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Lennox und der Barbar: Das Zeitalter des Kometen #7

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Inhaltsverzeichnis

  • Lennox und der Barbar: Das Zeitalter des Kometen #7
  • Copyright
  • Prolog
  • 1. Kapitel: Der Erste
  • 2. Kapitel: Canduly Reesa
  • 3. Kapitel: Sir Leonard Gabriel
  • 4. Kapitel: Der von den Göttern Gezeichnete
  • 5. Kapitel: Die Wolfsfrau
  • 6. Kapitel: Fanlur von Salisbury
  • 7. Kapitel: Fanlur, der Barbar
  • Epilog

Lennox und der Barbar: Das Zeitalter des Kometen #7


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 272 Taschenbuchseiten.


Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf...

Fanlur, der geheimnisvolle Helfer von Tim Lennox, steht im Mittelpunkt dieses Romans. Die Herkunft aus zwei unterschiedlichen Welten ist faszinierend und macht ihn zu einem einmaligen Exemplar. Auch die Freundschaft zu den Wölfen wird hier erklärt. Die Geschichte seiner Vorfahren und seiner Herkunft ist fesselnd und macht die Beweggründe deutlich, aus denen er Lennox zur Seite steht.


Prolog

Oberlauf des Großen Flusses, September 2504

Lichtpunkte glühten im Gestrüpp auf. Schwach und nur zwei oder drei Herzschläge lang, dann erloschen sie wieder. Erschöpft lehnte er gegen einen Baumstamm.

Er zügelte seinen Atem, spähte in die Dunkelheit. Was war das gewesen? Leuchtende Insekten? Ferne Fackeln? Oder nur ein Reflex seiner Angst? Es gab hier keine Lichter, nirgends. Kein Mondlicht schimmerte am Himmel über dem Wald. Kein Stern funkelte zwischen den Zweigen, wenn er in die Baumkronen hinauf sah. Die Nacht war ein schwarzes Loch. Und er war so maßlos erschöpft.

Weiter.

Links brach ein Zweig. Er kauerte sich ins Unterholz, hielt still, lauschte. Kaum vermochte er seine Atemzüge zu zähmen. Da! Wieder knackte es im Unterholz, vierzig, höchstens fünfzig Schritte entfernt diesmal. So nahe? Himmel über Salisbury! Hatten sie seine Spur entdeckt? Natürlich, seinen Schweiß, sein Blut! Beim Atem seiner Mutter – sollte dies denn wahrhaftig seine letzte Nacht sein?

Und da! Laub raschelte, vielleicht dreißig Schritte entfernt. Ein Verfolger? Bei Wudan, bitte nicht! Er verharrte reglos, lauschte nur, war starr vor Furcht. Nachtschwarzer Wald schluckte die Umrisse seiner Gestalt, nicht einmal als Schatten war er jetzt noch zu sehen. Um selbst kein Geräusch zu verursachen, atmete er mit weit geöffnetem Mund.

Still, ganz still!

So verharrte er minutenlang tief ins Gestrüpp geduckt und alle Sinne in den nächtlichen Wald gerichtet. Doch kein weiteres Rascheln oder Knacken verriet einen Verfolger. Da war nichts. Sie hatten seine Spur verloren, sie tappten im Dunkeln, wie er selbst auch. Nein, da war nichts. Seine Sinne hatten ihn getäuscht. Weiter.

Weiter, immer weiter!

Von Stamm zu Stamm tastete er sich durch das Unterholz. Das Atmen fiel ihm schwer, in seinen Wunden pochte brennender Schmerz. Sein rechter Arm war wie taub, sein Herz klopfte ihm in der Kehle, und das Schwert auf seinem Rücken wog schwer wie ein Eichenstamm.

Dieser Kampf …

Er lehnte wieder gegen etwas Hartes, verschnaufte, versuchte seine Schmerzen wegzudrängen, versuchte seiner Hoffnungslosigkeit auszuweichen, versuchte nichts zu spüren.

Dieser zähe, mörderische Kampf …

Hundertzwanzig, vielleicht hundertfünfzig Schritte weit arbeitete er sich durch das Unterholz. Leise, Meter für Meter, langsam, leise, weiter, immer weiter. Die Zeit kroch dahin wie erkaltende Lava.

O, dieser mörderische, nicht enden wollende Kampf! Nicht daran denken! Nichts spüren, nichts fühlen, alles vergessen, einfach nur weiter gehen!

Einmal mehr glaubte er, ein Sternenpaar in der Schwärze des Waldes aufleuchten zu sehen. Schon wieder Lichter? Versagten seine Sinne erneut? Fieberte er bereits? Er kniff die Augen zusammen, er blinzelte, er spähte – nichts leuchtete mehr.

Weiter.

