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Andrea Hendrich, Dipl.-Päd., systemische Familientherapeutin, Mediatorin und Trainerin für Elterngruppen, hat langjährige Erfahrung in der Erziehungsberatung und ist Dozentin an der Caritas Don Bosco Fachakademie München.

Rita Offinger-Gaube, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), Supervisorin und Familientherapeutin (DGSF), hat langjährige Erfahrung in der Fachberatung und Fortbildung von Kitas, u.a. mit dem Schwerpunkt „interkulturelle Kompetenz“.

Außerdem von A. Hendrich im Ernst Reinhardt Verlag erschienen:
Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita (2016, ISBN 978-3-497-02638-8)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

<https://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02814-6 (Print)

ISBN 978-3-497-61026-6 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61056-3 (EPUB)

© 2018 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Cover unter Verwendung eines Fotos von © iStock.com/Tassii

Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

Einleitung

Konkrete Familien als Fallbeispiele

Die Familie von Rahil und Zakaria aus dem Irak

Die Familie von Kilala, Lord und Malika aus Somalia

Die Familie von Elyas aus der Türkei

Eltern mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung

Eltern mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen

Hintergrund Migration

Hintergrund Flucht

Hintergrund Sprache

Hintergrund Religion

Hintergrund Bleibestatus

Hintergrund Kultur und Werte

Eltern mit unterschiedlichen „Familienbanden“

„Familienband“ Großfamilie

„Familienband“ Viel- oder Zeitehe

Undurchsichtige „Familienbande“

Probleme durch arrangierte Ehen

Binationale Eltern

Familienarbeit

Kulturverständnis

Kultursensible Haltung als unbedingte Voraussetzung

Elterngespräche

Hausbesuche

Angebote für Eltern

Partizipationsmöglichkeiten für Eltern in der Kita

Veranstaltungen im Stadtteil

Herausforderungen meistern und Schwierigkeiten überwinden

Sprachprobleme, Gespräche mit Dolmetschern und Sprachlosigkeit

Kulturspezifische Verhaltensweisen

Unterschiedliche Erziehungskonzepte

Sensible Themen

Besondere Lebenslagen: Psychische und andere Belastungen der Familien durch Migration und Flucht

Behinderung und Migration

Kindeswohlgefährdung

Grenzen der Elternarbeit

Grenze: Mangelnde Verantwortung bis hin zur Kindeswohlgefährdung

Grenze: Fehlende Ressourcen wie Zeit, Fortbildung und Supervision

Grenze: Sprache als Hindernis

Konkrete Tipps für die praktische Arbeit

Geduld, Geduld, Geduld – In Kontakt kommen und bleiben

Bereitschaft, auf Widersprüche zu stoßen, diese zu benennen und auszuhalten

Transparenz den Eltern gegenüber

Unterstützungsmöglichkeiten schnell nutzen und ein Netzwerk aufbauen

Rückhalt im Team und Zeit für Reflexion

Gesetzliche Hintergrundinformationen

Einige Stichworte kurz erklärt

Literatur

Bildnachweis

Sachregister

Einleitung

„Gott gab uns nur einen Mund, aber zwei Ohren, damit wir doppelt so viel zuhören wie reden“ (J. W. v. Goethe).

Für eine erfolgreiche Arbeit mit Menschen sind „Zuhören“ und „Interesse zeigen“ die ersten Schritte.

Je „fremder“ uns diese Menschen erscheinen, umso wichtiger ist es, sie in ihrer Eigenart und Persönlichkeit wirklich kennenzulernen, aber auch Hintergrundwissen über mögliche Unterschiede parat zu haben.

In öffentlich geförderten deutschen Kitas oder der Kindertagespflege waren laut Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder am 1. März 2016 589.750 drei- bis sechsjährige Kinder in Betreuung, die mindestens einen Elternteil mit Migrationshintergrund hatten (Statistisches Bundesamt 2018).

