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Kein Vampir für eine Nacht

 

Ich bin vielen Menschen für ihre Unterstützung in der Zeit, als ich dieses Buch schrieb, zu großem Dank verpflichtet (Kate, Michelle und Vance – ihr seid die Besten!), aber gewidmet ist dieses Buch meiner Freundin Lori Grube, die immer lacht, wenn ich ihr von meinen Romanideen erzähle, mich niemals unterbricht, wenn ich in einem fort über Bücher quassele, und stets ganz hingerissen von den Helden ist. Das Schreiben wäre ohne dich nicht annähernd so vergnüglich, Lori!

1

Die Nachricht, die an der Hotelrezeption für mich bereitlag, war kurz und bündig: „Wenn Sie keinen hieb- und stichfesten Beweis für die Existenz von Geistern aus England mitbringen, brauchen Sie erst gar nicht ins Büro zurückzukommen. Spinner und Stümper können wir hier nicht gebrauchen!“

Unterschrieben war sie von meinem Chef, dem Vorsitzenden der Weststaatensektion der Amerikanischen Gesellschaft zur Erforschung des Übersinnlichen, Anton Melrose II.

„Ist ja großartig!“, murmelte ich, zerknüllte das Papier und warf es in den dafür vorgesehenen Behälter am Ende des Rezeptionstresens. Ich wünschte, ich hätte auf der Stelle einen oder zwei Dämonen beschwören können, die meinen Chef einmal so richtig das Fürchten lehrten. „Dem würde ich furchtbar gern das Maul stopfen!“

Die Frau an der Rezeption reichte mir lächelnd meinen Zimmerschlüssel. „Tut mir leid, Miss Telford, für den Inhalt der Nachrichten sind wir nicht verantwortlich. Wir sind dazu verpflichtet, sie in jedem Fall weiterzuleiten.“

Geschützt durch meine Sonnenbrille, die ich so gut wie immer trug, erwiderte ich ihr Lächeln. „Ist schon in Ordnung, kein Grund zur Sorge – mein Leben geht nur gerade den Bach runter. Ist zufällig gerade ein Computer frei, wissen Sie das? Ich brauche nur ein Viertelstündchen.“

Tina, die Empfangsdame des Londoner St.-Aloysius-Hotels, warf einen Blick auf die Anmeldeliste für die beiden Computer in dem kleinen dunklen Raum, der Geschäftsleuten zur Verfügung stand, die nicht ohne Internetzugang leben konnten. „Einer ist frei, gehen Sie nur!“

Ich nahm meine Tasche, in der es leise klirrte, bedankte mich und hinkte den kurzen Korridor hinunter, der zum Computerraum führte. An einem der beiden Geräte saß ein junger Mann von ungefähr zwanzig Jahren mit zerzaustem Haar, der eine gepiercte Augenbraue hochzog, als die Glasflaschen in meiner Tasche deutlich hörbar gegeneinanderschlugen, obwohl ich sie ganz vorsichtig neben dem Stuhl vor dem zweiten Computer abstellte.

„Das ist Weihwasser“, erklärte ich ihm, worauf er die Augenbraue noch ein bisschen höher zog. „Für die Geister. Nicht zum Trinken. Das heißt, man kann es trinken, aber wie ich mir habe sagen lassen, schmeckt es wie oxidiertes Leitungswasser.“

Er sah mich verdutzt an.

„Reichlich schal“, fügte ich an und wandte mich dem Computer zu. Ich wartete, bis der junge Mann wieder auf seinen Monitor schaute, bevor ich meine Sonnenbrille hochschob, um besser sehen zu können. Dann loggte ich mich rasch in den E-Mail-Account ein, den ich für meine seltenen Einsätze außerhalb von Sacramento eingerichtet hatte ganze zwei Mal war ich bisher im Dienste der Gesellschaft auf Reisen gewesen , und überflog ebenso rasch die sechs Mails, die ich erhalten hatte. „Spam über ein pflanzliches Mittel, das meinen Penis garantiert größer macht, Spam über günstige Kredite, eine E-Mail von Mom, irgendwelcher Schweinkram, den ich gar nicht erst öffne, eine E-Mail von Corrine und noch eine Spam-Mail mit der Frage, ob ich Single bin. Es ist schön zu wissen, dass man vermisst wird!“

Der junge Mann kicherte, loggte sich aus und nahm seine Aktentasche, die der Name einer großen Software-Firma zierte. „Begegnen Ihnen denn viele Geister?“, fragte er, als er aufstand und den Stuhl an den Tisch schob.

Ich setzte mir schnell die Sonnenbrille wieder auf die Nase. „So viele, dass ich kaum mal einen Moment für mich habe. Sie sind sehr einfach gestrickt, wissen Sie, und verhalten sich im Grunde wie junge Hunde. Ein paar freundliche Worte, ein liebevoller Klaps, und schon laufen sie einem ständig hinterher.“

Der Mann starrte mich eine ganze Weile an und schien zu überlegen, ob ich das ernst gemeint hatte.

Ich hob beschwichtigend die Hände. „Das war ein Scherz. Ich habe noch nie einen Geist zu Gesicht bekommen!“

Er wirkte erleichtert und setzte rasch das typische spöttische Grinsen auf, das allen Jungspunden um die zwanzig gemein ist. Ich beachtete ihn nicht weiter, als er den Raum verließ, schob meine Sonnenbrille hoch und las die E-Mail meiner Mutter, die ich später beantworten wollte. Dann klickte ich die von Corinne an.

Allie, ich will dich nur schnell daran erinnern, dass morgen Abend um 19 Uhr Londoner Zeit die Signierstunde von Dante bei Hartwell’s in Covent Garden stattfindet. Wenn du nicht hingehst, tue ich dir etwas an, das so schrecklich ist, dass ich es hier nicht aufzuschreiben wage!

Ich hoffe, du amüsierst dich! Lass mich raten: An meinen Rat, die Sonnenbrille zu Hause zu lassen, hast du dich wohl nicht gehalten, oder?

Corinne

PS: Vergiss nicht, Dante das Schlüsselband zu geben, das ich für ihn gemacht habe. Und sag ihm, wie lange ich dafür gebraucht habe, seinen Namen in das Bannmuster zu sticken! Und vergiss nicht, den Bann zu aktivieren! Ich werde mich wohl nie davon erholen, was für eine Blamage es war, als du Russell Crowe das Schlüsselband ohne Bann überreicht hast!

„Wirklich zu schade! Es ist mir schleierhaft, wie das passieren konnte, aber das Schlüsselband für C.J. Dante habe ich zu Hause liegen lassen“, sagte ich zu dem Computer, loggte mich aus und setzte für den Fall, dass mir jemand auf dem Korridor begegnete, die Sonnenbrille wieder auf. Dann blieb ich jedoch noch einen Moment sitzen, weil ich mich so erschöpft fühlte, und lauschte den Geräuschen im Hotel und draußen auf der stark befahrenen Straße. Antons Nachricht hatte meine Abgeschlagenheit nur noch verschlimmert. Ich hatte die Zeichen der Zeit längst erkannt – in den vergangenen sechs Monaten war „Beweise oder Kündigung“ sein Motto gewesen, und in puncto Beweise hatte ich erbärmlich wenig bis gar nichts zu bieten.

„Es sieht schlecht aus, Allie“, sagte ich zu mir. „Ohne Beweis kein Preis, und Jobangebote für Möchtegern-Beschwörerinnen sind leider Gottes ziemlich dünn gesät.“

Meine Stimme hallte durch den Raum, und ich brütete noch ein Weilchen über meinen düsteren Zukunftsaussichten. Es war mir viel zu anstrengend, mich aufzuraffen und meine Tasche die Treppe zu dem kleinen Eckzimmer hinaufzuschleppen, das man mir zugewiesen hatte, aber ein Blick auf die Uhr brachte Bewegung in meine müden Glieder, denn oben wartete mein Bett, und ich brauchte dringend noch ein paar Stunden Schlaf, bevor ich mich zu einem alten Gasthaus aufmachen musste, in dem es angeblich spukte, um dort auf Geisterjagd zu gehen.

Der Traum begann, noch bevor ich das Gefühl hatte, richtig in den Schlaf zu sinken. Es war dunkel, mitten in der Nacht, und die Luft war feucht und muffig. Ich ging durch ein leeres altes Haus, dessen Wände mit Flecken von Schimmel und anderen ekelhaften Dingen verunziert waren, die ich gar nicht genauer bestimmen wollte. Meine Schritte hallten durch das Haus, während ich suchend von Zimmer zu Zimmer ging. Irgendetwas zog mich an, aber was und wo es war, das wusste ich nicht. Aus den Augenwinkeln sah ich jedes Mal, wenn ich einen Raum betrat, kleine schwarze Schatten davonhuschen und vernahm leise geisterhafte Geräusche. Mäuse oder etwas Schlimmeres?, fragte ich mich und fuhr mit den Fingern über das verstaubte Geländer einer Treppe, die mich nach unten in eine pechschwarze Finsternis führte. Furchtlos, wie ich es im echten Leben keineswegs war, öffnete ich die Tür am Fuß der Treppe und erblickte einen Mann, der ausgestreckt auf einem Tisch lag.

