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Kalle und Kasimir – Die rätselhafte Wahrsagerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Kalle und Kasimir – Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Die Hauptfiguren
  5. Über die Autorin
  6. Titel
  7. Impressum
  8.   1. Kapitel – Kasimir
  9.   2. Kapitel – Kalle
  10.   3. Kapitel – Kasimir
  11.   4. Kapitel – Kalle
  12.   5. Kapitel – Kasimir
  13.   6. Kapitel – Kalle
  14.   7. Kapitel – Kasimir
  15.   8. Kapitel – Kalle
  16.   9. Kapitel – Kasimir
  17. 10. Kapitel – Kalle
  18. 11. Kapitel – Kasimir
  19. 12. Kapitel – Kalle
  20. 13. Kapitel – Kasimir
  21. 14. Kapitel – Kalle
  22. 15. Kapitel – Kasimir
  23. 16. Kapitel – Kalle
  24. 17. Kapitel – Kasimir
  25. 18. Kapitel – Kalle
  26. 19. Kapitel – Kasimir
  27. 20. Kapitel – Kalle
  28. 21. Kapitel – Kasimir
  29. 22. Kapitel – Kalle
  30. 23. Kapitel – Kasimir
  31. 24. Kapitel – Kalle
  32. 25. Kapitel – Kasimir
  33. 26. Kapitel – Kalle
  34. 27. Kapitel – Kasimir
  35. 28. Kapitel – Kalle
  36. 29. Kapitel – Kasimir
  37. 30. Kapitel – Kalle
  38. 31. Kapitel – Kasimir
  39. 32. Kapitel – Kalle

Kalle und Kasimir – Die Serie

Kalle und Kasimir sind lustige Mops- und Katzenkrimis fürs Herz mit einer Prise Spannung. Nicht nur Tierliebhaber kommen auf ihre Kosten, wenn die beiden auf ihre ganz spezielle Art ermitteln und sich über die Eigenheiten der Menschen wundern.

Über diese Folge

Als es vermehrt zu Einbrüchen in der Wohngegend von Mops Kalle und Kater Kasimir kommt, ist klar: Es steht ein neuer Fall für unser tierisches Detektivduo an. Doch nachdem sich Herrchen und Frauchen in Band 1 – Kalle & Kasimir – Der geheimnisvolle Nachbar getrennt haben, laufen die Ermittlungen nun unter erschwerten Bedingungen. Mops und Kater setzen alles daran, die beiden wieder zu versöhnen. Gekonnt durchschauen sie auch die Masche der Einbrecher, aber erklär das mal einer den Menschen …

Die Hauptfiguren

Kater Kasimir

Kasimir lebt seit sechs Jahren bei Linna. Seine Tage und Nächte sind ganz schön stressig, denn ständig muss er die Nachbarschaft beobachten, um mögliche Verschwörungen oder dunkle Machenschaften rechtzeitig zu entdecken. Wenn er gerade nicht seiner Berufung nachgeht – der größte Privatdetektiv auf Erden zu werden –, thront er gerne auf der Fensterbank, um zu demonstrieren, dass in seiner Wohnung Leute mit Niveau und Klasse wohnen.

Mops Kalle

Der liebenswürdige schwarze Mops wurde vom Polizisten Mads aus dem Tierheim gerettet. Er hat 24 Stunden am Tag regen Appetit, liebt es, tagsüber vor sich hin zu dösen und hasst Regen. Ihn plagt schnell das schlechte Gewissen, wenn er mal wieder Unsinn gemacht hat – auch wenn es eigentlich gar nicht seine Schuld war …

Über die Autorin

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik und arbeitete als Fernsehredakteurin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren Hunden im Ruhrgebiet.

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1. Kapitel – Kasimir

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Dem stadtbekannten erfolgreichen Kommissar auf vier Pfoten steht heute wohl wieder einer dieser vergeudeten Tage bevor. Denn schließlich ist jeder Tag sinnlos, an dem ein kluger Kopf wie dieser, geschmackvoll in Rot-Weiß gestreift, nicht an einem neuen brisanten Fall arbeiten kann. Und leider sieht es nicht danach aus, dass sich das in nächster Zeit ändern könnte.

»Kasimir?«, flötet Linna aus dem Wohnungsflur. »Willst du mitkommen?«

Damit bin ich gemeint, der sich soeben zu Tode langweilende Detektiv ohne aktuelle Ermittlung. Ich hebe den Kopf und spitze die Ohren. Es ist spät am Nachmittag, und Linna ist vor nicht allzu langer Zeit von ihrer Arbeit nach Hause gekommen. Eigentlich hatte ich mich gerade auf der hübsch gemusterten Decke auf der Fensterbank platziert, sodass mich alle Nachbarn beim Vorbeigehen sehen können. Das gehört zu meinen Aufgaben – denn so demonstriere ich allen, die einen Blick herüberwerfen, dass hier Leute mit Niveau wohnen. Aber unter uns: Diese Aufgabe klingt wahrscheinlich spannender, als sie tatsächlich ist. Früher, ja früher war ich selbst damit vollkommen zufrieden. Aber die Dinge haben sich geändert in diesem Sommer, der nun seinem Ende entgegengeht. Ja, es hat sich wirklich vieles geändert.

Das denkt wahrscheinlich auch meine liebe Linna, als ich geschmeidig von der Fensterbank springe und zu ihr in den Flur gehe. Sie sieht mich nachdenklich an und murmelt: »Also, manchmal glaube ich wirklich, du verstehst, was ich sage. Früher hat es dich nie interessiert, wenn ich die Wohnung verlassen habe. Na dann … machen wir einen kleinen Ausflug?«

Ein Ausflug mit Linna ist immer noch besser, als hier allein in der Wohnung oder im Garten zu sitzen und zu grübeln.

Außerdem liebe ich es, wenn sie mir das Ziel unseres Ausflugs nicht gleich verrät. Denn dann kann ich, der weltbeste Detektiv auf Samtpfoten, einmal mehr ein wenig üben: nämlich zu kombinieren, wohin unser Gang uns wohl führen wird.

Ich beziehe Position vor der Wohnungstür und beobachte Linna bei ihren Vorbereitungen. Zuerst zieht sie die feinen, dünnen Lederschuhe mit den Absätzen an. Kombiniere: Sie hat nicht vor, eine längere Wanderung zu machen, bei der womöglich noch einige der Pfützen zu überwinden wären, die der Regen der letzten Tage hinterlassen hat.