Wie viele Kinder in Kitas und Kindertagespflege haben einen Migrationshintergrund?

Das machte knapp ein Drittel (29,6 %) aller Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren zu diesem Zeitpunkt aus. Allerdings liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, die öffentliche Bildungseinrichtungen nutzen, noch immer unter dem der null bis sechsjährigen Kinder in Deutschland insgesamt. Zunehmend besuchen auch Kinder geflüchteter Familien deutsche Kitas. Laut Bundesregierung muss davon ausgegangen werden, dass sich Ende Juli 2016 rund 46.000 null- bis dreijährige und ca. 55.000 drei- bis sechsjährige Flüchtlingskinder in Deutschland aufhielten (Statistisches Bundesamt 2018).

Eine deutschlandweite Befragung des Deutschen Jugendinstituts (2016) ergab, dass 36 % der teilnehmenden Kitas Flüchtlingskinder betreuten.

Dieser hohe Anteil an Kindern mit mindestens einem Elternteil nichtdeutscher Herkunft in Kitas macht deutlich, dass das dort tätige Personal nicht daran vorbeikommt, diese Gruppe bezüglich ihrer Bedürfnisse und ihrer Teilhabemöglichkeiten an Bildungs- und Erziehungsangeboten in den Blick zu nehmen.

Voraussetzung dafür ist eine tragfähige Beziehung zu den Eltern der Kinder, die geprägt ist von gegenseitigem Verständnis und Vertrauen. Vielerorts gelingt dies – oft unter großem Einsatz und mit viel Kreativität des Teams. Oft fällt es in der Praxis jedoch auch schwer, dorthin zu gelangen.

Das Anliegen unseres Buches ist es, einerseits Wissen zu vermitteln und andererseits dabei zu helfen, eine Haltung zu entwickeln und in eine echte Beziehung einzutreten.

Diese Begrifflichkeiten verwenden wir.

In diesem Buch benutzen wir den Überbegriff „pädagogische Fachkräfte“ für alle Pädagogen und Pädagoginnen, die im Arbeitsfeld Kita arbeiten. Diese Bezeichnung soll hier auch andere Berufe wie Erzieher, Heilpädagogen, Diplom-Pädagogen oder Kinderpfleger umfassen. Das Buch bezieht sich auf Eltern mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung. Der Einfachheit halber wird aber im Buch an vielen Stellen nur von Eltern mit Migrationshintergrund gesprochen.

Unser besonderer Dank gilt Karin Jörg, Leiterin der Kita St. Josef in Augsburg, die uns an ihren zahlreichen Erfahrungen teilhaben ließ, wie auch ihrem Team und vielen Familien aus der Kita sowie Sevim Leventoglu, der Koordinatorin des Projektes „Hand in Hand“ in Augsburg, die uns in ihr reiches Wissen Einblick gewährte. Nicht zuletzt danken wir unseren geduldigen Familien für ihr Verständnis.

Konkrete Familien als Fallbeispiele

In jeder Kindertageseinrichtung arbeiten pädagogische Fachkräfte vor allem mit den ihnen anvertrauten Kindern – so die landläufige Meinung. Doch das ist nur ein Teil ihrer Arbeit: Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, dem Träger oder Gruppen im Gemeinwesen erfordert ebenso ihre Aufmerksamkeit. Dabei ist nicht zuletzt die Beziehungspflege zu den Familiensystemen, die hinter den Kindern stehen, eine wichtige Aufgabe.

Wie gestaltet sich der Beziehungsaufbau in der Kita?

Kinder, die eine enge Beziehung zu ihren Eltern haben, brauchen diese im Hintergrund, um auch zum Personal der Kita eine Beziehung aufbauen zu können, die ihnen Sicherheit vermittelt. In der Regel geschieht dies durch eine elternbegleitete Eingewöhnungszeit. Darüber hinaus beobachten Kinder den Umgang zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften, um daran ablesen zu können, ob die Eltern Vertrauen in das Kita-Personal haben. Erst wenn dies der Fall ist, können sie sich selbst getrost auf eine Beziehung einlassen. Diese ist wiederum Voraussetzung für Bildungsprozesse in der Kita.