Einen Mann? Obwohl ich träumte, korrigierte ich mich sofort. Er war kein Normalsterblicher; er war ein Gott, ein männliches Prachtexemplar, eigens für mich geschaffen. Sein langes schwarzes Haar hob sich wie ein dunkler Heiligenschein von dem hellen Holz des Tisches ab. Seine Augen waren offen und dunkel, jedoch nicht so dunkel wie sein Haar, eher mahagonifarben mit satten changierenden Braun- und Rottönen und einem Hauch von Gold am Rand der Pupillen. Sein scharf geschnittenes Gesicht mit dem kantigen Kinn war regungslos, als schliefe er, aber seine Augen beobachteten mich, als ich den Raum betrat. Bis auf ein Stück Stoff, das seine Scham bedeckte, war er nackt, und seine Haut war mit Hunderten kleiner Schnitte übersät. Das Blut tröpfelte langsam aus den Wunden auf den Boden.

Ich ging auf ihn zu, weil es mich drängte, seine Wunden zu berühren und zu heilen, aber als er plötzlich meinen Namen sagte, erstarrte ich und blieb wie angewurzelt stehen.

„Allegra“, sagte er und sah mich gequält an. „Hilf mir! Du bist meine einzige Hoffnung.“

Ich streckte die Hand aus, um ihm eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen und ihm zu versichern, dass ich tun würde, was auch immer nötig war, damit er nicht länger leiden musste. Ich würde dafür sorgen, dass er in Frieden ruhen konnte. Als meine Finger seine heiße Haut berührten, erwachte ich keuchend. Ich saß kerzengerade in meinem Hotelbett und zitterte am ganzen Körper, obwohl ich die Heizung aufgedreht hatte, bevor ich schlafen gegangen war.

„Was zum … Oh nein, träume ich jetzt auch schon tagsüber?“ Ich griff nach der Karaffe mit Wasser, die ich mir immer neben das Bett stellte. Wasser kann zwar nicht den schlechten Geschmack vertreiben, den Albträume in meinem Mund hinterlassen, aber wie ich herausgefunden habe, trägt es maßgeblich dazu bei, die Dauer meiner nächtlichen Torturen zu verkürzen.

Fetzen des Traums geisterten noch durch meinen Kopf, während ich unter der Dusche stand, mir die Zähne putzte und eine schwarze Hose und eine weiße Seidenbluse anzog. Ich betrachtete mich stirnrunzelnd im Spiegel und steckte mein braunes Haar nach hinten. Dann legte ich gerade so viel Make-up auf, wie nötig war, um mich in der Öffentlichkeit bewegen zu können, ohne kleine Kinder oder ältere Herrschaften zu erschrecken. Ich hatte dunkle Ringe unter den Augen, die fast wie Blutergüsse aussahen.

„Und das wird noch viel schlimmer, wenn ich jetzt auch noch anfange, tagsüber zu träumen“, sagte ich zu meinem Spiegelbild, das angesichts dieser Prognose nicht besonders glücklich zu sein schien. Wie sollte es auch! Der Schlaf war ein kostbares Gut, und wenn mir nun auch noch verwehrt wurde, tagsüber nachzuholen, was ich jede Nacht versäumte, dann sah ich innerhalb von wenigen Tagen aus wie ein richtiger Zombie.

Ich räumte das Zimmer auf und machte in meiner Tasche Ordnung: Das Diktiergerät brauchte neue Batterien, eine Weihwasserflasche hatte sich ihrer schützenden Baumwollhülle entledigt und schlug gegen die Wärmebildkamera, und das Messgerät für elektromagnetische Wellen war fast aus seinem Lederetui gerutscht und drohte die Vorderseite des Ionenanalysators zu verkratzen. Ich zog an den Gurten, mit denen die Bewegungsmelder an der Innenseite festgeschnallt waren, vergewisserte mich, dass das Infrarot-Nachtsichtgerät in Ordnung war, und tauschte den beschädigten Ultraschalldetektor gegen ein neueres Fabrikat aus, das ich am Nachmittag gekauft hatte.

„Zu schade, dass der ganze Zauber anscheinend nichts bringt“, sagte ich traurig zu der Tasche, doch die antwortete nicht. Ich setzte mich neben sie auf den Boden und schaute auf die Uhr. Mir blieb immer noch eine Stunde Zeit, bis ich losmusste.

„Carpe diem!“, murmelte ich und holte ein Stück Kreide aus der Tasche. „Kann ja nicht schaden, es noch mal zu versuchen. Wozu sitze ich hier in einem Hotelzimmer, in dem es angeblich spukt, wenn ich den Geist nicht zu sehen bekomme?“

Während ich alle Gedanken aus meinem Kopf verbannte und eine geöffnete Tür bemerkte, zeichnete ich mit der Kreide einen Kreis auf den Boden. Wenn ich den Geist beschworen hatte, blieb er so lange in dem Kreis gefangen, bis ich ihn entweder auf die nächste Existenzebene schickte oder im Hier und Jetzt verankerte.

Theoretisch jedenfalls. Es war mir noch nie gelungen, einen echten Geist zu beschwören, obwohl ich in einer Villa an der Küste von Oregon, in der angeblich der Geist eines reichen Holzhändlers herumspukte, immerhin schon einmal einen kalten Wind zu spüren bekommen hatte. Aber wie Anton mir natürlich gleich unter die Nase gerieben hatte, machte ein Luftzug noch keinen Geist, und ich war mehr als verzweifelt. Mein Job stand auf dem Spiel, und obwohl ich wusste, dass es in England von Geistern wimmelte, hatten sie sich bisher von mir ferngehalten.

Etwas lustlos intonierte ich die Worte, die man üblicherweise zur Beschwörung von Geistern verwendete.

„Es wird sowieso nicht funktionieren“, sagte ich zu meinen Zehen, als ich mit der Formel fertig war. „Es hat ja noch nie funktioniert! Ich werde wohl nach Hause fahren müssen, ohne einen einzigen Geist beschworen zu haben, und das wird das Ende meiner kurzen und alles andere als großen Karriere als Beschwörerin sein. Blöde englische Geister! Einer Besucherin von außerhalb könnten sie doch wenigstens den Gefallen tun, mal kurz aufzutauchen!“

Ich nahm das Fläschchen Totmann-Asche zur Hand, das ich sicherheitshalber mitgenommen hatte. Denjenigen, die sich mit Beschwörungen nicht auskennen, sei an dieser Stelle erklärt, dass Totmann-Asche durch Verbrennen von Ästen und Zweigen hergestellt wird, die auf ein Grab gefallen sind. Es ist gar keine echte Totenasche, aber mir gefällt der bildliche Name sehr. Eine Hexe hatte mir einmal erzählt, dass sie sehr erfolgreich mit Totmann-Asche arbeitete, und so öffnete ich das Fläschchen und schüttete etwas von der grauen Asche in meine Hand, die ich dann über den Kreis hielt. Ich wiederholte die Beschwörungsformel und ließ die Asche in den Kreis rieseln, während ich erneut eine Tür bemerkte, die sich langsam öffnete, um alles Vorstellbare und Unvorstellbare einzulassen.

Die Luft innerhalb des Kreises begann ein wenig zu flimmern. Ich kniff die Augen zusammen und wedelte die Ascheflöckchen fort, die aus dem Kreis direkt auf meine Nase zuschwebten. War es nur die Asche oder bildete sich da tatsächlich eine Gestalt heraus?

Das Schimmern in der Luft war zwar sehr schwach, aber deutlich zu erkennen. Ich wedelte abermals mit der Hand vor meinem Gesicht herum und überlegte, ob ich vielleicht etwas mehr Totmann-Asche verstreuen sollte. Die Luft innerhalb des Kreises begann sich zusammenzuballen, als wolle sie eine Gestalt formen, wisse aber nicht so recht, welche.

Ich atmete tief durch, um die Beschwörungsformel noch einmal zu wiederholen, doch dann musste ich furchtbar niesen, weil ein paar Ascheflöckchen in meine empfindliche Nase gelangt waren.

Plötzlich stand eine kleine grau-weiße Katze mit gelben Augen vor mir, der ein Hinterbein fehlte. Sie starrte mich verärgert an. Mir fiel die Kinnlade herunter, als mir bewusst wurde, dass der verschwommene Körper der Katze durchsichtig war.

Und als ich begriff, was ich da vor mir hatte – einen echten Geist! –, bekam ich eine Gänsehaut und mir sträubten sich die Nackenhaare. „Ich habe es geschafft! Ich habe einen Geist beschworen! Oh, mein Gott, wenn ich das denen im Büro erzähle! Du, mein liebes, kleines Miezekätzchen, hast mich soeben vor dem Rausschmiss bewahrt!“

Ich sprang auf und strahlte die Katze an. „Mein erster Geist! Mein erster richtiger Geist steht live vor mir!“

Die Katze zuckte angesichts meines Ausbruchs nervös mit den Ohren, dann setzte sie sich, um sich das Hinterteil zu lecken.