Dann war ihm, als hörte er bereits den Fluss rauschen. Er richtete sich auf, vergaß einen Augenblick lang jede Vorsicht, rannte los, stolperte. Verzweiflung überschwemmte ihn, drohte seinen Willen zu ersticken. Er schüttelte sich, er seufzte, er biss die Zähne zusammen und richtete sich auf. Torkelnd tastete er einen Baumstamm, hielt sich fest, stieß sich ab, tastete den nächsten Stamm, hielt sich fest, stieß sich erneut ab. So schlich er von Baum zu Baum, und wirklich: Das Rauschen des Flusses war jetzt deutlich zu hören.

Er arbeitete sich durch ein Farnfeld. Schmerz und Erschöpfung zwangen ihn irgendwann zu Boden. Er ging in die Knie, er beugte sich über seine Oberschenkel, er bohrte die Stirn in die Kühle des Waldbodens. Konnte man denn derart erschöpft sein? Keinen Schritt wollte er noch gehen, keinen weiteren Atemzug tun.

Es duftete nach faulem Holz, nach feuchter Erde, nach Farn und Moder. Aufstehen, weitergehen. Nach wenigen Metern sackte er blitzartig in die Knie. Da waren sie wieder, die Lichter! Sechs diesmal, und er konnte blinzeln, so oft er wollte, er konnte spähen, die Augen zusammenkneifen, sich abwenden – sah er wieder hin, leuchteten sie noch immer.

Er blickte nach links – auch dort zwei Lichterpaare. Augenpaare? Augen, die in der Dunkelheit leuchteten? Er blickte nach rechts, er blickte nach links, er blickte hinter sich. Leuchtende Doppellichter, wohin er sah.

Aus und vorbei!

Die Bestien umzingelten ihn, er hatte verloren. Endlich war die Flucht vorüber. Er griff über seine Schulter und zog das Schwert aus der Rückenscheide. Viel zu langsam, viel zu schwerfällig. Seine Arme schmerzten, seine Wunden brannten, in seinem Kopf hämmerte eine Schürfhacke, seine Füße waren aus Granit, seine Knöchel, seine Waden, Knie und Schenkel, alles aus kaltem Granit.

Vorwärts, Mann aus Salisbury! Vorwärts und voran zu Wudans Festtafel! Ein Sohn der Wildnis stirbt nicht aus Versehen! Ein Sohn der Alten stirbt nicht im Schlaf!

Ein Ring aus Lichtern, so umgaben ihn die Augen der Bestien. Mit jedem Atemzug wurden es mehr, gleichgültig, wohin er sich wandte, vollkommen gleichgültig. Er dachte kurz an die Waffe im Panzer, er dachte an seinen Vater, an seine Mutter, und so torkelte er dem Rauschen des Flusses entgegen.

Vielleicht hätte er noch ein paar weitere Winter erleben können, wenn er den EWAT erreicht, wenn er die Waffe in die Hände bekommen hätte. Doch was wogen ein paar weitere Winter voller Mühsal gegen den Frieden an Wudans Festtafel? Was dieses verfluchte Leben gegen das letzte Aufatmen, das sie Tod nannten?

Er hob das Schwert und beschleunigte den Schritt. Den leuchtenden Augen entgegen. Er stieß einen Kampfschrei aus, er rannte, er hob die Klinge …

Er stolperte.

Keine Wurzel hatte ihn zu Fall gebracht. Kein Stein, kein Strunk, kein Bruchholz. Schwer atmend richtete er sich auf und tastete hinter sich. Seine Hand berührte etwas Warmes, tastete Haut, Kleider, Haare. Ein menschlicher Körper. Verkrümmt und reglos lag er im Gestrüpp. Seine Finger glitten durch etwas Feuchtes, Klebriges – Blut. Seine Hand zuckte zurück, sein ausgezehrter Körper erbebte unter kalten Schauern.

Einer der Jäger, die ihm auflauerten? Er hatte keine Freunde in den Ruinen und Uferwäldern des Großen Flusses. Und wenn – die Bestien unterschieden nicht freundliches Menschenfleisch von feindlichem Menschenfleisch. Es musste einer seiner Jäger sein, der hier verblutet war.

Als er sich auf den Knien aufrichtete, schwindelte ihn. Er stemmte die Fäuste in den Waldboden und atmete gegen einen Brechreiz an. Und plötzlich stand sie ihm vor Augen, seine schöne Mutter, so klar, als wäre sie eben hinter einem Stamm hervorgetreten. Ihre Miene war streng, ihre Augen leuchteten, und ihm war, als hörte er sie flüstern: „Steh auf, laufe, lebe!“

Er tastete nach seinem Schwert, rammte es in den Boden, zog sich an ihm hoch und lief los. Keine Lichter mehr im nachtschwarzen Wald, keine Augenpaare.

Steh auf, laufe, lebe!

Sein Atem flog, er keuchte, das Schwert vor sich ausgestreckt brach er durch Gestrüpp und Gebüsch. Tiefhängende Äste peitschten ihm ins Gesicht, Baumstämme schürften seine Schultern und Wangen wund, Bruchholz brachte ihn zu Fall.

Steh auf, laufe, lebe!

Er stand auf und rannte weiter. Vor ihm rauschte der Fluss, hinter ihm raschelte und knackte es. Nicht zurückblicken, weiterlaufen, dem Fluss entgegen!

