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Karlchen

Inhaltsverzeichnis

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Über den Autor

Danksagung

„Die Sache mit dem Schmerz ist, dass er verlangt, gespürt zu werden.“ 

John Green (US-amerikanischer Schriftsteller)

1

‚Schmerzfrei!‘ Das war das Erste, das er dachte, als er am Morgen danach die Augen öffnete. Endlich verspürte er nicht länger diesen unangenehmen Druck im Kopf, genauer gesagt, exakt hinter seinen Augäpfeln. Gerade so, als wollten diese jeden Moment herausspringen und ein eigenes Leben beginnen. Zu dem Kopfdruck gesellten sich ungewöhnlich heftige Schweißausbrüche, die manchmal Stunden anhalten konnten und ihn davon abhielten, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Der Schweiß sammelte sich immer und immer wieder in kleinen Bächen in seinen Handflächen, sodass er während dieser Zeit jeglichen Körperkontakt vermied.

Ressler hatte es wieder getan. Fast drei Jahre nach dem letzten „Zwischenfall“ war der Drang, die Schmerzen auszuschalten, größer als die Kraft des Vortrags, den ihm Doktor Mayerling, sein Psychotherapeut, seit Monaten hielt: „Karl, Sie müssen Ihre Medikamente regelmäßig nehmen. Und denken Sie immer an das zentrale Thema unserer Sitzungen: Vermeiden Sie jeglichen Kontakt zu Minderjährigen! Schotten Sie sich ab. Suchen Sie sich Hobbys. Sammeln Sie Frösche, seltene Briefmarken oder schreiben Sie ein Buch! Hauptsache, Sie kommen auf andere Gedanken.“

Karl Ressler hatte angefangen, Haare zu sammeln. Er bestellte sie im Internet oder kaufte sie direkt bei einem Händler für Haarbedarf in der Stadt. Indische Haare hatten es ihm besonders angetan. Sie waren vollkommen. Pechschwarz, von makelloser Glätte und vollendeter Dichte. Schwarz war zudem Karls Lieblingsfarbe.

In Reih und Glied hingen die Haare an der Wand seines Hobbyraums, der sich im Keller des Mehrfamilienhauses befand, oder baumelten von der Decke. Er hatte sie entweder kunstvoll geflochten, glanzgebürstet oder mit roten Strähnen versehen und dann mit einer Reißzwecke ins Holz gedrückt. Sein rechter Daumen war davon bereits mit einer dicken Hornhaut überzogen – nachdem er anfangs starke rote Schwielen und Blutergüsse bekam. Die Haarsammlung war Resslers ganzer Stolz; das heißt, fast: Karl war ein Bee-Gees-Fan der ersten Stunde. Er besaß sämtliche Alben der Gebrüder Gibb, wie er sie fast zärtlich nannte; bei „Too Much Heaven“ hatte er zum ersten Mal geküsst. Franziska hieß sie. Das war 1981. Er war vierzehn, das Mädchen drei Jahre älter. Eine Stunde später hatte er versucht, ihr auf dem Damenklo der Stimbergschule die Unschuld zu nehmen. Als er feststellte, dass sie keine Jungfrau mehr war, ließ er von ihr ab. Die Anzeige von Franziskas Eltern ließ nicht lange auf sich warten, Karls Schulverweis war die glimpfliche Folge. Schlimmer war jedoch, dass seine Familie aus Oer-Erkenschwick fortziehen musste. Sein Vater war Tischler, selbstständig, seine Mutter einfache Hausfrau. Beide waren bis ins Mark erschüttert, als das mit Franziska herauskam – und der Flurfunk in Oer-Erkenschwick funktionierte schon immer vorzüglich! Karl war allerdings schon damals ein perfekter Lügner: „Sie hat mich verführt. Während des Tanzens fasste sie mir ständig an den Hintern und hauchte mir unanständige Worte ins Ohr. Ich war wie von Sinnen … ihr müsst mir glauben!“ Schließlich kauften sie ihm die Geschichte ab und fanden ein günstiges Häuschen im Grünen, am Ortsrand von Unna, wo sich Fuchs und Has sprichwörtlich „Gute Nacht“ sagten. Seine Schwester Meike hatte den Ortswechsel nicht mitgemacht. Meike war fünf Jahre älter als Karl und studierte zu dem Zeitpunkt an der Bochumer Ruhr-Uni. Mit sieben Jahren hatten ihre Eltern sie testen lassen. Dass bei ihr eine Hochbegabung festgestellt werden würde, war sonnenklar, konnte sie doch bereits mit fünf Jahren die Primzahlen bis in den dreistelligen Bereich runterbeten. Dass sich ihr IQ dann letzten Endes bei über 140 bewegte, überraschte allerdings alle Beteiligten. Die Ärzte rieten den Resslers, Meike sofort ein Schuljahr überspringen zu lassen, was damals, Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre, alles andere als einfach war. Das deutsche Schulsystem war noch auf dem Stand „vor dem Krieg“, wie ihr Vater betonte. Der Umbruch war gerade durch die erste große Schulministerkonferenz eingeläutet worden. Meike hatte also Glück, sie übersprang die Klasse, ging danach zum Gymnasium, wo sie die 7. Klasse übersprang und so mit siebzehn bereits ihr Abitur bestanden hatte. 1,3. Zweitbeste ihres Jahrgangs. Mit diesem außergewöhnlich guten Notendurchschnitt schrieb sie sich im Wintersemester desselben Jahres an der Ruhr-Universität für das Fach Psychologie ein, Schwerpunkt Psychoanalyse.

In der JVA in Castrop-Rauxel, wo sie nach ihrem Studium für einige Jahre arbeitete, nannte sie jeder nur die „Psychotante“. Das war durchaus respektvoll gemeint, schaffte sie es doch immer, die Motive der jugendlichen Täter so zu analysieren, dass sie nicht länger als perverse Monster angesehen wurden und sich das Verhältnis zwischen Vollzugsbeamten und Straftätern fortan deutlich verbesserte.

2

Simone hatte den Bus verpasst. Verdammt! Ihre Eltern würden sie in der Luft zerreißen. Vermutlich würde ihr Vater Verbote aussprechen, die das gesamte nächste Halbjahr beträfen. Konnte sie ihnen das irgendwie erklären? Würden sie ihr verzeihen, wenn sie von ihrem ersten „richtigen“ Kuss erzählte? Dirk ging in die 11. Klasse, war also zwei Jahre älter als Simone. Viel wichtiger war allerdings, dass er ihr, anders als die anderen Jungs in seiner Klasse, nicht ständig auf die Brüste starrte. „95 C“ war ihr schulinterner Spitzname, nachdem sich einer der Jungs während des Schwimmunterrichts in die Mädchenumkleide geschlichen und ihren BH entdeckt hatte. Er machte sich gut als Jagdtrophäe über dem Dreimeterbrett. Die Jungs johlten, Simone wollte im Schwimmerbecken versinken und nie wieder auftauchen – wäre da nicht Dirk gewesen. Selbstbewusst betrat er das Dreimeterbrett, nahm Simones BH in die Hand, und als alle dachten, dass er damit elegant ins Wasser springen würde, machte er kehrt, ging die Leiter am Dreimeterbrett hinunter, direkt auf Simone zu und überreichte ihr – fast feierlich – das Objekt der Begierde. Sie errötete so sehr, dass man es wahrscheinlich auch noch am anderen Ende der Schwimmhalle sah. Fortan war Dirk ihr Held und sie sehnte nichts so sehr herbei wie seinen ersten Kuss.

Jetzt aber steckte sie in der Patsche. So wohlig es sich anfühlte, seine Lippen auf den ihren immer noch zu spüren, Fakt war: Der letzte Bus Richtung Werl war soeben vor ihren Augen weggefahren. Sie stand einsam und alleine an einer unbeleuchteten Landstraße und wusste nicht, wohin.

„Ich kann dich ein Stück auf meinem Fahrrad mitnehmen!“ Aus der Ferne rollte ein nur schwach beleuchtetes Herrenrad auf sie zu. Sie kannte den Typen. Das war doch dieser Ressler, den alle so widerlich fanden. Man hatte ihn dabei beobachtet, wie er seine Popel und sein Ohrenschmalz genüsslich aß. Ihr Vater meinte, dass Ressler einer ist, den die anderen früher immer als Letzten in die Schulmannschaft gewählt haben und den man gern mal einfach so boxte, schubste oder kopfüber in den Mülleimer steckte. Nun rächte sich Karl an Simones Vater. Den Baseballschläger nahm Simone nur schemenhaft wahr. Um sie herum erlosch das spärliche Licht, als ihre Schädeldecke durch die Wucht des Aufpralls zerbarst.

Karl summte den Refrain von „Night Fever“, als er ihren leblosen Körper ins Gebüsch zog.

3

Der Wecker klingelte unerbittlich. Binzer, ein vier Jahre alter Deutsch-Drahthaar, schleckte seinem Herrchen genüsslich durchs Gesicht. Carsten Bröhler empfand die feuchte Zunge seines Hundes als Wohltat, der Mundgeruch des Rüden war allerdings eine Zumutung. „Binzer, du blöder Hund, sieh zu, dass du Land gewinnst, ist ja eklig!“ Binzer trollte sich, Bröhler war nun wach und steuerte aufs Bad zu. Er pinkelte gefühlte drei Minuten, die vierzehn Bier vom Vorabend mussten raus. Der Pelz auf seiner Zunge war eine Mischung aus Knoblauch, Kippen und Ouzo. Wieder mal hatte das opulente Mahl bei seinem Stammgriechen um die Ecke seine Wirkung getan. Nikos, der Besitzer der „Taverna Saloniki“, musste immer schmunzeln, wenn Bröhler den „Saganaki-Teller“ mit weniger Knoblauch bestellte. Spätestens in dem Moment, als Emorfia, Nikos’ Frau und Kellnerin, ihm den Teller auf den Tisch knallte, war klar, dass die Botschaft wieder mal nicht angekommen war. ‚Egal jetzt‘, dachte Bröhler, ‚der Hund muss raus! Ab unter die Dusche.‘

Binzer zog wie immer heftig. Bröhler konnte deutlich sehen, dass sein Hund dringend mal musste. „Drei Pfund ohne Knochen“ war Bröhlers Synonym für das, was in wenigen Sekunden seinen Hund druckvoll verlassen sollte. Dabei zog Binzer immer dasselbe Gesicht, gerade so, als sei es ihm peinlich, von seinem Herrchen in dieser Situation gesehen zu werden. Bröhler leinte seinen Hund ein Stück weiter ab, atmete die frische Morgenluft ein und ging seines Weges. Um diese Uhrzeit war das kleine Waldstück an der alten B1 bei Hemmerde menschenleer – was gut war, denn eigentlich durfte Binzer hier nur an der Leine geführt werden. Und er, das heißt sie, also Binzer und Bröhler, hassten angeleinte Hunde, die von ihren Herrchen oder Frauchen kurz gehalten wurden, weil sie gerade ‚etwas schwierig im Umgang mit anderen Hunden‘ waren. Bröhler hatte es noch nie erlebt, dass Binzer sich mit einem frei laufenden Hund zoffte. Sobald ihm aber ein Artgenosse an der Leine entgegenkam, sah er rot. Und der andere meistens auch. Einmal musste Bröhler dazwischengehen, weil der andere Hund, ein prächtiger Ridgeback mit 55 Kilo Lebendgewicht, sich in Binzers Hals verbissen hatte. Dem Frauchen des Ridgebacks geriet die Situation komplett außer Kontrolle, sie war den Tränen nah. Bröhler schritt ein und versuchte, die beiden ineinander verkeilten Rüden zu trennen. Dabei biss ihm sein eigener Hund so unglücklich in die Hand, dass diese noch am selben Tag mit sieben Stichen genäht werden musste. Binzer selbst jaulte nach Bröhlers Faust-Reflex laut auf und blutete an der Stelle, in die sich der Ridgeback verbissen hatte, konnte aber am selben Abend bereits wieder seine berühmten drei Pfund ohne Knochen abseilen.

„Binzer, hier!“ Als Jagdhund hatte Binzer wenig mit Stöckchenapportieren am Hut. Als Joggingpartner war er ebenfalls gänzlich ungeeignet. Sobald Bröhler ihn ableinte, legte Binzer seine Nase auf den Boden und schnüffelte sich durchs Unterholz. So auch heute.

Der Mann, der an diesem wunderschönen Tag ins Polizeirevier Unna kam, hatte entweder den Leibhaftigen gesehen oder sich den Magen mit Ente süßsauer ruiniert. Polizeiobermeister Peter Lücke wurde etwas blümerant, als er Carsten Bröhlers Gesicht sah. Der Hund, den er an der Leine führte, hatte Blutspuren an den Pfoten und um die Schnauze herum. ‚Ein prächtiges Tier‘, dachte Lücke. „Sie müssen dringend mitkommen, bitte!“, stammelte Bröhler. „Eine Mädchenleiche, draußen im Forst … ihr Gesicht ist …“ Er erbrach sich vor den Füßen des Polizeiobermeisters.

4

Der Sex letzte Nacht war gut. Wirklich gut. Wann hatte er das letzte Mal … ein zutiefst angenehmer Nachklang der Erregung durchzog ihn. Neben ihm lagen seine beiden Eroberungen des letzten Abends. Sie mochten höchstens Mitte zwanzig sein, die eine hieß Sanja, den Namen der zweiten hatte er vergessen. Egal, Modrich hatte seinen Spaß gehabt. Mehr noch: Er hatte sich und der ganzen Welt, also zumindest der Welt, in der er sich am vergangenen Abend aufgehalten hatte, bewiesen, dass ein Mann seines Alters noch durchaus attraktiv auf das weibliche Geschlecht wirken konnte. Natürlich war er mit seinen 42 Jahren noch nicht ganz raus aus dem Rennen, wenn es um Frauen ging, aber die Frotzeleien unter seinen Kollegen auf dem Revier waren schon bemerkenswert. Immerhin war Peer Modrich seit fünf Jahren Single, und die Zeit, eine neue Beziehung aufzubauen, hatte er als Chef der Sitte einfach nicht. Zu viel Dreck stapelte sich tagein, tagaus auf seinem Schreibtisch. Die Welt war wie ein Katzenklo, lautete eine seiner Lebensweisheiten. Auch wenn du es noch sooft säuberst, den fiesen, säuerlichen Geruch kriegst du einfach nicht raus.

Er hatte in seiner Karriere bislang knapp 80 % aller Verbrechen aufklären können, darunter den Fall des Familienvaters aus Hamm-Uentrop, der jahrelang seinen Neffen missbrauchte, gleichzeitig aber mit seiner Frau und den beiden Söhnen ein geradezu vorbildliches Leben führte. Der schöne Schein war es, der den Ermittlern des Öfteren einen Streich spielte, wenn es um die Aufklärung von Sexualstraftaten ging. Man sah es ihnen einfach nicht an. Die Frau des Hammer Familienvaters rammte ihrem Ehemann ein Brotmesser ins Bein, als sie von seinen Eskapaden erfuhr. Heute sitzen sie beide ein, die beiden Söhne wachsen bei Verwandten auf, die heile Familienwelt ist unwiderruflich zerstört.

Modrich wollte seine Hand auf den Hintern von Sanjas Freundin legen, als das Telefon klingelte. „Mädchenleiche im Hemmerder Forst“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung, ehe sie sich als Polizeiobermeister Peter Lücke identifizierte.

„Mädels, aufstehen!“, rief Modrich seinen beiden Eroberungen zu und klatschte in die Hände. Sanja und ihre Freundin schreckten hoch, rieben sich zeitgleich den Schlaf aus den Augen und rollten sich aus dem Bett. Dabei rutschte Sanja das seidene Unterhemd hoch. Modrich bemerkte das und war für einen Moment versucht, wieder zurück ins Bett zu hüpfen und die nächste Runde einzuläuten. „Können Friedi und ich wenigstens noch ’nen Kaffee trinken?“ Friedi, richtig. Kurzform von Friederike – hatte sie Modrich noch in epischer Breite am Abend vorher erklärt. Offenbar hatte er da schon nur noch Augen für ihre malerischen Brüste gehabt, die er im Laufe der Nacht fortwährend liebkost hatte. „Tut mir echt leid, aber ich muss sofort los. Packt eure Sachen zusammen und dann raus! Ich melde mich bei euch.“

Am Tatort kam ihm seine Kollegin Gudrun Faltermeyer entgegen. Guddi, wie er sie nannte, war Mutter von Zwillingen und sah wieder einmal grenzenlos übernächtigt aus. Da half auch der Pott mit schwarzem, starkem Kaffee nicht, den sie zu sich nahm, als sei er Medizin. „Was haben wir hier?“ „Simone Breisig, vierzehn Jahre alt. Jemand hat ihr den Schädel mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert und sich dann an ihr vergangen … kein schöner Anblick!“ „Irgendwelche Hinweise auf den Täter?“ Guddi hob die Augenbrauen: „Oh ja, jede Menge sogar. Die Spurensicherung klaubt gerade alles zusammen. Scheint eine spontane Tat gewesen zu sein. Allerdings: Wir haben das hier bei der Leiche gefunden.“ Modrich schaute einigermaßen ratlos auf die Schallplatte. „Saturday Night Fever? Die Bee Gees als Begleitmusik für ein Kapitalverbrechen? Seltsam. Sind die Angehörigen informiert?“ „Nein“, erwiderte Guddi, „sie wohnen keine fünf Kilometer von hier in Werl. Bernd und Manuela Breisig. Ich hasse diesen Job.“

5

Meike Resslers Telefon klingelte. Manche Menschen bilden sich ein, bereits am Klang des Telefonklingelns drohendes Unheil wahrnehmen zu können. Meike gehörte nicht zu dieser Spezies, trotzdem zog sich für einen kurzen Moment ihr Magen zusammen. „Ich bin’s, Karlchen!“ Meike Ressler hatte ihren Bruder immer geliebt, auch nach seinen Taten damals. Das hatte weniger mit dieser „Blut-ist-dicker-als-Wasser“-Theorie als vielmehr damit zu tun, dass Karl ihr das Leben gerettet hatte. Er war damals neun, als seine 14-jährige Schwester um ein Haar beim Schwimmen im Halterner Baggersee ertrank. Ein simpler Wadenkrampf war es, der Meike in die Tiefe zog. Karl hatte damals bereits sein Gold-Abzeichen und erkannte die Situation noch vor seinen Eltern. Ohne zu zögern und mit bewundernswerter Geschwindigkeit schwamm er zu seiner hilflos röchelnden Schwester und erwischte sie gerade noch an ihren langen, lockigen Haaren. Und obwohl Meike damals fast 15 Kilo mehr wog, schaffte Karl es fast mühelos, Meike ans rettende Ufer zu bringen. Er war der Held des Tages, sogar eine Tageszeitung brachte einen Artikel über ihn. Natürlich waren auch seine Eltern unbeschreiblich stolz. Das Entscheidende jedoch war: Meike würde immer in seiner Schuld stehen.

„Die Bee Gees haben einen neuen Song geschrieben. Nur für mich, Meike! Ist das nicht toll?“ Karls Stimme zitterte. „Karl, wo steckst du? Bist ja ganz aufgewühlt!“ Meike versuchte, die Ruhe zu bewahren. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Bruder. Sie versuchte, weitere Informationen aus ihm herauszukriegen. „Es ist ein ziemlich trauriger Song, Meike. Ich singe ihn immer, wenn ich ein böser Junge war. Zur Beruhigung.“ Er legte auf. Meike legte den Telefonhörer zur Seite. Ihre Hände zitterten. Ihr schlimmster Albtraum war zurückgekehrt und schien wahr zu werden. Sie überlegte fieberhaft. Felix Modrich war längst im Ruhestand, aber hatte sie nicht unlängst erfahren, dass sein Sohn Peer nun das Dezernat Sitte leitete? Wie gut, dass Meike alle polizeilichen Dienststellen in ihrem Adressbuch gespeichert hatte. Hastig wählte sie Peers Nummer. Der Kreis schien sich endgültig zu schließen.

6

Bernd und Manuela Breisig schienen eine Vorahnung zu haben. Als Modrich und Faltermeyer an der Tür klingelten, hörten sie von innen bereits das leise Schluchzen der Mutter. „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Tochter heute Morgen tot aufgefunden wurde. Offenbar wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens.“ Modrichs Worte perlten wie an einer unsichtbaren Glaswand ab. Simones Eltern starrten ins Leere, ihre Mimik war schwer zu deuten. Plötzlich fiel der Vater vornüber auf den Treppenabsatz vor dem Haus, Modrich konnte ihn nur mit Glück davor bewahren, dass er sich den Schädel an der Treppenkante aufschlug. Er war ohnmächtig, Speichel lief ihm aus dem rechten Mundwinkel. Manuela Breisig wirkte gefasster: „Ich wusste immer, dass so etwas mal passieren würde. Simone trieb sich gern spät in der Nacht herum; offenbar hatte sie Spaß daran, mit dem Feuer zu spielen. Mein Mann hat sie dann immer vor mir verteidigt. Ich hätte der kleinen Schlampe öfter mal den Hintern versohlen sollen!“ Modrich und Faltermeyer sahen sich an und zogen die Augenbrauen fast synchron hoch. Die Szene hatte etwas Absurdes.

7

„Ich habe keinen Bock mehr auf den Scheißkerl!“ Silke hatte Tränen in den Augen. Sie saß mit ihren besten Freundinnen in ihrer Stammkneipe in Bochum. Seit zweieinhalb Stunden war Arndt das beherrschende Thema. Silke war mit ihm jetzt schon achtzehn Monate zusammen, für ein Mädchen von gerade mal zwanzig Jahren war das eine reife Leistung. Ihre Freundinnen beneideten sie – anfangs zumindest, denn Arndt war ein Bild von einem Mann: 1,90 m groß, halblanges dunkelblondes Haar, das er immer lässig mit Haarwachs zurücklegte. Und er war bestimmt zehn Jahre älter als Silke. Sie hatte ihn nie gefragt. Die Gewissheit, dass es so war, hatte Arndt für Silke umso begehrenswerter gemacht. Er war schlank, aber trotzdem sportlich, hatte – soweit man das beurteilen konnte – gute Manieren und war – soweit Silke das beurteilen konnte – ein leidenschaftlicher Liebhaber. Seit ein paar Wochen war allerdings irgendwie der Wurm drin. Arndt war drei Monate in Schweden gewesen, sein Job als Salesmanager brachte es so mit sich. Silke hatte in diesem Zeitraum mehrere dubiose SMS-Nachrichten von ihm erhalten, in denen er von einer Frau schrieb, mit der er fast täglich zu tun hatte. Offenbar war das die Anwältin der Firma, mit der er zukünftig Geschäfte machen wollte. Wie sich herausstellte, war sie fünfzehn Jahre älter als Arndt und hatte ihn nach allen Regeln der Kunst verführt. Feststellen ließ sich dies für Silke erst, als Arndt – nachdem er bereits zwei Wochen zu Hause war – immer noch keine rechte Lust auf Silke zu verspüren schien. „Raus mit der Sprache“, legte sie plötzlich los, „was ist da mit dir und dieser Anwältin gelaufen?“ Die Antwort „Es war nur Sex“ und Silkes schallende Ohrfeige erfolgten quasi zeitgleich. Natürlich hatte sie irgendwie immer damit rechnen müssen, dass ein Mann von Ende zwanzig nicht auf ewig mit einem deutlich jüngeren Mädchen zusammenbleiben würde, aber auf diese schäbige Art und Weise wollte sie nun doch nicht abserviert werden.

Sie sah Karl im hinteren Teil der Kneipe sitzen. Ihre Blicke hatten sich jetzt ein paar Mal gekreuzt. Irgendetwas Flirrendes lag da in seinen Augen. Nicht, dass es ihr scheißegal war, mit wem sie es Arndt heimzahlen würde, aber dieser Knilch da hinten war weit weg von einem, „mit dem man es mal probieren könnte“. Sarina, ihre beste Freundin, war sehr lax in ihrer Einstellung zu Sex, Verhütung und dem ganzen Drumherum. Sie wollte, bis sie zwanzig war, „so viele Kerle ins Bett kriegen, wie sie Haare an der Muschi hatte“. Immer, wenn sie diesen Spruch raushaute, kiekste die Mädelsrunde und lief der Reihe nach rot an. Sarina war nämlich „untenrum glatt wie ein Babypopo“, was ihrer vorherigen Bemerkung eine gewisse Süffisanz verlieh.

Irgendetwas Flirrendes. Egal, sie musste heute noch was erleben. Am besten etwas Handfestes. Etwas, das ihr noch Wochen später die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, wenn sie sich daran erinnerte. Silke war nun soweit: Dieser geheimnisvolle Unbekannte sollte es werden. Heute Nacht! Wenn Arndt es mit einer MILF treiben konnte, warum sollte sie dann nicht auch mit einem, sagen wir mal, etwas reiferen Herrn in die Kiste springen? „Geht schon mal vor!“, rief sie ihren Freundinnen zu. „Ich hab hier noch was zu erledigen.“ Sarina klatschte Silke ab: „Treib’s nicht zu doll … ach was: Leg einfach noch ’ne Schippe drauf!“

Karl Ressler sollte in dieser Nacht ein Experiment wagen, das er nun zum ersten Mal an einem Menschen ausprobierte.

8

Als sie erwachte, lag Silke gefesselt und geknebelt auf einem Bett in einem abgedunkelten Raum. Die Schmerzen in ihrem Kopf waren kaum auszuhalten; entweder sie hatte deutlich zu viel Alkohol intus oder jemand hatte ihr … da ging die Tür auf und Karl Ressler stand vor ihr. Er grinste triumphierend. Silke konnte, nachdem sie ein paar Mal gezwinkert hatte, wieder einigermaßen klar sehen und erkannte in seiner linken Hand einen Messerblock. „Du krankes Schwein“, wollte sie sagen, aufgrund des Knebels in ihrem Mund kamen allerdings nur ein paar zusammenhanglose Gutturallaute heraus. „Na, na, wer wird denn gleich so aus der Haut fahren?“, rügte Karl sie. „Immerhin hatten wir in der letzten Nacht doch jede Menge Spaß, und ich finde, du solltest dich etwas dankbarer zeigen, hm?“ Silke verspürte ein Brennen zwischen ihren Beinen; je mehr sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, umso schlimmer wurden die Schmerzen. Vor allem aber erinnerte sie sich nun Stück für Stück immer deutlicher an das, was letzte Nacht vorgefallen war.

Es war ihr alles zu schnell gegangen. Karl hatte bereits nach wenigen Sekunden seine Hand in ihrem Schritt und begann zu sabbern. Es war widerwärtig, und Silke hatte sehr, sehr schnell eingesehen, dass es eine Fehlentscheidung war, mit diesem Freak mitzugehen. Er hieß offenbar Karl Ressler, wenn das Namensschild an der Haustür nicht log. Allerdings, und das war das eigentliche Problem, war dieser Freak sicher vierzig Kilo schwerer und zwei Köpfe größer als sie. Ihm mit physischer Kraft entgegenzutreten, war also von vornherein zum Scheitern verurteilt. So versuchte sie es mit Worten: „Hey Cowboy, zieh mal die Handbremse. Wir haben doch noch die ganze Nacht!“ „Du hast recht! Trinken wir auf diese Nacht. Möge sie für uns beide unvergesslich werden!“ Silke leerte das Sektglas in einem Zug und bemerkte dabei, dass sich Karls flirrender Blick zu einer Grimasse verzog.

Die Wirkung der K.-o.-Tropfen setzte schneller ein, als Karl es erwartet hatte. Um ein Haar wäre sein Opfer mit dem Hinterkopf auf den kleinen Marmortisch in seinem Schlafzimmer geknallt und dann wäre es womöglich vorbei gewesen mit der „unvergesslichen Nacht“.

„Was hast du mit mir vor, du Scheusal?“ Karl stakste durch den Raum und ahmte eine helle, panische Frauenstimme nach. Er brach in schallendes Gelächter aus. „Ja, was habe ich wohl mit dir vor …?“ Nachdem Silke das Bewusstsein verloren hatte, legte Karl „Massachussettes“ auf, entledigte sich seiner Kleidung und verging sich an seinem wehrlosen Opfer. Das Gefühl der Macht, das er dabei empfand, war das schönste, das vollkommenste, was Karl jemals erlebt hatte. Er konnte sie biegen wie eine Puppe, konnte ihr Dinge ins Ohr flüstern, sie anschreien, sie schlagen. Was auch immer er tat: Niemand widersprach, niemand leistete Widerstand. Als Barry Gibb den Refrain sang, explodierte Karl und hatte Tränen in den Augen.

Karl stand breitbeinig über Silke und hatte ihr den Rücken zugewandt. Den Messerblock hatte er vor sich aufs Bett gestellt. Nach und nach nahm er die Messer heraus und warf sie, mit gleichbleibendem Schwung, in Richtung Decke. Silke beobachtete das Ganze mit einem immer konkreter werdenden Gefühl von Ohnmacht und Panik. Zwei der Messer prallten von der Decke ab und fielen zurück. Dabei verfehlten sie Karl nur um Haaresbreite. „Eieiei,“ gluckste er, „das wäre fast ins Auge gegangen. So eine Keramikklinge kann böse Wunden verursachen“. Mit höhnischem Gelächter zielte er erneut und warf die beiden Messer abermals Richtung Decke. Diesmal blieben sie stecken. Als Karl vom Bett hinabstieg, hatte Silke freie Sicht auf sein perfides Werk. Die Messer steckten, ovalförmig angeordnet, allesamt in der Holzdecke, direkt über dem Bett, in dem Silke hilflos lag. Wie lange würde es wohl dauern, bis sich die Schwerkraft des ersten Messers bemächtigte?

„Ich werde für ein paar Tage verreisen“, säuselte Karl. „Die letzten Tage waren sehr anstrengend für mich. Du warst nur eine von vielen Kandidatinnen für das hier; letzten Endes hast du mir bei der finalen Entscheidung sehr geholfen. Dafür hab ich mich ja auch schon erkenntlich gezeigt … gewissermaßen. Wie du an den Einstichlöchern in der Decke unschwer erkennen kannst, habe ich diese ,Fallstudie‘ hier schon einmal praktiziert. Das arme Tier sah danach ziemlich schlimm aus. Es hat fast 48 Stunden gedauert, bis das entscheidende Messer hinabgefallen ist und den finalen Stoß gesetzt hat. Ich habe heute versucht, die Anordnung der Messer und die Tiefe der Löcher so hinzukriegen, dass es bei dir nicht ganz so lange dauert. Schließlich bist du kein Tier und warst mir eine wirklich gute Tanzpartnerin. Nun denn: au revoir, cherie!“ Die Tür fiel wenig später wuchtig ins Schloss und löste das erste Messer, das sich in Silkes Wade bohrte.

9

Peer Modrich hatte richtig beschissen geschlafen. Wahrscheinlich war es wieder mal eine Kombination aus zu viel Dosenbier, einem halben Dutzend selbstgedrehter Zigaretten und dem Vollmond. Wenn das jemals rauskommen sollte, würden die Kollegen auf seinem Revier noch mehr Gründe haben, ihm dumme Sprüche zu schieben. Aber es stimmte: Modrich war in Sachen Schlaf kein typischer Kerl. Er konnte sich, im Vergleich zu vielen seiner Kollegen und Freunde, nicht einfach so ins Bett legen und bereits nach Sekunden in den Schnarchmodus umschalten. Zu oft zog der Tag noch mal an seinem inneren Auge vorbei und brachte ihm Bilder zurück, die er zum Einschlafen nicht brauchen konnte. Und wenn dann noch der Vollmond in sein Zimmer schien, ging gar nichts mehr. Deshalb versuchte Modrich es regelmäßig mit einer moderaten Alkohol- und Nikotindröhnung. Hansa-Pils aus Dosen war da vielleicht nicht das ideale Schlafgetränk, aber der Kiosk um die Ecke hatte um kurz nach Mitternacht einfach keine Alternative parat. Modrich wusste in dem Moment, als er das erste Bier ansetzte, bereits, dass er am kommenden Morgen einen amtlichen Kater haben würde. „Morbus Meulengracht“ war der Grund dafür. Sein Hausarzt hatte bei einer Routinekontrolle festgestellt, dass einer seiner Leberwerte nicht korrekt war. „Aber seien Sie beruhigt“, hatte er weiter ausgeführt, „dieser Wert ist nicht lebenswichtig. Im Gegenteil: Menschen mit dieser Krankheit werden zwangsläufig nicht mehr soviel trinken und rauchen, weil ihre Leber die Giftstoffe einfach nicht so abbaut wie bei normalen Menschen.“ Modrich wusste seitdem, dass er entweder nach zwei Bier und drei Zigaretten mit einem Megakater aufwachen würde oder sich vor dem Zubettgehen eine Ibuprofen einwerfen musste, um am nächsten Morgen keine Nachwehen zu verspüren. Tabletten waren aus, darum fühlte er sich jetzt wie ausgekotzt, als sein Telefon läutete. „Meike Ressler.“ Modrich spürte, wie sich sein Magen umdrehte, und erbrach sich auf dem Wohnzimmerteppich. „Modrich, alles in Ordnung?“ „Jetzt wieder“, röchelte er in den Hörer. „Kann ich dich gleich zurückrufen? Ich müsste hier mal eben … sauber machen.“ „Karl ist wieder aktiv! Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt, ihn und sein neues Opfer aufzuspüren, aber nach dem letzten Telefonat mit ihm würde ich meinen, dass in diesem Moment irgendwo da draußen ein Mädchen elementare Probleme hat.“ Modrich legte auf.

Zwei Stunden später traf sich Modrich mit Meike Ressler bei Amalfi, seinem Stammitaliener. Seltsamerweise überkam ihn, nachdem sich sein Magen einmal auf links gedreht hatte, ein übermächtiges Hungergefühl, sodass er bei Costa, seinem Lieblingskellner, seine übliche Ration Penne Bolognese bestellte.

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