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Kursänderung der C.C.

Inhaltsverzeichnis

  • Vorher
    • Kapitel 1
    • Kapitel 2
    • Kapitel 3
    • Kapitel 4
  • An Bord
    • Kapitel 5
    • Kapitel 6
    • Kapitel 7
    • Kapitel 8
  • Danach
    • Kapitel 9
    • Kapitel 10
    • Kapitel 11
    • Kapitel 12
    • Kapitel 13
    • Kapitel 14
    • Kapitel 15
    • Kapitel 16
  • Ein Jahr später
    • Kapitel 17
    • Kapitel 18
    • Kapitel 19

Norbert blickte hoch zum Glockenturm der Lambertikirche. Der Türmer blies das erste Mal, das bedeutete, dass es neun Uhr abends war. Bis Mitternacht würde er halbstündlich sein Horn in alle vier Himmelsrichtungen blasen.

Münsters höchster und ältester Arbeitsplatz.

Man suche einen Nachfolger, berichtete die Lokalpresse.

Der alte Schulze wolle in Rente gehen.

Norbert schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Obwohl der Kalender Ende Mai anzeigte, waren die Abende empfindlich kalt.

Vielleicht sollte er sich bewerben. Dann würde er endlich etwas Sinnvolles tun; sinnvoller als alten Damen Aktien und Fonds anzudrehen.

Norbert blickte wieder hoch. Es begann zu dämmern und er musste seine Augen anstrengen, um die eisernen Körbe hoch im Turm der Lambertikirche noch zu erkennen.

»Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting«, murmelte Norbert. Er hatte die Namen der Wiedertäufer im Geschichtsunterricht auswendig gelernt.

Für einen Augenblick stellte sich Norbert vor, dort oben in einem der eisernen Körbe auf seinen Tod zu warten; Kälte, Regen und Sturm ausgesetzt zu sein, das Trommelfell zerfetzt vom unbarmherzigen Läuten der Glocken.

Für den Bruchteil einer Sekunde empfand er es als gerechte Strafe. Als Strafe für das, was er getan hatte.

Er hatte seine Frau umgebracht, beinahe jedenfalls.

Er schüttelte sich. Selbstzerfleischung half ihm jetzt auch nicht weiter. Er musste reinen Tisch machen.

Er überquerte den Prinzipalmarkt und lief mit energischen Schritten stadtauswärts. Die kleine Pizzeria, die ihre beste Zeit längst hinter sich hatte, empfing ihn mit ihrem typischen Knoblauchgeruch. Maike saß an einem der hinteren Tische und wartete bereits auf ihn.

Als sie ihn erblickte, sprang sie auf.

»Nobby, Darling, was ist geschehen?«

»Psst, nicht so laut, Maike. Muss ja nicht der ganze Laden mithören.«

Maike sah sich fragend um. Die Tische in der Nähe waren alle unbesetzt.

»Du warst so komisch am Telefon«, erwiderte Maike jetzt mit gedämpfter Stimme. »Was ist denn los?«

»Meine Frau, sie liegt im Krankenhaus.«

»Etwas Schlimmes?« Maikes Stimme klang eher trotzig als besorgt.

»Sie hat versucht, sich umzubringen.«

Maike sank wortlos auf ihren Stuhl, ihre Augen weiteten sich unnatürlich.

»Wie hat sie es herausbekommen? Hat sie uns gesehen?«

»Ich hab es ihr gesagt!«

»Du hast es ihr gesagt? Warum?«

»Ich wollte reinen Tisch machen!«

»Du wolltest dich von ihr trennen?« In Maikes Stimme klang eine unerwartete Freude.

»Nein!« Norberts Antwort kam heftig. »Ich wollte ihr reinen Wein einschenken. Bevor ich …«

»Bevor du was?«

»Bevor ich mit dir Schluss mache.«

Maike schloss die Augen und sackte ganz langsam nach links. Norbert konnte sie gerade noch festhalten, bevor sie auf den Boden fiel.

»Nobby, das darfst du nicht. Du bist alles, was ich habe. Ohne dich …« Maike war wieder zu sich gekommen und wimmerte nun wie ein kleiner Hund.

