Logo weiterlesen.de
Kalter Sshuss Ins Herz

Wallace Stroby

KALTER
SCHUSS
INS HERZ

Aus dem Amerikanischen übersetzt
und mit einem Nachwort von Alf Mayer

PENDRAGON

„Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur
eine moralische Ausdeutung von Phänomenen.“

„Jenseits von Gut und Böse“, Friedrich Nietzsche

„Merk dir das bis zu deinem Sterbetag, Kid,
das einzige Verbrechen auf der Welt ist es, pleite zu sein.“

„Oklahoma“ Smith, zitiert nach John Seybold

Willkommen in der Welt von Crissa Stone

„Kalter Schuss ins Herz“ alias „Cold Shot to the Heart“ begann als mein Versuch, jenen Klassikern der Kriminalliteratur Tribut zu zollen, deren Werke ich in den mich prägenden Jahren so geliebt hatte. Schriftsteller wie Dashiell Hammett, Donald E. Westlake/Richard Stark, Lawrence Block, Dan J. Marlowe, John D. Mac-Donald und andere.

In meinem vorangegangenen Roman „Gone ‚til November“ hatte ich eine Hälfte aus der Sicht eines alternden Auftragskillers aus Newark, New Jersey, geschrieben. In einer Provinzstadt in Florida gerät er mit einem weiblichen Hilfssheriff in einen tödlichen Konflikt, als er sich das Geld aus einem schiefgelaufenen Drogendeal holen will. Sara Cross, die Heldin dieses Romans, war die einzige Frau in einer durchweg männlich besetzten Polizeistation. Ich mochte die Idee einer starken, aber verletzlichen Frau, die sich in einer Männerwelt behauptet.

Meinen vierten Roman wollte ich dann ausschließlich aus der Sicht eines Berufsverbrechers schreiben (wie viele meiner Lieblingsautoren das getan hatten). Daraus wurde eine professionelle Diebin namens Crissa Stone. Sie würde gewissermaßen eine Anti-Sara-Cross sein – deswegen die umgekehrten Initialen –, aber auch sie würde in einem männlichen Umfeld zu überleben versuchen, in diesem Fall in der Welt des Verbrechens.

Diese Entscheidung erlaubte es mir, über eine Hommage hinaus zu etwas Originärerem zu gelangen. Anders als bei den traditionell männlichen einsamen Wölfen, den Protagonisten der Hardboiled-Literatur, wollte ich, dass Crissa Beziehungen hat, dass sie Bündnisse eingeht, dass die Ereignisse ihre Spuren hinterlassen und dass sie nur im äußersten Fall zu Gewalt als Lösung greift.

In „Kalter Schuss ins Herz“ braucht Crissa viel Geld, um ihren Lover und Mentor aus einem texanischen Gefängnis zu holen. Das bringt die eigentlich vorsichtige Crissa dazu, bei einem Job einzusteigen, den sie normalerweise vermeiden würde. Crissa ist seitdem übrigens ganz schön herumgekommen. In ihrem zweiten Buch, „Raub um Mitternacht“ („Kings of Midnight“) gerät sie an einen Mafioso alter Schule, in „Shoot the Woman First“ an einen Detroiter Drogendealer und einen korrupten Cop, im jüngsten Roman, „The Devil’s Share“, an Kunstschätze aus dem Irak und ein Killer-Team von Ex-Soldaten.

Ich hoffe, dass Ihnen dieses erste Abenteuer mit Crissa Stone gefällt (das Alf Mayer so trefflich und lakonisch übersetzt hat), und dass Sie mit ihr auf der Reise bleiben.

Crissa ist etwas ganz Besonderes. So viel Geld, das es zu stehlen gilt, und so wenig Zeit …

Wallace Stroby

1

Drei Minuten nachdem sie durch den Haupteingang gekommen war, hatte Crissa den Manager und die zwei Angestellten mit den Gesichtern auf dem Boden, die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt.

Sie nahm ihnen ihre Waffen ab – stupsnäsige Revolver in Gürtelholstern – und warf sie in den Abfalleimer an der Wand. Alle drei hatten sie offen getragen, aber nicht versucht, an sie heranzukommen. Sie hatte die Glock in der Hand gehabt, war schnell um den Schalter herum, hatte auf den Boden gedeutet. Ohne Protest waren sie auf die Knie gegangen, die Hände hinter dem Kopf. Sie wussten, wie so etwas lief. Ihr Leben war ihnen mehr wert als das Geld.

Sie steckte die Glock weg, ging zurück und sperrte den Eingang zu. Regen schlug schräg aus dem grauen Himmel, lief das verspiegelte Fenster hinunter. Erst 16:00 Uhr, aber schon beinahe Nacht. Sie hatten das Neonschild angemacht.

SCHECKWECHSEL BARGELD ÜBERWEISUNGEN ZAHLTAGKREDITE. Sie betätigte einen Wandschalter und das Schild summte, wurde dunkel. Sie drehte das altmodische Türschild auf GESCHLOSSEN.

Die Männer hatten sich nicht gerührt, als sie zurück hinter den Tresen kam. Alle drei waren sie Latinos, seiner älter und grauer. Der Manager. Sie lagen still, warteten darauf, dass es vorbei war.

Sie ging ins Hinterzimmer – Tisch, Archivschränke, ein großer grüner Honeywell-Safe. Die Safetür stand offen, wie erwartet. Die Bürobeleuchtung ging aus, der Computer auf dem Tisch summte und starb.

Sie lauschte an der eisernen Feuertür, hörte draußen in der Straße das Geräusch eines Autos. Zwei Mal schlug sie mit behandschuhten Knöcheln an die Tür. Nach einer Weile kam ein einzelnes Antwortklopfen zurück. Sie legte ihre Hand auf den Alarmriegel, hielt inne. Wenn die Hintertür mit einem eigenen Unterbrecher verbunden war – einem, den sie nicht gefunden hatten –, gab es Probleme.

Sie atmete durch und drückte auf den Riegel. Das Schloss klickte, die Tür schwang auf. Charlie Glass türmte sich im Regen auf, in einem grauen Trenchcoat wie dem ihren, die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen. Sie trat beiseite, um ihn einzulassen, sah den Toyota-Geländewagen in der Straße, die Scheibenwischer eingeschaltet, die Ladetür offen, Smitty am Lenkrad.

Glass kniete vor dem Safe, wortlos, nahm eine Leinentasche aus seinem Mantel und schlug sie auf.

