Logo weiterlesen.de
Küsst du noch oder lebst du schon?

 

Es ist wunderbar, wenn man seine Leidenschaft für knackige, geheimnisvolle Vampire mit einer guten Freundin teilen kann, aber wenn diese Freundin von einem verlangt, eigens für sie einen Romanhelden zu erfinden (und auch noch eine Liste mit Eigenschaften vorlegt, die er haben soll), was bleibt einer armen Schriftstellerin dann anderes übrig? Diane Hall-Harris ist eine solche Freundin, und ich widme ihr dieses Buch mit großer Dankbarkeit und in Erinnerung an den Spaß, den wir zusammen hatten. Außerdem möchte ich Lauren Barnholdt für den fantastischen Titelvorschlag danken Superidee, Lauren!

1

„Kobolde?“

Ich stutzte angesichts der völlig unerwarteten Frage. „Wie bitte?“

„Kobolde? Sie sind von der Koboldbekämpfung, ja?“ Die Frau, die mir die Tür zu dem noblen cremefarbenen Stadthaus öffnete, sah eigentlich überhaupt nicht verrückt aus, aber wie oft wurde man schon mit der Frage begrüßt, ob man zur Bekämpfung von Kobolden gekommen sei?

Vielleicht bildete ich mir aber auch nur ein, sie habe von Kobolden geredet. Immerhin war es sehr gut möglich, dass der Jetlag, der mich in London ereilt hatte, meinem Gehirn immer noch zusetzte. Entweder das, oder die Frau hatte ein tschechisches Wort benutzt, das nur so ähnlich klang wie „Kobolde“.

Ich schüttelte den Kopf, um die verwirrenden Gedanken loszuwerden, lächelte tapfer, wenn auch ein wenig schief, und sagte langsam: „Guten Abend. Mein Name ist Nell Harris. Ich bin mit Mrs. Banac ˇek verabredet.“

„Dr. Harris?“, rief eine andere Frau und kam an die Tür. „Ich freue mich sehr, Sie endlich persönlich kennenzulernen! Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug! Bitte entschuldigen Sie die Verwechslung – wir sind von einer wahren Koboldplage heimgesucht worden, und die arme Gertrud ist mit ihrer Weisheit am Ende.“

Die samtweiche Stimme und die kultivierte Sprechweise – mit einem ganz leichten slawischen Akzent – passten perfekt zum Erscheinungsbild der Dame. Ich löste meinen Blick von der Frau, die mir geöffnet hatte (klein, stämmig, stahlgraues Haar und eine derart strenge Miene, dass ich Mitleid mit den Kobolden bekam – wer oder was auch immer das sein mochte), und richtete meine Aufmerksamkeit auf das elegante Geschöpf, das durch den mit Marmor ausgelegten Flur auf mich zuschwebte. Melissande Banac ˇek war nicht nur die schönste Frau, die ich je gesehen hatte, sondern nach ihrem luxuriösen Zuhause, der teuren Adresse im Herzen von Prag und ihrem überaus edlen Hausanzug aus purpurroter und persimonenfarbener Seide zu urteilen auch eine recht wohlhabende Zeitgenossin. Wohlhabend genug jedenfalls, um scheinbar aus einer Laune heraus eine bettelarme Universitätsdozentin für Mittelalterliche Geschichte von Seattle in die Tschechische Republik einfliegen zu lassen.

„Kobolde“, sagte ich perplex. Mit meinem gesunden Arm drückte ich meine Tasche (von der ein Bügel abgerissen war) an meine Brust (eingezwängt in einen BH, der bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit gedehnt war, um seinen allzu üppigen Inhalt fassen zu können) und wünschte wohl zum zehnten Mal, ich hätte meiner Neugier nicht nachgegeben (die mich noch in ernste Schwierigkeiten bringen würde).

„Ja! Wissen Sie vielleicht, wie man sie loswird?“, fragte Melissande und entzog ihre Hand behutsam meinem starren Griff. „Wir haben schon alles versucht, von Schwalbendreck bis Drachenwurz, aber leider ohne Erfolg! Da man der Plage offenbar nicht mit solchen Hausmitteln beikommen kann, haben wir die Koboldfänger bestellt. Kommen Sie, nach der langen Reise sind Sie bestimmt erschöpft. Kaffee oder Tee?“

„Kaffee, bitte“, sagte ich benommen. Das wurde ja immer doller! War ganz Prag mit einem Schlag verrückt geworden und ich wusste nichts davon? Oder war ich doch müder, als ich dachte?

„Und, kennen Sie ein gutes Mittel gegen Kobolde?“ Melissande wandelte graziösen Schrittes zu einer cremefarbenen Couch, die perfekt zu dem cremefarbenen Teppich und den ebenfalls cremefarbenen Satintapeten passte. Ich ließ mich vorsichtig auf das Zweiersofa sinken und fühlte mich augenblicklich wie eingebettet in einen schützenden Kokon.

„Ich weiß nicht einmal, was Kobolde überhaupt sind. Sie … Sie scherzen doch nicht, oder?“

Das Gefühl, von dem weichen Sofa umfangen zu werden, vertrieb die vage Verwirrung, die mich beim Betreten des Hauses erfasst hatte.

Melissande neigte den Kopf und sah mich nachdenklich an. Ihr silberblondes Haar fiel wie ein Seidenvorhang über ihre Wangen. „Wie dumm von mir! Ich habe doch Ihre Akte gelesen und hätte daran denken müssen, dass Sie sich in unserer Welt nicht auskennen, obwohl Sie eine von uns sind.“

Mir sträubten sich die Nackenhaare. Ich hatte weder einen Jetlag, noch war ich verwirrt. Die Frau, die mir gegenübersaß und eigentlich für die kommenden zwei Wochen meine Arbeitgeberin sein sollte, war eindeutig nicht ganz bei Trost. Es war zwar eine herbe Enttäuschung für mich, wenn ich den unter Mediävisten viel diskutierten, aber bislang unentdeckten Brustpanzer Milans nun doch nicht zu Gesicht bekam, aber wenigstens hatte ich ein Rückflugticket und genug Geld für eine Übernachtung in dem Hotel, in dem ich mein Gepäck abgestellt hatte.

Jetzt nur keine hastigen Bewegungen! Ganz langsam nahm ich meine Tasche, die ich zu meinen Füßen abgestellt hatte, und erhob mich von dem Sofa. „Ach, wissen Sie, ich habe draußen etwas vergessen. Etwas … äh … sehr Wichtiges. Am besten laufe ich schnell raus und kümmere mich darum, damit sich die Kobolde nicht darüber hermachen.“

Ein Lächeln spielte um ihre dezent geschminkten Lippen und stellte ihre leicht schräg stehenden grauen Augen noch ein bisschen schräger, sodass ihre slawischen Wurzeln nicht mehr zu übersehen waren. „Sie halten mich für verrückt! Wie erfrischend! Die Leute hier nehmen mich immer so ernst – da ist es eine wunderbare Abwechslung, wenn jemand denkt, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“

Nun legten die Alarmglocken, die in meinem Kopf zu läuten begonnen hatten, erst richtig los. „Wissen Sie, ich denke, wir haben beide einen Fehler gemacht, Mrs. Banac ˇek. Also werde ich jetzt einfach gehen, und alle sind zufrieden.“

„Ich bin es nicht!“, rief sie mir hinterher, als ich mich im Krebsgang Richtung Haustür bewegte. „Verrückt, meine ich. Ich habe Ihnen das Thema nur nicht sehr … Oh, Achtung! Direkt hinter Ihnen! Gertrud hat gedroht zu kündigen, wenn ich noch einmal einen Kobold auf dem Teppich zertrete, und es klingt zwar abgedroschen, aber gutes Personal ist tatsächlich schwer zu finden.“

Ruckartig fuhr ich herum. Ich hatte erwartet, mich Gertrud gegenüberzusehen, bereit, mir mit einem Metzgerbeil den Kopf abzuschlagen, doch stattdessen erblickte ich ein kleines Geschöpf, das vielleicht sieben Zentimeter maß. Es war gräulich-grün und versuchte, mit zwei Händen seinen unbehaarten Schwanz unter meiner Sohle hervorzuziehen, während es mit den anderen beiden Händen gegen den Schuh trommelte.

„Quiek, quiek!“, schrie es mich wütend an.

„Iiiiiiih!“, kreischte ich statt einer Antwort, ließ meine Tasche fallen und sprang, wie es mir vorkam, mit einem einzigen riesigen Satz quer durch den Raum auf das Sofa. Mein schwaches Bein gab nach und ich drohte gleich wieder herunterzufallen, doch ich fing mich im letzten Moment.

„Was zum Teufel ist das?“, schrie ich und hopste voller Panik auf dem Sofa herum, weil ich befürchtete, das scheußliche Ding käme hinter mir her.