»Sei nicht so theatralisch! Ich habe dir nie etwas vorgemacht.« Norberts Stimme klang zornig.

»Aber wir waren doch so glücklich. Du hast mir doch selbst gesagt, dass deine Ehe langweilig geworden ist, dass deine Frau immer zu Hause sein wollte, dass du etwas anderes vom Leben erwartest als Fernsehen und Kirchgang am Sonntag.«

»Ja, das stimmt schon, Maike. Aber sie ist meine Frau. Und ich will einen Neuanfang mit ihr.«

»Mit ihr, nicht mit mir«, antwortete Maike und ließ dicke Tränen achtlos ihr Make-up ruinieren.

»Und wenn ich nun auch versuche, mich umzubringen? Für wen entscheidest du dich dann?«

»Red keinen Unsinn, Maike. Dafür bist du nicht der Typ. Auf dich wartet in der Bank doch schon der nächste unglückliche Ehemann, den du trösten kannst.«

Die Ohrfeige kam überraschend für Norbert, ein Ausweichen daher unmöglich. Doch er genoss den brennenden Schmerz auf seiner Wange.

Die psychiatrische Abteilung der Uniklinik Münster lag in einem weitläufigen Garten. Norbert blickte vom Fenster des Arztzimmers direkt auf einen Teich mit pinkfarbigen Seerosen.

»Wir schließen zurzeit einen weiteren Suizidversuch ihrer Frau mit großer Wahrscheinlichkeit aus. Aber hundertprozentig sicher kann man nie sein. Ihre Frau zeigte nach ihren eigenen Angaben schon seit geraumer Zeit deutliche Anzeichen einer Depression. Das Eingeständnis ihrer, äähhm, außerehelichen Beziehung war wohl nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.«

Dr. Möller schwieg und drehte seinen vergoldeten Kugelschreiber geschickt zwischen den Fingern der rechten Hand.

»Was empfehlen Sie als weitere Behandlung?« Norberts Stimme war belegt.

»Ihre Frau sollte auf jeden Fall eine psychiatrische Therapie machen. Ihre krankhafte Eifersucht, die man ja nun nicht mehr als grundlos bezeichnen kann, ist Ausdruck eines mangelhaften Selbstbewusstseins, das vermutlich schon in der Kindheit begründet liegt. Daran muss man auf jeden Fall arbeiten. Lassen Sie sich bei meiner Sekretärin einen Termin bei Frau Dr. Ritter geben. Sie ist eine hervorragende Therapeutin. Ihre Frau ist da in guten Händen.«

Dr. Möller stand auf und gab Norbert dadurch das Signal, dass die Audienz beendet war.

Mit dem üblichen »Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Gute«, verabschiedete er sich. Bereits in der Tür stehend, wandte er sich noch einmal um.

»Ihre Frau ist übrigens nicht durch Sie gerettet worden, sondern durch den Umstand, dass sie erbrechen musste. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte sie bei Ihrer Heimkehr wohl nicht mehr gelebt.«

Die Tür zu Dr. Möllers Besprechungszimmer schloss sich geräuschlos.

Sandra war ganz ruhig. Ihr Atem ging gleichmäßig und kontrolliert. Selbstbeherrschung war ihr sehr wichtig. Ein Sedativum, das Dr. Hartwig ihr verschrieben hatte, half dabei. Verstohlen sah sie sich um. Ob es hier im Wartezimmer noch andere Patienten mit einer ähnlichen Diagnose gab? Vielleicht die ältere Dame, die sich demonstrativ hinter einer Illustrierten versteckte. Oder die junge Mutter, die sich vergeblich bemühte, ihren kleinen Sohn ruhig zu halten.

»Mama, warum hat die Frau so kurze Haare?«, krähte er jetzt und Sandra bereute, sich heute Morgen gegen ihre Perücke entschieden zu haben. Ihre kurzen Stoppeln gingen eben doch noch nicht als schicke Kurzhaarfrisur durch, da konnte Oliver sagen, was er wollte.

»Frau Baumgart bitte«, ertönte es jetzt aus der Sprechanlage und Sandra erhob sich eilig und warf dem kleinen Jungen ein Lächeln zu, der sich daraufhin sofort hinter dem Rücken seiner Mutter versteckte.