Seine Stiefel versanken in Uferschlamm, sein Schwert bog Schilfrohr zur Seite, er stolperte über einen Stamm, schlug lang im Wasser hin. Wasservögel flatterten auf und verschwanden kreischend in der Nacht über dem Fluss.

Steh auf, laufe, lebe!

Aufstehen, weiterlaufen! Bis zu den Knien reichte ihm das Wasser. Er drehte sich um – Dutzende von leuchtenden Augenpaaren im Schilf! Er schleuderte ihnen sein Schwert entgegen, warf sich ins Wasser und schwamm los.

Er spürte, wie die Strömung ihn davontrug. Das Wasser drang durch seine Kleider und brannte in seinen Wunden. Seine vom Kampf tauben Arme wollten kaum noch gehorchen. Er drehte sich auf den Rücken, breitete die Arme aus, stieß sich allein mit den Beinen ab. Über ihm riss die Wolkendecke auf. Ein Stern glitzerte am Nachthimmel, und da, noch einer!

Er sah zurück – der Uferwald war eine schwarze Wand. Lichter schwammen auf dem Fluss. Sechs, sieben, acht Paare – sie verfolgten ihn! Er warf sich auf den Bauch, seine tauben Arme zerteilten das Wasser, er schwamm um sein Leben.

Bald konnte er die Konturen des Waldes am rettenden Ufer erkennen. Die Mitte des Großen Flusses lag hinter ihm. Seine Armmuskulatur drohte endgültig zu erlahmen. Er schluckte Wasser, hustete, versank, tauchte wieder auf. Die Kräfte schwanden ihm.

Weiter, Mann aus Salisbury! Das Ufer ist nah! Um deiner schönen Mutter Willen – weiter! Sie will, dass du lebst!

Er drehte sich auf den Rücken, um mit den Beinen zu rudern und zu strampeln. Ein Schreckensschrei entfuhr ihm: Die Augenpaare schwammen nur zwanzig oder dreißig Schritte hinter ihm. Er konnte die Umrisse von Schädeln erkennen.

Er warf sich auf den Bauch. Fünfzehn oder zwanzig Schritte entfernt erhob sich ein großer Vogel aus dem Schilf. So nahe schon das Ufer, so nahe der Wald! Doch seine Arme erlahmten. Wieder schluckte er Wasser. Seine Sinne drohten zu schwinden. Und da! Was war das? Lichter glühten im Schilf und am Waldrand! Augenpaare! Sie erwarteten ihn!



1. Kapitel: Der Erste

Pyrenäennordseite, März 2449

Der Sturm der vergangenen Nacht hatte die alte Tanne umgekippt. Die Zweite kroch in die Erdkuhle unter ihrem Wurzelstock. Die Erstmutter und vier Jungreißer kletterten zu ihr hinunter und lagerten sich um sie. Sieben Einjährige ließen sich rund um die Kuhle nieder. Die anderen schlichen in den Wald, einige, um ihre üblichen Posten im Unterholz einzunehmen, andere, um nach Nahrung zu suchen.

Der Erste lief ein Stück zurück hangaufwärts und setzte sich auf den vom längst abgetauten Gletscher glattgehobelten Felsblock, den er schon von oben, von der Waldgrenze aus erspäht hatte. Viel lieber wäre er weiter Hang abwärts gezogen, denn wie alle litt auch er unter den Folgen des misslungenen Jagdzuges. Doch das Leben in den Eingeweiden der Zweiten hatte Vorrang, und so begann das große Warten.

Er spähte in den Waldhang hinab und erkannte die schwarze Alte. Er streckte die Nase in den Wind und witterte die Einjährigen und die Witterer unter den Bäumen und zwischen den Büschen.

Namen? Bedeutungslos. Gerüche verrieten das Wesentliche. Sie erkannten einander an ihren unterschiedlichen Duftnoten. Wenn der zu Erkennende nahe genug war, auch an bestimmten Schattierungen des Fells oder an unverwechselbaren Merkmalen, wie einem zerfledderten Ohr, einem blinden Auge, oder einem fehlenden oder ungewöhnlich großen Zahn.

Bedeutung hatte vor allem der Geruch eines Reißers. Und natürlich seine Stellung im Rudel. Er zum Beispiel duftete nach einer Mischung aus Sperma und dem Holz der mächtigen Nadelbäume, wenn es faulte. Und er war der Erste in seinem Rudel.

An jenem Tag führte der Erste sein Rudel von einem der Schneegipfel hinab in die Waldhänge am Fuß des Gebirges zurück. Sie hatten zwei Beutetiere verfolgt, eine Wakuda-Kuh mit ihrem Kalb; nächtelang und bis in die Felsregionen des Bergmassivs hinauf. Mit dem Kalb hatten sie leichtes Spiel gehabt. Die Kuh jedoch war über einen Steilhang gestürzt, und als seine wendigen Jungreißer einen Pfad zu der verendenden Beute gefunden hatten, bedeckte schon zuckendes Weißgefieder viel zu vieler Geier das Fleisch.