„Gut, okay, lebendig bist du natürlich nicht, aber du bist ein Geist! Ein Katzengeist! Wer hätte gedacht, dass in diesem Zimmer eine Katze herumspukt? Das ist echt cool!“

Ich hielt meine Hand in den Kreis, um zu testen, ob ich um die Katze herum irgendwelche Schwingungen spürte, doch da begann ihre Gestalt sofort zu flimmern, wie man es von alten Fernsehern mit schlechtem Empfang kennt.

„Ach, stimmt ja, ich kann den Kreis erst brechen, wenn ich dich verankert habe.“ Ich krabbelte rasch zu meiner Tasche und kramte darin, bis ich mein Notizbuch fand. „Das ist einfach großartig! Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe! Ein Geist! Anton wird grün vor Neid! Okay, Pussi, bleib einfach brav da sitzen, dann verankere ich dich, damit du den Kreis verlassen kannst. Mal sehen äh Verankern, verankern Aha, hier steht es!“

Das Verankern eines beschworenen Geistes ist eine ziemlich einfache Angelegenheit: Beschworene Wesen sind per se an die Person gebunden, die sie gerufen hat. Sie zu verankern bedeutet lediglich, dass sie nicht auf eine andere Existenzebene entschwinden können, bevor der Beschwörer oder die Beschwörerin sie freilässt.

„Die Kräfte des Lebens leuchten hell in mir“, sagte ich zu der Katze. Sie fuhr unbeeindruckt mit der Körperpflege fort. „Die Macht des Todes bindet dich an mich. Bis der Tod über das Leben siegt, unterstehst du meinem Befehl. Kraft meiner Worte verankere ich dich im Hier und Jetzt!“

Die kurze, einfache Formel war nun wirklich nichts Besonderes, aber während ich die Worte sprach und mit dem Finger Schutzsymbole auf meine linke Hand und über mein rechtes Auge zeichnete, wurden die Umrisse der Katze immer schärfer, und als ich fertig war, sah sie aus wie eine leicht durchscheinende Figur aus einem Schwarz-Weiß-Film. Ich hielt meine Hand in den Kreis und stellte erfreut fest, dass das Bild der Katze nun kein bisschen mehr flimmerte. „Zumindest weiß ich jetzt, dass die Verankerung funktioniert“, sagte ich, während ich mit der Hand durch die Katze hindurchfuhr. Ich spürte ein leises Kribbeln in den Fingerspitzen, aber ansonsten fühlte sich der Geist an wie … nun, wie Luft eben. Wie leicht kribbelnde Luft.

„Bilder!“, rief ich und wühlte in meiner Tasche. Ich nahm meine Digitalkamera heraus und schnippte ein paarmal mit den Fingern, bis die Katze in meine Richtung schaute. Als es blitzte, legte sie die Ohren an, aber ich konnte einige Fotos machen, bevor sie aufstand und davonhumpelte, um meine Schuhe zu beschnuppern. „Das werden die zu Hause nicht glauben“, murmelte ich vor mich hin und sah mir in dem Display auf der Rückseite der Kamera die Aufnahmen an. Die Katze war ein bisschen unscharf, aber dennoch klar zu erkennen. Ich hätte sie umarmen können, so glücklich war ich.

Ich hatte gerade den Ionenanalysator ausgepackt, als meine Uhr zu piepsen begann. „So ein Mist! Ich darf Carlos nicht warten lassen.“ Ich biss mir auf die Lippen und sah die Katze an. Sie hatte sich auf dem Sessel zusammengerollt und mir den Rücken zugekehrt, während ich jedes verfügbare Gerät eingesetzt hatte, um Beweise zu sammeln. Ich hätte am liebsten weitergemacht, aber ich hatte drei Monate lang unzählige Bettel-E-Mails schreiben müssen, um eine Verabredung mit einem Londoner Vertreter der Britischen Gesellschaft zur Erforschung des Übersinnlichen zu bekommen, der mir eines der berühmtesten Gespensterhäuser der Stadt zeigen sollte. Diesen Termin konnte ich unmöglich absagen.

Ich erhob mich also und nahm meine Sonnenbrille mit den etwas helleren Gläsern zur Hand, die ich abends trug. Ein Blick in den Spiegel bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste – meine Augen hatten sich durch das Wunder der Beschwörung nicht verändert. Ich warf noch einmal einen Blick auf die Katze, doch die schlief anscheinend tief und fest. Nach den Beschwörungsgesetzen konnte sie eigentlich nicht verschwinden, bevor ich sie freiließ, aber vielleicht gab es ja ein Verfallsdatum oder so etwas, durch das der Aufenthalt von Geistern in unserer Welt zeitlich befristet war.

„Bleib schön hier, Mieze! Ich komme so schnell wie möglich wieder“, sagte ich zu ihr, setzte die Brille auf und nahm meine Tasche. Das „Bitte nicht stören!“-Schild, das ich von außen an die Klinke gehängt hatte, schaukelte hin und her, als ich die Tür hinter mir schloss und die Treppe hinunterging.

An der Rezeption saß über eine Zeitschrift gebeugt der Nachtportier, den ich bereits kannte, denn auch an den vergangenen Tagen hatte ich spätabends das Hotel zur Geisterjagd verlassen.

„Hallo! Ich habe Zimmer Nummer 114 und gehe noch ein bisschen aus. Würden Sie es bitte notieren, falls jemand für mich anruft? Oh, und ich habe oben ein paar Geräte, sehr teure Geräte, die leicht kaputtgehen, weshalb ich nicht möchte, dass jemand mein Zimmer betritt.“

„Kein Problem“, entgegnete der Mann, ohne von seiner Zeitschrift aufzusehen.

Ich zögerte einen Moment, doch dann schlug ich meine Bedenken in den Wind. „Äh … ich habe gehört, dass es in meinem Zimmer spuken soll.“

Nun sah er doch auf und betrachtete irritiert meine Sonnenbrille.

„Ein Augenleiden“, erklärte ich und deutete auf mein Gesicht. „Meine Augen sind … äh … überempfindlich.“

„Oh.“

„Wissen Sie zufällig irgendetwas über Zimmer 114? Was ist das denn für ein Geist, der da angeblich herumspukt?“

Er runzelte die Stirn. „Wenn Sie lieber ein anderes Zimmer …

„Nein, nein, gar nicht, das Zimmer ist in Ordnung. Ich bin nur neugierig und wüsste gern mehr über diesen Spuk. Ich bin historisch sehr interessiert und dachte, dass sich vielleicht etwas Interessantes hinter der Geschichte verbirgt, die sich um dieses Zimmer rankt.“

„Oh“, machte er abermals und steckte die Nase wieder in seine Zeitschrift. „Eine alte Dame soll mit ihrer Katze in diesem Zimmer gewohnt haben und bei einem Brand umgekommen sein“, erklärte er widerstrebend.

„Die alte Dame oder die Katze?“

Er zuckte mit den Schultern und leckte an seinem Finger, um eine Seite umzublättern. „Beide.“

„Aha. Und wann war das, wissen Sie das zufällig?“

Er sah mich genervt an. „Warum interessieren Sie sich so dafür?“

Nun zuckte ich wiederum mit den Schultern. „Ach, nur so, aus Neugier, wie ich schon sagte.“

Er musterte mich argwöhnisch, dann widmete er sich wieder seiner Zeitschrift. „Wie ich hörte, ist die alte Dame irgendwann im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Das Hotel wurde bei einem Luftangriff bombardiert, und außer ihr und der Katze haben es alle nach draußen geschafft.“

Interessant. Warum hatte ich nur den Geist der Katze beschworen und nicht den der alten Dame? Vielleicht hatte ich nicht genug Totmann-Asche verwendet. Oder vielleicht genügten meine Kräfte einfach nicht, um den Geist eines komplexeren Wesens zu beschwören. Den Geist eines Menschen.

Ich bedankte mich mit einem Nicken bei dem Mann an der Rezeption und hinkte nach draußen, um mir ein Taxi zu besorgen. Wenn man ein verkürztes Bein hat, das zudem mit Narbengewebe überzogen ist, gegen das selbst die engagiertesten orthopädischen Chirurgen machtlos sind, dann vermeidet man es, zu lange auf den Beinen zu sein, und rennt vor allem nicht durch die Gegend, wenn man auch bequem mit dem Taxi fahren kann. Auf der kurzen Fahrt zu dem Haus in der Nähe der Southwark Bridge dachte ich darüber nach, ob die erfolgreiche Beschwörung des Geistes einer Katze bedeutete, dass ich auch in dem Spukgasthaus Glück haben würde.

