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Kalle und Kasimir – Flitterwochen im Pfötchenhotel

Inhalt

  1. Cover
  2. Kalle und Kasimir – Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Die Hauptfiguren
  5. Über die Autorin
  6. Titel
  7. Impressum
  8. Vorwort der Autorin
  9. 1. Kapitel – Kalle
  10. 2. Kapitel – Kasimir
  11. 3. Kapitel – Kalle
  12. 4. Kapitel – Kasimir
  13. 5. Kapitel – Kalle
  14. 6. Kapitel – Kasimir
  15. 7. Kapitel – Kalle
  16. 8. Kapitel – Kasimir
  17. 9. Kapitel – Kalle
  18. 10. Kapitel – Kasimir
  19. 11. Kapitel – Kalle
  20. 12. Kapitel – Kasimir
  21. 13. Kapitel – Kalle
  22. 14. Kapitel – Kasimir
  23. 15. Kapitel – Kalle
  24. 16. Kapitel – Kasimir
  25. 17. Kapitel – Kalle
  26. 18. Kapitel – Kasimir
  27. 19. Kapitel – Kalle
  28. 20. Kapitel – Kasimir
  29. 21. Kapitel – Kalle
  30. 22. Kapitel – Kasimir
  31. 23. Kapitel – Kalle
  32. 24. Kapitel – Kasimir
  33. 25. Kapitel – Kalle
  34. 26. Kapitel – Kasimir
  35. Kurzgeschichte

Kalle und Kasimir – Die Serie

Kalle und Kasimir sind lustige Mops- und Katzenkrimis fürs Herz mit einer Prise Spannung. Nicht nur Tierliebhaber kommen auf ihre Kosten, wenn die beiden auf ihre ganz spezielle Art ermitteln und sich über die Eigenheiten der Menschen wundern.

Über diese Folge

Mops Kalle und Kater Kasimir sind hochzufrieden. Nachdem Herrchen und Frauchen sich wieder versöhnt haben, wird nun sogar geheiratet! Mads und Linna wollen sich endlich offiziell das Ja-Wort geben, und das Beste ist: Kalle und Kasimir dürfen mit in die Flitterwochen. Das Luxushotel in Österreich bietet eine hervorragende Haustierbetreuung – mit so exquisiten Gästen, dass selbst der anspruchsvolle Kasimir beeindruckt ist. Alles wäre perfekt, wenn nicht wiederholt Vierbeiner verschwinden und kurze Zeit später Lösegeldforderungen ins Haus flattern würden. Mithilfe der anderen tierischen Pensionsgäste nimmt das Detektivduo die Ermittlungen auf. Doch als Kalle und Kasimir die Spuren verfolgen, müssen sie feststellen, dass sie den Entführer völlig falsch eingeschätzt haben …

Die Hauptfiguren

Kater Kasimir

Kasimir lebt seit sechs Jahren bei Linna. Seine Tage und Nächte sind ganz schön stressig, denn ständig muss er die Nachbarschaft beobachten, um mögliche Verschwörungen oder dunkle Machenschaften rechtzeitig zu entdecken. Wenn er gerade nicht seiner Berufung nachgeht – der größte Privatdetektiv auf Erden zu werden –, thront er gerne auf der Fensterbank, um zu demonstrieren, dass in seiner Wohnung Leute mit Niveau und Klasse wohnen.

Mops Kalle

Der liebenswürdige schwarze Mops wurde vom Polizisten Mads aus dem Tierheim gerettet. Er hat 24 Stunden am Tag regen Appetit, liebt es, tagsüber vor sich hin zu dösen und hasst Regen. Ihn plagt schnell das schlechte Gewissen, wenn er mal wieder Unsinn gemacht hat – auch wenn es eigentlich gar nicht seine Schuld war …

Über die Autorin

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik und arbeitete als Fernsehredakteurin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren Hunden im Ruhrgebiet.

Vorwort der Autorin

Bei der Leserunde zu »Kalle & Kasimir Band 1 – Der geheimnisvolle Nachbar« auf LovelyBooks haben viele kreative Köpfe bekannte Sprichwörter auf unsere beiden Helden umgedichtet. Es waren so tolle Ideen dabei, dass ich fand, es wäre viel zu schade, wenn sie nach der Leserunde in Vergessenheit gerieten. Einige Sprichwörter habe ich daher in dieses Buch eingebaut. Vielen Dank fürs Mitmachen an: Astrid, Claudia Spranz, Connychaos, Dimitri Belikov, Etienne Schumann, Franka Fieseler, Gisela Simak, Jennifer Hempel, Jessica Spangenberg, Julia Mischin, Kathleen Waschk, Lea-Sophie Schmidt-Marx, Melina, Peggy Schenk, Ramona Sühsmann, sandraivy, Sarah Liebe, Susanne Korb.

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1. Kapitel – Kalle

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Heute ist der coolste Tag überhaupt!

Hochzeitstag!

Unser Mads und unsere Linna heiraten nämlich. Und zwar sich gegenseitig. Au Mann, ich bin ja so was von aufgeregt!

»Kasimir, was passiert denn da eigentlich so?«, frage ich meinen besten Freund und Ermittlerchef, der auf der Sofalehne liegt. Das ist sein Stammplatz. So wie ich immer hier in meinem superbequemen, weichen Körbchen sitze. Von der Sofalehne aus kann er das Treiben in der Wohnung mit dieser irren Coolness angucken, die nur ein echter Kommissar draufhat. Das ist nämlich sein Job: Kriminalfälle lösen. Und ich bin dabei sein Assistent. Als Team sind wir echt unschlagbar. Aber heute sind wir natürlich nicht im Dienst.

Jetzt zucken Kasimirs Schnurrhaare ein bisschen. Daran seh ich, dass er mir zuhört. Also kann ich wohl noch etwas genauer werden: »Ich mein, wenn Mads Linna heute das Wichtigste und Beste in seinem Leben schenkt, wie macht er das?«

Mads Freund Rainer hat es nämlich genau so beschrieben, als es darum ging, ob Mads Linna einen Heiratsantrag macht. Er hat behauptet, das Wichtigste und Beste überhaupt im Leben eines Mannes ist: Freiheit.

