Logo weiterlesen.de
Kinkster Zone

Inhalte

  1. Für Ben
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  21. 20
  22. 21
  23. 22
  24. 23
  25. 24
  26. 25
  27. 26
  28. 27
  29. 28
  30. 29
  31. 30
  32. 31
  33. 32
  34. 33
  35. 34
  36. 35
  37. 36
  38. 37
  39. 38
  40. 39
  41. 40
  42. 41
  43. 42
  44. 43
  45. 44
  46. 45
  47. 46
  48. 47
  49. 48
  50. 49
  51. 50
  52. 51
  53. 52
  54. 53
  55. 54
  56. 55
  57. 56
  58. 57
  59. 58
  60. 59
  61. 60
  62. 61
  63. 62
  64. 63
  65. 64
  66. 65
  67. 66
  68. 67
  69. 68
  70. 69
  71. 70
  72. 71
  73. Nachspiel
  74. Verweise
  75. Nachwort
  76. … noch etwas in eigener Sache!

1

Fuck! Fuck, fuck, fuck! Valentin hat gerade sein Handy aus der Hosentasche ins Klo fallen lassen. Beim Hose runterziehen! Die Jeans, in deren rechter Arschtasche es immer steckt. Nichts zu wollen, das ist hin. Elektroschrott, nasser! Shit! Jetzt mal ganz ruhig, Alter! Telefonnummern, WhatsApp-Chats, E-Mails, Facebook, Instagram. Alles weg, und er selbst offline. Das dauert jetzt, bis alles wieder läuft. Fuck!

Hatte so schön angefangen, der Tag. Total gechillt. Urlaub zu Hause. Die beiden Mädchen waren morgens auf Papa herumgehüpft. Er hatte Reggae eingelegt und ihnen gezeigt, wie das mit dem Popowackeln geht. Das war ein prima Morgenprogramm für eine Fünf- und eine Siebenjährige! Alle drei hatten gelacht und sich auf dem Teppich der Altbauwohnung gekugelt. Seine geliebte, erotische Irma machte Frühstück, das sie alle auf dem Balkon genossen, mitten in der bunten Sammlung bemalter Kakteen-Töpfe aus seiner Studentenzeit. Die farbigen Wimpel vom Kindergarten hingen zerfleddert am Balkongitter.

Valentin liebt alles, was mit Lateinamerika zu tun hat, mit der Musik, der Lebenslust und den selbstbewussten Frauen. Sein Job ist okay. Als vierzigjähriger Ingenieur ist er beruflich angekommen. So wie es jetzt läuft, kohlemäßig und mit den anderen Jungs in der Firma, kann es ruhig weitergehen. Er kann am Wochenende geile Partys mit Irma feiern. Die Kleinen sind dann immer bei Oma und Opa, das ist sehr praktisch. So wie letztes Wochenende im Tittyclub zum Spieleabend unter dem Motto: „Fetisch und Fun“.

Er streicht sich kurz mit dem Zeigefinger über die Oberlippe und grinst in sich hinein. Eine Lady war tierisch abgegangen! Die hatte gesquirtet! Die herrliche Ejakulation der Frauen. Es hatte nur so gespritzt zwischen ihren Beinen, die in neongelben Strümpfen steckten, High Heels, Latex-Minirock und Latex-BH – so mochte er das! Um sie zu ihrem Orgasmus zu bringen, hatte es kaum Mühe gebraucht. Die Frau war sowieso ziemlich heiß davon gewesen, dass sie von zwei Typen gleichzeitig bespielt wurde. Schon auf der Tanzfläche waren Signale von der Dunkelhaarigen und ihrem Begleiter ausgegangen, dass sie Valentin zum Mitmachen einladen wollten. Bei einer Art engem, gemeinsamem Salsa hatten beide Männer ihre Hüften an der Frau gerieben, als wären sie beim Karneval in Trinidad: ausgelassen, lachend, übermütig. Er hatte sie auf eines der Spielmöbel gesetzt, die der Klub für Gäste mit extremeren Wünschen zur Verfügung anbot. Ein Gestell aus Ledersitzbank und Stahl, zum Anketten oder Fesseln, je nach Laune. Aber sie hatten alle drei keine Spielsachen mitgebracht. Ihr Begleiter, Freund oder Lover oder was auch immer der war, drehte ihre Arme fest auf den Rücken und hielt sie so, dass Valentin zwischen ihren Beinen stehen und sie mit der Hand glücklich machen konnte. Die Party war voll im Gang gewesen, auf der Tanzfläche halbnackte Kinkster.

Das war seine Szene. Er hatte zwei Mädchen im typischen schwarzen BDSM-Outfit betrachtet: Sie trugen Miniröcke, am Rücken verschnürte Korsagen und jeweils ein Halsband. Daneben ein Uniformfetischist, mit Fantasiekostüm und Reitstock unter dem Arm blasiert vor sich hin tänzelnd. Dessen Begleitung schien die „Frau“ mit dem Schwesternkostüm zu sein, die mit den irren Plateauschuhen und den hochtoupierten Haaren. Ihre Möpse waren rund und riesig, alles unecht. Wenn er näher dran gewesen wäre, hätte er vielleicht erkennen können, ob sie eine Transe war oder nicht, doch aus der Entfernung war das Gesamtbild einfach nur köstlich und sexy. Valentin hatte einen Heidenspaß gehabt, und sie waren zu dritt voll abgetaucht ins feuchte Vergnügen, der Begleiter, Valentin und die Neongelbe.

Irma war mit dem Klubbesuch auch ganz zufrieden gewesen, nachdem er sich später mit ihr auf dem gleichen Gestell öffentlich amüsiert hatte. Als Paar konnte man auf den frivolen Partys auch richtig poppen, wenn man das tun wollte. Das stand jedem frei. Es fühlte sich saugut an, dass er mit Irma diesen Zustand der Beziehung erreicht hatte, bei dem beide offen für Erlebnisse außerhalb der Ehe waren. Alle sollten ihren Spaß haben.

