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Kiss me

Zu diesem Buch

Kiss me vereint zwei Novellas zur Erfolgsreihe von Cherrie Lynn in einem E-Book!

Brian, Evan und Seth sind zurück und haben heiße Überraschungen für die Damen ihrer Herzen im Gepäck! Für Brian und Candace geht es auf der Weihnachtsfeier der Familie Andrews heiß her, und alle, die wissen wollen, was wirklich zwischen Macy und Seth auf dem Rücksitz des alten Pontiacs passiert ist, kommen in diesem E-Book ganz auf ihre Kosten.

1

Seth »Ghost« Warren rieb sich über den immer noch leicht schmerzenden, glatt rasierten Schädel. Wenn er doch bloß heute nicht arbeiten müsste, dachte er zum wohl hunderttausendsten Mal. Gestern Nacht hatte er es ordentlich krachen lassen, und das dumpfe Pochen hinter seiner Stirn erinnerte ihn nachdrücklich daran, warum er nur noch selten dermaßen über die Stränge schlug. Bei guten Freunden, guter Musik und guter Stimmung, so wie gestern in Dallas nach dem Rockfestival, vergaß er das zuweilen. Aber mal wieder richtig Dampf abzulassen war die Kopfschmerzen wert … das redete er sich zumindest ein.

Glücklicherweise verlief die Schicht im Dermamania bis jetzt relativ ereignislos, er hing eigentlich mehr im Laden ab, als dass er wirklich gearbeitet hätte. Kompliziertere oder größere Aufträge hätte er sowieso einem der anderen Künstler überlassen, denn er verstand sich heute nur als Hilfskraft. Es sei denn, ein Stammkunde von ihm tauchte auf und flehte ihn an.

Er checkte gähnend sein Handy, auf dem immer neue Nachrichten von einer ihm unbekannten Nummer eintrudelten. Allem Anschein nach ein Mädchen, obwohl er sich an keinen Ausrutscher in der letzten Zeit erinnern konnte. Ghost erinnerte sich nicht einmal daran, überhaupt seine Nummer rausgegeben zu haben. Aber er wollte derjenigen, mit der er möglicherweise im Vollrausch eine tiefschürfende Unterhaltung geführt hatte, nur ungern mit Wer zum Teufel bist du überhaupt? antworten, das wäre dann doch etwas unhöflich. Obwohl er selbst nüchtern nicht gerade für seine guten Umgangsformen bekannt war.

Mit einem weiteren Gähnen sah er sich im Laden um, da er es leid war, sich die Geschehnisse der letzten Nacht zusammenzureimen. Ihm fiel auf, dass es ungewöhnlich ruhig war. Normalerweise waren immer irgendwelche anzüglichen Witze oder zumindest laute Musik zu hören. Es war geradezu still. Eine merkwürdige Stimmung, das bildete er sich nicht bloß ein. Außerdem hatte Brian, sein bester Freund und leidgeprüfter Chef, die spöttischen Bemerkungen über seine neue Freundin heute seltsam gelassen ertragen. Das Mädchen hatte sich gerade hinten im Büro zum Lernen eingeschlossen. Oder um sich vor ihren Eltern zu verstecken. Oder so. In den gut vierzehn Jahren, die er Brian kannte, war sein Kumpel noch nie wegen einer Frau so angespannt gewesen. Erst recht nicht, nachdem er gerade flachgelegt worden war, wie Ghost vermutete, da die beiden Turteltäubchen sich gestern Abend ausgeklinkt hatten.

Andererseits hatte Starla ihm neulich anvertraut, dass Brians neue Eroberung möglicherweise noch Jungfrau war. Also war letzte Nacht vielleicht gar nichts gelaufen.

Als der letzte Kunde das Tattoostudio verließ, nutzte Starla die Gelegenheit für eine Zigarettenpause. Brian saß hinter dem Empfangstresen und starrte schon seit Minuten ins Leere. Ghost nutzte die Gunst der Stunde. »He, Kumpel, was ist los?«

Brian riss den Kopf hoch und setzte ein fröhliches Gesicht auf, sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Ghost blieb skeptisch. Mir machst du nichts vor, Kumpel.

»Gar nichts«, erwiderte Brian.

»Blödsinn.« Ghost verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn er genauer darüber nachdachte, dann hatten Brian und seine Neue – Candace, so hieß sie doch? – heute den ganzen Tag ein wenig neben der Spur gewirkt. »Raus damit.«

Brian winkte ab. »Nur wieder so ein Scheiß mit ihrer Familie. Zu behaupten, dass sie mich ansehen, als sei ich eine Wanze, die sie am liebsten zerquetschen würden, ist noch untertrieben.«

»Musst du dir das echt geben?«

»Ob ich muss? Nein.«

»Ich mein ja nur.«

»Was meinst du?« Brian warf einen Blick über die Schulter zurück in Richtung Bürotür und senkte die Stimme. »Soll ich sie etwa aufgeben, nur weil sie mit einem Haufen Arschlöcher verwandt ist?«

»Du hast sie doch noch nicht mal angerührt.«

»Oh doch, das habe ich.«

Mist, also war es doch schon passiert. »Ist trotzdem noch nicht zu spät, dich vom Acker zu machen.«

»Ich will mich aber nicht vom Acker machen. Sie …« Brian fuhr sich durchs Haar. »Scheiße. Kannst du dich noch an Jameson Andrews erinnern, aus der Schule?«

»Einen Wichser wie den vergesse ich nicht so leicht. Hab ich ihn nicht mal vermöbelt?«

Brian kniff die Augenbrauen zusammen. »Hast du?«

»Da klingelt jedenfalls was.«

»Na ja, damit wären wir schon zwei. Jameson ist Candace’ älterer Bruder. Ich hab ihn bei ihr vorm Haus beinahe bewusstlos geschlagen. Vor den Augen seiner Mutter.«

Ghost strich sich den kurzen Kinnbart glatt. »Nicht gerade der beste Weg, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.«

»Kein Kerl nennt meine Freundin ungestraft eine Hure, und das hat er getan. Seine eigene Schwester!« Brian stöhnte frustriert auf und stieß sich vom Tresen ab. »Ich will nicht weiter drüber reden. Ich bringe sie jetzt nach Hause. Ihr könnt auch abhauen, wenn ihr wollt. Heute ist eh nichts los.«

»Starla hat später noch einen Termin, glaube ich. Ich werd bei ihr bleiben.«

»Cool.«

Als Brian abzog, kam auch Starla wieder in den Laden geschlurft. »Mir ist echt langweilig«, verkündete sie und hüpfte auf den Hocker am Tresen, vor dem der Computer stand. »Außerdem klingeln mir noch die Ohren von gestern Abend. Macht Brian die Fliege?«

»Ja. Er sagte, wir könnten auch gehen, wenn wir wollen.«

»Geht nicht. Jason kommt um halb sieben.« Sie zwirbelte das von pinken Strähnen durchzogene blonde Haar zu einem lockeren Knoten zusammen.

»Dachte ich mir. Hab B gesagt, dass ich dann mit dir hier bleibe.«

Starla zuckte mit den Achseln und stützte das Kinn in die Hand, es sah aus, als habe sie nicht vor, sich in nächster Zeit vom Bildschirm wegzubewegen. »Wie du willst.«

Klar, seine Kolleginnen kamen gut alleine zurecht, trotzdem, es gab eine Menge Perverser da draußen, daher ließ er sie nur ungern allein im Laden. Wobei Starla ihn oft damit aufzog, er sei der einzige Perversling, um den sie sich Sorgen mache, aber das meinte sie nicht ernst. »Ich habe eh nichts vor.«

»Wenn das so ist, sollte einer von uns Sushi holen gehen.«

Und mit »einer von uns« war offensichtlich er gemeint, denn Starla klebte weiterhin am Bildschirm. Auch gut, ihm fiel hier ohnehin die Decke auf den Kopf. Er fischte die Wagenschlüssel aus der Schublade an seinem Arbeitsplatz und ließ den Schlüsselring um den Finger kreisen, während er zur Tür ging. »Garnelen-Tempura?«

»Gepriesen seist du. Ich zahl’s dir später zurück.«

»Mir egal«, murmelte er, während er in die warme Frühlingsluft hinaustrat. Brians Truck fuhr gerade vom Parkplatz. Der arme Kerl. Als Ghost vor ein paar Jahren üblen Beziehungsstress gehabt hatte, war Brian immer für ihn da gewesen. Er hatte es echt nicht verdient, als einzigen Ratschlag ein »Ist noch nicht zu spät, dich vom Acker zu machen« zu hören. Aber nur so konnte man sich den ganzen unvermeidlichen Ärger ersparen – indem man sich gar nicht erst drauf einließ. Daran gab es nichts zu rütteln.

Ganz anders bei seinem 69er Pontiac. Wenn der Schwierigkeiten machte, würde Ghost ihn trotzdem behalten und einfach noch mehr Arbeit reinstecken. Im zwischenmenschlichen Bereich funktionierte das so nicht.

Ein beruhigender Gedanke. Kein Drama mehr. Nur ein bisschen Spaß mit Frauen, die auch nichts Festes wollten. Damit kam er klar. Im Gegensatz zu den Existenzängsten der Brookes und Rainas dieser Welt.

Beide hätten nicht gegensätzlicher sein können. Brooke war ihm davongelaufen, Raina war er nicht mehr losgeworden. Die Braut aus Dallas war nämlich nicht die Einzige, die ihn mit Nachrichten bombardierte, auch seine Ex war in letzter Zeit wieder mit ihrem dreadlockbedeckten Haupt aufgetaucht. Gott sei Dank war Raina nicht in den Laden gekommen. Sie brachte es fertig und pöbelte ihn bei der Arbeit an. Er war kurz davor, ihr als Klingelton Slipknots People=Shit zuzuweisen, was er sich für all jene aufhob, mit denen er nicht sprechen wollte.

Er bog auf den Parkplatz der Sushibar ein und beglückwünschte sich zu seinen neu gewonnenen Vorsätzen. Als er beim Einparken sah, wer noch hier war, hätte er sie jedoch am liebsten gleich wieder über Bord geworfen.

Es war Candace’ Freundin, Macy. Als sie vor ein paar Wochen mit Candace ins Dermamania gekommen war, hatte Ghost sich kaum noch auf die Arbeit konzentrieren können. Sie war einfach überirdisch schön. Eine Frau wie sie würde einem Kerl wie ihm normalerweise keinen zweiten Blick schenken, nur hatte sie das sehr wohl getan. Und wie. Er hatte sie mehr als einmal dabei ertappt, wie sie ihn angestarrt hatte. Gestern auf dem Weg nach Dallas hatte er Candace nach Macys Telefonnummer gefragt, allerdings mehr im Scherz. Candace hatte sich aber leider bedeckt gehalten. Naja, das hatte er auch nicht anders erwartet. Aber einen Versuch war es wert gewesen.

Und jetzt saß er unschlüssig da und sah Macy nach, die an ihm vorbei auf das Restaurant zuging. Ihre langen dunklen Locken fielen ihr offen über die Schultern, die schlanken, braun gebrannten und überraschend durchtrainierten Beine steckten in Shorts. Sie war eher nicht so der Typ kleine Prinzessin wie ihre Freundin Candace. Verdammt, er konnte an nichts anderes mehr denken als daran, wie sich diese muskulösen Beine um seine Hüften schlangen …

Er schüttelte den Gedanken ab und stieg aus dem Wagen, obwohl ihm eine warnende Stimme zurief, er solle bloß wieder einsteigen und machen, dass er da wegkam. Vielleicht einmal um den Block kurven. Später Sushi holen. Wenn er da reinging, würde er sich nur zum Affen machen.

Aber die Stimme der Vernunft stieß bei ihm auf taube Ohren. Wie immer. Was zum einen daran lag, dass er ein Idiot war. Zweitens war er leicht masochistisch veranlagt. Und Mädchen wie Macy, verdammt, bei denen konnte er sich einfach nicht zurückhalten. Diejenigen, die ihn panisch wie ein Reh im Scheinwerferlicht ansahen, weckten seinen Jagdinstinkt eben mehr als diejenigen, mit denen er sich eigentlich abgeben sollte. So wie Raina, die in vielerlei Hinsicht wie für ihn gemacht war. Nur war er im Gegensatz zu ihr eben noch kein Vollpsycho.

