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JULIA SAISON BAND 21

CAROL MARINELLO

Spiel mit dem Feuer

Was für eine Frau! Nachdem der italienische Millionär Alessandro Santini die rothaarige Lydia geküsst hat, steht fest: Sie hat ihm völlig den Kopf verdreht. Sofort setzt er alles daran, sie zu verführen – doch als sie beide nach einer leidenschaftlichen Nacht beginnen, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen, nehmen die Ereignisse eine dramatische Wende …

FIONA BRAND

Nie genug davon

„Reiz mich ja nicht!“ Wütend funkelt Cullen Logan die dunkelhaarige Rachel Sinclair an. Denn obwohl er sich wie magisch zu der hübschen Friseurin hingezogen fühlt, will er keine ernste Beziehung – zu sehr belasten ihn die Geister der Vergangenheit! Kann Cullen von Rachel lassen, oder wird ihm ein Treffen am romantischen Badesee zum Verhängnis?

SHARON KENDRICK

Nur du erweckst mein Verlangen

Ein Sturm zwingt das Model Keri Stevens, in einem unbewohnten Haus zu übernachten – an ihrer Seite: ihr Bodyguard Jay Linur. Vor dem prasselnden Kaminfeuer sprühen sofort die Funken, und beide verbringen eine heiße Liebesnacht. Doch am Morgen wirkt Jay plötzlich distanziert. War sie nur ein flüchtiges Abenteuer für ihn? Keri beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen …

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Spiel mit dem Feuer

1. KAPITEL

„Du hast so ein Glück!“, rief Maria, während sie den Boxsack festhielt.

Einzelne rote Haarsträhnen hatten sich aus Lydias Frisur gelöst und wirbelten ihr um den Kopf, als sie einen gezielten Schlag ausführte.

„Komm, noch einmal mit mehr Kraft!“, feuerte Maria sie an.

„Nein, ich glaube, mir reicht es“, winkte Lydia atemlos ab und nahm die Fäuste herunter. „Außerdem finde ich die Aussicht deprimierend, die nächsten paar Tage hier festzusitzen. In den letzten Wochen hatte ich kein einziges Mal frei.“

Obwohl sie den Fitnessraum für sich hatten, sprach Lydia leise, damit niemand sie belauschen konnte. Sie zog die Boxhandschuhe aus und drehte den Wasserhahn auf, sodass das Geräusch des fließenden Wassers ihre Stimme übertönte.

„Ich weiß gar nicht, was du hast! Alessandro Santini zu beschützen ist doch ein absoluter Traumjob.“ Maria verdrehte die Augen. „Ich darf nur seiner persönlichen Assistentin helfen. Ach, warum kann ich nicht einmal das große Los ziehen? Einen reichen und wahnsinnig attraktiven Mann wie Santini zu bewachen ist doch fast wie Urlaub.“

Vielsagend sah Lydia ihre Kollegin an und spielte mit einer ihrer tizianroten Locken. „Du müsstest nur italienisch sprechen, dann könnten wir tauschen.“

„Ich würde mir sofort die Haare färben, wenn ich dafür das Schlafzimmer mit Alessandro Santini teilen dürfte.“ Maria lachte leise. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass ausgerechnet du seine Freundin spielen sollst.“

Bei jedem anderen hätte es gehässig geklungen, doch Lydia konnte es Maria nicht übel nehmen – vor allem, weil sie recht hatte. Lydia verstand selbst nicht, weshalb sie die Rolle der Geliebten von Alessandro Santini übernehmen sollte.

Santini hatte ein Faible für zierliche Frauen mit perfektem Styling und zurückhaltendem Auftreten. Dass sie mit ihrer Größe, der schlanken durchtrainierten Figur und den unbändigen Locken diesem Bild überhaupt nicht entsprach, wusste Lydia nur zu gut. Am liebsten trug sie Jeans und T-Shirts, und als Polizistin musste sie sich selbstbewusst geben. Sie drückte sich zwar nicht so unverblümt aus wie einige ihrer Kollegen, sagte aber immer ihre Meinung.

„Warum runzelst du denn die Stirn?“, fragte Maria. „Wir sind hier in einem der besten Hotels von ganz Melbourne und können es uns gut gehen lassen …“

Lydia warf ihr einen warnenden Blick zu. Daraufhin drehte ihre Freundin sich um und beobachtete durch die Glastür einen Mann, der gerade zum Swimmingpool ging. „Lust auf Sauna?“, wechselte Maria sogleich das Thema.

Eigentlich wollte Lydia ablehnen. Doch die Sauna war der einzige Ort im ganzen Hotelkomplex, in dem sich die Polizisten des Einsatzkommandos ungestört über ihren Auftrag unterhalten konnten. Deshalb lenkte sie ein.

In weiße Badetücher gehüllt, setzten sie sich kurze Zeit später auf eine Holzbank.

„Wie ist Angelina denn so?“, fragte Lydia.

„Sehr effizient – und äußerst gesprächig. Ist es nicht unglaublich, dass Santinis Team vorausreist, um sicherzustellen, dass alles nach seinen Wünschen verläuft?“

„Wir können von Glück reden, dass sie das tun. Angelinas Aufmerksamkeit haben wir zu verdanken, dass wir überhaupt von der Gefahr erfahren haben, in der er sich befindet“, erwiderte Lydia.

„Sicher, aber ein Blumenstrauß, der vor Santinis Ankunft ins Hotel geschickt wurde“, gab Maria zu bedenken, „könnte genauso gut von einer alten Freundin sein.“

„Das bezweifele ich“, widersprach Lydia. „Immerhin ist Santini schon zweimal in lebensgefährliche Situationen geraten. Beide Male bekam er im Vorfeld von einem Unbekannten Blumen. Meiner Meinung nach ist das kein Zufall. Und dann sind da noch die Drohanrufe. Stell dir nur die negativen Schlagzeilen vor, wenn ihm etwas passiert.“

„Kann schon sein.“ Maria zuckte die Schultern. „Es kommt mir nur etwas übertrieben vor, verdeckte Ermittler als Personenschützer einzusetzen. Sogar Inspektor Bates ist im Einsatz und muss sich als Barkeeper ausgeben.“

„Santini will hier viel Geld investieren. Natürlich setzt die Polizei alles daran, ihn zu schützen.“

Maria machte einen aromatischen Aufguss. Im Gegensatz zu Lydia ließ sie das Thema Arbeit nur zu gern fallen. „Ist es nicht wunderbar hier? Nach diesem Einsatz werden wir uns wie neugeboren fühlen. Merkst du schon, wie sich deine Haut erholt?“

„Vor allem merke ich, wie mein Haar sich lockt“, erwiderte Lydia trocken. Unvermittelt bekam sie einen Kloß im Hals. Wenn man ihr nur nicht ansehen würde, wie niedergeschlagen sie sich fühlte. Für einen Moment barg Lydia ihr Gesicht im Handtuch und atmete tief durch. „Ein paar freie Tage hätten mir wirklich gutgetan. Ich muss ein paar Dinge erledigen.“

Die traurige Stimme ihrer sonst so selbstsicheren und fröhlichen Kollegin ließ Maria aufhorchen. „Was ist los?“, fragte sie sanft. „Geht es um Graham?“

Lydia sah auf und nickte langsam. „Wir haben uns getrennt.“

Bestürzt schlug Maria sich die Hand vor den Mund. „Aber ihr beide habt so glücklich gewirkt.“

„Das waren wir auch. Zumindest solange ich nicht von der Arbeit geredet habe.“ Lydia schüttelte nachdenklich den Kopf. „Aber in einem Job wie unserem bleibt nur wenig Raum für Freizeit. Dabei dachte ich, Graham wäre anders. Als Polizist müsste er doch verstehen, dass ich ihn am Ende eines langen Arbeitstages nicht in einem sexy Abendkleid erwarte.“

„Er hat dich doch angebetet“, wandte Maria ein, „so, wie du bist.“

„Ja, das glaubte ich auch. Aber in den letzten Wochen war er so seltsam. Während ich mit dieser Drogenrazzia beschäftigt war, hat er mich aus den lächerlichsten Gründen angerufen …“

„Er hat sich Sorgen gemacht. Und mir ging es genauso. Der Einsatz war wirklich riskant, Lydia.“

„Aber du hast mich nicht jede Stunde angerufen“, stellte Lydia klar. „Und als wir neulich zu seiner Mutter zum Abendessen eingeladen waren, hat er mich gebeten, mich ein bisschen zurechtzumachen.“

„Wie bitte?“

„Es ist ja nicht so, dass ich in Jeans oder im Trainingsanzug gehen wollte. Eigentlich hatte ich vor, ein schwarzes Kostüm anzuziehen. Außerdem betonte er, dass wir bei seiner Mutter bitte nicht über die Arbeit reden …“

„Lydia, unser Job ist gefährlich. Wir sehen schlimme Dinge – es ist für jeden Mann schwierig, damit zurechtzukommen. Mein Vater und meine Brüder hassen meinen Beruf – und sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, Polizistin zu sein.“ Maria drückte mitfühlend die Hand der Freundin. „Hat er Schluss gemacht oder du?“

„Ich“, sagte Lydia und erklärte nach kurzem Zögern leise: „Weißt du, vielleicht werde ich befördert.“

Maria sah sie im ersten Moment überrascht an und strahlte dann über das ganze Gesicht. „Eine Beförderung zu Inspektor Lydia Holmes!“

„Es ist noch nicht sicher“, bremste Lydia die Begeisterung der Freundin. „Aber Graham kam dahinter, und plötzlich fanden unsere Streitereien kein Ende mehr.“

„Ist er eifersüchtig?“

Lydia lachte freudlos auf. „Angeblich macht er sich nur Sorgen um mich. Er könne sich nicht vorstellen, eine Polizistin zu heiraten. Er …“

„Einen Moment. Es geht hier also um eine Beförderung und eine Verlobung.“

„Eine Beförderung oder eine Verlobung“, korrigierte Lydia. „Beides zusammen ist offenbar nicht möglich.“ Ihr Beruf wirkte zwar auf viele Männer anziehend, meist blieb es aber nur bei kurzen Affären. Wenn es ums Heiraten ging, wollten die meisten keine Frau, die ihr Leben täglich aufs Spiel setzte. Sogar Graham war der Ansicht.

„Oh, Lydia“, sagte Maria und sah sie anteilnehmend an. „Es tut mir so leid für dich. Hoffentlich bekommst du wenigstens die Beförderung. Sonst wäre es ja alles um…“

„Eigentlich spielt das keine Rolle“, erwiderte Lydia bestimmt. „Zwischen Graham und mir hat es nicht geklappt. Wenn er mich nicht so akzeptieren kann, wie ich bin, soll es eben nicht sein.“ Sie wollte nicht länger Trübsal blasen.