»Nehmen Sie noch einen Augenblick hier Platz, Dr. Hartwig ruft Sie sofort herein.«

Sandra kannte das Prozedere. Man war froh, der unwirklichen Atmosphäre des Wartezimmers entkommen zu sein, das Herz begann trotz der Beruhigungsmittel bereits wild zu schlagen und dann saß man unter Umständen noch länger vor dem Sprechzimmer als zuvor im Wartebereich. Sie versuchte, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Ein, aus, ein, aus. Der Puls beruhigte sich etwas. Unerwartet schnell öffnete sich die Tür und Dr. Hartwig begrüßte sie mit einem unverbindlichen Lächeln.

»Kommen Sie herein, Frau Baumgart, nehmen Sie Platz.«

Er deutete mit der rechten Hand auf einen der modernen Designer-Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.

»Sind Sie allein?« Dr. Hartwigs Frage brachte Sandras Blutdruck in schwindelerregende Höhen.

»Ich frage nur, weil Ihr Mann Sie doch häufig begleitet hat.«

»Mein Mann ist heute beruflich unterwegs, er konnte nicht …« Sandra geriet leicht ins Stottern, wie meistens, wenn sie nicht die Wahrheit sagte.

Dr. Hartwig runzelte die Stirn und blickte angestrengt auf ein dicht beschriebenes Schriftstück, das vor ihm lag.

»Der Bericht von der letzten CT-Untersuchung ist jetzt da.«

Sandra versuchte, Blickkontakt zu Dr. Hartwig herzustellen, doch er schaute angestrengt auf das Blatt vor sich.

»Stimmt etwas nicht?« Sandras Stimme klang brüchig.

Dr. Hartwig setzte seine Brille ab und rieb sich das linke Auge. »Leider habe ich keine guten Nachrichten für Sie. Deshalb hätte ich es auch lieber gesehen, wenn Ihr Mann Sie begleitet hätte.«

›Wie denn, er weiß ja nicht, dass ich hier bin‹, hätte Sandra am liebsten geschrien, aber sie blieb ganz still.

»Wir haben weitere Metastasen gefunden, in der Leber.«

Sandra spürte jetzt wieder die Ruhe, die sie eben im Wartezimmer empfunden hatte. Sie weinte nicht, sie schrie nicht, nur Hände und Beine schienen ihr irgendwie nicht mehr zu gehören.

»Die Chemotherapie hat nicht so angeschlagen, wie wir uns das erhofft hatten. Aber Sie dürfen den Mut nicht verlieren, wir werden etwas anderes versuchen.«

Sandras Kopf suchte verzweifelt nach medizinischen Terminologien. Sie musste jetzt ganz cool bleiben, sonst verlor sie völlig die Fassung. »Sind es mehrere infiltrativ wachsende Tumore in der Leber …?«

»Leider ja. Und sehr verstreut. Deshalb ist eine OP wohl nicht möglich. Aber es gibt eine neue Chemo, die in den USA entwickelt wurde und mit der hat man erstaunliche Erfolge bei der Bekämpfung von sekundären Lebertumoren erzielt.«

»Wann könnte ich damit anfangen?« Sandra lauschte erstaunt ihrer eigenen Stimme hinterher. War das wirklich sie, die da sprach? Ihre Worte klangen so unbeteiligt und kalt, so wie sich ihre Hände anfühlten. Und in ihrem Kopf machte sich ein Gedanke immer breiter: Das darf Oliver nicht erfahren.

»Ja, das ist etwas, was ich mit Ihnen heute besprechen wollte. Die Therapie, die ich eben erwähnt habe, ist noch ganz neu. Sehr wirksam, eine echte Chance für Sie. Aber leider nicht ohne Nebenwirkungen. Und da Sie ja immer noch Beschwerden von der letzten Chemo haben …«

»... meinen Sie, dass ich das sowieso nicht schaffen würde!«, unterbrach Sandra Dr. Hartwig.

»Nein, nein, Sie verstehen mich völlig falsch!« Dr. Hartwig klang erschrocken. »Das habe ich doch nicht gemeint. Ich denke nur, dass es medizinisch vertretbar und auch sinnvoll wäre, wenn man Ihrem Körper die Möglichkeit einer funktionellen morphologischen Regeneration gibt.«

»Wie lange?« Sandra sprach jetzt nur noch im Telegrammstil.

»Schauen Sie, Frau Baumgart, wir gehen in Ihrem Fall von langsam wachsenden Tumoren aus. Eine Pause von zwei bis drei Wochen ist deshalb durchaus vertretbar. Gönnen Sie sich etwas Ablenkung, lassen Sie sich verwöhnen, vielleicht eine schöne Reise mit Ihrem Mann …«

»Ein Abschiedsgeschenk, sozusagen …«

»Nein, Frau Baumgart, so dürfen Sie nicht denken. Bleiben Sie positiv. Das ist so wichtig bei dieser Krankheit!«

»Positiv denken! Aber machen Sie das mal, wenn der Krebs Ihren Körper zerfrisst!« Sandra hatte nur geflüstert.

»Frau Baumgart«, rief Dr. Hartwig jetzt scharf. »Davon ist doch gar keine Rede. Ja, wir haben Metastasen festgestellt. Aber die kann man bekämpfen. Wir tun alles für Sie. Aber Sie müssen schon mitmachen, sonst sind wir wirklich machtlos!«

Sandra senkte den Kopf. Wenn Sie doch endlich weinen könnte. Aber es schien, als sei ihr ganzer Körper ausgetrocknet. Sie griff zu dem Glas Wasser, das Dr. Hartwig ihr gereicht hatte.

»Also gut, ich überleg’ mir das mit der Reise. Aber sie müssen mir einen Gefallen tun, mein Mann darf nichts von der neuen Diagnose erfahren …«

»Das halte ich für keine gute Idee, Frau Baumgart. Ihr Mann ist so fürsorglich, so besorgt um Sie …«

»Eben, ich könnte das nicht ertragen. Bitte, sagen Sie ihm nichts.«

»Wenn Sie das wirklich möchten, muss ich mich danach richten. Aber ich hielte es für besser, wenn Sie die Krankheit zusammen bekämpften und wenn Sie ehrlich Ihrem Mann gegenüber wären.«

»Sie sollten sich den Wünschen einer Patientin nicht widersetzen, Dr. Hartwig.« Sandras Stimme klang plötzlich sehr hart.

»Natürlich, Frau Baumgart.«

»Wann soll ich wiederkommen?«

»Wenn Sie sich für eine Reise entscheiden, möchte ich Sie gern vorher noch einmal sehen. Wir machen einen kleinen Check und besprechen die Medikation für Ihren Urlaub. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute, Frau Baumgart.«

»Danke, Dr. Hartwig.«

Sandra schloss die Tür hinter sich geräuschlos.

Vor dem Sprechzimmer traf sie auf die junge Mutter, die ihren zappelnden Sohn fest umschlungen hielt.

»Da ist die Frau mit den Stoppelhaaren wieder«, rief der Kleine und endlich liefen Sandra die Tränen übers Gesicht.

Ihre Mutter hatte nie verstanden, warum Oliver und Sandra in München leben wollten. »So eine Großstadt frisst einen doch auf, nimmt einem die Luft zum Atmen.«

Ruhpolding, Sandras Heimat, war da schon etwas beschaulicher. Die Mutter liebte die bayerischen Traditionen, die Heimatverbundenheit. Dass es die Tochter nach München gezogen hatte, konnte sie ihr lange nicht verzeihen.

Als Sandra nun mit tränenüberströmtem Gesicht in die Anonymität der Menschenmenge auf dem Kripperlmarkt eintauchte, fand sie das Großstadtleben tröstend. Niemand kümmerte sich um sie, niemand sprach sie an. Die Menge in der Fußgängerzone schob sie über die Neuhauser Straße, ohne Notiz von ihr zu nehmen. Genau das brauchte sie jetzt. Bloß keine mitfühlenden Worte, keine Umarmungen, kein Mitleid. Das hätte sie nicht ertragen können. Sie betrachtete durch einen Tränenschleier die handgeschnitzten Krippenfiguren aus aller Welt, ohne sie wirklich zu sehen. Obwohl der Markt erst vor zwei Tagen eröffnet worden war, strömten die Menschen in Scharen hierher.

Der leckere Duft eines Bratwurststandes rief Sandra in Erinnerung, dass sie seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte. Sie biss herzhaft in die Wurst, die von einer knusprigen Semmel eingehüllt war und probierte sogar einen Tupfer Senf dazu. Anschließend gönnte sie sich noch einen Becher Glühwein und bemerkte erstaunt, dass der Tränenfluss endlich verebbt war. Gleich würde sie mit der U-Bahn nach Hause fahren und Oliver erzählen, sie habe sich mit Kathrin auf dem Weihnachtsmarkt getroffen.

Plötzlich erschien ihr alles ganz einfach und nur halb so tragisch.

Sie schaffte es gerade noch hinter die kleine Bude mit den bunten Krippenfiguren, als sie mit einem heftigen Schwall ihren Mageninhalt erbrach.

»Iihh …«, hörte sie jemanden in der Menge schreien, aber sie drehte sich nicht um. Ihr Mantel hatte einige Spritzer abbekommen und sie versuchte, diese mit einem Taschentuch abzutupfen. Zum Glück entdeckte sie ein paar Meter weiter einen Toilettenwagen mit Trinkwasser, in den sie sich eilig zurückzog. Sie schloss sich in die Kabine ein und versuchte, ihren Magen durch eine bewusste Bauchatmung zu beruhigen. Am Waschbecken trank sie ein paar Schlucke Wasser und bearbeitete noch einmal die Flecken auf ihrem Mantel mit dem Taschentuch. Dann machte sie sich auf den Weg zur U-Bahn-Station.

»Hallo Sandra, wo warst du solange, ich hab mir schon Sorgen gemacht!« Oliver schloss seine Frau in die Arme.

»Ich hab mich mit Kathrin getroffen, sie wollte unbedingt auf den Kripperlmarkt in die Neuhauser Straße. Da war vielleicht ein Gedränge. Und Glühwein hab ich auch getrunken, damit du’s gleich weißt, wenn du meine Fahne bemerkst.«

Oliver lachte. »Es sei dir gegönnt. Aber schon am Vormittag Alkohol, das kenn ich ja gar nicht bei dir. Alles in Ordnung?«

»Na, klar, was soll schon sein?«

Sandra hatte ihren Mantel ausgezogen und hängte ihn nun gleich in den Garderobenschrank.

»Möchtest du etwas essen? Ich habe einen Bohneneintopf aus dem Tiefkühlschrank genommen.«

»Oh, nein, danke, wir haben Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt gegessen. Bin noch pappsatt, weißt du.«

»Okay, dann trink wenigstens einen Kaffee mit mir, ja?«

»Ja, gern, Oliver, ich verschwinde nur mal schnell auf die Toilette, bin gleich wieder zurück.«

Sandra putzte sich im Bad die Zähne, wusch sich das Gesicht und bürstete sich die kurzen Haare. Eine Weile betrachtete sie sich im Spiegel, dann griff sie nach ihrer Perücke und setzte sie auf. Schon besser. Sie zog ihre Lippen nach und legte etwas Rouge auf die Wangen. Ja, so müsste es gehen.

»Oh, ganz verändert«, bemerkte Oliver, als sie zurück in die Küche kam.

»Ja, musste mal sein. Ach, übrigens, Dr. Hartwig hat heute Morgen angerufen. Es ist alles in Ordnung mit dem letzten CT. Er meint, wir sollten doch ganz kurz entschlossen mal einen Urlaub buchen, so als Erholung nach der Chemo. Was hältst du davon?«

»Gute Idee, da hab ich auch schon mal drüber nachgedacht. Aber ich wusste nicht, was du davon hältst.«

»Ja, ich glaub’, das wäre wirklich gut. Eine Kreuzfahrt würde mir gefallen, Mittelmeer oder so. Wo jetzt schon die Sonne scheint. Das wär doch toll, oder?«

»Ja, das wäre wirklich toll. Ich besorge gleich morgen mal Prospekte, ja?«

»Tu das Oliver, eine Kreuzfahrt auf dem Traumschiff, das bringt uns auf andere Gedanken.«

Martin Krawczyk massierte sich mit den Spitzen seiner Zeigefinger die Schläfen. Er hasste Elternsprechtage. Aber diesen würde er in einer halben Stunde überstanden habe. Eigentlich war alles ganz gut gelaufen. Er war ein beliebter Lehrer, besonders bei den Schülern. Bei den Eltern war das nicht so eindeutig, aber heute hatte er Glück gehabt. Keine Rechtfertigung seiner Unterrichtsmethoden, keine Mütter und Väter, die ihre Kinder ungerecht benotet sahen. Bisher. Draußen saß noch ein Vater und wartete auf die Audienz. Martin Krawczyk erhob sich, um den Mann hereinzuholen. Wer war das nur? Hatte er den schon mal gesehen?

»Richard Pahle«, stellte sich der große Mann, in tadellos sitzenden Anzug, unaufgefordert vor.

»Ich bin Martin Krawczyk, der Deutschlehrer ihres Sohnes Niklas«, antwortete Martin, dem jetzt klar war, wen er vor sich hatte.

Er kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und deutete auf den Stuhl, den er davor aufgestellt hatte.

»Bitte setzen Sie sich, Herr Pahle.«

Richard Pahle nahm Platz, zog die Hosenbeine seiner Anzughose leicht hoch und schlug dann ein Bein über das andere.

»Gibt es einen Grund für Ihr Erscheinen? Also von meiner Seite aus nicht. Niklas ist ein sehr guter Schüler. Im Deutschunterricht ist es eine wahre Freude mit ihm, seine Zensuren sind weit über dem Durchschnitt.«

Herr Pahle setzte ein Lächeln auf, aber nicht dieses strahlend breite Lächeln, das Martin von Eltern kannte, die stolz auf ihre Kinder waren. Nein, dies war er ein hämisches Grinsen.

»Ja, Sie sind sehr zufrieden mit meinem Sohn, das habe ich auch so eingeschätzt. Niklas berichtete mir, dass Sie sogar eine poetische Begabung bei ihm festgestellt haben.«

»Ja, so ist es, Herr Pahle. Wir haben uns in der achten Klasse sowohl mit Texten des Barocks als auch mit zeitgenössischer Literatur beschäftigt. In beiden Fällen zeigte Niklas ein auffälliges Verständnis für das Zusammenwirken von Inhalt und Gestaltungsmitteln ...»

»Ja, ja, ja, aber deshalb brauchen Sie ihm doch nicht gleich derartige Flausen in den Kopf zu setzen.«

»Flausen, ich verstehe nicht …?«

»Jetzt will er plötzlich Schriftsteller oder Dichter werden, möchte Germanistik und Literatur studieren. Ich habe ganz andere Pläne mit ihm. Von denen will er plötzlich nichts mehr hören.«

»Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen Ihres Sohnes und Ihren Plänen gibt«, erwiderte Martin steif.

»Schauen Sie, Herr Krawczyk, ich bin Inhaber der PM Metallfabrik GmbH in Berlin. Wir stellen Stromschienen, Drähte und Seile aus Kupfer und Aluminium für den gesamten Weltmarkt her. Unsere Produkte sind nicht nur in Europa stark gefragt, wir exportieren auch nach China, Japan und Indien.«

Richard Pahle machte eine Pause, wohl um die Wirkung seiner Worte auf Martin zu genießen.

»Diese Weltfirma wird mein Sohn Niklas einmal erben. Er ist mein einziges Kind. Ich habe ihn nicht umsonst das Canisius-Kolleg besuchen lassen. Ich habe mir vorgestellt, dass er in einer Schule im Diplomatenviertel, die umgeben ist von ausländischen Botschaften und Banken, optimal auf seine Rolle als Firmeninhaber vorbereitet wird.«

»Davon hatte ich keine Ahnung.« Martins Stimme klang leise. »Niklas hat darüber in der Schule nie gesprochen.«

»Er möchte natürlich nicht als Angeber dastehen, das ist doch klar. Ich hätte mir gewünscht, dass er eine Ingenieurslaufbahn einschlägt, an der TU in Berlin studiert und mich als technischer Leiter der PM GmbH unterstützt. Leider zeigte Niklas schon früh, dass ihm der technische Bereich nicht liegt. Also stellte ich mir als Alternative vor, dass er kaufmännischer Leiter meiner Firma wird, Chief Financial Officer oder Geschäftsführer. Zu diesem Zweck wäre ein BWL-Studium das Richtige. Aber nun will er Literatur studieren, weil sie eine musiche Begabung bei ihm sehen.« Richard Pahle hatte seine Krawatte gelockert und öffnete nun den oberen Hemdknopf. Sein Gesicht war rot angelaufen.

»Herr Pahle, ich verstehe sehr gut, dass Sie sich Sorgen um die Zukunft Ihres Sohnes machen.«

Martin wollte kooperativ klingen, fürchtete aber, dass er leicht zu durchschauen war. Sein Gedanke ›Der macht sich doch nur Sorgen um seine Firma‹ stand wahrscheinlich auf seiner Stirn geschrieben.

»Wichtig ist aber doch, dass Niklas in seinem Leben glücklich wird. Und schauen Sie, Ihr Sohn ist doch noch so jung. Lassen Sie ihm doch die Freude an der Literatur. Er kommt jetzt in die 9. Klasse. Er kann seine Meinung noch hundertmal ändern. Bis zum Studium sind es doch noch ein paar Jahre.«

»Da haben Sie Recht, Herr Krawczyk. Aber Sie wissen so gut wie ich, dass man heutzutage die Weichen früh stellen muss. Und ich will nicht, dass Niklas in eine Richtung gelenkt wird, die seiner beruflichen Karriere im Wege steht oder sie gar zunichte macht.«

»Das verstehe ich sehr gut und ich versichere Ihnen, ich werde in Zukunft darauf achten, dass ich Ihren Sohn nicht unbewusst beeinflusse.«

»Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar. Wissen Sie, unter den Künstlern, Dichtern und Poeten gibt es doch auch so viele Schwule. Und ich möchte nicht, dass mein Sohn da irgendwie infiziert wird.«

Martin Krawczyk musste schlucken. »Ihre Sorge ist da völlig unbegründet...«

»Na, als vor zwei Jahren die Mißbrauchsfälle bekannt wurden, habe ich schon überlegt, meinen Sohn von dieser Schule zu nehmen.«

»Aber das ist alles vor vielen, vielen Jahren geschehen. Die betreffenden Lehrer sind längst nicht mehr hier, leben gar nicht mehr.«

»Ja, ich weiß, zwei Patres, diese Schweine. Wurde alles viel zu lange unter den Teppich gekehrt.«

»Aber unser Direktor hat 2010 für reinen Tisch gesorgt.«

»Ja, aber nur, weil die Berliner Morgenpost alles aufgedeckt hatte.«

»Herr Pahle, sie brauchen sich in dieser Richtung keine Sorgen um Ihren Sohn zu machen, das versichere ich Ihnen.«

»Ich weiß nicht, Herr Krawczyk. Ich habe ein Liebesgedicht von Niklas gelesen, bei dem ich mich ernsthaft gefragt habe, ob es nicht an einen Mann gerichtet war. Einen Mann mit blonden Locken.«

Martin spürte, wie sein Herz stolperte. Er war froh, dass er sein schulterlanges Haar heute morgen straff zu einem Zopf gebunden hatte. Er lachte etwas zu laut auf und antwortete dann: »Nein, nein Herr Pahle! Ich bin sicher, dass Niklas in eine Mitschülerin verliebt ist. Ich glaube, ich weiß auch, in wen.«

»Ja, dann hoffe ich mal, Sie haben recht.« Richard Pahle erhob sich und reichte Martin die Hand.

»Vielen Dank für die Unterredung und bitte handeln Sie in meinem Interesse.«

»Aber ganz bestimmt, Herr Pahle. Alles Gute für Sie, Ihren Sohn und ... Ihre Firma.«

»Danke, ach, eine Frage noch, Herr Krwaczyk, sind sie eigentlich verheiratet, haben Sie Familie, Kinder?«

»Nein, noch nicht Herr Pahle. Ich hoffe immer noch, dass irgendwann mal die Richtige kommt.«

Martin lachte gequält, als er Herrn Pahle hinausbegleitete.

Sven Lambert fühlte sich nicht sehr wohl in seiner Haut. Die vier Herren, die vor ihm saßen, gaben sich äußerst seriös und selbstsicher.

Naja, zumindest drei von ihnen. Der Vierte, der als Einziger im sportlichen Outfit mit Jeans und kariertem Hemd erschienen war, rutschte nervös auf seinem Stuhl umher und wischte sich hin und wieder mit einem Taschentuch über die Stirn.

›Armes Schwein‹, hatte Svens Chef, der Abteilungsleiter der Deutschen Bank-Filiale in Düsseldorf, zu ihm gesagt.

›Pass auf, die anderen lassen den über die Klinge springen. Kennt man doch!‹

»Was genau wollen Sie uns denn jetzt damit sagen, Herr Lambert?« Der Ton seines Gegenübers war scharf geworden, aber Sven Lambert schien das nicht zu bemerken und lächelte in die Runde.

»Schauen Sie, meine Herren, Ihr erneuter Nachfinanzierungsantrag übersteigt einfach unsere Möglichkeiten. Die ursprünglich veranschlagten Baukosten wurden inzwischen zum dritten Mal nach oben korrigiert und wir sehen uns leider …«

»Ja, aber bei unserem Gespräch vor zehn Tagen hörte sich das doch noch ganz anders an.« Der sportlich Gekleidete mischte sich jetzt mit etwas brüchiger Stimme ein.

»Vielleicht, Herr Beckmann, aber schauen Sie, ich bin ja nur ein kleiner Bankangestellter. Die Entscheidungskompetenz liegt natürlich nicht bei mir, sondern bei meinen Vorgesetzten. Und die wiederum müssen unseren Vorstand überzeugen. Da nützt es Ihnen wirklich nichts, wenn ich von Ihrem Konzept begeistert war.«

»Und das sind Sie jetzt offensichtlich nicht mehr!« Dr. Färber hatte ein Bein über das andere geschlagen und sah Sven Lambert provozierend an.

»Darum geht es gar nicht, Herr Dr. Färber. Schauen Sie, der Kreditantrag wurde ja nicht von Ihnen persönlich gestellt«, er nickte mit dem Kopf in Richtung Dr. Färber, »und auch nicht von Ihnen, Herr Dr. Wichmann«, Kopfnicken nach rechts, »oder von Ihnen, Herr Dr. Mahlert«, Kopfnicken nach links, »sondern von der ›Kinderwunsch Privatklinik an der Kö GmbH‹. Und eine GmbH ist nun mal eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, das heißt, da steckt nicht viel Kapital hinter.«

»Aber wir haben doch unsere Kapitaleinlagen geleistet.« Dr. Färber klang immer trotziger.

»Ja, die Mindesteinlage. Was ist das schon. Schießen Sie nach, meine Herren. Beschließen Sie eine Kapitalerhöhung.«

»Kapitalerhöhung?« Dr. Wichmann, offensichtlich der Älteste im Bunde, runzelte die Stirn. »Wie viel denn?«

»100.000 sollten’s schon sein, pro Gesellschafter versteht sich.« Dr. Färber sog hörbar die Luft durch die Nase ein.

»Das können Sie vergessen, Herr Lambert. Wir haben alle drei unsere privaten Verpflichtungen, unser Kapital ist sozusagen gebunden, außerdem ist eine solche Kapitaleinlage in eine GmbH ein viel zu hohes Risiko, sagt mein Steuerberater.«

»Da hat er nicht unrecht.« Sven Lambert ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Vielleicht können Sie uns Sicherheiten über ihre privaten Immobilien geben oder eine selbstschuldnerische Bürgschaft. Auch darüber könnte man reden.«

»Nein!« Dr. Färber kam aus seiner lässigen Sitzposition hoch und setzte sich kerzengerade hin. »Ich glaube, es wird besser sein, wenn wir uns nach einer anderen Bank umsehen, die an uns glaubt und unser Vorhaben finanziert. Dann geht Ihnen allerdings ein lukratives Geschäft durch die Lappen.«

Sven Lamberts Miene blieb freundlich. Die Supervisionsschulungen der Deutschen Bank machten sich halt bezahlt. »Das, meine Herren, bleibt Ihnen natürlich freigestellt. Wir würden Ihnen da keine Steine in den Weg legen. Ganz im Gegenteil.

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