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Komm zum Punkt!

Inhalt

Vorwort zur vierten Auflage

Vorwort zur ersten Auflage

Klartext als Teil der Rhetorik

Arbeit mit Text ist Handwerk

Jeder darf Sie verstehen!

Die häufigsten Irrtümer beim Formulieren

Der Irrglaube, es komme auf die Textmenge an

Der Irrglaube, es gehe um die Sache

Um den heißen Brei herumreden

Die Unsitte, mit Nebenaspekten zu beginnen

Was haben Sie zu sagen?

Finden Sie Ihr Ziel!

Finden Sie die Überschrift!

Planen Sie Ihren Text!

Wie Sie sagen, was Sie sagen wollen

Gute Wörter, schlechte Wörter

Der Sinn von Sprache

Wortarten richtig verwenden

Sätze richtig bilden

Die Dinge positiv sagen

Konkret statt abstrakt formulieren

Ideologiefrei formulieren

Wie Sie Spannung erzeugen

Hollywood I: Erzählen Sie eine Geschichte

Hollywood II: Mit Erdbeben anfangen und steigern

Hollywood III: Spät rein und früh raus

Hollywood IV: Säen und ernten

Wie Sie gut rüberkommen

Seien Sie Sie selbst!

Erkennen Sie, wofür Sie stehen!

Wer ist Ihr Publikum?

Stellen Sie einen Draht her!

Bieten Sie Nutzen!

Merken Sie, wann Schluss ist!

Schlusswort: Weniger reden, mehr sagen

Vorwort zur vierten Auflage

Es ist mir eine große Freude, dass Sie dieses Buch vor sich haben. »Komm zum Punkt!« erscheint mir nötiger denn je. Nicht nur, weil unsere Sprache immer mehr den Bach runterzugehen scheint. Sondern vor allem auch, weil die Unternehmenskommunikation auf mich immer seltsamer wirkt. Oft weiß ich nicht, was Unternehmen und andere Organisationen wollen, wenn ich ihre Texte lese.

Ein Ingenieur schreibt eine E-Mail an eine Behörde, in der es um eine baufällige Brücke geht. Die Behörde braucht schnell eine Ansage, da die Presse wartet. Der Ingenieur will eine Behelfsbrücke vorschlagen, rückt damit aber erst im siebten Absatz heraus. In den sechs Absätzen davor erklärt er die Statik der alten Brücke. Warum? Eine Bäckereikette wirbt auf einem Flyer mit dem Spruch: »Das elfte Brot gratis unserer handausgehobenen Brote geht weiter.« Hä? Wer hat sich da was gedacht? Eine Behörde schreibt: »Im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme einer Teilzeitbeschäftigung sehen die gesetzlichen Bestimmungen einen besonderen Kündigungsschutz vor« und meint damit: »Für Teilzeitbeschäftigte gilt ein besonderer Kündigungsschutz«. Warum nicht gleich einfach? Warum erst lang und kompliziert?

Dass Sprache intellektuell und originell wirken soll, dieses Verständnis hält sich hartnäckig – und darum ist ein Buch wie »Komm zum Punkt! « wichtig. Was uns allen die Kommunikation wesentlich erleichtern würde, wäre das Verständnis: Sprache muss vor allem funktionieren. Wörter müssen treffen und stimmen.

Seit die erste Auflage von »Komm zum Punkt! « erschienen war, habe ich zahlreiche Erfahrungen gesammelt – in Seminaren und Workshops, am Rande von Vorträgen und auch bei Einsätzen in Unternehmen, bei denen ich den Mitarbeitern über die Schulter geschaut habe.

Ein wichtiges Schlüsselerlebnis war dabei ein Seminar für eine Bank, in dem ich angestellten Vertriebstrainern beibringen sollte, wie sie sich klar ausdrücken. Es waren gestandene Leute, die mich als Laien belächelten – schließlich habe ich keinen Banker-Hintergrund. Aber genau deswegen, dachte ich, bin ich Zielgruppe. Und ich bat die Teilnehmer: Bitte erklärt mir kurz die Riester-Rente! Die ist immerhin eines der wichtigsten Finanzprodukte in Deutschland, dachte ich, das muss leicht sein.

Die erste Antwort lautete: Du kannst privat und beruflich riestern. Aha, dachte ich. Und fragte: Was ist die Riester-Rente?

Die zweite Antwort lautete: Das Vermögen ist pfändungssicher. Schön, dachte ich. Und frage: Was ist die Riester-Rente?

Ich überlegte: Das sind Vertriebsexperten hier vor dir. Die buchen Vertriebstrainings. Aber was bringt so ein Vertriebstraining, wenn die Teilnehmer einem Laien das Produkt nicht erklären können? Unter diesen Umständen, das war mir klar, muss der Vertrieb äußerst anstrengend sein. Welchen Sinn sollte es da haben, einen Tschacka-Trainer zu buchen, der die Truppe motiviert? Den, dass die Vertriebler dann hoch motiviert draußen nicht wissen, was sie sagen sollen?

Nach einigem Hin und Her einigten wir uns darauf, dass die Riester-Rente eine Altersvorsorge ist. Tatsächlich! Und wissen Sie was? Einigen im Publikum war das zu banal. Dabei ist es einfach nur Fakt. Ein Dackel ist ein Hund – ist das banal?

Im Unterschied zu anderen Formen der Altersvorsorge hat die Riester-Rente nun noch einige Eigenschaften, die zur Definition dazugehören: Sie richtet sich an Arbeitnehmer, und sie ist staatlich subventioniert. So. Das war’s erst mal. Das ist der Rahmen, mit dem wir einem Kunden skizzieren können, worum es geht. Das ist dem Kenner der Materie mitunter zu banal – das mag sein. Aber es ist ihm nur deswegen zu banal, weil er nicht willens oder in der Lage dazu ist, die Perspektive des unwissenden Kunden einzunehmen, für den es eben nicht banal ist. Vielleicht ist er dazu auch einfach nur zu faul. In jedem Fall ignorieren zahlreiche Kommunikationsprofis: Bevor sich der Kunde für Details interessiert, braucht er einen Überblick. Sonst bearbeiten wir den Kunden stundenlang mit Details, bis sich irgendwann herausstellt, dass die ganze Mühe umsonst ist – wenn er beispielsweise selbstständig ist und daher eher zu »Rürup« neigt.

Nach diesem Seminar habe ich beschlossen, mein Buch »Denk mit! Erfolg durch Perspektivenwechsel« zu schreiben. Denn bevor wir lernen, wie wir uns klar ausdrücken, sollten wir die Perspektive unseres Empfängers einnehmen. »Anbei schicke ich Ihnen unser Angebot« ist schließlich das Gleiche wie »Anbei erhalten Sie unser Angebot« – nur eben aus Sicht des Empfängers formuliert. Was dieser Gedanke des Perspektivenwechsels für die Kommunikation bedeutet, finden Sie in dieser neuen Auflage in der nötigen Breite.

Am Beispiel »Riester-Rente« sehen Sie übrigens: Beim Thema Klartext geht es nicht nur ums Schriftliche, sondern auch ums Mündliche. Immer wieder versuchen manche Kunden zwar, mich aufs Schriftliche festzunageln, aber letzten Endes gelten meine Prinzipien auch für jeden gesprochenen Satz. Worte können geschrieben und gesprochen klar oder unklar sein. Nehmen Sie das Wort »Blankokredit«: Ob Sie »Blankokredit« sagen oder schreiben – der Nicht-Experte wird vermutlich nicht das verstehen, was das Wort heißt, nämlich einen Kredit ohne Sicherheiten. Sondern er wird irgendetwas vermuten, zum Beispiel, dass er wie beim Blankoscheck die Zahl selbst eintragen kann. Die Sparkasse Attendorn-Lennestadt-Kirchhundem (sie heißt tatsächlich so) verwendet daher weise das Wort »Handschlagdarlehen«. Das verstehen die Leute – und zwar schriftlich und mündlich.

Beim Überarbeiten von »Komm zum Punkt!« habe ich die Struktur weitgehend beibehalten und einige Kapitel gestrichen, ersetzt oder neu gefasst. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und viel Erfolg beim Kommunizieren!

Heiligengrabe, im April 2016

Thilo Baum

Vorwort zur ersten Auflage

»Wer nichts zu sagen hat, möge schweigen.«

(frei nach Ludwig Wittgenstein, 1889–1951)

Wir produzieren immer mehr Geschwätz. Statt einfach »Mundpropaganda« zu sagen, sagen wir »Mund-zu-Mund-Propaganda« – nur weil irgendein Spaßvogel irgendwann einmal die Mundpropaganda mit der »Mund-zu-Mund-Beatmung« gekreuzt hat. Wir sagen »Milch«, wenn wir »Kaffeesahne« meinen. Auf unseren Visitenkarten stehen Positionen wie »Leiter Marketing«, und wir arbeiten im »Marketingbereich« – obwohl wir »Marketingleiter« sind, im »Marketing« arbeiten und unsere Kinder nicht in den »Schulbereich« schicken zum »Lehrer Chemie«, sondern in die »Schule« zum »Chemielehrer«. Unsere Sprache ist heute so verdreht, wie sie es noch nie war.

Mit »Sprache« meine ich vorwiegend die Sprache der Unternehmen, aber auch die Sprache von Politikern, Medien und vor allem von Fachleuten. Entwickeln Forscher ein Verfahren, um Hausschweine mit Himbeeren zu kreuzen, hören wir von einer »innovativen Technologie«, obwohl es dabei nur um eine »neue Technik« geht. Wir sagen »Sinn machen«, obwohl es »Sinn haben« heißt. Hin und wieder verzapfen wir auch einfach Unsinn: Wenn wir »nicht unweit« sagen, denken wir, wir würden »nah« sagen – wir sagen aber damit »weit weg«. Weil »unweit« eben »nah« ist und »nicht unweit« entsprechend »nicht nah«. Die Leute sagen alles Mögliche, aber nur selten das, worum es geht.

»Das merkt doch keiner!«, lautet eine typische Reaktion auf diese Form der Sprachkritik. Und da möchte ich einhaken: Doch! Wer Sprachgefühl hat, merkt es. Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung berichten: Wenn ich in einem Text einen Modernismus finde – beispielsweise »Sinn machen« oder »am Ende des Tages«, dann weiß ich, dass der Schreiber oder Sprecher nicht selbst denkt. Denn er betet eine Floskel nach. »Sinn machen« ist wörtlich aus dem Englischen übersetzt und ebenso absurd wie die »US-Administration«, die ja nun im Deutschen keine »Regierung« ist, sondern eine »Verwaltung«. Selbst das »Philosophie-Magazin« fragte 2015 auf dem Titel: »Macht meine Arbeit noch Sinn?« Es heißt aber: »Hat meine Arbeit noch Sinn?« Fertig.

Und es geht nicht nur mir so. Ich bin davon überzeugt: Wenn Unternehmen, Politiker und Medien nicht mehr selbst denken, sondern ihre Worte anderen nachplappern, dann merken das die Menschen. Die Folge ist klar: Wir verlieren Reichweite. Und das ohne Grund – denn nichts ist so einfach wie der einfache Ausdruck. Wir müssen dazu nur sagen und schreiben, was wir meinen. Wenn wir »Pflicht« meinen, gibt es keinen Grund, »Verpflichtung« zu sagen. Sagen wir »Verpflichtung« und meinen damit nicht den Vorgang des Verpflichtens, sind unsere Worte mehrdeutig und aufgeblasen. Eine »Grundvoraussetzung« ist eine »Voraussetzung« – der Wortteil »Grund« macht das Ganze weder höflicher noch leichter verständlich. Es ist purer Ballast! Und ich bin sicher: Wenn wir etwas zu sagen haben, müssen wir nicht mehr sagen als genau das. Wozu auch sollten wir mehr sagen, als wir sagen wollen?

Übrigens ist dieses Buch ein Rhetorikbuch – es geht hier natürlich nicht nur um die schriftliche Kommunikation, sondern auch um die mündliche. »Rhetorik« bedeutet die Kunst der Rede. Zu reden bedeutet vor allem, Wörter hörbar zu machen – erst in zweiter Linie geht es dabei um Körpersprache und Phonetik, auch wenn die meisten Rhetoriker diese Techniken behandeln und sich weniger um das kümmern, was jemand sagt. Nichts gegen Körpersprache und Stimmtraining! Aber oft scheint es mir, als würden die Leute den zweiten Schritt vor dem ersten tun: Nimmt beispielsweise ein Politiker Rhetorikunterricht, hört er sich hinterher nur selten anders an als vorher, von Atmung, Stimme, Betonung, Pausen und Satzmelodie einmal abgesehen. Der geschulte Politiker spricht in der Regel auch nach einer solchen Schulung von »finanziellen Mitteln« statt von »Geld«. Körpersprachlich und stimmlich perfekt erzählt er nach wie vor etwas von »weniger Arbeit bei vollem Lohnausgleich«, obwohl er vermutlich »weniger Arbeit bei gleichem Lohn« sagen will und der Arbeitgeber den Lohn eben nicht an das Weniger an Arbeit angleichen soll. An die Sprache selbst, also an die Sätze, Wörter und Silben, wagen sich nur wenige Rhetoriker heran – obwohl die Sprache der Hauptgegenstand der Rhetorik ist.

Gute Botschaften sind relevant und verständlich

Der Grund dafür dürfte die Abwesenheit redaktionellen Denkens in unserer Gesellschaft sein. Der Redakteur in der Redaktion redigiert – noch bevor der Korrektor im Korrektorat korrigiert. Redaktionelles Denken lernen wir nicht in der Schule. Erschreckend viele Menschen denken, ein Text sei gut, sobald er fehlerfrei ist. Dabei hat es wenig Sinn, einen schlechten Text zu korrigieren – aber auf die Kunst, Texte gut zu machen, verstehen wir uns einfach nicht.

Wann ist ein Text gut? In meinen Augen dann, wenn er …

  • aus Empfängersicht relevant ist und

  • aus Empfängersicht verständlich ist.

Sie sehen: Es geht darum, dass wir uns am Empfänger orientieren. Erst wenn eine Botschaft für unsere Empfänger relevant ist, formulieren wir sie. Und erst dann, wenn sie richtig ist und funktioniert, geht sie ins Korrektorat.

Werden Sie also zum Sprachprofi, der redaktionell denkt! Künftig unterscheiden Sie zwischen »anscheinend« und »scheinbar« und zwischen »warum« und »wozu«. Sie erkennen sprachliches Wischiwaschi und die übliche Wichtigtuerei und entdecken dahinter sogar hin und wieder Verschleierungstaktiken. Sie lassen sich nicht mehr von perfekt gestylten und rhetorisch geschulten Leuten einseifen, die nichts zu sagen haben.

Und Sie werden sprachlich präzise und prägnant. Mit welchen Substantiven, Adjektiven und Verben formulieren wir eine Botschaft treffend? Meinen wir wirklich »altes Taschentuch« oder nicht eher »gebrauchtes Taschentuch«? Brauchen wir wirklich sieben Silben, um statt »Teil« hochtrabend »integraler Bestandteil« zu sagen? Trägt der Kollege von nebenan wirklich einen »Zopf« oder nicht vielleicht doch eher einen »Pferdeschwanz«? Sie entlarven Begriffe wie »Zukunftsinvestition« als Tendenzvokabeln, die uns etwas als schön verkaufen sollen, was im Kern lediglich eine »Investition« ist – denn in die Vergangenheit und in die Gegenwart werden wir kaum investieren.

Außerdem schulen Sie Ihr klares Denken! Geordnete Gedanken sind die Basis für geordnete Worte: Wer verknotet denkt, wird kaum einen klaren Gedanken formulieren. Deshalb geht es auch um die Frage: Wie ordnen wir unser Denken und unsere Denkmuster so, dass wir klare Gedanken ganz einfach in klare Worte fassen? Wie drücken wir komplizierte Dinge einfach aus? Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, formulieren Sie Gedanken direkt und verständlich. Sie heben sich damit vom inflationären Sprach-Schwulst ab und verschaffen sich und Ihren Anliegen umso leichter Gehör. Es wird Ihnen gelingen, Ihre Botschaft und jeden Inhalt auf wenige knackige Wörter herunterzubrechen – und Sie überzeugen die Leute in Sekunden, weil Sie jemand sind, der Klartext spricht. Auch Ihre Wirkung auf Menschen verbessert sich: Indem Sie konkret sagen, was Sie denken, wirken Sie glaubwürdiger, menschlicher und freundlicher. Ihre Worte wirken verbindlicher und greifbarer.

Verwenden wir eine zeitlose Sprache, die sagt, was zu sagen ist

Mir ist es übrigens gleich, ob Sie Denglisch reden und »Charts«, »Handy« und »Baby« sagen. Warum auch nicht? Wenn Ihre Zielgruppe Sie versteht, ist es doch prima. Ich habe noch nie verstanden, warum wir ein »Procedere koordinieren« und ein »Rendez-vous arrangieren« dürfen, aber nicht unsere »E-Mails checken«. Warum sind Latein und Französisch in Ordnung, Englisch aber ist pfui? Sicher: Wenn ein deutsches Wort sagt, was zu sagen ist, verwende ich es. Wenn ich »Strategie« sagen will, sage ich nicht »strategy«. Aber oft sagen eben englische Begriffe gut, was zu sagen ist – »Call-Center« oder »Shampoo« zum Beispiel. Warum sollten wir dafür krampfhaft deutsche Wörter suchen?

Und noch ein Takt vorab: Ich werde in diesem Buch nicht gendern. »Gendern« würde bedeuten, von »Leserinnen und Lesern« zu sprechen oder von »LeserInnen« – oder auch von »Leser*innen«, damit sich auch jene Frauen und Männer angesprochen fühlen, die denken, sie seien keine Frauen und Männer. Ich halte von solchem Sprach-Firlefanz wenig, und ich habe dafür sechs Gründe:

  • Erstens dürfte die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Toleranz verschiedener sexueller Orientierungen in unseren Köpfen angekommen sein. Wir sind zeitgemäß.

  • Zweitens geht es in diesem Buch um das Handwerk der Sprache – nicht um biologische und soziologische Phänomene wie Geschlechter und sexuelle Ausrichtungen. Als was sich jemand fühlt und mit wem er schläft, ist für dieses Buch ebenso irrelevant wie die Frage, welche Farben jemand trägt oder wie er sich ernährt. Zudem ist mir unklar, wieso die »politisch Korrekten« das Geschlecht an sich abschaffen wollen und es zugleich an jeder Stelle betonen.

  • Drittens verwechseln die Gender-Aktivisten das biologische mit dem grammatikalischen Geschlecht: »Der Rock« ist ebenso wenig männlich wie »die Hose« weiblich.

  • Viertens vermisse ich eben in den meisten Gender-Texten die Gleichberechtigung, die für die Vertreter der »politischen Korrektheit« angeblich so wichtig ist: Ich habe noch nirgendwo etwas von »Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterziehern« oder von »LadendiebInnen« gelesen.

  • Fünftens: Das Gendern macht die Sprache schlicht hässlich und falsch. Binnen-Großbuchstaben wie bei »StudentInnen«, Unterstriche wie bei »Professor_innen«, Sternchen wie bei »Student*innen« und die Negierung von Geschlechtern per »x« wie bei »Professx« zeugen von einem solchen sprachlichen Unverstand und einem solchen Mangel an Sprachgefühl, dass ich mich frage, wer hier die Sprache zerstören will. Wer die Sprache liebt, geht so nicht mit ihr um.

  • Sechstens: Die Genderei hat nichts mit Handwerk zu tun, sie ist pure Ideologie – und Ideologien sollten keine Handwerkskunst verändern. So etwas geschieht eigentlich nur in Diktaturen.

Wenn ich nicht gendere, bin ich damit weder frauenfeindlich noch sexistisch noch rückständig noch politisch rechts noch ein Nazi noch sonst irgendwas, was die Vertreter der »politischen Korrektheit« so gerne jenen Menschen vorwerfen, die nicht ihren wirren Gedanken folgen. Es gibt keinen Anlass für einen »Aufschrei«. Ich diskriminiere auch niemanden, wenn ich ihn grammatisch nicht erwähne. Ich bin lediglich ein Handwerker und wende das Handwerk der Sprache richtig an. Insofern sind natürlich mit »Lesern« alle Menschen gemeint, die dieses Buch lesen.

Kurz: Ich verwende insgesamt eine möglichst zeitlose Sprache ohne Trends – ideologiefrei, menschlich, ohne moralische Vorschriften und ohne den absurden Vorwurf, man sei nur dann ein guter Mensch, wenn man eine bestimmte Sprache verwende. Die Sprache ist ein wundervolles Werkzeug, und ich vertrete einen liberalen Umgang damit. Dieses Verständnis von Sprache will ich in Ihnen wecken.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat es ganz einfach formuliert: »Gebrauche gewöhnliche Worte für außergewöhnliche Dinge! « Ist es nicht ein wunderbar schlichtes und klares Rezept? Bitte tun Sie es nicht umgekehrt: Wer seine Sprache aufbläst, um Banalitäten zu erzählen, labert – das gilt für Denglisch, wenn es der Wichtigtuerei dient, und es gilt fürs Gendern, das einer Weltanschauung dient. Und Schwätzer lassen sich nicht mit noch mehr Geschwätz übertönen – nur mit Substanz. Also sagen Sie, was Sie denken, damit alle verstehen, was Sie meinen!

Klartext als Teil der Rhetorik

Über Redenschwinger, unklare Rhetoriker und darüber, dass wirklich gute Rhetorik die Menschen zur Prägnanz animiert.

Kennen Sie diese Leute, die mit langatmigen Reden vor der Büffet-Eröffnung die Geduld ihrer Zuhörer überspannen? Da verzichtet eine ehrenwerte Gesellschaft ausgehungerter Leute schon aufs Abendessen – und der Mensch am Pult erzählt und erzählt. Irgendwann scheint er zum Schluss zu kommen – aber nein, leider doch nicht. Er spricht weiter. Und weiter. Und da ist dieses Gefühl. Dieses Gefühl, dass dieser Mensch da vorne allen Ernstes glaubt, eine gute Rede zu halten. Obwohl er Hunderten von Menschen damit auf die Nerven geht. Und wir fragen uns: Wie kann es sein, dass jemand nicht merkt, wie sehr er die Leute quält?

Oder kennen Sie diese Leute, deren Redefluss so unerbittlich kompliziert und langatmig ist, dass man einfach nicht zu Wort kommt? Kennen Sie diese Endlos-Sprecher, bei denen Sie einfach keine Pause für einen Cut finden? Der Horror für jeden Radio- oder Fernsehjournalisten! Weil Unterbrechen als unhöflich gilt, lassen wir den Sprecher weiterreden – und der meint, die Umleitungen in seinem verquasten Denken seien Ausdruck von Klugheit. Wir erdulden unverdauliche Wortungetüme, zusammengestrickt zu wirren Sätzen voller Abschweifungen. Zwischen den Zeilen erahnen wir, dass wir es mit einem tollen Hecht zu tun haben müssen, der einzig eines richtig kann: wichtigtun. Und wir denken uns: Sprecher, hör die Signale! Halt endlich mal den Mund und geh auf Empfang!

Oder kennen Sie die Leute, die sich einfach nicht klar ausdrücken? Redner, die toll dastehen – Kleidung, Haltung Körpersprache und Stimme perfekt, aber am Ende fragen wir uns: Was hat er denn nun gesagt? Oder Leute, die sogar Unsinn erzählen? In deren Worten Informationen fehlen und Behauptungen falsch sind?

Rhetorik als die Kunst, sich zu inszenieren?

Für viele Menschen bedeutet »Rhetorik« die Kunst, ständig auf Sendung zu sein und ihren Auftritt möglichst eindrucksvoll zu inszenieren – am besten mit wuchtigen Worten und großen Gesten. Für die »Kunst der Rede« genügt vielen Menschen das, was übliche Rhetorikseminare als Schulung anbieten: stehen, atmen, gehen, selbstbewusst vor Publikum wirken, selbstbewusst im Meeting wirken, die richtigen Gesten und die passende Mimik einsetzen – alles praktisch. Nur was wir sagen und mit welchen Worten wir es sagen, spielt dabei nur selten eine Rolle. Warum nicht? Sollte nicht unsere Botschaft erst einmal klar sein, bevor wir sie inszenieren? Wie wäre es also, wenn wir uns beim Thema Rhetorik in erster Linie nicht mit Theater befassen, sondern mit Inhalt?

Klartext-Tipp 1:

Wenn Sie besser sprechen wollen, sollten Sie Rhetorik als das sehen, was sie ist: als die Kunst zu sprechen. Rhetorik ist nicht die Kunst, wortreich nichts zu sagen oder die Menschen mit Wortgewalt zu erschlagen.

Ob wir uns sprechende Politiker anschauen, Wissenschaftler, Juristen, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer oder sonstige Fachleute: Das größte Problem ist nicht das Auftreten. Das größte Problem ist, dass wir meistens kein Wort verstehen. Die Leute reden um den heißen Brei herum und kommen nicht zum Punkt. Sie schwafeln ohne Struktur und bringen ihre Hauptbotschaft nicht klar rüber. Kurz: Die Leute denken, sie könnten sprechen. So wie sie denken, sie könnten schreiben. Dass wir das Schreiben in der Schule gelernt haben, ist einer der größten Irrtümer der Gegenwart – die Schule bringt uns lediglich bei, dass unsere Texte fehlerfrei sein und möglichst anspruchsvoll klingen sollen. Der klare Ausdruck ist ein Profi-Handwerk, das wir viel zu geringschätzen.

Dabei ist die Sprache elementar in der Rhetorik. Sprache bedeutet zu überlegen: Welche Wörter wählen wir? Sind sie klar und treffend? Wie bilden wir Sätze? Sagen wir aktiv, dass wir »auf die Zukunft setzen«, oder passiv, dass »auf die Zukunft gesetzt werden soll«? Nutzen wir Verben und »beantragen einen Zuschuss«, oder ist unsere Sprache substantivlastig und störrisch, und wir »führen die Beantragung einer Bezuschussung durch«? Beschreiben wir unsere Gedanken abstrakt und schenken jemandem »Blumen« zum Geburtstag, oder sind wir konkret und schenken »zwanzig rote Rosen«? Sagen wir, worum es geht, oder lavieren wir herum?

All das ist Rhetorik – auch wenn wir davon in kaum einem Rhetorikkurs etwas erfahren. Klassischerweise finden wir derlei Inhalte in Schreibschulen, bestenfalls in einer Journalistenschule. Als spielten diese Gedanken nur beim Schreiben ein Rolle! Doch wieso diese Beschränkung aufs Geschriebene? Ein substantivlastiger Schachtelsatz im Passiv ist immer schwer zu verstehen – ob wir ihn schreiben oder sprechen. Wenn »Rhetorik« die »Redekunst« ist, dann frage ich mich, wieso die Regeln klarer Texte in der Rhetorik so eine untergeordnete Rolle spielen. Sollen die Leute klar schreiben, aber verschwurbelt reden? Ich wüsste nicht, wieso. Deshalb trete ich für ein neues Verständnis von Rhetorik ein: »Rhetorik« als die Kunst, mit Sprache umzugehen – also auch mit Sätzen, Wörtern, Silben. Es geht um Klartext.

Klartext bedeutet, in die Mitte der Zielscheibe zu treffen

»Klartext« klingt natürlich erst mal hart – da sagt jemand schnörkellos, was er denkt. Doch ganz so hart ist es nicht. Lassen Sie sich zu einem wichtigen Gedanken verführen: »Klartext« bedeutet, dass wir sagen, was wir sagen wollen. »Unklar« ist es, wenn wir etwas anderes sagen als das, was wir sagen wollen. Das ist das Prinzip.

Klartext-Tipp 2:

Klartext ist nicht notwendigerweise schroff. Klartext bedeutet, dass wir sagen, was wir meinen. Selbst Small Talk ist Klartext, wenn wir das soziale Miteinander meinen, das im Small Talk zum Ausdruck kommt.

Wenn wir nun etwas Freundliches sagen wollen und dazu freundliche Worte wählen, so ist das »Klartext«. Denn wir sagen, was wir sagen wollen. Sehen Sie, was ich meine? »Klartext« bedeutet nicht, schroff zu sein. Es bedeutet zu sagen, was wir meinen. Wir wollen mit unserer Wortwahl und unserem Ausdruck sozusagen in die Mitte der Zielscheibe treffen und nicht irgendwo an den Rand. Die Formulierung »gestörtes Vertrauensverhältnis« beispielsweise steht nicht in der Mitte der Zielscheibe. In der Mitte der Zielscheibe steht »gestörtes Vertrauen«, denn das »Verhältnis« ist bereits im »Vertrauen« enthalten. Wird die Formulierung dadurch schroff? Nein. Sie wird klar. Wenn wir aus einem »operativen Eingriff« eine »Operation« machen und aus einem »Heilungsprozess« eine »Heilung«, wird unsere Sprache nicht unhöflich – und übrigens auch nicht wissenschaftlich ungenau. Sie wird nur klar und prägnant.

»Klartext« bedeutet, dass wir nicht von einem »hessischen Innenminister« sprechen oder schreiben, wenn wir den »Innenminister Hessens« meinen – der ja durchaus westfälisch sein kann. »Klartext« bedeutet, dass wir nicht von einem »Rückstau im Kurvenbereich« sprechen, sondern vom »Stauende in der Kurve« – denn wohin soll sich ein Stau denn stauen, wenn nicht zurück? Wer sich klar ausdrückt, sagt und schreibt nicht »Ich entschuldige mich«, sondern bittet um Entschuldigung. Wer Klartext versteht, stellt an Autobahnraststätten auch keine Schilder auf, die die »Ablagerung« von Müll verbieten, sondern verwendet den Begriff »abladen«. Eine »Ablagerung« ist nicht gemeint. Wieso sollte sie?

Kleinigkeiten? Ich glaube nicht. Wer, wenn nicht Sie, soll denn wissen, was Sie meinen, wenn Sie sprechen oder schreiben? Unsere Mitmenschen können keine Gedanken lesen, und sie wollen es vermutlich auch nicht. Wenn Sie also beispielsweise als Jurist die Formulierung »ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht« verwenden, frage ich Sie, warum Sie die »Kenntnis« und die »Anerkennung« miteinander kreuzen. Was Sie meinen, ist »Anerkennung« oder genauer: »ohne eine Rechtspflicht anzuerkennen«. Welchen Grund sollte es geben, nicht das zu sagen, was Sie meinen? Wieso sollten Sie etwas anderes sagen? Und spätestens wenn Arbeitnehmervertreter »weniger Arbeit bei vollem Lohnausgleich« fordern, freue ich mich als Arbeitgeber und gleiche den Leuten das Weniger an Arbeit im Lohn gerne voll aus. »Klartext« bedeutet ganz einfach, zu sagen, was zu sagen ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Um noch deutlicher zu machen, was ich meine, wechseln wir kurz in die Mathematik. Dieser Trick ist mein wichtigstes Argument, um vor allem Vertreter der »MINT-Berufe« von Klarheit in der Sprache zu überzeugen, also Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker. Stellen Sie sich folgende Gleichung vor:

Ich vermute, kaum ein Mathematiker würde diese Gleichung so stehen lassen. Vielmehr würden Vertreter der »MINT-Berufe« diese Gleichung kürzen, sodass sich folgende Aussage ergibt:

Nur: Wozu haben wir diese Gleichung gekürzt? Etwas anderes sagen wir damit ja nun nicht, wenn x = 2 ist. Warum also sagen wir das Gleiche anders?

In Seminaren ist das eine spannende Situation, denn meine Teilnehmer versuchen zu erklären, weshalb sie Gleichungen kürzen. Wenn wir die Gleichung kürzen, wird sie nicht präziser – präzise ist die lange Variante auch. Der Punkt ist: Sie ist nicht prägnant! Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der ein Mathematiker die Gleichung »2 · x = 4« auf »x = 2« kürzt, machen Sprachmenschen aus der »Anständigkeit« eben den »Anstand« – es ist dasselbe. Wenn wir kürzen, machen wir also aus wenig prägnanter Sprache prägnante Sprache, ohne den Inhalt zu ändern und weniger präzise zu sein. Wir machen Sprache treffend.

Fürs Treffen eignet sich in meinen Augen am besten eine Zielscheibe: Treffen wir »ins Schwarze«, also in die Mitte? Oder treffen wir die Zielscheibe irgendwo am Rand in der Peripherie? Kein Mathematiker lässt ungekürzte Gleichungen stehen. Die Vertreter der »MINT-Berufe« und die meisten anderen Menschen wollen prägnant sein in ihren Aussagen. Also hilft möglicherweise das Modell der Zielscheibe, um Aussagen prägnant zu formulieren: Je eher wir mit einer Formulierung in der Mitte sind, desto prägnanter ist sie. Je weiter außen wir kommunizieren, desto schwammiger kommunizieren wir.

Klartext-Tipp 3:

Stellen Sie sich Prägnanz wie bei einer Zielscheibe vor. In der Mitte ist der Kern Ihrer Aussage, der sich nicht weiter kürzen lässt. Je weiter Sie nach außen gehen, desto komplizierter werden Ihre Worte – mit der gleichen Aussage.

Nehmen wir die Aussage »x = 2«: Diese Aussage steht in der Mitte der Zielscheibe, weil sie sich nicht weiter kürzen lässt und klar ist. Nach außen hin aber haben wir beliebig viel Spielraum, um unsere Sprache komplizierter zu machen. Die Aussage »2 · x = 4«, die dasselbe sagt wie »x = 2«, steht nicht mehr in der Mitte der Zielscheibe, sondern im nächsten Ring nach außen. Je weiter außen wir kommunizieren, desto komplizierter formulieren wir die Aussage, die wir prägnant in der Mitte der Zielscheibe ohnehin sagen würden: »3 · x = 6«, »8 · x = 16«, »8 · x + 5 = 21« und immer so weiter. Das Zielscheibenmodell zeigt: Es ist vollkommen sinnlos, eine Aussage möglichst weit weg von der Mitte zu formulieren – wir sagen dadurch nichts anderes. Das Gleiche gilt für die Sprache: Wenn wir »überlegen, einen Zuschuss für die Weihnachtsfeier zu beantragen«, ist das prägnant. Es ist nicht nötig zu sagen: »Wir ziehen in Erwägung, einen Antrag auf eine Bezuschussung der Weihnachtsfeier durchzuführen«.

Die Zielscheibe: Was im Kern steht, lässt sich nicht kürzen.
Nach außen aber ist beliebig viel Spielraum für Luft
.

Erst sprechen lernen, dann inszenieren

Die Zielscheibe ist elementar – nicht nur in der schriftlichen Kommunikation, sondern natürlich auch mündlich. Ob jemand schreibt, dass er »in Erwägung zieht, einen Antrag auf eine Bezuschussung der Weihnachtsfeier durchzuführen«, oder ob er es sagt, ist unerheblich. Auch in Blindenschrift oder per Morsealphabet haben wir es schlicht mit unnötigem Geschwätz zu tun. Bevor es um die Form geht – also die Frage, wie wir kommunizieren –, halte ich es für außerordentlich wichtig zu überlegen, was wir sagen. Wenn jemand nichts zu sagen hat, bringt auch eine perfekte Körpersprache nicht viel.

Natürlich habe ich nichts gegen Körpersprache und nichts gegen eine gute Stimme. Aber vielleicht kümmern wir uns erst dann um solche Formfragen, wenn klar ist, was wir zu sagen haben. Das Thema »Klartext« sollte unbedingt Teil klassischer Rhetorikschulungen werden. Denn erst wenn jemand Klartext spricht, hat es Sinn, die Wirkung dieser Worte zu trainieren. Das finde jedenfalls ich.

Klartext-Tipp 4:

Vergessen Sie erst mal die klassischen Stilfiguren der Rhetorik. Im Beruf geht es meistens nicht darum, Altphilologen zu beeindrucken. Überlegen Sie, welche Wörter treffend sagen, was Sie sagen wollen, und lassen Sie die Luft aus Ihrer Sprache.

Zudem ist es möglicherweise klug, die sprachliche Dimension der Rhetorik weniger akademisch zu betrachten: Das Problem berufstätiger Erwachsener ist nicht, dass ihre Sprache zu wenige Stilfiguren enthält. Das Problem ist auch nicht, dass die Leute die griechischen Fachbegriffe rhetorischer Stilfiguren wie »Oxymoron« oder »Paraphrase« nicht beherrschen (der Vollständigkeit halber: Ein Oxymoron ist ein innerer Widerspruch wie das Wort »Hassliebe«, eine Paraphrase ist eine Umschreibung).

Das Hauptproblem der Menschen in Sachen Rhetorik ist, dass sie sich nicht klar ausdrücken – ganz simpel. Die Rhetorik sollte daher in meinen Augen zunächst einmal die Basis klären. Alliterationen und Ähnliches sind ein Luxusthema, das vielleicht dann interessant werden kann, wenn jemand das Handwerk des klaren Ausdrucks beherrscht. Befassen wir uns vorher damit, dann ist das, als würden wir uns mit Arnold Schönbergs Zwölftonmusik befassen, ohne etwas von den in Europa üblichen Tonleitern zu verstehen.

Also betrachten wir »Rhetorik« in ihrem ursprünglichen Sinne – als »Kunst zu sprechen«. Das heißt, wir überlegen:

  • Welche Wörter haben welche Bedeutungen? Sagen Sie, was Sie meinen – oder was Sie nicht meinen? Meinen Sie wirklich »etwas schnell erledigen« oder »etwas bald erledigen«?

  • Wie lassen Sie die Luft aus Ihrer Sprache? Ist ein Ausdruck wie »Mitarbeiterschulungen durchführen« rhetorisch geschickt – oder wäre »Mitarbeiter schulen« nicht näher am Kern der Sache und obendrein natürlicher? Wird Ihre Sprache nicht klarer und wirken Sie auf Menschen nicht angenehmer, wenn Sie von »Marketing« und »Vertrieb« sprechen statt von »Marketingbereich« und »Vertriebsbereich«? Welche Worte lassen sich wie kürzen?

  • Würde Ihr Unternehmen mit der Hotlineansage »Wir wollen unseren Service für Sie verbessern« nicht menschlicher wirken als mit der umständlichen Formulierung »Wir wollen unsere Servicequalität für Sie steigern«? Wie kommt Ihr Unternehmen auf den Boden zurück, und wie hört es damit auf, die Leute mit Phrasen zu quälen?

Menschen mit unverständlichen Worten die Zeit zu rauben, ist leicht. Dazu müssen wir nur unseren Gedanken freien Lauf lassen und draufloserzählen. Schwerer ist es, sich verständlich auszudrücken. Es gibt in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat, das ich hier sinngemäß wiedergebe und das die Menschen mal Voltaire (1694–1778) und mal Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zuschreiben:

»Ich schreibe dir einen langen Brief, für einen kurzen habe ich keine Zeit.«

Arbeit mit Text ist Handwerk

Dass der Umgang mit Text ein Handwerk ist, schmeckt vielen Menschen nicht. Das hat damit zu tun, dass wir immer nur gelernt haben, dass Texte fehlerfrei und sprachlich anspruchsvoll sein sollten – sofern wir ein Gymnasium besucht haben. Die Schule hat uns ein rein akademisches und theoretisches Sprachverständnis vermittelt, mit dem wir in der Realität als erwachsene Berufstätige nur wenig anfangen können.

Doch es ist tatsächlich so: Plant ein Unternehmen eine Website, bucht es einen Webdesigner. Für die Fotos kauft man einen Fotografen ein, für die Grafiken einen Grafiker. Diese Professionen würdigen wir. Wir bringen diesen Berufen Wertschätzung entgegen, indem wir ihre Vertreter als Experten betrachten, die es verdienen, dass man sie für ihre Arbeit bezahlt. Nur die Texte, die schreiben wir »mal kurz« selbst. Kennen Sie das? Manche Unternehmen buchen zwar professionelle Texter, aber nach meiner Wahrnehmung wird das immer seltener – einfach weil wir alle denken, wir könnten selbst schreiben. Sicher beobachte ich auch, dass die Leute zunehmend auch keine Fotografen mehr buchen, sondern ihre Fotos selbst schießen, aber da wissen die Leute wenigstens, dass sie Amateure sind. Wenn es ums Schreiben geht, sprechen wir den Profis die Professionalität schlicht ab – denn schreiben kann ja unserer Ansicht nach jeder. Schreiben ist in den Augen unserer Gesellschaft keine Profession.

Unmengen geschriebenen Unsinns

Mich als Journalisten verletzt diese Missachtung meines Handwerks und meiner Profession. Für mich besteht Journalismus aus Recherche und Schreiben, und in beiden Bereichen brauchen Medien – und auch Unternehmen – Profis. Ich bin eher der Schreiber als der Rechercheur. Darum bin ich in unserer Zeitungsredaktion irgendwann am sogenannten Balken gelandet – das ist der breite Tisch, an dem die Mitglieder der Chefredaktion und ich als Schlussredakteur zusammensitzen und Headlines ins Layout rufen. Mir tut es auch weh, wie die Qualität der Medien den Bach heruntergeht – mir scheint, dass immer weniger Leute in den Redaktionen das redaktionelle Handwerk beherrschen. Insgesamt scheint das Handwerk der öffentlichen Kommunikation zu leiden, auch in Unternehmen.

Lassen Sie mich anhand einer kurzen Liste zeigen, was ich meine:

  • Wenn ich in einem Buchmanuskript lese, Walter Scheel sei der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewesen, dann lege ich das Manuskript weg. Scheel war nicht Kanzler. Er war Bundespräsident. Das ist nicht etwas Ähnliches, sondern etwas anderes.

  • Wenn eine Zeitung schreibt, wegen abnehmender Polizeipräsenz fänden »Verstöße gegen Rotlicht, Überhol- und Handyverbote praktisch nicht mehr statt«, dann bezweifle ich das. Was vielleicht nicht mehr stattfindet, sind Kontrollen und Sanktionen. Wer schreibt sowas?

  • Wenn ein Medium eine Überschrift textet wie »Seelische Verletzungen heilen«, dann frage ich mich, warum die Redaktion die Doppeldeutigkeit nicht erkennt. Heilen seelische Verletzungen, oder geht es darum, dass sie jemand heilt? Die Story ist unklar. Erst beim Lesen ergibt sich, dass seelische Verletzungen nicht von selbst heilen. Insofern ist die Doppelbedeutung auch nichts Neckisches zum Nachdenken, sondern schlicht laienhaft.

  • Wenn ich in einem Buch über die Dummheit lese, neben dem »sapere aude« (»Wage die Weisheit«) bräuchten wir auch ein »sapere sentire«, und das heiße »Wage zu fühlen«, dann erinnere ich mich an den Lateinunterricht, in dem ich nicht gut war, und weiß trotzdem, dass die Autorin dieses Buches – wenn schon – »sentire aude« meint.

  • Wenn ich in einer Zeitschrift über Konstantina Vassiliou-Enz lese, die »Geschäftsführerin Neue deutsche Medienmacher« oder »NDM Geschäftsführerin« sei, dann frage ich nach der redaktionellen Kompetenz des Blattes, das sicher die »Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher« oder die »NDM-Geschäftsführerin« meint – mit Bindestrich. Was soll dieser technokratische Hackstil in einem sprachlichen Umfeld? Ich finde Wendungen wie »Leiter Marketing« als gefühllos und technokratisch – sinnbildlich für Leute, die eher auf dem Nummernblock kommunizieren als auf der Tastatur. Wo bleibt das Musische in der heutigen Unternehmenssprache? Es heißt doch ganz einfach »Marketingleiter«!

  • Wenn ich lese: »70.000 Euro Sachschaden!«, frage ich mich, wieso die Redaktion mich anschreit. Wozu Ausrufezeichen? Die Zahl wirkt doch genug.

  • Wenn ich in der Mitgliederzeitschrift des ADAC »Motorwelt« von »ADAC Mitgliedern« ohne Strich, aber von »VW-Kunden« mit Strich lese, dann fürchte ich, hat die Technokratie über die Musikalität gesiegt. Und ich frage mich, wieso diese Journalisten nicht merken, dass sich die falsche Version »ADAC Mitglieder« falsch betont. Sind Journalisten nicht Sprachmenschen und damit tendenziell eher musisch?

  • Wenn eine Zeitung im Jahr 2015 vermeldet, dass der Deutsche Bundestag nun eine Lobbyistenliste veröffentlicht, wundert es mich, dass ich in dem Beitrag nichts davon lese, dass der Bundestag eine solche Liste schon seit 1972 veröffentlicht. Als informierter Leser weiß ich das und frage mich: Was ist an der neuen Liste nun neu? Die Antwort fehlt mir.

  • Wenn sich ein Medium darüber beschwert, dass jemand den Spruch »Jedem das Seine« verwendet, den die Nationalsozialisten über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald angebracht hatten, finde auch ich das ärgerlich. Allerdings fehlt jedes Mal die Kontextinformation, dass die lateinische Version »Suum cuique« nach wie vor das Motto der Feldjäger der Bundeswehr ist – und dass sich darüber niemand aufregt. Warum?

  • Wenn eine Meldung in der Lokalzeitung mit den Worten beginnt: »Im Badezimmer der Wohnung in der Kettenstraße versteckte sich am Donnerstagabend …«, dann frage ich mich, ob die Redaktion ernsthaft denkt, in der Kettenstraße gebe es nur eine Wohnung.

  • Wenn in einer Lokalmeldung steht: »Der Unfallverursacher fuhr einfach weiter«, dann frage ich mich, wie er »mehrfach« hätte weiterfahren sollen. Und ich frage mich: War der Redakteur dabei? Vielleicht fuhr der Unfallverursacher gar nicht »einfach« weiter, sondern hielt zuvor kurz an. Wenn jemand dabei war, haben wir doch mindestens auch eine Täterbeschreibung – wo aber ist die?

  • Wenn ein Medium schreibt: »Auch ein Dolmetscher wurde gerufen, um zu verstehen, was passiert ist«, frage ich mich, ob der Redakteur nicht weiß, dass sich das Verb im um-Satz (»verstehen«) aufs Subjekt im Hauptsatz bezieht. War es wirklich der Dolmetscher, der verstehen sollte? Oder sollte der Dolmetscher für den, der verstehen sollte, übersetzen? Schreibt so ein Redakteur auch, der Friseur schneide ihm die Haare, um gut auszusehen?

  • Wenn ein Medium von »Vorbedingungen« schreibt, frage ich mich, was »Nachbedingungen« sein sollten – genügt nicht einfach »Bedingungen«?

  • Wenn ich eine indirekte Frage lese wie »Unklar bleibt, wer das finanziert?«, frage ich mich, wie um alles in der Welt ein Redakteur hier ein Fragezeichen setzen kann. Wie steht es um die einfachsten Kenntnisse der Grammatik?

  • Wenn ich auf Websites von Unternehmen falsche Imperative lese wie »Lasse deiner Kreativität freien Lauf« statt »Lass«, »Nehme« statt »Nimm« und »Gebe« statt »Gib«, dann frage ich mich, ob die Leute je in der Schule waren. Wenn ja: Was haben sie dort im Deutschunterricht gemacht?

  • Wenn ich von einer »Vorahnung« lese, frage ich mich, was eine »Nachahnung« sein soll. Genügt nicht »Ahnung«?

  • Wenn eine Berliner Lokalzeitung von der »Gedächtniskirche« in Berlin schreibt und nicht deutlich macht, ob sie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche meint oder vielleicht die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, wittere ich Ortsunkenntnis in der Redaktion.

  • Wenn ein Hotel »Novotel Suites Berlin City Potsdamer Platz« heißt, beweist mir das zuerst die vollkommene Abwesenheit jedes Sprachgefühls im Management dieses technokratischen Hotel-Konzerns. Wie nennen solche Leute ihre Kinder? »Kind Sohn 2 Hans«? Steht dieses Hotel dann zudem nicht am Potsdamer Platz, sondern an der Anhalter Straße, fühle ich mich durch die absurde Namensgebung als Kunde deutlich für dumm verkauft.

  • Wenn jemand davon schreibt, sich mit etwas »auseinander zu setzen«, und das »möglicher Weise«, frage ich mich, ob die Rechtschreibreform uns nicht letztlich geschadet hat. Ist es nicht ein Unterschied, ob man jemanden »festnagelt« oder »fest nagelt«, »hängenlässt« oder »hängen lässt?« Richtig übel wird mir, wenn ich Formulierungen lese wie »Marketing Literatur« statt »Marketingliteratur«. Die Leute scheinen nicht mehr sprachlich zu denken.

Und so weiter und so fort. Es geht die ganze Zeit so. Kaum schalte ich das Radio an oder schlage die Zeitung auf, kaum lese ich Texte eines Unternehmens – die ganze Zeit konfrontiert mich die Welt mit ihrem Analphabetismus, sodass es schmerzt.

Haarspalterei, denken Sie? Da bin ich mir nicht sicher. Den Medien laufen in Scharen die Leser davon. Dass die Gründe dafür auch in mangelhaftem Handwerk liegen, in fehlendem Sprachgefühl und in ungenügenden Deutschkenntnissen, ignorieren die meisten Medienmacher. Und zwischen den marketingmäßig jubelnden Hauptartikeln von Unternehmen auf ihren Facebook-Seiten und den hämischen Kommentaren auf den meist unterdrückten Nebenspalten klaffen Welten – aber genau diese Differenz macht die Realität aus.

Klartext-Tipp 5:

Falsche und unpräzise Formulierungen als solche zu erkennen, ist keine Haarspalterei. Die Frage ist: Wieso sagt da jemand etwas anderes, als er sagen will? Niemals ist die Ausrede klug, es sei doch klar, was gemeint ist. Wenn Sie es nicht sagen oder schreiben, ist es nicht klar.

Sicher habe ich hier auch ein paar Kleinigkeiten aufgelistet, aber ich finde dennoch nicht, dass es Haarspalterei ist. Stellen Sie sich ein anderes Handwerk vor – ein Handwerk, das unsere Gesellschaft würdigt. Beispielsweise die Zahnmedizin. Da bohrt also ein Zahnarzt nur einen halben Millimeter am Karies vorbei. Ist das nun ein geringfügiger Fehler oder egal? Oder wechseln wir noch einmal zur Mathematik – und ich behaupte jetzt, 2 plus 2 sei 3,9. Das ist doch präzise genug, denken Sie nicht? Ist doch klar, was gemeint ist! Auf der 4 als Lösung zu bestehen, ist doch eine völlig übertriebene Erbsenzählerei und zeugt höchstens von krankhaftem Perfektionismus! Was meinen Sie?

Nein – wenn es um Handwerk geht, sollten wir keine Kompromisse machen. Vertut sich ein Handwerker um einen Millimeter, kann die Nachbesserung Hunderttausende von Euro kosten. Kein ordentlicher Handwerker lässt Fehler als irrelevante Ungenauigkeiten durchgehen – auch nicht in der Sprache.

Auch unsere Ämter drücken sich nicht klar aus

Die Sprache ist eine Disziplin wie die Fotografie, die Zahnmedizin und die Mathematik, aber kaum jemand scheint etwas für dieses Handwerk übrigzuhaben. Zugleich lese ich, dass Sozialarbeiter in einem brandenburgischen Flüchtlingsheim bei Behörden anrufen und die Mitarbeiter dort fragen, was sie mit ihren Briefen sagen wollen. Sehen Sie, wie wichtig das redaktionelle Handwerk ist? Unsere Ämter schaffen es nicht, sich klar auszudrücken. Wir brauchen Übersetzungshilfen – und das sogar als Muttersprachler.

Und sollten Sie im Marketing oder im Vertrieb eines Unternehmens arbeiten: Auch den allerwenigsten Unternehmen gelingt es, sich klar auszudrücken oder wenigstens relevante Botschaften zu bringen. Besonders witzig fand ich den Newsletter eines Augsburger Hotels mit der Top-Story: »Wir haben eine neue Direktorin«. Das ist in etwa so, wie wenn ich einen Newsletter rausschicke mit der Nachricht: »Ich habe mir einen neuen Laserdrucker gekauft«. Warum versenden so viele Unternehmen Ego-Botschaften, die aus Kundensicht nicht relevant sind? Und schreibt ein Unternehmen auf der Website »Nehme dir Zeit und beantworte die Fragen« statt »Nimm«, verliert es schlicht Reichweite – wer Sprachgefühl hat, klickt weg. Den Unternehmen scheint das nicht klar oder egal zu sein.

Es ist ja nicht so, dass wir in Deutschland nicht gebildet und fachlich nicht höchst spezialisiert wären. Aber wir können vor lauter Expertise kaum noch laufen. Welcher Arzt spricht mit seinem Patienten verständlich? Welcher Ingenieur spricht mit der Presse so, dass sie ihn versteht? Welcher IT-Experte spricht mit einem Kunden so, dass er ihn versteht? Es sind die wenigsten. Stattdessen braucht ein DEKRA-Gutachter – hoch spezialisiert – zwei Anläufe, um einfach mal meine Adresse korrekt vom Fahrzeugschein abzutippen. Und wenn ich darauf hinweise, dass ich nicht in Blumenthal lebe, sondern in Grabow bei Blumenthal, darf ich mir von dem Gutachter am Telefon erst in jovialem Ton anhören, er schreibe nur ab, was auf dem Fahrzeugschein steht. Eben nicht! Und damit er das versteht, muss ich ihm ein Fax schicken. Es kostet viel Energie, die vielen hoch spezialisierten Analphabeten unserer Gegenwart dazu zu bringen, einfach mal eins zu eins eine Information zu übernehmen. Wie viele Diplom-Ingenieure schreiben ihren Titel falsch? »Dipl. Ing.«, »Dipl.-Ing« – alles schon gelesen. In der Mathematik, ja, da kommt es auf jedes Zeichen an. In der Sprache etwa nicht? Doch, natürlich!

Schule und Uni: Gute Sprache ist komplizierte Sprache

Die Gründe für die mangelnde Wertschätzung gegenüber der Sprache sehe ich wie gesagt vor allem im Bildungssystem – damit meine ich vor allem die Schulen und Hochschulen. Das klingt paradox, weil vor allem das Bildungssystem die Sprache zumindest offiziell in höchstem Maße wertschätzt.

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