Jetzt bohrte der Hunger in ihren leeren Bäuchen. So ein Kalb hielt nicht lange vor; nicht für sechsundzwanzig Mäuler. Weiter unten am Fluss jedoch lag ein Dorf der Nackthäute. Sie hielten Großkrabbler, Kamauler und Laufvögel. Der Schlund des Ersten und sein hungriger Bauch erinnerten sich gut daran.

Die Sonne versank in roten Wolken, die Nacht kroch die Waldhänge hinauf. Von seinem Felssitz aus witterte der Erste fremdes Fleisch und Blut. Bald sah er die grauen, braunen und schwarzen Leiber einiger seiner Jagdreißer unten im Wald. Sie schleppten Beute herbei; der Blutaasige und der Nadelholzige eine Großschlange, und fünf Jungreißer den halben Kadaver einer Wisauu. Sie hatten ihn einem allein jagenden Greifen geraubt.

Nichts, was für längere Zeit sättigte, aber mehr als ein Maul voll toter Krabbler immerhin. Der Erste ließ die Hälfte der Schlange der Ersten und Zweiten Mutter und den Jungreißern in die Wurzelkuhle werfen, die andere Hälfte teilte er den erfolgreichen Jägern zu. Er selbst riss sich ein noch nicht stinkendes Stück des toten Wildschweins heraus.

Es wurde dunkel, das Sichellicht schwebte von einer Seite des Nachthimmels zur anderen, langsam, es hatte Zeit. Das große Warten dauerte an.

Als die Nacht ging und der Morgen kam, hörte der Erste ein Winseln und Fiepen aus dem Wald. Er stellte die Ohren auf, erkannte die Stimme der Zweiten und hörte jenes haarfeine Flehen, das ihm einmal mehr den Durchbruch von Leben verriet. Von Leben, das er gezeugt hatte, und das ihm wie immer auch diesmal sein Herz schwellen ließ. Er stand auf, kletterte von seinem Felsen und trottete Hang abwärts in den Wald hinein.

Als er die Kuhle unter der Wurzel erreichte, wusste er bereits, dass es sieben waren. Sieben nackte, feuchte Fleischklumpen. Seine Augen blitzten, er streckte den buschigen Schwanz, er bleckte die Zähne. Die Einjährigen, die sich am Rand der Kuhle drängten, die Jagdreißer, die Witterer – alle machten ihm Platz. Er stieg hinab, stieß die Jungreißer zur Seite, wich der Schnauze der Ersten Mutter aus, und stieß seine Schnauze in den Nacken der Zweiten. Ihr Fell war nass, ihr Körper strahlte Hitze aus. Sie knurrte und leckte ihre Neugeborenen ab.

Alle sieben beschnüffelte der Erste, eines nach dem anderen. Sie rochen nach dem süßlichen Körperschleim seiner Zweiten: nach aufgeplatzten Kastanien, vergorenen Beeren und frischer Wakuda-Leber. Sie zuckten, sie fiepten, sie hoben ihre winzigen Schnauzen und erwitterten sich den Weg zu den Zitzen der Zweiten.

Ihre Augen waren Erhebungen unter durchsichtiger Haut, ihre Schwänze bleiche Würmer. Vier würden einmal Mütter werden, falls sie überlebten. Einer der anderen drei hatte einen grauen Fleck auf der nackten Stirn und war größer als die anderen. Er duftete nach frischer Eichenrinde und Morgentau. Der Erste fuhr ihm mit der Zunge über die schleimige Schnauze, sein Herz schwoll wieder, und er stieß ein zärtliches Winseln aus.

Der zweite der anderen drei Rüdenwelpen war ebenfalls auffallend groß, allerdings nicht so kräftig gebaut wie der mit dem grauen Stern, dafür langgliedriger. Der Erste beschnupperte ihn ausgiebig, viel länger als die anderen Neugeborenen. Eine seltsamer Duft ging von ihm aus, etwas wie rostiges Eisen mischte sich in den Geruch von Kastanien, Beeren und Leber, etwas wie warmer Nackthautschweiß und Schnee auf schwarzem Gestein, wie man es hoch oben auf den Gipfeln fand.

Der Erste schüttelte seinen mächtigen Schädel und stieß ein heiseres Knurren aus. Die Zweite hob ihre Schnauze und fletschte ihn an. Er wandte sich ab, kletterte aus der Kuhle und trottete den Waldhang hinauf zu seinem Felssitz.

Die Sonne ging auf, als er seinen graupelzigen Schädel auf die Vorderläufe legte. Ihm war, als spürte er das neue Leben dort unten im Wald pulsieren. Manchmal gab sein Bauch vorübergehend Ruhe, dann zog das Bild des nackten Fleischklumpens mit dem grauen Stern auf der Stirn durch seinen Schädel, und das Herz schwoll ihm. Manchmal glaubte er Eichenrinde, Nackthautschweiß und Schnee zu riechen. Dann beschlich ihn jedes Mal eine Todesahnung.

Zwei Mal am Tag schlich er zur Kuhle mit den Müttern. Umringt von spielenden Einjährigen spähte er zur Zweiten und ihrem Wurf hinab. Bald wusste er, dass höchstens sechs der Neugeborenen überleben würden.


*


Vierzehn Sonnenaufgänge und dreizehn Sonnenuntergänge blieb das Rudel bei der entwurzelten Tanne. Es ernährte sich von Krabblern, kleinem Gefiederzeug, Beeren und Aas. Ein jämmerlicher Fraß, doch er dämpfte den Hunger vorübergehend. Am Morgen des neunten Tages rief der Erste sämtliche Reißer an der Erdkuhle zusammen. Nach und nach schlichen oder trotteten sie herbei. Graue, braune und schwarze Pelze versammelten sich im Unterholz um die entwurzelte Tanne.

Die Zweite kletterte aus dem Loch, nacheinander folgten ihr die sieben Jungen. Längst hatten sie inzwischen die Augen geöffnet, längst bedeckte flaumiges Fell ihre kleinen Körper. Fünf waren gefärbt wie der Erste und seine Zweite – dunkelgrau. Einer hatte schwarzes Fell. Unter seiner Kehle hellte das Fell ein wenig auf und ging in dunkles Grau über. Und an seiner Stirn prangte ein hellgrauer Fleck. Der siebte Kleinreißer war vollkommen weiß.

Grausternchen sprang zu dem Ersten und strich zwischen seinen Läufen hin und her. Er hatte eisgrüne Augen. Der Erste drückte ihm die Schnauze in die Flanke, schob es behutsam zur Seite und fasste den Weißen ins Auge. Allein hockte der am Rand des Erdlochs und rührte sich nicht. Ahnte er, was ihm bevorstand?

Der Erste trottete zu ihm und beschnüffelte ihn. Eichenrinde, Nackthautschweiß und Leber. Der Geruch hatte noch an Intensität zu genommen; und an Fremdartigkeit. Vor allem der Gestank nach Nackthautschweiß erregte den Widerwillen des Ersten. Er legte den Kopf in den Nacken und stimmte ein langgezogenes Jaulen an. Alle anderen fielen ein. Am lautesten und kläglichsten jaulte die Zweite; und am längsten. Noch als auch der Erste längst verstummt war, heulte sie die Baumwipfel an. Ihre Jungen drängten sich ängstlich an ihre Flanken und ihren Bauch.

Auch der Weiße wollte zu ihr hoppeln, doch der Erste versetzte ihm einen Stoß mit der Schnauze, so dass er sich überschlug und zurück in die Kuhle purzelte.

Endlich verstummte auch das Gejaule der Zweiten. Sie trollte sich hangabwärts. Ihre sechs Kleinreißer tappten hinterher. Auch die Erstmutter, die Witterer und die meisten Jungreißer folgten.

Nur der Blutaasige und der Nadelholzige und die schwarze Alte, seine eigene Mutter, blieben mit dem Ersten an der Kuhle zurück. Und die Einjährigen. Sie mussten lernen, was leben durfte, und was nicht leben durfte.

Weißes, Rotäugiges durfte nicht leben. Nie. So war es immer gewesen, so würde es für alle Zeiten bleiben.

Aus der Kuhle fiepte es jämmerlich. Ein weißes Fellknäuel erschien an ihrem Rand. Der Weiße kletterte über den Rand, winselte und sah ängstlich nach allen Seiten. Sein Fell sträubte sich. Der Erste trottete zu ihm und schnappte nach ihm. Wie grünes Holz zerknickte das weiche Genick zwischen seinen Fängen.

Er ließ es in die Kuhle fallen. Die Schwarze und der Blutaasige scharrten altes Laub und Geäst hinterher; solange, bis sie das weiße Pelzchen nicht mehr sehen konnten. Sie sprangen in den Wald und folgten ihrem Rudel.

Schnell kamen sie nicht voran, denn die Kleinreißer waren noch ungeübte Wanderer. Der Abstieg ins Flachland zog sich hin. Der Erste schickte vier Witterer voraus.

Am frühen Abend nahm der Erste die Witterung von Nackthäuten auf. Merkwürdig, denn um diese Jahreszeit stiegen sie selten so weit die Hänge hinauf. Beeren, Pilze und Eicheln gab es hier erst, wenn das fette Grün des Laubes zur verblassen begann. Der Erste zog das Rudel zusammen, schickte je drei Jungreißer an die Flanken, die schwarze Alte und die Erstmutter nach vorn, und den Blutaasigen und den Nadelholzigen mit zwei Jungreißern nach hinten. Die anderen bildeten einen engen Ring um die Zweite und ihre Jungen.

Zwei Witterer kehrten zurück. Sie hatten das Dorf gefunden, sie hatten junges Beutegetier auf den Weiden zwischen den Hütten entdeckt. Die Botschaft versetzte das gesamte Rudel in heftige Erregung. Die Vorfreude auf frisches Fleisch trieb den Lupas den Speichelschleim aus den Lefzen und weckte auch dem Erschöpftesten unter ihnen neue Kräfte in den Läufen. Der Erste übernahm die Vorhut.

Die Dämmerung brach an, der Wind drehte und fiel kühl und feucht von den Gipfeln in den Wald hinunter. Er brachte den Gestank von Nackthäuten. Das verwirrte den Ersten. Nackthäute über ihnen in den Hängen? Um diese Jahreszeit? Er trieb sein Rudel zur Eile an.

Die Zweite mit ihren Jungen drohte zurückzubleiben. Der Gestank nach Nackthaut wurde intensiver – säuerlich, bitter und ranzig. Schweiß, Haar, alte Kleidung. Auch die Witterung von Großkrabblern nahm der Erste auf. Die Nackthäute würden sie einholen. Er scheuchte das Rudel ins dichte Unterholz und legte sich zwischen Beerenhecken auf die Lauer.

Rasch kam die Nacht. Und mit ihr die Nackthäute. Es waren viele; ein Rudel, zweimal so groß wie sein eigenes. Sie flogen auf Großkrabblern. Im letzten Dämmerlicht erkannte der Erste die langen, schwarzen Leiber der Großkrabbler, als sie über den Wipfeln vorbeischwirrten. Sogar die Nackthäute in ihren Sätteln erkannte er. Sie flogen hangabwärts, und sie mussten zahlreiche Reißzähne mit sich führen, denn der Erste witterte Metall, viel Metall.

Die Reißzähne von Nackthäuten waren aus Eisen. Sie trugen sie nicht in ihren Mäulern, sondern an Gurten und in Hüllen an ihren Leibern; oder auf großen Hölzern, die sie werfen, und auf kleinen Hölzern, die sie mit Hilfe von gebogenen Stöcken und daran befestigten Sehnen schleudern konnten.

Nackthäute auf Jagdzug also? Nackthäute auf Kriegszug gar? Der Erste stieß ein heiseres Knurren aus. Er spürte, dass seine Beute unten im Tal in Gefahr war.


*


„Der Berghang! Das ist der Berghang!“ Der Adept deutete auf die Ansammlung von Lichtern fünf oder sechs Speerwürfe unterhalb der Ruine. „Das ist das Tal, das ist das Dorf!“ Er zischte mit gespitzten Schlundlippen, gab sich kaum noch Mühe, leise zu sprechen. „Ich erkenne es wieder, alles erkenne ich wieder. Hier ist es, hier leben sie.“

„Bist du sicher?“ Rapun, der Göttersprecher, beargwöhnte den haarigen Bastard von der Seite. Er konnte nur die Konturen seines unförmigen Profils und seiner riesigen, stets unruhigen Zunge erkennen. Ständig fuhr sie aus dem Mundwinkel und glitt über die wulstigen Lippen. „Hier soll es sein?“ Rapun sah sich zweifelnd um. Die Nacht hatte sich längst auf das Gebirge gesenkt, der Hang war nicht mehr als eine Ahnung, das Flusstal nicht einmal das, und von der Lage und Größe des Dorfes konnte der Adept nur aus den Berichten der Kundschafter wissen. „Bist du auch wirklich ganz sicher?“

„Ganz und gar sicher.“

Zu dritt waren sie einem Stoßtrupp bis zu der Ruine gefolgt. Oder zu fünft, wenn man die beiden Wildhunde mitrechnete. Der Stoßtrupp aus vier Dolchmännern hatte den Auftrag, zur Rodung rund um die kleine Siedlung hinabzusteigen und einen der Hirten von der Wakuda-Weide zu verschleppen. Niemand zweifelte daran, dass die Männer bald mit ihrer Beute zurückkehren würden, denn der Wulfane Rydolpher führte den Stoßtrupp. Rydolpher war ein erfahrener Streiter des Fürsten und der persönliche Leibwächter seines Sohnes. Im Turm der alten Götterhausruine warteten sie nun auf die Rückkehr der Dolchmänner; Rapun, sein Adept Wulfer, und Vartyro, der Capo. Und Wulfers Wildhunde. Fünfzig Schritte hangaufwärts im Unterholz zirpten ihre sieben Andronen.

„Da!“ Der Junge hielt seine haarige Rechte ans Ohr. „Hört ihr? Der Fluss. Hört ihr ihn rauschen?“ Er drehte sich nach links und rechts. Der Capo nickte, Rapun lauschte vergeblich. Er hörte nur die Andronen und das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Allerdings hatte das nichts zu bedeuten, denn er war auf dem linken Ohr taub.

„Hört nur! Genau so rauschte es, als ich das Gesicht hatte.“ Die beiden schwarzen Wildhunde hinter ihm spitzten die Ohren. Auf der gegenüberliegenden Talseite erschien ein Lichtfleck am Himmel und entriss der Dunkelheit die Silhouette eines Bergrückens. Der Mond ging auf.

