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JULIA JUBILÄUMSBAND 2

ANNE MATHER

Im Schatten der Vergangenheit

Wie wird Manoel St. Salvador reagieren, wenn Dianne ihm gesteht, dass er einen Sohn hat? Wie, wenn sie ihn anfleht, ihren kranken Jungen zu retten? Und was soll sie selbst tun, wenn er sie wieder erobern will?

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Im Schatten der Vergangenheit

1. KAPITEL

Wenn Anfang April der Mistral das Rhônetal hinunterfegt und die kalten Böen von den eisbedeckten Bergen der Haute Provence mit ungezähmter Wildheit über die weiten Marschen der Camargue stürmen, dann wagen weder Mensch noch Tier, sich der grimmigen Herrschaft des Windes zu widersetzen.

Aber wenn der zornige Wind sich ausgetobt hat, vertreibt die Sonnenwärme jede Erinnerung an die eisbedeckten Wüsteneien. Das ganze Flussdelta erwacht mit einer Farbenpracht, die es im Hochsommer nie wiedergewinnt, da dann die Hitze die Marschen ausdörrt und weite Strecken in schlickige und schlammige Watten verwandelt.

Im Frühling jedoch wimmeln die stillen Lagunen und die blauen Marschen vor Leben. Der vorlaute Teichrohrsänger wiegt sich auf hohen Gräsern, es glänzt das bunte Gefieder des Bienenspechts, und rosafarbene Flamingos stolzieren anmutig und elegant durch die schimmernden Lagunen.

Das war die Jahreszeit, die Dianne so gut kannte. Die Zeit, in der sie schon einmal in die Provence gekommen war, in jenen eigenwilligen Winkel Frankreichs, der für sie so sehr von Bedeutung war. Jetzt kehrte sie hierher zurück, und es quälten und beunruhigten sie die gleichen verworrenen Gefühle wie vor drei Jahren, als sie das Land so überstürzt verlassen hatte. Doch wie hätte es auch anders sein sollen … unter diesen Umständen.

Der Zug legte sich in eine weite Kurve, und das unerwartete Schwanken warf Dianne gegen die Lehne des Sitzes zurück. Sie umklammerte die Armstützen und spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Sie durfte einfach nicht von der Vergangenheit träumen. Sie musste daran denken, dass sie, obwohl sie die Camargue so liebte, in Arles von niemandem erwartet wurde und sie niemand willkommen heißen würde.

Ein junger Mann, der ihr gegenübersaß, beugte sich besorgt vor. Sie hatte schon auf der ganzen Fahrt gemerkt, dass er sie immer wieder nachdenklich ansah. Aber ihre eisige Miene hatte ihn bisher daran gehindert, sie anzusprechen.

Sie wollte von Männern nichts mehr wissen!

Doch jetzt spürte er ihre Angst. Diese an Hysterie grenzende Angst, die sie überfiel, wenn sie ernsthaft darüber nachdachte, was sie tat.

„Pardon, Mademoiselle“, sagte er und berührte leicht ihren Arm, „fühlen Sie sich nicht wohl?“

Er hatte einen unverkennbar französischen Akzent, und sie fragte sich, woher er wusste, dass sie Engländerin war. Aber vielleicht hatte er sie im Speisewagen mit dem Kellner sprechen gehört.

Sie richtete sich auf und lächelte ein wenig mühsam. „Danke, Monsieur“, sagte sie, „aber mir geht es gut. Ich bin nur ein bisschen nervös.“

Der junge Mann nickte verständnisvoll. Vielleicht glaubte er, sie würde in Marseille von einem Mann erwartet. Aber er irrte sich. Verstohlen betrachtete sie sein Profil und stellte fest, dass er gut geschnittene, klare Züge hatte. Er sah wirklich sehr gut aus, und Clarry würde sagen, sie sei eine Närrin, weil sie jeden Mann abwies, der sich für sie interessierte.

Aber Clarry war nicht hier. Sie war allein und im Augenblick mit Problemen eingedeckt. Um jede weitere Unterhaltung im Keim zu ersticken, wandte sie sich ab und blickte aus dem Fenster. Unzählige Schienenstränge liefen neben dem Zug her, verflochten sich, teilten sich wieder. Die große Bahnhofshalle tauchte auf, und der Zug fuhr hinein wie in einen Tunnel. Dianne schloss die Augen, es gab einen leichten Ruck, sie standen.

Tastend griff Dianne nach ihrem locker geschlungenen Nackenknoten, dann stand sie auf und sammelte ihre Habseligkeiten ein. Sie nahm den Mantel über den Arm und griff nach den Bügeln ihrer Reisetasche.

„Kann ich Ihnen helfen, Mademoiselle?“

Es war wieder der junge Mann. Die meisten Reisenden stiegen aus und entfernten sich in Richtung des Ausgangs, doch der junge Mann hatte offensichtlich auf sie gewartet.

Dianne lächelte abwehrend, schüttelte den Kopf und ging, ohne noch einmal zurückzublicken, hinter den anderen Reisenden her. Auf dem Bahnhofsvorplatz blieb sie einen Augenblick stehen. Die Luft war unglaublich warm. Es roch nach Staub und Benzin. Aber nicht einmal das hektische Treiben um sie herum, die drängenden, rufenden Menschen und das schrille Hupkonzert der vorüberflitzenden Wagen vermochten ganz die wehmütigen Gedanken zu verjagen, die in ihr aufstiegen.

Doch entschlossen schüttelte sie alle sentimentalen Gefühle ab und ging weiter. Sie fragte sich, wo sie wohl den Wagen finden würde, den sie von England aus gemietet hatte und der irgendwo auf dem Bahnhof auf sie warten sollte. Ein wenig hilflos schlängelte sie sich zwischen unzähligen parkenden Wagen und Bussen hindurch.

Dann tauchte abermals der junge Mann aus dem Zug auf und schlenderte lässig auf sie zu. Dianne biss sich ungeduldig auf die Unterlippe. Sie hoffte, er würde nicht aufdringlich werden. Als er sie ansprach, wandte sie sich ihm mit unverhohlener Gereiztheit zu. Sie runzelte die Stirn, und ihre seegrünen Augen funkelten unwillig.

„Ja, Monsieur?“

„Werden Sie abgeholt, Mademoiselle?“, erkundigte er sich, und Dianne zögerte nur unmerklich, bevor sie nickte. Das war keine Lüge, sondern lediglich eine leichte Entstellung der Wahrheit. „Dann kann ich mich Ihnen also nicht als Chauffeur anbieten, Mademoiselle?“

„Nein danke.“ Dianne ging ein paar Schritte weiter und suchte die am Bordstein parkenden Wagen nach jenem ab, der dem Autoverleih Inter-France-Reisen gehörte.

Sie griff in ihre Reisetasche, holte die Sonnenbrille heraus und setzte sie auf. Ein ununterbrochener Strom von Autos glitt an ihr vorüber, die Sonne glitzerte auf Lack und Chromverzierungen. Sie hoffte, der junge Mann würde den Wink mit dem Zaunpfahl endlich verstehen und seiner Wege gehen. Aber kurz darauf tauchte er schon wieder neben ihr auf.

„Ich glaube, Sie haben das fallen gelassen, Mademoiselle.“

Dianne fuhr herum und wollte ihm eine eisige Bemerkung an den Kopf werfen, schnappte jedoch überrascht nach Luft, als sie sah, dass er die Bestätigung ihrer Hotelbuchung in der Hand hielt.

„Oh – ich danke Ihnen“, stammelte sie verlegen. „Sie – sie muss mir heruntergefallen sein, als ich die Sonnenbrille herausholte. Danke.“

Der junge Mann lächelte. „Es war mir ein Vergnügen, Mademoiselle“, erwiderte er höflich. „Auf diese Weise konnte ich wenigstens feststellen, dass Sie nach Arles wollen. Eine schöne Stadt. Ich wohne ganz in der Nähe.“

Dianne hielt den Atem an. „Tatsächlich?“, fragte sie. „Ich muss Ihnen recht geben, es ist wirklich eine schöne Stadt.“

Der junge Mann runzelte die Stirn. „Kann ich Sie wirklich nicht in meinem Wagen mitnehmen?“

„Nein!“ Dianne hob abwehrend die Hand. „Ich habe mir einen Wagen gemietet. Er müsste hier irgendwo stehen.“

Der junge Mann hörte aufmerksam zu und überflog die Reihe der wartenden Autos mit geübtem Blick. „Kommen Sie“, sagte er, „ich glaube, ich weiß, wo wir Ihren fahrbaren Untersatz finden.“

Er schien wirklich Bescheid zu wissen, und da er sich ihrer Koffer bemächtigte, hatte Dianne keine andere Wahl, als ihm zu folgen. In kürzester Zeit hatte er den kleinen Citroën entdeckt, stellte sie dem Angestellten der Autoverleihfirma vor und brachte es auf diese Weise fertig, ihren Namen zu erfahren. Dianne war darüber nicht eben erfreut, konnte jedoch nichts sagen, da er noch so hilfsbereit war, ihr Gepäck im Kofferraum zu verstauen.

„Vielleicht sehen wir uns wieder, Mademoiselle“, bemerkte er leichthin, als sie sich von ihm verabschiedete. „Ich bin oft in Arles und wäre sehr glücklich, wenn Sie mir erlauben würden, Sie einmal am Abend zum Essen einzuladen.“

Dianne lächelte vage und ließ die Einladung unbeantwortet. Schließlich war es logisch, wenn er annahm, sie wolle nur ihren Urlaub hier verbringen. Wie hätte er auch ahnen sollen, warum sie wirklich nach Arles fuhr, zumal ihr selbst noch völlig unglaublich schien, was sie tat.

Sie fuhr ab und sah ihn noch lange im Rückspiegel. In diesem Augenblick wünschte sie sich verzweifelt, sie wäre wirklich nur als Urlauberin hierhergekommen.

Nachdem sie von Marseille ein Stück nach Westen gefahren war, bog sie nach Norden ab und folgte der Straße nach Arles quer durch die weite Plaine de la Crau. Das war ein unwirtli­ches Gebiet, kahl und öd und nur wenig kultiviert. Sie erinnerte sich, dass Manoel ihr erzählt hatte, in der Mythologie sei Herkules hier auf ein Volk von Riesen gestoßen und habe Zeus um Hilfe angerufen. Der Gott habe es Felsen und Steine regnen lassen und den Helden vom Tode errettet, doch seither sei die Ebene mit den Trümmern aus dieser Schlacht übersät.

Manoel!

Ein Schauer durchlief sie. Zum ersten Mal, seit sie London verlassen hatte, erlaubte sie sich, an ihn zu denken, und es war verheerend, was allein dieser Gedanke ihr antat. Sie streckte die Hand aus, tastete nach ihrer Tasche und holte ein Päckchen Zigaretten heraus. Sie steckte eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie mit zitternden Fingern an. Sie rauchte nur selten, nur dann, wenn sie unter einer starken inneren Spannung stand. Im Augenblick aber brauchte sie etwas, das sie beruhigte.

Als sie in Arles ankam, war es schon nach sechs. Sie kam sich nach der langen Reise schmutzig und staubig vor, und sie war müde. Sie fuhr direkt zu ihrem Hotel, trug sich ein, bestellte sich ein belegtes Brot auf das Zimmer und ging hinauf. Sie sehnte sich nach einer Dusche. Hinterher schlüpfte sie in ihren Hausmantel, setzte sich ans Fenster, das auf einen kleinen Platz hinausblickte, aß ihr belegtes Brot und trank zwei Tassen ausgezeichneten Kaffees, den ihr die Besitzerin des Hotels mit heraufgeschickt hatte.

In den Platanen raschelte ein leichter Wind, und unter dem Fenster tollten ein paar Jugendliche auf Fahrrädern herum. Sonst war alles ruhig und friedlich. Diannes innere Verkrampfung löste sich ein wenig. Dass sie Manoel rein zufällig begegnete, war sehr unwahrscheinlich, und wenn sie ihn traf, würde das unter ihren, nicht unter seinen Bedingungen geschehen. Falls er bereit war, sich mit ihr zu treffen …

Peinigende Erinnerungen bedrohten ihren eben erst wiedergewonnenen Frieden, und sie schob den Teller mit dem halb gegessenen Sandwich beiseite. Was, wenn er sich weigerte, mit ihr zu sprechen? Das war sehr gut möglich. Schließlich sollte er die Wahrheit nicht erfahren, das hatte sie fest beschlossen.

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und stellte die leere Kaffeetasse auf die Untertasse. Sie griff nach ihrer Handtasche, holte eine lederne Brieftasche heraus und öffnete sie. Ein paar Fotos rutschten heraus, sie fing sie auf und betrachtete sie liebevoll.

Das Gesicht des kleinen Jungen, das ihr vertrauensvoll und aufrichtig entgegenblickte, weckte ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit in ihr. Völlig unerwartet füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie hatte schon lang nicht mehr geweint, Tränen waren ein Luxus, den sie sich nicht erlauben durfte. Sie fragte sich, was der Kleine jetzt wohl tat und ob er Clarry gehorchte.

Impulsiv neigte sie den Kopf und küsste das Foto. „Gute Nacht, Jonathan“, flüsterte sie mit etwas rauer Stimme, legte die Fotos in die Brieftasche zurück und verstaute sie in dem größeren ihrer beiden Koffer. Auf alle Fälle, dachte sie bedauernd.

Am Morgen wurde sie von der strahlenden Sonne geweckt, die durch die geschlossenen Vorhänge fiel. Im ersten Augenblick wusste sie nicht mehr, wo sie war, und wunderte sich, dass Jonathans Bettchen nicht neben ihrem Bett stand. Allmählich jedoch wurde sie sich mit einem beklemmenden Gefühl ihrer augenblicklichen Umgebung wieder bewusst.

Sie zwang sich, die Niedergeschlagenheit abzuschütteln, die sie nur selten verließ, stieg aus dem Bett, ging zum Fenster, öffnete die Vorhänge und blickte hinaus. In dem kleinen Park inmitten des Platzes spielten ein paar Kinder Ball. Der Anblick der fröhlich umhertollenden kleinen Bande verursachte ihr einen heftigen Schmerz in der Herzgegend. Sie wandte sich brüsk vom Fenster ab und ging ins Bad.

Später musterte sie sich kritisch im Spiegel des Toilettentisches. Sie trug eine eng sitzende marineblaue Hose und eine weiße Hemdbluse. Sie wirkte kühl, schlank und sachlich. Das dunkle Haar hatte sie im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen. Die Frisur diente einzig und allein dem Zweck, sie reifer und würdiger aussehen zu lassen. Doch trotz all ihrer Bemühungen verrieten ihre leicht schräg gestellten schönen Augen und ihr empfindsamer Mund, wie jung und unsicher sie noch war. Mit einem Gefühl von Hilflosigkeit ging sie hinunter in den Speisesaal.