Jetzt hat er die Nummer von der Lady nicht mehr, weil er die als Letzte abgespeichert hatte, bevor das Handy fiel. Ihm dämmert, dass er seither noch keine Synchronisierung mit seinem PC gemacht hat. Fuck!

2

Jan sitzt auf dem Doppelbett des De-luxe-Zimmers und versucht, sich beim Anziehen auf das Gespräch zu konzentrieren. Rita hat gerade was von ihrem Job erzählt, und er ist mal wieder in Gedanken abgedriftet. Die letzten Sätze sind an ihm vorbeigerauscht.

Sein Personalgespräch ist ihm eingefallen, als sie von ihrer Kollegin sprach. Seine Mitarbeiterin im Einkauf, „Leiterin Abteilung E“, wie auf ihrer Visitenkarte stehen dürfte, wird gleich einen Termin mit ihm haben. Frau Leiterin Abt. E hat ihn schon auf manche Intrige, drohende Gefahr oder Missstimmung innerhalb seines Unternehmens vorausschauend aufmerksam gemacht. Er ist ihr dafür immer dankbar gewesen, denn das hat ihm dabei geholfen, wie ein anteilnehmender Chef zu wirken. Einer, der alles mitkriegt, was läuft. Das war natürlich Show – er hat meistens keine Ahnung davon. Viel zu viele Details, jede Abteilung ein eigener kleiner Kosmos mit eigenen absurden Regeln. Unmöglich, in irgendeines dieser Netzwerke aus Produktion, Technik, Ablauf und Personen hinabzusteigen. Mühsam, die Schauspielerei, mit deren Hilfe er, wie jeder andere Geschäftsführer auch, höflich verbergen muss, dass ihm oft gerade das Wissen über die eine Sache fehlt, wegen der er von einem Mitarbeiter auf dem Gang überfallen wird.

Die Leiterin Abt. E war ihm da immer sehr nützlich gewesen. Doch heute ist das Ende dieser gedeihlichen Zusammenarbeit gekommen. Sie hat ihre Kündigung eingereicht. Es fehlt nur noch die Auflösung des Arbeitsvertrages.

Rita bemerkt seine mentale Abwesenheit. Trotzdem spricht sie einfach weiter. Das hilft ihr, sich vom bevorstehenden Abschied im Foyer des Hotels abzulenken, der ihr immer wehtut, obwohl sie cool sein will. Sie wird ihm erst am Abend wieder eine Kurznachricht schicken können und hoffen, dass er zum Beantworten eine kleine Auszeit von seiner Familie finden wird.

Vor zehn Minuten waren beide noch in einer anderen Welt gewesen. Geil, sorglos, weggetreten. Ins weiche Hotelbett versunken, ihr Hinterteil emporgereckt, er auf Knien hinter ihr. In der Hündchenstellung waren beide eins gewesen und hatten sich der Illusion hingegeben, ein Paar zu sein. Mann und Frau, Adam und Eva, Sex und Lust und Vereinigung. Sie stöhnt, sie schreit, er kommt, sie kommt mit ihm, alles ist gut. No big deal, wenn man es mal nüchtern betrachtet, aber so viel Umstand, so viele Lügen, so viel Heimlichkeit und Drumherum, bis es alle vierzehn Tage mal so eine hübsche Entladung gibt.

Jan bindet sich die Schuhe zu und fühlt sich schon wieder unzulänglich. Da müsste jetzt irgendein Zauber sein. Er müsste sich groß und stark fühlen! Er müsste geistreich sein und seiner Geliebten ein bewunderungswürdiger Charmeur, aber er fühlt sich grau. Nach dem Höhepunkt wollen alle Männer nur einschlafen. Das hat er mal in der GQ gelesen oder so. Es macht ihn wütend auf sich selbst, und er wird zornig auf sie. Am liebsten hätte er ihr jetzt wieder die Bluse runtergezerrt und ordentlich den Hintern versohlt. Das hatte er eigentlich heute machen wollen, aber dann war ihm der Eifer des Gefechts dazwischengekommen. Kein Nachdenken, keine Planung mehr, einfach drauflos gebumst, und schon sind die Fantasien verpufft.

Bei Leiterin Abt. E und dem Widerspruch zwischen fantasiertem und realem Sex mit Rita machen seine Gedanken eine Pause. Sich einfach ins Flugzeug setzen und abhauen. Sein liebster Tagtraum.

3

„Opa, warum tun die Kaninchen denn nie schlafen?“, hatte Jasmin gefragt, als sie noch klein war. Jetzt fährt sie mit der Hand beiläufig durch die Futterkiste. Sie will spüren, wie die Pellets knirschend herabrieseln, und den Kräuter- und Weizenduft riechen, den es nur in dieser Box gibt. Jasmin sitzt in ihrem teuren, schwarzen Kostüm wackelig auf der Kante des alten Scheunentors und denkt an den hervorstehenden Nagel, der ihr beim gleichen Kunststück vor Jahren mal eine Hose zerrissen hat. Die Strumpfhose wäre sofort hinüber, wenn sie mit den Beinen dran käme.

Opa repariert so einen Nagel nicht. Es steht alles für immer und ewig an seinem Platz, denkt sie. Die Holzlatten, säuberlich aufrecht nebeneinander an der Giebelwand des Bauernhauses lehnend. Daneben die Reste der Dachschindeln, vom langen Lagern schon zerschlagen und voller Moos. Zwischen den Gehwegplatten wächst Gundermann, dessen intensiven Geruch sie ebenfalls genießt. Alles hat seine ruhige, klare Ordnung hier auf dem Hof. Die Kaninchen mit ihrem kleinen, sicheren, überschaubaren Leben und vorhersehbaren Ende kommen ihr auf einmal beneidenswert vor. Der Narr sucht das Glück in der Ferne, dem Weisen wächst es unter den Füßen, sagen die Leute im Dorf. Dieser Spruch kommt ihr immer in den Sinn, wenn sie hier ist.

Ihr Handy klingelt. Sie muss vom Scheunentor herunter, um in die Handtasche zu greifen. Der Typ von der Party vielleicht? Das Display zeigt „Büro“.