Sie ging nach vorn, wo die Männer lagen. Einer der Angestellten hob den Kopf vom Boden, um sie anzuschauen. Der Manager zischte ihn an.

„Silencio“, sagte sie. „No se mueva.“

Sie ging zum Fenster, schaute hinaus. Der Regen prasselte heftig, stob vom Gehsteig hoch. Niemand da draußen unterwegs. Autos rasten vorbei, die Scheinwerfer an.

Ein kurzer Pfiff von hinten. Sie sagte „Relájese. Es casi sobre“zu den Männern auf dem Boden und ging wieder ins Hinterzimmer.

Die Tasche lag geöffnet auf dem Tisch, halb mit Geldbündeln gefüllt. Glass war dabei, den DVD-Rekorder auf dem Regal mit dem Schraubenzieher zu öffnen. Er wurde von drei Überwachungskameras gespeist, zwei vorne, die andere hier hinten. Sie schaute sich um, sah den zweiten Rekorder auf einem anderen Regal, in der entgegengesetzten Ecke, nahe überm Boden. Er war ihr beim ersten Mal entgangen.

„Reserve“, deutete sie. Er nickte, nahm die Scheibe aus dem geöffneten Schacht. Während er sich an den zweiten machte, begann sie, die Schubladen zu öffnen. Die dritte war voll silberner DVDs in schmalen Plastikhüllen, mit schwarzem Stift datiert.

„Hab sie“, sagte sie. Sie war vor einer Woche in diesem Laden gewesen, würde auf dem entsprechenden Überwachungsvideo zu sehen sein. Sie nahm alle an sich, um sicher zu sein, warf sie in die Tasche, über das Geld. Er steckte die anderen beiden Disks dazu, zog sie zu, warf sie sich über die Schulter.

Hinaus in den Regen. Glass verstaute die Tasche hinten im SUV, stieg dazu und zog die Kofferraumtür hinter sich zu. Sie ging um das Fahrzeug herum zur Beifahrertür, stieg ein. Smitty fuhr los, ohne ein Wort zu sagen. Am Ende der Straße schaltete er die Scheinwerfer ein, bog nach links in die Straße ab.

„Irgendwelche Probleme?“

„Nein.“ Sie nahm die lange dunkle Perücke ab, legte sie sorgfältig zusammen, steckte sie in den schwarzen Müllsack zu ihren Füßen. Sie klappte den Sonnenschutz herunter, schaute in den Spiegel, fuhr sich durch ihr kurzgeschnittenes Haar, wo die Perücke es glatt gedrückt hatte.

Sie waren auf einer befahrenen Straße, früher Stoßverkehr, durch den Regen etwas verlangsamt. Smitty hielt an einer roten Ampel, sie saßen da, das Klicken der Scheibenwischer der einzige Laut. Er begann mit kurzen behandschuhten Fingern aufs Lenkrad zu klopfen, sah zur Ampel hoch. Er war Mechaniker, hatte den Geländewagen am Vortag auf dem Langzeitparkplatz am Flughafen gestohlen. Der Diebstahl war vermutlich bis jetzt noch nicht entdeckt worden, aber sie war sich des Risikos bewusst, dieses Fenster an Blöße, bis sie sich wieder in Sicherheit befanden.

Sie schaute nach hinten. Glass lag unter einer Decke, die Tasche ebenfalls außer Sicht. Er war schwarz, glatzköpfig und über einsneunzig groß, schwer zu übersehen. Er würde außer Sicht bleiben, bis sie die Stadt hinter sich hatten.

„Alles klar?“, fragte sie.

„Yoh.“

„Dauert noch ein wenig.“

Als die Ampel umsprang, fuhren sie einen Block weit, bogen dann zur großen gelben Brücke ein, die den Monongahela überspannte. Ein Frachtkahn tuckerte tief unter ihnen, Schaum sprudelte hinter ihm her. Regen fegte über die Wasseroberfläche.

Sie ließ ihr Seitenfenster halb hinunter, fühlte den nassen Wind auf ihrem Gesicht, nahm ihren ersten tiefen Atemzug, seit sie den Laden betreten hatte. Sie ließ ihn langsam wieder heraus, schloss ihre Augen, zwang ihren Herzschlag langsamer zu werden.

„Mann, muss ich pissen“, sagte Smitty.

Als sie ihre Augen nach einer Weile öffnete, waren sie in den Hügeln, Bäume auf beiden Seiten der Straße. Sie bewegte ihren Nacken, um die Steife loszuwerden, stellte die Lüftung so ein, dass die Wärme direkt auf ihre Füße blies.

„Ich meine, richtig pissen“, sagte Smitty.

Fünf Minuten später bogen sie zur Tankstelle ein, hielten an der zerplatzten Betoninsel, wo einst die Zapfsäulen gestanden hatten. Sie stieg aus, der Wind zerrte an ihr. Sie ging zu den geschlossenen Rolltoren, griff an dem rechtsseitigen Tor nach unten, zog es bis zu ihrer Brust hoch und duckte sich darunter.

Innen war alles, wie sie es verlassen hatten. Ihr gemieteter Taurus und der Acura von Glass standen nebeneinander in der anderen Bucht, Nasen in Richtung Ausfahrt. Sie schob das Tor ganz hoch, trat zur Seite, als Smitty einfuhr. Während er den Motor abstellte, griff sie die Halterung und nutzte ihr Gewicht, um das Tor zuzuziehen.

Smitty ließ die Scheinwerfer an, stieg aus. Er hatte diesen Platz gefunden, die Tankstelle war seit Jahren verlassen, Hubbühnen und Lifte verschwunden, nur rostige Teile und alte Reifen zurückgeblieben. Sie öffnete die hintere Tür, Glass stieg aus, die Tasche dabei. Smitty ging an die hinterste Wand, öffnete seine Hose und begann, laut gegen den Beton zu urinieren.

Glass hob die Tasche auf den Kühler.

„Lasst uns reinschauen“, sagte sie.

Er räumte die DVDs beiseite und sie zählten das Geld, teilten es auf, schichteten die Bündel auf dem noch warmen Kühler auf. Smitty kam zurück, zog sich die Hose zu.

„Vierundneunzigfünf “, sagte sie, als sie fertig waren.

