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Kommissar Morry - Der Henker will leben

Kommissar Morry - Der Henker will leben

Cedric Balmore

Published by BEKKERpublishing, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Kommissar Morry

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CEDRIC BALMORE: Der Henker will leben | Kriminalroman

Der Henker will leben | Kriminal-Roman

Also By Cedric Balmore

About the Publisher

Kommissar Morry

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschicten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

CEDRIC BALMORE: Der Henker will leben

––––––––

Kriminalroman

Nehmen wir diesen Marcus Porezzi: er ist ein äußerst begabter junger Mann, und niemand, der ihn kennt, würde vermuten, daß sich in seinem Haus ein schweres Gewaltverbrechen ereignen könnte. Aber so ist das nun mal mit dem Verbrechen... es ist nicht gerade wählerisch, wenn es darum geht, sich irgendwo niederzulassen. Und im Hause Porezzi scheint es eine feste Bleibe gefunden zu haben! Erst verschwindet die bildhübsche Deila Glyne, und dann entdeckt man ein fragwürdiges Messer. Diese Tatsache ist keineswegs die Form von Publicity, die Porezzi sich wünscht... aber was will er machen? Er muß bald einsehen, daß er keineswegs als Unbeteiligter am Rande der Geschehnisse stehenbleiben darf, sondern hineingerissen wird in einen turbulenten Spannungswirbel, der sein Leben zu zerstören droht.

Der Henker will leben

Kriminal-Roman

Als Inspektor Claremont die Wagentür hinter sich geschlossen hatte und in der brütenden Julisonne vor dem weißgestrichenen Haus stand, hörte er das Spiel des berühmten Pianisten zum erstenmal. Es war ein seltsames, teils düsteres und teils romantisches Geklimper, das keinen rechten Zusammenhang erkennen ließ und wie der Ausdruck einer innigen Angst anmutete. Claremont ging um das Haus herum. Die zur Terrasse weisenden Flügeltüren standen offen und der Inspektor sah Marcus Porezzi am Flügel sitzen. Der Meister war nur mit Shorts und einem blauen Sporthemd bekleidet. Vor dem imponierend großen Instrument sah er in dieser Aufmachung fast ein wenig verloren und kindlich aus, obwohl er einen markanten, scharf profilierten Künstlerkopf hatte.

Der Inspektor trat langsam näher und stellte sich neben dem Flügel auf. Porezzi schien den Besucher nicht zu bemerken. Seine Augen behielten den leeren, entrückten Ausdruck blinder Selbstvergessenheit. Er spielte weiter, mürrisch und nachdenklich, in der etwas widerstrebenden Art, die von einem inneren Zwang diktiert zu werden schien.

Als Claremont sich räusperte, zuckte Porezzi zusammen und blickte in die Höhe.

Claremont hatte den Pianisten schon wiederholt auf Fotos gesehen, mit seinen zweiunddreißig Jahren wirkte er wie Vierzig. Er hatte langes, dunkles und sehr dichtes Haar, das den weit ausladenden Hinterkopf umwogte und seine südländische Herkunft verriet. An den Schläfen war es aus unerfindlichen Gründen bereits ergraut. Er gehörte zu den Männern, die es nicht schwer haben, von den Frauen als interessant  eingestuft zu werden, denn er verkörperte eine wohlabgewogene Mischung von Männlichkeit und gutem Aussehen.

Seine vollen Lippen waren leicht aufgeworfen und etwas feminin, aber das kantige Kinn verriet Ausdauer und Willensstärke. Die Augen waren tiefe, dunkle Schächte, scheinbar bis an den Rand gefüllt mit einer heißen, brodelnden Flüssigkeit.

„Mr. Claremont?" fragte er.

Der Inspektor nickte.

Porezzi lauschte einem letzten Anschlag nach und schloß dann den Deckel.

„Ich freue mich, daß Sie gekommen sind."

„Das war doch selbstverständlich", erwiderte Claremont.

Der Inspektor war ein hochgewachsener, drahtiger Mann mit einem hageren, verkniffenen Gesicht. Wer gezwungen war, dienstlich mit ihm zu verhandeln, konnte leicht den Eindruck gewinnen, daß Claremont ein hartgesottener, humorloser Polizist war. Dieser Eindruck täuschte. Hinter Claremonts Sprödigkeit verbarg sich ein weiches Herz; im übrigen war er bekannt für seine bissige Ironie, die jedoch selten verletztend wirkte.

„Ich bin ein guter Freund von Kommissar Croft", erklärte Porezzi. „Wir haben gemeinsam ein paar Jahre in Yale verbracht. Es war eine herrliche Zeit, und ich habe es sehr bedauert, als er sich plötzlich entschloß, zur Polizei zu gehen." Er lächelte dem Inspektor unbestimmt in die Augen. „Aber das wissen Sie vermutlich, nicht wahr?"

„Mr. Croft hat es erwähnt."

„Später verloren wir uns aus den Augen. Ich wurde, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, kein Jurist, wie das meiner Ausbildung entsprochen hätte, sondern ein leidlich bekannter Arrangeur und Schlagerdichter, und ich erlangte eine gewisse Berühmtheit als Pianist für das leichtere Genre."

„Ich habe Sie einmal in einem Gershwin- Konzert in der Carnegie-Hall erlebt", sagte Claremont. „Sie dirigierten das Bostoner Symphonieorchester. Ich war sehr beeindruckt."

„Vielen Dank. Sie interessieren sich für Musik?"

„Ich interessiere mich dafür, aber ich verstehe nicht viel davon", sagte der Inspektor bescheiden.

„Kürzlich traf ich Croft wieder", erinnerte sich Porezzi. „In einem Restaurant. Ich war ehrlich überrascht, von ihm zu hören, daß er in der Zwischenzeit als Kommissar bei der New Yorker Kriminalpolizei gelandet ist."

„Trauten Sie ihm das nicht zu?"

„Oh, ich weiß, daß er klug und tüchtig ist... aber ich hielt ihn immer für einen sehr weichen, sensiblen Menschen, der niemand ein Leid zufügen kann. Vielleicht ist er nur deshalb zur Polizei gegangen, um diesen Mangel dort kompensieren zu können."

„Mr. Croft ist ein sehr fähiger Beamter mit einem strengen Sinn für Recht und Gerechtigkeit", sagte Claremont. „Ich bin stolz, unter ihm arbeiten zu dürfen."

Porezzi erhob sich. Jedenfalls erinnerte ich mich an ihn, als diese Geschichte passierte. Ich rief ihn an, und er sicherte mir zu, einen tüchtigen Mann in mein Haus schicken zu wollen. Eben Sie, Mister Claremont. .

„Was ist das für eine Geschichte, Sir?"

Porezzi lächelte und rückte das Bild einer älteren Dame zurecht, das in einem silbernen Rahmen auf dem Flügel stand. Es schien sich um seine Mutter zu handeln.

„Als Mann und Künstler habe ich die unselige Leidenschaft, mich oft mit schönen Frauen einzulassen. Jeder Mann braucht gelegentlich einen Flirt oder eine Liebschaft... es erneuert die schöpferischen Kräfte in uns. Können Sie das verstehen?"

„Ich bin kein Künstler, Sir, und ich bilde mir auch nicht ein, schöpferische Kräfte zu besitzen."

„Jeder Mensch ist mehr oder weniger schöpferisch veranlagt", behauptete Porezzi. „Der kleine Mann, der nach einem besonderen Motiv für seine billige Kamera sucht, offenbart bereits den Drang zur schöpferischen Tätigkeit..."

Claremont räusperte sich.. „Darf ich Sie daran erinnern, daß Sie mir berichten wollten, weshalb Sie um polizeilichen Beistand gebeten haben?"

„Ich bin ja schon dabei", meinte Porezzi lächelnd. „Wie gesagt... ich kenne viele Frauen und Mädchen. Eines dieser reizenden Geschöpfe heißt Deila Glyne. Sie ist 23 Jahre alt und wohnt allein hier in New York. Die Eltern besitzen irgendwo in Iowa eine Farm. Deila ist eines der jungen Dinger, die in die große Stadt kommen, um Karriere zu machen. Da sie das Glück hat, ungemein hübsch zu sein, wurde sie bald von Party zu Party herumgereicht, und es gab gewiß eine Menge Männer, die sich lebhaft für sie interessierten. Aus irgendeinem Grund schaffte sie es nie, sich ernsthaft zu verlieben. Die meisten Bewerber ließ sie kühl abblitzen."

„Hat sie Ihnen das erzählt?" erkundigte sich der Inspektor. „Oder ist das Ihre persönliche Auffassung?"

„Ich habe es auch einigen Andeutungen entnommen, die sie gelegentlich machte. Ich hatte auch Gelegenheit, sie auf einigen Parties zu beobachten."

Claremont nickte zerstreut. Er hatte vor zwei Tagen einen wichtigen Fall zum Abschluß gebracht und Kommissar Croft hatte ihn gebeten, doch einmal zu Marcus Porezzi zu gehen.

„Er ist ein guter alter Freund von mir", hatte Croft gesagt. „Er meint, es sei ein Verbrechen geschehen. In seinem Haus! Nun ja, vielleicht hat er sogar recht. Aber er war schon immer ein wenig versponnen. Sehen Sie doch mal bei ihm nach dem Rechten. Nur so... zum Schein, damit er sich wieder beruhigt. Sie werden schnell feststellen, ob etwas dahinter steckt oder nicht."

Tja, und da stand er nun, der Herr Inspektor, ohne genau präzisierten Auftrag, nicht einmal in offizieller Mission, mehr oder weniger als der zuverlässige Onkel, dem man seine Sorgen anvertraut, und von dessen tatkräftiger Hilfe man sich Rettung verspricht.

„Vor einigen Tagen war sie hier, in diesem Raum", meinte Porezzi und umschloß mit einer weit hergeholten Handbewegung das gut sechzig Quadratmeter große Zimmer. Es enthielt eine gekonnt arrangierte Mischung alter und mo- dernerMöbel,die mit sicherem Stilempfinden zu einer harmonischen Einheit verschmolzen worden waren. „Es war am Montag..."

„Also vor vier Tagen", unterbrach Claremont.

„Ganz recht. Wir waren eine kleine Gesellschaft ... insgesamt neun Personen, mich inbegriffen. Fünf Damen, vier Herren. Eine rasch improvisierte Angelegenheit, die sich am Montag mittag ergeben hatte."

„Wo?"

„Im ,Borneo'. Sie kennen vermutlich das Restaurant. Ich war mit Albert Ferrick dort. Bei dieser Gelegenheit trafen wir die anderen ... ein Zufall. Deila Glyne war dabei, sie befand sich in Begleitung einer gewissen Norma Brixon. Kurz und gut, wir unterhielten uns sehr angeregt, und da ich den Abend noch frei hatte, lud ich die ganze Gesellschaft zu mir ein. Das ist die Vorgeschichte."

„Wer ist Albert Ferrick?" fragte Claremont.

„Mein Manager. Er arbeitet schon seit zwei Jahren für mich. Ein agiler, cleverer Bursche... sehr ichbezogen und geldhungrig, wie die meisten seiner Berufskollegen, aber zäh in Verhandlungen, und ungemein gerissen, wenn es darum geht, für sich und mich die besten Bedingungen zu erzielen." 

„Ich verstehe. Bleiben wir bei Deila Glyne. War sie die eigentliche Ursache der so plötzlich ausgesprochenen Einladung?"

Porezzi lächelte matt. „Sie haben mich durchschaut, Inspektor. Ja, sie interessiert mich." Er holte tief Luft und ging zu einem Wandschrank, dem er eine Flasche und zwei Gläser entnahm. „Es ist heiß, Inspektor, und ich wette, daß Sie einen Whisky mit Eis und Soda nicht abschla- gen werden..."

„Ich bin im Dienst, Mr. Porezzi."

„Doch nur zur Hälfte, nehme ich an? Da sie von meinem Freund Croft geschickt wurden und gleichsam in halb privater Mission hier sind, werden Sie mir sicher gestatten, Sie wie einen lieben Besucher zu betrachten. Wollen wir uns nicht setzen?"

Die beiden Männer nahmen in der Nähe der geöffneten Türen an einem Klubtisch Platz, auf dem ein kleiner Ventilator mit wenig Erfolg gegen die schwüle Luft anzukämpfen versuchte. Porezzi klingelte und beauftragte den kurz darauf eintretenden Butler damit, Soda und Eis zu besorgen. Der Butler, ein noch

ziemlich junger Mann, verbeugte sich und verließ schweigend den Raum. Porezzi wandte sich dem Inspektor zu.

„Machen wir es kurz. Die Gesellschaft verließ das Haus um zwei Uhr morgens... aber ohne Deila."

„Das Mädchen blieb hier?"

„Aber nein... es ist durchaus nicht so, wie Sie denken", verwahrte sich Porezzi gegen die Unterstellung. „Sie war einfach verschwunden... noch ehe sich die Gesellschaft auflöste. Ihre Abwesenheit fiel mir gegen ein Uhr auf. Ich suchte sie, konnte sie aber nicht entdecken. Norma Brixon sagte mir, daß Deila den Alkohol nicht gut vertragen könnte, und daß sie möglicherweise weggegangen wäre, weil es ihr schlecht geworden sei. Ich gab mich damit nicht zufrieden und rief in der gleichen Nacht bei Deila Glyne an. Es meldete sich niemand. Am nächsten Tag hatte ich Konzertproben, und am Abend war ich bei Ferrick eingeladen. Erst am übernächsten Tag, also vorgestern, erinnerte ich mich an das Mädchen. Ich wählte ihre Nummer, um zu erfahren, wie es ihr ergangen war... aber wiederum meldete sich niemand. Das regte mich nicht sonderlich auf, denn junge Mädchen sind oft unterwegs. Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von Norma Brixon. Das Mädchen teilte mir mit, daß sie seit zwei Tagen versuche, Deila zu erreichen, daß Deila aber offenbar seit jener Partynacht nicht nach Hause gekommen sei. Das ist doch komisch, nicht wahr?"

„Ja, das ist merkwürdig. Hat irgend jemand bei der Polizei Vermißtenmeldung erstattet?"

„Noch nicht. Deilas Wirtin ist eine alte, höchst eigenwillige Frau... eine Pensionswirtin, die schon oft genug erlebt hat, daß eine ihrer jüngeren Mieterinnen für ein paar Tage weggeblieben ist, um kurz darauf zurückzukehren, und die deshalb noch keinen Grund zu sehen scheint, deshalb gleich die Polizei zu benachrichtigen."

„Hm", brummte der Inspektor.

„Wenn Deila wieder auftaucht... was ich aus ganzem Herzen hoffe und wünsche... werden wir vermutlich Ursache haben, meine Befürchtungen zu belächeln, aber bis dahin...“ Er unterbrach sich und breitete mit einer hilflosen Geste die Arme aus. „Was hätten Sie wohl an meiner Stelle getan, Inspektor? Wenn ein Mädchen verschwindet, gibt es im allgemeinen dafür nur zwei Erklärungen: entweder sie hat mit einem Liebhaber das Weite gesucht, oder sie ist das Opfer eines Verbrechens geworden. Norma ist eine intime Freundin von Deila. Wenn Norma Glauben geschenkt werden darf, gibt es zur Zeit niemand in Deilas Leben, der es fertigbringen könnte, sie zu einer Unbesonnenheit zu verführen. Und selbst wenn ein solcher Mann existieren sollte, gibt es für Deila keinen Grund, einfach mit ihm zu verschwinden. Sie ist mündig, sie kann tun, was sie will... weshalb also bei Nacht und Nebel untertauchen? Das wäre doch absurd! Von Deilas Wirtin hat Norma erfahren, daß Deila nichts mitgenommen hat... keine Kleider, keinen Koffer, keine Toilettenartikel. Das scheint zu beweisen, daß sie tatsächlich von der Party nicht nach Hause gekommen ist.“ 

„Und warum", erkundigte sich der Inspektor vorsichtig, „stellen ausgerechnet Sie Anzeige, Mr. Porezzi... und nicht die Wirtin, oder Norma, die Freundin?"

„Erstens einmal stelle ich keine Anzeige", korrigierte Porezzi, „und zweitens möchte ich mich nicht dem Verdacht aussetzen, etwas verschleiert zu haben."

„Wer sollte Sie verdächtigen?"

„Na Sie, die Polizei, natürlich! Man würde sich bei einem Nichtwiederauftauchen von Deila Glyne doch bestimmt fragen, ob in diesem Haus nicht etwas geschehen sein kann, das Deila Glynes Verschwinden erklärt! Um dem vorzubeugen, habe ich Croft gebeten, mir einen fähigen Beamten zu schicken, der sich des mysteriösen Falles annimmt."

Claremont zog ein Notizbuch und einen Bleistift aus der Tasche. „Bitte nennen Sie mir die Namen der Leute, die an jenem Abend bei Ihnen zu Gast waren.“

„Außer Ferrick und mir, sowie Deila und Norma, waren da: Esther Daffold, ein kluges, hübsches Mädchen, das als Sekretärin in einer Konzertagentur arbeitet, dann Arthur Heflin, der Direktor des Helios-Theaters, der von Linda Dane, seiner Freundin, begleitet wurde, sowie John Stilton, der Baseballspieler, der Jane Havock mitgebracht hatte."

„Hm", machte Claremont, der die Namen notierte, „zum Teil recht prominente Leute."

„Oh, wirklich prominent sind eigentlich nur Stilton und Heflin. Die anderen, besonders die Mädchen, spielen gesellschaftlich keine Rolle. Aber sie sind ausnahmslos jung und hübsch, und es macht Spaß, sie um sich zu haben."

„Alle Mitglieder der Gesellschaft blieben bis zuletzt?"

„Nein. Heflin und Linda gingen früher weg. Ich glaube, Heflin war der Alkohol nicht bekommen. Er entschuldigte sich ziemlich früh — gegen zwölf Uhr — und verschwand mit Linda. Ich rief ihn eine Stunde später zu Hause an und erfuhr, daß er sich ins Bett gelegt hatte."

„Zu dem Zeitpunkt, als Deila das letzte Mal gesehen wurde, waren außer Ihnen und dem Mädchen also nur fünf Leute im Haus?"

„Stimmt genau. Ferrick, Stilton, Esther Daffold, Norma Brixon und Jane Havock."

„Welches der Mädchen kannte Deila Glyne näher?"

„Nur Norma Brixon, soviel ich weiß."

„Wie erklärt es sich, daß die Party aus so vielen Mädchen bestand?"

Porezzi lächelte. „Das war natürlich ein purer Zufall... aber ein Zufall, der mich gewiß dazu bestimmte, die Einladung auszusprechen. Die Mädchen sind ungewöhnlich attraktiv... wenngleich keine so hübsch und anziehend ist wie Deila Glyne."

„Versuchen Sie sich bitte daran zu erinnern, was Delly Glyne tat, und wo sie stand oder saß, als Sie sie zum letztenmal erblickten."

„Darüber habe ich bereits nachgedacht", erklärte Porezzi. „Ich schaute ihr hinterher, als sie auf die Terrasse trat, um frische Luft zu schöpfen... es war ein schöner Anblick, Inspektor, denn Deila Glyne besitzt eine prachtvolle Figur, und sie versteht es wie sehr wenige Frauen, sich zu bewegen."

„Waren zu diesem Zeitpunkt alle noch verbliebenen Gäste hier im Zimmer?"

„Ja", erwiderte Porezzi. „Alle waren hier... ausgenommen Heflin und Linda, die die Party bereits verlassen hatten. Ich rief Heflin gegen ein Uhr an. Linda meldete sich und erklärte mir, daß Heflin bereits zu Bett gegangen sei. Die beiden waren zum Zeitpunkt von Deilas Verschwinden demnach mit Sicherheit eine Stunde von hier entfernt."

„Sie haben nur mit Linda Dane gesprochen?" erkundigte sich Claremont mißtrauisch.

„Keineswegs. Linda verband mich auf meinen Wunsch kurz mit Heflin. Ich wechselte ein paar Worte mit ihm, wünschte gute Besserung und hing dann auf. Von diesem Moment an bemerkte ich, daß Deila das Zimmer nicht wieder betreten hatte."

„Was unternahmen Sie?"

„Ich betrat die Terrasse. Als ich Deila dort nicht sah, durchsuchte ich den Garten. Dann ging ich in die Garderobe, um zu prüfen, ob der leichte Sommermantel, den sie bei ihrem Kommen angehabt hatte, noch da war. Er war verschwunden. Ich war enttäuscht, weil sie gegangen war, ohne sich von mir und den anderen zu verabschieden. Ich fand das nicht sehr nett und fragte mich, ob ihr irgend jemand zu nahe getreten sein mochte, so daß sie es vorgezogen hatte, ohne ein weiteres Wort zu gehen. Aber Stilton war den ganzen Abend mit Esther Daffold beschäftigt gewesen, und Ferrick hielt sich, wie meistens, nur an den Alkohol. Und die Mädchen? Die waren viel zu harmlos, um Deila zu beleidigen. Es gab dafür ja auch nicht den geringsten Grund! Ich mußte also annehmen, daß es ihr, ähnlich wie Heflin, einfach übel geworden war, und daß sie sich deshalb zurückgezogen hatte. Norma Brixon, mit der ich darüber sprach, neigte zu der gleichen Ansicht. Ich rief Deila noch in der gleichen Nacht an... aber es meldete sich niemand. Naja... das habe ich Ihnen ja schon berichtet."

„Womit verdient Deila Glyne ihren Lebensunterhalt?"

„Das ist eine ziemlich undurchsichtige Geschichte. Deila hat keine feste, geregelte Arbeit. Als Fotomodell wird sie hier und da beschäftigt. Norma versicherte mir, daß Deila viel zu tun habe, aber die Wirtin, mit der ich mich am Telefon unterhielt, berichtete genau das Gegenteil. Sie sagte mir, daß Deila oft tagelang zu Hause herumgesessen und auf den Anruf einer Agentur gewartet habe. Schulden besaß Deila nicht... zumindest hat sie die Miete stets pünktlich bezahlt."

„Sie haben sich über das Mädchen sehr gründlich informiert", stellte Claremont fest.

„Die Wirtin plauderte vieles aus, wonach ich gar nicht gefragt habe."

„Aus allem, was Sie sagen, muß ich entnehmen, daß das Mädchen Ihrem Herzen sehr nahe stand."

Porezzi blickte starr in den Garten. „Ich habe Deila geliebt", bekannte er überraschend. „Ich war sogar bereit, sie zu heiraten."

Claremont legte den Kopf ein wenig zur Seite. „Haben Sie das Miß Glyne gestanden?"

„Nein."

„Warum nicht?"

„Dafür gibt es gute Gründe."

„Miß Glyne liebte Sie nicht?"

„Das ist schwer zu beantworten.“

„Sie hat natürlich gewußt, was Sie für sie empfanden?"

„Daraus habe ich kein Geheimnis gemacht."

„Warum haben Sie ihr niemals einen Antrag gemacht?"

Porezzis starrer Blick löste sich aus dem Garten und kehrte zu Claremont zurück. „Warum?" fragte er leise. „Dafür gibt es einen guten Grund, Inspektor. Ich bringe den Menschen, die ich liebe, nur Unglück!"

„Das ist eine recht ungewöhnliche Behauptung."

„Sie ist leider zutreffend."

„Sie sind abergläubisch?"

Porezzis volle Lippen zuckten bitter. „Ich wünschte, das wäre der Grund. Leider ist das nicht der Fall. Sie müssen wissen, daß ich bisher zweimal in meinem Leben ernstlich verliebt war... bevor ich Deila traf, heißt das. In beiden Fällen wollte ich heiraten. Die Mädchen starben, noch ehe es zu einer Verlobung kam...“

„Starben?" fragte der Inspektor erstaunt. „Eines natürlichen Todes?"

„Nein.“

„Handelte es sich um Verbrechen?"

Porezzi schüttelte den Kopf. „Im Fall von Clara Ryman war es ein Autounfall. Sie besaß einen schnellen italienischen Sportwagen, dessen Bremsen versagten. Sie wurde in hoher Fahrt aus einer Kurve getragen."

„Wie hieß die andere junge Dame?"

„Liz Koenig. Sie war eine bekannte Sängerin. Ein Mädchen mit Zukunft. Bei einer Bergtour stürzte sie ab."

„Hm", machte Claremont.

„Ich sehe Ihrem Gesicht an, daß Ihnen diese Duplizität der Ereignisse wenig behagt. Sie vermuten, daß sich hinter dem Geschehen ein Verbrechen verbirgt, nicht wahr? Ich muß Ihnen gestehen, daß ich zumindest nach Liz Koenigs Tod den gleichen Verdacht hegte. Aber meine intensiven Nachforschungen ergaben, daß diese Verdächtigungen zu Unrecht bestanden, Immerhin hatten mich die bitteren Erfahrungen scheu und unsicher gemacht. Ich hatte einfach den Mut verloren, mich erneut zu binden... und nur darum zögerte ich, Deila meine Liebe zu gestehen."

„Nach allem, was Sie durchgemacht haben, kann ich diese Zurückhaltung gut begreifen."

Porezzi beugte sich erregt nach vorn.

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