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Khyona (2). Die Macht der Eisdrachen

Bücher von Katja Brandis im Arena Verlag

Woodwalkers. Carags Verwandlung

Woodwalkers. Gefährliche Freundschaft

Woodwalkers. Hollys Geheimnis

Woodwalkers. Fremde Wildnis

Woodwalkers. Feindliche Spuren

Woodwalkers. Tag der Rache

Seawalkers. Gefährliche Gestalten

Khyona. Im Bann des Silberfalken

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, unter anderem Ruf der Tiefe, Floaters – Im Sog des Meeres und White Zone. Mit ihrer Bestseller-Reihe Woodwalkers begeistert sie Jungen und Mädchen gleichermaßen. Für Khyona recherchierte sie drei Wochen in Island, staunte über Geysire, stapfte auf einem Gletscher herum und ritt auf Islandpferden durch die grandiose Landschaft. Sie lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen in der Nähe von München.

www.katja-brandis.de

Für Christian

PROLOG

Menschen waren groß, ungeduldig und oft furchtbar schlecht in Musik. Doch hin und wieder vermisste Sija ihre Lieblingszauberin, die sie und die anderen Elfen im letzten Herbst durch kein Omen angekündigt besucht hatte. Leider war die Zauberin Kari nicht lange geblieben und es war schade, dass seither niemand auch nur ein Haar von ihrem Kopf gesichtet hatte. Geschweige denn etwas von dem leckeren braunen Wunder, das sie dabeigehabt hatte.

»Eine Geschichte, eine Geschichte!«, bat Tuli, die Hände zierlich gefaltet, die großen mondfarbenen Augen im Abendlicht noch größer erscheinend. Langeweile war eine Krankheit, die sie öfter plagte als andere.

»Ach, ich übe lieber noch ein wenig auf der Grasharfe«, behauptete Sija und gab erst nach, als Tuli so tat, als wollte sie stattdessen Palo fragen. Hatte ihre Freundin schon vergessen, dass er vor hundertzehn Jahren, als sie gemeinsam unterwiesen worden waren, im Fach Fantasie jeden Lehrer enttäuscht hatte? Außerdem neigte er dazu, berechenbar zu sein, dabei wusste doch jeder, dass nur diejenigen Elfen in der Welt bestehen konnten, die dem Pfad des Schmetterlings folgten.

»Na gut«, sagte Sija und berührte ein paarmal ihr goldenes Menschenwunder-Ding um ihr Handgelenk, denn das brachte ganz sieher Glück und friedliches Wetter. »Ich werde eine Geschichte über die Lieblingszauberin erzählen! Über Kari Feuermädchen.«

»Eine Geschichte aus der Zeit, die vergangen ist, oder eine aus der Zeit, die noch vergehen wird?«, fragte Palo und balancierte auf dem Stein.

»Wirst du schon sehen«, gab Sija zurück, schubste Palo vom Stein herunter und setzte sich selbst darauf. »Feuermädchen wird schon sehr bald zu uns zurückkommen mit vielen, vielen Geschenken für uns und dann wird sie Großtaten vollbringen, von denen sich das verborgene Volk noch jahrhundertelang erzählen wird!«

»Was für Großtaten?«, wollte Tuli wissen.

»Sie wird einen Drachen zähmen, einen Drachen, der so groß ist wie ein Berg«, behauptete Sija und reckte sich mit erhobenen Armen, um seine Größe anzudeuten. »Er wird ihr aus der Hand fressen und sich von ihr den Bauch kraulen lassen. Wenn sie auf ihm herabgefegt kommt, werden alle vor ihr zittern und sich neue Tänze für sie ausdenken, um sie zu beschwichtigen und ihrer Seele Heiterkeit zu bringen.«

Palo klatschte. »Wird ein Verräter versuchen, sie zu besiegen?«

»Oh ja, natürlich, denn Zauberer haben viele Feinde und müssen Wunder wirken ohne Zahl, zehn am Tag mindestens!« Sija tanzte ein paar der Wunder, die sie mit Worten nicht beschreiben konnte, und spielte eine brandneue Melodie auf der Grasharfe dazu. »Aber zusammen mit ihrem Gefährten, dem Herrn des Feuers, wird sie in den Kampf ziehen und danach weiterleben bis zu ihrem hundertfünfundsiebzigsten Lebensjahr. Dann wird sie friedlich sterben durch eine Fischgräte, die ihr im Hals stecken bleibt.«

Palo und Tuli nickten zufrieden.

»Glaubt ihr wirklich, sie kommt wieder?«, fragte Tuli plötzlich.

»Nein«, sagte Palo.

»Doch«, sagte Sija fest. »Und sie wird diesen Drachen zähmen.«

»Fiii, du bist manchmal dumm wie Käferpisse!«, meinte Tuli und wirbelte davon, bevor Sija sie an den Haaren ziehen konnte. »Der Drache wird sie in einen Eisblock verwandeln und auffressen.«

Palo hob ruckartig den Kopf. »Es geschieht etwas«, sagte er.

»Oh!« Sija hatte erspäht, was er meinte. »Das ist nicht gut, gar nicht gut ist das! Wann bemerken die Menschen endlich, was geschieht?«

In der Stadt der Nebel, die sich am Ufer erstreckte, ertönten die Widderhörner des Alarms.

SPURENSUCHE

Dass Kari sich manchmal seltsam benahm, war nicht neu. Aber so seltsam – das musste was Ernstes sein. Fast ohne es zu merken, zerknüllte John ein altes Arbeitsblatt in der Hand und zog damit leider die Aufmerksamkeit von Herrn Morgenstein auf sich. »John, könntest du uns bitte mal ein paar Beispiele geben?«

Äh bitte? Beispiele wofür? Leider hatte er keine Ahnung, worum es gerade ging. Rasch setzte John eine freundliche Miene auf – durch seinen Vater wusste er, dass die von Lehrern, die den ganzen Tag mit mürrischen Pubertierenden zu tun hatten, geschätzt wurde. »Ja, natürlich kann ich Ihnen Beispiele geben«, sagte er, während er hektisch scannte, was auf der Tafel stand – was durch Herrn Morgensteins Sauklaue nicht gerade erleichtert wurde.

Herr Morgenstein wirkte irritiert. Eine so schwammige Antwort war er von einem seiner Einserschüler nicht gewohnt. »Dann mach das jetzt bitte. Falls es nicht zu viel Mühe ist.«

Zum Glück kapierte sein Freund und Banknachbar Benjamin, dass John ein Problem hatte, und kritzelte in Großbuchstaben SYMBIOSE auf eine leere Seite seines Heftes. Ach so, alles klar. »Im Tierreich gibt es jede Menge Beispiele für Symbiose, also die Zusammenarbeit ganz verschiedener Organismen … ein besonders schönes, finde ich, ist das mit den Fischen und Putzergarnelen im Korallenriff«, legte John los, erklärte, was er meinte, und ging dann zu Kooperationen von Pflanzen und Insekten über. Schön langatmig, damit Herr Morgenstein ihn anschließend in Ruhe ließ. Es klappte, sein Biolehrer hütete sich davor, ihn noch mal aufzurufen.

Nach der Schule begegnete er Alice wie üblich an der Bushaltestelle. »Schwestern, also echt!«, beschwerte sie sich und fingerte an dem Schneeflocken-Anhänger herum, den sie an einer feinen silbernen Kette trug. Das Ding sah einer echten Schneeflocke täuschend ähnlich. »Sich einfach krankmelden und uns herumrätseln lassen, das ist gemein.«

»Aber so was von«, sagte John, während sie sich neben ihm in den Bus drängte. Etwas mühsam hielt Alice, die einen Kopf kleiner war, mit ihm Schritt, als er die letzten Meter bis zu ihrem Haus im Eiltempo zurücklegte.

Als sie kurz anklopften und in Karis Zimmer hineinplatzten, lag sie auf dem Bett und starrte zur Decke. Ihre wilden blonden Locken sahen aus, als hätte sie heute vergessen, sich zu kämmen. Wieder einmal fiel John auf, wie sich ihr Zimmer verändert hatte, seit sie im letzten Sommer in Island verschollen gewesen war. Es wirkte irgendwie … erwachsener. Verschwunden waren die aus Zeitschriften herausgerissenen Pferdeposter, stattdessen schmückte nun das gerahmte Bild eines Wasserfalls in grün-schwarzer Lavalandschaft die Wand. Die schon etwas abgewetzte violette Kuscheldecke war in der Altkleidersammlung gelandet, dafür hatte sie sich silbrig schimmernde Kissen für ihr Bett genäht. Nur der Allgemeinzustand hatte sich nicht geändert: Auf dem Boden lagen immer noch benutzte Klamotten, ein Isländisch-Wörterbuch und das Einwickelpapier einer Tafel Vollmilch-Nuss herum.

»Anna Jisha Burgsoll«, sagte Kari, bevor John es geschafft hatte, den Mund zu öffnen. »Jisha ist ein sehr seltener Name, das kann kein Zufall sein, oder?«

Alice hatte schnell kapiert, was das bedeutete. »Soll das heißen, unsere Urgroßmutter aus Isslar hat unter einem Decknamen hier gelebt und dich als Psychologin behandelt, als du klein warst? Aber wieso hat sie nicht einfach gesagt, wer sie ist? Dann hätten wir sie zum Kaffee einladen können, sie hätte mich babysitten dürfen, was weiß ich …«

»Wenn wir ihr geglaubt hätten«, antwortete Kari. »Anna Jisha Burgsoll, ich fasse es echt nicht! Sie hatte schon in Schweden, nach ihrer Flucht aus Isslar, einen Decknamen, bei dem sie das ›Jisha‹ behalten hat. Ich wette darauf, sie ist es.«

»Also ich wette nicht, denn sie ist es unter Garantie!«, jubelte Alice.

»Vielleicht ist es doch nur ein Zufall«, meinte John. Irgendjemand musste hier unbedingt den Skeptiker geben.

»Glaubst du? Na, dann schau mal hier.« Kari rollte sich vom Bett, tappte auf bloßen Füßen zum Schreibtisch, klappte den Laptop auf und deutete auf einen Eintrag. »Wie viele Leute ziehen aus Deutschland weg und haben danach eine Kontaktadresse, die auf .is für Island endet?«

Fasziniert starrte John auf den Bildschirm. »So etwa 0,001 Prozent, schätze ich.«

»Sag bloß, du hast ihr geschrieben!«, quiekte Alice.

Kari verzog das Gesicht. »Hab ich mich nicht getraut. Aber ich hab im isländischen Telefonverzeichnis nachgeschaut, das praktischerweise nach Vornamen sortiert ist. Es gibt eine Jisha Ragnarsdottír, sie führt in Reykjavik einen Buchladen mit Café.«

Inzwischen war John überzeugt. Aber er fand, das war eine reichlich seltsame Karriere für eine Volksheldin aus Isslar. »Hast du nicht erzählt, die Familie Thordar kann den Wind beherrschen?«, meinte er. »Hätte sie dann nicht irgendwas anderes gemacht? Was weiß ich, sie hätte in Deutschland eine große Nummer im Windkraft-Business werden können oder so was.«

Ganz plötzlich musste er an Cecily denken. An ihre gewandten Bewegungen, ihre Tricks, ihre Coolness, die er in tausend Jahren so nicht hinbekäme. Wo sie jetzt wohl war? Wie viele Aufträge sie wohl im letzten Jahr erfüllt … ähm, also Leute getötet … hatte? Nein, er fantasierte nicht von ihr, sie hatte verdammt noch mal versucht, ihn umzubringen!

»In einer Woche wissen wir mehr«, sagte Kari und John sah, dass sie tief durch atmete. »Und ich glaube, ehrlich gesagt, es ist verdammt wichtig, dass ich mit ihr spreche, bevor ich mich noch mal nach Khyona traue. Ich habe das letzte Mal nicht wirklich durchgeblickt dort und das hätte mich fast das Leben gekostet.«

»Immerhin, diesmal wird keine Assassinin in der Gegend sein, wir dürfen also alles essen«, versuchte John, herumzualbern, doch natürlich fand keiner es witzig.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. »Schön, dass es dir wieder besser geht, Kari«, sagte Susanna und zog die Augenbrauen hoch, als sie die kleine Versammlung im Zimmer sah. »Hier ist ein Erkältungstee. Willst du nicht mal niesen, damit ich dir glaube, dass du wirklich krank bist?«

»Äh«, sagte Kari.

***

Eine Woche später war es endlich so weit. Der Abschied von Alice war hart, Kari sah, dass ihre kleine Schwester Tränen in den Augen hatte. »Du passt aber wirklich auf dich auf, ja?«, fragte Alice.

»Versprochen«, sagte Kari, umarmte Alice fest und versuchte, nicht selbst zu heulen.

»Hast du die Taschenlampe gegen die Trolle und die Schokolade für die Elfen?«, flüsterte ihre Schwester ihr ins Ohr, als gerade weder Susanna noch Thorsten hinhörten.

Kari musste schmunzeln, während sie sich ihren vollgestopften Wanderrucksack auf den Rücken wuchtete. »Klar doch. Zehn Tafeln. Die vom Zoll werden schön blöd gucken.«

John wirkte verlegen, als Alice die Arme um ihn schlang. »Hey, alles gut, in vier Wochen sind wir schon wieder da, soll ich dir irgendwas Besonderes mitbringen?«

»Ein Wildpferd – am besten ein Fohlen!«, sagte Alice und grinste, als John die Augen verdrehte.

»Schon klar, und auf das passe ich dann auf, während du in der Schule bist?«, stöhnte Susanna und tat, als raufe sie sich die Haare.

Es klingelte; das waren Leyla und Ella, beide wirkten aufgedreht. »Moin! Alles klar bei euch?« Ella hatte glänzende Augen. Sonst musste sie immer mit ihrer ausgedehnten Familie in Urlaub fahren, das hier war das erste Mal, dass sie mit Freundinnen unterwegs sein durfte.

»Zum Glück hab ich einen Kombi, sonst hätten wir keine Chance, das alles zum Flughafen zu schaffen«, sagte Susanna mit einem Blick auf den Gepäckstapel, zu dem sich gerade noch Leylas prall gefüllte Reisetasche gesellt hatte. »Was hast du dadrin, Leyla, ein Zwergmammut oder so was?«

»Ach, deswegen macht das Ding so komische Geräusche«, meinte Ella, die ihren schlacksigen Körper in Jeans und eine Outdoorjacke gehüllt hatte. Sie war ebenso dünn und blond wie Leyla dunkel und mollig.

»Ihr werdet mir noch dankbar sein, so ein Mammut kann irre viel Gepäck schleppen«, verkündete Leyla, während sie das ganze Zeug ins Auto luden.

»Na, so still, Kari?«, meinte Ella.

»Das kommt euch nur so vor, weil ihr so viel redet«, behauptete Kari. Doch eigentlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. So gerne Kari auch sie eingeweiht hätte – ihre Freundinnen durften nichts von Khyona wissen. Leyla nicht, weil Geheimnisse bei ihr nie besonders lange geheim waren. Und Ella nicht, weil Leyla gemerkt hätte, wenn Kari und Ella gemeinsam etwas vor ihr geheim hielten. Hoffentlich schadet es unserer Freundschaft nicht allzu sehr, dass ich ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählen kann!

Es war nicht gerade schön gewesen, den beiden klarzumachen, dass Kari die meiste Zeit nicht mit ihnen in Island unterwegs sein würde, sondern vorhatte, sich mit einem Jungen zu treffen. Beide waren enttäuscht gewesen, besonders Ella, aber schließlich hatten sie Ja gesagt. Und bisher dichtgehalten – Susanna und Thorsten ahnten nichts.

Während des Fluges schaffte Kari, die unangenehmen Gedanken zu verdrängen. Sie unterhielten sich quer über ihre Sitzreihen hinweg, rissen Witze und schmökerten in ihren Reiseführern. Als es endlich so weit war und Kari aus dem Flugzeugfenster auf die raue Küste Islands hinunterblickte, fühlte sie ihr Herz schneller schlagen. Ich bin zurück. Noch nicht in Isslar, aber immerhin in Island. Für diese Reise hatte sie das ganze Jahr lang gespart. Es war ihr leichtgefallen, auf neue Klamotten, Kino und den besseren Handytarif zu verzichten, sie musste nur eine Sekunde lang an Andrik denken. Manchmal auch zwei Sekunden lang, wenn es um den neusten Roman ihrer Lieblingsautorin ging. Oder drei Sekunden, zum Beispiel beim Marzipan an Ostern. Dann war das Marzipan stärker gewesen.

Sobald sie ihre Koffer hatten, übernahm John die Führung. »Okay, ich erinnere mich – da vorne fährt der Bus in die Stadt ab. Vom Busbahnhof können wir zum Hotel laufen«, erklärte er. Kari war zufrieden damit, einfach nur hinterherzuzockeln und sich zu fragen, wie es ihrem ehemaligen Diener Bjarni und seinen Geschwistern wohl ging. Für Bjarni hatte sie ein ganz besonderes Geschenk dabei.

Um vier Uhr nachmittags konnten sie endlich ihre Zimmer aufschließen und sich auf ihre Betten werfen. »Was jetzt? Erst mal ausruhen?«, stöhnte Leyla, doch Ella verkündete: »Nichts da, wir gehen erkunden – dein Mammut kannst du meinetwegen mitnehmen, nachdem du es ausgepackt hast!«

Kari und John, die sich schon ein bisschen auskannten, spielten die Reiseführer. Sie zeigten ihnen die Laugavegur, in der Touristen aus aller Welt an Läden und Restaurants vorbeischlenderten, und die hoch aufragende, aus hellem Stein erbaute Kirche namens Hallgrímskirkja mit der Statue des Entdeckers Leif Eriksson davor. Bis Kari spürte, wie sie unruhig wurde. »Ich würde gerne noch in einem bestimmten Buchladen vorbeischauen, wollt ihr mitkommen oder lieber noch zu dritt rumlaufen?«

Natürlich sagte John sofort: »Ich komme mit«, wobei er zum Glück daran dachte, gleichgültig zu klingen. Darin hatte er Übung, obwohl er im letzten Jahr nicht mehr ganz so sehr darauf geachtet hatte, cool zu wirken.

»Wir bummeln noch ein bisschen, vielleicht bis zum Hafen«, entschieden ihre Freundinnen und endlich, endlich konnte Kari sich auf den Weg machen zu Jishas kleiner Buchhandlung in der Grettisgata.

Sie hatte keine Mail geschrieben. Sich nicht angekündigt. Nur kurz bei einem Mitarbeiter angerufen – der zum Glück Englisch sprach, denn Karis Isländisch war noch sehr holprig – und gefragt, ob Jisha an diesem Tag da sein würde.

Ist es die richtige Jisha? Plötzlich waren die Zweifel zurück. Werde ich gleich nur irgendeiner Frau begegnen? Oder Jisha Ulim Thordar, Anführerin der großen Rebellion, Urheberin der Fünf Forderungen, meiner Urgroßmutter?

Auf einmal kam ihr das völlig lächerlich vor. Aber falls sie es doch war, konnte Kari nur hoffen, dass ihr der Besuch auch recht war … und es keinen wichtigen Grund gab, aus dem sich ihre Urgroßmutter all die Jahre über von ihr und ihrer Familie ferngehalten hatte.

TROLLBÜCHER

Die Buchhandlung Trollbooks erwies sich als kleines, weiß gestrichenes Haus mit zwei Schaufenstern, durch die Kari Räume mit Büchern und ein paar Caféstühle erspähte. Nervös beglotzte Kari so lange die Auslage, bis John fragte: »Na? Hosen voll?«

»Nee!«, schoss Kari zurück, packte die Klinke und betrat Trollbooks, wo es vielleicht wirklich Bücher über Trolle gab. Drinnen war es angenehm warm, es roch nach Kaffee, Gebäck und dem alten, ein bisschen staubigen Orientteppich, der im vorderen Raum den Boden dekorierte. Alle Wände waren von Bücherregalen bedeckt, an drei Cafétischchen mit Marmorplatte und gusseisernem Fuß saßen Touristen. An der Kasse stand eine junge Frau, die ihnen freundlich zunickte und sie dann in Ruhe ließ. Langsam ging Kari in den zweiten Raum, in dem die vollen Bücherregale ebenfalls bis zur Decke reichten; John folgte ihr schweigend und mit ein paar Schritten Abstand.

Plötzlich begann Karis Herz, wild zu pochen. Eine große, hagere ältere Frau, den Rücken ihr zugewandt, sortierte dort vorne gerade neue Bücher ein. Ihre Haare waren prachtvoll – lang und seidig, von derselben silbrigen Farbe wie das Gefieder eines Graureihers.

Irgendwie schien die Frau zu spüren, dass jemand hereingekommen war und sie anstarrte, jedenfalls drehte sie sich mit fragendem Blick um. Kari vergaß zu atmen. Dieses Gesicht habe ich nie gesehen, aber ich kenne es trotzdem. Genau so wird Alice mit siebzig aussehen!

Denn diese Frau mit den kühnen blaugrauen Augen wirkte nicht älter als siebzig, obwohl sie, wenn sie wirklich Karis Urgroßmutter war, über hundert sein musste. Aber das war bei Menschen aus Isslar anscheinend normal.

Noch hatte die fremde Frau kein Wort gesprochen. Sie hatte auch kein unverbindliches Lächeln aufgesetzt und fragte nicht »Kann ich Ihnen helfen?«. Schweigend, prüfend, blickte sie Kari entgegen. Wartete. Ahnte sie etwas?

Weil Karis Mund so trocken war, dass sie kein Wort herausbrachte, legte sie stattdessen die Hände mit gespreizten Fingern übereinander. Der Schneeflockengruß.

Etwas geschah in den Augen der Buchhändlerin. Sie legte den Band weg, den sie in der Hand gehalten hatte, und erwiderte den Gruß. »Ich habe es mir fast gedacht«, sagte sie mit einem Lächeln. »Wie schön, dass du hier bist, Kari!«

»Woher wissen Sie, wer ich bin? Sie sind Jisha, oder?« Kari fühlte sich so durcheinander wie lange nicht mehr.

Die alte Frau warf einen wachsamen Blick in Johns Richtung. »Gehört der Junge zu dir?«

»Ja, der ist in Ordnung«, versicherte Kari schnell. »Das ist John Elzheimer, er, äh, gehört zu meiner Familie.«

»Gehen wir ins Büro, da hört keiner mit«, sagte die alte Buchhändlerin und hielt Kari und John die Tür zu einem Raum auf, der mit gestapelten Büchern, Rechnungen und anderem Zubehör vollgestopft war. Als sie sorgfältig die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, wandte sie sich Kari zu. »Ja, ich bin Jisha. Du hast gefragt, woher ich weiß, dass du kommen würdest. Tja, das verdanke ich gemeinsamen Bekannten.« Sie deutete an, dass es sich dabei um Gestalten in Knie- bis Hüfthöhe gehandelt hatte.

Ah, die Elfen! Natürlich! Diese geschwätzigen Geschöpfe wechselten hier in Island unbeschwert zwischen den Welten.

»Nur durch sie kann man Leute in Isslar kontaktieren, oder?«, fragte Kari.

Jisha nickte. »Ja, sie sind die einzige Möglichkeit, man muss sie überreden, eine Botschaft mitzunehmen. Ab und zu berichten sie mir, was in der alten Heimat los ist. Vor ein paar Monaten haben sie mir erzählt, dass du in Khyona warst. Seither habe ich gehofft, dass du mich findest, aber nicht gewagt, dich direkt anzusprechen.«

»Warum nicht?«, fragte Kari – es hatte keinen Sinn, um die Sache herumzureden. »Und warum hast du dich als Psychologin ausgegeben, statt uns einfach zu besuchen?«

»Ich bin Psychologin«, erwiderte Jisha und lächelte. »Aber jetzt erst mal von Anfang an. Nach der Rebellion bin ich durchs Blaue Tor geflohen, davon hast du gehört, oder? Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange und Island wimmelte von amerikanischem Militär – scheußlich. Weil ich nicht wusste, ob mir jemand durchs Tor gefolgt ist, habe ich mich nach Schweden abgesetzt und dort behauptet, meine Papiere seien bei einem Luftangriff verbrannt.«

»Die haben Ihnen einfach einen neuen Pass ausgestellt?«, mischte sich John ein.

»Ganz genau. In Schweden habe ich mit meinem Verlobten Frida bekommen, deine Großmutter – aber es war nicht leicht mit ihr.« Jisha atmete tief durch. »Ihre Pubertät war eine Art Naturkatastrophe, kannst du dir das vorstellen?«

»Äh, ja«, sagte Kari.

»Sie blieb oft die ganze Nacht weg, nahm Drogen und ließ sich mit einem Kerl ein, der schon seit Jahren süchtig war und sie ausnutzte.« Jishas Finger krampften sich um die Tasse. »Wir haben viel gestritten, oh ja. Kritik wollte sie keine hören. Schließlich ist sie nach Deutschland gezogen und hat den Kontakt zu mir abgebrochen.«

»Der drogensüchtige Typ … das war aber nicht etwa Karis Großvater, oder?«, mischte John sich mit höflich-gedämpfter Stimme ein.

Jisha zog eine Augenbraue hoch. »Oskar? Doch, genau der. Er war als junger Mann sogar im Gefängnis, weil er damals Heroin genommen hat.«

Kari blieb der Mund offen stehen. He, Moment mal, mein Großvater Oskar? Dieser freundliche, etwas kauzige alte Mann, der am liebsten in seinem halb verwilderten Obst- und Gemüsegarten vor sich hin werkelt?

»Dass Susanna – deine Mutter – geboren wurde, habe ich erst Jahre später mitbekommen. Ich habe es erst erfahren, nachdem Frida bei einem Motorradunfall gestorben war. Eigentlich hätte ich sofort nach Deutschland fahren und mich um euch kümmern müssen … aber das habe ich nicht geschafft, ich war völlig am Ende.« Jishas Blick, als sie das sagte, ließ sie zum ersten Mal wirklich alt wirken. Alt und müde. »Ich wusste ja auch nicht, was euch Frida über mich erzählt hatte, vermutlich nicht viel Gutes. Um ganz neu anzufangen, habe ich in Stockholm Psychologie studiert.«

»Und danach sind Sie … bist du … nach Deutschland gezogen?«

»Ja, um in eurer Nähe zu sein. Es lief schlecht zwischen deinen Eltern, wahrscheinlich kannst du dich nicht daran erinnern. Du warst unglücklich und hattest Schwierigkeiten in der Schule. Wenigstens dir wollte ich helfen. Als du ausgerastet bist, weil dieser Junge deine Katze schlecht behandelt hat, habe ich eingefädelt, dass du zur Behandlung zu mir geschickt worden bist.«

Karis und Jishas Blicke trafen sich und plötzlich war die Erinnerung wieder da, an diese Frau mit den langen silbergrauen Haaren, an ihre freundlichen Augen, ihre geduldigen Fragen. Karis Hand in ihrer, als sie statt zur Therapie einfach mal zum Eisessen gegangen waren. Ja, Jisha hat mir geholfen, ging es ihr durch den Kopf, und doch hatte sie noch so viele Fragen. »Warum als Frau Burgsoll?«

»Ich wollte euch nicht in Gefahr bringen«, sagte Jisha und von einem Moment auf den anderen klang ihre Stimme hart – und sie war nicht mehr die freundliche Frau Burgsoll, sondern Jisha Ulim Thordar, die Revolutionärin. »Hast du die Fürstinnen kennengelernt? Rachsüchtige Geschöpfe! Mir war klar, dass sie Späher in dieser Welt hatten und versuchen würden, mich zu finden und hinzurichten. Wie du siehst, ist es ihnen bisher nicht gelungen. Aber ein-, zweimal war es knapp.«

Kari konnte sich nur knapp von einem nervösen Blick über die Schulter abhalten. »Wieso bist du dann nach Island zurückgegangen?«

»Ganz ordinäres Heimweh«, sagte Jisha und lächelte schief. »Außerdem bin ich zu alt, um noch Angst vor dem Tod zu haben.«

Es war Zeit für gute Nachrichten. »Ich glaube, diese Gefahr ist vorbei«, sagte Kari. »Hast du gehört, was im letzten Sommer in Isslar los war?« Sie berichtete, wie sie den Sturz der Fürstinnen miterlebt hatte, erzählte von Magnus Thordars Versuch, die Macht zu übernehmen, und von Andriks Eingreifen. Jishas Gesicht leuchtete, während sie lauschte. »Endlich. Endlich werden meine Fünf Forderungen Wirklichkeit! Andrik Caymar Vikanes ist natürlich lange nach meiner Zeit in Isslar geboren worden, ich kenne ihn nicht. Aber ich mag seine Familie und Caymar ist ein starker Mondname. Erzähl mir von ihm.«

»Wenn er spricht, hören die Leute zu – und nicht nur, weil sie Angst vor ihm haben«, erzählte Kari und hörte ihr Herz laut pochen. »Lange wollte er sich nicht einmischen. Aber er ist mutig und hat ein gutes Herz …«

Sie erzählte, dass vor wenigen Jahren seine Eltern umgekommen waren – bei einem Unfall, an dem sein Bruder die Schuld trug. Dann berichtete Kari, wie sie zu ihm geritten war, um ihn um Hilfe zu bitten, und was sie voneinander gelernt hatten.

»Der richtige Mann, scheint mir«, sagte Jisha, als Kari geendet hatte. Sie legte eine ihrer Hände über Karis, eine federleichte Berührung. »Der richtige für Isslar … und für dich.«

»Glaube ich auch.« Kari spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Wahrscheinlich wechselte sie gerade die Farbe bis unter die Haarspitzen.

Jishas Ausdruck wurde eindringlich, sie lehnte sich in ihrem Stuhl nach vorne. Ihr Griff um Karis Hand wurde fester. »Es gibt jemanden in Isslar, vor dem du dich hüten musst. Der euch sehr schaden kann, dir und Andrik.«

Sofort stand Kari das kantige Gesicht des Eiswachenkommandeurs vor Augen. »Wen meinst du? Magnus Thordar?«

»Natürlich auch, wenn es stimmt, was ich über ihn gehört habe. Aber nein, den meinte ich nicht. Über die Thordars reden wir noch. Diejenige, vor der du dich in Acht nehmen musst – falls sie noch lebt –, heißt Agrina Mar. Sie ist die Schneidermeisterin, bei der ich gelernt habe. Aber man nennt sie in Khyona nicht nur deshalb die Schneiderin. Sie webt auch Schicksalsfäden und ist dabei sehr geschickt … und hinterhältig. Du darfst sie nie unterschätzen.«

Ein Schauer überlief Kari. »Aber sie gehört nicht zu einer der Fünf Familien, oder? Sonst hätte sie ja einen richtigen Nachnamen. Hat sie wirklich Macht?«

»Oh ja!« Jishas Stimme war leise und durchdringend. »Eine Menge sogar. Obwohl sie nie einen offiziellen Posten hatte, war sie immer eine enge Vertraute der Fürstinnen und hat für sie im Hintergrund die Fäden gezogen.«

»Dann hat es sich mit ihrer Macht ja nun erledigt«, meinte Kari erleichtert. »Die Fürstin und ihre Tochter sind weg vom Fenster.«

Doch Jisha blickte drein, als würde sie das keineswegs beruhigen. »Schon. Aber dass sie in Khyona viel Einfluss hat, liegt auch daran, dass in ihrer Familie magisches Talent mit absoluter Sicherheit vererbt wird. Als sie noch jung und schön war, war sie eine Art Kurtisane, viele hat sie in ihr Bett gelockt. Sie hat drei uneheliche Kinder von verschiedenen Männern … aber nicht von irgendwelchen Kerlen. Sie hat sich nur Männer aus den Fünf Familien ausgesucht.«

Patchwork pur, dachte Kari mit gemischten Gefühlen und fühlte, wie Jishas Hände die ihren wärmten. Wie seltsam, dass sie – Kari Schneider! – gerade vor einer Frau gewarnt wurde, die man die Schneiderin nannte.

»Alle drei Kinder haben starke magische Fähigkeiten«, fuhr Jisha fort. »Das ist sehr ungewöhnlich. Meist erbt nur einer von drei Nachkommen das Talent.«

»Aus welchen Familien waren denn die Väter?«, fragte Kari neugierig.

»Fjellkar, Akuri und Reykan«, berichtete Jisha und ließ behutsam Karis Hand los.

Jeden dieser Namen kannte Kari. Fjellkar hieß Maévas Familie, die Schnee und Eis beherrschte. Svala Akuri hatte zu den beiden Leuten gehört, die sie durchs Tor geholt hatten, ihre Verwandten waren magische Ingenieure. Auch der Name Reykan sagte Kari etwas – Daro Reykan hatte mitgeholfen, sie nach Isslar zu bringen, seine Familie beherrschte das Wasser.

»Wie heißen denn die Kinder der Schneiderin?«, fragte Kari neugierig. Vielleicht kannte sie ja eins von ihnen.

»Hilmar Reykan, Grimur Akuri und Lilja Fjellkar.«

Kari erschrak. Einen dieser Namen hatte sie schon mal gehört. Hilmar Reykan, war das nicht der Vater von Daro? Doch, und er war in den neuen Rat gewählt worden. Die beiden anderen Namen kannte sie nicht.

»Vielleicht lernst du sie noch kennen«, sagte Jisha. »Aber denk immer daran, geh der Schneiderin aus dem Weg. Und lass vor allem auf keinen Fall zu, dass sie Andrik oder dich in ihre Intrigen einspinnt! Das ist mein wichtigster Rat an dich.«

Noch immer war es ein seltsamer Gedanke, dass sie ein Mitglied der Familie Thordar war, ob sie wollte oder nicht. »Ich passe auf, versprochen. Was ist mit den Kindern der Schneiderin passiert?«

»Sie sind in die Fünf Familien adoptiert worden. So etwas ist üblich, wenn jemand das Talent geerbt hat.«

»Tja.« Kari lachte nervös auf. Sie hasste dieses Lachen, schaffte aber nur selten, es zu unterdrücken. »Ich habe keine Ahnung, ob ich es geerbt habe. Kannst du mich … ich weiß nicht, irgendwie testen oder so was?«

»In so was bin ich etliche Jahrzehnte außer Übung, meine Liebe«, meinte Jisha lächelnd. »Aber falls du nach Khyona zurückkehrst, werden die Thordars das garantiert als Allererstes tun, damit sie wissen, woran sie bei dir sind.«

»Oh … okay«, sagte Kari mit gemischten Gefühlen. »Dann weiß ich es vielleicht schon bald, wenn alles klappt. Ich habe die Formel für das Grüne Tor. Morgen fahren wir hin.«

»Gut. Ich hoffe, es klappt alles.« Ihre Urgroßmutter stemmte sich hoch und ging hinüber zu einem Wandschrank. Mit einem kleinen silbernen Schlüssel, in den eine Schneeflocke eingraviert war, schloss sie ihn auf und sprach währenddessen weiter. »Ich war nie wirklich glücklich darüber, dass ich eine Thordar bin. Du wirst noch merken, dass es keine einfache Familie ist. Also viel Glück, du wirst es brauchen.«

Sie holte einen kleinen braunen Trinkbecher hervor, der aus gebranntem Ton zu sein schien. In die Seite war eine Gewitterwolke eingearbeitet, anscheinend ein Symbol für Wind. »Dieser Becher ist mehr als zweihundert Jahre alt, er ist ein Familienerbstück. Ich hatte ihn dabei, als ich fliehen musste. Wenn du diesen Becher den Thordars zeigst, werden sie wissen, dass du wirklich eine von ihnen bist.«

Kari schluckte. Vorsichtig nickte sie, nahm den Becher und brachte ihn in ihrem Rucksack unter. Dann zückte sie etwas verlegen ihr Handy. »Ginge vielleicht ein Selfie mit uns beiden … für Alice? Und für mich natürlich, als Erinnerung?«

»Na gut, eins«, sagte ihre Urgroßmutter nach langem Zögern.

Zum Abschied durften sich Kari und John Lesestoff für ihre Reise aussuchen. John entschied sich schnell für einen isländischen Roman, doch Kari stöberte länger. »Habt ihr irgendetwas über die Fabelwesen … etwas, was, du weißt schon, halbwegs realistisch ist?«, raunte Kari ihrer Urgroßmutter ins Ohr. So was könnte ich wirklich gut brauchen, schließlich gibt es in Isslar verdammt viele solcher Wesen!

Mit einem schiefen Lächeln zog Jisha ein Buch aus dem Regal. Neugierig las Kari den Titel. Wie man Trolle zähmt. Das Buch hatte etwa dreihundert Seiten und war vermutlich voller guter Tipps. »Das muss ich haben«, sagte Kari.

»Schlag es vielleicht erst mal auf«, meinte Jisha und schmunzelte.

Verblüfft stellte Kari fest, dass nur die ersten Seiten bedruckt waren. Und auch sie enthielten nur wenige Sätze.

Schritt 1: Sie können einen Troll nicht zähmen. Nehmen Sie eine starke Lichtquelle und bringen Sie ihn um.

Schritt 2: Hacken Sie den Kopf des versteinerten Trolls ab.

Schritt 3: Verschenken Sie den Kopf. Er eignet sich hervorragend als Gartendekoration.

Die restlichen zweihundertsiebenundneunzig Seiten des Buchs boten Platz für Notizen.

Kari nahm es sportlich. »Ich hätte es trotzdem gerne. Notizen hätte ich mir schon bei meinem ersten Besuch in Khyona machen sollen.« Sie brachte das Werk in ihrem Rucksack unter und wandte sich noch einmal an Jisha. »Danke. Für alles. Auch für die, äh, Therapie damals.«

»Nichts zu danken«, gab ihre Urgroßmutter trocken zurück. »Das hat alles die Krankenkasse bezahlt.«

DYRADALUR

Wieder einmal befühlte John die Stelle, wo auf seiner Wange anscheinend ein neuer Pickel spross. Immer wenn er nervös war, wanderten seine Finger wie von selbst dorthin. Und jetzt war er eindeutig nervös, denn seit er diese eigenartige Buchhändlerin getroffen hatte, waren seine letzten Zweifel, ob es Isslar wirklich gab, verflogen. »Eins ist schon mal sicher – du hast eine sehr coole Urgroßmutter«, sagte er zu Kari, als sie durch Nebenstraßen wieder zum Hotelzimmer zurückgingen. »Man könnte glatt neidisch werden.«

»Jedenfalls ist es mir sehr viel lieber, dass ich sie als Ahnin habe und nicht diese fiese Schneiderin«, sagte Kari und stieß die Luft aus.

»Stimmt, sonst müsstest du nach der Familientradition anfangen mit dem Kinderkriegen«, meinte John und Kari rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen. Oder versuchte es jedenfalls. John hatte ziemlich gute Reaktionen aus der Zeit, in der er Badminton gespielt hatte.

Dann wurden sie beide ernst. »Freust du dich schon auf Isslar … oder bist du eher nervös?«, fragte John, was Alice sie garantiert auch schon gefragt hatte. Vielleicht sollte er versuchen, sie zu überreden, dass er mitkommen konnte? Bisher war sie entschlossen, allein zu gehen.

»Ich freue mich schon so sehr, dass ich es fast nicht mehr aushalte … und ich bin schrecklich nervös«, sagte Kari und John hörte das Zittern in ihrer Stimme. Auf keinen Fall wollte er, dass sie jetzt losheulte, bloß nicht, dann machte er sich lieber zum Deppen. »Ist vielleicht blöd, aber … könntest du diesmal ein paar Fotos machen? Von Khyona, Andrik, den Eisdrachen …«

»Klar.« Es funktionierte, schon grinste Kari wieder. »Darauf kannst du so dermaßen wetten. Falls mein Handy dort nicht funktioniert, hab ich noch die hier.« Sie holte ihre kleine Digitalkamera aus der Jackentasche. »Diesmal bin ich vorbereitet!«

Als sie zurückkamen, waren die beiden anderen gerade ebenfalls eingetroffen. Ella zeigte ihnen begeistert ihre neusten Fotos. »Schaut mal, dieses Licht, ist das nicht unglaublich!« Und Leyla tänzelte in ihrer neusten Erwerbung herum, einem T-Shirt mit Wikinger-Motiv.

Doch die Stimmung kippte, als Kari ernst wurde und meinte: »Okay, lasst uns mal den Plan für morgen besprechen. Wir fahren früh los zu diesem Tal Dyradalur, ihr setzt mich ab und fahrt weiter nach Thingvellir …«

»Quatsch! Wir warten auf jeden Fall so lange, bis der Typ da ist«, sagte Ella und legte die Kamera weg. »Dein geheimnisvoller Lover! Den wollen wir natürlich kennenlernen, das ist klar, oder?«

John sah, wie ein Ruck durch Kari ging. »Das … ich fürchte, das wird nicht gehen.«

»Äh, wie?«, fragte Leyla, hörte auf, sich im Spiegel zu bewundern, und setzte sich auf die Bettkante. »Aber … du kannst schon verstehen, dass wir neugierig sind, oder? Wieso ist es denn so supergeheim? Jetzt sag nicht, der Kerl ist irgendein Promi und du hast Angst, dass wir etwas ausplaudern?«

Promi? Ja, stimmt eigentlich, soweit ich das verstanden habe, ist er der Herrscher von Khyona, ging es John durch den Kopf, aber er schaffte es, den Mund zu halten. »Haha, nein«, sagte Kari. »Ist er nicht, nur … äh, ein bisschen menschenscheu … und es ist auch eine … hm, komplizierte Beziehung und …«

»Jetzt mal ernsthaft, Locke!« Ella stemmte die langen, dünnen Arme gegen ihre Hüften. »Ich werde dich nicht einfach im Nirgendwo aussetzen, ohne zu wissen, ob du dort auch wirklich abgeholt wirst! Was für eine beschissene Freundin würde so was tun? Wir würden uns die ganze Zeit über Sorgen machen und deine Eltern würden mich vierteilen!«

»Die werden das nicht erfahren«, sagte Kari schnell. »Bitte, Ella, ohne euch komme ich nicht dorthin! Das Tal ist ein bisschen abgelegen und …«

»Aber wieso triffst du dich mit ihm dann ausgerechnet da und nicht in Reykjavik?«, fragte Leyla entgeistert. Man merkte ihr deutlich an, dass sie gekränkt war, weil Kari so wenig über diesen mysteriösen Freund verriet.

»Hast du doch gehört, er ist menschenscheu«, mischte sich John ein.

Kari nickte und biss sich auf die Lippe. »Bitte. Ich muss dorthin und ich habe nicht genug Geld für ein Taxi, dazu ist es viel zu weit.«

Die beiden anderen wirkten nicht überzeugt. Schweigen schob sich zwischen sie, ein schweres, verlegenes Schweigen.

John hinderte seine Finger gerade noch daran, wieder an diesem neuen Pickel herumzutasten. Ich muss Kari helfen, bevor hier alles auseinanderfällt!

»Ach, ist doch kein Problem«, meinte er betont beiläufig. »Wir setzen sie ab und sie ruft uns auf dem Handy an, sobald alles geklappt hat.«

Sein Lohn war ein dankbarer Blick von Kari. Yay. Patchworkbrüder mussten eben immer wieder beweisen, dass sie nützlich waren.

»Na gut, okay«, lenkte Ella nach kurzem Zögern ein, dann setzten sie und Leyla sich neben Kari aufs Sofa und umarmten sie beide. »Liebe ist schön!«

»Liebe ist schön!«, echote John schwach und tat so, als versuche er, den Fernseher in Gang zu setzen. Ungebeten kam die Erinnerung an Cecily zurück. Ja, er hatte sich in sie verliebt, und nein, er wollte sie niemals wiedersehen.

Sie war ihm eindeutig zu tödlich.

***

Kari spürte, wie Erleichterung in ihr hochwallte, als sie endlich im Talkessel von Dyradalur parkten. Wie ihre Eltern vor so unendlich langer Zeit. Diesmal war es erst Anfang August und die Gegend zeigte sich in grüner Pracht. Dick und weich waren das Gras und Heidekraut, über das sie ging.

Jetzt kam die erste Schwierigkeit – eine, mit der Kari schon gerechnet hatte. Ich muss Andrik Bescheid geben, dass ich hier bin, damit er mich auf der anderen Seite des Tors abholen kommt und mir hilft, nach Khyona zu kommen. Aber das geht nur mithilfe der Elfen.

Dort vorne lag der einzelne, große Felsen, bei dem die Elfen wohnten, keine fünfzig Meter von ihr entfernt. Nur leider hatten die anderen darauf bestanden, mit auszusteigen. Ella und Leyla hatten es sich schon am Picknicktisch gemütlich gemacht, an dem Daro und Svala damals gewartet hatten, und ein buntes Sortiment von Lebensmitteln aus dem isländischen Supermarkt – Skyr, einen ganzen Eimer Heidelbeeren, sehr lecker riechende Lammwürstchen – ausgepackt. John sah sich neugierig um. Kari schickte ihm einen bittenden Blick und wünschte, sie hätte mehr Zeit gehabt, ihren Plan mit ihm abzusprechen.

»Wieso schaust du so komisch, hast du Magenbeschwerden?«, fragte Leyla und lachte, doch zum Glück kapierte John sofort.

»Hey, cool – da ist ein Wanderweg, den könnten wir mal ausprobieren«, sagte er und Ella, die ein Bewegungsmensch war und viel Auslauf brauchte, blickte interessiert auf, während sie in ein Lammwürstchen biss. Nach einer Zeit, die Kari endlos vorkam, packten sie und Leyla ihr Picknickzeug zusammen. »Na dann, wir gehen mal ein Stück«, sagte sie beiläufig. Doch der Blick, den sie Kari zuwarf, zeigte deutlich, dass ihr klar war, dass sie aus dem Weg geschafft werden sollte. Aber dass sie ihrer Freundin zuliebe die Komödie mitspielte.

Kari war furchtbar elend zumute. Ehrlichkeit war uns immer wichtig, und jetzt das. Sie vertraut mir. Noch. Wird das unsere Freundschaft kaputt machen?

Doch sie rief nicht »Wartet!«, kein Wort kam über ihre Lippen, während sie sich zwang, stehen zu bleiben. So lange, bis ihre Freundinnen außer Sicht waren. John kraxelte auf die Kraterwände hinauf, hin und wieder sah sie ihn über der Felskante auftauchen. Dann endlich signalisierte er, dass Ella und Leyla außer Sichtweite waren und nicht etwa der Versuchung nachgaben, heimlich zu schauen.

Schritt für Schritt näherte Kari sich dem Felsen, der ihr bis zu den Schultern reichte, und versuchte, sich daran zu erinnern, wie man Elfen rief. »Hallo, ich bin Kari Feuermädchen, seid gegrüßt – ich weiß, dass ihr hier wohnt«, sagte sie und verbeugte sich.

Es passierte genau das, was gewöhnlich dabei herauskommt, wenn man mit Felsen spricht. Nichts.

Zeit für Plan B. Kari zog einen der beiden Gegenstände, die sie aus Isslar mitgebracht hatte, aus ihrer Jacke – die weiße Obertonflöte. Dann setzte sie sich aufs Gras, das noch ein bisschen feucht vom Tau war, und begann, ein Rondo zu spielen. Und tatsächlich, nach ein paar Minuten hörte sie ein leises Rascheln. War das nur der Wind in den Gräsern oder tatsächlich das Trappeln von kleinen Füßen? Ja, es war tatsächlich …

»Kari?« Johns Stimme.

Ganz kurz setzte Kari die Flöte ab, um ihn mit dem Arm wegzuwinken. Nicht jetzt!

Sie versenkte sich wieder in ihr Rondo und hielt den Felsen im Auge.

»Kari!«

»Was denn?!«, rief Kari entnervt zum Kraterrand hoch.

»Hab was gefunden. Besser, du schaust es dir mal an.«

Seufzend, aber auch beunruhigt – was konnte er entdeckt haben, das nicht warten konnte? –, verstaute sie die Flöte wieder in ihrer Jacke und stapfte den steilen, grasbewachsenen Hang hoch, dorthin, wo John stand. Er winkte sie weiter bis zu einer gut verborgenen Felsnische. Und dort … stand ein Zelt. Es war ein niedriges Einmannzelt in einem hellen Grün, fast dem gleichen Farbton wie das Gras. Dem Boden in der Umgebung sah man an, dass das Zelt nicht erst seit gestern hier stand. Doch gerade war offensichtlich niemand da, der Reißverschluss des Eingangs war zu.

Beunruhigt betrachtete Kari das Zelt. »Hier wohnt jemand? Seltsam. Hier ist kein Trinkwasser in der Nähe, nichts.«

»Ich finde das auch eigenartig«, sagte John. Konnte es sein, dass Andrik rübergekommen war und nun hier wohnte? Er ging ein paar Schritte auf das Ding zu und machte Miene, den Reißverschluss aufzuziehen.

»Was machst du?«, zischte Kari erschrocken. »Du kannst doch nicht einfach … der denkt doch, du willst seine Sachen klauen!«

John trat einen Schritt zurück und schaute sich noch einmal um. »Ja okay, ich bin auch nicht scharf auf Ärger.« Mit gesenktem Blick stapfte er herum, versuchte anscheinend, Spuren zu verfolgen, die vom Zelt wegführten. Doch das war schwer. Wer auch immer seine Behausung hier aufgestellt hatte, hatte darauf geachtet, keine Trampelpfade zu schaffen. Nichts deutete daraufhin, dass das Zelt jemandem aus Isslar gehörte.

»Sorry, tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Aber es kam mir sehr merkwürdig vor«, sagte John schließlich und Kari nickte. »Kein Problem«, meinte sie. »Derjenige ist gerade eh nicht da, das heißt, er stört mich nicht. Ich versuch’s unten bei dem Felsen noch mal.«

Wieder setzte sie sich, wieder begann sie zu spielen. Hoffentlich kommen jetzt nicht irgendwelche Touris auf der Straße entlang und halten hier!

Anscheinend hatten die Elfen sie bereits beobachtet, denn diesmal klappte es auf Anhieb, sie zu rufen. Eine von ihnen, in einem dünnen gelben Kleid, das wirkte wie aus Sonnenstrahlen gewebt, sprang hinter dem Stein hervor und strahlte Kari an. »Kiii, ich kenne dich! Du hast uns mal besucht, der Herr des Feuers war bei dir.«

»Ja genau – Andrik«, sagte Kari erfreut. Schon seinen Namen laut auszusprechen, fühlte sich sensationell an. »Kannst du ihm eine Botschaft von mir bringen?«

»Freuen wird er sich, freuen!«, rief die Elfe und wirbelte mit elegant erhobenen Armen um sich selbst. Dann hielt sie abrupt inne und legte den Kopf schief. »Und was ist mein Lohn?«

Darauf war Kari zum Glück vorbereitet. »Eine essbare Wolke«, sagte sie feierlich und holte aus ihrem Rucksack einen Marshmallow hervor. Der eignete sich hoffentlich auch als Belohnung, denn richtig wolkig aussehendes Popcorn hatte sie gerade keins.

Die Elfe nahm ihn in beide Hände, biss eine Ecke ab und schloss verzückt die Augen. Na also, ging doch. Kari holte die Botschaft hervor, die sie im Laufe der letzten Monate schon zehnmal neu geschrieben hatte. Es war nur ein kleiner Zettel, genau elfenhandgroß, aber sie hatte das schönste Papier benutzt, das sie hatte auftreiben können. Die Elfe riss ihn ihr aus der Hand, faltete ihn auf und las ihn sich ganz in Ruhe durch.

»Moment mal …«, protestierte Kari schwach.

Eine zweite Elfe unterbrach sie. »Es ist auch eine Botschaft für dich da«, verkündete sie und reichte ihr mit einer schwungvollen Verbeugung ein zerknittertes, dreckiges Stück Papier. Sah eher nach einem Lappen aus, mit dem sich Trolle die Füße abgeputzt hatten, als nach einer Nachricht. Trotzdem konnte Kari ihr das Ding gar nicht schnell genug aus der Hand pflücken.

Mittwinter, im 1. Jahr der neuen Zeit.

Kari,

endlich bist du da, endlich. Du fehlst mir mehr als das

Sonnenlicht. Falls du noch jemanden mitnehmen willst, ich habe das Tor so verändern lassen, dass auch ein normaler Mensch passieren darf. Bis hoffentlich bald!

Andrik

Mehrere Monate war es her, dass er das geschrieben hatte. Denkt er immer noch an mich? Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden. Sofort waren die Sorgen wieder da.

»Beeil dich – bitte«, bat Kari die Elfe, die inzwischen mit einem breiten Grinsen ihre ähnlich romantische Botschaft gelesen hatte. Immerhin, diesmal verschwand sie hinter dem Stein und bequemte sich hoffentlich so schnell wie möglich nach Khyona.

Drei Stunden waren es noch bis Mittag. Bis zu dem Moment, in dem das Grüne Tor aufgehen würde. Bis dahin konnte Andrik mit seinem halb zahmen Wildpferd Fiala leicht hier sein.

Kari kletterte hoch zum Grünen Tor, um es aus sicherer Entfernung in Augenschein zu nehmen. Sie übte im Geiste den Spruch, den sie brauchte, um hindurchzukommen … und erschrak, als unten auf dem Pfad Ella und Leyla »Huhu! Hey, Kari! Total schön hier – magst du ein Stück mitkommen?« riefen.

Drei Stunden hatte sie noch mit ihren Freundinnen, bevor die beiden, zusammen mit John, Island allein erkunden würden und eindeutig mehr von diesem Land sehen würden als sie! Etwas entspannter als zuvor wanderte Kari mit, schaffte es sogar, mit Ella herumzublödeln und John aufzuziehen wie in der guten alten Zeit, als sie sich noch nicht hatten ausstehen können.

Um elf Uhr dreißig waren sie zurück in Dyradalur. Karis Nerven flatterten. Bald war es so weit, bald, bald! Sie wuchtete sich den Rucksack auf den Rücken, dann umarmte sie Ella, Leyla und John. »Danke für alles«, sagte sie. »Ich ruf euch an. Ihr könnt ruhig schon fahren.«

»Nein«, sagte Ella fest. »Wir bleiben hier und warten meinetwegen im Auto, bis du anrufst, Locke.«

Kari atmete tief durch. Das war total süß, aber besorgte Freundinnen waren fast so schlimm wie besorgte Eltern. »Okay. Danke. Ich wünsche euch eine wunderbare Rundreise!«

Sie wanderte ins schmale Tal hinein, bog dann abrupt nach links ab und kletterte den Hang hoch bis zum Grünen Tor. Dort wartete sie unruhig, bis sie einen einzelnen Ton hörte, wie eine Basssaite, die angeschlagen wird, und die Energiewelle spürte, die sie durchlief. Das Tor war offen!

Hektisch und so knapp wie möglich, erledigte Kari den Pflichtanruf bei ihren Freundinnen und John – auf der anderen Seite würde sie garantiert keine Verbindung haben. »Alles okay bei mir, tschüss dann.« Schwitzend vor Aufregung, legte sie die Handfläche auf die sonnenwarme, von grüngrauen und gelblichen Flechten überwachsene Felswand. Und sprach die Worte, die sie im letzten Jahr, laut und im Kopf, tausendmal wiederholt hatte: »Xanthiar mutabel loram eydur shi’karan. Shi’karan ellswor wunyalish hiyanur fridaselik dragar.«

Diesmal wurde ihr nur kurz schwindelig und das Gefühl verging schnell. Hastig kletterte Kari die wenigen Schritte hoch zur Hügelkuppe, fiel fast über die eigenen Füße vor Aufregung … und atmete tief durch. Die Straße war weg, der Parkplatz, die Hinweistafel. Nichts deutete mehr auf ihre Welt hin.

Ich bin in Isslar.

Hoffnungsvoll drehte Kari sich um die eigene Achse, suchte die Gegend mit den Augen ab. Kein Zeichen von Leben. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und wirbelte ihr die blonden Haarsträhnen ins Gesicht. Erst auf den zweiten Blick sah sie die Gestalt im dunklen Umhang, die etwa fünfzig Meter entfernt auf dem Hügelkamm stand.

Heiße Freude durchzuckte Kari … doch dann schaute sie genauer hin. Ist das Andrik? Nein, ich glaube nicht … der da ist kleiner und hat eine andere Haltung. Wer bei allen Geysiren Islands kann das sein? Die Kapuze des Umhangs verbarg das Gesicht des Fremden, tauchte es in Schatten und der im Wind flatternde Stoff machte es schwer, den Körperbau zu erkennen.

Vielleicht Bjarni?, ging es Kari durch den Kopf. Nein, dafür ist diese Gestalt wiederum zu groß, so viel wird mein Exdiener in einem Jahr nicht gewachsen sein. Ist es Maéva? Nein, deren Umhang hat eine silberne Stickerei an der Kapuze. Oder trägt sie diesmal einen anderen Umhang?

Allmählich kroch ein flaues Gefühl in Kari hoch. Hoffentlich ist es nicht Daro Reykan. So richtig leiden konnte ich ihn nie, und seit ich ihm den Tritt in die Weichteile verpasst habe, ist es endgültig aus mit der wunderbaren Freundschaft. Oder … nein, das kann nicht sein. Ein Schauder überlief sie. Gabrissa ist es bestimmt nicht, diese widerliche Fürstentochter … sie ist im Kerker – aber was, wenn nicht? Oder vielleicht ist es Magnus Thordar, der Chef der Eiswache? Aber würde er dann nicht jene scheußliche weiße Uniform tragen, die aus der Haut abgeschossener Drachen besteht?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Kari ruckelte das Gepäck auf ihren Schultern zurecht und marschierte los.

***

John war erleichtert. Geschafft. Kari war drüben!

»Gut, dass alles geklappt hat – aber irgendwie seltsam, dass dieser isländische Freund nirgendwo in Sicht ist«, meinte Ella und blickte sich um. Endlose Minuten vergingen, bis sie endlich seufzte, den Motor des Wagens startete und ausparkte. »Ich hoffe, sie hat eine tolle Zeit – wir machen es uns auch schön, was, Leute?«

»Klaro«, sagte Leyla und fummelte an der Musikanlage herum. »Aber unsere Eltern werden Fotos sehen wollen … und auf denen ist Kari dann nicht drauf.«

»Ja, das wird schwierig«, sagte John. »Aber ein paar Aufnahmen haben wir ja von hier und aus Reykjavik.« Es war beklemmend gewesen, wieder in Dyradalur zu sein, wo sie Kari im letzten Jahr so verzweifelt gesucht hatten. War sie schon durchs Tor geschritten? Während Ella losfuhr, verrenkte sich John fast den Hals, um den Kraterrand im Auge zu behalten, und versuchte, einen Blick auf Kari zu erhaschen. Moment mal, war da nicht eine Bewegung gewesen? Ja, dort oben war jemand.

Jemand mit einer braunen Jacke.

Karis Jacke war grün.

Verdammt!

»Halt!«, stieß John hervor und packte den Rand des Vordersitzes. »Halt an!«

Instinktiv trat Ella voll auf die Bremse und ihr Mietwagen hielt mitten auf der Straße an. Zum Glück war niemand hinter ihnen, es kam nur alle paar Minuten mal ein Auto vorbei. »Puh – na ja, jetzt wissen wir wenigstens, dass die Bremsen was taugen«, meinte Ella. »Was ist denn?«

»War da etwa ein Troll?« Leyla lachte. »Oder vielleicht eine …«

»Bin gleich wieder da«, sagte John, sprang aus dem Wagen und rannte neben der Straße zurück ins Tal, quer über das grasbewachsene Innere des Kraters, hoch zum Grünen Tor. Niemand da. Aber ich habe mich nicht getäuscht! Das muss der Typ gewesen sein, der im Zelt lebt. Komischer Zufall, dass der gerade dann aufgetaucht ist, als Kari durchs Tor gegangen ist! Zu komisch für meinen Geschmack.

John hastete weiter, zum Zelt, das sie vorhin entdeckt hatten. Auch hier kein Schwein in Sicht. Nur ein leichter Geruch nach Fruchtbonbons lag in der Luft. Das war ein Geruch, den John kannte und der ihm einen Schauer über den Rücken jagte.

Diesmal zögerte er nicht. Er zerrte den Reißverschluss des Zelteingangs hoch und spähte ins Innere. Drinnen war der Geruch noch stärker. John wurde ganz kalt, als er den braun gemusterten Rollkragenpullover sah, der auf dem Schlafsack lag. Den kannte er aus dem letzten Sommer. Sein Magen verwandelte sich in einen Eisklumpen. Cecily ist hier!

Sofort wurde er sehr, sehr vorsichtig. Eben war er noch drauf und dran gewesen, ins Zelt hineinzukriechen und es zu durchsuchen, doch während er innehielt, bemerkte er den schwachen Lichtreflex ein paar Zentimeter unterhalb seines Kinns. Ein unglaublich dünner Draht – er war genau dort gespannt, wo jeder Eindringling sich daran den Hals aufschlitzen würde!

Ohne sich zu bewegen, ließ John die Augen schweifen. Nun bemerkte er auch die Reißzwecken, die mit der Nadel nach oben auf der Innenseite des Zelts verstreut waren, dort, wo man sie sich leicht in eine Hand oder ein Knie rammte. Waren die vergiftet? Er wettete, dass es so war, und zog sich nach draußen zurück, um sich die Winterhandschuhe anzuziehen, die in seinen Jackentaschen steckten. Nein, ich fasse nichts in diesem Zelt ohne Handschuhe an! Seit letztem Sommer weiß ich mehr über Kontaktgift, als ich jemals wissen wollte!

Von den Handschuhen geschützt und wie in Zeitlupe, wagte er, nach einem der Bücher zu greifen, die neben dem Schlafsack gestapelt waren. Obenauf ein Band mit Schriften von Friedrich Nietzsche. Mit bebenden Fingern blätterte John es auf. C. LINDSTRÖM stand darin.

Noch konnte er es nicht wirklich fassen. Gleichzeitig fühlte er sich, als wäre eine jagende Löwenmeute in der Nähe. Hastig zog er sich zurück, richtete sich auf. Dann fiel ihm etwas ein und er stapfte im Eiltempo durchs Gelände zum Grünen Tor.

Es dauerte eine Viertelstunde, bis er die Kameras gefunden hatte. Sie waren nur so groß wie Ein-Cent-Münzen und Cecily hatte sie geschickt in Felsspalten und Heidekrautbüscheln versteckt. Es waren drei und sie waren genau auf das Grüne Tor gerichtet gewesen.

»Großer Gott!«, stöhnte John. Wieder mal war er so ein Depp gewesen! Wieso hatte er dieses Mädchen unterschätzt, obwohl er wusste, dass sie eine Assassinin war und unglaublich raffiniert? Nick Jameson, die Hauptfigur seines Thriller-Drehbuchs, hätte natürlich daran gedacht, die Umgebung des Tores auf verdächtige Anzeichen und Aktivitäten feindlicher Agenten zu überprüfen. Er hätte dieses fremde Zelt schneller aufgeschlitzt, als man »Smith and Wesson« sagen konnte, und wäre dann gewarnt gewesen. Cecily muss hier gewartet haben, wahnsinnig geduldig gewartet haben … und als Kari durchs Tor geschritten ist, hat sie alles inklusive der Formel aufgezeichnet! Ist sie auch durchgegangen nach Isslar? Sieht fast so aus!

John schrie ein paar Flüche in den Wind und trat gegen die Felswand, was ihm schmerzende Zehen, aber keine neuen Erkenntnisse bescherte.

Er hatte den dumpfen Verdacht, dass es Kari schwerfallen würde, ihre Zeit in Khyona zu genießen.

WENN DER EISDRACHE ERWACHT

Aus der Nähe sah der Fremde immer weniger aus wie Andrik. Er war kleiner und breitschultriger. Noch während sich Kari fragte, ob es kriminell dumm war, ihm einfach so entgegenzugehen, warf der fremde Mann die Kapuze zurück und sie erkannte das hellblonde Haar von Raik Akuri. Des jungen Mannes, dem sie geholfen hatte, den Fängen der Fürstin zu entkommen und seine Freundin zu heiraten. Früher Andriks bester Freund … und inzwischen vielleicht wieder?

Erleichtert atmete Kari aus.

Raik lächelte sie an, schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen. »Ceci… äh, Kari«, sagte er und legte die Hände im Schneeflockengruß übereinander. »Bei Sigurd, ich fürchte, es wird noch ein bisschen dauern, bis ich mich an deinen richtigen Namen gewöhnt habe.«

Kennengelernt hatte er sie als Cecily, die angebliche Assassinin. Doch er hatte im Gegensatz zu den anderen nie daran geglaubt, dass sie eine Mörderin war. Kari freute sich, dass er hier war, und fühlte sich doch enttäuscht. »Sommerwohl, Raik«, sagte sie, lächelte ihn an und setzte verlegen hinzu: »Ich hatte gedacht … dass vielleicht Andrik …«

Raik schüttelte den Kopf. Jetzt fiel Kari auf, wie besorgt und gehetzt er wirkte. »Er hätte dich furchtbar gerne abgeholt, aber …«

Die Sorgen krochen in Kari hoch wie schwarze Schlangen, versuchten, sich um ihr Herz zu winden. »Aber? Geht es ihm gut?«

Der junge Mann zögerte. »Na ja, er … das ist ein bisschen schwer zu erklären, es ist gerade eine schwierige Phase und …«

»Wieso das?«

»Das, äh, wie soll man das sagen …«

Wie seltsam, dass Raik so herumdruckste. Irgendwas stimmte hier nicht, wieso wich er ihrem Blick aus? Und jetzt ging er, statt zu antworten, mit langen Schritten los und winkte ihr, ihm zu folgen. »Jedenfalls hat er mich geschickt, dich abzuholen, weil er nicht mehr weiß, wem er sonst vertrauen kann. Da vorne sind die Pferde, wir müssen sofort los. Du fällst nicht runter, wenn wir galoppieren, oder?«

»Nee, meistens nicht«, versicherte ihm Kari und versuchte, mit Svalas Bruder Schritt zu halten. »Was ist denn los? Habt ihr eine Krise?«

»Oh ja, die haben wir«, sagte Raik bitter, plötzlich wieder gesprächig. »Es ist noch Sommer, aber unsere Kundschafter haben gesehen, dass die Eisdrachen sich schon jetzt in großen Schwärmen sammeln. Als würden sie üben, gemeinsam anzugreifen.«

Kari erinnerte sich daran, was es hieß, wenn auch nur ein Eisdrache angriff – das gewaltigste Raubtier dieser Welt. »Das heißt, wir müssen so schnell wie möglich unter die Sturmbögen, oder?« Die Sturmbögen, die die Oberstadt umgaben, schufen ein Kraftfeld, unter dem die Innenstadt wie unter einer Schutzkuppel geschützt war.

»Ja … Nein …« Raik holte tief Luft. »Die Sturmbögen funktionieren gerade nicht. Alle unsere magischen Ingenieure versuchen, sie wieder zum Leben zu erwecken.«

»Oh nein«, entfuhr es Kari.

»Wir wissen noch nicht, ob wir es rechtzeitig schaffen. Andrik hat gesagt, ich soll dich irgendwo außerhalb von Khyona in Sicherheit bringen.«

Verwirrt und erschrocken, versuchte Kari, mit dem jungen Mann Schritt zu halten. Dort vorne standen schon zwei Reittiere, ein Rappe und ein sahnefarbenes Pferd mit dunkler Mähne. »Oh, du hast Skandia mitgebracht!«, sagte Kari erfreut und kraulte der Stute, die ihr die Nase entgegenreckte, die Stirn.

»Natürlich, die hast du doch im letzten Sommer immer geritten.« Raik half ihr rasch, ihr Gepäck hinter Skandias Sattel zu befestigen, dann nahm er die Zügel des Rappen und saß auf. Kurz darauf war auch Kari bereit loszureiten.

»Aber … was ist, wenn uns die Eisdrachen entdecken?«, fragte Kari und blickte instinktiv zum Himmel. »Würden sie uns dann angreifen?«

»Mein magisches Talent ist ziemlich stark«, erinnerte sie Raik, während sie losritten. »Damit kann ich den Himmelsbogen beleben, den ich dabeihabe.« Er klopfte auf seine Satteltasche. »Das ist sozusagen ein Sturmbogen in klein, ich kann ihn so aufspannen, dass wir drunterpassen. Auch ein Grund, warum Andrik mich geschickt hat. Von diesen Dingern gibt’s übrigens nur fünf in ganz Isslar.«

Raik ließ sein Pferd so hart angaloppieren, dass sein Umhang hinter ihm herwehte, und Kari musste Skandia nicht lange bitten, dem Rappen zu folgen. »Wo reiten wir jetzt hin?«, schrie sie zu ihm hinüber.

»Es gibt ein verstecktes Tal ein paar Meilen weiter«, gab Raik zurück.

Eine wilde Mischung aus Gedanken tobte in Kari. Andrik war in Khyona, natürlich musste er als Herrscher der Stadt vor Ort bleiben … aber was war, wenn er bei diesem Eisdrachenangriff verletzt wurde? Wie sollte sie es aushalten, ihm so nah zu sein und ihn trotzdem nicht sehen zu dürfen?

Ein gewagter Gedanke machte sich in ihrem Kopf breit. Vielleicht kann ich dabei helfen, den Angriff zu verhindern. Im letzten Herbst habe ich mit diesem jungen Eisdrachen Verbindung aufgenommen und er hat mir geholfen, vielleicht kann er vermitteln oder so was!

Wahrscheinlich würde Raik sie auslachen, wenn sie ihm das sagte.

Als Raik sein Pferd in einen Tölt fallen ließ, damit es sich ausruhen konnte, sagte Kari zu ihm: »Raik, vergiss das mit dem Tal. Wir reiten nach Khyona. Vielleicht können wir helfen. Ich bin sicher, wir können helfen.«

Das war ganz schön dreist. Früher – vor ihrer Zeit in Isslar im letzten Sommer – hätte sie sich nie getraut, so was vorzuschlagen. Aber damals hatte sie auch nicht gewusst, dass sie zur Not mit wütenden Trollen, skrupellosen Fürstinnen und zudringlichen Jungmagiern fertigwerden konnte.

Der breitschultrige Blondschopf starrte sie mit gerunzelter Stirn an und hielt seinen Rappen am kurzen Zügel, damit er nicht wieder voranstürmte. »Andrik und ich haben es gerade erst geschafft, unsere Freundschaft wiederzubeleben. Wenn er mich bittet, dich zu schützen, dann mache ich das, verstehst du?«

»Natürlich machst du das, aber das kannst du in Khyona tun, dort funktioniert dieser Himmelsbogen doch bestimmt auch.« Kari blickte ihrem Begleiter tief in die Augen. »Denk dran, du bist ein Akuri … sie brauchen dich, um die Sturmbögen zu reparieren!«

Raik kniff die Lippen zusammen, dann lächelte er plötzlich. »Er hat mich gewarnt, dass du so was versuchen könntest. Du seist manchmal ein ganz schöner Sturkopf.«

»Und was sollst du dann tun?« Kari hielt den Atem an, wartete.

»Das soll ich selbst entscheiden, hat Andrik gesagt.« Raik musterte sie forschend. Dann wendete er seinen Rappen plötzlich und drückte ihm die Absätze in den Bauch. »Na gut – auf nach Khyona! Ich kann zwar gut darauf verzichten, mich mit Kälte spuckenden Reptilien herumzuschlagen, aber soweit mir Maéva erzählt hat, mögen die dich irgendwie. Vielleicht kommst du darauf, was die Biester mit uns vorhaben.«

Kari brachte kein Wort heraus, sie nickte nur.

Dann ließ auch sie ihr Pferd angaloppieren.

***

John fühlte sich, als hätte ihm jemand flüssiges Blei in seine Adern gepumpt. Heiß und schwer kreiste es in ihm, versuchte, ihn zu Boden zu ziehen. Hölle und Teufel, ich kann Kari nicht mal warnen, dass ihr eine Assassinin nach drüben gefolgt ist. Nachrichten rüberschicken geht ja anscheinend nicht.

Es war eine Katastrophe, dass Cecily nach Isslar gelangt war. Konnte er irgendetwas tun, Kari irgendwie helfen? Wiedergutmachen, dass er so dermaßen versagt hatte? Wahrscheinlich nicht. John untersuchte die Kameras sorgfältig. Aha, sie speicherten ihre Bilder auf Mikro-SD-Karten; die hatte Cecily natürlich herausgenommen. Gab es hier noch irgendwo einen Sender, weiteres Equipment? Irgendwelche Spuren von Cecily?

Kurz warf John einen Blick ins Tal, wo die beiden Mädchen neben dem Auto standen und verständnislos in seine Richtung glotzten. Dann ließ er sich auf Hände und Knie nieder – völlig egal, wie dämlich das aussah! – und suchte mit Augen und Fingern jeden Quadratzentimeter rund um das Grüne Tor ab.

Er fand keinen Sender. Aber dafür eine der Mikro-Speicherkarten, die Cecily anscheinend aus der Tasche ins dichte Gras gefallen war.

»Wie beruhigend, dass du auch nicht perfekt bist«, murmelte John. Aber sie war ihm im letzten Sommer immer einen Schritt voraus gewesen … konnte es sein, dass sie das Ding absichtlich fallen gelassen hatte? Dass dies hier eine Falle war? Wahrscheinlich würde er gleich eine höhnische Botschaft vorfinden, etwas nach dem Motto: Netter Versuch, John, aber geh lieber wieder heim und spiel im Sandkasten! PS: Kari ist tot!

Noch während er nachdachte, fummelte er das winzige Ding in sein Handy und konnte kaum glauben, als wirklich etwas angezeigt wurde. Treffer! Der Film zeigte Kari schräg von hinten, aber man sah, wie sie die Hand auf den Felsen legte, und hörte ihre Worte. Danach nur Schneegestöber auf dem Display.

Wow. Cecily hatte tatsächlich einen Fehler gemacht. Das hier war echt.

Nachdem John sich die Beschwörung dreimal angehört hatte, war sie in seinem Gedächtnis verankert und lagerte dort wahrscheinlich gleich neben den Latein-Vokabeln von letzter Woche.

Er ließ sich ins Gras fallen, schlang die Arme um die Knie und starrte über das Tal von Dyradalur hinweg. Jetzt kenne ich die Formel. Ich könnte rüber. Ja, das könnte ich. Falls es überhaupt funktioniert. Aber will ich das riskieren? Isslar ist gefährlicher als unsere Welt – und jetzt noch ein bisschen mehr, weil Cecily dort ist.

Aber Kari durfte einfach nichts passieren. Es war schon ein Risiko gewesen, sie überhaupt nach Isslar gehen zu lassen, und jetzt das … er musste irgendetwas tun! John horchte in sich hinein und entschied sich.

Nicht besonders rasch ging er hinunter zu den wartenden Mädchen. Das gab jetzt Saures, so viel war klar. Die beiden hatten sicher nicht damit gerechnet, dass sie die Rundreise zu zweit machen mussten.

»Ich werde auf den Fotos auch nicht drauf sein«, gestand John.

»Wie? Was? Geht’s noch?« Ella sah aus, als hätte sie Lust, ihn zu schlagen. Oder irgendjemand anderen. »Was ist denn verdammt noch mal los?«

Er konnte ihnen nicht sagen, dass er Kari warnen musste, sonst standen alle beide parat zur Rettungsmission. Ihm fiel nur eine einzige Notlüge ein, bei der genau das nicht eintreten würde. »Es sollte jemand bei Kari sein«, erklärte er ihren Freundinnen und spürte, wie sein Gesicht die Farbe wechselte. »Ich meine, sie wird erst in ein paar Wochen siebzehn, mein Vater killt mich, wenn ich sie die ganze Nacht … oder mehrere Nächte … mit diesem Typen allein lasse!«

Ella und Leyla blickten sich an und krümmten sich dann vor Lachen. Nachdem sie geklärt hatten, dass John es wirklich ernst meinte, sagte Ella mit einem boshaften Funkeln in den Augen: »Respekt, du bist wirklich ein Patchworkbruder mit Sinn für Sitte und Anstand! Sind Amerikaner so oder ist das deutsche Pflichterfüllung?«

John überlegte, ob man vor Peinlichkeit sterben konnte. Wenn ja, würde er es gleich herausfinden. »Ich bin Halb-Amerikaner, das passt beides«, fiel ihm nur ein.

»Was machst du, wenn Kari dich rausschmeißt?«, erkundigte sich Leyla, während John seinen Wanderrucksack aus dem Kofferraum hob.

Er zückte die Kreditkarte, die sein Vater ihm kurz vor dem Abflug noch aufgedrängt hatte. »Dann nehme ich mir in einem anderen Hotel ein Zimmer und beobachte die beiden von dort aus mit dem Fernglas.«

»Melde dich ab und zu«, schärften ihm die beiden Mädchen ein, dann fuhren sie weiter und hatten nun bestimmt Stoff für stundenlange Lästereien.

Ich tue das Richtige, ganz sicher, es ist das Richtige, versicherte sich John und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Fünf vor zwölf. Wie symbolisch. Er ahmte nach, was Kari vorhin auf der Videoaufnahme getan hatte, und legte die Hand auf dieselbe Felswand. Kantig und ungewohnt fühlten sich die Worte der Beschwörung in seinem Mund an. Wirklich glauben konnte er nicht, dass er gleich in einer anderen Welt sein würde. Aber es ist einen Versuch wert – wenn nichts passiert, ist das halt so. Und immerhin, Kari ist weg, sie muss ja irgendwo sein und …

Im selben Moment wurde ihm schon schwindelig. Es fühlte sich an, als hätte jemand seinen Magen nach außen gestülpt und ihm gleichzeitig sämtliche Atemluft gestohlen. Der Boden stürzte auf ihn zu … dann nichts mehr.

***

Cecily grinste, als sie sich umblickte – geschafft, sie war auf der anderen Seite! Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren. Sie glitt in Deckung hinter einen Felsen, peilte die Lage und bemerkte die beiden Reiter, die gerade in einem Höllentempo losritten. Einer der beiden war eindeutig Kari und perfekterweise hatte sie nicht bemerkt, dass ihr jemand nachgekommen war.

Hasserfüllt blickte Cecily ihr nach und ballte ihre verstümmelte rechte Hand in der Jackentasche zur Faust. Dieses Miststück war gemeinsam mit dieser Maéva dafür verantwortlich, dass ihr seit dem beschissenen Duell im Ferienhaus zwei Finger fehlten! Das werden mir die beiden büßen, und zwar sehr bald, dachte Cecily und einen Moment lang hatte sie die angenehme Vision, wie Kari sich mit Schaum vor dem Mund in Krämpfen wand. Ja, vielleicht war Strychnin hier das Mittel der Wahl, das war angeblich ein sehr schmerzhafter Tod.

Doch es war noch zu früh für solche Planungen. Erst mal musste sie los – schließlich würde sie von niemandem abgeholt werden und musste von hier aus nach Khyona laufen. Das ist völlig okay so. Ich liebe den Überraschungseffekt. Sie bückte sich, um ihre Outdoorschuhe fester zu schnüren, und bemerkte eine buckelige braune Gestalt mit Spinnenfingern, die neben ihrem rechten Schuh hockte und sie anfunkelte.

»Gnom, was?« Ein kleiner, freudiger Schauer überlief Cecily. Ja, sie war in Isslar, kein Zweifel mehr möglich! »Kannst du mir sagen, in welcher Richtung es nach Khyona geht?«

Der Gnom streckte einen dünnen Arm aus und deutete nach Süden.

»Ja, davor hat mein Vater mich gewarnt – dass von euch außer Lügen nichts zu erwarten ist«, sagte Cecily heiter. Sie hatte gute Lust, das Wesen sonst wohin zu kicken, doch vielleicht war es keine gute Idee, es sich schon jetzt mit dem huldufólk zu verderben. Konnte sein, dass sie es noch brauchte. Stattdessen tätschelte sie dem Kleinen den Kopf. Das kam allerdings nicht gut an, das Biest biss sie mit nadelspitzen Zähnchen in den Finger. Ausgerechnet an der rechten Hand, an der ihr sowieso schon Ringfinger und kleiner Finger fehlten. Spontan trat Cecily doch noch zu und der Gnom beschrieb eine Parabel in der Luft, bevor er maulend in einer Erdhöhle verschwand. Ein paar Elfen, die hinter einem Stein hervorlugten, schauten missbilligend.

Cecily ignorierte sie – soweit sie gehört hatte, waren Elfen mindestens so lästig wie Gnome –, rief sich eine Karte der Gegend ins Gedächtnis und marschierte mit langen Schritten Richtung Osten. Dort, am Ufer des Sees Thingvallavatn, musste Khyona liegen, und da sie nach mehreren Wanderwochen rund um Dyradalur gut im Training war, würde sie in ein paar Stunden dort sein.

Endlich! Zeit, mit allen quitt zu werden, die versucht hatten, sie von ihrem Erbe – einem Leben als anerkannte Bürgerin dieses magischen Reichs – fernzuhalten. Und sich dieses Erbe zu holen.

***

Ich bin zurück – zurück in Khyona! Es ist so schön, wieder hier zu sein. Kari spürte ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht, spürte, wie das Blut schneller in ihren Adern kreiste. Bald sehe ich Andrik, bald, bald! Und Maéva und Bjarni …

Doch schon kurz nachdem sie die Stadtgrenze passiert hatten, ahnte sie, dass es wahrscheinlich ein Fehler gewesen war, hierherzureiten. Auf den ersten Blick wirkte alles ganz normal: Hier in der Unterstadt waren die Häuser aus Grassoden; auf einem der begrünten Dächer sah Kari Ziegen weiden. Ein Geruch nach Stall, gekochten Kartoffeln und Schwefel stieg ihr in die Nase. Die Straße – so breit, dass zwei Karren aneinander vorbeikommen konnten – war hier gepflastert und der Klang der Hufe auf Stein brachte neugierige Gesichter an die winzigen Fenster.

Doch es waren auffallend wenige Leute unterwegs. In den allgegenwärtigen Nebelschwaden sah Kari nur eine einzelne Frau im fleckig-braunen Arbeitskleid, die aus dem dampfenden Kanal am Rand der Straße einen Eimer heißes Wasser herausschöpfte. In der Nähe spielten zwei Kinder mit etwas, das wie ein aus Lumpen gebastelter Ball aussah. Ein Hund undefinierbarer Rasse jagte dem Ding ebenfalls hinterher. Aber davon abgesehen, war es viel stiller als gewöhnlich, kein Quietschen von Karrenrädern, keine Rufe, kein Kinderlachen.

Erst als sie sich der Oberstadt und damit den Steinhäusern mit Schieferdach näherten, wurde es voller – doch man sah ausschließlich Eiswachen, Männer und Frauen in dunkelgrauen Uniformen mit weißem Gürtel. Sämtliche Bogenschützen, über die Khyona verfügte, schienen im Dienst zu sein und waren dort postiert, wo die Sturmbögen – baumdicke Säulen aus schimmerndem Metall – aus dem Boden herauszuwachsen schienen und sich über den Häusern wölbten.

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