Jetzt mal unter uns, das gilt natürlich nur für Zweibeiner. Als Mops seh ich das anders. Wenn ich da zum Beispiel an diese gigomantischen Lachshäppchen denke, die Linna manchmal als Leckerchen für uns mitbringt. Oder an diesen riesigen, gewaltigen, saftigen Knochen, den ich bekommen hab, als ich bei unserem letzten Ermittlungsfall diesen Glitzerblitzerring gefunden habe. Oder einfach an die Nudelreste, die Mads mir manchmal heimlich …

»Möchtest du nun wissen, was beim Heiraten passiert, oder willst du weiter an Futter denken?«, fragt Kasimir von seiner Lehne herunter.

»Woher weißt du …?«, beginne ich.

»Du sabberst«, unterbricht Kasimir mich.

Echt jetzt?! Verflixt! Ich schlucke.

Kasimir seufzt. »Wenn du öfter mit uns fernsehen würdest, könntest du deine Allgemeinbildung enorm aufwerten«, meint er. Da hat er natürlich recht, wie immer. Er selbst sieht abends zusammen mit Linna den Profi-Kommissaren im Fernsehen zu und lernt dabei jede Menge. Aber was soll ich sagen? Egal, wie sehr ich es mir vornehme, das Ende vom Tag ist meistens auch das Ende der Kalle-Power, und dann penn ich jedes Mal ein.

Ist also logo, dass Kasimir mal wieder besser Bescheid weiß. Und das, obwohl mein Ermittler-Chef mit Liebe und solchen Dingen selbst nix zu schaffen hat. Er ist einfach echt der klügste Kater, den ich je getroffen hab. Auch wenn er diesen einen wirklich schlimmen Tick hat. Und der kommt jetzt wieder mal raus: Er setzt sich auf und fängt an, seine Pfoten zu schlecken und damit über den Kopf zu fahren. Menno, das kenn ich. Das kann jetzt stundenlang so gehen.

»Jetzt rück schon raus, Kasimir!«, bettle ich. »Weißt du etwa, wieso Mads mit seinem superschicken Anzug heute Morgen zu Rainer gegangen ist? Und wieso haben Mama Hannelore und Amelie diese ganzen Farben und Tuben und all das mitgebracht?«

Kasimir hört mit dem Schlecken auf, und wir gucken beide zum Esszimmertisch rüber.

Da sitzt unsre hübsche und heute sehr nervöse Linna auf einem der Stühle. Mama Hannelore – die natürlich nicht meine, sondern Linnas Mama ist – hat auf dem Tisch so viele Schachteln und Döschen ausgebreitet, dass kein Platz mehr fürs Essen wäre – echt beunruhigend also. Aber Linna macht das wohl nix aus, sie scheint gerade keinen großen Appetit zu haben.

Linnas beste Freundin Amelie steht hinter ihr und fummelt endlos an Linnas schönen, duftigen Haaren herum. Die flechtet sie hierhin und dorthin und steckt fest und dreht ein, bis Linna aussieht wie eine von den Zuckerbrezeln, die sie manchmal zum Samstagsfrühstück isst.

Mama Hannelore rührt in den Töpfchen und wühlt in den Schächtelchen und cremt und zupft und tupft an Linnas Gesicht herum.

»Linna ist bei der Hochzeit die Braut«, erklärt Kasimir. »Und die Braut muss immer wunderschön sein und ein langes weißes Kleid tragen.«

»Ach so!«, platze ich raus. »Ich meine, ich hab mich echt schon gefragt, wieso Linna sich in ihre Bettdecke gewickelt hat. Aber das ist gar nicht ihre Bettdecke, richtig? Aaaah! Kombiniere! Das ist das Brautkleid!«

Kasimir guckt mich mal wieder so an. Er hat manchmal so einen Blick drauf, bei dem ich nicht so genau weiß, was er gerade denkt.

»Und weiter? Linna ist die wunderschöne Braut. Und Mads?«, erkundige ich mich, damit er mich nicht noch länger mit diesem gewissen Blick anguckt.

»Mads ist der Bräutigam. Er muss mit seinem besten Anzug morgens aus dem Haus gehen und darf die Braut erst bei der Zeremonie wiedersehen«, sagt Kasimir. »Dabei versprechen die beiden sich dann, dass sie immer zusammen sein werden und aufeinander achten werden und …«

»… ihren Mops und ihren Kater immer gut füttern und ausgiebig kraulen werden?«, schlage ich vor.

Wieder dieser Blick.

»Wenn sie sich all diese Dinge versprechen, kommt das rote Kästchen ins Spiel«, erklärt Kasimir weiter.

»Das rote Kästchen?«, echoe ich. »Echt jetzt? Ich flipp aus! Das rote Kästchen hat was mit der Hochzeit zu tun?« Dazu muss man wissen, dass das rote Kästchen meine neue, unheimlich geheime und wichtige Aufgabe ist. Und zwar immer dann, wenn Linna nicht zu Hause ist. Dann hat Mads das Kästchen rausgeholt und mit mir ein ganz besonderes Kunststück eingeübt. Ein paarmal kam sogar Rainer dazu, um zu helfen. Er hat mir dann das Ding in die Schnute geschoben, und ich musste es zu Mads bringen. Hat voll Fez gemacht. Vor allem, weil ich natürlich mitgekriegt hab, dass es nicht einfach so ein neues, lustiges Kunststückchen ist wie Give me five oder Kusselkopp oder der Hungrig-gucken-Trick. Nee, mein Mads war dabei immer ein bisschen aufgeregt und ernst. Jetzt kapier ich natürlich, wieso. »Das rote Kästchen ist bei der Hochzeit ’ne ganz große Nummer, oder, Kasimir, is’ doch so?«, drängle ich.

Aber mein Boss kommt nicht dazu, mir noch mehr zu erklären, denn genau da richtet Mama Hannelore sich plötzlich auf, beguckt sich Linnas Gesichtsbemalung noch einmal ganz genau und sagt dann: »Fertig!«

Amelie, die gerade noch an Linnas Zuckerbrezelfrisur herumgezupft hat, klatscht in die Hände und ruft: »Ich auch!«

Dann hält sie Linna einen Spiegel vor, und alle drei gucken da rein.

»Ich danke euch!«, sagt Linna mit zittriger Stimme.

Mama Hannelore schnieft ein bisschen.

Doch Amelie guckt auf die Uhr an ihrem Handgelenk und quietscht: »Schon so spät?! Wir müssen los!«

Und schon ist es mit dem gemütlichen Teil vom Hochzeitstag vorbei.

Es gibt kurz ein heftiges Gerenne und Geschiebe, bei dem die drei sich ständig gegenseitig im Weg stehen. Dann reißt Amelie meine schöne knallrote Leine vom Haken und stülpt mir mein schickstes Halsband über. Und schon stehen wir an der Wohnungstür. Die drei Zweibeinerinnen sind ziemlich außer Atem und in bester Kicherlaune.

Kasimir springt von der Sofalehne und kommt zu uns in den Flur geschlendert.

»Wir müssen los!«, treibt Amelie uns andere an.

»Sekunde noch«, sagt Linna und kniet sich in ihrem Bettdeckenkleid hin, um Kasimir den Kopf zu streicheln. »Mein kleiner Schmusebär«, sagt sie leise. »Das fühlt sich nicht richtig an, dass du an so einem wichtigen Tag nicht dabei sein kannst. Aber glaub mir, es würde dir bestimmt nicht gefallen.«

»Mau?«, macht Kasimir.

Kommt nicht oft vor, dass der Boss versucht, mit Linna zu sprechen.

Ich selbst, also, wie soll ich sagen, mir rutscht immer mal wieder was raus. Auch wenn ich weiß, dass die Zweibeiner uns eigentlich nicht verstehen können.

Wenn Kasimir es aber ausnahmsweise mal versucht, muss ihm was wirklich enorm wichtig sein. Linna merkt das auch, glaub ich, denn sie hat plötzlich so komisch glasige Augen.

»Na, na, na!«, mahnt Mama Hannelore. »Du wirst doch jetzt nicht das ganze Make-up ruinieren?«

Amelie reißt die Tür auf und zieht mich an der Leine hinter sich her.

»Bifff heutnabend, Kafimi«, bringe ich noch raus. Das schicke Halsband ist echt ’n bisschen eng, wenn man am anderen Ende der Leine zieht. Und dann sind wir schon die drei Stufen runter. Als ich noch mal den Kopf drehe, sehe ich Kasimirs rot-weißes Gesicht in der Türöffnung. Und irgendwie sieht es traurig aus.

***

Waaaahnsinn! Ich bin echt baff! So eine Zweibeiner-Hochzeit hat echt was zu bieten. Erst mal die vielen Menschen. Von denen kenn ich jede Menge. Allen voran natürlich Mads Eltern, Herr und Frau Kemper. Aber bei denen halte ich mich immer gern zurück. Die sind irgendwie nicht so … ich sach ma … nicht so mopsverrückt. Dafür sind aber noch jede Menge anderer Leute da, die nicht nur Linna und Mads drücken und küssen, sondern auch mich hinter den Ohren kraulen. Zum Beispiel Rainer. Seit Mads und ich mit ihm mal eine Weile in einer echten Männer-WG gewohnt haben, als Linna uns für ’ne Weile rausgeworfen hatte, weiß der echt, was ein Mops mag. Und nicht nur das Kraulen unterm Kinn hat er er raus: Für Mads ist Rainer echt ein Kumpel, mit dem er durch Dick und Dünn gehen kann – genauso wie Kasimir und ich.

Hm. Ich wette, Kasimir würde es auch spannend finden, sich bei der Hochzeitsfeier umzugucken. Ich glaub zwar nicht, dass er hier unter Linnas und Mads’ Freunden einen neuen Fall aufspüren könnte, aber mein Ermittlerchef sagt immer, dass man jede Gelegenheit nutzen soll, um zu beobachten. Denn nach dem einfachen Beobachten kommt direkt das genaue Beobachten und danach dann sofort das Olfa…, Offer…, nein, Moment! Das Ob-ser-vie-ren von Verdächtigen. Au Mann, in Fremdwörtern werde ich auch immer besser, seit ich mit Kasimir zusammenwohne.

Ich nehme mir also vor, ganz genau hinzuschauen, während ich hier neben Mads stehe. Dann kann ich Kasimir später erzählen, wie es so war.

»Ihr Süßen, was habt ihr für ein Glück mit dem Wetter!«, freut sich Mama Hannelore gerade. »Trocken und mild, wirklich ideal! Nicht, Frau Kemper?«

Mads’ Mutter, die auf unserer anderen Seite steht, sagt: »Tja, wenn man schon unbedingt im Februar heiraten muss, könnte man das wohl so sehen.« Dabei zieht sie ihr kleines Felljäckchen noch enger um ihre Schultern und guckt mit schmalen Lippen hier runter. »Matthias, mein Lieber, hättet ihr das Tier nicht irgendwo unterbringen können?«

Ich glaub, die meint mich.

»Kalle gehört dazu«, antwortet Mads mit dem breiten Lächeln, das er schon den ganzen Morgen im Gesicht trägt. Ach, mein Mads!

»Außerdem brauche ich ja einen männlichen Begleiter, nachdem Linnas Vater es nicht für nötig befunden hat, seinen Hintern hierher zu bewegen«, mischt sich Mama Hannelore ein und nimmt Mads die knallrote Leine ab. »Komm, mein Kleiner, wir suchen uns einen schönen Platz im Trauzimmer.« Bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber könnte sein, dass Linnas Mama und Mads’ Mama sich gegenseitig wahrscheinlich nicht heiraten würden. Ich hab den Verdacht, die mögen sich nicht so gern. Im Weggehen kann ich Frau Kemper noch sagen hören: »War ja klar, dass sie mal wieder anderer Meinung sein muss als ich.«

Da denk ich aber nicht weiter drüber nach. Bin viel zu gespannt auf das, was jetzt passiert. Kasimir ist schließlich gar nicht mehr dazu gekommen, mir genau zu erklären, was bei einer Hochzeit so abgeht. Was hat es wohl mit diesem Trau-dich-Zimmer auf sich, von dem Mama Hannelore gesprochen hat? Geht’s da drin um irgendeine Mutprobe oder so was?

Dieser Raum ist echt groß und längst nicht so gemütlich wie unser Wohnzimmer. Aber dafür ist jede Menge Platz für jede Menge Zweibeiner. Und für jede Menge Blumen. Und einen Tisch ganz vorn. An dem sitzt ein Typ in einem Anzug, der enorm wichtig aussieht. Alle begrüßen ihn mit viel Respekt, und deswegen gebe ich mir beim Wedeln auch besonders viel Mühe. Ich wette, der hat hier was zu sagen. Und dann stellt sich raus, dass er wirklich viel zu sagen hat. Denn als es mit dem Heiraten endlich losgeht, redet der Typ die ganze Zeit.

Ehrlich gesagt kapier ich nicht ganz, worüber er da so quatscht. Was haben Schiffe und Häfen mit Heiraten zu tun? Und warum lachen alle, als er von Töpfen und Deckeln spricht?

Vielleicht ist eine Hochzeit doch nicht so spannend, wie ich dachte.

Jedenfalls merk ich gerade, wie mir die Augen zufallen. Schließlich bin ich heute Morgen noch gar nicht zu meinem Nickerchen gekommen.

Aber da stupst mich plötzlich Mama Hannelore an.

»Was ’n?«, brumme ich verpennt.

»Dein großer Auftritt, Kalle«, flüstert sie und hält mir etwas hin. Es ist das kleine rote Kästchen!

»Au Mann! Mama Hannelore!«, freu ich mich. »Das Ding kenn ich! Damit hat Mads in der letzten Zeit voll wichtig mit mir geübt. Unheimlich geheim. Eine ganz große Nummer, verstehst du? Rainer hat mir das Ding gegeben, so …« Ich nehme das Kästchen in den Fang. »… unn dann muffte iff das Mappf bring.«

»Und damit bräuchten wir jetzt die Ringe«, verkündet der Vielquatscher im Anzug vorne an seinem Tisch. »Hat einer der Trauzeugen …?«

Amelie und Rainer, die rechts und links von Linna und Mads vor dem Tisch sitzen, schütteln beide die Köpfe.

Linna, die die ganze Zeit gelächelt und gestrahlt hat, sieht plötzlich ganz verwirrt aus und guckt Mads fragend an.

»Nein, der Ring-Träger ist eine kleine Überraschung«, sagt Mads mit kratziger Stimme und dreht sich zu uns um. »Kalle?«

Mama Hannelore klinkt meine Leine vom Halsband ab und gibt mir einen kleinen Schubs.

»Kalle? Wo steckst du denn?« Mads sieht sich suchend im Trau-dich-Zimmer um.

»Muff iff jetz su ihm laufn?«, frage ich Mama Hannelore.

»Na los!«, murmelt sie und schubst mich etwas doller.

Ein paar der vielen Gäste kichern schon.

Ach so! Ich kapiere! Das ist genau diese enorm wichtige Übergabe, die Mads mit mir geübt hat. Nix leichter als das!

Ich trabe mit hoch erhobenem Kopf den Mittelgang zwischen den Stühlen entlang. Überall wird getuschelt. Und ich höre sogar, wie eine von Linnas Freundinnen »Wie süß!« flüstert. Die muss ich mir merken, vielleicht krault die auch gut und hat später mal etwas Zeit für mich? Ich gucke mich um. Schon gecheckt.

Doch als ich wieder nach vorn sehe, steht da plötzlich der Laberkopp im Anzug vor mir. Er ist hinter seinem Tisch vorgekommen und hat sich mitten im Weg aufgebaut.

»Da sind sie ja!«, dröhnt er mit einem breiten Grinsen und beugt sich zu mir runter. Der will mir echt die Schachtel klauen.

»Ehhheeeehh!«, mache ich und ziehe blitzschnell den Kopf weg. »Daff iff fürn Mapf!«

»Ähm?« Der Märchenerzähler guckt zu Mads rüber. Der nickt ihm zu. Und dann macht die Quasselbirne einen echten Fehler: Er will sich doch tatsächlich auf mich stürzen und mir das Kästchen einfach aus der Schnauze reißen. Dabei ist das doch für Mads!

Ich hüpfe zur Seite, und er grapscht daneben. Doch so schnell gibt er nicht auf und fasst gleich noch mal nach. Ich ducke mich weg und sause wie eine schwarze Kanonenkugel durch die Sitzreihe neben mir.

Es wird gekreischt und gekichert. Hände greifen nach mir. Ey! Was soll ’n das? Ich hab doch den Auftrag, das Kästchen zu Mads zu bringen. Und zwar einen echt wichtigen und voll geheimen Auftrag! Kommt gar nicht in die Tüte, dass irgendwer sonst unser Kästchen nimmt!

Ich wetze im Zickzack unter den Stühlen durch – manchmal ist es echt von Vorteil, nicht so groß zu sein – und schlage einen Haken nach dem anderen. Lauter fremde Hände strecken sich zu mir runter. Piekfeine Zweibeinerschuhe und Zweibeinerinnenbeine in Seidenstrümpfen springen in letzter Sekunde zur Seite.

»Kalle?!«, höre ich Mads irgendwo rufen.

Mittlerweile tobt das ganze Wag-es-Zimmer. Ein paar Gäste springen auf und versuchen, mich einzufangen. Aber da haben sie nicht mit einem ermittlungserfahrenen Mops gerechnet!

Alle greifen sie daneben.

»Kalle!«, donnert Mads über das Lachen und Quietschen hinweg.

Oh, oh, den Tonfall kenn ich. Jetzt wird’s ernst. Ich schieße an der Wand entlang einmal um den ganzen Raum und dann: Ab durch die Mitte!

Im gestreckten Mopsgalopp geht’s zwischen den Stuhlreihen durch nach vorn. Noch einen gewitzten Haken um den Quatschkopp herum. Ups! Mein Hinterteil schwenkt ein bisschen aus. Schleuder, trippel, trippel. Aber dann ist da Mads!

Mit einem Satz bin ich bei ihm und lege ihm das rote Kästchen feierlich in die ausgestreckte Hand.

Die ganze Gästeschar klatscht und johlt. Mads legt wieder diese tolle Nummer mit der wechselnden Gesichtsfarbe hin, die ich nie lernen werde. So was von cool! Er sieht sich grinsend im Raum um und dann zu Linna, die so sehr lacht, dass ihr tatsächlich ein paar Tränen die Wange runterkullern.

»Gut gemacht, Kalle!«, murmelt Mads mir leise zu. Wusste ich’s doch! Ein Mops, der Assistent beim weltbesten Detektiv auf vier Pfoten ist, weiß einfach immer, was zu tun ist.

***

Mann, das ist echt so was von schade, dass Kasimir nicht dabei ist. Manche Dinge muss man eben doch selbst erleben. Vor allem meine geheime Mission mit dem wichtigen Kästchen. Ich glaub, das würde ziemlich angeberisch wirken, wenn ich ihm das so erzählen würde. Weil nämlich nach der Zeremonie alle Gäste nicht nur Linna und Mads gratulieren, sondern sich auch zu mir runterbeugen und mich tätscheln und noch mal sagen, wie toll ich das gemacht hab. Nur Frau Kemper fasst mich nicht an und guckt ein bisschen … na ja, wie sie immer so guckt.

Cool ist auch, wie alle Hochzeitsleute mit ihren Autos hinter uns durch die Stadt düsen und laut hupen. Ich darf auf dem Rücksitz neben Mads und Linna sitzen und aus dem Fenster gucken und mit dem Schwanz wedeln, wenn von draußen Leute winken.

Mitten in unserer Siedlung steigen wir alle aus, und die Party geht im riesigen Vorgarten vor einem piekfeinen Restaurant gleich weiter.

Für die Zweibeiner gibt es lange Gläser mit blubbernder Flüssigkeit und für mich eine kleine Zwischenmahlzeit und leckeres Wasser. Das lass ich mir echt gefallen.

Wie wir so alle hier rumstehen und die Gäste Linna und Mads umarmen und alle lachen und durcheinanderreden, steigt mir plötzlich ein Duft in die Nase. Das ist so ein Duft, also den würd ich echt überall wiedererkennen.

Zack, links gucken. Zack, rechts gucken. Zack, hinter mir … da ist sie! Die gigomantischste Dobermannhündin von der Welt!

»Hallo, meine kleine Kalle-Knutschkugel!«, ruft Amanda von der anderen Straßenseite rüber. Mannomann, was bin ich froh, dass ich heute mein coolstes Halsband anhabe. Das rote, mit den Sternchen drauf. Und daran hat Mama Hannelore noch eine schicke weiße Schleife gebunden. Sieht super aus zu meinem schwarzen Fell, das Mads heute früh noch auf Hochglanz gebürstet hat. Amanda ist natürlich immer unheimlich scharf, egal was sie trägt. Bei ihrem Aussehen guckt man gar nicht so aufs Halsband. Sie ist nämlich schokobraun mit Augenbrauen und Pfoten in derselben Farbe wie der Karamellpudding, den Linna so gern isst und von dem ich immer ihr Schälchen ausschlecken darf, wenn sie fertig ist. Ups! Jetzt bloß nicht an Essen denken! Sabbern ist jetzt grad nicht angesagt!

»Amanda!«, rufe ich zurück. »Meine liebste, göttliche Amanda!« Sie kichert. Ihre Zähne blitzen. Mann, was für ein Rasseweib! »Stell dir vor, wir feiern heute Hochzeit! Linna und Mads haben sich nämlich gegenseitig geheiratet. Und ich hab im Traut-euch-doch-Zimmer das wichtige Kästchen nach vorn gebracht, obwohl alle versucht haben, mich vorher einzufangen. Und jetzt gibt’s ’ne Riesensause mit leckerem Essen und Tanzen bis in die Nacht und so.«

»Tanzen kannste auch, mein Schnuckelchen?!«, antwortet Amanda begeistert. Sie hat wirklich eine Stimme, bei der es mir ganz heiß den Rücken runterläuft.

Da wird sogar Mads aufmerksam, der doch eigentlich die ganze Zeit mit Händeschütteln und Leute-Drücken und Strahlen beschäftigt ist.

»Ach, hallo!« Er winkt über die Straße rüber zu Amanda und ihrem Herrchen. Zu seinem Papa, mit dem er gerade zusammensteht, sagt Mads leise: »Ein Nachbar von uns. Die Hunde spielen oft zusammen.« Und dann lauter über die Straße: »Kommen Sie doch auf einen Sekt zu uns rüber!«

Das lässt sich Amanda nicht zweimal sagen. Mit einem Satz ist sie schon auf der Straße. Und während Herrchen noch überlegt, stolpert er schon hinter ihr her.

»Mein kleiner Schnubbel-Popo!«, säuselt meine Amanda, als sie bei mir ankommt, und leckt mir einmal volles Brett über den Kopf. Herrlich!

Mads drückt Herrchen ein Glas mit blubberndem Zeugs in die Hand, und sie lassen die Gläser aneinanderklirren, und Amandas Herrchen sagt: »Alles Gute für Sie zwei!«, und zeigt das Glas auch Linna, die ein paar Meter weiter mit Amelie und Mama Hannelore steht.

Ich tänzele ein bisschen hin und her, damit Amanda mein schickes Halsband auffällt. Und sie blinzelt mich mit ihren langen Wimpern voll amandatypisch an. Da wird doch der Mops in der Pfanne verrückt! Au Mann, das könnte wirklich der allercoolste, supergigantischste Hochzeitstag sein, den man sich nur denken kann.

Könnte? Tja, wenn ich so drüber nachdenke, wird mir klar, wieso es nur dieses könnte ist. Denn bei all dem Lachen und Freuen um uns rum, hab ich doch die ganze Zeit das Gefühl, dass etwas enorm Wichtiges fehlt.

Oder besser gesagt: jemand.

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2. Kapitel – Kasimir

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Der erfolgreichste Ermittler der umliegenden Gärten war sich schon immer bewusst: Als Detektiv ist auch ein stolzer, unbeugsamer Kater eben einsam. Das bringt es automatisch mit sich, wenn kriminalistischer Spürsinn und angeborene Intelligenz miteinander gepaart werden zu einem einzigartigen, ebenso klugen wie eleganten Kommissar.

Der sensible Charakter eines tierischen Ermittlers würde wahrscheinlich Schaden nehmen, wenn er auf einer lauten, trubeligen Hochzeitsfeier dem groben Gebaren der unter Alkoholeinfluss stehenden Zweibeiner ausgesetzt wäre.

Und so ist es wohl tatsächlich besser für mich, dass ich als Einziger nicht dabei sein kann. Statt tatschenden Händen ausweichen zu müssen, kann ich die Zeit dazu nutzen, in der gewohnten Stille und Abgeschiedenheit auf der Sofalehne zu liegen und nachzudenken.

Zumindest ist das mein Vorsatz.

Aber nach einer Weile beginne ich mich ernsthaft zu fragen, worüber ich nachdenken soll. Denn ein neuer Kriminalfall, den es aufzuklären gilt, ist derzeit nicht in Sicht. Wie denn auch, wenn ich hier allein in der Bude hocke?

Und die Stille, die mich heute umgibt, ist auch nicht mehr wirklich alltäglich. Denn seit Mads und Kalle bei meiner lieben Linna und mir eingezogen sind, herrscht hier tagsüber oft ein nervtötendes Geräusch, an das ich mich aber irgendwie gewöhnt zu haben scheine. Jedenfalls kommt es mir heute seltsam vor, nicht dem Schnarchen und Röcheln eines schwarzen Klopses lauschen zu müssen, der auf seinem zerknautschten Kissen im Körbchen herumwabbelt.

Ganz genau betrachtet, scheine ich die Ruhe, die mir früher doch immer so wichtig war, heute irgendwie nicht genießen zu können.

Nun denn, vielleicht gehe ich dann besser mal meinen Pflichten nach. Die da unter anderem wären: im Garten zu patrouillieren und zu gewährleisten, dass sich hier keine Mäusefamilien oder gar fremde Kater einnisten.

Ich springe also graziös von der Sofalehne und gleite geschmeidig durch die Katermopsklappe, bei der Kalle immer ein paar Probleme mit seinem Mittelteil hat. Dann streife ich mit hoch gerecktem Schwanz an der Grundstücksgrenze entlang. Viel auszuspähen gibt es heute nicht. Im Winter sehen Linnas im Frühling und Sommer so hübsch anzusehende Blumenbeete ziemlich trostlos aus. Nur ein paar kärgliche Hortensienbüsche trotzen dem Winter und natürlich die kahlen Flieder- und Obstbäumchen.

Weil mein Rundgang sonst viel zu schnell beendet wäre, klettere ich kurz auf den Fliederbusch hinauf und balanciere auf einem der Äste. Von hier aus habe ich bei unserem ersten Kriminalfall den geheimnisvollen Nachbarn observiert, während Kalle das Loch unter dem Zaun gebuddelt hat – damit wir die Beweise sicherstellen konnten.

Ich seufze ein wenig. Das waren irgendwie gute Zeiten, scheint mir plötzlich. Obwohl ich damals zunächst alles andere als begeistert von unserem neuen Mitbewohner war, muss ich heute zugeben: Als Assistent war Kalle von Anfang an gut zu gebrauchen. Er stellt meine Entscheidungen nicht infrage. Er ist sich für keine noch so alberne Aufgabe zu schade. Und er schaut stets bewundernd zu mir auf – völlig gerechtfertigt natürlich.

Ich spreize meine Krallen und setze vom Ast auf den Zaun. Über den balanciere ich nach vorn zur Straße. Hier ist nie viel los. Autos kommen nur hin und wieder vorbei. Deswegen habe ich im vergangenen Sommer auch gelernt, ganz selbstständig unseren sicheren Garten zu verlassen. Anders hätte ich meine wichtige Aufgabe auch nicht erfüllen können. Denn bei unserem zweiten Fall mussten Kalle und ich ein paar Straßen weiter die verdächtige Garage ausspionieren. Um dorthin zu kommen, sind wir immer nebeneinander den Bürgersteig entlanggerannt. Seite an Seite.

Verflixt! Dass mir aber auch heute ständig Erinnerungen an die gemeinsamen Fälle mit Kalle kommen. Es ist beinahe ein bisschen so, als …

Ich halte inne. Nein, ich werde meinen dicken schwarzen Assistenten doch wohl nicht vermissen?

»So nachdenklich, kleiner Kasimir?«, säuselt da plötzlich eine Stimme.

Ich fahre herum. Im dichten wintergrünen Gebüsch des Nachbargrundstücks blitzt es schneeweiß.

»Ach du bist es«, antworte ich und versuche, möglichst gelangweilt zu klingen. Jeder große Ermittler braucht offenbar einen erbitterten Gegenspieler. Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber leider gibt es da den Großen Weißen. Ein fieser Geselle, zweimal so groß wie ich, der nicht davor zurückschreckt, aus einer reinen Laune heraus seine gewaltigen Pranken einzusetzen. Zusammen mit Kalle habe ich diesen ungehobelten Burschen einigermaßen in den Griff bekommen. Doch ihm allein zu begegnen fühlt sich auch heute nicht besonders angenehm an. Rasch schätze ich die Entfernung von hier bis zur Terrasse. Durch die Katzenklappe würde der Große Weiße mir nicht folgen.

»Angst?«, fragt er jetzt mit seiner beunruhigend weichen Stimme. Bestimmt ist ihm mein Blick aufgefallen. »Hat der kleine Kasimir Angst vor dem Großen Weißen? Vielleicht weil er heute so ganz allein ist? Ohne seinen hässlichen, düsteren Begleiter?«

Ich muss schlucken.

Der Kerl hat wirklich feine Antennen. Er hat sich in unserer Siedlung nicht umsonst einen schrecklichen Ruf geschaffen. Die Schwachstellen seiner Opfer sind seine Spezialität.

»Wie kommst du darauf, dass mein Assistent nicht zu Hause ist?«, antworte ich geschickt. »Er ruht sich nur ein bisschen aus. Damit er jederzeit wieder eine Serie seines gefürchteten Kusselkopps hinlegen kann.«

Die grünen Augen des Großen Weißen glimmen mich an.

»Lüg. Den. Großen. Weißen. Nicht. An!«, faucht er leise. Dann setzt er mit einem gewaltigen Satz über den Zaun und versperrt mir dadurch den Weg zur Terrasse.

Hervorragend. Wäre ich doch lieber drinnen geblieben. Ein Kampf mit dem Großen Weißen, bei dem ich sicher den Kürzeren ziehen würde, wäre genau das, was mir heute noch gefehlt hat.

»Der Große Weiße hat mit dir noch eine Rechnung offen«, schnurrt er jetzt, während er dort sitzt und seine riesigen Pfoten spreizt. Herrje, ich hoffe der Kerl hat lediglich Winterfell zugelegt? Er sieht noch größer aus als im Sommer.

»Tatsächlich?«, versuche ich Zeit zu schinden. »Das war mir gar nicht bewusst. Welche Rechnung denn?« Vielleicht könnte ich versuchen, auf der anderen Seite ums Haus herumzukommen. Aber der Große Weiße ist schnell. Ich müsste schon einen guten Vorsprung haben, um ihn sicher abhängen zu können.

»Der hässliche Fettmops und du, ihr habt meine gute Geschichte mit meinem Gehilfen Brutus auffliegen lassen«, knurrt der Große Weiße.

»Ach ja …« Ich tue so, als fiele es mir erst jetzt wieder ein. »Aber das war doch eigentlich deine eigene Schuld, oder? Das musst du zugeben. Wenn du behauptest, dass du einen echten Höllenhund als neuen Gehilfen hast, und Brutus sich dann als altersschwacher Dackel herausstellt, ist das wirklich nicht meine Schuld.«

Als Antwort faucht der Große Weiße so heftig, dass ich durch seinen riesigen Rachen mit dem gefährlichen Raubtiergebiss ganz hinten sein Zäpfchen sehen kann. Schluck!

»Erst stellst du den Großen Weißen bloß. Und dann wirst du frech? Na warte!«, grollt er.

Doch in diesem Augenblick hören wir beide ein Geräusch. Es ist ein feines Klirren, das Kalle immer in Verzückung versetzt und das auch mir jetzt gerade sehr willkommen ist. Im nächsten Moment tönt es auch schon: »Juhuuuu! Kaaasimiiiir!« Das ist Amanda, man erkennt sie durch das leise Klimpern ihrer Metallplakette am Halsband immer schon von Weitem. Aus unerfindlichen Gründen hat die immens gefährlich aussehende Dobermannhündin einen Narren an meinem übergewichtigen Assistenten gefressen.

Sie kommt, wie üblich mit ihrem Herrchen im Schlepptau, den Bürgersteig entlang.

Der Große Weiße faucht noch einmal leise. Und dann ist er in einer einzigen Sekunde hinter dem Haus verschwunden. Dobermannhündinnen und fremde Menschen sind nicht so sein Ding.

Ich muss gestehen: Ich war noch nie so froh, Kalles Herzenshündin zu sehen.

»Hallo, Amanda, wie geht’s denn so?«, begrüße ich sie und werfe noch einen Blick zur Hausecke. Aber es ist weit und breit kein weißes Blitzen mehr zu sehen.

»Absolut wunnavoll!«, donnert sie mit ihrer lauten Stimme, bei der Kalle immer so wohlig schaudert. Ihr Herrchen fasst mal wieder die Leine fester und stellt sich auf den üblichen Ringkampf ein. Weil ihm unser Umgang unheimlich ist, sind lange Gespräche zwischen Amanda und mir nie drin. Deswegen vergeudet sie keine Zeit, sondern legt gleich los: »Hab grad Kalle-Schnucki gesehen. Paar Straßen weiter. Das piekfeine Restaurant am Park. Riesen Hochzeitssause. Kalle soll gleich auf ’m Tisch tanzen.«

»Wie bitte?«, sage ich ein wenig beunruhigt. Das sähe ihm ja wieder ähnlich.

»Glaub abba nich, dass er’s macht. War irgendwie traurig, dat Schnubbelchen«, fährt Amanda fort, während Herrchen ihr Halsband greift und sie an mir vorbeischleift.

»Traurig?«, wiederhole ich verwundert. »Aber er ist doch auf der Hochzeitsfeier von unsrer Linna und unsrem Mads. Wieso denn traurig?«

»Irgendwat … röchel, röchel … feeehlt dem Schätzken …«, keucht Amanda. Und dann noch: »Tschöööhööö!«

»Tschüß, Amanda! Bis bald mal!«, rufe ich ihr nach.

Herrchen glaubt, sich durchgesetzt zu haben, und lässt die Leine wieder etwas lockerer, während Amanda mit wippendem Hinterteil neben ihm herläuft. »Jo, bis bald ma!«, antwortet sie.

Ich sehe ihnen nach, wie sie an der Straßenecke abbiegen und verschwinden. Dann blicke ich in die andere Richtung, aus der sie gekommen sind.

Kalle ist traurig?

Mein aberwitziger, übermotivierter, schwergewichtiger Assistent ist traurig – weil ihm etwas fehlt? Ich habe ja so eine Ahnung, was das sein könnte.

Ach, der Kalle. Dieser offenbar überloyale Kerl wird sich doch wohl nicht den Abend verderben lassen, weil sein von ihm verehrter Chefermittler beschlossen hat, lieber ganz in Ruhe gemütlich zu Hause zu bleiben?

Herrje … ich stelle mir vor, wie Kalle inmitten der trubeligen Hochzeitsgesellschaft sitzt und den Kopf hängen lässt. Vielleicht misslingt ihm dann vor lauter Trübsal sogar sein Kunststück mit dem hungrig gucken? Dann würde er auch noch in Sachen Leckerbissen leer ausgehen, und die Laune wäre komplett verdorben.

Ich seufze. Mein Assistent ist wohl mittlerweile derart anhänglich, dass er auch eine Feier nicht genießen kann, wenn ich nicht dabei bin.

Was hat Amanda gesagt? Das piekfeine Restaurant am Park?

Tja, ich weiß, wann die Pflicht ruft. Schließlich bin ich für meinen Assistenten und Mitbewohner in gewissem Maße auch verantwortlich. Dass er einen ganzen Abend depressiv in der Ecke des Festsaales sitzt, nur weil ich nicht dabei bin, kann ich vor meinem reinen Gewissen nicht verantworten.

Also auf, Herr Kommissar!

***

Das Restaurant beim Park kenne ich. Doch von der Hochzeitsgesellschaft ist hier draußen nichts mehr zu sehen. Ich kann jedoch ein beständiges Summen wahrnehmen. Ich folge dem Geräusch und finde hinter dem großen Haus eine offen stehende Tür, die in den Gang zur Küche führt. Rasch husche ich hinein und an der Wand entlang. Um zwei Ecken. Das Summen wird lauter. Und nun ist auch klar, dass ich mal wieder den richtigen Riecher hatte: Dieses Geräusch ist nichts anderes als viele muntere Zweibeiner, die alle durcheinanderreden. Es wird auch sehr laut gelacht. Scheint eine tolle Stimmung zu sein. Zumindest bei den Zweibeinern. Wahrscheinlich kümmert sich keiner darum, dass unter ihnen auch ein kummervoller Mops weilt, dem etwas Maßgebliches fehlt.

Nur noch um diesen schweren Vorhang herum, und ich werde meinen anhänglichen Assistenten von seiner Seelenpein erlösen können.

Ich drücke mich zwischen Stoff und Wand hindurch. Und stoße prompt mit zwei Beinen zusammen, die gerade den gleichen Weg in die andere Richtung nehmen wollen.

Sie gehören zu einer Zweibeinerin in Strumpfhosen und kurzem Rock, die ein mit schmutzigem Geschirr beladenes Tablett trägt.

»’ne Katze!«, entfährt es ihr. Der junge Mann neben ihr, in Anzug mit skurril gebundenem Halstuch, ebenfalls mit einem Tablett sagt: »Scheiße! Raus mit der!«

Der ungehobelte Kerl will doch tatsächlich nach mir treten. Doch ich weiche geschickt aus und renne los. An der Wand entlang, unter Tischen mit langen weißen Tüchern und zwischen Stuhl- und Menschenbeinen hindurch, geradewegs in den Saal hinein.

Und da ist Kalle.

Mitten auf dem Parkett sitzt der dicke schwarze Mops auf seinem breiten Hintern und reckt mal die eine und mal die andere Vorderpfote in die Luft.

»Give me five links! Give me five rechts! Give me five ist Pfötchen geben auf Englisch, versteht ihr? Und gleich noch mal: Give me five links! …”, quäkt er dabei.

Vor ihm stehen drei Freundinnen von Linna, alle in schicken Kleidern, die ihm entzückt zusehen und Partyfrikadellen in mopsschnauzengerechte Happen zerbröseln.

»Ich kann auch noch was anderes«, sagt Kalle eifrig. »Linna hat mir nämlich extra für heute ein neues Kunststückchen beigebracht: ›Tanz mal‹. Dazu stell ich mich auf die Hinterbeine und hüpf so rum, guckt mal. Hüpf. Hüpf. Hüpf.«

»Wie niiiiedlich!«, kreischen Linnas Freundinnen.

»Hüpf. Hoppel di hüpf!«, plärrt Kalle fröhlich. So wie es aussieht ist er voll in seinem Element. Von Traurigkeit nicht die Spur.

»Oh, und was auch unheimlich cool ist: mein Kusselkopp!« Er plumpst wieder auf alle vier Pfoten, streckt den Kopf zwischen die o-förmigen Hinterbeine und will sich gerade nach vorn abstoßen, als er zwischen seinen Beinen mich erblickt.

»Kasimir?!«, quetscht er trotz dieser unbequemen Haltung hervor. »Wo kommst ’n du her? Und wieso stehst du auf dem Kopf?«

Jetzt haben auch Linnas Freundinnen mich entdeckt.

»Linna!«, quietscht die eine und winkt zu einem Tisch rüber. »Dein Kater ist hier!«

Ich kann Linnas verwunderte Stimme hören. Aber ehrlich gesagt bin ich immer noch damit beschäftigt, meine Contenance zurückzugewinnen.

Kalle, der inzwischen seinen Kopf zwischen den Beinen hervorgezogen und sich umgedreht hat, springt begeistert in die Höhe. »Wow! Kasimir! Du bist es echt! Und mit allen vier Pfoten auf dem Boden! Der totale Hammer! – Guck ma, das hier sind … Rosi und Isabell und Katrin. Oder Katrin, Rosi und Isabell? Ach, weiß nicht mehr. Jedenfalls sind die voll nett. Sie teilen ihre Frikadellen mit mir!«

Ich setze mich und lege den Schwanz elegant um meine Pfoten.

»Na, du scheinst dich ja bestens zu amüsieren«, sage ich.

»Jo! Ist voll die wilde Sause hier!«, nickt Kalle begeistert. »Aber weißt du, jetzt ist sie noch tausendmal besser. Weil du auch hier bist! Hey, soll ich Rosi mal fragen, ob sie dir auch ’ne Frikadelle spendiert? Vielleicht könntest du dein cooles Kunststück mit dem Flaschenbürstenschwanz zeigen? Das krieg ich doch nie hin.«

Ähm.

Hm. Sieht so aus, als würde der alberne schwarze Kerl sich wirklich freuen, mich zu sehen.

»Das ist er ja wirklich!«, ruft da plötzlich hinter mir Linna. Mads steht neben ihr.

»Kasimir!« Mads beugt sich runter und nimmt mich schwungvoll auf den Arm. »Komm, wir verschwinden mal kurz aus dem Trubel.« Er trägt mich wieder durch den Vorhang, Linna und Kalle dicht hinter uns, und wir biegen in einen kleinen Gang ab, in dem ein steif wirkendes Sofa an der Wand steht. Darauf lässt Linna sich fallen. »Ach du meine Güte!« Sie seufzt und sieht mich bestürzt an. »Wie kommst du denn bloß hierher, Kasimir?«

»Mau«, mache ich, springe von Mads Arm und will ihr um die schlanken Beine streichen. Doch da ist so viel Stoff, dass ich gar nicht an sie herankomme. Linna streckt den Arm so weit wie möglich aus und streichelt meinen Kopf.

»Er wollte wohl einfach dabei sein«, stellt Mads ganz richtig fest. Ich muss sagen, für einen Zweibeiner hat er wirklich manchmal eine überraschend schnelle Auffassungsgabe.

»Mein kleiner Schmusebär!«, murmelt Linna mit glänzenden Augen und krault mich zärtlich zwischen den Ohren. »Du wolltest nicht allein sein, richtig? Mein süßer kleiner Kasimasi.«

»Kasimasi?«, staunt Kalle mit großen Augen.

Herrje, Linna muss von diesem Hochzeitstag wirklich sehr mitgenommen sein. So hat sie mich nicht mehr genannt, seitdem ich ordentlich aufs Katzenklo gehen kann, also fast mein ganzes Leben.

»Kasi? Masi?«, kichert Kalle.

»Klappe!«, raune ich.

»Mads, wenn ich das so sehe … also, da bekomm ich ein ganz schlechtes Gewissen«, schnieft Linna, während sie mich weiterstreichelt.

»Schlechtes Gewissen?« Mads sieht sie verwundert an.

»Wegen der Flitterwochen«, gesteht Linna. »Ich weiß, ich weiß, deine Eltern meinen es wirklich gut. Und drei Wochen Karibik klingt traumhaft. Aber wenn ich mir vorstelle, dass unsere beiden Jungs dann die ganze Zeit ohne uns sein müssen …« Sie schluckt.

Kalle sieht mich alarmiert an. »Wer ist ’n Karibik? Und was heißt, dass wir die ganze Zeit ohne sie sein müssen? Was meint sie damit, Kasimir?«

Ich habe so eine Ahnung. Und da kommt es auch schon: »Natürlich wird Amelie Kasimir gut versorgen, ihm jeden Tag Futter hinstellen und das Klo sauber machen und so. Aber drei Wochen können ziemlich lang sein, wenn man den ganzen Tag allein in der Wohnung ist. Und an Kalle darf ich schon gar nicht denken. Klar sind die Leute in der Tierpension nett …«

»Tierpension?«, echot Kalle entsetzt. Das Wort kennt er von seiner heiß geliebten Amanda.

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