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Kleines Hundeherz sucht großes Glück

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in
jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit
lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Santa, wir haben ein Problem.“ Elfe-Sieben, schwer bepackt mit einem Stapel Aktenordner, betrat das geräumige Büro mit der riesigen Wand voller LCD-Bildschirme.

„Oh nein, nicht schon wieder.“ Santa Claus, auch als Weihnachtsmann bekannt, erhob sich rasch von seinem Platz hinter dem Schreibtisch und nahm der kleinen Elfe die schwere Last ab. „Was ist es diesmal? Die Förderbänder in der Geschenkefabrik? Die Verpackungsmaschine? Oder spinnt die Software der Internetseite wieder?“

„Nein, nichts von alldem.“ Elfe-Sieben kicherte. „Ich wollte das nur schon immer mal sagen.“

„Was?“ Verwirrt runzelte Santa die Stirn.

„Na, du weißt schon: Housten, wir haben ein Problem …“ Der Weihnachtsmann warf der Elfe einen tadelnden Blick zu, woraufhin sie den Kopf einzog. „Schon gut, war wohl nicht witzig.“

„Wir haben Mitte November, da kann ich über solche Scherze wirklich nicht lachen“, brummelte Santa Claus, schmunzelte dann aber. „Sei froh, dass dieses Jahr bisher alles so schön glatt läuft. Du weißt doch, was für Probleme wir in den vergangenen Jahren oft hatten. Eine kleine Verschnaufpause könnte ich gut vertragen. Immerhin fängt die heiße Phase der Wunscherfüllung jetzt so langsam an. Und gestern war das Christkind hier, um mich um einen Gefallen zu bitten.“

„Das Christkind?“ Die Elfe machte große Augen. „Ihr habt doch wohl nicht schon wieder gewettet, Santa? Wenn deine Frau davon erfährt, wird sie böse werden.“

„Meine Frau wird nie böse.“ Santa grinste, sodass sich sein weißer Rauschebart leicht sträubte. „Sie kann höchstens ein wenig streng reagieren.“

„Das war aber auch ein Unsinn mit der Wette damals. Fast hättest du dadurch einen wichtigen Weihnachtswunsch nicht erfüllt.“

„Schon gut, Elfe-Sieben. Ich habe ja diesmal gar nicht mit dem Christkind gewettet, sondern einen Auftrag von ihm übernommen. Ich weiß bloß noch nicht so ganz, wie ich ihn ausführen soll. Aber mir fällt schon noch was ein.“

„Was ist das denn für ein Auftrag?“

„Erinnerst du dich noch an den Weihnachtsengel Billa, diese süße Hündin, die ich mir vor einigen Jahren mal vom Christkind ausgeliehen habe?“

„Klar erinnere ich mich.“

„Damals habe ich versprochen, im Ausgleich auch mal für das Christkind einzuspringen, falls es sich ergeben sollte.“

„Und das tust du jetzt?“

„Ja, denn das Christkind ist auf einen Streuner aufmerksam geworden. Ein süßes Hündchen ohne Zuhause. Es trollt sich derzeit in dieser kleinen Stadt herum, in der auch die Familie lebt, der Billa damals geholfen hat. Und da ich in der letzten Zeit einige Erfahrungen mit Hunden als Wunscherfüllungshelfer gesammelt habe, fragte das Christkind, ob ich mich des kleinen Vierbeiners nicht annehmen möchte. Dann ist jetzt eben mal einer dieser Racker an der Reihe, dass ihm ein Wunsch erfüllt wird. Amor heißt der kleine Kerl und ist noch gar nicht lange auf der Welt. Weniger als ein Jahr. Er wurde in einem Tierheim geboren, ist aber ausgebüxt.“

„Und jetzt sollst du für ihn ein Zuhause finden? Zu Weihnachten?“

„Spätestens bis Weihnachten. Er hat es wirklich verdient. So ein hübscher Kerl. Schau mal.“ Santa Claus griff nach einer Fernbedienung und schaltete einen der vielen Bildschirme an der Wand ein. Sogleich wurde das Bild einer geheimen Überwachungskamera sichtbar, das einen kleinen, weißen Hund zeigte, der sich in einem Hinterhof zwischen zwei Mülltonnen in einem Karton mit Altpapier zum Schlafen zusammengerollt hatte.

„Och, ist der putzig!“ Elfe-Siebens Blick wurde ganz weich. „Dem müssen wir wirklich helfen!“

„Das habe ich ja vor. Ich habe Elf-Siebzehn bereits zur Erde geschickt, damit er sich mit Amor anfreundet. Du weißt ja, dass er die Tiersprachen von allen Elfen am besten beherrscht. Jetzt muss ich mir nur überlegen, welche Familie für ihn die richtige wäre und wie wir sie mit ihm zusammenbringen können.“

„Dir fällt bestimmt was ein, Santa.“ Elfe-Sieben deutete auf den obersten der Aktenordner. „Wir haben aber auch noch eine Menge anderer Wünsche zu erfüllen. Ich hab mal in unser Archiv geschaut, da gibt es einiges zu tun dieses Jahr.“

„Ich weiß. Die Erinnerungssoftware hat mir schon ein paar Meldungen ausgespuckt. Die meisten sind recht einfach zu bearbeiten, denke ich.“ Der Weihnachtsmann strich sich sinnierend durch den Bart.

„Die meisten? Also sind auch wieder schwierige Fälle dabei?“

„Einer zumindest“, gab Santa Claus zögernd zu. „Es handelt sich um einen Wunsch, den ich schon seit Jahren vor mir herschiebe, weil mir einfach nicht einfallen will, wie ich ihn erfüllen könnte.“

„Ist das denn so schwierig? Was für ein Wunsch kann denn solche Probleme machen?“

Santa Claus räusperte sich. „Es geht um einen Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht als eine intakte Familie, Liebe, Geborgenheit.“

„Also hat er all das nicht?“

„Nein. Zu dem Zeitpunkt, als ich seinen Wunschzettel erhielt, lebte er auf der Straße. Na ja, zumindest so gut wie. Seine Mutter ist drogenabhängig, der Vater Alkoholiker und gewalttätig. Der kleine Noah hatte es nicht leicht, wurde geschlagen, vernachlässigt …“

„Oje, wie furchtbar. So was macht mich immer schrecklich traurig.“

„Mich auch.“

„Kann man ihm nicht eine Pflegefamilie vermitteln? So was hast du doch früher auch schon gemacht.“

„Er ist mittlerweile erwachsen, Elfe-Sieben.“

„Oh.“

„Er ist fünfunddreißig Jahre alt.“

„Ach herrje. Und wann hast du seinen Wunschzettel bekommen? Das muss ja eine Ewigkeit her sein.“