Nach dem Frühstück fuhr sie in die Innenstadt. Arles war nicht groß, doch an Markttagen wimmelte es am Vormittag von Menschen. Das Angebot von Meeresfrüchten an den Ständen war verlockend, doch sie widerstand den werbenden Stimmen der Händler und kaufte nichts. Sie machte nur einen Schaufensterbummel, um die Zeit bis zum Mittagessen totzuschlagen.

Sie hatte beschlossen, gegen Mittag im Mas St. Salvador anzurufen, weil sie hoffte, Manoel, der vielleicht zum Essen heimkam, um diese Zeit am ehesten zu erreichen. Sie hatte nicht den Wunsch, mit seiner Mutter zu sprechen. Mit seinem Vater übrigens ebenso wenig. Was sie wollte, ging nur sie und Manoel an. Niemand sonst.

Nachdem sie Clarry auf einer Ansichtskarte kurz mitgeteilt hatte, sie sei gut angekommen, stellte sie fest, dass sie immer nervöser wurde, je weiter der Morgen fortschritt. Es war ärgerlich, dass bei der ganzen Angelegenheit ihre Gefühle noch immer so stark beteiligt waren. Sie musste, bevor sie Manoel sah, unbedingt ruhiger werden. Er durfte nicht merken, wie dumm sie war.

Sie wollte nicht daran denken, wie er wohl darauf reagieren würde, dass sie sich nach so langer Zeit wieder meldete. Bestimmt war er inzwischen mit Yvonne verheiratet und hatte selbst familiäre Verpflichtungen. Vielleicht weigerte er sich sogar, mit ihr zu sprechen. Wenn es nach Yvonne ging, würde er es gewiss tun. Warum glaubte sie eigentlich, er würde ihr Geld leihen, nur weil sie einander vor drei Jahren sehr nahe gestanden hatten? Für ihn war ihre Beziehung doch keineswegs bindend gewesen.

Kurz nach zwölf fuhr sie zum Hotel zurück und betrat beinahe widerwillig die Halle. Dann riss sie sich jedoch zusammen und ging energisch zur Telefonzelle. Sie musste anrufen, bevor der Mut sie völlig verließ.

Sie hatte sich die Nummer zwar aufgeschrieben, brauchte jedoch nicht nachzusehen, weil sie sie auswendig kannte. Mit zitternden Fingern nahm sie den Hörer von der Gabel; als sie es am anderen Ende der Leitung klingeln hörte, wurden ihre Handflächen feucht, und kleine Schweißperlen traten ihr auf die Stirn.

Endlich kam die Verbindung zustande, eine Frauenstimme meldete sich auf Französisch.

„Oui? Mas St. Salvador. Wer spricht dort?“

Diannes Stimme streikte, doch dann gelang es ihr, krächzend zu fragen: „Madame – St. Salvador?“

„Nein, hier ist Jeanne. Wollen Sie Madame St. Salvador sprechen?“

„Nein, nein!“, wehrte Dianne ab. „Eh – Monsieur St. Salvador, Monsieur Manoel St. Salvador – ist er da?“

Jeanne zögerte einen Augenblick. „Nein, Mademoiselle, er ist in Avignon.“

Dianne wurde das Herz schwer wie ein Stein. Manoel war in Avignon! Wie lange blieb er? Sie überlegte rasch. Sie konnte Jeanne, die alte Haushälterin, danach fragen; ob sie jedoch eine Antwort bekäme, war zweifelhaft. Schon spürte sie eine gewisse Zurückhaltung in der Stimme der alten Frau, die im nächsten Augenblick bestimmt danach fragen würde, wer Monsieur Manoel sprechen wollte.

Mit trockener Kehle sagte sie: „Merci – danke“, und legte auf, wobei sie bestürzt feststellte, dass sie am ganzen Körper zitterte.

Als sie die Telefonzelle verließ, stand der Hoteldirektor vor ihr. Er musterte sie besorgt, weil sie so blass war und ihre Augen unnatürlich glänzten.

„Ist etwas passiert, Mademoiselle?“, erkundigte er sich fürsorglich.

Es gelang Dianne, mit halbwegs natürlicher Gelassenheit den Kopf zu schütteln. „Nein – nein, nichts“, erwiderte sie hastig. „Ein schöner Tag, nicht wahr?“

„Ein schöner Tag“, wiederholte er nickend, und sie flüchtete in ihr Zimmer hinauf.

Als sie sich zum Lunch umzog, versuchte sie verzweifelt, ihre Lage abzuschätzen. Sie kämmte sich, schlang den Knoten neu, tuschte ihre zart olivfarbenen Lider leicht mit Lidschatten, trug farblosen Lippenstift auf und schlüpfte in ein hübsches limonenfarbenes Baumwollkleid, das Clarry ihr genäht hatte. Doch sie tat all diese Dinge automatisch.

Sie dachte nicht über den Telefonanruf hinaus. Wenn sie noch einmal anrief, und Manoel war wieder nicht da, würde die Familie misstrauisch werden; dieses Risiko wagte sie nicht einzugehen. Doch wie sollte sie sich sonst mit ihm in Verbindung setzen? Sie konnte doch nicht auf gut Glück nach Avignon fahren. Die Chance, ihn dort zu treffen, war allzu gering.

Mit einem hohlen Gefühl im Magen, das jedoch nicht vom Hunger herrührte, ging sie hinunter in den Speisesaal.

Sie aß wenig, obwohl die Fischsuppe köstlich schmeckte, und lehnte bis auf ein paar frische Früchte alle andern Speisen ab. Den Kaffee genoss sie; er war stark und wirkte belebend. Während sie ihn schluckweise trank, überlegte sie, ob sie vielleicht zur Manade hinausfahren sollte, ohne sich telefonisch anzumelden.

Sie verließ das Restaurant, ging durch die Halle zum Eingang und blickte nachdenklich auf den schattigen Platz hinaus. Das Hotel war um diese Zeit noch nicht voll belegt, denn für Touristen war es noch zu früh. Sie kamen später, im Mai und im Juni, wenn die Festivals begannen, wenn die Zigeuner sich hier versammelten, um ihre Stammesfeste zu feiern …

Dianne presste die Hand auf ihren Magen, der mit einem Mal nervös zu flattern begann. Ihr war alles so bitter vertraut, und es schien ihr so unfair, dass sie ausgerechnet in dieser Jahreszeit hierher zurückkehren musste. Sie fuhr sich mit der Zunge leicht über die Lippen, auf denen sie plötzlich wieder den Geschmack trockenen gesalzenen Brotes spürte. Der Duft von würzigem roten Wein, aus irdenen Krügen getrunken, stieg ihr in die Nase. Sie hörte das erregte Durcheinander von Geräuschen und Stimmen, die leidenschaftliche Musik. Sie wurde wieder von jenem rückhaltlosen Glücksgefühl durchpulst, das sie damals empfunden hatte, als sie an den seit Jahrhunderten überlieferten Festen teilnehmen durfte.

Mit geballten Fäusten wandte sie sich ab. Es hatte keinen Sinn! Sie musste es tun, gleichgültig, wie schmerzlich oder hässlich es sein würde. Sie musste es um Jonathans willen tun.

Sehr zum Erstaunen des Hoteldirektors verbrachte sie den Nachmittag im Hotel. Er hatte sie offensichtlich als Touristin eingestuft, und es war ihm rätselhaft, warum sie nicht auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten war. Ein paar Mal ertappte sie ihn dabei, dass er sie von der Schwelle des Gesellschaftszimmers aus beobachtete. Doch sie tat so, als bemerke sie es nicht, weil sie ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte.

Als am Spätnachmittag auf dem Platz die Schatten länger wurden, verließ sie das Gesellschaftszimmer und ging wieder hinüber zur Telefonzelle. Ihr zitterten die Knie, und es fiel ihr schwer, ihre Bewegungen zu koordinieren. Schließlich erreichte sie aber doch die Telefonzelle und nahm den Hörer von der Gabel.

Wieder antwortete eine weibliche Stimme, und Dianne sank der Mut. Aber diesmal war es nicht Jeanne. Es war eine Mädchenstimme, eine Stimme, an die Dianne sich unklar erinnerte. Manoel hatte eine jüngere Schwester – Louise.

„Excusez-moi – entschuldigen Sie“, sagte sie und hoffte, ihr Akzent sei nicht allzu auffallend englisch, „ich hätte gern Monsieur St. Salvador gesprochen.“

„Manoel?“ Das Mädchen schien überrascht. „Wer spricht dort?“

Dianne zögerte. Wie konnte sie ihren Namen nennen, ohne jene Situation heraufzubeschwören, die sie um jeden Preis vermeiden wollte?

„Eine Freundin von Monsieur St. Salvador“, erwiderte sie ausweichend.

„Aber Sie sind ja Engländerin!“, rief das Mädchen erstaunt.

Dianne presste die Lippen zusammen. Sie hatte nicht geglaubt, dass ihr Akzent so verräterisch sei, doch es war ein paar Jahre her, seit sie zum letzten Mal Französisch gesprochen hatte. Was konnte sie sagen? Wenn sie leugnete, würde das Mädchen wissen, dass sie log. Gab sie es zu, verschlechterte das ihre Lage noch mehr.

„Es ist nicht wichtig“, sagte sie und legte zum zweiten Mal auf, verachtete sich jedoch wegen ihrer Feigheit.

Sie ging wieder in ihr Zimmer hinauf und starrte sich lang im Spiegel an. Ihre Augen wirkten kummervoll, in den grünen Tiefen malte sich die Angst, die sie quälte. Was sollte sie tun?

Als sie sich gerade zum Abendessen umzog, klopfte es. „Made­moiselle! Mademoiselle!“

Dianne wickelte sich in ihren Morgenmantel und öffnete. Vor der Tür stand das Zimmermädchen.

„Sie werden am Telefon verlangt, Mademoiselle“, sagte es lächelnd. „Leider müssen Sie sich in die Halle hinunter bemühen.“

Dianne umklammerte die Türklinke fester. „Ist – ist der Anruf auch bestimmt für mich?“, fragte sie stockend.

„Mais certainement – aber gewiss, Mademoiselle. Es ist ein Herr.”

„Ein Herr!“ Dianne schüttelte verwirrt den Kopf. „Nun gut, ich komme hinunter. Ich brauche nur ein paar Sekunden, um mir etwas anzuziehen.“

Während sie in eine eng sitzende, cremefarbene Hose schlüpfte und einen dicken, jadegrünen Pulli überzog, der ihre Schlankheit betonte, suchte sie nach einer Erklärung für diesen Anruf. Hatte Louise Manoel Bescheid gesagt? Doch sie konnte wohl kaum mit Sicherheit ihre Stimme erkannt haben. Und selbst wenn es sich so verhielt, war es doch unmöglich, dass Manoel so rasch festgestellt hatte, in welchem Hotel sie wohnte.

Die Beine zitterten ihr, als sie zum Telefon hinunterlief. Doch als sie sich meldete, war die Stimme, die darauf „Mademoiselle King?“ sagte, ganz gewiss nicht die von Manoel. Sie war heller, klang jünger und bei Weitem nicht so beunruhigend.

„Wer – wer ist da?“, fragte sie abgehackt.

„Henri Martin, Mademoiselle. Wir haben uns gestern im Zug kennengelernt.“

Dianne ließ sich gegen die Wand der Telefonzelle fallen. „Oh – Monsieur Martin!“, rief sie atemlos, als wäre sie rasch gelaufen. „Ich kannte Ihren Namen nicht.“

„Ich weiß. Aber ich hatte ja das Glück, den Ihren zu erfahren. Haben Sie sich schon in Ihrem Hotel eingewöhnt? Fühlen Sie sich dort wohl?“

Dianne seufzte. „Ja, es ist alles in Ordnung“, erwiderte sie niedergeschlagen. „Warum rufen Sie an?“

„Warum ich anrufe?“, fragte er verwundert und mit einem leisen Lachen. „Aber das wissen Sie doch! Ich möchte Sie heute Abend zum Essen einladen.“

Dianne richtete sich auf. „Tut mir leid, ich kann leider nicht. Unmöglich!“

„Warum? Warum ist es unmöglich?“

Dianne zuckte mit den Achseln. „Ich – ich bin müde, Monsieur. Ich habe außerdem überhaupt keinen Appetit.“

„Ich bin untröstlich, Mademoiselle!“, rief er. „Sie müssen doch etwas essen.“

Dianne biss sich auf die Unterlippe. „Tut mir wirklich leid“, sagte sie. „Aber ich kann nicht. Nicht heute Abend.“

„Morgen dann?“

„Was ich morgen vorhabe, weiß ich noch nicht.“ Das zumindest war die Wahrheit.

„Sie vernichten mein Selbstbewusstsein“, stellte er leichthin fest. „Dann treffen wir uns doch bitte zum Mittagessen.“

„Ein anderes Mal“, sagte Dianne mit großer Entschiedenheit und legte auf.

Sie verließ die Telefonzelle und stieg langsam die Treppe zu ihrem Zimmer empor. Dort angekommen, machte sie sich nicht einmal die Mühe, sich umzuziehen. Von Bitterkeit überschwemmt, warf sie sich der Länge nach auf das Bett. Sie fühlte sich unendlich einsam. Nicht einmal das Wissen, dass Clarry und Jonathan so vertrauensvoll in England auf sie warteten, half ihr, dieses Gefühl der Verlassenheit zu überwinden.

Sie kam zu dem Schluss, dass sie es nicht ertragen könnte, jetzt im Speisesaal zu essen, nahm ihre Handtasche, ging wieder hinunter und verließ das Hotel. Die Laternen warfen nur mattes Licht über die schattigen Straßen. Es war sehr warm, und die schmelzend weiche Dunkelheit legte sich wie Balsam auf ihr Herz und ihre Seele. Morgen war ein neuer Tag!

In einem kleinen Bistro am Rhôneufer trank sie eine Tasse Kaffee und aß ein Stück Kuchen. Dann schlenderte sie zur Arena hinaus. Sie hatte die Arena ein paar Mal mit Manoel besucht und das Schauspiel mit angesehen, das auch dem abgebrühtesten Magen Übelkeit verursachen konnte. Die berühmten Stiere der Camargue waren würdige Gegner der Toreros. Während Dianne sich stets schaudernd von dem blutigen Morden abwandte, das in der gleißenden Sonnenhitze des Nachmittags besonders grausam wirkte, hatten die Männer, die so lässig mit dem Tod spielten, sie fasziniert.

Einige der berühmtesten Stierkämpfer Spaniens kamen nach Arles, um hier an der Corrida teilzunehmen und ihre Kraft und Geschicklichkeit mit jener der schwarzen Stiere zu messen, die mit einem Hieb ihrer spitzen Hörner so grausam verwunden konnten. Und immer wieder versuchten auch Amateure von weit und breit die Berufsstierkämpfer zu übertrumpfen. Sie forderten, einer bereitwilliger als der andere, den Tod heraus.

Dianne hatte im Corral des Mas öfter Manoel mit den Stieren beobachtet. Sie stand immer wie vor Schreck erstarrt, wenn er Angriffe wagte, die in der Arena mit einem begeisterten, vieltausendstimmigen „Olé!“ beantwortet worden wären. In solchen Augenblicken hatte sie ihn gehasst, weil er sie Qualen der Angst aussetzte, sie war davongelaufen. Doch er war ihr gefolgt. Er hatte sie ins Gras geworfen und ihre Empörung auf eine Weise fortgeküsst, dass sie alles vergaß und nur noch wusste, wie sehr sie ihn brauchte …

Schmerz krampfte ihr den Magen zusammen. Wie schnell diese Monate vergangen waren, wie zauberhaft jeder einzelne Tag gewesen war, die Erfüllung ihrer kühnsten Träume, und wie qualvoll der Abschied. Dieser unvermeidliche Abschied …

Gegen neun kehrte sie zurück von ihrem Spaziergang, der sie schließlich wunderbar beruhigt hatte. Sie war angenehm müde und wollte nicht mehr an das denken, was morgen vielleicht auf sie wartete. Es war hoffnungslos, etwas so Unbestimmbares vorhersehen zu wollen.

Die Tasche lässig über der Schulter, mit der Hand eine lose Strähne des seidig schwarzen Haares zurückstreichend, betrat sie langsam die Hotelhalle.

Zuerst dachte sie, die Halle sei leer, doch als sie über den grünen Teppichboden zur Treppe ging, erhob sich aus einem Sessel ein Mann und stellte sich ihr in den Weg.

Dianne blieb stehen. Ihr Blick schweifte über kniehohe, mit Schlamm bespritzte Stiefel und lederne grüne Hosen. Groß und schlank war der Mann, stellte sie fest, und das im Schatten bleibende Gesicht ungewöhnlich dunkel. Sekundenlang verharrte er reglos, während ihr vor Angst ein leichtes Frösteln das Rückgrat hinunterlief.

Dann trat er ins Licht. Sie öffnete lautlos die Lippen und wich einen Schritt zurück.

„Hallo, Dianne“, sagte er, und die Stimme mit ihrem unverkennbaren Akzent verletzte sie mit ihrer schneidenden Härte. „Darf man fragen, warum Sie hier sind und warum Sie mit mir sprechen wollen?“

2. KAPITEL

Dianne starrte ihn ungläubig an. Im ersten Augenblick war sie nicht imstande zu begreifen, dass dies kein fantastisches Hirngespinst war. Eine Halluzination, heraufbeschworen von ihrem verzweifelten Verlangen, Manoel St. Salvador wiederzusehen; einem Verlangen, das bisher nur in ihrem Unterbewusstsein gelebt hatte.

Doch das war nicht der Manoel, den sie kannte. Ihre Erinnerung an ihn war noch sehr lebendig, und dieser Fremde mit den kalten Augen hatte nur wenig Ähnlichkeit mit dem warmherzigen Mann, den sie geliebt hatte. Die Züge waren dieselben und doch nicht die gleichen: Graue Augen unter dunklen Brauen, ausgeprägte Wangenknochen, die dem Gesicht etwas Hochmütiges gaben, ein voller, sinnlicher Mund, dunkle Koteletten, die bis an das energische Kinn reichten.

Er war schlanker, als sie ihn in Erinnerung hatte, die grauen Augen lagen tiefer in den Höhlen und hatten einen Ausdruck von Bitterkeit. Scharfe Linien umgaben Nase und Mund, er wirkte müde und erschöpft. Unter dem weichen Ziegenleder seiner kurzen Jacke sah man das Spiel seiner Brustmuskeln, und die enge Hose spannte sich prall über den kräftigen Schenkeln.

Dianne schüttelte hilflos den Kopf. Ihr war vom ersten Augenblick an klar, dass sie diesem Wiedersehen nicht gewachsen war. Wie konnte sie von dem grausamen Mann, der vor ihr stand und sie mit einem Ausdruck von Hass betrachtete, auch nur einen Funken Mitgefühl erwarten? Wie hatte sie jemals glauben können, dass sie ihn um etwas bitten durfte? Wie töricht von ihr, sich einzubilden, auch er hätte in den vergangenen Jahren Schweres erlebt und erfahren, genau wie sie.

„Nun, Mademoiselle?“

Es war die kalte, abweisende Stimme eines Fremden, und Dianne wandte sich ab. Der Vorwurf in seinem Blick war ihr unverständlich und nicht zu ertragen. Wessen beschuldigte er sie? Warum sah er sie mit so unverhohlenem Misstrauen, solcher Abneigung an? War für ihn die Erinnerung an die Vergangenheit so widerwärtig?

„Ich – ich – wie haben Sie mich gefunden?“, fragte Dianne kaum hörbar.

„Ist das wichtig?“, versetzte Manoel ungeduldig. „Warum sind Sie hier? Was wollen Sie von mir?“ Er machte einen Schritt auf sie zu und drehte sie um, damit sie ihm ins Gesicht sehen musste. Der Griff, mit dem er ihre Schulter gepackt hielt, war schmerzhaft. „So! Wenden Sie sich nicht ab, Dianne! Oder ist Ihnen mein Anblick so ekelhaft?“

Dianne zitterte unter seinem Griff, denn er ließ sie nicht los, während er sie langsam von Kopf bis Fuß musterte. Dann wurde das Gewicht seiner Hand auf ihrer Schulter leichter, und sein Daumen tastete über die zarten Knochen an ihrem Hals. Die Muskeln an seinem Kinn spannten sich, abrupt gab er sie frei, sein Arm fiel schlaff herunter.

„Nun?“, sagte er. „Ich wiederhole – warum sind Sie hier?“

Dianne schluckte mühsam, sie glaubte, an ihrem Atem zu ersticken. „Ich – ich wollte mit Ihnen sprechen. Ich – ich habe niemand, an den ich mich sonst wenden könnte.“

Manoels Blick verdüsterte sich. „Sind Sie in Schwierigkeiten?“ Ungeduldig sah er sich um. „Hier können wir nicht sprechen. Gehen wir in Ihr Zimmer.“

„Nein!“, rief sie, es war beinahe ein Aufschrei, und stammelnd setzte sie hinzu: „Nein – ich meine, wir können nicht – nicht hinaufgehen. Es ist ein winziges Schlafzimmer, mehr nicht.“

„So? Und was glauben Sie, was ich in diesem Zimmer will? Mit Ihnen Polka tanzen, Sie kleine Katze?“ Er presste die Lippen zusammen.

Dianne schüttelte wieder hilflos den Kopf. Wie konnte sie ihm erklären, dass sie ihn nicht in ihrem Zimmer haben wollte, weil sie sonst die Erinnerung an ihn nie wieder loswerden, weil sie ihn in den langen, einsamen Stunden der Nacht immer vor sich sehen würde?

„Es – es gibt hier einen Gesellschaftsraum“, stotterte sie. „Wenn er jetzt leer ist …“

Sie stieß die Tür auf, Dunkelheit umfing sie wie eine schwarze Wolke. Sie tastete nach dem Schalter und machte Licht. Sie hatten Glück – wenn man in dieser Situation überhaupt von Glück sprechen durfte –, der Raum war leer.

Manoel blickte sich mit finsterem Gesicht um. „Gut, das genügt auch.“ Er folgte ihr in den stillen Raum, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen.

Er strömte eine besondere Kraft aus, die sie völlig wehrlos machte. Sie erinnerte sich wieder, dass sie ihm gegenüber auch früher hilflos gewesen war. Doch hatte sie geglaubt, das habe sich geändert. Nun wurde sie eines Besseren belehrt.

„Nun, Dianne, was gibt es? Was ist passiert? Warum brauchst du meine Hilfe?“

Wenigstens das zwischen ihnen so unendlich lächerliche Sie hatte er fallen lassen!

Unruhig lief Dianne im Zimmer auf und ab, unfähig, seinem eindringlichen, forschenden Blick standzuhalten. Vergeblich suchte sie nach den Worten, die sie sich zurechtgelegt hatte, und fand sie nicht. Es dauerte nicht lange, und er wurde ihrer Nervosität überdrüssig.

„Um Gottes willen, Dianne!“, rief er aufgebracht. „Ich bin kein geduldiger Mensch. Sag, was du zu sagen hast, damit wir’s hinter uns bringen.“ Seine Augen wurden schmal. „Was willst du? Geld?“

Dianne blieb unvermittelt stehen und starrte ihn an, ihre Lippen bebten. „Wie kommst du auf den Gedanken, ich wollte Geld von dir?“ Sein zynischer Ton verletzte sie tief.

„Will das nicht jeder?“, fragte er lässig. Er schnippte mit den Fingern. „Wenn du mir deshalb dieses eindrucksvolle Schauspiel gibst, kannst du damit aufhören. Derartige Vorstellungen langweilen mich.“ Er reckte sich hoch und blickte verächtlich auf sie herab. „Was mich verblüfft, ist die Sicherheit, mit der du zu glauben scheinst, ich würde dir Geld geben. Wie kommst du auf die Idee?“

Dianne starrte ihn immer noch an und fuhr sich mit der Zungenspitze in den Mundwinkel. „Muss ich deinen Bemerkungen entnehmen, dass du dich weigerst, mir zu helfen?“, fragte sie kurz und nahm allen Mut zusammen, ihm in die Augen zu sehen.

Manoel hielt ihrem Blick beinahe unverschämt stand. Er zwang sie, verlegen die Lider zu senken. Sie fand es auch nach so langer Zeit unglaublich schwierig, ihm selbstsicher zu begegnen, und sie fürchtete, ihre Augen könnten ihre Gefühle widerspiegeln.

Es bereitete ihr eine Art schmerzlicher Freude, ihn anzusehen, doch gleichzeitig kehrten Erinnerungen zurück, die sie bisher immer ins Unterbewusstsein verdrängt hatte. Sie kannte jeden Zug seines schmalen Gesichts. Sie hatte ihn geküsst, seine Lippen auf ihrem Körper gespürt. Sie war ihm so nahe gewesen, dass sie nicht mehr klar zu denken vermocht hatte, es war alles Gefühl. Und jetzt, nach Jahr und Tag, ließen sie die Erinnerungen nicht unberührt.

Er steckte die Daumen in den Gürtel seiner Hose und ging auf ihre Frage nicht ein. „Sag mir nur eines, wozu brauchst du das Geld?“

Dianne straffte die Schultern. „Das ist eine persönliche Angelegenheit“, sagte sie. „Außerdem kann es dir ja gleichgültig sein, da du mir ohnehin nicht helfen willst.“

„Ich erinnere mich nicht, kategorisch erklärt zu haben, dass ich dir nicht helfen will!“, entgegnete er hochmütig und musterte sie wachsam. „Du bist zu schnell beleidigt, Dianne. Du kannst doch nicht erwarten, dass du nach drei Jahren Menschen und Dinge unverändert vorfindest.“

Dianne presste die Handflächen aneinander. „Ich erwarte nichts Derartiges“, sagte sie vorsichtig abwägend. „Mir ist klar, dass das Leben weitergeht und nichts unverändert bleibt. Ich möchte nur unnötige Komplikationen vermeiden, um dein Leben nicht durcheinanderzubringen.“

Manoel fluchte heftig und kam drohend auf sie zu. „Bildest du dir wirklich ein, du könntest hierherkommen, ohne mein Leben durcheinanderzubringen, wie du es ausdrückst?“, fragte er wütend. „Guter Gott, wir sind Menschen und keine Automaten! Alles, was du hier tust, hängt mit dem zusammen, was war, und wird sich zwangsläufig auf das auswirken, was kommt.“

Dianne zitterte unter dem Einfluss seiner zornigen Erregung. „Du verstehst mich nicht“, meinte sie erstickt. „Ich musste zu dir kommen. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst hätte wenden sollen!“

„Und du brauchst Geld?“ Er beherrschte sich nur mühsam. Wie zum Sprung bereit, mit Augen, die vor unterdrückter Wut funkelten, stand er vor ihr.

„Ja“, antwortete Dianne mit Anstrengung.

„Wie viel?“

Dianne schluckte hart. „Zwei- zweihundert Pfund“, stotterte sie.

Er zog die Brauen zusammen. „Zweihundert Pfund? Das sind ungefähr zweitausendfünfhundert Francs?“

„Ungefähr – ja.“ Dianne nickte.

Manoel kaute eine volle Minute auf seiner Unterlippe herum, dann wiederholte er: „Zweihundert Pfund, wie?“ Sein musternder Blick glitt über ihren schlanken Körper und blieb mit einem unverschämten Ausdruck auf ihren halb geöffneten Lippen haften. „Wozu brauchst du das Geld, Dianne? Erwartest du vielleicht ein Baby?“

„Nein!“ Dianne starrte ihn entsetzt an. „Nein! Wie kannst du wagen, so etwas auch nur anzudeuten?“ Verärgert merkte sie, dass ihr die Stimme umschlug. Sie musste ein paar Mal tief durchatmen, um sich zu beruhigen.

„Warum nicht?“, versetzte er mit grausamer Offenheit. „Warum sollte ich es nicht andeuten? Ist das in England etwas so Ungewöhnliches? Sind die Männer dort anders als in der übrigen Welt? Ich denke, nicht. Du bist eine schöne Frau, Dianne, warst es immer. Wie viele Nächte habe ich wach gelegen und daran gedacht, wie schön du warst, wenn du in meinen Armen lagst.“ Er verzog spöttisch die Lippen. „Bestimmt hat doch inzwischen ein anderer Mann die Freuden genossen, die ich genießen durfte –“

Diannes Hand schoss vor, sie versetzte ihm einen heftigen Schlag auf die Wange. Dann lief sie mit einem leisen Aufschrei, der fast wie ein Schluchzen klang, an ihm vorbei zur Tür. Als wäre der Teufel ihr auf den Fersen, flüchtete sie in ihr Zimmer.

Sie warf die Tür hinter sich zu, drehte den Schlüssel um und lehnte sich zitternd an die Wand. Doch niemand folgte ihr, niemand hämmerte zornig an ihre Tür. Ihr Atem ging keuchend und stoßweise, und es dauerte ein paar Minuten, bevor ihr rasender Pulsschlag sich normalisierte.

Als schließlich feststand, dass niemand hinter ihr herkam, warf sie sich mit dem Gesicht nach unten auf das Bett. Ihre Augen brannten, doch sie konnte nicht weinen. Sie fühlte sich so verlassen und gedemütigt wie nie zuvor.

Nur sehr widerwillig stand Dianne am nächsten Morgen auf. Sie hatte schlecht geschlafen, ihre Augen waren dunkel umrandet. Als sie zum Frühstück hinunterging, setzte sie eine getönte Brille auf, um den besorgten Fragen des Direktors zu entgehen.

Während des Frühstücks, das für sie nur aus einigen Tassen starken, schwarzen Kaffees bestand, versuchte sie, ihre Situation zu überdenken. Wenn nur Clarry hier wäre, überlegte sie sehnsüchtig, obwohl ihr klar war, dass Clarry mit der Art, wie sie die Dinge anpackte, nicht zufrieden gewesen wäre. Clarry war immer dafür, dass man die Wahrheit sagte und sich den Teufel darum scherte, was daraus entstand.

Aber diesmal war Dianne anderer Meinung. Wie konnte sie Manoel St. Salvador sagen, wozu sie das Geld wirklich brauchte? Wie würde er auf dieses Geständnis reagieren? Sie wusste, sie hatte nicht das geringste Mitgefühl von ihm zu erwarten, nachdem er sie gestern Abend so beschämt und gedemütigt hatte.

Aber was wirst du tun, wenn er nicht wiederkommt? fragte eine leise Stimme in ihrem Innern vorwurfsvoll. Wie willst du dann zurechtkommen? Willst du Jonathans Gesundheit deinem Stolz opfern?

Nervös sprang Dianne von ihrem Stuhl auf. Solche Gedanken waren unerträglich. Sie durfte nicht aufgeben! Sie musste sich vor Manoel St. Salvador demütigen, und wenn er das Letzte von ihr forderte – sie musste es geben, um Jonathans willen.

Aber was dann? Ihre Gedanken liefen unermüdlich weiter. Was dann? Wenn er nun, nachdem er die Wahrheit erfahren hatte, das Kind für sich forderte? Mit welchen Argumenten wollte sie es ihm verweigern? Was konnte denn sie, die auf ihr Lehrerinnengehalt angewiesen war, Jonathan bieten im Vergleich zu Manoel mit seinem riesigen Besitz in der Camargue und den Weingärten im oberen Rhônetal, einem Reichtum, von dem sie nicht einmal zu träumen wagte. Wer würde diesen Kampf gewinnen? Die Antwort auf die Frage war wohl eindeutig.

Ihre Handflächen wurden feucht. War es töricht gewesen, hierherzukommen und Manoel um Geld zu bitten? Ging sie nicht in jedem Fall ein entsetzliches Risiko ein? Würde er sich damit zufriedengeben, sie mit Geld zu unterstützen, und nicht nach dem Verwendungszweck fragen?

Übelkeit stieg ihr in die Kehle. Aber an wen sonst sollte sie sich wenden? Außer Tante Clarry hatte sie keinen Menschen. Freunde natürlich, gute Freunde sogar, doch keiner war wohlhabend genug, um ihr eine solche Summe leihen, geschweige denn schenken zu können. Und wie sollte Jonathan sonst diesen schrecklichen, peinigenden Husten loswerden, der ihn nicht schlafen ließ und auch sie wach hielt?

Immer den Klang des qualvollen Hustens im Ohr, lag sie da und zermarterte sich den Kopf darüber, wie es zu ermöglichen wäre, ihn aus dem feuchten Klima in eine wärmere, trockenere Gegend zu bringen, wo er wieder gesund und kräftig werden konnte.

Tränen schossen ihr in die Augen. Zweihundert Pfund bedeuteten für die St. Salvadors so wenig. Selbst zweitausend Pfund waren, das wusste sie aus eigener bitterer Erfahrung, für sie wie ein Tropfen in einem Ozean. Vor drei Jahren hatten sie ihr diese Summe unbedingt aufdrängen wollen. Warum sollten sie ihr jetzt den zehnten Teil davon verweigern? Sie machte eine hilflose kleine Geste. Sie hätte damals den Scheck eben nicht zerreißen dürfen. Doch woher hätte sie wissen sollen, dass sie jemals etwas von ihnen brauchen würde?

Mit einem tiefen Seufzer trat sie auf die Treppe vor dem Hotel. Der Morgen war wieder wunderschön, die Sonne glitzerte auf dem Turm einer fernen Kirche. Ein paar Reiter kamen vorbei, die Hufe ihrer Pferde klapperten auf dem Kopfsteinpflaster des Platzes. Unter den Reitern befanden sich auch ein paar Kinder. Sie führten ihre Pferde mit einer Geschicklichkeit, die ihnen angeboren schien. Die Pferde waren grau, nicht weiß, hatten aber die dicken Schweife aller Pferde aus der Camargue.

Dianne beobachtete sie, bis sie sie nicht mehr sehen konnte, und stampfte dann unglücklich und rebellisch mit dem Fuß auf. Was sollte sie tun? Den ganzen Tag ergeben darauf warten, ob Manoel am Abend wiederkam? Oder ihn suchen? Wenn sie bis zum Abend wartete und er kam nicht, hatte sie einen weiteren Tag vergeudet.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Aber woher sollte sie wissen, wo sie ihn suchen musste? Sie kannte natürlich den Weg zum Mas St. Salvador, sie war oft dort gewesen. Doch das Land war Privatbesitz, und sie würde es unbefugt betreten. Sie zweifelte nicht daran, dass Manoels Mutter sie mit dem größten Vergnügen hinauswerfen und davonjagen lassen würde.

Also was? Sie konnte nicht den ganzen Tag im Hotel herumsitzen und untätig warten. Schon jetzt waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Der einzige Balsam für sie war, etwas zu tun, etwas zu unternehmen, gleichgültig, was.

Entschlossen kehrte sie ins Hotel zurück. In ihrem Zimmer zog sie das Kleid aus, schlüpfte in eine marineblaue Hose und eine fuchsienrote, langärmelige Hemdbluse. Das Haar trug sie wieder zu einem Knoten zusammengenommen und hoffte, nüchtern und sachlich auszusehen. Es hatte keinen Sinn, sich besonders herauszuputzen. Niemand auf dem Mas St. Salvador würde von ihrem Erscheinen auch nur im Geringsten beeindruckt sein.

Nachdem sie ihren Citroën aufgetankt hatte, fuhr sie aus der Stadt hinaus und folgte dann der staubigen, unbefestigten Straße, die sich zwischen dem Fluss und den Marschen dahinschlängelte, immer in der Nähe des Wassers, das gierig am Ufer nagte. Über ihr kreischten, vom Geräusch ihres Motors aufgeschreckt, Schwärme von Seeschwalben und Wildenten.

In der Ferne schimmerte das rosafarbene Gefieder der Flamingos wie eine Fata Morgana. Sie wateten durch das flache Wasser eines Étang, eines jener Seen, die von Leben wimmeln und in denen Tausende und Abertausende von heimischen Vögeln ihre Nahrung finden. Farbflecke zwischen den hohen Riedgräsern erwiesen sich als Büschel von Meerfenchel und Lavendel, dessen zarte Blüten in dieser rauen Gegend kaum eine Überlebenschance zu haben schienen.

Ein paar Hundert Meter weiter bot sich ihr ein Anblick, der sie früher mit einer Erregung erfüllt hatte, die den Adrenalinspiegel ihres Blutes schlagartig ansteigen ließ und ihren Pulsschlag bis an die Grenzen des Erträglichen beschleunigte: die schwarzen Stiere der Camargue.

Ungefähr ein Dutzend weidete auf den grasigen Hügeln, die sich aus dem Marschboden erhoben. Als sie vorüberfuhr, hoben die Stiere die Köpfe, wandten sich dann jedoch uninteressiert ab. An ihren gefährlich gebogenen Hörnern erkannte sie, dass es spanische Stiere waren.

Diannes Finger schlossen sich fester um das Lenkrad. An ihren Flanken trugen die Stiere das Brandzeichen der Herden von St. Salvador, ein Doppel-s. Jetzt konnte es nicht mehr weit sein, dachte sie unruhig, sie fuhr bereits über St.-Salvador-Land.

Vor ihr flüchteten ein paar Pferde von der Straße in einen Platanenhain, und sie entdeckte, unter den Bäumen versteckt, einen Zigeunerwagen.

Dianne trat die Bremse durch, brachte den Citroën zum Stehen und starrte neugierig zu dem Wohnwagen hinüber. Obwohl er vernachlässigt wirkte, kam er ihr seltsam vertraut vor. Plötzlich erkannte sie ihn auch: Es war Gemmas Wohnwagen. Der Wohnwagen, in dem sie und Manoel …

Sie rief ihre schweifenden Gedanken zur Ordnung, zog die Handbremse an und verließ den Wagen. Warum stand Gemmas Wohnwagen hier? Warum sah er so verlassen aus? Sie hatte sich doch wohl kaum einen anderen gekauft. Oder brauchte sie ihn am Ende nicht mehr?

Dieser Gedanke kam ungebeten, er schien jedoch überzeugend, und Dianne schob die Hände tief in die Taschen ihrer Hose. Das war doch nicht möglich! Gemma war alt gewesen, aber ein so aktiver Mensch, eine so vitale Frau. Sie konnte nicht gestorben sein! Oder doch?

Dianne blieb am Straßenrand stehen. Der Boden um den Wohnwagen war schlammig, und sie trug Schuhe, mit denen sie sich sofort nasse Füße holen würde. Außerdem war der Wohnwagen ganz offensichtlich unbewohnt. Die Vorhänge hinter den schmutzigen Fenstern waren geschlossen und zerrissen. Nirgends ein Zeichen von Leben.

Kopfschüttelnd ging Dianne zu ihrem Wagen zurück und glitt nachdenklich hinter das Steuer. Gemmas Wohnwagen, ihr Heim, auf das sie so stolz gewesen war, und das sie immer blitzsauber gehalten hatte, verwahrlost und verlassen.

Sie blickte noch einmal zurück, und ein Kloß steckte plötzlich in ihrer Kehle. War Gemma tot? War dieser unbezähmbare Geist ausgelöscht für immer? War das, zum Teil, der Grund für Manoels Erbitterung?

Sie legte die Arme um das Steuer und starrte blicklos ins Leere. Gemma hatte zu jenen Menschen gehört, die scheinbar unsterblich waren, die Einzige des St.-Salvador-Clans, die ihr mit Güte und Herzlichkeit entgegengekommen war. Sie hatte alterslos gewirkt, schien der Zeit zu trotzen. Die Erkenntnis, dass sie nicht mehr hier sein könnte, um ihr den Rücken zu stärken, ließ Dianne wünschen, sie hätte die Reise nie unternommen.

Verzweifelt blickte sie sich um. Was sollte sie tun? Umdrehen oder weiterfahren und das Risiko auf sich nehmen, Manoels Frau zu begegnen? Jenem Mädchen, das aus seiner Abneigung gegen sie, die Engländerin, nie ein Hehl gemacht hatte und das nach Meinung von Manoels Mutter so gut zu ihm passte, weil die Ländereien seines Vaters an die des Mas St. Salvador grenzten.

Dianne startete den Motor und zwang sich, an Jonathan zu denken. Seinetwegen war sie hier, für ihn wollte sie jede Demütigung in Kauf nehmen.

Das Land zu beiden Seiten der Straße war jetzt weniger sumpfig, und in der Ferne stand, von einem Wäldchen umgeben, eine Häusergruppe. Kleine, von Schilf umwachsene Seen funkelten in der Sonne, doch weit und breit war kein Mensch zu sehen. Sie schien in dieser grenzenlosen Weite ganz allein zu sein.

Wieder hielt sie an, kletterte auf die Motorhaube, beschattete die Augen mit der Hand und blickte in die Ferne. Weit draußen am Horizont nahm sie eine undeutliche Bewegung wahr, und sie strengte sich an, um zu erkennen, was es war.

Das Bild nahm feste Umrisse an, Männer und Pferde tauchten auf – die berühmten Gardiens der Camargue, die Vieh- und Pferdeherden hüteten, wie seit vielen, vielen Jahren.

Als sie näher kamen, sah Dianne, dass sie eine Viehherde vor sich hertrieben, kräftige, schwarze, furchterregende Tiere. Rasch kletterte Dianne von ihrem Ausguck hinunter und stieg in den Wagen, der ihr wenigstens einigermaßen Schutz gewährte.

Auf dem Mas St. Salvador – Mas ist der provenzalische Ausdruck für ein Hofgut – züchtete man spanische Stiere für die Corrida; nicht die kleineren, weniger kräftigen, in der Camargue heimischen Tiere, die hauptsächlich im Course libre ihre Kämpfe bestehen. Als Dianne vor drei Jahren hier gewesen war, hatte sie gelernt, dass die Corrida eine Art von Barbarei war, bei deren Anblick man sich fragte, ob sich die Zivilisation seit den Tagen der römischen Gladiatorenkämpfe überhaupt weiterentwickelt habe. Der Course libre hingegen war eine gemäßigtere, wenn auch nicht minder gefährliche Form des Stierkampfes, ein Sport, bei dem die Stiere am Leben blieben und sich zu weiteren Kämpfen stellen konnten. Trotzdem waren die spanischen Stiere die wertvollsten und teuersten. Manoels Vater führte den in dieser Gegend hoch angesehenen Titel Manadier. Auf jeden Fall schienen diese hochgezüchteten Tiere die wildesten, die Dianne je gesehen hatte. Man musste sie mit äußerstem Respekt behandeln und durfte ihre Unberechenbarkeit nie unterschätzen.

Die Herde wogte vorüber, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Die Gardiens indessen musterten sie neugierig und fragten sich wohl, wer sie sein mochte und was sie auf St. Salvador’schem Land zu suchen hatte.

Einer der älteren Männer zügelte sein Pferd und ritt auf den Wagen zu. Er nahm den breitkrempigen Hut ab, der so sehr einem Cowboyhut aus dem amerikanischen Westen ähnelte. Dianne erkannte keinen der Männer und war verblüfft, dass einer sie ansprach.

„Bonjour, Mademoiselle“, sagte er höflich. „Was wünschen Sie?“

Dianne lächelte mit mehr Selbstsicherheit, als sie empfand. „Eh – wo ist Monsieur Manoel?“, fragte sie beiläufig.

Der Mann runzelte die Stirn. „Le patron, Mademoiselle – er ist nicht hier.“

Dianne biss sich auf die Unterlippe. „Nein, nicht der Herr, sondern Monsieur Manoel.“

„Monsieur Manoel ist der Herr“, entgegnete der Mann würdevoll.

Dianne starrte ihn ungläubig an. Manoel war sein ‚patron‘, sein Chef! Wo war dann Manoels Vater?

Aber selbstverständlich konnte sie eine so verräterische Frage nicht stellen. „Pardon, entschuldigen Sie, ich kenne die Familie nicht gut“, sagte sie daher mit einer hilflosen Geste.

Die Falten auf der Stirn des Mannes vertieften sich. „Sie sind Engländerin, Mademoiselle, ja?“

Dianne nickte. „Ja. Sprechen Sie Englisch?“

Der Mann lächelte breit und offensichtlich sehr stolz. „Un peu – ein bisschen, Mademoiselle, ein bisschen.“

Dianne fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, die sich so spröde anfühlten, als hätte sie Fieber. „Nun gut, Monsieur. Wissen Sie, wo Monsieur Manoel ist?“

Der Mann drehte sich in dem schweren Sattel um und ließ seinen Blick über den Horizont schweifen. Seine Augen waren von einem hellen Blau, wie Dianne es nie vorher gesehen hatte; Augen, die es gewohnt waren, in große Weiten zu blicken. Seine knorrigen Hände und sein Gesicht waren so dunkel wie Mahagoni.

„Er könnte überall sein, Mademoiselle“, sagte er endlich. „Um diese Jahreszeit gibt es viel Arbeit – für uns und für den Herrn. Soll ich ihm sagen, dass Sie ihn im Haus erwarten? Es könnte ja sein, dass ich ihn unterwegs treffe.“

„Oh nein!“ Dianne schüttelte rasch – zu rasch – den Kopf, und der alte Gardien sah sie misstrauisch an. Es war jetzt offensichtlich, dass er in ihr einen unbefugten Eindringling sah, vor allem deshalb, weil sie nicht wollte, dass sein Chef von ihrer Anwesenheit erfuhr. „Ich – ich muss nach Arles zurück“, erklärte Dianne ihm lahm und wenig überzeugend. „Vielleicht – vielleicht sagen Sie Ihrem Patron, dass er mich dort findet.“

„Bien sûr, Mademoiselle – aber gewiss.“ Der alte Mann neigte mit zurückhaltender Höflichkeit den Kopf, und da Dianne merkte, dass er darauf wartete, dass sie abfuhr, ließ sie den Motor an und legte den Rückwärtsgang ein. Doch sie war so nervös, dass sie die Kupplung zu schnell kommen ließ und das kleine Auto einen Sprung rückwärts machte. Die Räder schlitterten über die unebene Straße und landeten im Straßengraben.

„Verdammt!“ Dianne presste die Lippen aufeinander und zwang sich zur Ruhe. Mit scheinbarer Gelassenheit stieg sie aus und besah sich den Schaden.

Es war nicht viel passiert, nur das rechte Hinterrad steckte im Schlamm. Doch ohne Hilfe würde sie es kaum schaffen, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Sie blickte zu dem alten Gardien hinüber. Er klopfte seinem Pferd den Hals, worauf es langsam auf die andere Seite der Straße trottete.

„Haben Sie ein Seil, Mademoiselle?“, fragte der Gardien, und in seinen hellen Augen funkelte es belustigt.

Dianne beherrschte ihren Ärger nur mühsam. Sie hätte am liebsten schnippisch erwidert, sie halte es normalerweise nicht für nötig, sich mit einem Seil auszurüsten, wenn sie eine Spazierfahrt unternahm.

Aber vorlaute Reden waren sinnlos und halfen ihr ganz gewiss nicht aus dem Graben. Sie schüttelte energisch den Kopf und starrte böse das unbotmäßige Rad an, beinahe so, als wolle sie es mit der Kraft ihres Willens aus dem Graben ziehen. Zu dumm, dass ihr das hier passieren musste! Wenn zu allem Überfluss jetzt noch Manoel an Ort und Stelle erschiene, müsste sie vor Scham in den Boden sinken.

Der Gardien stieg langsam aus dem Sattel. Seine Bedächtigkeit war schrecklich aufreizend. Fast hätte sie wie ein ungezogenes Kind mit dem Fuß auf den Boden gestampft. Doch sie wusste, dass Hast und moderne Hektik diesen Männern fremd waren, die ungezählte Stunden in den Marschen verbrachten und deren einzige Gefährten oft Erde und Himmel waren.

„Ich habe ein Seil, Mademoiselle“, sagte er gelassen und löste es vom Sattelknopf.

Dianne war so erleichtert, dass sie die Bemerkung hinunterschluckte, die ihr auf der Zunge lag. Stattdessen lächelte sie ein wenig gezwungen und fragte: „Wo soll ich es am Wagen befestigen?“

Der Gardien zog träge die Brauen hoch, bückte sich und band das Seil an der vorderen Stoßstange fest. Dann richtete er sich auf und sah sie an, die mit geröteten Wangen und ziemlich aufgelöst vor ihm stand. „Das Steuer, Mademoiselle. Sie müssen den Wagen steuern“, sagte er und zeigte ihr, was er von ihr erwartete.

„Selbstverständlich.“

Dianne öffnete die Wagentür, er kletterte in den Sattel zurück und befestigte das andere Seilende am Sattelknopf. Dann begann Dianne, mit einer Hand das Steuer, mit der anderen die offene Wagentür festhaltend, zu schieben. Es war eine schwere Arbeit, und als der Wagen langsam, Zentimeter um Zentimeter, auf die feste Straße zurückzugleiten begann, war Dianne in Schweiß gebadet.

Beinahe hatten sie es geschafft, als sie plötzlich den raschen Hufschlag eines Pferdes hörte. Nervös wandte sie sich um und stellte fest, dass sich ihnen ein einsamer Reiter näherte. Zuerst dachte sie, es sei ein Junge, doch als der Reiter näher kam, sah sie, dass ihm eine Mähne goldblonden Haares über eine Schulter hing. Ein Mädchen also!

Dianne richtete sich beklommen auf, als das Mädchen sein Pferd zügelte und neben ihr anhielt. Auf den freudig erregten Ausruf, mit dem sie begrüßt wurde, war sie ganz und gar nicht gefasst.

„Dianne! Du bist es, Dianne! Was, in aller Welt, tust du hier?“

Dianne sah das Mädchen erstaunt an. Doch ihre abweisende Zurückhaltung hielt der unverhohlenen Freude nicht stand, die ihr aus dem jungen Gesicht entgegenstrahlte. „Louise“, sagte sie. „Guter Gott, ich habe dich kaum erkannt. Du warst ein Kind, als ich – als ich von hier fortging.“

Das Mädchen lachte mit ansteckender Fröhlichkeit. „Ich war vierzehn, Dianne, jetzt bin ich siebzehn. Was tust du hier? Kommst du zu uns? Willst du Großmutter besuchen?“

3. KAPITEL

Dianne war verwirrt. Mit dieser Entwicklung hatte sie nicht gerechnet, sie nicht vorhergesehen. Louises Freude war so aufrichtig, und sie wusste kaum, was sie ihr antworten sollte. Sie wandte sich an den Gardien, der, nachdem er das Seil von der Stoßstange losgebunden hatte, wieder in den Sattel stieg, und bedankte sich herzlich bei ihm.

Das gab ihr einen Augenblick Zeit zu überlegen, unter welchem Vorwand sie sich so schnell wie möglich von Louise verabschieden konnte. Doch als der Mann davonritt, erinnerte sie sich an etwas, das Louise gesagt und das sie in ihrer Verwirrung zunächst nicht erfasst hatte.

„Du – du hast Großmutter gesagt?“, fragte sie erstaunt. „Meinst du – meinst du Gemma?“

„Selbstverständlich.“ Louise lächelte jetzt nicht mehr. „Du wolltest doch nicht wieder abreisen, ohne sie zu sehen?“

Dianne schüttelte hilflos den Kopf. „Ich – ich habe den Wohnwagen gesehen“, murmelte sie. „Ich dachte –“ Sie zuckte mit den Achseln. „Nun, egal. Ich – schau, Louise, ich bin nicht hier, um euch zu besuchen.“ Sie machte eine Pause. „Du bist doch gewiss schon alt genug, um zu begreifen, dass ich auf dem Mas kein willkommener Gast wäre.“

Louises Blick verdunkelte sich. „Großmutter bekommt so selten Besuch“, sagte sie traurig. „Warum bist du hier, Dianne? Ich dachte, Manoel hätte gestern Abend mit dir gesprochen.“

Dianne runzelte die Stirn. „Das weißt du?“

Louise zuckte mit den Achseln. „Aber selbstverständlich“, erwiderte sie, „ich habe am Telefon sofort deine Stimme erkannt. Und ich habe Manoel gesagt, dass du hier sein müsstest.“

Dianne ballte die Hände. „Und – und wissen alle, dass ich hier bin?“

Louise schnitt eine Grimasse und stieß mit dem Fuß nach dem struppigen Gras. „Oh nein“, entgegnete sie leichthin, „nicht alle. Nur Manoel und ich.“

Dianne biss sich auf die Unterlippe. „Sag mir noch eins, Louise. Ist – ist dein Vater nicht mehr auf dem Mas?“

„Papa ist tot“, sagte Louise traurig. „Er starb vor zwei Jahren. Manoel ist jetzt für die Manade verantwortlich. Das hier ist sein Gut, das sind seine Stiere.“

Dianne blickte verwundert vor sich hin. „Das wäre mir nicht im Traum eingefallen“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu Louise. „Deine Mutter lebt aber mit Manoel auf dem Mas, nicht wahr?“, setzte sie dann hinzu.

Louise nickte. „Natürlich. Sie und Yvonne.“

In Diannes Magen wurde ein Messer herumgedreht. „Oh ja, Yvonne“, sagte sie mühsam.

„Dianne. Wie ist es dir ergangen? Unterrichtest du immer noch?“ Louise sah sie forschend an. „Du bist dünner geworden.“

Dianne presste die Lippen zusammen. „Oh ja“, antwortete sie tonlos, „ich unterrichte immer noch. Und du? Bist du mit der Schule fertig?“

„Manoel will mich in eine Schweizer Internatsschule schicken, aber ich mag nicht dorthin. Mir gefällt es hier viel zu gut. Ich begreife einfach nicht, warum er mich fortschicken will, sehe den Grund nicht ein. Nur, weil er das Leben so unmöglich findet.“ Sie warf Dianne einen kurzen Seitenblick zu. „Du weißt doch, dass Yvonne einen schweren Unfall hatte?“

„Nein“, erwiderte Dianne rasch. „Was ist passiert?“

Louise zuckte mit den Achseln. „Sie wurde von einem Stier auf die Hörner genommen und ist seither von der Hüfte abwärts gelähmt.“

Dianne stöhnte leise vor Entsetzen. Louise sagte das so kaltblütig, so obenhin. Beinahe so, als sei sie der Meinung, Yvonne habe es nicht anders verdient.

„Aber das ist ja grauenhaft!“ Dianne breitete die Hände aus. „Wann – wann war das?“

Wieder zuckte Louise mit den Achseln. „Kurz nach deiner Abreise, glaube ich. Warum? Ist das irgendwie von Bedeutung?“

„Findest du nicht?“, fragte Dianne entsetzt.

Louise spielte mit den Zügeln. „Yvonne hat nur bekommen, was sie verdiente. Sie hat es geradezu herausgefordert“, sagte sie kalt. „Sie war wütend auf Manoel und dachte, sie könnte ihn ärgern, indem sie seine Stiere reizte.“ Sie hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Keiner darf mit den Stieren spielen.“

Dianne zupfte an einer Haarsträhne, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatte. Kein Wunder, dass Manoel um so vieles älter und reifer aussah. Was für eine schreckliche Zeit musste das für ihn gewesen sein!

Jetzt legte Louise leicht die Hand auf ihren Arm. „Es ist schön, dich wiederzusehen, Dianne. Ich meine das ernst. Aber warum wolltest du Manoel sehen? Ich dachte – wir dachten –“ Sie hielt unvermittelt inne und biss sich auf die Lippen. „Bleibst du lang in der Camargue?“

Zerstreut spielte Dianne mit dem Griff der Wagentür. „Ich – ich weiß nicht, Louise. Es – es hängt von verschiedenen Dingen ab.“

Louise seufzte. „Bist du nur hier, um mit Manoel zu sprechen?“

Dianne zögerte und nickte dann. „Ja. Wo ist er?“

„Er ist heute früh in die Weingärten gefahren“, antwortete Louise und runzelte die Stirn. Sie starrte Dianne lange nachdenklich an. „Was ist gestern Abend vorgefallen?“

„Wie meinst du das?“ Dianne tat so, als verstehe sie nicht.

„Zwischen dir und meinem Bruder! Dianne, du weißt ganz genau, was ich meine. Er war in einer fürchterlichen Laune, als er nach Hause kam. Nicht einmal Yvonne wagte, ihn zu fragen, was geschehen war. Nur ich erriet, dass ihr euch gestritten haben müsst.“

Dianne verzog das Gesicht. „Ich muss jetzt wieder los, Louise“, sagte sie ausweichend. „Wenn Manoel nicht hier ist, hat es keinen Sinn – ich meine, dann habe ich keinen Grund, zum Mas hinauszufahren.“

„Und Großmutter? Soll ich ihr sagen, dass ich dich gesehen habe?“

Dianne glitt auf den Fahrersitz. „Ich kann es dir natürlich nicht verbieten“, sagte sie. „Aber vielleicht wäre es unter diesen Umständen besser, wenn du nichts sagtest. Ich möchte nicht, dass sie – dass sie sich kränkt.“

„Oh Dianne!“, rief Louise unbeherrscht und stützte sich auf die Motorhaube des Wagens. „Warum tust du so geheimnisvoll? Warum bist du nach so langer Zeit wiedergekommen? Du musstest doch wissen, was es für Manoel bedeutet, dich wiederzusehen – jetzt wiederzusehen!“

Dianne ließ den Motor an. „Es tut mir leid, Louise. Es tut mir leid, dass du glaubst, ich täte geheimnisvoll. Und ich hätte Gemma sehr gern wiedergesehen.“ Ihre Stimme versagte, und sie musste schlucken. „Leb wohl.“

„Auf Wiedersehen, Dianne.“ Louise richtete sich auf und lief noch ein paar Schritte neben dem anfahrenden Wagen her. „Darf ich dich, bevor du abreist, noch einmal im Hotel besuchen?“

Diannes Finger schlossen sich fester um das Steuer. „Ich glaube nicht, dass das eine sehr gute Idee wäre“, sagte sie. „Au revoir – auf Wiedersehen.“

Louise winkte ihr nach, und Dianne fuhr im Rückwärtsgang bis zu einem breiteren Straßenstück, wo sie wenden konnte. Dann fuhr sie rasch davon. Der Kloß, der ihr im Hals steckte, schnürte ihr fast die Luft ab.

Am Abend ging Dianne nach dem Essen in ihr Zimmer hinauf, um an Clarry zu schreiben. Sie musste etwas tun, irgendetwas Normales, das wenig mit dem Mas St. Salvador und ihren unglücklichen Erinnerungen zu tun hatte.

Den ganzen Tag hatte sie über Yvonnes schrecklichen Unfall nachgedacht, so lange, bis ihr der Kopf schmerzte, weil sie es einfach nicht fertigbrachte, die Gefühle der anderen nachzuempfinden. Wie entsetzlich, dachte sie, gelähmt zu sein, und womöglich für das ganze Leben!

Sie vergaß, wie boshaft Yvonne früher gewesen war. Sie erinnerte sich nur noch daran, wie hervorragend sie zu Pferde gesessen hatte und wie blühend gesund sie gewesen war. Und all das war in einigen wenigen leichtsinnigen Augenblicken dahin, für immer zerstört. Und Yvonne war nicht der Mensch, ein solches Schicksal hinzunehmen, ohne sich unaufhörlich dagegen aufzulehnen.

Dianne holte Füllfeder und Papier heraus, schickte sich jedoch nicht an zu schreiben. Ungebeten kehrten die Gedanken an Manoel wieder. Wie hoffnungslos seine Lage war! Er war ein so lebhafter Mann, so kraftvoll und vital! Machte Yvonne ihn zur Zielscheibe ihres machtlosen Zorns? Wirkte er deshalb so angespannt, müde und erschöpft, dass ihr bei seinem Anblick das Herz wehgetan hatte?

Sie stützte das Kinn in die Hände und blinzelte die Tränen fort, die ihr in den Augen brannten. Sie hätte nicht hierherkommen dürfen. Sie hätte sich von Clarry nicht einreden lassen dürfen, dass sie es Jonathan schuldig sei, Manoel um Geld zu bitten. Sie würde nur mit leeren Händen und wehem Herzen wieder abreisen und schlimmer leiden als vorher, weil sie jetzt wusste, was hier inzwischen geschehen war.

Ihre gespannten Lippen wurden weich. Wenn nur alles anders gekommen wäre, dachte sie verzweifelt. Wenn sie und Manoel nur nicht getrennt worden wären! Gewiss hatte auch ihm das, was sie miteinander erlebten, etwas bedeutet. Sie schienen unlösbar miteinander verbunden und waren doch so schnell auseinandergerissen worden. Sogar noch jetzt schmerzte die Erinnerung an die Trennung wie eine frische Wunde, brannte umso heftiger, seit sie wusste, was nachher geschehen war.

Und Gemma, diese unbezähmbare, alte Frau mit ihrem unerschöpflichen Vorrat an Aberglauben und religiösen Überzeugungen, auch sie hatte an allem teilgehabt, hatte sie ermutigt, sich zu nehmen, was ihnen gehörte, und sie beide nach einem Ritus miteinander verbunden, der zurückreichte bis zum Ursprung der weißen Pferde der Camargue.

Doch sie hatten das Glück nur einmal ausgekostet – ein zweites Mal hatte es nicht gegeben. Dianne vergrub ihr Gesicht in den Händen. Das Leben war so schrecklich unfair. Wenn man glaubte, man könnte nach den Sternen greifen und in den Himmel schauen, wurde man so unbarmherzig wieder zur Erde zurückgerissen, dass man um die eigene Seele bangen musste.

Mit einem tiefen Atemzug stand Dianne auf und trat ans Fenster, das auf den kleinen, stillen Platz hinausblickte. Die Sonne stand schon über den Dächern, die Schatten wurden länger, doch die Luft war einladend mild. Dianne spürte plötzlich das Verlangen, das Hotel und die Enge ihres Zimmers von sich abzuschütteln wie ein dunkles, schweres Gewand, das ihre Bewegungsfreiheit lähmte.

Aus einem Impuls heraus lief sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und hinaus in die kühle Abendluft. Sie trug ein Kleid aus auberginefarbenem Jersey, das die violetten Schatten um ihre Augen betonte. Es war ein langes Kleid, das Clarry ihr an einem einzigen Abend für eine Weihnachtsparty genäht hatte, zu der Dianne eingeladen gewesen war. Sinnlos zu sagen, dass sie dann nachher nicht zu der Party ging. Doch das Kleid war für Abende wie diesen geradezu geschaffen.

Vor dem Hotel zögerte sie, weil sie nicht wusste, welche Richtung sie einschlagen sollte. Nur wenige Leute waren noch unterwegs, alle zu zweit oder zu dritt, einzig sie war allein. Sie begann, auf die Hauptstraße zuzugehen, weil sie auf einmal Lust hatte, in einem der Straßencafés noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Inmitten der Menge würde sie weniger auffallen und sich vielleicht weniger einsam fühlen.

Ein Auto fuhr langsam neben ihr her. Aus den Fenstern hingen zwei junge Burschen, die ihr etwas zuriefen, sie nach ihrem Namen fragten und wissen wollten, wohin sie ging. Sie luden sie ein, zu ihnen in den Wagen zu steigen, und beschimpften sie, als sie nicht reagierte, bis sie vor Ärger und Verlegenheit rot wurde.

Dann hielt der Wagen plötzlich, einer der jungen Burschen sprang heraus und stellte sich ihr in den Weg.

„Ah, Mademoiselle, chère Mademoiselle“, flötete er, „wollen Sie nicht mit mir und meinen Freunden mitfahren –“

„Gehen Sie mir bitte aus dem Weg!“, fauchte Dianne, die gezwungen war stehen zu bleiben.

„Oh, Anglaise – eine Engländerin! Aber was für eine hübsche Engländerin!“ Er warf seinen Freunden einen beifälligen Blick zu, und ein Zweiter öffnete einladend die Wagentür.

Dianne war leicht beunruhigt. Die Straße war in diesem Augenblick beinahe verlassen, und sie fürchtete, die Burschen könnten sie mit Gewalt zwingen einzusteigen. Sie hatten offensichtlich schon etwas getrunken und waren für das, was sie taten, nicht mehr voll verantwortlich. Aber das machte es für Dianne auch nicht leichter.

„Wollen Sie mich freundlicherweise vorbeilassen!“ Sie bemühte sich, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken, doch der junge Bursche kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

Erschrocken wich Dianne zurück und prallte gegen die muskulöse Gestalt eines Mannes. Von Angst gepackt, fuhr sie herum und hämmerte ihm mit den Fäusten gegen die Brust, weil sie im ersten Augenblick annahm, es mit einem anderen Jungen zu tun zu haben.

Doch der Mann, der ihren bebenden Körper beiseitedrängte, war weder halb erwachsen, noch war er auf Liebesabenteuer aus. Er war groß, schlank und stark. Er packte den Jungen, der es gewagt hatte, sie zu belästigen, an der berüschten Hemdbrust und stieß ihn so heftig zum Wagen zurück, dass er mit dem Kopf gegen das Dach prallte.

Dianne hörte die bildhaften Kraftausdrücke, mit denen der Mann seiner Meinung Nachdruck verlieh, nur wie durch einen dichten Schleier. Der Wagen schoss gleich darauf davon, und die Räder wirbelten eine hohe Staubwolke auf. Erst jetzt wandte der Mann sich ihr zu, und als sie ihn erkannte, wurden ihre Knie so weich wie Watte.

Manoel blickte sie ein paar Sekunden lang verächtlich an. „Ach, komm schon, komm schon, es ist vorbei. Ich möchte nur wissen, was dir einfällt, so spät abends noch allein auf der Straße zu sein.“

Dianne fasste sich nur mühsam. „Ich – ich war spazieren, das ist alles. Man wird doch noch spazieren gehen dürfen, ohne zum Gespött zu werden!“

Sie hob mit einer unbewusst herausfordernden Bewegung die Arme und griff an ihr Haar. „Ich – ich habe dir zu danken für das, was du getan hast.“

Manoel winkte ungeduldig ab. „Das war eine Kleinigkeit. Ich wage nur nicht, daran zu denken, was geschehen wäre, wäre ich nicht zufällig hier vorbeigekommen!“ Sein Kinn spannte sich, und er fuhr sie beinahe zornig an. „Dianne, wir sind hier in Frankreich, und du mit deinem Aussehen –“ Er brach ab, griff in die Tasche, holte ein Zigarrenetui hervor und steckte sich eine Zigarre zwischen die Lippen. Er zündete sie achtlos an.

„Komm, ich will mit dir sprechen.“

Dianne sah ihn unruhig an. „Louise hat dir natürlich erzählt, dass sie mich traf, als ich zum Mas unterwegs war.“

Er nickte. „Warum auch nicht?“ Seine Augen verengten sich. „Bist du nicht bis zum Haus gefahren?“

Dianne hob die Schultern. „Wie könnte ich das?“

Manoel betrachtete einen Augenblick forschend das blasse Oval ihres Gesichts und ging dann brüsk und wortlos weiter, sodass Dianne gezwungen war, ihm zu folgen, und sich fragte, wohin er ging.

Sie blieb nicht lang im Ungewissen. Vor dem Hotel parkte ein riesiger, staubbedeckter Citroën-Kombi, neben dem alle anderen Wagen wie Zwerge wirkten. Manoel öffnete die Tür zum Beifahrersitz.

„Steig ein“, sagte er kurz, und Dianne gehorchte, hauptsächlich deshalb, weil ihre Beine nicht kräftig genug schienen, sie noch länger zu tragen.

Manoel ging um die Motorhaube herum und setzte sich hinter das Steuer. Dianne musterte ihn verstohlen. Dunkel und verschlossen war er, seine schwarzen Hosen steckten in kniehohen Stiefeln, und das dunkelblaue Hemd war am Hals offen. Er sah unglaublich männlich aus.

Zwischen seinen Brusthaaren fast versteckt, funkelte ein Medaillon, das an einem goldenen Kettchen hing. Dianne wusste, welche Bedeutung das Medaillon hatte. Es war das Symbol Saras, der dunklen Dienerin aus der Legende von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, die alle Zigeuner Europas anbeteten und verehrten und deren Namensfest zum Mekka aller Nomadenvölker wurde.

Einmal hatte sie diese Kette am Hals getragen. Ihr Herz machte ein paar alarmierende Sprünge, und rasch wandte sie den Blick von seiner braunen Haut ab. Sie hatte den beinahe übermächtigen Wunsch, die Hand auszustrecken, ihn zu berühren, und ihr Atem kam stoßweise, während sie sich bemühte, diesen Impuls zu unterdrücken.

Manoel drehte den Schlüssel im Zündschloss um, der Motor dröhnte auf, und der schwere Kombi löste sich vom Bordstein. Sie wollte fragen, wohin sie fuhren, unterdrückte jedoch auch ihre Neugier. Im Augenblick war es genug, dass sie bei ihm sein durfte. Sie wollte sich dieses Erlebnis nicht verderben, indem sie versuchte, Antworten auf Fragen zu finden, die nur zu Feindseligkeit führen konnten.

Er fuhr aus der Stadt hinaus und folgte der nach Nordosten führenden Straße nach Les Baux. Sie kamen durch das kleine, verschlafene Fontvieille, und erst als sie durch die Vorberge der felsigen Bergkette fuhren, von der Les Baux mit seiner grauen Schlossruine und den zerbröckelnden Türmen so sehr ein Teil zu sein schien, lenkte er den Wagen zur Seite und hielt am Straßenrand.

„Bien – gut“, sagte er fragend, „was denkst du jetzt?“

Dianne schüttelte den Kopf. „Nichts“, erwiderte sie aufrichtig, im Augenblick nicht imstande, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Seine Nähe machte sie nervös. Sie riss die Tür auf, stieg aus und fröstelte leicht in der nächtlichen Kühle. Es war hier viel frischer als in den engen Straßen von Arles. Der Wind pfiff unheimlich über die Ebene, die Luft schmeckte nach Salz und wirkte belebend.

Manoel stieg gleichfalls aus, und ein paar Minuten lang blickten sie schweigend zu der dunklen Masse der felsigen Bergkette hin, über der im seidigen Himmel die ersten Sterne glänzten. Dann wandte Manoel den Blick ihr zu, und plötzlich fröstelte sie nicht mehr vor Kälte, sondern vor Angst.

„Warum bist du zu mir gekommen?“, fragte er gepresst. „Warum musstest du hierher zurückkommen?“

Seine Augen funkelten sonderbar, und sie wich ein paar Schritte zurück, wobei sie auf der holperigen Straße beinahe ausglitt. „Du weißt, warum“, erwiderte sie leise.

Manoel murmelte eine Verwünschung. „Nein!“, stieß er leidenschaftlich hervor, „nein, ich weiß es nicht! Du sagst, du brauchst Geld, und weigerst dich gleichzeitig, mir zu sagen, wofür du es brauchst. Du erwartest, dass ich dir helfe, tust aber so, als hätte ich, wenn ich dir helfe, überhaupt keine Rechte.“

Dianne blickte über die Schulter zu ihm auf. „Mach es mir doch nicht so schwer!“, rief sie hilflos. „Damals warst du sehr schnell bereit, mir Geld anzubieten.“

Manoels Miene verdüsterte sich. „Was meinst du damit?“

Dianne schüttelte den Kopf. „Ist das noch wichtig?“ Unglücklich stieß sie mit der Fußspitze einen Stein vor sich her. „Warum hast du mich hierhergebracht? Warum bist du noch einmal gekommen? Wirst du mir helfen?“

Manoel sah sie ungeduldig an und fuhr sich mit der Hand durch das dichte Haar, das ihm tief in den Nacken wuchs. „Ich – kam, weil ich eine Einladung für dich habe. Gemma möchte dich sehen.“

„Was?“ Diannes Augen weiteten sich ungläubig. „Aber – woher weiß Gemma denn, dass ich hier bin?“

„Woher weiß Gemma alles?“ Seine grauen Augen wurden noch dunkler. „Du meine Güte, ich nehme an, Louise hat es ihr erzählt. Ist das wichtig? Wirst du kommen?“

Dianne holte tief Luft. „Ich – ich glaube nicht. Deine Mutter will mich nicht im Haus haben. Wem sollte es etwas nützen? Außerdem würde deine Frau –“

Manoel packte mit einem grausamen Griff ihr Handgelenk. „Meine Frau? Was für eine Frau? Ich habe keine Frau – noch nicht.“

Diannes Brust hob und senkte sich im Rhythmus ihrer hastigen Atemzüge. „Nun, Louise erzählte mir – von Yvonnes Unfall. Sie – sie sagte, Yvonne lebte bei dir auf dem Mas –“

Manoel starrte finster auf sie herunter, sein Blick war kalt und abweisend hart. „Yvonne lebt auf dem Mas. Sie ist ein hilfloser Krüppel. Ihre Mutter ist tot. Wo könnte sie sonst leben? Aber meine Frau ist sie nicht.“

Ein heftiges Beben erschütterte Dianne. Dann, als seine Hand die ihre noch fester umspannte, wimmerte sie leise. „Mein – mein Handgelenk!“, rief sie. „Du brichst mir das Handgelenk!“

Manoel starrte wie betäubt auf die rot verfärbte Haut und stieß eine Verwünschung aus. „Dieu – mein Gott, Dianne, es tut mir leid“, sagte er heiser und hob ihren Arm, um sich den Schaden zu besehen. Ihre Hand flatterte wie ein Vogel in der seinen, und seine Augen verdunkelten sich leidenschaftlich. Dianne ahnte die Gefahr, die auf sie zukam. Sie riss sich von ihm los und flüchtete hinter den Wagen.

„Ich – ich denke, wir sollten zurückfahren“, meinte sie unsicher, und Manoel wandte sich, die Hände in den Nacken legend, mit einer unendlich müden Geste von ihr ab. Unfähig, den Blick von ihm loszureißen, beobachtete Dianne ihn. Nach einer Weile ließ er die Hände sinken, er straffte die Schultern, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte.

Ohne sie anzusehen, setzte er sich hinter das Steuer, und Dianne näherte sich auf zitternden Beinen dem Beifahrersitz. Vorsichtig stieg sie ein, vermied es ängstlich, Manoels Schenkel zu berühren, und strich sich den langen Rock glatt. Doch er beachtete sie mit keinem Blick.

Sie erwartete, dass er gleich losfahren würde. Doch obwohl seine Hände auf dem Steuer lagen, machte er keine Anstalten, den Wagen zu starten.

„Wenn du mir versprichst, zum Mas hinauszukommen und Gemma zu besuchen, bin ich bereit, dir das Geld zu geben, das du für einen so geheimnisvollen Zweck brauchst“, sagte er stattdessen mit hart und abgehackt klingender Stimme.

Dianne blickte ihn fassungslos an. „Das kann nicht dein Ernst sein!“

„Warum nicht?“

Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. „Es würde nur zu Schwierigkeiten führen, wenn ich hinauskäme! Du weißt, für deine Mutter wäre es schrecklich. Sie – sie hasst mich. Und Yvonne …“ Ihre Stimme verlor sich unglücklich.

Jetzt wandte er sich ihr zu und sah sie an. Seine Augen funkelten durch das schattige Wageninnere. „Vielleicht finde ich den Gedanken reizvoll, dass du vor meiner Mutter und Yvonne Spießruten laufen musst“, sagte er eisig.

Dianne presste die Hand auf den Magen. „So grausam könntest du nicht sein!“

„Wirklich nicht?“ Er zuckte mit den breiten Schultern. „Es würde dich überraschen, zu was alles ich fähig bin.“

„Manoel, bitte!“, flehte Dianne ihn mit großen, glänzenden Augen an. „Daraus kann nur Leid und Schmerz für uns alle entstehen. Das kannst du doch nicht wollen!“

„Warum nicht? Es wäre eine kleine Abwechslung im grauen Alltag.“ Er schaltete plötzlich die Innenbeleuchtung ein, die die sanften Umrisse ihres wehmütigen, schönen Gesichts erhellte. Dann neigte er den Kopf und hob ihre linke Hand hoch. Es war eine schmale, langfingerige, völlig schmucklose Hand.

Dianne versuchte nicht, sie ihm zu entziehen. Nach ein paar Sekunden ließ er sie auf ihre Knie zurückfallen. „Sag mir eins“, forderte er rau. „Liebt dich der Mann, für den du das Geld brauchst?“

Dianne schnappte überrascht nach Luft. „Es gibt keinen Mann.“

Manoels Blick nahm einen skeptischen Ausdruck an. „Dann brauchst du das Geld für dich?“

Sie errötete. „Ja.“

„Warum? Wozu? Du sagst, du erwartest kein Kind, bist nicht in dieser Art von Schwierigkeiten. Also was ist es dann? Was kann es sein?“

„Oh Manoel, hör auf, mich so zu quälen!“, rief Dianne verzweifelt und wischte sich die Tränen von den Wangen. Sie durfte jetzt nicht die Fassung verlieren.

Manoel presste die Lippen zusammen, und in seiner Wange begann ein Muskel zu zucken. Dann schaltete er ohne ein weiteres Wort das Licht aus und startete den Motor.

Schweigend fuhren sie zum Hotel zurück. Dianne sprach erst wieder, als der Kombi vor dem Eingang hielt. Aber sie musste etwas sagen, denn sie fühlte, dass er sich über den Zwiespalt, in dem er steckte, ebenso klar war wie sie.

„Was wirst du tun?“, fragte sie.

Manoel verzog die Lippen. „Das hängt jetzt von dir ab, nicht wahr?“

Dianne strich sich glättend über den glänzenden Nackenknoten. „Du – du bestehst auf deiner Bedingung? Du zwingst mich, zum Mas hinauszukommen?“

Er lehnte sich herausfordernd in seinen Sitz zurück, schloss halb die Augen und trommelte ungeduldig im Marschrhythmus mit den Fingern auf das Steuer. „Wenn du willst, dass ich dir helfe – ja.“

Diannes Schultern fielen schlaff nach vorn. „Nun gut. Wann soll ich kommen?“

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Du kommst?“

„Bleibt mir etwas anderes übrig?“ Sie hob den Blick und sah ihm fest in die Augen.

Er verzog verächtlich den Mund. „Anscheinend nicht. Du musst dieses Geld verdammt nötig brauchen, Dianne. Ich kann einfach nicht glauben, dass es dabei nur um dich geht. Für ein solches Opfer muss man tiefere Gründe haben.“

Dianne öffnete die Wagentür. „Darf ich jetzt gehen?“

„Einen Augenblick.“ Er musterte sie gründlich und forschend. „Ich hole dich übermorgen ab. Morgen muss ich nach Nîmes. Ich bedaure den Aufschub. Aber du wirst ihn zweifellos ertragen, wenn die Sache für dich so wichtig ist.“

Diannes Lippen zuckten, es fiel ihr schwer, ihre Gefühle zu verbergen. Er konnte, wenn er wollte, so unglaublich unverschämt sein! Seine unbarmherzigen Worte wühlten sie derart auf, dass sie nahe daran war, in Tränen auszubrechen. Wie hatte sie einst glauben können, dass er sie nicht nur körperlich anziehend fand? Seinem Verhalten nach zu schließen, sah er in ihr nichts anderes als ein launisches, unberechenbares weibliches Wesen, das einzig egoistische Ziele verfolgte.

Sie stieß die Tür auf und stieg aus, bevor er noch etwas sagen konnte. Er beugte sich vor und warf die Tür wieder zu.

Dann setzte der große Wagen sich in Bewegung und preschte davon. Dianne betrat langsam, ganz mit ihren durcheinandergeratenen Gedanken und Empfindungen beschäftigt, die Hotelhalle. Sie fühlte sich völlig erschöpft und fragte sich verzweifelt, wie sie die nächsten beiden Tage überstehen sollte, bis sie ihn wiedersah …

Tatsächlich war der nächste Tag jedoch nicht ganz so leer und inhaltlos, wie sie befürchtet hatte. Niemand konnte von der Wärme der Frühlingssonne, den blühenden Sträuchern und den leuchtend bunten Blumenbeeten völlig unberührt bleiben. Diannes Stimmung besserte sich ein wenig.

Im Laufe des Vormittags schrieb sie an Clarry und brachte den Brief dann zur Post. Sie erwähnte, dass sie sich mit Manoel in Verbindung gesetzt habe und hoffe, in ein paar Tagen Günstiges berichten zu können. Mehr schrieb sie aber nicht, denn sie konnte Clarry kaum gestehen, dass Manoel nicht wusste, wozu sie das Geld brauchte, und sie auch nicht die Absicht hatte, es ihm zu sagen.

Zwar zwickte sie das Gewissen ein bisschen, doch sie beschwichtigte die unbequeme Stimme in ihrem Innern mit dem Argument, dass Manoel im Augenblick gar nicht in der Verfassung war, die Wahrheit zu erfahren. Es war durchaus möglich, dass er versuchen würde, ihr das Kind wegzunehmen, wenn er von Jonathans Existenz erfuhr. Sie aber war entschlossen, mit allen Mitteln um ihren Sohn zu kämpfen. Dass es auch sein Sohn war, war bedeutungslos.

Doch das stimmte nicht, mahnte ihr Gewissen. Unter den gegebenen Umständen hätte Manoel das Recht, die Wahrheit zu erfahren.

4. KAPITEL

Als Dianne ins Hotel zurückkam, erwartete sie dort ein überraschender Besucher. Das war gut, sonst wäre der Tag für sie zum Fegefeuer geworden. So aber war sie beinahe erleichtert, als sie sich plötzlich dem unkomplizierten Henri Martin gegenübersah.

Er hatte in der Empfangshalle auf sie gewartet, und als er sie erblickte, nahm sein Gesicht im ersten Moment einen beinahe ängstlichen Ausdruck an.

„Mademoiselle King!“, rief er. Aber Dianne, ohne nach links oder rechts zu schauen, war schon halb an ihm vorüber, ehe sie überrascht herumfuhr.

„Ja, was tun Sie denn hier, Monsieur Martin?“, rief sie.

Henri Martin breitete beredt die Hände aus. „Ich kam, um mich Ihnen als Begleiter anzubieten, Mademoiselle King“, gestand er. „Ich weiß, dass es recht unverschämt von mir ist, einfach hier aufzukreuzen, aber vielleicht ist es Ihnen doch möglich, mir zu verzeihen. Ich möchte mit Ihnen essen gehen.“

Dianne seufzte. Obwohl sie ihn im ersten Augenblick am liebsten fortgeschickt hätte, zögerte sie. Vielleicht wäre es ganz gut für sie, nicht im Hotel herumsitzen und darauf warten zu müssen, dass der Tag verging, die Gedanken vergessen zu können, die sie unaufhörlich peinigten, bis ihr Seelenfrieden dahin war. Henri Martin würde sie bestimmt ablenken, denn er hatte mit ihren persönlichen Angelegenheiten nichts zu tun.

„Das ist sehr nett von Ihnen, Monsieur Martin“, sagte sie. „Ich – ich nehme Ihre Einladung an. Aber Sie müssen mir ein paar Minuten Zeit lassen, weil ich mich noch umziehen muss.“ Sie wies auf ihre saloppe Hose und das Sporthemd, die sie trug.

Henri Martin zeigte ganz unverhohlen, wie sehr er sich freute. Er war, dachte sie sachlich, ein wirklich gut aussehender Mann. In seinem erstklassig geschnittenen grauen Anzug und dem makellos weißen Hemd unterschied er sich stark von den anderen Männern dieser Gegend, die meist so leger und zwanglos gekleidet waren wie Manoel St. Salvador am vergangenen Abend.

Aber Manoel stand diese Kleidung, obwohl er im Abendanzug – den er höchst selten und nur widerwillig trug – einfach atemberaubend gut aussah. Am besten jedoch kam sein Aussehen zur Geltung, wenn er in der Tracht des Gardiens über die Marschen ritt.

„Ich warte selbstverständlich, so lange Sie es wünschen“, versicherte Henri ihr, und Dianne lächelte ihm zu, bevor sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinauflief.

Als sie in einem kurzen, apfelgrünen Kleid wieder herunterkam, sah sie geradezu lächerlich jung aus und war froh, dass ihre strenge Haartracht seine Aufmerksamkeit ein wenig ablenkte.

Sie aßen in einem großen Restaurant im Herzen von Arles, wo Henri offensichtlich gut bekannt war, und Dianne fragte sich, was er wohl für einen Beruf haben mochte. Sie aßen Nierenspieße mit Tomaten, ganzen Pilzen und frischem Salat, und obwohl sie behauptet hatte, nicht sehr hungrig zu sein, tat sie der Mahlzeit alle Ehre an. Schließlich war sie jung und gesund, sie fand Henris Gesellschaft auch wesentlich weniger anstrengend als die Manoels.

Nach dem Essen schlug Henri eine Spazierfahrt zu den Weingärten im oberen Rhônetal vor, doch Dianne lehnte ab. Nîmes lag im oberen Rhônetal, und sie hatte nicht den Wunsch, Manoel zu begegnen, während sie mit Henri zusammen war. Überdies würde Manoel vermutlich annehmen, sie liefe ihm nach. Obwohl ihr der Gedanke im Grunde eigentlich nicht missfiel, unterdrückte sie den närrischen Wunsch sofort wieder.

Sie fuhren stattdessen nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer und gingen zwei Stunden am Strand spazieren. Dianne erfuhr an diesem Nachmittag sehr viel über Henris persönliche Verhältnisse. Er erzählte ihr, dass seine Familie in Arles ein großes Kaufhaus besaß, das in Avignon und Marseille Filialen hatte, und dass er in Paris Betriebswirtschaft studiere, um später die Leitung der Firma übernehmen zu können.

Im Augenblick verfügte er, da Semesterferien waren, über viel Freizeit, und Dianne dachte, dass sie sich eigentlich geschmeichelt fühlen sollte, weil er sich so für sie interessierte. Zweifellos betrachtete ihn jede liebevolle Mutter einer Tochter in Arles als guten Fang, und wie Manoels Eltern würden auch seine Eltern kaum damit einverstanden sein, wenn er sich mit einer mittellosen englischen Lehrerin anfreundete.

Sie selbst blieb recht zurückhaltend und bestärkte Henri in seiner Meinung, sie verbringe lediglich ihren Urlaub in Arles. Dabei wurde ihr im Lauf des Nachmittags immer klarer, dass Henri Manoel und seine Familie kennen musste. Mas St. Salvador war schließlich ein großes, blühendes Unternehmen, und in den Weingärten im oberen Rhônetal wuchs vielleicht der Wein, den Henris Vater in seinen Warenhäusern verkaufte.

Doch ein einziges Mal wollte Dianne nicht an die Folgen denken, die es haben konnte, wenn Manoel erfuhr, dass sie Henri kannte, oder Henri über den wahren Grund ihres Aufenthalts in Arles unterrichtet wurde. Innerlich zwar etwas distanziert, genoss sie diesen Nachmittag. Es war Jahre her, seit sie sich gestattet hatte, in völliger Ungezwungenheit mit einem Mann zusammen zu sein. Henri war so charmant und nett, dass sie sich mit ihm wohlfühlte. Sie unterhielten sich über Bücher, Bilder und modernes Theater, und sie war erstaunt, als er ihr plötzlich sagte, es sei schon fast fünf Uhr.

In Henris schnittigem Sportwagen fuhren sie nach Arles zurück. „Wann darf ich Sie wiedersehen? Heute Abend?“, sagte er lebhaft, als er vor dem Hotel hielt.

Dianne wickelte sich den Schulterriemen ihrer Handtasche um den Finger. „Nein – nicht heute Abend, Henri“, erwiderte sie nachdenklich. „Und morgen auch nicht. Für – für morgen habe ich schon ein festes Programm.“

Henris Gesicht verlor etwas von seiner Lebhaftigkeit. „Wann dann?“

Dianne seufzte. Wie konnte sie sich mit ihm verabreden, wenn sie nicht einmal wusste, wie lange sie blieb?

„Können Sie mich vielleicht anrufen?“, schlug sie vor. „Das wäre das Beste.“

Henris Blick verriet Enttäuschung. „Na schön, wenn Sie es für das Beste halten. Aber Sie kommen dann doch an den Apparat, nicht wahr?“

Dianne lächelte ihn an. „Aber selbstverständlich. Es war heute Nachmittag sehr hübsch, es hat mir wirklich gut gefallen. Bitte, glauben Sie doch nicht, ich suchte nach Ausflüchten. Das ist nicht der Fall.“

Henris ursprüngliche Ungezwungenheit kehrte wieder zurück, er entspannte sich ein wenig. „Gut, gut, ich rufe an. Übermorgen, oui?“

„Ja.“ Dianne nickte und stieg rasch aus, denn seine Hand hatte sich auf die Rückenlehne ihres Sitzes verirrt und berührte ihr Haar. „Auf Wiedersehen“, sagte sie.

Henri lächelte matt. „Au revoir – auf Wiedersehen, Dianne.“ Er hob die Hand, und dann schnurrte der Sportwagen leise davon.

In ihrem Zimmer warf Dianne achtlos die Handtasche auf einen Sessel und streckte sich. Es war nicht gelogen. Sie hatte sich, wenn auch auf oberflächliche Weise, wirklich gut unterhalten. Henri beunruhigte sie nicht, und sie konnte sich ihm gegenüber ganz natürlich benehmen.

Ihr war selbstverständlich klar, dass er sie anziehend fand und in sie verliebt war. Doch sie war es gewohnt, dass Männer sie bewunderten, und wusste auch, wie oberflächlich diese Bewunderung meist blieb, die ausschließlich ihrer Weiblichkeit und nicht ihrer Persönlichkeit galt. Sie ahnte nicht, dass es nicht nur ihr gutes Aussehen war, das die Männer anziehend fanden.

Sie legte die Kleider ab, ging unter die Dusche, schlüpfte in ihren Bademantel und legte sich auf das Bett. Sie war müde, doch das war unter den gegebenen Umständen nicht erstaunlich. Sie hatte seit ihrer Ankunft nicht mehr gut geschlafen und konnte sich nicht völlig entspannen, weil zu vieles sie bewegte. Aber heute Nachmittag hatte die Seeluft sie müde gemacht, die Augen fielen ihr zu, und nach einer Weile war sie eingeschlafen.

Als sie aufwachte, war es draußen dunkel. Sie war völlig durchgefroren, sprang auf und machte sich auf die Suche nach ihrer Uhr. Sie fand sie auf dem Toilettentisch, wo sie sie abgelegt hatte, bevor sie unter die Dusche ging. Bestürzt stellte sie fest, dass es kurz vor Mitternacht war, sie konnte es kaum glauben. Sie hatte fast sechs Stunden geschlafen.

Leise öffnete sie die Tür ihres Zimmers und lauschte hinaus. Von unten drang kein Laut zu ihr herauf, und achselzuckend machte sie die Tür wieder zu. Sie konnte ruhig wieder zu Bett gehen, es hatte keinen Sinn, sich jetzt noch einmal anzuziehen.

Doch sobald sie zwischen den kühlen Laken lag, war sie plötzlich hellwach. Der Mond schien durch die Fenster herein und tauchte das Zimmer in ein fahles Licht. Irgendwo in der Nähe des Hotels spielte jemand eine wehmütige Melodie auf der Gitarre; eine Melodie, die auf wunderliche Weise ihre Sinne bewegte.

Mit einem schweren Seufzer glitt sie aus dem Bett, tappte zum Fenster und blickte auf den von Schatten umlagerten Platz hinunter. Das Laub der Platanen zitterte in einer sanften Brise, und das Mondlicht verwandelte die Stämme in geisterhaftes Grau.

Auf dem Platz, von den Bäumen halb versteckt, parkte ein großer, staubbedeckter Kombiwagen. Noch während Dianne hinaussah, tauchte aus dem Schatten der Bäume ein hochgewachsener, dunkler Mann auf. Das blasse Mondlicht versilberte sein Haar, er trug dunkle Kleidung, die Tracht der Gardiens; die Weste aufgeknöpft, die Ärmel des dunklen Hemdes bis auf die Oberarme eingerollt.

Plötzlich hob er den Kopf und ließ seinen Blick über die dunklen Fensterreihen des Hotels schweifen. Aufgeregt fuhr Dianne vom Fenster zurück und lehnte sich an die Wand. Es war Manoel! Manoel, der hier vor dem Hotel mit nervtötender Hartnäckigkeit auf und ab ging.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und wagte noch einen Blick hinaus. Jetzt stand er gegen die Motorhaube seines Wagens gelehnt und zündete sich eine Zigarre an. Die kleine Streichholzflamme erhellte sekundenlang die strengen Gesichtszüge. Er ließ die Zigarre im Mund, stützte die Hände auf die staubige Motorhaube, ließ die Schultern schlaff nach vorn fallen und blieb reglos stehen, ein Bild tiefster Niedergeschlagenheit.

Dianne hielt den Atem an, die Kehle wurde ihr eng. Was tat er so spät nachts hier? Was wollte er? Was war ihm nur eingefallen, so weit zu fahren, um hier vor dem Hotel zu warten? Was für schreckliche Gedanken hatten ihn aus dem Bett auf diesen verlassenen Platz getrieben?

Sie schlang die Arme um sich selbst und spürte eine Übelkeit in sich aufsteigen, die nicht vom Hunger herrührte, zumindest nicht von physischem Hunger. Warum war sie nur am Nachmittag eingeschlafen? Warum hatte sie nicht zur üblichen Zeit zu Bett gehen können, damit ihr dieser Anblick erspart blieb?

Sie wandte sich wieder dem Fenster zu und blinzelte rasch, als könne sie ihren Augen nicht trauen. Der Kombi war nicht mehr da. Der Platz war leer. Sie war so mit ihrem Unglück beschäftigt gewesen, dass sie nicht einmal den Motor gehört hatte …

Am nächsten Morgen war Dianne sehr früh wach und frühstückte lange vor den anderen Gästen des Hotels. Sie war nervös und zerstreut und hatte es im Bett nicht mehr ausgehalten. Sie trug ein einfaches, blaues Baumwollkleid, das schon bessere Tage gesehen hatte und das für diesen Tag bestimmt richtig war. Sie wollte nicht, dass Madame St. Salvador oder Yvonne dachten, sie wolle sich besonders in Szene setzen. Dabei war ihr nicht bewusst, dass sie beinahe alles mit Eleganz tragen konnte.

Aber die Zeit verging, und Manoel erschien nicht. Dianne wurde allmählich immer aufgeregter. Sie hatte geglaubt, er würde bald kommen. Als es auf halb elf ging, begann sie sich zu fragen, ob er überhaupt noch käme.

Sie hatte Herzklopfen und ging unruhig in der Hotelhalle auf und ab. Wenn er doch nur kommen wollte! Oder ließ er sie absichtlich warten, weil er hoffte, davon irgendeinen Vorteil zu haben? Erbittert lief sie noch einmal zur Tür und sah auf den Platz hinaus.

Monsieur Lyons, der Hoteldirektor, kam hinter dem Empfangspult hervor und fragte sie, ob etwas nicht in Ordnung sei.

„Nein, nein“, sagte Dianne mit einer abwehrenden Geste. „Es ist alles in Ordnung, Monsieur Lyons. Ich warte auf jemand, das ist alles.“

„Ach so!“ Der Direktor sah sie vertraulich an. „Vielleicht auf einen jungen Mann?“ Er lächelte. „Hätten Sie gern eine Tasse Kaffee, Mademoiselle? Ich kann Maurice bitten, Ihnen eine zu machen.“

Dianne zögerte. „Würden Sie das tun? Das wäre herrlich!“, rief sie lebhaft. Sie brauchte etwas, um ihre Nerven zu beruhigen.

„Mais certainement, Mademoiselle – aber gewiss!“ Monsieur Lyons strahlte. „Ich werde es sofort veranlassen.“

„Danke“, sagte Dianne lächelnd, und der Direktor entfernte sich hastig.

Ein paar Minuten später brachte er höchstpersönlich das Tablett mit dem Kaffee und deutete an, Dianne solle ihn im Gesellschaftszimmer trinken. Sie ging hinein, er folgte ihr und setzte das Tablett auf einem niedrigen Tischchen ab.

„Voilà – bitte sehr, Mademoiselle“, sagte er und sah sie selbstzufrieden an.

Dianne bedankte sich. Er verschwand, um irgendwo in den geheimnisvollen Tiefen des Hotels seinen Geschäften nachzugehen. Sie schenkte sich Kaffee ein und wollte eben trinken, als sie merkte, dass sie von der Tür her beobachtet wurde.

Sie hob mit einem Ruck den Kopf und blickte direkt in Manoels graue Augen. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, und die Tasse klapperte auf der Untertasse.

„Wie steht’s?“, fragte er, den Raum betretend. „Bist du fertig?“

Dianne holte tief Luft. „Ist dir klar, dass es bereits kurz vor elf ist?“

Manoel zuckte mit den Achseln. „Na und?“

Dianne kochte. Zorn verdrängte in diesem Augenblick alle anderen Gefühle. „Ich warte seit neun Uhr auf dich!“, erwiderte sie heftig. „Ich dachte, du wolltest mich heute Vormittag zum Mas hinausbringen.“

„Das will ich ja.“ Er war aufreizend gleichgültig.

„Aber – aber es ist fast Mittag!“

„Wieder muss ich sagen: Na und? Wir essen bei mir zu Hause.“

„Oh, Manoel.“ Ihre Lippen zitterten, und sie musste sie fest zusammenpressen. „Zwing mich nicht dazu!“

Manoels Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Ich schlage vor, du gehst hinauf und ziehst dich um“, sagte er, ihre Bitte mit Absicht überhörend. „Ein Kleid ist nicht das Richtige für das, was ich vorhabe. Zieh eine Hose an.“

Dianne stand auf und stellte völlig unzusammenhängend fest, wie attraktiv er aussah. In einer grauen Wildlederhose, die ihm wie eine zweite Haut am Körper saß, einer grauen, mit schwarzer Borte besetzten Wildlederweste und einem roten Seidenhemd schien er ihr der Typ eines französischen Edelmanns. Der gut geformte, kräftige Kopf verriet Hochmut, der befehlsgewohnte Tonfall, in dem er sprach, Arroganz. Henri, in seinen eleganten Anzügen, besaß nicht im Entferntesten so viel Persönlichkeit, und Dianne spürte, wie ihre Feindseligkeit dahinschmolz.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Gesellschaftsraum und lief schnell in ihr Zimmer. Sie zog das blaue Kleid aus und holte eine enge, cremefarbene Hose und eine purpurfarbene Polobluse aus dem Schrank. Sie schlüpfte hinein, ließ die beiden obersten Blusenknöpfe offen, prüfte nach, ob ihr Nackenknoten auch fest saß, und lief wieder hinunter.

Manoel schenkte sich eben eine zweite Tasse Kaffee ein, und Monsieur Lyons hielt es offensichtlich für angebracht, diesem Gast besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Er unterhielt sich ehrerbietig mit ihm. Dianne unterdrückte nur mühsam ihren Ärger. Manoel war wirklich unmöglich! Da saß er, trank in aller Ruhe ihren Kaffee, sie aber hetzte er herum und befahl ihr, sich umzuziehen.

Als sie das Gesellschaftszimmer betrat, wandte sich ihr der kleine, dickliche Direktor höflich zu. „Monsieur St. Salvador hat mir gesagt, dass Sie heute den Tag auf seiner Manade verbringen, Mademoiselle“, sagte er. „Es wird für Sie bestimmt ein aufregendes Erlebnis, das dürfen Sie mir glauben.“

„Ja“, erwiderte Dianne, selbst alles andere als überzeugt. Aufregend wird es bestimmt, dachte sie, aber auf solche Aufregungen kann ich verzichten.

Manoel erhob sich, als sie hereinkam, und musterte sie träge. Im Stehen trank er den Kaffee aus, stellte die Tasse auf die Untertasse zurück und kam auf sie zu. „Viel besser“, bemerkte er beifällig, und Dianne spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Manoel nickte dem Direktor zu, und sie verließen das Hotel.

Die Sonne brannte ihnen heiß auf die Schultern. Es war ein schöner Tag. Unter anderen Umständen wäre Dianne von der Aussicht begeistert gewesen, einen Tag auf dem Land verbringen zu dürfen. Jetzt war sie innerlich verkrampft und nervös, nicht imstande, sich zu entspannen.

Vor dem Hotel waren zwei Pferde angebunden, der Kombi war nirgends zu sehen. Dianne wandte sich fragend zu Manoel um, und er nickte langsam.

„Bist du enttäuscht?“, erkundigte er sich lässig. „Wärst du vielleicht lieber mit dem Kombi gefahren?“

„Das weißt du ganz genau!“, rief Dianne verärgert. „Ich bin seit Jahren nicht mehr geritten.“

„Seit drei Jahren, um genau zu sein“, betonte Manoel mit voller Absicht, und sie wandte den Blick ab.

Die beiden Pferde waren einander nicht ähnlich. Das eine war eine weiße Camargue-Stute, klein und gedrungen, offensichtlich sanften Gemüts. Das andere war auch eine Stute, aber schwarz und feurig, ein Pferd, das Diannes Ansicht nach ausgezeichnet zu Manoel passte. Vor drei Jahren hatte er einen schwarzen Hengst geritten, und im selben Augenblick sagte er auch, als wolle er ihre unausgesprochene Frage beantworten: „Das ist Consuelo, eine Tochter von Caspar.“

Dianne erwiderte nichts, und Manoel löste die Zügel der weißen Stute.

„Sie heißt Melodie“, sagte er, rieb dem Pferd die Nase und legte dann die Hände ineinander, um Dianne Steigbügelhilfe zu leisten.

Aber Dianne wollte keinen Kontakt mit ihm, setzte den Fuß in den Bügel, griff nach dem Sattelknopf und schwang sich allein in den breiten Sattel. Manoel sah sie einen Augenblick prüfend an, als wolle er sich überzeugen, ob sie sich noch im Sattel halten konnte. Dann stieg er mit einem für ihn charakteristischen Schulterzucken selbst auf. Er hatte, das merkte Dianne sofort, das ungebärdige Tier hervorragend in der Hand.

Dianne wartete darauf, dass er sich in Bewegung setzte, und als er leicht mit Consuelos Zügeln schnalzte und die Stute elegant den Platz zu überqueren begann, grub Dianne ihrem Pferd die Absätze in die Flanken und ritt hinterdrein. Obwohl sie schon lange nicht mehr geritten war, fiel es ihr nicht schwer, die Stute zu lenken. Sie erinnerte sich sofort wieder an alles, was Manoel sie einmal gelehrt hatte. Er war sehr gründlich und unnachsichtig gewesen, nicht den kleinsten Fehler hatte er ihr durchgehen lassen.

Die beiden Pferde trabten, ohne Aufsehen zu erregen, eine schattige Straße entlang. Hin und wieder nickte Manoel jemandem zu, oder er wechselte ein paar Worte mit einem Bekannten. Diane ritt eine halbe Pferdelänge hinter ihm. Erst als die Häuser zurückblieben und sie das offene Land erreichten, drehte er sich halb im Sattel um und fragte ironisch:

„Bien – nun? Hast du Schwierigkeiten?“

Dianne schüttelte den Kopf. „Nicht die geringsten.“

„Gut.“ Er kniff spöttisch die Augen zusammen. „Dann bist du vielleicht so nett und reitest neben mir. Ich bin kein arabischer Prinz, der von seinen Frauen Unterwürfigkeit erwartet.“

Dianne machte eine, wie sie hoffte, resigniert wirkende Geste und trieb Melodie ein wenig an. Manoel warf ihr einen ungeduldigen Blick zu.

„Glaubst du, dass wir ein bisschen schneller reiten könnten? Oder ist das zu viel verlangt?“

Ohne zu antworten, spornte Dianne die Stute zu einem leichten Galopp an. Melodie gehorchte sofort. Auf der linken Seite wurden sie jetzt von Marschland begleitet, und in der Ferne schimmerte das Wasser eines Étang.

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