„Ich hab dasselbe“, sagte Glass. „Scheiße.“

„Vierundneunzig?“, fragte Smitty. „Bist du sicher? Ich dachte, wir reden von knapp dreihundert?“

„So wurde es mir gesagt“, meinte Glass. „Keine Ahnung, was da passiert ist.“

Crissa sah auf das Geld. Einunddreißigfünf pro Anteil. Kaum die Arbeit wert. Kein Wunder, dass sie es so leicht hergegeben hatten.

„Ich habe schon geahnt, dass es keine dreihundert sind, als ich es aus dem Safe zog“, sagte Glass, „wollte aber nichts sagen, bis wir es gezählt hatten. Sie müssen in der Nacht davor was von dem Geld weggeschafft haben.“

„Oder sie hatten irgendwo noch einen anderen Safe“, sagte sie, „und wir haben ihn übersehen.“

„Verdammt“, sagte Smitty.

„Ein Freitag“, meinte Glass. „Sie hätten im Geld schwimmen müssen. Ich muss meinen Typen kontaktieren, herausfinden, was da passiert ist.“

„Spar es dir“, sagte sie. „Wir gehen nicht zurück.“

„Verdammt“, sagte Smitty wieder.

„Vergiss es“, sagte sie. „Lass uns aufbrechen.“

Sie zerlegte die Glock, warf die Teile in ein offenes Altölfass, das an der Wand stand, schaute zu, wie sie versanken. Es war die einzige Waffe, die jemand von ihnen dabei gehabt hatte.

Glass war dabei, das Geld in drei Stapel zu teilen, hatte Gummibänder für die losen Scheine parat. Sie öffnete den Kofferraum des Taurus, nahm eine Reisetasche heraus. Glass hatte seinen eigenen Koffer aus dem Acura geholt und öffnete ihn auf dem Boden. Er begann ihn mit dem Geld zu füllen. Smitty studierte immer noch seinen Anteil auf dem Kühler.

„Zähle es, so oft du willst“, sagte sie, „es wird nicht mehr. Läuft manchmal so. Nichts dabei.“

Sie verstaute ihren Anteil in der Reisetasche, zog sie zu, trug sie zum Taurus zurück, wo sie neben einem anderen Koffer Platz fand. Gefaltet daneben lag ihre Lederjacke. Sie zog den Trenchcoat aus, legte ihn ab, zog das Leder an und schloss den Deckel.

„Es lief nicht, wie wir es geplant hatten“, sagte sie, „aber es war gute Arbeit. Von euch beiden.“

Smitty steckte sein Geld in einen Leinensportsack. Glass verstaute seinen Koffer im Acura.

„Das lief schief “, sagte er, „und das geht auf mich. Aber es ist kein schlechtes Ding, das wir da laufen haben.“

Sie schaute ihn an.

„Du, wie du vorne reingehst, unschuldig und alles“, meinte er. „Alles ist unter Kontrolle, bevor die noch wissen, was da passiert. Wenn du in der Gegend bleibst, können wir einiges an Arbeit tun.“

Sie schüttelte ihren Kopf.

„Du brichst da eine gute Strähne ab“, sagte er.

„Ein anderes Mal.“

Sie fand einen rostigen Bremsschuh, holte die Tüte mit der Perücke. Stopfte den Bremsschuh hinein, knotete die Tüte zu und versenkte sie im Altöl.

„Ich nehme die Disks mit“, sagte Glass, „verbrenne sie.“

„Gut.“

Wind schlug gegen die Rolltore. Smitty hatte den Sportsack hinter einen leeren Werkzeugschrank gezwängt und stapelte Reifen dagegen. Er würde den SUV irgendwo in der Stadt stehen lassen, Schlüssel im Zündschloss, und dann für das Geld zurückkommen. Er vertraute ihnen genug, um es vor ihren Augen zu verstecken. Er und Glass waren Hiesige. Wenn einer vom anderen stahl, würde das früher oder später geregelt werden. Ihre Welt war zu klein.

„Ich denke, das war’s“, sagte sie. „Wir sehen uns irgendwo.“

Glass ging zum anderen Rolltor, entriegelte es, begann es hochzuziehen. Sie stieg in den Taurus, ließ ihn an. Als die Tür hochging, erwartete sie Polizeiautos zu sehen, Blaulichter, Männer mit Waffen.

Der Hof war leer. Bäume bogen sich im Wind.

Als sie hinausfuhr, trat er beiseite. Sie stellte Wischer und Scheinwerfer an, steuerte aus dem Hof und auf die Straße.

Zwei Meilen weiter bog sie auf einen Lkw-Rastplatz gegenüber der Interstate-Auffahrt, hielt neben einem grünen Müllcontainer. Sie entriegelte den Kofferraum und stieg aus, der Regen prasselte im grauen Zwielicht. Sie knüllte den Trenchcoat zusammen, warf ihn durch den offenen Müllschlitz, setzte sich wieder hinter das Lenkrad. Dann fuhr sie vom Parkplatz ab, quer über die Straße, zur Auffahrt, fuhr nach Osten.

Eine halbe Stunde außerhalb von Pittsburgh verwandelte der Regen sich in Schnee. Sie war jetzt in den Bergen, auf kurvigen Straßen, die durch trockene Tunnel führten und dann wieder hinaus ins Wetter. Auch der Wind wurde schlimmer. Zwei Mal fühlte sie den Taurus auf dem nassen Asphalt abschmieren. Der Schnee kam fast horizontal, schon so viel auf der Straße, dass sie die Mittellinie nicht mehr sehen konnte. Zu ihrer Linken eine hohe Felswand, zu ihrer Rechten eine niedrige Leitplanke und ein langer Weg hinunter zu den Bäumen.

Die Wischer arbeiteten, das Eis verkrustete die Blätter. Ihre Finger schlossen sich fester ums Lenkrad. Sie hatte von dem aufziehenden Sturm gewusst, hatte ihm zu entkommen gehofft, wollte aus den Bergen heraus sein, bevor es ernst wurde. Jetzt, mit Schnee auf der Straße und sechs Stunden Fahrt vor ihr, konnte sie spüren, wie die Spannung in Rücken und Nacken zunahm.

Aus einem Tunnel heraus in einer Geraden bergab, brach das Heck des Taurus hinten nach links aus, rutschte auf die Gegenfahrbahn. Sie lenkte gegen, bremste und beschleunigte erneut, bis der Wagen wieder in der Spur war. Langsam stieß sie ihren Atem aus, ihre Hände feucht in den Handschuhen.

Die Windschutzscheibe beschlug, deshalb stellte sie die Klimaanlage auf HOCH. Die Scheiben wurden frei. Kein Gegenverkehr seit mehr als fünf Minuten. Der Sturm hielt sie alle zu Hause.

Sie fühlte, wie der Wind gegen den Wagen drückte, wie die Räder wieder rutschten. Vor ihr legte sich die Straße in eine Kurve und ein weiterer Tunnel öffnete sich. Beleuchtung drinnen, gekachelte Wände. Ihre Anspannung ließ nach, als sie fühlte, dass die Reifen auf dem trockenen Belag griffen. Der Tunnel schien ewig lang zu sein. Auf der anderen Seite war es dunkel wie die Nacht, in den Lichtkegeln wirbelte Schnee.

Die Tachonadel hing bei fünfunddreißig, als sie den Aussichtspunkt passierte und das braun-weiße Polizeiauto sah, das dort parkte. Sie ging auf dreißig herunter, sah in den Rückspiegel, sah den Wagen herausziehen, der Lichtbalken an.

Sie beobachtete ihn, wie er näher kam, warte darauf, dass er ausscherte und vorbeifuhr. Er hing im Rückspiegel, bemalte den Innenraum des Taurus rot, blau und gelb. Dann kurz die Sirene. Sie blinkte, bremste und fuhr an den Straßenrand, fühlte den Schnee unter den Reifen knirschen.

Der Wagen fuhr schräg an sie heran. Zwei Gestalten drin. Sie dachte an das Geld im Kofferraum. Nichts zu machen. Keine Fluchtmöglichkeit.

Sie machte ihr Warnlicht an, legte beide Hände oben auf das Lenkrad.

Sie ließen sie warten, während sie das Kennzeichen überprüften. Sie sah ihnen im Rückspiegel zu, der Fahrer an seinem Sprechgerät. Wind rüttelte am Taurus. Dann öffneten beide ihre Türen, stiegen aus – gelbe Regenjacken. Smokey-der-Bär-Hüte mit Plastikschutz. Staatspolizei. Sie sah sie näher kommen, jeder auf seiner Seite, die Köpfe gegen den Wind gesenkt. Der Fahrer hatte seine Jacke geöffnet. Seine Hand lag auf der gehalfterten Waffe.

Als er ihr Fenster erreichte, machte er eine rollende Bewegung mit seiner linken Hand. Der zweite Trooper stöberte mit dem Strahl seiner Taschenlampe auf dem Rücksitz.

Sie ließ ihre Seitenscheibe herunter. Der Polizist war jung, gedrungener Hals, die schusssichere Weste beulte sein Uniformhemd aus.

„Führerschein, Zulassung und Versicherungsschein bitte.“

„Es ist ein Mietwagen“, sagte sie. „Moment, ich hab den Vertrag.“

Sie löste ihren Gurt, knipste das Innenlicht an, lehnte sich über den Sitz, öffnete das Handschuhfach. Der Strahl der Taschenlampe wanderte über den Beifahrersitz, verharrte auf ihr. Sie holte den gelben Vertrag heraus, griff dann in eine Manteltasche wegen ihrer Brieftasche. Der Fahrer trat einen Schritt zurück, die Hand an der Waffe.

Sie kramte in ihrer Geldbörse, zog den beschichteten Connecticut-Führerschein heraus, der bekundete, dass ihr Name Roberta Summersfield sei, der gleiche Name wie auf dem Mietvertrag.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm er Führerschein und Vertrag, schaute kurz darauf, ging zum Einsatzwagen zurück. Der andere Polizist umkreiste den Taurus, leuchtete mit der Taschenlampe die Karosserie entlang.

Sie legte ihre Hände flach aufs Lenkrad, damit sie nicht zitterten. Im Rückspiegel konnte sie den Fahrer sehen, wieder am Mikrofon. Der andere Polizist beobachtete sie durch die Windschutzscheibe. Ausdruckslos. Schnee trieb durch das offene Fenster, hing an der Innenseite der Tür, am Kragen ihrer Jacke. Schmolz.

Der Fahrer stieg wieder aus, kam an ihr Fenster, Führerschein und Mietvertrag in seiner linken Hand, die Rechte an seiner Waffe.

„Wohin soll es gehen, Ma’am?“

„Nach Hause. Waterbury.“

„Wo kommen Sie her?“

„Pittsburgh. Dienstreise.“

Er nickte, gab ihr die Dokumente zurück, schaute zum anderen. Er knipste die Taschenlampe aus, schüttelte seinen Kopf.

„Wir hatten eine Fahrerflucht auf dieser Straße“, sagte der Fahrer. „Wir überprüfen alle Fahrzeuge, auf die die Beschreibung passt.“

Sie steckte den Führerschein zurück.

„Sie aber haben größere Probleme“, sagte er.

Sie schaute ihn an. Der andere Trooper hatte sich nicht bewegt.

„Welche denn?“, fragte sie.

„Es wird fast die ganze Nacht schneien, an die fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter. Wir werden einige Straßen sperren. Mit einem so weiten Weg wie Sie ihn haben, empfehle ich Ihnen dringend, an der nächsten Ausfahrt abzufahren – das wird Salisbury sein – und ein Motel zu nehmen. Bis zum Morgen sollten die Straßen wieder frei sein.“

„Danke, das werde ich tun“, sagte sie. Sie legte den Vertrag ins Handschuhfach zurück, klappte es zu, atmete wieder. „Ich bin eh ein wenig nervös geworden, hier draußen.“

„Halbe Meile, auf Ihrer Rechten. Es ist eine abschüssige Ausfahrt, seien Sie vorsichtig. Gute Nacht dann.“ Er berührte seine Mütze.

„Werde ich haben“, sagte sie.

Sie sah sie zum Streifenwagen zurückgehen, einsteigen. Sie wendeten, das Blaulicht immer noch an, fuhren in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Sie beobachtete die Lichter, bis sie aus dem Rückspiegel verschwanden.

Als sie sich wieder fahrtüchtig fühlte, ließ sie die Scheibe hoch, steuerte auf die Straße zurück und fuhr in den Sturm.

2

Das Motel war ein Days Inn direkt am Highway, der Parkplatz fast voll. Schnee trieb an den Lichtmasten vorbei. Sie checkte als Roberta Summersfield ein, benutzte die auf diesen Namen ausgestellte Kreditkarte.