Noch immer beobachtete Rapun den Burschen von der Seite. So wenig der Göttersprecher an der göttlichen Berufung seines Adepten zweifelte, so sehr hatte er es sich doch zur Gewohnheit gemacht, Wulfers Verstand und Temperament zu misstrauen. Dieser ungewöhnliche Adept war sehr jung und entsprechend unerfahren. „Erinnere dich, Wulfer, denke nach. Hat der Gott dir wirklich diesen Hang, dieses Tal und dieses Dorf gezeigt?“

Der Rotpelzige fuhr herum. „Hat Wudan zu mir gesprochen, oder hat er zu dir gesprochen?“, zischte er den um so vieles Älteren an. Der Göttersprecher unterdrückte den Impuls, ihm ins Gesicht zu schlagen. „Das ist das Dorf, Rapun! Ich muss es wissen, und ich weiß es! Hier leben sie! Ich weiß es einfach!“ Seine Hunde knurrten. Er legte seine schweren Pranken auf die Schultern seines Meisters. Längst hatte er den Flüsterton aufgegeben, leidenschaftlich und heftig sprach er jetzt. „Wir müssen es vernichten, wir müssen es niederbrennen! Keiner darf lebend entkommen! Nicht einer, hörst du? Nicht ein einziger!“

„Leiser, Wulfer!“ Rapun hob beide Hände zu einer beschwichtigenden Geste. „Rede leiser, bei Wudan! Vielleicht haben sie ja Wachen aufgestellt.“

„Haben sie nicht, haben sie überhaupt nicht.“ Der Adept flüsterte wieder. „Sie sind dumm, sie fühlen sich sicher, sie fürchten nur die wilden Tiere, diese Dummhirne!“ Er ließ den Göttersprecher los und blickte auf die Lichter im Tal hinab. „Gegen räuberische Tiere haben sie Zäune errichtet und dahinter Koppeln mit Schreivögeln angelegt. Doch gegen räuberische Menschen haben sie sich nicht gewappnet. Wie dumm sie sind! Wir überfliegen ihre Zäune, wir reißen ihre Koppeln nieder, wir rauben ihre Schreivögel! Sie sind so dumm, so dumm! Wie ein Orkan kommen wir über sie! Wie ein Waldbrand im Sommer richten wir sie zugrunde!“ Einer der Wildhunde stimmte ein heiseres Gekläff an.

„Leiser, Wulfer, bitte!“ Rapun wandte sich an den Capo. „Was meinst du, Vartyro?“

Der untersetzte und kräftig gebaute Capo zuckte mit den Schultern. „Zu mir sprechen die Götter nicht.“ Die kantige Form seines Schädels war trotz der Dunkelheit zu erkennen. „Zu ihm sprechen sie.“ Er wies auf den Rotpelz. „Wenn also Wulfer sagt, keiner darf entkommen, dann wird keiner entkommen.“

Heiß und bitter stieg es aus Rapuns Magen. Er streifte die Kapuze seines Ledermantels über seine weißen Locken, um sein Gesicht zu verbergen. Schon seit sie die Insel verlassen hatten, war es ihm aufgefallen: Mehr als seinen respektierten der Capo, seine Dolchmänner, Schwertstreiter und Schützen inzwischen den Willen des Jungen. Mehr als auf seine Befehle, hörten sie auf die des Bastards. Dabei hatte Wulfer noch keine sechzehn Winter erlebt, er dagegen sah bereits seinem sechzigsten entgegen. Ganz zu schweigen davon, dass er der Sprössling einer alten Dynastie von Göttersprechern war; und zudem Wulfers Lehrer. Andererseits: Wulfer war der jüngste Sohn von Kraukeyrus, dem Südlandfürsten, der die Insel Saardiny seit acht Wintern erfolgreich gegen Raubhorden und Kriegsrotten verteidigt hatte. Selbst der eigensinnige Vartyro war dem Fürsten treu ergeben. Treuer fast, als dem Patriarchen von Saardiny.

„Also gut“, sagte Rapun, nachdem er ein paar Mal tief durchgeatmet und seinen Ärger gebändigt hatte. „Dann werden wir diese Siedlung eben vernichten.“

„Natürlich werden wir das“, zischte der Bastard. „Sobald der erste Silberstreifen des neuen Tages am Horizont schimmert, greifen wir an! Noch bevor ihre Schreivögel erwachen!“ Wulfer ballte die Fäuste. Sie waren groß wie Feldsteine. „Wenn die Sonne aufgeht, werden ihre Hütten brennen! Kein Spross ihrer erbärmlichen Sippe wird je die Hand gegen meinen Vater und meine Brüder erheben!“

„Still doch!“ Meister Rapun fuhr seinen Adepten an. „Du weckst ihre Schreivögel noch, bevor die Lichter dort unten überhaupt ausgegangen sind!“

Der Bastard verstummte. Doch Rapun spürte, wie er ihn fixierte. Das Licht des aufgehenden Mondes spiegelte sich in seinen gelben Augen. Oder leuchteten sie etwa von selbst? Rapuns Nackenhaare richteten sich auf.