„Immerhin kannst du dich stilvoll trösten“, sagte Maria, um sie aufzuheitern. „Du lässt dich im Schönheitssalon verwöhnen und darfst dich auch noch um Alessandro Santini kümmern. Und wer weiß, was sich ergibt …“

„Daran ist Alessandro Santini sicher nicht interessiert“, sagte Lydia und lächelte erleichtert. Sie war froh, dass sie sich ihrer Freundin anvertraut hatte. „Wenn du wüsstest, was ich gestern über ihn gelesen habe! Er war wohl schon immer ein Lebemann, aber im letzten Jahr hatte er auffallend häufig eine neue Partnerin. Seine Exfreundinnen zählen zu den schönsten Frauen der Welt: Schauspielerinnen, europäischer Adel, Spielerfrauen …“

„Irgendjemand dabei, den ich kenne?“

„Bestimmt“, sagte Lydia. „Es ging jedenfalls immer tränenreich zu Ende – zumindest für die Damen.“

„Ist er wirklich so schlimm?“

„Schlimmer. Und ich soll ihn beschützen.“ Lydia hob scherzhaft den Zeigefinger. „Ich hoffe, er benimmt sich.“

„Wenn nicht, übernehme ich das gerne für dich – ich werde schon mit ihm fertig.“

„Ehrlich gesagt, du wärst sicher geeigneter als ich.“

„Soll das vielleicht ein Kompliment sein“, fragte Maria in gespielter Entrüstung. „Nur weil ich einmal mit Botox …“

„Ich will damit sagen, dass du zum Flirten geboren bist!“, meinte Lydia lachend. „Du bist so wunderbar, dass sich niemand wundern würde, wenn Alessandro Santini sich für dich interessiert. Ich werde dagegen an seiner Seite völlig fehl am Platz wirken.“

„Ganz im Gegenteil“, widersprach Maria. „Du siehst fantastisch aus und wirst eine wunderbare Zeit haben. Wie soll ich das sagen? Angelina ist weit über sechzig und nicht gerade schlank. Man sollte meinen, ein so gut aussehender Mann wie Alessandro sucht sich eine attraktive Assistentin. Aber wahrscheinlich wird er so nicht von seinen Geschäften abgelenkt …“

„Du bist unmöglich“, lachte Lydia. „Denk dran, wir sind zum Arbeiten hier.“

„Ich weiß. Mir wird es jetzt langsam zu heiß.“ Maria stand auf. „Damit wir unsere Aufgabe überzeugend meistern, sollten wir nachher den Schönheitssalon aufsuchen. Ich muss wie eine schicke italienische Geschäftsfrau wirken. Und du, Lydia Holmes … Wenn sie dich von einer Polizistin in eine unglaublich reiche Juwelenhändlerin verwandeln, wirst du dich wie in einer dieser Shows im Fernsehen fühlen.“

„Eine unglaublich reiche und elegant gekleidete Juwelenhändlerin“, korrigierte Lydia trocken.

„Graham wird sich jedenfalls zu Tode ärgern, wenn er sieht, was für eine Schönheit in dir steckt.“

„Wie bitte?“, fragte Lydia irritiert, doch Maria ging nicht darauf ein.

Sie sah auf ihre Uhr und verzog das Gesicht. „Ich gehe besser auf mein Zimmer – und du solltest dich auf den Weg zum Flughafen machen. Santinis Flugzeug landet bald.“

„Graham und John holen ihn am Zoll ab, um ihn über das mögliche Sicherheitsrisiko zu informieren und zum Hotel zu eskortieren.“

„Und wann triffst du ihn dann?“

„Im Restaurant. Unser erstes Treffen muss zufällig wirken. Geplant ist, dass ich versehentlich einen Drink über ihn verschütte. Den Verantwortlichen fällt offenbar nichts Originelleres ein. Ich werde auschecken, doch weil Santini mich gleich so umwerfend findet, nimmt er mich sofort mit auf seine Suite …“ Lydia unterdrückte ein Lächeln. „Offenbar macht er so etwas öfter. Ich werde mir wie ein Dummkopf vorkommen.“

„Aber wie ein ausgesprochen attraktiver. Ich bin schon ganz neugierig. Aber jetzt muss ich duschen und gehe dann in die Lobby. Kommst du mit?“

„Nein, ich schwimme noch eine Runde und versuche, mich etwas zu entspannen.“

„Alles in Ordnung?“

„Mir geht’s gut.“ Sie lächelte bestätigend und sah der Freundin nach, bis sie gegangen war.

Erst als Lydia allein war, rieb sie sich missmutig die Stirn und versuchte, sich innerlich für die Aufgabe der nächsten Tage zu wappnen. Lydia musste eine wichtige Person schützen – ihre eigenen Probleme mussten vorerst warten.

Schließlich wurde es auch ihr zu heiß, und sie verließ die Sauna. Das eiskalte Wasser im Abkühlbecken wirkte nicht verlockend. Deshalb wollte Lydia sich im etwas wärmeren Swimmingpool abkühlen.

Sie duschte sich kurz und zog in einer Umkleidekabine ihren dunkelblauen Badeanzug an, den sie normalerweise bei ihrem täglichen Schwimmtraining trug. Wenn ich als Alessandro Santinis Geliebte glaubwürdig wirken will, sollte ich mir in der Hotelboutique noch einen knappen Bikini kaufen, überlegte sie. Sorgfältig verstaute sie ihre Kleidung wieder im Schließfach und ging zum Pool, der nun menschenleer war. Lydia war froh, noch ein paar ruhige Momente für sich zu haben.

Alessandro Santini war ein reicher Bankier und Teilhaber einer großen Hotelkette. In den detaillierten Unterlagen über ihn stand, dass er vermutlich das Luxushotel kaufen würde, in dem Lydia mit ihm wohnen sollte. Außerdem plante er in Darwin eine brandneue Hotelanlage. Das brächte nicht nur mehr Touristen in das Northern Territory, sondern auch viele Jobs für die Ansässigen.

Jedem war daran gelegen, dass Santinis Besuch in Melbourne ohne Zwischenfälle verlief. Deshalb hatten die Behörden sofort reagiert, als die Bedrohung bekannt wurde. Santinis Besuch in Australien ließ sich nicht mehr umplanen, sodass man sofort eine Gruppe zusammengestellt hatte, die für seine Sicherheit sorgen sollte. Obwohl der Einsatz Lydia beruflich reizte, war ihr nicht wohl dabei, Santinis Geliebte spielen zu müssen. Kein Stylist und kein Starfriseur könnten dafür sorgen können, dass sie einer seiner Begleiterinnen ähnelte. Lydia konnte sich förmlich ausmalen, wie Santini sie bei ihrem ersten Treffen mit kritischem Blick mustern würde.

Das Schwimmen tat ihr gut. Sich eine halbe Stunde lang nur auf den Atem und die Bewegungen zu konzentrieren, war genau das, was Lydia jetzt brauchte. Anmutig tauchte sie in das warme tiefblaue Wasser ein und spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich. Sie schwamm erst wieder an die Oberfläche, als sie Atem schöpfen musste.

Es tut gut, allein zu sein. Alessandro sah auf seine schwere Armbanduhr, als der Lift von der Präsidentensuite ins Erdgeschoss glitt. Hätte ich die ursprünglich geplante Maschine genommen, wäre jetzt erst Landeanflug, dachte Alessandro. Zum Glück hatte ein Passagier seine Buchung storniert, sodass Alessandro früher anreisen konnte. Dadurch konnte er einige Stunden in einem Hotelbett ausschlafen, bevor er sich seinem vollen Terminplan stellte.

Während er nach dem Einchecken am Flughafen in der luxuriösen Lounge gewartet hatte, zog er sein Handy reflexartig aus der Tasche, um seine persönliche Assistentin über die Ankunftszeit zu informieren. Beinahe trotzig hatte Alessandro es dann aber abgeschaltet. Lieber wollte er endlich ein paar Stunden für sich haben, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen.

Der Aufzug hielt. Alessandro Santini drückte höflich auf den Knopf, um die dunkelhaarige Frau im weißen Bademantel hereinzulassen. Dem geröteten Gesicht nach zu schließen, kam sie aus dem Fitnessraum. Als sie Alessandro bemerkte, musterte sie ihn eindringlich. Er war neugierige Blicke gewöhnt, seine Größe und die markanten südländischen Gesichtszüge wirkten auf viele Frauen anziehend. Seit sein Foto in den Zeitschriften regelmäßig abgedruckt war, wurde er sogar von vielen Männern erkannt.

Dass die Dame eine Polizistin im verdeckten Einsatz war, konnte er nicht wissen. Maria fiel aus allen Wolken, weil Santini bereits im Lande war. Panik stieg in ihr auf. Gerade zog Lydia im Pool ahnungslos ihre Runden – und das Badetuch über Santinis Schulter deutete darauf hin, dass er genau dorthin wollte.

Alessandro nickte kurz, verließ die Aufzugskabine und folgte den Hinweisschildern zum Fitnessbereich. Obwohl er sich in Australien und damit sprichwörtlich am anderen Ende der Welt befand, unterschied sich das Luxushotel nicht von anderen Nobelunterkünften in Rom, London oder Paris. Sosehr sich Hotels um ein eigenes Profil bemühten, letzten Endes waren sie doch alle gleich.

Immerhin habe ich den Pool für mich, dachte er – nur um im nächsten Moment festzustellen, dass er sich irrte. Auf das große Becken hatte er zunächst gar nicht geachtet, nur die glatte Wasseroberfläche, der Chlorgeruch und die Stille in dem Raum waren Alessandro aufgefallen. Plötzlich zog ein langer dunkler Schatten unter Wasser seinen Blick auf sich, dann durchbrach ein schlanker Arm in einem perfekten Schwimmzug die Wasseroberfläche.

Eigentlich wollte Alessandro Handtuch und Bademantel auf einer Bank ablegen. Er zögerte, völlig gebannt von der Gestalt im Wasser. Sie glitt mühelos durch das Becken, das tizianfarbene Haar umfloss wie eine Flamme ihren Rücken. In perfektem Rhythmus schwamm sie auf den Beckenrand zu und vollführte eine Wende, bevor sie wieder für eine beeindruckend lange Zeit unter der Wasseroberfläche verschwand.

Unwillkürlich fühlte Alessandro sich von der gertenschlanken Frau angezogen. Die Leichtigkeit und die natürliche Geschmeidigkeit, mit der sie sich bewegte, faszinierten ihn. Etwas Besonderes prägte diesen Augenblick.

Im Gegensatz zu den meisten Frühschwimmern, die Alessandro in Hotelpools traf, schien diese Frau den Sport nicht zu betreiben, um Muskeln aufzubauen oder ihre Ausdauer zu verbessern. Sie gönnte sich einfach nur einen Moment der Ruhe, in dem sie ihre Umgebung gar nicht wahrnahm. Alessandro wollte nicht stören und die Schwimmerin aus dem Takt bringen.

Seine Reaktion irritierte ihn. Als wäre er wie ein Voyeur über einen Zaun geklettert, um die Dame des Hauses beim Bad in ihrem Swimmingpool zu beobachten. Aber ich befinde mich schließlich im hoteleigenen Badebereich, der jedem Gast zugänglich ist, erinnerte sich Alessandro. Entschlossen zog er den Bademantel aus.

Als die Frau das andere Ende des Beckens erreichte, glitt Alessandro langsam ins Wasser.

Sie spürte seine Gegenwart.

Lydia wusste sofort, dass ein Mann in ihrer Nähe war. Die Wellen, die sie leicht hin und her schaukelten, bestätigten den Verdacht. Sofort spannte sie sich an. Ihre zuvor mühelosen Schwimmzüge kosteten Kraft, und ihr Atem ging unregelmäßig. Am Beckenrand angekommen, hielt Lydia sich fest und drehte sich um.

Vom anderen Ende des Pools kam ein Mann auf sie zugeschwommen. Plötzlich kam Lydia das Becken kleiner vor. Jeder Schwimmzug seiner kräftigen, muskulösen Arme brachte den Fremden unaufhaltsam näher. Sie wollte sich bewegen, doch sie konnte nicht. Abwartend hielt sie sich am Rand fest, den er mit viel zu hoher Geschwindigkeit erreichte.

„Scusi.“ Er streifte ihr Bein. Im Gegensatz zu Lydia konnte er hier im seichteren Wasser stehen. Er schüttelte sein tropfnasses schwarzes Haar und sah sie an. „Ich dachte, das Becken wäre größer.“

Lydia verstand sofort, was er meinte. War man so wie er das Schwimmen und den eigenen Rhythmus gewöhnt, verschätzte man sich leicht. „Sie werden sich schnell daran gewöhnen“, erwiderte sie ruhig.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er mit tiefer Stimme.

Lydia war fast etwas enttäuscht, es klang spontaner und offener, wenn er italienisch sprach. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, erkannte sie plötzlich bestürzt, wer da vor ihr stand: der Mann, dem sie erst in ein paar Stunden in einem arrangierten Treffen scheinbar zufällig begegnen sollte!

Ihre Gedanken rasten, besorgt sah sie sich um. Eigentlich müssten jeden Moment Graham und John in der Tür auftauchen. Vielleicht würde Alessandro Santini sich auch gleich vorstellen und erklären, dass sich der Plan geändert hätte. Vermutlich fand der geplante Erstkontakt genau jetzt statt!

Natürlich, dachte Lydia, deshalb habe ich seine Gegenwart sofort gespürt. Und deshalb kam er direkt auf mich zu und sah mir so tief in die Augen – weil er weiß, wer ich bin.

Santini wollte sich offenbar nicht vorstellen. Er nickte ihr nur kurz zu, bevor er sich vom Beckenrand abstieß. Lydia blieb mit klopfendem Herzen zurück. Noch immer ging ihr Atem unregelmäßig, allerdings nicht vor Anstrengung, sondern wegen Santini. Lydia fühlte sich, als hätte seine leichte Berührung eine brennende Spur auf ihrem Schenkel hinterlassen. Auf ihren Armen kribbelte die Haut, Lydia konnte sich genau erinnern, wie seine muskulösen Beine zart die ihren gestreift hatten. Innerlich völlig aufgewühlt, versuchte sie, die Lage zu überschauen. Was soll ich nur tun? Weiß er, wer ich bin? Ob es ihn irritiert, dass ich gar nicht auf seinen Annäherungsversuch reagiere?

Lydia atmete tief durch. Ihr Körper war müde von der Anstrengung. Trotzdem musste sie Santini eine neue Gelegenheit geben, sie anzusprechen. Sie warf einen schnellen Blick zu den Sicherheitskameras – womöglich wurden sie ja beobachtet. Auch wenn sie im Moment mit Alessandro allein im Pool war, musste das Treffen zufällig wirken. Die größte Gefahr für Santinis Leben bestand darin, dass niemand den Feind kannte. Keiner konnte einschätzen, wann oder wie der Unbekannte angreifen würde.

Eigentlich hätte es ihr nicht schwerfallen dürfen, noch ein paar Bahnen zu schwimmen, doch Lydia fand ihren Rhythmus nicht mehr. Offenbar lag es am Schock, Alessandro so unerwartet zu treffen. Müde zog sie sich durchs Wasser. Ihre Gedanken kreisten unablässig um eine Tatsache. Lydia konnte sich auf nichts anderes konzentrieren …

Seine bloße Gegenwart erregte sie.

Noch bevor sie ihn erkannte, hatte sie sich zu dem Mann, der in das Wasser getaucht war, hingezogen gefühlt. Dieser Gedanke ließ Panik in ihr aufsteigen. Plötzlich erschien es Lydia unmöglich, ihre Rolle zu spielen.

„Sie schwimmen häufig, nicht wahr?“

Er wartete am anderen Ende des Beckens auf sie. Seine Stimme war tief und rau, er sprach mit starkem Akzent. Mit pochendem Herzen nickte Lydia.

„Fast jeden Tag“, erwiderte sie atemlos. „Allerdings habe ich es heute Morgen wohl etwas übertrieben. Ich habe vorher schon etwas Sport getrieben und war dann in der Sauna …“

Sie deutete zum Fitnessraum, doch Alessandro sah gar nicht hin. Stattdessen verweilte sein Blick auf ihrem schlanken Arm. Lydia spürte es, als zöge er mit dem Finger eine Linie von ihrer Hand bis zur empfindlichen Haut am Schlüsselbein. Ihr wurde warm.

Alessandro nahm jedes Detail ihrer durchtrainierten Figur auf, ihre leicht definierten Muskeln und die blassen Sommersprossen auf den Armen. Langsam glitt sein brennender Blick über ihren schlanken Hals, Alessandro erkannte das zarte Pochen an ihrer Halsbeuge. Jede winzige Bewegung schien ihm plötzlich von Bedeutung. Als er ihr schließlich tief in die Augen sah, traf es ihn wie ein Schock: Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern, unwiderstehlich fühlte er sich zu dieser Fremden hingezogen. Das Gefühl beherrschte ihn wie ein Rausch, stark und überwältigend.

Lydias Anspannung wuchs. Aber ihr blieb keine Zeit mehr, sich über das Wie und Warum klar zu werden. Sie durfte sich nicht von seinem fesselnden Blick ablenken lassen, sondern musste handeln – als Ermittlerin. Falls sich der Plan geändert hatte, musste sie sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

„Mein Name ist Lydia“, brachte sie mühsam lächelnd hervor. „Und Sie sind …?“

Er reagierte nicht. Ein leicht überhebliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Noch immer betrachtete er sie eindringlich aus dunklen Augen. Offenbar wollte er nicht auf ihren Versuch eingehen, das Treffen einzuleiten. Vermutlich hielt er es für überflüssig, sich einander vorzustellen, wenn sie die Identität des anderen ohnehin kannten. Trotzdem, mögliche Beobachter mussten den Eindruck einer zufälligen Begegnung gewinnen. Das werde ich Santini noch einmal ausführlich erklären, nahm Lydia sich vor, wenn wir allein sind.

Allein.

Gespannte Erwartung stieg in ihr auf, und Lydia errötete unwillkürlich, als ihr erotische Fantasien durch den Kopf gingen. Sie verstand nun, weshalb Alessandro so viele starke, schöne Frauen erlegen waren. Die raue Sinnlichkeit des Mannes musste jede überwältigen. Seine schiere Präsenz machte jeden vernünftigen Gedanken unmöglich. Die Kraft, die von ihm ausging, überstrahlte alles – und in diesem Moment konzentrierte er sich einzig und allein auf Lydia.

Sie versuchte, sich dagegen zu wehren. Mühsam rang sie um Beherrschung. Umsonst, denn mit jeder Faser sehnte sie sich nach seiner Nähe. Dass sie diesem Gefühl so ausgeliefert war, machte Lydia wütend. Trotzig hielt sie Santinis Blick stand und forderte mit Nachdruck eine Antwort: „Und Sie sind …?“

Sein Lächeln wirkte nun fast hart, wie ein Raubtier ließ er sein Opfer nicht mehr aus den Augen. Keine ihrer Bewegungen entging ihm, und plötzlich schien sich der riesige Raum um sie beide zu schließen.

Die dampfig-warme Luft raubte Lydia beinah den Atem. Leidenschaft flammte zwischen ihnen auf, und die Luft knisterte vor Erotik, als sie sich einander näherten.

„Ich bin dabei, dich zu küssen …“, flüsterte er.

Sie war wie gelähmt. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich zurückziehen sollte, diese Art von Intimität gehörte nicht zu ihrer Arbeit. Doch Lydia konnte den Blick nicht von ihm wenden, er sah so unfassbar gut aus. Sein Gesicht näherte sich ihrem langsam. Pures, unverfälschtes Verlangen ergriff Besitz von ihr.

Der Bartschatten auf seinem Kinn war fast so dunkel wie seine Augen. Hohe, markante Wangenknochen dominierten sein stolzes Gesicht. Noch nie war Lydia einem so attraktiven Mann begegnet. In jedem seiner Züge lag Stärke, beinah sogar ein Hauch von Arroganz. Doch seine Augen waren sanft, etwas Warmes und gleichzeitig Beunruhigendes spiegelte sich in ihnen.

Sie wollte seinem Kuss nicht ausweichen, selbst wenn Alessandro es nur spielte. Sie spürte nur noch den übermächtigen Wunsch, ihn zu berühren. Alles in ihr sehnte sich danach, sich ihm hinzugeben und zu fühlen, wie es war, in den Armen eines Mannes wie Alessandro Santini zu liegen.