„Hey, Jasmin, bist du schon zurück?“

„Hi, Philippe, was gibt’s denn? Ich bin achtunddreißig Kilometer weit weg!“

„Ja, ist gut.“ Er hört nicht hin. „Hör mal, wir suchen den Vertrag mit dem Dings, dem Darsteller vom Rolf. Seine Mutter hat angerufen, der hatte einen Unfall oder irgendwas, keine Ahnung. Ist ja auch egal. Die Rolle müssen wir jedenfalls neu casten. Sag mal, was du für den als Gage hattest. Sabi sitzt hier und fragt mich gerade.“

„Mensch, Phillip, guck doch einfach mal in den Ordner ‚Verträge‘, Herrgott.“ Das ist einer der Gründe, warum sie Männer tief im Herzen verachtet. Als Produktionsleiterin hat sie Abläufe, Zahlen, Termine, Technik und Kontakte im Kopf und muss häufig komplexe Entscheidungen treffen. Bei ihr wird auf den Punkt gearbeitet. Sie mag Ordnung, Struktur und Selbstdisziplin. Ihre Sprache ist oft zu direkt, aber klare Ansagen sind zwingend notwendig, um einhundert Personen am Set zu führen. Und eine Filmcrew besteht zumeist nicht gerade aus einfachen Leuten. Sie hat kein Verständnis für Denkfaulheit. Andererseits, beim plötzlichen Ausfall der zweiten Hauptrolle eine Woche vor Drehbeginn hätte sie sich auch ans Telefon gehängt. „Phillip, lass mich das mal am besten direkt mit Sabi klären. Ich habe kein Budget mehr beim Cast! Wir müssen so hinkommen, und ich checke mal die Versicherung wegen des Unfalls.“

Jetzt kommt es darauf an, ob die Film-Ausfallversicherung die doppelte Gage übernimmt. Dafür muss sie erst mal den Hintergrund klären, in Amtsdeutsch: „die persönliche Gesundheitserklärung des Schauspielers einholen“. Phillip reicht das Telefon gleich an die Casting-Agentin weiter. „Sabi, hi. Was ist denn passiert?“

„Hey Jasmin, du Landei. Wir drehen am Rad. Kurt Schlüter liegt im Koma. Wir wissen noch nicht, was da passiert ist, der wurde irgendwie zusammengeschlagen. Die Mutter hat sich bei uns gemeldet, aber die hat am Telefon so viel geheult, mit der konnte ich nicht richtig reden.“

Koma. Damit ist er raus für den ganzen Dreh, das ist schon mal klar.

„Okay, Sabi, dann leg mal los.“ Die beiden kennen sich schon lange und brauchen nicht viele Worte.

„Ich meld’ mich“, ruft Sabine verabschiedend.

Jasmin geht über den Hof ins Haus. Hier riecht es nach Holzfeuer, nach dem Räucherofen auf dem Dachboden und nach altem Mann.

„Muss los, Opa!“

Der Opa redet nicht viel.

4

Die Subs fliegen im Subspace. Christine mag den Begriff. Während sie in ihrer Privatpraxis einige aufgeschlagene Bücher ordnet, verweilt sie gedanklich bei der Schmerzlust. Es gibt so viele Theorien, die sich mit der Frage befassen, was Sadomasochismus ist und wie Schmerzlust zustande kommt. Aus medizinischer, neurobiologischer Sicht geht es um Rezeptoren, Botenstoffe, Endorphine, körpereigene Opioide, Adrenalin. Ekstase und Trance. Totaler Kontrollverlust und eine Art mentales Blackout. Körperlich kommen neben einzelnen oder multiplen Orgasmen noch starkes Zittern, Schwitzen und Wahrnehmungsveränderungen beim Hören und Sehen hinzu. Schmerz wird nicht als unangenehm empfunden, sondern verstärkt die körperliche Reaktion.

Die Aktiven kennen alle diesen Zustand, auf den „es“ letztlich hinausläuft. Sie haben ein schönes Wort dafür: „Subspace“. Es bezeichnet den Moment, in dem die Subs ihre körperliche Grenze erreichen und sie überschreiten. Sie nennen es „fliegen“.

In dem Endorphin- und Opioid-Zusammenhang ist es interessant, dass die sexuellen Masochisten selten andere Drogen konsumieren. Alkohol spielt in den Klubs und bei Sessions keine große Rolle. Die Tops und Bottoms bleiben lieber kontrolliert und klar, scheint ihr. Das zeugt ja von einem gewissen Verantwortungsgefühl beim Spiel mit dem Feuer, findet sie.

Ihre psychoanalytische Fachliteratur beschäftigt sich mit ganz anderen Hypothesen als die Neurobiologie. Nachdem die sadomasochistische Neigung im letzten Jahrhundert noch zu den „Perversionen“ zählte, bedeuten ihr als moderner Analytikerin solche Etiketten nicht viel. Ein Patient, der sadomasochistische Praktiken auslebt, ist allein deswegen nicht zwangsläufig psychodiagnostisch zu kategorisieren. Unter ICD F65: „Störungen der Sexualpräferenz“, erscheint zwar unter F65.5 „Sadomasochismus“, neben Voyeuren und Pädophilen. Diese Zuschreibung müssen Analytiker aber nicht so versimpelt verwenden. Nur dann, wenn eine sexuelle Ausrichtung zu Störungen der Lebensqualität führt, wie zum Beispiel beim Zwang zu bestimmten sexuellen Handlungen, wäre das Ganze behandlungsbedürftig. Vergleichbare Zwangsstörungen sind im Gesamtbild wiederum aber so psychopathologisch, dass sich neben der sadomasochistischen Problematik in der Regel weitere Zusammenhänge erkennen lassen, die einer ambulanten Analyse oder einer Therapie in der Klinik bedürfen. In ihrer Praxis begegnet sie eher der „Ich-dystonen Sexualorientierung“, ICD F66.1. Der Patient weist eine sexuelle Ausrichtung auf, die für ihn zum Problem wird, und die er ändern möchte. Das betrifft erfahrungsgemäß eher Männer, die ihre Homosexualität entdecken und in der Hoffnung zu ihr kommen, sie loszuwerden. Eine transsexuelle Person, die nicht ich-dyston ist, stört sich beispielsweise daran, im falschen Geschlecht zu leben und möchte das ändern, hat aber kein Problem damit, genau diesen Wunsch zu empfinden.

Ich-dyston sind diejenigen, die eine bestimmte sexuelle Präferenz haben und wünschten, sie hätten sie nicht.

Das findet Christine sehr verständlich, schließlich ist das Coming-out die spezifische Erfahrung aller Menschen mit einer sexuellen Neigung, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Es ist nicht ungewöhnlich, vor sich selbst zu erschrecken und sich an den eigenen Fantasien zu stoßen.

Für eine ordentliche Empirie reicht es aber immer noch nicht. Eine Anzahl von Autoren der Fachwelt hat sich daran versucht, den Sadomasochismus zahlenmäßig und phänomenologisch zu greifen, mit den erwartbaren Begrenzungen statistischer und konzeptioneller Natur. Gerade hat sie ein neues Buch zu dem Thema entdeckt.

Christine legt die Literatur für ihre Doktorarbeit beiseite und beschließt, zuerst ihre letzte Sitzung zu protokollieren. Sie erwartet Jan zum Abendessen gegen sieben Uhr. Bis dahin kann sie noch einen Kassenantrag fertig schreiben und das Behandlungszimmer durchsaugen. Der Überwurf ihrer Couch müsste in die Reinigung. Auf das Couch-Kissen gehört ein neues Papiertuch als Unterlage für den Kopf des nächsten Patienten.

5

Schlucken (aktiv/passiv). Analdehnung (aktiv/passiv). Flogger (aktiv/passiv). Knien (aktiv/passiv). Penis- und Hodenfolter (aktiv/passiv). Facesitting (aktiv/passiv). Klammern (aktiv/passiv).

Jasmin sitzt abends in ihrer kleinen Stadtwohnung vor ihrem Notebook. Sie ist ein Listen-Fan. Sie liebt Listen! In ihrem Job gibt es unzählige davon: Vorkalkulation, Schlusskostenstand, Sendeliste, Drehplan, Dispo, Shotliste, Stabliste. Sie findet sich gut zurecht in ihrer durchstrukturierten Welt. Aber einen Sklavenfragebogen hat sie noch nie gesehen. Sie ist sich im Moment nicht mal sicher, ob sie überhaupt wissen will, welche Fragen ihr auf dem Wege der Profilerstellung bei der Internet-Dating-Plattform „Kinkster Zone“ noch begegnen.

Aber wie groß sind die Chancen, jemanden auf einem anderen Weg zu finden, der voll zu ihr passt: zu einer kühlen, stolzen und zähen Frau, die sich absolut nichts aus normalem Sex macht? Also „Augenbinde auf und durch“! Ein passender Szenespruch.

Trotzdem: Das hier ist klar und eindeutig nicht ihr Milieu. Sie klickt sich durch die Zuschriften, die sie seit gestern erhalten hat.

„Ich suche eine devote Frau, die ich auf Händen tragen und unterwerfen kann. Du bist fügsam und bereit, Gehorsam und Demut bei mir zu lernen. Du träumst davon, einen Blick durch die verbundenen Augen zu werfen und festzustellen, dass deine Füße gefesselt sind und du mir ausgeliefert bist. Deine Erregung lässt dein Blut pulsieren und du hast Angst vor dem, was ich mit dir mache. Wenn du eine gut aussehende, niveauvolle, intelligente, unterwürfige und trotzdem selbstbewusste, schlanke, junge Frau bis dreißig bist, ohne Altlasten, gerne auch Anfängerin, du willst beherrscht werden und stehst immer für alles zur Verfügung, dann melde dich. DOMCäsar“

Gut. Ein Blödmann. Das ist einfach. Da gibt es nichts, worüber sie lange nachdenken müsste. Im Internet ist es wie in einer Kneipe. Man trifft viele unterschiedliche Typen. Die meisten sind vollkommen uninteressant, manche bizarr und einige ganz nett. Mit ein paar von ihnen plaudert man, und manchmal ergeben sich spannende Begegnungen. So stellt sich Jasmin das mit der Internet-Partnersuche vor. Nach vier Jahren Single-Leben und kurz vor vierzig ist das gesellschaftlich gesehen in Ordnung. Das machen viele so. Wo lernt man jemanden kennen? Auf der Arbeit, im Urlaub, beim Hobby oder beim Ausgehen. Ihre beruflichen Kontakte sind längst ausgereizt, und außerdem: „Never fuck the office, never screw your crew.“

Ein besonderer Umstand ihrer Arbeitssituation ist ausgerechnet die sexuelle Freizügigkeit: Die Filmleute sind wie Hyänen, wenn es um Tratsch und schmutzige Zoten geht. Natürlich sind sie alle visuell, sensibel und fantasiebegabt. Da wird alles registriert und kommentiert. Sie muss sich überlegen, ob sie beispielsweise die schwarze Gucci-Handtasche mit der Kette und der Trense benutzt, weil sie genau weiß, dass das „drei Tage Party“ für ihre Mitarbeiter bedeuten würde: tägliches Witzereißen über ihre dominante Chefin mit dem Lederfetisch! Diese Gratwanderung macht ihr aber nicht viel aus, sonst könnte sie in dem Job nicht überleben. Sie kokettiert durchaus mit ihrem Image als Domina. Daran stört sich in der Filmwelt, in der die Exzentriker zuhause sind, sowieso niemand. Es verschafft ihr eher noch mehr Respekt.

Nur ist es in Wirklichkeit genau andersherum. Trotz ihrer klaren Führungsstärke hat sie an der Unterwerfung eines Mannes überhaupt kein Interesse. Sie ist zwar kontrolliert, aber im Bett möchte sie sich fallen lassen. Jasmin möchte einen, der sie führt.