„Ein Kobold“, sagte Melissande bekümmert, als das kleine grünliche Ding zornig drei von seinen vier Händen zu Fäusten ballte und eine Drohgebärde in meine Richtung machte, bevor es aus dem Raum flitzte. „Ein gemeiner mitteleuropäischer Kobold, um genau zu sein. Es gibt auch einen lateinischen Namen dafür, aber den kann ich mir einfach nicht merken. Sie sind nicht die intelligentesten Wesen, aber kein bisschen gefährlich. Es sei denn, man greift ihren König an. Dann lassen sie sich die übelsten Dinge einfallen, wenn man schläft. Das habe ich zumindest gehört.“

Ich stand immer noch auf dem Sofa. „Sie haben mich unter Drogen gesetzt, nicht wahr?“, fragte ich, während Melissande die Tür hinter dem Kobold schloss. „Sie haben auf dem Flug von London neben mir gesessen und mir irgendetwas in meine Cola getan, um mich dann durch den Zoll zu schleusen, weil sie irgendetwas Merkwürdiges mit mir vorhaben, nicht wahr? Denn andernfalls …

„Andernfalls hätten Sie gerade tatsächlich einen Kobold gesehen und das passt nicht in Ihre Weltsicht, ich weiß. Es tut mir sehr leid, dass mir die Zeit fehlt, gründlich vorzugehen – Sie zu indoktrinieren, meine ich –, aber mein Neffe wird seit drei Wochen gefangen gehalten und nun ist auch noch mein Bruder verschwunden. Die Zeit drängt!“

„Indoktrinieren?“, fragte ich, stieg von dem Sofa und nahm meine Tasche in Empfang, die Melissande vom Boden aufgehoben hatte. Ich hielt sie auf Armeslänge von mir weg, falls eines dieser kleinen grünen Biester hineingekrochen war. „Ist das hier etwa eine Sekte? Wollen Sie mich als Nächstes einer Gehirnwäsche unterziehen? Ich sage Ihnen gleich, dass ich kein Geld habe und …

„Nell“, unterbrach mich Melissande und reichte mir eine Tasse Kaffee.

Ich nahm sie und schnupperte verstohlen daran. „Ja?“

„Setzen Sie sich. Ich muss Ihnen eine Menge erzählen, und vieles davon werden Sie mir nicht glauben, aber wir müssen bereits in einer Stunde nach Blansko aufbrechen.“

„Sie lassen mich nicht gehen, oder?“, fragte ich. Dass meine Stimme furchtbar zitterte, war mir in diesem Moment egal. Ich hätte am liebsten mein Gesicht in einem Kissen vergraben und eine ganze Weile geheult, aber da mein Leben gerade völlig aus dem Ruder zu laufen schien, würde ich dazu wohl keine Gelegenheit bekommen.

„Ich werde Sie nicht gefangen halten, wenn Sie das meinen, aber ich möchte Sie um Hilfe bitten.“ Sie schob ein Kaffeegedeck zur Seite, setzte sich auf die Kante des Beistelltisches und wartete darauf, dass ich wieder Platz nahm. Das tat ich auch, und zwar ganz langsam – nicht so sehr aus Misstrauen ihr gegenüber (es war eindeutig, dass sie hier das Sagen hatte) als vielmehr aus Sorge um meinen Kaffee, den ich nicht auf den makellosen Teppich verschütten wollte.

„Obwohl ein Koboldfleck bestimmt viel schlechter rausgeht als Kaffee“, murmelte ich vor mich hin.

„Hundertmal schlechter, aber ich habe Sie nicht hergeholt, um Haushaltstipps mit Ihnen auszutauschen.“

Ich nahm vorsichtig einen Schluck von dem Kaffee und war bereit, ihn sofort wieder auszuspucken, wenn er auch nur im Entferntesten komisch schmeckte. Doch das tat er nicht. Eigentlich war mir der leicht rauchige Geschmack sogar sonderbar vertraut. Ich zog die Augenbrauen hoch. „Französische Röstung von Starbucks?“

„Natürlich, was sonst?“

„Die Sumatra-Mischung mag ich auch ganz gern, aber mit der Französischen Röstung kann man nichts falsch machen.“

„Sie ist perfekt. Aber finden Sie die Sumatra-Mischung nicht ein wenig zu würzig?“

„Nur nach dem Essen. Aber für Zwischendurch oder für einen Milchkaffee ist sie wunderbar.“

„Aha, für Milchkaffee habe ich Sumatra noch nie verwendet“, entgegnete Melissande nachdenklich. Das werde ich bei nächster Gelegenheit ausprobieren.

Von Kobolden zu Starbucks in zehn Sekunden. Ich wurde offenbar wahrhaftig verrückt. „Mrs. Banac ˇek

„Nennen Sie mich Mel“, sagte sie. Ich sah sie erstaunt an. Niemand sah weniger nach „Mel“ aus als diese elegante, kultivierte Frau. Sie runzelte die Stirn. „Nein?“

„Äh … ich glaube nicht.“

„Wie wäre es mit Sandy? Sehe ich nach Sandy aus?“

Als ich den Kopf schüttelte, seufzte sie. „Ich wollte schon immer einen Spitznamen haben, aber mir wollte nie jemand einen geben. Dann nennen Sie mich eben Melissande, obwohl ich Lissa eigentlich recht hübsch finde.“

„Melissande“, sagte ich, stellte meine Tasse ab und sah die Dame des Hauses ernst an. „Sie haben mich engagiert, damit ich die Inschrift auf der Innenseite eines Brustpanzers aus dem frühen 14. Jahrhundert übersetze, der nach dem heutigen Stand der Forschung eigentlich ins Reich der Sagen und Legenden gehört. Sie haben mich mit einer Beschreibung und Fotos von der Rüstung geködert, die so verlockend waren, dass ich gar nicht anders konnte, als Ihr Angebot anzunehmen. Sie haben mich vermutlich hergeholt, weil Sie jemanden brauchen, der sich mit alten europäischen Sprachen auskennt, aber mich beschleicht allmählich der Verdacht, dass sie mich noch aus einem ganz anderen Grund um die halbe Welt haben fliegen lassen. Ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn Sie mir diesen Grund nennen würden.“

Sie nickte. „Eine berechtigte Bitte. Ich begrüße Ihre Offenheit und Ihr sympathisches Bestreben, direkt zur Sache zu kommen. Wissen Sie, Sie sind eine Bannwirkerin und ich brauche ganz einfach Ihre Hilfe, um meinen Neffen und meinen Bruder zu finden.“

Ich erstarrte. Das Wort, das ihr so leicht über die Lippen kam, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Bannwirkerin. Dieses Wort hatte ich fast zehn Jahre nicht mehr gehört. Zehn lange Jahre. Ich schluckte den Kloß hinunter, den ich plötzlich im Hals hatte, doch meine Stimme klang heiser. „Ich verstehe zwar etwas von altem Brauchtum, aber an meinem Fachwissen als Mediävistin ist Ihnen anscheinend nicht gelegen?“

„Nein“, entgegnete sie ernst. „Ich brauche jemanden, der sich mit Bannen und Flüchen auskennt. Sie sind eine Bannwirkerin. Das wurde Ihnen in die Wiege gelegt, aber wie ich hörte, haben Sie seit einem Unfall in der Collegezeit keinen Gebrauch mehr von Ihrer Begabung gemacht …

Bestürzt hob ich die Hand, um Melissande Einhalt zu gebieten. Mir war, als zöge sich ein festes Band um meine Brust, und ich bekam kaum noch Luft.

„Verzeihen Sie, Nell. Ich bedaure, dass ich diese unglückselige Sache erwähnen muss, aber es gibt einen Bezug zu meinem Problem.“

Ich schüttelte den Kopf, weil ich plötzlich die toten, leeren Augen meiner Freundin vor mir sah, und versuchte mich auf die mit teuren Kosmetika dezent betonten strahlenden silbergrauen Augen zu konzentrieren, die mich aufmerksam studierten. „Ich bin keine Bannwirkerin“, sagte ich bestimmt, doch meine Stimme klang belegt, denn ich rang mit den in mir aufwallenden Gefühlen.

Melissande seufzte und schaute auf ihre Hände, die in ihrem Schoß ruhten. „Ich habe einen Neffen. Damian heißt er. Er ist zehn Jahre alt und mir lieb und teuer, auch wenn man mir schon vorgeworfen hat, dass ich ihn schamlos verwöhne. Er wurde vor drei Wochen entführt. Mein Bruder Saer war zu der Zeit unterwegs, aber als er von der furchtbaren Sache hörte, kam er sofort nach Hause und fing an, nach Damian zu suchen. Vor fünf Tagen hat er mich aus einer kleinen Stadt in Mähren angerufen, um mir zu sagen, dass er einen Hinweis auf Damians Aufenthaltsort gefunden hat. Er sagte, der Junge sei nach England gebracht worden. Saer ist Hals über Kopf abgereist, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich befürchte, dass auch er nun gefangen gehalten wird, wahrscheinlich von demselben Wesen, das Damian in seiner Gewalt hat möglicherweise aber auch von einem anderen.“

Der Schmerz, der aus ihren Augen sprach, war echt, und in diesem Moment machte Melissande auch einen ganz und gar nicht verrückten Eindruck. Zumindest glaubte ich, dass sie glaubte, was sie mir erzählte.

