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Krone der Welt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitate
    1. Personenverzeichnis
    2. Prolog
  7. Teil 1
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
    13. 13
    14. 14
    15. 15
    16. 16
    17. 17
    18. 18
    19. 19
    20. 20
    21. 21
  8. Teil 2
    1. 22
    2. 23
    3. 24
    4. 25
    5. 26
    6. 27
    7. 28
    8. 29
  9. Teil 3
    1. 30
    2. 31
    3. 32
    4. 33
    5. 34
    6. 35
    7. 36
    8. 37
    9. 38
    10. 39
    11. 40
    12. 41
    13. 42
    14. 43
    15. 44
    16. 45
    17. 46
    18. 47
    19. 48
    20. 49
    21. 50
    22. 51
    23. 52
    24. 53
    25. 54
    26. 55
    27. 56
    28. 57
    29. 58
    30. 59
    31. 60
    32. 61
    33. 62
    34. 63
    35. 64
  10. Teil 4
    1. 65
    2. 66
    3. 67
    4. 68
    5. 69
    6. 70
    7. 71
    8. Epilog
  11. Karte: Die Niederlande um 1600
    1. Glossar
    2. Anmerkung und Dank

Über das Buch

Ein großer Historischer Roman über den Ausbau Amsterdams zur Weltmetropole, über Liebe und Hass und den Drang, die Welt zu einem besseren Ort zu machen

Vincent will als Architekt prächtige Stadthäuser bauen. Ruben sehnt sich nach Abenteuern auf hoher See. Betje ist eine begnadete Köchin. Zusammen sind die Geschwister in Amsterdam gestrandet, einem Ort der märchenhaften Möglichkeiten. Doch es ist auch die Zeit der großen Auseinandersetzungen. Katholiken und Calvinisten streiten um den rechten Glauben, Engländer und Spanier um den Einfluss auf das Land am Meer, Kaufleute um die wirtschaftliche Macht. Können sich die Geschwister in dieser schwierigen Situation behaupten?

Folgen Sie Sabine Weiß’ Helden ins spannende 16. Jahrhundert, und erleben Sie Amsterdam, wie Sie es noch nie gesehen haben!

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitet nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem viele weitere folgten. Im Sommer 2017 erscheint ihr erster Kriminalroman, »Schwarze Brandung«. Unabhängig davon, ob sie gerade einen Krimi oder einen Historischen Roman schreibt: Sabine Weiß liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen und direkt an den Schauplätzen zu recherchieren. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nordheide bei Hamburg.

Sabine Weiß

KRONE DER WELT

Historischer Roman

Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Protagoras, ca. 490 v. Christus

Das Schöpferische überlebt, alles andere ist des Todes.

Virgil Solis, Walther Ryff

Personenverzeichnis

AMSTERDAM

Wim Aardzoon, Zimmermann und Festungsbauer aus Antwerpen

Vincent, sein Sohn, Architekt

Ruben, ebenfalls sein Sohn, Seemann

Betje, seine Tochter, Köchin

Federigo Giambelli*, italienischer Ingenieur und Sprengstoffexperte

Nathan Sanders, Gehilfe des niederländischen Gesandten in England und später des Politikers Johan van Oldenbarnevelt

Sandrine Kuipers, Malerin und Kupferstecherin

Lysbeth Kuipers, ihre Schwester

Kaufleute und Regenten

Dircks Jansz de Graeff*

Jacob de Graeff*

Cornelis Hooft*

Dirck van Os*

Reinier Pauw*

Jan Poppen*

Architekten und Baufachleute

Joost Jansz Bilhamer*

Cornelis Bloemaert*

Cornelis Danckerts*

Hendrick de Keyser*

Frans Hendricks Oetgens*

Henk Jakobsz Staets*

Politiker und Gelehrte

Petrus Plancius*

Hugo Grotius*

Joost de Hondt*

Seeleute

Piet Heyn*

Jan Molenaar*



S’GRAVENHAGE

Moritz, Graf von Nassau-Dillenburg*, Sohn von Wilhelm von Oranien

Friedrich-Heinrich*, Sohn von Wilhelm von Oranien,

Louise de Coligny*, Witwe von Wilhelm von Oranien

Johan van Oldenbarnevelt*, niederländischer Staatsmann

Katholisches Lager

Aldo van Vleet, Kaufmann in Amsterdam, mit seiner Frau Hannah

Aletta, seine Tochter

Pijke, sein Sohn

König Philipp II.*

Infanta Isabella Clara Eugenia von Spanien*

Alessandro Farnese*, Feldherr und Statthalter der Spanischen Niederlande

Lazarus van de Hedecop, holländischer Landadeliger

* historische Persönlichkeiten

Prolog

Amsterdam, Februar 1617

Kristallklar floss die Februarsonne in die Gracht. Sie war ein Fingerzeig aus Licht, der die Schönheit des neuen Stadtviertels enthüllte. An dem sanften Bogen, den die Kanalstraße formte, standen die Grachtenhäuser Spalier. In der glatten Oberfläche der Amstel schienen die Häuser sich wie in einem Spiegel zu bewundern. Mit ihren kunstvoll gestalteten Fassaden und den hellen Ziergiebeln, die sich wie blitzsaubere Häubchen in den schneeschweren Himmel reckten, war jedes Gebäude einzigartig.

Auch die Menschen hatten sich herausgeputzt. Familien spazierten nach dem sonntäglichen Kirchenbesuch am Grachtengürtel entlang. Die Eltern vorweg, mit gestärkten Halskrausen, auf denen ihr Kopf wie auf einem Tablett thronte. Die Kinder tobten hinterher, warfen von der Kanalkante aus mit Steinen auf die Eisschollen, die von den Mauern in den Fluss hineinkrochen, nur milde ermahnt von ihren Vätern.

Der Duft von Sonntagsbraten und Torffeuer stieg dem Architekten in die Nase, als er die Hausreihe passierte. Aus einem offenen Fenster drang das Trillern eines Singvogels; in seinem Käfig schien er den Frühling herbeizusehnen. Wie ruhig Amsterdam sonntags war, wenn das Donnern der Rammen, das den Takt dieser Stadt vorgab, verstummt war, wenn kein Baulärm durch die Gassen dröhnte und kein Höker lautstark seine Waren anpries! Indes: Friedlich war es in Amsterdam derzeit nicht. Besorgt dachte der Architekt an die Diskussionen, die nach dem Gottesdienstbesuch geführt worden waren. Reichte es nicht, dass in den Ländern um sie herum Zwietracht herrschte und der Waffenstillstand mit ihrem Erzfeind Spanien brüchig war? Musste auch innerhalb der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen gestritten werden?

Auf den ersten Blick schien die Frage, um die der Streit entbrannt war, eine Spitzfindigkeit von Geistlichen zu sein. Genau betrachtet ging es aber um jedermanns Seelenheil und um die Rechtmäßigkeit von Reichtum und Elend. Freundschaften und Geschäftsbeziehungen drohten in diesem Streit zermahlen zu werden. Selbst in seiner Familie waren die Gespräche beim Sonntagsmahl hitzig geworden. Doch das war nicht das Einzige, was ihn aus dem Haus getrieben hatte. Entschlossen verbannte er die Gedanken, die in ihm aufstiegen.

»Mijnheer Aardzoon?«

Der Architekt war so vertieft gewesen, dass er erst jetzt den Poorter bemerkte, der ihn grüßte. Wie er trug der Mann einen breitkrempigen Hut mit Feder, einen modischen Spitzenkragen und Spitzenmanschetten unter dem Samtumhang. Seine schwarze Kleidung sollte Bescheidenheit signalisieren und verriet doch durch die Kostbarkeit der Stoffe seinen Reichtum, genau wie die Goldspitzen an seinen Seidenstrümpfen. Kurz plauderten sie über die Predigt und das günstige Winterwetter. Noch war der Warenverkehr nicht durch Eis und Schnee in Mitleidenschaft gezogen worden. Sogar das Holz für Aardzoons wichtigste Baustelle war früher als erwartet im Hafen angelandet worden. Ehe der Gedanke an das Risiko, das er einging, seine Stimmung weiter trüben konnte, wünschten sie einander einen gesegneten Sonntag.

Bald hatte der Architekt die wenigen Baulücken in der Keizersgracht erreicht. Seine Stiefel sanken knisternd in das frostige Erdreich ein, das noch kein Pfahlgerüst verdichtet hatte. Gebannt hielt er inne. Der Anblick war atemberaubend, ein einziges, grandioses Versprechen. Amsterdam wuchs und wuchs. Als er in die Stadt gekommen war, hatte diese sich wie ein schmaler Kegel vom IJ aus, einer Bucht im Südwesten der Zuidersee, ins Land geschoben. Nur einige wenige Kanäle hatte es zwischen dem Meeresarm und dem Fluss Amstel gegeben. Vielleicht dreißigtausend Menschen hatten damals in Amsterdam gewohnt, heute waren es dreimal so viele – und die Stadt dehnte sich weiter aus. Inzwischen legten sich die Grachten wie schützende Arme um Häuser und Bewohner. Lebensadern aus Holz und Stein, die Amsterdam mit dem Rest der Welt verbanden.

Für einen Augenblick erfüllte ihn Stolz. Baumeister wie er rangen dem sumpfigen Boden das neue Land ab oder schufen künstliche Inseln. Der Ausbau der Stadt war noch lange nicht abgeschlossen, die Vollkommenheit des Stadtbilds nicht erreicht. Eines Tages aber würde der Grachtengürtel einen perfekten Halbkreis am IJ-Ufer bilden. Als Baumeister strebte er nach Harmonie, er konnte nicht anders. Wenn er nur nicht so unter dem Hässlichen, dem Falschen litte!

Auf den fremden Baustellen sah er keine Schönheit, sondern nur Fehler: nachlässig zusammengestoppelte Holzgerüste, schlecht behauene Steine, schnell hochgezogene Mauern, Krummholz, das man ungenügend gewässert hatte. Auf seinem Baugrund hingegen war alles, wie es sich gehörte. Die Holzstämme lagen säuberlich gestapelt, genau wie die Bauteile für Kran und Stellage. Auch für den Marmor, den er in Carrara bestellt hatte und der demnächst eintreffen würde, gab es Platz. Mit treuen Helfern wie Gerrit an seiner Seite würde das bisher größte Unterfangen seiner Laufbahn gelingen. Allerdings war sein Baustellenwächter allein – und das, obwohl der Diebstahl von Baumaterialien in Amsterdam an der Tagesordnung war.

Gerrit wärmte sich vor der Bauhütte an einem Lagerfeuer. »Mijnheer Aardzoon, was treibt Euch denn heute hierher?«, fragte der alte Mann und erhob sich trocken hustend von seinem Schemel.

Der Architekt zog sich die Lederhandschuhe aus und reichte ihm die Hand. »Bleib am Feuer, Gerrit, ich will dich an deinem freien Tag nicht lange stören«, sagte er. »Ein Kunde bat mich, ihn hier zu einer Begehung des Baugrunds zu treffen.«

»Am heiligen Sonntag?«

»Nur ein kurzer Spaziergang, eine kleine Plauderei«, versicherte Aardzoon. Natürlich war er Gerrit keine Rechenschaft schuldig, aber in diesem Land gab man aufeinander acht – und das war ja auch gut so. Seine wahren Beweggründe für dieses Treffen hatte er selbst seiner Familie verschwiegen: Es drängte ihn, Mijnheer van Noort an die offene Rechnung zu erinnern. Noch nie war er für einen Bau so weit in Vorleistung gegangen. Auch deshalb hing sein Haussegen schief. Dennoch war er überzeugt, dass sich die Investition lohnte. Mit dem Bau des imposanten Doppelhauses würde er endgültig in die Riege der besten Architekten der Stadt vorstoßen. »Bist du allein? Wo ist dein Enkel?«, fragte er.

»Jan holt uns gerade ein paar Scheiben Schweinsbraten vom Garbräter, der muss heute ein bisschen weiter laufen als alltags.«

Nicht jeder nahm es in Amsterdam mit der Sonntagsruhe genau, was durchaus Vorteile hatte, wie Aardzoon fand. Jüdische Läden hatten ebenso geöffnet wie Gaststätten oder die Läden derjenigen, die keiner Religion angehörten – und das waren etliche. Gedogen, das war die Maxime vieler Amsterdamer: Etwas war verboten, aber man duldete es, drückte ein Auge zu, manchmal auch zwei. Für Aardzoon war diese Toleranz anfangs ungewohnt gewesen, für Strenggläubige war sie unerträglich. Auch daran hatte sich der Streit entzündet.

Gerrit riss ihn aus seinen Gedanken. Der Alte schlurfte ans Feuer zurück und hielt die Hände, um die er Lumpen gewickelt hatte, vor die Flammen. »Geht einem durch Mark und Bein, die feuchte Kälte. Hab nichts gegen Eis und Schnee, Gott bewahre, aber diese Feuchtigkeit! An Tagen wie diesen spürt man, dass wir Amsterdam dem Wasser abgerungen haben. Wenn der Mensch nicht wäre, wäre die halbe Stadt überspült, weil das Land so tief liegt, das darf man nicht vergessen.« Mit einem erstickten Stöhnen massierte er sich die Knöchel. »Gleich fängt’s an zu grieseln. Ich spür den Schneeregen schon in den Knochen. Irgendwann wachsen mir noch Schwimmhäute.«

Die Mundwinkel des Baumeisters hoben sich zu einem Lächeln. »Das wäre sicher auch nicht übel. Irgendein findiger Ingenieur würde eine Einsatzmöglichkeit für dich finden. Oder dich für seine Wunderkammer ausstopfen.«

Gerrit kicherte. »Wie den Basilisken, den ein Schiff aus Batavia mitgebracht hat.«

»Du solltest nicht alles glauben, was auf den Straßen Amsterdams geredet wird.«

»Und doch ist’s wahr, Mijnhe…« Erneuter Husten machte Gerrits Worten ein Ende.

Das klingt gar nicht gut, dachte der Architekt besorgt. Er kannte den Alten schon seit seiner Jugend und brachte es nicht übers Herz, Gerrit gegen einen jüngeren Wächter auszutauschen. »Du weißt, dass du ins Oudemanhuis oder in eines der Hofjes ziehen könntest. Ich würde dich unterstützen«, sagte er beiläufig.

Gerrit straffte sich empört. »Was soll ich bei den Greisen? Ich gehöre noch lange nicht zum alten Eisen, das wisst Ihr doch, Mijnheer!«

Der Architekt hatte nichts anderes erwartet. Er holte ein Fläschchen aus seinem pelzgefütterten Mantel und reichte es dem Alten. »Ich habe dir etwas Gutes mitgebracht.«

Gerrit zog den Korken ab und sog den leichten Wacholderduft ein. »Ah, wat lekker«, sagte er voller Vorfreude. »Besten Dank, der Allmächtige möge es Euch vergelten.«

Es zischte leise, als die ersten Eisregentropfen in die Flammen fielen. Aardzoon zog sich mit Gerrit unter das Vordach der Hütte zurück. Aus der Ferne waren Rufe zu hören. Die Oude Kerk läutete das stündliche Glockenkonzert der Amsterdamer Kirchen ein. Wo blieb sein Auftraggeber? Er hatte nicht ewig Zeit.

»Werden die Bauarbeiten nächste Woche beginnen?«, wollte Gerrit wissen.

»Wenn das Wetter mitspielt, schon. Das Erdreich ist nicht sehr tief gefroren, sodass das Fundament gelegt werden kann.«

»Op staal oder op kleef?«

»Weder noch. Wir fundieren op stuit. Das Material für Mast und Ramme liegt schon bereit.«

Skeptisch blickte Gerrit ihn an.

»Für diese Konstruktion sind weniger Pfosten nötig, und wir brauchen kein Rost«, hob Aardzoon zu einer Erklärung an. »Stattdessen rammen wir die Pfähle zu Paaren in den Grund und verbinden sie mit einem harten Querholz.« Obgleich er nichts dagegen hatte, ein wenig zu fachsimpeln, war er jetzt entschieden unruhig geworden. Auftraggeber hin oder her – was bildete van Noort sich ein, ihn am Sonntag hierherzubitten und ihn dann stehenzulassen!

Gerrit holte zwei Holzbecher aus der Hütte. »Trinkt Ihr einen Schluck Jenever mit mir, Mijnheer?«, fragte er.

Der Architekt lehnte ab. »Beim nächsten Mal. Ich werde in der Schutterij erwartet.«

Dem Alten schien es recht zu sein, nicht teilen zu müssen. Er prostete ihm zu. »Bin froh, dass Ihr ein Auge auf die Stadt habt. Die Schützengilden sind Schutz und Schirm Amsterdams. Ehrenwerte Männer, auf die man sich verlassen kann.« Bekümmert schüttelte er den Kopf. »Sind schlimme Zeiten, Mijnheer. Wir zerfleischen uns von innen heraus, dabei warten unsere Feinde nur darauf, dass wir uns schwächen, damit sie wieder zuschlagen können. Vorhin war Richtung Damrak ein Geschrei. Gott sei Dank kam niemand hierher. Plünderer oder Diebe hätten es aber auch mit mir zu tun bekommen!« Kämpferisch wies er auf den Bottich mit dem schweren Eisenhammer, der neben seinem Schemel stand. »Ich schlage sofort Alarm, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Ich bin froh, dass ich in dir und deinem Enkel so zuverlässige Helfer habe. Wo bleibt Jan denn wohl?«

»Keine Sorge. Der Bursche schäkert sicher wieder mit der Ofenmagd.«

Der Nacken des Architekten versteifte, und er rollte kurz mit den Schultern. In seinen Ärger über die Verspätung seines Auftraggebers mischte sich ein ungutes Gefühl. Gab es einen Grund dafür, dass er versetzt worden war? Es wurde Zeit, dass er zur Schützendoele kam – auch, um Neuigkeiten aus der Stadt zu erfahren.

Tief zog Aardzoon die Krempe seines Hutes ins Gesicht, als er sich auf den Weg machte. Ein wenig kleckerte der Eisregen noch, dann hörte er auf. Die Aussicht auf körperliche Betätigung und gute Gespräche trieb ihn an. Im Gegensatz zu manchem reichen Poorter dachte er nicht daran, einen Vertreter für den Wachtdienst anzuheuern. Für ihn war es eine Ehre, einer der Amsterdamer Schützenkompanien anzugehören. Zumal sich die Bürgerkompanie des Bezirks IX., deren Mitglied er war, demnächst porträtieren lassen wollte. Sie waren sich nur noch nicht einig, welcher der vielen ausgezeichneten Kunstmaler, die in Amsterdam lebten, dieses Schützenstück ins Werk setzen sollte.

Er überquerte Koningsplein und Herengracht mit ihren imposanten Stadtpalästen. Gleich darauf hatte er die Voetboogdoelen an der Koningsgracht, wie man den Singel neuerdings nannte, erreicht. Alle drei Schützenhäuser lagen zentral im alten Stadtzentrum. Das Versammlungshaus der Armbruster befand sich an der Ecke vom Heiligeweg. An die Voetboogdoelen grenzte das städtische Waffenlager, an dessen Bau Aardzoon einst mitgearbeitet hatte, daneben befand sich in einem breiten Giebelhaus die Schützendiele der Langbogner. Die Hakenbüchsen-Schützen übten sich am Kloveniersburgwal.

Kaum hatte er die Tür des Schützenhauses aufgestoßen, hörte er das Klirren der Gläser, Gelächter und Gesang. Auch hier nahm man es mit der Sonntagsruhe nicht genau; kein Wunder, dass ein englischer Besucher erst kürzlich ein Schützenhaus für eine Taverne gehalten hatte.

Das Gebäude war lang und schmal. Im Hinterhof befand sich ein Schießplatz. Einige Männer übten sich im Umgang mit den Armbrüsten, die meisten aber saßen tafelnd und zechend im Festsaal. Vom Wein gerötete Gesichter, geöffnete Wämser, Bäuche, die gemütlich über den Hosenbund hingen. Kein Vergleich mit den schneidigen Kerlen, die sie von den Schützengemälden an der Wand aus zu mustern schienen.

Lautstark wurde der Architekt begrüßt. Nur Antonie und Bertold ignorierten ihn wie üblich. Aardzoon hatte es längst aufgegeben, sich über die Verachtung zu ärgern, die sie ihm entgegenbrachten.

»Aardzoon, endlich ein würdiger Gegner! Einer der besten Schützen und Ringer meiner Kompanie – nach mir, versteht sich!«, rief Abraham Boom, der Spross eines alten Patriziergeschlechts und Hauptmann der Bürgergarde. Er lachte laut und schlug Aardzoon mit der Hand auf die Schulter. Was er sagte, war nicht gelogen. Sie waren etwa gleich alt, beide von hochgewachsener Statur und ausgezeichnete Kämpfer.

Den Architekten drängte es, die Spannung loszuwerden, die sich in seinem Körper aufgebaut hatte, gleichzeitig wollte er wissen, was auf den Straßen der Stadt los war.

»Erst der Wettstreit, dann das Geplauder!«, unterband Abraham Boom seine Fragen.

Die Männer gingen in den großen Saal, wo andere bereits ihre Armbrüste ölten, kämpften oder auf Zielscheiben schossen. Einige Zeit lang rangen sie miteinander und maßen sich mit ihren Arbalesten im Schießen. Zwei Schüsse pro Minute konnte man mit den Armbrüsten abgeben, wenn man geschickt war – die Kunst war lediglich, bei dieser Schnelligkeit auch das Ziel zu treffen.

Anschließend setzten sie sich zu den anderen an die Tafel. Einige Mitglieder der Kompanie waren bereits bezecht. Aardzoon ließ sich von dem Schankweib ein Vaasje Bier bringen. Dann endlich berichtete Abraham Boom, was los war. Offenbar hatte es morgens erneut eine Zusammenrottung von Randalierern gegeben, die gegen Andersgläubige Stimmung gemacht hatten. Die Wache hatten die Menge jedoch schnell zerstreuen können.

»Wenn Ihr mich fragt, müssten die Stadtregenten sich deutlich gegen diese Aufrührer aussprechen«, meinte Aardzoon.

»Euch fragt aber niemand«, mischte Bertold sich ein. »Oder seid Ihr neuerdings auch noch Diplomat oder gar Regent?«

Weder der Architekt noch Abraham Boom reagierten auf diesen Einwurf. »Das ist ja das Problem: Bei den Regenten herrscht ebenfalls keine Einigkeit. Jeder denkt nur an sein eigenes Seelenheil, an sein eigenes Fortkommen. Mit einer Parteinahme könnte man ja Kunden oder Geschäftspartner verprellen«, sagte Abraham Boom bitter.

In diesem Augenblick wandte sich Antonie zu ihnen. Er war ein dicklicher, eitler Mann von etwa dreißig Jahren, dessen Augen unergründlich funkelten. »Manchmal gereicht es einem auch zum Vorteil, wenn man einen Geschäftspartner verliert«, sagte er und schob die Zunge über die Schneidezähne. »Wenn ich beispielsweise an diesen van Noort denke …«

Aardzoon schwieg. Er wollte diesen Streit um keinen Preis neu entfachen.

Antonie suchte seinen Blick. Seine nächsten Worte ließen den Baumeister erstarren. »Habt Ihr es denn nicht gehört? Pleite soll van Noort sein. Schiffbruch in der Batavischen See. Alle Waren weg, wie so oft – der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.«

Der Architekt versteifte sich. War das der Grund, warum Mijnheer van Noort nicht zum vereinbarten Treffen erschienen war?

Ehe er nachfragen konnte, flog die Tür auf. Eine Magd stürzte in die Schützendiele. Ihr Gesicht war tränennass, die Kleidung zerrissen. Der Kapitän der Armbrustgilde sprang auf. Auch Aardzoon ging ihr entgegen.

»Was ist los?«, fragte Abraham Boom.

»Bitte, Mijnheers …«, brachte sie keuchend hervor. »Ihr müsst helfen. Das Haus … meines Herrn am anderen Ende der … Koningsgracht wird angegriffen.« Sie rang um Atem. »Die Unruhestifter denken … bei uns findet ein geheimer Gottesdienst statt. Sie wollen meinen Herrn und … alle, die im Haus sind, töten!«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Aardzoon.

»Das rufen sie die ganze Zeit. Außerdem haben sie Knüppel, Messer und andere Waffen!«

»Wer ist dein Herr?«

»Mijnheer Bisschop.«

»Rem Egbertsz Bisschop, der Bruder des remonstrantischen Predigers?«

»Ebender, Mijnheer. Ich flehe Euch an, so helft!« Die Magd sah in die Runde.

Noch immer rührte sich keiner der Männer. Alle starrten betreten auf die Weinflecken auf dem Tischlaken, auf die abgenagten Knochen, die Brotkrümel und die leeren Weinkrüge. Offenbar wollte sich niemand in die religiösen Streitigkeiten einmischen, die die Ursache für den Aufruhr zu sein schienen.

»Es ist Sonntag und noch keine Zeit für die Nachtwache. Habt Ihr den Schout Willem van der Droes benachrichtigt?«, fragte Abraham Boom.

»Ja, den Schout, die Büttel, und den Bürgermeister auch.«

»Welchen?«, mischte Antonie sich ein, dessen Vater ebenfalls zum Bürgermeisterquartett Amsterdams gehörte.

»Mijnheer Pauw.«

Mit dieser Antwort war das Interesse des jungen Mannes erloschen. Er wandte sich ab. Die junge Magd sprach weiter: »Angeblich ist er auf dem Weg. Aber lange halten die Eingeschlossenen in dem Haus nicht mehr aus. Wer weiß, was der Mob ihnen antut …« Noch immer machte niemand Anstalten aufzubrechen. Die Magd sah sie flehend an. »Bitte, Ihr Herren, tut doch etwas!

Aardzoon machte die Lethargie seiner Mitstreiter wütend. »Wir können doch bei diesem Unrecht nicht zusehen! Was, wenn es als Nächstes einen von Euch träfe!«, rief er in die Runde.

»Oder Euch«, meinte Antonie.

Das kalte Blitzen in den Augen seines Widersachers ließ Aardzoon erschaudern. »Was meint Ihr damit?«, fragte er scharf.

Sein Gegenüber lächelte und enthüllte dabei seine gelben Schneidezähne. »Beruhigt Euch, Mijnheer, das war nur so dahergesagt.«

Der joviale Ton ließ den Architekten erst recht misstrauisch werden. Was führte der Mann im Schilde? Doch diese Frage würde warten müssen. Aardzoon legte seine rot-weiße Schärpe um und packte seine Waffe. »Wir müssen helfen! Wer begleitet mich?«

»Es ist eine reiche Nachbarschaft. Etliche Mitglieder der Vroedschap wohnen in Bisschops Nähe. Sie werden nicht zulassen, dass bei ihnen randaliert wird«, sagte der Leutnant.

»Gott hat vorherbestimmt, was geschieht. Er wird es zum Besten richten«, meinte der Fähnrich.

Fassungslos schüttelte Aardzoon den Kopf. Er würde nicht zusehen, wenn Unrecht geschah – auch wenn er selbst dabei in Gefahr geriete. »Darauf können wir uns nicht verlassen. Wir sind es, die das Schicksal ändern können.« Er sah sich um. Immerhin begleitete Abraham Boom ihn. Der Hauptmann legte seinen Kürass an und schnappte sich den Sponton, denn die kurze Pike zeigte seinen Rang an. Zwei weitere Männer schlossen sich ihnen an.

Sie entschieden sich, den kürzeren Weg über den Rokin zu nehmen. Auf dem Dam herrschte viel Betrieb, aber die Spaziergänger machten den Schützen mit ihren Armbrüsten Platz. Schon ein wenig erschöpft bogen sie schließlich in die Koningsgracht ein. An den Kanalmauern dümpelten Schiffe und Ruderboote, Fässer warteten darauf, verladen zu werden. Aardzoons Herz klopfte noch ein wenig schneller, als er ihr Ziel entdeckte. Es war schlimmer, als er es erwartet hatte. Hunderte Menschen drängten sich vor dem Haus des Kaufmanns. Wie entfesselt brüllten sie, warfen mit Steinen die Scheiben ein. Auch andere Häuser waren in Mitleidenschaft gezogen worden. Offenbar hatten die Unruhestifter die Tür von Bisschops Heim inzwischen aufgebrochen. Plünderer zerrte Möbelstücke auf die Straße. Bücher wurden zerfetzt, Gemälde zerschnitten. Schon jetzt trieb Hausrat im Fluss. Andere Aufrührer besoffen sich mit geraubtem Wein, fraßen gestohlene Spezereien oder versuchten, mithilfe der Überreste der zerbrochenen Tür Feuer an das Haus zu legen. Aus den oberen Fenstern drangen Hilferufe. Aardzoon sah, dass etliche junge Männer bereits an der Fassade emporkletterten, während andere versuchten, über das Dach einzudringen. Es war höchste Zeit einzugreifen. Abraham Boom hatte ebenfalls die Lage sondiert und rief erste Befehle.

In diesem Augenblick stürzte ein Jugendlicher zu Aardzoon; es war Jan. Warum bewachte der Junge nicht die Baustelle? »Endlich finde ich Euch, Mijnheer! Ich war in der Schützendiele … habe Euch da knapp … verpasst …«, brachte Jan stockend heraus. »Die Plünderer … die Baustelle … mein Großvater …«

Scharf durchfuhr es den Architekten. Er packte den jungen Mann an den Schultern. »Nun rede schon – was ist passiert?«

Mit brennenden Augen blickte der Junge ihn an. »Auch bei Eurer Baustelle … Plünderer … Alles kurz und klein schlagen wollen sie. Feuer wollen sie legen …«

Aardzoon war für einen Augenblick wie erstarrt. Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Eine uralte Angst drohte von ihm Besitz zu ergreifen. Nicht schon wieder! »Godverdomme!«, stieß er leise aus. Er atmete tief durch. Sein gesamtes Erspartes hatte er in diese Baustelle investiert. Wenn Antonie recht hatte und van Noort bankrott war, würde er auf dem Schaden sitzen bleiben. Er könnte alles verlieren.

»Grootvader …«, begann Jan von Neuem.

Aardzoon drängte die Angst zurück. »Was ist mit Gerrit?«

Der Junge sah ihn mit aufgerissenen Augen an. »Er hat Alarm geschlagen, aber sie … Ich wollte ihn nicht allein … Er hat mir befohlen, zu Euch …«

Aardzoon wog seine Waffe in der Hand. Er wurde hier gebraucht, aber genauso auf der Baustelle. Schon einmal hatte er erlebt, wozu Menschen fähig waren. Es war grauenvoll gewesen.

Entschlossen stürzte er los.

Teil 1

1585 bis 1588

1

Antwerpen, August 1585

Es krachte, jemand schrie. Sofort sprang Vincent Aardzoon auf. Was ging da draußen vor sich? Die plötzliche Bewegung und der Hunger ließen den Jungen schwindeln. Er blinzelte, rieb sich über das Gesicht – nichts half. Beim Hinausgehen musste er sich an den Wänden abstützen. Vor der Tür umfing ihn die Hitze wie ein nasses Handtuch. Der Gestank des Hafenschlicks verstärkte seine Übelkeit, weshalb es ihm schwerfiel durchzuatmen. Das Donnern der Kanonen und Musketen ließ ihn zusammenzucken. Obgleich der Geschützlärm sie seit über einem Jahr begleitete, war es unmöglich, sich daran zu gewöhnen.

Als er sich gefangen hatte, erkannte Vincent, dass die Jungen erbittert mit Knüppeln aufeinander eindroschen. Auf der Stirn seines Bruders Ruben wölbte sich bereits eine rote Beule, und in seinen Augen brannte heiße Wut. Beim nächsten Schlag brach Rubens Ast entzwei. Er wollte dem Nachbarsjungen den Stumpen entgegenschleudern, doch Vincent sprang dazwischen.

»Genug!«, rief er. Mit seinen elf Jahren überragte Vincent die Jüngeren um Haupteslänge, wovon sich allerdings weder sein Bruder noch Kees, der Sohn des Pfefferhändlers, beeindrucken ließ. Beide starrten ihn hitzig an.

»Lass uns kämpfen! Wir müssen uns verteidigen können, wenn die Spanier kommen!«, fauchte Ruben. Er holte von Neuem aus, aber Vincent stoppte den Angriff.

»Die Spanier werden hier nicht einfallen, das wird der Magistrat zu verhindern wissen«, versuchte Vincent, seinen Bruder zu beruhigen. »Außerdem: Was willst du ausrichten, wenn ihr euch vorher zu Klump schlagt?«

Ruben wollte etwas entgegnen, tänzelte aber nur von einem Fuß auf den anderen. Unwillkürlich musste Vincent lachen. »Mund zu, oder willst du Fliegen fangen?«

Kurz sah es aus, als wollte Ruben sich gekränkt auf ihn stürzen, doch dann murmelte er: »Wenn überhaupt, dann Mücken.« Mit einem entschlossenen Hieb schlug er ein Tier tot, das sich auf seinen Hals gesetzt hatte. Verdenken konnte Vincent es ihm nicht, die Mücken waren in diesem Jahr eine echte Plage.

Vincent räusperte sich. Seine Kehle war staubtrocken. Er pickte einen Kiesel auf, wischte ihn an seinen Beinlingen ab und steckte ihn in den Mund. Der Stein würde seinen Sinnen vorgaukeln, dass es etwas zu essen und zu trinken gab, das hatte Vater ihnen erklärt. »Wo is’ Betje?«, fragte er nuschelnd.

Sein Bruder verstand ihn trotzdem: »Betje spielt mit Sara.«

Vincent schob den Kiesel mit der Zunge in die Backentasche. »Du solltest doch auf sie aufpassen!«

»Und warum hast du das nicht gemacht? Du bist der große Bruder!«, gab Ruben trotzig zurück.

»Ich habe gelernt. Das solltest du auch tun!«

»Ach ja? Wir haben doch kaum Unterricht. Die Lehrer sind alle geldgierig, krank oder tot!«

»Gerade deshalb, du Hohlkopf.«

Ruben schoss wütend auf ihn zu. »Sag das noch mal!«

Kees ging dazwischen. »Die beiden haben hier herumgequengelt.«

»Betje und Sara? Und da habt ihr sie weggejagt?«, fragte Vincent fassungslos. Er spuckt den Stein in hohem Bogen in den Straßengraben. Ohne ein weiteres Wort lief er zur nächsten Ecke, von wo aus er die Hafenkante und die auf den Platz mündenden Gassen einsehen konnte. Ihre Schwester war mager und schwach; am Morgen war sie kaum aus dem Bett gekommen. Was, wenn Betje auf der Straße zusammenbrach? Oft waren in den letzten Wochen in unbelebten Ecken und Winkeln der Stadt entkräftete Gestalten oder gar Tote gefunden worden.

Was Vincent sah, verstärkte seine Beklemmung noch. Antwerpen war ein Totenhaus. Kein Hund bewachte mehr Kaufmannshöfe oder Werkstätten. Keine Katze jagte in Abwassergräben nach Mäusen. Nicht einmal Möwen kreisten noch zwischen den Giebeln. Vieh hatte man schon seit Monaten nicht mehr durch die Stadt getrieben. Am Schelde-Kai, an dem sonst dickbauchige Koggen oder Galeonen lagen, dümpelten nur ein paar Segler. Reglos stand der Kran auf dem Kranenhoofd. Im gleißenden Licht des Augusttags wirkte der Fluss, die mit Abstand wichtigste Handelsroute der Stadt, brackig.

Eilig suchte Vincent die Umgebung ab. Bei einem verlassenen Hafenschuppen entdeckte er die Mädchen endlich. Sie hockten am Ufersaum und hantierten mit einem zerbrochenen Krug, Steinen und einem morschen Holzbrett. Vater würde sie schelten – nicht besser als Bettler sahen sie aus! Offenbar hatten sie Sand mit Flusswasser vermischt, denn ihre Kleider und Hände waren verdreckt. Betje wirkte bleich, selbst ihre dicken blonden Haare hingen schlaff herunter. Gerade führte sie etwas zum Mund.

Vincent beschleunigte den Schritt. Was aß sie? Im Näherkommen erkannte er, dass die Mädchen aus Stroh, zermahlenen Eicheln und Matsch eine Art Fladen geformt hatten. Er schlug seiner Schwester den Dreck aus der Hand.

»Die schöne Waffel!«, beschwerte sich Betje weinerlich.

»Das ist doch keine Waffel! Das darfst du nicht essen. Du kannst krank davon werden!«, schimpfte Vincent. Betjes Unterlippe bebte. Ihre Freundin senkte beschämt den Blick. »Wie viel habt ihr davon schon gegessen?«, forschte Vincent nach.

»Wir haben eine Waffel geteilt. Sie hat geschmeckt, oder nicht, Sara? Mutter hat immer so leckere Waffeln gemacht«, meinte Betje.

Vincents Hals wurde so eng, dass er kaum Luft bekam. Was würde er dafür geben, dass seine Mutter wieder da wäre und für sie Waffeln backen würde! Ihr Tod war für sie alle wie eine offene Wunde. Er schluckte heftig. Auf einmal tat Betje ihm leid. Mit einem sauberen Zipfel ihres Kleids wischte er ihr den Dreck ab; auch Sara reinigte er das Gesicht. »Ihr dürft diesen Unrat nicht essen, hört ihr«, sagte er sanfter. »Nachher sollen wieder Notrationen am Stadhuis verteilt werden, dann gibt es etwas Richtiges.«

»Aber das ist noch so lange hin! Außerdem ist es nie genug«, schmollte Betje.

Wie recht sie hatte, ihre letzte, halbwegs vernünftige Mahlzeit war Tage her. Trotzdem durften sie kein Risiko eingehen.

Noch vor dem Haus musste Betje sich übergeben. Vincent trug sie in die Schlafkammer. Er half ihr, die besudelte Kleidung auszuziehen; der Anblick ihres abgemagerten Körpers schnürte ihm aufs Neue den Hals zu. Sofort rollte sie sich auf dem Bett zusammen. Da weder Ruben noch ihr Vater da waren, wachte Vincent über sie. Er holte sein Skizzenbuch von einem Regal, einem der wenigen Möbelstücke, die ihnen geblieben waren. Früher war ihr Haus so gemütlich gewesen, warm und voller Lachen. Es hatte Gemälde und Blumensträuße gegeben, weiche Wolldecken und Felle, und stets hatte etwas Gutes auf dem Herd geköchelt. In seiner freien Zeit hatte sein Vater feine Möbel nach den Entwürfen seines früheren Dienstherrn Hans Vredeman de Vries gezimmert. Gemeinsam hatten sie gespielt oder Seifenblasen bestaunt, die Vincent geschickt blasen konnte und denen seine Geschwister fröhlich nachgejagt waren. Heute aber waren die Räume leer, und der Herd war kalt. Seit keine Holzlieferungen mehr in Antwerpen eintrafen, hatte ihr Vater kaum Geld verdient. Die Arztbesuche und die Beerdigung der Mutter hatten ihre Ersparnisse vollends aufgezehrt. Was sie nicht verkauft hatten, hatten sie verfeuern müssen.

Kurz wanderte Vincents Blick zu dem Porträt der Mutter, das sorgfältig gerahmt neben der Bibel stand. Sein Vater hatte die Zeichnung an einem schönen Tag im letzten Sommer angefertigt. Nur flüchtig beschrieben die Striche die Gesichtszüge – und doch vermittelten sie einen Eindruck ihres Wesens. Traurig setzte Vincent sich an das Bett seiner Schwester. Er würde an seiner Skizze der Festungsruine arbeiten. Die Antwerpener Bürger hatten die Zitadelle vor acht Jahren als verhasstes Symbol des spanischen Königs zerstört. Mit seinem Freund David hatte Vincent lange vor der Ruine gesessen und gezeichnet. Ob David mit seinem Entwurf schon fertig war?

Erst einige Striche hatte Vincent auf das Papier geworfen, als sein Vater zurückkehrte. Vincent lief zur Stube, aber sein Vater schien ihn, wie so oft, gar nicht wahrzunehmen. Wim Aardzoon war kein Mann großer Worte. Entweder er arbeitete, oder er widmete sich seinen religiösen Verpflichtungen.

Ehe Vincent ihn ansprechen konnte, strebte sein Vater zur Anrichte, küsste das Bild seiner Frau, nahm die Bibel heraus und ließ sich auf die Knie sinken. Mit gesenktem Haupt las er vor: »›Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen …‹«

Wenn Vincent sich recht erinnerte, war es ein Abschnitt aus dem Buch der Propheten, über den bei einem der letzten Gottesdienste gepredigt worden war. Es ging darum, dass man auch in Zeiten der Not auf Gott vertrauen sollte.

»›… und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen, denn der Herr hat’s gesagt.‹«

Das Verhalten seines Vaters verunsicherte Vincent. Wim Aardzoon war ein Mann wie ein Baum, standfest und stark. Er konnte mit masthohen Balken hantieren, als wären sie Speere, schwang Beile wie andere Säbel und legte Fundamente für trutzige Festungen – jetzt aber wirkte er wie ein Häufchen Elend. Dabei hätte Vincent bis zu dieser unglückseligen Belagerung und dem Tod der Mutter nicht geglaubt, dass seinen Vater je etwas erschüttern könnte. Wims Schultern zuckten. Weinte er etwa?

»Vater?«, fragte Vincent erschrocken.

Seine heisere Stimme riss den Vater aus der Versenkung. Wim kam auf die Füße und legte die Bibel zurück auf das Regal. »Ich habe dich gar nicht bemerkt«, murmelte er. Ganz grau wirkte er. Die hellen Strähnen in seinem pfefferfarbenen Haar schienen täglich mehr zu werden, die Augen waren rot gerändert. Er ließ sich auf den Hocker sinken und wog das Haupt in den Händen. Plötzlich riss er den Oberkörper hoch und knallte den Hinterkopf gegen die Wand.

Vincent zuckte zusammen. Das musste doch wehgetan haben! Sein Vater verzog jedoch kaum das Gesicht. »Frings hat unsere Schulden verkauft. Wir werden das Haus schon morgen verlassen müssen«, stieß er hervor.

Vincent hatte das Gefühl, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Mijnheer Frings war ihr Nachbar. Er trieb schwunghaften Handel mit englischen Tuchen und hatte schon öfter versucht, Wim Aardzoon zum Verkauf zu bewegen. Er wollte ihr kleines Fachwerkhaus abreißen lassen, um an der Stelle eine Lagerhalle zu bauen. Dass er es wagte, sich auf diese Art und Weise den Baugrund zu verschaffen …

Vincent verbarg das Skizzenbuch hinter seinem Rücken; in diesem Zustand wäre Vater ganz sicher nicht mit seiner Zeichnung zufrieden. Außerdem hatten seine Worte ihm eine Heidenangst eingejagt. »Was wird dann aus uns? Wo sollen wir hin?«, fragte er.

Sein Vater starrte auf seine Finger, die aufgesprungen und rau von der Arbeit waren. »Jemand wird uns schon aufnehmen. Wir sind in Gottes Hand, hast du das vergessen? Die Belagerung kann nicht mehr lange dauern. Angeblich liegen in der Scheldemündung an die zwanzig Schiffe, die zu unserer Rettung ausgesandt sind, voll beladen mit Waffen und Korn.«

Hoffnung keimte in Vincent. »Was für Schiffe? Wer hat diese Schiffe ent…«

»Hast du gelernt?«, unterbrach Wim ihn schroff.

Vincent senkte das Haupt. »Natürlich, Vater.«

Wim beugte sich vor und klopfte Vincent mit dem Zeigefinger hart gegen die Stirn. »Sei schlauer als ich, und lerne, lerne, lerne! Deine Mutter hat es gewusst: Was du hier drin hast, kann dir niemand nehmen. Der spanische König mag uns einsperren, er mag uns an Leib und Seele bedrohen, mag uns zu Bettlern und Hungerleidern machen, aber er wird uns nicht unterkriegen.«

Unzählige Male hatten seine Eltern erzählt, wie sie sich kennengelernt hatten: Wim war von seinem Dienstherrn zu einer Druckerei geschickt worden, um ein Buch abzuholen. Die Schriften berühmter Baumeister und Ingenieure, die dort auslagen, hatten Wim fasziniert, die gelehrte Verkäuferin hatte ihn verzaubert. Immer wieder hatte Wim anschließend einen Vorwand gesucht, um in die Druckerei zurückzukehren.

Vincent wusste genau, wie wichtig seinem Vater die Ausbildung seiner Kinder war. Schreiben und Lesen, Mathematik, Latein und Zeichnen – an der Schulbildung hatte Wim Aardzoon zuallerletzt gespart. Vincent wurde an der Lateinschule von Diakon Godlef unterrichtet, wo sie gerade Ciceros Redekunst und die mathematischen Regeln des Euklid durchnahmen, doch seit Kurzem musste der Geistliche sich wichtigeren Pflichten widmen.

Wim bemerkte das Skizzenbuch in Vincents Hand. »Du hast gezeichnet?«

»Ich habe versucht, die Skizze zu verbessern. Aber die Ruine und die Stadtmauer sehen nicht so aus wie in echt.«

»Zeig her.«

Kritisch betrachtete sein Vater die Zeichnung. »Du verlierst dich in Details, statt das große Ganze zu sehen. Hier, die wulstige Rinde des Baumes oder der Riss in der Mauer – hübsch, aber unnütz. Die Perspektive stimmt beinahe, die Festungsmauern stehen allerdings ein wenig schief. Siehst du, hier und hier.« Jetzt, wo Wim mit dem Finger darauf wies, sah Vincent es auch. »Wenn ich so bauen würde, wie du gezeichnet hast, würde jedes Haus zusammenstürzen. Gott hat die Welt geordnet mit Maß, Zahl und Gewicht. Alles ist auf geometrische Formen zurückzuführen, hast du das vergessen?«

»Nein, Vater.«

»Ausgangspunkt ist der Kreis«, führte Wim aus. »Gott hat die Welt in einem Zirkelrund geschaffen. Mithilfe der Winkel ergeben sich daraus alle Formen. In dieser Mauer steckt ein Rechteck, in der Ruine der Zitadelle sind Quadrate und Dreiecke verborgen. Fange immer mit den Grundformen an, dann kann nichts schiefgehen. Danach darfst du die Perspektive nicht vergessen – die Mauern wirken in der Ferne kleiner.«

Sofort machte Vincent sich daran, die Fehler auszubessern.

Sein Vater redete unterdessen weiter. »Für einen Baumeister gelten die Grundregeln der klassischen Architektur, was Maße und Schönheit angeht. Der römische Gelehrte Vitruv hat sie festgelegt. Er fordert für die Architektur, dass sie solide ist, nützlich und schön. Schönheit strahlt ein Gebäude jedoch nur aus, wenn die einzelnen Teile in harmonischen Größenverhältnissen zueinander stehen. Für jedes Gebäude gelten zudem besondere Anforderungen. Bei einer Festung geht es vorrangig um Angriff und Verteidigung.«

Vincent sah seinen Vater an. Der Vortrag schien ihn von seinem Kummer abzulenken. Das war gut. »An Kirchen oder an einem Rathaus wird meist nicht mehr gebaut, wenn sie einmal fertig sind. Warum müssen dann Festungsmauern immer wieder erneuert werden, auch wenn sie nicht zerstört wurden?«, sprach er einen Gedanken aus, der ihn schon länger beschäftigte.

»Wenn es neue, stärkere Waffen gibt, müssen auch die Festungen verbessert werden. Bei den Rundtürmen und eckigen Festungstürmen gibt es viele tote Winkel, in denen sich Soldaten verstecken können. Das kann man sich heute nicht mehr leisten. Doppelkartaunen, Scharfmetzen oder Basilisken zerschießen mit ihren Eisenkugeln einen einfachen Schutzwall im Nu. Zudem können Schützen mit ihren Arkebusen oder Musketen aus dem Hinterhalt erheblichen Schaden anrichten.«

Vincent überlegte. »In der Antwerpener Festung sind Dreiecke versteckt.«

»Gut beobachtet. In einer keilförmigen Bastion wie der unseren sind die toten Winkel am kleinsten.«

»Deshalb habt Ihr also die Antwerpener Stadtmauer erneuert.«

Sein Vater stieß einen Laut aus, der Vincent an dessen kollerndes Lachen erinnerte; viel zu lange hatte er es schon nicht mehr gehört. »Nicht ich allein, bei Weitem nicht. Die Mijnheers Vredeman de Vries und Hans van Schille haben die neuen Fortifikationen zwischen Zitadelle, Schelde-Ufer und Inlandswegen entworfen. Ich hatte ein Buch mit den Entwürfen van Schilles. Ein Jammer, dass ich es verkaufen musste, sonst hättest du …«

Die Glocken unterbrachen ihn. Wims Gesicht verdüsterte sich wieder. »Es ist Zeit. Hol deine Geschwister, wir müssen los.« Leiser setzte er hinzu: »Er hat uns wahrlich zu Bettlern gemacht.«

Betje war auf der Pritsche eingeschlafen und ließ sich nur schwer wecken. Ruben hingegen fand Vincent vor dem Haus, wo er und Kees versuchten, eine Möwe mit Steinen abzuwerfen; diese Vögel schmeckten nicht besonders gut, waren aber besser als nichts. Vincent fürchtete sich davor, seinen Geschwistern erzählen zu müssen, dass sie demnächst auch noch ihr Heim verlieren würden.

Wim nahm Betje an die Hand und schritt weit aus. Vincent glaubte nicht, dass seine Schwester dieses Tempo lange durchhalten würde, zumal es noch immer sehr heiß war. Schon blieb Betje so weit zurück, dass ihr Vater sie beinahe hinter sich herziehen musste.

»Vater, ich bitt Euch … nicht so schnell … Ich kann nicht mehr«, stieß Betje schließlich hervor.

Wim hockte sich neben seine Tochter. Er betrachtete sie, als habe er sie seit Wochen nicht gesehen. Besorgt befühlte er ihre Stirn. »Mir gefällt das auch nicht, aber du weißt doch: Wenn wir nicht rechtzeitig ankommen, gehen wir leer aus.«

Obgleich sie mit ihren acht Jahren schon zu alt dafür war, hob Wim sie hoch und setzte sie auf seine Hüfte. Schlaff hing das Mädchen auf seinem Arm.

Die engen Gassen mit den schmalen, hohen Häusern stanken nach Unrat. Menschenleer war der Platz, selbst den Handel der so geschäftstüchtigen Hansekaufleute hatte die Blockade zum Erliegen gebracht; das imposante Hansekontor an der Suikerrui wirkte verlassen.

Ruben war vorausgeeilt. Nun stand er an der Straßenecke, rief ihnen etwas zu und gestikulierte aufgeregt. »Da ist ein beladener Karren vor dem Haus von Mijnheer Gamel! Sicher ist Getreide geliefert worden. Endlich gibt es wieder Brot. Haben die Geusen es doch geschafft, die Blockade zu durchbrechen! Diese Teufelskerle!«

»Untersteh dich, derart zu fluchen!«, schalt Wim seinen Sohn, doch sein Gesicht hellte sich auf. Für sie alle waren die Wassergeusen Helden. Sollten die Kaperfahrer, die auf See für die Freiheit der Niederländer kämpften und jetzt das eingeschlossene Antwerpen unterstützten, die Blockade durchbrochen haben, gäbe es Hoffnung. Schließlich war Mijnheer Gamel ein mildtätiger Kaufmann. Er hatte ihnen früher immer Mehl und andere Nahrungsmittel geliefert und in den vergangenen Monaten nicht nur sie anschreiben lassen.

Bald sah auch Vincent den Karren. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass die Gestalten zerlumpt waren und es sich bei der Ladung nicht um Warenballen handelte, sondern um in Laken eingewickelte Körper. Ein knochiger Arm löste sich aus dem Leichentuch und hing auf das Pflaster hinunter; grob schob der Knecht ihn wieder auf die Pritsche zurück. Schrecken hatte Rubens Augen geweitet.

Wim legte seine große Hand über Betjes Gesicht, damit ihr der Anblick erspart blieb.

Vincent versuchte, sich die Bestürzung nicht anmerken zu lassen. War der Kaufmann gestorben? Aber warum hatte ihn dann der Armenkarren abgeholt? Ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit erfüllte ihn. Täglich starb jemand, den sie kannten. Ihre geliebte Mutter, gute Freunde, Nachbarn. Bald würde es auch sie erwischen. Und das, obwohl sie so inbrünstig für eine Rettung beteten. Es war, als habe Gott sie vergessen.

Der Anblick des Stadhuis riss Vincent wenig später aus seinen düsteren Gedanken; an diesem eindrucksvollen Gebäude konnte er sich nie sattsehen. Nichts an der filigranen Fassade erinnerte noch daran, dass das Rathaus erst vor wenigen Jahren durch die Spanier niedergebrannt und anschließend wieder aufgebaut worden war. Die Pracht des Gebäudes stand allerdings in einem krassen Gegensatz zu den verhärmten, elenden Gestalten, die sich davor versammelt hatten. Spannung lag in der Luft. Als wäre es nicht schlimm genug, dass sie belagert wurden, waren sich die Antwerpener auch noch untereinander spinnefeind. Immer wieder brachen Streitigkeiten aus, deren Anlass Vincent nur erahnen konnte. Die meisten hatten wohl mit der komplizierten Frage zu tun, was der wahre Glaube sei.

Wim Aardzoon schlug einen Bogen um die Streithähne. Die Menschen machten ihm Platz, was nicht nur an seiner Statur lag; viele kannten ihn und zeugten ihm Respekt.

Dann jedoch traten ihnen ein paar junge Männer in den Weg. »Genug vorgedrängelt! Wir haben schon länger gewartet«, sagte ein Kerl scharf. Es war Sjako, ein hagerer Zimmermann, den Vincent schon manches Mal am Hafen gesehen hatte.

»Ich drängle nicht vor, sondern will nur in friedlicherer Umgebung warten«, wies Wim die Anschuldigung zurück.

Sjako verschränkte die Arme vor der Brust. »Ihr sollt Euch hinten anstellen, wie es sich für einen Mann Eures Ranges gehört.«

Wims Kiefer mahlten, und die scharfen Furchen in seinem Gesicht wurden tiefer. »Was meint Ihr damit?«

Sjako grinste. »Wenn Ihr kein Haus besitzt, dürft Ihr Euch nicht mehr Bürger dieser Stadt nennen. Niemand wird Euch noch Aufträge geben. Kaum besser als ein Bettler seid Ihr …«

Vincent hielt ob dieser Frechheit die Luft an. Woher wusste Sjako, dass sie ihr Haus verlieren würden? Überhaupt: Dass dieser Kerl es wagte, sich über ihr hartes Schicksal zu freuen! Die Belagerung und die Krankheit der Mutter waren doch der Grund für ihre Geldnot.

Vincent und Ruben schoben sich neben ihren Vater, trotz ihrer Jugend bereit, ihm beizustehen.

Wim löste Betjes Arme von seinem Hals und hob sie zu Vincent hinüber. Dieser drückte seine kleine Schwester an sich. Wie leicht Betje war und wie heiß ihr Gesicht! Sorge durchfuhr ihn. Sie hatten ja bei ihrer Mutter erlebt, wie anfällig ein geschwächter Körper war.

»Wenn ich mich recht entsinne, steht es auch mit Euren Geschäften nicht zum Besten, vor allem, seit Ihr den letzten Auftrag eines gewissen Poorters vermasselt habt«, sagte Wim verächtlich.

»Vermasselt? Ich habe nichts vermasselt!«, zischte Sjako.

»Wie würdet Ihr es denn nennen, wenn ein Haus eine Elle absackt und einzustürzen droht?«

Einige Umstehende lachten. Sjakos Kumpane schoben streitlustig ihre Ärmel hoch. Das Elend brachte nicht das Beste aus den Menschen zum Vorschein, das wusste Vincent. Nicht nur, dass die Kaufleute Wucherpreise für die wenigen Lebensmittel forderten, die in die Stadt gelangten. Es grassierten auch Verbrechen. Anfangs waren bei Einbrüchen nur Wertgegenstände gestohlen worden. Inzwischen riss man alten Mütterchen den letzten Brotkanten aus der Hand oder tötete sogar, um eines der wenigen Hühner zu stehlen, die die Belagerung bislang überlebt hatten. Dieses Verhalten erschien Vincent absurd. Sollten sie nicht zusammenhalten? Steckten sie nicht alle in derselben Falle?

Sjako schoss auf Wim zu. Dessen Finger zuckten. Vincent fürchtete, dass sein Vater den Konkurrenten angreifen könnte, obwohl sie hoffnungslos in der Unterzahl waren. Doch dann wandte Wim sich ab, offenbar unwillig, sich auf einen Kampf einzulassen.

Im gleichen Augenblick drängte sich eine auffällige Gestalt durch die Menge zu ihnen. Es war Messere Federigo Giambelli. Der italienische Mechaniker war von zarter Statur, aber hitzigem Temperament. Wie so oft trug er kurze gelbe Pumphosen mit ausgeprägter Schamkapsel, Seidenstrümpfe und ein ausgepolstertes Wams. An seinem Schwertgehänge waren ein Degen und ein Dolch befestigt. Oft kam es seiner auffälligen Kleidung wegen zu Diskussionen mit strengeren Glaubensbrüdern, die eine schlichte schwarze Tracht für angemessen hielten. Seine Freundschaft zu Wim Aardzoon schien jedoch unverbrüchlich zu sein, weil Wim Giambelli vor einigen Jahren das Leben gerettet hatte.

Unter Giambellis buschigem grauen Haarschopf funkelten Knopfaugen. »Was ist los, amico? Was wollen diese Herumtreiber von dir?«, fragte er.

»Herumtreiber?« Sjako und seine Kumpane kamen drohend näher. »Ein Fremder wie Ihr hat hier gar nichts zu melden!«

»Nichts zu melden?! Sag das mal deinem Bürgermeister und deinen Räten, figlio di puttana!«

»Was bedeutet das? Wagt Ihr es etwa, mich zu schmähen?« Sjako wurde knallrot und versetzte Messere Giambelli einen heftigen Stoß vor die Brust. Der Italiener taumelte zurück. Als Nächstes zog Sjako einen Dolch. Ein Aufschrei ging durch die Menge.

Vincent sog erschrocken die Luft ein, als sein Vater zwischen die Männer hechtete. Er war doch unbewaffnet!

Sjako tänzelte an ihm vorbei und stach mit seinem Dolch in Messere Giambellis Richtung. Gleichzeitig bildeten seine Männer einen Kreis um sie und drängten sie enger zusammen.

»Jetzt vergeht Euch das lose Maul, was?«, rief Sjako.

Der Italiener wich zurück. Sjako sprang auf Giambelli zu, doch ehe die Klinge seinen Freund treffen konnte, machte Wim einen Ausfallschritt. Der Angreifer stolperte und fiel. Einige Zuschauer johlten. Wim trat dem Angreifer den Dolch aus der Hand und hob ihn auf. Sjakos Kumpane waren offensichtlich unschlüssig, ob sie ihm zu Hilfe kommen sollten. Giambelli jedoch lachte triumphierend.

In diesem Augenblick wurde die Pforte am Seitenflügel des Rathauses geöffnet. Bewegung kam in die Menge. Menschen wurden zwischen sie und die Streithähne geschoben, wodurch es Wim gelang, sie außer Reichweite zu bringen.

»Was ist denn in diesen Kerl gefahren? Hat der Hunger ihm das Hirn verdreht?« Messere Giambelli tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

»Ich war beteiligt, als Sjako von der Zimmermannsgilde gerügt wurde, weil er dem Papst gehuldigt und den reformierten Glauben geschmäht hat. Danach hat er kaum noch Aufträge bekommen. Mir tat’s leid, ehrlich. Hätte sich auf Intarsien verlegen sollten, bei diesen Fummelarbeiten ist er richtig gut. Aber so hat er gegen mich ein paarmal bei Auftragsvergaben den Kürzeren gezogen.«

»Wen wundert’s – du bist der Beste, amico!«

»Nicht mehr lange.«

Besorgt legte Messere Giambelli die Hand auf Wims Schulter. »Was ist? Du wirkst so … wie soll ich sagen … bedrückt.«

Es fiel Wim sichtlich schwer, die nächsten Worte auszusprechen. »Dieser Halunke hat die Wahrheit gesagt. Meine Schulden wurden überschrieben. Wir werden aus dem Haus geworfen.«

Sein Freund stieß einen heftigen Fluch aus. »Diese unbarmherzigen Pfennigfuchser!«, schimpfte er und setzte kopfschüttelnd hinzu: »Ihr könnt bei mir wohnen.«

Vincent fragte sich, ob sein Bruder mitbekommen hatte, worüber die Männer gesprochen hatten, aber Ruben war mal wieder verschwunden. Als er sich reckte, entdeckte er ihn – sein Bruder schlängelte sich geschickt zwischen den Leuten hindurch, beinahe war er schon in der ersten Reihe.

Wachen traten vor die Pforte. Die Menschen schoben sich ihnen entgegen, riefen und bettelten, die Hände flehend ausgestreckt. Schon wurden die ersten Notleidenden umgerissen und stürzten; auch Vincent konnte sich mit seiner Last kaum auf den Füßen halten.

Durch eine Lücke sah Vincent, dass die Büttel einen Sack aus der Kornkammer holten. Empörtes Heulen wurde laut. »Ist das alles? Gebt uns mehr Getreide, wir flehen euch an. Wir gehen elendig zugrunde!«, schrie eine Frau neben ihnen, die ihren leblosen Säugling vor die Brust gebunden hatte.

Ein Büttel kletterte auf einen Vorsprung. Es fiel ihm schwer, die Schreie zu übertönen: »Nur ruhig, ihr Leute! Bald hat das Hungern ein Ende. Unser verehrter Bürgermeister wird binnen Tagen das Ende der Belagerung verkünden. Die Waffen werden schweigen. Die Kämpfe werden demnächst eingestellt!«

Vincent bemerkte, wie sein Vater und Messere Giambelli überraschte Blicke tauschten.

»Brot oder Frieden! Brot oder Frieden!«, skandierte die Menge.

Tumulte brachen aus, als das Getreide verteilt wurde. Alle riefen durcheinander, versuchten, die anderen wegzuschieben, sich einen Vorteil zu verschaffen.

»Bitte, ich habe vier Kinder …«

»Meine Frau ist krank, wir brauchen Essen …«

»Bei der Güte Christi …«

Ruben hatte den Beutel von seinem Gürtel gelöst und wartete ungeduldig auf sie, denn sie bekamen ihren Anteil pro Kopf. Als der Vorrat verteilt war, wurden die Tumulte rabiater. Gerangel setzte ein, als ein Hungernder dem anderen etwas aus der Schale zu stehlen versuchte. Auch ihrem Vater wurde der Beutel weggerissen. Wim fuhr herum. So wütend hatte Vincent ihn noch nie gesehen. Mit einem einzigen Faustschlag warf er den Dieb zu Boden und holte sich ihren Kornbeutel zurück.

»Wartet am Rande des Platzes auf uns!«, befahl Wim und gab Ruben den Beutel. Was hatte er vor?

Die Geschwister konnten gerade noch Abstand zwischen sich und die Prügelnden bringen, ehe sie selbst Schläge abbekamen, denn die Wachen trieben die Menschen brutal auseinander. Im Schutz einer Mauer setzte Vincent seine Schwester ab. Sofort knickten ihre Knie ein. Betjes Augenlider flatterten, ihr Mund stand offen.

Ihr Vater und Giambelli befragten in einiger Entfernung Dirck van Os, den Anführer der Stadtmiliz. Der Mann schien nur ausweichend zu antworten. Eine abgemagerte Dame versperrte Vincent kurzzeitig den Blick. Sie versuchte offenbar, ein feines Kleid gegen Korn zu tauschen. Eine andere verschwand mit einem Kerl in einem finsteren Winkel; wie eine Dirne sah sie nicht aus, wohl aber verzweifelt. Verlegen sah Vincent weg.

Endlich kamen Wim und Messere Giambelli zurück. Sie strebten aber nicht ihrem Haus entgegen, sondern der Kirche. Die Kinder eilten hinterher. Auf dem Weg diskutierten die Männer heftig. Vincent schnappte nur Gesprächsfetzen auf; anscheinend war der Antwerpener Bürgermeister kurz davor, einen Vertrag mit dem Prinzen von Parma zu schließen, der im Auftrag des spanischen Königs die Stadt belagerte. Vincent brannte darauf, mehr erfahren.

Vor der Tür wurde Messere Giambelli von der Gattin des Zuckersieders aufgehalten; sie jedoch gingen hinein. Der Tempel wirkte kahl, wie so oft, wenn aus katholischen Kirchen die papistischen Altäre und Heiligenbilder entfernt worden waren. Ihr Glaubensvater Calvin hatte sie gelehrt, ihr Gotteshaus nicht mehr Kirche, sondern Tempel zu nennen, was manchem Gläubigen schwerfiel. An einer Wand hing eine Tafel mit den zehn Geboten. In dem schlichten, weiten Raum war es angenehm kühl, dennoch war die Stimmung hitzig. Weitere Gemeindemitglieder, wie Kees’ Vater, hatten sich eingefunden. Sie diskutierten aufgewühlt, der Zuckersieder mit Mevrouw Dhaen, der Witwe des Seidenwebers, aber auch einfache Arbeiter mischten sich ein. Einzelne Frauen brachen in Tränen aus, weil sie fürchteten, ihre Ehre, ihre Heimat oder gar ihr Leben zu verlieren.

»Italiener, Spanier – die sollen verschwinden! Warum glauben die überhaupt, über uns herrschen zu dürfen?!«, schimpfte Ruben. »Und wann essen wir endlich?!« Er presste das Säckchen an seine Brust.

Vincent setzte Betje behutsam ab; sie sollte schnellstmöglich etwas in den Magen bekommen und dann wieder ins Bett. Gerade als er seinem Bruder die komplizierten Zusammenhänge erklären wollte, kehrte Ruhe ein. Der Dominee und die Diakone waren in die Kirche getreten. Sogar Ruben nahm Haltung an, denn Ysebrandus Frisius und Gaspar van der Heyden waren ebenso gelehrte wie strenge Kirchherren. Sein Lehrmeister begrüßte Vincent flüchtig. Diakon Godlef war ein kleiner, kugeliger Mann, dessen Gleichmut kein Schülerstreich erschüttern konnte. Die letzten Wochen hatten jedoch nicht nur seiner Figur zugesetzt.

Nach dem Gottesdienst berieten die Erwachsenen lange. Vincent liebäugelte immer wieder mit dem Gedanken, sich einfach mit seinen Geschwistern hinauszustehlen; er wollte aber nicht den Unwillen der Geistlichen erregen. Schließlich strebten die Erwachsenen auseinander.

Als Wim Aardzoon sich seinen Kindern zuwandte und Messere Giambelli ihm folgte, hielt Gaspar von der Heyden die Männer auf. Nun konnte Vincent seine Worte verstehen: »Tut, was Ihr könnt, um uns zu retten. Ihr habt es gehört: Jeder von uns wird alles daransetzen, Eure Mission zu unterstützen.« Er berührte die Ellbogen der Männer. »Ihr seht an mir, was der Glaube und ein starker Wille vermögen. Ein einfacher Schuhmacher war ich, und ich habe mich selbst zum Pfarrer ausgebildet, um Gottes Segen weiterzugeben.«

»Eure Leistung in Ehren, aber wenn wir nicht zwei Schiffe …«, begann Wim.

Gebieterisch hob der Geistliche die Hand. »Die Schiffe werden sich finden. Der Herr wird für die Seinen sorgen. Macht Euch an die Arbeit, die Zeit drängt.«

Wim Aardzoon schien ihre Mahlzeit vergessen zu haben. Noch immer ging er nicht nach Hause. Ratlos und aufgeregt nahm Vincent seine Schwester huckepack und folgte ihm. Messere Giambelli redete auf Wim ein.

Unvermittelt nahm der Vater Vincent das Mädchen wieder ab. »Lauft los, und ruft einige Freunde zusammen. Wir treffen uns beim nächsten Glockenschlag in Federigos Werkstatt.« Er nannte ihnen Namen und die Häuser, in denen sie Bescheid geben sollten.

Ruben zögerte. »Und das Essen?«, fragte er mit Blick auf das Getreidesäckchen.

Ihr Vater nahm ihm den Beutel ab. »Wenn ihr wieder da seid, bereiten wir gemeinsam die Mahlzeit.«

Messere Giambellis Fachwerkhaus befand sich am Ende einer Sackgasse am Hafen, der angebaute Werkstattschuppen grenzte direkt an einen Fleet. Vincent war außer Atem, als er nach seinen Botengängen am Hafenrand ankam, und die Neugier darauf, was er heute in der Werkstatt zu sehen bekommen würde, verdrängte beinahe den nagenden Hunger. Er hatte seinen Vater ab und zu begleitet, wenn dieser mit Giambelli zusammengearbeitet hatte. Die Wände der Werkstatt waren mit Konstruktionszeichnungen und Berechnungen gepflastert, und immer, wenn sich die Gelegenheit bot, hatte Vincent den Mechaniker dazu befragt. Federigo sei ein genialer Tüftler, hatte sein Vater einmal gesagt, habe aber zwei linke Hände, weshalb sie sich perfekt ergänzten. Das war nur die halbe Wahrheit, denn sein Vater war nicht nur ein guter Handwerker. Vincent wusste, dass er ebenfalls ein Buch mit Konstruktionszeichnungen und Briefen besaß. Das Notizbuch war mit einem Lederband umschnürt und wurde wie ein Schatz gehütet.

Auf Regalen standen Flaschen, Tontöpfe und Glaskolben, daneben mehrere Waagen und Kessel. Alle Instrumente, die Giambelli besaß, waren ausgesprochen schön, das war Vincent schon früher aufgefallen. Ein Holzgerüst, das wie ein Wagenrad mit seltsamen Speichen aussah, nahm den Großteil der Werkstatt ein. Vater hatte die einzelnen Teile und zuletzt die Verstrebungen gedrechselt. An den Rändern hingen Gewichte.

Fasziniert untersuchte Vincent die Konstruktion. »Wozu sind diese Gewichte da? Werden sie dafür sorgen, dass sich die Maschine bewegt?«, fragte er, obgleich der Mechaniker gerade in einer Kiste kramte.

Messere Giambelli richtete sich auf und warf eine Kupferkanne hinter sich. Überhaupt sah es im Haus des Mechanikers wüst aus. Anscheinend hatte diese Unordnung damit zu tun, dass Messere Giambellis Frau, eine Dame aus einer angesehenen Antwerpener Familie, sich außerhalb der Stadtgrenzen in Sicherheit gebracht hatte.

Ungeduldig wuchtete der Mechaniker die Kiste hoch. Als er sie kurzerhand auskippte, flogen seltsame Gerätschaften durcheinander. Er pickte einige metallene Teile heraus, darunter Rädchen mit kleinen Zähnen. »Da ist es ja – wusste ich es doch!«, sagte er erfreut und wandte sich dann Vincent zu. »Hattest du etwas gefragt?«

»Ich wollte wissen, was der Nutzen dieser Gewichte …«

»Die Gewichte werden dafür sorgen, dass das Perpetuum mobile sich bewegen und Arbeiten verrichten wird, ohne dass der Mensch etwas dazu beitragen muss. Nicht mehr lange, und …«

In diesem Augenblick trat Wim hinzu. »Wir müssen diese Maschine sofort abbauen, um Platz zu schaffen. Andere Dinge sind jetzt wichtiger!«

»Wichtiger? Wie kannst du das sagen!«, protestierte Messere Giambelli. »Das Perpetuum mobile könnte eines Tages all unsere Probleme lösen! Es könnte Kriegsmaschinen antreiben, die Waffenherstellung beschleunigen …«

Wim wandte sich an Vincent. »Betje habe ich in die Schlafkammer gelegt. Du und Ruben, ihr bereitet den Getreidebrei, damit wir etwas in den Magen bekommen, ehe die anderen hier sind.«

Die Jungen gingen in die Kochnische. Um den Herd anzufeuern, mussten sie in Ermangelung von Brennholz einen alten Stuhl zerschlagen, was Ruben mit Begeisterung übernahm; dann warfen sie das Getreide in den Topf und füllten ihn mit Wasser. Während sie darauf warteten, dass Blasen auf der Wasseroberfläche auftauchten, sagte Vincent: »Du hast gefragt, warum Spanier und Italiener glauben, über uns bestimmen zu können …«

»Ich weiß schon, warum«, ging Ruben dazwischen. »Ich bin doch nicht blöd.«

Unbeirrt fuhr Vincent fort: »Das Haus der burgundischen Herzöge von Valois, hat vor etwa zweihundert Jahren die siebzehn niederländischen Provinzen durch Heiraten und Verträge vereinigt. Als irgendein Herzog – wer war es noch gleich? –, ach ja, Karl der Kühne, starb, fielen die Niederlande dem Haus Habsburg zu.«

»Du brauchst gar nicht so geschwollen daherreden, nur weil du schon ein paar Jahre länger zur Schule gehst!«

Vincent ließ sich nicht provozieren und rührte gewissenhaft weiter. »Alessandro Farnese, der Prinz von Parma, ein Neffe des spanischen Königs Philipp II., soll jetzt die gesamten Niederlande unterwerfen, das weißt du also auch?«

»Klar, Farnese ist ein Nachfolger dieser Mörder, die für die Spanische Furie verantwortlich waren«, stieß Ruben verächtlich hervor.

Die Spanische Furie. Der Gedanke daran ließ die Brüder verstummen. Vincent erinnerte sich nicht daran, er war zu klein gewesen, aber ihre Eltern hatten oft von den grausigen Ereignissen berichtet, die sich vor neun Jahren zugetragen hatten. Im Jahr 1576 hatten König Philipps Truppen wegen des Staatsbankrotts keinen Sold erhalten und Städte und Landstriche geplündert. Am schlimmsten hatten sie in Antwerpen gewütet. Sie hatten geraubt, geschändet, gebrandschatzt und gemordet. Achttausend Menschenleben waren damals ausgelöscht worden, hieß es. Ihre Eltern hatten sich nur retten können, weil ein Nachbar, der jüdische Diamantenschleifer Elim, sie in sein Kellergewölbe gelassen hatte. Sogar Katholiken waren über die Brutalität ihrer Glaubensbrüder erschrocken. Als Folge der Spanischen Furie hatten sich fast alle niederländischen Provinzen zum Freiheitskampf gegen den spanischen Herrscher entschlossen. Schließlich hatten die acht Provinzen Brabant, Geldern, Flandern, Holland, Zeeland, Friesland, Mechelen und Utrecht König Philipp II. abgesetzt und sich in der Plakkaat van Verlatinghe für unabhängig erklärt; erst im letzten Jahr hatte ihr Lehrmeister sie die Namen und Daten auswendig lernen lassen. Ein Statthalter sollte über die Provinzen herrschen, doch nach dem Verrat des Herzogs von Anjou, des Bruders des französischen Königs, war dieser Posten umstritten.

»Weißt du, was ich nicht begreife? Was will König Philipp mit Antwerpen, wenn wir verhungern?«, riss Ruben Vincent aus seinen Gedanken.

Eine samtige Stimme gab ihm die Antwort. Ihr Vater sprach; sie hatten nicht bemerkt, dass er in der Nähe der Küche war. »Lass dir nicht einreden, dass es hier um den Glauben geht, mein Sohn. Es geht nur um Geld – der spanische König ist mal wieder bankrott, seine Schatztruhe ist leer. Antwerpen war bis zur Belagerung das Warenhaus der Welt. Die reichste Stadt mit der größten Handelsbörse. Wichtiger als Venedig, Brügge oder Brüssel. Hier gibt es portugiesische Gewürze, schwedisches Kupfer, Seide, Diamanten und lehrreiche Drucke. Im letzten Jahr wurden noch an die neunzigtausend Einwohner gezählt. Wer könnte König Philipp die Taschen füllen, wenn nicht die Antwerpener?«

Vincent wunderte sich über die ausführliche Antwort seines Vaters. »Aber warum zerstört er unsere Stadt, wenn er sie doch ausbeuten will?«, fragte er, während er erleichtert feststellte, dass das Wasser kochte und das Getreide langsam aufquoll; sein Hunger war unerträglich geworden.

»König Philipp schafft sich eine Machtbasis. Ihm haben wir ja auch den Tod unseres Statthalters zu verdanken. Gott habe Wilhelm von Oranien selig«, sagte Wim bitter.

Noch so ein bedrückendes Thema. Der spanische König hatte ein Kopfgeld auf Wilhelm von Oranien ausgesetzt. Vor gut einem Jahr war dieser dann heimtückisch ermordet worden. Das Attentat war ein Schock gewesen. Auch Vincent erinnerte sich noch lebhaft daran, wie er kurz zuvor dem Oranier zugejubelt hatte. Fürst Wilhelm hatte in Antwerpen die hugenottische Fürstin Louise de Coligny geheiratet. Deutlich hatte Vincent das Gesicht des Fürsten vor Augen, das durch einen früheren Mordanschlag entstellt gewesen war. Man nannte ihn Wilhelm den Schweiger, und Vincents Vater wurde nicht müde zu betonen, dass er ein Herrscher war, der nicht durch Worte, sondern durch Taten geglänzt hatte. Gemeinsam mit Messere Giambelli hatte Wim Aardzoon im Auftrag des Oraniers an mehreren Festungen gearbeitet. Auf Wilhelm von Oranien hatten ihrer aller Hoffnungen geruht. Seit seinem Tod fehlte der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ein wahrer Anführer, und sie drohte zu zersplittern, denn Wilhelms ältester Sohn Philipp Wilhelm war von den Spaniern entführt und streng katholisch erzogen worden. Der zweite Sohn, Moritz, war erst siebzehn und als Statthalter umstritten. Er galt als Graf ohne Land, denn seine Besitztümer, vor allem die Baronie Breda, waren in spanischer Hand.

»Gerade hatte die Stadt sich von der Spanischen Furie einigermaßen erholt, da kamen der heimtückische Mord an Wilhelm von Oranien und die Belagerungstruppen«, fuhr Wim fort. »Knapp vierzehn Monate haben wir schon durchgehalten, auch dank der trutzigen Stadtmauern. Nun soll die Stadt ausgehungert werden. Farnese hat angeblich alle Kornfelder in der Umgebung abbrennen lassen.« Er stieß einen verächtlichen Laut aus. »Menschen zählen nicht. Landstriche und Städte können neu besiedelt werden. Viele Katholiken warten nur darauf, die Maske fallen zu lassen, unter der sie sich verstecken, und Antwerpen wieder an sich zu reißen.«

»Warum tut der König das? Gefällt es ihm, wenn wir leiden?«, fragte Ruben verständnislos.

Messere Giambelli trat zu ihnen. Er mühte sich noch immer, die Metallteile aus der Kiste ineinanderzustecken; nichts schien zusammenzupassen. »König Philipp lässt ja nur vermeintlich Irrgläubige leiden. In seinen Ländern lodern die Scheiterhaufen seit jeher. Philipp ist ein religiöser Fanatiker, ein Papierkönig, ein Bürokrat ohne jegliche Fantasie. Seine Gemächer im königlichen Palast erinnern an eine Mönchszelle, und er verlässt sie einzig und allein, um die Messe zu hören«, sagte er verächtlich.

»Ihr habt ihn kennengelernt, nicht wahr?«, fragte Vincent.

Giambelli reichte seinem Freund entnervt die heillos verkanteten Metallteile. »Ich habe König Philipp meine Dienste als Ingenieur angeboten, aber er konnte nichts mit mir anfangen. Wochenlang hat er mich auf eine Audienz warten lassen. Engstirnig ist er und verbohrt. Kennt ihr Philipps Wahlspruch? Er lautet: ›Die Welt ist nicht genug.‹«

»Größenwahnsinnig!«, stieß Wim empört hervor. Er reichte Messere Giambelli das mechanische Gebilde, das er mit einigen wenigen Handgriffen zusammengesetzt hatte. Dann zog er eine Schrankschublade hervor und suchte darin etwas.

Noch etwas interessierte Vincent: »Philipp ist ein König, gut. Aber auch Papist. Warum wolltet Ihr überhaupt für ihn arbeiten, Messere?«

Der Italiener machte eine lässige Geste. »Die Wissenschaft ist mein Gott und steht über jeder Religion, das dachte ich zumindest damals. Ich nahm an, ein König hätte genügend Geld, um meine Forschungen zu finanzieren. Mit Philipps Engstirnigkeit hatte ich nicht gerechnet.«

»Warum gibt unser Bürgermeister ihm nach?«, wunderte Vincent sich. »Ich dachte, Mijnheer van Marnix will das Werk Wilhelms von Oranien fortführen?«

Wim zog ein Bündel heller Bänder aus der Schublade. »Das dachte ich auch. Aber Philips van Marnix, Herr von Sint-Aldegonde, scheint die Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit aufgegeben zu haben.«

Messere Giambelli nahm die Bänder an sich. »Der ist alt, ein Gelehrter, kein Heerführer. Meine letzten Vorschläge hat er allesamt abgelehnt.«

»Was für Vorschläge?«, fragte Vincent neugierig.

»Jetzt ist es aber genug! Das geht dich nichts an, außerdem unterliegt es der Geheimhaltung. Ist das Essen endlich fertig?«, drängte Wim.

Vincent verteilte den Brei auf Schüsseln; die Männer bekamen das meiste, wie es sich gehörte. Betjes Schale stellte er neben sich, er würde sie seiner Schwester später bringen.

Ruben hatte seine Portion im Nu verputzt und starrte nun den Löffel in der Hand seines Vaters an. »Was geschieht mit uns, wenn König Philipps Truppen die Stadt einnehmen? Werden wir massakriert?«

»Angeblich nicht. Es heißt, dass wir nach der Kapitulation unseren Glauben entweder aufgeben oder unbehelligt die Stadt verlassen dürfen. König Philipp erträgt es nicht, dass bei uns Glaubens- und Gewissensfreiheit herrschen und jedermann in seinen vier Wänden seine Religion frei ausüben kann«, antwortete Wim.

»Auf keinen Fall werde ich unseren Gott verleugnen!«, rief Ruben.

Wim nickte gewichtig. »Recht so, mein Sohn. Deshalb werden wir weiterhin kämpfen, selbst wenn unser Bürgermeister kneift. Aber allein werden wir es nicht schaffen. Nachdem die katholische Seite durch den Sieg im Kölner Krieg erstarkt ist, der französische König uns verraten und sogar Brüssel vor den Spaniern kapituliert hat, ist die englische Königin unsere letzte Hoffnung. Königin Elisabeth hat uns schon einmal Waffenhilfe geleistet. Jetzt wurden erneut Boten zu ihr entsandt. Sicher sind es ihre Schiffe, die in der Scheldemündung darauf warten, die Blockade zu durchbrechen.«

»Selbst wenn der Bürgermeister ein Angsthase ist, gibt es doch noch den Stadtrat«, wandte Vincent ein.

»Hier in der Stadt ist die Macht auf zu viele Köpfe verteilt, als dass es zu einer Einigung kommen könnte. Hätten die Räte und Kaufleute zusammengehalten, wäre es gar nicht zu dieser grauenvollen Hungersnot gekommen«, meinte Wim.

»Das ist wahr!«, stimmte Giambelli zu und schob seine leere Schale weg. »Meinen Vorschlag einer finanziellen Umlage zum Kauf von Getreidevorräten haben die Poorter ausgeschlagen. Zu unwahrscheinlich erschien es ihnen, dass Farnese tatsächlich die Schelde sperren könnte. Sie haben sich geirrt. Das Wetter hat dem Feind in die Hände gespielt. Der Winter war mild, und die Schiffbrücke hat selbst den Eisgang überstanden. Wenn wir Farnese jetzt nicht Einhalt gebieten, wird Antwerpen fallen.«

»Und wenn Antwerpen fällt, dann steht unsere Zukunft auf der Kippe. Die gesamten niederländischen Provinzen könnten überrannt werden«, sagte Wim düster.

Ruben ballte die Hände zu Fäusten. »Die Soldaten werden wieder morden und brandschatzen …«

»Das steht zu befürchten. Wir wissen ja, was von dem Ehrenwort der Spanier zu halten ist.«

»Nichts!«, stieß Ruben hervor. »Oder, Vincent? Sie sind Wölfe im Schafspelz!« Um Zustimmung heischend sah er seinen Bruder an.

Vincents Blick war an Betjes Brei hängen geblieben. Er musste sich beherrschen, ihn nicht auch noch aufzuessen; auch die anderen betrachteten die Schale begehrlich. Ehe er antworten konnte, sagte Messere Giambelli: »Wir müssen eine Bresche in die Blockade schlagen, damit Truppen und Versorgungsschiffe aus Zeeland einlaufen können.«

»Lieber englisch werden und unseren Glauben behalten als spanisch und auf dem Scheiterhaufen brennen!«, setzte Wim entschlossen hinzu.

Die Männer erhoben sich. Sein Vater und Messere Giambelli schienen einen Plan zu haben, die Blockade doch noch zu durchbrechen, aber Vincent konnte sich nicht vorstellen, worin dieser bestehen konnte. Die Schiffbrücke war gewaltig, und bislang waren alle Versuche gescheitert, den Feind zu schwächen.

»Ich bringe das Essen zu Betje«, meinte Ruben und nahm die Schale an sich. Ehe er durch die Tür war, hatte er schon zwei Löffel Brei in sich hineingeschlungen.

Vincent entriss ihm erzürnt die Schale. »Spinnst du! Betje braucht den Brei dringender als wir.«

Ruben lief zornrot an. »Ich habe gar nichts gemacht!«, leugnete er und rannte hinaus.

Vincent nahm Betjes Portion und ging zu ihr. So reglos und bleich lag sie auf dem Bett, dass sein Herz einen Schlag aussetzte. Er weckte sie behutsam, doch sie wollte nicht essen. Vincent redete ihr gut zu und löffelte den Brei in ihren Mund. Betje war verwirrt und fragte immer wieder nach ihrer Mutter, was Vincent den Hals zuschnürte. Da ihre Stirn förmlich glühte, legte er ihr eine weitere Decke über, damit sie das Fieber ausschwitzen konnte; das hatte seine Mutter auch immer getan. Er zweifelte allmählich daran, dass Betjes Zustand lediglich auf den Unrat zurückzuführen war, den sie am Nachmittag gegessen hatte.

Als Vincent seine Schwester verließ, lief sein Vater rastlos in der Werkstatt auf und ab und diskutierte mit Giambelli. Nach und nach trafen Glaubensbrüder und Helfer ein, darunter auch der Uhrmacher Bory und der Mechaniker Timmerman. Auch Mevrouw Dhaen, die Witwe des Seidenwebers, suchte die Werkstatt auf. Die magere Frau wirkte zwischen ihren zwei Knechten unscheinbar, aber ihre Stimme klang entschlossen, als sie verkündete, dass sie das Segelboot ihrer Familie für ihre Mission opfern würde.

»Es gibt zwar andere, die diesen Verlust leichter verschmerzen könnten«, vorwurfsvoll sah sie den Zuckersieder an, »aber ich fühle mich verpflichtet, meinen Beitrag zu unserem Schutz zu leisten. Hat Jesus uns nicht ein Beispiel gegeben, dass wir unser Bestes für unsere Glaubensbrüder hergeben sollen?«

Wim stimmte ihr zu und dankte ihr. Mit geröteten Wangen lächelte Mevrouw Dhaen ihn an. Vincent starrte sie verdattert an. Machte die Witwe seinem Vater etwa schöne Augen? Dabei war sie doch alt und faltig, mindestens vierzig. Sie glaubte doch nicht ernsthaft, Wim würde seine geliebte Frau so schnell vergessen und erneut heiraten! Oder etwa doch?

»Dann fehlt uns nur noch ein Schiff. Welchen unserer Glaubensbrüder können wir noch um Hilfe bitten?«, überlegte Wim Aardzoon laut.

Eine Weile berieten sie. Ehe sie eine Lösung finden konnten, tauchte der jüdische Diamantenschleifer Elim auf. Alle waren überrascht, denn Elim lebte zurückgezogen; mancher scherzte, er mache dies, um seine weitaus jüngere Ehefrau vor den Blicken der Männer zu schützen.

»Ich habe von Eurem Vorhaben gehört und biete Euch meine Hilfe an. Wenn die spanischen Truppen Antwerpen besetzen, wird auch unser Leben und das meiner Glaubensbrüder zur Hölle werden«, sagte Elim.

»Gerne nehmen wir Euer großzügiges Angebot an.« Giambelli war sichtlich erleichtert. Jetzt hatten die Männer zwei Schiffe zu ihrer Verfügung – was aber hatten sie damit vor?

Kribbelig lauschte Vincent den weiteren Beratungen und versuchte, sich einen Reim auf das Gehörte zu machen. Schließlich schickte Wim seinen Sohn hinaus.

Vincent bat darum, bleiben zu dürfen. Es drängte ihn zu erfahren, was die Männer planten. »Ich bin alt genug. Was ihr auch tut – ich will helfen!«

Wim legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn fest an. Zerfurcht wirkte das Gesicht des Vaters, aber in der Tiefe seiner Augen glomm ein Funke. »Das wirst du auch irgendwann. Jetzt aber lauf hinüber zu Judith. Elim meinte, dass sein Eheweib ein paar Kräuter oder Pulver habe, die Betje helfen könnten.«

Es dauerte lange, bis der alte Knecht die Tür des benachbarten Steinhauses öffnete. Vincent presste die Hand in die Höhlung unter die Rippen. Es war seltsam. Hatte er Hunger, schmerzte sein Leib, aber aß er etwas, rumorten seine Eingeweide ebenfalls.

Der Knecht musterte Vincent über eine Türkette hinweg. Als er endlich aufmachte, sah er sich nach allen Seiten um: »Man kann nicht vorsichtig genug sein«, sagte er entschuldigend.

Das konnte Vincent nachvollziehen. Elim war reich, zumindest erzählte man sich das. Er trat ein. Aus der Stube hörte er Kinder weinen. Judith nahm Vincent im Flur in Empfang. Sie war eine junge Frau von herber Schönheit. »Meiner Tochter gefällt es gar nicht, dass sie ihr Kleid waschen muss – und die Hemden ihrer Geschwister gleich mit. Danke, dass du die Mädchen aufgehalten hast, ehe sie noch mehr Unfug anstellen konnten.«

»Vater meinte, dass Ihr uns vielleicht helfen könnt«, sagte Vincent und berichtete von Betjes Zustand. »Ich dachte erst, Betje ist von dem Unrat krank geworden. Aber …« Er zögerte auszusprechen, was ihm schon die ganze Zeit Sorge machte.

»Ja?«

»Ich hoffe, es ist nicht das Wechselfieber«, sagte Vincent bedrückt. Jeder wusste, dass man das Wechselfieber nie wieder loswurde und daran sterben konnte.

Judith überlegte kurz. »Das ist ohne Arzt schwer zu sagen.« Sie verschwand. Als sie zurückkam, reichte sie ihm einen kleinen Beutel. »Brüh für deine Schwester einen Tee mit diesen Kräutern auf, er wird das Fieber senken.«

Verlegen nahm Vincent den Beutel an sich. »Ich danke Euch.«

Das Heulen und Weinen in der Stube war inzwischen herzzerreißend. Judiths Gesicht verdüsterte sich. »Es ist wenig genug, das ich tun kann. Lange werden auch wir nicht mehr durchhalten.« Sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Es ist schon absurd, dass wir so viel besitzen und doch Hunger leiden. Letzte Woche konnte man noch für neun Gulden ein Stück Fleisch oder für zweiundzwanzig einen Kabeljau kaufen, was bereits Wucher war. Aber jetzt gibt es gar nichts mehr.«

Fleisch oder Fisch haben wir schon seit Wochen nicht mehr auf dem Tisch gehabt, dachte Vincent. »Vater und Messere Giambelli haben einen Plan«, sagte er mit mehr Zuversicht, als er spürte.

»Dann lass uns beten, dass dieser Plan gelingen wird.«

Nachdem Vincent seine Schwester mit dem Heiltee versorgt hatte, suchte er seinen Bruder. Er fand ihn auf einem schmalen Steg am Hafenrand, wo Ruben gemeinsam mit einigen anderen Jungen mit selbstgemachten Reusen und Netzen fischte. Vincent half mit, aber sie hatten keinen Erfolg, denn der Fluss war bereits zu Beginn der Belagerung geplündert worden. Niedergeschlagen und voller juckender Quaddeln liefen sie zu Giambellis Haus zurück. Das Murmeln von Stimmen drang aus der Werkstatt. Obgleich er wusste, dass es falsch war, legte Vincent das Ohr gegen die Tür. Er musste wissen, was die Männer besprachen! Ruben zögerte erst, tat es ihm dann aber nach.

»… hat keinen Sinn … schon mal versucht – und gescheitert.« Das war der Zuckersieder.

»Nur eine Bresche schlagen, damit die Schiffe der Geusen oder der Engländer nach Antwerpen …«, ging Messere Giambelli dazwischen.

».. Bürgermeister hat bei Strafe verkündet, dass die Waffen schweigen sollen.«

»Ihr wisst, was die spanische Inquisition mit Andersgläubigen machen wird. Die Scheiterhaufen werden auch in Antwerpen lodern. Unsere Gemeindeoberen …«

»Wenn es uns gelingt, wird niemand über eine Strafe nachdenken!« Das war ihr Vater.

Die Brüder sah einander an. »Was soll gelingen? Eine Bresche? Aber wie?«, fragte Ruben leise.

Vincent legte den Finger über den Mund. Zu spät. Die Tür flog auf. Ruben verlor das Gleichgewicht und riss Vincent mit sich, woraufhin die Brüder in die Werkstatt purzelten.

Wütend schoss ihr Vater auf sie zu. »Hab ich euch doch gehört! Ich hatte euch verboten …«

»Wir wollen helfen!«, sagte Vincent schnell.

In der nächsten Stunde wurde von einem Segelboot der Mast umgeklappt, der seepockige Rumpf wurde auf Baumstämmen durch die Flügeltüren der Werkstatt gerollt. Messere Giambelli lief in der Werkstatt auf und ab und bewegte dabei seinen verzierten Dolch in den Händen, als könnte das ihm beim Denken helfen. Es war ein schönes Stück, das Vincent sich gerne von Nahem angeschaut hätte. Doch der Messere schickte die Brüder los, um unauffällig allerlei Nägel, zerbrochenes Metall und Steine heranzuschaffen.

Als sie zurückkamen, hatten die Knechte das Holz gebracht. Die Männer waren unter Führung ihres Vaters dabei, im Bootsrumpf eine Art Kasten zu errichten. Er war bereits so hoch, dass er über das Deck hinausragte. Wim wog einige Bretter in der Hand und betrachtete sie, als würden sie ihm verraten, wofür sie zu gebrauchen seien. Mehrere Fässer sowie ein Haufen verbogener Eisenteile, Hanf, Zweige, Späne und Schutt standen auf den Planken. Aus einem Nebenraum kam ein stampfendes Geräusch.

Plötzlich ertönte hinter ihnen ein Schrei. Sie fuhren herum. Aus einer kleinen Kammer knallte es, ein heller Lichtschein blitzte auf. Beißender Gestank.

Sofort rannte Wim hinein. Er zerrte Messere Giambelli heraus, der keuchend nach Luft rang. Sein Gesicht war rußgeschwärzt, und die Haare standen ihm noch wirrer ab als sonst.

»Ich dachte schon, du jagst uns alle in die Luft!«, schimpfte Wim und schickte Vincent nach einem Becher Wasser.

»Das Schiff ist … wesentlich kleiner als … seine Vorgänger. Daher muss die Mischung …« Ein Hustenanfall unterbrach Messere Giambelli.

Die Kammer lag jetzt dunkel da. Neugierig lugte Vincent hinein. Ein zerfetztes System aus Zahnrädern und Hebeln war zu sehen. »Was habt Ihr darin gemacht?«, wollte er wissen.

Giambelli trank gierig aus dem Becher Wasser, den Vincent ihm gereicht hatte. »Ich habe Ingredienzen gestampft, um Knollenpulver herzustellen, weil ich nicht auf das Wohlwollen des Munitionsmeisters angewiesen sein will. Kohle und Schwefel hatte ich noch. Einige unserer Freunde haben mir Salpeter gebracht. Richtig angewendet kann man mit diesen Pulverkuchen eine Explosion auslösen. Ich musste lediglich die weiteren Zutaten hinzufügen.«

Vincent hielt unwillkürlich den Atem an. Bereits im Frühjahr hatten Antwerpener Brandschiffe die feindliche Schiffbrücke angegriffen. Sie hatten mit Explosionen für schwere Schäden und tausend Tote gesorgt. Er hatte nicht gewusst, wer für diese Explosionen verantwortlich gewesen war. Auf einmal sah er den schmalbrüstigen Italiener und seinen Vater mit anderen Augen. »Von Euch kam der Höllenbrander?«, fragte er beeindruckt. »Und Vater …«

Messere Giambelli legte den Finger über die Lippen. Ruß hatte sich tief in seine Falten eingegraben. »Niemand darf wissen, dass wir ein weiteres Höllenschiff ausrüsten«, wisperte er. »Wenn der Feind obsiegt, wird er als Erstes diejenigen strafen, die ihn am heftigsten bekämpft haben.«

Die Männer machten sich wieder an die Arbeit. Vincent war es, als habe sich ein Gewicht auf seine Brust gelegt. Seine Gedanken rasten. Diese Tat war heldenhaft und zugleich scheußlich. Sein Vater war für den Tod so vieler Menschen mitverantwortlich? Würde er dafür in die Hölle kommen? Gleichzeitig wusste Vincent, dass die Rache ihres Feindes grausam sein würde.

Bilder stiegen in ihm auf, die er in den Auslagen des Buchdruckers Plantijn am Vrijdagmarkt gesehen hatte: Abbildungen von gequälten Menschen auf Scheiterhaufen, von Soldaten, die Männern, Frauen und Kindern die Bäuche aufschlitzten. Am liebsten hätte er seinem Vater Einhalt geboten. Wim durfte sich nicht noch mehr in Gefahr bringen, sie hatten doch nur noch ihn!

2

Den ganzen Abend arbeiteten sie verbissen. Ihr Hunger war groß, die Stimmung gedämpft, und das nicht nur wegen des waghalsigen Vorhabens. Betjes Zustand hatte sich rapide verschlechtert. Sie dämmerte nur noch vor sich hin. Es musste etwas geschehen, sonst würden sie auch sie verlieren.

Angespannt lief Vincent hin und her. Inzwischen war im Rumpf des Seglers der Kasten aus Quadersteinen und Holzbrettern fertiggestellt.

»Wir haben es genauso gemacht wie beim letzten Mal«, berichtete Messere Giambelli bereitwillig, als Vincent ihn darauf ansprach. »Der Feuerraum ist mit Bündeln aus Riedgras, Hanf, Zweigen und Spänen bestückt. Diese haben wir mit Weingeist getränkt. Schießpulver nach eigenem Rezept, Mühlsteine, darüber Ketten, Haken, Nägel und alte Messer. Dazu die Lunten und das Uhrwerk, das die Explosion auslösen wird.« Er wies auf die Öffnungen in der Holzwand. »Allerdings ist dieses Boot im Vergleich zu unseren früheren Höllenbrandern mickrig. Im Frühjahr hatten wir Feuerwerke und kleinere Brander auf etlichen Schuten platziert, um die Feinde abzulenken und zu ermüden, ehe die richtigen Sprengvulkane zum Einsatz kamen. Da hat es Pflugscharen, Marmorkugeln, Grabsteine und Granitplatten geregnet. Beinahe die ganze Schiffbrücke stand in Flammen!«

»Damals ist es uns gelungen, die Blockade zu brechen – sechs Schiffe waren zerstört und tausend Feinde unschädlich gemacht«, setzte Wim hinzu.

Vincent betrachtete seinen Vater irritiert. Grämte es ihn denn nicht, so viele Menschen getötet zu haben? Das Leben jedes Menschen sei kostbar, hatte seine Mutter immer gesagt.

»Warum ist die Schelde dann jetzt wieder gesperrt?«, fragte Ruben.

Die Männer tauschten erzürnte Blicke. »Weil Admiral Jacobszoon nicht auf unseren Erfolg vertraut hat. Er hat die Antwerpener Flotte abdrehen lassen, statt die Lücke weiter zu vergrößern, dieser Feigling. So konnten Farneses Festungsbauer die Schiffbrücke wieder schließen«, berichtete Wim.

»Nach den Brandern haben wir Schiffe mit eisernen Haken bewehrt, die die Kette durchbrechen sollten. Aber niemand wollte sie besteigen«, sagte Giambelli mehr zu sich selbst als an die anderen gerichtet.

»Federigo hat trotzdem nicht aufgegeben, sondern die Finis Belli ausgestattet.«

»Ein gewaltiges Kriegsschiff, das stimmt. Aber es lief auf Grund, hast du es vergessen? Nicht ohne Grund haben die Spanier es daraufhin Die verlorenen Ausgaben getauft«, sagte Giambelli bitter.

»Trotzdem solltest du nicht verzagen. Auch dieses Mal haben wir unser Möglichstes getan«, sprach Wim seinem Freund Mut zu.

Die Männer schienen ihre Zuhörer vergessen zu haben. Vincent ging wieder einmal auf, wie unterschiedlich sie waren: Messere Giambelli trug ein Wams aus feinem Zwirn und eine kostbare Waffe, sein Vater hingegen war in schlichtes dunkles Tuch gekleidet wie viele, die dem reformierten Glauben anhingen und wussten, dass es Gott nicht auf das Äußere, sondern auf innere Werte ankam.

Rubens Augen leuchteten bewundernd. Vincent hingegen plagten andere Gedanken. Warum hatte Vater ihnen nichts von diesen Einsätzen erzählt? Vertraute er ihnen nicht?

Kurz vor Einbruch der Nacht stand auf einmal Vincents Freund vor ihrer Tür. Vincent hatte David seit Tagen nicht gesehen, heute wirkte der Freund ungewohnt bedrückt.

»Ich habe dir etwas mitgebracht.« David reichte ihm einen Zettel. Es war eine stimmungsvolle Zeichnung der Wiesen vor dem Stadtwall mit ihren Windmühlen und Kühen, ein idyllisches Bild, das Vincent an eine Vergangenheit erinnerte, die schon gar nicht mehr wahr zu sein schien. »Daran möchte ich mich erinnern, wenn ich aus Antwerpen weg bin. Alles andere möchte ich vergessen.«

Vincent verstand die Worte des Freundes zwar, begriff sie aber nicht. »Du gehst?«

»Wir können nicht bleiben. Meine Eltern trauen den Spaniern nicht.«

Meine Welt bricht auseinander, dachte Vincent und spürte auf einmal eine große Leere. Was wird mir bleiben? »Ich habe an der Zeichnung der Ruine weitergearbeitet«, sagte er hilflos. »Wenn ich gewusst hätte, dass du … hätte ich …«

David kratzte sich über die vernarbten Wangen. »Ich werde mich auch so an dich erinnern, ob mit oder ohne Bild.« Unbeholfen verabschiedeten sie sich.

Schließlich machten sich Wim und Messere Giambelli zum Aufbruch bereit. Ruben und Vincent halfen, den präparierten Schiffsrumpf hinauszurollen und den Mast wieder aufzurichten. Die Männer würden im Schutz der Nacht mit dem Führboot zur Schiffbrücke segeln, das Sprengschiff im Schlepp, und den Brander in Position bringen. Zum Abschied umarmte Wim seine Kinder.

Vincent quälte seine Hilflosigkeit. »Ich möchte mitfahren. Ich kann mitanfassen.«

»Das geht nicht.«

Der Junge stemmte die Hände auf seine Hüftknochen. »Ich bin alt genug, für unsere Freiheit zu kämpfen, begreift das doch, Vater!«

»Du weißt doch gar nicht, was kämpfen bedeutet.«

Ärgerlich bäumte Vincent sich auf. »Habt Ihr mir deshalb verschwiegen, wie Ihr mit Messere Giambelli für unsere Freiheit kämpft? Weil Ihr mir nicht vertraut? Weil Ihr mich für zu schwach haltet?«

Wim packte Vincents Schultern und sah ihm fest in die Augen. »Du bist nicht schwach! Erinnerst du dich, was ich dir über die verschiedenen Baustoffe beigebracht habe? In jedem Baumstamm und in jedem Marmorblock ist die Form enthalten, für die er am besten geeignet ist. Gleiches gilt für den Menschen: Jeder hat Eigenschaften, die ihn einzigartig machen. Dein Platz ist nicht auf diesem Brandschiff, sondern hier. Als Ältester trägst du die Verantwortung für deine Geschwister. Es reicht, wenn wir uns in Gefahr bringen!«

Lautlos verschwand ihre letzte Hoffnung in der Dunkelheit. Schon hatte die Nacht den Fluss wieder vollständig umfangen.

Vincent dachte an das Versprechen, das er gegeben hatte. Wenn man ihn erwischte, würde man ihn hart bestrafen. Die Nachtwächter waren zu Kriegszeiten unerbittlich. Und doch musste er es tun.

Seine Beklemmung wuchs, als er im Schatten der Häuser durch die Gassen eilte. Bald ragte der einzelne Turm der Kathedrale hinter den Häusern auf, mahnend wie ein erhobener Zeigefinger. Ausgeschlagenen Zähnen gleich klafften die Lücken, die die Bilderstürmer gerissen hatten, in der Fassade. Er machte sich nicht viel aus den Heiligen, aber dass man ein derartiges Kunstwerk wie dieses Gotteshaus mutwillig beschädigt hatte, begriff er nicht.

Am Seiteneingang der Onze-Lieve-Vrouwekathedraal sah er sich noch einmal um. Niemand zu sehen, alles war still. Ein Ruck, und die Pforte war geöffnet – man musste nur wissen, wie es ging. Er schlich hinein. Die Weite des Kirchenschiffs konnte er in der Finsternis nur erahnen. Wie winzig war er im Angesicht Gottes! Seine Gewissensbisse wurden heftiger. Seine Geschwister brauchten ihn. Ehe er es sich anders überlegen konnte, eilte er weiter.

Da waren die Turmpforte und das enge Treppenhaus, das sich einem Gewinde gleich in die Höhe schraubte. Also hoch! Immer langsamer wurden seine Schritte. Auf halber Höhe musste er innehalten, sein Atem ging schwer. Dann endlich hatte er die Spitze erreicht. Im gleichen Augenblick packte ihn jemand am Kragen. Es war Dirck van Os, der hochgewachsene Anführer der Stadtmiliz. »Was treibst du hier?«

Vincent hatte sich eine Ausrede überlegt. »Ich … Ich möchte für einen Augenblick dem Allmächtigen nah sein, um für meine verstorbene Mutter zu beten.«

In den Augen seines Gegenübers funkelte es. »Ist das so?«

Ob van Os von den Brandern wusste? Vincent nickte.

»Dann mach schon, aber beeil dich.«

Erleichtert machte Vincent sich los. Er trat an die Balustrade, wo der Wind an Haut und Haaren riss. So hoch war der Turm, dass die Häuser und selbst die zerstörte Zitadelle im fahlen Schein des Mondes winzig wirkten. Sein Blick wanderte in die Ferne, und für einen Augenblick schwindelte ihn. Er wusste, wie schrecklich das war, was er sah: durchstoßene Deiche, überschwemmte Polder, der Feind. Gleichzeitig konnte er sich der Schönheit des Anblicks nicht erwehren. Aus dieser Höhe war der über die Ufer getretene Fluss eine unendlich scheinende spiegelnde Fläche. Wie Inseln ragten Häuser, Höfe und Festungen aus den Wassermassen hervor. Die Schiffbrücke mit ihren vielen Fackeln wirkte wie ein mit Juwelen bestücktes Geschmeide. Pontons mit anschließenden Jochbrücken flankierten die Festungen am Ufer: das Fort Sankt Maria auf der flämischen, das Fort Sankt Philipp auf der Brabanter Seite der Schelde. Zwischen den Forts waren, Reling an Reling, die Schiffe durch Eisenketten verbunden. Vincent brauchte sie nicht zählen, jeder in Antwerpen wusste, dass es zweiunddreißig waren. Vor der von Fackeln erhellten Schiffbrücke trieben Patrouillenboote in der Strömung. Fast war er froh, dass er die waffenstarrenden Soldaten und Söldner mit ihren Piken und Säbeln, den Musketen und Kanonen nicht erkennen konnte.

Die Sorge um seinen Vater schnürte Vincent den Hals zu, als er den Fluss nach den Schiffen absuchte, die sich in dem verzweifelten Versuch aufgemacht hatten, die Stadt und ihre Bewohner zu retten. Strahlend und schwer bewaffnet kündete die Blockade von der Macht der Belagerer. Es war ein technisches Meisterwerk, das ein Vermögen gekostet haben musste. Wäre es nicht so verheerend für sie, hätte Vincent die Leistung der Truppen bewundert. So aber ging es um Seelenheil oder Verdammnis, um Leben oder Tod.

In diesem Augenblick trat Dirck van Os zu ihm. »Du wirst sie von hier aus nicht erkennen können. Und wenn gleich gleißendes Licht die Aussicht erhellt, solltest du lieber zu Hause sein.«

*

Die Männer hatten alle Hände voll zu tun, um den Segler auf Kurs zu bringen. Das schwere Schiff im Schlepp machte das Navigieren schwierig, zudem wollten sie sich so geräuschlos und unauffällig wie möglich bewegen. Als sie ruhigeres Fahrwasser erreicht hatten, kamen sie am Steuerruder zusammen. Konzentriert blickte Wim in die Finsternis. Er war angespannt, denn er liebte die Seefahrt nicht; zu genau kannte er die tückische Kraft des Flusses. Sein halbes Leben hatte er damit zugebracht, das Wasser zu bekämpfen, Fluten abzuhalten, Ländereien durch Mühlenpumpen und Polder trockenzulegen, Baumstämme in die Erde zu treiben, um feste Fundamente im Morast zu schaffen. Oft genug hatte das Wasser den Sieg davongetragen. Es schmerzte ihn zu wissen, dass sich unter ihnen, unter Schelde und Zierikzee, ehemals fruchtbares Weideland befand.

»Es ist ein Jammer. Jahrhunderte hat es gedauert, um die Polder einzurichten und die Deiche hochwasserfest zu machen. Und jetzt sind viele Deiche durchstochen, die Felder überflutet. Die Ernte wird in diesem Jahr mehr als mager ausfallen«, flüsterte er.

Federigo Giambelli nahm die Muskete und warf Schwarzpulver, Kugel und Schusspflaster in den Lauf. Er wollte offenbar für den Fall vorbereitet sein, dass sie aufflogen. Allerdings schien er im Umgang mit der schweren Schusswaffe nicht gerade geübt zu sein. Um Abstand zwischen sich und den Waffenlauf zu bringen, rückte Wim ein Stück auf der Ruderbank weg.

»Eine magere Ernte – und das, wo ihr hier ohnehin auf das Getreide aus den Ostsee-Staaten angewiesen seid. Das Volk wird weiter hungern, wenn wir nichts tun«, entgegnete Federigo leise und stopfte den Inhalt der Muskete mit dem Ladestock fest.

Lichter kündigten die erste Scheldefestung an. Wim korrigierte das Steuerruder ein wenig, damit sie genügend Abstand hielten und in den Nachtschatten verschwinden konnten. »Umso richtiger ist, was wir tun«, redete er mit gedämpfter Stimme weiter. »Auch wenn Aldegonde es nicht gutheißen wird. Unser Bürgermeister hat am Nachmittag einen Waffenstillstand verkünden lassen, das weißt du ja.«

Federigo legte das Zündkraut neben die sorgfältig geschützte Öllampe, die ihren flackernden Schein in den Schiffsrumpf warf. »Aldegonde ist ein Schwächling. Was meinst du, warum er meine Botschaft ignoriert hat? Zweifelst du etwa an unserer Mission?«

Wim spürte den Blick seines Freundes auf sich, konnte in der Dunkelheit dessen Gesichtsausdruck aber nicht deuten. »Ich bin kein Soldat, will niemanden töten«, sagte er. »Warum, meinst du, baue ich sonst Festungen? Es geht mir um Schutz, nicht um Angriff.«

»Du hättest bei deinen Kindern bleiben können. Sie brauchen dich.«

Wims Blick suchte Halt am Flussufer. Immer wenn er seine Kinder vor sich sah, sah er sein geliebtes Weib. Sie erinnerten ihn so sehr an die geliebte Verstorbene, dass es wehtat. Alle drei hatten Annas strohblonde Haare und die meerblauen Augen. Vincent verliehen die Grübchen auf den Wangen etwas Kindliches, während sein hochgeschossener, zäher Körper schon den Mann erahnen ließ, der er einmal werden würde. Ruben hingegen hatte Wims kräftige Figur und dazu eine Himmelfahrtsnase, die ihn frech wirken ließ.

Nach dem Tod seiner Frau hatte Wim sich schwach gefühlt, mutlos. Der Kampf gegen den übermächtigen Feind war ihm sinnlos erschienen. Am liebsten wäre er morgens gar nicht aus dem Bett gestiegen oder hätte sich gleich betrunken. Nur für die Kinder hatte er weitergemacht. Der Glaube hatte ihm später neuen Mut gegeben. Und natürlich hatte ihm auch Federigo geholfen; er hatte sich als wahrer Freund erwiesen.

»Meine Kinder brauchen dringender eine Zukunft, die lebenswert ist«, sagte er.

»Was soll aus ihnen werden, wenn du stirbst?«

Wim schnaubte unwillig. Federigo und er hatten bei verschiedenen Gelegenheiten zusammengearbeitet und einander zu vertrauen gelernt; manchmal war der Italiener aber eine Nervensäge. »Diese Belagerung hat mich fast alles gekostet, was mir lieb und teuer ist. Ich werde dem spanischen König nicht auch noch den Rest überlassen. Philipp darf nicht siegen. Gott wird nicht zulassen, dass ich sterbe.«

Am anderen Ufer tauchte auf einer Deichkuppe ein Heerlager auf. Beinahe geräuschlos legte Wim das Ruder um, dann reichte er seinem Freund die Musketengabel. Federigo richtete den Musketenlauf sogleich auf die Geschützstellung. Wim wusste, dass die Entfernung und der Wellengang allenfalls einen Glückstreffer ermöglichten. Stunden hatte er mit der Kalkulation von Flugbahnen von Musketen- und Kanonenkugeln verbracht, nur um feststellen zu müssen, dass diese auch unter besten Bedingungen unberechenbar waren. Er wandte sich Federigo zu. »Ich könnte dich genauso gut fragen, warum du hier, fern deiner Heimat, dein Leben riskierst«, sagte er leise.

Federigo ließ die Waffe sinken, deren Lauf nun gefährlich auf den Schiffsrumpf zeigte. »Wegen meiner Frau natürlich. Emeline liebt ihre Heimat. Außerdem weißt du so gut wie ich, wie viel in Antwerpens italienischer Gemeinde geredet wird. Die Kaufleute aus Genua und Venedig sind umtriebig, und ich habe einen Ruf zu verlieren. Italienische Sprengexperten und Festungsbaumeister gibt es viele. Wenn mein ›Antwerpener Feuer‹ verpufft, wird auch meine Karriere verglühen wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel.«

Trotz aller Anspannung tat Wim die Leichtigkeit gut, die ihn unvermittelt überkam. »Mag auch dein Antrieb Eitelkeit sein, so ist eines gewiss: Dieses wird die lauteste Sternschnuppe aller Zeiten werden.«

»Im gesamten Habsburgerreich wird man sie hören und darüber hinaus!«

Sie schwiegen in stillem Einverständnis. Wenig später zeichnete sich in einiger Entfernung das goldene Blockadeband ab.

»Richtung und Schub?«, fragte Federigo nervös.

Wim nahm eine Überprüfung vor. »Sind korrekt!«

Sie zogen am Seil, bis das Sprengschiff nahe genug war. Wim sprang hinüber. Routiniert kontrollierte er das Uhrwerk und entzündete die Lunten. Dann setzte er mit einem gewagten Satz wieder auf das Führschiff über. Gemeinsam lösten sie den Knoten, mit dem das Sprengschiff befestigt gewesen war. Während sie ihr eigenes Boot mit den Ruderblättern abbremsten, trieb es weiter. Nun lag der Erfolg ihrer Mission nicht mehr in ihren Händen.

3

Lazarus van de Hedecop marschierte über die Jochbrücke und inspizierte die Wachhabenden, obgleich dies ganz und gar nicht zu seinen Aufgaben als einfacher Arkebusier gehörte. Er war frustriert, unter der verschwitzten Kleidung juckte seine Haut. Ein Stück weiter lagerte sein Tercio, ein stinkender Haufen. Gereizt blickte er zum Fort Santa Maria. Seit Stunden beriet Generalísimo Alessandro Farnese, Prinz von Parma von Gottes Gnaden, mit seinen Vertrauten über die Übergabe Antwerpens. Was hätte er dafür gegeben, im Fort Santa Maria zu sein, zum inneren Zirkel der Macht zu gehören! Niemand würde dann mehr auf ihn herabsehen, schon gar nicht seine Familie. Sein Vater hatte ihm vieles verweigert, nicht zuletzt Liebe und Zuwendung. Erst die Armee und der Krieg hatten ihm die Möglichkeit eröffnet, es in diesem Leben zu etwas zu bringen. Mit seinen siebzehn Jahren war er im richtigen Alter, um sich auszuzeichnen. Selbst ein einfacher Soldat konnte in einem Tercio aufsteigen. Hinzu kamen die Verdienstmöglichkeiten, die der Krieg mit sich brachte – und das war nicht nur der Sold, der viel zu selten ausgezahlt wurde …

Weder von Angst noch von Skrupeln geplagt, hatte Lazarus sich bislang gut durchgeschlagen. Um Karriere zu machen, brauchte er aber Glück – oder einen einflussreichen Förderer. Wenn er nur an Farnese herankäme! Der Adelige, dessen Mutter Margarethe von Parma als Regentin über die Niederlande geherrscht hatte, war ein ebenso genialer wie kaltblütiger Feldherr, von dem er einiges lernen konnte. Gleichzeitig hätte Lazarus selbst für Farnese den einen oder anderen Ratschlag parat, etwa den, Antwerpen nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. Die Ungläubigen würden in diesem Fall nur ihr Geld zusammenwerfen und den nächsten Angriff auf die Heilige Römische Kirche planen.

Lazarus öffnete einige Knöpfe seines Waffenrocks, um etwas Luft an seine klebrige Haut zu lassen, bemerkte dann aber die verschlissene Kante seines Leibhemds und schloss sie schnell wieder. Immerhin hatte er überhaupt einen Waffenrock in einer unauffälligen Farbe ergattern können. Soldatenkleidung gab es viel zu selten, und dann auch nur in zwei Größen: zu klein oder zu groß. Oft wurden die billigsten Stoffe dafür verwendet, und wenn man Pech hatte, erwischte man rosa oder ein wildes Muster, was beschämend war. Umso mehr wurden die Tercios bewundert, die sich ganz in Schwarz oder einheitlich in bunte Farben und Federn kleideten.

Er hatte ganz persönliche Gründe, eine Plünderung Antwerpens herbeizusehnen, und da war er wahrlich nicht der Einzige. Als das Gerücht von der friedlichen Übergabe der Stadt zum ersten Mal die Runde gemacht hatte, war in der Truppe Empörung laut geworden. Jeder hier spekulierte auf reiche Beute, denn selbst wenn es Sold gab, reichte dieser nicht aus, um satt zu werden oder Munition zu kaufen, geschweige denn, um ein Streitross zu versorgen. Abgesehen davon musste er dringend einen Weg finden, sich auszuzeichnen. Nichts ging mehr voran, seit Monaten schon. Dass eine Belagerung so zermürbend war, hätte er sich nicht träumen lassen. Die ständigen Scharmützel, die kaum Gebietsgewinne brachten, die ewige Feuchtigkeit, die einem die Haut wund werden ließ, das Ungeziefer. Mücken und Läuse machten einen rasend. Die schulterlangen aschblonden Haare abzurasieren, wäre natürlich möglich – aber wie sähe er dann aus?

Etwas huschte an der Brückenwand entlang. Ekel erfüllte ihn, und er trat heftiger auf, aber das Ungeziefer ließ sich nicht vertreiben. Die Zustände im Heerlager waren wirklich zum Gotterbarmen. Ratten waren gute Schwimmer, das hatte er lernen müssen. Durchfall und andere Krankheiten grassierten. Dazu der Mangel. Mochten die Antwerpener auch hungern, den Belagerern ging es kaum besser. Selbst das Trinkwasser musste herangeschafft werden, da das Salzwasser durch die Überschwemmungen alle Quellen verdorben hatte. Farnese und seine Getreuen waren hingegen erst heute wieder mit süffigem Burgunder und Schweinebraten versorgt worden; Vieh und Wein hatten sie einem Handelsschiff abgenommen, dessen Kapitän offenbar ernsthaft geglaubt hatte, die Blockade umfahren zu können. Bei dem Gedanken an die Köstlichkeiten lief Lazarus das Wasser im Munde zusammen. Eigentlich hätte er sich in der Waffenkunst üben müssen, aber er wollte in der Nähe des Forts bleiben, da er hoffte, dass der Generalísimo einen Boten benötigte. Vielleicht durfte er Farnese ja sogar einmal ins Hauptquartier nach Beveren begleiten.

Die Ungeduld ließ ihn kräftig ausschreiten, seine Sporen klirrten hell auf dem Holz. Zufrieden bemerkte er, dass er Eindruck auf die wachhabenden Söldner machte. Die Sporen hatte er während des letzten Erkundungsritts erbeutet, jetzt benötigte er nur noch einen Harnisch und ein vernünftiges Rapier, denn sein schartiger Säbel war eine Schande. Zu seinem Frust hatte sein Bruder das Familienschwert bekommen, obgleich er lediglich Haus und Hof bewachen musste.

»Lachhaft!«, stieß Lazarus wütend aus.

Schnell sah er sich um. Glücklicherweise hatte niemand sein Selbstgespräch bemerkt. Einige Wachhabende hatten ihre Musketen an der Brustwehr abgestellt, lehnten den Kopf an die Kartaunen und drohten einzunicken. Das leise Plätschern, das Ächzen des Holzes und das Klirren der Eisenketten wirkten tatsächlich einschläfernd. Trotzdem ärgerte Lazarus sich darüber – was war das für eine Disziplin!

Ein schnarchender Soldat fiel ihm ins Auge. Er war jung, vielleicht fünfzehn und dem Aussehen nach Spanier. Einer der wenigen im spanischen Heer, denn von den sechzigtausend Mann, die vor Antwerpen lagerten, waren viele Deutsche, Italiener oder stammten aus den niederländischen Provinzen. Lazarus fiel die Güte der Kleidung und Ausrüstung auf. Die Radschlossmuskete war neu, ebenso das Bandelier. Neiderfüllt schmetterte er dem Soldaten den Fuß in die Seite. Dieser schrie, salutierte schlaftrunken und nuschelte etwas auf Spanisch.

»Was sagst du?«, fauchte Lazarus ihn an.

Nun stammelte sein Gegenüber etwas in einer Mischung aus Französisch und Niederländisch; dieses Heer war wirklich das reinste Babel!

»Exerziere, bis du wieder wach bist!«, befahl Lazarus. Mit Genugtuung sah er zu, wie der todmüde Junge sich durch die Bewegungen mühte. Lazarus ärgerte sich über seine eigene Dummheit. Er hätte ihn niederschlagen und ihm seinen Besitz abnehmen sollen.

Gleich darauf hatte Lazarus das Ende der Jochbrücke erreicht. Schiff an Schiff schaukelte aneinandergekettet auf der Schelde. Die Musketiere auf dem ersten Schiff würfelten. Einer von ihnen trug in seinem Schwertgehänge ein Rapier mit kunstvoll gearbeitetem Griff. Kurz überlegte Lazarus, sich dem Glücksspiel anzuschließen, um den Degen zu erwürfeln, befragte die Soldaten dann aber lediglich nach den Vorkommnissen ihrer Wache. Es musste doch irgendeine Neuigkeit geben, mit der er im Fort glänzen konnte! Doch auch hier herrschte blanke Ödnis.

Unzufrieden marschierte er zurück. Der spanische Soldat hatte es sich wieder gemütlich gemacht, also scheuchte Lazarus ihn erneut auf und hieß ihn zu exerzieren.

Dieses Mal zögerte der junge Mann. »Wer seid Ihr eigentlich, dass Ihr glaubt, mir Befehle erteilen zu dürfen?«, fragte er argwöhnisch und mit derart rollendem R, dass es Lazarus drängte, sich darüber lustig zu machen.

Gleichzeitig spürte Lazarus, wie sich unterdrückte Wut Bahn brach. Er genoss die Kraft, die ihn durchströmte, und packte den Soldaten am Hals. Es würde ihm guttun, diesen unverschämten Kerl zu vermöbeln. Als kleinen Vorgeschmack verpasste er ihm eine heftige Ohrfeige.

Die Stimme des jungen Spaniers nahm einen kläglichen Ton an: »Wie könnt Ihr es wagen! Mein Vater wird …«

In diesem Moment nahm Lazarus eine Bewegung am Rande seines Gesichtsfelds wahr. Es war ein Glimmen auf der Wasseroberfläche, das mit jedem Wellenschlag ein wenig mehr zunahm. Unheimlich, wie leuchtende Augen in der Dunkelheit, teuflisch beinahe. Lazarus schauderte. Er wollte wegsehen, konnte aber den Blick nicht lösen. Schließlich schälte sich aus der Finsternis ein Schiff. Es gehörte eindeutig nicht zu ihren Patrouillenbooten – außerdem steuerte es direkt auf die Blockadebrücke zu!

Erregung durchfuhr ihn. »Alarm!«, schrie er. »Ein feindliches Schiff!«

Alle schreckten auf.

»Ein Höllenbrander!«, rief jemand.

Im Nu wurde der Ruf weitergetragen. Panik brach aus. Selbst gestandene Soldaten flohen, zu schrecklich waren die Auswirkungen dieser Sprengschiffe beim letzten Mal gewesen. Andere behielten die Nerven. Wachschiffe wurden abgestoßen, Kanoniere und Musketiere feuerten ihre Waffen ab. Der Geruch von Rauch und Zunder sättigte die Luft, und der Höllenlärm der Schüsse trieb Lazarus an. Er sah, wie aus dem Fort Männer strömten, auch der Prinz von Parma eilte auf die Schiffbrücke. Farnese brüllte Befehle, versuchte gleichzeitig, seine Truppe zu beruhigen. Der Mut des Feldherrn imponierte Lazarus. Mit seinen vierzig Jahren war Farnese nicht nur schneidig, sondern auch ein gefährlicher Kämpfer, furchtlos und kaltblütig.

Lazarus eilte Farnese entgegen, um ihm zu berichten, dass er es gewesen war, der die Feinde bemerkt hatte. Der spanische Soldat folgte ihm auf den Fuß; offensichtlich wollte er sich wichtigmachen. Das gegnerische Schiff war inzwischen erschreckend nah. Was, wenn es tatsächlich ein Höllenbrander war?

Instinktiv packte Lazarus den Oberarm des Soldaten und zerrte den jungen Mann zwischen sich und das Schiff. Besser er als ich.

Im nächsten Augenblick riss ihn die Druckwelle von den Füßen.

In seinen Ohren hallte die Explosion. Zersplitterte Planken bohrten sich in seinen Rücken. Etwas lief heiß seinen Hals hinunter. Über ihm zuckte der Körper des jungen Spaniers. Angeekelt schob Lazarus ihn weg. Kleidung und Rücken hingen dem Jungen in Fetzen. Der Gestank versengter Haare. Den Mund hatte er in einem stummen Schrei aufgerissen.

Lazarus sah an sich hinunter. Er selbst schien unverletzt zu sein, allen Heiligen sei Dank! Aber warum konnte er nichts außer diesem schrillen Pfeifen hören? Benommen sprang er auf die Füße. Nun erst bemerkte er den rostigen Nagel und die Holzsplitter, die in seiner Schulter steckten. Mit zusammengebissenen Zähnen riss er sie heraus. Blut schoss hervor, das er notdürftig mit einem Fetzen seines Hemdes stillte. Überall um ihn herum lagen Trümmer, abgetrennte Gliedmaße, Schutt und Scherben. Groll erfüllte ihn. Diese Verbrecher, die diesen tückischen Brander erbaut hatten!

Neben ihm rappelte sich der Prinz von Parma hoch. Eilig reichte Lazarus ihm die Hand und half ihm auf, obgleich ihm vor Schmerz schwarz vor Augen wurde. In das Pfeifen in seinem Ohr mischten sich Stimmen. Hilferufe, Schmerzensschreie. Farnese brüllte Befehle. Dann sagte er etwas zu Lazarus und wies auf die Reste der Brücke – oder meinte er den Soldaten? Hatte Farnese bemerkt, dass er den jungen Söldner als Schutzschild verwendet hatte, und wollte ihn dafür zur Rechenschaft ziehen?

Farnese legte die Hand auf Lazarus’ Arm, redete weiter auf ihn ein. Wenn sein Gehör doch wieder mitspielen würde! »… Diego … Sohn eines Freundes gerettet … zu Dank verpflichtet …«, verstand er endlich. Als ein Feldscher herbeieilte, rief er ihn geistesgegenwärtig zu sich.

Lazarus’ Blick flackerte zu dem Spanier. Anscheinend lebte er noch. Erleichterung durchströmte ihn. »Ich habe nur meine Pflicht getan«, sagte er zu Farnese.

Geschäftig kniete er sich neben den Verletzten und gab vor, ihm beizustehen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, der Feldscher hätte zunächst ihn verarztet, aber der Heerführer wandte sich ab. Kurzerhand hängte Lazarus sich an Farnese.

Einige Stunden später war Alessandro Farnese noch immer außer sich vor Zorn. Der Generalísimo hatte seine Anführer zum Rapport ins Fort Santa Maria bestellt. Lazarus war ihm und seinem Tross gefolgt. In der andauernden Unruhe hatte niemand ihn aufgehalten. Als Farnese ihn bemerkte, entspannte sich sein Gesicht etwas.

»Alas, was macht Eure Schulter?«, fragte er.

»Nicht der Rede wert«, winkte Lazarus ab. »Wichtiger ist, dass dieser Diego die Explosion überlebt hat.«

»Don Diego de Besalú entstammt altem katalanischen Adel. Für sein Überleben danke ich dem Allmächtigen, denn sein Vater ist ein verdienter Soldat und ein alter Kampfgefährte.« Farneses Blick fiel auf Lazarus’ notdürftig verbundene Schulter. »Dennoch solltet auch Ihr Euch schnellstmöglich anständig verarzten lassen. Wie heißt Ihr, Soldat?«

»Lazarus van de Hedecop, Generalísimo.« Er entschloss sich, aufs Ganze zu gehen. Jetzt hatte er seine Chance, und er würde sie nicht ungenutzt lassen. »Wenn ich mich vorstellen dürfte? Meine Familie ist von altem Adel. Wir waren in Amsterdam beheimatet, wurden jedoch 1578 mit den anderen Katholiken vertrieben, was meinen Entschluss, gegen unsere Glaubensfeinde zu kämpfen, nur noch befeuert hat. Ich schätze mich glücklich, Euch dienen zu dürfen.«

»Ihr seid ein mutiger Mann. Ich sah, wie Ihr den Sohn meines Freundes geistesgegenwärtig gerettet habt.«

»Ich konnte einen so vielversprechenden Soldaten doch nicht sterben lassen«, sagte Lazarus, dem es nicht schwerfiel, diese Bescheidenheit zu spielen.

Farnese berührte den Anhänger an der kostbaren Kette, die ihn als Mitglied im königlichen Orden des Goldenen Vlies auswies. »Das ist Don Diego wirklich. Sein Vater wünscht, dass er das Soldatenleben von der Pike auf lernt. Wenn ich mir vorstelle, Ihr wäret nicht an Ort und Stelle gewesen …« Farnese bekreuzigte sich.

Die Dankbarkeit des Generalísimo war mehr, als Lazarus zu hoffen gewagt hatte; allerdings durfte dieser Diego niemals seine Version der Geschehnisse erzählen.

Nun traten die anderen Generäle ein und verwickelten den Prinzen von Parma sogleich in Gespräche. Lazarus sah seine Hoffnung, aus dem Anschlag Profit zu schlagen, schwinden. Er überlegte fieberhaft. Noch einmal wandte er sich an Alessandro Farnese. »Ich bin stolz, dass ich meine Nützlichkeit in diesem gottgewollten Krieg unter Beweis stellen kann. Lasst mich Euch und unserer Sache stärker zu Diensten sein, als ich dies bisher durfte.«

Farnese antwortete ihm nicht, was Lazarus mit Ingrimm erfüllte. Dennoch blieb er im Saal, als die Türen geschlossen wurden und die Befehlshaber an einer Tafel Platz nahmen, auf der sich eine Karte Antwerpens und des umgebenen Landes befand.

Der Generalísimo ließ sich Bericht erstatten und brütete über den Holzfiguren auf der Karte, die die einzelnen Truppenteile darstellten. Schließlich schlug Farnese unwirsch eine Lücke in die Schiffbrücke. »Dieser Anschlag war heimtückisch und niederträchtig! Dieser doppelzüngige Aldegonde! Wir hatten bis zum endgültigen Abkommen einen Waffenstillstand vereinbart. Dem Herrn sei Dank war es nur ein einzelner Brander. Die Brücke kann zügig wieder geschlossen werden. Aber wir haben zwei Tote und vierzehn Verletzte zu beklagen. Einen Ritter hat die Druckwelle in voller Rüstung eine halbe Meile durch die Luft geschleudert, und er wäre ertrunken, wenn ihn die Hilfe nicht schnell genug erreicht hätte.« Kopfschüttelnd wandte er sich seinen Generälen zu.

Lazarus hatte in der Vergangenheit oft genug Berichten gelauscht und ergriff kurzerhand das Wort. So scheußlich die Tat des Feuerwerkers auch war, sie verdiente doch Bewunderung. »Möglicherweise weiß der Bürgermeister von Antwerpen nichts von dieser Tat, und sie ist einzig auf diesen italienischen Mechaniker, diesen Federigo Giambelli, zurückzuführen.«

Ehe er weiterreden konnte, schnitt ihm ein General das Wort ab. »Wieso mischt er sich ein?«, fragte er mit Blick auf Lazarus.

Farnese wirkte erstaunt, dass Lazarus noch anwesend war, dennoch wies er ihn nicht vor die Tür. »Van de Hedecop hat sich während des Anschlags ausgezeichnet.«

Lazarus straffte sich vor Stolz.

Der General nahm die Äußerung hingegen unbewegt zur Kenntnis. »Aldegonde ist, wie Ihr es wünschtet, sogleich einbestellt worden. Wenn er wirklich eine gewaltfreie Übergabe der Stadt will, muss er seine Leute in den Griff bekommen. Unseren Männern wäre es ein Vergnügen, ein weiteres Exempel zu statuieren.«

Farnese winkte ab. »Auf keinen Fall. Die Stadt nützt uns nur, wenn der Handel blüht. Wir werden den Bewohnern eine großzügige Frist gewähren, um die Stadt zu verlassen oder in den Schoß der Heiligen Römischen Kirche zurückzukehren. Die meisten werden sich zum Bleiben entschließen.«

Einer der Jesuiten, die den Generalísimo begleiteten, hob den Kopf. »Die Frist sollte nicht allzu lange bemessen sein. Vier Jahre erscheinen mir übertrieben. Zwei Jahre sollten reichen, um seine Angelegenheiten zu regeln, mein Prinz.«

»Eure Besorgnis in Ehren, Pater, aber das haben wir hinlänglich besprochen«, sagte Farnese kühl. »Wir werden sicherheitshalber weitere Maßnahmen in Angriff nehmen. Mit genügend Geld und Truppen könnten wir von hier aus den Norden erobern, und der Krieg wäre ein für alle Mal vorbei. Wir müssen lediglich …«

Lazarus hörte nicht mehr zu. Noch immer überlegte er, wie er diese Situation zu seinem Besten nutzen konnte. Als alle gingen, blieb er zurück. Er fühlte sich zerschlagen und todmüde, wusste aber, dass der Tag noch lange nicht am Ende war. »Auf ein Wort noch, Exzellenz.«

Alessandro Farnese runzelte die Stirn. Seine Augen blitzten wach; angeblich schlief er kaum. Seine Geduld schien jedoch am Ende zu sein. »Was ist denn noch?«

»Wenn Ihr tatsächlich die ungläubigen Antwerpener ziehen lassen wollt, sollte darauf geachtet werden, dass dieser teuflische Feuerwerker nicht fliehen kann. Giambelli muss unschädlich gemacht oder auf unsere Seite gebracht werden. Anderenfalls wird er seine Höllenmaschinen erneut gegen uns richten. Und wir wissen, was das heißt: Seine Brander können so viele Soldaten dahinraffen wie eine ganze Schlacht.« Lazarus suchte Farneses Blick. »Erlaubt bitte, dass ich mich bei der Übernahme Antwerpens auf die Suche nach Giambelli mache und ihn und seine Helfer festnehme.«

Von der Schiffbrücke drang Baulärm zu ihm. Im ersten Licht der Sonne erkannte Lazarus, dass die Blockade wieder geschlossen war und Arbeiter angefangen hatten, den Ponton auszubessern. Im Heerlager machten sich Söldner in zerknitterten Waffenröcken und mit ebenso zerknitterten Gesichtern für ihren Dienst bereit, während andere sich todmüde an den verloschenen Lagerfeuern zusammenrollten. Er schlug einen Bogen um die schäbigen Trossweiber, die schimmeliges Brot und ihre ausgemergelten Leiber anboten, und lief zum Lazarettzelt. Der Feldscher war an seinem Arbeitstisch eingenickt. Lazarus suchte die belegten Feldbetten ab. Endlich entdeckte er Diegos dunklen Lockenkopf. Der junge Soldat lag auf dem Bauch, um Schädel, Hals und Rücken trug er Verbände. Seine Wangen waren wie von Fieber gerötet. Lazarus nahm von einem Tisch einen Lappen und tunkte ihn in einen Wasserkrug. Er hockte sich neben den Kranken und tupfte ihm die Stirn ab. Diego stöhnte leise, seine Augenlider flatterten. Endlich verfing sich der Blick des Kranken.

Lazarus lächelte Diego gewinnend an. »Ich wollte mich nur überzeugen, dass derjenige, dessen Leben ich gerettet habe, auch gut versorgt ist.«

»Ge… gerettet?« Verwirrt blickte Diego ihn an.

Das Lächeln wurde breiter. »Ja, natürlich. Auf dem Ponton, weißt du nicht mehr? Ich entdeckte den Höllenbrander und brachte dich in Sicherheit. Ohne mich wärest du jetzt vielleicht tot.« So ganz falsch ist diese Aussage nicht, dachte Lazarus.

Diego blinzelte. »Ihr habt … mich … geschla…«

Lazarus rieb fester über die Haut. Das Stöhnen wurde lauter. »Nein, nein, da irrst du dich. Ich habe mit dem Arm ausgeholt, um dich zu schützen. Mein Leben habe ich riskiert für dich.«

»Ich erinnere mi…«

Stetig hatte der Druck seiner Handfläche zugenommen. Nun jaulte der junge Mann auf. Lazarus sah sich alarmiert um, aber alles schlief. Wieder hoben sich seine Mundwinkel. Beinahe zärtlich tupfte er über das Gesicht des Verletzten. »Ich habe dich gerettet, daran musst du dich doch erinnern.«

Diegos Lider flatterten. Noch einmal beschrieb Lazarus ihm seine Version der Ereignisse. »Ich hatte dich lediglich zum Exerzieren aufgefordert, damit du wachsam bleibst, und dann deine Haltung korrigiert. Dann rettete ich dein Leben.« Er ließ seine Hand wie beiläufig auf den Verband sinken. »Also, wer hat dich gerettet?«

Diegos Gesicht wurde eine schmerzverzerrte Grimasse.

Noch mehr Druck. »Wer?«

Tränen rannen über das Gesicht des verletzten Spaniers. »Ihr … Ihr habt mich … gerettet.«

»Und was sagt man zu seinem Retter?«

Ein erstickter Schluchzer. »Da… danke … Herr.«

»So ist’s recht. Bald wird es dir wieder besser gehen. Dann kannst du dich bei mir für meine Güte revanchieren.«

*

Mit verschwommenem Blick sah Diego der muskelbepackten Gestalt nach. Dieser stechende Schmerz. Was für ein schrecklicher, einfältiger Mensch! Ein niederes Wesen, grob, mit allzu gewöhnlichen Gesichtszügen, aschgrauen Augen und schmutzig blondem Haar. Als ob er, Don Diego, Sohn eines Hidalgo de sangre und einer flämischen Adeligen, sich nicht ganz genau daran erinnern würde, was auf der Schiffbrücke vor sich gegangen war! Oh, hätte sein Vater ihn doch nie gezwungen, sich freiwillig für das Heer des Königs zu melden! Hätte er ihm doch wenigstens eine angemessene Stellung erkauft! Aber so …

Er war nicht für das Militär gemacht. Verweichlicht, schmähte sein Vater ihn. Tatsächlich liebte Diego das Hofleben, den Tanz und die schönen Künste. Kampfesmut interessierte ihn nur, wenn die Dichter ihn rühmten, wie in dem Epos des heldenhaften Ritters El Cid, das er beinahe auswendig konnte. Von Adel zu sein war für ihn nicht gleichbedeutend mit Kriegskunst. Das hatte sein Vater allerdings nicht begriffen.

Ehe Diego weiter mit seinem Schicksal hadern konnte, wogte eine weitere Schmerzwelle von seinem Rücken aus durch seinen Körper und raubte ihm die Sinne.

4

Durchdringendes Hämmern ließ Vincent und Ruben auffahren. Vincent schüttelte sich schimpfend – sie hatten doch wach bleiben wollen! Kein Lichtschein fiel durch die Ritzen der Fensterläden; es musste noch Nacht sein. Er war von der Kathedrale zu Messere Giambellis Haus geeilt und wäre dabei um ein Haar von den Nachtwächtern erwischt worden. Eine grässliche Angst hatte ihn überfallen, als er weggelaufen war. Wenn die Wächter ihn wegen nächtlichen Herumstreifens festnähmen, würde er seine Geschwister im Stich lassen. Er war gerade durch Messere Giambellis Haustür geschlüpft, als eine Explosion und nachfolgender Geschützdonner die Nachtruhe erschüttert hatten. Vor Angst und Sorge war er beinahe verrückt geworden. Ruben hatte er danach kaum mehr bändigen können; er wollte unbedingt zum Hafen und dort auf ihren Vater und Giambelli warten. Selbst Betje war aufgewacht. Sie hatte geweint, und Vincent hatte ihre Hand gehalten, bis sie sich beruhigt hatte.

Vincent sah sich um. Noch waren ihr Vater und Messere Giambelli nicht da. Wieder hämmerte es. Panik überkam ihn.

»Öffnet, sofort!«, befahl ein Mann lautstark.

Schon stand Vincent an der Tür. Er musste Nerven bewahren. »Wer ist da?«, fragte er.

»Stadtwache. Jetzt macht auf, aber zackig!«

Vincent musste seine geballte brüderliche Autorität aufwenden, damit sich Ruben in die Werkstatt zurückzog. Dann schloss er die Tür auf und schob die Riegel beiseite. Was er sah, ließ ihn erstarren. Er kannte die Wächter. Es handelte sich um Mijnheer Sjako und einen seiner Rabauken. Warum musste ausgerechnet er in dieser Nacht Dienst haben? »Was kann ich zu dieser nachtschlafenden Zeit für Euch tun, Mijnheer?«, fragte Vincent und versuchte, das Beben in seiner Stimme zu unterdrücken.

»Wir suchen Federigo Giambelli.«

Vincent gab sich ruhig. Was sollte er tun? Sollte er die Wahrheit sagen? Spontan entschied er sich dagegen. »Messere Giambelli schläft, so wie ich es bis eben auch getan habe.« Er gähnte herzhaft.

»Und dein Vater?«, fragte Sjako argwöhnisch.

»Der schläft auch.«

»Dann weck sie, aber sofort.«

Vincent hielt inne, obgleich alles in ihm zitterte. »Gibt es einen besonderen Grund für diese nächtliche Störung?«

»Was redest du so geschwollen daher, Bengel?«

Unterwürfig senkte Vincent das Haupt. »Verzeiht, Mijnheer, aber ich war besorgt und dachte, Ihr hohen Herren wisst bestimmt genau, was vor sich geht.«

Sjakos Begleiter erhob die Stimme: »Der Bürgermeister hat den Bewohnern Antwerpens Kampfhandlungen untersagt. In dieser Nacht aber ist ein Höllenbrander auf die Schiffbrücke der Spanier getroffen und hat dort, dem Vernehmen nach, erheblichen Schaden angerichtet.«

Am liebsten hätte Vincent losgejubelt, als er vom Erfolg der Mission hörte, aber er beherrschte sich. »Und Ihr meint, Messere Federigo könnte etwas darüber wissen?«

Düster nickte der Mann. »Er ist dafür verantwortlich, nehmen wir an.«

»Dann sagt das doch gleich.« Vincent war zu einem Entschluss gekommen. Er würde vorgeben, die beiden Männer zu wecken, und erstaunt tun, wenn er sie nicht fände. Was blieb ihm anderes übrig?

»Du führst doch was im Schilde, Bursche!« Rabiat schob Sjako ihn beiseite und betrat das Haus.

Gerade als sich auch der zweite Wächter vorbeidrängte, regte sich etwas an der Werkstatttür. Messere Giambelli kam ihnen entgegen, mit bloßen Füßen, nur im Leibhemd, und doch nach kaltem Rauch stinkend. Auch ihr Vater tauchte im Nachtgewand auf. Ernst wirkten die beiden und sehr müde, ganz so, als hätten sie tatsächlich bis gerade geschlafen.

»Da sind sie ja«, sagte Vincent erleichtert. Durch den Spalt der Werkstatttür sah er, wie Ruben mit einem Kleiderbündel im Arm verschwand.

Der Wächter musterte die Männer argwöhnisch, als sie den Grund der nächtlichen Störung erklärten. »Was riecht hier so rauchig?«

Entschuldigend hob Wim die Schultern. »Ich habe den Ofen nicht anbekommen. Muss den Rest meines gewässerten Bauholzes verheizen, das brennt nicht so gut.«

Sjako schien ihm das nicht abzunehmen, denn er stürmte in die Werkstatt, in der die Teile des Perpetuum mobile auf ihren Wiederaufbau warteten. »Was treibt Ihr und Eure Brut überhaupt hier, Aardzoon?«

Wims Hände zuckten. »Ihr wisst, dass ich mein Haus verlassen musste. Vorerst.«

»Vorerst, pah!«, stieß Sjako verächtlich aus. »Eure Zeit ist vorbei. Wenn erst der rechte Glaube wieder in Antwerpen herrscht, wird niemand mehr die Dienste eines Ketzers in Anspruch nehmen.« Drohend trat er an die Männer heran. »Ich bin sicher, dass Ihr es gewesen seid. Seid gewiss, dass wir die Wahrheit herausfinden werden!«

Sein Kumpan nickte. »Ihr mögt Zwietracht säen, wir aber wollen den Frieden. Und wir werden ihn, beim Heiligen Vater und allen Heiligen, bekommen – auch, wenn es das Leben unserer Feinde kostet!«

Vincent schluckte. Es waren die Katholiken, die den Papst und die Heiligen verehrten. Dass Sjako und sein Kumpan ihren Glauben so offen bekannten, kam einer Drohung gleich.

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