Es ist okay, vor engsten Bekannten zu offenbaren, auf harten Sex zu stehen, aber dass sie eine Sub ist, soll nicht jeder erfahren! Jasmin kann im professionellen Leben ziemlich alltagsdominant sein, wie sie weiß. Sie beherrscht das Herumschubsen ihrer Komparsen, das harte Verhandeln mit Technikdienstleistern oder den befehlenden Ton, in dem sie am Set „Ruhe bitte“ fordert. Ihre private Neigung hat dort nichts zu suchen.

Allein ihre beiden besten Freundinnen kennen ihr kleines Geheimnis, andernfalls hätte sie lebenslang über diese Seite ihrer Beziehungen schweigen müssen. Alle ihre Männer waren beruflich und sozial auf Augenhöhe mit ihr gewesen, aber privat gleichzeitig ihre Besitzer, ihre Herren, ihre Doms.

Wie dem auch sei, ihre Identität als devote BDSMerin gibt sie nicht preis, weder in ihrem Freundeskreis noch vor ihren Kollegen. Deshalb geht sie an ihrem Wohnort auch nicht in Szeneklubs. So kann sie aber nicht ernsthaft hoffen, einen passenden Freund zu finden. Also: Sklavenfragebogen! Augenbinde auf und durch!

6

Irmas Knie schmerzen. Die Oberschenkel zittern leise von der Überanstrengung. Das linke Handgelenk wird langsam taub. Sie muss ihre Position verändern, sonst ist es nicht länger auszuhalten. Sie versucht, das Gewicht von einem Knie auf das andere zu verlagern, um den Abstand der Fessel, die vom Haken in der Wand bis zu ihrem linken Arm führt, zu verkürzen und den Zug auf das Handgelenk zu lockern. Sofort wird sie korrigiert. Das gehört zum Spiel, und sie wäre enttäuscht gewesen, wenn es seiner Aufmerksamkeit entgangen wäre. Ihre Aufgabe besteht darin, sich nicht zu rühren. Das Zeitgefühl verändert sich durch die Bewegungslosigkeit. Sie möchte, dass diese Situation in eine andere übergeht, aber sie ist gefangen in einer Schleife aus unangenehmem Schmerz und Zeitlosigkeit.

Die Korrektur könnte aus einer Strafe mit der Peitsche oder der Gerte bestehen. Das wünscht sie sich. Scharfe Reize würden sie aus der Agonie holen. Die Antwort kann aber auch darin bestehen, sie zu demütigen. Das ist der Weg, den er wählt. Sie muss sich für die Bewegung entschuldigen, die sie unerlaubt vollzogen hat. Sie muss die Entschuldigung laut wiederholen und ihm dabei in die Augen schauen.

Wären ihre Augen verbunden, hätte sie sich in sich selbst flüchten und verstecken können. Das weiß er ganz genau. Die Kunst besteht darin, ihre Flucht nach innen so lange wie möglich zu verhindern. Spannung, Demut und Erregung so lange herauszufordern, bis die Sub an die Grenze kommt. Er zerrt ihre Brüste aus dem Korsett und spielt mit ihren Nippeln. Nicht wie ein Liebhaber, sondern wie ein Besitzer, der sich nicht dafür interessiert, was ihr Lust bereitet und was nicht. Die Brustklemmen mit der kleinen Metallkette, die er jetzt in die Hand nimmt, erzeugen ein klirrendes Geräusch. Er genießt ihre Vorfreude und spielt damit, die Kette über ihre Haut an den Armen zu führen. Das kalte Metall bereitet ihr eine Gänsehaut. Dann zieht er mit Daumen und Zeigfinger die Brustwarzen lang und befestigt die Klemmen daran. Sie werden fest geschlossen. Sie streckt ihre Brüste dem Schmerz entgegen mit ihren gespreizten Armen. Auch das wird sofort korrigiert. Sie muss sich wieder entschuldigen, diesmal mit dem Zusatz, sich selbst ein geiles Stück zu nennen. Das hasst sie, weil es ihre Persönlichkeit in etwas verwandelt, das nicht von ihr selbst bestimmt ist.

Die Sache ist nur leider so, dass sie genau spürt, wie das Anlegen der Kette sie angetörnt hat und weiß, dass es ihr anzusehen war. Es gibt also gar nichts zu diskutieren über ihre Transformation von einer selbstbewussten Frau zu dem geilen Stück, zu dem sie jetzt mehr und mehr wird. Er spürt diese Veränderung und prüft mit der Hand die Feuchtigkeit auf ihrer rasierten Muschi.

Ihr nächster Affekt ist ein leicht schnelleres Atmen. Er fordert Beherrschung von ihr und lässt sie los. Jetzt hat er sie am unsichtbaren Bändel wie einen Hund. Sie darf ein paar Minuten in sich selbst abtauchen und beginnt wieder über Zeit nachzudenken, während ihre Haut zunehmend schwitzt und Gier aus ihrer Mitte aufsteigt. Die Luft streicht zwischen die nackten, gespreizten Beine. Rotes Juteseil ist kunstvoll mehrfach um ihre Oberschenkel geschlungen. Es führt rechts und links neben ihr in die Wandhaken, an denen auch die Seile der Handfesseln verknotet sind. Das rote Band führt von ihren Handgelenken über Kreuz hinter den Rücken, um die Taille ihres Korsetts und nach unten zu ihren Fußgelenken.