„Vielleicht noch eine Prise mehr Totmann-Asche“, sinnierte ich laut, doch dann merkte ich, dass mich der Taxifahrer erschrocken im Rückspiegel ansah. Ich setzte rasch ein Lächeln auf, das ihn hoffentlich beruhigte, und behielt meine weiteren Überlegungen für mich.

Zehn Minuten später hinkte ich auf die Rückseite eines alten Hauses, das im Vergleich zu dem angrenzenden, neu errichteten Sportzentrum winzig klein wirkte. Vor ungefähr dreihundert Jahren war es ein Gasthaus gewesen, aber zuletzt hatte sich ein trendiger Deko-Laden darin befunden. Nun stand es allerdings leer, angeblich wegen der ungewöhnlichen und unerklärlichen „Phänomene“, die mit der fernen Vergangenheit des Gasthauses zu tun hatten.

Ein hagerer Mann von mittlerer Größe stand bibbernd an der Hintertür und winkte mir mit seiner Taschenlampe, als ich um die Ecke kam.

„Da sind Sie ja endlich! Ich dachte schon, Sie kommen nicht mehr. Ich friere mir hier den Arsch ab!“

„Tut mir leid. Ich nehme an, Sie sind Carlos?“

Der Mann stampfte mit den Füßen und nickte. Dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf. „Ich habe nur noch zwanzig Minuten Zeit. Es gibt da eine Show, die alle von der Gesellschaft besuchen wollen, und die fängt um zehn an.“

„Eine Show?“, fragte ich, als ich ihm in das Haus folgte. Ich nahm meinen Ultraschalldetektor zur Hand und schaltete ihn ein. „Was für eine Show?“

Unsere Schritte hallten unheimlich durch den Flur, und der Atem stand uns in kleinen weißen Wolken vor dem Mund. Ich schnupperte vorsichtig, dann schnaubte ich angewidert. Der Gestank der nahe gelegenen Themse lag in der Luft das ganze Haus war offensichtlich feucht. Schimmel hatte sich vom Boden bis zur Decke an den tapezierten Wänden ausgebreitet, aber außer Muff und Moder nahm ich auch den strengen, stechenden Geruch von Nagerkot wahr, der darauf hinwies, dass dieses heruntergekommene Haus inzwischen von zahlreichen Vierbeinern bewohnt wurde, die sich dort ziemlich wohlfühlten, nachdem die Menschen es verlassen hatten.

„Nun, es ist keine Show im eigentlichen Sinne, eher ein Test für Leute mit übersinnlichen Fähigkeiten. Die Veranstaltung findet unter der Leitung von Guarda White statt, einem höchst begabten Medium. Sie macht das eine Woche lang jeden Abend, weil sie ein richtiges Expertenteam zusammenstellen will. Und jedes Mitglied unserer Gesellschaft ist natürlich wild darauf, einen Platz in diesem Team zu ergattern.“

Das Ganze schien mir ein gewaltiger Schwachsinn zu sein. Wahre, ernsthafte Beschwörer traten nicht zur Belustigung des Volkes in Theatern und Sälen auf. Aber ich war auf Carlos angewiesen, also verschwieg ich ihm wohl besser, was ich von dieser Veranstaltung hielt.

„Wozu will sie denn dieses Team zusammenstellen?“, fragte ich, als wir eine dunkle Treppe hochgingen. Ich hatte inzwischen die Sonnenbrille abgesetzt und richtete meine Taschenlampe eingeschaltet abwechselnd auf den Boden und die Wände des großen Raums, der sich vor uns auftat. Der Ultraschalldetektor schwieg. Ich blieb kurz stehen, um ihn wieder in die Tasche zu stecken und den Ionenanalysator zur Hand zu nehmen, dann lief ich Carlos rasch hinterher.

„… stellt das größte Expertenteam zur Erforschung übernatürlicher Erscheinungen zusammen, das es je in Großbritannien gab. Es soll übernatürliche Phänomene vor Ort ausfindig machen und verifizieren. Die Experten werden aus einem privaten Fonds bezahlt, den Mrs. White eingerichtet hat.“

Mit anderen Worten handelte es sich um das Projekt einer Frau, die eine Schwäche für das Unerklärliche und vermutlich mehr Geld als Gehirnzellen hatte. Was soll’s, dachte ich, als wir die nächste Treppe hochstiegen, dieser kleine Liebhaberclub wird der Sache schon nicht schaden, und vielleicht gelingt es der Madam ja tatsächlich, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden Beweise für die Existenz von Geistern und Poltergeistern und anderen bislang unerklärlichen Phänomenen zu erbringen, die sogar die Argumente der größten Skeptiker entkräften.

„Das ist das obere Stockwerk“, sagte Carlos und leuchtete mit seiner Taschenlampe den Bereich oberhalb der Treppe aus. „In dem Raum da vorn wurden Temperaturstürze von zehn Grad gemessen. Und geradeaus kommt man in das Zimmer, in dem ein Schweinezüchter ermordet wurde. Er zeigt sich nur in Vollmondnächten, also haben Sie da heute wohl kein Glück. Auf der anderen Seite des Korridors befindet sich das Zimmer, in dem ein Pfarrer namens Phillip Michaels von Dieben überfallen und aufgeknüpft wurde. Und hier links …“ Er drehte sich um und leuchtete mit der Taschenlampe in meine Richtung. Ich wandte rasch mein Gesicht ab, denn erschrecken wollte ich ihn nun wirklich nicht. „Das ist das Zimmer, in dem die Rote Lady in Erscheinung tritt.“

„Die Frau, die lieber in den Tod gesprungen ist, als ihren Bräutigam zu ehelichen?“, fragte ich und kramte umständlich mit einer Hand das Nachtsichtgerät aus der Tasche, während ich den Ionenanalysator und die Taschenlampe in der anderen hielt.

„Genau die.“

Ich stellte die Tasche vor der Tür zu meiner Linken ab und schaute auf den Ionenanalysator. Fehlanzeige. Um die Geister nicht zu verschrecken, die sich möglicherweise in dem Zimmer verbargen, öffnete ich ganz vorsichtig die Tür, die ein der Situation angemessenes unheimliches Quietschen von sich gab.

In dem Zimmer standen ein paar kaputte Büromöbel herum, und es roch sehr streng nach Mäusen, aber etwas Geisterhaftes konnte ich beim besten Willen nicht entdecken. Ich prüfte meine Detektoren der Reihe nach, aber keiner zeigte etwas an. Carlos stand in der Tür und trat unruhig von einem Bein aufs andere, während ich rasch in mein Diktiergerät sprach, was ich sah und fühlte (vornehmlich Kälte und eine deutliche Aversion gegen Mäuse).

Als ich auf die Uhr schaute, stellte ich fest, dass ich nur noch sieben Minuten hatte, um mir die restlichen Zimmer anzusehen. Ich nagte an meiner Unterlippe und überlegte, was ich tun sollte. Ich wollte eigentlich nicht allein in diesem Haus bleiben, aber andererseits wollte ich nach meinem Erfolg im Hotel unbedingt noch einmal eine Beschwörung versuchen. Die Frage war, wie sehr ich das wollte. Ich atmete tief durch und dachte daran, dass ich zwar schon viel Seltsames erlebt und gesehen hatte – weitaus Merkwürdigeres als die dreibeinige durchsichtige Katze, die in meinem Hotelzimmer schlief –, mich dabei aber niemals wirklich bedroht gefühlt hatte. Ich war schließlich eine Beschwörerin. Ich konnte mich schützen. Und ich war immer Herrin der Lage. Ich zeichnete vor mir ein Schutzsymbol in die Luft und sagte: „Hören Sie, Carlos, warum gehen Sie nicht schon mal zu dieser Veranstaltung? Ich schließe dann ab, wenn ich hier fertig bin.“

Mir waren die Haare vor die Augen gefallen, und geschützt durch diesen Vorhang sah ich ihn an. Carlos zögerte, doch dann dämmerte ihm wohl, dass er umso schneller im Warmen war, je eher er sich auf den Weg machte. „Wenn Sie sicher sind, dass es Ihnen nichts ausmacht, hier allein zu sein?“ Er sah sich um und schüttelte sich verstohlen.

„Nein, kein Problem. Das macht mir gar nichts. Solche Orte sind in der Regel ganz friedlich.“ Zumindest waren sie das immer gewesen, bevor es mir gelungen war, meinen ersten Geist zu beschwören … Als ich daran dachte, was ich in einem Haus wie diesem zuwege bringen konnte, kribbelte es mir in den Fingern. „Legen Sie einfach den Schlüssel neben meine Tasche. Ich schließe ab, wenn ich gehe, und bringe Ihnen den Schlüssel morgen früh im Büro vorbei.“

Er zögerte immer noch. „Sind Sie sicher?“

Ich schluckte und winkte ab, ohne ihn anzusehen. „Ganz sicher. Ich versuche nur schnell eine Beschwörung, dann sehe ich mir die restlichen Zimmer an. Die Phänomene wurden nur in diesem Stockwerk beobachtet, nicht wahr?“

„Das ist richtig.“

„Okay, ich werde also hier oben meine Runde drehen, und dann begebe mich schnell wieder in mein Hotel. Einen schönen Abend noch!“

Er war verschwunden, bevor ich ausgesprochen hatte. Ich setzte mich auf den Boden und lauschte seinen Schritten auf der Treppe, dann hörte ich, wie die Hintertür ins Schloss fiel. Ich holte tief Luft, zugegebenermaßen etwas zittrig, und sah mich um. Ich war allein. Mutterseelenallein. In einem Haus, in dem es angeblich spukte wie fast nirgendwo sonst in London.

Manchmal bin ich wirklich nicht besonders helle.

Eine Stunde später war ich auch mit dem Zimmer fertig, in dem angeblich der ermordete Schweinezüchter herumspukte, und erhob mich steifbeinig vom Boden. Obwohl ich Handschuhe trug, waren meine Finger beinahe taub vor Kälte, und meine Nase spürte ich überhaupt nicht mehr.

„Tja, das war’s dann wohl mit Londons gruseligstem Spukhaus“, sagte ich missmutig, packte meine Geräte ein und ging zur Treppe. Das Unbehagen, das mich überkommen hatte, als Carlos gegangen war, verspürte ich immer noch, aber nachdem ich mein Leben endlich wieder im Griff hatte, konnte mir so ein unbedeutendes Gefühl wie Angst nichts mehr anhaben. Und so war ich, obwohl sich mir die Nackenhaare gesträubt hatten, mit zusammengebissenen Zähnen durch alle Räume gegangen und hatte insgesamt vier Beschwörungen durchgeführt, die mir jedoch lediglich ein großes Verlangen nach einer Thermoskanne mit heißem Kaffee und einem großen Stück Limettenkuchen eingebracht hatten.

„Und weder das eine noch das andere wird sich in diesem Haus auftreiben lassen“, sagte ich laut, während ich schwerfällig die Treppe hinunterhinkte. Das Echo meiner Worte klang irgendwie sonderbar. Ich bekam eine Gänsehaut, aber meine beiden Detektoren und mein zuverlässigster Sensor, mein Gespür für übernatürliche Phänomene, zeigten keine Reaktion. Ich blieb am Fuß der Treppe stehen, hielt die Luft an und öffnete mich innerlich dem Haus. Ich visualisierte, wie ich langsam durch die Räume ging. Auf dieser Etage war nichts Beunruhigendes festzustellen, ebenso wenig im Erdgeschoss, aber weiter unten, im Keller, war etwas, das mich unwillkürlich erschaudern ließ. Ich konnte die Finsternis nicht durchdringen, um zu prüfen, was es genau war, aber ich spürte seine Anwesenheit ganz deutlich. Die Finsternis, die meine Antennen wahrnahmen, war keine Frage von fehlendem Licht.

Dort unten lauerte etwas Seelenloses.

Und was immer es war, es hatte mich längst bemerkt.

2

„Keine Panik, Allie! Das ist doch genau das, was du immer wolltest“, sagte ich zu mir, doch am liebsten wäre ich die Treppe hinunter- und zur Tür hinausgerannt. „Dafür hast du gelernt, und du hast Anton geschworen, dass du so etwas kannst, als er dich eingestellt hat. Das ist dein Job! Gekniffen wird nicht! Du weißt, was passiert, wenn du der Sache nicht nachgehst!“

Oh ja, das wusste ich nur zu gut. Alles, was ich mir in den vergangenen sieben Jahren erarbeitet hatte, jeder Bluterguss, den ich abbekommen hatte, jeder kleine Erfolg – von einem eigenen Konto bis zur Beschaffung eines Jobs – und schließlich der Triumph über das Monster, das mein Leben beherrscht hatte, all das wäre vergebens gewesen, und ich wäre genau die Versagerin, als die Timothy mich so oft beschimpft hatte. Zu nichts nütze und nicht in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen.

Eine Spinnerin.

Ich hob den Kopf, straffte die Schultern und ging langsam die Treppe hinunter, wobei ich meine Tasche fest an mich drückte. Es gab nichts auf der Welt, das mir so viel Angst machen konnte wie mein altes Leben. Wenn ich stark genug gewesen war, um einen gewalttätigen Ehemann zu verlassen, dann war ich auch stark genug, um einem Wesen der Finsternis gegenüberzutreten.

Ich hielt an diesem Gedanken fest, bis ich auf der Kellertreppe war. In diesem Moment gingen in meinem Kopf sämtliche Alarmsirenen los, und die Stimme der Vernunft in meinem Inneren schrie, ich solle auf meine Ehre pfeifen. Ich musste raus aus diesem Haus, bevor das, was hinter der Tür am Fuß der Treppe lauerte, mich zu fassen bekam.

Mich ergriff die nackte Panik, und ich blieb wie angewurzelt stehen. Meine Füße weigerten sich, auch nur einen Schritt zu machen, und meine Hand umklammerte das verstaubte Geländer so fest, dass ich sie wohl nur mit der Brechstange würde lösen können. Ich konnte nicht atmen, denn die Finsternis hinter der Tür war erdrückend. Ich konnte nicht schlucken, ich konnte nicht blinzeln, und ich hatte ernste Zweifel, ob mein Herz noch schlug. Dann nahm ich ein schwaches Geräusch wahr; ein leises, gedämpftes Klopfen, das aus dem Raum drang.

„Ein pochendes Herz“, krächzte ich, bedauerte es aber, kaum dass die Worte über meine vor Angst tauben Lippen waren, denn ich spürte, wie das Finstere jenseits der Tür seine Aufmerksamkeit auf mich richtete. „Mist!“, zischte ich, hin- und hergerissen zwischen dem Drang, das Weite zu suchen, und dem Wissen, dass ich meiner Berufung nicht gerecht wurde, wenn ich der Konfrontation mit dem, was in diesem Raum war, aus dem Weg ging.

Plötzlich spürte ich, dass mein Herz wieder schlug; nun raste es regelrecht, und mir wurde schwindelig von der plötzlichen Blutzufuhr in den Teil meines Körpers, der sich Gehirn nannte. Obwohl ich reichlich benommen und verwirrt war, stand meine Entscheidung mit einem Mal fest.

Ich wollte dem Drang widerstehen, der Gefahr zu entfliehen, wenngleich es sich dabei um einen sehr starken Impuls handelte, der nicht so leicht zu bezwingen war. Ich riss meine Hand von dem Geländer los und wimmerte kaum hörbar vor mich hin, während ich meine Beine zu mobilisieren versuchte, bis sie endlich einen Schritt nach unten machten.

„Eins“, sagte ich so leise, dass mich sogar eine zu Boden fallende Feder übertönt hätte. Dann machte ich noch einen Schritt. „Zwei. Jetzt sind es nur noch drei Stufen. Und jetzt nur noch zwei.“

Mein Magen begann zu rebellieren, und ich bedauerte, dass ich nach meinem Albtraum so viel Wasser getrunken hatte. „Vier. Nur noch eine, Allie. Das schaffst du!“

Plötzlich konnte ich nur noch stoßweise atmen, doch ich benutzte den unregelmäßigen Rhythmus dazu, den Teil meines Gehirns abzulenken, der mir schreiend befahl wegzulaufen. Dann erreichte ich tatsächlich die letzte Stufe und blieb vor der Tür stehen.

Nun spürte ich das, was sich dahinter verbarg, ganz deutlich, auch ohne dass ich mich dem Raum innerlich öffnen musste. Ich tat sogar genau das Gegenteil und errichtete so viele Barrieren zwischen meinem Bewusstsein und dem Wesen, wie ich nur konnte. Aber das nützte nicht viel. Ich nahm einen tosenden Strudel aus Schmerz, Leid und Qual in diesem Raum wahr, der so gewaltig war, dass er weder Anfang noch Ende hatte. Und alles war stockfinster. Es gab nicht den kleinsten Funken Licht. Der Raum war von Hoffnungslosigkeit erfüllt, und ich musste unwillkürlich an Landkarten aus dem Altertum denken, in die Bilder von Meeresungeheuern eingezeichnet waren, zusammen mit dem Hinweis: „Hier lauern Drachen.“

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ein Drache in diesem Moment das weitaus kleinere Übel gewesen wäre.

Ich zeichnete Schutzsymbole in die Luft, in alle vier Himmelsrichtungen, beruhigte unter Aufbietung all meiner Kräfte mein von Panik ergriffenes Gehirn und riss kurzerhand die Tür auf, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Der Lichtstrahl meiner Taschenlampe schien die Dunkelheit zunächst gar nicht durchdringen zu können. Dann wurde ich auf ein leises Tropfgeräusch aufmerksam und leuchtete nach links.

Das Licht fiel auf einen Holztisch, und auf diesem Tisch lag eine dunkle Gestalt, eine große dunkle Gestalt; eine menschliche, um genau zu sein. Als ich zögernd einen Schritt in den Raum machte, wurde mir plötzlich alles klar, und ich ließ meine Tasche fallen und stürzte auf den Tisch zu. Es war der Mann aus meinem Traum, der Mann, der eines furchtbaren Todes gestorben war. Sein Geist war hier, gefangen in diesem Raum, und litt Höllenqualen, während er darauf wartete, dass ihn jemand von seinen irdischen Fesseln befreite. Und dieser Jemand war ich.

„Ach, du Armer“, sagte ich und rang die Hände, als ich mich über ihn beugte. Ich wollte ihn berühren, aber ich wusste, dass ich den Kreis nicht brechen durfte. Obwohl seine Augen nicht offen waren wie in meinem Traum, spürte ich, dass er mich wahrnahm. „Keine Sorge, ich bin ein Profi. Ich werde dir helfen, damit du endlich Frieden findest. Au Mann, das Blut sieht wirklich echt aus. Du musst furchtbar gelitten haben, bevor du gestorben bist. Halte noch ein wenig aus! Ich hole schnell mein Buch und kümmere mich um dich!“

Ich lief zu meiner Tasche und nahm mein Notizbuch, die Kreide und das Ginsengpulver heraus, das mir ein befreundeter Hexenmeister für Befreiungsrituale empfohlen hatte. Dann ging ich wieder zu dem Tisch, von dem das Blut leise auf den Boden tropfte. „Äh … Befreiung eines Geistes, Befreiung eines Geistes, wo stand das noch mal? Ich hab es doch … Ach, hier ist es!“ Ich klemmte mir die Taschenlampe unters Kinn und entkorkte mit der einen Hand das Ginsengfläschchen, während ich mit der anderen über dem Geist ein Schutzsymbol in die Luft malte. Der arme Mann konnte wirklich jede erdenkliche Hilfe gebrauchen.

Während das Blut unaufhörlich weitertropfte, verstreute ich etwas Ginsengpulver über dem Geist, woraufhin mir sofort die Nase kribbelte.

„Geh weg!“

Ich sah von meinem Notizbuch auf und starrte den Mann an, der vor mir auf dem Tisch lag. Hatte er gerade etwas gesagt, oder ging meine Fantasie mit mir durch? Der Geist lag regungslos da, nicht einmal seine Brust bewegte sich. Ich beugte mich über ihn und musste feststellen, dass der Mann, den ich im Traum gesehen hatte, dieser Gott, dieser Inbegriff von Männlichkeit, ein Nichts war im Vergleich zu der „leibhaftigen“ Version, auch wenn es sich dabei um einen Geist handelte.

Obwohl der unbedeckte Teil seines Körpers (wie gern hätte ich einen Blick unter das Tuch geworfen, das seine Leistengegend verhüllte!) mit unzähligen Schnitten übersät war, sah er atemberaubend gut aus. Seine Haut war gebräunt und glatt und wirkte – von den Schnitten einmal abgesehen – sehr anziehend auf mich. Die Brust- und Bauchmuskeln waren wohldefiniert, jedoch nicht zu ausgeprägt. Seine Arme, die er über dem Bauch verschränkt hatte, waren wie die Brust mit feinen dunklen Härchen bedeckt. Dass jemand einen so hinreißenden Mann derart gefoltert hatte, war mehr als beklagenswert. Nach seinen höchst muskulösen Oberschenkeln zu urteilen – Reiterschenkel nannte meine Mutter so etwas –, gehörte er eindeutig in eine längst vergangene Zeit. Aber es war sein Gesicht, das mich am meisten faszinierte, ein markantes Gesicht mit strengen Zügen und einem ausgeprägten Kinn.

„Du musst wirklich ein Prachtexemplar gewesen sein, bevor du gefoltert wurdest“, sagte ich. Es juckte mir in den Fingern, ihm die dunklen Locken aus der Stirn zu streichen. Sein Gesicht war unverletzt geblieben, und ich fragte mich, wie es wohl gekommen war, dass sein Leben ein so schreckliches Ende genommen hatte. Ich riss meinen Blick von seinen – wirklich sehr schönen – Lippen los und rief mich zur Ordnung. Es war nicht sehr höflich, einen Geist derart anzugaffen.

„War wohl doch nur meine Fantasie“, murmelte ich und legte die Kreide auf den Boden, um die Schutzsymbole in die Luft zeichnen zu können, während ich die Befreiungsformel sprach.

„Geh weg! Ich will nicht befreit werden!“

Ich ließ mein Notizbuch fallen. „Was? Wer war das?“

Rasch nahm ich meine Taschenlampe wieder in die Hand und drehte mich ruckartig um. „Carlos? Sind Sie das?“

„Verschwinde!“

Ich drehte mich wieder zu dem Geist um. Die Stimme – tief, wunderschön und samtweich – kam eindeutig von ihm. Als ich ihn mir genauer anschaute, öffnete er ein Auge und sah mich wütend an.

„Äh“, machte ich.

„Lass mich in Ruhe“, zischte der Geist durch die Zähne.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte ich beruhigend und hätte ihm am liebsten auf die Schulter geklopft. „Ich werde dich von deinen Qualen erlösen.“

Das Auge ging einen Moment lang zu, dann öffnete es sich wieder. Die mahagonifarbene Iris hatte etwas Sonderbares an sich, etwas Hypnotisierendes, das mich in seinen Bann zog. „Geh jetzt. Auf der Stelle!“

Ich nickte und hob mein Notizbuch vom Boden auf. Er hatte es offenbar eilig mit der Befreiung, und das konnte ich ihm wahrhaftig nicht verdenken. Wenn ich so viel Blut verloren hätte, wäre ich auch ungeduldig. „Ich beeile mich ja schon. Gedulde dich nur noch ein paar Minuten. Das hier ist Neuland für mich. Im Befreien habe ich praktisch keine Erfahrung, und ich will keinen Fehler machen, sonst habe ich dich am Ende noch auf dem Gewissen. Oh, Mist, jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich war. Einen Moment, es dauert bestimmt nicht mehr lange, dann bist du befreit.“

Ich blätterte in meinem Notizbuch und wischte mir geistesabwesend die Hand an der Hose ab, denn der Einband des kleinen Büchleins war irgendwie nass geworden.

„Wenn du dich nicht innerhalb von dreißig Sekunden von mir und diesem Haus entfernst, wird dein Gewissen deine kleinste Sorge sein!“

Er hatte inzwischen beide Augen geöffnet und funkelte mich wütend an. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt, doch ansonsten lag er unnatürlich – oder eher übernatürlich – still da. Meine Gedanken kreisten um seine herrliche Stimme und seinen entzückenden europäischen Akzent, doch ich nahm mich zusammen, denn ich musste mich leider wichtigeren Themen zuwenden.

Seiner Einstellung zum Beispiel.

„Wie bitte?“ Ich klappte mein Notizbuch zu und rieb mir die nassen Hände. Anscheinend war mir das Buch mitten in eine Pfütze mit Sickerwasser gefallen. „Ich glaube, wir müssen mal ein paar Dinge klarstellen. Ich bin hier, um dir zu helfen. Du bist hier, um Hilfe zu finden. Wenn du herumzickst, bringst du mich nur auf die Palme, und es dauert länger mit besagter Hilfe. Bleib doch einfach still liegen, und ich mache weiter mit der Befreiungsformel, okay?“

Der Geist verdrehte genervt die Augen, was sehr echt aussah, stützte sich auf einen Ellbogen und sah mich finster an. Ich trat einen Schritt zurück, weil ich befürchtete, er könne mir zu nah kommen. Wenn ich seinen ätherischen, obschon sehr lebendig wirkenden Körper berührte, war sein Kreis gebrochen.

„Ich habe dir gesagt, du sollst verschwinden. Was ist daran so schwer zu verstehen? Ich sagte, du sollst gehen, und du nickst nur und machst mit deiner albernen Befreiungsformel weiter. Ich will nicht von dir befreit werden! Ich will, dass du dieses Haus verlässt, und zwar sofort!“

„Du bist ein ziemlich unhöflicher Geist“, erwiderte ich und drohte ihm mit meinem Notizbuch.

„Ich bin kein Geist!“

Ich schnaubte. „Und ob! Du liegst hier und verlierst Blut, weil man dich vor deinem Tod einer abscheulichen Folter unterzogen hat. Ich erkenne einen Geist, wenn ich ihn sehe, und du kannst mir glauben, du bist tot. Ex und erledigt. Eine Leiche!“

Nun knirschte der Geist tatsächlich mit den Zähnen. Es war schon erstaunlich, wie groß der Unterschied zwischen dem Geist eines Menschen und dem durchsichtigen Katzengeist war. Dieser Mann sah so echt aus, dass ich mich sehr am Riemen reißen musste, um die Hände von ihm zu lassen. „Ich sage es nur noch ein Mal: Ich bin kein Geist. Ich muss nicht befreit werden. Ich will deine Hilfe nicht. Ich will, dass du mich allein lässt und dahin gehst, wo du hergekommen bist. War das deutlich genug?“

„Ich bin Beschwörerin“, sagte ich würdevoll.

„Toll! Dann beschwöre irgendwo anders!“

„Ich kenne mich mit Geistern aus. Okay, du bist vielleicht der erste richtige menschliche Geist, der mir begegnet, aber ich kenne mich trotzdem mit Geistern aus. Es kommt häufig vor, dass die Verstorbenen sich nicht ganz klar über ihren Status sind. Das lernt man in der Beschwörerschule als Erstes: dass nicht alle Geister bereit sind, sich einzugestehen, dass sie tot sind. In diese Kategorie gehörst du offensichtlich. Und wenn du jetzt ein paar Minuten still bist, beende ich das Befreiungsritual und du kannst fröhlich weiterziehen.“

Der Geist sprang vom Tisch und baute sich wütend vor mir auf. Ich schaute unwillkürlich auf die Stelle, von der das Tuch heruntergefallen war.

„Öh …“, machte ich. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Er knurrte irgendetwas und hob rasch das Tuch vom Boden auf, um es sich um die Hüften zu schlingen. „Bei allen Heiligen, wirst du mich wohl in Frieden lassen?“ Seltsamerweise verlor seine schöne samtige Stimme nichts von ihrem Charme, obwohl er mich anbrüllte.

Ich hasste es allerdings, angeschrien zu werden. Es erinnerte mich an die Zeit, als ich verheiratet gewesen war und nicht genug Grips besessen hatte, um zu wissen, dass ich mich weder beschimpfen noch körperlich misshandeln lassen musste. Daher reagierte ich immer etwas gereizt, wenn jemand auf mich losging. „Das versuche ich doch gerade! Ich will dir Frieden schenken, du blödes Gespenst! Und jetzt leg dich wieder hin und halt den Mund!“

Als er vom Tisch gesprungen war, hatte ich mein Notizbuch abermals fallen gelassen, und ich bückte mich rasch, um es aufzuheben. Dabei amüsierte ich mich insgeheim über den fassungslosen Gesichtsausdruck des Geists. Doch meine Belustigung war dahin, kaum dass ich das Notizbuch in der Hand hielt. Es war nass und klebrig, und als ich es aufschlug, merkte ich, dass meine Finger überall rote Flecken hinterließen.

Rote Blutflecken.

Ich starrte meine Hände an, dann fiel mein Blick auf den Boden, wo sich das Blut des Geists gesammelt hatte.

„Was ist … Ist das Ektoplasma?“

Der Geist hob verzweifelt die Hände. „In meinem ganzen Leben ist mir noch nie jemand so auf die Nerven gegangen wie du! Nein, das ist kein Ektoplasma!“

Ich fuhr mit dem Finger über einen nassen Fleck auf meinem Notizbuch, dann betrachtete ich nachdenklich eine der blutenden Schnittwunden auf seiner Brust. Zögernd streckte ich die Hand aus und tippte ihn mit dem Zeigefinger an. Seine Haut fühlte sich warm an, wie weicher Samt auf Stahl, und ich verspürte sofort das Verlangen, ihn noch einmal zu berühren.

Doch dann wurde mir bewusst, was das überhaupt bedeutete. Ich stutzte. Ich schluckte. Ich räusperte mich. „Du bist gar kein Geist!“

Der Mann, der kein Geist war, atmete schwer, und umso heftiger bluteten seine Wunden.

„Nein, ich bin kein Geist“, bestätigte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Das habe ich dir mindestens schon sechsmal erklärt …

„Zweimal.“

Seinen wirklich sehr schönen Lippen entfuhr ein Zischen. Seine Augen wurden so dunkel wie Obsidian. Seine Finger zuckten. „Zweimal was?“

„Du hast mir zweimal gesagt, dass du kein Geist bist, nicht sechsmal. Offenbar macht dich der Blutverlust ein bisschen dusselig im Kopf.“

Seine Brustmuskeln spannten sich. Ich versuchte, ihnen keine Beachtung zu schenken, denn ich fand es unanständig, diese prachtvolle – wenn auch blutige – Brust anzustarren, wo ihr Besitzer doch eindeutig und dringend psychiatrische sowie medizinische Hilfe brauchte.

„So hat noch nie jemand mit mir geredet!“

„Tatsächlich?“

„Es gefällt mir nicht“, fuhr er fort, als hätte ich nichts gesagt. „Du lässt das sofort bleiben und verschwindest.“

„Ich soll verschwinden? Sofort?“ Er konnte offensichtlich nicht mehr klar denken, und es war meine Pflicht, ihn zu beruhigen, bevor er sich noch mehr Schaden zufügte.

„Ja, sofort“, entgegnete er. An seiner Wange zuckte ein Muskel. „Du musst auf der Stelle gehen, bevor du …

„Bevor ich was?“, platzte es aus mir heraus. „Ich weiß, ich bin sehr neugierig, aber es passiert nicht so oft, dass ich einen nackten Mann im Keller eines Spukhauses finde, der dabei ist, auszubluten. Du magst mich für blöd halten, aber ich denke, du brauchst Hilfe. Es ist bestimmt nicht gut für dich, wenn du dich so aufschlitzt und dann in diesem feuchten Keller liegst und vor dich hin blutest. Es gibt bestimmt ein paar sehr nette Ärzte, die sich gern um dich kümmern …

Er sagte etwas in einer Sprache, die ich nicht kannte, aber es klang verdächtig nach einem derben Fluch. Dann erstarrte er jedoch und schaute zur Tür. Von oben waren leise Geräusche zu hören, die sehr danach klangen, dass jemand durch die Hintertür ins Haus gekommen war.

Peste“, knurrte der Mann, machte kehrt und legte sich wieder auf den Tisch. „Ich befehle dir, das Haus zu verlassen! Und lass dich nicht von den anderen erwischen! Du musst alles vergessen, was du hier gesehen hast!“, fuhr er mich an.

„Weißt du, ich war mit einem arroganten, herrschsüchtigen, tyrannischen Mann verheiratet, der glaubte, mich herumkommandieren zu können. Du kannst dich darauf verlassen, dass du mit dieser Tour bei mir nicht durchkommst!“

Der Mann schlug seinen Kopf zweimal gegen die Tischplatte, und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Das musste doch wehtun!

Das leise Echo einer Stimme drang an mein Ohr. Ich kehrte dem Verrückten den Rücken zu und lief zur Tür. „Hallo? Ist da jemand? Hören Sie, ich brauche Hilfe! Hier unten wird ein Arzt gebraucht und … äh … die Polizei. Hallo?“

Ich hörte oben jemanden flüstern.

„Hallo? Es verdirbt das Karma, wenn man einem Verletzten die Hilfe verweigert!“, rief ich die Treppe hoch. „Wenn Sie nicht runterkommen und mir helfen wollen, diesen Mann hier zu bändigen, dann rufen Sie wenigstens …

Eine Hand legte sich auf meinen Mund und zog mich an einen warmen, starken Körper.

„Jetzt hör mir mal gut zu!“, raunte mir der Mann ins Ohr, und mein Körper reagierte höchst unanständig auf seine samtige Stimme. „Du wirst genau das tun, was ich dir befehle.“

Das Wort „befehle“ war der Auslöser. Seit Timothy bin ich ziemlich allergisch dagegen. Ohne darüber nachzudenken, was ich einem offensichtlich geisteskranken und schwer verwundeten Mann damit antat, trat ich ihm mit dem Absatz auf den nackten Fuß und rammte ihm den Ellbogen in den Bauch. Als er ächzte und sich vor Schmerzen krümmte, lief ich rasch die Treppe hoch. Natürlich war es ziemlich töricht, meine Tasche mit den teuren Geräten bei diesem Irren im Keller zu lassen, aber ich hatte keine andere Wahl. Wer auch immer es war, auf den er wartete, wer auch immer das Haus verlassen hatte, ohne zu helfen, würde bestimmt nicht die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Ich stürzte die Stufen hoch und ignorierte die Schmerzen in meinem Bein und das Seitenstechen, das ich bekam, als ich zur Tür rannte. Mir war eingefallen, dass ich ganz in der Nähe eine Telefonzelle gesehen hatte. Ich wollte Hilfe rufen und mich dann wieder in das alte Haus schleichen, um auf den armen, gut aussehenden, geistig verwirrten Mann aufzupassen.

Ein widerwärtiger Eisregen schlug mir ins Gesicht, als ich – so schnell ich konnte – die Straße hinunterhinkte. Ich brauchte drei Anläufe, um die 999 zu wählen, aber dann war ich endlich mit der Notrufzentrale verbunden. Zwei Minuten später, nachdem ich erklärt hatte, wo ich mich befand und was das Problem war, machte ich mich in einem etwas gemesseneren Tempo wieder auf den Rückweg. Dabei wuchs meine Sorge, dass ich dem armen Mann möglicherweise den Rest gegeben hatte, weil ich nicht bei ihm geblieben war.

Ich schlich ins Haus und drückte mich im Flur mit dem Rücken gegen die schimmelige Wand. So blieb ich stehen und behielt die Kellertreppe im Auge. Es kam mir wie eine Stunde vor, bis ich endlich eine Polizeisirene hörte, aber meiner Uhr zufolge waren lediglich achteinhalb Minuten verstrichen. Ich begrüßte die beiden Polizisten, erklärte ihnen rasch, was ich gesehen hatte, und folgte ihnen die Treppe hinunter zu der inzwischen wieder geschlossenen Tür. Sie öffneten sie vorsichtig, nachdem sie ihre Taschenlampen eingeschaltet hatten.

Der Raum war leer.

Der Mann war verschwunden, und mit ihm der Tisch und das Blut auf dem Boden. Meine Tasche und das Kreidestück waren noch da, aber alles andere war weg.

„Moment mal … ich … Da war … Er war genau hier! Wie ist er nur … Und das Blut, es war doch eben noch da! Der Tisch muss wahnsinnig schwer gewesen sein! Wie konnte er ihn so schnell von hier wegschaffen?“

„Madam“, sagte der kleinere der beiden Polizisten und leuchtete mir mit der Taschenlampe direkt ins Gesicht. Ich hörte, wie er nach Luft schnappte, und wandte mich rasch ab, damit er mich nur im Profil sehen konnte. „Madam“, sagte er wieder, und seine Stimme zitterte leicht. „Wissen Sie, dass Sie sich eines Vergehens schuldig machen, wenn Sie die Polizei rufen, obwohl gar kein Notfall vorliegt?“

„Aber …“ Ich schaute mich in dem Kellerraum um und hielt den Kopf gesenkt, damit sie mir nicht in die Augen sehen konnten. „Er war hier! Ich schwöre, er war hier! Nackt, wie Gott ihn schuf, und blutüberströmt!“

Der größere Polizist holte tief Luft. Man musste kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass mir eine gewaltige Standpauke bevorstand. Während ich meine Sachen zusammensuchte, schilderten sie mir abwechselnd, was mit Touristen passierte, die bei der Polizei falschen Alarm auslösten. Nachdem ich ihnen erklärt hatte, was ich in dem alten Gebäude machte, und ihnen wiederholt versichert hatte, dass ich nicht zu Telefonstreichen aufgelegt war, woraufhin ich mir abermals einen Vortrag anhören musste, führten sie mich endlich aus dem Haus. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereit zu glauben, dass mein merkwürdiges Erlebnis irgendwie mit den geisterhaften Bewohnern des alten Hauses in Verbindung stand und dass ich mir die Geschichte mit dem gut aussehenden, wenn auch ziemlich gestörten Mann nur eingebildet hatte.

Doch als ich in meiner Handtasche nach dem Schlüssel suchte, um die Tür abzuschließen, sah ich mein Notizbuch.

Es war übersät mit blutigen Fingerabdrücken, und das war keine Einbildung.

Die restliche Nacht verbrachte ich damit, alles aufzuschreiben, was ich erlebt hatte, und den Katzengeist dabei zu beobachten, wie er schlief, sich putzte und neugierig im Zimmer herumstöberte. Er schien nicht besonders begeistert von meiner Anwesenheit zu sein, und nachdem ich vergeblich versucht hatte, ihn zu mir aufs Bett zu locken (um ein Foto von uns beiden zu machen), ignorierte ich ihn schließlich genauso, wie er mich ignorierte.

Als es draußen vor dem Fenster heller wurde und ich merkte, dass der Morgen graute, war ich völlig erschöpft und ziemlich schlecht gelaunt. Ich wusste nicht, ob ich eine unglaubliche Begegnung mit einem Geist gehabt hatte, der sich als körperliches Wesen manifestierte, oder ob ich unter Wahnvorstellungen litt.

Beim Einschlafen wünschte ich mir, dass Ersteres zutraf. Dann konnte ich wenigstens davon träumen, ihn anzufassen.

„Keine Nachrichten, Miss Telford“, sagte Empfangsdame Tina am Nachmittag des nächsten Tages, als sie mir den Zimmerschlüssel gab. Ich wartete ab, ob sie noch etwas hinzuzufügen hatte, eine Beschwerde vielleicht wegen des dreibeinigen, durchsichtigen Katzenwesens in meinem Zimmer, doch sie lächelte mich nur an und wandte sich einem anderen Hotelgast zu.

„Das wird ja alles immer kurioser“, sagte ich zu mir, während ich mit klirrender, klappernder Tasche zum Aufzug hinkte. Ich hievte sie von der einen Schulter auf die andere und wünschte, ich wäre in einer Branche tätig, in der man nicht so viel Ausrüstung mit sich herumschleppen musste. Bei meinem Tagesausflug zu einem Kloster, in dem es angeblich spukte, war sie wieder einmal überflüssiger Ballast gewesen. Als ich den Knopf für meine Etage drückte, fragte ich mich, ob die Wirkung meiner Beschwörung inzwischen nachgelassen hatte und die Katze auf ihre vorherige Existenzebene zurückgekehrt war. Vielleicht hatte das Zimmermädchen sie gar nicht sehen können, weil sie nicht mehr da war.

„Oh, hallo, Mieze“, sagte ich, als ich die Tür öffnete. Sie saß auf der Fensterbank und starrte nach draußen. „Ich dachte, du wärst weg. Aber ich bin froh, dass du noch da bist, obwohl …“ Ich zupfte an meiner Unterlippe. Am vergangenen Abend und in der Nacht hatte ich so viel Material zusammengetragen, wie ich nur konnte. Fotos, Videos, Infrarot- und Ultraschallaufzeichnungen, Ionenanalyse – was auch immer nötig war, ich hatte es. Genug Beweise jedenfalls, um den Experten im Büro einen Orgasmus zu bescheren. Vielleicht war es an der Zeit, die Katze zu befreien.

„Willst du nach Hause, Mieze? Ich glaube, es wird Zeit. Ich möchte dem Hotelpersonal wirklich nicht erklären müssen, was ich hier treibe, und obwohl du fast das ideale Haustier bist – kein Katzenklo, kein Gestank, kein Stress mit dem Füttern –, glaube ich, dass du nicht gerade wild darauf bist, hierzubleiben.“

Ich breitete die nötigen Hilfsmittel vor mir aus, und nachdem ich die Katze mit Ginsengpulver bestreut hatte, sprach ich die Befreiungsformel.

Mittendrin hielt ich inne, weil mich das Pulver in der Nase kitzelte und ich niesen musste. Ich hielt mir rasch die Nase zu und wartete mit Tränen in den Augen, bis das Kribbeln aufgehört hatte. Dann sprach ich die Formel zu Ende, zeichnete die Schutzsymbole in die Luft und verfolgte, wie ich den Geist auf eine andere Existenzebene beförderte.

Die Katze zuckte mit den Ohren und leckte sich die Schulter.

„Oh, oh.“ Ich biss mir auf die Lippen und sah sie nachdenklich an. Hatte ich nicht genug Ginsengpulver verwendet? Oder hatte es nicht geklappt, weil ich den Vorgang mittendrin unterbrochen hatte? Ich musste es noch einmal versuchen und darauf achten, das Ginsengpulver nicht einzuatmen.

Als ich die letzten Worte der Befreiungsformel gesprochen hatte, ging die Katze ungerührt dazu über, sich das Hinterbein zu lecken.

„Mist. Hier stimmt doch irgendetwas nicht. Ob das Ginsengpulver nicht mehr frisch genug ist?“

Die nächste Stunde verbrachte ich damit, die Prozedur immer wieder zu variieren, indem ich erst mehr, dann wieder weniger Ginseng nahm und für den Fall, dass die Totmann-Asche doch der geheime Schlüssel zum Erfolg war, auch noch eine Prise davon hinzufügte.

Es nützte alles nichts.

Allmählich begann ich mir Sorgen zu machen. Ich wusste, dass die Katze nach den Beschwörungsgesetzen bis an mein Lebensende an mich gebunden war, wenn ich sie nicht befreite, und es war ihr zwar gelungen, sich vor dem Zimmermädchen zu verstecken, aber ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass ihr das jeden Tag glücken würde.

Noch viel schwieriger würde es sich allerdings gestalten, sie mit nach Hause nach Nordkalifornien zu nehmen. Was um Himmels willen sollte ich in die Zollerklärung schreiben? Eine durchsichtige Hauskatze, tot seit über fünfzig Jahren, geimpft und entwurmt?

Meine Uhr begann zu piepsen und erinnerte mich daran, dass ich noch etwas vorhatte.

„Ach, diese Signierstunde! Mist! Ausgerechnet jetzt, wo ich so beschäftigt bin.“

Ich dachte daran, die Veranstaltung einfach sausen zu lassen, aber Corrine hatte mich vor meiner Abreise nach London auf Knien angefleht, unbedingt hinzugehen.

„Also ehrlich, Cory und ihre Vampirromane!“, schimpfte ich vor mich hin und fing an, meine Tasche zu packen. „Dann hat irgendein toller Schriftsteller halt seine Signierstunde! Na und? Ich habe zu tun!

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