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JULIA SAISON BAND 42

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Ein Baby, ein Mann – eine Familie?

1. KAPITEL

„Komm sofort zurück, Cass Carter!“

Dana Malone sauste ihrer davoneilenden Geschäftspartnerin hinterher und stolperte dabei fast über ein Baby, das hinter einem lebensgroßen Plüschbernhardiner hervorkrabbelte. Sie fing sich wieder und rannte weiter.

„Warum soll ausgerechnet ich mich darum kümmern? – Au!“

„Pass auf den Kinderhochstuhl auf“, warnte Cass. Sie war blond, langbeinig und trug einen kurzen Jeansrock. Mit Unschuldsmiene streichelte sie den kleinen Babykopf, der aus ihrem Tragetuch hervorlugte.

„Danke“, grummelte Dana und rieb sich die Hüfte. Sie bahnte sich ihren Weg zwischen Krippen, Laufställen, Puppenhäusern und viel zu vielen Regalen mit Secondhand-Kinderkleidung. Ihre beiden Geschäftspartnerinnen konnten sich, beneidenswert schlank wie sie waren, in dem Chaos besser bewegen als sie. Für Dana war der vollgestopfte Laden eine einzige Gefahrenzone. Und gefährlich war auch Cass’ Bitte.

„Hast du den Verstand verloren? Ich kann unsere neuen Geschäftsräume nicht allein aussuchen. Was verstehe ich schon von Immobilien?“

„Wir sind hier in Albuquerque“, erwiderte Cass und verschwand in dem winzigen Büro. „Nicht in Manhattan!“ Sie quetschte sich an ihrem Schreibtisch vorbei, der mit Papierkram und Stapeln neu eingetroffener Kinderkleidung übersät war, und fegte mit einem Schwung drei kleine Stoffpuppen aus dem Schaukelstuhl in der Ecke. „Es kann doch nicht so schwer sein, sich für das eine oder andere Schaufenster in einem Einkaufszentrum zu entscheiden! Hier, kannst du Jason mal kurz nehmen?“

Einen Augenblick lang spürte Dana das Gewicht des einen Monat alten Säuglings – und den Schmerz, den die Berührung in ihr auslöste. Doch schon streckte Cass, die nun im Schaukelstuhl saß, die Hände wieder nach ihrem Kind aus. Dana gönnte sich eine Extrasekunde Babyduft, bevor sie den Kleinen weitergab.

Als Cass ihn an die Brust legte, fing Jason zufrieden an zu saugen. „Cameron hat schon ein paar Läden herausgesucht“, erklärte sie ihrer Freundin. „Du musst nur noch die ansehen, die infrage kommen.“

Ein Schweißtropfen bildete sich in Danas Halsbeuge und lief in ihr Dekolleté. „Ich dachte nur, wir würden gemeinsam suchen.“

„Ich weiß, Dana, aber ich bin völlig erledigt. Und Blake mag es ohnehin nicht, dass ich so früh wieder zu arbeiten angefangen habe. Außerdem läuft unser Vertrag nächsten Monat aus, und unser Laden platzt aus allen Nähten.“

„Was ist mit Mercy? Warum macht sie das nicht?“

„Warum mache ich was nicht?“ Die dritte Besitzerin des Ladens Great Expectations erschien in der Bürotür. Ihre feuerroten Fingernägel stachen von einem geblümten Rock ab, der so winzig war, dass Dana ihn nicht mal mit zwölf hätte tragen können.

„Einen neuen Laden suchen“, erwiderte Dana. „Du bist darin bestimmt viel besser als ich.“

Mercedes Zamora quetschte sich zu den beiden anderen in das winzige Büro. „Vor allem bin ich besser darin, fünf Kundinnen gleichzeitig zu bedienen. Du verlierst schon bei zweien die Nerven.“

„Tu ich nicht!“

Sie lachten.

„Okay, vielleicht werde ich ein bisschen nervös“, räumte Dana ein.

„Meine Liebe“, sagte Mercy in freundschaftlichem Ton, „du fängst an zu stottern.“

„Und lässt alles fallen“, ergänzte Cass.

„Und …“

„Okay, okay, ich habe verstanden!“

Sie hatten ja recht. Auch wenn Excel-Tabellen und dicke Kataloge sie nicht schrecken konnten, war es mit Danas Gelassenheit nicht weit her, wenn es stressig wurde. Selbst nach fünf Jahren im Geschäft.

„Er erwartet deinen Anruf“, sagte Cass.

„Wer?“

„Cameron.“

Sie seufzte. Im selben Moment klingelten die Glöckchen über der Eingangstür. Mit wehenden Locken rauschte Mercy hinaus in den Laden. Als Dana das Grinsen in Cass’ Gesicht sah, wurde ihr mulmig zumute.

„Hast du Cameron eigentlich schon einmal gesehen?“, erkundigte sich Cass beiläufig.

Danas Beklemmung ließ sich nicht länger ignorieren, sie hatte es geahnt: Das war wieder einer der Momente, in dem die glücklich verheiratete Cass dem Liebesleben ihrer Freundin auf die Sprünge helfen wollte. Sie wischte sich die feuchten Hände am Rock ab und versuchte, in Richtung Tür zu entkommen. „Ich glaube, Mercy braucht mich …“

„Nein, tut sie nicht. Setz dich.“ Cass deutete auf einen Stapel mit Kinderkleidung. „Die müssen noch etikettiert werden.“

Mit grimmigem Blick ließ sich Dana hinter dem Tisch nieder und nahm einen rosa Pullover vom Stapel. „Zwölf Dollar?“

„Fünfzehn. Neu kosten die anderswo vierzig.“

Dana sah, wie Jasons kleine Hand nach Cass’ Bluse griff, und Neid kam in ihr auf.

„Cameron ist … hm, wie soll ich sagen … einfach ein toller Mann“, knüpfte Cass unbeirrt an ihr früheres Gespräch an.

Das hatte Dana auch schon gehört. Sie seufzte und wandte sich ab.

„Als ob es dich umbringen würde, einmal einen Nachmittag mit einem attraktiven Mann zu verbringen. Seine blauen Augen sind betörend.“ Cass zupfte an ihrem Rock. „Und sein Hintern ist auch nicht zu verachten.“

Das fehlt mir gerade noch, dachte Dana. Betörende Augen und ein knackiger Hintern. „Du vergisst, dass ich über Insiderinformationen verfüge“, gab sie zurück. Sie warf das etikettierte Kleidungsstück auf den „Erledigt“-Stapel und verschränkte die Arme. „Cameron Turner versteht unter Zärtlichkeit, sein Handy ans Ohr zu schmiegen, um den nächsten Kundentermin auszumachen. Dieser Mann ist mit seinem Geschäft verheiratet.“

Beide schwiegen für einen Moment. Dann fragte Cass: „Das hast du von Trish, oder?“

„Das ist aber auch schon alles, was ich weiß.“ Dana zuckte die Achseln. Ihre kleine Cousine und sie standen sich nicht sehr nahe, obwohl Trish jahrelang bei Danas Eltern gewohnt hatte. Sechs Monate hatte Trish für Cameron Turner gearbeitet und war dann vor einem Jahr plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Vor ihrem Abtauchen hatte sie oft von dem angeblich so gut aussehenden Makler gesprochen und seine beruflichen Fähigkeiten gelobt. Daher hatte Dana ihn Cass empfohlen. Von seinen persönlichen Qualitäten hingegen war sie alles andere als überzeugt.

„Ich glaube, der Typ steht nicht gerade auf der Liste der heiratswilligen Männer.“

Cass warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. „Dann hat er die Richtige vielleicht noch nicht gefunden.“

„Meine Liebe, Jason gönnt dir wohl so wenig Schlaf, dass du schon fantasierst …“

„Wer weiß, vielleicht habe ich recht.“

„Klar, und irgendwann werde ich auch diese überflüssigen fünfzehn Kilo los, die ich seit der Schulzeit mit mir herumtrage. Und die Welt ist eine Scheibe.“

„Also weißt du, nur weil Gil …“

„Hör bloß auf“, unterbrach Dana sie leise, bevor ihre Freundin anfangen konnte, alte Geschichten aufzuwärmen. Sie stand auf und nahm den Stapel etikettierter Ware. „Ich habe schon eine Mutter, Cass.“

„Entschuldige“, murmelte Cass über Jasons schmatzende Geräusche hinweg. „Ich dachte nur …“

„Ich bin glücklich“, unterbrach Dana sie erneut. „Jedenfalls meistens. Ich habe ein schönes Leben, tolle Freundinnen, und meine Arbeit macht mir Spaß. Das ist mehr als viele andere Menschen von sich behaupten können.“

Zwischen den beiden breitete sich Schweigen aus, bis Cass laut aufseufzte und ihrer Freundin damit deutlich zu verstehen gab, was sie dachte. „Camerons Visitenkarte steckt in meinem Terminkalender.“

„Wenn Sie weiter so aus der Tür starren, werden Ihnen noch die Augen aus dem Kopf fallen.“

Cameron lächelte und fuhr fort, sich am Luftstrom der Klimaanlage in der Lobby zu kühlen. „Müssen Sie denn keine Telefongespräche entgegennehmen, Val?“

„Hören Sie es klingeln? Ich nicht, also muss ich wohl auch nicht ans Telefon“, befand die adrette, platinblonde Fünfzigjährige.

Der Empfangsraum, in dem die beiden standen, wirkte auf schlichte Weise edel. Das Grau des dicken Teppichs und der Wände wurde nur von wenigen lebhaften Siebdrucken unterbrochen. Normalerweise brummte es hier vor Leben, vor allem, wenn die anderen drei Makler, die Cameron angestellt hatte, im Büro waren.

Doch an diesem Nachmittag hatten alle auswärtige Termine, und sogar Camerons Handy war still. Ungewöhnlich still.

Unten vor dem Haus fuhr ein alter, weißer VW Polo in eine Parklücke. Der Drei-Uhr-Termin, dachte Cameron mit einem dünnen Lächeln.

Cass Carter hatte Dana Malone in höchsten Tönen gelobt, und Danas Stimme hatte am Telefon warm und freundlich geklungen – Cameron war schon gespannt, wie sie aussah. Dennoch: Wenn ihm Cass Carter in den letzten Monaten nicht einige gute Aufträge vermittelt hätte, dann hätte er den Termin wohl abgesagt. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich kaum noch mit Vermietungen. Und er hasste es, wenn wohlmeinende Frauen versuchten, ihn zu verkuppeln.

Seine letzte … Affäre … war über ein Jahr her. Eine Nacht, die nie hätte passieren sollen. Für das Fiasko war er selbst verantwortlich, denn sein sonst so kühler Verstand hatte kurzzeitig komplett ausgesetzt. Zum Glück war er noch einmal glimpflich davongekommen.

Man konnte nicht gerade behaupten, dass er ein Problem mit Frauen hatte. Gelegenheiten boten sich genug. Mit zwanzig hatte er sich freudig in jede sich anbietende Liebschaft gestürzt; seit er die Dreißig überschritten hatte, war ihm so etwas eher peinlich.

Länger andauernde Beziehungen hatte es nie gegeben. Und zu seinem eigenen Erstaunen stellte er fest, dass er mit seinem Single-Dasein nicht zufrieden war. Dennoch fand er es einfacher, Komplikationen von vornherein aus dem Weg zu gehen.

Das Telefon klingelte, doch Val machte keine Anstalten, sich zu bewegen. „Was glauben Sie, warum sie so lange braucht, um aus dem Auto auszusteigen?“, murmelte sie.

Wenige Meter vor ihnen öffnete sich schließlich die Autotür, und ein Paar zierlicher Füße in Riemchensandalen erschien. Mit fast schon wissenschaftlichem Interesse beobachtete Cameron, wie die Besitzerin der schönen Füße aus dem Auto ausstieg. Eine Windböe hob ihren leichten, weißen Rock, und ein erschreckter Aufschrei war über den Parkplatz hinweg zu hören.

Cameron lächelte.

„Val, schauen Sie bitte noch einmal nach, ob alle Angebote für das Great Expectations auf meinem Schreibtisch liegen?“

„Ich habe sie selbst dort hingelegt, also werden sie wohl auch dort sein. Niedlich, die Kleine, oder?“

Das war sie.

Trockene Blätter wirbelten über den Parkplatz. Der Wind fuhr in das kastanienbraune Haar der jungen Frau, das locker zu einem Knoten aufgesteckt war, und zerrte an den Strähnen. Er sah, wie sie eine Grimasse zog, als sie gleichzeitig versuchte, die Haare aus dem Gesicht zu streichen, die Tasche unter dem Arm festzuklemmen und den widerspenstigen Rock unten zu halten. Tief vornüber gebeugt rannte sie in Richtung Eingangstür. Der weiche Stoff ihres Zweiteilers flatterte im Wind und ließ ihre schönen Kurven erahnen.

Als sie den Gehsteig erreichte, fielen die ersten dicken Regentropfen. Cameron stieß die Tür auf, und eine duftende, angenehm weiche Frau segelte ihm wie vom Sturm angeweht gegen die Brust. Instinktiv schloss er die Arme um sie. Nur damit sie nicht umfielen.

„Oh!“ Aus großen, graugrünen Augen sah sie ihn an und wurde rot. In ihrem Haar steckten ein paar Blätter.

Cameron lächelte. „Dana Malone?“

„Oh!“, sagte sie erneut und begann mit fahrigen Bewegungen, sich von den Blättern in ihrem Haar zu befreien. Dann suchte sie hektisch nach einem Abfalleimer. Aufmerksam hielt Val ihr einen kleinen Korb entgegen. Dana lächelte sie nervös an. „Dieser Wind“, begann sie und strich sich die Kleidung glatt. „Das wird ein richtiger Sturm … Äh, es tut mir leid, Sie standen näher an der Tür, als ich dachte …“

Sie wurde wieder rot. Dieser weiche Dialekt, dachte Cameron. Bestimmt ist sie aus Mississippi. Vielleicht Alabama. Einem Ort mit Veranden, südlichem Flair und alten Damen, die sonntags zur Kirche immer noch weiße Handschuhe tragen.

„Normalerweise sind meine Auftritte weniger spektakulär.“

„Es passiert auch nicht jeden Tag, dass sich mir eine attraktive Frau in die Arme wirft.“

„Ich habe mich nicht geworfen, das war der Wind.“

Val kicherte. Cameron blickte zu ihr. „Müssten Sie jetzt nicht gerade ganz woanders sein?“

„Vermutlich“, erwiderte sie, doch ihre Antwort ging in einem krachenden Donner unter. Im selben Moment fing draußen ein Wolkenbruch an, und dicke Regentropfen schlugen auf den Asphalt.

Dana drehte sich um und sah hinaus. Mit den Händen rieb sie ihre Oberarme. „Du meine Güte“, flüsterte sie, und in ihrem Gesicht sah Cameron Freude aufblitzen. „Manchmal vergesse ich ganz, wie sehr ich den Regen vermisse!“

Starr deine Kundin nicht so an, ermahnte sich Cameron. „Sie sind also auch nicht aus New Mexico?“

Sie schüttelte den Kopf. „Alabama. Aber ich bin schon mit vierzehn hierher gezogen.“ Sie wandte sich ihm zu. „Sagten Sie ‚auch nicht‘?“

„South Carolina, Charleston.“

„Ach, ich liebe Charleston! Ich war lange nicht dort, aber es ist eine wunderbare Stadt.“

Val räusperte sich, und beide drehten sich zu ihr um.

„Die Angebote liegen auf dem Tisch“, sagte sie und sah von einem zum anderen. „Die wollten sie sich anschauen.“

„Oh, ja, natürlich …“, erwiderte er, während Dana sich mit hochrotem Gesicht erneut durch die Haare strich.

„Kann ich mich hier irgendwo wieder in Ordnung bringen?“, wandte sie sich an Val.

„Hier gleich um die Ecke.“

Cameron sah ihr nach, wie sie mit schwingenden Hüften den Flur entlangging. Dann blickte er hinüber zu Val, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.

„Was?“

„Nichts“, beteuerte sie und setzte sich an ihren Platz. Doch als Cameron sein Büro ansteuerte, hörte er sie murmeln, es gebe vielleicht doch noch Hoffnung. Er lachte leise.

„Können wir?“, fragte Cameron, als Dana aus dem Badezimmer zurückkam.

„Klar, gehen wir“, gab sie leichthin zurück und flehte im Stillen, dass sie den Weg zum Wagen ohne weitere Pannen hinter sich bringen würde.

„Alles klar, wir sehen uns später.“ Cameron klappte sein Handy zu und steckte es in die Hosentasche. Nicht ein einziger Anruf zwischen Lunch und dem Treffen mit Dana, und jetzt klingelte das verdammte Ding die ganze Zeit. „Tut mir leid …“, setzte er an, doch Dana winkte ab.

„So komme ich mir wenigstens nicht so vor, als ob ich Ihnen die Zeit stehle“, sagte sie und verzog das Gesicht, als sie die Toilette des leer stehenden Ladens sah.

„Tun Sie nicht. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.“

Ihr lang gezogenes „Okay“ brachte ihn zum Lachen. Cameron war sich nicht sicher, wie er Dana Malone einschätzen sollte. Sie hatte den Charme und die Weiblichkeit einer echten Südstaatlerin, aber nicht deren Zurückhaltung. Kein Augenklimpern, keine gespielte Hilflosigkeit. Andererseits blätterte sie ständig in den Angeboten und kaute nervös auf der Unterlippe herum. Cameron war sich sicher, dass ihre Geschäftspartnerin sie in diese unangenehme Situation gebracht hatte, denn Dana war offensichtlich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Es war ihr deutlich anzusehen, wie peinlich ihr die ganze Angelegenheit war.

Das Gewitter hatte sich bereits nach zehn Minuten verzogen, doch der Himmel war immer noch verhangen. Es war drückend heiß, und die beiden hatten mittlerweile ein halbes Dutzend Objekte besichtigt. Dana war mürrisch und gereizt. Nun, im siebten Laden, lehnte Cameron an einer Säule nahe des Eingangs und beobachtete sie. Das flatternde Gefühl in der Magengegend, das jedes Mal aufkam, wenn sie ihn ansah, versuchte er zu ignorieren.

„Ich denke, dieses hier ist okay“, sagte sie, und ihre Worte hallten in dem leeren Raum. „Jedenfalls ist es groß genug. Und die Doppeltür hinten ist praktisch für die Lieferanten.“

Ängstlich sah sie zu ihm hinüber.

„Aber?“

Mit einem Seufzer hob sie die Schultern. „Aber … es gibt nicht genügend Parkplätze. Und das Schaufenster ist von der Straße aus nicht richtig zu sehen. Ich meine …“ Entnervt fächelte sie sich mit den Papieren in ihrer Hand Luft zu. „Obwohl, eigentlich brauchen wir nicht mehr als fünf oder sechs Parkplätze vor dem Laden.“ Sie ging zum Schaufenster. Ihr Rock strich dabei sanft um ihre Beine. „Und dieses große Schaufenster ist perfekt. So haben wir viel Licht in der Spielecke, die Mercy einrichten möchte. Im Moment rennen die Kleinen einfach im Laden herum, und wir haben Angst, dass sie sich wehtun.“

Sie mied seinen Blick. „Vielleicht bringt uns das mexikanische Restaurant nebenan ja genug Laufkundschaft, die man sonst in dieser Nebenstraße nicht hätte.“ Mit einem gequälten Gesichtsausdruck massierte sie sich die Schläfen.

„Suchen wir einfach noch ein bisschen weiter“, erwiderte Cameron sanft. „Bereit für das nächste Objekt?“

Dana blätterte in ihren Papieren. „Dieses hier sieht interessant aus. Recht günstig für die Größe, viele Familien in der Nachbarschaft …“ Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. „Oder vielleicht sollten wir doch lieber etwas Zentraleres suchen? Herrjemine!“

„Sie sind mit ihrem Latein am Ende, oder?“

„Das wäre eine glatte Untertreibung … He, was tun Sie da?“

„Zeit für eine kleine Pause“, sagte Cameron und führte sie am Ellbogen nach draußen.

„Ich weiß nicht …“

„Sie machen sich noch verrückt. Himmel, Sie machen mich noch verrückt. Das ist doch erst mal nur zum Sondieren. Niemand erwartet, dass Sie heute schon einen Vertrag unterzeichnen!“

„Gut“, sagte sie und schirmte die Augen mit der Hand vor der grellen Nachmittagssonne ab, „ich kann nämlich nicht mehr klar sehen.“ Er öffnete die Tür seines Mercedes, und sie stieg ein. Erschöpft lehnte sie den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen. „Was für eine Entscheidungsneurotikerin ich doch bin!“

Cameron musste lächeln. „Ich versichere Ihnen, ich kenne eine Reihe von Menschen, die diesen Titel verdienen, Dana. Sie gehören mit Sicherheit nicht dazu.“

Er startete den Motor. Ihr Parfum stieg ihm in die Nase. Es war ein bekannter und vertrauter Duft, doch an ihr roch er einzigartig.

„Danke“, sagte sie schließlich, „aber ich fühle mich wirklich so.“ Sie öffnete die Augen. „Warum halten wir hier?“

„Weil es unerträglich heiß ist und dieser Laden hier das beste Eis weit und breit hat. Die reinste Gaumenfreude.“

Zweifelnd schaute Dana ihn an.

„Sie mögen kein Eis?“

Sie lächelte entschuldigend. „Doch, aber …“ Sie schüttelte den Kopf. Eine Strähne löste sich und fiel über ihre gerötete Wange. „Ich glaube, ich bleibe lieber bei einer Diät-Cola.“

„Ist das dieses Frauenproblem?“

„Wie bitte?“

„Nicht in Gegenwart eines Mannes zu essen. Oder besser noch, gar nichts zu essen.“

Missmutig verzog sie den Mund. „Es ist, glaube ich, offensichtlich, dass ich nicht an Magersucht leide.“

„Gut zu wissen. Mit Leuten, die nicht essen, komme ich nämlich gar nicht klar.“ Er lockerte die Krawatte – das Jackett hatte er schon vor einer Weile abgelegt. „Aber okay, wenn Sie unbedingt eine Diät-Cola trinken wollen, ich halte Sie nicht ab.“

„Um ehrlich zu sein kann ich Diät-Cola nicht ausstehen.“

„Also dann“, sagte er, stieg aus und öffnete ihr die Wagentür. „Nach einem kühlen Eis können Sie bestimmt wieder klarer denken.“ Sein Handy klingelte. „Verdammt“, murmelte er, als er die Nummer erkannte. Ein Auftrag, den er schon vor fast einem Monat hatte abschließen wollen.

„Nur zu, ich möchte Sie nicht daran hindern, Geld zu verdienen. Schließlich müssen Sie das Eis bezahlen, das Sie sich gönnen wollen.“ Und mit einem Blick auf den Himmel fügte sie hinzu: „Schwül, finden Sie nicht auch?“

Das war es. Doch er bezweifelte, dass es das Wetter allein war, das ihn zum Schwitzen brachte.

2. KAPITEL

Dana war sich sicher, dass sich in diesem Lokal in den letzten zwanzig Jahren nichts verändert hatte: Marmortischchen und Chromstühle, kleine Sitzecken mit unscheinbarem beigem Vinylbezug. Die Speisekarte war kurz, die Gerichte waren einfach, und die Bedienung behandelte jeden wie einen langjährigen Freund.

Wäre sie mit Mercy oder Cass da gewesen, hätte sie sich bestimmt wohlgefühlt. Stattdessen saß sie Cameron gegenüber und war alles andere als entspannt. Und zu allem Übel gefiel ihr keines der Objekte, die sie sich angeschaut hatten. „Tut mir leid“, sagte sie und fischte ein Erdbeerstück aus ihrem riesigen Eisbecher. Dabei dachte sie voll Reue an die kommenden Tage mit Rohkost und Knäckebrot.

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“ Cameron schien völlig entspannt. Lässig lehnte er sich zurück, die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes geöffnet. Es hatte fast dieselbe Farbe wie seine Augen. Seine hellbraunen Haare, die hier und da von grauen Strähnen durchzogen waren, bewegten sich leicht in dem Luftzug, den der altersschwache Ventilator über ihnen erzeugte. Er lächelte ihr zu. Ein müdes Lächeln, dachte sie, obwohl sie bezweifelte, dass er das zugeben würde. Vor allem, weil es – zumindest teilweise – ihre Schuld war. „Machen Sie sich keine Sorgen, das ist ja mein Job“, beruhigte er sie.

„Aber ich habe Sie fast den ganzen Nachmittag aufgehalten.“

„Nun hören Sie schon auf“, sagte er freundlich. „So ein erstes Treffen ist doch dazu da, mir einen Eindruck zu verschaffen, was der Kunde sucht.“

Dana verspürte einen Stich. Was sie wirklich suchte, war etwas, das Cameron ihr nicht bieten konnte. Leider. Sie spießte ein weiteres Erdbeerstück auf und steckte es in den Mund.

„Warum fragen Sie dann nicht einfach?“

„Ich habe schon mit Cass geredet, sie hat mir ein paar Informationen gegeben.“ Er legte einen Arm über die Lehne der Bank und lächelte sie offen an. „Die Details wollte sie Ihnen überlassen.“

Reines Verkäuferlächeln, sagte sie sich selbst und begegnete seinem entschuldigenden Blick, als sein Handy erneut klingelte. Unpersönlich. Nicht anders als das Lächeln, mit dem er die anderen Menschen, die sie den Nachmittag über getroffen hatten begrüßt hatte.

Lange sah er sie an. „Warum haben Ihre Geschäftspartnerinnen Sie denn damit beauftragt, den neuen Laden zu suchen?“

„Ich habe keine Ahnung. Ehrlich gesagt hätte ich die Aufgabe gerne abgegeben.“

„Warum?“

Sie knetete die Serviette zu einer kleinen Kugel. „Sagen wir, Entscheidungen zu fällen gehört nicht zu meinen Stärken. Das wird Sie kaum überraschen.“

„Und trotzdem …“ Cameron lehnte sich vor und faltete die Hände auf dem Tisch. Dabei sah er ihr direkt in die Augen. „Cass sagte mir, dass Sie nicht nur in finanziellen Dingen ein Genie sind, sondern dass Sie wirkliches Geschick haben, wenn es darum geht, Räume für Kinder zu dekorieren. Sie sagt, Sie hätten ein Gespür dafür, was den Kleinen gefallen könnte.“

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. „Vielleicht, na ja, das kann schon sein, aber …“

„Und sie war sich sicher, dass Sie genau die Richtige sind, um für Great Expectations ein neues Zuhause zu finden. Weil Sie sich nicht eher entscheiden, bis Sie das Gefühl haben, dass es passt.“

Er langte über den Tisch und berührte sie am Handgelenk. Seine Hand war kühl und ein wenig rau. Als er sie zurückzog, hinterließ sie ein kribbelndes Gefühl auf ihrer Haut.

„Sie sollten ihrem Instinkt trauen, Miss Malone. Trauen Sie Ihrem Instinkt genauso, wie Sie es bei Kindern tun. Das ist eine Gabe. Freuen Sie sich darüber.“

Zufrieden lehnte er sich zurück. „Okay. Jetzt weiß ich, was ich Ihnen als Nächstes zeigen werde. Das ist gut.“

Das ist gut? Du lieber Himmel! Noch nie hatte sie einen Mann getroffen, der sie derart beruhigen und gleichzeitig völlig aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Was war daran gut?

„An welchem Tag hätten Sie denn Zeit für die nächste Runde?“

Dana lutschte eine Weile an ihrem leeren Löffel und schaute in diese wunderschönen, aber distanzierten Augen. Mit einem Klirren ließ sie schließlich den Löffel in ihr leeres Glas fallen. Dann lächelte sie und sagte: „Wie wär’s mit Freitag?“

Dankbar, Danas Blick nicht länger standhalten zu müssen, zückte Cameron seinen elektronischen Terminkalender und nickte. „Gleich früh morgens würde gehen. Sagen wir, um neun?“

„Perfekt“, erwiderte sie und wollte gerade aufstehen, als sie hinter sich eine weibliche Stimme vernahm.

„Cameron? Was machst du denn hier?“

Beide wandten sich um und sahen eine Frau mit langen, blonden Haaren, die ein kurzes Tenniskleid trug. Neben ihr standen zwei identische Miniaturausgaben ihrer selbst, Zwillinge, die, so rechnete Cameron nach, nicht älter als fünf Jahre sein konnten.

„Dachte ich mir doch, dass du es bist.“ Ihre makellos weißen Zähne blitzten, als sie ihn anstrahlte. „Wir wohnen gleich um die Ecke. Die Kinder lieben das Eis hier.“ Ihr Lächeln wurde noch strahlender. „Mein Gott, es ist eine Ewigkeit her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wie geht es dir? Gut siehst du aus.“

„Du auch.“ Aus den Augenwinkeln sah Cameron, wie Dana die Brauen fragend in die Höhe zog.

Er räusperte sich. „Dana Malone, das ist …“

„Cybill Sparks“, ergänzte die Blonde und musterte Dana kühl. Sie taxierte ihre Konkurrentin, wie es Frauen tun, die ihr Territorium in Gefahr sehen. Dabei hatte sie Cameron seit Jahre nicht gesehen, und es war nicht zu übersehen, dass es in ihrem Leben seither einige Veränderungen gegeben hatte.

Der Gedanke an ihre kurze Affäre erfüllte Cameron nicht gerade mit Sehnsucht. Als Dana Cybills unterkühlte Begrüßung mit einem herzlichen Lächeln erwiderte, durchflutete ihn eine verwirrende Mischung aus Beschützerinstinkt und Ärger.

„Cameron ist mein Makler. Wir haben uns ein paar Objekte für meinen Laden angeschaut“, erläuterte Dana.

Das genügte offensichtlich, um die Alarmglocken in Cybills Kopf zum Schweigen zu bringen, und in nahezu natürlichem Ton fragte sie: „Was verkaufen Sie denn? Keine Frauenkleidung, nehme ich an …?“

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann zwinkerte Dana den Zwillingen zu, die sich hinter ihrer Mutter versteckt hatten und sie mit großen, blauen Augen anlächelten. „Nein, Kinderkleidung. Vielleicht haben Sie schon von Great Expectations gehört?“

„Aber natürlich! Ich liebe diesen Laden. Dort bin ich ganz oft. Die Großeltern und Urgroßeltern schenken den Mädchen weit mehr Kleidung, als sie jemals tragen könnten. Es ist großartig, sie dort wieder loswerden zu können. Und dabei verdiene ich sogar noch ein paar Dollar.“ Sie lachte. „Erzählen Sie das bloß nicht weiter!“

„Natürlich nicht“, erwiderte Dana, doch Cybills Aufmerksamkeit war bereits wieder bei Cameron. Ihre Hand lag auf seinem Arm, ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Raubtierhaftes. „Ich wollte dich immer schon mal anrufen.“

„Um mir zu sagen, dass du geheiratet hast?“

„Nein, du Dummkopf. Um dir zu sagen, dass ich wieder geschieden bin. Meine Telefonnummer hat sich nicht geändert, melde dich doch mal.“ Wieder das raubtierhafte Lächeln. „Bei so vielen Verwandten in der Nähe ist es leicht, einen Babysitter zu finden. War schön, dich zu sehen!“ Sie machte eine unbestimmte Handbewegung in Danas Richtung und manövrierte die Mädchen zu einem Tisch.

Dana und Cameron erhoben sich und verließen das Lokal. Draußen brach Dana in Gelächter aus.

„Was ist denn so lustig?“, murmelte Cameron.

„Sie hatten keine Ahnung, wer sie eigentlich war, stimmt’s?“

„Natürlich wusste ich, wer sie war!“ Die Hitze, der sie nun wieder ausgesetzt waren, traf ihn wie eine Keule. „Ich konnte mich nur für eine Sekunde nicht an ihren Namen erinnern.“

„Das ist ja erbärmlich.“

„Erbärmlich war ihre Art, sich mir an den Hals zu werfen!“

„Das stimmt. Für einen Moment habe ich geglaubt, sie würde gleich ihre Kiefer aushaken und Sie im Ganzen verspeisen. Ist sie eine frühere Freundin?“

„Das hätte sie vielleicht gerne. Aber ich schwöre, die Kinder sind nicht von mir.“

Erneut kicherte sie.

Er mochte es, wenn sie lachte. Sehr sogar. Während sie zum Auto gingen, betrachtete er verstohlen ihr Profil. Sie war so voller Widersprüche. Mal wirkte sie unsicher und schüchtern, dann wieder brachte sie ihn zum Lachen. Und zog ihn damit auf, dass ihm eine andere Frau schöne Augen machte.

„Es ist damals eigentlich nichts gelaufen. Sehr zu ihrem Kummer.“

Als sie im Auto saßen, warf Dana ihm einen amüsierten Blick zu. „Und, passiert Ihnen das regelmäßig, dass sich Ihnen Frauen an den Hals werfen?“

Cameron war sich nicht sicher, was ihn mehr erstaunte, die Frage an sich oder Danas Freimütigkeit. Er betrachtete ihr neugieriges, offenes Gesicht und dachte: Diese Frau ist etwas Besonderes. Laut entgegnete er: „Ihnen wird klar sein, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt, die mir sowohl meine Würde als auch Ihre Achtung sichert.“

„Meine Achtung?“

Er startete den Motor und fuhr aus der Parklücke. „Ein Makler ist nur dann erfolgreich, wenn sein Kunde nicht die Achtung vor ihm verliert.“

„Verstehe.“ Sie sah geradeaus auf die Straße und er erkannte, dass die hauchdünne Verbindung, die zwischen ihnen entstanden war, zerriss. Was ihn gleichzeitig traurig machte und erleichterte.

„Danke“, sagte sie, und ihre Stimme klang nicht mehr so unbeschwert wie wenige Minuten zuvor. „Für das Eis. Und ich verspreche, nicht ganz so unschlüssig zu sein am Freitag.“

„Machen Sie lieber keine Versprechungen, die Sie am Ende nicht halten können“, erwiderte er leichthin, und ihr Lachen sandte ihm ein prickelndes Gefühl über den Rücken.

Wenig später öffnete Dana die Tür zum Haus ihrer Eltern. Die vertraute Mischung aus kühler Luft, dem Geruch nach Hähnchen vom Vorabend und dem Duft frischer Rosen beruhigte sie bereits in dem Moment, in dem sie in den Flur trat. An diesem Abend brauchte sie ihre Familie, auch wenn sie dadurch gleichzeitig daran erinnert wurde, was ihr fehlte.

Ihr Vater saß in seinem Ledersessel, eine Dose Diät-Cola in der Hand. Das Baseballspiel, das auf dem riesigen Bildschirm des Fernsehers flimmerte, spiegelte sich in seinen Brillengläsern.

„Hi, Daddy! Wie geht’s?“

Gene Malone sah auf und grinste. Sein dünnes Haar stand wie ein Federbusch vom Kopf ab.

„Hallo, mein Liebes! Was führt dich zu uns?“

Ihr Vater war in den letzten Jahren etwas runder und kahler geworden, doch in seinen grünen Augen blitzte noch immer derselbe Humor. Dana beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. Dann ließ sie sich auf das Sofa neben dem Sessel fallen und starrte auf den Bildschirm. „Nichts Besonderes. Hab euch einfach schon eine Weile nicht mehr gesehen. Wo ist Mama?“

„Nebenan. Sie näht. Das hat sie jedenfalls vorgehabt.“ Das Leder des Sessels quietschte, als er sich bewegte. „Trish hat angerufen.“

Das war neu. „Wirklich? Wann?“

„Vor ein paar Tagen.“

„Was hat sie erzählt?“

„Keine Ahnung. Frag deine Mutter.“

Wie schon oft fragte sich Dana, wie es sein konnte, dass zwei Menschen das Leben gemeinsam verbrachten und dabei derart wenig miteinander sprachen. Sie überließ ihren Vater wieder dem Baseballspiel und ging in das winzige Zimmer nebenan. Fast acht Jahre lang hatte es Trish gehört, nun saß Faye Malone an ihrer Nähmaschine, mit der sie wie immer ein lebhaftes Gespräch führte. Sie raufte sich die Haare bei dem Versuch, irgendein Problem zu lösen.

„Was nähst du, Mama?“

Faye nahm die Nadeln, die sie zwischen die Lippen geklemmt hatte, aus dem Mund. „Hallo, Liebes. Nur etwas Kleines für Louise. Ihre Tochter bekommt demnächst ihr erstes Baby.“

Dana setzte sich auf die Ecke des Futons und strich über die winzige, leuchtend blaue Babydecke. Die Klimaanlage über der Tür blies ihr kalte Luft in den Nacken, und sie fröstelte. „Hübsch“, sagte sie in einem möglichst neutralen Ton. Ihre Anspannung wuchs. In der Stimme ihrer Mutter schwang deutlich Wehmut mit. Sie wünschte sich so sehr ein Enkelkind.

Schnell versuchte Dana, das Thema zu wechseln. „Daddy sagt, dass Trish angerufen hat?“

Ihre Mutter nahm die Brille ab. „Ja! Ich hätte es dir schon längst erzählt, aber dann sah ich doch keinen Sinn darin.“

„Sie hat nicht verraten, wo sie ist, oder?“

„Nein.“

„Kommt sie zurück?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, aber sie hatte diesen komischen Ton in der Stimme, du weißt schon, als hätte sie etwas falsch gemacht und Angst, wir könnten böse auf sie sein. Ich frage mich immer noch, warum meine Schwester diesen Widerling geheiratet hat. Die Ehe hat Marla ihre eigene Tochter gekostet.“

Dana kannte diese Litanei. Ihre Tante hatte vor etwa zwölf Jahren zum zweiten Mal geheiratet. Der Ehemann, den die gesamte Familie nur „den Widerling“ nannte, kam mit der damals ohnehin schon schwierigen Tochter nicht zurecht. Ein ums andere Mal riss Trish von zu Hause aus, bis Danas Eltern schließlich einwilligten, sie bei sich in Albuquerque wohnen zu lassen. Trish hatte ihren Schulabschluss gemeistert, war aufs College gegangen und hatte schließlich den Job bei Turner Immobilien bekommen. Sie hatte sogar davon gesprochen, selber einmal Maklerin zu werden.

Doch ihre gestörte Beziehung zu Männern zog sich wie ein roter Faden durch Trishs Leben. Und weder Dana noch ihre Eltern kamen jemals nahe genug an sie heran, um ihr helfen zu können. Bis auf gelegentliche Lebenszeichen hatte sie vor einem Jahr den Kontakt zur gesamten Familie abgebrochen.

„Sie hat nach dir gefragt.“

Erstaunt sah Dana auf. „Nach mir? Warum?“

„Keine Ahnung. Ich habe mich auch gewundert.“ Mit einem Seufzer ließ sich die Mutter neben Dana fallen. „Sie hat gefragt, wie es dir geht, seit …“

Ihre Mutter hatte alles darangesetzt, Dana auf andere Gedanken zu bringen, und dafür war sie ihr sehr dankbar gewesen. Aber heute merkte Dana, wie ihr die künstliche Stille nach dem abgebrochenen Satz auf die Nerven ging.

„Jetzt sprich es schon aus. Nach meiner Operation.“

Faye strich über die Babydecke. „Es tut mir leid, Liebes. Es ist mir so rausgerutscht.“

Dana seufzte. „Das ist über ein Jahr her. Findest du nicht auch, dass wir das Thema nicht länger umgehen sollten?“

„Ich … ich möchte nur nicht, dass es dir schlecht geht.“

Mit einem flauen Gefühl im Magen kuschelte sich Dana an ihre Mutter, die wie immer nach Seife, Sonnencreme und Essen roch.

„Das weiß ich doch. Aber es hilft nichts, die Tatsachen zu ignorieren. Meist geht es mir ja gut, aber an manchen Tagen fühle ich mich betrogen. Dann werde ich so wütend, dass ich am liebsten etwas kaputt machen möchte. Wenn ich darüber nicht einmal mit meiner eigenen Mutter sprechen kann, mit wem dann?“

„Ach, Liebes.“ Faye ließ ihre Handarbeit sinken und nahm ihre Tochter in den Arm.

Da merkte Dana plötzlich, wie erschöpft sie war. Tag für Tag versuchte sie, optimistisch zu sein. Vielleicht war es Cass’ Baby gewesen, das sie heute in den Armen gehalten hatte, vielleicht auch diese Mischung aus Freundlichkeit und Behutsamkeit in Camerons Blick – im Moment jedenfalls war ihr schmerzlich bewusst, was sie in ihrem Leben vermisste. Und mit diesem Gedanken kam ein Strom lange zurückgehaltener Tränen.

Was war falsch daran, eine Familie gründen zu wollen? Sich zwei starke Arme zu wünschen, die sie nachts hielten? Sie wünschte sich Kinder, für die sie Weihnachtsgeschenke einpacken konnte, die sie abends ins Bett bringen und denen sie vorlesen konnte.

Ihre Mutter wiegte sie in den Armen. „Nichts passiert ohne Grund“, sagte sie, „auch wenn wir das nicht immer sofort verstehen.“

Dana fragte sich, was wohl der Grund dafür war, dass Cameron plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht war. Nie würde sie seine Arme um ihre Schultern spüren, nie ihren Kopf an seine Brust legen können …

Verwundert schniefte sie auf. Was um alles in der Welt waren das denn für Gedanken? Sie kannte den Mann doch gar nicht! Waren nette Männer neuerdings derart Mangelware, dass ihre pure Anwesenheit sie um den Verstand brachte?

Dana richtete sich auf. Sie schnäuzte sich in ein Taschentuch, das Faye ihr reichte. Dann ließ sie sich bereitwillig von ihrer Mutter in die Küche ziehen. Schweigend aß sie dort Brathähnchen mit Kartoffelsalat, dann brachte sie das Thema wieder auf ihre Cousine.

„Also, was wollte Trish denn über mich wissen?“ Ihre Mutter nahm ein Erdbeereis aus dem Kühlschrank, und Danas Miene hellte sich auf. „Hast du auch Sahne?“

„Sie fragte, ob du immer noch alleine lebst und in dem Laden arbeitest“, antwortete ihre Mutter und stellte Sahne auf den Tisch. „Ich habe ihr deine Telefonnummer gegeben.“

„Kann mir nicht vorstellen, dass sie anruft … aber apropos Laden. Ich habe mir heute ein paar Objekte angeschaut, wir wollen doch umziehen.“

„Das wird aber auch Zeit. In diesem Schuhkarton, in dem ihr da arbeitet, kann ja kein Mensch atmen. Was gefunden?“

Ja. Nichts als Ärger. „Nein, noch nicht.“

„Na, macht nichts. Bleib dran, du wirst schon etwas finden.“

Mit einem kurzen Aufflackern von Zorn fragte sich Dana, wie lange sie wohl noch dranbleiben musste. Sie starrte auf ihren Löffel. Wochenlang hatte sie nach dem perfekten Kleid für den Schulball gesucht. In einem kleinen Laden im Einkaufszentrum hatte sie schließlich eines gefunden. Doch dann fand sie es zu eng am Hals, außerdem war es lang und feuerrot … Also hatte sie weitergesucht und gesucht, bis sie endlich begriffen hatte, dass es doch das rote sein sollte. Aber da war das Kleid bereits verkauft gewesen. So hatte sie sich mit einem anderen zufriedengeben müssen und sich darüber geärgert, so lange gezögert zu haben.

Weil sie geglaubt hatte, etwas so Perfektes nicht zu verdienen.

Fast verschluckte sie sich an ihrem Eis, als ihr klar wurde, dass sie drauf und dran war, denselben Fehler erneut zu begehen. Etwas nicht einmal auszuprobieren, aus Angst, es könnte nicht funktionieren. War sie es sich nicht selbst schuldig, den Dingen wenigstens eine Chance zu geben?

„Dana? Was grübelst du denn so?“

Dana blinzelte ihre Mutter an. „Es geht mir gut“, sagte sie, obwohl Hähnchen, Kartoffelsalat und Eis in ihrem Magen rumorten.

Es geht mir gut. Und ich habe nichts zu verlieren.

Mit einem eisgekühlten Bier in der Hand stand Cameron auf seiner gefliesten Veranda. Er ließ den Blick über den riesigen Swimmingpool schweifen, in dessen Wasseroberfläche sich der Abendhimmel spiegelte. Jenseits davon lag der makellos gepflegte Golfplatz. Und alles vor dem Hintergrund einer wildromantischen Gebirgslandschaft: den Sandia Mountains, deren Gipfel von der untergehenden Sonne in gleißend rotes Licht getaucht waren. Eine leichte Brise strich über Camerons Haut. Wunderschön, dachte er. Was will ich mehr?

Höchstens, dass drinnen schon das Essen auf mich wartet.

Und dass ich mir heute Abend diesen schrecklichen Anruf sparen kann.

Er ging zurück ins Haus und drückte ein paar Knöpfe auf einer in die Wand eingelassenen Tastatur. Sofort sorgte die Klimaanlage für kühle Luft und die Stereoanlage für ebensolchen Jazz. Das ganze verdammte Haus hat alles viel besser im Griff als ich, dachte er und ging weiter ins Schlafzimmer im hinteren Teil des Gebäudes.

Mitten auf dem breiten Doppelbett streckte sich genüsslich ein lang gezogenes graues Etwas und musterte ihn aus bernsteinfarbenen Augen. Es war Camerons Kater Steve, der nun ein halbherziges Miauen von sich gab und dann herzhaft gähnte.

„Lass dich bloß nicht von mir stören.“ Cameron schleuderte seinen Anzug in einen Ledersessel, auf dem sich schon einige Kleidungsstücke türmten. Seine Reinigungsfrau würde sich bei ihrem nächsten Besuch um alles kümmern.

Auf dem Weg zur Küche ließ er die Schultern kreisen, um seine verspannten Muskeln zu lockern. Kein Wunder – bei einem Arbeitstag von zwölf bis vierzehn Stunden. Aber so war das eben bei ihm: In seinem Beruf ging er voll auf. Und was sollte er auch sonst mit seiner Zeit anfangen? Etwa stundenlang im Fernsehen Dokusoaps gucken?

Ein Blick auf die Uhr an der Mikrowelle verriet ihm, dass es genau 20.32 Uhr war. Und in Charleston sogar schon zwei Stunden später. Eigentlich brauchte er bloß noch zwei Stunden zu warten, dann wäre der Geburtstag seines Vaters schon wieder vorbei. Die Vorstellung hatte ihren Reiz – war aber völlig unrealistisch. Wenn er es tatsächlich wagen würde, diesen Ehrentag zu vergessen, würde er den bitteren Hass seines Erzeugers nur noch weiter schüren.

Cameron zuckte zusammen. Doch es war nur der Kater, der ihm um die Beine strich. Er holte ein Fertiggericht aus dem Tiefkühlfach, stellte die Mikrowelle auf fünfzehn Minuten ein und ging langsam zum Telefon. Bis das Essen fertig war, wolle er längst aufgelegt haben.

Einen kurzen Augenblick lang zögerte er, dann wählte er die Nummer. Sofort hatte er seinen Vater am Apparat: „Hallo, hier Turner!“

„Hallo, Dad. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

Schweigen. „Bist du das, Cameron?“, fragte der Mann schließlich.

„Wer sonst? Habe ich einen Halbbruder, von dem ich noch nichts weiß?“

Schon wieder war es unangenehm still in der Leitung. Ach so, ja. Natürlich waren dumme Witze gegenüber Cameron Turner senior strengstens verboten.

„Hab mich schon gefragt, ob du überhaupt noch an mich denkst.“

„Natürlich denke ich an dich.“ Geschrieben hatte er ihm allerdings schon seit Jahren nicht mehr.

„Tja“, sagte sein Vater jetzt. „Du rufst aber ganz schön spät an.“

„Tut mir leid, ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Ich hatte heute viel zu tun.“

„Läuft das Geschäft gut?“

„Kann nicht klagen.“

„Schön, schön“, erwiderte sein Vater scheinbar unbeteiligt. Kein Wunder – aus seiner Sicht buk sein Sohn mit seinem Maklerunternehmen ziemlich kleine Brötchen, und das auch noch in der gänzlich belanglosen Stadt Albuquerque. Erneut schaute Cameron auf die Mikrowellenuhr und seufzte innerlich. Es waren erst zwei Minuten vergangen. „Und? Hast du heute etwas unternommen?“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, ob du zum Beispiel mit ein paar Freunden gefeiert hast.“

„Warum sollte ich?“

Berechtigte Frage. „Hm … egal, ich wollte dir auf jeden Fall zum Fünfundsechzigsten gratulieren. Na dann, gute N…“

„Hey, warte mal! Willst du dich nicht demnächst mal wieder bei mir blicken lassen?“

Cameron schnappte nach Luft. Bestimmt war es inzwischen über zwölf Jahre her, dass er seinen Vater zuletzt gesehen hatte. Warum wollte er sich auf einmal mit ihm treffen? „Wie meinst du …?“

„Das war doch eine ganz einfache Frage, Cameron. Ich muss ein paar Dinge erledigen und brauche deine Unterschrift auf einigen Dokumenten.“

Nun, etwas Ähnliches hatte Cameron sich denken können. Er krallte die Finger um den Telefonhörer. „Ich kann hier jetzt nicht weg, Dad. Du musst mir die Dokumente wohl per Eilbote schicken.“

„Die Unterschriften müssen aber beglaubigt werden.“

„Dann lasse ich sie eben beglaubigen.“

Plötzlich hatte Cameron wieder das Freizeichen im Ohr: Sein Vater hatte einfach aufgelegt, weigerte sich, weiter mit ihm zu reden. Genau wie immer.

Warum sein Vater ihn so behandelte, hatte Cameron nie verstanden. Und eigentlich wollte er es lieber gar nicht so genau wissen.

Der Fairness halber musste Cameron zugeben, dass er sich in Sachen persönliche Beziehungen auch nicht viel besser machte als sein Erzeuger. Bisher hatte er keine seiner Frauenbekanntschaften besonders nahe an sich herangelassen. Allerdings hatte er keine von ihnen so herablassend behandelt wie sein Vater ihn, obwohl sie ihm alle herzlich egal gewesen waren …

Bloß Dana ist anders, schoss es ihm durch den Kopf – völlig unvermittelt.

Lass bloß die Finger von ihr, Turner!, warnte ihn sofort eine innere Stimme.

Kein Problem, antwortete eine Stimme in seinem Kopf. Schließlich hatte er für die Freiheit und Unabhängigkeit, die er hier in Albuquerque genoss, einige Opfer gebracht. Und er war froh, dass er sich nicht mehr verbiegen musste und niemand Ansprüche an ihn stellte.

Zu seinen Füßen miaute der Kater, es klang wie eine Frage.

Also gut, dachte er. Fast niemand.

Das Piepen der Mikrowelle unterbrach seine Gedanken.

Ich bin frei, dachte er, ließ den Kater durch die Hintertür in den Garten und trug sein Essen auf die Veranda. Frei, mich ohne ernst zu nehmende Zeugen zum Affen zu machen. Stundenlang auf der Veranda zu sitzen und in die Sterne zu starren. Die Stereoanlage bis zum Anschlag aufzudrehen. Meine Klamotten überall liegen zu lassen.

Eigentlich ziemlich paradiesisch, dachte er und stocherte in seiner heißen, geschmacklosen Pampe herum.

3. KAPITEL

Verdammt!, dachte Cameron. Er war erst wenige Sekunden im Laden, aber eins war ihm sofort klar: Die Dana Malone, die ihm da gerade ins Gesicht lächelte, war nicht mehr dieselbe Frau, die er vor drei Tagen kennengelernt hatte. Da hatte sie doch noch nervös gewirkt, schüchtern und unsicher … und viel weniger bedrohlich. So, als könnte sie ihm und seiner Unabhängigkeit nicht gefährlich werden.

Ganz ruhig bleiben, sagte er sich. Du bist doch willensstark, oder nicht? Also lass dich nicht aus der Fassung bringen, nur weil sie dich … anlächelt.

Während er noch über seine Willensstärke sinnierte, streckte ihm der wuselige Lockenkopf neben Dana schon eine schmale, manikürte Hand hin. „Hi! Ich bin Mercedes Zamora, die dritte Teilhaberin.“

„Oh, entschuldige!“, rief Dana. „Mercy, das ist Cameron Turner …“

„Ich weiß ganz genau, wer dieser Mann ist“, fiel Mercy ihr ins Wort und lächelte strahlend. Aus dem Augenwinkel bekam Cameron mit, dass Dana ihre Partnerin wütend anfunkelte.

In diesem Moment klingelte das Telefon, doch niemand bewegte sich von der Stelle.

„Mercy?“ Dana zog an einer lockigen Haarsträhne, die sich aus der Frisur ihrer Kollegin gelöst hatte. „Telefon.“

„Wie?“ Die junge Frau grinste Cameron immer noch wie hypnotisiert an. Diesmal zog Dana kräftiger an ihrem Haar. „Aua!“

„Te-le-fon!“

„Warum sagst du das dann nicht einfach?“ Mercy rieb sich den Kopf und drehte sich um – nicht, ohne Dana zuvor einen finsteren Blick zugeworfen zu haben.

Dana rollte mit den Augen. „Tut mir leid“, sagte sie. „Waren wir nicht eigentlich in Ihrem Büro verabredet?“

„Stimmt. Aber dann habe ich mir überlegt, dass ich ja eine viel bessere Vorstellung davon bekomme, was Sie suchen, wenn ich mir mal Ihren Laden anschaue.“

„Keine schlechte Idee!“

Ihr leichtes, helles Sommerkleid schmiegte sich sanft an ihre Rundungen, ihre Brüste und ihre Hüften, und fiel dann locker bis zu den Knöcheln herab. Das dicke Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, sodass ihr zartes Kinn und ihr schlanker Hals zur Geltung kamen. Nur an der Schläfe fiel ihr eine widerspenstige Strähne ins Gesicht.

„Tja“, sagte Cameron und sah sich im Verkaufsraum um. Er runzelte die Stirn. „Aha, jetzt verstehe ich, warum Sie etwas Größeres suchen.“

„Ihnen entgeht aber auch nichts, was?“ Dana stand direkt hinter ihm. Er lächelte verschmitzt.

Der Laden platzte aus allen Nähten, jeder Quadratmeter war vollgestopft mit Kindersachen. Es war ein Wunder, dass man sich zwischen den Kleiderständern und Regalen mit Puppenmöbeln und kleinen Teeservices überhaupt noch bewegen konnte.

Cameron atmete tief ein: Ein Gemisch aus Kaffeeduft und Danas Parfum drang an seine Nase. „Jetzt ist mir auch klar, warum keiner von den Läden infrage kam, die ich Ihnen bisher gezeigt habe. Heute wird wohl auch nichts dabei sein, fürchte ich.“

„Na, es ist immerhin einen Versuch wert. Oder? Ich hole nur schnell meine Handtasche, dann können wir los. Um halb eins habe ich nämlich schon wieder einen Termin.“ Dann verschwand sie zwischen den Kleiderständern und Auslagen und ließ ihn einfach so stehen. Nur ihr Parfum hatte er immer noch in der Nase … und dazu ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Nüchtern betrachtet war Danas und Camerons Besichtigungstour wirklich ein Flop gewesen. Es war genau so gekommen, wie er es im Laden schon angekündigt hatte: Die neuen Objekte waren alle völlig ungeeignet.

„Und?“, erkundigte sich Mercy, sobald die Tür hinter Dana zugefallen war.

„Fehlanzeige.“

„Ach. Hast du denn wenigstens einen neuen Laden für uns gefunden?“

Dana warf ihrer Partnerin einen finsteren Blick zu, hinter dem sie ihre eigentlichen Gedanken geschickt verbarg. Auf zwischenmenschlicher Ebene hätte der Morgen nämlich nicht besser laufen können. „Wo steckt Cass?“

„Die hat die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ihr Baby etwas mit dem Magen hatte. Also hat sie sich heute freigenommen. Dafür wollte sie nächste Woche einen Tag für dich einspringen, wenn du einverstanden bist.“

„Klar“, sagte Dana geistesabwesend und ging die Post durch, die auf dem Tresen lag.

Das Telefon klingelte. Ohne hinzugucken, nahm Dana den Hörer ab.

„Great Expectations.“

„Dana?“

„Ja, am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Dana … ich bin’s … Trish.“

Abrupt fuhr Dana hoch. „Trish! Wo bist du denn? Mama macht sich solche Sorgen!“

„Mir geht’s gut. Das habe ich ihr doch letzte Woche schon gesagt, als wir telefoniert haben. Du, ich muss unbedingt mit dir sprechen. Aber nicht am Telefon.“

Das konnte nur eines bedeuten: „Dann bist du also gerade hier? In Albuquerque?“

„Ja, aber nur für ein paar Tage.“

„Wo denn? Hast du eine Telefonnummer?“

„Bist du morgen wieder im Laden?“

„Warte mal, morgen ist Samstag … ja, da bin ich den ganzen Tag hier.“

„Ab wann?“

„Wohl so ab neun Uhr morgens. Aber wollen wir uns nicht lieber bei mir treffen? Oder bei Mama …“

Klick.

Fassungslos starrte Dana den Hörer an, dann knallte sie ihn auf den Tresen.

„Was war das denn?“, wollte Mercy wissen.

„Das“, sagte Dana, „war meine völlig durchgeknallte Cousine.“

„Die, die einfach so abgehauen ist?“

„Ja, genau die.“ Dana seufzte. „Sie ist wohl gerade in Albuquerque, hat mir aber nicht verraten, wo. Und morgen will sie hier im Laden vorbeikommen.“

Mercy zuckte mit den Schultern und staubte ein paar reich verzierte Bilderrahmen ab. „Wahrscheinlich braucht sie Geld.“

„Tja, dann kann sie sich aber auf eine Überraschung gefasst machen. Bei mir gibt’s nämlich nichts zu holen. Ich zahle immer noch die Arztrechnungen vom letzten Jahr ab und brauche das restliche Geld für unser neues Geschäft. Also muss sie wohl ihren hübschen kleinen Hintern nach Hause bewegen und zusehen, dass sie sich ihre Kröten selbst verdient.“

Mercy lachte.

„Was ist daran so witzig?“

„Auf den ersten Blick wirkst du immer so lieb und hilflos, die klassische verwöhnte Südstaatenschönheit … aber wenn man dich besser kennenlernt, merkt man schnell, dass du dir nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.“

Dana legte den Kopf schief. „Ach ja?“

Schon wieder klingelte das Telefon. Im gleichen Moment ging die Tür auf, und eine Mutter mit vier Kindern stolperte in den Laden.

„Hallo, hier Great Expecta

„Hi, ich bin schon auf dem Weg zu einem anderen Termin“, sagte eine Männerstimme. Cameron! Dana schoss das Blut ins Gesicht. „Aber ich glaube, ich habe da einen neuen Laden für Sie. Es müsste eigentlich perfekt passen, und ich weiß gar nicht, warum ich nicht schon heute Morgen darauf gekommen bin. Liegt wahrscheinlich an der Hitze. Jedenfalls bin ich erst mal bis fünf Uhr unterwegs, aber vielleicht können wir hinterher zusammen hinfahren? Ich habe das Angebot erst heute früh auf den Tisch bekommen, und wer weiß, wie lange es noch zu haben ist. Das Beste an der Sache ist ja, dass der Besitzer es sogar verkaufen würde, vielleicht hätten Sie Interesse? Dann könnten Sie die Miete auf den Kaufpreis …“

„Moment, nicht so schnell“, unterbrach sie ihn lachend. „Ja, fünf Uhr passt mir gut. Ich komme direkt dorthin, wenn Sie mir die Adresse geben.“

Sie schrieb alles auf einen Notizzettel. Als sie aufgelegt hatte, zitterte sie vor Aufregung – natürlich nur, weil sie vielleicht schon bald die perfekten Verkaufsräume für das Geschäft gefunden hätte, sagte sie sich. Warum auch sonst?

Dana war seltsam still und verzog keine Miene. Cameron beobachtete sie aufmerksam, während sie in Sandalen über den staubigen Dielenboden von Raum zu Raum lief.

„Der Nachbarschaftsverein würde sich sehr darüber freuen, wenn Ihr Laden hier einziehen würde. Es liegt nahe am alten Stadtkern, also können Sie auch vom Tourismus profitieren …“

Mit einer kurzen Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen.

Die Hitze in dem alten Haus war kaum auszuhalten. Es roch nach modrigem Holz und Staub. Einige Strähnen hatten sich aus ihrer Frisur gelöst und hingen Dana feucht in den Nacken.

Er konnte gar nicht mehr wegschauen. Als hätte er noch nie nasse Haarsträhnen an einem feucht glänzenden Hals gesehen. Schnell zwang er sich, stattdessen aus einem der beschmierten Fenster zu schauen.

Cameron hörte, wie sich ihre Schritte wieder näherten. Hinter ihm blieb sie stehen. Er fuhr herum: Sie strahlte. Über das ganze Gesicht.

„Es passt perfekt!“, schwärmte sie. „Wann kann ich den anderen den Laden zeigen?“

„Wann immer Sie möchten.“

Spontan klatschte sie in die Hände und stieß einen leisen Schrei aus – wie ein kleines Mädchen. Ihre Begeisterung war ansteckend. Cameron hoffte auf sein Immunsystem.

Wenige Minuten später, als sie vor dem Auto standen, sagte er: „Na, hab ich’s nicht gesagt? Sobald wir das Passende gefunden haben, sind Sie nicht mehr unentschlossen.“

Sie lachte. „Stimmt. Jetzt fühle ich mich sogar richtig …“ Ihre Blicke begegneten sich über dem Autodach. „… energiegeladen.“

Cameron öffnete die Fahrertür, damit die Hitze entweichen konnte, die sich im Inneren angestaut hatte. „Und was genau tut eine energiegeladene Dana Malone?“, hakte er nach, ohne nachzudenken.

Sie grinste. „Sie lädt ihren Makler zum Essen ein. Ich koche für Sie.“

Du hast nichts zu verlieren, sagte sich Dana, während ihr der Angstschweiß literweise den Rücken hinunterlief – zumindest fühlte es sich so an. Dabei beobachtete sie Cameron, dem gerade offensichtlich das selbstzufriedene Lächeln aus dem Gesicht rutschte. Ach du Schande, schien er zu denken.

„Also, nicht, dass wir uns missverstehen“, fügte sie schnell hinzu. „Ich will mich nur dafür bedanken, dass Sie mir so geduldig geholfen haben, obwohl Sie wahnsinnig viel zu tun haben, das weiß ich. Wahrscheinlich essen Sie deswegen oft im Diner oder wärmen sich ein Fertiggericht auf, da dachte ich …“

„Dana“, sagte er ganz sanft und wirkte gar nicht glücklich dabei. „Ich würde das Angebot wirklich sehr gern annehmen …“

Jetzt kommt’s, dachte sie.

„Aber ich glaube nicht … dass das gut wäre.“

Obwohl Dana sich innerlich auf die Absage eingestellt hatte, wäre sie jetzt am liebsten im Boden versunken. Trotzdem zwang sie sich zu einem Lächeln. „Ach, war nur so eine Idee. Kein Problem“, sagte sie leichthin und öffnete ihre eigene Autotür. Dann fuhr sie blitzschnell herum. „Aber Sie hätten sich wenigstens eine Höflichkeitsausrede einfallen lassen können, wie alle anderen Männer das getan hätten. Sie hätten ja sagen können, dass Sie heute Abend schon etwas vorhaben.“

„Hm, wenn du wie alle anderen Frauen wärst“, entgegnete er ruhig, „dann hätte ich wohl genau so etwas gesagt. Aber du hast etwas Besseres verdient.“ Er atmete hörbar ein. „Du hast auch jemand Besseren verdient als mich“, fuhr er fort. „Eine feste Beziehung kommt für mich nämlich nicht infrage, Dana. Ganz zu schweigen von einer Familie mit Kindern … meine Zukunft sieht anders aus. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass dir beides unheimlich wichtig ist.“

Das war ja wohl die Höhe! „Wie bitte? Wann genau habe ich auch nur angedeutet …? Ich wollte dich bloß zum Essen einladen, mehr nicht!“

Nun konnte sie beinahe so etwas wie Schmerz in seinem Gesicht lesen. „Hättest du mich denn auch eingeladen, wenn ich mit einer Frau zusammen wäre? Oder du mit einem Mann?“

„Hm … na ja …“ Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

Sein Lächeln war undurchdringlich. „Mit mir kommst du nicht weiter, Dana. Das ist nur vergeudete Energie.“

Sie wich seinem Blick aus, dann sah sie ihm doch wieder ins Gesicht. „Tut mir leid, dass ich mir eingebildet habe, du könntest auch nur irgendein … Interesse an mir haben“, gab sie zurück und kniff die Lippen zusammen. „Besonders nach allem, was Trish über dich erzählt hat.“

Er legte den Kopf schief. „Trish?“

„Ja, Trish Lovett. Meine Cousine. Sie hat mal für dich gearbeitet, ungefähr sechs Monate lang, das muss inzwischen ein Jahr her sein. Und sie meinte … na, auch egal.“

„Dana.“ Cameron wirkte gequält. „Es ist wirklich besser so, das kannst du mir glauben.“

Ihre Blicke begegneten sich kurz, wichen einander aus, berührten sich erneut. „Ja, da hast du wahrscheinlich recht“, sagte sie schließlich. Dann öffnete sie energisch die Autotür, setzte sich auf den glühend heißen Sitz und fuhr los.

Am nächsten Tag um kurz vor neun lenkte Dana ihren Wagen auf den leeren Parkplatz vor dem Geschäft. Heute war sie an der Reihe, den Laden aufzusperren, und es passte ihr ganz gut, erst mal ein bisschen allein zu sein. Sich ganz allmählich auf die Kunden einzustellen – und auf Mercys spitzfindige Bemerkungen zu der etwa daumendicken Make-up-Schicht, hinter der sie sich heute versteckte. Andererseits stand ihr recht bald das Treffen mit Trish bevor, die allerdings noch nirgends zu sehen war.

Kaum war Dana aus dem Auto gestiegen, liefen ihr schon wieder die Schweißperlen den Nacken hinunter. Puh! Im Laden war es wahrscheinlich auch nicht kühler, dafür musste sie erst mal die Klimaanlage eine Zeit lang laufen lassen. Sie steckte den Schüssel ins Türschloss. Jetzt aber schnell! Innerhalb von 30 Sekunden musste sie die Alarmanlage deaktivieren.

Hinter ihr nieste jemand.

Die Ladentür schwang auf, der Schlüssel blieb im Schloss stecken. Zum zweiten Mal hörte Dana das Niesen. Sie fuhr herum und schrie laut auf. „Oh mein Gott!“

Vor ihr auf dem Pflaster saß ein Baby in einem Autositz und beobachtete sie neugierig. Ein kleiner Sonnenschirm warf einen blauen Schatten auf sein Gesicht. Nach einer Weile grinste es sie zahnlos an.

Dana war zu fassungslos, um zurückzulächeln. Fix sah sie sich auf dem Parkplatz um und bekam dabei gerade noch mit, dass ein beigefarbener Wagen auf die Straße fuhr und um die Ecke verschwand. Sie ging einen Schritt vor, und …

Rrrrrriiiiiiiiiinnnnggg!

Die Alarmanlage! Dana schrie auf, und das Kind brüllte wie am Spieß. Sie schnappte sich den Sitz am Tragegriff und rannte damit in den Laden, setzte das Baby auf dem Tresen ab und wühlte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, mit dem sie den Alarm deaktivieren konnte. Etwa zehn Sekunden – gefühlte zehn Stunden – später konnte sie ihn endlich ausschalten.

Jetzt, wo es keine anderen Geräusche mehr gab, wirkte das Babygeschrei noch viel lauter. Dana öffnete den kleinen Gurt und nahm das Kind in die Arme, um mit ihm durch den Laden zu gehen – oder vielmehr: sich an Kleiderständern, Regalen und sonstigen Auslagen vorbeizuquetschen. Inzwischen brüllte das Baby nicht mehr, sondern jammerte nur noch leise vor sich hin. Erschöpft ließ sie sich in einen Schaukelstuhl fallen, während sich das Kind an ihrem inzwischen vollgesabberten Kleid festkrallte.

„Nein“, stöhnte sie. „Ich kann das einfach nicht glauben …“

Sie schnüffelte an dem Baby, das nach billigem Parfum und kalter Asche roch – wie Trish. Es trug ein winziges Fußballtrikot, war also wahrscheinlich ein Junge.

Schließlich stand Dana auf, setzte den Kleinen in ein Laufställchen und stürmte nach draußen.

„Patricia Elizabeth Lovett“, sagte sie laut, „das schlägt dem Fass den Boden aus.“

Aber da Patricia Elizabeth sich offensichtlich nicht mehr in der Nähe aufhielt, konnte Dana genauso gut wieder in den Laden gehen und sich überlegen, wie sie weiter vorgehen sollte. Als sie sich zur Tür umdrehte, fiel ihr die Einkaufstasche auf, die neben dem Eingang stand. Darin fand Dana einen Stapel Babykleidung, sechs oder sieben Wegwerfwindeln und drei gefüllte Fläschchen.

Sie riss die Tasche so heftig in die Höhe, dass sich ein Henkel löste und der ganze Inhalt sich beinahe in den Pflanzenkübel mit den hitzeschwachen Petunien ergossen hätte. Jetzt erst bemerkte sie den Brief, der ebenfalls in der Tasche gesteckt hatte. Aber klar, dachte sie. Ein Brief darf bei so etwas natürlich nicht fehlen.

Dana riss den Umschlag auf und überflog die Zeilen: „… hab alles versucht … und weil ich weiß, wie sehr du Kinder liebst und dir welche wünschst … so ist es besser … das volle Sorgerecht … hoffe, du kannst mir das verzeihen … Timmy ist ein tolles Kind … Geburtsurkunde liegt bei …“

Das war ja mal wieder typisch Trish! Seufzend faltete Dana die Geburtsurkunde auf, um herauszufinden, wie alt das Baby war. „Wie bitte?“, rief sie aus.

Das Baby zuckte zusammen und brüllte wieder los. Am liebsten hätte Dana gleich mit eingestimmt. Stattdessen schleuderte sie den Brief samt Geburtsurkunde auf den Tresen und ging zum Laufställchen, um den kleinen Timmy hochzunehmen. Er kann nun wirklich nichts für diesen ganzen Irrsinn, dachte sie und setzte ihn sich auf den Schoß. Und seinen Vater hatte er sich am allerwenigsten ausgesucht.

Cameron James Turner, hatte auf der Urkunde gestanden. Derselbe Cameron James Turner, in dessen Zukunft kein Platz für Kinder war.

„Tja, Pech gehabt, Freundchen“, presste Dana hervor, zog eine Milchflasche aus der Einkaufstüte und steckte sie ihrem neuen Cousin in den Mund.

Dana bedankte sich bei der Polizistin dafür, dass sie so schnell vorbeigekommen war, und versprach, sie sofort zu benachrichtigen, falls sie etwas von Trish hören sollte. Dann brachte sie sie zur Tür. Viel hatte das Gespräch nicht ergeben. Da Trish sich darum gekümmert hatte, dass Timmy gut versorgt war, konnte man ihr nicht vorwerfen, das Kind ausgesetzt zu haben. Wenn sich Dana allerdings der Aufgabe nicht gewachsen fühlte, könnte sie Timmy immer noch zu Pflegeeltern geben …

Das kam natürlich überhaupt nicht infrage.

Mercy nahm Dana das Baby ab, und Cass legte ihr einen Arm um die Schultern. Ihr eigener Sohn spielte gerade hinten im Laden.

„Ich fass es nicht“, seufzte Dana. „Wie kann man nur so egoistisch sein?“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tresen, dabei flog ein Teddybär aus einem kleinen Hochstuhl, der neben der Kasse stand. „Jetzt soll Trish es mal wagen, hier vorbeizuschauen“, schimpfte sie und schüttelte wütend den kleinen Bären. „Dann kriegt sie nämlich echten Ärger mit mir. Diese dumme, egoistische kleine … Schlampe.“

„Schön, dass ihr euch so nahesteht“, bemerkte Cass trocken.

Dana ignorierte sie einfach und setzte den Teddy zurück auf seinen Stuhl. „Was soll ich denn jetzt machen?“

Sie beobachtete Timmy, der gerade damit beschäftigt war, Mercy an den Haaren zu ziehen. Danas eigene Frisur hatte sich längst aufgelöst, wie immer ganz von selbst. „Wie soll ich mich bitte völlig allein um einen sechs Monate alten Jungen kümmern? In meiner winzigen Wohnung? Und mit einem Vollzeitjob? Wie hat sich Trish das eigentlich gedacht, verdammt noch mal?“

„Vielleicht können deine Eltern ja tagsüber auf ihn aufpassen“, warf Mercy ein, aber Dana schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht.“

Plötzlich wurden ihre beiden Geschäftspartnerinnen ganz still und sahen sich bedeutungsvoll an.

„Was ist los?“, wollte Dana wissen.

„Was ist mit Cameron?“, fragte Mercy und verzog das Gesicht vor Schmerz, während sie versuchte, Timmys kleine Finger von dem großen Goldreifen zu lösen, den sie im Ohr trug.

„Aber klar doch, ich frag den großen Familienvater“, gab sie zurück. Als die beiden Frauen sie verwirrt ansahen, nahm sie sich zusammen und erzählte ihnen von ihrer Erfahrung vom Vortag. Natürlich nicht bis ins letzte Detail, ihre Essenseinladung verschwieg sie lieber. Stattdessen legte sie die Betonung darauf, dass er keine Kinder wollte.

„Selbst wenn das so ist“, sagte Cass und verschränkte die Arme vor der Brust, „wird er bestimmt nicht einfach ignorieren, dass er einen Sohn hat. So schätze ich Cameron nicht ein. Wahrscheinlich hat Trish ihm nie etwas von ihrer Schwangerschaft erzählt.“

Auf diese Möglichkeit war Dana noch nicht gekommen. „Und wenn doch?“

Timmy zog Mercy gerade das türkisfarbene Stirnband vom Kopf und begann, darauf herumzukauen. Sie schien sich nicht weiter daran zu stören. „Also, wenn er wirklich die ganze Zeit Bescheid wusste“, meldete sie sich zu Wort, „dann bin ich die Erste, die ihm einen Tritt verpasst … und ich verrate jetzt nicht, wohin. Aber wenn er wirklich völlig ahnungslos ist, dann solltest du ihm eine Chance geben“, befand sie.

„Das würdest du mir nicht vorschlagen, wenn du gestern dabei gewesen wärst …“, begann Dana, dann unterbrach sie sich. Sie nahm Mercy das Baby ab, ihre Augen brannten. „Es ist wohl ziemlich klar, dass ich mich um das Kind kümmere.“

In diesem Augenblick klingelte die Türglocke. Mercy stöhnte leise auf und ging der schwangeren Frau entgegen, die sich gerade an den Kleiderständern vorbeiquetschte.

Als Cameron am Abend durch Danas Haustür trat, sah er zuerst ihre zerzauste Frisur, dann das Baby, das sie sich auf die Hüfte gesetzt hatte. Er wusste sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Am Morgen hatte sie ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen – sehr knapp und nicht besonders herzlich. „Komm doch bitte irgendwann ab sechs Uhr abends bei mir zu Hause vorbei“, hatte sie gesagt und ihm ihre Adresse genannt. „Und keine Sorge, es geht bestimmt nicht um das, was du jetzt denkst.“

Nun, da er ihr gegenüberstand, traute er sich kaum, den Mund aufzumachen. „Du … wolltest mit mir sprechen?“, sagte er schließlich.

Ohne ein Wort drehte sich Dana um und ging zurück in die Wohnung. Cameron verstand das als Aufforderung, ihr zu folgen.

Im Wohnzimmer bekam er erst mal einen Schreck. Überall lagen Sachen herum. Einbrecher!, war sein erster Gedanke. Bei genauerem Hinsehen merkte er schnell, dass es sich dabei ausschließlich um Babysachen handelte: Zwischen einem pfirsichfarbenen Sessel und dem Couchtisch stand ein Laufställchen. Auf dem pastellfarbenen Designersofa waren Windeln verstreut – sowohl benutzte als auch unbenutzte. Auf dem hellen Esstisch thronte ein Autokindersitz, die andere Hälfte war mit etwa einem Dutzend geöffneter Babynahrungsgläschen blockiert.

Dana stand in der vom Wohnzimmer abgeteilten Küchennische und wischte dem Baby die Wangen ab. Das Kind gluckste. Irgendwie gelang es ihm, Dana das feuchte Tuch zu entreißen und es ihr zielsicher ins Gesicht zu schleudern.

Instinktiv wusste Cameron, dass er jetzt äußerst vorsichtig vorgehen musste. „Spielst du gerade Babysitter?“

„Interessante Frage“, bemerkte sie, fing das Tuch auf und klatschte es auf die Arbeitsplatte. Ihre Augen funkelten. „Trish war heute kurz in der Stadt.“

Cameron spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. „Ach, ja?“

„Ja. Hat mir ein kleines Geschenk mitgebracht. Ein sehr schönes sogar, aber darauf war ich überhaupt nicht eingestellt. Außerdem musste ich es annehmen, ob ich wollte oder nicht.“

Er sah erst zu dem Baby, das ihn zahnlos anlächelte, dann zu Dana. Wahrscheinlich wollte sie ihm zu verstehen geben, dass Trish ihr alles erzählt hatte, über sie und ihn. Aber allein deswegen hatte sie ihn doch wohl nicht herbestellt? Und überhaupt, was hatte das Baby mit der ganzen Sache zu tun?

„Entschuldigung, ich komm nicht ganz mit“, sagte Cameron, „wie ist das zu verstehen?“

Dana rauschte an ihm vorbei zu ihrer Handtasche, zog ein dreifach gefaltetes Blatt Papier heraus und überreichte es ihm.

Ein extrem mulmiges Gefühl beschlich ihn. Er öffnete das Schreiben, las es und stieß einen leisen Fluch aus.

„Ja, genauso habe ich auch reagiert“, sagte Dana. „Und?“

„Und – was?“

„Hattest du etwas mit meiner Cousine?“

„Dann hat sie dir also nichts erzählt?“

„Keinen Ton.“

Cameron fixierte immer noch fassungslos das Stück Papier. Er seufzte. „Ja, Dana, ein einziges Mal. Kurz nachdem sie im Maklerbüro aufgehört hatte. Und uns war beiden sofort klar, dass es ein Fehler war.“

Ihr Blick war schwer einzuschätzen: Cameron wusste nicht, ob Enttäuschung oder Hass darin lag.

„Und dieses eine Mal … passt das zu Timmys Geburtsdatum?“, erkundigte sie sich.

„Schon. Aber … es kann trotzdem nicht sein.“

„Warum nicht?“

Er sah ihr direkt in die Augen. „Weil ich mich habe sterilisieren lassen. Vor fünf Jahren.“

Sekundenlang schwiegen sie. „Oh“, sagte Dana schließlich und ließ sich mit dem Baby im Schoß auf das Sofa fallen.

Der Kleine hat meine Augen, dachte Cameron.

Andererseits hatten viele Babys blaue Augen. Millionen von Babys sogar.

„Wow“, sagte Dana. „Du hast das ja wirklich bitterernst gemeint, als du sagtest, du hättest keine Kinder eingeplant.“

Cameron kniff kurz die Lippen zusammen. „So hatte ich mir das ursprünglich vorgestellt. Aber …“

„Oje, Cameron, tut mir leid, dass ich dich so angegangen bin. Dabei kenne ich doch meine Cousine und hätte mir denken können, dass man nicht alles, was sie erzählt oder in eine Geburtsurkunde eintragen lässt, für bare Münze nehmen darf. Entschuldige bitte.“

„Ich glaube, ich muss mich erst mal hinsetzen.“

„Ja, natürlich, mach’s dir bequem.“

Er quetschte sich auf die noch freie Sitzfläche eines Sessels, der dem Sofa gegenüberstand, und starrte wieder auf die Geburtsurkunde … die Buchstaben darauf, die sich ausgerechnet zu seinem Namen zusammenfügten.

„Cameron?“

Er lachte freudlos auf, dann ließ er sich gegen die Sessellehne fallen. „Du glaubst mir wirklich, nicht? Dass Timmy nicht mein Sohn ist, meine ich?“

„Ja, schon. Sollte ich das lieber nicht tun?“

„Nein. Ich meine: doch. Aber woher weißt du eigentlich, dass ich nicht einfach versuche, mich aus der Verantwortung zu ziehen?“

„Tust du das denn?“

Er schüttelte den Kopf.

„Mir kommt es auch nicht so vor“, erwiderte sie, und er atmete tief durch.

„Die Sache ist bloß die“, erklärte er, „man kann auch bei einer Sterilisation nie hundertprozentig sicher sein, eher zu neunundneunzig Prozent. Das ist so ähnlich wie mit der Antibabypille. Deine Cousine hat übrigens gesagt, sie würde sie nehmen.“ Er sah Dana an. „Wieso schüttelst du jetzt den Kopf?“

„Das kann nicht sein, Trish verträgt die Pille nämlich nicht.“

Er rieb sich das Kinn. „Hoppla. Das haut mich gerade ganz schön um.“

Einige Sekunden lang schwieg Dana. „Ach je“, sagte sie schließlich. „Kein Wunder, dass du so blass bist. Dann hast du also von nichts gewusst?“

Cameron ließ seinen geballten Ärger heraus – auf Trish, auf die ganze Situation, am meisten aber auf sich selbst: „Natürlich habe ich von nichts gewusst! Wie denn auch, verdammt noch mal?“

Dana hob Timmy hoch und legte ihn über ihre Schulter, als wollte sie ihn beschützen. „Entschuldige, aber ich muss das fragen. Sag mal … hast du Trish eigentlich gesagt, dass du … diese Operation hattest?“

„Es ist nie zur Sprache gekommen. Sie hat mir gleich erzählt, dass sie die Pille nimmt, dabei habe ich es dann belassen.“

„Und ihr habt natürlich auch kein Kondom benutzt.“

„Weißt du“, begann er, „irgendwie war es viel einfacher mit dir, als du noch schüchtern und zurückhaltend warst.“

Sie funkelte ihn wütend an.

„Nein, Dana, das haben wir nicht“, fuhr er fort. „Wir hatten beide gerade einen umfassenden Gesundheits-Check hinter uns, da haben wir das nicht für nötig gehalten. Zumal ich davon ausging, dass wir doppelt sicher waren.“ Dann zwang er sich, das Baby auf ihrem Schoß ganz genau anzusehen. Das Kind, das aller Wahrscheinlichkeit nach sein Sohn war. Für einen kurzen Augenblick kam es ihm vor, als würde sich alles drehen. „Du liebe Güte“, stöhnte er, „ich habe absolut keine Ahnung, wie man ein Kind großzieht!“

Eigentlich hatte Dana an ihrer Wut festhalten wollen, hatte kein Mitgefühl für den Mann entwickeln wollen, der vor ihr saß und völlig erschüttert wirkte. Solange sie wütend war, konnte sie zumindest ihre eigenen Gefühle kanalisieren. Doch Cameron wirkte so schockiert, dass es ihr innerlich wehtat. Immerhin hatte sie sich immer Kinder gewünscht, während er fast alles getan hatte, um das zu verhindern. Kein Wunder, dass er den Eindruck haben musste, übers Ohr gehauen worden zu sein.

Andererseits war er ein erwachsener Mann und musste jetzt eben die Konsequenzen für sein Handeln tragen. „Tja“, sagte sie und machte eine ausladende Handbewegung, die die ganze Wohnung mit sämtlichen Kindersachen einbezog. „Was meinst du denn, wie ich mir gerade vorkomme. Bestimmt nicht wie jemand, der optimal darauf vorbereitet ist, ein Baby bei sich unterzubringen.“

„Ja, aber du hast einen tollen Draht zu Kindern.“

Sie lachte nervös. „Ich liebe Kinder, ja. Aber es gehört noch viel mehr dazu, sie vernünftig großzuziehen. Erfahrungen habe ich nämlich keine. Ich bin Einzelkind und habe auch nie als Babysitterin gejobbt, weil ich lieber für die Schule gelernt habe. Also stehe ich nicht viel besser da als du.“

Cameron stöhnte leise. „Und du hast wirklich keine Ahnung, wo Trish gerade steckt?“

„Nicht die geringste.“

„Meinst du denn, dass Trish noch mal hier auftaucht?“

Wortlos überreichte sie ihm den Brief, den ihre Cousine ihr geschrieben hatte.

Cameron las und wurde immer ernster.

„Am besten, wir finden erst mal heraus, ob Timmy wirklich dein Sohn ist“, schlug Dana vor. „Wenn ja, kannst du dir ja immer noch weitere Gedanken machen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann kümmere ich mich allein um alles“, gab sie leise zurück. „Irgendwie geht es schon.“

Sekundenlang sah er ihr in die Augen. „Und wenn er mein Sohn ist, dann lasse ich ihn auf keinen Fall im Stich, Dana“, sagte er und gab ihr den Brief zurück. „Finanziell bin ich abgesichert, da kommt er bestimmt nicht zu kurz. Allerdings wollte Trish, dass du das Sorgerecht hast …“ Er schwieg plötzlich.

Es dauerte eine Weile, bis Dana verstand, was er damit meinte. „Wie bitte?“, entrüstete sie sich. „Wenn du deinen Sohn nicht im Stich lassen willst, dann reicht es nicht, dass du mit deinem dicken Scheckheft herumwedelst.“

„Aber Trish hat Timmy bei dir abgegeben!“ Die Worte schienen ihm wehzutun. „Nicht bei mir.“

Dana holte tief Luft. „Weißt du, meine Cousine hat zwar so ziemlich den Überblick über ihr Leben verloren … aber trotzdem dürfte ihr klar gewesen sein, dass mir dein Name auf der Geburtsurkunde etwas sagen und ich sofort Kontakt zu dir aufnehmen würde. Ich glaube wirklich nicht, dass sie dich ausschließen wollte.“

„Genau das hat sie aber getan.“

Dana konnte durchaus nachvollziehen, wie er sich fühlte. „Über Trish können wir uns nachher immer noch Gedanken machen“, schlug sie vor. „Im Moment geht es um Timmy. Und wenn er dein Sohn ist, dann kommst du mir nicht so leicht aus der Sache raus.“

Cameron zuckte zusammen. „Das will ich ja gar nicht. Und ich weiß ganz genau, dass es um sehr viel mehr geht als allein ums Geld. Aber ich brauche schon noch ein bisschen länger als bloß eine Viertelstunde, um mich daran zu gewöhnen, dass ich Vater geworden bin.“ Die letzten Worte hatte er mühsam hervorgepresst. Dann sah er zu dem Laufstall, in dem Timmy auf dem Bauch lag.

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