Ein erfahrener „Rigger“ weiß, wie er dieses Fesselung mit einem Ruck löst, falls das nötig sein sollte. Er greift ihr noch mal zwischen die Beine und lässt sie die Frage beantworten, wann sie zuletzt onaniert hat. Das ist eine so intime Frage, dass sie sich schämt. Trotzdem beantwortet sie sie ehrlich, allein schon aus der Unfähigkeit heraus, sich jetzt geistig auf das Ausdenken einer Lüge zu konzentrieren. Er schlägt mit der flachen Hand auf ihre Möse, nachdem sie ihm den Tag genannt hat und nennt sie eine Fotze, die nie genug kriegen kann. Die Schläge empfindet sie wie Lichtblitze, die von unten über den Rücken bis ins Hirn aufsteigen. Er verbietet ihr erneut das schnellere Atmen, befiehlt ihr, den Mund zu schließen und nicht zu stöhnen. Das gelingt ihr nur zu Beginn, aber als die Hand fester zuschlägt, muss sie aufgeben und keuchen. Sie kassiert eine Ohrfeige dafür. Das ist viel zu hart. Ihr Körper, der gerade noch den Lustschmerz auf der Möse spürte, konzentriert die Aufmerksamkeit automatisch auf die heiße Wange und die Erschütterung von Kopf und Gesicht. Das reißt sie heraus. Die Demütigung, die in seiner Geste liegt, macht ihr Angst. Sie hat keine Kontrolle mehr über das Geschehen. Sie hat nur ihre Lust, ihre Angst, ihren Schmerz und eine übersteigerte Fokussierung auf jede Bewegung von ihm. Er fordert, dass sie sich für die Ohrfeige bei ihm bedankt und ihn dabei ansieht. Ihre Scham ist schrecklich. Er nennt sie „brav“ dafür, dass sie gehorcht, und lässt sie wieder in aller Stille warten. Die Kniescheiben auf dem harten Boden senden fortwährend Alarm in ihren Kopf. Sie ruckt hilflos hin und her. Er fragt sie, ob sie die Runde Hiebe, die sie verdient hat, mit dem Flogger oder der Peitsche empfangen will. Sie bittet um den Flogger. Er lacht sie aus und nimmt die Peitsche.

Sie freut sich auf die Schläge auf ihren Rücken. Peitschenhiebe sprechen eine klare Sprache. Sie sind eine Kommunikation zwischen ihm und ihr, eine Brücke zwischen dem letzten Widerstand gegen das Überschwemmtsein ihres Körpers und seiner Aufmerksamkeit ihr gegenüber. Er muss verhindern, dass sie gleich beim dritten Hieb abdriftet und in einen Orgasmus entkommt. Das ist leicht zu erreichen, indem er sie die Schläge laut mitzählen lässt. Der Kopf muss in der wirklichen Welt bleiben, während der Körper um das Fallenlassen in die andere Welt bettelt. Ihre Haut ist überall heiß. Die Hiebe treffen ihren Rücken, ihren Po, ihre Oberschenkel und zweimal ihre Möse. Die Kette der Brustklemmen schlägt dabei gegen ihre Korsage. Sie stöhnt und zählt, beißt die Zähne zusammen, zählt, wartet angespannt auf den nächsten Hieb, zählt. Bei zehn hofft sie auf Erlösung, weil sie ihre eigene Duldsamkeit ungefähr voraussehen und sich genau bis zehn in die Zukunft hineindenken kann mit ihrem verlangsamten Geist. Er ignoriert das, obwohl er es spürt und macht bis vierzehn weiter. Sie schreit. Fünfzehn, sie hat nicht gezählt. Er quittiert das, indem er es ihr vorwirft und aufhört. Sie hätte seine Aufmerksamkeit offenbar nicht nötig, spöttelt er.

Sie zittert am ganzen Körper, ist heiß und unerträglich erregt. Ein Biss von ihm in ihren Hals versetzt sie in ein schwindeliges Gefühl, und sie möchte sofort kommen. Warten, warten. Sie keucht und schwitzt. Sie spürt, wie das Nadel-Rad vorne auf ihre Oberschenkel aufgesetzt wird. Die sternförmig angeordneten Metallspitzen kann sie einzeln spüren, als er sie langsam über die Haut rollen lässt, vom Knie aufwärts in die Furche ihres Schenkels und wieder zurück. Sie zappelt. Süße Qual. Die Farbe in ihrem Gehirn ist rot. Alles schäumt und dreht sich darin. Er flüstert ihr ins Ohr, dass er jetzt von fünf abwärts zählt und sie dann kommen darf. Vier – drei – zwei –eins. Sie lässt sich fallen. Er berührt sie gar nicht. Ihr ganzes Gewicht hängt an den Handfesseln, als ihr Körper stürzt, wie bei einer Ohnmacht, allein vom Verlust der Kontrolle über ihre Muskeln. Vom heftigen Kommen kontrahiert ihre Möse. Er zieht mit einem Ruck an der Kette der Brustklemmen, dass sie abspringen. Sie schreit unkontrolliert auf und kommt sofort noch mal. Er löst mit kurzem Ruck beide Seiten der Bondage und lässt sie nach vorn auf den Boden sinken, dreht sie auf den Rücken. In krampfartigen Wellen hebt und senkt sich ihr Becken, als ob sie gevögelt würde. Ihr Gesicht ist knallrot und ihr Blick sagt ihm, dass sie nicht mehr in dieser Welt ist. Er begleitet sie in den Subspace, indem er jetzt in sie eindringt und ihr seinen Steifen zu spüren gibt. Dabei hält er sie mit beiden Armen so fest, wie er nur kann. Sie kommt mehrmals so heftig, dass ihre Vagina ihn beinahe herauspresst. Das macht ihm Spaß, und er lacht und küsst sie. Sie wacht davon ein wenig auf und kann nicht mehr. Er will sie aber noch weiter genießen und dreht die vollkommen erschöpfte Irma auf die Seite. Sein Schwanz gleitet in ihren Mund, und ohne, dass sie sich bewegen muss, benutzt er ihre Lippen, ihre Zunge, ihre Spucke, während er ihren Kopf an den Haaren fest gepackt hält und ihn dirigiert. Er lacht wieder, während er auf sie herabschaut. Dann spritzt er ihr in den Mund und gibt dabei grunzende Laute wie ein Wildschwein von sich.

Valentin lässt seine Hand auf Irmas Wange liegen. Sie braucht jetzt viel Zärtlichkeit. Er ist müde und schwingt in ihrem langsamen Abklingen und den Wachträumen mit, die ihr Körper noch durch zartes Zucken anzeigt. Sie stöhnt alle paar Minuten auf und seufzt, obwohl er sie nicht mehr berührt.

Er liebt seine Frau.

7

Die Gesellschafterversammlung vorbereiten. Jan schaut sich die PowerPoint an. Balanced Scorecard. Er kann zufrieden sein. Liquidität und EBIT sind vorzeigbar. Es ist zu erwarten, dass die Gesellschafter wegen der Kosten des Umbaus kritische Fragen stellen werden. Der zuständige Mitarbeiter sollte besser auf Abruf bereit stehen, falls es Detailfragen gibt. Oder nein, am besten macht Jan mit allen zusammen einen Rundgang durchs Unternehmen und über die Baustelle. Er instruiert seine Chefsekretärin in Bezug auf diesen Plan. Sie kann dem Mitarbeiter Bescheid geben und mit der Marketingabteilung den Rundgang gestalten. Prospekte im Besprechungsraum auslegen. Die PowerPoint schon mal auf dem Rechner beim Beamer starten.

Mittag. Jan verlässt sein Büro und steigt in das Mercedes GLE Coupé. Die Sitze aus braunem Sattelleder kann er nicht mehr ausstehen. Christine wollte die so haben. Dabei hatte er ein schwarzes Auto mit schwarzen Sitzen ausgesucht. Aber ihr kritischer Blick auf die Katalogbilder und seine Gewohnheit, ihr in allem nachzugeben, hatten dazu geführt, dass sein Dienstwagen jetzt blau mit braunem Innendesign ist. Vielleicht stellte das tatsächlich ein Statement gegen die Gleichförmigkeit der selbst gewählten Insignien deutscher Businessmänner dar, wie sie argumentiert hatte. Christine nannte sie „selbst referenzielle Klischees“: Maßanzug, teurer Aktenkoffer, italienische Schuhe, schwarzes Auto deutscher Hersteller. Er war sich darüber aber selbst nicht sicher, obwohl er dieses Statement fuhr.

Ansonsten war das Auto der Hammer. Der Motor törnte ihn an. Das Modell war auf der Autobahn immer noch selten zu sehen und wurde bemerkt, wo immer er hinkam. Manchmal machte ihn das befangen beim Aussteigen – diese Blicke, diese Aufmerksamkeit.

Zu Tisch mit Christine.

„Na, schon alles fertig für die Gesellschafter?“, fragt sie lieb.

Er fühlt sich irgendwie ertappt und durchschaut, wie immer in ihrer Gegenwart. Als ob sein Unbewusstsein von seiner Frau als das Reale angesehen wird, wohingegen sein wahres Leben vor ihr ganz nichtig und uninteressant ist und überhaupt keinen Wert hat. Es macht ihn grimmig und abwehrend.

„Der Termin ist um drei.“

Er beantwortet absichtlich keine inhaltliche Frage. Wenn er ihr die Sorgen erzählen würde, die ihn wegen der Kostensteigerungen beim Umbau plagen, dann würde sie teilnahmsvoll mit ihm über Lösungen diskutieren wollen. Er will sich nicht kleiner fühlen, als er ist.

„Die Kids haben heute Karate. Ich hole sie um halb sieben ab“, sagt sie.

„Ich gehe mit den Gesellschaftern noch in den Roten Fuchs zum Essen“, sagt er. Das ist schon lange geplant. Rita wird Punkt neun Uhr zum Parkplatz am Roten Fuchs kommen. Eine Viertelstunde im Mercedes mit ihr, nach dem Hauptgang und vor dem Nachtisch mit den Gesellschaftern. Das ist zwar stressig, aber besser als gar nichts. Rita hat ihm jetzt zehn Tage lang in den Ohren gelegen, dass sie ihn nicht zu Gesicht bekäme.

Christine guckt so nachdenklich.

„Was hast du denn?“, fragt er automatisch. Das ist seine Angewohnheit, stets aufmerksam zu sein, mit sensiblen Antennen jede ihrer Gefühlsregungen zu scannen und darauf zu reagieren.

„Ich habe den Seebacher und den Horst seit dem Geschäftsführertreffen nicht mehr gesehen. Soll ich nicht mitkommen? Ist Katja nicht dabei?“ Katja ist die Ehefrau von Horst, dem Gesellschafter mit dem Minderheitenanteil. Die beiden Frauen haben sich in wohlmeinender Achtung füreinander angefreundet.

„Katja kommt nicht. Wir haben viel zu tun. Der Geschäftsabschluss. Jahresabschluss.“ Er stottert ein ganz kleines bisschen, weil die Frage ihn aus der sicheren Deckung geholt hat. Christine lässt sich zum Glück den Wind aus den Segeln nehmen.

„Na ja. Seebacher erzählt ja eh immer nur von seinen Großtaten. Dann macht ihr Männer das mal unter euch aus, das territoriale Imponiergehabe.“

Sie hat ja recht. Der Hauptgesellschafter ist selbstgefällig und großkotzig. Jan passt das auch nicht. Jeder wird zum Statisten degradiert, wenn der Multimillionär Seebacher seine Reden schwingt. Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Der Mann arbeitet achtzehn Stunden täglich, hat aus dem Nichts einen Konzern mit fünfhundert Mitarbeitern aufgebaut und ist überaus wortgewandt und scharfsichtig. Der Firmengründer darf monologisieren, so viel er will. Mit seinen Anteilen von fünfzig Prozent an Jans Konzerntochterfirma kann er Jan sogar blockieren, wenn es hart auf hart kommt. Christine weiß das ganz genau. Sie will es ihm nur ein klein wenig heimzahlen, dass er sie nicht mitnehmen mag.

„Bis später dann“, sagt er befangen, als er an der Haustür steht.

Christine gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Seine Hand legt er dabei auf ihren Unterarm, als ob er zu verhindern versucht, dass sie den Arm hebt und um ihn schlingt. Manchmal bemerkt sie, dass er diese Geste unbeabsichtigt einsetzt, um sie ganz sachte von sich wegzuschieben.