Er holte Macy ein, als sie gerade die zierliche Hand nach der Klinke ausstreckte, langte an ihr vorbei und zog die Tür für sie auf. Ihre hellbraunen Augen richteten sich überrascht auf ihn, ein kaum merkliches »Oh« kam ihr über die verführerischen Lippen.

»Darf ich?« Er setzte ein schiefes Lächeln auf.

»Oh … danke.« Sie ging vor, ohne sein Lächeln zu erwidern, ohne ein weiteres Wort und vor allem ohne den geringsten Hinweis darauf, dass sie ihn wiedererkannt hatte. Na ja, auch egal.

Von wegen auch egal. Das hat echt wehgetan, Kumpel.

Was hatte er denn erwartet? Welches Mädchen wollte schon beim Sushiholen so überfallen werden? Außerdem war sie schon damals im Tattoostudio nicht besonders offen gewesen. Also nahm er es achselzuckend hin, ging zum Tresen und wartete geduldig, bis sie ihr offensichtlich telefonisch vorbestelltes Essen bezahlt hatte. Ihr zarter Vanilleduft hüllte ihn ein. Wo kam der her? Aus dem langen Haar? Aus der kleinen Kuhle im Nacken? Oder hatte sie das Handgelenk besprüht, an dem sich feine blaue Adern abzeichneten, während sie die Kreditkarte hinhielt …

Er sollte sie nicht so anstarren. Aber als sie sich kurz darauf zum Gehen wandte, suchte er unwillkürlich wieder ihre Augen. Sie erwiderte seinen Blick so direkt, dass ihm der Atem stockte.

»Das Tattoostudio. Du arbeitest dort, mit Brian.« Jetzt lächelte sie, und wieder verschlug es ihm den Atem … aber nur kurz.

»Wie bitte? Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.«

Sie schaute ihn verwirrt an, bis er glucksend lachte. »Ja. Ich arbeite dort mit Brian zusammen. Wollte dich nur veräppeln.«

»Oh.« Betretenes Schweigen machte sich breit, da er nichts mehr herausbekam, nachdem er mitangesehen hatte, wie ihre Lippen den Laut formten. Er bekam sich erst wieder in den Griff, als sie schon zur Tür ging. »Also … War nett, dich …«

»Wir haben gestern erst von dir gesprochen.«

Damit hatte er ihre Aufmerksamkeit. Sie sah ihn misstrauisch an, den Kopf leicht zur Seite geneigt. »Wer ist wir?«

»Candace und ich. Auf dem Weg nach Dallas.«

»Wieso warst du mit Candace auf dem Weg nach Dallas?«

»Sie hat Brian verlassen. Wir sind für eine Nacht durchgebrannt.«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Kommt auch mal irgendetwas Wahres aus deinem Mund?«

»Gelegentlich. Jedenfalls haben Candace und ich auf dem Weg nach Dallas über dich gesprochen. So viel ist wahr.«

»Sie hat mir gar nicht gesagt, dass sie nach Dallas will, weder mit dir noch sonst jemandem.«

»Erzählt sie dir denn sonst immer alles, was sie so vorhat?«

»Ja, das tut sie.« Macy reckte das Kinn, fast ein wenig trotzig. Verflucht, es sah scharf aus.

»Aha.«

»Also, was habt ihr da vorgehabt?«

»Nichts Bedenkliches. Wir sind alle zu einem Konzert gefahren. Und Candace wollte mit.«

»Und das war gestern? Da hätte sie bei der Hochzeit ihrer Cousine sein sollen.«

»Schätze, dann war es wohl doch irgendwie bedenklich, denn sie war lieber mit uns zusammen. Anscheinend erzählt sie dir doch nicht immer alles.«

Macy runzelte die Stirn. Er fragte sich, ob er einen wunden Punkt getroffen hatte. »Dann weiß ich jetzt auch, warum sie nicht rangegangen ist. Oh Gott. Ihre Eltern werden sie umbringen. Ich werde sie umbringen.« Sie schien jetzt mehr mit sich selbst zu sprechen.

»Moment mal, nicht so voreilig. Sie ist ein großes Mädchen. Sie kann selbst entscheiden, was sie will.«

»Entschuldige bitte? Ich kenne Candace, seit sie auf der Welt ist. Ich denke, ich kann das besser beurteilen als du.«

»Vielleicht wäre eine Sichtweise von außen dann ja mal ganz hilfreich für dich. Misch dich da nicht ein. Lass sie das mit ihren Leuten und Brian alleine klären.«

»Mit Candace’ Eltern kann man nicht einfach was ›klären‹.«

»Und was geht dich das an, Macy? Ich meine, echt jetzt? Sie hat dir immerhin nicht gesagt, was sie vorhatte. Das impliziert doch gewissermaßen, dass sie nicht wollte, dass du es erfährst.«

»Glaub mir, ich weiß ganz genau, warum sie nicht wollte, dass ich es erfahre«, erwiderte sie verbittert.

Er hielt sich kurz zurück. Das Mädchen war … wütend. Wegen so einem unwichtigen Scheiß. Als hätte sie irgendein Mitspracherecht in Candace’ Leben oder so.

Du lieber Himmel, was für ein Kontrollfreak.

»Ja«, sagte er. »Ich kann es mir auch denken.«

Sie starrte ihn verärgert an, als er sich an ihr vorbeischob, um für sich und Starla zu bestellen, und eigentlich hätte er erwartet, dass sie einfach verschwinden würde. Als er sich wieder umdrehte, war sie jedoch immer noch da.

Und sah echt mitleiderregend aus, wie sie so dastand, die Wut verpufft und nur noch ein Häufchen Elend.

Er sollte besser abhauen, denn so ein Gefühlsdrama war echt das Letzte, was er wollte, aber Macys Verwundbarkeit rührte ihn an, obwohl sie zuvor so aggressiv gewesen war. Wieder einmal ignorierte er die warnende Stimme in seinem Innern.

»He«, sagte er. »Alles in Ordnung?«

Sie wich seinem Blick aus. »Mir geht’s gut.«

»Willst du …« Ach, verdammt, was zum Teufel bildete er sich da ein? Aber sie sah so aus, als habe sie gerade ihre beste Freundin verloren, und das ertrug er einfach nicht. Vielleicht brauchte sie einen anderen Freund. »… ich weiß auch nicht … da später noch weiter drüber reden oder so? Ich muss jetzt zurück zur Arbeit, aber …«

Sie winkte ab und ging zur Tür. »Nein, ist schon gut.«

»Macy. Warte doch kurz.« Er hielt sie am Arm zurück. Sie schaute auf seine Hand hinab. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten – war sie beleidigt? Oder gefiel ihr die Berührung? Er zog die Hand vorsichtshalber aber lieber schnell zurück. »Hau doch nicht einfach so wütend ab. Sonst fühl ich mich echt mies.«

»Ich bin doch nicht auf dich wütend.«

»Na dann … Lass uns später noch abhängen. Wir müssen ja auch nicht über den ganzen Mist reden. Du wirkst einfach … Irgendwie machst du den Eindruck, als könntest du ein bisschen Aufmunterung gebrauchen, und wenn ich etwas gut kann, dann das.«

Sie musste lachen.

»Siehst du? Klappt jetzt schon.«

Sie schaute ihm direkt in die Augen.

»Na komm schon. Du willst Ja sagen, das sehe ich dir an. Hör einfach auf dein Gefühl. Das trügt dich eigentlich nie.«

Sie sah ihn ein wenig verschmitzt an. »Vielleicht sagt mir mein Gefühl ja, dass ich es nicht tun soll.«

»Dann scheiß auf dein Gefühl. Lass uns uns trotzdem nachher treffen.«

»Na schön, ich überlege es mir.«

»Du überlegst es dir?« Er ging vermutlich zu weit, aber ihr Mona-Lisa-Lächeln gab ihm das Gefühl, dass sie eigentlich wollte. Also machte er weiter. »Ich sag dir was. Ich werde wahrscheinlich so gegen elf fertig sein. Wenn du abhängen willst, komm einfach im Laden vorbei. Wenn nicht, na ja, dann werde ich dir das niemals verzeihen, aber dann weiß ich Bescheid. Abgemacht?«

Sie warf eine lange Haarsträhne zurück, die ihr über die Brust gefallen war. »Na gut. Abgemacht.«

Als sie ging, lächelte sie ihn noch einmal über die Schulter hinweg an, bevor die Tür hinter ihr zufiel. Er wäre am liebsten auf die Knie gefallen, so dankbar war er, dass er nie auf die beschissene warnende Stimme in seinem Kopf hörte.