„Damals war er acht.“

Erschrocken sah die Elfe den Weihnachtsmann an. „Und all die Jahre konntest du ihm nicht helfen?“

„Leider nicht. Er hat sich mir immer entzogen, wollte nicht mehr an mich glauben. Er ist viel zu früh erwachsen geworden, auf die schiefe Bahn geraten. Alles nur, um zu überleben, weißt du. Trotzdem habe ich ihn immer im Auge behalten, denn ein Wunsch ist ein Wunsch, und es ist meine Pflicht, ihn zu erfüllen, wenn es nur irgendwie möglich ist. Er macht es mir nicht leicht. Aber zumindest ist er ein Kämpfer, denn er hat es geschafft, sich aus eigener Kraft ein neues Leben aufzubauen. Er hat sogar studiert und ist inzwischen so was wie ein Streetworker. Ein ausgezeichneter noch dazu, wie ich herausgefunden habe.“

„Na, das ist doch toll! Also hat er einen guten Kern. Wo lebt er denn jetzt?“

„Vor drei Monaten hat er seinen Job in einer Kölner Einrichtung verloren und wurde danach in der Sozialstation von Arthur Mondoli eingestellt.“

„Arthur Mondoli?“ Überrascht zog die Elfe die Stirn in Falten. „Moment mal, ist das nicht ein Freund von Carsten und Sophie? Den beiden, denen du vor zwei Jahren zu ihrem Glück verholfen hast?“

„Genau der. Er leitet die Sozialstation in dieser kleinen Stadt. Du weißt schon, wir hatten dort schon eine ganze Reihe von schwierigen Fällen.“

Nachdenklich tippte die Elfe mit dem Zeigefinger gegen ihre Unterlippe. „Fällt dir was auf?“

„Was denn?“

„Das ist dieselbe Stadt, in der auch Amor sich herumtreibt. Das ist doch kein Zufall, oder?“

„Doch, ich glaube schon.“ Der Weihnachtsmann runzelte die Stirn. „Du denkst doch nicht … Nein, Elfe-Sieben, das geht nicht. Oder doch? Noah und Amor? Wie sollte ich diese beiden wohl zueinanderbringen?“

„Keine Ahnung, aber einen Versuch wäre es doch wert, oder etwa nicht? Damit könntest du gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sozusagen. Wenn du Fliegen erschlagen würdest. Was du selbstverständlich nicht tust, Santa.“ Elfe-Sieben grinste schelmisch.

Santa Claus drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger, wurde aber gleich wieder ernst. „Man könnte es zwar versuchen, aber das löst mein Problem ja nicht. Noah hat sich eine Familie, Liebe und Geborgenheit gewünscht. Keinen Hund.“

„Aber er könnte Amor Liebe und Geborgenheit geben. Das wäre schon mal ein Anfang. Das mit der Familie …“ Elfe-Sieben zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht ergibt sich ja noch was.“

„Der Weihnachtsmann arbeitet aber nicht mit Vielleichts, Elfe-Sieben.“ Santa schüttelte den Kopf. „Und ich sehe nach wie vor keinen Weg, ihm seinen Wunsch zu erfüllen.“

2. KAPITEL

Nanu, was ist das denn?“ Aaron Rosenbaum, Inhaber der Firma Rosenbaum und Söhne, die ihren Kunden jeglichen Service hinsichtlich Elektrotechnik über Kommunikations- und Sicherheitstechnik bis hin zu Energie- und Gebäudetechnik bot, trat nah an den Empfangstresen im Eingangsbereich seiner Firma. Streng blickte er auf die junge Frau mit dem schicken blonden Kurzhaarschnitt hinab, deren Finger flink über die Tastatur des Computers tanzten. „Hast du nicht eigentlich seit“, er schielte auf seine Armbanduhr, „dreiundvierzig Minuten Feierabend?“

„Ja, Paps.“ Lidia hörte auf zu tippen und lächelte ihren Vater an. Er war für seine zweiundsechzig Jahre ein attraktiver, schlanker Mann mit kurzem grauem Haar und klugem Blick. Lidia deutete auf den Stapel Papiere neben sich auf dem Tisch. „Diese Materialanfragen mussten unbedingt heute noch raus, sonst verzögert sich die Lieferung, und dann wird Janus sauer. Und Daniel brauchte unbedingt noch die aktualisierte Aufstellung der nächsten drei Aufträge. Ich bin aber jetzt fertig.“

„Wer ist hier eigentlich der Boss?“ Aaron schüttelte leicht tadelnd den Kopf. „Deine Brüder scheinen ja zu glauben, sie können dich als Mädchen für alles einsetzen. Aber meine Anordnung lautet, dass du pünktlich Feierabend machst. Außer, wenn es hier drunter und drüber geht. Was momentan nicht der Fall ist. Du arbeitest sowieso zu viel, mein Schatz. Wann hast du dich zuletzt mal mit einer Freundin getroffen? Mit Sophie zum Beispiel oder mit Tessa und Julia? Oder gleich mit allen dreien? Und einen jungen Mann gibt es in deinem Leben auch nicht. Schon lange nicht mehr, oder? Nicht, dass ich mich beschweren möchte. Nachdem Lars mir schon Irina weggeschnappt hat …“

„Aber Paps, er hat sie dir doch nicht weggeschnappt!“ Lidia kicherte.

„Das versteht nur ein Vater, Lidia. Irgendwann muss man seine kleinen Mädchen dem großen bösen Fremden anvertrauen.“ Ein wenig wehmütig lächelte Aaron.

„Lars ist vielleicht groß, aber ganz bestimmt nicht böse. Und fremd schon erst recht nicht.“

„Aber er ist jetzt die Nummer eins in Irinas Leben. Damit muss man sich als Vater erst mal abfinden. Bald wird sie sogar selbst Mutter. Das wird unser aller Leben noch einmal auf den Kopf stellen.“

„Aber du hast doch schon Enkelkinder, Paps. Macht da eines mehr so einen Unterschied?“ Während Lidia sprach, schaltete sie die Computeranlage aus und klappte die Hefter zu, die auf ihrem Schreibtisch hinter dem Tresen verstreut lagen.

„Jedes neue Leben macht einen Unterschied, Lidia. Das wirst du begreifen, wenn du selbst einmal Kinder hast. Falls du das überhaupt planst. Momentan sieht es ja nicht so sehr danach aus.“

„Paps!“ Milde tadelnd schüttelte Lidia den Kopf und griff nach ihrer Handtasche. „Hat Mama dich wieder aufgehetzt? Mir ist Mr Right einfach noch nicht begegnet. Ich kann es doch nicht erzwingen.“

„Mr Right?“ Aaron lachte. „Ich bin gespannt, wer das am Ende sein wird. Du warst schon immer sehr wählerisch. Und wieder beschwere ich mich nicht darüber. Aber wenn du nicht mal ausgehst und dich in der Welt umsiehst, kannst du ihn auch nicht finden.“

„Schon gut, schon gut. Wenn es dich beruhigt – ich gehe jetzt rüber in die Annastraße zu Tessas Blumenladen, weil ich ein neues Gesteck für meinen Esstisch haben möchte. Sie macht so schöne Arrangements passend zur Jahreszeit. Bei der Gelegenheit werde ich sie fragen, ob sie und Sophie mal wieder Lust auf einen Mädelsabend haben. Julia und Fiona kommen bestimmt ebenfalls. Und Irina vielleicht auch, solange sie noch Zeit für so was hat.“

„Aber verkriecht euch bloß nicht in deiner Wohnung, um DVDs mit rührseligen Filmen anzuschauen. Geht raus, essen, in eine Disco oder was auch immer. Meinetwegen auch ins Kino. Hauptsache, du kommst mal wieder unter Menschen.“

„Ja, Paps.“ Lidia seufzte übertrieben laut und schlüpfte in ihren dunkelbraunen Wollmantel. „Zu Befehl. Ach ja und Paps?“

„Was denn?“

„Sag Mama einen schönen Gruß und dass sie sich unterstehen soll, mir wieder so ein Blind Date unterzujubeln wie neulich.“

„Einen Versuch war es doch wert.“

„Der Typ war stinklangweilig. Aber an die Wäsche wollte er mir gleich am ersten Abend.“ Sie schlang einen bunten Schal um ihren Hals.

„Was? Davon hast du ja noch gar nichts gesagt!“ Auf Aarons Stirn entstand eine grimmige Falte. „Wenn ich den erwische!“

„Keine Sorge, ich habe ihn in die Wüste geschickt.“

„Na hoffentlich. Du bist manchmal zu gutmütig und, na ja, zu schüchtern, mein Liebes.“

„Nicht, wenn ich mich gegen einen Grapscher wehren muss.“

„Bist du sicher?“ Noch immer war Aaron in Habachtstellung.

„Ganz sicher, Paps. Du brauchst nicht mit dem Säbel zu rasseln. Aber es wäre mir wirklich lieber, wenn ihr mich selbst über mein Leben entscheiden lassen würdet.“ Rasch ging sie um den Tresen herum und küsste ihren Vater auf die Wange. „Und jetzt muss ich los, sonst macht Tessa mir den Laden vor der Nase zu.“

„Hättest du pünktlich Feierabend gemacht, müsstest du jetzt nicht hetzen.“

„Ja, Paps, ich weiß.“ Lachend winkte sie ihm zu und verließ das Firmengebäude.

Auf dem Weg in die Annastraße haderte Lidia – nur ein kleines bisschen – mit ihrem Schicksal als Jüngste von fünf Geschwistern. Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt und noch immer Single. Ihre Mutter – und offenbar inzwischen auch ihr Vater – hatte nichts Besseres zu tun, als zu versuchen, sie zu verkuppeln.

Nicht dass sie etwas dagegen gehabt hätte, endlich ihren Mr Right zu finden, aber ganz sicher war es keiner der Kandidaten, die ihre Eltern hin und wieder in ihr Blickfeld rückten. Sie brauchte niemanden, der ihr Hilfestellung leistete. Wenn sie dem Richtigen begegnete, würde sie es schon merken. Und er ebenfalls. Da war sie sicher.

Kaum war sie in die belebte Fußgängerzone abgebogen, als ihre Aufmerksamkeit auch schon von den hell erleuchteten Schaufenstern angezogen wurde. Sie liebte es, zu bummeln, sich von hübschen Dekorationen inspirieren zu lassen oder von den Düften, die hier und da aus der geöffneten Tür eines Restaurants wehten. Jetzt schon freute sie sich auf den Weihnachtsmarkt, der wieder voll sein würde von Gerüchen, Lichtern und bunter Deko. Im Grunde liebte sie jede Jahreszeit, doch gerade Weihnachten und der Advent mit den warmen Lichtern, den Geschenken und Geheimnissen hatten es ihr von jeher ganz besonders angetan. Endlich würde sie wieder die alten Familienrezepte herauskramen – und vielleicht auch ein paar neue aus ihren gesammelten Koch- und Backzeitschriften – und bergeweise Plätzchen und Lebkuchen backen.

Besonders Irina würde dann wieder wie eine Heuschreckenplage bei ihr einfallen, denn sie war selbst weniger talentiert in der Küche und überließ sogar das Kochen lieber ihrem Mann Lars. Aber auch Lidias Schwägerinnen waren stets dankbare Abnehmerinnen für ihr Gebäck. Schließlich hatten sie mit den Kindern oft so viel zu tun, dass es gerade mal für ein Minimum an Selbstgebackenem reichte. Und das meistens nur, weil es dabei um das Backvergnügen für die Kinder ging.

Vielleicht würde sie sich auch mit ihrer Mutter zusammentun, die die Leidenschaft fürs Kochen und Backen an sie vererbt hatte. Seltsamerweise hatte Silvia Rosenbaum auch mit fünf Kindern stets Zeit für dieses Hobby gefunden. Lidia hatte sich geschworen, dass das bei ihr einmal ebenso sein sollte. Obwohl sie nicht unbedingt gleich von fünf Kindern träumte. Und momentan fehlte ihr ja immerhin auch der richtige Mann für solche Pläne.

„Wobei wir wieder beim Thema wären“, murmelte sie und grinste in ihren flauschigen Schal. Vor dem Blumenladen ihrer Freundin Tessa blieb sie stehen und bewunderte die neuen Arrangements im Schaufenster. Drinnen standen noch einige Kunden an, deshalb ließ sie sich Zeit, die Auslagen zu betrachten.

Vielleicht, so sinnierte sie, war sie einfach zu romantisch. Und zu wählerisch. Natürlich wünschte sie sich jemanden, mit dem sie gemeinsam alt werden konnte. Der ihre Wünsche, Pläne und Träume verstand und teilte. Jemand Starkes, Zuverlässiges, der es aber gleichzeitig verstand, ihr den Atem zu nehmen.

Lidia seufzte. Sie war eindeutig zu romantisch. Oder verdorben von den Beispielen ihrer Schwester, ihrer Freundinnen, einfach viel zu vielen Frauen in ihrer Umgebung, die genau solches Glück bereits gefunden hatten. Jede auf ihre Weise. Nur sie selbst noch nicht. Aber vermutlich musste der Mann, den sie sich wünschte, sowieso erst noch gebacken werden.

„Mit Zuckerguss obendrauf.“ Sie lächelte einer älteren Dame zu, die gerade aus der Tür des Ladens trat und ihre Worte offenbar gehört hatte, denn sie hob fragend die Augenbrauen. Rasch deutete Lidia auf eines der Gestecke im Schaufenster. „Das Körbchen mit den Trockenblumen und Weidenzweigen meine ich. Es sieht aus, als hätte es Zuckerguss obendrauf.“

Die Frau warf einen Blick darauf und lächelte ebenfalls. „Oder ein Schneehäubchen. Frau Winkmann hat wirklich ein Händchen für so was.“

„Das hat sie.“ Da die Dame ihr jetzt die Tür aufhielt, trat Lidia mit einem dankbaren Nicken rasch in den Laden. „Hallo Kati“, grüßte sie die junge Auszubildende. „Herz-lichen Glückwunsch nachträglich zum Achtzehnten! Ich hoffe, du hast feste gefeiert.“

„Hi Lidia. Na ja, ein bisschen mit ein paar Freunden. Nichts Großes, ich spare doch für den Führerschein. Bis Februar hab ich das Geld zusammen. Auch für ein kleines Auto, Versicherung und so.“

„Das ist ja toll!“ Lidia, die wusste, wie schwer es für Kati in der Vergangenheit mit ihren arbeitslosen und gewalttätigen Eltern gewesen war, umarmte das Mädchen herzlich. Dann legte sie den Kopf ein wenig schräg. „Sag mal, was ist denn mit der lila Haarsträhne passiert? Hast du die weggezaubert?“

„Och, die hat sich ausgewaschen, und jetzt weiß ich nicht so genau, ob ich sie noch mal tönen soll. Tessa meint ja, mein blondes Haar wäre so auch schön. Aber ich find’s langweilig. Vielleicht färbe ich es mir mal ganz. Hennarot zum Beispiel.“

„Wow, du traust dich was!“ Lidia lachte. „Aber du bist überhaupt nicht langweilig, sondern sehr hübsch. Egal mit welcher Haarfarbe.“

„Quatsch, hübsch!“ Nun lachte auch Kati, wenn auch leicht unsicher. „Ich hab ein Allerweltsgesicht, Allerweltshaare, eine Allerweltsfigur. Und überhaupt, wen interessiert das schon?“

„Na, dich selbst sollte es interessieren. Wollen wir Frauen nicht alle hübsch aussehen?“

„Pfff, und irgendwelche dämlichen Typen anlocken, die einem nur an die Wäsche wollen? Nein danke, ich verzichte.“

Kurz dachte Lidia an ihr letztes gescheitertes Blind Date. „Na ja, diese Typen kannst du doch ignorieren und dich einfach nur für dich selbst schön machen. So halte ich es wenigstens.“

„Du bist aber auch wirklich hübsch, Lidia.“ Neidlos musterte Kati sie von oben bis unten. „Der Schal ist toll. Hast du den selbst gestrickt?“

„Ja, hab ich.“

„Ich wünschte, ich könnte so was. Aber Handarbeiten waren noch nie mein Ding.“

„Dafür machst du dich aber als Floristin ziemlich gut, wie man so hört.“

„Das ist doch was ganz anderes.“

„Finde ich nicht.“ Lidia machte sich eine Notiz im Geiste, Kati zu Weihnachten einen ähnlichen Schal zu stricken. Damit hätte sie schon mal das erste Geschenk auf ihrer langen Liste abgehakt. Bevor sie weitersprechen konnte, verließ die letzte Kundin den Laden, und Tessa kam hinter dem Verkaufstresen hervor.

„Lidia, Süße, wie schön, dass es dich auch mal wieder hier hereinweht!“ Überschwänglich drückte sie Lidia an sich. „Wie geht es dir? Ich höre immer nur von Irina oder Sophie, dass du arbeitest, arbeitest, arbeitest. Ist dein Vater so ein Sklaventreiber? Ich meine, Irina kann ja schon schlimm sein, aber …“

„Nein, nein, Paps doch nicht!“ Lidia kicherte. „Meine Brüder schon eher. Aber die Arbeit macht mir ja Spaß.“

„Man kann trotzdem alles übertreiben. Wir sehen dich kaum noch. Sogar Lukas hat neulich nach dir gefragt, und dabei hat er für so was im Moment eigentlich gar keine Zeit. Er hat nämlich seine erste Freundin.“

„Wirklich? Ist es jetzt so weit?“

„Er ist vierzehn, was soll man da anderes erwarten? Nina ist ein Mädchen aus seiner Parallelklasse. Sehr hübsch, sehr nett. Den guten Geschmack hat er von seinem Vater.“

Die drei Frauen lachten einstimmig.

Tessa wurde jedoch schnell wieder ernst. „Sogar Tatjana lässt fragen, wann ihre Tante Lidia sie endlich mal wieder besucht.“

Betroffen biss sich Lidia auf die Unterlippe. Tessas mittlerweile zweieinhalbjährige Tochter war ihr ans Herz gewachsen wie ihre leiblichen Nichten und Neffen. „Tut mir leid. Ich gelobe Besserung.“

„Das will ich hoffen.“ Spielerisch drohte Tessa ihr mit dem Zeigefinger. „Was führt dich denn heute in meine heiligen Hallen? Lass mich raten – ein neues Gesteck für deinen Esstisch.“

„Du kannst Gedanken lesen.“

„Konnte ich schon immer.“ Tessa zwinkerte ihr zu und schüttelte theatralisch ihr schulterlanges, kastanienbraunes Haar. „Wusstest du das nicht? Mein Mann und meine Kinder fürchten mich deswegen nicht zu knapp.“ Ihren Worten folgte ein weiteres Lachen. „Na ja, zumindest funktioniert es meistens. Bei den Kindern.“

„Außerdem bin ich hier, um dich zu fragen, ob du nicht mal wieder Lust auf einen Mädelsabend hast. Kati, wenn du magst, bist du auch eingeladen.“

„Aber hallo, wann und wo?“ In Tessas Augen trat ein unternehmungslustiges Funkeln.

„Mal sehen. Kommt drauf an, ob Irina, Fiona und Sophie auch kommen können.“

„Ganz bestimmt können sie, das regele ich schon.“

Lidia schmunzelte. „Also nicht nur Gedanken lesen, sondern auch bestimmen, wo es langgeht?“

„Einer muss es ja tun.“

Lidia schmunzelte. „Was den Ort angeht, gibt es nur eine Bedingung.“

„Und die wäre?“ Erstaunt hob Tessa den Kopf.

„Paps hat mir verboten, einen DVD-Abend zu Hause zu veranstalten. Er will, dass ich unter Leute gehe.“

„Recht hat er. Sonst staubst du uns noch ein.“

„Jetzt fang du nicht auch noch damit an!“

„Fang nicht womit an?“ Sophie, Tessas jüngere Schwester, hatte den Laden betreten und wickelte gleichzeitig ihren leuchtend roten Schal von ihrem Hals. Sie warf ihn auf den Tresen und lockerte mit beiden Händen ihr langes Haar auf, das den gleichen Farbton aufwies wie Tessas. Sie trug schwarze Stretchjeans, kniehohe graue Stiefel mit Stulpen und unter ihrem weißen Kurzmantel eine grau-rot karierte Longbluse. An ihren Ohren glitzerten mit Strass-Steinchen besetzte Kreolen. Sie war Fotografin und kleidete sich, wie sie selbst fand, einer Künstlerin entsprechend.

Lidia seufzte übertrieben laut. „Paps hat sich beschwert, dass ich noch unbemannt bin. Mama hat ihn vermutlich aufgehetzt. Jetzt soll ich unbedingt aus dem Haus gehen und Leute treffen. Männer natürlich vorzugsweise. Lieber wäre mir aber einfach nur ein bisschen Spaß. Deshalb planen wir gerade einen Mädelsabend.“

„Oh wie toll, ich bin dabei. Wann und wo?“ Der Mantel landete auf dem Schal und obendrauf ihre silberne Umhängetasche.

„So weit sind wir noch nicht.“

„Gut, dann lasst uns die Köpfe gleich mal zusammenstecken. Es sollte aber unbedingt ein Ort sein, an dem man alkoholfreie Getränke bekommt.“

„Ach stimmt, unsere beiden werdenden Mamas Julia und Irina dürfen ja nichts trinken.“ Lidia nickte zustimmend.

Sophie räusperte sich. „Ja, ähm, nicht nur wegen der beiden.“

„Was?“ Tessa wirbelte zu ihr herum und starrte sie an. „Sophie! Sophie, wirklich?“

Auf Sophies Wangen zeichnete sich eine leichte Röte ab; ihre Augen begannen zu strahlen. „Ja, wirklich.“

„Oh Gott, meine kleine Schwester kriegt ein Baby!“ Lachend und jubelnd wirbelte Tessa Sophie im Kreis.

„Vorsicht!“ Sophie japste. „Mir ist noch ganz schwindelig von dem Wirbelsturm, den mein Mann veranstaltet hat, als ich es ihm vorhin gesagt habe.“

„Du hast es Carsten eben erst gesagt?“

„Er ist fast umgefallen vor Schreck.“ Bei der Erinnerung daran gluckste Sophie. „Und dann hat er die gesamte Redaktion zusammengerufen und mich praktisch durch den Raum geschleudert.“ Ein Ausdruck voller Liebe trat in ihre Augen. „Er wird ein toller Vater.“

„Und wie er das wird!“ Tessa küsste sie auf die Wange. „Wie weit bist du denn?“

„Elfte Woche.“

„Wie bitte? Und da sagst du erst jetzt was?“

„Na ja, erst war ich total perplex, und dann wollte ich wirklich sicher sein und … keine Ahnung. Ich war heute erst beim Arzt.“

„Na, du bist mir ja eine!“ Tessa lachte. „Hach, wie toll, mein Schwesterchen kriegt ein Maikindchen. Das müssen wir feiern. Wisst ihr was, wir machen unseren Mädelsabend im Sternbach. Ich hole meinen Kalender, und wir suchen drei Termine heraus. Dann simsen wir Irina, Fiona und Julia und fragen sie, wann es ihnen recht ist.“ Während sie sprach, eilte Tessa bereits durch die Tür hinter dem Verkaufstresen in ihr kleines Büro und kam gleich darauf mit einem Tablet zurück, auf dem sie hektisch herumtippte und -wischte. „Donnerstag? Nein, Freitag ist besser, weil Pierre hier samstags den Laden schmeißt. Oder Samstagabend. Oder doch eher Sonntagnachmittag? Dann wäre es ein Mädelsnachmittag. Was meint ihr?“

Es dauerte kaum zehn Minuten, bis via E-Mail und SMS mit allen Freundinnen der Samstag als Termin beschlossen worden war. Kati kümmerte sich derweil um zwei neue Kundinnen, die einfache Blumensträuße kaufen wollten.

„So, das wäre also geklärt.“ Sophie nahm Tessa das Tablet ab und legte es auf den Tresen. „Und ganz nebenbei hast du jetzt auch dafür gesorgt, dass die gute Nachricht in schätzungsweise maximal zwanzig Minuten die Runde durch die ganze Stadt macht. Himmel, ich sollte unsere Eltern anrufen, damit sie es nicht von jemand anderem erfahren. Und meine Schwiegereltern. Aber die hat Carsten bestimmt schon informiert.“

„Sie werden außer sich sein vor Freude.“

„Das befürchte ich auch. Hoffentlich überschütten sie das arme Kindchen nicht schon vor der Geburt mit hundert teuren Geschenken.“

„Sie können es sich immerhin leisten.“

„Das könnten wir auch, aber Carsten und ich sind uns einig, dass wir so einen Pomp nicht wollen.“

„Also so pompös leben die Braumanns doch alle nicht. Na ja, bis auf Carstens Schwester vielleicht.“

„Ja, das stimmt, sie sind ziemlich bodenständig. Aber wer weiß, was die Aussicht auf ihr erstes Enkelkind bei ihnen anrichtet?“ Sophie schauderte ein wenig, grinste aber dabei. „Wir müssen sie an die kurze Leine nehmen. Apropos Leine, ich muss gleich noch bei Fiona vorbei und eine Wurmkur für Lulu besorgen. Das wird sie hassen.“

„Wer, Fiona?“

„Quatsch, Lulu natürlich. Sie stellt sich immer furchtbar an mit diesen Tabletten. Ich fürchte, ich muss auch noch mal zum Supermarkt und ein bisschen Leberpastete kaufen. Darin kann ich ihr die Wurmkur unterjubeln.“

„Nee, nee, ihr wollt keinen Pomp. Aber euren Hund mit Leberpastete füttern!“ Lidia lachte laut auf.

„Mach dich nur lustig. Lulu ist total lieb. Aber halt ein bisschen anspruchsvoll. Ich bin ja immer noch der Meinung, dass Carstens Schwester daran schuld ist. Elena hat Lulu total verzogen.“

„Ja, ja, bestimmt.“ Lidia wischte sich eine kleine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Aber keine Sorge, ich liebe Lulu genauso wie du. Wer könnte wohl auch nicht? Bring ihr doch von Fionas Hundekeksen mit. Damit lässt sie sich vielleicht auch bestechen.“

„Stimmt, das ist eine sehr gute Idee.“ Sophie schlüpfte wieder in ihren Mantel und griff nach ihrem Schal. „Ach!“ Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Fast hätte ich es vergessen. Tessa, könntest du das hier im Laden aufhängen?“ Sie zog ein laminiertes Papier aus ihrer Umhängetasche. „Arthur und Bettina suchen für die Sozialstation eine Aushilfsköchin für abends und am Wochenende. Clarissa – ihr wisst doch, die nette Rentnerin – hat sich beim Glatteis neulich den Knöchel und Oberschenkelhals gebrochen und fällt für eine ganze Weile aus. Wahrscheinlich sogar bis Februar. Bettina macht ja schon immer die Tagschicht mit ihrem Team, aber für die übrige Zeit braucht sie jemanden, damit sie sich um ihre eigentlichen Aufgaben kümmern kann. Sie haben schon online eine Annonce geschaltet und in allen Zeitungen und Käseblättchen. Es ist auch kein Ehrenamt, sondern wird ganz normal als Teilzeitstelle entlohnt. Tessa, du triffst hier doch so viele Leute, vielleicht ist ja jemand dabei, der sich für den Job eignet.“

„Klar, gib her. Ich hänge es gleich an die Tür, da sieht es jeder, der hereinkommt.“ Tessa nahm ihr den laminierten Bogen ab.

Neugierig sah Lidia ihr über die Schulter. „Was muss man denn für den Job mitbringen? Eine abgeschlossene Ausbildung?“

„Das wäre natürlich Spitzenklasse.“ Sophie zuckte die Achseln. „Aber in der Sozialstation nehmen sie jeden, den sie kriegen können. Natürlich nur, wenn er zum Team passt und zuverlässig ist. Warum, weißt du jemanden?“

„Nicht direkt.“ Aus unerfindlichem Grund fühlte Lidia sich verlegen. „Ich dachte nur, vielleicht könnte ich ja aushelfen. Übergangsweise. Bis sie jemanden für ganz finden. Oder bis Clarissa wieder gesund ist.“

„Du?“ Tessa und Sophie starrten sie beide verblüfft an.

„Warum nicht ich?“ Lidia lächelte unsicher. „Letzten Sommer habe ich auch schon mal ausgeholfen beim Sommerfest und später beim Erntedankfest.“

„Ja, weil ich dich dazu genötigt habe wegen deiner tollen Rezepte.“ Sophie runzelte die Stirn. „Das hier wäre dann doch im Vergleich ziemlich dauerhaft. Mindestens drei Abende in der Woche von sechs bis neun und außerdem samstags und sonntags auch noch bis mittags. Geht das überhaupt mit deiner Vollzeitstelle in der Firma?“

„Ist ja nicht für immer. Das lässt sich irgendwie regeln. Ich hätte wirklich Lust dazu. Arthur und seine Familie sind einfach toll, und die übrigen Leute aus dem Team fand ich auch sehr nett. Außerdem ist es für einen guten Zweck.“

„Ja, wenn das so ist.“ Sophies Miene hellte sich auf. „Frag doch einfach mal nach. Bei deinen Koch- und Backkünsten dürfte sich Arthur geradezu die Finger lecken. Du kannst es sogar mit Andrés Kochkünsten aufnehmen, und er hat schon in Sterneschuppen gearbeitet. Aber vergiss nicht, dass du diesen Samstag nicht kannst. Der Mädelsabend geht vor!“

„Ich gehe gleich mal rüber. Ist ja nur eine Straße weiter.“

„Und was ist jetzt mit dem Gesteck für deinen Esstisch?“ Tessa blinzelte ihr zu. „Das hast du jetzt total vergessen.“

„Nein, habe ich nicht. Ich hätte gerne das mit den Trockenblumen und Zweigen aus dem Schaufenster.“

„Das aussieht wie mit Zuckerguss obendrauf?“

„Genau das.“

3. KAPITEL

Du meine Güte, Walter, wie siehst du denn aus?“ Halb lachend, halb kopfschüttelnd ging Noah Silberberg auf einen schmalen älteren Mann mit dichten Bartstoppeln an Kinn und Wangen zu, der den ausrangierten Einkaufswagen mit seiner Habe gerade durch die Tür der Sozialstation schob. Zielsicher steuerte er auf einen der hinteren Tische im Aufenthaltsraum zu. Er trug eine lange blaue Zipfelmütze zu einem viel zu großen Mantel in derselben Farbe. Beides war triefnass. „Wo hast du denn die Sachen schon wieder her?“

„Aus’m Theater. Also aus’m Container mit den alten Kostümen. Sieht gut aus, wa?“ Walter grinste breit und zeigte dabei eine schlecht sitzende Gebissprothese.

„Die Sachen sind klatschnass. Du erkältest dich doch. Gib mal her, ich werfe alles rasch in den Trockner.“

„Hab aber nix anderes. S’regnet ziemlich, un’ der Container war offen. Is alles nass geworden. Meine Sachen drunter auch.“

„Dann suchen wir dir was zum Wechseln. Komm mit nach hinten. Arthur? Komm mal kurz. Ich brauch Klamotten für Walter.“

„Einen Moment.“ Arthur Mondoli, halb Senegalese und halb Italiener mit milchkaffeebrauner Haut, rabenschwarzem Haar und ebensolchen, intelligent blitzenden Augen kam aus seinem Büro und erfasste die Situation mit einem Blick. „Bin schon unterwegs. Du liebe Zeit, Walter, da hast du aber schicke Fetzen abgesahnt.“

„Ja, wa? Seh jetzt aus wie so’n Schlumpf. Kann mich dann auch keiner verwechseln.“

„Wer würde dich wohl verwechseln, Walter?“ Noah klopfte dem Obdachlosen auf die Schulter und führte ihn in einen der hinteren Räume. Arthur brachte trockene Kleider und nahm die nassen gleich mit in die Waschküche.

„Was is’n mit mei’m Wagen? Nich, dat den jemand klaut.“

„Den klaut niemand, Walter, keine Sorge. Hier ist alles sicher.“

„Das sags’ du. Mir is schon mal alles geklaut wor’n. Alles, sogar’s Haus unterm Hintern. Von so fiesen Bankleuten. Die sin’ noch mal der Tod der Nation, sag ich dir, Noah. Has’ du auch’n Konto bei den Verbrechern? Musste drauf achtgeben wie’n Schießhund, dat se dich nich auch nackich machen. Passiert schnell, so was.“

„Ich weiß, Walter.“ Obwohl Noah erst seit wenigen Wochen in der Sozialstation dieser kleinen, gemütlichen Stadt arbeitete, kannte er doch schon die meisten Geschichten und Schicksale, die sich hinter den Menschen verbargen, die er tagtäglich betreute. Er empfand es als seine Pflicht und Aufgabe, sie so gut wie möglich kennenzulernen, um sie bestens mit Rat, Tat und Hilfe zu versorgen. „Ich passe schon auf, dass man mich nicht bestiehlt. Was macht denn dein Fuß? Ist das Rheuma besser?“

„Ach, Rheuma. Blöde Zipperlein.“

„Soll ich dir noch mal einen Termin bei Dr. Benner machen? Er schaut sich das gerne noch mal an. Und wenn du Medikamente brauchst …“

„Würd’ste machen, Jung?“

„Selbstverständlich. Dazu bin ich schließlich hier.“

„Stimmt. Die bezahl’n dich dafür, dat du Wracks wie mir hilfs’.“

„Du bist kein Wrack, Walter. Komm, lass uns wieder rüber in den Aufenthaltsraum gehen. Hast du schon was zu Abend gegessen? Ach, egal, du kriegst so oder so was. Wenn Bettina dich so durchweicht sieht, füttert sie dich gleich mit einer doppelten Portion ab.“

„Die Bettina is heut Abend hier? Nich die Clarissa?“

„Clarissa hat sich beim Glatteis neulich den Knöchel und den Oberschenkelhals gebrochen. Sie liegt im Krankenhaus und wird für eine Weile nicht kommen können.“

„Oje, dat arme Fraumensch! Würd se ja gern besuchen, aber die lassen mich bestimmt gar nich’ rein ins Krankenhaus.“ Bedeutsam blickte Walter an sich hinab und zuckte dann die Achseln. „Un jetzt muss die Bettina alles allein machen?“

„Nicht ganz allein, aber es ist schon viel Arbeit. Wir suchen noch nach einer Aushilfe.“

„Hoffentlich is die nett.“

„Bestimmt. Wir stellen nur nette Leute ein, Walter. Das weißt du doch.“

„Un hübsch soll se auch sein. Nix gegen die Clarissa, aber so was Junges, Knackiges …“ Walter grinste breit. „Wär doch viel leckerer.“

„Du bist ein ganz schöner Schwerenöter!“

„Nee, nee, nich mehr. Früher mal. He, wie wär’s mit der da?“ Walter deutete auf eine schlanke blonde Frau in braunem Mantel, einen bunten Schal locker um den Hals geschlungen, die gerade die Station betreten hatte und sich suchend umsah. „Die gefällt mir, die könnt ihr behalten.“

„Na, warte erst mal. Wir wissen doch gar nicht, was sie hier will.“

„Aber hübsch isse!“

Da konnte Noah nicht widersprechen.

„Geh se mal ansprechen!“

„Bin schon auf dem Weg, Walter.“

„Pah, viel zu langsam biste. Siehste, der Arthur war schneller. So wird dat nix mit euch.“

Amüsiert blickte Noah auf den schmalen Walter, der tadelnd den Kopf schüttelte. „Ich kenne die Frau doch gar nicht.“

„Ja, eben. Un so lahm, wie du bist, wird dat auch nix. Halt dich mal ran!“

„Walter, wir suchen nur eine Aushilfsköchin, keine Frau für mich. Kann ich auch überhaupt nicht brauchen.“

„Ha, da wärste aber der erste Mann auf Erden, der ne Frau nicht brauchen kann. Na ja, außer die Kerls, die lieber Männer mögen. Kommt ja vor. Gehörs’ du aber nich’ dazu, oder?“

„Nein. Trotzdem …“

„Eben. Glaub mir, Jung, alleine alt werden is nich schön.“

„Lass das mal meine Sorge sein.“

„Ich sach ja, dat wird nix, wenn de so drauf bist.“

***

Neugierig sah Lidia sich im Aufenthaltsraum der Sozialstation um. Rechts und links neben der Eingangstür gingen große Fenster zur belebten Straße hinaus. Seit ihrem letzten Besuch vor einigen Monaten hatte sich die Einrichtung leicht verändert. Offenbar waren neue Tische, Stühle und Bänke angeschafft worden, alle in dunklem Nussbaumholz. Auf den Sitzgelegenheiten lagen gelbe, rote und orangefarbene Kissen, die dem Raum etwas Fröhliches, Leichtes gaben. Dazu trugen auch die farblich abgestimmten Vasen mit Trockenblumen auf den Tischen und die bunten Kunstdrucke an den Wänden bei. Auch mehrere Fotografien, von denen sie wusste, dass sie von Sophie stammten, hingen hier und da zwischen den anderen Bildern. Schnappschüsse von vergangenen Festen, Gruppenfotos vom Team, aber auch von den Menschen, die hier versorgt und betreut wurden. Da der Raum auch als Speisezimmer genutzt wurde, gab es hinten eine direkte Verbindung zur Küche. Rechts stand eine weitere Tür halb offen, die in einen Flur führte, von dem aus man in die hinteren Räume und die Büros gelangte. Mittlerweile gehörten auch noch zwei weitere Häuser zur Station. Eines, das Schlafplätze sowie sanitäre Anlagen für Obdachlose bot, und ein weiteres, in dem sich seit einem knappen Jahr Werkräume, eine Tischlerei und eine Schneiderei befanden, in denen sogar ausgebildet wurde.

In den oberen Stockwerken des Haupthauses gab es außerdem einen Arzt, einen Zahnarzt, sogar einen Anwalt und Notar und noch einige weitere, teilweise nur an wenigen Tagen in der Woche besetzte Einrichtungen, die sich um die Belange der Leute kümmerten, die hier Hilfe suchten. Lidia fand die Sozialstation vorbildlich und war immer wieder begeistert von den vielen Angeboten, die hier bereitgestellt wurden. Ob Kinder oder Jugendliche aus Brennpunkten oder sozial schwachen Familien, Obdachlose oder ganz einfach alte, einsame Menschen – in Arthur Mondolis Einrichtung waren sie alle willkommen. Auch Kati hatte hier immer Unterschlupf und ein ruhiges Plätzchen gefunden, wenn es bei ihr zu Hause mal wieder drunter und drüber gegangen war. Arthur hatte ihr auch den Ausbildungsplatz bei Tessa im Blumenladen besorgt, der es ihr ermöglichte, auf eigenen Füßen zu stehen.

Ganz ohne Sponsoren ging das selbstverständlich nicht. Allen voran stand die B-Media-Group, ein Medienkonsortium, dessen Juniorchef kein Geringerer als Sophies Ehemann Carsten Braumann war. Er und Sophie halfen sogar selbst abwechselnd an ein oder zwei Tagen in der Woche hier aus, wenn es sich irgendwie einrichten ließ.

An einem der Tische neben dem Eingang saß eine Gruppe Jugendlicher mit grellen Punk-Frisuren und unzähligen Piercings und spielte Karten. Weiter links beugte sich eine rundliche Frau in abgetragener brauner Strickjacke und mit altmodischem grauem Dutt über eine Zeitschrift mit Kreuzworträtseln. Der Kugelschreiber in ihrer Hand wieselte flink über das Papier. Ganz hinten saß ein dem Aussehen nach Obdachloser mit einem jüngeren Mann zusammen, eine Hand schützend auf dem Griff des rostigen Einkaufswagens, der augenscheinlich sein Hab und Gut enthielt. Der Ältere sah zu Lidia hin und sagte etwas zu seinem Gegenüber, jedoch so leise, dass seine Worte für sie nicht zu verstehen waren. Der jüngere Mann drehte sich kurz zu ihr um und antwortete dann ebenso leise, aber bestimmt. Er war überraschend attraktiv mit kurzem dunkelbraunem Haar, leicht kantigem Gesicht, markanten Wangenknochen und Dreitagebart. Lidia war sich sicher, ihn hier noch nie gesehen zu haben. Das kleine Namensschild an seinem karierten Holzfällerhemd zeichnete ihn als Mitarbeiter der Station aus.

Sie überlegte, ob sie ihn ansprechen sollte, und stellte fest, dass sie sich nicht traute. In einer Sache hatte ihr Vater leider recht. Fremden gegenüber hatte sie schon immer gegen eine unangenehme Schüchternheit anzukämpfen. Dass dieser Mitarbeiter der Sozialstation derart gut aussah und dabei eine etwas dunkle, gefährliche Aura ausstrahlte, machte die Sache nicht gerade besser. Sie fragte sich, ob sie wohl jemals darüber hinwegkommen würde. Lediglich bei ihrer Arbeit, wenn sie sich ganz professionell hinter ihrem Schreibtisch und dem Empfangstresen verschanzen konnte, fühlte sie sich richtig selbstbewusst. Oder wenn sie Kochlöffel oder Mixer schwang. Da sie aber genau deswegen hergekommen war, sollte es doch wohl möglich sein, sich ohne dieses nervöse Flattern in ihrer Magengrube vorzustellen.

Bevor sie sich dazu durchringen konnte, über ihren Schatten zu springen, erschien Arthur in der Tür zum Flur. Als er sie erkannte, kam er mit ausgebreiteten Armen und großen Schritten auf sie zu. Sein Lächeln reichte beinahe von Ohr zu Ohr. „Lidia Rosenbaum! Dich haben wir hier ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Was führt dich denn her? Fürs Erntedankfest bist du leider einen Monat zu spät. Obwohl ich heute noch von deinem Früchtebrot und diesen leckeren süßen Brötchen träume, die du letztes Jahr gebacken hast.“ Während er sprach, umarmte er sie herzlich und trat dann einen Schritt zurück, um sie von Kopf bis Fuß zu betrachten. „Gut siehst du aus, aber ein bisschen blass. Sophie sagte mir schon, dass du zu viel in eurer Firma arbeitest. Was kann ich denn für dich tun?“

Bei dieser überschwänglichen Begrüßung entspannte sich Lidia sofort wieder. Sie mochte Arthur sehr gern, ebenso wie seine gesamte Familie. „Also eigentlich ist es eher so, dass ich fragen wollte, was ich für euch tun kann“, antwortete sie lächelnd.

„Ach?“ In Arthurs Augen trat ein überraschter Ausdruck. „Du für uns?“

„Sophie hat mir von Clarissas Unfall erzählt und dass ihr eine Aushilfsköchin sucht.“

„Oh mein Gott!“ Arthurs Augen funkelten begeistert. „Sag mir nicht, dass du den Job willst. Dann befinde ich mich in null Komma nichts im siebten kulinarischen Himmel.“ Er räusperte sich und senkte die Stimme. „Sag das bitte nicht Bettina. Sie kocht schließlich auch ganz vorzüglich. Aber ein bisschen frischer Wind … Also?“ Er zwinkerte ihr schelmisch zu.

Lidia lachte. „Ich wollte tatsächlich anbieten, für eine Weile auszuhelfen. Ehrenamtlich.“

„Auf gar keinen Fall!“ Arthur schüttelte den Kopf. „Du bekommst Geld für deine Arbeit wie jeder andere auch.“

„Ich habe aber schon einen Vollzeitjob, Arthur. Es ist wirklich nicht nötig …“

„Was nötig ist und was nicht, bestimme ich. Du meine Güte, mit so einem genialen Ersatz für Clarissa hätte ich im Leben nicht gerechnet. Wir finden einen Weg. Vielleicht wenigstens über einen Minijob.“ Arthur legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie in sein Büro. „Setz dich. Magst du etwas trinken? Kaffee? Tee? Wasser? Gar nichts? Du bist aber anspruchslos.“

„Ich helfe wirklich gerne aus. Das Geld ist vollkommen zweitrangig. Ich hatte die letzten Male hier so viel Spaß, das wiegt den Lohn schon wieder auf.“

„Das klären wir noch, Lidia. Du bist auf jeden Fall eingestellt, da brauche ich gar nicht lange nachzudenken. Du kochst und backst wie eine Göttin – jawohl! –, und du hattest damals auch ganz schnell die Mannschaft im Griff. Genau, was ich brauche.“ Er lächelte breit. „Wann kannst du anfangen?“

Lidia hob die Schultern leicht an. „Jederzeit. Aber …“

„Oh nein, ich wusste, dass sich da ein Haken versteckt!“

„Am kommenden Samstag kann ich nicht, da machen wir einen Mädelsabend, und weil der meine Idee war, kann ich ihn jetzt nicht schwänzen.“

„Sollst du auch gar nicht. Wie wäre es, wenn du morgen Abend gegen sechs herkommst? Bis dahin habe ich deinen Vertrag aufgesetzt und eine Lösung wegen der Entlohnung ausgetüftelt. Wir brauchen dich drei bis vier Abende in der Woche jeweils für etwa drei Stunden sowie außerdem samstags und sonntagvormittags. Ist das für dich in Ordnung? Das beschneidet deine Freizeit ja doch sehr.“

„Vollkommen in Ordnung, Arthur. Wie gesagt, ich helfe gerne, und bei euch verbringe ich meine Freizeit wenigstens sinnvoll.“

„Kein Freund, der dich vermissen könnte?“

„Nicht die Spur.“

„Verstehe ich nicht. Die Kerle müssten dir zu Füßen liegen. In Scharen!“

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