Bei Familien mit Migrationshintergrund dauert der Prozess des Vertrauensaufbaus etwas länger. Eine wichtige Voraussetzung ist hierbei, dass Eltern und Kinder sich mit ihrem kulturellen Hintergrund gesehen und wertgeschätzt fühlen.

Mit manchen Eltern ist die Zusammenarbeit, auch als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft bezeichnet, förderlich und hilfreich, mit anderen eher stockend und beschwerlich. Manche Familien finden den Zugang zu den typisch deutschen Strukturen der Kita nur schwer, manchmal entstehen auch Missverständnisse anderer Art.

Wie bereichernd ist es jedoch, wenn die Zusammenarbeit gelingt und Familie und Kind sich in der Kita wohlfühlen.

Drei Fallbeispiele führen durch dieses Buch und zeigen auf, wie die Arbeit in der Praxis aussehen könnte.

Die Familie von Rahil und Zakaria aus dem Irak

Rahil ist zwei Jahre alt und hat am Vortag ihre ersten Schritte an der Hand ihrer Erzieherin Monika im Kinderhaus „Kunterbunt“ gemacht. Sie besucht die Krippe seit einigen Monaten und am besten gefallen ihr die Goldfische im Aquarium. Ihr älterer Bruder Zakaria ist sechs Jahre und in derselben Einrichtung. Er kommt bald in die Schule, und darauf ist er stolz. Rahils Eltern sind 2017 aus dem Irak geflohen, als sich die politische Lage für Christen dort zuspitzte. Ihr Vater arbeitet im Lager einer Drogerie, obwohl er eigentlich Uniprofessor ist. Rahils Mutter hat noch keine Arbeit gefunden, sie würde gerne studieren. Rahils Familie sind irakische Christen und sprechen Englisch und Arabisch.

Die Familie von Kilala, Lord und Malika aus Somalia

Kilala, ihre Schwester Malika und ihr Bruder Lord stammen aus Somalia. Die Familie lebt seit 2016 in Deutschland, bei ihnen wohnt Tarek. Er soll in Deutschland eine Ausbildung beginnen. Kilala ist drei Jahre alt und ganz neu im Kindergarten „Arche Noah“. Ihr Bruder Lord besucht die Vorschulgruppe. Kilala besitzt schmale, mandelförmige Augen und weiche Haare. Sie hat das Down-Syndrom und liebt Blumen über alles. Bald bekommt ihre Mutter ein weiteres Baby, deshalb ist sie oft müde und erschöpft. Dann muss Malika, die große zehnjährige Schwester, kochen. Das macht sie nicht gerne. Ihr Vater arbeitet den ganzen Tag in einem kleinen Gemüseladen. Viele Freunde und Verwandte arbeiten dort mit, nur die Frauen nicht. Sie versorgen die Familie und kümmern sich um die Kinder.

Die Familie von Elyas aus der Türkei

Elyas ist sechs Jahre alt, Shirin, seine Schwester, 19 Jahre. Elyas besucht das Kinderhaus „Wilde Wichtel“. Die anderen erwachsenen Geschwister Ahmed, Leyla und Moussa sind schon verheiratet. Elyas ist jetzt mit Papa der Mann im Haus. Er soll auf die Frauen aufpassen und sie beschützen. Seine Mama sorgt gut für alle, das mag er gerne. Shirin wohnt zuhause, sie hat noch keinen Mann. Sie arbeitet bei einem Zahnarzt. Elyas Eltern sind 2002 aus Anatolien nach Deutschland gekommen. Seine Mama will zurück, sein Papa nicht. Elyas ist gerne Türke und verehrt den Propheten Mohammed sehr.