Erwartungsvoll schloss sie die Augen und wusste, dass er langsam näherkam … Doch ihre Lippen trafen sich nicht. Seine Wange strich sanft über die ihre, sein Atem kitzelte ihre Haut. Gleich wird er mich küssen, dachte Lydia. Und selbst wenn es nur für die Kameras ist, ich werde mich immer daran erinnern.

Ganz leicht kitzelte sein Bartansatz, wie ein zartes Prickeln. Er ließ sich Zeit und erreichte damit genau sein Ziel. Sehnsüchtig erwartete sie seinen Kuss, und ihr Körper reagierte auf die Berührung mit verräterischer flammender Erregung.

Alle Zweifel waren verflogen. Er übte eine so starke Anziehungskraft auf sie aus, dass Verstand und Befürchtungen keine Rolle mehr spielten. Ohne weitere Vorbehalte ergriff Lydia die Initiative, drängte sich Alessandro voller Verlangen entgegen. Endlich trafen ihre Lippen aufeinander.

Sie genoss den Kuss, das forschende Suchen an ihrem halb geöffneten Mund. Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und zog Lydia eng an sich, was ihre Lust noch weiter entfachte. Ihr ganzer Körper schien in Flammen zu stehen. Unwillkürlich seufzte Lydia auf. Sie konnte in dem tiefen Wasser nicht stehen, doch Alessandro stützte sie. Wie schwerelos glitten sie durch das Wasser. Ohne den Mund von ihrem zu nehmen, hielt Alessandro sie in seinen Armen. Lydia hatte das Gefühl, dass nur noch sie beide existierten.

Vor Erregung richteten sich ihre Brustspitzen unter dem nassen Badeanzug auf, und eine heiße Glut schien sich in Lydias Körpermitte zu sammeln. Der zarte Vorgeschmack auf ungeahnte Freuden steigerte ihr Begehren. Alessandro erwiderte ihre Leidenschaft. Sie spürte seine harte Männlichkeit an ihrem Bauch, und beinah schwanden ihr die Sinne. Provozierend drängte sie sich an ihn und genoss die tiefe Lust, die sie selbst in ihren geheimsten Stunden nicht empfunden hatte.

Alessandros intimer Kuss ließ sie verwegen werden. Ihr ganzes Sein konzentrierte sich nur noch auf dieses Verlangen, das pulsierende Begehren in ihrem Körper. Alles in ihr öffnete sich für ihn. Sie bebte vor Leidenschaft, die nur er stillen konnte.

Er löste seine Lippen von ihrem Mund, um damit langsam über Lydias Hals zu streichen. Zärtlich liebkoste er ihre Halsbeuge und barg sein Gesicht in ihrem nassen Haar. Lydia klammerte sich an ihn. In einer herausfordernden und zugleich instinktiven Bewegung neigte sie ihre Hüfte, gestützt von seinen Händen spürte sie das ganze Ausmaß seiner Erregung.

Sein heißer Atem glitt über ihre Ohrmuschel, als sie sich leicht nach oben schob. Lydia konnte an nichts anderes denken, sie wollte Alessandro endlich in sich spüren. Nur noch der Stoff ihrer Badekleidung trennte sie.

Als Alessandro sie noch stärker an sich presste, schlang sie die Arme um ihn. Berauscht, trunken und erregt, ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken und küsste zart seine salzig schmeckende Haut. Gefangen in verzehrender Leidenschaft, lockte Lydia ihn und drängte ihn. Sie spürte, wie sie dem Höhepunkt näherkam. Alles in ihr fieberte diesem einen Augenblick entgegen. Seine schnellen Atemzüge verrieten, dass es ihm genauso ging.

Mit einer Hand nestelte er ungestüm an ihrem Badeanzug. Die Knöchel seiner Hand rieben an ihrem Bein, und seine Ungeduld steigerte ihr Verlangen. Lydia war nahe daran, sich in den Berührungen dieses Traummannes zu verlieren, als sie sich vorstellte, wie er in ihr kam. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich und Alessandro Santini im Liebesspiel …

Alessandro Santini!

Der Gedanke wirkte wie ein Schlag ins Gesicht. Instinktiv hielt sie sich in letzter Sekunde zurück. Plötzlich wurde ihr wieder bewusst, wo sie war. Erschrocken keuchte Lydia auf. Sie konnte kaum glauben, was sie da tat. Innerlich bebte sie vor Lust, doch die Vernunft setzte sich langsam durch.

Sie war im Dienst – und obwohl der Beruf ihr alles bedeutete, hatte sie sich kaum zurückhalten können. Erst der Gedanke, dass sie sich in den Armen eines Mannes namens Alessandro Santini vergaß, hatte sie zur Vernunft gebracht. Darauf konnte sie sich unmöglich einlassen. Ohne es überhaupt zu bemerken, würde Alessandro ihr Leben zerstören.

„Lydia?“, fragte er überrascht und sah sie fragend an.

„Ich muss gehen …“ Sie schüttelte den Kopf, wie um wieder zu Sinnen zu kommen. „Ein Friseurtermin …“

Eigentlich sollte er die Pläne des Einsatzkommandos kennen. John hatte ihm garantiert erzählt, dass man ihn keine Sekunde aus den Augen lassen würde. Nun verwirrte Alessandro, dass sie ihn allein lassen wollte.

Fieberhaft suchte sie nach einer Lösung. „Wir könnten auf mein Zimmer gehen“, schlug sie vor. Nur weg vom Pool, dachte sie, ich muss erst herausfinden, was hier vor sich geht. Außerdem wollte sie Alessandro angezogen gegenübertreten.

Als sie eine laute Unterhaltung hörte, die offenbar auf dem Flur stattfand, hielt sie sofort inne. Die Situation war mehr als gefährlich. Schnell drehte sich Lydia, um Alessandro abzuschirmen.

„Was soll das?“

Er klang irritiert, doch es blieb keine Zeit für Erklärungen. Maria, immer noch im Bademantel, und eine weitere Frau kamen herein. Lydia wusste, dass ihre Freundin nun bewaffnet war.

„Signor Santini, che cosa fa qui?“

Die große Frau, von der Lydia annahm, dass es sich um Angelina handelte, gestikulierte wild mit den Händen.

„Ich schwimme!“, erwiderte Alessandro barsch.

Lydia tauchte unter, schwamm zum Beckenrand. Jegliche Kraft schien aus ihren Gliedern gewichen zu sein. Mit schwachen, zittrigen Beinen zog Lydia sich aus dem Wasser und suchte nach ihrem Bademantel.

„Ich habe ihn gefragt, was er schon so früh hier macht“, erklärte Angelina verärgert. „Und er sagt einfach, dass er eine Runde schwimmt. Ich hatte keine Ahnung!“

„Nun gut, jetzt ist er eben da“, erwiderte Maria trocken. Stirnrunzelnd sah sie zu, wie Lydia ihren Mantel zuknotete. „Ist alles in Ordnung?“

„Absolut“, sagte Lydia. Sie wagte kaum, laut zu sprechen. Ihr erstes Treffen mit Alessandro hatte sie bis ins Mark getroffen.

„Geh nach oben und dusche dich schnell“, flüsterte Maria drängend. „Danach musst du in den Salon. Ich passe auf ihn auf, bis du fertig bist – wir bringen ihn nach oben und erklären ihm alles.“

„Was soll das heißen?“, fragte Lydia verwirrt. Sie musste sich verhört haben. Vielleicht wusste Maria nicht, dass Alessandro bereits informiert war. Bitte, so muss es sein, flehte Lydia im Stillen. Wenn nicht, dann …

Panik stieg in ihr auf. Ist Alessandro Santini etwa unvorbereitet und ahnt nicht einmal, wer ich bin? Dann hätte er sie geküsst – weil er sich zu ihr hingezogen fühlte. Und an seiner Wirkung auf sie schien er nicht zu zweifeln.

„Wo sind John und Graham?“, fragte Lydia bemüht ruhig, während Alessandro aus dem Wasser stieg. Sie wollte wegsehen, konnte ihren Blick aber nicht von seinem athletischen, starken Körper wenden. Noch vor wenigen Minuten war sie ihm so nahe gewesen …

„Sie kommen gerade vom Flughafen zurück“, antwortete Maria. „Ich habe ihnen erklärt, was passiert ist.“

Oh nein, Alessandro hatte tatsächlich keine Ahnung!

Lydias Wangen schienen zu brennen. Sie mied seinen Blick und schaffte es irgendwie, ihre Sporttasche zu greifen und zum Lift zu gehen. Das Herz schlug Lydia bis zum Hals. Erst als sie allein war, atmete sie tief durch.

Ohne ihren Rückzieher hätten sie sich dort im Pool geliebt. Bestürzt musste Lydia sich eingestehen, dass sie es beinahe so weit hatte kommen lassen. Einen Fremden hätte sie um ein Haar so nah an sich herangelassen und ihm in einem unbedachten Moment ihr Innerstes offenbart. Schon jetzt kannte Alessandro ihre sinnliche Seite viel zu gut.

Sie konnte akzeptieren, dass es zwischen ihnen knisterte. Es sprach nichts dagegen, Arbeit mit Vergnügen zu verbinden und sich vom Reiz des Moments tragen zu lassen. Für jeden Beobachter hätte das Schauspiel nur umso überzeugender gewirkt … Wenn Alessandro aber nichts von ihrer Identität wusste, bedeutete das, dass Lydia gerade eben völlig die Kontrolle verloren hatte.

Welcher Mann war so selbstsicher und arrogant, eine völlig Fremde so leidenschaftlich zu küssen und zu erregen? Wie konnte er sich so sicher sein, dass sie darauf eingehen würde und er allein durch seine Berührungen sein Ziel erreichen konnte?

In Gedanken versunken, ging sie auf ihr Zimmer, duschte und zog sich an.

Was er jetzt wohl von mir denkt?

2. KAPITEL

Die Haarstylistin massierte ihr sanft eine Pflegespülung ins Haar. Doch Lydias innere Unruhe ließ nicht nach. Wie sollte sie Alessandro Santini nun gegenübertreten? Nach dieser ersten Begegnung konnte sie unmöglich ihre professionelle Distanz wahren. Es würde ihr schon schwer genug fallen, ihm in die Augen zu sehen.

Weil davon ihre Karriere und Alessandros Leben abhingen, musste Lydia die Selbstbeherrschung wiederfinden. Als seine Personenschützerin begab sie sich selbst in Gefahr. Deshalb musste sie die Situation in den Griff bekommen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Den Vorfall im Pool hatte sie selbst provoziert und genossen. Die pure überwältigende Leidenschaft ließ sich unmöglich leugnen. Alessandro musste sie nur berühren, und schon hatte Lydia sich in eine Frau verwandelt, die von nichts als sinnlichem Verlangen erfüllt war.

„Nagelpflege, Make-up und dann die Frisur, richtig?“, fragte Karen, während sie Lydia ein warmes Handtuch um den Kopf wand und sie in den Beautysalon führte.

„Ja, bitte“, erwiderte Lydia und setzte sich in einen Stuhl. Sie gab sich Mühe, gelangweilt zu klingen, so als ließe sie jeden Tag eine Schönheitspflege über sich ergehen. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob mir genügend Zeit für ein Nagelstyling bleibt. Ich habe einen Termin …“

„Das ist kein Problem. Cindy kann sich darum kümmern, während ich Sie schminke. Lassen Sie mich mal sehen …“ Karen entfernte das Handtuch und fuhr mit den Fingern durch Lydias lange rote Locken. „Beruf oder Freizeit?“

Lydia sah sie fragend an.

„Ich meine, ist es ein geschäftlicher oder ein privater Termin? Ich versuche nur, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Sie gern aussehen möchten.“

„Es ist beruflich. Und ich will fantastisch aussehen“, erwiderte sie bestimmt.

„Oh, das werden Sie.“ Karen zwinkerte ihr zu, senkte die Rückenlehne des Stuhls ab und begann mit der Arbeit.

Lydia schloss die Augen, während die Hairstylistin ihr geschickt die Brauen zupfte und eine wohlriechende Creme auftrug. Um in ihrer Rolle zu überzeugen, erzählte Lydia von den einzigartigen Schmuckstücken, die sie angeblich gestaltete.

„Wie lange bleiben Sie im Hotel?“

„Ich muss leider heute schon abreisen“, seufzte sie bedauernd. „Eigentlich wollte ich vier Nächte bleiben. Aber offenbar ist das Hotel seit Wochen ausgebucht. Heute kommen wohl ein paar besonders wichtige Leute an. Der Page bringt gerade mein Gepäck nach unten. Während ich frühstücke, versuchen die Damen und Herren von der Rezeption, ein anderes Hotel für mich zu finden.“

„Also, so etwas“, murmelte Karen. „Werfen wir jetzt schon zahlende Gäste raus …“ Sie hielt inne. Offenbar fürchtete sie, zu weit gegangen zu sein.

„Ich bin auch sehr unglücklich über die Situation“, meinte Lydia in gespielter Empörung. „Hoffentlich findet der Portier etwas Passendes für mich – wenigstens einen anständigen Schönheitssalon sollte das andere Hotel haben. Was sind das eigentlich für wichtige Personen, die heute eintreffen?“

„Welche von ganz oben“, antwortete Karen. „Das Hotel wird verkauft, und einige der wichtigen Köpfe einer europäischen Hotelkette sind hier. Wir sollen uns bloß nicht danebenbenehmen – wie wäre es mit grau?“

„Wie bitte?“

„Für Ihre Augen. Sie wollten ja etwas Neutraleres, oder? Aber ein dunkles, rauchiges Grau würde Ihre unglaubliche Augenfarbe betonen – sie sind irgendwie goldfarben …“

„Nur nichts zu Auffälliges“, warf Lydia ein. „Ich möchte lieber natürlich wirken.“

„Vertrauen Sie mir. Sie werden umwerfend aussehen. Ich mache einen anderen Menschen aus Ihnen.“

Genau das brauche ich, wenn ich jemals wieder Alessandro gegenübertreten soll, dachte Lydia unbehaglich. Plötzlich hatte sie eine Idee. „Können Sie meinen Teint vielleicht etwas dunkler machen?“

„Wieso das denn? Ihre Haut ist doch schon strahlend hell wie Porzellan“, meinte Karen erstaunt.

„Ja, schon, aber ich erröte so schnell.“ Sie zuckte die Schultern. „Wie gesagt, ich habe heute ein wichtiges Treffen. Wenn wir über den Preis verhandeln, soll man mir nicht anmerken, dass ich nervös bin.“

„Sie brauchen eine grüne Basis.“ Lydias irritierter Blick ließ Karen lächeln. „Ich habe einen fantastischen Puder auf Mineralbasis. Wir lassen ihn aus New York liefern. Damit wirken Sie immer kühl und ausgeglichen. Wir müssen uns besonders um Ihr Dekolleté kümmern. Das könnte Sie sonst verraten.“

Lydia war sich sicher, dass ihr genau das passieren würde. Allein der Gedanke, Alessandro zu treffen, ließ ihr Herz schneller schlagen und brennendes Verlangen in ihr aufsteigen. Während Karen sie schminkte, wurde Lydia jedoch langsam etwas ruhiger und genoss die Schönheitspflege sogar allmählich. Nach diesem Einsatz würden ihr Sonnenmilch und Wimperntusche allerdings wieder genügen.

Als sie sich aufsetzte, um sich das Haar föhnen zu lassen, sah sie nicht in den Spiegel, sondern nahm eine Zeitschrift und blätterte entgegen ihrer Gewohnheit sofort zu den Klatschspalten. Aufmerksam studierte Lydia die Bilder der reichen Prominenten, betrachtete ihre perfekt aussehenden Gesichter, die herrlichen Kleider und die juwelenbesetzten Schuhe. Als sie einige auffällig rot geschminkte Lippen von reichen Damen betrachtete, musste sie unwillkürlich lächeln.

Wie anders war doch ihr eigenes Leben: Erst letzte Woche hatte sie um diese Zeit noch eine kugelsichere Weste getragen und sich auf eine Razzia vorbereitet. Achtundvierzig Stunden verbrachte sie in einem scheinbar verlassenen Lieferwagen und beobachtete, wie Dealer ihre Ware anboten und müde Prostituierte den Morgen erwarteten.

Welch ein Unterschied zu dem Luxus, der sie jetzt umgab. Statt des üblichen Kaffees am Morgen bekam sie in dem Luxushotel frisch gepressten Orangensaft serviert. Während des letzten Einsatzes hatte sie eine provisorische Toilette benutzt, um die Tarnung nicht auffliegen zu lassen – hier standen Lydia großzügige Marmorbäder zur Verfügung.

Das hier ist nicht mein Leben, dachte sie. Und doch soll ich ein paar Tage in dieser Glitzerwelt verbringen und so tun, als gehörte ich dazu. Lydia schwor sich, den Ausflug in die Welt der Schönen und Reichen genauso auszukosten, wie Maria es tat. Oft genug hatten sie sich mit den Schattenseiten des Lebens auseinandersetzen müssen. Es wurde Zeit, auch einmal die angenehmen Seiten zu genießen.

„Fertig!“ Karen klang triumphierend, als sie den Föhn beiseitelegte und an einigen Haarsträhnen zupfte. „Ich bringe einen Spiegel, damit Sie die Frisur auch von allen Seiten begutachten können.“

Lydia hasste den Blick in den Spiegel nach einem Friseurbesuch. Meist murmelte sie nur ein kurzes Dankeschön, während sie schon mit Tränen in den Augen überlegte, wie sich das Fiasko in Ordnung bringen ließe. Dieses Mal war es anders. Mühsam unterdrückte Lydia ein begeistertes Lächeln. Schließlich sollte Karen glauben, dass sie ein elegantes, gepflegtes Styling gewöhnt war.

Tatsächlich erkannte Lydia sich selbst kaum wieder. Von den Locken war nichts mehr zu sehen, stattdessen schimmerte ihr Haar seidig und glatt. Doch nicht nur die Frisur wirkte elegant und perfekt – die ganze Veränderung war unglaublich. Lydias Augen schimmerten goldbraun unter dem grauen Lidschatten, ihre Wimpern waren zart gefärbt. Ihre Haut schien zu leuchten, und ein zarter Hauch von rosigem Rouge zog den Blick auf verführerisch dunkelrot geschminkte Lippen.

„Versuchen Sie es jetzt.“

„Was meinen Sie?“, fragte Lydia, noch immer wie verzaubert von ihrem Spiegelbild.

„Denken Sie an Ihr dunkelstes Geheimnis, etwas, das Sie vor Scham rot werden lässt. Damit Sie sehen, wie das Make-up wirkt.“

Unwillkürlich erinnerte sie sich an die Begegnung mit Alessandro, bei der sie völlig die Kontrolle über sich verloren hatte. Das prickelnde Gefühl seines Kusses, seine kühlen Lippen, seine zärtlichen Liebesbisse. Plötzlich spürte sie wieder die Erregung und den Drang, Grenzen zu überschreiten. Beim Blick in den Spiegel stellte sie sich vor, was ihr vor Kurzem noch unmöglich schien: dem Mann gegenüberzutreten, dem sie einen kurzen Blick auf ihr wahres Ich gewährt hatte. Konnte sie seinen undurchdringlichen, sinnlichen Blick erwidern und gleichzeitig vorgeben, die beherrschte, gelassene Ermittlerin zu sein?

„Sie sind die Ruhe selbst“, rief Karen begeistert.

Sie hatte recht. Lydias Gesicht wirkte ebenmäßig, keine Spur von Röte war auf den Wangen zu entdecken. Ihre alabasterfarbenen Schultern bildeten einen reizvollen Kontrast zum flammenden Rot des Kleides.

Mit einem Mal hatte Lydia das Gefühl, dass ihr Plan aufgehen könnte. Vielleicht konnte sie Alessandro tatsächlich davon überzeugen, dass das Treffen mit ihm sie völlig kaltgelassen hatte und ihre brennende Leidenschaft nur vorgetäuscht war. Es musste klappen.

Lydia wusste, dass sie den Salon einfach verlassen sollte – eine reiche Juwelenhändlerin verschwendete keinen Gedanken ans Zahlen. Doch sie brachte es nicht übers Herz und drückte Karen auf dem Weg ins Foyer einen Geldschein in die Hand.

Der Page brachte gerade ihr Gepäck, während der Portier sie heranwinkte, um mit ihr zu reden. Sicher wollte er ihr mitteilen, dass er in einem anderen Hotel ein Zimmer für sie reserviert hatte.

Lydia ignorierte ihn absichtlich und ging ins Restaurant. Sie war nun bereit, Alessandro wiederzusehen.

Diesmal würde das Treffen aber nach ihren Bedingungen ablaufen – als Polizistin legte sie die Regeln fest.

3. KAPITEL

„Sie reagiert völlig überzogen“, sagte Alessandro barsch. Nachdem er geduscht und sich angezogen hatte, wollte er endlich an die Arbeit. „Angelina hatte kein Recht, ohne Rücksprache mit mir die Polizei zu informieren.“

„Sie wollte Sie anrufen, aber Sie hatten Ihr Telefon abgeschaltet, Sir.“

Inspektor Kevin Bates versuchte, die Situation mit ruhigen Argumenten zu meistern. Maria hatte für ihre Erklärungsversuche nur Verachtung geerntet. „Sir, Sie verkennen den Ernst der Lage. Wir machen uns große Sorgen um Ihre Sicherheit. Es gibt Grund zur Annahme, dass Ihr Leben in Gefahr ist …“

„Wegen ein paar Blumen?“, fragte Alessandro zynisch.

„Deswegen.“ Kevin reichte ihm eine Karte mit maschinengeschriebener Aufschrift.

„Hier steht nur Willkommen, Mr Santini. Was soll das alles bedeuten?“

„Sie haben eine ausgezeichnete Assistentin, Mr Santini. Sie ist die einzige Person, die wir momentan als Verdächtige ausschließen können. Nur ihrer Aufmerksamkeit haben wir es zu verdanken, dass die Gefahr erkannt wurde. Das Hotel stattet die Präsidentensuite normalerweise mit einer Auswahl australischer Blumen aus …“

„Na und?“

„Diese Blumen hier wurden gestern Abend ins Hotel geliefert. Bestellt wurden sie bei einem Floristen am Ende der Straße. Sie wurden bar bezahlt. Die Karte war bereits dabei.“

„Von wem sind sie denn?“

„Der Blumenhändler kann sich nicht erinnern. Kein Wunder, es war ja ein gewöhnlicher Auftrag. Auffällig ist, dass eine identische Karte und Lilien an das Hotel geliefert wurden, in dem Sie vor sechs Monaten in Spanien wohnten – als Sie angegriffen wurden.“

„Das wurde ich nicht“, widersprach Alessandro. „Die Polizei kam damals zu dem Schluss, dass ich in einen Bandenkrieg geraten bin. Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

„Damals war das eine sinnvolle Erklärung“, stimmte Kevin zu. „Angelina hat der spanischen Polizei aber eine sehr detaillierte Zeugenaussage geliefert. Zum Zeitpunkt der Schießerei war sie in ihrem Zimmer und kümmerte sich um die Post. Sie hätte bei Ihnen sein sollen. Jemand hatte Ihnen Blumen geschickt, und Angelina konnte nicht herausfinden, wer es war – ein scheinbar so unbedeutendes Detail. Als Sie in New York Blumen bekamen …“

„In New York wurde ich angefahren …“ Langsam wurde Alessandro einiges klar. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als er sich an die Details des Unfalls erinnerte. „Der Wagen kam direkt auf mich zu und wurde dabei schneller. Ich bin gerade noch rechtzeitig zur Seite gesprungen. Dabei habe ich mir die Schulter ausgerenkt, hatte aber noch Glück. Die Polizei meinte …“

„Falsche Zeit, falscher Ort?“, ergänzte Kevin.

Alessandro nickte.

„Diese Blumen sind wie eine Visitenkarte, Mr Santini. Sie sind eine Warnung, die wir ernst nehmen müssen. Wie ich hörte, haben Sie Drohanrufe bekommen?“

„Ein paar.“ Alessandro zuckte mit den Schultern.

„Laut Ihrer Assistentin haben Sie während der letzten zwölf Monate mehrere Anrufe erhalten – genau genommen sogar so viele, dass nicht nur die Telefongesellschaft, sondern auch die Polizei in Rom die Angelegenheit untersucht. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Anrufe in den letzten Wochen häufiger wurden?“

Alessandro nickte wieder unwirsch. „Aber wer ist es? Wer will mich verletzen?“

„Das wissen wir nicht“, gab Kevin zu. „Aber glauben Sie mir, wir werden es herausfinden. Hauptsächlich müssen wir uns während Ihres Aufenthalts in Australien um Ihre Sicherheit kümmern. Sie dürfen die Sicherheitsmaßnahmen mit niemandem besprechen – nicht einmal mit Ihren eigenen Leuten.“

„Warum nicht?“

„Weil zum jetzigen Zeitpunkt alle unter Verdacht stehen.“ Alessandro setzte zu einer Bemerkung an, doch Kevin ließ nicht zu, dass er ihm ins Wort fiel. „Wir müssen diese Möglichkeit in Betracht ziehen – deshalb weiß auch nur Ihre Assistentin von unserer verdeckten Ermittlung. Maria wird bei Angelina bleiben, da sie Ihre engste Mitarbeiterin ist. Außerdem postieren wir andere Kriminalbeamte im ganzen Hotel. Natürlich werden auch Sie die ganze Zeit von einem Personenschützer begleitet.“

„Wie soll ich meinen Leuten erklären, dass ich einen Polizisten an meiner Seite habe?“, fragte Alessandro mit deutlich ausgeprägtem italienischem Akzent und hob die Hände. Aus jeder seiner Gesten sprach Ungeduld.

„So dumm sind wir nicht, Mr Santini. Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Beschützer nicht auffallen wird.“

„Wie soll das gehen?“, fragte Alessandro interessiert. „Marias Gegenwart können wir natürlich damit erklären, dass Angelina Unterstützung braucht. Aber …“

„Erinnern Sie sich an die Frau heute Morgen im Pool?“, mischte Maria sich ein. „Sie war da, als Angelina und ich ankamen. Vermutlich ist sie Ihnen nicht aufgefallen, aber tatsächlich ist sie seit gestern im Hotel. Sie gibt sich als Schmuckhändlerin aus Sydney aus, die ihre Arbeiten hier ausstellen will …“

„Sie ist eine Polizistin?“ Alessandros Stimme war nur ein raues Flüstern. Plötzlich wurde ihm alles klar. Für einen Moment schloss er die Augen. „Wollen Sie mir etwa erzählen, dass diese Frau eine Ermittlerin ist?“

„Nein, Mr Santini“, erklärte Kevin geduldig. „In den nächsten Tagen ist Lydia für alle Welt eine Schmuckhändlerin, die Melbourne besucht, um neue Kunden zu gewinnen. Da das Hotel voll ist, checkt sie heute Morgen aus. Der Page bringt bereits ihr Gepäck nach unten.“

„Ich dachte, sie soll bei mir bleiben.“

„Das wird sie auch.“ Ein wenig gefiel es Kevin, einen so einflussreichen Mann wie Alessandro Santini fassungslos zu sehen. „Ursprünglich sollte sie bis zum Mittag im Hotel bleiben. Aber da Sie so früh angekommen sind, mussten wir alles etwas beschleunigen. Sie werden sie ansprechen, und nach einem kurzen Gespräch werden Sie sie einladen, in Ihrer Suite zu wohnen. Ihre Leute sollten eigentlich nicht überrascht sein. Wie man hört, kommen Sie recht schnell zur Sache.“

Alessandro musste eine bissige Bemerkung unterdrücken. Er gab es nur ungern zu, aber der Inspektor hatte recht: Niemand würde sich wundern, wenn er plötzlich eine schöne Frau als Begleitung hätte. Es war schon oft genug passiert.

„Wenn Sie allein mit ihr sind, wird Lydia Ihnen Genaueres erzählen. Sprechen Sie mit ihr, vielleicht bekommen wir so ja auch Informationen, die uns helfen, die Identität des Täters zu enthüllen. Das alles wird allerdings erst in Ihrem Hotelzimmer passieren, nachdem Lydia den Raum gesichert hat. Sobald Sie sich woanders aufhalten und eine dritte Person hinzukommt, müssen Sie so tun, als wären Sie und Lydia ein Paar.“

Kevin hielt für einen Moment inne, damit Santini die Informationen verarbeiten konnte. Ihn irritierte der erstaunte Gesichtsausdruck des Millionärs. Dass sein Leben in Gefahr war, hatte kaum eine Reaktion hervorgerufen, doch nun erkannte Kevin eindeutig Anzeichen eines Schocks in Santinis Zügen. Offenbar wurde ihm erst jetzt die Tragweite der Situation bewusst. In sanfterem Tonfall fuhr Kevin fort. „Damit der erste Kontakt zufällig aussieht, dachten wir, Sie gehen zum Frühstücksbüfett …“

„Wieso denn erster Kontakt?“, fragte Alessandro verwirrt und rang um Haltung. Er zwang sich, nicht mehr an Lydia zu denken, sondern sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Aber Bates Worte ergaben keinen Sinn: Er und Lydia hatten sich schließlich schon getroffen.

Alessandro widerstand dem Impuls, den Inspektor darauf hinzuweisen. Manchmal war es besser, nicht zu viel von seinem Wissen preiszugeben, das hatte er gelernt. Oft erwiesen sich Informationen erst im Nachhinein als wertvoll. Wer die Oberhand behalten wollte, musste den anderen immer einen Schritt voraus sein – Grund genug für Alessandro, seine Taktik zu ändern.

„Warum sollte ich zum Frühstücksbüfett gehen? Ich bediene mich niemals selbst. Haben Sie daran gedacht, als Sie Ihre Pläne gemacht haben?“, fragte er mit unverhohlenem Spott, bevor der Inspektor auf die erste Frage antworten konnte.

Kevin ging nicht darauf ein, da sein Handy klingelte und er das Gespräch entgegennahm. „Sie ist fertig“, sagte er dann, nachdem er aufgelegt hatte, und nickte Maria zu.

„Mr Santini, es kommen jetzt zwei Kriminalbeamte her. Sie heißen Graham und John. Sprechen Sie nicht mit Ihnen – behandeln Sie sie wie jeden anderen Fremden auch. Die beiden werden gemeinsam mit Ihnen den Lift nach unten nehmen und Sie nicht aus den Augen lassen, bis Sie im Restaurant sind. Sobald Sie dort sind, wird Lydia hereinkommen. Vielleicht könnten Sie …“

„Sie müssen mir nicht sagen, wie man eine Frau anspricht“, grollte Alessandro mit finsterer Miene. Die Erinnerung an das Treffen mit Lydia widerte ihn nur noch an. Er würde dieser verdeckten Ermittlerin eine Lektion erteilen.

„Kommen Sie.“ Er schnippte ungeduldig mit den Fingern. „Bringen wir diesen Erstkontakt hinter uns.“

4. KAPITEL

Alessandro bestellte sein Frühstück und wappnete sich für Lydias Auftritt. Auf jeden Außenstehenden wirkte er extrem selbstbewusst, als er die Zeitung aufschlug und den Wirtschaftsteil überflog. Innerlich kochte Alessandro jedoch vor Wut.

Sie hatte ihn benutzt und Spielchen mit ihm gespielt. Es ärgerte ihn maßlos, dass sie bei ihrer ersten Begegnung die Situation kontrolliert hatte.

Was habe ich mir überhaupt dabei gedacht, fragte er sich unwillkürlich. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, in einem Hotelpool mit einer völlig Fremden Sex zu haben, ohne an Verhütung oder an andere Konsequenzen zu denken? Sie hätte alles Mögliche sein können.

Sie war eine verdammte Polizistin!

Er sah von seiner Zeitung auf. Seine Unruhe legte sich unvermittelt, als eine Frau das Restaurant betrat. Für einen Augenblick verrauchte sein Zorn, als er beobachtete, wie sie durch den Raum ging.

Die helle Morgensonne Australiens, die gerade noch das Restaurant erhellt hatte, war offenbar hinter einer Wolke verschwunden. Denn plötzlich schien alles um die schlanke Gestalt der Frau herum zu verblassen. Selbst die Geräusche wirkten seltsam gedämpft. Das Geklapper von Messern und Gabeln auf Tellern, das Rascheln der Zeitungen, die Gespräche der anderen Gäste, alles verschwamm in einem leisen Hintergrundgeräusch. Lydia schien alle Energie auf sich zu ziehen.

Ihre bloße Gegenwart betörte seine Sinne. Ihm war, als könne er wieder die sanfte Hingabe ihres Kusses schmecken und ihren Duft einatmen. So als befänden sie sich plötzlich wieder in der schwerelosen Intimität des Pools.

Beim Anblick ihrer langen schlanken Beine, die sie noch vor Kurzem um ihn geschlungen hatte, wurde ihm heiß vor Verlangen. Begierig nahm er jedes Detail in sich auf und konnte nicht verhindern, dass sein Körper reagierte. Er erinnerte sich an ihre zarte Haut, die jetzt unter Seidenstrümpfen verborgen war.

An den Füßen trug sie nun hochhackige Riemchensandalen, ihr federleichter Körper war in ein orangefarbenes Kleid gehüllt – bei ihrem Teint eine mutige Wahl, doch es stand ihr hervorragend. Der subtile Schnitt betonte ihre verführerischen Rundungen. Als er die leichte Erhebung ihrer Brustknospen bemerkte, wurde Alessandro von einer weiteren Welle des Verlangens erfasst. Glücklicherweise saß er an einem Tisch, sodass niemand seinen Zustand bemerkte.

Mühsam bezwang er sich und beschloss, sich einen Drink zu holen, um den Zauber zu brechen. Doch er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Das Haar fiel ihr wie eine Flamme über die Schultern und fesselte Alessandros Aufmerksamkeit wie ein verzehrendes Feuer … Wie ein Blitzschlag setzte jedoch plötzlich sein Verstand wieder ein.

Diese Frau hat mich benutzt.

Obwohl sie mit dem Rücken zu ihm stand, spürte Lydia seinen durchdringenden Blick. Sie fühlte sich ihm ausgeliefert. Aber obwohl sie mit jeder Faser ihres Körpers spürte, dass er näherkam, täuschte sie Lässigkeit vor. Ihre Kollegen saßen nur ein paar Tische entfernt, Lydia hatte einen Job zu erledigen.

Sie konzentrierte sich darauf, die Hand ruhig zu halten, als sie sich Erdbeeren und weiteres Obst auf den Teller legte. Das Herz schlug Lydia bis zum Hals. Entschlossen widerstand sie dem instinktiven Drang davonzulaufen. Sie musste Alessandro die Stirn bieten und professionell auftreten.

„So treffen wir uns also wieder.“

Seine Stimme war leise und verführerisch. Lydia spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Damit Alessandro nicht merkte, welche Wirkung er auf sie hatte, drehte sie sich absichtlich nicht um. Betont gelassen nahm sie sich zwei weitere Erdbeeren.

„Scheint so“, erwiderte sie ruhig.

„Welch wunderbare Überraschung.“

Er war ihr nun unfassbar nahe. Die Hitze seines Körpers und sein überwältigender Duft empfand Lydia als fast greifbar. Sie wusste, dass sie handeln musste. Erst wenn sie die Situation wieder im Griff hatte, konnte sie ihre Aufgabe erfüllen.

„Wohl kaum.“ Sie zwang sich zu lächeln, warf sich mit elegantem Schwung das Haar über die Schulter und wandte sich um. Triumphierend bemerkte sie den irritierten Ausdruck in seinen Augen. Doch seine Nähe ließ sie nicht unberührt, ihre Selbstsicherheit schwand zusehends.

Sie konnte sehen, dass sein dichtes schwarzes Haar noch immer feucht war. Trotzdem konnte sie kaum glauben, dass sie sich noch vor Kurzem voller Leidenschaft an ihn geschmiegt hatte. Er trug nun einen perfekt sitzenden grauen Anzug, der seinen durchtrainierten Körper betonte. Das weiße Hemd stand in starkem Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Die einzigen Farbtupfer bildeten eine edle goldene Krawatte – und seine tiefblauen Augen. Sie waren klar und rein, ohne silberne Einsprengsel oder einen Hauch von Grün, ein einziges samtiges Blau, das warm glänzte.

Seine Züge wirkten wie gemeißelt, von der aristokratischen Nase über die hohen Wangen bis hin zu dem markanten Kinn, an dessen Berührung Lydia sich noch erinnerte. Sie erkannte einen zarten dunklen Schatten – eine kaum sichtbare Andeutung der Kraft, die sich in ihm verbarg …

Mit einem letzten Funken Selbstbeherrschung wandte Lydia den Blick kurz ab und konnte doch nicht widerstehen. Eingehend betrachtete sie seine muskulösen Schultern, die breite Brust und schließlich die starken männlichen Hände. Plötzlich wurde sie ganz ruhig. In ihren bernsteinfarbenen Augen funkelte lauerndes Verlangen.

„Wie war das Schwimmen im Pool? Hast du es genossen?“, fragte sie provozierend. Obwohl sie sich so nahegekommen waren, kam es ihr seltsam vor, ihn zu duzen. Doch Lydia sah keinen Sinn darin, nach dem Erlebnis im Pool auf Höflichkeiten zu bestehen. In den nächsten Tagen sollten sie ein Paar spielen. Sie konnten genauso gut gleich damit anfangen.

Er antwortete nicht sofort. Auf seiner Stirn bildeten sich zwei Zornesfalten – Alessandro war offenbar etwas anderes als kühle Herablassung gewöhnt.

„Das habe ich“, sagte er mit tiefer Stimme.

Die verräterischen Falten waren verschwunden, aber Lydia war sich sicher, dass sie ihn aus der Fassung gebracht hatte. Zweifellos erwartete er ein anderes Verhalten.

„Solltest du nicht ein Glas Wasser über mich schütten?“

Sie lächelte leicht und zog amüsiert die Augenbrauen hoch. „Das war vorher …“, sagte Lydia leise. Langsam fand sie Gefallen an ihrer Rolle.

Seine harten Züge entspannten sich kurz, und auch Lydias Gesichtsausdruck wurde weicher. Beide erinnerten sich an die Zärtlichkeiten, die sie ausgetauscht hatten.

„Hier können wir nicht darüber reden“, sagte sie.

„Wo dann?“

Er übernahm nun die Kontrolle und führte Lydia zu seinem Tisch. Sie spürte die Wärme seiner Hand an ihrem Rücken, als er sie durch den Raum geleitete. Wie eine Puppe folgte sie allein seinem Willen.

Alessandro rückte ihr einen Stuhl zurecht. Und als Lydia sich setzte, erschien ein Kellner und breitete eine Serviette über ihren Schoß. Nur wenige Meter entfernt saßen Graham und John, scheinbar völlig in Zeitungsartikel vertieft. Aber sie ließen sie keine Sekunde aus den Augen, das wusste Lydia.

„Die Pläne haben sich geändert“, sagte sie leise, als der Kellner gegangen war. „Als ich merkte, dass du früher angekommen bist, musste ich den Kontakt früher als geplant einleiten.“

„Kontakt!“, zischte er ungehalten, doch Lydia zuckte mit keiner Wimper.

„Den überzeugenden Kontakt“, ergänzte sie mit leichtem Lächeln. „Ich habe mich lediglich an das Protokoll gehalten.“

„Protokoll?“ Er klang bedrohlich. „Liebe zu machen ist Arbeit für dich? Soll ich das etwa glauben? Man hat mir gesagt, du wärst Polizistin, keine Prostituierte.“

Lydia ignorierte die Beleidigung. Lieber sollte er die Lüge glauben, das war sicherer als die Wahrheit. Wenn Alessandro ahnte, wie sehr sie sich von ihm angezogen fühlte, konnte es sie beide in Gefahr bringen.

Gelassen nahm sie eine Erdbeere, streute etwas Zucker darüber und beobachtete, wie sich die Zuckerkristalle auflösten. Sie ging nicht auf Alessandros ungeduldigen Befehlston ein, sondern wählte ihre Worte mit Bedacht.

„Ich habe mich ganz allein nach dir gerichtet …“ Ihre goldbraunen Augen funkelten. „Schließlich sollte es überzeugend wirken, also habe ich mich einfach so verhalten wie du. Du siehst eine junge Frau und nimmst sie dir einfach …“, erklärte sie mit leichtem Spott. „Nicht ich bin leicht zu haben, Alessandro – sondern du.“

„Nein.“ Wütend und stolz schüttelte er den Kopf. „Das soll alles nur gespielt gewesen sein? Wegen irgendwelcher Drohungen …?“

„Wir reden später darüber“, sagte Lydia warnend. Alessandros Ärger und seine Unbesonnenheit waren unübersehbar. Graham faltete sogar schon seine Zeitung zusammen und sah Lydia fragend an. Schnell brachte sie die Situation wieder unter Kontrolle. „Nicht hier.“

Etwas in ihrem Blick ließ ihn innehalten. Offenbar war es ihr ernst. Sein Zorn verrauchte, als plötzlich der Portier an ihren Tisch kam.

„Miss Holmes, ich habe für Sie vorläufig ein Zimmer gebucht. Das Hotel ist nur ein paar Straßen weiter …“

„Warum kann sie nicht hierbleiben?“, fragte Alessandro barsch. „Gibt es etwa im ganzen Hotel kein einziges freies Zimmer?“

„Doch, doch“, versicherte der bedauernswerte Portier. „Aber es sind nur noch Standardzimmer frei. Die Luxussuiten sind alle ausgebucht, Sir. Ich habe das Miss Holmes bereits erklärt, als sie hier angekommen ist. Ihre jetzige Suite war nur für eine Nacht frei. Wenn sie bleiben möchte, müsste sie in ein Standardzimmer ziehen. Das Zimmer entspricht natürlich nicht ihren Bedürfnissen.“

„Dann finden Sie eines, das angemessen ist!“ Alessandro klang ärgerlich.

Für einen Moment vergaß Lydia, dass er alles nur spielte. Er war es eindeutig gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen. Und so, wie der Portier aussah, gelang ihm das auch dieses Mal – dabei sollte sie doch in seiner Suite unterkommen.

„Ich werde sehen, was ich tun kann …“ Nervös wandte sich der Portier an Lydia. „Miss Holmes, hätten Sie etwas dagegen, in einer unserer Mini-Suiten zu wohnen? Sie sind nicht so luxuriös wie Ihre jetzige, aber ich könnte das Personal anweisen …“

„Nein“, lehnte sie kategorisch ab. Bei der Planung des Szenarios hatte Inspektor Bates nicht bedacht, dass Alessandro sich durchsetzen könnte. Um dies zu vermeiden, sagte sie mit hochmütigem Blick zu dem unglücklichen Portier: „Ich denke nicht daran, mich herabsetzen zu lassen. Organisieren Sie mir bitte einen Wagen!“

Sie stand auf, nahm ihre Tasche und ging in Richtung Foyer. Die schockierten Blicke ihrer Kollegen ignorierte Lydia absichtlich. Sie hoffte inständig, dass Alessandro ihren Hinweis verstand und die Situation rettete.

„Bringen Sie Miss Holmes’ Gepäck in meine Suite.“

Seine imposante dunkle Stimme ließ sie innehalten. Langsam wandte Lydia sich um.

„In Ihre Suite, Sir?“, wiederholte der Portier. Sein Blick wanderte von Alessandro zu Lydia und wieder zurück.

„Ganz genau“, antwortete Alessandro ruhig.

Völlig überraschend mischte sich der Hotelpage in das Gespräch. „Soll ich das Gepäck der Lady zum Taxi bringen?“, fragte er mit hartem italienischen Akzent. Er sprach so laut, dass einige Gäste unwillkürlich aufsahen.

„Nein, Miss Holmes wird noch länger bei uns bleiben. Bring ihr Gepäck in Suite Nummer 311.“ Der Portier verhielt sich vorbildlich. Mit keiner Miene verriet er, was ihm vermutlich durch den Kopf ging.

„Suite 311?“ Der Hotelboy runzelte die Stirn. „Aber das ist Mr Santinis Suite …“

„Nimm jetzt bitte das Gepäck“, unterbrach ihn der Portier. Er war sichtlich verärgert darüber, dass der Page laut aussprach, was jeder denken musste, der sich in Hörweite befand.

Endlich schien auch der Page zu verstehen. Die Gespräche an den umliegenden Tischen verstummten. Jeder sah in Lydia nun die neue Gespielin von Alessandro Santini.

Da half das beste Make-up nichts mehr, Schamesröte stieg Lydia ins Gesicht. Mit geballten Fäusten ertrug sie die unangenehme Situation.

„Also, komm her.“

Sein gebieterischer Tonfall traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Überheblich winkte Alessandro sie an seinen Tisch und bedeutete ihr, sich zu setzen. Obwohl es zum Plan gehörte, fühlte Lydia sich gedemütigt, als sie langsam zu ihm ging. Seine Arroganz machte sie wütend, und sie musste sich zwingen, nicht wegzurennen oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

Seine Augen funkelten triumphierend, weil er die Oberhand gewonnen hatte. Als er wieder an seinem Tisch Platz nahm, umspielte ein überlegenes Lächeln seine Mundwinkel.

„Bringen Sie Miss Holmes’ Taschen jetzt endlich in die Präsidentensuite“, herrschte Alessandro den Pagen an und beendete damit das bleierne Schweigen.

Dabei sah er Lydia direkt an, und trotz der Wut und Scham, die in ihr kämpften, fühlte sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen und brennendes Verlangen in sich aufsteigen.

Ihr blieb beinah das Herz stehen, als er mit kaum verhohlener Lust sagte: „Sie ist mein Gast – mein ganz besonderer Gast –, und ich erwarte, dass sie so behandelt wird.“

5. KAPITEL

„Wäre das dann alles, Sir?“

Lydia schritt unbehaglich auf und ab, als der Page das letzte Gepäckstück im Zimmer abgestellt hatte. Zweifellos beschäftigten Alessandro viele Fragen, und nach seinem arroganten Verhalten im Frühstücksraum war Lydia sehr einsilbig gewesen. Je schneller Alessandro Santini die Regeln versteht, dachte sie, desto besser kann ich meine Arbeit machen. Hoffentlich geht der Page bald.

„Nicht ganz“, sagte Alessandro knapp. „Sagen Sie meinen Leuten bitte, dass ich nicht gestört werden will. Ich treffe sie wie vereinbart – einer der Konferenzräume ist für zwölf Uhr gebucht.“

„Ich werde es ausrichten.“ Der junge Mann nickte knapp, machte aber keinerlei Anstalten zu gehen. Stattdessen starrte er Lydia an.

Sein forschender Blick war ihr unangenehm. Ihr war peinlich, wofür er sie halten musste.

„Soll der Butler kommen und für Sie auspacken?“

„Ich möchte gern allein sein. Hängen Sie auf dem Weg nach draußen das Schild an die Tür“, antwortete Alessandro an ihrer Stelle. Als sich der Page noch immer nicht von der Stelle rührte, zog Alessandro seine Brieftasche hervor und drückte ihm ein paar Geldscheine in die Hand. „Grazie“, sagte er ungeduldig.

„Danke“, erwiderte der Page. Lydia staunte, dass er nicht auf Italienisch antwortete, obwohl Alessandro offensichtlich ein Landsmann war. „Genießen Sie Ihren Aufenthalt.“

Endlich waren sie allein. Lydia lagen einige wütende Bemerkungen auf der Zunge, doch im Moment musste sie sich auf etwas anderes konzentrieren. Obwohl der Raum ein paar Stunden zuvor gründlich überprüft worden war, musste sie sicherstellen, dass alles in Ordnung war. Sie verschloss die Tür, hängte die Kette ein und fing an, die Suite zu untersuchen.

„Fantastisches Zimmer. Das Badezimmer ist göttlich“, sagte sie betont beiläufig, während sie den Reißverschluss ihrer Handtasche aufzog und eine Waffe hervorholte. Lydia legte sie in die Schublade des Nachtkästchens und setzte die Überprüfung fort. Jedes Fach begutachtete sie, sah unter das Bett, hinter Bilder und Spiegel und sogar unter das in einer Schale üppig arrangierte Obst.

Alessandro runzelte amüsiert die Stirn.

„Ist das wirklich notwendig?“ Als Lydia ungerührt weitermachte, wurde er ungeduldig. „Ich habe dich etwas gefragt.“

„Wir müssen ein paar Regeln festlegen“, sagte Lydia. „Erstens: Ich bin hier, um dich zu beschützen. Glaub mir, ich weiß genau, was ich tue. Also stell bitte nicht jede meiner Handlungen infrage.“

„Denkst du denn, diese Leute kommen um drei Uhr nachts in meine Suite?“, konterte Alessandro herablassend. „Ich will dir ja nicht sagen, wie du deinen Job machen musst. Aber was nützt eine Waffe in der Nachttischschublade, wenn du schläfst?“

„Überhaupt nichts. Allerdings werde ich nicht schlafen. Ich ruhe mich während deiner Sitzungen aus.“

„Du bleibst also wach?“

„Ganz genau.“

„Und nachts schaust du mir beim Schlafen zu?“

Ohne eine Miene zu verziehen, schaffte er es, das erotische Knistern zwischen ihnen erneut zu entfachen. Lydia versuchte, sich nicht davon beeinflussen zu lassen. „Ich bewache nicht dich, sondern die Tür, Alessandro.“

„Das wird eine lange Nacht für dich.“

„Daran bin ich gewöhnt. Es macht mir nichts aus“, erwiderte Lydia betont gleichgültig.

„Warum nicht? Bekommst du die Überstunden bezahlt?“

Ihr Gehalt ging ihn überhaupt nichts an. Aber es war weniger die Frage, die sie wütend werden ließ, als vielmehr die Andeutung, die sich darin verbarg. Glaubt er wirklich, ich werde für Sex bezahlt, dachte Lydia entnervt. Er beleidigt mich schon wieder absichtlich. Außerdem ärgerte sie sich noch immer darüber, wie er sie im Restaurant an seinen Tisch zurückgerufen hatte.

„Aber das geht mich ja nichts an“, erklärte Alessandro und wechselte das Thema. „Was ist mit den Regeln? Ich nehme an, es gibt noch mehr.“

„Du darfst diesen Raum nicht verlassen, ohne mich darüber zu informieren. Entweder ich begleite dich nach unten …“

„Darf ich denn allein ins Badezimmer?“

Lydia ignorierte seine scherzhafte Bemerkung und versuchte, ihm weitere Anweisungen zu geben. Aber Alessandro hörte nicht zu. Er wandte ihr den Rücken zu und zog mit einer anmaßenden Geste ein silbernes Notebook aus seiner Aktentasche.

„Ich bin noch nicht fertig“, sagte Lydia verärgert. Statt sich zu ihr umzudrehen, klappte er das Notebook auf und schaltete es ein. „Ich rede mit dir, Alessandro!“

„Dann rede.“ Unbeeindruckt von dem warnenden Unterton in ihrer Stimme, zuckte er mit den Schultern. „Ich muss dich nicht ansehen, um dir zuzuhören.“

Eine unbändige Wut stieg in Lydia auf, die sie nicht länger zurückhalten konnte. „Damit das klar ist: Ich weiß, dass du mich nicht hier haben willst. Du denkst vermutlich, ich bin für den Job nicht geeignet. Das ist mir egal. Aber wage es niemals wieder, mich so zu behandeln wie unten“, brach es aus ihr hervor.

„Ich nehme an, wir reden über das Restaurant und nicht über den Pool?“, fragte Alessandro und öffnete einige Dateien auf seinem Computer. Noch immer hatte er ihr den Rücken zugewandt. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du es durchaus genossen …“

„Natürlich rede ich vom Restaurant“, sagte Lydia scharf. „Anzudeuten, dass ich deine Gespielin bin, mich derart zu blamieren …“

Sie war sich nicht sicher, welche Reaktion sie jetzt von Alessandro erwartete. Vielleicht Zerknirschung oder zumindest eine Entschuldigung.

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