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Lady ohne Furcht und Tadel

Inhalt

  1. Über dieses Buch
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1.Tag: Mittwoch, 4. September 1754 Vom Black Swan Inn, Holbourn, London, nach Baldock, Hertfordshire
  6. 2.Tag: Donnerstag, 5. September 1754 Von Baldock, Hertfordshire, nach Wansford, Cambridgeshire
  7. 3.Tag: Freitag, 6. September 1754 Von Wansford, Cambridgeshire, nach Newark, Nottinghamshire
  8. 4.Tag: Samstag, 7. September 1754 Von Newark, Nottinghamshire, nach Doncaster, South Yorkshire
  9. 5.Tag: Sonntag, 8. September 1754 Von Doncaster, South Yorkshire, nach Wetherby, West Yorkshire
  10. 6.Tag: Montag, 9. September 1754 Von Wetherby, West Yorkshire, nach Darlington, Durham
  11. 7.Tag: Dienstag, 10. September 1754 Von Darlington, Durham, nach Newcastle, Northumberland, und weiter nach Morpeth in Richtung Elsdon, Northumberland
  12. 8.Tag: Mittwoch, 11. September 1754 Von Longwitton, Northumberland, in die Nähe von Jedborough, Schottland
  13. 9.Tag: Donnerstag, 12. September 1754 Von Morebattle, Schottland, nach Bamburgh, Northumberland
  14. 10.Tag: Freitag, 13. September 1754 Von Bamburgh, Northumberland, nach Alnwick Castle, Northumberland
  15. 11.Tag: Samstag, 14. September 1754 Alnwick Castle, Northumberland
  16. Mitte Februar 1755: Portland House, Whitehall, London
  17. Anmerkungen

Über dieses Buch

London 1754: Im Hof des »Black Swan Inn« machen sich sechs Reisende bereit für ihre Kutschfahrt nach Edinburgh. Unter ihnen die junge Samantha Fairfax – verkleidet als junger Bursche und auf der Flucht vor einer arrangierten Heirat.

In der beengten Kutsche sitzt die arme Sam ausgerechnet »Mr Rüpel« gegenüber, einem durchaus attraktiven Landschaftsarchitekten, der sich aber leider völlig ungehobelt benimmt. Ganz im Gegensatz zum eleganten französischen Comte, der immer wieder Sams Nähe sucht. Doch schon bald wird klar: Auch ihre Mitreisenden sind nicht alle die, als die sie sich ausgeben! Für die junge Frau beginnt eine abenteuerliche Fahrt mit Stationen beim Pferderennen, auf dem Jahrmarkt und auf einem Maskenball. Doch nicht nur diese Ereignisse lassen Sams Herz schneller schlagen  …

Über die Autorin

Lisa McAbbey hat Rechtswissenschaften studiert und interessiert sich als Großbritannien-Fan schon seit vielen Jahren für englische und schottische Geschichte. Sie lebt in Wien und ist für einen internationalen Konzern tätig.

Lisa McAbbey

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1. Tag

Mittwoch, 4. September 1754
Vom Black Swan Inn, Holbourn, London, nach Baldock, Hertfordshire

»Wo versteckst du dich? Komm heraus!«

Erschrocken wich Samantha Fairfax in das schützende Dunkel der hölzernen Galerie zurück, die entlang des Innenhofs des Black Swan Inn verlief. Nein, das war unmöglich! Tante Harriet konnte sie doch nicht derart rasch aufgestöbert haben. Oder etwa doch? Mit aller Macht drückte Sam sich gegen die Hauswand, als könnte sie sich auf diese Weise unsichtbar machen. Vor Aufregung schlug ihr das Herz bis zum Hals, und sie rieb die plötzlich feucht gewordenen Handinnenflächen hastig an ihren wollenen Kniehosen. Herr im Himmel, lass meine Flucht nicht bereits hier zu Ende sein!

Voller Anspannung horchte sie auf das Geräusch der Schritte, die unaufhaltsam näher kamen, und versuchte, sich für die unvermeidliche Begegnung zu wappnen. Prüfend sah sie an sich hinunter und schüttelte gleichzeitig den Kopf, als hätte sie sich innerlich selbst die Antwort auf eine Frage gegeben. Ihre Burschenkleider – der einfache braune Rock, die Filzkappe, die ausgetretenen Schuhe – würden nicht ausreichen, um sie vor den durchdringenden Augen ihrer Tante zu verbergen. Allerdings … nicht einmal der Wirt des Black Swan Inn, bei dem sie den Passagierschein für die Kutschfahrt nach Edinburgh erworben hatte, hatte ihr wahres Geschlecht erkannt. Zwar hatte er sie ausgiebig gemustert, doch dann hatte er zustimmend genickt – Tante Harriet würde sich aber sicherlich nicht täuschen lassen.

»Vater, Vater, wo bist du? Schnell, komm! Mutter braucht dich, es ist so weit.«

Ha, das war ja gar nicht Tante Harriets spitze Stimme, die markerschütternd schrill den morgendlichen Lärm des Gasthofs übertönte!

Niemand suchte nach ihr, niemand hatte ihr Geheimnis entdeckt! Erleichtert stieß Sam den Atem aus, den sie unbewusst angehalten hatte, und schloss für einen Moment die Augen. Dem Himmel sei Dank, sie hatte sich geirrt!

Nun neugierig geworden, trat Sam ein paar Schritte vor und hielt nach dem penetranten Störenfried Ausschau. Sie erspähte einen kleinen Jungen, der wild gestikulierend quer über den Hof des Gasthauses lief, von einer Ecke zur anderen, und dabei unablässig nach seinem Vater rief. Die viel zu große Jacke flatterte um seinen abgemagerten Körper, die Hose war zerlumpt, die Wangen dreckverschmiert – wohl eines der unzähligen Straßenkinder Londons und kein ungewöhnlicher Anblick in der großen Stadt.

»Vater, so komm doch! Bitte, Vater!«

Die Stimme des Knirpses klang immer verzweifelter, überschlug sich schluchzend, während er über den trotz der frühen Morgenstunde bereits geschäftigen Platz sauste, in dessen Mitte gerade eine gelb lackierte Kutsche bereit gemacht wurde. In seiner Hast rempelte der Junge einige Leute an, darunter auch Sam, zog aber sogleich seine Mütze und entschuldigte sich überschwänglich, ehe er schnell wie der Blitz in Richtung Straße davonrannte.

Sam sah ihm kopfschüttelnd hinterher, während sie die alte, ausgebeulte Reisetasche aufhob, die ihr wegen des Zusammenpralls aus der Hand gerutscht war. Sie griff nach dem kleinen Geldbeutel, den sie in einer Innentasche ihres Rocks verstaut hatte, um daraus ein paar Münzen für den Reiseproviant hervorzukramen. Doch der Griff ging ins Leere, und da wurde ihr schlagartig klar, dass der freche Bengel seine dramatisch inszenierte Hilfesuche dazu genutzt hatte, ihre Börse zu stehlen. Dieser unverschämte Lümmel!

Ohne zu zögern, ließ Sam die Reisetasche wieder fallen und hetzte dem kleinen Gauner laut schreiend hinterher: »Haltet den Dieb! Haltet ihn!« Sie konnte keinesfalls zulassen, dass der Lump mit dem Geld entkam – es war alles, was sie besaß.

Schon hatte der Junge das Einfahrtstor des Gasthofes erreicht und würde jeden Moment im Gewühl der Holbourn Hill Street untertauchen, da bog ein vornehmer Gentleman in einem fliederfarbenen Rock in den Hof des Black Swan Inn und geradewegs in den Fluchtweg des dreisten Langfingers. Geistesgegenwärtig manövrierte der Herr seinen Spazierstock aus Ebenholz vor die Beine des Diebes, sodass dieser darüberstolperte und fluchend zu Boden stürzte. Bevor der Knirps sich aufrappeln konnte, hatte der Gentleman ihn am Kragen seiner schäbigen Jacke hochgezogen und ihm geschwind die Beute abgenommen.

»Du kommst mit mir zum Wirt, petit filou!«, rief er mit unüberhörbar französischem Akzent. »Master Frohock wird dich dem Magistrat übergeben, damit du deine verdiente Strafe in Empfang nehmen kannst.«

Wenig zimperlich packte er den spindeldürren Strolch am Arm und erhob drohend seinen Spazierstock, doch der Junge wand sich geschickt wie ein Aal und schaffte es schließlich, sich aus dem Griff des Gentlemans zu befreien. Flink wie der Wind stürmte er davon und war alsbald im morgendlichen Getümmel Londons entschwunden.

»Merde!«, schimpfte der Herr indigniert. »Das hat der kleine Gauner nicht zum ersten Mal gemacht!« Sorgfältig klopfte er seinen Rock sauber und überreichte dann Sam den wiedergewonnenen Geldbeutel. »Voilà, junger Mann, hier ist dein porte-monnaie. Du solltest künftig besser darauf achtgeben. In solch einer großen Stadt lauern überall Gefahren.«

Während Sam sich gebührlich verbeugte, musterte sie den französischen Gentleman verstohlen aus dem Augenwinkel. So beeindruckt war sie von der eleganten Erscheinung und der edlen Gesinnung ihres Retters, dass sie stattdessen beinahe einen damenhaften Knicks vollführt hätte. Zum Glück erinnerte sie sich aber gerade noch rechtzeitig an ihre Rolle als einfacher Geselle, bevor sie sich in weiteres Unglück verstricken konnte.

Dass sie dermaßen verwirrt war, war aber keineswegs verwunderlich, fand sie. Vor ihr stand nämlich, das konnte man ohne Übertreibung sagen, der schönste Mann, der ihr jemals begegnet war. Von mittelgroßer, schlanker Gestalt, mit goldblonden Locken und dem Gesicht eines römischen Gottes, war er überdies nach der letzten Mode gekleidet – eindeutig französisch – und verströmte den Duft eines eleganten Parfums.

Etwas atemlos erwiderte sie schließlich: »Vielen Dank, edler Herr, für Eure Hilfe! Euer beherztes Eingreifen hat meinen Tag gerettet, und vielmehr noch – meine ganze Reise! Ohne Geld könnte ich wohl niemals nach Edinburgh gelangen, und in Zukunft werde ich meine Börse sicherlich besser bewachen.« Mit bewunderndem Blick verbeugte sie sich ein zweites Mal. Keine Frage, der Herr verkörperte den perfekten Gentleman – und wie ein solcher hatte er sich auch verhalten. Etwas verspätet fiel ihr ein, dass sie sich gar nicht vorgestellt hatte. »Mein Name ist Samuel Hart, Sir, und ich bin Euch zu ewigem Dank verpflichtet.«

Der französische Herr lächelte freundlich und stellte dann mit einem Kopfnicken zur gelben Kutsche hin fest: »Es scheint, als ob wir dieselbe Carrosse gebucht hätten, Samuel.«

Ob dieser erfreulichen Aussicht entschlüpfte Sam, ehe sie sich zurückhalten konnte, ein begeistertes »Oh, das ist ja wunderbar!«, woraufhin der Gentleman erneut lächelte und sich dann auf die Suche nach dem Wirt begab, wohl um die Reiseformalitäten zu erledigen. Sam sah dem vornehmen Herrn eine Weile versonnen hinterher.

Ach, welch ein Held! Einzig und allein ihm war es zu verdanken, dass ihre Flucht nicht schon hier und jetzt ein vorzeitiges Ende gefunden hatte. Und nun würde sie zusammen mit ihrem gut aussehenden Retter sogar nach Schottland reisen. Wenn das keine Fügung des Schicksals war!

»Geschätzte Herrschaften, die Kutsche nach Edinburgh ist zur Abfahrt bereit! Alles einsteigen, werte Damen und Herren!«

Master Frohocks eindringliche Stimme riss Sam aus ihren Tagträumereien. Inzwischen hatten Knechte in geübter Routine vier stämmige Pferde vor die Karosse gespannt, und in der Sekunde befestigten sie die Truhen der ersten Passagiere auf dem Kutschendach. Das Black Swan Inn, ein schöner roter Ziegelbau aus Tudorzeiten, mit Bleiglasfenstern und vorspringenden Erkern, war nicht nur für sein dunkles Ale weitum berühmt, sondern auch ein beliebter Treffpunkt für Reisende.

Master Frohock, der Wirt, betrieb einen Kutschendienst zwischen London und Edinburgh – mit drei Abfahrten pro Woche, jeweils montags, mittwochs und freitags. Voller Stolz hatte er Sam, als sie ihre Fahrkarte gekauft hatte, erklärt, dass seine Kutschen als eine der ersten in England sowohl hinten als auch vorn mit Stahlfederungen ausgestattet wären. Auch mit Glasscheiben könne er aufwarten. Durch diese neue und leichtere Bauweise wäre es nun möglich, die Strecke von London nach Edinburgh im Sommer in nur zehn Tagen zu bewerkstelligen, vorausgesetzt, dass keine unvorhergesehenen Zwischenfälle eintraten. Der Preis von vier Pfund fünfzehn Schilling pro Fahrkarte wäre daher, so der Wirt, keineswegs übertrieben, sondern bei dem gebotenen Komfort geradezu spottbillig. Überdies wäre die Kutsche sehr großzügig gebaut und könnte daher sechs Passagieren bequem Platz bieten, wogegen die meisten anderen Fahrzeuge dieser Art im Wageninneren nur vier Personen befördern konnten.

Sam war sich nicht sicher, ob dies tatsächlich ein Vorteil war. Man konnte ja nie wissen, mit wem man solch ein Gefährt teilen musste. Und wenn man schon gezwungen war, mit irgendwelchen unangenehmen oder gar übel riechenden Zeitgenossen mehr als eine Woche lang in einer Kutsche zu reisen, dann wäre es doch mit nur dreien sicherlich erträglicher als mit fünfen. Welch ein Glück, dass zumindest einer ihrer Mitreisenden alles andere als unangenehm und übel riechend war!

»Ihre Gepäckstücke, werte Herrschaften!«, wiederholte Master Frohock seine Aufforderung, und Sam beeilte sich, zur Kutsche hinüberzulaufen. Endlich war es so weit, die Reise in ihr neues Leben begann!

Mit klopfendem Herzen zeigte sie dem Wirt ihren Passagierschein, übergab einem der Knechte die alte Tasche mit den wenigen Habseligkeiten, die sie besaß, und kletterte hurtig in die Karosse.

Sogleich schlug ihr der Geruch von Knoblauch und neuem Leder entgegen. Vier Passagiere hatten bereits ihre Plätze eingenommen, und Sam setzte sich direkt ans Fenster, neben eine ältere, rundliche Frau mit gutmütigem Gesicht.

»Guten Morgen«, grüßte sie mit betont tiefer Stimme in die Runde und bekam ein vierstimmiges Brummen als Antwort. Vier Augenpaare musterten sie, und als diese sich – ohne außergewöhnliche Reaktionen zu zeigen – wieder abwandten, fühlte Sam etwas von der Anspannung von sich abfallen, die sich ihrer beim Einstieg wieder bemächtigt hatte. Keiner der vier Passagiere hatte ihr wahres Geschlecht erkannt! Erleichtert zog sie die Filzkappe von den kastanienbraunen Locken, die sie mit einem Stück Leder im Nacken zusammengebunden hatte. Ein prüfender Blick in die Fensterscheibe der Kutsche zeigte ihr, etwas verschwommen, das bartlose Gesicht eines jungen Burschen. Jung und unauffällig. Genauso unauffällig wie der männliche Deckname, den sie sich für diese Reise zugelegt hatte: Samuel Hart. Der Name klang unverfänglich, fand sie, ein Allerweltsname, wie er wohl zuhauf vorkam. Und da ihr Vorname, sowohl ihr eigener als auch der ihres Alter Egos, abgekürzt gleichermaßen Sam lautete, würde sie nicht Gefahr laufen, gar nicht oder zu spät zu reagieren, sollte jemand sie unvermittelt ansprechen – zumal auch schon ihre Eltern sie so gerufen hatten.

»Potzdautz, wo bleibt nur der letzte Passagier?«, schimpfte der beleibte Herr ungeduldig, der auf der gegenüberliegenden Sitzbank hockte – oder besser schnaufte. Etwa fünfzig Jahre alt, mit gepuderter Perücke und kunstvoll geschnitztem Spazierstock, hatte er seinen umfangreichen Wanst in einen viel zu engen taubenblauen Rock gezwängt, aus dessen Ärmel- und Halsöffnungen reichlich Rüschen hervorquollen.

»Auf jeder Reise gibt es zumindest einen, dem es stets fürchterlich pressiert«, stellte ein dünner Herr mit spitzer Nase missmutig fest, ohne dabei den Blick von dem Stapel Papiere zu heben, den er auf seinen knochigen Knien balancierte und durch seine Brillengläser hindurch studierte. Er saß auf der anderen Seite von Sams Sitznachbarin und trug einen schwarzen Rock sowie eine graubraune, etwas schäbige Perücke, nach der Art des Advokatenstandes. Sein Alter war schwer einzuschätzen, befand Sam, möglicherweise zählte er nicht mehr als dreißig Jahre, möglicherweise aber auch bedeutend mehr.

Ob dieses eindeutigen Affronts färbten sich die Wangen des beleibten Herrn zornesrot, und Sam nickte ihm rasch verständig zu. Auch sie selbst wäre lieber schon unterwegs, als hier warten zu müssen – je länger sie in London verblieb, desto höher war die Chance, dass ihre Verwandten sie aufspürten.

»Ach, keine Bange, meine Herren«, mischte sich da Sams Sitznachbarin ein, »Master Frohock achtet gewisslich auf eine pünktliche Abfahrt.« Etwas umständlich kramte sie aus einem Beutel Strickzeug hervor, wickelte den wollenen Faden um ihren Zeigefinger, und während sie sich lächelnd als Mrs MacDonald aus Whitechapel, London, vorstellte, begann sie eifrig, mit den Nadeln zu klappern.

»Charles Chandler«, erwiderte der Herr im taubenblauen Rock, der, nun abgelenkt, den Grund für seinen Ärger bereits zu vergessen haben schien. »Ich treibe Handel mit exklusiven Wollstoffen und führe Läden in London, Bath und Lincoln.« Dabei zupfte er an seiner teuren silberfarbenen Perücke herum, wohl, um die Bedeutung seiner Person hervorzustreichen. »Ich bin auf dem Weg nach Edinburgh, um neue Ware einzukaufen.«

»Samuel Hart«, führte Sam die Vorstellungsrunde fort. »Ich werde bei einem Buchhändler in Edinburgh eine Gehilfenstelle antreten.«

Auf diese Ankündigung hin schüttelte Mr Chandler verständnislos den Kopf. »Das ist ja grundsätzlich ein lobenswertes Unterfangen«, meinte er, »aber warum du dir dafür nicht eine Anstellung in London suchst, ist mir unbegreiflich. Dieses Schottland ist ein verdammt raues und unwirtliches Land, viel zu rau für unsereins.«

Mr Chandlers Sitznachbar, ein älterer, unscheinbarer Herr, der seiner Kleidung nach dem Pastorenstand angehörte, räusperte sich verstimmt, woraufhin der Kaufmann sich beeilte, sich für seine ungestüme Ausdrucksweise zu entschuldigen.

»Da kann man sagen, was man will«, schloss er, »diese Schotten sind eben Wilde! Gegen ihren Whisky gibt es ja nichts einzuwenden, und ihre Schafwolle ist sicherlich die beste, die ich kenne, aber alles andere … na ja …«

Weitere Ausführungen zu den nördlichen Nachbarn musste Mr Chandler vorerst für sich behalten, denn in diesem Moment kletterte Sams Retter, der vornehme französische Herr, in die Kutsche und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Als er neben dem Pastor Platz nahm, hüllte er das Wageninnere in eine Wolke seines elegant duftenden Parfums.

»Chère Madame«, verbeugte er sich in Richtung Mrs MacDonalds und zog dabei seinen Dreispitz, »et Messieurs, einen wunderschönen guten Morgen! Maurice Alphonse Lucien Lascar, Comte de la Chasse. Lassen Sie mich meiner überschwänglichen Freude Ausdruck verleihen, diese Reise in solch vortrefflicher Gesellschaft zu unternehmen. Es ist mir eine ganz besondere Ehre, meine Herrschaften!«

Sam, mehr als hingerissen von solch untadeligen Manieren, lauschte wohlwollend der gefälligen Rede, und Mrs MacDonald erging es wohl ähnlich, denn – sichtlich geschmeichelt von der vornehmen Begrüßung – murmelte sie bewundernd: »Oh, ein Comte! Und fürwahr ein echter Gentleman!«

»Ah, Ihr kommt aus Frankreich, Mylord«, warf Mr Chandler interessiert ein, »darf ich fragen, aus welcher Gegend? Ihr müsst wissen, als Kaufmann reise ich sehr viel, häufig auch in die Picardie und nach Flandern.« Voller Stolz reckte er seine rüschenbedeckte Brust.

Der Comte drehte sich langsam zu Mr Chandler und musterte ihn eingehend, ehe er antwortete: »Aus der Hauptstadt natürlich, guter Mann, Paris ist die herrlichste Stadt der Welt. Wie es der Zufall will, reise ich auch hin und wieder«, dabei zwinkerte er belustigt mit den Augen, »ich habe unter anderem Rom, Venedig, Florenz, Wien und Athen besucht, Orte, die die Wiege unserer Kultur darstellen. Aber mit der wundervollen Perle an der Seine kann es keine dieser Städte aufnehmen, seien Sie dessen versichert.«

»In Eurer Aufzählung, Mylord«, wies Mr Chandler hin, »habt Ihr die wichtigste Metropole von allen vergessen: London ist die Hauptstadt eines Weltreiches, London …«

Doch der Comte ließ ihn nicht aussprechen. »Mein guter Mann«, entgegnete er, »London ist eine Stadt der Kaufleute, der Ostindienschifffahrt, eine Stadt des Handels und der Finanzen, geschäftig, bieder und farblos. Im Vergleich dazu verkörpert Paris Leichtigkeit, Élégance und Esprit. Denken Sie nur an all die prunkvollen Châteaus und Hôtels, an die prächtigen Parks mit kunstvoll gestutzten Bäumen, in denen elegante Damen und Herren in seidenen Roben flanieren. Dagegen gibt es in London meist nur Nebel und Kälte und ekelhaften … äh … Odeur

Missbilligend rümpfte er die Nase, und nachdem am heutigen Morgen der Gestank der Themse besonders intensiv durch die Gassen von Holbourn waberte, konnte Sam dem Comte hinsichtlich seiner letzten Feststellung nur aus vollem Herzen zustimmen. Sie schmunzelte über sein offensichtliches Unbehagen, war gleichzeitig aber voller Bewunderung für die Weltgewandtheit des französischen Herrn. Bei seiner Aufzählung all der berühmten Städte war ihr ganz warm ums Herz geworden. Oh, wie wundervoll musste es sein, an der Seite eines solch geistreichen Gentlemans wie dem Comte all diese großartigen Orte zu besuchen, von denen sie bisher nur in Büchern gelesen hatte!

Mr Chandler begann eine weit ausholende Verteidigungsrede zugunsten seiner Heimatstadt, doch zum erneuten Male wurde er unterbrochen, dieses Mal von der lauten und eindeutig verärgerten Stimme des Wirts.

»Wo zum Teufel bleibt der letzte Passagier?«, rief Master Frohock, während er vor der gelben Karosse ungeduldig auf und ab lief. »Wenn die Kutsche mit Verspätung abfährt, kann man das ganz gewiss nicht mir zum Vorwurf machen!« Mit gekrauster Stirn blickte er abwechselnd auf das Ziffernblatt seiner Taschenuhr und zur Hofeinfahrt hin.

»Aber, Herr Wirt«, winkte der Pastor ihm zu, »wir sind doch schon vollzählig! Hier drinnen sitzen sechs Personen, da fehlt keiner mehr.«

Nun steckte Master Frohock den Kopf durch die Kutschentür und gab mit einem verschämten Grinsen zu, dass er noch ein siebentes Ticket verkauft hatte und dass die Passagiere deshalb ein wenig zusammenrücken müssten. »Aber einige von Ihnen«, dabei fasste er insbesondere den dünnen Herrn mit der spitzen Nase sowie Sam ins Auge, »sind ja recht zart gebaut. Da ist das doch sicherlich keine Schwierigkeit.«

»Was erlauben Sie sich, Herr Wirt?«, echauffierte sich der Angesprochene sogleich. »Jeder von uns hat den vollen Fahrpreis bezahlt, und daher hat auch jeder von uns Anspruch auf einen vollwertigen Sitzplatz. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich dem Advokatenstand angehöre und mir eine solche Behandlung keinesfalls gefallen lasse.«

»Ja, ja, schon gut«, lenkte Master Frohock beschwichtigend ein, »über den Preis lässt sich ja noch reden. Wie wäre es, wenn das heutige Abendessen auf meine Rechnung ginge? Sind wir dann quitt?«

Zumindest Mr Chandler war über diese Nachricht hocherfreut, denn er klopfte dem Rechtsanwalt beruhigend auf dessen Knie – oder eigentlich auf den Papierstoß darauf –, was dessen Nase verärgert zucken ließ. »Das ist ein Angebot, das wir nicht ausschlagen können, Herr Advokat! Nun vergessen Sie doch für einen Augenblick Ihren Standesdünkel und lassen uns ein wenig zusammenrücken. Hier ist genügend Platz für uns alle. Und wir wollen diese Reise doch nicht mit einem Streit beginnen, nicht wahr?«

Der Rechtsanwalt murmelte ein paar unverständliche Worte und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Wie Sie meinen! Ich wollte Ihnen nur zu Ihrem Recht verhelfen, aber wenn Sie keinen Wert darauf legen, bitte sehr. Ich gehöre fürwahr nicht zu der aufdringlichen Sorte von Mensch.« Damit widmete er sich wieder dem Stapel Dokumenten auf seinem Schoß.

Nachdem sich alle Passagiere mit dem Angebot des Wirts einverstanden erklärt hatten, hieß es nun, auf den siebenten Fahrgast zu warten, was Sam ganz und gar nicht leichtfiel. Jede weitere Minute, die sie in London zubrachte, konnte ihre Entdeckung bedeuten – und damit das vorzeitige Ende ihrer Flucht. Gott bewahre, wenn das geschähe! Die frühere Anspannung kehrte mit geballter Wucht zurück, und sie musste sich zwingen, nicht vor Aufregung mit den Füßen zu wippen oder die Hände zu kneten. Halte durch, Mädchen, ermahnte sie sich selbst im Stillen. Wollte sie vermeiden, dass jemand Verdacht schöpfte, durfte sie sich nichts anmerken lassen. Sapperment, wo blieb nur der siebente Passagier?

Tante Harriet, da war Sam sich sicher, würde nichts unversucht lassen, um sie einzufangen und nach Sussex zurückzubringen. Zu viel stand für ihre geldgierigen Verwandten auf dem Spiel, das wusste sie nun. Inzwischen, davon ging sie aus, war ihr Verschwinden längst bemerkt worden. Sie konnte nur hoffen, dass niemandem das Fehlen der Mannskleider aufgefallen war, die sie aus der Wäschekammer entwendet hatte, um sich für ihre Reise in einen Burschen zu verwandeln. Sogar die Haare hatte sie auf Schulterlänge abgeschnitten, und da ihr Busen nicht zur üppigen Sorte gehörte, war ihr Schnürmieder ausreichend, um ihre weiblichen Formen zu verbergen. Die Yieldings, so hoffte Sam, würden also nach einer jungen Frau suchen, nicht nach einem einfachen Gesellen.

Gestern, in aller Frühe, noch vor Sonnenaufgang, war Sam heimlich aus dem Haus der Yieldings in Harting, Sussex, geschlichen, nachdem sie zwei Hemden sowie ein paar kleine Andenken an ihre verstorbenen Eltern in eine alte Reisetasche gestopft hatte. Im nächsten Dorf hatte ein Bauer sie mit seinem Fuhrwerk nach Midhurst und ein anderer weiter nach Guildford mitgenommen, wo sie sich einer Schaustellertruppe angeschlossen hatte, die über Epsom nach Southwark unterwegs war, um ihre Künste am alljährlich stattfindenden Southwark Fair darzubieten. Den Rest des Weges hatte Sam zu Fuß zurückgelegt und schließlich über die London Bridge ihre alte Heimatstadt erreicht, wo sie in Holbourn beim Wirt des Black Swan Inn einen Passagierschein für die nächste Kutsche nach Edinburgh erstanden hatte.

Ja, sie wollte nach Schottland, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ausgiebigst hatte sie hin und her überlegt, was das geeignetste Ziel ihrer Flucht sein könnte, und hatte sich schließlich für Schottland entschieden. Zugegeben, dieses Land war Sam gänzlich unbekannt, denn sie war bisher nie nördlicher als nach Oxford gekommen. Zudem hielten manche die Schotten für wilde Barbaren, denen jegliche moderne Zivilisation fremd war. Dennoch gab es zwei gewichtige Gründe, die für Schottland sprachen: Zum einen erschien es ihr weit genug von Sussex entfernt, um vor ihren Verwandten sicher zu sein, zum anderen hoffte sie dort auf die Hilfe der Schwester ihres Vaters. Zwar hatte sie diese Tante niemals kennengelernt, doch wusste sie aus Erzählungen ihrer Eltern, dass sie nach der Heirat mit einem schottischen Ingenieur in die Nähe von Stirling gezogen war. Wohin genau, war Sam zwar nicht bekannt, dennoch war sie zuversichtlich, dass sie diese Tante ausfindig machen konnte – wenn sie denn überhaupt noch am Leben war. Zur Not wollte sie sich mit Arbeiten als Gouvernante oder Kindermädchen über Wasser halten – wichtig war nur, dass die Yieldings ihrer nicht habhaft werden konnten.

Nichts davon, das war Sam klar, konnte sie ihren Reisegefährten anvertrauen. Dennoch plagte sie das schlechte Gewissen, weil sie sich – auch wenn es ihrem eigenen Schutz diente – mit Lügengeschichten behelfen musste. Weder hatte sie eine Stelle bei einem Buchhändler in Edinburgh in Aussicht, wie sie vorhin vollmundig behauptet hatte, noch war sie das, was ihre Aufmachung glauben machte. Unvermittelt wanderte ihr Blick zu dem älteren Herrn, dessen Hals ein weißer Pastorenkragen zierte. Als seine gutmütigen Augen ihr aufmunternd zuzwinkerten, färbten sich Sams Wangen vor Scham. Rasch senkte sie den Kopf und gab vor, einen Hustenanfall unterdrücken zu müssen – bei der übermäßig hohen Dosis an Moschusessenzen in der Luft kein völlig abwegiges Verhalten. Die Freundlichkeit des Pastors, so befürchtete sie, wäre schnell verflogen, kannte er erst die Wahrheit. Gewisslich war es sündhaft, wenn ein Frauenzimmer Mannskleider trug und sich als Bursche ausgab. Und wenngleich all ihre Lügen durch widrige Umstände erzwungen waren, war sie sich keineswegs sicher, ob ein Vertreter der anglikanischen Kirche diese feine Unterscheidung anerkennen würde. Wenigstens, so dachte sie bei sich, war es nicht gelogen, dass sie nach Edinburgh reiste, um dort ein neues Leben zu beginnen.

»Na endlich, Mister, wir können nicht ewig warten!«

Die mürrische, gleichzeitig aber erleichtert klingende Stimme des Wirts drang in die Kutsche und ließ Sam aufhorchen. »Geben Sie dem Knecht dort Ihre Tasche, beeilen Sie sich!«

Gleich darauf neigte sich die Karosse zur Seite, und ein ungewöhnlich großer Mann bückte sich ins Wageninnere. Etwas umständlich nahm er gegenüber von Sam Platz, wobei er seinen Sitznachbarn, Mr Chandler, mehrfach anrempelte. Dieser gab einige Unmutslaute von sich, doch der Mann bezog diese offensichtlich nicht auf seine Person, denn er nickte nur kurz in die Runde der Passagiere und brummte ein knappes »Guten Morgen«, ehe er unbeirrt fortfuhr, sich auf seinem Sitzplatz einzurichten – nicht ohne seinen Nachbarn immer wieder versehentlich anzustoßen. Schließlich faltete er seinen Mantel zusammen und verwendete das Bündel als Kissenersatz. Dann schloss er die Augen und fiel offenbar unverzüglich in einen tiefen Schlummer.

Sam schüttelte erbost den Kopf. Völlig rücksichtslos hatte der Mann seine langen Beine ausgestreckt, wodurch sie, da sie ihm unmittelbar gegenübersaß, in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt wurde. Da er aber bereits zu schlafen schien, konnte sie ihn nicht einmal auf seine Unhöflichkeit aufmerksam machen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Beine an die Kutschenwand zu pressen, um nicht in Kontakt mit den Extremitäten ihres Vis-à-vis zu gelangen.

Offensichtlich hatte der Kaufmann ihr Unbehagen bemerkt, denn mit gesenkter Stimme meinte er: »Mein Junge, auf Reisen wie diesen trifft man leider immer wieder auf Zeitgenossen, die nur an ihre eigene Bequemlichkeit denken. Aufgrund meiner umfangreichen Erfahrungen diesbezüglich weiß ich nur allzu gut, wovon ich spreche.« Mit gewichtiger Miene zupfte er die für einen Mann seines Standes viel zu prächtigen Spitzen seiner Hemdsärmel zurecht.

Der Pastor, seit dem Eintreffen des letzten Fahrgastes zwischen Mr Chandler und dem Comte regelrecht eingepfercht, mischte sich beschwichtigend ein: »Es steht uns nicht zu, den Mann zu verurteilen. Vielleicht ist es ihm gar nicht aufgefallen, dass er Sie gestoßen hat.«

»Ach«, flötete da Mrs MacDonald mit für Sam ganz und gar unverständlicher Bewunderung, »er ist doch so ein großer, strammer Bursche. Irgendwo muss er ja seine langen Gliedmaßen verstauen, nicht wahr?«

»Pah, dass ich nicht lache«, meldete sich der dünne Herr mit der spitzen Nase zu Wort, der sich vorhin als Advokat bezeichnet hatte. »Eine Unverschämtheit ist das, sonst gar nichts! Manche Personen meinen, sich Vorrechte herausnehmen zu können, die ihnen nicht zustehen. Solche Rüpel muss man beizeiten auf den ihnen gebührenden Platz verweisen. Am besten rufen wir den Wirt oder gleich einen Constable.«

Das ging nun aber doch entschieden zu weit, dachte Sam. Zwar war sie über die Unhöflichkeit ihres Gegenübers ebenfalls empört, aber das Ansinnen des Rechtsanwalts schien ihr doch stark übertrieben. Man könnte beinahe meinen, er würde den Mann am liebsten ins Gefängnis werfen lassen.

In diesem Moment steckte der Wirt ein zweites Mal den Kopf ins Wageninnere und ließ seinen Blick prüfend über die Fahrgäste schweifen.

»Meine Herren«, erklärte er, »ich würde empfehlen, dass einer von Ihnen« – dabei deutete er auf den Pastor und den Comte – »auf der gegenüberliegenden Bank Platz nimmt. Die scheint mir besser geeignet für vier Personen. In der jetzigen Konstellation könnte es für sie etwas unbequem werden.«

»Ein ausgezeichneter Vorschlag, Master Frohock!«, rief der Pastor zustimmend. Seit dem Eintreffen des siebenten Passagiers war es für ihn sehr ungemütlich geworden, denn keiner seiner drei Sitznachbarn, am allerwenigsten der füllige Mr Chandler, war von zarter Statur. »Wenn Sie gestatten, wechsle ich auf die andere Seite.«

Zwar warf der dünne Advokat dem Wirt über den Rand seiner Brille hinweg einen giftigen Blick zu, doch rückte er dann – so wie Mrs MacDonald und Sam – bereitwillig zur Seite, um dem Pastor Platz zu machen.

»Oooch«, rief dieser erleichtert, als er sich auf seinem neuen Sitz niedergelassen hatte, »was für eine Wohltat, wieder Luft schöpfen zu können!«

Master Frohock grinste und wünschte den Passagieren eine gute Reise, schloss – gerade als der Advokat neuerlich seinen Mund öffnete, wohl zu einer weiteren Beschwerde – hastig den Verschlag und gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt.

Doch so einfach ließ sich der Rechtsanwalt nicht den Mund verbieten. Er zeterte vor sich hin, über die vorherrschenden schlechten Manieren generell wie auch von ganz bestimmten Leuten, und gab erst widerwillig Ruhe, als der Pastor – wofür ihm Sam aufrichtig dankbar war – einlenkend meinte: »Na, na, mein Sohn, lassen Sie es gut sein! Wahrscheinlich hat der Mann nur aus Müdigkeit so gedankenlos gehandelt.«

Der zuletzt zugestiegene Passagier schien von all dem Gezänk um seine Person gar nichts mitzubekommen, denn unbekümmert schlief er tief und fest in seiner Ecke.

Und dann endlich – endlich! – setzte sich die Kutsche mit einem kräftigen Ruck in Bewegung und verließ polternd den Hof des Black Swan Inn. Es wurde auch höchste Zeit, atmete Sam erleichtert auf. Allerhöchste Zeit!

Die Peitsche des Kutschers knallte durch die Luft, um seinem Gefährt auf dem bereits frühmorgens überfüllten Holbourn Hill Platz zu verschaffen. Mit Bierfässern beladene Fuhrwerke rumpelten vorbei, Marktleute schoben ihre Karren in Richtung Fleet Market, und Matrosen eilten im Laufschritt hinunter zum Fluss. Hie und da sah man bereits Sänftenträger ihre zahlungskräftigen Lasten durch das morgendliche Gewühl transportieren. Leise seufzend lehnte Sam den Kopf zurück. Ach, wie gern wäre sie länger in London geblieben! In dieser Stadt war sie aufgewachsen; wie einen Schatz hütete sie die Erinnerungen, die sie mit diesen Straßen und Gassen verband. Nicht unweit von hier, am Bloomsbury Square, hatte Sam zusammen mit ihren geliebten Eltern in einem schönen Stadthaus gewohnt. Wie alle Mädchen ihres Standes hatte sie die Vorzüge genossen, die eine Metropole wie London den Begüterten zu bieten hatte: Einkaufen in der Bond Street, Theaterbesuche in der Drury Lane, Ausreiten im Hyde Park, Lustwandeln in den Vauxhall Gardens. Dann aber, in jenem schrecklichen Sommer vor vier Jahren, hatte Sam nicht nur von diesem unbeschwerten Leben Abschied nehmen müssen, sondern auch von ihrer Heimatstadt. Doch trotz der langen Abwesenheit erschien ihr hier immer noch alles vertraut wie eh und je. Als würde sie eine liebe alte Freundin nach langer Trennung wiedersehen.

Während die Kutsche in westlicher Richtung stadtauswärts holperte, sog Sam begierig alle Eindrücke auf, die an ihrem Fenster vorbeizogen. Sie erkannte die altertümliche Fassade des Staple Inn mit seinen Giebeldächern und überhängenden Obergeschossen. Hier hatte ihr Vater als Student der Rechte eine Kammer bewohnt. Bald darauf – die Kutsche war inzwischen in die nördlich verlaufende Gray’s Inn Lane eingebogen – erspähte sie das Foundling Hospital, jenes vom wohltätigen Captain Coram gegründete Waisenhaus, in dem Sam einmal zusammen mit ihren Eltern ein Konzert des berühmten Herrn Händel besucht hatte. Sie beobachtete Handwerker, die sich in ihren Läden zu schaffen machten, eine gähnende Dienstmagd, die die Nachttöpfe ihrer Herrschaft auf der Straße entleerte, und einen fahrenden Kesselflicker, der lauthals seine Dienste anbot.

Allmählich wichen die engen Straßen und Gassen weitläufigen Wiesen und Feldern. Die Kutsche rollte durch die beschaulichen Ortschaften St Pancras und Kentish Town und erklomm dann den Hügel nach Highgate, einem idyllischen Dorf mit hübschen Häusern und einem einzigartigen Ausblick über die Stadt an der Themse. Hier war der Nebel, der in der Metropole auch an diesem Morgen so hartnäckig in allen Winkeln hockte, weniger durchdringend, und die Luft war reiner und klarer. Nach und nach kämpfte sich die Sonne durch das Grau und tauchte alles in ein warmes goldenes Licht. Ein idyllischer Septembertag kündigte sich an. Und dies, so dachte sie wehmütig, war wahrscheinlich ihr letzter Blick auf die Stadt ihrer Kindheit.

Sam schloss die Augen und ließ ihre Gedanken zurückwandern zu jenem verheerenden Sommer des Jahres 1750, in dem ihr bis dahin behütetes und von Liebe erfülltes Leben ein jähes Ende gefunden hatte. In jenem Sommer vor vier Jahren, Sam hatte gerade ihren vierzehnten Geburtstag gefeiert, waren ihre Eltern am Fleckfieber gestorben.

Die todbringende Seuche hatte damals wochenlang in London gewütet und Hunderte Menschen dahingerafft. Ausgebrochen war sie im Gerichtssaal des Old Bailey, wohin man Häftlinge des Newgate-Gefängnisses zu ihren Verhandlungen gebracht hatte. Darunter waren einige, die vom Kerkerfieber, wie die Seuche auch genannt wurde, befallen waren. Bald sollte sich herausstellen, dass sich die meisten der damals Anwesenden – Richter, Beamte, Häftlinge, Zuseher – angesteckt hatten, unter ihnen auch der Lord Mayor von London sowie Sams Vater, der unglücklicherweise an jenem verhängnisvollen Tag den Vorsitz innegehabt hatte.

Binnen kürzester Zeit hatte sich das Fieber über weite Teile der Stadt ausgebreitet. Diejenigen, die es sich hatten leisten können, hatten London fluchtartig verlassen, um in ihren Sommerhäusern oder bei Verwandten das Ende der tödlichen Gefahr abzuwarten. Auch Sams Vater hatte darauf bestanden, dass Sam und ihre Mutter zu den Yieldings nach Sussex reisten, obschon er selbst sich strikt geweigert hatte, London den Rücken zu kehren. Der oberste Strafrichter Englands dürfe, so hatte er erklärt, in solch schweren Zeiten sein Amt nicht im Stich lassen, sondern müsse darauf achten, dass der gewohnte Gang der Dinge fortgesetzt und die Ordnung aufrechterhalten würde. Trotz all ihres Flehens hatte er sich nicht erweichen lassen, und so war Sam schließlich allein – ihre Mutter wollte ihrem Ehemann unter keinen Umständen von der Seite weichen – zu Tante Harriet und Onkel Jonathan nach Sussex aufgebrochen. Es sollte ein Abschied für immer sein.

Nicht einmal drei Wochen später hatte Sam die Nachricht vom Tod ihrer Eltern erhalten. Die beiden Menschen, die ihr das Liebste auf der Welt waren, ihr ein und alles, waren kurz hintereinander zu Opfern des hinterhältigen Fiebers geworden. Bis zum heutigen Tage machte Sam sich große Vorwürfe, weil sie ihren Eltern in jener schweren Zeit nicht hatte beistehen können. Währenddessen sie fern der todverseuchten Hauptstadt in Sussex in Sicherheit geweilt war, hatten ihre Eltern – nur Gott weiß, unter welch erbärmlichen Umständen – um ihr Leben gekämpft.

Verstohlen wischte sich Sam über die Augen. Jedes Mal, wenn sie an ihre Eltern dachte, kamen ihr die Tränen, auch nach all den Jahren. Der Schmerz und die Trauer über deren Verlust waren noch immer tief in ihr, und – wie sie sich eingestehen musste – auch etwas Selbstmitleid. Denn in jenem fatalen Sommer hatte Sam nicht nur ihre über alles geliebten Eltern verloren, sondern auch ihr bis dahin vertrautes und – wie sie jetzt wusste – sehr behütetes Leben. Nichts und niemand hätte sie je darauf vorbereiten können, was sie bei den Yieldings erwarten würde.

Eigentlich hatte Sam immer durchaus angenehme Erinnerungen an die Aufenthalte bei ihren Verwandten in Sussex gehabt. Jedes Jahr hatten die Fairfaxes auf Einladung Sir Jonathan Yieldings hin ein paar Wochen in Uppark House, Harting, verbracht und das dortige Landleben genossen. Gemeinsam mit Sir Jonathan, dem älteren und einzigen Bruder von Sams Mutter, hatten sie herrliche Ausritte und ausgedehnte Spaziergänge unternommen. Abends waren die beiden Familien am offenen Kamin zusammengesessen, hatten sich unterhalten, Neuigkeiten ausgetauscht oder einem der Musikstücke gelauscht, die Sams Mutter am Clavichord dargeboten hatte.

Nun ja, zugegeben, der herzliche Empfang der Fairfaxes hatte sich auf Sams Onkel, Sir Jonathan, beschränkt. Zwischen Sam und den beiden Töchtern der Yieldings, Henrietta und Margaret, hatten sich, um es gelinde auszudrücken, zu keiner Zeit Freundschaftsbande entwickelt, und Tante Harriet hatte ihre Abneigung gegen die angeheirateten Verwandten mehr schlecht als recht verhüllt. Zwar war sie immer den notdürftigsten Pflichten einer Gastgeberin nachgekommen, doch stets mit zusammengekniffenen Lippen oder einer spitzen Bemerkung auf der Zunge. Ihr befremdliches Verhalten war allerdings von niemandem als außergewöhnlich betrachtet worden, hatte Tante Harriet doch auch mit keiner der Familien der hiesigen Grafschaft ein freundschaftliches Auskommen gefunden. Sie war zänkisch, rechthaberisch und ihr Geiz geradezu sprichwörtlich, was ihre Dienerschaft wie auch Kaufleute zu spüren bekamen und der klatschsüchtigen Gesellschaft von Sussex reichlich Anlass für Spott und Hohn gab. Böse Zungen schrieben diese Eigenschaften ihrer Herkunft zu. Harriet war die Tochter eines reichen Londoner Kaufmanns, und es galt allgemeinhin als erwiesene Tatsache, dass Sir Jonathan Yielding, sechster Baronet von Harting, nur aus einem einzigen Grund in die Ehe mit der hageren, ungewöhnlich großen und auch noch älteren Frau eingewilligt hatte: Dank ihrer stattlichen Mitgift hatte er das Familienanwesen vor dem Ruin und sich selbst vor dem Schuldnerturm retten können.

Hätte Sam damals bereits ahnen müssen, zu welch Niederträchtigkeiten Tante Harriet ihrer eigenen Nichte gegenüber fähig sein würde? Dass die schwelende Abneigung über die Jahre hinweg zu loderndem Hass aufgeflammt war? Vielleicht ja. Mehr als einmal, so erinnerte sich Sam, hatte die Tante sich in abfälliger Weise über die Art der Erziehung geäußert, die Sams Eltern ihrem einzigen Sprössling hatten angedeihen lassen. Entsprechend der aufklärerischen und freigeistigen Gesinnung ihres Vaters war Sam, ein fröhliches, aufgewecktes Kind, nicht nur in den für eine vornehme Dame unentbehrlichen Fertigkeiten wie Konversation, Tanz, Musik und Etiquette unterwiesen worden, sondern hatte ebenso Unterricht in Latein und Französisch, Mathematik, Grammatik, Naturwissenschaften und Philosophie erhalten – für ein Mädchen, selbst ihres Standes, durchaus ungewöhnlich. Sam hatte Werke von Thomas von Aquin, Shakespeare und Voltaire gelesen und Ovid und Cicero besser übersetzt als so mancher gleichaltrige Junge.

Unzählige Stunden hatte sie mit ihrem Vater in dessen Bibliothek verbracht, wo er alte Handschriften, antike Texte sowie moderne Werke gesammelt hatte, um gemeinsam zu lesen und ihre Ideen zu diskutieren. Aber Tante Harriets Ansicht nach war Sam bloß ein verwöhntes Balg. »Wo kommen wir denn hin«, hatte sie zwar verhalten, aber dennoch für alle vernehmlich geschimpft, »wenn ein vornehmer Lord, der doch sicherlich Besseres zu tun hat, stundenlang ein kleines Mädchen unterhält!«

Als Sams Mutter einmal bei einem Abendessen mit den Yieldings ihre Mitgliedschaft bei den sogenannten Bluestockings erwähnt hatte, einer Runde gebildeter und aufgeschlossener Londoner Damen, die sich nicht mit der gängigen Meinung abfinden wollten, dass der Verstand der Frauen zu minderwertig sei, um sich mit geistes- und naturwissenschaftlichen Themen zu befassen, hatte Tante Harriet entsetzt aufgeschrien. Und als Sam, sie musste damals zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein, voller Stolz von jenen Treffen der Bluestockings berichtet hatte, zu denen sie ihre Mutter hatte begleiten dürfen, war die Tante kreischend aus dem Sessel aufgesprungen und hatte die Widernatürlichkeit aller anmaßenden und verblendeten Weiber wütend angeprangert. Sam hatte den Zornesausbruch der Tante verständnislos verfolgt – bei den Zusammenkünften der Bluestockings hatte es doch so viel Faszinierendes zu sehen und zu hören gegeben. Berühmte Wissenschaftler hatten Vorträge gehalten oder Vorführungen gezeigt, etwa physikalischer Natur, und es waren in zwangloser Atmosphäre Fragen der Botanik und Agrikultur genauso erörtert worden wie der Geschichte, Politik und Literatur. Was sollte daran verwerflich sein? Ganz im Gegenteil: Sam hatte diese geistvollen Damen – zugegeben, es waren auch einige dabei, die nur des Tratsches wegen kamen – sehr bewundert und sich sehnlichst gewünscht, selbst einmal in diesen erlesenen Kreis aufgenommen zu werden.

Dann war da noch der Vorfall gewesen, als Sam einige Jahre zuvor mit ein paar Puppen eine Gerichtsverhandlung nachgespielt hatte. Auf die Frage ihrer Tante hin, was sie denn da tue, hatte sie ihr alles ausführlich erklärt und ihr von ihrem Vorhaben erzählt, so wie ihr Vater Richter werden zu wollen, wenn sie einmal groß wäre. Tante Harriet hatte sie bestürzt angestarrt und dann mit der Hand ausgeholt, um der respektlosen Göre eine zurechtweisende Ohrfeige zu geben. Es war nur dem raschen Einschreiten ihrer Mutter zu verdanken gewesen, dass die Hand der Tante ihr Ziel nicht erreicht hatte.

Aber war das Grund genug für jahrelange Demütigungen und Misshandlungen? Oder war es vielmehr so, dass Tante Harriet, wie Sams Mutter einmal vermutet hatte, die Fairfaxes um ihren höheren gesellschaftlichen Rang beneidete? Sir Jonathan war als Baronet nur Mitglied des niederen Adels, während Sams Vater mit der Ernennung zum Vorsitzenden des Strafgerichts King’s Bench der Titel eines Viscounts verliehen worden war. Missgönnte sie etwa dem Schwager das Ansehen, das dieser als Chief Justice, als oberster Strafrichter Englands, genoss, oder sein umfangreiches Vermögen, das elegante Stadthaus am Bloomsbury Square, das weitläufige Anwesen in Buckinghamshire, Burnham Manor? Ja, hatte die Tante denn vergessen, dass ihr Vater all das aus gänzlich eigener Kraft erreicht hatte? Weil er entgegen den Wünschen seiner Familie die Liebe seines Lebens geheiratet hatte, war er enterbt worden. Nicht ein einziger Penny war ihm vergönnt gewesen, und mit Ausnahme seiner Schwester – jener Tante, die nach Schottland geheiratet hatte – hatte die Familie jeglichen Kontakt zu Sams Vater abgebrochen.

Hatte Tante Harriet sich etwa nichts sehnlicher gewünscht, als die Verwandten, die sich ihrer Ansicht nach überlegen fühlten, auf den ihnen zustehenden Platz zu verweisen? Und hatte sie die Gelegenheit dazu genutzt, als die nichts ahnende Nichte ihr nach dem Tod der Eltern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?

Oder war es möglich, dass Sams Äußeres den Stachel der Eifersucht ins Herz der Tante getrieben hatte? Sams Eltern waren sich – zur Erheiterung ihrer Tochter – darin einig gewesen, dass Sam zu einer ausnehmend hübschen jungen Dame herangewachsen war, die von ihrer Mutter die grünen Augen und von ihrem Vater den Rotstich in den mahagonifarbenen Locken geerbt hatte. Hatte die Tante dies als Nachteil für ihre eigenen Töchter empfunden, die in Wesen als auch Aussehen ganz nach Harriet kamen, einschließlich des spitzen Kinns und der mausbraunen Haare? Konnte dies eine vernünftige Erklärung für all das zugefügte Leid sein? Hatte Vernunft überhaupt noch einen Platz bei so viel Niedertracht und Hass?

Und warum hatte Onkel Jonathan, der doch seine Schwester innig geliebt hatte, den Bösartigkeiten gegen seine Nichte jahrelang zugesehen, ohne kaum ein Widerwort zu geben? Zumindest auf diese Frage kannte Sam die Antwort. Zum einen verabscheute Sir Jonathan Gezänk und Gezeter jedweder Art – und das seiner Frau ganz besonders – und gab ihr daher meistens nach, nur um seine Ruhe zu haben. Er kümmerte sich um seine Pächter, seine geliebten Hunde und die Jagd und ging seiner Ehefrau, wann immer möglich, aus dem Weg. Zum anderen führte Tante Harriet auch in finanzieller Hinsicht das Regiment im Hause Yielding, und sie war sich nicht zu schade, damit zu drohen, samt ihrer Mitgift zu ihrem Vater zurückzukehren, sollte Sir Jonathan sich nicht ihrem Willen beugen.

Wie auch immer die Erklärung für das schändliche Tun der Yieldings lauten mochte, Sam war jedenfalls nicht im Entferntesten auf das Leben vorbereitet gewesen, das sie in Uppark House erwartete. Ihre Eltern waren kaum begraben, da hatten die Verwandten ihr eröffnet, dass sie völlig mittellos war. Noch halb betäubt von der unermesslichen Trauer, die ihr das Herz schwer machte und ihr ununterbrochen Tränen in die Augen trieb, hatte sie sich zu allem Verdruss auch noch einer plötzlich unsicheren Zukunft gegenübergesehen. Bisher war sie davon ausgegangen, dass für ihr finanzielles Auskommen mehr als ausreichend Vorsorge getroffen worden war.

Mangels männlicher Nachkommen, das wusste Sam, hatte ihr Vater seinen Schwager, Sir Jonathan Yielding, als seinen Erben und Sams Vormund eingesetzt, verbunden mit der Auflage, seine Nichte standesgemäß zu versorgen. Bei ihrer Verheiratung oder bei Erreichen des fünfundzwanzigsten Lebensjahres – je nachdem, welches Ereignis früher eintrat – sollte Sam jedenfalls achttausend Pfund erhalten, als Mitgift im Falle ihrer Verehelichung, als Unterhalt im Falle, dass sie bei Vollendung des fünfundzwanzigsten Lebensjahres unverheiratet war. Erst zu diesem Zeitpunkt sollte Sir Jonathan in den uneingeschränkten Besitz des Vermögens ihres Vaters gelangen.

Doch von diesem Vermögen, so hatten ihr die Yieldings versichert, war nichts übrig. Alles, bis auf den letzten Penny, war aufgezehrt worden, um die enormen Schulden abzudecken, die Sams Vater hinterlassen hatte. Zwar hatte Sam diese Nachricht überrascht, denn ihr war von solchen Schulden nichts bekannt gewesen, doch hatte sie damals keinen Grund gehabt, ihren Verwandten nicht Glauben zu schenken.

Angesichts dieser betrüblichen Umstände hatte Sam die Aufnahme in das Haus ihres Onkels als freundlichen Akt selbstloser Nächstenliebe dankbar angenommen – zumindest anfänglich. Bald jedoch hatte sie feststellen müssen, dass ihr Status in ebendiesem Haus weitaus niedriger war als der der landläufigen armen Cousine. Ihr war eine kleine zugige Kammer mit karger Einrichtung zugewiesen worden, und nachdem sie aus ihren alten Kleidern herausgewachsen war, hatte sie für den Alltagsgebrauch einfache Mieder, Röcke aus grob gewebtem Leinen und hölzerne Pantoffeln erhalten. Zumindest für die sonntäglichen Kirchenbesuche hatte Tante Harriet Sam, wahrscheinlich auf Drängen Sir Jonathans, ein paar abgelegte Kleider ihrer Cousinen zugestanden.

Zu Sams schierer Fassungslosigkeit hatte sie zudem die Arbeiten der Kammerzofe übernehmen müssen, die gleich darauf als überflüssig entlassen worden war. Nach Ansicht der Tante war es Sams Pflicht und Schuldigkeit, als Gegenleistung dafür, dass man ihr ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten bot, im Haushalt zur Hand zu gehen. So hatte Sam fortan ihrer Tante und den beiden Cousinen beim täglichen An- und Auskleiden geholfen, deren Frisuren arrangiert und ihre Gesichter gepudert. Sie hatte ihnen die neuesten Klatschartikel vorgelesen und sie auf ihren Spaziergängen begleitet, um den Sonnenschirm zu halten. Es hatte keinen einzigen Tag gegeben, an dem Sam nicht zu spüren bekommen hatte, dass sie nicht mehr, wie bei ihren früheren Aufenthalten, als Gast in Uppark House weilte. Sie hatte aufgegeben zu zählen, wie oft ihr die Tante vorgehalten hatte, dass sie und ihre Töchter auf ein neues Kleid oder einen neuen Hut hatten verzichten müssen, weil sie Sam mit durchzufüttern hatten.

Es hatte nicht lange gedauert, da hatte Tante Harriet befunden, dass Sam mit ihren Aufgaben als Kammerzofe nicht genügend ausgelastet wäre, und hatte ihr, ohne viel Federlesens, die Führung der Haushaltsbücher übertragen. Sie selbst hatte Sam kaufmännisches Rechnen gelehrt und sie in die Geheimnisse der Buchhaltung eingeweiht – und dann kurzerhand den Gehilfen des Gutsverwalters hinausgeworfen, dem diese Arbeiten bisher oblegen waren.

Anfänglich war Sam beinahe dankbar gewesen für die zahlreichen Beschäftigungen, denn so wurde sie vom Grübeln abgehalten und ihre Gedanken abgelenkt. Doch Tante Harriet war unermüdlich gewesen, was das Ersinnen neuer Aufgaben für ihre Nichte betraf. Nach jeder vollendeten Arbeit hatte sie Sam zehn weitere aufgetragen, und für ihren Geschmack hatte Sam keine davon schnell oder gründlich genug erledigt. Stets hatte sie ein Haar in der Suppe gefunden, und auch Sams Cousinen hatten unablässig genörgelt. »Warum ist das noch nicht erledigt?« – »Samantha, hier ist noch ein Fleck, den du übersehen hast!« – »Wo bleibst du nur, du nichtsnutziges Ding?« So war es den ganzen lieben Tag gegangen, wochein, wochaus. Sam war nicht wie eine Nichte und Cousine behandelt worden, sondern wie eine gewöhnliche Dienstbotin. Genauso wie die übrige Dienerschaft von Uppark House hatte sie durchaus den Stock zu spüren bekommen oder für einige Zeit nur Wasser und Brot, wenn sie ihre Aufgaben nicht zu Tante Harriets vollster Zufriedenheit verrichtet hatte. War die Tante besonders schlecht gelaunt, hatte sie Sam auch schon für mehrere Stunden, manchmal auch Tage, in eine abgelegene Rumpelkammer gesperrt, die so dunkel war, dass man nicht einmal die eigene Hand vor Augen hatte sehen können, geschweige das Ungeziefer und die Ratten, die hier hausten.

Einzig Sams Onkel hatte seiner Nichte gegenüber ein etwas freundlicheres Verhalten gezeigt. Vielleicht im Andenken an seine verstorbene Schwester, vielleicht auch aufgrund seines – wie Sam sich nun vorstellen konnte – schlechten Gewissens hatte er ihr den Gebrauch seiner Bibliothek gestattet. Es war bald zu Sams Gewohnheit geworden, sich ein Buch zu holen und – wenn alle Arbeiten erledigt waren – spät nachts darin zu lesen. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, diesem schaurigen Albtraum zumindest ab und an zu entfliehen.

Oftmals hatte Sam überlegt wegzulaufen, hatte aber nicht gewusst wohin. Und wovon hätte sie auch leben sollen?

Für alleinstehende junge Frauen vornehmer Herkunft boten sich kaum ehrenhafte Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie waren für die Heirat bestimmt, ihr finanzielles Auskommen hing vom Wohlwollen ihrer Familien ab. Außer den Yieldings waren Sam keine weiteren Verwandten bekannt, an die sie sich hätte wenden können. Mit der Familie ihres Vaters hatte seit der Heirat ihrer Eltern kein Kontakt mehr bestanden, und Sam hatte keinesfalls Menschen um Hilfe bitten wollen, die sich von ihrem geliebten Vater schmählich losgesagt hatten. Auch der Briefwechsel mit dessen Schwester war aus Sam unbekannten Gründen vor etlichen Jahren abgerissen. Mangels eines Auswegs hatte Sam also ausgeharrt und das, was das Schicksal ihr zuzuteilen schien, widerstrebend ertragen.

Doch dann, kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, hatten die Umstände ein solches Ausmaß an Unerträglichkeit erreicht, dass Sam den Entschluss gefasst hatte zu fliehen. Um der grauenhaften Bestimmung zu entgehen, die Tante Harriet und Onkel Jonathan für sie geplant hatten, war sie bereit, sich an einen dünnen, brüchigen Strohhalm zu klammern: Sie wollte die unbekannte Tante in Schottland suchen und um Aufnahme bitten.

An jenem Abend, der ihr die Augen geöffnet hatte, war Sam – sie hatte eben ein neues Buch aus der Bibliothek holen wollen – zufällig Zeugin eines Gesprächs zwischen ihrem Onkel und ihrer Tante geworden. Ganz aufgeregt hatte Tante Harriet erzählt, dass Squire Toadbury am Nachmittag im Namen seines zweitgeborenen Sohnes Isaiah vorgesprochen und um Samanthas Hand angehalten habe – und dass ihrer Ansicht nach eine solche Verbindung gutzuheißen sei.

Bei diesen Worten war Sam vor Schreck erstarrt, hatte dann aber erleichtert mit angehört, wie Sir Jonathan entrüstet Einwände erhoben hatte: »Die Tochter eines Lordrichters und Viscounts kann nicht mit solch einem ungehobelten und bedeutungslosen Burschen verheiratet werden! Meine Schwester, Gott hab sie selig, hätte diese Heirat niemals befürwortet.«

»Ach papperlapapp!«, hatte Tante Harriet seine Einwände beseitegewischt. »Bedenke doch, Ehemann, mit dieser Hochzeit gehört das Fairfax-Vermögen endlich und endgültig uns! Wir werden Samantha natürlich eine Mitgift stellen – wir sind ja ihre nächsten Verwandten, da gehört sich das. Nicht die achttausend Pfund, die ihr Vater für sie vorgesehen hatte, nein, im Fall einer so unbedeutenden Verbindung sind ein paar Hundert Pfund mehr als ausreichend. Damit fällt auch gar nicht weiter auf, dass wir den größten Teil des Vermögens bereits ausgegeben haben und eine Mitgift von achttausend Pfund gar nicht finanzieren könnten.«

»Hm, nun ja, das hat natürlich etwas für sich«, hatte sich Sir Jonathan langsam überreden lassen.

»Natürlich hat es das«, hatte sich Tante Harriet gebrüstet, »dank meiner Umsicht haben wir unmittelbar nach Lord Fairfax’ Ableben dessen gesamtes Vermögen versilbert: das Stadthaus am Bloomsbury Square, das Landgut in Buckinghamshire, seine Aktienscheine, alles. Mit diesem Geld war es uns möglich, all die dringend notwendigen Ausgaben zu tätigen, die keinen Aufschub duldeten, vergiss das nicht! Eine dritte Kutsche, eine neue Wintergarderobe für mich und die Mädchen, die längst fällige Renovierung des gelben Salons. Und wir konnten endlich Henriettas Mitgift erheblich aufstocken. Immerhin war sie damals schon dreiundzwanzig Jahre alt, wie du weißt.«

»Ja, ja«, hatte Sir Jonathan zustimmend gebrummt, »und sie hatte noch keinen einzigen ernst zu nehmenden Heiratsantrag erhalten.«

»Und nun ist sie verlobt«, hatte Tante Harriet triumphierend vermerkt, »und wird im nächsten Frühling heiraten! Ohne das Fairfax-Vermögen wäre das alles nicht möglich gewesen, nicht wahr?«

Sir Jonathans nächster Einwand war nur noch mit unsicherer Stimme vorgetragen worden. »Dennoch handeln wir gegen den Willen meiner Schwester und meines Schwagers …«

»Mitnichten«, hatte Tante Harriet widersprochen, »sie wollten ihr geliebtes Töchterlein versorgt wissen. Und ist sie das mit der Hochzeit mit Isaiah Toadbury nicht aufs Beste? Er wird sich um sein Weib gut kümmern, davon bin ich überzeugt. Und das Fairfax-Vermögen hätte früher oder später sowieso uns gehört, schließlich bist du Lord Fairfax’ rechtmäßiger Erbe.«

Fassungslos und wütend zugleich hatte Sam vernommen, wie Sir Jonathan dem Plan seiner Frau schließlich zugestimmt hatte. Sam sollte den widerlichen, ekelhaften Isaiah Toadbury heiraten, einen abstoßenden Trinker und Frauenhelden, mit fahlblondem fettigem Haar, hervorstehendem Wanst und kleinen blutunterlaufenen Augen, der ständig nach Bier und Ausdünstungen roch und mit gierigen Blicken jede ihrer Bewegungen verfolgte. Beim bloßen Gedanken daran rann ihr ein kalter Schauer über den Rücken, und sie hätte sich damals vor der Bibliothekstür beinahe übergeben müssen.

Noch viel mehr entsetzt aber war Sam über die Tatsache gewesen – und war es immer noch –, dass die Yieldings das Vermögen ihres Vaters verschleudert hatten, jenes Vermögen, das angeblich zur Befriedigung der unzähligen Gläubiger ihrer Eltern bis auf den letzten Penny aufgebraucht worden war. Welch ungeheuerlicher Verrat! Oh, wie hatte sie sich nur derart täuschen lassen können? Wie hatte sie nur so gutgläubig alle Lügen hinnehmen können, die ihr die Yieldings aufgetischt hatten? Durch die unrechtmäßige Aneignung dessen, was Sam nach dem Willen ihres Vaters zustand, hatten die Yieldings ihr jede Möglichkeit auf eine eigene, finanziell unabhängige Zukunft genommen. Sie hatten nicht nur gegen den ausdrücklichen Wunsch von Sams Eltern gehandelt und ihre eigene Nichte schändlich betrogen. Nein. Sie hatten ihr – und das setzte ihren Missetaten die Krone auf – auch noch tagtäglich vorgehalten, wie großmütig sie doch wären, weil sie Samantha in Uppark House aufgenommen hätten. Dabei waren sie es, die sich auf Sams Kosten bereichert hatten. Mehr als vier Jahre lang hatte Sam von frühmorgens bis spätabends als Kammerzofe, Dienstmagd, Buchhalter und Mädchen für alles geschuftet, war geschlagen und beschimpft worden, und es waren ihr von der Tante und den Cousinen nichts als Verachtung und Geringschätzung entgegengebracht worden, während diese ehrlosen Weiber mit dem Geld ihres Vaters teure Kleider und unnützen Tand erstanden hatten. Oh, welch infamer, himmelschreiender Verrat!

Unbemerkt war Sam in ihre Kammer geflüchtet, wo Tränen der Wut über ihre Wangen gelaufen waren. Mehrere Stunden lang war sie weinend und zitternd auf dem schmalen Bett gelegen, ehe sie sich schließlich beruhigt und dann Pläne für ihre Zukunft geschmiedet hatte. Sie musste den Yieldings unbedingt einen fetten Strich durch deren niederträchtige Rechnung machen!

Ein heftiges Rütteln der Kutsche riss Sam aus ihren Gedanken. Sie sah aus dem Fenster. Eben passierten sie ein kleines Dorf, dünne Rauchsäulen stiegen aus den Kaminen der strohgedeckten Häuser, wohlgenährte Schweine wühlten am Wegesrand, eine Schar Gänse suchte schnatternd das Weite. Angesichts dieser ruhigen ländlichen Idylle seufzte Sam leise und lehnte den Kopf an die Rückwand, wobei ihr Blick auf den Mann gegenüber fiel, der als Letzter zugestiegen war. Trotz des unablässigen Schlingerns der Kutsche, das seinen Körper hin- und herrutschen ließ, schlummerte er seelenruhig vor sich hin.

Sam musterte ihn aus schmalen, keinesfalls wohlwollenden Augen. Sein schlampiges Äußeres, so stellte sie fest, passte vortrefflich zu seinen ungehobelten Manieren. Die schulterlangen rabenschwarzen Haare hingen strähnig herab und verdeckten einen Großteil seines Gesichts. Wangen und Kinn waren von einem unansehnlichen, mehrere Tage alten Bart bedeckt, und die Kleidung, obwohl nicht von schlechter Qualität, hatte ihre besten Tage bereits lange hinter sich: Der dunkelgrüne Rock wie auch die mit Blätterranken bestickte Weste waren abgewetzt, mehrfach geflickt und von etlichen Flecken geziert. Die hohen Schaftstiefel, an sich aus gutem Leder gefertigt, hätten dringend einer Politur bedurft. Und nach dem Geruch zu urteilen, den der Mann verströmte, musste er letzte Nacht neben einem Misthaufen geschlafen haben. Abschätzig rümpfte Sam die Nase.

Welchem Berufsstand der Rüpel wohl angehören mochte? Er war, überlegte sie, recht schwer einzuschätzen. Vielleicht ein Kaufmann, dessen Geschäfte gerade nicht so gut liefen? Oder einer der vielen Männer, die vom Land in die Stadt gekommen waren, um hier ihr Glück zu versuchen, und dabei bitter enttäuscht worden waren? Die Verlockungen Londons hatten schon so manchen ärmer gemacht, als er vorher gewesen war, und viele landeten in Schuldgefängnissen und Armenhäusern. Oft genug hatte ihr Vater von solch bedauernswerten Schicksalen berichtet, von denen er durch seine Tätigkeit als Richter des Strafgerichts King’s Bench aus erster Hand Kenntnis erhalten hatte.

Aber wie arm oder reich jemand auch war, ein gewisses Maß an respektierlichem Benehmen, so befand Sam, war jedem zumutbar – das galt auch für den zuletzt zugestiegenen Passagier. Doch dieser scherte sich nicht um Regeln der Höflichkeit. Er war, so viel stand fest, alles andere als ein Gentleman!

Gerade als Sam ihren Blick auf Erbaulicheres als ihr Vis-à-vis lenken wollte, fielen dessen schwarze Strähnen zur Seite und gaben die Sicht auf eine lange, dünne Narbe frei, die sich beinahe über die gesamte rechte Wange zog. Wahrscheinlich stammte sie von einer Rauferei, mutmaßte Sam, oder einer anderen Dummheit. Missbilligend schürzte sie die Lippen, als ihr Gegenüber eben diesen Moment wählte, um aus Morpheus Armen zu erwachen. Ein Paar stahlgrauer Augen starrte sie unverhohlen an und ließ Sams Wangen, sehr zu ihrem Leidwesen, vor Verlegenheit glühen. Hastig wandte sie den Kopf ab und sah aus dem Fenster. Doch nicht lange, und ihr Blick wanderte zurück, und – oh Himmel –, diese impertinenten Augen waren weiter unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet. Wie konnte er nur? Wie konnte der Mann sich erdreisten, sie derart frech anzustarren? Ganz und gar nicht die Art eines Gentlemans! Unfähig, der ungehörigen Musterung länger standzuhalten, senkte Sam betreten die Lider. Keine Frage, der Mann war ein respektloser Rüpel!

Im nächsten Moment drängte sich ihr ein anderer – weitaus beunruhigenderer – Gedanke auf: Hatte er gar ihr Geheimnis durchschaut? Würde er den Kutscher verständigen und sie an die Luft setzen lassen? Nein, schimpfte sie sich selbst eine dumme Gans. Niemand hatte bisher ihr wahres Geschlecht erraten. Wegen dieses rüpelhaften Gesellens durfte sie nicht die Nerven verlieren!

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Henry war erst weit nach Mitternacht ins Bett gekommen und hätte beinahe die Abfahrt der Kutsche nach Edinburgh verschlafen. Mit knapper Mühe hatte er, gerade noch rechtzeitig, das Black Swan Inn erreicht und dem verärgerten Wirt seinen Passagierschein gezeigt. Er war in die Karosse geklettert, hatte die übrigen Fahrgäste, die bereits alle ihre Plätze eingenommen hatten, nur flüchtig gemustert, ehe er seine müden Augen hatte zufallen lassen.

Umso überraschter war er über den Anblick, der sich ihm nun nach seinem Erwachen bot. Ihm gegenüber sah er das schönste, anmutigste Gesicht, in das er je in seinem Leben geschaut hatte. Zarte, makellose Haut, sanft geschwungene Lippen, eine kleine, vorwitzige Nase und seidige kastanienbraune Locken, die wunderbar weich schienen. Am allermeisten aber faszinierten ihn die Augen, grün und endlos tief, unter fein gewölbten dunklen Brauen. So musste Aphrodite ausgesehen haben, wenn sie denn je auf Erden gewandelt war! Henry war sprichwörtlich wie vom Blitz getroffen und konnte sich gar nicht sattsehen. Träumerisch beobachtete er Aphrodite beinahe eine Stunde lang hinter fast geschlossenen Lidern, die den Eindruck erweckten, er würde weiterhin schlafen. So entging ihm auch ihr musternder Blick auf seine Person nicht sowie ihre Reaktion, die Geringschätzung ausdrückte, wegen seines schlampigen Äußeren aber durchaus verständlich war. Miss Grünauge war wohl Besseres gewöhnt!

Nicht länger zufrieden mit dem, was sein verschleierter Blick ihm erlaubte zu sehen, öffnete Henry die Augen, um Aphrodite eingehender betrachten zu können. Es dauerte eine Weile, bis ihm gewahr wurde, dass er die Schönheit ihm gegenüber wider alle Höflichkeit anstarrte. Verwundert, was in ihn gefahren war, dass er alle Regeln des Anstands solcherart leichtfertig vergaß, tadelte er sich selbst wegen seines mangelhaften Benehmens.

Die Richtung seiner bewundernden Blicke war Miss Grünauge inzwischen aufgefallen, und Henry stellte zufrieden fest, dass sie errötete. Seine Augen liebkosten die purpurn angehauchten Wangen, wanderten zu ihren Lippen, die so verheißungsvoll lockten. Bebte ihr Busen indigniert ob seiner kaum verhüllten Begehrlichkeit? Zerknüllten ihre eleganten Finger vor Aufregung die bauschigen Röcke? Höchste Zeit, Nachschau zu halten!

Aber Himmelherrgott, was war das? Mit einem Male hellwach richtete sich Henry mit einem Ruck in seinem Sitz auf. Den Fluch, der ihm auf der Zunge lag, konnte er gerade noch unterdrücken. Zum Teufel, dieses wunderschöne Wesen war keine Frau, sondern ein Jüngling! Sein ungläubiger Blick streifte über die Kniehosen, die Weste, den braunen Rock – eindeutig die Kleidung eines Mannes. Dann aber fielen ihm die wohlgeformten Beine auf, die schlanken Hände, unzweifelhaft weiblich. Bei Jupiter, ihm gegenüber saß ein Mädchen oder eine junge Frau in Mannskleidern! Vorsichtig schielte er auf ihre Brust, doch wegen des üppigen Halstuchs und der Jacke, die sie trug, konnte er keine verräterischen weiblichen Formen ausmachen. Unauffällig studierte er die übrigen Passagiere, die entweder schliefen oder die erzwungene Muße für kleine Beschäftigungen verwandten. Keiner zeigte irgendein Anzeichen, dass der grünäugige Passagier mit den mahagonifarbenen Locken nicht das sein könnte, was er seinem Äußeren nach schien.

Sein Blick wanderte zurück zu dem Mädchen, das seinen Kopf schüchtern senkte, als er sie direkt ansah. Ha, eine typisch weibliche Reaktion! Kein Zweifel, sein Gegenüber war ein Frauenzimmer, und außer ihm schien niemand in der Kutsche diese Tatsache bemerkt zu haben. Mit einem unerklärlichen Hochgefühl lehnte Henry sich wieder zurück und verbiss sich ein breites Grinsen. Ja fürwahr, sein letzter Auftrag war auf dem besten Wege, sein interessantester zu werden!