2

Macy Rodgers knabberte an ihrem Daumennagel und starrte auf die Uhr am Armaturenbrett ihres Acadia. Sie saß im Wagen, auf dem Parkplatz vor dem Dermamania, dem letzten Ort auf Gottes grüner Erde, an dem sie sein sollte.

Sie kannte nicht einmal seinen Namen. Und jetzt, da sie eingewilligt hatte, sich mit ihm zu treffen – denn das hatte sie, indem sie hier aufgetaucht war –, wäre es irgendwie peinlich, ihn danach zu fragen.

Es war siebzehn Minuten vor elf. Sie war früh dran. Aber falls er etwas früher Schluss machte, sollte er nicht denken, sie habe ihn versetzt. Denn für sie hatte nie in Frage gestanden, ob sie sein Angebot annehmen würde oder nicht, sie hatte ihn nur ein bisschen zappeln lassen wollen. Es leuchtete ihr zwar selbst nicht ein, aber sobald er sie eingeladen hatte, war sie dabei gewesen. Sogar Feuer und Flamme.

Mit einem zittrigen Atemzug richtete sie den Blick wieder auf den Laden, bis die Lichter in den Fenstern vor ihren Augen verschwammen. Als sie plötzlich ausgingen, schreckte sie hoch. Das Herz klopfte ihr bis in den Hals. Außer ihr war nur ein einziger schwarzer Wagen auf dem Parkplatz, also war er anscheinend allein.

Vielleicht hätte sie reingehen und Hallo sagen sollen …

Zu spät. Die Seitentür ging auf, und sie beobachtete, wie er vors Haus trat und hinter sich abschloss.

So was von gar nicht ihr Typ. Wie er jetzt im trüben Licht der Außenbeleuchtung dastand, fiel es ihr erneut auf. Aber was ihr noch mehr auffiel – und das war schon beim ersten Mal im Dermamania mit Candace so gewesen –, waren seine breiten Schultern. Und dieser Mund. Obwohl sie ihn von hier aus nicht sehen konnte, würde sie ihn niemals vergessen. Sie hatte auf Candace gewartet, während diese sich von Brian ihr erstes Tattoo stechen ließ, Ghosts sinnliche Lippen angestarrt und darüber nachgedacht, dass er sie damit bei lebendigem Leibe verschlingen könnte. Trotz seines kahl rasierten Schädels, den ganzen Tätowierungen, Piercings und seiner krassen Art hatte er etwas an sich, dass ihr die Knie weich wurden. Keines dieser Dinge hatte sie je zuvor angesprochen.

Dennoch war sie jetzt hier.

Und traf sich mit ihm. Allein. Im Dunkeln. Mit einem wilden, partyfreudigen Tätowierer. Exakt das, wovor Macy ihre beste Freundin stets warnte.

Verflucht, allein deswegen hätte sie zu Hause bleiben sollen. Wie konnte Macy Candace raten, Brian sausen zu lassen, wenn sie sich gleichzeitig mitten in der Nacht mit seinem Kumpel traf?

Ghost drehte sich um, sah sie und setzte ein breites Grinsen auf. Ihre Zweifel waren sofort verflogen. Er sah schon gut aus, wenn er konzentriert und nachdenklich war, aber wenn er lächelte erst recht. Heiß. Gefährlich. Als hätte er nur Unfug im Kopf. Dann noch diese dunklen Augenbrauen über den genauso dunklen Augen, um die sich kleine Lachfältchen legten. Er kam langsam auf sie zu geschlendert, und sie kurbelte das Fenster runter.

»Du bist echt gekommen«, sagte er nur und lächelte sie weiter an.

Ja, und das werde ich später hoffentlich noch mal.

Der Gedanke war aus dem Nichts aufgetaucht. Hoffentlich sah er ihr nicht an, was die Bemerkung in ihr ausgelöst hatte. Sie spürte, wie ihre Wangen brannten. Nicht jetzt. Nicht vor ihm.

»Das wer … Ich meine, ja, das bin ich. Ich bin da. Sieht ganz so aus.« Mist! Sie atmete tief ein und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Wie zum Teufel machte er das nur? Kein sexy Cowboy – und von denen hatte sie bereits eine Menge kennengelernt – hatte je so etwas in ihr ausgelöst.

Wahrscheinlich, weil sie bei denen immer in ihrem Element war. Das Westernreiten war ihre Welt. Bei ihm – wie auch immer sein Name war – befand sie sich hingegen in einem anderen Universum. Sie konnte kaum atmen und keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Das war eine ganz miese Idee von ihr. Sie wollte das schon sagen, aber da öffnete er bereits ihre Wagentür. »Na los.«

»Ähm, wohin denn?«

Er zuckte mit diesen breiten Schultern. »Ich weiß nicht. Ist doch egal. Wir können ein bisschen rumfahren, wenn du willst. Oder wir gehen rein oder wir sitzen einfach hier draußen und quatschen.«

In den Laden wollte Macy ganz bestimmt nicht, das Tattoostudio machte sie nervös. Sie würde als Erstes in den sauren Apfel beißen und ihn nach seinem Namen fragen. »Es tut mir leid, aber … Wie heißt du eigentlich?«

Da war es wieder, dieses gefährliche Grinsen. »Kannst mich Ghost nennen.«

»Ghost

»Gefällt dir der Name nicht?«

»Na ja … Schätze, ich hatte einfach einen … richtigen Namen erwartet?«

»Wie konventionell.« Er drehte sich zu dem schwarzen Wagen um, der nur ein paar Parklücken weiter stand. »Steigst du aus? Oder willst du was anderes machen?«

»Nur eine Sekunde.« Sie ließ das Fenster wieder hoch, schnappte ihre Tasche, glitt vom Sitz und stellte sich neben Ghost. Einen Moment lang war nur das leise Summen der Straßenlaternen über ihnen zu hören.

Worüber sollten sie sich überhaupt unterhalten? Sie kratzte mit dem Stiefel über den Asphalt und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Sie hatte sich noch schnell umgezogen, bevor sie hergefahren war, und sich für eine Jeans mit langärmeligem Glitzeroberteil entschieden, dazu ihre Cowboystiefel. Ein Outfit, das sie daran erinnerte, wer sie war, und das, na ja, nicht ganz so offenherzig war. »Gibt nicht besonders viel, was man an einem Sonntag um diese Uhrzeit machen kann, oder?«

Er lachte leise in sich hinein. »Da gehst du wohl nicht an die richtigen Orte.«

»Tja … Ich bin jedenfalls nicht in Stimmung für irgendwas Abgedrehtes.«

»Abgedreht. Das gefällt mir.« Er nahm sie an der Hand. Seine war groß, warm und hielt ihre wie selbstverständlich fest. »Lass mich dir meinen ganzen Stolz vorstellen.«

Der Wagen. O ja, sie verstand gleich, weshalb er so stolz darauf war. Es war ein schnittiger, glänzend schwarzer Pontiac GTO. Er funkelte praktisch im Licht. »Ich find ihn toll. Welches Baujahr?«

»69.«

Sie warf ihm einen Seitenblick zu und sah, dass er sich ein Grinsen verkneifen musste. »Lass mich raten. Deine Lieblingszahl.«

»Macy!«, rief er gespielt entrüstet aus.

»Ach, komm schon. Du musstest dir ja richtig auf die Zunge beißen, um nichts zu sagen.«

»Wir haben uns gerade erst kennengelernt, und schon jetzt meinst du, mich so gut zu kennen.« Er öffnete die Beifahrertür und lud sie mit schwungvoller Geste und einem verheißungsvollen Grinsen ein, einzusteigen. »Hüpf rein. Ich zeig dir, was er draufhat.«

»Aber du bringst mich in einem Stück wieder zurück, ja?«

»Das kann ich nicht versprechen.«

»Wie beruhigend.«

»Nein, nein, du bist in guten Händen, Liebes.« Er nickte in Richtung des dunklen Innenraums. »Ich beweise es dir.«

Ihr wurden die Knie weich, als er sie »Liebes« nannte. Wenn er das öfter tat, würde sie ihn mehr beweisen lassen, als er sich in seinen wildesten Träumen ausmalen könnte. Obwohl ein Mann wie er wahrscheinlich von Dingen träumte, die sie sich nicht mal vorstellen konnte.

Sie gab sich einen Ruck und ging auf ihn zu, und es fühlte sich an, als würde sie ihr ganzes bisheriges Leben zurücklassen … ein gutes Gefühl.

Fünf Minuten später, als sie sich mit einer Hand an den Sitz klammerte und mit der anderen ihr Haar im Zaum hielt, weil er das Verdeck runtergelassen hatte, kamen ihr leichte Zweifel. Das hier fühlte sich gar nicht gut an.

»Du wirst uns umbringen!«, schrie sie über den dröhnenden Fahrtwind und den lauten Metal-Song aus den Lautsprechern hinweg.

Er lachte nur, warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Wolf.

Verrückt! Er war vollkommen durchgeknallt, aber das war ja nichts Neues. Sie fuhren mindestens hundertvierzig Sachen, mit nichts zwischen ihnen und der dunklen vorbeirasenden Landschaft neben dem endlosen Band des geteilten Highways bis auf dieses Stück Metall und den Beckengurt. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie wollte schon die Hand vor die Augen schlagen, da ging er endlich vom Gas. Als sie sich zu ihm umdrehte, lächelte er sie verschmitzt an. »Ja, also, tut mir leid. Es ist wohl ein bisschen mit mir durchgegangen. Beschleunigt wie eine Rakete, was?«

Das sagte ihr Dad auch immer. Macy strich sich das Haar glatt und atmete tief durch. »Ja. Ist dein Handschuhfach mit Bußgeldbescheiden gefüllt?«

»Momentan nicht.«

Nach einem eher ruhigen Refrain nahm der Song wieder Tempo auf. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Ghost das nicht auch tun würde. Sie hatte nämlich den leisen Verdacht, dass sich sein Fahrstil der Musik anpasste, die gerade lief. »Himmel, was ist das bloß für ein Song?«

»Alter, das ist Avatar! Smells Like a Freakshow

»Nicht, dass mir das etwas sagen würde, aber das war wohl zu erwarten.«

Er hatte sie Alter genannt. Liebes gefiel ihr besser.

Sobald sie wieder auf dem Parkplatz des Dermamania ankamen und er abbremste, riss sie die Tür auf und sprang aus dem Wagen.

»He!«, protestierte er.

»Tut mir leid, ich muss einfach auf die Knie fallen und den Boden küssen.« Ihr zitterten tatsächlich die Knie. Als sie sich zu ihm umdrehte und sah, wie er da lässig im Sitz seines Heißer-als-die-Hölle-Wagens saß, fragte sie sich jedoch, ob das wirklich seinem Fahrstil zuzuschreiben war oder nicht doch etwas sehr viel Gefährlicherem. Es musste an dem ausgeschütteten Adrenalin liegen, dass sie sich am liebsten auf ihn geworfen und ihn an Ort und Stelle …

»Ich habe dir doch gesagt, ich bringe dich in einem Stück wieder zurück. Und was ich verspreche, halte ich auch.«

»Eigentlich hast du es gerade nicht versprochen.«

»Na ja … Ich sagte, du seist in guten Händen. Und das habe ich auch so gemeint.«

Es war einfach zu viel. Er war zu sexy. Sie drehte sich um und floh in die Sicherheit ihres Acadias, mit dem sie noch nicht ein einziges Mal die vorgeschriebene Geschwindigkeit überschritten hatte.

»Macy!« Sie hörte, wie er ausstieg und die Tür hinter sich zuwarf. Er holte sie ein, als sie sich gerade auf den Fahrersitz setzte. Sie wusste nicht, was sie sich dabei gedacht hatte – sie wollte eigentlich gar nicht gehen, aber diese unkontrollierbare Anziehung wollte sie auch nicht. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, saß er schon neben ihr.

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