8

Kaninchen machen sich flach und drücken das Kinn auf den Boden, wenn sie sich fürchten. Das Zwergkaninchen in der Kaninchenbucht duckt sich. Marcus ergreift das Tier im Nacken und hebt es heraus. Zeigefinger und Daumen umfassen dabei die Ohren mit einem geübten Züchtergriff, damit es nicht zappelt. Er setzt das Kaninchen ab. In der rechten Hand das Bolzenschussgerät, mit der anderen das Tier auf den Tisch drückend, zögert der routinierte Mann nicht. Der richtige Punkt, um das Gerät anzusetzen, liegt in der Stirnmitte im gedachten Dreieck zu den Ohren hin. Leicht schräg ins Hirn hinein soll der Bolzen aus Metall stoßen.

Das Gehirn eines Zwergkaninchens ist winzig und schwer zu treffen. „Klack“, das Metallgeräusch, ein Bruchteil von Sekunden. Das Bolzenschussgerät muss fest in der Hand gehalten werden, damit es beim Schlag nicht verrutscht. Es ist fast nichts zu sehen auf der Stirn des Tieres, und seine Augen bleiben weiterhin geöffnet. Kaninchen schließen die Augen ohnehin nur selten, deshalb glauben manche Menschen, dass Kaninchen nie schlafen.

Marcus hat den Nacken des betäubten Geschöpfes gar nicht losgelassen und hebt es jetzt mit einem Schwung vom Tisch, dreht es um und klemmt es sich zwischen die Knie, sodass der Kopf des Tieres schlaff nach unten hängt. Er nimmt das scharfe Stichmesser, sucht wieder die richtige Stelle seitlich an der Kehle, damit die Klinge durch Fell und Haut direkt ins Herz gleitet. Perfekt. Das Opfer blutet sprudelnd aus dem Hals. Die roten Tropfen sehen auf dem weichen Zwergkaninchenfell hässlich und klebrig dick aus. Das Tier zittert noch beim Ausbluten.

Bei den Ställen herrscht Ruhe. Der Mann arbeitet zügig und konzentriert. Er bohrt zwei Fleischerhaken durch die Hinterläufe und spreizt sie, damit er das Tier kopfüber befestigen kann. Die Schnittführung beim Abziehen des Felles ist festgelegt. Um die Pfoten herum schneidend, dann die Schenkel entlang, unter der Blume, mehrere Schnitte um die Geschlechtsteile, und dann den Bauch hinunter bis zu den Vorderläufen. Das Fell wird fest gepackt und ruckartig von oben nach unten bis zum Hals gezogen. Der Kopf bleibt am Rumpf.

Transzendenz, Übergang der Daseinsform: Das Abziehen des Balges verwandelt das Lebewesen Kaninchen in ein seelenloses Stück Fleisch.

Beim Öffnen der Bauchhöhle sprudelt Flüssigkeit heraus, und die Innereien fallen nach vorne, weil sie keinen Halt mehr im warmen Schlachtkörper haben. Der Mann entfernt geschickt die Blase und die winzige Galle, entsorgt den Abfall der Gedärme, und belässt Leber und Nieren im Rumpf.

Marcus hängt das tote Tier zu den anderen frisch geschlachteten Kaninchen, deren Fasern in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch das Abhängen zarter werden sollen. Er wäscht Messer, Schussgerät und Hände noch in einem Futtereimer ab, dann ist das Schlachten vorüber. In seinem blutbespritzten Kittel geht er ins alte Bauernhaus und zieht sich um.

9

Jasmin kapiert schön langsam die Regeln und durchschaut, wie die Welt der Partnersuchenden im Internet funktioniert. Auf ihre eindeutige Anzeige bei der BDSM-Plattform hin melden sich Männer nach Schema F.

Es sind größtenteils Verheiratete oder Verklemmte, die sich gern online unterhalten. Sie scheinen ständig am Handy zu sein. Der Ablauf ist immer gleich: erst ein karges und einfallsloses Kompliment: „Siehst geil aus“, „schicke Frau“, „Du musst dich ja nicht verstecken“ oder „Wow!“. Dann wird ein bisschen hin- und hergechattet. Sehr schnell kommen die Standardfragen: „Was hast du gerade an?“, „Schick mir mal ein Foto“, „Was hast du für Fantasien?“, „Welche Erfahrungen hast du denn schon gemacht?“, „Bist du wirklich devot?“, „Worauf hast du Lust?“ und „Was sind deine Tabus?“. Die Tabufrage! Sicher wäre es schlimm, wenn eine Session missbraucht würde. Grenzüberschreitungen in diesem Bereich sind kein Spaß. Subs müssen sich geschützt und sicher fühlen können, wobei jede dahingehend anders empfindet, was ein No-Go ist und was okay. Das muss vorher abgesteckt sein, deshalb Tabulisten, falls es ernsthaft zur Sache geht. An sich sind sie nicht verkehrt, diese Aufstellungen, jedoch wenn Jasmin danach gefragt wird, ehe sie sich auch nur annähernd für einen Typen entschieden hat, sind sie ziemlich sinnlos.

In Wirklichkeit wollen sich die Jungs nur an langen Aufzählungen mit extremen Praktiken aufgeilen, die sie von leichtgläubigen Frauen übers Internet erhalten können. Ein Spaß, den Jasmin nicht ganz versteht. Albern.

Jasmin ist ja nicht zimperlich. Außerdem ist sie undersexed, was sie ziemlich lockert. Bei einem sympathischen Aussehen nimmt sie durchaus Kontakt auf. Wenn der Chat dann in dieser Richtung läuft, hat sie drei Möglichkeiten: sich schnell verabschieden. Sich mit dem Typ auf einen Chat zum Cybersex einlassen. Oder versuchen, eine reale Begegnung zu vereinbaren. Die Online-Gespräche laufen immer darauf hinaus, dass die Männer so tun, als wollten sie sich „demnächst“ gerne treffen. Tatsächlich kommt bei solchen Kontakten aber niemals ein echtes Treffen heraus. Die Männer tauchen kurz vor der Verabredung komplett ab, oder haben tausend Ausreden und „nie Zeit“ – obwohl sie ständig am Handy erreichbar sind. Also verheiratete Gernegroße. Und Männer mit virtuellen Identitäten und starken Komplexen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kinkster Zone" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen