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JULIA SAISON BAND 28

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Tausend weiße Flocken

1. KAPITEL

Den Prospekten zufolge schien der Wintersportort Topaz Valley paradiesisch schön zu sein. In den Bergen von British Columbia, der westlichsten Provinz Kanadas, gelegen, besaß es offenbar dieselben Vorzüge wie St. Moritz und hatte den zusätzlichen Vorteil, dass es nicht weit von Vancouver entfernt war, wo sie, Claire, eine weitere Filiale ihrer gut gehenden Kette von Schmuckläden eröffnen wollte. Ein anderer Vorzug war, dass es weit von ihrem normalen Lebensumfeld entfernt war, denn sie brauchte einen Tapetenwechsel.

Es war erstaunlich, dass sie, die sich ihren Platz an der Spitze der europäischen Gesellschaft so hart erkämpft hatte, sich plötzlich nach einem einfacheren Lebensstil sehnte. Doch wenn sie in letzter Zeit in den Spiegel geschaut hatte, hatte ihr eine Fremde entgegengeblickt, eine Frau, die so damit beschäftigt war, den Schein zu wahren, dass sie ihre innersten Bedürfnisse vernachlässigt hatte. Wenn sie so weitermachte, würde es die wahre Claire Durocher bald nicht mehr geben.

Topaz Valley hatte ihr, wie es schien, die Chance geboten, Bilanz zu ziehen, und zwar nicht nur, was ihren gesellschaftlichen Aufstieg nach ihrer armseligen Kindheit in Marseille betraf, sondern, was noch wichtiger war, über ihre Zukunft. Allerdings hatte man in den Prospekten verschwiegen, dass British Columbia sehr groß und von eher wilder Schönheit war. Oder, dass sie nach ihrer Ankunft in Kanada fast sechs Stunden brauchen würde, um ihr Ziel zu erreichen, und dass sie gegen Ende der Fahrt völlig erschöpft sein würde.

Außerdem hatte in den Prospekten nicht gestanden, dass die Winter im Inneren der Provinz im Gegensatz zu dem schmalen Küstenstreifen, wo an geschützten Stellen sogar noch Rosen in den Gärten blühten, nicht mild, sondern eisig kalt waren.

Natürlich hatte sie mit Schnee gerechnet, und es lag Schnee, so weit das Auge reichte, als Claire schließlich aus dem Hubschrauber stieg. Doch es war der eisige Wind, der sie bestürzte. Man konnte kaum Luft bekommen.

Ihre sieben Mitreisenden schienen nicht im Mindesten schockiert über die subarktischen Wetterbedingungen, sondern machten sogar einen ausgesprochen fröhlichen Eindruck. In ihre dicken Jacken eingemummelt, stellten sie sich mit dem Rücken zum Wind und stimmten „Here Comes Santa Claus“ an, als ein Paar Scheinwerfer in der Dämmerung auftauchte und den Berg hinauf auf sie zukam.

Unwillkürlich bewunderte Claire ihre innere Stärke. Allmählich fragte sie sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, Weihnachten in Kanada zu verbringen. Und sie fühlte sich in dieser Meinung bestärkt, als der Pilot sich, nachdem er das restliche Gepäck ausgeladen hatte, mit den Worten „Frohe Weihnachten, Leute! Ich haue ab, solange es noch geht“, verabschiedete und geradezu beängstigend schnell wieder in den Hubschrauber stieg.

Wenige Sekunden später begannen die Rotoren sich zu drehen, und der Hubschrauber startete. Für sie war es, als würde damit ihre letzte Verbindung zur Zivilisation getrennt werden. Sie hielt ihre pelzverbrämte Kapuze unter dem Kinn fest und betrachtete die düstere Landschaft um sich her.

Im Osten färbte sich der Himmel bereits dunkelrot, während im Westen dunkle Wolken aufzogen, die noch mehr Schneefall ankündigten. Und dann der Wind …

Das Fahrzeug war jetzt oben angekommen und stoppte. Eine stämmige Gestalt, dick eingepackt in Sachen, die einem starken Schneesturm auf dem Mount Everest getrotzt hätten, stieg aus und hob den Arm zum Willkommensgruß.

„Hallo, Leute! Die Topaz-Valley-Limousine zu ihren Diensten. Alle, die keine Lust haben, zu Fuß zum Hotel zu gehen, bitte einsteigen!“

Er besaß zwar einen für sie ungewohnten derben Humor, doch Claire musste zugeben, dass er außergewöhnlich ritterlich war, als er sie in den Wagen verfrachtete. Wagen? Das Fahrzeug erinnerte von außen an einen Panzer, wenn man von der hellgelben Lackierung absah, aber im Innenraum befanden sich drei Reihen spartanischer Holzsitze, genügend Stauraum für Koffer und Skier, und die Heizung funktionierte auch, wofür Claire sehr dankbar war.

„Sie können von Glück reden, dass Sie hergekommen sind“, verkündete der Fahrer, nachdem er die Tür zugeschlagen und sich ans Steuer gesetzt hatte. „Die Leute, die gestern angekommen sind, mussten die Nacht in Broome verbringen, weil die Sicht hier oben so schlecht war. Mussten im Wayside Motel übernachten und sich mit Hamburgern zufriedengeben.“

Sie blickte aus dem Fenster, als der Wagen einen Weg zwischen schneebedeckten Bäumen entlang, über ein Plateau und um eine Kurve fuhr. Und als sie die Hoffnung, das Hotel jemals zu Gesicht zu bekommen, schon fast aufgegeben hatte, tauchte es plötzlich auf, und sie atmete erleichtert auf. Es lag geschützt in einer Senke und wirkte ausgesprochen anheimelnd, denn in den Fenstern brannte Licht, und aus den Schornsteinen rauchte es.

Der Fahrer stieg aus und öffnete ihnen die Tür. „Aufgepasst, Leute. Wir haben heute schon zweimal gestreut, aber es ist immer noch ein bisschen glatt.“

Ein Mann war aus dem Gebäude gekommen, um sie zu begrüßen. Er war sehr attraktiv. Sein Haar war von der Sonne gebleicht, und er hatte ein gewinnendes Lächeln und eine athletische Figur. Außerdem war er ziemlich jung und konnte daher kaum der legendäre Besitzer des Hotels sein.

„Ich bin froh, dass Sie es geschafft haben, bevor wir wieder einschneien“, sagte er. „Kommen Sie rein, und wärmen Sie sich auf, sonst erfrieren Sie noch.“

Es war vielleicht keine formvollendete Begrüßung, aber dennoch charmant. Genau wie das Gebäude, wie Claire befand, als sie die beeindruckende Fassade betrachtete. Es sah ganz anders aus als die Herrenhäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert oder die malerischen Chalets, die sie gewohnt war.

Es war ein dreistöckiger Fachwerkbau mit zahlreichen Schornsteinen und vielen Glasflächen. Von dem Hauptteil gingen vier Flügel ab. Nachdem sie durch die breite Flügeltür eingetreten waren, blickte Claire sich um. Ihr erster Eindruck war der von großzügiger Eleganz und riesigen Proportionen. Alles, von der sich gabelnden Treppe, die zu den oberen Galerien führte, bis zu den massiven Stützbalken an der gewölbten Decke und dem breiten Kamin, war riesig.

Selbst der Weihnachtsbaum war ungefähr sechs Meter hoch und mit Silberkugeln, so groß wie Ballons, geschmückt, und auf den Ledersofas, die vor dem Kamin standen, hätten Riesen Platz gehabt.

Überall standen Weihnachtssterne – auf dem langen Esstisch in der Mitte des Raumes, auf den tiefen Fensterbänken und auf dem antiken Kinderschlitten neben dem Kamin. Und vor dem Feuer lagen zwei wunderschöne Samojeden und ließen sich wärmen.

Während Claire mit den anderen am Empfang wartete, um einzuchecken, betrachtete sie den Grundriss des Erdgeschosses, der an der Wand dahinter hing. Wer immer das Hotel entworfen hatte, hatte dafür gesorgt, dass die Gäste über jeden erdenklichen Komfort verfügten. Außer mehreren Gesellschaftsräumen, einer Bibliothek und einem Speisesaal gab es einen Festsaal mit einer Tanzfläche, ein Kino, einen Fitnessraum, eine Sauna, ein Schwimmbecken und einen Schönheitssalon.

Nachdem das Paar vor ihr eingecheckt hatte, war Claire an der Reihe.

„Hallo!“ Die Empfangsdame, die dem Namensschild zufolge Sally hieß, lächelte freundlich und überflog dann die Liste, die vor ihr lag. „Mal sehen, Sie sind vermutlich …?“

„Claire Durocher.“

„Ja, natürlich. Sie kommen aus Europa, stimmt’s? Willkommen in Kanada!“ Wieder warf Sally einen Blick auf die Liste. „Wir hatten Ihnen ursprünglich eine Suite hier im Hauptgebäude zugedacht.“

„Stimmt.“ Das Wort ursprünglich gefiel ihr, Claire, ganz und gar nicht. Sie war übermüdet und hatte nicht mehr geduscht, seit sie am gestrigen Nachmittag in Paris abgeflogen war. „Ich hatte darum gebeten, als ich vor sechs Monaten gebucht habe, es wurde von Ihrem Büro bestätigt, und jetzt möchte ich auch eine Suite haben.“

Das Lächeln der Angestellten war nicht mehr so strahlend. „Hm … Es ist nur so, dass wir Sie in einem anderen Zimmer unterbringen mussten. Es ist klein, aber sehr gemütlich, und es ist nur für einige Nächte.“

„Ich möchte aber kein anderes Zimmer haben, sondern die Suite, die ich reserviert habe.“

„Das ist leider nicht möglich“, sagte Sally. „Die Leute, die sie letzte Woche bezogen haben, sind noch nicht abgereist.“

„Dann geben Sie ihnen das kleinere Zimmer“, beharrte Claire. Sie hatte auf schmerzliche Weise gelernt, dass sie sich alles abverlangen und auf ihr Recht pochen musste, wenn man ihr den Respekt entgegenbringen sollte, den sie brauchte und den sie als Kind nicht bekommen hatte.

Sally schüttelte den Kopf. „Sie verstehen nicht, Miss Durocher. Das geht nicht. Es ist eine vierköpfige Familie.“

„Was hat das mit mir zu tun?“, rief Claire wütend.

„Gibt es ein Problem?“, ließ sich eine wohlklingende Stimme hinter ihr vernehmen.

„Oh Zach!“, rief Sally erleichtert. „Es geht um die Dogwood Suite. Miss Durocher ist ein wenig verärgert, weil sie nicht frei ist.“

„Miss Durocher ist mehr als ein wenig verärgert.“ Claire drehte sich um und sah sich dem Mann gegenüber, der seinem Namensschild zufolge Zachary Alexander war, der Besitzer des Hotels, der auch ihre Reservierung entgegengenommen hatte. „Sie ist sehr verstimmt …“

Er war ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß und muskulös, hatte breite Schultern und schmale Hüften und dichtes schwarzes, an den Schläfen grau meliertes Haar.

Und sein Gesicht … Seine Augen waren tiefblau und blickten sehr kühl. Und sein Kinn, seine Wangenknochen und der Mund …

Zachary Alexander konnte den Mund verziehen, die Lippen zusammenpressen oder gezwungen lächeln, so wie er es jetzt tat. Doch der Schwung seiner Lippen verriet, dass er ein sehr sinnlicher Mann war und es in ihm brodelte wie in einem Vulkan.

„Uns allen tut es sehr leid, dass Sie …“ Wieder lächelte er ironisch. „… sehr verstimmt sind, aber Tatsache ist, dass die von Ihnen gewünschte Suite belegt ist. Deswegen haben Sie leider keine andere Wahl, als das Zimmer zu nehmen, das wir Ihnen als Ersatz anbieten – es sei denn, Sie möchten draußen im Schnee schlafen.“

Du kannst jetzt doch noch nicht müde sein, Claire. Und welches Kind möchte an einem so warmen Abend schon früh ins Bett gehen? Warte auf der Straße, damit Mama sich in Ruhe um ihren Freund kümmern kann. Und wenn du artig bist, bekommst du morgen vielleicht ein Bonbon …

Die Stimme ihrer Mutter klang ihr in den Ohren und veranlasste Claire, Zachary Alexander eines Besseren zu belehren, denn offenbar glaubte er, sie würde sich mit allem zufriedengeben. „Ich war fast vierundzwanzig Stunden unterwegs, Monsieur, und allein von Vancouver bis hierher habe ich länger gebraucht, als ich zu meinem Haus in der Schweiz oder zu meiner Zweitwohnung in Frankreich brauche, und ich …“

„Wenn man bedenkt, dass allein diese Provinz ungefähr dreiundzwanzig mal so groß ist wie Ihr Heimatland, überrascht mich das nicht“, erklärte er höflich, aber herablassend. „Außerdem beträgt die Bevölkerungsdichte in der Schweiz ungefähr vierhundertvier Einwohner pro Quadratmeile und in British Columbia ungefähr 8, 2, und …“

„Und es ist mein Pech, mit der Komma Zwei Geschäfte machen zu müssen – einem Mann mit wenig Grips und ohne Herz.“ Als es um seine Mundwinkel zuckte, stampfte Claire mit dem Fuß auf. „Ich bin müde, hungrig und würde gern meine Sachen auspacken und ein heißes Bad nehmen, und ich bin nicht in der Stimmung, mich verspotten oder mir Unannehmlichkeiten bereiten zu lassen, Monsieur Alexander.“

„Und ich bin nicht in der Stimmung, Ihre Wutanfälle zu ertragen, Mademoiselle Durocher. Deswegen schlage ich vor, dass Sie sich zusammenreißen. Ihre Suite ist belegt, und damit basta. Die Familie, die gestern abreisen sollte, hat einen Sohn, der krank geworden ist und nicht reisen kann, und ich habe nicht die Absicht, sie aus der Suite zu werfen.“

Es war Jahre her, dass sie zum letzten Mal errötet war, aber nun schoss ihr das Blut ins Gesicht. „Es tut mir so leid“, erwiderte sie verlegen. „Natürlich hätte ich Verständnis dafür gehabt, wenn Sie es mir erklärt hätten.“

„Sie haben mir ja kaum die Gelegenheit gegeben.“ Zachary Alexander wandte sich an die Empfangsdame. „Was haben wir noch außer dem Zimmer im zweiten Stock?“

„Im Hauptgebäude nichts mehr.“

„Und was ist mit den Gästehäusern am See?“

„Die sind auch alle belegt. Sonst ist nur noch die Privatsuite in Ihrem Haus frei, Zach, aber normalerweise wohnt Eric dort in den Ferien.“

„Nun, da er nicht aufgetaucht ist und sich auch nicht bei mir gemeldet hat, wird Ms Durocher jetzt dort wohnen. Wenn er noch kommt, muss er mit dem Zimmer vorlieb nehmen, das sie nicht haben will. Bitte sagen Sie Paul, er soll ihre Sachen dorthin bringen, sobald er Zeit hat. Ich zeige ihr die Suite.“

Er nahm ihre Reisetasche und führte Claire durch eine zweite Flügeltür am hinteren Ende des Foyers nach draußen und einen gewundenen Pfad entlang, der zu den Gästehäusern am See führte und von Lichterketten zwischen den immergrünen Bäumen erhellt wurde.

„Hier entlang“, sagte er und bog nach rechts ab.

Wenige Minuten später kam sein Haus in Sicht. Es lag ein wenig abseits auf einer Landzunge direkt am Ufer und war von Koniferen umgeben. Es war T-förmig, hatte eine umlaufende überdachte Veranda und war sehr elegant. Wieder war Claire angenehm überrascht.

„Wir wohnen auf dieser Seite.“ Ihr Gastgeber deutete auf die hinteren zwei Drittel, „aber Sie haben den Rest des Gebäudes für sich.“

Sie folgte ihm eine Treppe hinauf auf die Veranda und wartete, als er eine Tür zur Linken aufschloss. Nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, gab er ihr den Schlüssel. „Leider gibt es nur ein großes Wohnzimmer mit einer kleinen offenen Küche, ein großes Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer und ein Bad mit Sauna. Ich hoffe, es ist nicht zu eng.“

Dann stellte er ihre Reisetasche auf die Schwelle und wandte sich zum Gehen.

„Einen Moment bitte, Monsieur“, sagte Claire und wünschte, sie würde nicht so kühl klingen. Doch wenn sie Englisch sprach und dabei noch nervös oder gestresst war, hörte es sich oft gestelzt und unfreundlich an.

„Ja?“

„Ich bin nicht so uneinsichtig, wie Sie glauben.“ Beschwichtigend berührte sie seinen Arm. „Und wenn ich den Eindruck erweckt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen. Wenn ein Kind krank wird, muss man natürlich Rücksicht nehmen.“

Zachary Alexander betrachtete ihre Hand und sah ihr dann in die Augen. „Genießen Sie Ihren Aufenthalt, Ms Durocher, und sagen Sie uns bitte Bescheid, wenn wir noch etwas zu Ihrem Wohlbefinden beitragen können.“

Sprachlos blickte sie ihm nach. Wie schade, dass ein so attraktiver Mann so ein Wesen hatte!

Als Zach zum Hauptgebäude zurückkehrte, waren noch mehr Gäste eingetroffen. Sie standen im Foyer, aber Sally hatte Verstärkung geholt und schien dem Ansturm gewachsen zu sein. Daher machte er sich auf den Weg in die Küche, die im Südflügel lag.

Im Haus war niemand gewesen. Also war Mel entweder noch nicht den Berg heruntergekommen, oder sie schnorrte gerade Essen bei Roberto, dem Küchenchef. Er hoffte, Letzteres wäre der Fall, denn in zehn Minuten würden die Skilifte schließen, und er hatte keine Lust, sich auf die Suche nach einer Dreizehnjährigen zu machen, die plötzlich beschlossen hatte, sich nicht mehr an die Regeln zu halten, die für andere galten.

Zach öffnete die Schwingtür und blickte in die Küche. Auf dem großen Edelstahlherd standen zahlreiche Töpfe, und auf dem Marmortresen kühlte auf Gittern Baguette ab, das frisch aus dem Ofen kam. Die junge Aushilfe, die bei der Zubereitung des Essens half, schnitt gerade Tomaten in Scheiben, und am hinteren Ende stand Roberto, der Küchenchef, und sprach gerade mit Simon, dem Weinkellner. Mel war jedoch nirgends zu sehen.

„Hat irgendjemand meine Tochter gesehen?“, fragte Zach.

„Sie war vor zehn Minuten hier“, sagte Robert. „Und wie immer völlig ausgehungert.“

Zach nickte. Er wunderte sich immer wieder darüber, dass Mel so viel aß und trotzdem dünn blieb. „Dann lasse ich Sie jetzt allein. Wir sind heute Abend ausgebucht. Also wenn Sie noch jemand brauchen, sagen Sie Bescheid.“

Im Foyer war inzwischen nicht mehr so viel los. McBride, sein Cowboy und Mädchen für alles, der Mensch, dem er am meisten vertraute, füllte gerade den großen Messingeimer neben dem Kamin mit Holzscheiten auf. „Wenn ich es nicht besser wüsste …“ Er schob seinen Stetson zurück und betrachtete ihn unter buschigen grauen Brauen. „… würde ich sagen, du siehst aus wie ein Mann, der Probleme mit einer Frau hat.“

„Da liegst du gar nicht so falsch“, erwiderte Zach finster. „Eine Jetset-Erbin mit Dauerschmollmund ist heute Nachmittag eingetroffen, und ich schätze, dass wir sie mehr zu sehen und zu hören bekommen werden, als uns lieb ist.“

„Erbin, hast du gesagt? Ist sie allein hier?“

„Ja.“

„Hässlich?“

Zach sah ein herzförmiges Gesicht mit großen grauen, von seidigen Wimpern gesäumten Augen, einem Kussmund und kleinen, perfekten Zähnen vor sich, langes dunkles Haar, feingliedrige Hände, schmale Schultern und einen zierlichen Fuß, der wütend aufstampfte. Schade, dass sie das Temperament einer Giftschlange hatte!

Er zuckte die Schultern. „Hab schon Schlimmere gesehen.“

McBride blickte ihn hoffnungsvoll an. „Ja? Ist sie zufällig auf der Suche nach einem Ehemann?“

„Du bist zweifellos ein Prachtkerl“, meinte Zach lächelnd, „aber sie könnte deine Tochter sein.“

„Man kann ja mal fragen“, sagte der alte Cowboy. „Vielleicht solltest du ein Auge auf sie werfen.“

Zach wurde ernst. „Eher gefriert die Hölle!“

McBride verzog den Mund und kaute einen Moment auf seinem Schnurrbart. „Mit achtunddreißig solltest du eigentlich noch nicht so in deinen Gewohnheiten festgefahren sein, Zach. Jenny ist jetzt fast sechs Jahre tot, und deine kleine Tochter braucht eine Mama. Wenn Jenny noch leben würde, hätte sie Melanie schon Schliff beigebracht und dafür gesorgt, dass sie ab und zu mal einen Rock anzieht, statt immer nur in Jeans und deinen abgelegten Pullovern rumzulaufen.“

Doch Jenny lebte nicht mehr, und obwohl er, Zach, den Schock über ihren unerwarteten Tod inzwischen einigermaßen überwunden hatte, konnte er sich nicht vorstellen, dass einmal eine andere Frau ihren Platz einnehmen würde, am allerwenigsten diese Durocher. Jenny war sanft und geduldig gewesen und hatte sich überall engagiert, ob sie nun Anfängern Skiunterricht gegeben, am Empfang oder in der Küche ausgeholfen hatte. Und sie war eine treue Ehefrau und eine wundervolle Mutter gewesen.

„Mel hat noch viel Zeit, bis sie sich Gedanken darüber machen muss, wie man sich in Gesellschaft benimmt.“ Zach wünschte, er wäre so zuversichtlich, wie er klang. Noch vor einem Jahr hatte er nicht daran gezweifelt, dass er in der Lage war, seine Tochter zu erziehen, denn sie war mit dem Leben hier zufrieden gewesen.

Er hatte ihr einen eigenen Computer geschenkt, sie an einer Fernschule angemeldet und ihr bei den Hausaufgaben geholfen. Er hatte ihr das Ski- und Schlittschuhfahren und das Schwimmen beigebracht, McBride das Reiten und Billardspielen. Ihre Tage waren abwechslungsreich gewesen, und es hatte so ausgesehen, als würde es ihr nichts ausmachen, keine gleichaltrigen Freundinnen zu haben.

Seit dem Sommer lag sie ihm jedoch damit in den Ohren, dass sie zur Schule gehen wollte, und sie schien auch nicht mehr so erpicht darauf zu sein, ihre Freizeit mit ihm zu verbringen. In diesem Winter waren sie nicht ein einziges Mal zusammen Ski gelaufen. Entweder las Mel in irgendwelchen Zeitschriften, oder sie ging allein weg. Manchmal beobachtete er, wie sie sich leise mit Sally unterhielt, aber wenn er auf sie zukam, machte sie sofort dicht.

Er hatte immer gewusst, dass einmal die Zeit kommen würde, da Mel mit einer Frau über … Frauensachen sprechen wollte. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass es so bald sein würde.

„Sie ist erst dreizehn, verdammt!“

„Falls du es nicht wissen solltest, mein Sohn, das ist das Alter, in dem es so richtig losgeht. Soweit ich weiß, ist es ein Full-Time-Job, mit Teenagern fertig zu werden, auch wenn man nicht alleinerziehend ist.“

Das Foyer füllte sich wieder, weil Happy Hour war. Zach reckte den Hals und blickte zum Gesellschaftsraum, wo das Personal gerade eine Auswahl an warmen und kalten Horsd’oeuvres bereitstellte. Charlie und Walter, die Barkeeper, hatten bereits Position bezogen.

„Ich werde mir auf keinen Fall eine Frau suchen, nur damit Mel Vater und Mutter hat“, erklärte Zach. „So, ich ziehe mich jetzt um. Falls du sie siehst, sag ihr, dass sie so bald wie möglich nach Hause kommen soll.“

Als er draußen war, stellte er fest, dass der Wind nachgelassen und es zu schneien begonnen hatte. Aus den Lautsprechern unter dem Dachvorsprung erklang leise Weihnachtsmusik, der Schnee funkelte im Schein der Lichterketten an der Dachrinne und über dem Verandageländer, und es roch nach Holzfeuer.

Zach atmete tief durch. Bis zum nächsten Tag sollte es aufklaren, es war der achtzehnte Dezember, und in drei Tagen würde mit der traditionellen Schlittenfahrt bei Mondschein das Ferienprogramm beginnen. Er hatte jetzt Besseres zu tun, als sich um einen pingeligen Gast zu kümmern.

Zach schlug den Kragen seiner Jacke hoch und ging den Pfad zu seinem Haus entlang. Dabei dachte er über sein Gespräch mit McBride nach. Ging er falsch in der Annahme, dass er Mel die Mutter ersetzen konnte? Vermisste sie Jenny mehr, als ihnen beiden bewusst war?

Die Hunde liefen voran, zuerst Lily, dann Blanche. Als er um die letzte Biegung kam, stellte er erleichtert fest, dass in dem Teil des Hauses, den er bewohnte, Licht brannte. Melanie war also schon da. Schade nur, dass das andere Drittel ebenfalls hell erleuchtet war. Selbst Eric, sein verrückter Schwager, wäre ihm als Nachbar lieber gewesen als Claire Durocher.

Laute Weihnachtsmusik, unterbrochen von gelegentlichem Lachen, drang aus dem Haus. Seine Tochter war zu Hause, daran bestand kein Zweifel! Am besten riet er ihr, die Musik in den nächsten Tagen nicht ganz so laut aufzudrehen.

Zach stampfte mit den Füßen auf, um seine Schuhe vom Schnee zu befreien, und öffnete die Haustür. Er hatte damit gerechnet, dass Melanie vor dem Fernseher lag, doch sie war nicht im Wohnzimmer, das sich am anderen Ende der Eingangshalle befand.

Erst jetzt stellte er fest, dass die Musik von nebenan kam – ebenso wie das Lachen. Und es war nicht nur seine Tochter, die lachte, sondern auch Claire Durocher.

Verdammt! Es sah so aus, als würde er Claire Durocher an diesem Tag noch einmal begegnen.

Zach stöhnte verzweifelt auf, knallte die Haustür zu und stürmte zur Tür seiner Nachbarin.

2. KAPITEL

In vieler Hinsicht erinnerte das Mädchen sie, Claire, an sich, als sie im selben Alter gewesen war – ein kleiner Wildfang, unter dessen rauer Schale sich ein weicher Kern verbarg.

„Oh verdammt!“, hatte sie gesagt, als sie auf ihr Klopfen hin die Tür geöffnet hatte. „Sie sind nicht Eric.“

„Nein. Zumindest war ich es nicht, als ich das letzte Mal in den Spiegel gesehen habe.“

Das Mädchen hatte die Schultern sinken lassen und sich abgewandt. „Dann entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört hab.“

„Bitte warte. Ich kenne hier niemanden, und du bist mein erster Besucher.“

„Ich darf die Gäste nicht stören.“

„Du störst mich aber nicht.“ Claire streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Claire Durocher.“

Das Mädchen errötete und reichte ihr die nicht ganz saubere Hand. „Melanie“, erwiderte sie leise und betrat auf ihr Drängen hin die Suite.

Sie, Claire, hatte gelernt, es sich überall gemütlich zu machen. Nachdem sie ihre Sachen ausgepackt und in den Schrank im Ankleidezimmer gehängt und ihre Kosmetika ins Bad gestellt hatte, hatte sie sich das Wohnzimmer vorgenommen. Jetzt brannten Kerzen auf dem niedrigen Tisch vor dem Kamin, der auch zum Schlafzimmer hin offen war.

Sie hatte die dunkelroten Vorhänge zugezogen, noch einen Holzscheit aufgelegt und ihr royalblaues Umhängetuch aus Mohair über eine Armlehne des Ledersofas gehängt. Die Suite war zwar sehr luxuriös ausgestattet und gemütlich – man hatte sogar Blumen und frisches Obst hingestellt –, doch es hatte eine persönliche Note gefehlt.

Trotzdem fühlte Melanie sich immer noch unwohl. Sie spielte mit dem Saum ihres viel zu großen Pullovers, während sie sich ein wenig ängstlich umblickte.

Es war mehr als sechzehn Jahre her, seit sie, Claire, dieselbe Angst und Unsicherheit verspürt hatte. Nie hatte sie gewusst, ob sie in den beiden Zimmern, die ihr Zuhause waren, wirklich willkommen war oder ob sie lieber draußen warten sollte, bis der jeweilige „Freund“ ihrer Mutter gegangen war. Allerdings erinnerte sie sich noch genau daran, und sie bezweifelte, dass sie es je vergessen würde. „Leg doch eine CD auf, dann mache ich uns etwas zu essen“, sagte sie. „Und such etwas heraus, was dir gefällt.“

„Okay.“

Claire betrat die offene Küche, in der es eine Weinbar mit einem Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine Cappuccinomaschine und eine kleine Spüle gab. Auf einem Bord standen Weingläser und Becher, und in einem Schrank neben dem Kühlschrank fand sie eine Auswahl an aromatisiertem Kaffee und Schokolade und verschiedene Snacks.

Claire begutachtete den Inhalt des Kühlschranks. „Wir könnten einen Preiselbeercocktail machen, ja?“

Melanie sah von den CDs auf und kicherte. „Sie haben eine komische Aussprache.“

„Na ja, ich bin Französin, aber ich hoffe, du verbesserst mich, wenn ich Fehler machte.“ Claire goss Preiselbeersaft in zwei Kelchgläser, stellte diese zusammen mit einer Schale Nüssen auf ein kleines silbernes Tablett und ging damit zum Kamin. Ein Glas reichte sie Melanie. „Hier, auf eine schöne Zeit mit meiner neuen Freundin Melanie. Joyeux noël, ma chère.“

„Bestimmt haben Sie nicht viel Zeit für mich, wenn die Partys beginnen.“

„Heißt das, es gibt in Topaz Valley keine Partys für junge Ladys?“

„Na ja, am ersten Weihnachtstag kommt der Weihnachtsmann für die Kinder, aber das ist McBride mit einem Kissen unter dem Mantel.“ Nachdenklich blickte Melanie in ihr Glas. „Als meine Mom gestorben ist, hab ich nicht mehr an den Weihnachtsmann geglaubt, und jetzt hass ich Weihnachten beinah, weil ich mich so einsam fühl. Ich wär lieber mit unseren beiden Hunden allein.“

Claires Herz krampfte sich zusammen. Selbst der Tod einer lieblosen Mutter hinterließ im Leben eines Kindes eine Lücke, wie sie aus eigener Erfahrung wusste. Doch wie schlimm musste der Verlust einer Mutter sein, die ihr Kind so mit Liebe überschüttet hatte, wie Melanies Mutter es offenbar getan hatte?

„Diesmal wird es anders sein, das verspreche ich dir. Diesmal werden wir Spaß haben.“ Claire nahm Melanie das Glas ab und zog sie hoch. „Komm, zieh deine Schuhe aus, und lass uns tanzen.“

Nachdem sie einen Moment gezögert hatte, lachte Melanie, und ihre Augen begannen zu funkeln.

Wieder krampfte Claires Herz sich zusammen. Wie leicht Melanie zu begeistern war! Sie hätte alles darum gegeben, selbst eine Tochter wie sie zu haben, jemand, den sie verwöhnen und lieben und mit dem sie ganz besondere Momente verbringen konnte, denn all das hatte sie bei ihrer Mutter vermisst.

Doch das war nicht möglich, solange sie nicht den Richtigen gefunden hatte. Und eine flüchtige Affäre, aus der ein Kind hervorging, kam für sie nicht infrage. Erst musste sie heiraten, und zwar aus Liebe.

Schnell blinzelte Claire die aufsteigenden Tränen zurück und streckte Melanie die Hände entgegen. „Komm, Liebes, tanzen wir.“

Sie hüpften bis zum anderen Ende des Raumes und wieder zurück, stolperten dabei ab und zu und lachten laut, bis ein Klopfen an der Tür sie veranlasste, stehen zu bleiben. „Was habe ich dir gesagt? Jemand will bei unserer Party mitmachen. Stell die Musik etwas leiser, und trink etwas, chérie. Ich sehe nach, wer da ist.“

Es war Zachary Alexander, und er musterte sie finster. Entschlossen, sich von seiner schlechten Laune nicht einschüchtern zu lassen, lächelte sie und sagte: „Wie schön, Sie so bald wieder zu sehen, Mr Alexander. Möchten Sie nicht hereinkommen?“

„Das ist ein Höflichkeitsbesuch, Miss Durocher.“

Sie öffnete die Tür weiter und bedeutete ihm einzutreten. „Was immer Sie herführt, könnten wir wenigstens drinnen darüber sprechen, wo es warm ist?“

„Wenn Sie die Kälte nicht mögen“, erwiderte er, während er ihr ins Wohnzimmer folgte, „warum verbringen Sie das Weihnachtsfest dann ausgerechnet hier? Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass es nicht die Tropen sind.“

„Ah, oui, das ist selbst mir klar gewesen.“ Es fiel ihr schwer, Humor zu bewahren. „Aber sicher sind Sie nicht hergekommen, um mir Geografieunterricht zu geben. Also, was kann ich für Sie tun? Haben Sie nun doch entschieden, dass ich nicht in dieser Suite wohnen soll?“

„Oh … oh“, sagte Melanie, die in der Mitte des Raumes stand, in einem Tonfall, der vor bevorstehendem Ärger warnte.

Als Zachary Alexander den Blick zu Melanie schweifen ließ, bemerkte Claire die Ähnlichkeit zwischen den beiden, denselben sturen Zug um den Mund. „Ich bin hier, um meine Tochter abzuholen.“ Er sah sich im Raum um und bemerkte Melanies Schuhe, die Schale mit Nüssen und die Kelche. „Sie weiß, dass sie den Gästen nicht zur Last fallen soll.“

„Sie fällt mir ganz bestimmt nicht zur Last“, erklärte Claire entschlossen. „Ich habe Melanie eingeladen, und wir würden uns beide sehr freuen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten würden.“

„Nein danke.“ Er wandte sich um und sagte dabei: „Zieh deine Schuhe an, und lass uns gehen, Mel. Ich muss in einer halben Stunde wieder im Hotel sein.“

Seine Schritte hallten auf der Veranda wider – ein sicheres Zeichen dafür, dass er vor Wut kochte, sonst hätte er nicht so mit den Füßen aufgestampft. Wenige Sekunden später knallte seine Haustür zu. Der Mann war wirklich Furcht einflößend! Seine Tochter hingegen wirkte todunglücklich, als sie ihm folgte.

Kein Wunder! Ständig sich selbst überlassen zu sein und nur zwei Hunde zur Gesellschaft zu haben war doch kein Leben für ein Kind.

„Solange ich nebenan wohne, wird sich einiges ändern, ma petite“, sagte Claire, als sie das Tablett in die Küche brachte. „Du wirst froh sein, wenn Weihnachten vorbei ist und ich abreise.“

Sie wusste jedoch, dass es nicht stimmte. Das Mädchen sehnte sich verzweifelt nach Zuneigung, nach jemandem, der sie in den Arm nahm. Genau wie ich, dachte sie. Das Bedürfnis nach Liebe verschwindet nie, aber ich bringe es nicht übers Herz, es dir zu sagen. Leider wirst du es bald selbst erfahren.

Die Happy Hour war in vollem Gange, als Zach den Gesellschaftsraum betrat, und dem Geräuschpegel nach zu urteilen, amüsierten die Gäste sich hervorragend. Das war immer ein gutes Zeichen, denn wie er aus Erfahrung wusste, war ein erfolgreiches Unterhaltungsprogramm der entscheidende Faktor dafür, dass das Hotel schwarze Zahlen schrieb. Ihm war allerdings nicht nach Feiern zumute, und als er den Grund für seine neueste Auseinandersetzung mit seiner Tochter erblickte, verschlechterte seine Laune sich noch.

Claire Durocher lehnte am hinteren Ende der Bar. Sie trug einen eng anliegenden, rückenfreien Overall aus schwarzem Glitzerstoff mit einem fast unanständig tiefen V-Ausschnitt.

Das Haar hatte sie hochgesteckt, um ihren langen, schlanken Hals zu zeigen, und die diamantbesetzten Kreolen, die sie trug, schwangen jedes Mal hin und her, wenn sie den Kopf wandte. Und das tat sie ziemlich oft und klimperte dabei mit den Wimpern, weil alle Männer sie anstarrten. Selbst McBride, der am anderen Ende der Bar saß und einen Grog trank, machte sich zum Affen.

„Wenn du sie weiter so verliebt anstarrst, läuft dein Schnurrbart noch ein“, sagte Zach angespannt.

„Das ist eine Frau“, erwiderte McBride, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Zach sah verstohlen in ihre Richtung. Sie gestikulierte gerade, um mit ihrem Diamantarmband zu protzen. „Die ist doch hohl im Kopf.“

Er setzte sich auf einen Hocker und winkte den Barkeeper zu sich. „Geben Sie mir einen Scotch, Charlie. Und bevor du noch etwas sagst …“, fuhr er an McBride gewandt fort. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich um diese Zeit normalerweise nichts trinke, aber ich habe mich wieder mit Mel gestritten, und das ihretwegen.“ Er deutete mit einem Nicken in Claire Durochers Richtung, aber sie hatte offenbar gemerkt, dass er über sie sprach, denn sie sah ihn an.

Die Hintergrundgeräusche waren plötzlich seltsam gedämpft, als hätten alle außer ihnen beiden den Raum verlassen. Claires Miene wurde ernst und für seinen Geschmack viel zu nachdenklich. Zu spät wurde ihm klar, dass Claire nicht hohl im Kopf war, und jetzt arbeitete ihr Verstand auf Hochtouren.

Zach trank einen Schluck Scotch, doch es war nichts im Vergleich zu dem Feuer, das in ihm brannte. Man muss sie an die Kandare nehmen, dachte er wütend. Was fiel ihr ein, hier aufzutauchen und alles auf den Kopf zu stellen? Und was war bloß mit ihm los? Sein Verstand sagte ihm, dass sie in seinem Leben nichts zu suchen habe, aber sein Körper sprach eine ganz andere Sprache.

Zach fluchte leise und leerte sein Glas. „Ich gehe in den Südflügel, um mich zu vergewissern, dass der Zeitplan eingehalten wird“, sagte er zu McBride. „Du kannst hier die Stellung halten – vorausgesetzt, du bist in der Lage, dich auf deine Arbeit zu konzentrieren.“

„Wann habe ich dich je im Stich gelassen, Zach?“, fragte McBride freundlich.

Claire Durocher hatte den Blick inzwischen abgewandt, und Zach ging in den Speisesaal.

Poliertes Kristall und Silber schimmerten im Schein des Kaminfeuers, und neben jedem Teller stand eine gestärkte Serviette. Die Kerzenleuchter auf den Tischen waren von Arrangements aus Chrysanthemen und Stechpalmenzweigen umgeben, und auf dem Sideboard aus massivem Rosenholz, das er auf einer Auktion erstanden hatte, befanden sich Servierplatten aus Sterlingsilber. Eine vier Meter hohe Edeltanne mit Christbaumkerzen in einer Fensternische sorgte für weihnachtliche Stimmung.

Dieser Luxus war es, der den Ruf von Topaz Valley begründete. Es gab viele Skihotels für ein weniger anspruchsvolles Publikum, doch er, Zach, wusste, dass es sich für seine Gäste lohnen musste, wenn sie den Weg zu diesem abgelegenen und schönen Ort auf sich nahmen.

Zufrieden mit seinem Erfolg, betrat er durch die Schwingtür am hinteren Ende des Speisesaals den Raum, in dem das Geschirr aufbewahrt wurde und der zur Küche führte. Auf einer Tafel, die an einem Schrank lehnte, war das Menü aufgelistet: Krabbensuppe mit Baguette, gebratenes Rebhuhn in Orangensoße und mit Wildreis, gefülltes Gebäck, Pfirsichkompott und verschiedene Käsesorten mit frischem Obst.

Als Friedensangebot hatte er Mel eingeladen, mit ihm im Speisesaal zu Abend zu essen, doch sie hatte behauptet, sie sei nicht hungrig, wenn sie es auch nicht ganz so höflich ausgedrückt hatte. Da er sich durchaus im Recht fühlte, hatte er ihr Käsesandwiches gemacht und sie allein gelassen. Sollte sie doch zu Hause schmollen! Trotzdem war es schade, dass sie die Krabbensuppe nicht probieren konnte …

„Oh verdammt!“ Verzweifelt füllte Zach Suppe in eine Schale, nahm sich etwas Brot, Käse und Obst und stellte alles auf ein Tablett. „Wenn ich im Beruf auch so unentschlossen wäre, würde ich bald Bankrott machen“, sagte er leise vor sich hin und ging zur Tür.

Aber Kindererziehung war nun einmal nicht so einfach, und er fragte sich zunehmend, ob er der Aufgabe, eine Tochter allein großzuziehen, gewachsen war. Schließlich war er nicht gerade berühmt für seine Kenntnis der weiblichen Psyche.

Es schneite immer noch, als er wenige Minuten später nach draußen ging, und die Luft war ganz klar und duftete nach Tannen und Holzfeuer.

Zach blieb einen Moment oben auf der Treppe stehen, um die friedliche Atmosphäre zu genießen. Dafür hatte er die letzten zwölf Jahre gearbeitet, und er würde sich das Weihnachtsfest durch nichts und niemanden verderben lassen.

Am bequemsten erreichte man sein Haus über den Weg, der für die Besucher immer geräumt wurde, am schnellsten jedoch, wenn man die Abkürzung zwischen den Bäumen hindurch nahm.

Im Vorbeigehen klopfte Zach an das Wohnzimmerfenster und rief: „Ich bin’s nur, Schatz.“

„Warum bist du schon wieder hier?“, fragte Mel, als sie ihn durch den Seiteneingang hereinließ. „Ich dachte, du wolltest im Hotel essen.“

„Ich habe dir was mitgebracht.“ Er stellte das Tablett auf den Küchentisch.

„Nein danke.“ Sie warf kaum einen Blick darauf, sondern kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte sich wieder vor den Fernseher. „Ich hab schon gegessen.“

„Komm schon, Mel, sieh es dir wenigstens an“, beharrte er, entschlossen, die Kluft zwischen ihnen nicht noch zu vergrößern.

„Ich hab wirklich keinen Hunger, Dad.“ Mel deutete auf den leeren Teller neben sich. „Claire hat mir was von der Cocktailparty vorbeigebracht.“

„Und warum hielt sie das für nötig?“, erkundigte er sich ruhig.

„Sie hatte Mitleid mit mir, weil ich ganz allein war. Sie denkt, ich hab zu wenig Abwechslung.“

„Tatsächlich?“ Sein Blutdruck stieg bedrohlich an. „Und denkt sie auch, du bist halb verhungert? Hat sie dir deswegen etwas zu essen gebracht?“

Sie zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass du keine Fremden ins Haus lässt.“

„Sie ist keine Fremde, sondern meine Freundin.“

„Das kannst du gar nicht wissen. Du kennst sie doch kaum.“

„Das hat damit nichts zu tun, Dad. Mit manchen Leuten versteht man sich eben auf Anhieb.“

Junge! dachte Zach und strich sich hilflos durchs Haar. „Wir werden morgen darüber reden. Vorerst versprichst du mir, dass du heute Abend niemandem mehr öffnest. Ich komme nicht so spät zurück.“

Mel verdrehte die Augen. „Wahrscheinlich soll ich auch um neun im Bett liegen, oder?“

„Wenn du so weitermachst, liegst du um acht im Bett.“

Plötzlich schimmerten Tränen in ihren Augen, und ihre Lippen bebten. „Andererseits“, lenkte er daraufhin ein, „ist Weihnachten, und ich habe gesagt, dass du bis zehn aufbleiben darfst. Aber übertreib es nicht, okay?“

„Okay, Daddy.“

Als Zach zum Hotel zurückkehrte, fragte er sich, ob es noch ein Wort im Englischen gab, das das Herz eines Mannes so erweichte wie das Wort „Daddy“. Er würde alles für seine kleine Tochter tun. Doch er würde nicht tatenlos zusehen, wie die Wichtigtuerin von nebenan sich zwischen Mel und ihn drängte.

Der Gesellschaftsraum leerte sich zusehends, weil die Gäste in den Speisesaal gingen, und er fing Claire Durocher gerade noch ab. „Einen Moment, Miss Durocher. Ich möchte Ihnen etwas sagen.“

„Wirklich?“, fragte sie so überrascht, als könnte er nicht zwei Worte aneinanderreihen.

Aus der Nähe wirkte ihr Overall gar nicht mehr so gewagt, nur sehr … hübsch. Zach räusperte sich. „Ja. Vor allem möchte ich wissen, warum Sie sich dazu bemüßigt fühlen, an der Erziehung meiner Tochter teilzuhaben.“

Sie hatte die außergewöhnlichsten Augen, die er je gesehen hatte. Groß, grau und von dichten Wimpern gesäumt, waren sie das Ausdrucksvollste in ihrem Gesicht.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Dann lassen Sie mich noch deutlicher werden. Mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten ein, vor allem was Melanie betrifft.“

Claire Durocher blinzelte. „Weil ich Sie in meine Suite eingeladen habe oder weil ich meine vorzüglichen Horsd’oeuvres mit ihr geteilt habe?“

„Beides“, erwiderte er scharf.

„Aber warum nur?“

„Erstens ist es lächerlich, dass ein Gast sich verpflichtet fühlt, eine Veranstaltung zu verlassen, weil er sich um das Kind von jemand anders kümmern möchte. Und zweitens …“

„Ich bin aber nicht aus dem Grund gegangen. Ich hatte mein Umhangtuch vergessen und bin zurückgegangen, um es zu holen.“

Deswegen sah der Overall plötzlich anders aus! Das Umhangtuch, das sie sich über die Schultern gelegt hatte, bedeckte ihren gewagten Ausschnitt. „Verstehe“, meinte Zach nur.

„Tatsächlich?“ Claire Durocher lachte. „Sie sehen mich so misstrauisch an, als befürchteten Sie, ich könnte Ihre Kleine verderben. Aber ich versichere Ihnen, dass es nur ein spontaner Einfall war, ihr etwas zu essen mitzunehmen, und ich bestimmt nicht vorhatte, Ihnen so viel Kummer zu machen.“

Sie vermittelte ihm das Gefühl, dass er ein Bauerntölpel war, der keine Ahnung hatte, wie man sich Frauen gegenüber benahm, und das passte ihm nicht. Er legte ihr die Hand auf den Rücken und führte sie zum Speisesaal. „Dann tun Sie mir einen Gefallen, und vergessen Sie in Zukunft Ihre spontanen Einfälle, Miss Durocher. Sie sind hier, um sich zu erholen, und nicht, um die Verantwortung für meine Tochter zu übernehmen.“

„Ich bin gern mit ihr zusammen.“

„Darum geht es nicht.“

„Ach nein?“, erkundigte sie sich zuckersüß. „Worum dann, Mr Alexander?“

„Wenn ich einen Babysitter benötige, brauche ich keine Fremde um Hilfe zu bitten. Ach, noch etwas. Ihre Suite hat keinen eigenen Safe. Obwohl meine Mitarbeiter äußerst vertrauenswürdig sind, rate ich Ihnen, Ihren Schmuck im Bürosafe zu deponieren, wenn Sie ihn nicht tragen. Die Hotelleitung übernimmt keine Verantwortung, wenn die Gäste Wertsachen herumliegen lassen.“

Unerklärlicherweise lachte Claire Durocher wieder und hielt ihm die Hand unter die Nase, an der sie das Armband trug. „Meinen Sie das hier?“

Vermutlich war sie so reich, dass es ihr völlig egal war, wenn sie versehentlich einige Diamanten die Toilette hinunterspülte. Doch sie sollte ja nicht auf die Idee kommen, ihn dafür verantwortlich zu machen. „Wie Sie wollen, Miss Durocher“, sagte Zach. „Aber vergessen Sie nicht, dass Sie sich damit selbst schaden.“

Mon dieu, dachte Claire und fröstelte, als sie Zachary Alexander hinterherblickte. Der Mann ist ja kälter als das Wetter und obendrein verrückt. Doch vermutlich behandelte er nicht alle Gäste so, sonst wäre er nicht so erfolgreich gewesen.

Während des Abendessens beobachtete sie ihn verstohlen. Er saß einige Tische von ihr entfernt, und sie konnte zwar nicht hören, was er sagte, sah aber, wie er die anderen mit seinem Lächeln und seinem Esprit in den Bann schlug.

Es berührte sie seltsam. Schließlich war er ein Fremder und würde es auch bleiben, aber dass er sie so zurückwies, verletzte sie, denn es erinnerte sie an ihre Kindheit.

Entschlossen richtete Claire ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Leute an ihrem Tisch. Sie war nicht so weit gereist, um sich den Aufenthalt von einem Mann verderben zu lassen. Wenn er ihr gegenüber nicht höflich sein und ihr ihre übereilte Reaktion beim Einchecken verzeihen konnte, würde sie ihn ignorieren – falls es ihr gelang.

Nur leider war er ein Mann, den man nicht so leicht übersah. Und sie war auch nicht die Einzige, die so dachte. Nach dem Essen ging er von Tisch zu Tisch und fragte die Gäste, ob das Menü ihren Erwartungen entsprochen hätte. Während die Männer ihm großen Respekt entgegenbrachten, betrachteten die allein stehenden Frauen ihn mit unverhohlenem Verlangen, berührten ihn wie zufällig am Arm und lächelten verführerisch. Und er registrierte diese Gesten, ohne den Frauen Hoffnungen zu machen. Als er jedoch zu ihrem Tisch kam, würdigte er sie keines Blickes.

Er kann also charmant sein, dachte Claire, verärgert über sein unhöfliches Verhalten. Er wollte nur ihr gegenüber nicht charmant sein.

Aber sie würde ihn dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Noch ehe Weihnachten vorbei war, würde er feststellen, dass Claire Durocher nicht das egozentrische, strohdumme Geschöpf war, für das er sie hielt. Wenn sie Topaz Valley verließ, würde er sie respektieren und vielleicht sogar bewundern. Womöglich würde er sogar bedauern, dass sie abreiste!

3. KAPITEL

Eigentlich hätte sie in dieser Nacht tief und lange schlafen müssen, denn es war gemütlich warm und ganz still. Außerdem war sie von der langen Reise erschöpft und hatte sich noch nicht an den Zeitunterschied von neun Stunden gewöhnt.

Stattdessen wachte Claire vor Sonnenaufgang auf und war putzmunter. Und warum? Weil Zachary Alexander sie am Abend beinah geküsst hatte.

Beinah …

Claire hatte es so eingerichtet, dass sie das Hotel zur selben Zeit verließ wie Zachary Alexander, und da sie, wie er widerstrebend eingeräumt hatte, unmittelbare Nachbarn waren, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sie zu begleiten.

„Passen Sie auf, dass Sie nicht ausrutschen“, warnte er sie, als sie die Stufen hinuntergingen. „Es ist spiegelglatt.“

Kein Wunder! Der Wind hatte nachgelassen, doch die Luft war immer noch eiskalt. Obwohl sie einen knöchellangen Mantel mit Steppfutter trug, fröstelte Claire. Sie schlug den Kragen hoch und betrachtete ihren Begleiter.

Die Kälte schien ihm nichts auszumachen, und er ging mit undurchdringlicher Miene neben ihr her.

Claire hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. „Das Essen war ausgezeichnet“, sagte sie.

„Ja.“

„Das Rebhuhn war besonders lecker.“

„Hm.“

„Die Lichterketten in den Bäumen …“ Sie schlitterte ein bisschen, da es an dieser Stelle besonders glatt war. „… sind sehr hübsch, finden Sie nicht?“

Er stieß einen unverständlichen Laut aus und seufzte verzweifelt. Das brachte sie auf die Palme.

„Wie kommt es, dass Sie sich mit den anderen so angeregt unterhalten und mir so wenig zu sagen haben, Mr Alexander? Bin ich so schlimm?“

Zachary Alexander musterte sie von Kopf bis Fuß. „Ich hege keinerlei Gefühle für sie, Miss Durocher, weder positive noch negative.“

Claire lachte. „Und auf dem Mond wachsen Rosen.“

„Glauben Sie, ich lüge?“

„Vielleicht. Vielleicht haben Sie auch Angst vor mir.“

Jetzt lachte er ebenfalls. Es klang so spöttisch, dass sie zusammenzuckte. „Warum sollte ich Angst vor Ihnen haben?“

„Weil ich Ihren Seelenfrieden störe“, erwiderte sie schnell. „Weil ich Ihre Autorität infrage stelle und vor allem weil ich Sie ablenke. Sie tun so, als würden Sie mich nicht bemerken, aber Sie beobachten mich die ganze Zeit – wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird.“

Diesmal klang sein Lachen echt. „Das bilden Sie sich ein, Miss Durocher.“

„Und Sie sagen ‚Miss‘ zu mir, obwohl Sie alle anderen Gäste mit ihren Vornamen ansprechen.“

„Sie sagen ‚Mister‘ zu mir“, höhnte er. „Bedeutet das, dass Sie auch von mir angezogen werden wie die Motten vom Licht?“

Inzwischen hatten sie das Haus erreicht. Die Verandastufen waren so glatt, dass Claire ausrutschte und das Gleichgewicht verlor. Und da Zachary Alexander im Grunde seines Herzens ein Gentleman war, hielt er sie fest.

Doch er tat es offenbar nicht gern, denn er schob sie abrupt wieder weg. Daraufhin verloren sie beide das Gleichgewicht, stießen zusammen und landeten in dem tiefen Schnee, der neben dem Weg aufgehäuft war.

Es tat überhaupt nicht weh, weil der Schnee ganz weich war und sie wie eine weiche Wolke umgab. Zachary Alexander versuchte aufzustehen, aber sosehr er sich auch bemühte, er fand keinen Halt.

„Das haben Sie mit Absicht gemacht!“, rief er wütend, als Claire kicherte.

Sie setzte eine betroffene Miene auf. „Wie denn? Sie sind so groß und stark, und ich bin nur eine schwache kleine Frau! Sie schmeicheln mir, Zachary.“

Sie lagen so dicht zusammen, dass sein Atem ihre Wange streifte. So dicht, dass Claire sah, wie Zachary Alexanders Blick auf ihren Lippen ruhte.

Eine seltsame Sehnsucht überkam Claire. In diesem Moment hätte sie Zachary Alexander seine Verdrießlichkeit verzeihen können und es vielleicht gewagt, ihm ihre verletzliche Seite zu offenbaren, wenn er ein wenig Zärtlichkeit gezeigt hätte.

Doch er tat es nicht. Stattdessen rappelte er sich auf und erklärte unwirsch: „Sparen Sie sich die Masche für einen anderen Narren. Bei mir erreichen Sie damit nichts.“

„Zut!“, rief sie und spuckte einen Mund voll Schnee aus. „Ich habe nur Spaß gemacht, verdammt! Ist das ein Grund, mich hier liegen zu lassen, damit ich erfriere? Selbst Sie würden so etwas nicht tun, oder?“

Er atmete scharf aus, sodass sie sich einen Moment fragte, ob er sie vielleicht begraben würde, in der Hoffnung, dass niemand sie vor der Schneeschmelze im Frühling finden würde. Aber er bückte sich sichtlich frustriert, nahm ihre Hand und zog sie hoch, und zwar so schwungvoll, dass sie gegen ihn prallte.

Eine kleine Ewigkeit standen Zachary und sie so dicht voreinander, dass sie selbst durch die dicke Kleidung seinen Herzschlag spürte. Oder war es ihr eigenes Herz, das Amok lief? Denn aus der Nähe war er noch schöner als aus der Ferne.

Ich könnte es genießen, von ihm geküsst zu werden, dachte Claire verträumt und schmiegte sich an ihn. Wie schwer ihre Lider und ihre Arme und Beine plötzlich waren!

Sein Mund war ihrem so nah, dass sein Gesicht ihr vor den Augen verschwamm. Fast glaubte sie, seine Lippen auf ihren zu spüren. Sie ging sogar so weit, die Hand zu heben, um seine Wange zu streicheln.

Misstrauisch, wie er war, erkannte Zachary allerdings die Gefahr und wich zurück. „Warum mussten Sie hierher kommen? Warum sind Sie nicht in der Schweiz geblieben? Je weiter weg, desto besser.“

Claire zuckte zusammen. „Was haben Sie eigentlich gegen mich?“

„Als wüssten Sie das nicht!“ Eine tiefe Röte überzog seine Wangen. „Halten Sie sich von mir fern, bevor ich Ihnen gebe, was Sie wollen“, sagte er unwirsch und eilte trotz der Glätte die Treppe hinauf, wobei er immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Ohne abzuwarten, ob sie wohlbehalten in ihre Suite gelangte, verschwand er im Haus, als würde er einem grausamen Schicksal entfliehen …

Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte halb sieben. Claire stand auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und ging ins Wohnzimmer.

Das Feuer war zwar heruntergebrannt, doch es war noch genug Glut vorhanden, dass sie es neu entfachen konnte. Sie legte einen Holzscheit nach, schaltete die Stereoanlage und anschließend die Kaffeemaschine an, da es erst in einer Stunde Frühstück geben würde. Dann ging sie unter die Dusche.

Als sie eine Dreiviertelstunde später wieder das Wohnzimmer betrat, brannte das Feuer, und es duftete nach Kaffee. Sie schenkte sich eine Tasse ein, ging zum Fenster und zog die Gardinen auf.

„Ist das schön!“, flüsterte sie und blickte erstaunt nach draußen.

Über Nacht hatte es aufgeklart, und der Himmel war blassrosa. Diese Seite des Hauses lag, wie Claire jetzt feststellte, zum zugefrorenen See hinaus. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber die Gipfel der Bergkette im Osten schimmerten rosa.

Da es in der Nacht noch einige Zentimeter geschneit hatte, waren nirgends Fußstapfen zu erkennen. Am Ufer des Sees stand ein Whirlpool, der zu allen Seiten durch Glaswände geschützt war und den Claire zum ersten Mal bemerkte.

Sie umfasste ihre Tasse mit beiden Händen und seufzte glücklich. Genau dies hatte sie zu finden gehofft – eine abgelegene, friedliche, unberührte und in ihrer wilden Schönheit ein wenig Furcht einflößende Schneelandschaft.

Plötzlich wurde nebenan eine Tür geöffnet, und Zachary Alexander kam aus dem Haus. Claire stellte sich hinter die Gardine und beobachtete, wie er zum Whirlpool hinunterging und die Abdeckung entfernte.

Dampfwolken stiegen auf und hingen bewegungslos in der Luft. Er bückte sich, nahm ein Thermometer aus dem Wasser und betrachtete es prüfend. Offenbar zufrieden, legte er es wieder hinein und deckte den Whirlpool ab. Mit dem Rücken zum Haus blieb er noch eine Weile stehen und ließ den Blick über sein kleines Königreich schweifen.

Was für einen herrlichen Anblick er bot! Er trug einen dicken schwarzen Pullover mit einem roten Streifen, darunter ein weißes Hemd, das seine Bräune zur Geltung brachte, und eine enge schwarze Hose, die seine langen, muskulösen Beine betonte.

Lässig strich er sich eine Strähne aus dem Gesicht und warf einen Blick über die Schulter. Hastig versteckte Claire sich hinter der Gardine, stellte dann jedoch fest, dass er nicht in ihre Richtung sah, sondern zu Melanie, die ebenfalls das Haus verlassen hatte und nur einen Pyjama und Stiefel trug.

Claire konnte nicht hören, was er zu Melanie sagte, aber es war offensichtlich, dass er nicht draußen darüber sprechen wollte. Er scheuchte Melanie ins Haus, schloss die Tür, und kurz darauf wurde eine andere Tür zugeknallt. Schließlich erklangen Stimmen. Melanie schrie, und er sprach ganz ruhig.

Wenige Minuten später beobachtete Claire, wie er erneut das Haus verließ, diesmal durch die vordere Tür. Vermutlich hatte der Streit mit Melanie ihm zugesetzt, denn er hatte den Kopf gesenkt.

Zu ihrer Verblüffung empfand sie Mitleid für ihn. Er liebte seine Tochter offenbar über alles, schien allerdings nicht zu wissen, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Das war durchaus verständlich, denn es war schwer genug, ein Kind allein zu erziehen, noch dazu ein Mädchen, das in der Pubertät war.

Und Melanie wusste wahrscheinlich nicht, ob sie sich noch als Kind oder schon als Erwachsene fühlen sollte. Vielleicht würde es ihr helfen, mit einer Frau darüber zu sprechen.

Spontan zog Claire ihre Jacke über, ging nach draußen und klopfte an die Tür nebenan. „Was hast du heute vor?“, fragte sie, als Melanie ihr öffnete. „Hättest du Lust, mir zu zeigen, wo man am besten Ski laufen kann?“

Zehn Minuten später gingen sie zusammen zum Frühstücken ins Hotel. „Sie sehen so cool aus – so wie Sie sich anziehen und Ihr Haar tragen“, sagte Melanie und blickte sie bewundernd an. „Und wie Sie reden – wie die französischen Frauen im Film. Ich weiß nicht, was ich Ihnen beibringen soll. Bestimmt wissen Sie alles.“

„Nicht alles, ma petite, aber genug, um zu sehen, dass du oft traurig bist – vorhin zum Beispiel.“

„Ich hab mich wieder mit meinem Dad gestritten.“ Melanie verzog das Gesicht. „In letzter Zeit streiten wir uns jeden Tag, weil ich auf ein Internat gehen und er mich hier behalten will, damit er ein Auge auf mich haben kann.“

„Das ist doch ganz normal, oder? Die meisten Väter wollen ihre Töchter beschützen.“

„Hatten Sie solche Probleme denn auch mit Ihrem Dad, als Sie dreizehn waren?“

Die Frage traf Claire unvorbereitet. „Mein Dad war … nicht da. Ich hatte nur meine Mutter.“

„Oh.“ Melanie blickte sie ängstlich an. „Tut mir leid, wenn ich was Falsches gesagt hab.“

„Das hast du nicht. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, das ist alles – genau wie du ohne Mutter aufwachsen musst.“

Als Melanie ein trauriges Gesicht machte, legte Claire ihr den Arm um die Schultern. „Du vermisst sie sehr, stimmt’s, Liebes?“

„Ja, vor allem Weihnachten.“

„Sicher vermisst sie dich auch und wünscht, sie könnte bei dir sein.“

„Glauben Sie das wirklich?“

„Und ob. Keine Mutter verlässt freiwillig ihr Kind.“

Das stimmte natürlich nicht. Ansonsten wäre ihre Kindheit ganz anders verlaufen. Doch sie fand es besser, Melanie in diesem Fall anzuschwindeln, zumal diese so strahlend lächelte.

Da fast täglich neue Gäste kamen und Weihnachten immer näher rückte, hatte er, Zach, kaum Freizeit. Schon aus dem Grund hätte er eigentlich dankbar sein müssen, dass Mel jemand gefunden hatte, der ihr Gesellschaft leistete. Stattdessen kochte er vor Wut.

Wenn er dann einmal Zeit für sie hatte, redete sie nur noch von Claire Durocher. Das Ganze grenzte bereits an Heldenverehrung. Claire findet … Claire sagt … Claire weiß … Claire kennt …

Dass Mel Claire Durocher so gern mochte, ging ihm gegen den Strich. Als ihr Vater hatte er gewisse Rechte. Aber wen kümmerte das schon? Gott hatte die Welt in sieben Tagen erschaffen, und diese verdammte Französin hatte nur fünf Tage gebraucht, um alles auf den Kopf zu stellen!

„Sie geht mir auf den Geist!“, hatte er sich einmal bei McBride beschwert.

„Von wegen. Du bist scharf auf sie und zu stur, es zuzugeben“, hatte dieser entgegnet.

Das stimmte nicht. Und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, trug er, Zach, zu viel Verantwortung, um eine Frau wie Claire Durocher auf Dauer an sich binden zu können. Außerdem war er nicht bereit, tatenlos zuzusehen, wie sie Mels Leben durcheinanderbrachte.

Deswegen stellte er sich am Morgen des Dreiundzwanzigsten hinter die große Topfpflanze neben der Tür im Foyer, als Claire Durocher und Mel tief in ein Gespräch vertieft auf das Gebäude zukamen. Warum fiel es Mel nur so leicht, sich einer Fremden anzuvertrauen?

Ein Gefühl, das ihm inzwischen nur allzu vertraut war, durchzuckte ihn. Es war Eifersucht, und es hatte an dem Tag begonnen, als Claire Durocher in ihr Leben getreten war. Die beunruhigende Frage war allerdings, auf wen er eifersüchtig war – auf die Frau oder auf seine Tochter.

Es war wirklich lächerlich! Und er war ein Narr, wenn er seine Zeit damit vergeudete, darüber nachzudenken.

Jetzt kamen sie die Treppe hoch und kicherten wie die Kinder. Mel trug ihre Daunenjacke und hohe Stiefel, und die Französin sah in ihren schicken europäischen Klamotten so elegant wie eine Tänzerin aus.

Er hasste die Kleinlichkeit, die Claire Durocher in ihm zum Vorschein brachte. Wann hatte Mel ihn das letzte Mal so bewundernd angesehen und so offen und interessiert gewirkt?

Als Claire Durocher ihn bemerkte, trällerte sie ein fröhliches „Bonjour!“, als wäre sie es gewohnt, erwachsene Männer zu entdecken, die sich hinter Topfpflanzen versteckten.

„Guten Morgen“, erwiderte er, um denselben höflich-kühlen Tonfall bemüht, doch es klang abweisend und gestelzt. Er hatte sich nie für besitzergreifend gehalten, doch ihm war durchaus klar, warum er Melanie jetzt an sich zog. „Hallo, Schatz. Ich hatte mich darauf gefreut, in Ruhe mit dir zu frühstücken, aber du bist spät dran, und ich habe nicht viel Zeit.“

„Macht nichts.“ Sie befreite sich aus seiner Umarmung. „Claire leistet mir Gesellschaft.“

Zach rang sich ein Lächeln ab. „Vielleicht ist es auch besser so, denn ich bin gleich mit McBride bei den Ställen verabredet. Aber vielleicht können wir vor dem Mittagessen zusammen Ski laufen.“

„Wir? Du meinst, du, ich und Claire?“

Ihm wurde übel. „Wenn du willst.“

Claire Durocher blickte ihn durchdringend an. „Aber was wollen Sie, Mr Alexander?“

Ihr Skianzug war dunkelblau, und der türkisfarbene Rolli, den sie darunter trug, ließ ihre Haut wie Elfenbein schimmern. Ihr dichtes dunkles Haar glänzte wie Seide.

Es war lange her, dass er das letzte Mal einer Frau durchs Haar gestrichen hatte …

Schnell verdrängte Zach die Vorstellung. In den letzten Tagen waren ihm oft ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen.

„Ich möchte mich nicht aufdrängen“, erklärte Claire Durocher, als er nicht antwortete.

„Das tun Sie auch nicht“, ließ Melanie sich vernehmen. „Dad und ich können jederzeit zusammen Ski laufen.“

„Dann kannst du dich sehr glücklich schätzen, chérie.“ Claire Durocher strich Melanie eine Strähne aus dem Gesicht, und unwillkürlich betrachtete er ihre feingliedrige, perfekt manikürte Hand. „Die meisten Väter haben kaum Zeit für ihre Töchter.“

Melanie sah ihn flehend an. „Sag ihr, dass sie mitkommen kann, Dad!“

Da er keine Wahl hatte, zuckte er die Schultern. „Sicher“, sagte er – zu herzlich für seinen Geschmack. „Wir treffen uns um elf oben am Lift.“

„Ich freue mich darauf“, erwiderte Claire Durocher und deutete mit dem Kopf auf den Speisesaal. „Möchten Sie nicht wenigstens eine Tasse Kaffee mit uns trinken, Mr Alexander? Mel und ich würden uns darüber freuen!“

Mel und ich würden uns darüber freuen. Als wäre er der Eindringling!

Zach unterdrückte seinen Zorn und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Einige Minuten habe ich noch Zeit.“

„Warum sagen Sie ‚Mr Alexander‘ zu Dad?“, fragte Melanie, nachdem sie im Speisesaal Platz genommen hatten. „Warum sagen Sie nicht ‚Zach‘ zu ihm wie alle anderen auch?“

Claire Durocher umfasste ihre Tasse mit beiden Händen und betrachtete ihn durchdringend. „Weil er ‚Miss Durocher‘ zu mir sagt.“

Ihr Akzent war ausgesprochen exotisch. Melanie sah sie wie gebannt an und warf ihm dann einen vorwurfsvollen Blick zu. „Sag es ihr, Dad.“

„Was soll ich ihr sagen?“ Zach rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und rührte angelegentlich seinen Kaffee um, was ziemlich albern war, da er ihn schwarz trank. „Dass sie ‚Zach‘ zu dir sagen kann. Dann kannst du ‚Claire‘ zu ihr sagen.“

„Natürlich ist es okay.“ Er klang wie ein dressierter Papagei. „Also … Claire, was hat Sie dazu bewogen, nach Topaz Valley zu kommen? Für Europäer ist es etwas abgelegen, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sie einige der besten Skigebiete der Welt praktisch vor der Tür haben.“

„Ich brauchte einen Tapetenwechsel.“ Claire biss von ihrem Croissant ab und zuckte die Schultern. „Irgendwann wird sogar St. Moritz langweilig.“

„Also wollten Sie sich zur Abwechslung mal in Nordamerika unters gemeine Volk mischen“, bemerkte er sarkastisch und erntete dafür einen finsteren Blick von seiner Tochter.

„Nein, Zachary. Ich bin aus einem anderen Grund hergekommen, und ich glaube, ich habe gefunden, was ich gesucht habe.“

Das Kribbeln, das er plötzlich verspürte, gefiel ihm ganz und gar nicht – und er mochte sie nicht. Außerdem traute er ihr nicht. Sie brachte Melanie nur auf dumme Gedanken. Melanie ahmte sie schon jetzt nach. Sie spreizte den kleinen Finger ab, als sie ihren Becher an die Lippen führte, und tupfte sich geziert die Lippen mit der Serviette ab. Als Nächstes würde sie Französisch sprechen.

Genau das sagte er McBride, als er sich kurz darauf mit ihm in den Ställen traf, und musste sich daraufhin einen Vortrag darüber anhören, dass ein junges Mädchen eine weibliche Bezugsperson brauchte – und das von einem Mann, der nie geheiratet, geschweige denn Kinder bekommen hatte!

„Es könnte viel schlimmer sein“, verkündete McBride abschließend. „Zum Beispiel hätte sie sich an einen Jungen hängen können. Das hätte erst Ärger gegeben! Oder hast du dich nie mit einem hübschen Mädchen im Schnee gewälzt, um rauszufinden, wie sie gebaut ist?“

Erst letzte Woche, dachte Zach und spürte zu seinem Verdruss, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, hatte er festgestellt, dass Claire Durocher genauso gebaut war, wie eine Frau gebaut sein sollte. Wahrscheinlich hätte er sie deswegen auch beinah geküsst.

„Warum tust du nicht das, wofür du bezahlt wirst, McBride?“, fragte er scharf. „Du musst für die Schlittenfahrt heute Abend noch zusätzliche Strohballen vom Heuboden holen. Die Vorräte in den Skihütten müssen aufgefüllt werden. Und die Bäume für die Veranden der Gästehäuser müssen noch gefällt werden.“ Er warf ihm einen wütenden Blick zu. „Ich gehe davon aus, dass du jemand damit beauftragt hast. Und dass wir genügend Lichterketten haben und du die kaputten Glühbirnen ausgetauscht hast.“

„Ja.“ McBride grinste boshaft. „Alle außer deinen, mein Junge. So wie du dich aufführst, werden bei dir bestimmt bald alle Sicherungen durchbrennen.“

Zach betrachtete ihn finster. „Das Fest der Liebe hat dich diesmal ganz schön in der Zange, stimmt’s?“ Dann stampfte er wütend davon, bevor er noch etwas sagte, das er später bedauern würde.

Claire blieb oben auf einem steilen Abhang stehen und stützte sich einen Moment auf ihre Skistöcke, um die Aussicht zu genießen, während sie auf Melanie wartete.

Um sie her zeichneten sich die Bergspitzen gegen den endlosen blauen Himmel ab, und weiter unten lag das Hotel, das von hier aus wie ein Spielzeugdorf aussah. Die Luft war so klar, dass man selbst aus dieser Entfernung die winzigen Gestalten, die auf dem See Schlittschuh liefen, erkennen konnte.

Schließlich stoppte Melanie neben ihr. „Es ist fast elf, Claire. Wir sollten lieber zum Lift fahren, sonst schickt Dad noch einen Suchtrupp los. Er besteht darauf, dass die Leute pünktlich sind, und wird fuchsteufelswild, wenn er die Rettungsmannschaft umsonst losschicken muss. Kommen Sie, wir fahren um die Wette.“

Claire fuhr hinter ihr her. Melanie war eine gute Skiläuferin und wirkte auf Brettern überhaupt nicht mehr wie ein schlaksiger Teenager.

Zachary erwartete sie bereits, als sie am Lift eintrafen, doch er war nicht allein. Melanie schrie entzückt auf und stürzte sich auf den Mann, der neben ihm stand. „Du bist ja doch gekommen“, rief sie und verhedderte sich in seinen Skiern und Stöcken.

„Ja, sicher.“ Er zog ihr zum Spaß die Mütze über die Augen. „Dachtest du etwa, ich würde das beste Truthahnessen in Kanada verpassen?“

„Aber du wolltest schon letztes Wochenende kommen!“ Er zog ihre Mütze wieder hoch und gab ihr einen Kuss auf die Nase. „Ich weiß, Kleines, und es tut mir leid, dass ich so spät erschienen bin. Mir ist etwas dazwischengekommen, aber jetzt bin ich da und bereit, das Versäumte nachzuholen.“

Er war groß, allerdings etwas kleiner als Zachary, hatte hellbraunes Haar, blaue Augen und ein nettes, offenes Gesicht. Als er Claire bemerkte, zog er die Augenbrauen hoch und sagte zu Melanie: „Wer ist die andere hübsche Lady, Miss Alexander?“

„Das ist Claire. Sie ist Französin, aber sie spricht Englisch. Und sie ist meine Freundin.“ Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, als Melanie sie vorstellte. „Und das ist Eric Baxter, der beste Mann der Welt.“

Sekundenlang trat ein verletzter Ausdruck in Zachary Alexanders dunkelblaue Augen, und Claire hatte Mitleid mit ihm. „Was Melanie vergessen hat zu erwähnen, ist, dass Eric auch ihr Onkel und der Bruder meiner verstorbenen Frau ist, Claire. Miss Durocher ist Gast im Hotel, Eric, und wohnt in der Suite, die du sonst immer bewohnst.“

„Das habe ich schon gehört.“ Eric Baxter musterte sie lässig von Kopf bis Fuß. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Claire.“

Zachary presste verärgert die Lippen zusammen. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und sagte abrupt: „Die Zeit ist zu knapp, um noch nach unten zu fahren. Es ist bald Essenszeit, und ich möchte im Hotel sein, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen.“

„Warum fährst du nicht mit dem Lift nach unten?“, meinte Melanie lässig. „Wir können ohne dich zurückfahren.“

„Okay. Wir sehen uns im Hotel.“ Er zuckte die Schultern und wandte sich ab.

„Kommen Sie, Claire!“ Melanie gestikulierte ungeduldig mit der Hand.

Claire konnte den Blick jedoch nicht von der einsamen Gestalt abwenden, die mit den Skiern in der Hand die Rampe zum Sessellift hochging. Es berührte sie schmerzlich. „Fahrt ohne mich.“ Sie deutete Melanie loszufahren. „Ich bin müde und fahre mit deinem Vater zurück.“

Gerade als der nächste leere Sitz um die Ecke kam, holte sie Zachary ein. Sekunden später befanden sie sich hoch in der Luft, als wären sie die einzigen Menschen auf dem Berg.

Zachary schob seine Skibrille hoch, und Claire wusste, dass er sie fragend ansah und auf eine Erklärung für ihren spontanen Entschluss, ihn zu begleiten, wartete.

Und ausnahmsweise war sie um eine Antwort verlegen. Obwohl ihr Gesicht in der kalten Luft förmlich erstarrte und ihr die Tränen kamen, vermittelte seine Nähe ihr ein Gefühl der Wärme. Und wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie angenommen, dass sie tatsächlich weinte. Und warum? Weil er verletzt war und sie mit ihm litt.

Es war kein angenehmes Gefühl.

4. KAPITEL

Claire schluckte und überlegte, was sie sagen konnte, um das angespannte Schweigen zu brechen. Doch schließlich ergriff Zachary das Wort: „Wahrscheinlich wird es mir hinterher leidtun, wenn ich frage, was ist los. Warum sind Sie nicht mit den beiden zurückgefahren?“

Sie suchte nach einer Ausrede wie „Meine Stiefel drücken“, „Ich war zu nervös“, „Die Strecke sah so gefährlich aus“, doch ihr war klar, dass er sie durchschaut hätte. Immerhin wusste er, dass sie in den Schweizer Alpen Ski lief und bestens ausgerüstet war. Allerdings konnte sie ihm auch nicht die Wahrheit sagen, denn obwohl sie ihn noch nicht einmal eine Woche kannte, war ihr klar, dass er ein sehr stolzer Mann war und sicher kein Mitleid von ihr wollte.

„Ich dachte, ich störe“, erwiderte sie daher. „Wie das dritte Rad am Wagen, wie man auf Englisch sagt.“

Überraschenderweise lachte er. „Es heißt ‚das fünfte Rad‘, aber ich weiß, was Sie meinen. Mel vergöttert Eric, und wenn er hier auftaucht, ist alles andere unwichtig für sie. Er ist für sie nicht nur der große Bruder, den sie sich immer gewünscht hat, sondern er imponiert ihr auch gewaltig. Wenn man aussieht wie ein Filmstar, schnelle Autos liebt und eine unbekümmerte Art hat, kann man Mädchen in ihrem Alter leicht beeindrucken.“

„Aber er ist nicht ihr Vater. Sie sind derjenige, auf den sie sich immer verlassen kann.“

„Stimmt, das bin ich“, bestätigte er trocken. „Langweilig, aber verlässlich.“

Das stimmt nicht, dachte sie. Er hatte eine vielschichtige Persönlichkeit und war sehr sinnlich. Hatte sie sich nicht bereits an dem Feuer, das in ihm loderte, verbrannt, obwohl sie sich dagegen gewehrt hatte? Sein Schwager mochte ein einnehmenderes Wesen haben, doch er war ein Typ, der Publikum brauchte. Eine Frau würde Eric Baxters Namen längst vergessen haben, bevor sie Zachary Alexander überhaupt richtig kennenlernte.

Vielleicht würde sie, Claire, es ihm vor ihrer Abreise sagen. Aber nicht bevor er bereit war, sie besser kennenzulernen und festzustellen, dass sie nicht die reiche, egozentrische und gelangweilte Frau war, für die er sie hielt. „Es ist nicht leicht, einem Kind Vater und Mutter zu sein“, bemerkte sie.

„Woher wissen Sie das?“ Zachary warf ihr einen Seitenblick zu. „Haben Sie es schon mal versucht?“

Claire schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war nie verheiratet.“

„Heutzutage muss man nicht unbedingt verheiratet sein, um ein Kind zu bekommen.“

„Der Ansicht bin ich nicht“, erklärte sie. „Ich bin nicht bereit, mich mit halben Sachen zufriedenzugeben, und das würde ich auch von einem Kind nicht verlangen.“

„Und was ist, wenn Sie keine Wahl haben? Wenn ein Elternteil stirbt, so wie meine Frau, oder einfach geht?“

„Dann muss man natürlich allein klarkommen, obwohl …“

„Obwohl was?“, hakte er nach. „Obwohl es nur eine Notlösung ist?“

„Obwohl es für einen alleinerziehenden Mann sicher besonders schwer ist, eine Tochter großzuziehen.“

„Wollen Sie mir damit zu verstehen geben, dass ich als Vater versagt habe?“

Sie spürte seine Feindseligkeit und seinen herausfordernden Blick.

Eigentlich hätte sie sich denken können, dass ein scharfsinniger Mann wie er versteckte Andeutungen durchschaute. Langsam wandte sie den Kopf und sah Zachary an. „Vielleicht.“

Er atmete scharf aus. „In welcher Hinsicht? Oder haben Sie das in einer knappen Woche noch nicht herausgefunden?“

„Melanies Verhalten ist nicht so … weiblich, wie es sein sollte.“

„Was soll das heißen?“, spottete er. „Dass sie nicht so ist wie Sie?“

„Nein, das ist sie nicht, und …“

„Kein Wunder!

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