Mit dem Auto werden wir aber auch nicht fahren, denn Linna nimmt zwar den Wohnungsschlüssel vom Haken neben der Tür, lässt den dicken schwarzen Autoschlüssel aber dort hängen. Als Letztes holt sie ihr Handy noch einmal aus der bereitliegenden Tasche und murmelt leise vor sich hin, was sie mit ihren geschickten, schlanken Fingern eintippt: »Bin etwas spät. Fangt ruhig schon mal mit der Maske an. Bis gleich! Linna.«

Und das ist nun wirklich der ausschlaggebende Hinweis. Um ihn zu verstehen, muss man allerdings wissen, dass Linna zwar diverse Freunde beiderlei Geschlechts besitzt – doch es gibt nur einen Menschen, mit dem sie die Leidenschaft für besagte Masken teilt: ihre beste Freundin Amelie.

Ich weiß also jetzt, wohin wir gehen werden! Und dagegen habe ich wirklich nichts einzuwenden. Um Linna meine Zustimmung zu signalisieren, streiche ich mit hoch erhobenem, elegant in Rot-Weiß gemustertem Schwanz um ihre Beine, und sie liebkost meinen Kopf, den ich an ihrer Hand reibe. Wie immer duftet sie herrlich nach Veilchen, und ihre Hände sind genauso weich und zart wie ihre Stimme. Ach, meine Linna ist wirklich ein außergewöhnlich reizendes Exemplar von Zweibeiner.

Und so verständnisvoll. »Ist doch bestimmt auch langweilig für dich, den ganzen Tag allein zu Hause – jetzt, wo dein Freund Kalle nicht mehr da ist.« Sie begreift instinktiv, dass das Leben eines stattlichen Katers nicht nur darin bestehen kann, sich auf der Fensterbank zu präsentieren oder im Garten zu patrouillieren, um dafür zu sorgen, dass hier keine Mäusefamilien sesshaft werden.

Weniger feinfühlig ist Linna allerdings darin, wie sie meine Beziehung zu dem schwarzen Mops Kalle einschätzt. Freund? Hm. Ehrlich gesagt, war ich anfangs geradezu entsetzt, als Kalle hier einzog. Er war quasi das notwendige Übel, das Linna und ich in Kauf nehmen mussten, wenn wir ihren lieben Mads hier bei uns haben wollten.

Mads ist ein ausgesprochen angenehmer männlicher Zweibeiner und außerdem auch noch Polizist. Linna und er waren eine Weile unzertrennlich. Doch Zweibeiner, habe ich festgestellt, sind in dieser Hinsicht schwer einzuschätzen, ja, sie scheinen geradezu wankelmütig. Gerade noch wirkte es, als könnten sie kaum etwas ohneeinander unternehmen. Sie verbringen Tage und Nächte gemeinsam, schmiegen sich ständig aneinander, stellen sich gegenseitig ihre Eltern vor und scheuen nicht einmal davor zurück, sich beim Küssen nassregnen zu lassen. Aber dann tauchen plötzlich uralte Briefe von einer gewissen Nicole auf, und schon ist Linna so ungnädig, dass sie Mads vor die Tür setzt.

Und mit ihm ist natürlich auch Kalle wieder ausgezogen.

Nie im Leben hätte ich vorher gedacht, dass ich diese schwarze zahnsteingepeinigte Kreatur tatsächlich vermissen könnte. Aber was soll ich sagen? Es war so. Nachdem ich ein, zwei Tage meine zurückgewonnene Einsamer-stattlicher-Kater-Mentalität gepflegt hatte, wurde mir das sehr schnell langweilig. Denn immerhin war ich meinem einzigen großen Ziel niemals näher gekommen als in der Zeit mit Kalle: Irgendwann, das stand schon immer für mich fest, würde ich der weltbeste Ermittler werden.

Und dass ausgerechnet Mops Kalle mir bei meinem ersten richtigen Fall als Assistent hilfreich zur Seite stehen würde, hätte ich anfangs für einen schlechten Scherz gehalten. Schließlich ist Kalle auf den ersten Blick wirklich nicht das, was man sich unter einem echten Detektiv vorstellt. Eher im Gegenteil, würde ich sagen. Er ist von einem eintönigen Schwarz, beleibt und o-beinig, hat ein permanentes Sabberproblem und penetrant gute Laune. Diese führt dazu, dass er freiwillig und ohne Scheu demütigende Kunststückchen vorführt und jedermann auf zwei oder vier Beinen für seinen Freund hält. Und ehrlich gesagt, fürchte ich auch heute noch, dass Kalle mit einem Stückchen Wurst jederzeit bestechlich wäre. Für Futter würde er wahrscheinlich sogar einem verdächtigen Zweibeiner alles verraten, was einem Ermittler-Kater heilig ist. Gott sei Dank hat Kalle es bisher aber nicht geschafft, tatsächlich mit einem Menschen zu sprechen – auch wenn er es unverdrossen wieder und wieder versucht.

Als ich vor ein paar Wochen die Ermittlungen zu meinem ersten echten Fall übernahm und den gerissenen Nachbarn Lorentz in Sachen Falschgeldschieberei überführte, hat Kalle mir zugegebenermaßen tatkräftig zur Seite gestanden. Tag für Tag verbrachten wir beim Observieren des Verdächtigen viel Zeit miteinander. Und dann gab es auch noch die legendäre Begegnung mit dem großen, weißen, knautschgesichtigen Kater, bei der Kalle meinen Erzfeind durch eine ganze Reihe seines gefürchteten Kusselkopps in die Flucht schlug. Dies und die eine oder andere Erkenntnis hat wohl dazu geführt, dass ich mich an Kalle gewöhnte.

Ja, ja, na gut, ich gestehe es ein: Ich hab den schwarzen Klops mittlerweile in mein großmütiges Katerherz geschlossen. Und ja, verflixt, Linna hat wahrscheinlich wirklich recht. Kalle ist tatsächlich so etwas wie ein … Freund.

Kaum zu glauben, aber wahr: Es ist langweilig ohne ihn hier in der schönen Wohnung, ganz allein mit Linna.

Deswegen bin ich sehr froh, dass mein Zusammenleben mit Kalle mir noch etwas anderes gebracht hat, nämlich die Freiheit.

Kalle war es, der mich dazu überredete, den sicheren Garten zum ersten Mal überhaupt auf eigenen Pfoten zu verlassen. Und seit ich meinen Assistenten das erste, aufregende Mal auf eigene Verantwortung in der Etagenwohnung ein paar Straßen weiter besucht habe, war ich fast täglich dort. Da ist eigentlich nichts bei. Man muss nur immer schön auf dem kleinen Weg neben der Straße bleiben. Kalle hat den damals Bürr-gerr-steig genannt, aber inzwischen hab ich bei Linna gehört, dass man auch einfach Bürgersteig sagen kann. Und bevor man den verlässt, um eine Straße zu überqueren, sollte man auf jeden Fall auf beiden Seiten Ausschau nach Autos halten. Beachtet man diese einfache Regel, steht einem automatisch die ganze Welt offen. Meine Karriere als weltbester Ermittler kann also ihren Lauf nehmen.

Allerdings ist weit und breit kein neuer Fall in Sicht.

Und deswegen muss ich nehmen, was kommt, um ein wenig die eigene Bildung zu fördern und mehr vom Leben zu erfahren.

»Fertig?«, fragt Linna mich nun. Natürlich ist das eine rein rhetorische Frage. Meine Linna ist für einen Zweibeiner nämlich außergewöhnlich intelligent und weiß sehr wohl, dass ich ihr nicht antworten kann. Und ihr ist vollkommen klar, dass ich mich auf unsere kleinen Ausflüge nicht vorbereiten muss.

Schließlich habe ich alles Wichtige immer automatisch dabei: meine scharfen Augen, mit denen ich jede noch so kleine Bewegung erspähen kann; dazu meine hellhörigen Ohren, denen kein Geräusch entgeht; meine weichen Pfoten, auf denen ich mich an alle Übeltäter unerkannt heranschleichen kann; und meine spitzen Krallen, die besten Waffen sowohl zum Angriff als auch zur Verteidigung.

Bestens ausgestattet machen Linna und ich uns also auf den Weg. Der ist mir schon bekannt, denn ich bin ihn schon zwei-, dreimal mit ihr zusammen gegangen. Immer schön nah an den Zäunen und Hecken auf dem Bürgersteig entlang, am Ende unserer Straße rechts abbiegen, dann noch mal rechts, dann links und dann an der Ampel über die Straße. Was eine Ampel ist, wusste ich auch noch nicht, bevor Kalle es erwähnt hat. Er kannte diese dreifarbigen Lichter von den Gängen mit Mads durch die Stadt. Und wie es seine Art ist, hat er sein Wissen gerne, ohne viel Aufheben darum zu machen, mit mir geteilt. Ach, der gute Kalle. Der sitzt jetzt ein paar Straßen von hier entfernt in der Wohnung im ersten Stock, die eigentlich Mads Freund und Polizeikollege Rainer gehört. Mads und er sind vor ein paar Wochen eingezogen. Wahrscheinlich schläft er in seinem Körbchen, was zugegebenermaßen seine Lieblingsbeschäftigung ist. Trotzdem wäre er bestimmt lieber bei uns. Denn Linna und ich gehen nun an einen Ort, der auch ihm gefallen würde.

Pling Plang Plong macht die Türglocke des Ladens. Linna wartet bis ich auch hineingeschlüpft bin.

»Huhu! Bin daha!«, ruft sie.

Ich muss erst einmal herzhaft niesen. Hier riecht es immer so intensiv nach so vielen undefinierbaren Dingen, dass jedes Mal meine Nase kitzelt, wenn wir reinkommen.

Hinter einer kleinen Stellwand kommt eine junge Frau hervor, die sich die Hände an einem Handtuch abreibt.

»Linna! Wie schön. Und der hübsche Kasimir ist auch wieder dabei!«, sagt sie lächelnd.

Ich stolziere elegant auf sie zu und schnurre, als sie sich herunterbeugt, um mir über den Rücken zu streicheln. Nancy gehört zu den Zweibeinern, die ganz offensichtlich über guten Geschmack verfügen. Auch wenn sie hin und wieder dazu neigt, ein bisschen albern zu sprechen. Wie jetzt zum Beispiel: »Und was kriegt ein mutiger, mutiger Kater, der sich traut, den schlimmen, schlimmen, weiten, weiten Weg zu seiner Freundin Nancy zu laufen?«, säuselt sie und zieht eine Schublade am Tresen auf. Heraus holt sie einen jener herrlich nach Lachs duftenden Kauhappen, die sie mir auf ihre gastfreundliche Art jedes Mal anbietet, wenn ich mit Linna herkomme. Ich nehme die kleine Köstlichkeit entgegen und bedanke mich, indem ich meinen Kopf an ihrem Knie reibe.

»Ach, er ist göttlich!«, schwärmt Nancy.

Linna strahlt. Sie freut sich immer, wenn jemand mich ebenso zu schätzen weiß wie sie.

»Ja, der einzige Mann, der es wert ist, dass man sich mit ihm abgibt!«, ruft eine bekannte Stimme hinter der beweglichen Stellwand.

»Hallo, Amelie!«, ruft Linna zurück. Hinter Nancy und ihr begebe auch ich mich hinter den Paravent. Hier ruht auf einer Liege Linnas beste Freundin Amelie. Zu erkennen ist sie momentan jedoch bestenfalls an ihrem Minzgeruch, denn ihr Gesicht ist über und über mit einer dunkelgrünen Paste bedeckt. Nur ihre Augen und ihr Mund mit ein wenig heller Haut drum herum schauen heraus.

Das ist besagte Maske, für die Linna und sie so schwärmen, dass sie sich regelmäßig hier bei der netten Nancy treffen, um sich von ihr das Gesicht einkleistern zu lassen. Nancy war noch nicht immer hier, habe ich aus ihren Gesprächen erfahren. Eigentlich ist sie nur die vorübergehende Vertretung für die Frau, der dieser Laden gehört und die gerade ihre Mutter betreuen muss, die irgendwo im Süden wohnt und sich dort dummerweise ein Bein gebrochen hat. Linna und Amelie waren ganz begeistert, als sie Nancy kennenlernten – offenbar scheint sie besonders tolle Masken zu machen.

Ich hege allerdings den Verdacht, dass die Masken nicht der einzige Grund sind, weshalb sie sich hier treffen. Denn während sie auf den beiden nebeneinanderstehenden Liegen ruhen und Nancy sie mit warmer Luft besprüht, an ihren lächerlich runden Krallen herumwerkelt (manchmal bekommen die sogar eine auffällige Farbe. Na, da würde ich mich aber bedanken!) oder an ihren Füßen herumknetet, reden sie unaufhörlich miteinander.

Auch heute stehen ihre Münder kaum still, während Nancy um sie herumhuscht und hier und dort an ihren zupft oder streicht.

»Wieso bist du denn so sauertöpfisch?«, fragt Linna ihre Freundin Amelie gerade. »Von wegen ›der einzige Mann, mit dem man sich abgeben sollte‹ und so?«

Amelie schnauft. »Ich hab dir doch erzählt, dass Kai mich am Samstag in dieses neue superschicke Restaurant an der Königsstraße eingeladen hat? Ehrlich gesagt hab ich schwer mit was gerechnet. Ich hab mich richtig aufgebrezelt. Neues, kurzes Kleid und frische Strähnen in den Haaren. Ich war sogar für eine Extrastunde bei Nancy wegen meiner Fingernägel. Aber was soll ich sagen? Ich saß da, und nichts ist passiert. Salat, Süppchen, noch ’ne kleine Vorspeise, Hauptgang, Dessert. Beim Dessert hab ich ganz genau nachgesehen. Ich dachte, dass er vielleicht in der Vanille-Creme versteckt ist oder in dem kleinen Schokoküchlein eingebacken. Ich hatte Angst, dass ich ihn vielleicht verschlucke …«

»Verschlucken?«, unterbricht Linna sie verwirrt. »Was denn?«

Amelie wendet mit dem weißen Frotteehandtuch-Turban den Kopf und sieht Linna mit großen Augen aus der grünen Schmiere heraus an. »Den Ring natürlich!«

Linna stutzt kurz. Doch dann scheint sie zu verstehen. »Amelie! Im Ernst?! Du denkst, Kai will dir einen Antrag machen? Aber das ist ja … das ist doch … grandios!« Ihre Stimme ist ein bisschen piepsig. »Aber wieso hast du mir das denn noch nicht gesagt?« Neben all der überraschten Freude, die in ihren Worten deutlich zu hören ist, klingt noch etwas anderes darin. Und ich glaube, Amelie hat es auch gehört, denn sie sieht Linna erneut an. Diesmal ein wenig zerknirscht. Die Lippen zu einem entschuldigenden Lächeln verzogen. »Ach, Linna … tut mir echt leid. Ich dachte einfach … ich wollte nicht …« Offenbar fehlen ihr die Worte. Sie streckt den Arm aus und greift über die Liege nach Linnas Hand.

»Du wolltest nicht, dass deine Neuigkeit mich traurig macht, weil es mit Mads und mir so schiefgelaufen ist?!«, murmelte Linna, mit einem kleinen Seitenblick zu Nancy. Die scheint jedoch nichts mitbekommen zu haben, sondern kramt in einer ihrer Schubladen und betrachtet verschiedene Tuben, die sie hervorzieht.

Amelie nickt langsam. Ich kann sie wirklich gut leiden. Wenn jemand darauf achtet, meine liebe Linna nicht traurig zu machen, dann muss das ein feiner Charakter sein. Ein Ermittler wie ich erkennt so etwas.

»Ist denn bei euch wirklich der Ofen komplett aus?«, hakt Amelie jetzt vorsichtig nach. Auch sie schaut kurz zu Nancy, die immer noch nicht gefunden zu haben scheint, was sie sucht.

Linna seufzt in ihrer grünen Maske. »Frag mich nicht. Ich weiß es selbst nicht. Vor Kurzem wollte ich beim Supermarkt was einkaufen. Und da stand Mads auf dem Parkplatz an seinem Auto. Er hat mich angesehen mit diesem ganz typischen Blick, den er immer so draufhat … ach verflixt! Ich dachte, er kommt bestimmt zu mir rüber. Aber dann hat mein Handy geklingelt. Und als ich es aus der Tasche gekramt hatte, war Mads schon in seinen Wagen gestiegen und fuhr einfach weg.«

Amelie druckst kurz herum, dann fragt sie: »Liebst du ihn denn noch?«

Einen Moment lang starrt Linna vor sich hin, ihre Augen glänzen dabei sehr verdächtig. Oh, oh!

»Ja«, flüstert sie dann. »Sehr. – Und weißt du, ich glaube, er liebt mich auch noch. Ich frage mich nur, warum er nicht …?«

»Warum er sich nicht anstrengt, dich zurückzuerobern?«, rät Amelie. Offenbar richtig.

»Er könnte sich doch irgendetwas einfallen lassen!«, bricht es aus Linna hervor. »Irgendetwas Romantisches. Mit dem ich nicht rechne. Das mich überzeugt, dass wir zusammengehören.«

Amelie wiegt den Kopf. »Vielleicht hat er einfach ein zu schlechtes Gewissen? Immerhin hat er dir nicht gesagt, dass er mit seiner Ex nach wie vor in derselben Abteilung arbeitet! Und dass Nicole und er richtig verlobt waren, hat er auch mal eben verschwiegen. Das hättest du doch nie rausgefunden, wenn du nicht zufällig diese Briefe entdeckt hättest. Vielleicht denkt er, dass er nach so einer Sache bei dir sowieso nicht wieder landen kann?«

»Ah! Da ist sie ja! Die neue Calendula-Creme von Dr. Piepenheim, die ist sensationell!«, ruft Nancy und kommt von ihrem Schubladenschrank wieder herüber.

Sofort wechseln Linna und Amelie das Thema und wollen alles über diese neue Creme wissen.

Ich aber habe sowieso genug gehört. Irgendetwas Romantisches. Mit dem sie nicht rechnet. Das sie überzeugt, dass Mads und sie zusammengehören.

Genau das ist es, was ich wissen musste. Denn ganz im Geheimen: Kalle und ich, wir haben einen Plan. Und jetzt weiß ich auch, wie der funktionieren könnte!

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2. Kapitel – Kalle

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Au Mann, ich werd verrückt! Ich glaub, jetzt ist es bald so weit, und Kasimir und ich können richtig durchstarten mit unserem Plan. Wir wollen nämlich unseren Mads und unsere Linna wieder zusammenbringen. Damit sie wieder fröhlich sind und miteinander lachen und schmusen und all das. Und damit Mads und ich wieder bei Linna und Kasimir einziehen in die supercoole Wohnung mit dem großen Garten und der Katermopsklappe in der Tür.

Ist nur so, dass wir bisher noch keine richtige Idee hatten. Aber ich wette, Kasimir ist was Gutes eingefallen. Warum sonst sollte er die gigomatisch tolle Amanda mit einer Botschaft zu mir schicken?

Das macht er nämlich immer dann, wenn er eine wichtige Nachricht für mich hat. Dann setzt er sich auf den Zaun vor dem Haus, in dem Linnas und seine Wohnung ist, und wartet darauf, dass Amanda mit ihrem Herrchen auf der Pipirunde vorbeikommt. Ihr kann er dann was zurufen. Das darf nix kompliziertes sein. Stehen bleiben darf Amanda nämlich an dem Zaun nicht mehr. Ihr Herrchen traut wohl dem Frieden zwischen ihr und Kasimir nicht. Zweibeiner haben nämlich leicht mal Vorurteile, was Bekanntschaften unter uns Vierbeinern angeht.

Aber natürlich schafft Amanda es trotzdem immer wieder, mitzukriegen, welche Botschaften Kasimir ihr für mich mitgeben will. Sie ist die supersüßeste Dobermannhündin, die man sich vorstellen kann. Schokoladenbraun mit hellen Augenbrauen und hellen Pfoten und granatenmäßig schönen Augen, die meine Kinnlade immer runterschnacken lassen.. Aber das ist noch nicht alles. Ich sach ma so: Sie hat was im Oberstübchen. Oberstübchen, das hat Opa Schulze immer gesagt, bei dem ich früher mal gelebt habe. Damit meinte er, dass derjenige voll was draufhat. Und das hat Amanda. Sie schafft es immer, dass ihr Herrchen denkt, er selbst wäre auf die Idee gekommen, heute mal wieder den Weg durch unsere Straße zu gehen. Und sobald sie sich dann unserem Haus nähern, ruft Amanda mir Kasimirs Botschaft zu. Das Mädel hat eine Stimme! Der Knaller! Die reicht von der Straße, um die Hausecke bis rauf in den ersten Stock, wo ich sie durch die gekippte Balkontür hören kann. Sogar dann, wenn Mads Arbeitskollege und unser Mitbewohner Rainer, der sich morgens immer mit verquollenen Augen an seine Kaffeetasse klammert, mal wieder vergessen hat, nach den ersten Nachrichten den Fernseher auszuschalten. Dann dudelt das Ding den ganzen Tag. Kasimir meint immer, man kann vom Fernsehen viel lernen. Weil da massig Zweibeiner-Kommissare einen kniffligen Fall nach dem anderen aufklären. Aber tagsüber, wie soll ich sagen, tagsüber ist da einfach nix mit Kriminalfällen. Neulich Morgen zum Beispiel war da ein Film mit Zweibeinern mit Zöpfen – Indianer – und Zweibeinern mit Hüten – Cowboys. Die sind alle wie blöd im Gras rumgerobbt – Auskundschaften haben die das genannt –, und dann haben sie sich gegenseitig mit Pfeilen oder Gewehren erschossen.

Und ab Mittag geht’s im Fernsehen doch immer nur um so gewisse Gefühle. Heute Mittag beispielsweise lag ich gerade mal in meinem Körbchen und döste vor mich hin, während im Fernsehen irgendein großer, starker Typ eine kleine blonde Frau auf den Armen trug, als ich mit einem Mal die bekannte liebliche Stimme hörte.

Amanda ging vor dem Haus vorbei! Mit einer Botschaft für mich! Ich raste zur Balkontür, um bloß alles richtig mitzubekommen.

»Nachricht für’n Kalle!«, bellte sie. »Nachricht für’n Kalle vom Kasimir! Heut Nachmittag an der Balkontür warten!«

»Daaaaanmpfeee! Danmpfeee, du wunnavolle Amnda!«, rufe ich dann immer mit der Schnauze im Spalt der gekippten Glastür und hoffe, dass sie mich hören kann. Ist doch einfach genial, dass sie dabei mitmacht. Als wir uns neulich im Park getroffen haben, hat sie sogar gemeint, sie findet es toll, dass sie einem echten Ermittler – also Kasimir – und seinem echten Assistenten – also mir – behilflich sein kann. Hach, Amanda!

Das war also heute Mittag. Und seitdem ist ’ne ganze Weile vergangen. Man könnte also schon meinen, dass es jetzt Nach-dem-Mittag ist. Deswegen muss ich ein bisschen aufpassen. Wenn’s um Amanda geht, komm ich nämlich gerne mal volle Kanne ins Träumen. Und dann sind meine Sinne nicht mehr so hellwach, wie sie sein müssen für einen neuen Kriminalfall. Dann denke ich nämlich nur noch an ihre Augen mit den langen Wimpern und ihre etwas raue Stimme und …

»Kalle?!«, ertönt da eine Stimme von der Balkontür her. Kasimir steht da und starrt zu mir rein. Ich schieß aus dem Körbchen hoch. »Jawoll, Boss!«

»Mir egal, ob du gerade an Essen oder an deine kleine Freundin gedacht hast«, brummt Kasimir durch den Spalt der gekippten Glastür. »Wisch dir auf jeden Fall erst den Sabber ab, bevor du herkommst.«

So ist er, der Kasimir, wirklich der klügste Kater, den ich kenne. Und ein echt reinlicher Typ. Ich meine, dieses ewige Geschlecke an seinem ganzen Körper ist irgendwie ein ziemlich abgedrehter Tick. Aber so wie er selbst immer wie aus dem Ei gepellt aussieht, achtet er auch drauf, dass ich genauso repre…präse…ähm…ventativ bin. Ich schubbere also kurz mein Gesicht in der weichen Körbchendecke und trabe dann schnell zu ihm rüber.

»Tach, kluger Kater!«, sage ich und wedele mit meinem Schwanz, den ich wirklich gern ein bisschen weniger kurz und ein bisschen weniger geringelt hätte.

»Guten Tag, schlauer Mops«, erwidert Kasimir. Dabei wedelt er nicht mit seinem schönen, buschigen, rot-weißen Schwanz zurück, sondern reckt ihn einfach steil in die Höhe. Genial.

»Au Mann, Kasimir«, sage ich. »Ich bin echt froh, dass du mich besuchst. Mads arbeitet heute länger, und mir hängt der Magen schon auf den Knien, und laaangweilig ist mir und …«

»Ich habe Neuigkeiten«, verkündet Kasimir.

Au Mann! Wusste ich es doch! Sobald Kasimir auftaucht, ist das Leben gleich aufregend. »Neuigkeiten? Was denn, Kasimir? Hast du etwa wieder mal nachgedacht, du alte Grübelbacke? Sach doch!«

»Unser Plan …«, flüstert Kasimir und sieht sich nach allen Seiten um. »…nimmt Gestalt an.«

»Jippy«, entfährt es mir, und ich hüpfe einmal in die Höhe. »Wusst ich’s doch! Ich hab’s irgendwie im Pipi gehabt. Und jetzt haben wir echt einen Plan? Einen richtigen, coolen Plan? Au Mann, Kasimir, da bin ich aber echt froh! Ich sach ma so, es ist echt waaahnsinnig langweilig den ganzen Tag hier in der Wohnung, während Mads im Polizeibüro mit all den wichtigen, geheimen Akten zu tun hat und so. Und einhalten muss ich auch ziemlich lange. Hast du ’ne Ahnung, ob so ’ne Blase auch mal platzen kann? Guck mal, mein Bauch ist schon ganz dick. Sieht eklig aus, oder?« Doch Kasimir sieht gar nicht auf meinen Bauch, der leider immer etwas nackt wirkt, sondern an mir vorbei.

»Warum läuft der Fernseher? Ist etwa Vermisster Nummer zwei zu Hause?«, fragt er leise.

Als wir beschlossen hatten, auf Teufel komm raus Linna und Mads wieder zusammenzubringen, hat Kasimir drauf bestanden, dass wir uns Decknamen für die beiden ausdenken – so wie in einem echten Fall. Mads ist Vermisster Nummer zwei.

Ich schüttle den Kopf. »Nö. Rainer hat mal wieder vergessen, das Ding auszumachen. Wir können ganz ungestört reden. Und jetzt sach ma, Kasimir, dein Plan, wird der auch funktionieren? Ich meine, gibt’s was Neues von Li…, ich meine, von Vermisster Nummer eins?«

Wieder schaut Kasimir erst gründlich über die Schulter, ehe er noch etwas näher an die Balkontür rückt. Hinter mir auf dem Bildschirm weint gerade eine junge Frau in ihre Kissen. Wahrscheinlich geht es wieder um Gefühle.

»Die Vermisste Nummer eins«, raunt Kasimir durch den Türspalt. »… hat zu ihrer Freundin Amelie gesagt, dass sie sich – ich zitiere – irgendetwas Romantisches wünscht. Etwas, mit dem sie nicht rechnet und das sie überzeugt, dass Mads und sie zusammengehören.« Kasimir sieht mich auf diese Art und Weise an, die er immer draufhat. Bei diesem Blick hört mein Schwanz irgendwie automatisch auf zu wedeln.

»Du guckst ja schon wieder so«, brumme ich.

»Ach?«, macht Kasimir.

»Ja, so guckst du immer, wenn du meinst, dass eine Sache klar wie Kloßbrühe ist.« Ich stocke. »Kloßbrühe … jam, jam, die hat Opa Schulze früher manchmal gemacht. Und wenn er einen ganzen Teller Brühe gegessen hatte, hab ich meistens auch ein paar Klöße bekommen. Die waren so herzhaft, weißte, zerbröselten auf der Zunge, und im Abgang …«

»Kalle?«, unterbricht Kasimir mich.

»Ach ja«, mache ich, ein wenig verlegen. Immer wenn Mads lange arbeitet und meine Hauptmahlzeit sich nach hinten verschiebt, passiert es mir manchmal, dass ich über Futter nachdenke. Ehrlich gesagt denke ich dann wahrscheinlich die ganze Zeit über Futter nach. »Wo waren wir gerade?«

»Irgendetwas Romantisches«, erinnert Kasimir mich.

»Ach ja! Aber warum zitterst du deswegen?«, frage ich.

Kasimir blinzelt.

»Hast du doch gesagt. Ich zittere.«

»Ich sagte: ›Ich zitiere.‹ Was so viel heißt wie: Genau das hat Linna gesagt. Wort für Wort«, erklärt Kasimir.

Kasimir kennt ein Wort dafür, dass man etwas Wort für Wort nacherzählt! Wahnsinn! Dieser Kater hat’s echt drauf!

»Etwas Romantisches, sagst du?«, wiederhole ich. »Na klar, leuchtet ein. Etwas Romantisches … hm. Sach ma, Kasimir? Was heißt das? Was Romantisches?«

Kasimir atmet ziemlich viel Luft ein und dann wieder aus.

»Die Vermisste Nummer eins wünscht sich, dass sich der Vermisste Nummer zwei um sie bemüht. Bevorzugt mit einem Geschenk oder einer Tat, mit dem oder mit der sie nicht rechnet. Einer Überraschung, die sie tief berührt und ihr zeigt, dass der Vermisste Nummer zwei es ernst mit ihr meint und wieder mit ihr zusammenleben will.«

Ich muss mich erst mal setzen. Mann, das klingt echt … kompliziert. »Ist dir denn schon etwas eingefallen? Etwas Romantisches?«, erkundige ich mich vorsichtig.

Kasimir ist echt der klügste Kater und der coolste Typ, den man sich nur denken kann. Und deswegen reagiert er manchmal ein bisschen empfindlich, wenn man ihn nach was fragt, was er gerade noch nicht weiß.

So wie jetzt auch. Er guckt nämlich ziemlich miesmuffelig.

»Nein«, sagt er dann und fängt mal wieder an, sich die Pfoten zu schlecken und dann damit über seinen Kopf zu streichen.

Eine Weile sitzen wir beide hier, er draußen, ich drinnen, und gucken einfach so vor uns hin. Mein Magen knurrt. Ich kratze mich mit der Hinterpfote am Ohr. Und dabei fällt mein Blick auf den laufenden Fernseher. Die Frau, die gerade noch in ihre Kissen geheult hat, bekommt Besuch von einem großen, starken Mann. Er hält in der Hand einen riesigen Strauß bunter Blumen und streckt ihn ihr entgegen.

»Oh, Liebling«, haucht die Frau und drückt die Blumen an sich. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so romantisch veranlagt bist.«

»Kasimir!«, zische ich zur Seite aus meinem Maul raus. »Haste das gehört?« Ich trau mich nicht, wegzusehen, aus Angst, irgendwas Romantisches zu verpassen.

Der Mann, der romantisch veranlagt ist, nimmt die Frau in seine starken Arme. Die beiden knutschen und zerdrücken dabei die bunten Blumen. Sieht so aus als wär die Frau jetzt nicht mehr traurig.

Ich wage es, den Kopf zu drehen. »Kasimir, hast du das …?«

»Ja«, sagt er und hat wieder diesen Grübelausdruck in seinem Gesicht, in dem nie auch nur der kleinste Sabberfleck ist. Au Mann, diesen Ausdruck kenn ich. Jetzt darf ich nix sagen. Dabei würde ich wirklich so gern. Ich würde so wahnsinnig rasend gern was fragen. Oder irgendwas vermuten. Oder einfach nur gähnen. Aber ich halte es aus. Ich rühr mich nicht vom Fleck und beweg mich null. Bis Kasimir schließlich mit einem Schlag zu schnurren anfängt.

Das ist auch so ’ne Macke von ihm. Ich sach ma so, da muss man sich dran gewöhnen. Zu kapieren, dass einer sich richtig gut fühlt und gleichzeitig so kleine Knurrgeräusche macht.

»Kalle«, sagt Kasimir dann und schafft es, dabei weiterzuschnurren. »Du bist wirklich ein schlauer Mops! – Blumen!«

Au Mann, mein Boss ist echt so was von nett zu mir. Mir zu sagen, dass ich schlau bin – das ist schon eine wirklich feine Sache von so einem Superhirn wie Kasimir. Mein Schwanz wedelt direkt wieder los. Da kann ich gar nix gegen machen. Auch wenn mir echt nicht ganz klar ist, was er damit meint. Mit den Blumen und so.

»Jetzt müssen wir nur noch auskundschaften, wie wir den Vermissten Nummer zwei dazu bringen können, der Vermissten Nummer eins …«, murmelt Kasimir vor sich hin. Ich versteh echt nur Bahnhof. Aber plötzlich zucken meine Ohren. Ich höre hinter mir eine Tür zuschlagen und sehe mich um.

»Da kommt jemand«, flüstere ich durch den Spalt der Balkontür.

Kasimir richtet den Schwanz, den er um seine Pfoten gelegt hatte, wieder steil auf. So richtig schön gerade und buschig. Das krieg ich nie im Leben hin, egal wie oft ich vor dem Spiegel vom Garderobenschrank auch übe.

»Ich schicke dir morgen eine Nachricht auf dem geheimen Weg«, zischelt er und ist – schwupps – auf dem schmalen Balkongeländer.

Damit er mich noch hört, stecke ich meinen Fang durch den Spalt: »Gmeiner Wech?«

Kasimir schaut einen kurzen Moment lang über seine Schulter in mein Gesicht. »Amanda«, wispert er.

»Achfo.«

Da fliegt hinter mir die Tür des Wohnzimmers auf und Mads kommt zusammen mit Rainer herein. Die beiden quatschen gerade über irgendwas. Doch als Mads mich hier stehen sieht, stoppt er und starrt an mir vorbei auf den Balkon.

Ich sehe mich schnell um. Doch Kasimir ist verschwunden.

»Was ist denn?«, will Rainer jetzt auch von Mads wissen und glotzt ebenfalls an mir vorbei.

»Hast du das auch gesehen?«, fragt Mads und ist mit zwei großen Schritten an der Balkontür, um sie aufzureißen und hinauszuspähen.

»Was denn?«

»Die Katze«, antwortet Mads und hängt sich über die Balkonbrüstung, um runter in den Garten zu schauen.

»Hey, Mads!«, sage ich. »Lass das bloß den Kasimir nicht hören. Der ist da ’n bisschen pingelig, weißt du. ›Kater‹ wäre also besser, wenn du mich fragst.«

»Ich hab keine Katze gesehen«, sagt Rainer.

»Glaub ich«, sage ich. »War ja auch ein Kater!«

Mads schüttelt den Kopf. »Dachte wirklich, ich hätte … aber das kann doch nicht sein …«, murmelt er. Und als er merkt, dass Rainer ihn fragend ansieht, sagt er: »Halt mich nicht für durchgedreht, aber ich dachte wirklich, ich hätte Kasimir gesehen.«

»Kasimir? Du meinst Linnas Katze?«, staunt Rainer.

»Kaaaaaater!«, sage ich. »Ach, verflixt, ihr versteht mich ja nicht.«

Mads und Rainer sehen beide zu mir herunter. »Na, recht hast du, Kalle. Du musst bestimmt dringend, hm?! Komm, wir machen eine kleine Runde durch den Park«, schlägt Mads vor. Dabei klingt er irgendwie nicht so munter wie sonst. Und ich glaube, Rainer fällt das auch auf, denn er sagt: »Ich komm mit. Bisschen Bewegung kann nicht schaden, nachdem ich heute den ganzen Tag beim Observieren im Auto rumgesessen habe.«

Hey! Obsa…olva…oppasieren? Das ist doch das, was Kasimir immer auf dem großen Fliederbusch gemacht hat, als wir den Verdächtigen Lorentz scharf im Auge behalten mussten. Tja, da sieht man es wieder: Für Polizisten wie Rainer und Mads ist so was an der Tagesordnung. Während ich im Park an ein paar Büsche und Bäume pinkle, halte ich die Ohren offen. Aber statt sich über ihren neuesten Fall zu unterhalten, sprechen sie über Linna. Ähm … Ich meine, über die Vermisste Nummer eins. Hm, ich muss Kasimir unbedingt danach fragen, ob ich den Decknamen nur benutzen muss, wenn ich über Linna spreche, oder auch, wenn ich an sie denke. Jedenfalls geht es die ganze Zeit nur um sie.

Mads redet und redet. Und Rainer nickt und nickt. Und am Ende fragt er: »Warum sprichst du nicht einfach mit ihr? Sag ihr, wie leid dir das alles tut und dass du sie noch … na ja, dass du wieder mit ihr zusammen sein willst.«

Mads antwortet nicht sofort. Deswegen gucke ich zu ihm hoch. Und stelle fest, dass er mich auch ansieht.

»Ich weiß nicht, wie sie reagieren würde. Vielleicht ist sie so sauer, dass sie mich gar nicht mehr will? Neulich haben wir uns zufällig auf dem Parkplatz vom Supermarkt gesehen. Ich wollte gerade wieder losfahren, als sie ein paar Reihen weiter ausstieg. Sie hat zu mir hergesehen. Aber als ich gerade rübergehen wollte, um Hallo zu sagen, hat sie sich ganz plötzlich weggedreht«, sagt er schließlich mit rauer Stimme und guckt mich weiter an.

Damals, in dem großen Haus mit den vielen Hunden, als er mich aus dem vergitterten Zimmer mit den beiden fiesen Dackeln gerettet hat, da hat er mich auch so angeschaut. Volles Brett mit seinen braunen Augen in meine braunen Augen. Dazu habe ich in seiner breiten Brust dieses beruhigende Babumm-babumm gehört. Aber damals waren da viele kleine Fältchen um seine Augen, und er hat gelächelt. Diesmal ist in seinen Augen etwas anderes. Und während wir uns ansehen, spüre ich, wie sich in meiner eigenen, kleinen Brust etwas zusammenzieht.

Mensch, Kasimir, ich hoffe wirklich, dass unser Plan funktionieren wird. Mein Mads ist schrecklich traurig. Ich glaube, er sehnt sich noch viel mehr danach, dass wir alle wieder zusammenwohnen, als ich. Und das will echt was heißen.

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3. Kapitel – Kasimir

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Auch der klügste Detektiv steht ab und zu mal auf der Leitung. Aber wie es meine Art ist, habe ich mit ein wenig Recherche doch den richtigen Schluss gezogen: Blumen! Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin! Tz. Tz. Tz.

Dabei liegt es doch auf der Pfote.

Linna liebt Blumen. Sie duftet immer nach Veilchen, und im Sommer verbringt sie jede freie Minute draußen im Garten. Sie jätet die Beete und pflückt müde Blüten aus den Pflanzen. Ganz sicher würde sie es sehr romantisch finden, wenn Mads ihr Blumen schenken würde. Ja, das ist wirklich ein genialer Plan.

Er hat nur einen Haken: Wie sollen wir Mads dazu bringen, Linna Blumen zu schenken?

Soweit ich weiß, hat Kalle es – trotz vielfacher Versuche – immer noch nicht geschafft, mit seinem Menschen zu sprechen. Und wie sonst sollen wir ihn für unseren Plan gewinnen?

Den ganzen Abend und den ganzen nächsten Morgen bin ich damit beschäftigt, darüber nachzudenken. Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich noch nicht mal aufhören kann, als Linna am Nachmittag nach Hause kommt und mir eine frische Dose Futter öffnet.

Sie stellt es auf den Boden neben dem Kühlschrank, wo es eine ganze Weile nicht stehen durfte. Denn wenn ein schwarzer Mops in der Nähe ist, ist wirklich nichts sicher, das sich in Bodennähe befindet und irgendwie essbar ist.

Linna klappert extra laut mit meinem Schälchen. Doch ehrlich gesagt interessiert mich das Futter gerade nicht besonders. Blumen. Wie schaffen wir es, dass Mads seiner Linna Blumen schenkt?

Linna, die mir zunehmend besorgte Blicke zuwirft, zieht leider falsche Schlüsse.

»Mein kleiner Schmusebär«, sagt sie und kommt zu mir herüber auf die Sofalehne, um mir Kopf und Nacken zu kraulen. Aaaah, das liebe ich. Linna weiß wirklich immer genau, wie sie greifen muss. Das Kraulen und Kneten ist schließlich ihr Beruf – an anderen Zweibeinern, versteht sich. Aber es hat sich gezeigt, dass ihre Kenntnisse auch an Katern angewendet werden können. Ungeheuer praktisch. Denn erfolgreiche Detektive benötigen dringend hin und wieder derartige Wellness-Anwendungen. Bis hierher wäre also alles im grünen Bereich. Doch dann verändert sich plötzlich Linnas Gesichtsausdruck. Ihre Augen blitzen auf, und ihr Mund verzieht sich zu einem breiten Lächeln.

»Rate mal, was ich für dich in der Tasche habe!«, wispert sie.

Ich schaue kurz auf die kleine Wölbung unter ihrer Sweatshirtjacke. Kaum anzunehmen, dass sie darin gekochtes Hähnchenfleisch versteckt, das ich dem Dosenfutter auf jeden Fall vorziehen würde. Nein, diese kleine Erhebung in der Tasche macht eher den Eindruck als … oh nein! Rasch sehe ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Doch da kommt es schon: Linna greift in die Tasche und zieht mit dem Gesicht einer Märchenfee einen kleinen klappernden Gegenstand heraus.

Herrje, ich habe richtig vermutet. Es ist … die Rappelmaus!

Oder? Ich sehe genauer hin. Oh nein! Es kommt noch viel schlimmer!

»Schau mal, was ich dir von meiner Shoppingtour mitgebracht habe, mein Kleiner: ein neues Lieblingsspielzeug! Die alte sieht ja schon ziemlich mitgenommen aus.«

Es ist tatsächlich … eine neue, nach Kleber riechende Rappelmaus! Das musste ja so kommen. Seit Mads und Kalle ausgezogen sind, ist Linna viel zu oft auf diesen sogenannten Shoppingtouren unterwegs und bringt immer jede Menge Sachen mit nach Hause. Jetzt gibt es also zwei von diesen ekelhaften Dingern hier in unserer schönen Wohnung.

Die Rappelmaus ist der einzige Nachteil in unserer ansonsten so ausgewogenen Lebensgemeinschaft. Wer, in drei Katers Namen, hat Linna bloß auf die Idee gebracht, dass Kater solche widerlich scheppernden, mit schmuddeligem Fell überzogenen Klapperteile mögen? Und wieso habe ich mich nur jemals darauf eingelassen, mit ihr zusammen mit diesem Ding zu spielen? Schließlich gehe ich als Ermittler immens wichtigen Aufgaben nach: Ich kläre Verbrechen auf. Ich bin quasi ein Kommissar ohne Dezernat, ein ehrenamtlicher Polizist ohne offizielle Dienstwaffe und Handfunkgerät. Meine weltberühmten Vorbilder Hercule Poirot, Sherlock Holmes, Kalle Blomquist haben ja zwischendurch auch nicht auf einmal Rappelmäuse gejagt.

Andererseits … hatte wahrscheinlich keiner von denen eine Linna, die in den letzten Wochen so traurig und niedergeschlagen war. Die in den Abendstunden zwar keinen einzigen unserer Lieblingskrimis im Fernsehen verpasste, dabei aber oft abwesend und desinteressiert wirkte? Eine Linna, die mich jetzt halb aufmunternd, halb besorgt ansieht?

Verflixt noch mal, ich kann einfach nicht so tun, als wüsste ich nicht, wie viel Freude meine liebe Linna an einem wilden Rappelmausspiel hat.

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