“, erwiderte Gracie entsetzt. „Würden Sie Ihre Kinder von einem Automatiksystem versorgen lassen?“

„Da ich keine Kinder möchte, ist das egal.“ Er stemmte die Hände in die Hüften. „Warum haben Sie die Arbeit von Alex übernommen?“

Gracie schluckte schwer. „Es geht ihm nicht so gut. Er hat die Grippe.“

„Im Sommer.“

„Er ist nicht mehr der Jüngste.“

„Sollte er dann überhaupt noch arbeiten?“

„Natürlich! Die Rosen sind sein Leben!“ Das Gespräch machte Gracie fassungslos. Rafael Vitale schien absolut keine Ahnung zu haben, welcher Segen Alex war!

„Er hätte Ihnen dennoch niemals den Sicherheitscode für das Grundstück geben dürfen“, sagte Vitale nun. „Das ist ein grober Verstoß gegen die Richtlinien.“

„Aber Alex wollte doch nur, dass es den Rosen gut geht. Sie verdorren sonst in der Hitze!“

„Die Rosen sind mir egal. Mir geht es um meine Sicherheit.“

„Aha. Deshalb soll niemand mehr an die Villa herankommen? Weil Sie befürchten, nackte Frauen in Ihrem Bett vorzufinden?“

„Ja, das befürchte ich. Ich möchte meine Ruhe haben.“

„Wenn Sie mich endlich gehen ließen, hätten Sie Ihre Ruhe. Ich belästige Sie ganz sicher nicht. Und ich werde mich um die Rosen kümmern, wenn Sie nicht hier sind.“

„Zu spät“, antwortete Rafael Vitale sanft. „Sie haben mich schon belästigt.“

Gracie starrte ihn an.

„Woher kommen Sie?“, hakte er weiter nach. „Und warum sind Sie hier?“

„Das habe ich Ihnen bereits gesagt.“

„Falsch. Sie haben viel geredet, aber fast nichts gesagt.“

Gracie ließ sich vom Tisch heruntergleiten. Glücklicherweise konnte sie das verletzte Bein inzwischen ohne allzu große Schmerzen belasten. „Sehen Sie? Alles wieder gut. Ich werde jetzt gehen.“

„Nein, das werden Sie nicht.“ Er kam nicht näher, schien ihr aber durch eine winzige Bewegung den Weg zum Ausgang zu versperren.

„Warum nicht?“ Gracie verfluchte sich innerlich dafür, dass sie sein Gesicht immer noch unfassbar schön fand. Es lag ein merkwürdiges Glitzern in diesen dunklen Augen. Aber auch eine ganz neue Wärme, die sie zuvor nicht gesehen hatte.

„Ich war gerade auf dem Weg zu einer Party, als Sie mich im Rosengarten attackierten“, sagte er. „Nun werde ich deutlich zu spät kommen und dafür brauche ich eine gute Begründung.“

„Dann sagen Sie doch die Wahrheit“, erwiderte Gracie schulterzuckend. „Das ist immer die einfachste Lösung.“

„Ernsthaft?“

„Ja.“ Sie wich seinem Blick aus, weil sich ihr Herzschlag erneut beschleunigte. In der Gegenwart dieses Mannes fühlte sie sich unsicher wie ein Teenager.

„Sagen Sie immer die Wahrheit?“, hakte er nach.

Gracie kreuzte die Arme vor der Brust. „Ja, das tue ich.“

Er lachte auf. „Das glaube ich nicht. Niemand ist immer ehrlich.“

„Dann muss ich Sie enttäuschen, ich bin es nämlich.“

Die Lügen meiner Vergangenheit reichen für mehrere Leben.

Rafael Vitale musterte sie prüfend und ließ dann sein umwerfendes Lächeln aufblitzen. „Menschen lügen immer, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber da Sie die Ehrlichkeit in Person sind, schlage ich vor, dass Sie mich zu der Party begleiten. Dann können Sie allen Anwesenden erzählen, was sich hier zugetragen hat.“

2. KAPITEL

Gracie blinzelte überrascht. Hatte sie das gerade richtig verstanden?

„Ich gehe nicht mit Ihnen auf die Party.“

„Die Veranstaltung findet im Palazzo Chiara statt“, ergänzte er ungerührt. „Waren Sie jemals dort? Dagegen ist diese Villa ein Spielzeughaus.“

Natürlich wusste Gracie, von welchem Gebäude er sprach. Der Palazzo Chiara war ein exklusives Luxushotel, in dem die Reichen und Schönen abstiegen. Sie bevorzugte dennoch den subtilen Charme der Villa Rosetta.

„Von dort hat man einen sehr guten Blick auf das Feuerwerk und die Lichter auf dem See“, fügte Vitale ungewohnt sanft hinzu.

Gracie runzelte die Stirn. Offenbar hatte er ihr Telefonat mit Alex belauscht, sonst wüsste er nicht, dass sie auf das Fest hatte gehen wollen.

„Das Feuerwerk kann ich mir auch vom Dorf aus ansehen“, antwortete sie kühl. Rafael Vitale mochte ein noch so attraktiver Mann sein, aber er hatte eine Eigenschaft, die ihr nicht gefiel: Er schien permanent davon auszugehen, dass alles, was er wünschte oder anordnete, ganz selbstverständlich geschah.

Vielleicht bekam er üblicherweise tatsächlich immer, was er wollte. In ihrem Fall aber würde er sich die Zähne ausbeißen. Selbst wenn es einen Teil in ihr gab, der sich nur zu gern auf ihn eingelassen hätte …

„Sie sind Touristin. Interessiert es Sie gar nicht, auf einer Party der High Society dabei zu sein?“

„Eine Party voller elitärer Menschen, alle so arrogant wie Sie? Nein, ich kann mir Schöneres vorstellen.“

Rafael Vitale grinste. „Niemand dort ist auch nur halb so arrogant wie ich.“

Zugegeben, er schien immerhin über Selbstironie zu verfügen. Und das anziehendste Lächeln überhaupt …

Gracie biss sich auf die Unterlippe und wandte ihren Blick ab.

„Sehen Sie es doch als Ergänzung Ihrer Reise“, sagte er. „Ein einmaliges Erlebnis.“

Sie verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass sie keine Touristin war. „Ich soll Ihnen also dankbar sein für diese Chance?“

„Die meisten Menschen wären es.“

„Tja, ich bin aber nicht wie die meisten anderen Menschen. Und ich lege keinen Wert auf weitere Erlebnisse mit Ihnen. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass man nicht zu Fremden ins Auto steigt.“

Täglich hatte sie das gesagt und Gracie damit vor allem Angst gemacht. Die Befürchtung, dass man sie erwischen und trennen würde, war ihre permanente Begleiterin gewesen.

„Ich bin aber kein Fremder“, erwiderte Rafael Vitale. „Sie wissen, wer ich bin. Ich habe mich sogar um Ihr Knie gekümmert.“

„Das, was ich über Sie weiß, ist nur ein weiterer Grund, abzulehnen.“

Er hob eine Braue. „Eilt mir mein Ruf voraus? Das überrascht mich nicht.“ Er lächelte verführerisch. „Was wäre das Schlimmste, das ich tun könnte? Und wäre das wirklich so entsetzlich?“

Es war, als hätte er einen Schalter umgelegt. Plötzlich sprühte er vor Charme.

„Warum um alles in der Welt sollten Sie mich auf dieser Party dabeihaben wollen?“, fragte Gracie.

„Weil es mit Ihnen gemeinsam vielleicht weniger langweilig wird.“

„Ich soll also Ihre persönliche Alleinunterhalterin sein?“ Gracie rollte mit den Augen. „Keine Chance. Ich muss hier außerdem noch Arbeit erledigen.“

„Wir wissen beide, dass Ihre Arbeit beendet ist.“

„Für heute vielleicht.“ Sie hob stolz ihr Kinn. „Aber ich habe Alex versprochen, dass ich mich um die Rosen kümmere, und ich halte mein Wort.“

„Wenn er ein alter Mann ist, sollte er sich keine Sorgen mehr um so etwas wie Rosen machen.“

„Aber er liebt diesen Garten. Haben Sie nichts, was Sie mehr lieben als alles andere?“

Ein Schatten glitt über Rafael Vitales Gesicht. „Ich binde mich nicht an Orte, Dinge oder Menschen.“

„Normalerweise ist nichts schlimm daran.“ Gracie atmete tief durch. „Alex hat diesem Rosengarten die letzten vierzig Jahre gewidmet. Er hat die Blumen für seine Frau angepflanzt. Sie ist vor einigen Monaten gestorben, und der Garten bedeutet ihm alles.“

„Der Garten liegt auf einem Grundstück, das ihm niemals gehörte.“ Vitale zog die Augenbrauen zusammen. Sein Blick wurde so intensiv, dass es kaum auszuhalten war. „Wenn Sie mich heute nicht auf die Party begleiten, dann können Sie Alex ausrichten, dass er seine Rosen niemals wiedersieht.“

Gracie schnappte nach Luft. „Erpressen Sie mich? Sie müssen verzweifelt sein, wenn Sie so dringend Gesellschaft auf der Party brauchen.“

Er lachte. „Nein. Ich bekomme nur gern, was ich will.“

„Offenbar schrecken Sie nicht vor unlauteren Mitteln zurück. Ist das für Sie normal?“

„Manchmal muss man sich durchsetzen. Egal wie.“ Er straffte die Schultern, und Gracie sah das Spiel seiner Muskeln an seinem nackten Bauch. „Üblicherweise kaufe ich mir einfach, was ich möchte. Aber ich möchte Sie nicht beschämen, indem ich Ihnen Geld anbiete.“

Gracie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Warum fragen Sie mich nicht einfach höflich, ob ich Sie begleiten möchte?“

Er seufzte leise. „Also gut: Würden Sie mich bitte zu der Party begleiten? Ich bin neu in der Stadt und möchte nicht allein hingehen.“

„Und ausgerechnet ich bin Ihre Wahl, ja? Mit meiner unpassenden, durchnässten Kleidung und dem angeschlagenen Knie?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Ich kann mich um Ihr Outfit kümmern“, erwiderte er.

„Wie bitte?“

Er grinste breit, kam auf Gracie zu und hob sie erneut auf seine Arme.

„Das ist Nötigung!“ Sie hatte das Gefühl, knallrot anzulaufen. Seine nackte Haut zu spüren, während er sie in das Wohnzimmer trug, war fast zu viel für sie.

„Nein, das ist das Verhalten eines wahren Gentlemans! Ich habe Sie aus der Not gerettet! Das Mindeste, was Sie mir dafür geben können, sind ein paar Stunden Ihrer wertvollen Zeit.“ Er setzte Gracie schwungvoll auf dem Sofa ab. „Was halten Sie davon?“

Er deutete auf einen großen Kleiderständer, der an einer Wand stand. Unzählige wunderschöne Frauenkleider hingen daran.

Gracie blinzelte ungläubig. „Haben Sie immer Frauenkleidung parat, für den Fall, dass jemand Sie mal überraschenderweise begleiten muss? Oder mögen Sie es einfach, Frauen einzukleiden?“

Ein Glitzern trat in seine dunkelbraunen Augen, und Gracie musste schwer schlucken. Nein, er musste nicht antworten. Sie wusste, was er dachte. Er liebte es nicht, Frauen anzuziehen. Wohl aber, sie auszuziehen …

Mir raschen Schritten ging er zu dem Kleiderständer. „Morgen findet hier ein Shooting für ein Modemagazin statt“, sagte er. „Das hier sind einige der Kleider für die Models.“

Gracie wurde ein wenig übel. „Models? Damit ist die Sache erledigt. Ich werde in kein einziges der Kleidungsstücke hineinpassen.“

„Wir werden etwas für Sie finden.“

Er ließ seinen Blick an ihrem Körper herunter- und wieder hinaufwandern. Gracie spürte, wie ihr erneut entsetzlich heiß wurde. „Aber die Kleider kosten sicher ein Vermögen! Ich möchte nichts ruinieren.“

„Sofern Sie wollen, dass Alex den Job behält, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als mich zu begleiten“, sagte Vitale. „Geben Sie sich einen Ruck. Es ist nur eine Party, kein Heiratsantrag.“

Gracie funkelte ihn wütend an. „Wenn es nur eine Party ist, warum können Sie dann nicht allein hingehen? Wird jemand dort sein, den Sie lieber nicht sehen würden? Eine Exfreundin vielleicht?“

„Oh, das ist unwahrscheinlich. Aber ich könnte Schutz gebrauchen.“

„Schutz?“ Sie lachte. „Vor wem? Den wildgewordenen Stalkerinnen?“

Er seufzte erneut. „Ich sagte doch bereits, ich langweile mich schnell.“

„Menschen mit viel Fantasie langweilen sich niemals.“

Er musterte Gracie. „Glauben Sie mir, ich habe sehr viel Fantasie. Ich denke nur, dass es besser ist, wenn ich dieser jetzt nicht nachgebe.“

Sie hielt seinem Blick stand und gab sich Mühe, cool zu wirken.

„Also, wie heißen Sie? Verraten Sie es mir jetzt?“, fragte er. „Oder muss ich die Polizei rufen, weil Sie mein Grundstück betreten haben?“

Gracie verzog den Mund. „Grace James.“

„Grace.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Freut mich.“

Nur widerwillig ergriff sie seine Hand. Die Berührung jagte wie ein elektrischer Schlag durch sie hindurch, und rasch löste sie sich wieder, um sich den Kleidern zuzuwenden.

„Und was, wenn ich auf der Party einen großartigen Mann kennenlerne?“, versuchte sie abzulenken.

„Das dürfte Sie nur interessieren, wenn es bisher keinen Mann in Ihrem Leben gibt“, erwiderte er. „Sie sind also Single?“

Gracie biss die Zähne zusammen und schwieg.

„Hier“, sagte Vitale und nahm eines der Kleider vom Haken. „Dieses steht Ihnen sicher hervorragend.“

„Es ist weiß! Ich werde mich bekleckern, noch bevor wir auf der Party angekommen sind!“

Er lachte. „Und wenn schon! Ich weiß, dass Sie mitkommen möchten. Bitte! Geben Sie sich einen Ruck.“

Es war wirklich schwer, diesem Mann zu widerstehen. Er zog einfach alle Register.

Doch Gracie war wild entschlossen, keine weitere seiner vielen Eroberungen zu werden. Sie war zu stolz, um sich von einem gelangweilten reichen Schnösel bezirzen zu lassen.

Aber das bedeutete nicht, dass sie nicht mit auf die Party gehen und sich nach Herzenslust amüsieren konnte. Oder?

„Also gut“, sagte sie schließlich. „Wo kann ich mich umziehen?“

Zehn Minuten später starrte Gracie in dem luxuriösesten Schlafzimmer, das sie jemals betreten hatte, in den Spiegel. Sie konnte kaum fassen, was sie sah.

Das Kleid schmiegte sich an ihren Körper wie eine zweite Haut. Bedauerlicherweise war es nur ohne BH tragbar, und wahrscheinlich sollte sie besser auch den Slip darunter ausziehen, damit sich keine Naht unter dem feinen Stoff abzeichnete.

Wie war sie nur auf die unglaublich dämliche Idee gekommen, zuzusagen?

Du weißt, warum …

Natürlich. Sie hatte viel nachzuholen. Dass es allerdings unbedingt eine Party mit Rafael Vitale sein musste, überwältigte sie schon ein wenig …

„Sind Sie fertig?“, hörte sie ihn nun vor der Tür fragen. „Wir sollten los.“

Rasch band Gracie ihre Haare zu einem losen Dutt, streifte den Slip herunter, legte ihn zusammen mit ihrem BH auf einen Sessel in der Ecke und atmete tief durch. Dann trat sie auf den Flur hinaus.

„Ich kann das nicht anziehen“, sagte sie leise. „Es ist unpassend.“

Er schwieg. So lange, dass Gracie ihn schließlich doch ansah. Es war nicht ersichtlich, was Rafael Vitale dachte. Doch als er schließlich sagte: „Es ist perfekt“, klang seine Stimme ein wenig rau.

„Nein“, antwortete Gracie unsicher. „Es sitzt an den falschen Stellen sehr eng.“

„Ich finde, es sind genau die richtigen Stellen.“

„Sie mögen es, wenn Ihre Begleitung aussieht wie …“

„Eine Schönheit. Ja. Natürlich.“ Er deutete mit einem Nicken auf Gracies Armbanduhr. „Die passt vielleicht nicht ganz dazu.“

„Aber ich muss sie tragen. Ich muss die Zeit im Blick behalten.“

„Weil Sie wie Cinderella nicht nach Mitternacht unterwegs sein dürfen? Obwohl das so viel Spaß machen könnte?“

„Die Uhr bedeutet mir viel.“

„Es ist eine Herrenuhr.“

„Ja“, murmelte Gracie. „Die Uhr eines alten Herrn.“

„Ist Ihr Knie in Ordnung?“

Sie nickte. „Solange ich nicht rennen muss, ist alles gut.“

„Es ist mir eine Ehre, zur Sicherheit Ihre Hand zu halten. So kann ich Sie stützen.“

„Natürlich. Sie sind eben ein Gentleman.“

Er grinste. „Richtig. Ich sehe schon, wir werden einen großartigen Abend haben.“

Es wunderte Gracie nicht, dass sie mit einem rotem Ferrari zur Party fahren würden. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich auf den Beifahrersitz gleiten und schnallte sich an. „Ich werde nichts trinken, kann also nachher nach Hause fahren, wenn Sie möchten“, sagte sie.

Rafael Vitale musterte sie amüsiert. „Es wird den besten Champagner geben. Das wollen Sie sich entgehen lassen?“

„Ich gehe lieber keine Risiken ein. Das hier ist ohnehin schon der abenteuerlichste Abend meines Lebens.“

Er startete den Wagen. „Tatsächlich? Und warum gehen Sie keine Risiken ein?“

Weil es zu gefährlich ist. All die Jahre hatte sie immer darauf achten müssen, nicht aufzufallen. Doch heute Abend würde das anders sein. Endlich! Es fühlte sich an wie ein aufregendes Experiment.

„Ich … Ich bin schüchtern. Und ich brauche eine Weile, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.“

Rafael Vitale lachte laut auf.

„Wieso lachen Sie?“, rief Gracie und schlug ihm spielerisch mit der Faust gegen den Arm. „So ist es! Ich war immer schüchtern. Das hier ist mein neues Ich. Offen und zu einhundert Prozent ehrlich.“

„Ihr neues Ich? Zu einhundert Prozent ehrlich?“

„Absolut.“

Sein Lachen wurde noch lauter. „Niemand ist immer ehrlich!“

„Ich schon.“

„Sie wären also einhundert Prozent ehrlich zu jemandem, auch wenn es diese Person verletzen würde?“, hakte er nach. „Ist es nicht manchmal besser, die Gefühle anderer Menschen zu schonen?“

Gracie war überrascht. „Sie scheren sich um die Gefühle anderer?“

„Natürlich.“

Sie atmete tief durch. „Ich denke, dass es schmerzhafter ist, belogen zu werden“, sagte sie dann. „Am Ende kommt immer die Wahrheit heraus.“

Er schüttelte den Kopf. „Sie irren sich. Menschen lügen ständig. Große Lügen, kleine Lügen. Notlügen. Es passiert immer und überall.“

„Mag sein“, antwortete Gracie. „Aber so etwas zerstört die Menschen von innen heraus. Vielleicht merkt man selbst nicht, dass man belogen wurde. Aber der Lügner wird immer wissen, dass er gelogen hat. Lügen machen mürbe.“

Rafael Vitale blickte Gracie fest an. „Das klingt, als sprächen Sie aus Erfahrung. Haben Sie viel gelogen in Ihrem Leben?“

„Öfter, als Sie mir jemals glauben würden.“

Und jede einzelne Lüge hatte sie mehr und mehr zerstört.

3. KAPITEL

„Sie haben sich also in Ihrem Leben um Kopf und Kragen gelogen? Warum?“ Rafael konnte das nur schwer glauben. Grace schien keine Frau zu sein, der man misstrauen musste. Doch vielleicht täuschte dieser Eindruck.

„Um mich zu schützen. Aber auch so etwas richtet Schaden an. Deshalb lüge ich nicht mehr. Der Preis ist zu hoch.“

Sie lächelte, doch es war nicht mehr unbeschwert.

„Ich denke, wir sind uns auf gewisse Weise ähnlich“, fügte sie hinzu. „Ich sage offen, was ich möchte und was nicht.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich diesbezüglich ehrlich bin?“ Rafael war erstaunt: Glaubte sie wirklich, ihn nach so kurzer Zeit einschätzen zu können?

„Sie sind direkt und sorgen dafür, dass Sie das bekommen, was Sie wollen. Die Tatsache, dass ich jetzt in Ihrem Auto sitze, ist dafür der beste Beweis.“

Da hatte sie recht. In Grace’ Fall war er sich allerdings nicht sicher, ob sie sich nicht doch noch plötzlich gegen einen Abend auf der Party entschied. Er konnte sie nicht einordnen, und das machte sie umso interessanter.

„Wenn Sie aber nun so sind wie ich, dann bekommen Sie in Ihrem Leben auch alles, was Sie wollen“, erwiderte er scherzend. „Ich nehme also an, Sie wollten von Anfang an mit mir auf die Party.“

Grace lachte leise. „Interessante Sichtweise. Ja, nachdem ich ein wenig über Ihre ‚Einladung‘ nachgedacht hatte, erschien es mir als spannende Erfahrung. Die selbstverständlich ein einmaliges Arrangement bleibt.“

Rafael spürte einen feinen Stich im Herzen. Warum, konnte er sich nicht erklären. Vielleicht lag es daran, dass er sich den ganzen Tag über schon nicht besonders gut gefühlt hatte?

Endlich war die Villa Rosetta sein Eigentum. Er sah all die Schönheit um sich herum und konnte sie trotzdem nicht genießen. Es war zum Verrücktwerden …

Aber was hatte er eigentlich erwartet? Die Villa war nur ein Symbol für vieles, das niemals erfüllt werden konnte. Sein Vater, Roland, war seit Jahren tot …

Rafael richtete den Blick lieber nach vorn als in die Vergangenheit. Lange hatte er alle Anstrengungen darauf verwendet, das Anwesen zu bekommen. Aber jetzt, da es ihm gelungen war, bedeutete es ihm nichts.

Vielleicht, weil nur eine liebende Familie – die er nie hatte – die vielen leeren Räume der Villa mit Leben füllen konnte.

Aber das sollte ihm doch nichts ausmachen, er war schließlich nicht mehr acht Jahre alt, sondern ein erwachsener, sehr erfolgreicher Mann! Er brauchte nichts und niemanden!

Als Grace heute unvermittelt aufgetaucht war, hatte er sie als willkommene Abwechslung betrachtet. Warum aber spürte er schon nach so kurzer Zeit eine merkwürdige Verbundenheit mit ihr? Er kannte diese Frau gar nicht, aber mit ihrer Leichtigkeit, ihrer Liebe zu den Rosen und ihrem strahlenden Lächeln hatte sie ihn für sich eingenommen.

„Das Feuerwerk soll sensationell sein“, hörte er sie jetzt sagen. „Sie haben mir doch einen äußerst spektakulären Abend versprochen, richtig?“

Rafael blickte sie an. Lag da eine gewisse Zweideutigkeit in ihren Worten, oder war das Zufall? „Flirten Sie mit mir?“

„Wie bitte? Nein!“ Grace lief tiefrot an. „Fahren Sie jetzt endlich los?“

Er lächelte. „Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie mit mir flirten.“

Grace sagte einen Moment nichts, dann seufzte sie. „Gehen Sie davon aus, dass wirklich jede Frau mit Ihnen flirten möchte?“

„Die meisten wollen es“, erwiderte er und startete den Wagen. Er fühlte sich merkwürdig leicht, und zugleich amüsierte ihn seine Idee, eine vollkommen Fremde zu einer der exklusivsten Partys des Kontinents mitzunehmen.

Er musste sich allerdings eingestehen, dass Grace ihn von der ersten Sekunde an fasziniert hatte. Vor allem ihre Augen hatten ihn direkt gefesselt. Karamellfarben, von dichten dunklen Wimpern umrahmt und mit einem so einnehmenden Blick, dass er sich einfach nicht hatte entziehen können.

Doch nicht nur Grace’ Augen waren unwiderstehlich. Sie war eine wirklich schöne Frau mit leicht gebräunter Haut, sinnlichen Lippen und langen Haaren, die ebenfalls in Karamelltönen changierten.

Besonders groß war sie nicht, aber ihre Figur war einfach zauberhaft mit Kurven an genau den richtigen Stellen. Rafael hatte es gefallen, dass die Bluse über Grace’ Busen ein wenig straffer saß, und sich bei der Vorstellung ertappt, wie die Knöpfe einer nach dem anderen einfach aufsprangen …

Letztendlich aber kehrte sein Blick immer wieder zu Grace’ Augen zurück. Und zu dem unglaublich warmen, süßen Ausdruck, der in ihnen lag.

Süß. Ja, diese Beschreibung passte zu ihr.

Rafael schüttelte innerlich über sich selbst den Kopf. Seit wann zog es ihn zu süßen Frauen hin? Normalerweise umgab er sich nur mit erfahrenen Damen, die sich an die Spielregeln hielten.

Das bedeutete: keine Erwartungen, keine Verpflichtungen.

Aber Grace war anders. Sie faszinierte ihn auf ganz neue Weise.

Und da saß sie nun neben ihm, den wundervollen Körper in ein Kleid gehüllt, das jede Kurve perfekt betonte. Es war schwer, nicht auf dumme Gedanken zu kommen …

Vielleicht lag es daran, dass er seit sechs Wochen keinen Sex mehr gehabt hatte? Für ihn war das eine Ewigkeit! Allerdings war ihm bewusst, dass diese Frau keine der üblichen Eroberungen war. Sie würde sich ganz bestimmt nicht auf einen unverbindlichen One-Night-Stand mit ihm einlassen.

Er sollte den Abend einfach verstreichen lassen. Am nächsten Tag würden sehr hübsche Models in seiner Villa auftauchen, und ganz sicher würde er nach dem Fotoshooting nicht allein bleiben, wenn er es darauf anlegte. Irgendwie interessierten ihn diese Models aber plötzlich nicht mehr.

Je schneller sie bei der Party eintrafen, desto besser. Dort würde er genügend Ablenkung vorfinden, um nicht mehr allen möglichen fatalen Fantasien über Grace nachzuhängen …

Der Palazzo Chiara war hell erleuchtet und strahlte schon von Weitem wie ein verzaubertes Märchenschloss.

Rafael parkte vor dem Eingang, stieg aus und umrundete den Wagen, um Grace beim Aussteigen zu helfen und ihr seinen Arm anzubieten. Das Staunen in ihrem Gesicht, als sie den palazzo musterte, löste in ihm ein warmes Gefühl aus. „Gefällt es Ihnen?“

„Es ist riesig!“

„Ja. Meine Villa ist groß, aber das hier ist noch ein anderes Kaliber.“

Sie lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie bei Größendiskussionen kampflos das Feld räumen. Sind Sie vielleicht doch insgeheim sehr unsicher?“

„Ich sagte doch, dass ich Schutz brauche.“ Rafael zwinkerte ihr zu. „Gefällt es Ihnen besser als die Villa Rosetta?“

„Kein Ort ist besser als der, an dem die Rosen von Alex blühen. Außerdem ist der palazzo wirklich zu groß. Die Villa ist ein Zuhause. Man kann spüren, dass dort Liebe gelebt wurde.“

Ihre Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz, doch Rafael ließ sich nichts anmerken. Stattdessen geleitete er sie an seinem Arm ins Innere des Gebäudes. Sofort kam ein Kellner auf sie beide zu.

„Sind Sie sicher, dass Sie nichts trinken möchten?“, fragte Rafael. Doch Grace schüttelte entschieden den Kopf. Auch er lehnte daraufhin den Champagner ab, und sie gingen gemeinsam weiter.

Er musste lächeln, als er Grace’ Begeisterung über den palazzo sah. Zugleich bemerkte er, dass etliche Anwesende sich nach ihnen umdrehten.

„Hier sind viele berühmte Menschen“, hörte er Grace sagen. „Reiche Menschen.“

„Reich und berühmt.“ Rafael nickte.

„Nur eine Frau passt nicht dazu.“

„Fühlt diese Frau sich unwohl?“

„Sehr sogar. Aber ich bin sicher, sie wird es überstehen.“

Rafael musste lachen. Ihre unverblümte Ehrlichkeit war tatsächlich erfrischend.

„Rafe, schön dich zu sehen!“ Toby Winters, ein erfolgreicher Banker, dem ein riesiges Anwesen direkt am Comer See gehörte, steuerte auf sie zu. „Willkommen in der Nachbarschaft!“

„Vielen Dank“, antwortete Rafael. „Julia, es freut mich.“ Er nickte Tobys Frau zu, doch sie nahm ihn gar nicht wahr. Zu sehr war sie damit beschäftigt, Grace von oben bis unten zu mustern.

Rafael ließ sich auf das Gespräch mit Toby ein, bekam aber genau mit, wie Julia begann, Grace auszufragen. Offenbar war von großem Interesse, mit wem er hier war.

„Ich bin nur gekommen, weil er mich dazu gebracht hat“, hörte er Grace sagen. Du liebe Güte, hatte sie eine Ahnung, wie falsch man diese Worte interpretieren konnte?

Wie erwartet hakte Julia nach. „Er hat was?“

„Ich arbeite für ihn. Also …“ Grace errötete leicht. „Momentan. Nur für …“ Sie brach ab. Rafael musste sich beherrschen, um ernst zu bleiben.

„Sie arbeiten für Rafe?“

Grace nickte.

Erneut musterte Julia sie mit einem verächtlichen Blick von oben bis unten. „Ich kann mir vorstellen, in welcher Branche Sie tätig sind.“ Damit fasste sie Toby am Arm und zog ihn energisch mit sich fort.

Grace drehte sich fassungslos um. Ihre Wangen glühten. „Denkt Sie jetzt etwa, ich wäre …“

Rafael musste herzlich auflachen. Es war unglaublich, wie unschuldig und naiv Grace war. Und dass sie nicht zu wissen schien, wie umwerfend sexy sie in diesem Kleid wirkte.

„Ich nehme an, sie hält Sie für eine professionelle Escort-Mitarbeiterin, ja“, antwortete er. „Aber daran sind Sie nicht ganz unschuldig. Bei den Antworten, die Sie gegeben haben.“

„Es liegt nur an diesem Kleid!“ Grace blickte an sich herunter. „Ich sagte doch, es ist unpassend!“ Dann blinzelte sie. „Wieso sollte irgendjemand hier denken, dass Sie für einen Escort-Service bezahlen?“

Das in diesem Satz enthaltene Kompliment wirkte so ehrlich, dass sich eine große Wärme in Rafaels Herz ausbreitete.

Was war nur mit ihm los? Wie schaffte es diese Frau, ihm so gründlich den Kopf zu verdrehen?

„Warum sollte ich das nicht tun?“, entgegnete er. „Darf ich daran erinnern, dass Sie nicht gerade wild auf ein Date mit mir waren? Ich musste Sie dazu zwingen.“

Grace presste kurz die Lippen aufeinander. „Es ging nicht um ein Date. Sie wollten, dass ich mitkomme, weil ich Ihren Anzug ruiniert habe.“

„Sicher?“

Grace sah ihm in die Augen. „Hören Sie bitte auf. Offenbar sind Sie ein notorischer Flirter. Sie merken es gar nicht mehr, oder?“

„Wer sagt, dass ich flirte?“

Grace rollte mit den Augen und wandte sich ab. „Ich habe Hunger“, sagte sie dann. „Gibt es hier irgendwo etwas zu essen?“

Rafael lächelte. „Die Leute sind hier, um gesehen zu werden. Nicht, um zu essen.“

„Oh, natürlich. Wie furchtbar, wenn einen jemand beim Kauen erwischen würde!“ Grace atmete tief durch. „Dann nehme ich jetzt wohl doch einen Drink.“

„Wirklich?“

„Ein Glas Champagner wird mich nicht umbringen.“

Immer wieder kamen Bekannte von Rafael zu ihnen und begannen Gespräche. Grace beschränkte sich ab sofort auf Lächeln und Nicken, wenn Rafael sie als eine Freundin vorstellte.

Er sah aus den Augenwinkeln, dass sie sich an ihr Champagnerglas klammerte, und bemerkte ebenfalls, wie rasch sie es leerte. So, als würde sie durch das Nippen am Champagner verhindern, in Gespräche verwickelt zu werden. Das Glitzern in ihren Augen nahm beständig zu, bis Rafael sie beide entschuldigte, Grace sanft am Arm fasste und auf die Terrasse führte.

„Alle wollen etwas von Ihnen“, sagte sie. „Man umschwirrt Sie wie die Motten das Licht. Als könnte man Ihnen nicht widerstehen.“

Die Einzige, die unwiderstehlich erschien, war in diesem Moment Grace. Doch Rafael behielt seine Gedanken für sich. Es war schwer genug, die Kontrolle zu behalten. Wie sehr er sich wünschte, ihre wundervoll sinnlichen Lippen zu küssen …

„Ja. Üblicherweise geht es um Geld oder Aufmerksamkeit.“ Er gab sich keinen Illusionen hin. Wäre er nicht so vermögend, würde niemand hier auch nur ein einziges Wort mit ihm wechseln.

„Mich interessiert beides nicht“, erwiderte sie.

So wirkte es tatsächlich. Aber vielleicht konnte er sie dazu bringen, ihre Meinung zu ändern? Zumindest, was den Wunsch nach seiner Aufmerksamkeit betraf?

„Lassen Sie uns zum See gehen. Das Feuerwerk müsste gleich beginnen“, sagte sie unvermittelt und eilte zur Tür. Dort angekommen, blieb sie abrupt stehen. „Wer ist dieser Mann?“, flüsterte sie Rafael zu und deutete mit einem Nicken auf einen großen Partygast mit grauen Haaren, der sie beide eisig beobachtete.

Rafael begegnete dessen Blick für einen kurzen Moment, dann wandte er sich ab. „Niemand.“

Maurice Butler würde nie wieder eine Rolle in seinem Leben spielen.

„Natürlich“, erwiderte Grace sarkastisch. „Wenn Blicke töten könnten, wären Sie jetzt beide hinüber.“

„Er ist nur ein Geschäftskontakt“, log Rafael.

„Ich glaube Ihnen nicht.“

„Sehen Sie sich lieber die Laternen auf dem See an!“

Rafael wollte sich nicht mit Maurice befassen. Er wollte mit Grace allein sein und die Zeit genießen. Doch so einfach war es nicht.

„Er kommt zu uns herüber. Sieht aus, als würde er mit Ihnen reden wollen.“

„Ich möchte aber nicht mit ihm reden.“ Rafael nahm kurzentschlossen ihre Hand und zog Grace mit sich den Weg hinunter zum See. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander.

„Sie benutzen mich, um mit niemandem reden zu müssen“, sagte sie, während sie neben Rafael ans Ufer ging.

„Stimmt. Es funktioniert ziemlich gut.“

„Und warum sind Sie überhaupt auf dieser Party?“

„Um gesehen zu werden. Ich verstecke mich nicht.“

„Es gibt also eine Geschichte im Hintergrund? Etwas Unangenehmes, das geschehen ist? Vermutlich mit dem grauhaarigen Mann, der Sie eben so eiskalt angesehen hat?“

Rafael zögerte einen Moment.

„Der Mann ist mein Neffe“, sagte er schließlich. „Soweit ich weiß, wollte auch er die Villa kaufen, aber ich kam ihm zuvor.“

„Ihr ‚Neffe‘?“

Grace starrte ihn ungläubig an, und Rafael wusste, dass sie der enorme Altersunterschied irritierte. Maurice war zweiunddreißig Jahre älter als er.

„Ungewöhnlich. Und eigentlich ging es also darum, Ihren Neffen zu übervorteilen?“

„Nein, es ging mir um das Anwesen.“ Rafael blickte auf den See hinaus. Am liebsten hätte er niemanden aus der Familie, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte, jemals wiedergesehen. „Ich wollte die Villa schon immer haben.“

Sie musterte ihn von der Seite. „Warum?“

„Ein Kindheitstraum“, murmelte er. Und genau so war es. Doch jetzt, da er die Villa besaß, fühlte er nichts.

„Ich glaube, dass Sie es trotzdem genießen, Ihrem Neffen zuvorgekommen zu sein. Mir scheint, sie beide verstehen sich nicht gut.“

Rafael lachte bitter.

„Nein, besonders eng sind wir nicht.“

Er straffte die Schultern. Dass der Kauf der Villa ihm auch Grace bringen würde, hatte er nicht geahnt. Aber das war das Beste von allem.

„Ich möchte nicht mehr darüber sprechen“, sagte er. „Wie wäre es, wenn Sie mich anderweitig unterhalten?“

Grace starrte ihn an. „Sie sind ein arroganter Mistkerl, wissen Sie das?“

Ja, das war ihm bewusst. Allerdings war er es nicht gewohnt, dass Frauen ihm gegenüber so ehrlich waren. Grace’ mutige, unverblümte Art beeindruckte ihn.

Er wollte nicht über die alten Familiengeschichten reden, sondern lieber gemeinsam mit Grace lachen, sich über interessante Dinge unterhalten und das Prickeln zwischen ihnen auskosten.

Sie wandte sich ab, und Rafael eilte ihr nach. „Entschuldigung, das war grob und unpassend von mir“, sagte er und nahm ihre Hand. „Ich wollte einfach nicht über all das reden.“

„Dann sagen Sie es doch einfach, und ich respektiere das.“

„Wirklich?“

Grace blickte ihn an, dann glitt ein freches Lächeln über ihr Gesicht. „Ich bin entsetzlich interessiert an Menschen. Also eventuell nicht.“

Rafael musste ebenfalls grinsen. „Immer so neugierig? Jedem gegenüber?“

„Ja. Menschen sind faszinierend.“

Rafael war sich sicher, dass sie es genau so meinte. Deshalb kannte sie wahrscheinlich auch die Lebensgeschichte von Alex, dem Mann mit dem Rosengarten. Es schien, als wäre Grace James einer der seltenen Menschen, die einfach nett waren. Oder war sie nur so sehr an anderen interessiert, weil ihrem eigenen Leben etwas fehlte?

„Ich glaube, Menschen finden Sie auch faszinierend“, erwiderte er.

Grace lachte. „Das halte ich für übertrieben. Und hören Sie auf, mir zu schmeicheln, ich merke das. Oh, sehen Sie nur!“

Rafael folgte ihrem Blick, und seine Miene verfinsterte sich. Auf der Terrasse des palazzo hielt gerade ein Mann um die Hand seiner Angebeteten an. Ein Heiratsantrag wie aus dem Märchenbuch. Fürchterlich!

„Heiratsanträge in der Öffentlichkeit sind hinterhältig“, murmelte er.

Grace lachte erneut leise auf. „Sie haben ein Gespür dafür, was hinterhältig ist? Kaum zu fassen.“ Sie atmete tief durch. „Ich finde es romantisch. Die Laternen, die laue Sommernacht, der Vollmond, die Musik. Das Paar wird diesen Moment niemals vergessen.“

„Natürlich nicht. Es gab genügend Publikum, und ich bin sicher, Fotos und Videos sind schon im Internet.“ Er schüttelte den Kopf. „Solche Momente sollten privat sein.“

Grace blickte ihn gerührt an. „Der Abend birgt wirklich Überraschungen. Sie sind ein Romantiker.“

„Wie bitte? Nein!“ Er tippte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger auf die Nase. „Ich finde nur, dass man Fehler besser im Privaten begeht.“

„Wieso Fehler?“

„Heiraten ist ein Fehler.“

Grace seufzte leise. „Natürlich haben Sie für die Ehe nichts übrig. Das würde die Möglichkeiten ja auch massiv einschränken.“

„Richtig! Das Leben ist zu kurz, um sich fest zu binden. Das wäre langweilig.“

„Stimmt, Sie langweilen sich ja schnell. Nun, ich finde heiraten überhaupt nicht langweilig.“

„Sie sind ja auch die Romantikerin von uns beiden.“ Er machte eine kurze Pause. „Sie wissen doch so gut wie ich, dass es nicht funktioniert“, sagte er dann leise.

Ein amüsiertes Funkeln trat in ihren Blick. „Sprechen Sie über Ihre bisherigen Beziehungen?“

„Ich meine alle Beziehungen.“

„Das bedeutet also, Sie werden niemals heiraten. Und Kinder möchten Sie ja auch nicht. Kann ich also davon ausgehen, dass die Ehe Ihrer Eltern unglücklich war?“

„Meine Eltern waren nicht verheiratet. Ich bin ein uneheliches Kind, ein Bastard.“

Grace wirkte unbeeindruckt. „Es gibt viele Menschen, deren Eltern nicht verheiratet sind. Und viele, deren Eltern sich scheiden lassen.“

Rafael wusste das. Aber in seiner Familie war die Angelegenheit speziell. „Mein Vater war bereits über siebzig, als ich geboren wurde“, sagte er. „Ich habe Neffen, die fast doppelt so alt sind wie ich. Und meine Halbgeschwister waren alles andere als erfreut über das Auftauchen von meiner Mutter und mir.“

Warum erzählte er ihr das alles? Er sollte es für sich behalten.

„Das war sicher nicht leicht.“

Gelinde gesagt. Nicht nur der Altersunterschied machte es kompliziert, auch die unterschiedliche Herkunft seiner Eltern, die Bildung, der Status. Einfach alles war furchtbar schwer gewesen, vor allem für seine Mutter. Er würde niemals vergessen, was ihr von der Familie seines Vaters angetan worden war.

„Haben Ihre Eltern sich geliebt?“, fragte Grace nun.

Als hätte Romantik jemals geholfen! „Denken Sie, dass Liebe einen Unterschied bewirkt?“

Sie seufzte. „Sie sind schön anzusehen, aber Ihr Sarkasmus passt nicht ins Bild. Schade.“

Rafael beugte sich ein wenig zu ihr. „Aber schön anzusehen genügt doch, oder?“

„Nicht ganz, aber es schadet auch nicht.“ Es lag ein leichtes Funkeln in Grace’ Augen.

Davon ermutigt, legte Rafael sanft seine Hände an ihre Hüften. „Findest du nicht auch, dass zwischen uns beiden eine ganz besondere Anziehungskraft besteht?“

„Vielleicht liegt es daran, dass du und ich grundverschieden sind.“

Er war erstaunt, dass sie es nicht abstritt. Und dass sie ebenso wie er ganz selbstverständlich zum Du übergegangen war.

Sie legte eine Hand auf seine Brust und blickte ihn aus klaren, großen Augen an.

„Du weißt, dass du unverschämt gut aussiehst“, sagte sie. „Und dass dein Selbstbewusstsein dich noch anziehender macht. Ich gehe also davon aus, dass du auch genau weißt, wie du mit Frauen umgehen musst. Ich gehöre allerdings nicht zu der Kategorie, mit der du dich sonst umgibst. Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, dass ich mit dir hier bin.“

„Soll das heißen, ich wäre nicht vertrauenswürdig?“ Rafael war sich nicht sicher, ob er sich über das Kompliment zu seinem Aussehen freuen oder wegen ihrer Meinung über sein Leben als Frauenheld besorgt sein sollte. Dann fiel ihm auf, dass sie sich ebenso herabgesetzt hatte, denn sie sah sich nicht als eine Wahl, die für ihn infrage kam.

„Du bist vielleicht anders als die Frauen, die ich sonst treffe“, sagte er. „Aber ich glaube, das macht dich nur noch interessanter.“

Das Funkeln in Grace’ Augen nahm zu. „Du musst so etwas nicht sagen. Ich weiß, dass ich nicht dein Typ bin. Jeder hier weiß es. Deswegen starren sie uns auch so an.“

„Nein. Das ist nicht der Grund, warum sie uns anstarren.“

Alle hier konnten die Augen nicht von Grace abwenden, weil sie atemberaubend war. Und weil sie eine besondere Aura umgab. Ihr Charisma war deutlich zu spüren, und zudem war sie in dem weißen Kleid unbeschreiblich schön. Auch Rafael konnte einfach nicht aufhören, sie anzusehen.

Sie schien von ihm allerdings nur wenig beeindruckt zu sein.

„Diese Party ist ein einziges Drama“, seufzte sie nun. „Ist das immer so?“

„Du bist nicht oft auf Partys?“

„Nein. Und wenn, dann würde ich das Essen servieren.“

Sie war also Kellnerin? Das passte zu seiner Theorie, dass sie auf der Durchreise war. Sie war ganz sicher keine Einheimische, ihr englischer Akzent verriet sie. Trotzdem erschien sie nicht wie jemand, der schon lange unterwegs war, dazu wirkte Grace zu positiv, fast naiv. Eventuell hatte sie ihre Reise gerade erst angetreten?

Er spürte, wie sich sein Herz leicht zusammenzog.

„Was machen wir jetzt damit?“, fragte er.

„Womit?“

„Mit dieser deutlichen Anziehung zwischen uns?“

„Gar nichts.“

„Ich denke nicht, dass wir das einfach ignorieren können“, sagte er.

Sie lachte leise. „Natürlich können wir das.“

„Bist du denn gar nicht neugierig?“

Ihre Blicke trafen sich. Grace wirkte plötzlich sehr ernst. „Ich bin sicher, dass es wunderschön wäre. Aber du wärst garantiert auch das Schlechteste, das mir passieren kann.“

„Warum? Man könnte es doch auch einfach genießen, wie es ist?“

„Bist du immer so leichtfertig mit allem?“

Rafael schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht mit allem. Aber das Leben ist kurz.“ Er zog sie ein wenig dichter an sich heran. „Du solltest leben!“

Sie musste lächeln. „Ich bin sicher, du kannst überzeugend verführen. Aber ich möchte keine Spielchen spielen, Mr. Vitale.“

Rafael hob eine Braue. „Indem du mich Mr. Vitale nennst, beginnst du schon mit dem Spielchen.“

Sie atmete tief durch. „Gut, du willst wissen, was wirklich los ist? Dann sage ich es dir. Ich möchte nicht verletzt werden. Das ist alles.“

„Ich verletze Frauen nicht.“

Sie musterte ihn und rollte dann leicht mit den Augen.

„Okay, also zumindest mache ich das niemals absichtlich. Und ich habe definitiv nicht vor, dich zu verletzen!“

Er nahm ihre Hand und merkte, dass Grace ganz leicht erbebte.

„Du untergräbst meinen Plan für den Abend“, sagte sie leise. „Kein einziger netter Kerl wird sich in meine Nähe trauen, solange du mich wie ein Hai umkreist.“

„Es gibt keine netten Kerle auf dieser Party.“

„Keinen einzigen?“

„Nein. Hier sind nur Haie. Und jeder von ihnen möchte das Gleiche wie ich.“

„Und das wäre?“

Er blickte Grace an und war fast überwältigt davon, wie attraktiv sie war. Es wäre so einfach, sie jetzt zu küssen und damit alle Diskussionen zu beenden.

Doch in diesem Moment löste sie sich von ihm und trat einen Schritt zurück. „Nein“, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Das wäre ein Fehler.“

Sie wandte sich einem Boot zu, das in der Nähe angelegt hatte. Rafael fluchte still in sich hinein. Wieso beschäftigte Grace sich so sehr mit den Dingen, die sie beide umgaben? An ihm schien sie nicht interessiert zu sein. War das vielleicht ein Schutzmechanismus, um die Anziehung zwischen ihnen nicht zuzulassen?

„Die meisten Frauen, die ein Date mit mir haben, denken nicht an andere Männer“, sagte er.

Grace blickte ihn aus großen Augen an. „Oh. Schenke ich dir nicht genügend Aufmerksamkeit? Es tut mir wirklich sehr leid.“

Der ironische Unterton war deutlich zu hören. „Tut es nicht“, brummte er. „Aber du siehst mich kaum an. Warum?“

„Fragst du dich das ernsthaft? Das hier ist nicht einmal ein Date“, erwiderte sie. „Du hast mich genötigt, auf die Party mitzukommen.“

„Das war keine Nötigung.“ Er lachte leise. „Und so lange musste ich ja nun auch wieder nicht auf dich einreden.“

Sie runzelte die Stirn. „Ich bin nur wegen des Feuerwerks hier.“

„Natürlich.“

Rafael legte seine Handflächen an Grace’ Wangen und blickte ihr tief in die Augen.

„Was tust du?“, hörte er sie flüstern.

„Ich komme dir näher.“

„Warum?“

„Das muss an dem Feuerwerk liegen.“ Er beugte sich ein wenig zu ihr hinunter, bis er ihren warmen Atem auf der Haut spürte. „Das ist übrigens immer noch keine Nötigung“, sagte er leise. „Nur eine Verführung.“

„Ach ja?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Du bist so groß … Und stark. Vorhin hast du mich einfach hochgehoben und quer durch den Garten und das Haus getragen, als hätte es dir gar nichts ausgemacht.“

„Hat es auch nicht. Und der Steinzeitmensch in mir hat es sehr genossen. Aber ich verspreche dir, dass ich niemals etwas tun werde, das du nicht möchtest.“

„Du bist ein Wolf im Schafspelz“, murmelte Grace. „Und mit jahrzehntelanger Erfahrung, was Frauen angeht.“

„Jahrzehnte? Was denkst du, wie alt ich bin?“

„Uralt in Bezug auf dein Können, Frauen zu umgarnen. Ich bin eine Anfängerin.“

„Tatsächlich? Aber wieso?“

Er konnte ihre plötzlich verschlossene Mimik nicht deuten, und Grace antwortete nicht. Rafael bekam erneut den Eindruck, dass sie ein Geheimnis verbarg.

Caramellina“, murmelte er sanft. Der Kosename passte zu ihr.

Für einen Moment standen sie beide einfach nur still voreinander, während ihre Blicke ineinander verschmolzen. In Grace’ Augen trat ein scheues, neugieriges Glitzern, das er so noch nie bei ihr gesehen hatte. Und Rafael wusste, dass auch sie die fast schon magische Anziehungskraft zwischen ihnen nun nicht mehr ignorieren konnte.

„Also gut“, murmelte sie. „Dann tu, was du nicht lassen kannst.“

„Das klingt nicht gerade begeistert“, erwiderte er lachend. „Wie gesagt: Ich mache nichts, das du nicht möchtest.“

„Ich möchte ja.“

„Ach ja?!“

„Jetzt küss mich endlich!“

Er senkte seine Lippen so sanft auf Grace’, dass die Berührung zunächst nicht mehr als ein Hauch war. Ihm war bewusst, dass er ihr Zeit geben musste. Grace war wie eine zarte, zerbrechliche Blume, und er wollte auf gar keinen Fall etwas falsch machen. Doch als sie ihren Mund einen kleinen Spalt für ihn öffnete und der Kuss intensiver wurde, konnte Rafael sich nur noch schwer zurückhalten.

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich dichter an Rafael. Der Kuss wurde zu purer, inniger Leidenschaft, und Rafael konnte sich nicht erinnern, jemals so intensiv gefühlt zu haben wie in diesem Moment. Alles um sie beide herum verschwand, wurde unwichtig. Es war, als hätte er nach einer Ewigkeit in trockener Wüste endlich die rettende Oase gefunden.

Sanft ließ Rafael seine Hände an ihrem Körper entlangwandern, strich über die wundervoll weiblichen Kurven und spürte dabei deutlich, dass Grace tatsächlich auf die Unterwäsche verzichtet hatte. Allein die Vorstellung steigerte sein Verlangen ins Unermessliche. Er wollte mehr! Mehr von ihrer Sanftheit, ihrer Hingabe und ihrer Einzigartigkeit!

Die innige Umarmung, der lustvolle Kuss – Rafael hatte jegliches Zeitgefühl längst verloren. Erst als ein lauter Knall über ihren Köpfen sie beide erschreckte, lösten sie sich voneinander.

Bunte Funken stoben über den Himmel.

Verdammtes Feuerwerk.

Doch Grace lachte hell auf. „Wie wunderschön!“

Rafael hielt ihre Hand in seiner und ließ Grace ansonsten ganz das Feuerwerk bewundern. Es war herrlich, sie einfach nur zu beobachten und das Glück und Staunen auf ihrem Gesicht zu erleben.

Als es schließlich wieder still wurde, lächelte er. „Die Show ist vorbei, schätze ich.“

Grace nickte. „Ja. Zeit, nach Hause zu fahren.“

Auf dem Weg zum Auto hielt Rafael noch immer Grace’ Hand. Er wollte diese Verbindung zwischen ihnen nicht abreißen lassen. Ihre Begegnung wurde mit jeder Sekunde kostbarer. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag, der so düster begonnen hatte, mit einer so atemberaubenden Frau in seinem Bett enden würde?

„Das war einfach unglaublich“, seufzte Grace und lehnte sich im Beifahrersitz zurück.

Ja. Definitiv.

„Vor allem das Ende. Unglaublich, wie die Farben miteinander harmoniert haben!“

Er umfasste das Lenkrad fester. Sprach sie tatsächlich von dem Feuerwerk? Seine Gedanken verweilten noch immer bei dem wundervollen Kuss!

Schweigend fuhren sie über die gewundenen, nächtlichen Straßen Richtung Bellezzo zurück. Die laue Luft war angenehm, und Rafael hatte es nicht eilig, sondern wollte jeden Moment der Fahrt voller Vorfreude auf die restliche Nacht genießen.

Er nahm sich vor, sich für alles sehr viel Zeit zu lassen und Grace wie eine Königin zu behandeln. Sie sollte eine unvergessliche Nacht mit ihm erleben …

„Du kommst doch noch mit mir zurück in die Villa Rosetta, oder?“, fragte er leise. Doch Grace antwortete nicht.

Er blickte zur Seite und bremste überrascht den Wagen ab. „Grace?“

Sie war unbeschreiblich schön im silbrigen Licht des Mondes. Und ganz offensichtlich würde sie nun tatsächlich bei ihm in der Villa übernachten müssen, denn er hatte keine Ahnung, wo sie wohnte.

Grace war während der Fahrt eingeschlafen.

4. KAPITEL

Sie blinzelte verschlafen. Die Morgensonne fiel durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen, und Gracies erster Gedanke war, dass sie gern noch liegen bleiben würde, anstatt zur Arbeit zu gehen.

Dann richtete sie sich abrupt mit wild klopfendem Herzen auf.

Wo bin ich?

Sie brauchte einen Moment, bis die Erinnerung an den vergangenen Abend zurückkehrte. Sie sah sich um, und nein, kein Zweifel – das hier war das Schlafzimmer in der Villa Rosetta, in dem sie sich für die Party umgezogen hatte!

Rafael Vitale, das Fest, der unglaubliche Kuss …

Ihr stockte der Atem. Rasch schlug sie die Decke zurück und realisierte erleichtert, dass sie noch immer das weiße Kleid trug. Doch wie war sie hierhergekommen?

Sie erinnerte sich daran, in den Wagen gestiegen zu sein. Und dann an nichts mehr. Dabei hatte sie doch kaum etwas getrunken! War der Champagner in ihrem Glas vielleicht mit einem Schlafmittel versehen worden?

Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Gracie spürte auch keine Kopfschmerzen. Sie hatte am vergangenen Abend einfach nur zu wenig gegessen, und deshalb hatte ein Glas Champagner genügt, um sie in einen seligen Schlummer zu versetzen.

Röte stieg ihr heiß in die Wangen. Das alles war so unglaublich peinlich!

Ihre Bluse, der Rock, BH und Slip lagen noch auf dem Stuhl in der Ecke – ebenso ihr Handy. Rafael musste es dort hingelegt haben.

Und das bedeutete, er wusste nun auch, dass sie keine Unterwäsche unter dem Kleid getragen hatte …

Gracie stöhnte leise auf. Es wurde immer peinlicher!

Und die Tatsache, dass die Erinnerung an den Kuss in ihr ein loderndes Feuer entzündete, machte es keineswegs besser. Sie sollte sich nicht so fühlen! Doch es war einfach so schön gewesen.

Nicht, dass sie nie zuvor einen Mann geküsst hatte. Vier waren es bisher gewesen, um genau zu sein, doch keiner von ihnen hatte auch nur annähernd das in ihr ausgelöst, was Rafael gestern vermocht hatte.

Aber natürlich gab es eine Schattenseite. Rafael Vitale war unerreichbar und alles andere als ein Märchenprinz. Doch er hatte es mit nur einem einzigen Kuss geschafft, all ihre Grundwerte zu erschüttern.

Gracie hatte immer geglaubt, jemanden wirklich gut kennen zu müssen, um ein solches Verlangen zu empfinden. Um sich hingeben und mit einem Mann verbunden fühlen zu können. Doch das stimmte nicht!

Alles, was sie dafür brauchte, war ein Mann mit Erfahrung. Sie brauchte Rafael. Es war ihr unangenehm, doch die Erkenntnis war nicht von der Hand zu weisen.

Glücklicherweise war sie im Auto vor Erschöpfung eingeschlafen! Sie hätte für nichts garantieren können und vielleicht alle Vorsicht über Bord geworfen.

Was war nur mit ihr geschehen? Sie war doch sonst nicht so irrational? Wie konnte es sein, dass sie die Kontrolle abgab und sämtliche Selbstschutzmechanismen ignorierte? Das entsprach ihr überhaupt nicht, aber sie hatte es genossen. Eine wilde, neue Erfahrung, die alles Bisherige in den Schatten stellte.

Gracie biss sich auf die Unterlippe und spürte auf einmal ein Bedauern, gestern eingeschlafen zu sein. Wahrscheinlich hatte sie die beste Nacht ihres Lebens verpasst.

Merkwürdig, dass sie sich so hin- und hergerissen fühlte. Sie wusste, dass sie auf sich aufpassen und vorsichtig sein musste. Aber sie wollte diese neue Wildheit, dieses Abenteuer, ebenso! Sie wollte Rafael!

Energisch schwang sie die Beine über die Bettkante und stand auf. Warum hatte Rafael sie eigentlich nicht geweckt, als sie hier angekommen waren? Das konnte doch nur bedeuten, dass er nicht besonders wild darauf gewesen war, die Nacht mit ihr zu verbringen? Dieser Gedanke war noch fürchterlicher als alle anderen.

In Windeseile zog Grace sich um und war froh, dass ihr Knie inzwischen kaum noch schmerzte. Es fühlte sich zwar ein wenig steif an, aber sie konnte ganz bestimmt zur Arbeit.

Wichtig war jetzt, aus der Villa zu verschwinden, ohne dem Besitzer noch einmal über den Weg zu laufen …

Gracie schlich sich aus dem Haus und atmete tief durch, als sie die Tür leise hinter sich zugezogen hatte. Ihr Blick fiel auf den Rosengarten, und sie konnte nicht widerstehen, noch einmal hindurchzugehen.

Die Rosen dufteten so lieblich, dass es ihr fast die Tränen in die Augen trieb. Alex hatte einmalige Arbeit geleistet.

Sie beschloss kurzerhand, ihm nicht nur ein Foto, sondern sogar eine der Rosen mitzubringen. Das würde ihn ganz sicher unglaublich freuen!

Sie versuchte, eine der cremefarbenen Blüten von einem Strauch abzutrennen, doch es war schwieriger als gedacht.

„Was machst du da?“

Die Stimme erklang so unerwartet dicht hinter ihr, dass Gracie mit einem kleinen Aufschrei herumwirbelte. Ein Rosendorn hinterließ einen tiefen Kratzer an ihrem Daumen.

„Autsch!“ Sie verzog das Gesicht und funkelte Rafael wütend an. „Warum musst du dich immer anschleichen?“

Und warum musste er einmal mehr so fürchterlich gut aussehen?

Rafael straffte die Schultern. „Weshalb treibst du dich schon wieder in meinem Garten herum?“, konterte er. „Du stiehlst Rosen.“

Gracie seufzte leicht, doch in diesem Moment ergriff er ihre Hand und musterte die Verletzung. Es war ein tiefer Kratzer, Blut lief ihr über den Daumen, doch erneut spürte sie keinen Schmerz. Rafael Vitale war wirklich das beste Schmerzmittel, das man sich nur wünschen konnte …

Er runzelte die Stirn. „Ich denke nicht, dass es genäht werden muss. Aber du brauchst ein Pflaster.“

Gracie zog ihre Hand zurück. „Nein, so schlimm ist es nicht.“

„Da bin ich anderer Meinung.“

Sie musterte ihn prüfend und sah, dass der Tonfall nicht getäuscht hatte. Es lag eine deutliche Wärme in seiner Stimme und in den dunklen Augen. Er war zurück im Flirt-Modus, was absolut unfair war.

Schließlich war er nicht nur frisch geduscht, sondern wirkte durch die leichten Bartstoppeln in seinem Gesicht noch anziehender als am Tag zuvor.

Gracie schluckte schwer. Jetzt nur nicht in nervöses Geschwätz ausbrechen.

„Komm wieder rein“, sagte er und deutete mit einem Nicken auf die Villa. „Ich verarzte die Wunde und dann frühstücken wir.“

„Das ist sehr nett, aber nicht nötig. Danke.“

Leider knurrte ihr Magen ausgerechnet jetzt sehr deutlich vernehmbar.

Rafael legte den Kopf schief. „Ich dachte, du bist immer absolut ehrlich?“

Sie räusperte sich. „Ich sagte nicht, dass ich keinen Hunger habe. Ich kann nur nicht bleiben.“

„Weichst du mir aus?“

„Das ist nicht der einzige Grund“, erklärte Gracie und merkte, dass ihre Kehle seltsam trocken wurde. „Ich muss zur Arbeit.“

Das Lächeln auf Rafaels Gesicht war nahezu unwiderstehlich. „Du fühlst dich ein wenig unwohl in meiner Gegenwart, oder?“

Sie atmete tief durch. „Es ist mir unangenehm“, sagte sie dann. „Ich bin im Auto eingeschlafen, und du musstest mich noch einmal ins Haus tragen. Ich bin nicht gerade ein Fliegengewicht, es ist mir peinlich. Ein Wunder, dass du dir nicht den Rücken verrenkt hast.“

„Ich trage dich aber gern“, erwiderte Rafael. „Du fühlst dich gut an. Weich und warm. Man möchte dich gar nicht mehr loslassen.“

Gracie lief knallrot an und hatte für einen Moment das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Die Vorstellung, wie Rafael sie in den Armen hielt … Sie auf das Bett legte … Sich über sie beugte …

„Und jetzt stiehlst du meine Rosen. Wie Belle aus Die Schöne und das Biest.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass dein Alex begeistert darüber sein wird, dass du eine der preisgekrönten Rosen ruiniert hast.“

Gracie wandte sich entgeistert um. Tatsächlich, der Rosenstrauch wirkte ein wenig mitgenommen. „Ich dachte, es wäre einfacher. Ich wollte Alex eine Blüte mitbringen. Damit er sieht, dass es ihnen gut geht.“

Rafael blickte sie mit undurchdringlicher Miene an, dann nahm er sanft erneut ihre Hand in seine. Gracie hoffte inständig, dass er nicht bemerkte, wie die Berührung sie innerlich zum Erbeben brachte.

Er betrachtete die Wunde, die noch immer blutete. „Ich denke, du brauchst wirklich ein Pflaster.“

Ja, er hatte recht. Und seine Hilfe abzulehnen, wäre nicht nur unhöflich, sondern auch dumm. „Es tut mir leid, dass du wegen mir so viel Ärger hast“, sagte sie leise.

„Wirklich? Denkst du nicht, dass ein hinterhältiger und arroganter Mann wie ich das verdient hat?“

Gracie musterte Rafael prüfend. „Möchtest du, dass ich dir widerspreche?“

„Ein paar nette Worte am Morgen können nicht schaden.“

„Ich denke, so übel bist du gar nicht“, sagte Gracie. „Eigentlich bist du sogar sehr ehrenwert.“ Sie ging neben ihm zur Villa zurück, während sie weitersprach. „Du hättest die Situation in der letzten Nacht ausnutzen können, doch das hast du nicht getan. Vielen Dank, dass du gut auf mich achtgegeben hast.“

Über Rafaels Gesicht glitt ein so strahlendes Lächeln, dass ihr Herzschlag fast aussetzte. Er war wahnsinnig schön, wenn er lächelte!

„Es war mir eine Freude“, entgegnete er. „Und neu für mich. Normalerweise schlafen Frauen nicht in meinem Ferrari ein.“

„Du meinst, in deiner unglaublich anregenden Gegenwart?“ Gracie rollte grinsend mit den Augen.

„Ich habe mich gefragt, ob du dir vielleicht nicht nur das Knie, sondern auch den Kopf angeschlagen hast“, konterte Rafael ebenfalls grinsend und führte sie in die Küche.

„Oh, und deshalb dachtest du, es wäre besser, auf mich aufzupassen?“

„Natürlich. Außerdem habe ich keine Ahnung, wo du wohnst. Ich habe versucht, dich aufzuwecken, aber du hast einfach weitergeschlafen.“

„Ach ja?“ Gracie ließ sich auf einem der Küchenstühle nieder. „Und was genau hast du versucht, um mich zu wecken?“

Hatte er sie etwa geküsst?

Nein. Natürlich nicht! Von einem seiner Küsse wäre sie ganz sicher wach geworden! Sie spürte ja noch jetzt bei der Erinnerung an den gestrigen Kuss erneut ein wildes Prickeln in ihrem Körper aufsteigen. Die Sehnsucht, Rafaels Lippen erneut auf ihren zu spüren, war riesig … Aber sie würde das nicht ansprechen. Niemals.

Dieser Mann war arrogant genug, sie würde ihn in seinem überhöhten Selbstbild nicht auch noch bestärken.

Doch als sie Rafael anblickte, wurde ihr klar, dass er längst wusste, was in ihr vorging. Und dass sie nicht verbergen konnte, wie sehr der Kuss sie aufgewühlt hatte.

Rafael musterte Grace schweigend. Hatte sie wirklich vorgehabt, sich einfach so davonzustehlen? Nach allem, was gestern passiert war?

Anscheinend.

Sie wäre die erste Frau, die es nicht darauf anlegte, ihn erneut zu küssen, sondern lieber davor weglief. Dabei war doch eindeutig zu spüren, dass sie sich nach seiner Nähe sehnte. Wie passte das zusammen?

Er wandte sich ab, holte einige Küchentücher und reichte sie Grace. „Hier, leg das auf die Wunde“, sagte er. „Ich sehe nach, wo das Erste-Hilfe-Set ist.“

Er begann, in den Schränken und Schubladen zu wühlen, und Grace beobachtete ihn dabei.

„Hast du die Villa komplett eingerichtet übernommen?“

„Es gab wohl einige Möbel hier“, antwortete er. „Und nach Abschluss der Renovierung hat ein Mitarbeiter noch etliche grundlegende Dinge gekauft.“

„Etliche grundlegende Dinge?“ Grace lachte leise, stand auf und strich mit den Fingerspitzen über eine wundervolle Espressomaschine, die ohne Weiteres auch in einem edlen Restaurant ihren Platz hätte finden können. „Weißt du überhaupt, wie man die hier bedient?“

Rafael nahm durchaus die unterschwellige Kritik in den Worten wahr. „Du würdest dich wundern, wie gut ich mit vielem umgehen kann“, erwiderte er.

Endlich fand er die Box mit dem Verbandszeug und stellte sie auf dem Tisch ab.

„Ich würde niemals ein Haus kaufen, das ich vorher nicht angesehen habe“, sagte Grace. „Machst du so etwas öfter?“

Er nahm ein Pflaster aus der Kiste. „Ich habe einige Immobilien.“

„‚Immobilien‘?“ Sie brach in Gelächter aus. „Mag sein. Aber das ist doch nicht das Gleiche wie ein Zuhause!“

Rafael brauchte kein Zuhause. Nur Raum für sich, ein bequemes Bett und den Komfort, den er üblicherweise gewohnt war. Das fand er überall, hervorragend sogar in Hotels. Immobilien gehörten zu seinem Geschäft. Sie waren Teil seines Imperiums, sicherten seinen Erfolg und seinen Reichtum.

„Ich brauche nur ein einziges Zuhause“, sagte Grace jetzt. „Mich interessiert es nicht, die Welt zu bereisen.“

„Nicht einmal in einem Privatjet? Du solltest es ausprobieren, vielleicht ist es gar nicht so übel.“

„Ich finde, das klingt sehr einsam“, entgegnete sie und schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte meine Nachbarn kennen. In Kontakt sein und mich nicht abschotten.“

„‚Kontakt‘? Wie entsetzlich!“ Er schüttelte sich theatralisch.

Grace grinste. „Eigentlich möchtest du das doch auch. Du verschanzt dich hinter Toren und Sicherheitssystemen, bist aber trotzdem gestern zu der Party gegangen.“

„Ich musste mich zeigen. Aber ich habe auch etwas sehr Interessantes gelernt.“

Sie runzelte die Stirn. „Du hast mit so gut wie niemandem gesprochen, was hättest du lernen können?“

„Das lag daran, dass ich abgelenkt war.“ Und die Ablenkung war die schönste, die Rafael sich vorstellen konnte. Grace, ihre faszinierenden Augen, ihr Lächeln, ihr Charisma. Und ihre weichen Lippen … Er hatte kaum schlafen können in dieser Nacht, weil der Kuss ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen war.

„Das hast du selbst so eingefädelt“, erwiderte sie. „Du hast mich mitgenommen, damit du nicht mit anderen ins Gespräch kommen musst. Ich verstehe nur immer noch nicht, warum du überhaupt auf die Party wolltest.“

„Ganz einfach. Weil ich hingehen kann.“ Im Gegensatz zu früher, als man ihm den Zugang verweigert hatte. Diese Macht hatte nun niemand mehr über ihn.

„Du hast dafür den palazzo sehen können. Ich denke also, wir sind quitt. Und jetzt lass mich deine Wunde versorgen.“

Während er sich um Grace’ Verletzung kümmerte, wanderten seine Gedanken zu den Wunden seiner Kindheit zurück.

Immer wieder hatte er Geschichten über die Villa Rosetta, das Sommerhaus seines Vaters, gehört. Bei Rafaels Geburt war sein Vater bereits krank gewesen, und nach dessen Tod war die gesamte Macht an Rafaels Halbbruder Leonard und dessen Sohn Maurice übergegangen.

Rafael erinnerte sich noch gut daran, wie sie ihn ausgelacht hatten, als er darum gebeten hatte, Italien zu besuchen. Und seine Mutter zu sehen.

Er hatte alles für ihre Aufmerksamkeit gegeben, war ein hervorragender Schüler und ein erfolgreicher Sportler geworden. Nur um letztendlich zu erkennen, dass es nichts brachte.

Und dann war es zu spät gewesen.

Das Gute an all dem: Er war zu einem Sieger geworden. Doch Rafael wusste, dass er ohne diesen Erfolg, ohne sein Geld und ohne sein attraktives Äußeres ein Niemand in diesen Kreisen wäre. Deshalb ließ er Menschen nicht mehr an sich heran und traute keinem. Er war in diesem Leben wirklich genug verletzt und betrogen worden.

„Du siehst so ernst aus. Denkst du, es ist schlimm?“, fragte Grace in diesem Moment.

Er blickte auf und direkt in ihre wunderschönen karamellfarbenen Augen. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus, und Rafael spürte, wie sich der schmerzliche Knoten in seinem Brustkorb löste, während eine andere Stelle an seinem Körper mit sehnsüchtiger Heftigkeit auf Grace’ Anwesenheit reagierte.

„Ich kämpfe nur dagegen an, es mit Küssen besser machen zu wollen“, sagte er.

Grace starrte ihn an, doch er klebte ein Pflaster auf ihren Daumen und erhob sich dann, um Kaffee zu machen. „Nimmst du deinen Kaffee mit Milch?“, fragte er, als wäre gar nichts passiert.

„Nein, danke. Ich mag ihn stark.“

Er reichte ihr die Tasse Espresso. „Möchtest du etwas essen? Es gäbe noch Gebäck im Gefrierfach.“

Grace verschluckte sich fast. „Tiefgefroren? Nein, danke. Ich arbeite in der Bäckerei im Dorf und werde einfach dort etwas essen. Ich muss jetzt auch wirklich los.“

Sofort stand Rafael auf. „Ich bringe dich hin.“

Sie lehnte lächelnd ab. „Danke, aber ich bin gestern mit dem Fahrrad hergekommen. Und damit fahre ich auch wieder zurück.“

Rafael bestand darauf, sie noch bis zum Tor zu bringen. Auf dem Weg pflückte er zwei Blüten von den Rosensträuchern und reichte sie ihr. „Hier“, sagte er. „Für Alex.“

Grace zauberte mit einem strahlenden Lächeln Wärme in sein Herz, und plötzlich wünschte er sich, sie würde einfach bleiben. Doch sie war schon auf dem Weg zum Tor.

„Ich nehme an, die Models tauchen bald auf?“, rief sie über die Schulter.

Das Shooting! Er hatte es komplett vergessen! „Ja, sie müssten bald da sein. Es wird ein Werbeshooting für die Villa.“

„Wofür genau?“, hakte sie nach.

„Ich werde das Haus vermieten. An wohlhabende Urlauber.“

„Oh. Ich dachte, du hättest vielleicht anderes damit vor.“

„Und was?“

Sie blickte ihn an. „Ein Zuhause daraus machen.“ Sie ging zu dem alten Fahrrad, das am Baum lehnte.

Rafael lachte, als er es sah. „Was ist das denn für eine Schrottkiste?“

„Es gehört Alex. Er hat es mir geliehen, es funktioniert einwandfrei“, antwortete Grace würdevoll. „Ich mag alte Dinge mit Geschichte. Verlässliches. Nicht alles muss man sofort durch etwas Neues ersetzen.“

Er sagte nichts, wusste aber, dass es eine Anspielung auf ihn war.

„Danke für den interessanten Abend“, ergänzte Grace nun und blickte ihn ein wenig unsicher an.

Rafael war bewusst, dass er ein wenig zu nah bei ihr stand, aber er konnte einfach nicht anders. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen und erneut geküsst, doch er hielt sich mit aller Kraft zurück. „War der Abend wirklich interessant?“

Sie nickte, und ihr Blick wanderte zu seinem Mund. Ganz sicher dachte auch sie in diesem Moment an den Kuss am See …

Rafael lächelte und machte einen Schritt zurück. „Gute Fahrt“, sagte er und blickte ihr nach, während sie davonradelte.

Einen Abschiedsgruß brachte er nicht über die Lippen. Denn er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Grace möglichst bald wiederzusehen. Und bei ihrem nächsten Besuch hier würde sie in seinem Bett landen. Hellwach.

5. KAPITEL

Gracie hastete die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Ihr blieben nur ein paar Minuten, um zu duschen und sich umzuziehen, sonst würde sie zu spät zur Arbeit kommen.

Als sie kurz darauf wieder hinauseilte, begegnete ihr ein Mann vor dem Haus. „Alex!“ Sie lächelte. Es schien ihm besser zu gehen! „Hier“, sagte sie und nahm die Rosen aus dem Korb auf dem Gepäckträger. „Es geht deinen Rosen gut.“

„Das sehe ich“, sagte er. „Danke.“ Dann blickte er sie an, ein leichtes Funkeln in den Augen. „Und? War es schön auf dem Fest?“

„Ja. Ein wunderbares Feuerwerk!“

„Ich habe dich gar nicht nach Hause kommen hören.“

Gracie merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Es war spät, ich bin über Nacht weggeblieben.“

Das amüsierte Funkeln in Alex’ Augen verstärkte sich. „Sofias Nichte Stella hat uns gestern Abend noch besucht. Und sie hat uns Fotos von dem Event im palazzo auf ihrem Handy gezeigt. Im Internet gibt es einige davon.“

Gracie schluckte schwer. Fotos?

„Du scheinst dich sehr gut amüsiert zu haben.“

„Ich habe den Besitzer der Villa getroffen“, sagte Gracie schließlich. „Er hat mich gebeten, ihn auf die Feier zu begleiten. Da konnte ich doch nicht Nein sagen, oder?“

„Natürlich nicht.“ Alex musterte sie prüfend. „Ist er nett?“

„Ich denke schon, ja.“

„Also sind meine Rosen in guten Händen.“

Gracie lachte. „Bestimmt. Er weiß um den Wert seines Anwesens.“

Alex nickte. „Gut. Kannst du bitte heute Abend trotzdem noch einmal nach dem Rosengarten sehen? Es soll noch wärmer werden.“

Gracie runzelte die Stirn. „Bist du sicher, dass das sein muss?“ Nicht, dass Rafael sie für eine der Frauen hielt, die ihn wie Stalkerinnen verfolgten.

„Ja, muss es. Mir geht es zwar besser, aber ich bin noch immer schwach auf den Beinen.“

Sie atmete tief durch, dann nickte sie. Natürlich würde sie Alex diesen Wunsch nicht abschlagen.

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