„Das tut mir sehr leid“, sagte ich aufrichtig. „Haben Sie die Polizei eingeschaltet?“

„Die Polizei?“ Sie sah mich überrascht an, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, die kann mir nicht helfen. Die Polizei kann nichts für meinen Bruder und meinen Neffen tun.“

„Das tut mir leid“, wiederholte ich und hob ratlos die Hände. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ich bin keine Privatdetektivin und habe keine Ahnung davon, wie man Leute aufspürt …

„Ich erwarte ja auch nicht, dass Sie die beiden für mich aufspüren“, unterbrach sie mich.

„Was wollen …

„Sie sind eine Bannwirkerin. Die Hilfe, die ich mir von Ihnen erhoffe, hat mit Ihren übersinnlichen Kräften zu tun.“

„Ich glaube nicht … ich kann nicht …“ Der Schmerz, der mich ergriff, war so groß, dass ich kaum atmen, geschweige denn sprechen konnte.

„Mein Bruder und mein Neffe sind Dunkle“, erklärte sie und holte tief Luft. „Mährische Dunkle. Ich selbst bin auch Mährin. Wissen Sie, wovon ich rede?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich war zu verwirrt und verzweifelt, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

„Die Dunklen bevölkern seit Menschengedenken die Erde. Vampire werden wir auch genannt, obwohl meine Leute wirklich nicht böse sind und nichts mit den schrecklichen Kreaturen gemein haben, als die sie der Volksglaube hinstellt. Dunkle werden entweder von einem Dämonenfürst erschaffen oder haben einen Vater, der unerlöst geblieben ist.“

„Unerlöst?“, krächzte ich und überlegte, ob es zu spät für mich war, den Namen Alice anzunehmen, um als Verrückte ein glückliches Leben im Wunderland zu führen.

„Für jeden männlichen Dunklen gibt es eine Frau, eine Auserwählte, die seine Seele erlösen kann. Auf diejenigen, die keine Erlösung finden, wartet ewige Verdammnis.“

Ich öffnete den Mund, weil ich sagen wollte, das klinge wie aus einem schlechten Roman, doch ich verkniff es mir. Es brachte nichts, Melissande mit dem Hinweis noch mehr aufzuregen, dass Vampire ob sie nun verdammt waren oder nicht Fantasiegestalten waren und gar nicht real existierten.

Genau wie Kobolde, warf eine höhnische Stimme in meinem Kopf ein.

Ich weigerte mich, darüber nachzudenken. „Mal sehen, ob ich das alles richtig verstanden habe. Ihr Bruder und Ihr Neffe sind also mährische Vampire, und Sie sind auch einer. Ihre Leute ernähren sich von Menschenblut, aber Sie sind nicht böse und keine Gruselgestalten à la John Carpenter. Ist das so weit korrekt?“

Melissande nickte. „Es gäbe viel mehr zu mährischen Dunklen zu sagen, als dass sie Blut trinken, aber da uns die Zeit fehlt, um uns in die Geschichte meines Volkes zu vertiefen, wollen wir uns auf das absolute Minimum beschränken.“

„Nur mal so aus Neugier – wie alt sind Sie eigentlich?“, fragte ich. „Da Vampire gemeinhin als unsterblich gelten, sind Sie es vermutlich auch, oder?“

„Nur solange ich keinem Sterblichen mein Herz schenke. Ich wurde 1761 geboren.“

„Dann sind Sie jetzt … zweihundertvierundvierzig“, sagte ich nach einer schnellen Runde Kopfrechnen.

„Dreiundvierzig. Ich habe erst im Dezember Geburtstag.“

„Aha“, machte ich und lehnte mich zurück, um mir den Rest des Märchens anzuhören. „Fahren Sie bitte fort. Ich bin ganz Ohr.“

Mein sarkastischer Unterton gefiel Melissande zwar nicht, aber sie erzählte trotzdem weiter. „Mein Neffe ist in der Gewalt eines Dämonenfürsten, der Asmodeus heißt.“

Da ich mich wieder halbwegs im Griff hatte, erstarrte ich nicht sofort zur Salzsäule, als der grauenerregende Name fiel, obwohl ich über alle Maßen entsetzt war.

„Ich werde Sie nicht mit der Frage kränken, ob Ihnen Asmodeus ein Begriff ist, denn ich weiß, dass es ein Fluch von ihm war, den Sie zu brechen versucht haben, als Sie …“ Ihr Blick fiel auf meine linke Gesichtshälfte, die sich durch ihre leicht hängenden Züge von der rechten unterschied. Ich verzog keine Miene, als Melissande mich prüfend ansah, denn ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass den meisten Leuten die leichte Asymmetrie meines Gesichts gar nicht auffiel, wenn ich es nicht bewegte. „… den Unfall hatten.“

„Das war kein Unfall“, erwiderte ich langsam und mit Nachdruck.

Melissande ging nicht weiter darauf ein. „Mein Neffe und höchstwahrscheinlich auch mein Bruder werden von Asmodeus gefangen gehalten. Er hat sie mit einem Fluch an sich gebunden. Ich brauche dringend Ihre Hilfe, Nell. Sie müssen diesen Fluch brechen!“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Und selbst wenn ich es wüsste, könnte ich Ihnen nicht helfen“, sagte ich leise und versuchte, den Schmerz, die Angst und das Grauen zu verdrängen, die ihre Worte in mir hervorriefen.

Sie sah mich durchdringend an. „Ich verstehe, dass es Ihnen widerstrebt, sich mit einem Teil Ihres Lebens zu beschäftigen, mit dem Sie abgeschlossen zu haben glaubten, aber Sie können Ihre wahre Natur nicht leugnen, Nell. Sie sind eine Bannwirkerin. Die meisten Ihrer Art werden von Magiern und Wächtern ausgebildet und können daher nur Banne lösen und einfache Schutzzauber ausführen, aber Sie sind eine geborene Bannwirkerin. Bei Ihnen ist es anders. Sie können auch Flüche brechen.“

„Ich kann keine Flüche brechen. Ich konnte es noch nie. Das alles habe ich vor zehn Jahren hinter mir gelassen.“ Trotz meiner festen Absicht, ruhig und gefasst zu bleiben, wurde ich mit jedem Wort lauter.

Melissandes Augen leuchteten so intensiv, dass ich den Blick abwenden musste. Ich war mir vage bewusst, dass sie ihre Worte mit Bedacht wählte, um mich zu umgarnen und gefügig zu machen, aber ich würde mich nicht von ihr einwickeln lassen. Ich biss die Zähne zusammen, während sie mit seidenweicher Stimme beschwörend auf mich einredete. „Sie sind eine der wenigen, die in der Lage sind, die stärksten Fesseln zu sprengen, die es auf der Welt gibt – Sie können den Fluch eines Dämonenfürsten brechen.“

„Ich werde nichts dergleichen tun“, stieß ich hervor, und mein Zorn und meine Angst weckten in mir die Erinnerung an etwas, das ich mit großer Mühe aus meinem Gedächtnis verbannt hatte. „Nie wieder!“

„Wenn Sie mir nicht helfen, wird mein Neffe von dem Dämonenfürst vernichtet. Wissen Sie, was mit einem Dunklen geschieht, der auf diese Weise zerstört wird?“

Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich bereits ahnte, was nun kam. Lange verdrängte Bilder aus vergangenen Zeiten suchten mich heim. Ich litt Höllenqualen und hätte am liebsten geschrien, dass es doch alles so lange her war, dass ich jung und unschuldig war und geglaubt hatte, was man mir sagte. Ich sei etwas Besonderes, hatte ich gedacht, und dass ich etwas bewirken könne. Damals war alles so klar gewesen, so aufregend, so einfach … bis Beth gestorben war.

„Seine Lebenskraft geht auf den Dämonenfürst über. Der Dunkle wird praktisch zu ihm, zu einem dieser Höllenfürsten. Ich würde Himmel und Erde in Bewegung setzen, um meinen Neffen vor diesem Schicksal zu bewahren, Nell, und ich bitte Sie, mir zu helfen, ihn wieder nach Hause zu holen!“

Ich schüttelte wieder den Kopf und griff nach meiner Tasche, während ich aufstand. „Es tut mir sehr leid für Sie, Melissande. Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun, das wünschte ich wirklich, aber Sie verlangen Unmögliches von mir. Ich kann es nicht tun.“

„Sie meinen, Sie wollen nicht!“ Die Worte trafen mich wie Peitschenhiebe. Melissande baute sich vor mir auf, und ihre Augen funkelten vor Zorn. „Sie könnten mir sehr wohl helfen, aber Sie weigern sich, es zu tun!“

In mir stieg ein Zorn auf, wie ich ihn seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Er war glühend heiß und stärker als die Schuldgefühle, die mich so viele Jahre gequält hatten. „Wissen Sie, was bei dem einzigen Mal passiert ist, als ich versucht habe, einen Fluch von Asmodeus zu brechen? Sind Sie über die genauen Einzelheiten im Bilde?“

„Nein, Genaues weiß ich nicht“, antwortete Melissande und warf erneut einen Blick auf meine linke Gesichtshälfte, dann auf meinen linken Arm. „Wie man sich erzählt, sind ihre Bemühungen gescheitert. Eine Art Schutzmechanismus, den Asmodeus eingerichtet hatte, wurde wohl aktiviert, als Sie versucht haben, den Fluch zu brechen, und Sie und Ihre Kameradin wurden verletzt.“

„Das könnte man so sagen“, entgegnete ich mit rauer Stimme und musste mich zwingen, ruhig zu bleiben. „Wenn man den Tod als Verletzung ansieht. Nein, Melissande. Ich werde Ihnen nicht helfen. Sie denken, ich sei Ihre Retterin, aber ich versichere Ihnen, ich bin alles andere als das. Ich bringe nur Tod und Zerstörung, keine Rettung. Ich bin schlicht und einfach eine Mörderin.“

2

Man sollte doch meinen, es sei abschreckend genug, wenn man gesteht, jemanden getötet zu haben (wenn auch unabsichtlich), doch Melissande war leider viel härter im Nehmen, als ich gedacht hatte. Daher saß ich auch vierzig Minuten nach meiner Mitteilung, dass ich zehn Jahre zuvor meine beste Freundin umgebracht hatte, mit ihr im Auto, und wir brausten in östlicher Richtung durch die Nacht. Unser Ziel war das kleine mährische Städtchen Blansko.

Ich wusste immer noch nicht so genau, wie es ihr gelungen war, mich davon abzuhalten, gleich wieder abzureisen.

„Sie haben mich verhext“, sagte ich vorwurfsvoll. „Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich wäre jetzt nicht hier, wenn Sie mich nicht verhext hätten!“

Sie wandte die Augen kurz von der Straße ab und warf mir einen amüsierten Blick zu. „Ich weiß doch gar nicht, wie so etwas geht!“

„Sie sind doch ein Vampir. Dann können Sie andere auch mit Blicken hypnotisieren – oder manipulieren oder wie auch immer man das nennt. Sie haben mich dazu gebracht mitzukommen, aber das wird Ihnen nichts nützen, Melissande. Ich bin nie eine Bannwirkerin gewesen, damals genauso wenig wie heute. Sie haben sich umsonst bemüht. Wie Ihnen meine tote Freundin bestimmt gern versichern würde, kann ich keine Flüche brechen.“

Melissande seufzte und schaltete in den vierten Gang, um mit ihrem kleinen schwarzen Sportwagen einen Lastwagen zu überholen. „Das haben wir doch alles schon besprochen, Nell. Ich habe akzeptiert, dass Sie sich nicht in der Lage sehen, meinen Neffen zu retten, aber Sie haben eingewilligt, mir dabei zu helfen, ihn ausfindig zu machen.“

„Ich sage doch, Sie haben mich hypnotisiert oder so. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich Ihr Haus nicht in dem Augenblick verlassen habe, als ich diesen …“ Ich rieb mir die Stirn und starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. Außer verschwommenen Lichtern, die hier und da in der Finsternis auftauchten, konnte ich nichts erkennen. „Grundgütiger, ich habe wirklich einen Kobold gesehen, oder? Und Sie sind wirklich ein Vampir. Ein weiblicher Vampir. Wie nennt man das? Vampirette vielleicht?“

Melissandes angenehmes, freundliches Lachen bewirkte, dass meine Panik sich ein wenig legte. „Wir sind mährische Dunkle, das ist die korrekte Bezeichnung, obwohl in Wahrheit lediglich die Männer Dunkle genannt werden. Ich bin einfach nur eine Mährin.“

„Aha, verstehe. Aber einfach nur eine Mährin sind Sie ganz bestimmt nicht!“

Ihr Grinsen war ansteckend, obwohl mir bis zu diesem Moment weiß Gott nicht zum Lachen zumute gewesen war. „Ich habe Sie nicht manipuliert. Es war die Habgier, die Sie letzten Endes zum Bleiben bewogen hat“, bemerkte sie.

„Das würde ich gern bestreiten, aber leider ist es nur allzu offensichtlich“, entgegnete ich und schaute über die Schulter zu der langen, flachen Holzkiste auf dem Rücksitz. „Mein wissenschaftliches Interesse hat gesiegt. Und Sie geben mir wirklich den Brustpanzer? Ganz gratis und umsonst, ohne Bedingungen?“

„Wenn Sie mir helfen, meinen Neffen aufzuspüren, gebe ich Ihnen den Harnisch gern.“

Ich dachte an die Kostbarkeit, die in der sorgfältig ausgepolsterten Kiste lag. „Es ist ein Museumsstück, wissen Sie das? Von unschätzbarem Wert. Niemand glaubt, dass es diesen Brustpanzer tatsächlich gibt. Was Sie mir anbieten, wird in der Welt der Mediävisten für einigen Wirbel sorgen. Ich sollte nicht einmal daran denken, einen solchen Schatz anzunehmen.“

„Er stammt von Milan“, sagte Melissande und sah mich von der Seite an. „Er datiert ungefähr aus dem Jahr 1395 und wurde im Schloss von Churburg gefertigt.“

„Südtirol“, sagte ich und seufzte vor Wonne. Sämtliche Kenner und Kennerinnen des Mittelalters hatten sich bislang an den Geschichten um diesen Brustpanzer die wissenschaftlichen Zähne ausgebissen. „Das Zeughaus von Churburg war für seine Exporte bekannt. Sie gingen meist nach Deutschland.“

„Der Brustpanzer ist aus neun Teilen zusammengesetzt, in die anscheinend die Lebensgeschichte des Ritters eingraviert wurde, der die Rüstung getragen hat.“

Freudige Erregung ergriff mich, als ich an die Gravuren dachte. Melissande hatte mir in den Telefonaten und E-Mails, die zu meinem Besuch in der Tschechischen Republik geführt hatten, mehrfach versichert, dass bislang kein einziger Mediävist diesen Brustpanzer zu Gesicht bekommen hatte. Ich sollte die Erste sein, die ihn zu sehen bekam, die ihn studieren und die Inschriften übersetzen konnte – die, wie ich hoffte, detaillierte Auskunft über das Leben eines fahrenden Ritters gaben, der Anspruch auf den böhmischen Thron erhoben hatte.

„Es handelt sich um eine … wie sagt man noch? Tellerrüstung?“

„Plattenrüstung“, sagte ich geistesabwesend. Es juckte mir regelrecht in den Fingern, den Brustpanzer endlich einmal anzufassen. Ich hatte nur einen kurzen Blick darauf erhascht, bevor Melissande ihn und mich in ihr Auto verfrachtet hatte. „So wird eine Metallrüstung genannt, über der man keinen Übermantel aus Leinen oder Leder trug.“

Melissande schaute wieder in meine Richtung. „Sie kennen sich wirklich gut mit Rüstungen aus.“

Ich nahm ihr diese unschuldige Tour nicht ab. Es genügte bereits, dass ich mich hatte verleiten lassen, etwas zu tun, das ich gar nicht tun wollte – wegen dieses Prachtexemplars von einem Brustpanzer, das in der Kiste auf dem Rücksitz lag. „Das wussten Sie doch schon, als Sie mich engagiert haben! Wie haben Sie mich überhaupt gefunden? Doch wohl nicht mit irgendwelchem …“ Ich malte mit den Fingern Kreise in die Luft. „… telepathischen Hokuspokus?“

Sie schürzte die Lippen. „Ich bin eine Mährin, Nell, und nicht Uri Geller.“

„Oh, tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Sie so etwas nicht können.“

„Ich könnte schon, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Es ist nicht ganz einfach.“ Sie hielt inne, schien in Gedanken bis drei zu zählen, dann fügte sie hinzu: „Es tut mir leid, dass ich Sie nicht vernünftig in unsere Welt einführen konnte, aber eigentlich sind Sie dafür prädestiniert, an Dunkle und Kobolde zu glauben. Sie müssen einiges an Wissen über die dunklen Mächte erworben haben, da Sie versuchten, den Fluch eines Dämonenfürsten zu brechen.“ Es folgte erneut ein kurzer prüfender Blick in meine Richtung.

Ich biss nicht an. Wenigstens nicht so, wie Melissande gehofft hatte.

„Ach, ich weiß nicht. Ich hatte im Großen und Ganzen eine ziemlich durchschnittliche Mittelstandskindheit – geschiedene Eltern, Schule, College, das übliche Sortiment Freunde und Liebhaber. Es gab nichts, was mich darauf vorbereitet hätte, dass ich es später einmal mit Kobolden und Vampiren zu tun bekomme.“

„Haben Sie viele Freunde und Liebhaber?“, fragte Melissande höflich, jedoch ohne großes Interesse. Ich gab ihr ein paar Bonuspunkte dafür, dass sie das Gespräch nicht mit aller Gewalt auf die Themen lenkte, die ihr wichtig waren. „Ich habe einige Freundinnen, aber keinen festen Freund. Schon seit Jahren nicht. Die Männer, die ich kenne, sind mir viel zu …“ Ich zuckte mit den Schultern. „Oberflächlich. Wie steht es mit Ihnen? Halten Sie sich vielleicht einen jungen hübschen Galan?“

Melissande zog erstaunt ihre elegant geschwungenen Augenbrauen hoch, dann lachte sie. „Ich hatte ganz vergessen, wie direkt Amerikaner sind. Nein, zurzeit habe ich keinen Partner. Wie Sie finde ich die meisten Männer, die ich kennenlerne, auf die eine oder andere Weise beschränkt.“

„Aha.“ Eine Weile herrschte Stille im Wagen, doch es dauerte nicht lang, bis Melissande von Höflichkeiten absah und unumwunden zur Sprache brachte, was sie tatsächlich interessierte.

„Macht es Ihnen etwas aus, über Ihre Vergangenheit zu reden? Nicht über … den Unfall, sondern darüber, wie Sie herausgefunden haben, dass Sie eine Bannwirkerin sind? Was hat Sie dazu gebracht, diesen Fluch brechen zu wollen?“

„Ja“, sagte ich nur, rieb mir die Arme und blickte stur aus dem Fenster. „Es macht mir etwas aus.“

„Verstehe. Soll ich Ihnen dann vielleicht von Damian erzählen?“

„Erzählen Sie, so viel Sie wollen.“

Und das tat Melissande auch. Auf der dreistündigen Fahrt ins mittelmährische Hügelland erzählte sie mir so ziemlich alles, was es über Damian zu wissen gab – von der Zeit, als er laufen lernte, bis hin zu der wichtigen Frage, was er sich zu Weihnachten wünschte.

„Das ist überaus faszinierend – ich glaube nicht, dass mir die Sauberkeitserziehung eines Kindes jemals so anschaulich nähergebracht wurde –, aber leider geht daraus nicht hervor, warum ein Dämonenfürst einen kleinen Jungen entführen sollte, in diesem Fall den Sohn eines Vampirs. Ich nehme an, es hat etwas mit seinem Vater zu tun?“

Je bergiger die Landschaft wurde, desto öfter musste Melissande schalten. „Saer glaubt, dass es eigentlich um ihn geht und Damian nur als Köder dient.“

„Das ergibt Sinn: Der Bösewicht hält den Sohn gefangen und lässt den Vater nach seiner Pfeife tanzen. Und warum hat Asmodeus es auf Saer abgesehen?“

„Saer denkt, dass Asmodeus gar nicht derjenige ist, der ihn vernichten will. Seiner Meinung nach ist Adrian der eigentliche Strippenzieher.“

„Und wer ist bitte dieser Adrian?“

Melissande sah mich kurz aus den Augenwinkeln an.

Ihr Mienenspiel sprach Bände, wie ich mit Interesse feststellte.

„Er ist der Verräter“, sagte sie schließlich, ohne den Blick von der Straße zu wenden. „Er ist ein Dunkler, der schon viele von unseren Leuten an Asmodeus ausgeliefert hat.“

„Ausgeliefert? Und was kann ein Dämonenfürst einem Vampir antun, der ohnehin schon verdammt ist?“

Sie erschauderte unwillkürlich. „Das wollen Sie gar nicht wissen.“

Das Grauen, das aus Melissandes Stimme sprach, war noch überzeugender als ihre Worte. Ich bekam eine Gänsehaut und rieb mir die Arme. „Okay, da haben wir also diesen Adrian, der seine eigenen Leute ans Messer liefert, und der hat es auf Saer abgesehen. Warum?“

Es kam mir so vor, als hielte Melissande mit irgendetwas hinter dem Berg. Dass sie nicht recht mit der Sprache herauswollte, war jedenfalls ziemlich offensichtlich. „Saer ist der Meinung, das Ganze habe mit einem Ring zu tun, der seinem Besitzer große Macht verleiht. Auf den soll es der Verräter abgesehen haben.“

„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden?“, fragte ich und warf einen Blick in den Seitenspiegel, um zu prüfen, ob wir zufällig von irgendwelchen Zauberern oder Hexenmeistern auf weißen Pferden verfolgt wurden.

„Nein, mit Tolkien sind Sie auf der falschen Fährte“, entgegnete Melissande. „Wie Saer sagte, war der Ring einst in Asmodeus’ Besitz, und wenn er dem Verräter in die Hände fällt, ist die Welt der Unsterblichen vom Untergang bedroht.“

„Aha, so ein Ring.“ Ich schürzte die Lippen. „Ich nehme an, Saer versucht zu verhindern, dass der Verräter ihn findet, und deshalb wird sein Sohn als Geisel festgehalten?“

„Damian wird definitiv als Geisel festgehalten“, bestätigte Melissande.

„Der arme Junge“, sagte ich und bekam Gewissensbisse. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, was die einem Fluch innewohnende Macht eines Dämonenfürsten anrichten konnte, und wollte mir gar nicht vorstellen, welche Höllenqualen ein Kind, selbst wenn es unsterblich war, in seiner Gewalt leiden musste. „Die Frage ist zwar äußerst unerquicklich, aber können Dunkle wie Ihr Bruder außer durch die Macht eines Dämonenfürsten auch noch auf andere Art getötet werden?“

„Ja“, antwortete Melissande knapp. „Wie Sie vielleicht ahnen, ist Damian wie ein Sohn für mich. Ich sehe ihn nicht so oft, wie ich gern würde, aber ich werde alles tun, um ihn wohlbehalten zurückzubekommen. Seine Mutter lebt in England, und er ist zur Hälfte bei ihr und zur Hälfte bei seiner Familie hier bei uns.“

„Hmm…“ Wir hatten die Hauptstraße verlassen und holperten eine lange, kurvenreiche Seitenstraße entlang, die durch einen hohen Nadelwald führte. Von den dunklen Bergen ging etwas Erdrückendes, Unheilvolles aus. Ich dachte über Melissandes Worte nach. Obwohl ich beschlossen hatte, allem aus dem Weg zu gehen, was auch nur nach Übernatürlichem roch, interessierte mich die Geschichte. „Dann ist er also … Heiliger Bimbam! Ist das ein Schloss?“

„Schloss Drahany. Sagte ich nicht, dass das unser Ziel ist? Wie unaufmerksam von mir!“

Ich starrte sie sprachlos an, bevor ich den Hals verdrehte, um mir die hohen Zinnen anzusehen, während Melissande den Wagen vor einer großen Flügeltür zum Stehen brachte. „Sie haben wohl gedacht, ich würde endgültig schwach, wenn Sie jetzt auch noch mit einem echten Schloss aufwarten! Wie alt ist es, wissen Sie das? Wer hat es gebaut? Und wem gehört es heute?“

„Ich habe keine Ahnung, wie alt es ist und wer es gebaut hat, aber es gehört einem Dunklen, einem entfernten Cousin von mir. Kommen Sie! Von hier aus hat Saer mich angerufen, um mir zu sagen, dass er einen Hinweis auf Damians Aufenthaltsort gefunden hat.“

„Dieses Schloss gehört Ihrem Cousin?“ Ich stieg aus dem Auto, reckte mich nach der langen Fahrt, starrte das gewaltige Bauwerk an und versuchte zu begreifen, wo ich gelandet war – doch vergeblich. Auch das gehörte zu einer langen Liste von Dingen, die ich erst einmal hinzunehmen hatte, keine einfache Übung für meinen rebellierenden Verstand. Ich musste dringend eine andere Einstellung an den Tag legen, und so beschloss ich, die Dinge einfach zu nehmen, wie sie kamen. Auf diese Weise konnte ich mir hoffentlich meine geistige Gesundheit erhalten, bis ich endlich in den Genuss kam, die Inschrift auf diesem einzigartigen Brustpanzer zu übersetzen. „Warum fragen Sie ihn nicht einfach, wo Ihr Neffe ist?“

„Christian ist in London, hat Saer jedenfalls gesagt.“ Melissande hantierte einen Moment an der Tür herum und stieß sie auf. „Ich glaube, Saer war in der Bibliothek, als er mich anrief. Er sagte, er habe dort Notizen von Christian über den möglichen Aufenthaltsort von Asmodeus in London eingesehen. Zur Bibliothek geht es diesen Flur entlang, den ersten Gang links und dann ungefähr bis zur Hälfte die große Eingangshalle hinunter. Sie können sie nicht verfehlen.“

„Kann ich nicht, meinen Sie? Nun, am besten zeigen Sie mir den Weg, und dann helfe ich Ihnen beim Suchen, obwohl ich Ihnen vermutlich keine große Hilfe sein werde, falls Sie nicht gerade eine Übersetzung aus dem Italienischen, Flämischen oder Deutschen des 14. Jahrhunderts brauchen.“ Ich hob meinen linken Arm. „Ich bin weder so schnell noch so stark wie früher.“

„Sie haben Fähigkeiten, die jeglichen Verlust ausgleichen, den sie erlitten haben“, versicherte Melissande mir und winkte mich durch die Tür. Ich trat ein und bestaunte den hohen Raum mit seiner prächtigen, von Säulen gestützten Gewölbedecke. Nach ein paar Metern blieb ich stehen, weil ich merkte, dass Melissande mir nicht folgte. „Äh … gibt es ein Problem?“

Melissande stand vor der Tür, und in ihrem hübschen Gesicht malten sich Bestürzung und Frustration ab. „Ich kann nicht mitkommen.“

„Was? Wieso nicht?“ Ich sah mich erschrocken um. Hatte sie mich etwa hereingelegt? „Hey, Sie haben doch gesagt, dass Ihr Cousin Ihnen erlaubt hat, sich in seiner Abwesenheit im Schloss umzusehen, nicht wahr?“

Melissande wich meinem Blick aus und schaute an meinem Gesicht vorbei. „Ich glaube, ausdrücklich erwähnt habe ich nicht, dass Christian es erlaubt hat, aber ich weiß, dass er nichts dagegen hätte.“

„Ist ja reizend“, sagte ich und stemmte die Hände in die Hüften. „Sie wollen mich hier einbrechen lassen, damit Sie selbst straffrei davonkommen? Vergessen Sie’s!“

Ich ging auf Melissande zu, um das Schloss zu verlassen, doch sie hielt mich an der Tür zurück. In ihren Augen standen Tränen. „Bitte, Nell, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gern ich selbst in die Bibliothek gehen würde, um nach einem Hinweis auf Damians und Saers Verbleib zu suchen, aber …

„Aber was?“, fragte ich ungeduldig. Wenn sie glaubte, dass ich auf ihre erbärmliche Mitleidsnummer eingehen würde, um in den Besitz des kostbaren, einzigartigen Brustpanzers zu kommen, der mir zweifelsohne eine Professur bescheren würde, sobald die Ergebnisse meiner Untersuchungen veröffentlicht wurden, dann irrte sie sich.

Aber nur vielleicht.

Ach, wie sehr wollte ich diesen Brustpanzer!

„Aber ich kann nicht! Die Tür ist mit einem Bann versehen. Haben Sie das nicht beim Eintreten gespürt?“

„Mit einem Bann?“ Ich ignorierte die vagen Erinnerungen, die in mir wach wurden, und trat durch die Tür nach draußen. „Wovon reden Sie? Ich habe nichts gespürt. Was soll das für ein Bann sein?“

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung. „Wie können Sie eine Bannwirkerin sein und nicht über Banne Bescheid wissen?“

„Ich sagte doch, ich bin keine Bannwirkerin.“

„Ein Bann ist eine Art Schutzvorrichtung. Meist werden Türen oder Fenster damit versehen, um dunkle Mächte am Eindringen zu hindern. Man kann auch Menschen und Gegenstände mit einem Bann belegen, um sie zu schützen oder an einen Ort zu binden. Wie ich Ihnen bereits sagte, verstehen Sie sich als geborene Bannwirkerin auf Banne und Flüche, und Sie können sie sogar wieder brechen – der Vorgang ist praktisch der gleiche, nur umgekehrt.“

Melissandes Ausführungen riefen konkretere Erinnerungen in mir wach. „Ach, so einen Bann meinen Sie! Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich die ganz vergessen. Vieles von dem, was ich vor der Tragödie wusste, wurde … äh … sozusagen aus meinem Gedächtnis gelöscht. Sie sagen also, diese Tür ist mit einem Bann versehen? Mit einem magischen Schutz, damit alles Böse draußen bleibt?“

Sie nickte. Ich ging noch einmal durch die Tür, diesmal langsamer, aber ich spürte nur ein ganz leichtes Kribbeln. Als ich stehen blieb, beschlich mich jedoch das dumpfe Gefühl, dass sich in meinem toten Winkel irgendetwas schwer Fassbares befand. Ich schaute zur Tür, doch die sah völlig normal aus … bis ich wieder wegsah. In diesem Moment sah ich aus den Augenwinkeln mitten in der Luft etwas Goldenes aufblitzen, das gleich wieder verschwand, als ich in seine Richtung schaute. Ich zuckte mit den Schultern. „Okay, und warum kann ich den Bann dann ganz ohne irgendwelchen Zauberschnickschnack lösen?“

Ich merkte, dass ich Melissandes Geduld auf eine harte Probe stellte. „Sie haben den Bann doch nicht gelöst, Nell! Sie können durch die Tür gehen, weil der Bann gar nicht dazu da ist, Sie fernzuhalten. Er soll das Schloss vielmehr vor dunklen Mächten schützen.“

„Vor Leuten wie Ihnen etwa?“

Sie nickte. „Ich bin die Tochter eines unerlösten Dunklen. Daher ist mein Blut unrein und der Bann lässt mich nicht in das Schloss. Genügt Ihnen das als Erklärung? Würden Sie dann bitte in die Bibliothek gehen und nach den Notizen suchen, die Aufschluss über ein Haus in London geben, in dem Damian möglicherweise festgehalten wird? Ich warte hier auf Sie.“

„Moment, nicht so schnell! Da wäre noch das Problem mit dem unbefugten Betreten …

„Ich schwöre Ihnen …“, sagte Melissande heiser und zog ein Amulett aus dem Ausschnitt ihres Mohairpullovers, den sie sich vor der Fahrt übergezogen hatte. „Ich schwöre Ihnen, dass Sie nichts zu befürchten haben. Sie werden nicht verhaftet, Ihnen wird nichts geschehen. Wenn Sie das für mich tun, dann bekommen Sie zu dem Brustpanzer auch noch dieses Amulett.“

Sie sah bestimmt das Verlangen in meinen Augen aufblitzen. Am liebsten hätte ich ihr das massive Schmuckstück aus Gold und Silber aus der Hand gerissen. Ich hatte schon viel von diesem sagenumwobenen Amulett gehört, das einer der Kreuzritter getragen haben soll, der angeblich den heiligen Gral gefunden hat. Doch zu keinem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, dass es tatsächlich existierte.

Das Gleiche galt allerdings auch für Kobolde, Vampire und den gravierten Brustpanzer.

„Der Harnisch ist Belohnung genug“, entgegnete ich rasch und überwand meine Gier. „Aber was Ihr Versprechen angeht, dass ich keine Schwierigkeiten bekomme, da nehme ich Sie beim Wort. Wenn Ihr Cousin plötzlich hereinspaziert kommt und mich in der Bibliothek beim Herumschnüffeln erwischt, erwarte ich von Ihnen, dass Sie ihm alles erklären und die Dinge richtigstellen.“

„Darauf können Sie sich verlassen. Ich danke Ihnen!“ Melissande blieb regungslos vor der Tür stehen und ich ging den langen Flur hinunter, in den nur wenig Licht fiel. Das Schloss war offensichtlich in T-Form gebaut und ich hatte es durch einen der kurzen Flügel betreten. Ich folgte dem ersten Gang nach links und überlegte, was ich sagen sollte, falls ich unverhofft jemandem begegnete.

„Nimm es einfach, wie es kommt“, redete ich mir zu, als ich in die große Eingangshalle kam.

Meine Stimme hallte durch den hohen Raum und es überlief mich kalt. Ich rieb mir die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben, während ich von einer Tür zur nächsten ging.

„Auweia, sollte ich das hier heil überstehen und nicht im Gefängnis landen, komme ich auf jeden Fall noch einmal hierher“, flüsterte ich, da ich leider davon absehen musste, den wunderbaren Rüstungen, Gemälden und anderen Museumsstücken, an denen ich vorbeikam, die gebührende Beachtung zu schenken. „Hmm… Das sieht doch nach Bibliothek aus.“

Ich öffnete einen Flügel der imposanten Eichentür und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter.

Als die Lampen in dem langen, schmalen, aber sehr hohen Raum angingen, fiel mir die Kinnlade herunter. „Diesen Christian muss ich kennenlernen!“

An drei Wänden standen hohe Bücherschränke aus Mahagoniholz, an der vierten mehrere große Glasvitrinen. Ich ging zu der ersten und schaltete einen Strahler ein, der den Inhalt beleuchtete. Hingerissen betrachtete ich das brüchige Pergament. „Mein Gott, das ist ein Psalter aus dem 10. Jahrhundert!“ Ich überflog den handgeschriebenen lateinischen Text und griff nach meiner Tasche, um mir rasch ein paar Dinge zu notieren. Als ich mein kleines Notizbuch in der Hand hielt, fiel mir der eigentliche Grund meines Kommens wieder ein.