Das Zimmer lag im ersten Stock. Sie trug ihre Taschen hoch und war zwei Minuten später in der Dusche, ihre Kleidungsstücke auf dem Badezimmerboden verstreut. Das Wasser wurde schnell heiß. Sie duckte sich unter den Duschkopf, um den Wasserstrahl auf ihre angespannten Nackenmuskeln prasseln zu lassen. Die Hitze begann allmählich ihre Schultern zu lockern, die Anspannung in ihrer Kopfhaut.

Als sie fertig war, trocknete sie sich ab, zog Rollkragenpullover und Jeans an. Die Tasche mit dem Geld stellte sie oben in den Schrank.

Zwanzig Minuten später saß sie an der Hotelbar, ein Glas Rotwein und die Reste eines Hamburgers vor sich. Es war ihr erstes Essen seit dem Morgen.

An einem Tisch zu ihrer Linken saßen drei Geschäftsleute in den Vierzigern – Anzugjacken, Krawatten gelockert, sie alle übergewichtig. Sie sahen immer wieder zu ihr her, und sie wusste, dass sie Thema am Tisch war. Sie wusste auch, dass keiner von ihnen den Mut aufbringen würde, sie anzusprechen. Das würde ihr den Aufwand ersparen, sie abblitzen zu lassen falls sie es täten.

Ein Großbildschirm lief über der Bar, irgendeine ihr unbekannte lachsalvenorientierte Sitcom. Die Barfrau räumte das Geschirr ab, deutete auf das leere Weinglas. „Bitte“, sagte Crissa, und die Barfrau zog ein neues Glas aus dem Regal, schenkte aus der Flasche ein.

Um zehn gab es Nachrichten. Aufmacher war der Sturm, aber fünf Minuten später kamen sie zu dem Überfall. Eine junge Reporterin stand vor dem verdunkelten Laden, ins helle Licht der Kamerascheinwerfer getaucht, Schneegeglitzer, das gelbe Polizeiabsperrband hinter ihr.

Warum da jetzt jemanden hinausschicken, dachte Crissa. Ist doch alles vorbei.

Als die Reporterin sagte, dass die Räuber mit zweihunderttausend Dollar Bargeld entkommen waren, sagte Crissa „Blödsinn“.

Die Barfrau drehte sich um. „Was ist, Süße?“

Crissa schüttelte den Kopf. Die Barfrau schaute wieder auf den Bildschirm. Inzwischen waren sie beim Sport.

Jeder betrügt, dachte Crissa. Auf die eine oder andere Art. Wie Wayne gerne sagte: Nichts ist im Lot, wenn die Welt rund ist.

Sie spürte den Wein, den Nachhall des Adrenalins vom Tage, die Anspannung der Woche. So läuft es manchmal, hatte sie Smitty gesagt, und es war richtig, aber es trug nicht dazu bei, sich besser zu fühlen. Fünfunddreißig pro Nase war all die Vorbereitungen nicht wert, die sie hineingesteckt hatten, all die Risiken, die sie eingegangen waren. Es würde kaum für die Miete dieses Jahres reichen. Einen Teil davon würde sie eh zur Seite legen. Tortola, vielleicht, oder Green Turtle Cay in den Abacos. Ein Weihnachtsgeschenk für sie selber.

Es war zur Gewohnheit geworden. Ein paar Monate Normalität. Entspannung. Das Geld würde zur gleichen Zeit knapper werden wie die Langeweile zunahm. Sie würde auf eine Nachricht warten, einen Anruf aus Kansas City oder St. Louis oder Phoenix oder einem Dutzend anderer Städte. Sie würde sich anhören, was sie zu sagen hatten. Meist wäre sie dann wieder an der Arbeit – und der Kreislauf würde wieder beginnen. Nicht gerade viel an Zukunft, das wusste sie. Aber es war zurzeit das einzige Leben, das sie aushalten konnte.

Es war später Nachmittag, als sie New Jersey erreichte. Sie hatte die Autovermietung von unterwegs angerufen. Als sie den Taurus an der Mietstation in Newark abgab, wartete die Limousine schon. Der Fahrer, ein Sikh, lud ihr Gepäck in den Kofferraum, fragte nach der Adresse und sprach den Rest der Fahrt nicht mehr.

Der Himmel war grau und bewölkt, spuckte Schnee. Als sie die George-Washington-Brücke überquerten, lag die Stadt ausgebreitet vor ihnen. Sie nahmen den West Side Highway zur 125sten Straße, bogen am Broadway Richtung Süden ab. An der 108ten zog er nach links und hielt in der Ladezone vor ihrem Gebäude.

Reynaldo, der Türsteher, kam heraus, um sie zu begrüßen. Sie bezahlte den Fahrer in bar, gab ihm zwanzig Dollar Trinkgeld, hörte, wie der Kofferraum aufging.

Reynaldo hatte bereits ihre Taschen draußen, als sie unter dem Vordach ausstieg, Schnee trieb um sie herum. Er schloss den Deckel, die Limousine fuhr davon.

„Willkommen zurück“, sagte er. „Wie war Ihre Reise?“

„Hätte besser sein können.“

Als sie die Eingangstreppen hinaufgingen, huschte eine Katze aus dem Foyer und bremste vor ihr ab. Sie war tiefschwarz, das linke Ohr kurz, abgekaut und zerfranst. Die Katze sah sie einen Moment an, streifte an ihren Beinen vorbei und huschte auf die Straße.

„Ich weiß nicht, zu wem die gehört“, sagte Reynaldo. „Sie hängt hier schon die ganze Woche herum. Diese Katzen, sie bedeuten mala suerte. Unglück.

„Davon brauche ich nicht noch mehr.“

Er trug die Taschen durch die marmorgeflieste Halle, drückte den Knopf für den Aufzug. Es war warm hier drinnen, die Vorkriegsheizkörper zischten und dröhnten. Sie ging zu den Briefkästen, schloss den für 12C auf. Werbung, Kreditkartenangebote, Verbrauchsabrechnungen.

Als der Aufzug kam, sagte sie: „Von hier ab kann ich übernehmen“, gab ihm einen Fünfer. Sie fuhr zum zwölften Stock hoch, ging den leeren Flur entlang, setzte die Taschen vor ihrer Tür ab. Auf Knien suchte sie nach dem kleinen transparenten Klebestreifen, der die Tür mit dem Fußabstreifer verband. Er war unversehrt. Sie schloss die Tür auf, horchte einen Moment, bevor sie hineinging. In der Küche tickte die Uhr. Sonst war da nichts.

Sie legte die Post auf den Flurtisch, tippte den Alarmcode in die Wandtastatur, ging durch das Apartment, musterte die Räume. Keine Anzeichen, dass irgendjemand hier gewesen wäre, als sie weg war.

Du bist müde und paranoid, dachte sie – und jedes Mal wird es schlimmer.

Sie holte die Taschen herein und sperrte die Tür ab. Zwei Absperrbolzen und ein Polizeiriegel. Im Wohnzimmer drehte sie die Heizung auf, legte ihre Lederjacke ab, ließ sie auf dem Bett. Sie spürte jetzt die Meilen, den aufgestauten Stress der letzten Tage.

Sie war hungrig, aber beinahe alles im Kühlschrank war nicht mehr gut. Sie machte sich ein Sandwich. Truthahnaufschnitt und verwelkter Salat in einer abgestandenen Pita, aß es am Wohnzimmerfenster, sah auf die 108te Straße hinunter, über den Broadway hinaus.

Schnee schlug gegen die Scheiben, blieb auf der Feuertreppe liegen. Die Bar auf der anderen Straßenseite hatte schon für Weihnachten dekoriert, rot und blau blinkende Kerzen über den Neon-Bierreklamen. Ein paar Leute standen draußen, rauchten. Einer nach dem anderen warf seinen Zigarettenstummel in den Schnee und ging wieder hinein, während andere herauskamen, um ihre Plätze einzunehmen.

Jenseits der Straßenecke konnte sie das Dreieck vom Straus Park sehen, wo Broadway und West End Avenue zusammenkamen, das Gras schon schneebedeckt. Ein Obdachloser lag auf einer Bank, eine Decke über sich gezogen, um so viel Schlaf zu kriegen wie nur möglich, bevor die Polizei ihn aufgriff und uptown schickte.

Sie aß das Sandwich zur Hälfte, warf den Rest weg, holte eine Flasche Château d’Arcins Haut-Médoc aus dem Regal über dem Kühlschrank. Machte sie auf, goss sich ein Glas ein, trug es ins Schlafzimmer, fuhr ihren Laptop auf dem Schreibtisch hoch. Sie nippte am Wein, ging auf die Seite der Pittsburgh Post Gazette. Es gab einen Hinweis auf den Raubüberfall, aber nichts, was die Fernsehnachrichten nicht auch gebracht hätten. Die vier Absätze endeten mit einer Crime-Stoppers-Nummer.

Sie klappte den Laptop zu, ging mit dem Glas zurück ins Wohnzimmer. An der Wandanlage schaltete sie das Radio an. Es war bereits auf WQXR eingestellt, die Klassikstation, eine Bach-Cello-Suite füllte den Raum. Es war ein Stück, das sie erkannte, aber nicht beim Namen wusste.

Im Schneidersitz auf dem Hartholzboden sitzend, zog sie die Reisetasche auf, schüttete das Geld heraus. Sie trank den Wein und zählte es erneut. Einunddreißigtausendfünfhundert. Kein Dollar mehr. Viel Risiko für einen kleinen Lohn.

Es schneite jetzt heftiger, der Wind wirbelte den Schnee im Straßenlicht herum. Sie packte das Geld in die Tasche zurück, zog sie zu, holte die Flasche aus der Küche.

Sie löschte alles Licht im Apartment, saß auf dem Futon, die Beine unter sich gezogen, die Flasche auf dem Boden. Die Lichter von der anderen Straßenseite erhellten das Zimmer in blinkendem Blau und Rot. Es war jetzt wärmer hier drinnen, die Heizkörper arbeiteten, die vertrauten Geräusche von Zuhause.

Allein in der Finsternis trank sie ihren Wein und beobachtete den Schnee.

3

Als Eddie der Heilige das Rehabilitationszentrum verließ, lehnte Terry Trudeau davor auf dem Kotflügel eines grauen El Camino und rauchte eine Zigarette.

Leichter Schnee wirbelte herum, der aufgeplatzte Gehsteig war bereits damit bedeckt. Eddie zog seine vom Staat gestellte Windjacke höher zu, verlagerte den ausgebeulten Müllsack auf seiner Schulter.

„Hey“, sagte Terry. „Ich dachte, die lassen dich hier nie wieder heraus.“

Eddie besah sich den El Camino, schüttelte langsam seinen Kopf. Terrys Lächeln verschwand.

„Fünf Jahre drin“, sagte Eddie, „und du willst, dass ich in so einer Scheißkarre davonreite?“

„Es ist das einzige …“

„Komm her.“

Eddie erwischte ihn am Hals, zog ihn näher. Terry wehrte sich, aber Eddie hielt ihn fest, küsste ihn auf den Kopf, stieß ihn mit einer Hand weg. Terry fiel auf den El Camino zurück.

„Wie lange bist du schon hier draußen?“

„Halbe Stunde vielleicht.“ Terry warf seine Zigarette weg, hob seine Hände. Eddie warf ihm den Sack zu.

„Vorsichtig damit. Du hast mein ganzes Leben da drin.“

Er hatte einen Mohawk gehabt, als Eddie ihn zuletzt gesehen hatte. Jetzt war das Haar kurz und ungepflegt. Er war dünner, trug eine ärmellose Jeansjacke über einem Kapuzenshirt. Seine rechte Augenbraue war gepierct.

„Lass uns verschwinden“, sagte Terry. „Dieser Ort macht mich nervös.“

Eddie ging zur Beifahrertür. Terry stieg ein, verstaute den Sack hinter dem Sitz, lehnte sich vor und entsperrte die Beifahrertür.

Eddie sah zu dem Bewährungszentrum zurück, in dem er die letzten sechs Monate seiner Haftzeit verbracht hatte. Ziegelsteinwände, Gitter an den Fenstern. Ein schwarzer Junge mit Dreadlocks stand draußen, rauchte eine Zigarette, beobachtete sie. Eddie starrte ihn an, bis er wegsah.

Terry ließ den Motor an, die Auspuffschwaden keuchten weiß in der kalten Luft. Eddie stieg ein. Als sie wegfuhren, sagte Terry: „Wie fühlt es sich an?“

„Fühlt sich gut an. Fahr.“

Er sah aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Newark. Warenhäuser, Industriehöfe mit Stacheldrahtzäunen, Straßenzüge mit bröckelnden Sandsteinhäusern. Kahle Bäume, aufgetürmter Müll.

Terry zog ein Päckchen Kools aus einer Jackentasche, hielt es ihm hin.

„Ich habe aufgehört“, sagte Eddie. „Drinnen. Gibt es Heizung in dieser Karre?“

„Klar.“ Terry machte sich am Armaturenbrett zu schaffen. Warme Luft kam aus den Schlitzen. Er schüttelte eine Zigarette aus der Packung, ein leichtes Zittern in seiner Hand, fummelte an dem Feuerzeug herum.

„Ich mache dich nervös?“, sagte Eddie.

„Wie meinst du das?“

„Du brauchst eine Zigarette, um dich abzuregen?“ „Nein, ich …“

„Dann steck sie weg.“

Terry versuchte, die Zigarette zurück in die Packung zu stopfen, verbog sie.

„Was hast du mit dir angefangen?“, fragte Eddie.

„Bin klargekommen. Hab eine Weile auf dem Bau gearbeitet, bis es schlechter lief.“

„Auf dem Bau? Du warst immer ein guter Einbrecher. Was ist passiert?“

„Ich hab das lange nicht gemacht, Eddie. Ich bin raus aus dem Spiel.“

„Blödsinn. Was machst du zurzeit?“

„Gelegenheitsjobs. Was sich so ergibt.“

„Klingt, als ob du deine Fähigkeiten verkommen lässt.“ Eddie beugte sich herüber, schnippte an Terrys Augenbrauenring. „Was ist das?“ Der zog seinen Kopf beiseite. „Machst du dir keine Sorgen, dass einer auf der Straße dir das Ding rausreißt?“, fragte Eddie.

„Niemand wird das tun.“

„Weil du ein Bad Ass bist?“

„Das hab ich nicht gesagt.“

„Es sieht scheiße aus.“

Terry wurde still.

„Entschuldige“, sagte Eddie, schaute aus dem Fenster. „Es waren lange fünf Jahre. Meine sozialen Fähigkeiten sind ein wenig eingerostet.“

„Schon in Ordnung. Wo fahren wir hin?“

„Fahr Richtung Süden auf der Turnpike. Ich sag dir, wo du halten musst.“

„Du musst dich bei deinem Bewährungshelfer melden? Wenn du dich eingerichtet hast?“

„Ich brauche keine Stempel mehr, Kid. Deswegen habe ich sechs Monate in dem Scheißloch verbracht. Kein Bewährungshelfer. Keine Drogentests. Nichts davon. Ich bin frei und sauber.“

„Du hast einen Platz zum Schlafen?“

„Hast du mich nicht grade aus dieser Tür kommen sehen? Ich habe nichts.“

„Die Sache ist … ich bin jetzt mit Angie zusammen.“

„Wer ist Angie?“

„Meine Freundin. Wir leben zusammen.“

„Wo?“

„Keansburg. Es ist nicht viel Platz, weißt du.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich werde ein Motel finden.“

Sie waren auf der Lastwagenspur der Turnpike, fuhren an Raffinerien, Hochspannungsmasten, Öllagertanks vorbei.

„Wenn sie nicht da wäre …“, sagte Terry.

„Ich sagte, mach dir keinen Kopf.“

Ein Lastzug mit Anhänger brauste vorbei. Der El Camino schwänzelte im Seitenwind. Sie passierten ein Lagerhaus mit einer Reklametafel. WILLKOMMEN IN CARTERET stand darauf.

„Wie war es?“, fragte Terry.

„Was?“

„Drinnen. War es diesmal anders? Ich meine, anders, als damals für uns?“

„Wie immer. Gleiche Scheiße. Du reißt deine eigene Zeit ab, kümmerst dich um dich selbst. Genau, wie ich es dir beigebracht habe.“

„Haben es die Nigger dir schwer gemacht?“

„Nicht mehr als einmal.“

„Ich wäre dich besuchen gekommen, aber …“

„Lass es.“

Dunkelheit jetzt im Osten, die Nacht kam schnell.

„Wo willst du hin?“, fragte Terry. „Es gibt Motels auf der Turnpike, aber die auf der Route 35 sind vermutlich billiger.“

„Fahr weiter. Ein paar Stopps, die ich zuerst machen will.“

„Ich habe Angie gesagt, dass ich um sieben zurück bin. Sie kotzt, kann kaum stehen, so schwindlig ist ihr.“

„Was ist los? Ist sie so krank, dass du sie nicht alleine lassen kannst?“

„Sie ist schwanger.“

Eddie schüttelte den Kopf, schaute aus dem Fenster. „Und ihr beide seid Speed-Junkies, richtig? Hervorragend.“

„Ich zieh mir nichts mehr rein, Eddie. Ich versuche, all diesen Scheiß hinter mir zu lassen.“

„Was auch immer. Egal. Fahr auf die Raststätte. Ich will dort telefonieren.“

„Ich habe ein Handy.“

„Ich will ein Münztelefon. Aber während ich das tue, kannst du deine Alte anrufen.“

„Warum?“

„Um ihr zu sagen, dass du es nicht schaffen wirst.“

Sie hatten in einer Straße geparkt, die von Schrottplätzen und Karosseriewerkstätten gesäumt war, nirgends brannte Licht. In der Ferne erleuchteten alle paar Minuten die Fackeln einer Raffinerie den Himmel. Stöße von blauen und gelben Flammen, die die Wolken zum Glühen brachten.

„Ich bin drinnen fünfundfünfzig geworden“, sagte Eddie. „Hast du das gewusst?“

„Scheiße, Eddie, nein.“

„Ja, im August. Ich war einer der ältesten Scheißkerle dort, abgesehen von den Lebenslänglichen. Fünfundfünfzig Jahre alt, und du machst es dir in einer Zelle, die fünfeinhalb mal neun ist. Sogar das hat mir nach einer Weile keinen Spaß mehr gemacht. Nichts mehr. Was für ein Leben, huh?“

Flammen glühten auf der Windschutzscheibe, verblassten.

„Erzähl mir noch mal von Casco“, sagte Eddie. „Was genau hat er gesagt?“

„Nur das, was ich dir geschrieben habe …Dass er mich nicht kenne, nichts mit mir dealen würde.“

„Du hast ihm gesagt, dass ich dich geschickt habe?“

„Natürlich.“

„Dann hätte das reichen sollen.“

„Zur Hölle, Eddie. Er kannte mich nicht. Ich mache ihm keinen Vorwurf.“

Eddie schaute auf seine Uhr. Es war beinahe acht.

„Was willst du tun?“, fragte Terry.

„Mein Geld holen.“

„Jesus, Eddie, du bist gerade ein paar Stunden draußen. Was soll die Eile?“

„Beruhige dich, Kid. Es wird keinen Ärger geben. Wir sind alle vernünftige Menschen.“

„Woher weißt du, dass er da ist?“

„Er ist da.“

Eddie öffnete seine Tür. „Los geht’s“, sagte er. „Lass uns einen Spaziergang machen.“

Das „L & C Autoteile“-Zeichen war dunkel, aber es war Licht im Büro, jemand bewegte sich. Vor dem Gebäude waren ein Abschleppwagen und ein Cadillac geparkt. Sie standen hinter dem Abschleppwagen, außerhalb des Lichts der Straßenlampe, kalter Wind fauchte sie an.

„Er weiß, dass du kommst?“, fragte Terry.

Eddie antwortete nicht. Eine Meile entfernt rollte auf dem hochgelegenen Teil der Turnpike der Verkehr vorbei.

„Ich meine, du hast ihn angerufen, um es ihm zu sagen, nicht?“

„Du solltest das Zeug lassen, es macht dich verrückt.“

Dort drinnen gingen Lichter aus.

Eddie sah sich um, entdeckte eine leere Heineken-Flasche, die in einem Schneehaufen steckte. Er zog sie heraus, wischte sie ab, wünschte sich, dass er Handschuhe hätte.

Casco kam heraus, ein großer Mann in Mantel, Schal und Hut. Er drehte sich um, um die Tür abzuschließen.

„Warte hier“, sagte Eddie und überquerte leise den Hof. Er kam hinter Casco hoch, presste ihm den Flaschenhals in den Rücken.

„Sperr wieder auf “, sagte er.

Casco erstarrte.

„Es gibt nichts zu holen im Büro“, sagte er ruhig. „Wir machen hier keine Bargeschäfte.“

„Sperr auf und geh rein. Gib den Sicherheitscode ein. Und zwar gleich den richtigen.“

„Eddie? Bist du das?“

„Tu es.“

Casco drehte den Schlüssel im Schloss, öffnete die Tür. Eddie schubste ihn hinein.

„Code“, sagte er.

Die Tastatur an der Wand blinkte rot. Casco gab Zahlen ein, bis ein entferntes Beep zu hören war. Das Licht auf dem Tastaturfeld wurde grün.

„Geh weiter“, sagte Eddie.

„Ist das notwendig?“ Casco drehte sich nicht um.

„Hinein.“ Eddie drehte die Flasche. „Ist dein Büro abgesperrt?“

„Ja.“

„Ist da ein zusätzlicher Alarm?“

„Nein.“

„Sperr auf.“

Casco öffnete die Tür. Eddie schob ihn hinein, fand den Wandschalter. Fluoreszierende Birnen summten und flackerten. Billige Wandverkleidung, ein Metalltisch, ein grauer Safe in einer Ecke. Fotos von Rennpferden an der Wand.

„Was ist das?“, fragte Casco. „Es ist keine Pistole.“

„Es ist mein Schwanz“, sagte Eddie und drückte Casco vorwärts. Casco drehte sich um, sah die Flasche.

„Jesus Maria, Eddie.“ Er atmete aus. „Du hast mich zu Tode erschreckt.“

„Entschuldige.“ Eddie lächelte, stellte die Flasche auf den Tisch. „Ich sah dich da draußen zusperren, konnte nicht widerstehen.“

„Ich dachte, du bist irgendein Junkie.“ Er nahm seinen Hut ab, legte ihn auf den Tisch. „Du hättest anrufen sollen. Ich hätte dich anderswo treffen können.“

„Habe ich.“

„Du warst das vorhin? Angerufen und aufgelegt? Worum ging es da?“

„Ich wollte nur sicherstellen, dass du hier bist. Ich war in der Gegend, dachte, ich schau vorbei.“

„Wann bist du rausgekommen?“

„Ist etwa zwei Stunden her.“

„Und ich bin der Erste, den du aufsuchst? Fühle mich geehrt.“

Er öffnete seinen Mantel und lockerte den Schal, setzte sich schwer in den Drehstuhl hinter dem Tisch.

Eddie schaute hinaus, sah Terry durch die Eingangstür linsen, winkte ihn herein.

„Wer ist da draußen?“, fragte Casco.

„Mein Partner. Du kennst ihn.“

„Wenn du es sagst. Schön und gut, dich zu sehen, weißt du, aber das war nicht cool, wirklich nicht.“

„Sorry.“

Terry kam herein, stand in der Tür. Casco sagte: „Tu mir einen Gefallen, Sportsfreund. Schließ die Haustür. Ich brauche niemanden, der da noch von der Straße reinkommt.“

Terry sah zu Eddie. Der nickte. Terry ging nach vorn.

Casco öffnete die unterste Schublade, holte eine Flasche Johnny Walker Black Label und drei Plastikgläser heraus.

„Nur dass du es weißt“, sagte er, „ich bin um neun mit Louise zum Abendessen in der Stadt verabredet. Wir haben reserviert.“

„Zeit genug.“ Eddie lehnte sich gegen die Wand, Hände hinter dem Rücken verschränkt, federte sich leicht von der Wandverkleidung ab. Casco schenkte ein, hielt die Flasche über dem dritten Glas, sah zu ihm hoch. Eddie nickte. Casco goss ein, verschloss die Flasche wieder.

Als Terry zurückkam, hob Casco sein Glas. „Prost.“

Sie tranken. Es war der erste richtige Schnaps, den Eddie seit fünf Jahren hatte. Er lief warm und weich hinunter. Terry hustete.

„Was ist falsch, Kid?“, fragte Casco. „Du hast das gute Zeug noch nie gehabt?“

Eddie hatte den Scotch ausgetrunken, fühlte wie die Wärme sich in ihm ausbreitete. Er stellte das Glas ab. Casco füllte es erneut, dann seines.

„So“, sagte er. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich bin hier wegen meinem Geld.“

Casco nickte, lehnte sich zurück. „Dein Geld.“

„Ja, richtig.“

„Kein Problem. Muss nur meinen Broker anrufen und dann zur Bank. Wenn du gleich alles brauchst, werde ich am Montag früh als Erstes einiges herumschieben, um dir einen Barscheck zu geben.“

„Nee“,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kalter Schuss ins Herz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen