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Lass die Liebe nicht warten

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1. KAPITEL

„Sie bewerben sich als Schmuser?“

Die Krankenschwester Liz Anderson starrte den Mann vor ihrem Schreibtisch an. Ich wirke dabei nicht unbeholfen, sagte sie sich selbstbewusst. Obwohl es ihr nicht leicht fiel, da für diesen Mann die Beschreibung „groß, dunkel und attraktiv“ bei weitem nicht ausreichte. Er war mindestens ein Meter achtzig groß und hatte braune, beinahe schwarze Augen. Mit diesen strahlte er Liz voller Intensität, Humor und Charme an. Beim Anblick dieses gut aussehenden Mannes war Liz dankbar, zumindest Herr ihrer Stimme zu sein.

„Sie wirken geschockt“, entgegnete der Mann.

„Das bin ich.“

Er verschränkte die Arme vor seinem imponierend breiten Oberkörper. Ein Jahr zuvor etwa hatte Liz diesen Mann förmlich an den Ohren aus dem Krankenzimmer seiner Schwester hinausbefördert, weil er die Besuchszeit nicht einhalten wollte. Wie habe ich das damals nur fertig gebracht, wunderte sich Liz insgeheim.

„Warum überrascht es Sie, dass ich als Schmuser arbeiten möchte?“

Beim Klang der tiefen Stimme lief Liz ein Schauer über Schultern und Rücken. „Ich bekomme nicht jeden Tag ein solches Angebot von einem Mann.“

„Dann verpassen die Männer aber ordentlich was.“

Er flirtet, dachte Liz wachsam. Diesen Typ Mann kannte sie schon. „Ich nehme die Betreuung der Frühchen sehr ernst, Mr. Marchetti.“

„Sie erinnern sich?“ Er rieb sich das rechte Ohr. „Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie mich wohl wieder erkennen.“

Als er lächelte, kamen blendend weiße Zähne zum Vorschein, die Liz zu der Überlegung veranlassten, ob sie Beweis seiner ausgezeichneten Veranlagung oder aber die hervorragende Arbeit eines Zahntechnikers waren. Wie auch immer, sie dankte ihrer glücklichen Eingebung, gleich wieder Platz genommen zu haben. Es fehlte nicht viel, und sein Anblick hätte sie aus der Fassung gebracht.

„Sie sind eben unvergesslich“, murmelte sie leise.

„Bin ich das?“

Liz’ Bemerkung war eigentlich nicht für Joe Marchettis Ohren bestimmt, aber offensichtlich schien sein Gehör verflixt gut zu funktionieren. Seine Fehler waren wahrscheinlich eher charakterlicher Art.

Statt seinen mächtigen Körper in einem der beiden Besuchersessel zu platzieren, hockte er sich auf eine Ecke von Liz’ Schreibtisch. Offensichtlich wollte er damit zeigen, was er von Anstandsregeln hielt.

Jetzt saß der Mann also nur wenige Zentimeter von Liz entfernt. Der oberste Knopf seines weißen Hemdes war geöffnet, und die Krawatte hatte er gelockert, sodass einige Brusthaare hervorspähten. Die Hemdsärmel waren aufgekrempelt und gaben den Blick auf starke sonnengebräunte Unterarme frei. Die graue Hose umschloss knapp die muskulösen Schenkel, und als Liz den Duft seines After Shaves wahrnahm, war es mit ihrer Haltung endgültig vorbei. Der verführerische Duft ließ Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen.

Obendrein zeigte sich auf Wangen und Kinn bereits der attraktive Schatten eines Tagesbartes. Als Liz bewusst wurde, dass sie ihn erneut anstarrte, musste sie dem Impuls widerstehen, den Kopf zu schütteln. Es gab absolut keinen Grund, das ohnehin überdimensionale Selbstbewusstsein eines solchen Mannes zu stärken. Sie wusste, er hatte sie etwas gefragt. Sie wünschte nur, sich an seine Frage erinnern zu können. Dann hätte sie bestimmt eine passende Antwort für ihn.

Als könne er ihre Gedanken lesen, fragte er: „Woran erinnern Sie sich denn noch?“

Oh, an seine neckische Drohung, sie ins Besenzimmer zu sperren, weil sie ihm das Ende der Besuchszeit verkündet hatte. Das hatte sie äußerst charmant gefunden. Sie hatte auch nicht vergessen, dass er mit einer ihrer Kolleginnen ausgegangen war, die er dann aber bald darauf auf verletzende Weise sitzen ließ.

„Ich erinnere mich, dass sie mit einer flotten Blondine abgezogen sind“, antwortete sie.

Einen Moment lang runzelte er die Stirn, als bemühe er sich, sich zu erinnern. „Das war bestimmt meine Sekretärin. Sie brachte meiner Schwester ein Geschenk zur Geburt ihres Babys. Ihr Mann wartete im Wagen.“

Liz interessierte nicht wirklich, welche Art von Beziehung er zu dieser Frau unterhielt. Das war seine Sache. Sie hatte ein Projekt zu leiten. „Nun möchte ich Ihnen eine Frage stellen.“

„Gern.“

„Ist es wirklich Ihre Absicht, unsere Frühchen als Schmuser zu betreuen?“

„Ja.“ Joe deutete auf das ausgefüllte orangefarbene Formular, das er Liz beim Eintritt in ihr Büro ausgehändigt hatte. „Hier steht es.“

„Sie wollen die Babys liebevoll in den Armen schaukeln?“

„Das will ich.“

„Ich möchte nur sicher sein, dass wir über dasselbe sprechen.“

Schwer zu glauben, dass ausgerechnet er sich Säuglingen widmen wollte. Bei ihrer letzten Begegnung mit ihm galt seine Aufmerksamkeit einer Kinderschwester. Neunundneunzig Prozent von Liz’ Schmusern waren Frauen, die glücklich waren, wenn sie Babys im Arm halten durften. Das verbleibende eine Prozent bestand aus Männern im Ruhestand, die ihre Zeit mit einer sinnvollen Betätigung ausfüllen wollten. Was sollte sie davon halten, wenn dieser Joe Marchetti – bekannt als Playboy und Flirter – hier herein spazierte und ihr seine Bewerbung als Frühchenbetreuer auf den Schreibtisch knallte?

„Wissen Sie, worauf Sie sich da einlassen, Mr. Marchetti?“

„Joe, Miss …“

„Entschuldigung?“

Er blickte auf das Namensschild auf Liz’ Schreibtisch. „… Liz“, vervollständigte er seinen Satz. Ihre Blicke trafen sich. „Nennen Sie mich Joe.“

Mit äußerster Willenskraft hielt Liz seinem verführerischen Blick stand. „In Ordnung, Joe“, sagte sie mit gespielter Ruhe. „Ich frage Sie noch einmal: Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen?“

„Nun, ich glaube schon.“

Liz lehnte sich in ihrem Sessel zurück in einer Geste, die lässig, professionell und beherrscht wirken sollte. Die ersten beiden Eigenschaften bedeuteten im Gegensatz zu der letzten kein Problem für sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie sie an einer solchen Aufgabe interessiert ist.“

„Was meinen Sie mit ‚ein Mann wie Sie‘?“

„Ein karrierebewusster, viel reisender Geschäftsmann, der Single ist und …“ Sie zögerte.

„Und?“ Er zog eine seiner dunklen, wohl geformten Augenbrauen hoch.

Eigentlich hatte sie „attraktiv“ ergänzen wollen, sagte aber stattdessen: „Und sehr beschäftigt.“

„Das trifft alles zu. Ich wüsste allerdings gerne, woher Sie wissen, dass ich Single bin.“

Seine Art zu flirten verrät es mir, dachte Liz, obwohl sie aus eigener Erfahrung wusste, dass Flirten nicht ausschließlich von Singles gepflegt wurde. Verheiratete Männer hatten damit auch kein Problem.

„Sie tragen keinen Ehering. Und außerdem steht es auf Ihrer Bewerbung“, antwortete sie stattdessen kühl.

Er blickte auf das Formular und dann auf seine Hand. Liz folgte seinem Blick und stellte fest, dass seine Hände mit den langen Fingern außerordentlich kraftvoll wirkten.

„Ich habe den Eindruck, Sie zweifeln an meiner Aufrichtigkeit. Wie können sie mich auf Grund einer einzigen Begegnung beurteilen?“

„Das war, als Ihre Schwester Patientin auf dieser Station war“, erklärte Liz.

„Nach der Geburt meiner Nichte“, fügte Joe hinzu und rieb sich erneut das Ohr.

Liz lächelte. „Sie haben seinerzeit die Regeln missachtet. Die Besuchszeit war zu Ende.“

„Ein schlichtes ‚Bitte gehen Sie‘ hätte genügt.“ Joe Marchetti gab vor, ärgerlich zu sein. „Sie mussten mir nicht gleich das ganze Ohr abreißen.“

Sie lachte. Sie konnte nicht anders. „Sind wir nicht ein wenig übertrieben?“

„Die Marchettis lieben keine Halbheiten. Sagen Sie nicht, ich habe Sie nicht gewarnt.“

„Warum sollten Sie?“

„Weil Sie die Chefin der Schmuser sind, und ich mich als Freiwilliger zu diesem Job verpflichte. Wir werden uns oft sehen.“

„Glauben Sie?“

„Ja.“

„Sehen Sie, Joe. Dieser Job ist nichts für Unzuverlässige. Kinder brauchen den bestmöglichen Start in dieser kalten, grausamen Welt. Die Statistik beweist, dass Babys, die Hautkontakt genießen und liebevoll auf den Armen geschaukelt werden, schneller an Gewicht zunehmen. Sie beruhigen sich schneller und schreien weniger.“

„Das weiß ich.“

„Menschen, die als Kinder wenig liebkost wurden, liebkosen auch als Erwachsene weniger. Das wiederholt sich wie in einem Kreislauf. Die freiwilligen Helfer unseres Schmuser-Projekts arbeiten mit Babys aus Risikofamilien, damit dieser Kreislauf durchbrochen wird.“

„Hören Sie. Ich bin mir ganz sicher. Ich bin gekommen, um meine Arbeit zu tun. Sie brauchen mich nicht zu überzeugen.“

„Aber wir müssen uns auf Sie verlassen können.“

„Was soll das denn nun wieder heißen?“

„Lassen Sie mich Ihnen zuvor eine Frage stellen“, sagte Liz.

„Ich bin ganz Ohr.“ Er rieb sich erneut das Ohr, an dem Liz ein Jahr zuvor gezogen hatte.

„Warum wollen Sie als Schmuser arbeiten?“

„Als Sie mich damals aus dem Zimmer meiner Schwester bugsierten, kam ich am Kinderzimmer der Neugeborenen vorbei. Die Vorhänge vor den Fenstern sollten gerade zugezogen werden, aber Ihre Kolleginnen ließen mich einen Moment hineinschauen.“

In Anbetracht dessen, dass er aussah wie ein Filmstar, konnte Liz ihre Kolleginnen nicht tadeln.

„Ich sah eine Reihe freiwilliger Helfer Babys auf den Armen schaukeln“, fuhr er fort, „und sprach mit einer der Dienst habenden Schwestern, die mir alles genauso erklärte wie Sie jetzt.“

Als er die Schwester erwähnte, wurde Liz hellwach. Das war es also. Er war auf Abenteuer aus und glaubte, das Krankenhaus wäre ein geeigneter Ort, Frauen kennen zu lernen. Konnte es einen anderen Grund geben für einen Mann wie Joe Marchetti?

„Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, kam das Baby Ihrer Schwester bereits vor einem Jahr auf die Welt. Warum kamen Sie nicht schon früher?“

Er zuckte die Schultern. „Die Zeit lief mir davon.“

„Und wieso gerade jetzt?“

Ein Schatten überflog sein Gesicht. „Meine Sekretärin brachte vor kurzem ein sehr kleines Kind auf die Welt. Der Säugling war extrem unterentwickelt.“

„Das ist hart“, meinte Liz mitfühlend. „Was ist passiert?“

„Sie hätte das Kind beinahe verloren. Inzwischen entwickelt es sich recht gut, aber es benötigte viel extra Zuwendung und Anregung. Darüber hinaus fehlt mir jetzt die beste Sekretärin, die ich je hatte.“

„Ach ja?“

„Sie gab ihre Arbeit auf, weil sie keine Eltern hat, denen sie das Kind anvertrauen kann. Ich bewundere ihr Engagement, denn es geht ihr finanziell nicht gut. Wie auch immer, nach der Geburt und während der extra Zeit danach im Krankenhaus konnte sie die Kleine nicht vierundzwanzig Stunden im Arm halten. Die Schmuser halfen aus, und so wurde eine deutliche Besserung erzielt. Ich dachte, jetzt ist die Zeit für mich gekommen, etwas Nützliches zu tun.“

„Wie schön, dass es dem Kind gut geht. Aber denken Sie darüber nach: Wir integrieren unsere Freiwilligen in unseren Arbeitsplan. Die Schwestern rechnen mit ihrer Hilfe, wenn sie im Druck sind. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass Sie zur Arbeit erscheinen.“

Joe zog die Stirn in Falten. „Was sind Ihre Bedenken?“

„Als Single sind Ihre Tage mit privaten Terminen ausgefüllt.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Weil Sie aussehen, wie …“ Liz unterbrach sich. Sie sollte ihm lieber nicht auch noch sagen, wie attraktiv er aussah. „Ach was“, meinte sie. „Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie treffen eine Frau und laden sie spontan ein, mit Ihnen auszugehen. Aber Sie sind hier bei den Babys eingeplant.“ Liz streckte eine Hand aus. „Hier haben wir Miss Sexy.“ Sie streckte die andere Hand aus. „Und hier haben wir die winzige Miss Schlechtgelaunt, die sich die Augen ausweint. Was glauben Sie, welchem weiblichen Wesen Sie sich zuwenden werden?“

Joe strich sich übers Kinn. „Schwierige Wahl. Ist Miss Sexy blond oder brünett?“

„Was ziehen Sie vor?“

„Eine hoch gewachsene Rothaarige.“

Einen Moment war Liz enttäuscht, weil sie zur Kenntnis nehmen musste, dass eine kleine Brünette wie sie vor ihm sicher war. „Na schön. Stellen wir uns Miss Sexy als hoch gewachsene, tizianrote Versuchung vor.“

„Oh ja. Versuchen wir’s einmal.“

„Ich wusste doch gleich bei unserer ersten Begegnung, dass Sie unmöglich sind.“

„Vielen Dank.“ Joe strahlte.

Liz seufzte und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich bin überzeugt, die Babys werden die Verlierer sein. Denn Sie werden nicht zur Stelle sein. Sie und Miss Sexy werden sich irgendwo amüsieren. Wir brauchen hier aber Menschen, auf die wir zählen können.“

„Sie haben ein Vorurteil gegen mich.“

„Nicht gegen Sie persönlich, aber grundsätzlich gegen Männer.“

„Ihre Befürchtungen haben also damit zu tun, dass ich ein Mann bin.“

Mehr als du dir vorstellen kannst, dachte Liz. „Die meisten unserer freiwilligen Helfer sind Frauen“, sagte sie jedoch laut.

„Gibt es nicht Gesetze gegen die Diskriminierung der Geschlechter?“

„Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um eine Maßnahme, die Babys zu schützen.“

„Ich würde ihnen niemals wehtun.“

„Ich unterstelle Ihnen gar keine schlechten Absichten. Aber vernachlässigen …“

Joe erhob sich abrupt. Sein liebenswürdiges Lächeln war verflogen. „Ich vernachlässige Kinder nicht, Liz. Ich glaube fest, dass Kinder die kostbarsten Schätze unserer Welt sind.“

Seltsam, dachte Liz, der zornige Joe gefällt mir besser als der charmante. Er wirkt glaubhafter. Sie stand auf. „In diesem Punkt stimmen wir vollkommen überein.“

„Ich dachte, Sie müssten grundsätzlich jeden nehmen, der kommt.“

„Stimmt. Aber ich akzeptiere keine Freiwilligen, die unserem Projekt schaden könnten. Das Programm muss sich ja erst noch richtig bewähren.“

„Wirklich?“

„Es läuft erst seit einem Jahr. Demnächst wird eine Überprüfung der Abteilungen vorgenommen. Einige Mitglieder des Vorstandes unseres Krankenhauses sind der Ansicht, die Freiwilligen sollten lieber anderswo genutzt werden. Ich möchte ihnen keinen Anlass geben, die Schmuser von unserer Station abzuziehen. Ich bestehe auf sorgfältigster Arbeit.“

Joe musterte Liz von oben bis unten. „Erklären Sie das näher.“

„Verlässlichkeit ist ein Muss. Eine Verpflichtung zu drei Stunden Dienst pro Woche wird erwartet. Außerdem müssen Sie vier Wochen auf der Säuglings-Pflegestation arbeiten, bevor Sie zur Intensivstation wechseln dürfen. Das sind die Regeln.“

„Sie haben einen neuen Kandidaten. Wann findet der Einführungskurs statt?“

„Am Samstagvormittag um zehn. Aber bitte pünktlich.“ Liz vergewisserte sich, dass Joes Formular korrekt ausgefüllt war. „Verspätungen werden nicht entschuldigt.“

„Ich werde da sein.“

„Bitte lesen Sie die Rückseite und unter unterzeichnen Sie dort.“ Liz ließ das Blatt über ihren Schreibtisch gleiten.

Joe nahm es entgegen und überflog es kurz. Liz wusste, mit seiner Unterschrift verpflichtete er sich zur Einhaltung aller Sicherheits- und Vertraulichkeitsregeln des Krankenhauses.

„Darf ich Ihren Stift ausleihen?“

Liz hoffte, keinen Fehler zu machen. Sie reichte Joe einen Stift, mit dem er das Formular ohne Zögern unterschrieb. „Dann sehen wir uns also putzmunter am Samstagvormittag?“, fragte sie.

„Ich werde da sein.“

Lächelnd klemmte sich Liz einen Aktenordner unter den Arm und wandte sich zur Tür. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen …“

„Warum so eilig? Ein heißer Termin?“ Joe ging Liz voraus zur Tür.

„So könnte man es nennen. Jeden Dienstag- und Donnerstagabend leite ich einen Kurs für junge Mütter.“ Sie überlegte, ob sie noch etwas hinzufügen sollte, während sie die Tür ihres Büros hinter sich abschloss. „Früher oder später müssen alle Schmuser an diesem Kurs teilnehmen. Ich bin der Ansicht, dass das diesem Projekt etwas Zuverlässiges gibt. Vielleicht möchten Sie schon heute mitmachen? Oder haben Sie noch etwas anderes vor?“

„Nein, heute passt es mir ausgezeichnet“, willigte Joe überraschend ein.

Gut, dachte Liz, vielleicht lässt er sich ja durch diesen Kurs verjagen. Je eher, desto besser.

Im Klassenzimmer Nummer zwei hatte Joe auf einem Plastikstuhl an einem langen Tisch nahe dem Pult Platz genommen. Er beobachtete, wie Liz ihre Kursteilnehmer an der Tür begrüßte. In ihren eleganten blauen Hosen und dem goldgelben Seidenpullover war sie ausgesprochen modisch gekleidet und wirkte sehr professionell. Die meisten Mütter trugen ihre Babys im Arm und schienen recht abgespannt zu sein.

Joe musterte Miss Liz Anderson. Sie war klein. Aber gerade das hatte seinen männlichen Stolz verletzt, als sie ihn vor einem Jahr an den Ohren aus dem Krankenzimmer seiner Schwester befördert hatte. Genau damit hatte sie allerdings auch sein Interesse geweckt. Liz war attraktiv, aber nicht der Typ, der den Männern auf den ersten Blick den Kopf verdrehte. Der extrem kurze Schnitt ihres kastanienbraunen Haars passte gut zu ihrem schmalen Gesicht, das von großen haselnussbraunen Augen beherrscht wurde. Um Liz zu beschreiben, würde er das Wort „niedlich“ gebrauchen.

Außerdem würde er sie als „vorsichtig“ bezeichnen.

Sie hatte ihn zwar nicht direkt unfreundlich empfangen, dennoch würde Joe alle seine Anteile an der Marchetti Aktiengesellschaft darauf verwetten, dass sie ihn nicht in ihrem Schmuser-Projekt haben wollte. Sie erwartete offensichtlich, dass er sein Versprechen brach und sie, wenn es drauf ankam, im Stich ließ. Doch in seinem Herzen wusste er: Da steckte mehr dahinter. Deshalb fragte er sich, warum sie ihn wohl so spontan zur Teilnahme an dem Mütterkurs aufgefordert hatte.

Als Erstes fiel Joe auf, mit welcher Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit Liz die jungen Mütter begrüßte und umarmte. Wenn sie die Babys anschaute, wirkte ihr Gesicht ganz weich und zärtlich. Das machte sie schön. Ob sie wohl eigene Kinder hat, fragte er sich. Sie trug jedoch keinen Ehering, darauf hatte er geachtet. Was allerdings gar nichts bewies …

„Ich denke, wir können jetzt anfangen.“ Liz ging zum Pult.

Ihr Blick begegnete Joes. „Meine Damen, heute Abend möchte ich Ihnen einen Gast vorstellen. Er heißt Joe Marchetti und beabsichtigt, sich für das Schmuser-Projekt unserer Klinik zur Verfügung zu stellen.“

Joe nickte den Frauen zu, die sich um den Tisch herum verteilten. Einige nahmen Platz und begannen diskret, ihre Säuglinge zu stillen. Andere blieben stehen und schaukelten ihre Kinder auf den Armen.

„Hallo“, grüßte er, wobei er zum ersten Mal verstand, was mit dem Spruch „sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen“ gemeint war.

Liz räusperte sich. „Wir lassen die Tür für die Nachzügler offen. Sie wissen ja alle, wie es ist: Sobald ein Säugling da ist, kann man nicht mehr davon ausgehen, immer pünktlich zu sein.“

Joe beugte sich ein wenig vor und flüsterte: „Befinden sich unter den Nachzüglern zufällig auch Väter?“

„Dieser Kurs ist nur für junge Mütter gedacht.“ Liz zuckte die Schultern.

„Ach so. Ich hatte gedacht, es würden auch einige Väter erscheinen.“

„Manchmal kommen welche“, räumte Liz ein. „Sie sind uns selbstverständlich willkommen. Aber mit der Verantwortung für die Neugeborenen ist doch bei weitem am stärksten das Leben der Frauen belastet.“ Sie wandte sich nun den jungen Müttern zu. „Das erinnert mich daran, Sie zu fragen, Andie, wie es Ihnen vergangene Woche mit der Pflege Ihrer Valerie ergangen ist?“

Joe konnte sich zunächst einmal darauf konzentrieren, still zu sitzen und gelassen zu wirken. Was um ihn herum passierte, war das Natürlichste von der Welt. Auch seine Schwester hatte ihren Säugling in seiner Gegenwart gestillt, ohne Verlegenheit zu zeigen. Es gab also keinen Grund, sich in dieser Runde unwohl zu fühlen.

Als eine blonde junge Frau eine Hand hob, fragte Liz: „Was für Probleme haben Sie, Barbara?“

„Mein Mann macht sich Sorgen, weil ich Tommy mit in unserem Bett schlafen lassen möchte“, erzählte Barbara mit einem liebevollen Blick auf das Baby, das sie gerade stillte. „Ich habe ihm erklärt, wenn das Kind nachts aufwacht, könnte er es beruhigen, während ich weiter schlafen darf. Aber mein Mann meint, es könnte zur Gewohnheit werden, und das Baby ist eher mit der Schule fertig, bevor wir wieder ein Privatleben haben – wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Joe hatte das Gefühl, die Blicke aller Anwesenden seien in diesem Moment auf ihn gerichtet. Dies war zweifellos ein Test. Er konnte bei der Erwähnung solcher Intimitäten verlegen reagieren oder gelassen bleiben und das Problem als das Natürlichste von der Welt betrachten. Immerhin hatte sich die junge Frau auch nicht von seiner Anwesenheit stören lassen und frei heraus gefragt.

„Die Bedürfnisse eines Kindes und die Wahrung der Intimität auf einen Nenner zu bringen ist ein Dilemma, mit dem sich viele Paare auseinandersetzen müssen“, bestätigte Liz. „Da wir heute Abend Gelegenheit haben, die Sicht der Männer kennen zu lernen, könnten wir unseren Gast vielleicht gleich um seine Meinung bitten. Mr. Marchetti, sind Sie bereit?“

Joe stand auf und räusperte sich. „Ich bin nicht verheiratet, aber meine Eltern sind seit sechsunddreißig Jahren zusammen. Meine Mutter hält es für äußerst wichtig, dass Mann und Frau ständig an ihrer Beziehung arbeiten. Sie sagt, dies sei das Fundament einer Familie, das, wenn es zu schwach ist, die Ehe schon an der ersten Krise scheitern lässt.“

„Guter Rat.“ Liz konnte ihre Überraschung nicht ganz verhehlen. „Aber was glauben Sie, wessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, wenn plötzlich ein forderndes Baby da ist? Wie werden die Eltern damit fertig? Was halten Sie davon, das Kind mit ins elterliche Bett zu nehmen?“

Joe wusste, Liz wollte ihn absichtlich in Verlegenheit bringen und testen. Er konnte sie nicht tadeln. Dieses Projekt war ihre Idee, ihre Sache. Aber wie auch immer, für ihn stellten Tests eine Herausforderung dar, der er sich nur ungern verweigerte. Er hatte dieser Frau noch etwas zu beweisen. Deshalb versuchte er, sich zu erinnern, was er von seiner Schwester Rosie in der Zeit nach der Geburt ihrer kleinen Tochter gelernt hatte.

Er räusperte sich erneut. „Zur Schlafenszeit sollte Sie das Baby in sein eigenes Bett legen. Aber wenn es aufwacht und es lässt sich nicht so bald beruhigen, überlegen Sie, ob Sie es nicht doch zu sich ins Ehebett holen.“

Allgemeines Gemurmel entstand. Joe entnahm dem freundlichen Nicken der Frauen, dass er das Richtige gesagt hatte.

Schließlich hob eine der Mütter die Hand. „Mr. Marchetti, ich nehme unser Baby gern mit ins Bett, denn ich möchte sicher sein, dass ihm nichts fehlt. Gleichzeitig möchte ich damit die Familienbande stärken. Mein Mann hat nichts dagegen. Aber vor kurzem überlegte er, wann wir beide …, nun ja, Sie wissen schon …“ Verlegen lächelnd schaute sie Joe an.

Nimm’s leicht, sagte sich Joe. „Ich glaube, sie sprechen von dem, was meine Mutter ‚das Wilde in uns‘ nennt.“ Alle lachten. „Irgendwann schläft das Baby, Sie sind allein, und die Gelegenheit ist da. Packen Sie sie beim Schopf.“

„Und wenn noch andere Kinder da sind?“, fragte jemand.

„Wenn Sie das Glück haben und Großeltern in der Nähe wohnen, bitten Sie diese um Hilfe. Fahren Sie in eine Berghütte, wie meine Familie es machte. Fehlt Ihnen jede Unterstützung von Verwandten und Freunden, versuchen Sie, es zur Routine werden zu lassen, die Kinder früh schlafen zu legen, damit Sie und Ihr Mann noch Zeit für einander haben.“

In diesem Moment begann Barbaras Baby zu weinen. Barbara stand auf und schaukelte es hin und her. „Es ist nicht leicht, eine solche Routine einzuhalten, denn unser kleiner Meister hier ändert die ...

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