„Verflixt. Der Junge!“ Widerstrebend schaltete ich die Vitrinenbeleuchtung aus und sah mich nachdenklich in der Bibliothek um. „Wenn ich ein gebildeter, belesener Vampir wäre, wo würde ich meine Notizen zu dem möglichen Aufenthaltsort eines Dämonenfürsten aufbewahren? Ah! Im Schreibtisch. Sehr clever, Nell!“

Der wuchtige Schreibtisch aus Rosenholz war erstaunlich aufgeräumt – aber vielleicht war es auch nur mit der Ordnung auf meinem eigenen nicht weit her. Ich blätterte einen Stoß Papiere durch, bei denen es sich offensichtlich um Rechnungen handelte, fand ein mit roter Tinte geschriebenes Manuskript, aus dem anscheinend ein Roman werden sollte, und entdeckte in einer Schublade einen Packen Briefe. Die meisten waren in einer Sprache verfasst, die ich nicht verstand, obwohl mir einzelne Bruchstücke sonderbar bekannt vorkamen. Da jedoch nirgends das Wort „London“ auftauchte, legte ich sie wieder weg. Ich durchsuchte auch die restlichen Schubladen, fand aber nichts, was auch nur entfernt nach dem aussah, was ich suchte.

„So ein Mist. Was jetzt?“ Ich ließ erneut meinen Blick durch den Raum schweifen und hoffte, dass mir irgendetwas ins Auge sprang, das ungewöhnlich war oder irgendwie aus der Reihe tanzte. „Am besten gehe ich ganz methodisch vor. Nehmen wir also an, dass sämtliche Notizen, die Christian aufbewahrt, wertvoll sind. Ergo legt er sie nicht einfach in eine Schublade. Und das bedeutet wiederum, dass er sie irgendwo versteckt.“

Meine Stimme hallte klar und deutlich von den zahllosen Regalen wieder, die ich mir ratlos ansah. In dieser Bibliothek standen Tausende Bücher, und jedes konnte als Versteck für ein paar Zettel dienen.

„Vielleicht hat er ja auch einen Wandsafe oder einen Fußbodensafe oder … Oh nein!“ Ich schaute hoch zu der gewölbten Holzdecke über mir. „Der Schlosseigentümer ist ein Vampir. Er kann vermutlich fliegen, also würde ich glatt wetten, dass er einen schicken kleinen Deckensafe hat! Es ist hoffnungslos!“

Da kam mir einen Idee. Ich stand vom Schreibtisch auf und sah mich noch einmal um. „Wenn ich ein sicherheitsliebender Vampir wäre und etwas Wertvolles verstecken wollte, würde ich nicht auf einen ganz normalen Safe vertrauen. Vor allem dann nicht, wenn ich zu der Sorte gehöre, die ihre Tür mit einem magischen Bann versieht“, grübelte ich und begann, mit ausgestreckten Händen langsam durch die Bibliothek zu gehen. Ich kam mir zwar ein bisschen albern vor, aber ich hoffte, irgendwann ein Kribbeln zu spüren, das möglicherweise auf etwas hindeutete, das mit einem Bann geschützt war. Als ich den dritten Rundgang machte, fand ich tatsächlich etwas.

„Hmm… Ein Buch. Etwas verstaubt. Der Titel ist … Man müsste dem Personal mal sagen, dass die unteren Regale dringend abgestaubt werden müssen … Dunkle Begierde. Klingt gut. Mal sehen, warum ausgerechnet dieses Buch geschützt … Wow! Das ist ja ein Ding!“

Der Einband war sehr glitschig – oder ich stellte mich besonders tollpatschig an –, jedenfalls konnte ich das Buch nicht festhalten. Es glitt mir aus den Händen und fiel mit einem lauten Rums auf den Boden. Ich hockte mich hin und betrachtete es aufmerksam von allen Seiten. Dabei stellte ich fest, dass auf dem Buchrücken ein kompliziertes Muster erkennbar wurde, wenn ich ihn aus einem bestimmten Winkel ansah. Das Muster bestand aus zahllosen ineinander verschlungenen Schnörkeln, die eine gewisse Ähnlichkeit mit keltischen Knoten hatten. Es sah beinahe so aus, als habe es jemand mit grüner Leuchtfarbe aufgemalt und das Buch dann in der Sonne liegen gelassen. Das Muster wirkte ausgebleicht, und wenn ich mit dem Finger darüberfuhr, schien es vollends zu verschwinden. War es möglich, dass ich tatsächlich einen Bann sehen konnte?

Ein verschwommenes Bild tauchte aus dem hintersten Winkel meines Gedächtnisses auf: das Gesicht einer zierlichen Asiatin, die mit dem Finger Zeichen in die Luft malte. Ich dachte, ich hätte sämtliche Erinnerungen an die Frau, die mich und Beth unterwiesen hatte, verloren oder ausgelöscht, aber jetzt erschien sie mir auf einmal und sagte irgendetwas über die Bedeutung von Bannen. Ich schüttelte den Kopf, um meine traurigen Gedanken loszuwerden, und sah mir das Muster auf dem Buchrücken genauer an. Wo ich es mit dem Finger nachmalte, leuchtete es kurz auf und verblasste dann wieder. Kompliziert, wie es war, entsprach es durchaus dem, was noch an verschwommenen Informationen über Banne in meinem Gedächtnis vorhanden war.

Ich erreichte mit der Fingerspitze den Endpunkt der verschlungenen Linie, und schwups, plötzlich hielt ich das Buch in meinen verschwitzten kleinen Händen. „Was zum … Oh!“ Die Frage, warum das Buch auf einmal beschlossen hatte zu kooperieren, schob ich erst einmal beiseite und schlug es rasch auf. Ich fand ein paar beschriebene, aus einem Notizbuch herausgerissene Blätter, zwischen denen etwas lag, das wie ein Ohrring aussah, wie eine kleine Creole. Er war offenbar aus einer Muschel gefertigt, jedenfalls schimmerte er perlmuttfarben und hatte einen schmalen Goldrand.

„Houston, der Adler ist gelandet“, sagte ich und trug das Buch, die Zettel und den Ohrring zum Schreibtisch, um sie mir unter der Leselampe genauer anzusehen. „Was haben wir denn hiiiiiiiiiiiiiii!“

allo, schöne Dame!“, ertönte eine gespenstische Stimme aus der Wand, dann trat ein Mann mit langen brauen Locken, elisabethanischer Halskrause, Wams und Strumpfhose heraus. Mit der einen Hand schnappte ich mir die Notizen, mit der anderen den Ohrring und stürzte zur Tür. Der Geist – es war tatsächlich ein Geist, wie mein armer überstrapazierter Verstand feststellen musste – zog schwungvoll seinen Hut und verbeugte sich galant vor mir. „Ich wusste nicht, dass wir so liebreizenden Besuch ’aben. Ich bin Antonio.“

„Äh“, machte ich. Schließlich musste ich erst einmal die Tatsache verdauen, dass mir ein gut aussehender Geist Avancen machte. Ich wich ein paar Schritte zurück. Nichts wie weg!, dachte ich. „Also, ich glaube, die Party ist vorbei. Wenn diese Notizen nicht die richtigen sind, verzichte ich lieber auf den Brustpanzer, denn ehrlich gesagt ist mir im Augenblick mehr an meiner geistigen Gesundheit gelegen als an einem Karrieresprung.“

„Sie möchten über Brüste sprechen?“ Der geisterhaft schimmernde Antonio stierte auf meine Brust und kam auf mich zu, während ich weiter zurückwich. Er zwirbelte seinen Schnurrbart und glotzte mich dabei lüstern an. „Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen, meine Dame. Ihre prallen Brüste, sie gleichen zwei wohlgenährten Täubchen, die nur darauf warten, gerupft zu werden.“

Ich Glückspilz! Der Geist war offenbar ein alter Lustmolch.

„Hm …“ Ich tastete hinter mir nach der Wand, ohne meinen Blick von dem Geist abzuwenden.

„Wie lautet Ihr Name, Sie ’errliches Geschöpf mit den prächtigen Brüsten?“

„Öh …“ Meine Finger stießen gegen Buchrücken und ich machte noch ein paar Schritte nach links, wo sich die Tür befand, durch die ich hereingekommen war.

„Würden Sie mir gestatten, sie ein wenig zu drücken? Sie sind so verlockend, Ihre Brüste! Ich ’abe zu meiner Zeit viele Brüste gesehen, aber Ihre … Oh Allmächtiger, sie sind ein wahrer Augenschmaus! Sie ziehen mich magisch an!“

„Iiih!“, kreischte ich, als Antonio seine durchsichtige Hand nach mir ausstreckte. Ich drehte mich ruckartig um und wollte die Bibliothek mit meinem Diebesgut verlassen, doch wo zuvor die Tür gewesen war, traf ich nun auf eine Mauer.

Auf eine sehr warme Mauer.

Eine, die strahlend blaue Augen und langes kastanienbraunes Haar hatte und ihre gefährlich spitzen Zähne fletschte.

Ein Vampir!

3

„Dabei hatte ich gerade gedacht, es könne nicht mehr schlimmer kommen!“, stieß ich hervor. Hinter mir fluchte der geisterhafte Antonio auf den Vampir, der mir den Weg versperrte. „Hallo!“, sagte ich zu ihm. „Sie müssen Melissandes Cousin sein. Wir haben Sie nicht so schnell zurückerwartet. Ich bin … äh … Sie hat mich gebeten … äh … Sie fragen sich wahrscheinlich, was ich hier mache, hm?“

„Blutbesudeltes Stacheltier!“, beschimpfte Antonio den Eindringling und zog seinen Degen. „Nicht genug damit, dass ich diesen anderen Übeltäter ertragen muss, der meine teure Allegra für sich beansprucht, jetzt kommst du auch noch da‘er und willst mir meine wahre Liebe streitig machen!“, polterte er. „Wie ’eißt du, mein Engel?“, raunte er mir zu.

„Äh …

„Jetzt reicht es mir! Ich werde nicht zulassen, dass du mir diese wunderschöne Äh mit den prächtigen Brüsten wegnimmst! Sie ge‘ört mir, ganz und gar!“

Der Vampir, der dem Geist mit amüsierter Miene zugehört hatte, zog eine Augenbraue hoch und ließ seinen Blick über meine Brüste schweifen. Unverschämt und unmoralisch, wie sie waren, versuchten sie auch noch, sich ihm entgegenzurecken. Ich verschränkte rasch meine Arme und funkelte sowohl Antonio als auch den Vampir böse an, während ich meinem Körper klarmachte, dass ich mich, wie gut der Vampir auch aussah, niemals mit jemandem einlassen würde, der nach allem, was ich wusste, untot war. „Hören Sie, ich weiß, wie merkwürdig es Ihnen vorkommen muss, dass ich hier in Ihrer Bibliothek herumstöbere, aber ich kann es Ihnen erklären.“

„Mach, dass du fortkommst, du gottlose wandelnde Leiche, sonst schneide ich dir deine Männlichkeit ab und stopfe sie dir ins Maul!“ Antonio schwang seinen Degen und schwebte zwischen mich und den Vampir. Wäre seine Waffe real gewesen, hätte er uns wahrscheinlich beide getötet.

Christian schloss die Augen. „Das hat mir gerade noch gefehlt, ein antagonistischer Geist!“, sagte er. „Verschwinde! Du bist hier nicht gefragt!“ Er fuhr mit der Hand mitten durch den Geist – und erstaunlicherweise begann Antonio sich aufzulösen.

„Ich bin nicht antagonistisch! Ich für meinen Teil bin immer’in jeden Morgen zur Messe gegangen!“ Antonio ließ den Degen durch die Luft sausen, zweifelsohne in der Absicht, den Vampir zu kastrieren, doch dann merkte er offensichtlich, dass er im Begriff war, dahinzuschwinden, denn er ballte eine Hand zur Faust. „Basta! Ich werde die anderen rufen! Sie schauen gerade Angel-DVDs, aber deinetwegen werden sie ein Weilchen auf ihren ’eiß geliebten Spike verzichten, du widerlicher Kotz…

„Der Exorzismus hat doch einiges für sich“, murmelte Christian leise vor sich hin, während Antonio sich in Luft auflöste.

„Ich dachte, man kann nur Dämonen austreiben … oder den Leibhaftigen?“

Zwei strahlend blaue Augen nahmen mich ins Visier und verengten sich zu Schlitzen, während sie mich von oben bis unten musterten. Ich trat nervös ein paar Schritte zurück und ließ rasch die gestohlenen Notizen mitsamt dem Ohrring in der Gesäßtasche meiner Hose verschwinden. Falls Christian es mitbekam, glaubte er hoffentlich, die Sachen gehörten mir. Ich wusste nicht so genau, ob er damit einverstanden sein würde, dass Melissande sie an sich nahm, aber das sollten die beiden lieber unter sich ausmachen.

„Wer sind Sie?“, fragte Christian. In seiner tiefen, rauen Stimme schwang etwas mit, das mir einen kleinen Schauder über den Rücken jagte.

„Ich bin … äh … Ihre Cousine Melissande hat mich engagiert.“

Er machte zwei Schritte auf mich zu, sodass sich unsere Nasen fast berührten. „Melissande ist nicht meine Cousine und ich werde meine Frage nicht noch einmal wiederholen“, sagte er drohend und zeigte beim Sprechen seine spitzen weißen Zähne. Dieser Anblick brachte mich auf eine Idee, die so verblüffend war, dass mein Gehirn sie verarbeitete, ohne auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, in was für einer prekären Lage ich mich gerade befand. „Wissen Sie, ich habe immer gedacht, dass Vampire ihre Zähne wieder einziehen können, wenn sie nicht gerade Gebrauch von ihnen machen. Kobras haben doch auch ausfahrbare Giftzähne jederzeit einsatzbereit, ohne störend im Weg zu stehen.“

Die meisten Dunklen können das. Christians Stimme hatte etwas beinahe Ätherisches. Sie schien so allgegenwärtig, dass ich sie nicht nur hörte, sondern zugleich auch in meinem Kopf spürte.

„Aber Sie nicht?“ Mein Blick fiel auf das rote Linienmuster, das sich um den Oberkörper des Vampirs zog. Es wirkte ebenso verblichen wie das grüne Muster auf dem Buchrücken und war nur schwer zu erkennen. Es schimmerte leicht und je nach Blickwinkel schien es aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Ich wusste sofort, was es war. Manche Dinge sind so schrecklich, dass man sie nicht verdrängen kann, wie sehr man sich auch bemüht. „Liegt das vielleicht an dem Fluch, der auf Ihnen lastet?“

Christian starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an und ich wusste, dass ich zu weit gegangen war. Melissande hatte zwar gesagt, der Vampir würde mir nichts tun, doch was hieß das schon? Wenn er richtig sauer war, ging er mir vielleicht doch an den Kragen. Was haben Sie gesagt?

„Ach, nichts“, entgegnete ich und wich zur Seite. „Ist nicht wichtig. Wissen Sie, Melissande wartet draußen. Warum holen wir sie nicht dazu, damit sie Ihnen die ganze Geschichte erklären …

„Sie haben mich gehört!“, sagte er, als wolle er mir einen Vorwurf daraus machen, und packte mich am Arm.

„Aua!“, rief ich empört, woraufhin er seinen Griff etwas lockerte. „Ja, ich habe Sie gehört. Ich stehe ja direkt vor Ihnen!“

Sie haben gehört, was ich gerade über Dunkle gesagt habe.

„Klar. Ich bin doch nicht taub! Ich verstehe ja, dass Sie sich über mein unbefugtes Eindringen ärgern, aber ich habe Melissande versprochen …

Das ist unmöglich! Sie sind keine Mährin. Sie sind keine Telepathin, und trotzdem hören Sie mich. Er zog mich ganz dicht an sich und seine Brust war so heiß, dass ich das Gefühl hatte, sie versenge mir den Arm. Sie können den Fluch sehen?

„Ja, ich kann ihn erkennen, aber nicht sehr deutlich. Wenn ich ihn direkt ansehe, verschwindet er. Ich muss ihn praktisch schräg angucken, dann kann ich das Muster … Oh mein Gott! Ihre Lippen haben sich gerade gar nicht bewegt!“ Mir dämmerte eine furchtbare Erkenntnis und es überlief mich kalt. „Was ist hier los? Warum kann ich Sie sprechen hören, obwohl Sie den Mund nicht bewegen? Sie sind doch kein Vampirbauchredner, oder?“

Er schüttelte den Kopf. „Das kann nicht wahr sein!“

„Ich weiß, wie Ihnen zumute ist“, sagte ich seufzend. „Dieses Gefühl habe ich schon den ganzen Tag, seit der Begegnung mit dem Kobold, aber ich habe aufgehört, das alles verstehen zu wollen, und nehme die Dinge einfach, wie sie kommen. Hören Sie, Christian …

Er runzelte die Stirn und seine warmen, kräftigen Finger gruben sich in meinen Arm. „Warum nennen Sie mich so? Ich bin nicht Christian Dante.“

Ich erstarrte wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Ich wagte nicht einmal zu atmen. „Sind Sie nicht?“

„Nein.“

„Aber Sie sind ein Vampir.“

Er verzog genervt das Gesicht. „Ein Dunkler. Ich bin ein Dunkler.“

„Wie auch immer. Was machen Sie hier, wenn Sie nicht Christian sind, der Besitzer dieses Schlosses?“

„Das könnte ich Sie auch fragen. Vor allem wüsste ich gern, warum Sie meine Gedanken hören können und wie es möglich ist, dass Sie den Fluch sehen, der auf mir lastet.“

„Ja, aber ich habe zuerst gefragt. Wer sind Sie und was machen Sie hier?“

Er musterte mich eine ganze Weile, dann ließ er meinen Arm los und sah sich in der Bibliothek um. „Melissande hat Sie engagiert. Sie sind hier und suchen offensichtlich dasselbe wie ich. Sie können meine Gedanken hören. Sie können meinen Fluch sehen.“ Er hielt inne und zeigte auf eine meergrüne Vase. „Was sehen Sie da?“

„Eine Vase?“ Er marschierte auf mich zu und ich huschte in die entgegengesetzte Richtung davon, also direkt auf die Vase zu. „Eine grüne Vase. Sehr hübsch. Sieht wertvoll aus.“

„Sehen Sie genauer hin!“, befahl er und seine Augen wurden plötzlich indigoblau.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Küsst du noch oder beißt du schon?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen