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Kalle und Kasimir - Der geheimnisvolle Nachbar

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Inhalt
  3. Die Hauptfiguren
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7.   1. Kapitel – Kasimir
  8.   2. Kapitel – Kalle
  9.   3. Kapitel – Kasimir
  10.   4. Kapitel – Kalle
  11.   5. Kapitel – Kasimir
  12.   6. Kapitel – Kalle
  13.   7. Kapitel – Kasimir
  14.   8. Kapitel – Kalle
  15.   9. Kapitel – Kasimir
  16. 10. Kapitel – Kalle
  17. 11. Kapitel – Kasimir
  18. 12. Kapitel – Kalle
  19. 13. Kapitel – Kasimir
  20. 14. Kapitel – Kalle
  21. 15. Kapitel – Kasimir
  22. 16. Kapitel – Kalle
  23. 17. Kapitel – Kasimir
  24. 18. Kapitel – Kalle
  25. 19. Kapitel – Kasimir
  26. 20. Kapitel – Kalle
  27. 21. Kapitel – Kasimir
  28. 22. Kapitel – Kalle
  29. 23. Kapitel – Kasimir

Über den Inhalt

Kater Kasimir führt ein herrliches Leben bei Frauchen Linna. Er streift durch den Garten, oder bereitet sich bei kuscheligen Krimiabenden vor dem Fernseher auf seine eigentliche Berufung vor: Detektiv zu werden. Doch plötzlich wird Kasimirs Alltag auf den Kopf gestellt. Zweibeiner Mads zieht bei Linna ein. Damit könnte Kasimir sich noch abfinden. Aber zusammen mit Mads kommt auch Kalle. Der gutmütige Mops ist nicht gerade der hundifizierte Scharfsinn, sehr schnell zu begeistern und hat permanent eine nervtötende gute Laune – Grund genug für Kasimir, ihn so schnell wie möglich loszuwerden. Doch alle Versuche, den Quälgeist aus dem Haus zu bekommen, scheitern. Und beinahe wäre dem Kater durch das Intrigenspinnen entgangen, wie merkwürdig sich der Nachbar verhält. Aber Kasimir ist wachsam und spürt, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Wird er herausfinden, was der Nachbar im Schilde führt? Und vor allem: Wird er einen Weg finden, Kalle endlich loszuwerden?

Die Hauptfiguren

Kater Kasimir

Kasimir lebt seit sechs Jahren bei Linna. Seine Tage und Nächte sind ganz schön stressig, denn ständig muss er die Nachbarschaft beobachten, um mögliche Verschwörungen oder dunkle Machenschaften rechtzeitig zu entdecken. Wenn er gerade nicht seiner Berufung nachgeht – der größte Privatdetektiv auf Erden zu werden –, thront er gerne auf der Fensterbank, um zu demonstrieren, dass in seiner Wohnung Leute mit Niveau und Klasse wohnen.

Mops Kalle

Der liebenswürdige schwarze Mops wurde vom Polizisten Mads aus dem Tierheim gerettet. Er hat 24 Stunden am Tag regen Appetit, liebt es, tagsüber vor sich hin zu dösen und hasst Regen. Ihn plagt schnell das schlechte Gewissen, wenn er mal wieder Unsinn gemacht hat – auch wenn es eigentlich gar nicht seine Schuld war …

Über die Autorin

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik und arbeitete als Fernsehredakteurin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren Hunden im Ruhrgebiet.

Mirjam Müntefering

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Der geheimnisvolle Nachbar

Ein tierisches Abenteuer

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1. Kapitel – Kasimir

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Seit Kurzem haben wir Gäste. Aber ich will doch sehr hoffen, dass sie nicht lange bleiben werden. Ich frage mich auch, warum sie überhaupt hier sind. Meine liebste Linna und ich, wir brauchen doch niemanden sonst.

Linna ist zwar nur ein Zweibeiner, aber sie hat wirklich Stil. Sie bewegt sich tänzerisch, beinahe wie auf Samtpfoten, und duftet immer herrlich nach Veilchen. Sie und ich, wir sind ein ideales Paar. Während Linna tagsüber unsere hübsche Wohnung verlässt, etwa um auf die Jagd nach Dosenfutter zu gehen, habe ich hier alle Freiheiten der Welt und bin niemandem zur Rechenschaft verpflichtet.

Ist es trocken und nicht zu kalt, schlüpfe ich durch die Katzenklappe und streife elegant durch den grünen Garten. Dabei muss ich nur aufpassen, dass ich dem Großen Weißen mit dem Knautschgesicht nicht begegne, denn mit diesem ungehobelten Kerl ist nicht gut Mäuse essen. Aber wenn die Luft rein ist, kann ich bei meinen Spaziergängen unauffällig alle Grundstücke rundherum sondieren, und genau das ist meine eigentliche Berufung: Wenn ich eines Tages hinaus in die Welt gehe, werde ich Detektiv.

Bis es so weit ist, lerne ich abends vor dem Fernseher alles, was ich wissen muss. Erfreulicherweise sieht Linna sich nämlich genauso gerne Kriminalgeschichten an wie ich. Das ist von Vorteil, denn Katzenpfoten sind zwar zu allerlei zu gebrauchen, für die Knöpfe auf der Fernbedienung aber leider nicht ideal geeignet. So kann ich also abends den Kommissaren im Fernsehen ein paar Kniffe abschauen und tagsüber im freien Feld üben. Sofern es draußen warm und trocken ist.

Regnet oder schneit es aber, liege ich auf meinem hübschen Deckchen auf der Fensterbank und beobachte alles, was auf der Straße vor sich geht. Nebenbei demonstriere ich den Nachbarn auf diese Weise, dass hier Leute mit Niveau wohnen.

Für mich und Linna ist alles bestens geregelt. Wozu also diese Idylle stören? Besuch ist doch im Grunde immer lästig. Dieser hier ganz besonders.

Der Zweibeiner würde ja noch gehen. Mads heißt er. Meine liebste Linna, die zweifelsohne über einen tadellosen Geschmack verfügt – hätte sie sonst mich als ihren engsten Gefährten ausgewählt? –, scheint ihn jedenfalls außerordentlich zu mögen. Sie schmiegt sich beinahe ununterbrochen an ihn, säuselt mit ihrer einschmeichelnden Stimme kleine, feine Nichtigkeiten und kocht die leckersten Sachen. Selbstverständlich bekomme nach wie vor ich die besten Brocken zugesteckt und darf anschließend als Einziger behaglich schnurrend auf der Sofalehne liegen. Im Grunde wäre gegen diesen Teil des Besuchs also nichts einzuwenden.

Doch Mads ist leider nicht allein gekommen.

Er hat etwas mitgebracht, das nicht nur meiner, sondern wahrscheinlich jeglicher Vorstellung von Stil und Eleganz komplett widerspricht: Kalle. Schon der Name lässt mich schaudern. Würdeloser geht es ja wohl nicht.

Aber damit nicht genug! Kalle hat zwar vier Beine, wie es sich für einen anständigen Charakter gehört, doch was tut er damit? Laufen. Nichts als laufen. Weder kann er sich damit sein mit Sabber verschmiertes Gesicht säubern, noch im Garten eine der rasend schnellen Mäuse fangen.

Schnelligkeit oder gar Wendigkeit sind sowieso nicht sein Metier. Wie auch, wenn er einen viel zu dicken Bauch über den kurzen Beinen trägt und selbst im liegenden Zustand eher röchelt als atmet? Mit seinem Umfang könnte sich dieser Klops natürlich niemals durch meine Katzenklappe quetschen, geschweige denn kommen und gehen, wie es ihm beliebt. Davon abgesehen, ist dieses Klobig-Kompakte einfach unschick.

Und dann auch noch diese Farbe! Die Farbe ist vollkommen indiskutabel. Kalle ist nämlich weder charmant gescheckt noch geschmackvoll getigert, schon gar nicht in solch strahlendem Rot-Weiß wie ich. Nein, er ist schwarz. Schwarz von der winzig kleinen, zwischen zahnsteingepeinigtem Gebiss und hervorquellenden Augen eingequetschten Nase bis zum sich unkontrolliert ringelnden Schwanz, den er über dem Rücken trägt. Ein speckig glänzendes, gruseliges Schwarz, düster wie die dunkelste Nacht.

Das Allerschlimmste an Kalle ist jedoch seine blendend gute Laune. Wo er geht und steht, verströmt er die unheilvolle Aura des ewig Vergnügten. Er freut sich einfach über alles.

Als Mads und er vor ein paar Tagen hier angekommen sind, habe ich gedacht, der lackfarbene Witzbold wollte mich auf den Arm nehmen. Er warf sich vor Linna auf den Boden, und die war sich leider nicht zu schade, ihm lachend den beschämend nackten Bauch zu kraulen. Als sie dann seinen Namen säuselte – und sich mir vor Entsetzen alle Nackenhaare aufstellten –, rollte Kalle vor lauter Überschwang seine lange, rote Zunge aus und hechelte ihr seinen dünstigen Atem entgegen.

Mit einer Begeisterung, die an Irrsinn grenzte, stürmte er danach durch alle Zimmer, schnüffelte röchelnd in den entlegensten Ecken und ließ sich schließlich mit einem tiefen, glücklichen Grunzen in sein Körbchen fallen, das Mads neben unser Sofa gestellt hatte.

Dieses Körbchen war das Indiz. Das Zeichen für einen längeren Aufenthalt. Denn nur wer länger zu Besuch bleibt, braucht ein eigenes Bett. Dieser Quälgeist wird nicht so schnell wieder verschwinden, habe ich entsetzt kombiniert.

Da hilft nur noch, von Anfang an klarzustellen, wer hier der tonangebende Vierbeiner im Haus ist. Ich bin also betont langsam auf ihn zugeschlendert, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Auf keinen Fall blinzeln! Und schon gar nicht zurückweichen!

Als ich bis auf etwa einen Meter herangekommen war, sagte Mads zu Linna: »Er tut Kalle doch nichts, oder?«, und ich muss sagen, es gefiel mir, dass sich in seine sonore Stimme ein leicht besorgter Unterton eingeschlichen hatte.

»Kasimir ist hier der Herr im Haus«, erklärte Linna ihm ganz richtig. »Ich schätze, das will er nur mal eben demonstrieren.«

Genauso war es! Ich sag es doch: Linna und ich sind das perfekte Paar und brauchen niemanden sonst. Wir verstehen einander.

In diesem Moment richtete sich das schwarze Etwas in seinem Körbchen auf, betrachtete mich neugierig aus seinen hervorquellenden Augen und sagte: »Dann musst du wohl der Kasimir sein? Tach auch!«

Seine plumpe Vertraulichkeit ließ mich entsetzt innehalten. Meine Haare sträubten sich wie von selbst.

Kalle rollte begeistert mit den Augen. »Wow! Das machst du aber echt super. Sag mal, wie kriegst du das denn hin, dass dein Schwanz so absolut gerade stehen bleibt? Sieht aus wie ’ne Flaschenbürste. Voll krass, ey!«

Mir rutschte ein leises Fauchen heraus. Flaschenbürste!

»Kasimir«, sagte Linna zu mir, und ihre Stimme klang nun auch ein bisschen besorgt. »Schön lieb sein, okay?«

Mads rutschte an den Rand der Sofakante, nah zu Kalle.

Der stand nun plötzlich im Körbchen. Ich machte mich schon zum Sprung bereit, denn das konnte nur Angriff bedeuten.

Doch statt sich auf mich zu stürzen, wandte Kalle mir sein hässliches Hinterteil zu und wackelte mit dem, was er wohl für das Gegenstück zu meinem prächtigen buschigen Schwanz hielt. »Guck mal, anders krieg ich’s nicht hin«, sagte er und bog den kurzen Hals so weit nach hinten, dass er mir sowohl seinen Ringelschwanz als auch sein breites Gesicht zuwandte. »Hey, weißt du was? Ich hab ’ne coole Idee! Wie wär’s, wenn du mir deinen Trick zeigst? Ich zeig dir dafür einen von meinen!«

»Was macht er denn da?«, wollte Linna leise von Mads wissen.

»Deeskalation«, raunte Mads ein wenig nervös.

»Und was für ein Trick soll das sein, den du mir zeigen willst?«, fragte ich mit einem dunklen Knurren, das tief in meiner Kehle grollte.

Kalle drehte sich wieder vollständig zu mir um und setzte sich erneut auf sein Hinterteil. »Tja, lass mal sehen. Kannst du vielleicht schon … ähm … kannst du bellen?« Er bellte ein paarmal kläglich heiser. Offenbar war mir jedoch anzusehen, dass ich daran nicht interessiert war. »Oder vielleicht Kusselkopp?« Er steckte den breiten Kopf zwischen die o-förmigen Hinterbeine und rollte einmal quer durchs Körbchen. Ein Purzelbaum schlagender Mops! Das war schwer auszuhalten. »Auch nicht? Ich kann auch Give-me-five, das ist so was wie Pfötchen auf Englisch, verstehste? … Au ja, Give-me-five ist cool. Spitze, oder? Hm … Oder hungrig gucken. Ooooaaah! Ich bin sooo hungrig! Hab ich’n Hungääär! Findest du nicht, dass ich das am allerbesten kann? … Ich kann aber auch noch diese Nummer mit meinen Ohren. Zuck, zuck, zuck – sieht irre aus, oder? … Was kann ich denn noch? Lass mal überlegen. Irgendwas find ich bestimmt, was ich dir zeigen kann …«

Was ihm als Nächstes eingefallen wäre, weiß ich nicht. Ich habe mich langsam umgedreht und bin erhobenen Hauptes davongegangen.

Das also ist Kalle.

Dieses schwarze Etwas verkörpert alles, was ich nicht brauche. Gibt es Gäste, die lästiger sind?

Ich bin sicher, Linna wird auch bald merken, dass unser Leben schöner war, als wir noch allein waren.

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2. Kapitel – Kalle

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Das hier muss echt das Paradies sein!

Unsere neue Wohnung ist riesengroß. Es gibt mindestens vier Zimmer! Und einen Garten direkt am Wohnzimmer dran. Man muss keine einzige Stufe steigen, um reinzukommen!

Mein Mads und ich, wir hätten es wirklich nicht besser treffen können!

Die supernette Linna hab ich ja schon ’ne kleine Weile gekannt. Sie ist absolute Spitze – da sind Mads und ich uns einig. Schon allein, wie sie uns anlacht! Und immer hat sie einen leckeren Happen für mich in der Tasche – ein Traum von einer Zweibeinerin! Aber als wäre das allein nicht schon genug, um einen Kusselkopp nach dem anderen zu schlagen, hat sie auch noch so’n hammercoolen Typen bei sich wohnen: Kasimir! Der ist das Beste an unserem neuen Zuhause.

Kasimir weiß überall voll Bescheid. Kennt jeden Winkel im Garten und in der Wohnung. Und dann diese Nummer mit seinem Schwanz! Au Mann, ich sach ma, ich werde echt viel üben müssen, bis ich das so gut hinbekomme. Fürs Üben muss ich vorher natürlich Kräfte sammeln. Und da kommt auch wieder Kasimir ins Spiel, denn das Allergrößte an ihm ist: Er kann gigantisch hoch springen. Zum Beispiel auf den Küchenschrank. Das ist genau die Höhe, auf der die Keksdose und jede Menge herrlicher Schweinereien stehen.

Bestimmt werden wir ’n super Team! Und deswegen ist das hier echt das Paradies.

Dabei hab ich es früher auch nicht schlecht gehabt. Hab bei Opa Schulze gelebt, in ’ner kleinen Wohnung in ’nem Häuserblock, um den man in weniger als fünfzehn Minuten rumlaufen konnte – super! Anschließend gab es immer ’n Leberwurstbrot für uns beide. Und wenn das Wetter schön war, waren wir im Schrebergarten über die Straße. Ich durfte neben den Beeten in der Sonne liegen, und immer wenn Willi vom Garten gegenüber oder Elsbeth von der Würstchenbude vorbeikamen, ging voll die Gaudi ab.

Willi hat mir ’n Haufen toller Tricks beigebracht. Und jedes Mal gab’s ein Leckerchen dafür. Bei Elsbeth hab ich dann gelernt, hungrig zu gucken. In so ’ner Würstchenbude gibt’s nämlich jede Menge Reste. Gerade richtig für den kleinen schwarzen Kumpel vom Opa Schulze!

Aber dann … Tja, weiß gar nicht genau, was passiert ist an diesem einen Tag im Schrebergarten. Da ist Opa Schulze nämlich plötzlich umgefallen, mitten in die Möhren. Und es gab ’ne riesige Aufregung mit großen Autos, bunten Lichtern und haufenweise fremden Zweibeinern.

Schließlich fuhren die Autos wieder ab. Opa Schulze haben sie mitgenommen, und am Ende standen nur noch wir drei da: Willi, Elsbeth und ich.

Die beiden sahen erst mich und dann einander an.

»Was machen wir denn jetzt mit Kalle?«, fragte Elsbeth ratlos. Ich war etwas verwirrt. Machen? Mit mir machen? Wie jetzt?

»Ich kann ihn nicht nehmen«, sagte Willi da. »Ich arbeite unter der Woche, und in meiner Wohnung sind keine Haustiere erlaubt. Kann ihn ja nicht den ganzen Tag hier im Schrebergartenschuppen lassen.«

Elsbeth seufzte. »Na, und ich kann ihn doch auch nicht mit in meinen Imbiss nehmen. Da steigt mir das Gesundheitsamt aufs Dach.«

Wieder sahen sie sich lange an.

»Also … dann … machen wir es gemeinsam?«, fragte Willi schließlich. Elsbeth nickte.

Zusammen fuhren wir in Willis Auto zu ’nem großen Gelände. Hinter einem hohen Zaun hörte ich ’ne Menge Hunde bellen.

»Ähm … hört mal«, sagte ich zu Willi und Elsbeth. Klar weiß ich, dass Zweibeiner uns eigentlich nicht verstehen. Aber manchmal kann ich es nicht lassen, es doch mal zu versuchen. In Ausnahmesituationen. Und das war definitiv eine Ausnahmesituation. »Hört mal, also, das klingt nach ’ner Menge Ärger da drin! Achtet mal auf diese eine besonders tiefe Stimme. Der Typ ist bestimmt siebenmal so groß wie ich. Und dann dieser hysterische Hund, der ständig schreit: Ich mach euch alle kalt! … Also, mir wäre es echt lieber, wir würden da nicht reingehen.«

Natürlich funktionierte es auch dieses Mal nicht. Obwohl Willi und Elsbeth durchaus zu verstehen schienen, dass ich lieber draußen bleiben wollte, gingen wir rein. Und, was soll ich sagen, es war noch schlimmer als vermutet. Es war einfach grauenvoll.

Nachdem Willi und Elsbeth lange mit einer Frau in ’ner grünen Hose gesprochen hatten, knuddelten sie mich beide noch mal, und Elsbeths Gesicht schmeckte ziemlich salzig. Dann waren sie verschwunden. Und ich saß plötzlich in einem winzig kleinen Zimmerchen mit Gittern davor und zwei, ich sach ma, mürrisch dreinblickenden Dackeln in der Ecke.

In der Schrebergartenkolonie hatte es die Dackeldame Heidi gegeben, die immer für einen kleinen Flitzer um die Beete zu haben war und über meinen Kusselkopp jedes Mal furchtbar lachen musste.

»Tach!«, sagte ich deswegen freundlich zu den beiden Dackeln in der Ecke. Man kann sich schließlich nicht aussuchen, wie man aussieht. Vielleicht hatten Dackel einfach solche Gesichter.

»Pah!«, sagte der eine Typ. Der andere starrte mich nur weiter griesgrämig an.

»Wie jetzt, pah?«, hakte ich nach. Schließlich hatte ich gerade nichts anderes zu tun. So ein Schwätzchen kann einem doch die Zeit vertreiben. Aber da kannte ich diese Kerle bisher noch schlecht.

»So was Dickes, Hässliches wie dich hatten wir schon lang nich mehr«, sagte nämlich im nächsten Moment der Erste. »Dich will bestimmt keiner haben. Du wirst hier warten, bis du … bis du …«

»Bis du schwarz wirst!«, sagte der andere Dackel. Und die beiden lachten schäbig.

Tja, und so war es dann auch.

Am Anfang dachte ich ja noch, Opa Schulze würde irgendwann vorbeikommen und mich abholen. Oder Willi und Elsbeth würden mich zumindest besuchen. Aber Tag um Tag verging, und nix geschah.

Mit jeder Nacht, die ich dösend auf der Decke in meiner Ecke lag, wurde ich ein bisschen trauriger. Und das war mir bisher noch nie passiert.

Jeden Tag kamen Zweibeiner vorbei, die durch alle Gittertüren starrten und diskutierten, wen von uns sie mit nach Hause nehmen wollten. Mich sah dabei aber niemand so genau an. Wie soll man da seine gute Laune behalten?

Das einzige Highlight am Tag war die Zeit, wenn einer von den vielen grünbehosten Zweibeinern das Futter brachte. Doch der Napf war viel zu schnell wieder leer. Und der Rest des Tages war eine öde Weite ohne ’n einzigen Grund, sich mal so richtig zu freuen.

Langsam verstand ich sogar, wie man so mürrisch werden konnte wie die beiden Dackel.

Eines Tages, es war am frühen Abend, und ich wollte mich gerade von meiner rechten auf meine linke Seite drehen, hörte ich wieder mal eine fremde Stimme.

»Ich hoffe, wir haben uns richtig verstanden? Ich würde wirklich gern einen der Hunde nehmen, die hier drinnen nicht so gut klarkommen. Einen, der sich über ein neues Zuhause so richtig freuen würde. Will ein bisschen was Gutes tun, verstehen Sie?«, sagte diese fremde, aber sympathische männliche Stimme.

»Da hab ich Sie bestimmt richtig verstanden«, erwiderte eine der Grünhosen. »Deswegen hab ich Ihnen auch als Erstes die großen Hunde gezeigt, die derzeit schwer zu vermitteln sind.«

Der fremde Zweibeiner räusperte sich. »Aber da war ja offenbar nicht der Richtige dabei. Ich meine, der Ridgeback gefällt mir ja schon sehr, aber wenn er nicht allein bleiben kann, kommt er leider nicht infrage. Der eine mit dem irre langen Fell … Also, ich glaube, da würde mich die Pflege einfach überfordern. Und der hübsche Golden Retriever hat wirklich Probleme mit Männern?«

»Ich würde es an Ihrer Stelle nicht ausprobieren«, antwortete die Grünhose schnarrend.

»Aber als wir uns am Anfang unterhalten haben, haben Sie doch von einem bestimmten Hund gesprochen, der hier sehr unglücklich ist. Wie hieß der noch? Kalle?«

Ich spitzte die Ohren.

»Ganz genau, den habe ich mir bis zum Schluss aufgespart, denn ich glaube, das ist der Richtige für Sie!« Die Stimme von der Grünhose klang ein bisschen so, als müsste sie lachen. »Er ist gleich hier um die Ecke.«

Ich setzte mich auf, und tatsächlich trat in dem Moment ein Zweibeiner vor die Gittertür und schaute herein. Er war groß und dunkelhaarig und machte eine gute Figur, fand ich. Aber, ach, diesen Blick kannte ich schon. Er wirkte irgendwie … na ja, enttäuscht.

Die beiden Dackel sprangen sofort auf und rannten nach vorn, um winselnd an der Tür zu kratzen.

»Welcher ist es denn?«, fragte der Zweibeiner.

»Der Schwarze«, sagte die Grünhose.

»Der da hinten? Der so traurig am leeren Fressnapf sitzt?«

»Genau.«

»Ist das nicht … ein Mops?«

»Richtig.«

»Wusste gar nicht, dass es die auch in Schwarz gibt.«

»Sind seltener.«

»Hm.« Der Zweibeiner betrachtete mich skeptisch. »Eigentlich wollte ich ja was Sportliches. Sie wissen schon, zum Joggen und Fahrradfahren und so.«

»Wenn Sie etwas langsamer joggen, kann der durchaus mithalten. ’n bisschen mehr Bewegung würde ihm guttun«, sagte die Grünhose bestimmt. »Und für Fahrräder gibt es Hundekörbe.«

»Tja, ich weiß nicht recht …«

»Der Kalle ist ein idealer Einmannhund. Hat vorher schon bei einem alleinstehenden Herrn gelebt«, sagte die Grünhose.

»Ich bin nicht alleinstehend«, antwortete der Zweibeiner empört.

»Ach? Na, ich dachte, weil sie vorhin erwähnten, dass Ihre Ex gegen Hundehaare allergisch war …«, sagte die Grünhose.

Der Zweibeiner wechselte die Gesichtsfarbe von Hellbraun zu Rot. Und das war wirklich supercool – so was könnte ich nämlich nicht! »Ich meine … ich will schließlich nicht …«, stammelte er.

»Sie wollen nicht allein bleiben?«

Er nickte knapp.

»Na, dann ist Kalle doch erst recht der Richtige für Sie! Klein, niedlich, verschmust. Er kann auch ein paar Kunststücke, wurde uns gesagt. Frauen stehen auf diesen Typ Hund.«

Mit einem Mal veränderte sich das Gesicht des Zweibeiners erneut. Der skeptische Ausdruck verschwand, und stattdessen erschien ein interessiertes Glimmen in seinen Augen. »Tatsächlich?«

Die Grünhose nickte kräftig.

»Ich glaub’s nich. Der Kerl will den Dicken nehmen!«, raunte da unter dem scheinheiligen Gewinsel einer der Dackel seinem Kumpel zu.

»Dat kommt nich inne Tüte!«, gab der zurück.

In diesem Augenblick öffnete die Grünhose die Tür und flötete: »Kalle, komm doch mal her. Na komm, Kleiner!«

Ich erhob mich von meinem Stammplatz neben dem leeren Fressnapf und wollte zu ihr laufen, doch da stürzten sich mit einem Mal beide Dackel auf mich.

»Nix da! Du bleibst hier!«, knurrte der eine.

»Jetzt sind wir dran!«, bellte der andere.

Die Grünhose wich erschrocken zurück. Doch plötzlich war der fremde Zweibeiner bei mir. Er packte mit jeder Hand einen Dackel im Nackenfell und riss sie zurück. Dann wurden mit Schwung meine Beine vom Boden gehoben, und ich fühlte mich eng an eine breite, starke Brust gepresst.

Die Dackel schimpften, so laut sie konnten, aber ich achtete gar nicht drauf. Denn was ich neben ihrem Fluchen noch hörte, war so wunderbar, dass mir mit einem Schlag alles andere egal war.

Es war ein lautes, heftiges Klopfen. So’n Babumm-Babumm, das ich auch in meiner Brust spüren konnte.

»Holla!«, sagte die Grünhose beeindruckt und betrachtete den Zweibeiner anerkennend. »Da waren Sie aber schnell!«

»Bin Polizist«, sagte er, während er mich weiterhin an sich drückte. »So was kann ich nicht mit ansehen. Zwei auf einen und so. Kann ich gar nichts gegen machen. Da musste ich einfach eingreifen.«

Die Grünhose lächelte. »Dann ist es wohl entschieden?«

Der Zweibeiner und ich sahen uns an. Oh Mann, echt groovy, dieser Moment. Er hatte auch braune Augen – genau wie ich! Und um sie herum bildete sich plötzlich ein feines Netz aus kleinen Fältchen.

Dann sah er wieder zur Grünhose und nickte.

Und während sie vor uns herging, durch etliche Gänge, bis zu dem Tresen, an dem Willi und Elsbeth mich vor ewiger Zeit abgegeben hatten, konnte ich immer noch den Herzschlag an meiner Seite spüren.

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3. Kapitel – Kasimir

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Endlich wieder allein mit meiner Linna!

Seit Mads und dieses schwarze Etwas hier eingezogen sind, muss ich mir tagsüber die Wohnung ja mit Kalle teilen.

Gut, dass die sommerlichen Temperaturen es mir erlauben, durch die Katzenklappe in den Garten zu spazieren, wie es mir beliebt, während ich seine Glubschaugen hinter der Terrassentür erkennen kann.

Ich mache mir einen Spaß daraus, auf und ab zu laufen und auf dem Zaun balancierend höchst interessiert in die Nachbargärten zu schauen, die Kalle von seinem Platz aus natürlich nicht einsehen kann. Ab und zu beobachte ich dabei tatsächlich etwas Spannendes, beispielsweise unseren neuen Nachbarn Richtung Osten. Der scheint ein anderes Leben zu führen als die meisten Zweibeiner – was für mich als angehenden Ermittler grundsätzlich schon interessant ist. Ein seltsamer Kerl ist das. Ich denke, den sollte ich im Auge behalten. Vor allem, da ich weiß, dass ich unseren ungebetenen Gast wahrscheinlich maßlos ärgern kann, wenn ich so gespannt hinüberstarre und er keinen blassen Schimmer hat, was mich so interessiert.

Aber jetzt bin ich ihn ja fürs Erste los. Denn heute Abend ist Mads mit dem Klops weggefahren, nachdem Linna und er sich ein wenig angefaucht haben.

»Du willst deinen Eltern den Hund vorstellen?«, hat Linna gefährlich leise gesagt. »Den Hund? Obwohl deine Mutter Hunde überhaupt nicht mag, willst du ihn ihr vorstellen? Und was ist mit mir?!«

Mads hat sich gewunden. Er hat einfach keine Standhaftigkeit, muss ich immer wieder feststellen. »Versteh doch, Liebes«, hat er gesäuselt. »Sie haben es noch nicht so richtig verwunden, dass Nicole und ich …«

»Verstehe!«, hat Linna gezischt und ihre sonst so hübsch geschwungenen Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

Mads scheint auch nicht gerade der Hellste zu sein. Denn er hat dieses Warnsignal einfach nicht erkannt. Anstatt sich schnurrend an sie zu schmiegen und seinen Kopf an ihrer Schulter zu reiben, hat er gesagt: »Eigentlich ist es doch ganz schön, dass sie so anhänglich sind, wenn sie jemanden ins Herz geschlossen haben … Das wird bei dir auch so sein, wenn sie dich erst mal kennengelernt haben.«

»Darauf werde ich mich die ganze Zeit freuen, während ich auf die Gnade zu einer Audienz warte!«, hat Linna gefaucht.

»Was soll das denn heißen?«, hat Mads zurückgefaucht.

Worauf Linna geknurrt hat: »Das soll heißen, dass du dich jetzt wohl besser auf den Weg machst.«

Mads ist aufgesprungen. Ebenso Kalle, der das Gezanke in seinem Körbchen schlicht verschlafen hat, bis Mads plötzlich seine Leine vom Haken geschnappt hat. Und dann sind die beiden verschwunden.

Ach, wunderbar! Jetzt sind Linna und ich endlich mal wieder ganz allein wie zu unseren besten Zeiten.

Anfangs läuft sie noch etwas aufgeregt hin und her, während ich auf der Sofalehne liege und sie mit meinen Jadeaugen durch die ganze Wohnung verfolge.

Sie schnappt sich das Telefon und drückte eine einzelne Taste. Das kenne ich schon.

Doch entgegen ihrer üblichen Gewohnheit folgt kein langes, emotional geführtes Gespräch. Linna sagt nur: »Amelie? Bist du vielleicht doch zu Hause? … Hm … Ja, also, falls du vor zehn zurückkommst, kannst du gerne noch zurückrufen, wenn du möchtest. Du glaubst nicht, was Mads sich gerade geleistet hat. Ich bin auf hundertachtzig. Also … ruf auf jeden Fall zurück, wenn du rechtzeitig zu Hause bist. Bis später. Tschüss!«

Danach spült Linna in der Küche ein paar Gläser ab, wischt hier und da auf den Regalen herum und murmelt dabei allerlei Verwünschungen gegen Mads und diese gewisse Nicole.

Schließlich bereitet sie ein Schälchen mit Chips und Schokolade vor, lässt sich neben mich aufs Sofa gleiten und greift zur Fernbedienung. Ah! Es ist Krimiabend! Zeit für meine Lehrmeister in Sachen Verbrechensaufklärung, die schlauen Kommissare, denen ich schon bald nacheifern werde.

Aber heute verfolge ich den Fall nicht so aufmerksam wie sonst. Schließlich will ich diese Situation nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Ich erhebe mich majestätisch, recke mich genussvoll und springe dann mit einem sanften Hops mitten auf Linnas Schoß.

»Huch!«, macht sie, doch sie lächelt. Und als ich meinen Kopf an ihrer Hand reibe, scheint ihr endlich einzufallen, dass sie nicht allein hier ist.

»Ach, Kasimir, du bist doch immer noch mein Bester!«, seufzt sie und krault ausgiebig meinen Nacken. Das liebe ich, muss ich gestehen. Auch erfolgreiche Detektive dürfen durchaus ein Faible für Wellness-Angebote haben. Und jetzt kann ich meines endlich mal wieder so richtig ausleben.

Linna krault nicht nur meinen Nacken, sondern auch mein Kinn, meine Brust, und als ich mich wohlig schnurrend hinlege und meinen weich behaarten, stets sauberen Bauch präsentiere, krault sie mich auch da – göttlich!

Linna hat nämlich eine spezielle Ausbildung zum Kraulen gemacht. Sie macht das beruflich. Aber natürlich bin ich die einzige Katze, die jemals in den Genuss kommt. In der Regel kümmert sie sich um kranke Menschen, und sie sagt immer, dass sie ihre Arbeit sehr gerne macht.

Während ich Linnas liebevolle Behandlung genieße, wird sie selbst ganz butterweich, das kann ich ihr ansehen, wenn ich sie aus meinen halb geschlossenen Augen ab und zu anblinzele.

»Mein kleiner, süßer Schmusebär«, säuselt sie und pustet zärtlich in mein Ohr, sodass ich damit zucke. »Wir beide, hm? Wir gehören doch wirklich zusammen, oder?«

Ich maunze einmal kurz, um ihr zu verstehen zu geben, dass ich ihr vollkommen zustimme.

Sie hält im Kraulen kurz inne, um sich die Augen zu wischen. Diesen Moment will ich nutzen, um sie zu einem besonderen Leckerbissen zu überreden. Vielleicht ein Scheibchen von dem kalten Braten, der immer so köstlich aus dem Kühlschrank duftet?

Von dem beinahe gelösten Kriminalfall habe ich sowieso nicht viel mitbekommen, also springe ich vom Sofa und wende mich mit hoch gerecktem Schwanz zu ihr um.

Doch sie versteht meine Aufforderung leider vollkommen falsch.

»Ah!«, macht sie und grinst verschmitzt. »Ich weiß genau, was du willst!« Und bevor ich auch nur einen weiteren samtpfotigen Schritt in Richtung Küche machen kann, zieht sie etwas aus der Sofaritze heraus.

Oh nein! Es ist die Rappelmaus!

Diese Rappelmaus ist der einzige Haken an unserer Beziehung.

Aus irgendeinem Grund hat Linna einen wahren Narren an diesem Ding gefressen. Sie liebt es, dieses mausgroße, mit Fell bezogene Klapperteil durch die ganze Wohnung zu schleudern, während ich ihm nachjage, es fange, so tue, als wollte es mir entkommen, es schließlich zu Linna zurückbringe – und die ganze Zeit vorgebe, ich hätte einen Heidenspaß an diesem langweiligen Spiel.

Im Repertoire eines Katers ist tiefes Seufzen nicht genetisch verankert. Aber wenn ich es könnte, würde ich es jetzt tun.

Noch einmal blicke ich in Richtung Küche. Doch dann denke ich daran, wie Linna mir gerade stundenlang Nacken und Bauch gekrault hat, und entscheide: Augen zu und durch! Wenn es ihr so wichtig ist, mache ich eben mit!

Schließlich geht es heute Abend ja nicht nur um die brisante Frage »Braten oder Rappelmaus?«, sondern es geht um etwas viel Wichtigeres: Wenn ich es schaffe, Linna deutlich zu machen, dass es uns allein doch viel besser geht als mit Mads und dem schwarzen Rollmops, löst sich mein Problem von selbst, und sie setzt die beiden wieder vor die Tür. Schnurr, schnurr!

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Viel Spaß!



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