Der Bastard wurde ihm immer unheimlicher. Seit Wulfers Großvater, ein Wulfanen-Fürst aus dem Südland, seinem Enkel auf dem Sterbebett jene alte Weissagung offenbart hatte, war Wulfer reizbar und aufbrausend, und seit der Gott ihm in einer Vision den Weg zu den Mördern seiner Sippe gewiesen hatte, war er wie besessen von dem Gedanken, sie zu töten.

Nein, das war nicht mehr der gelehrige Schüler von einst, der beflissene Diener, der demütige Mutant, der dankbar war, die Unterweisungen eines menschlichen Göttersprechers zu kosten, in seinem Zelt schlafen und von seiner Jagdbeute essen zu dürfen. Rapun erkannte seinen Adepten kaum noch wieder. Manchmal bereute er es, dem Drängen von Wulfers Mutter nachgegeben und den Bastard als Schüler aufgenommen zu haben. Doch die Frau hatte in jungen Jahren ihr Lager mit Rapun geteilt. Und was noch schwerer wog: Sie war die Gattin des Fürsten und eine Tochter des ersten Patriarchen der Insel.

Der Göttersprecher wich dem Blick seines Adepten aus. „Was ist mit den Lupas?“, wandte er sich an den Capo. „Gibt es wirklich welche in dieser Gegend?“

„Du zweifelst an meiner Nase?“ Wulfer sprach jetzt sehr leise, und seine Stimme klang feindselig.

Rapun überhörte seine Frage. Demonstrativ sah er an ihm vorbei zu Vartyro. „Gibt es welche, oder gibt es keine?“

„Ein großes Rudel, ganz in der Nähe.“ Der Capo war kein Freund vieler Worte.

„Und?“ Der Göttersprecher versuchte das Glitzern in den Augen seines Adepten zu ignorieren. „Ist das alles, was deine Späher herausgefunden haben?“

„Mindestens zwanzig Tiere. Sie kommen aus dem Gipfelmassiv und ziehen talwärts. Sie haben Jungtiere bei sich, und sie haben Hunger.“

„Sie werden bald um die Siedlung streichen“, sagte Wulfer bestimmt. „Einen solchen Schlachttag lassen sie sich nicht entgehen.“ Er streckte die Linke nach dem Wildhund aus, der ihm am nächsten war, und begann sein Nackenfell zu kraulen. „Sie gehören mir. Du wirst es erleben, Meister Rapun – sie gehören mir.“

Der Göttersprecher erwiderte nichts. Er wusste ja von der rätselhaften Macht des Bastards über wilde Tiere. Zugleich spürte er, dass der Junge ihm allmählich über den Kopf wuchs. Oder war es schon zu spät? War Wulfer längst sein eigener Meister? Bei Wudans Weisheit und Barmherzigkeit – er war doch noch keine sechzehn Winter alt!

Der Adept stieß sich von der zerklüfteten Fensterlücke ab. Wortlos ging er zum Abgang der Wendeltreppe. Er zog sein Schwert aus der Rückenscheide und bog die jungen Brennnesseln und Birkentriebe vor den ersten Stufen zur Seite. Der Capo und die Wildhunde folgten ihm ungerufen die Turmtreppe hinab und in den Wald hinunter. Rapun blieb allein in der Turmruine zurück.

Ein zunehmender Halbmond stand in einer Wolkenlücke. Sein milchiges Licht fiel auf den Waldhang. Leichter Südwind strich durch das knospende Laub der Baumkronen. Am Fuß der Turmruine glitten Schatten vorbei: das Wildhundpaar. Zwei weitere Schatten lösten sich aus dem Gestrüpp vor dem Eingang des von Efeu eingehüllten Gemäuers. Rapun hörte es rascheln und knacken – der Capo und der Adept ließen sich im Unterholz vor der Götterhausruine nieder. Noch im Sitzen überragte Wulfer den bulligen Schwertträger um zwei Köpfe.

Rapun dachte an seine ehemalige Geliebte, an Franca, die Mutter des Adepten. Unter ihren Vorfahren hatte es viele Frauen mit dem zweiten Gesicht gegeben, auch sie selbst hatte es. Kraukeyrus, den Wulfanen-Fürsten aus dem Südland, hatte sie aufgrund einer Weissagung geheiratet. Jedenfalls behauptete sie das immer. Der Göttersprecher vermutete jedoch, dass Kraukeyrus’ Macht und sein sagenhafter Reichtum bei ihrer ungewöhnlichen Entscheidung mindestens so sehr ins Gewicht gefallen waren wie die Prophezeiung.

Rapun wusste nur von wenigen Menschen, die Mutanten zu Frauen oder Männern genommen hatten. Die meisten dieser Verbindungen blieben in der Regel kinderlos. Nicht so die zwischen Kraukeyrus und Franca – die Tochter des Inselpatriarchen gebar dem Wulfanen-Fürsten vier Söhne. Nur der jüngste ähnelte seinem Vater so sehr, dass man auf den ersten Blick in Versuchung war, ihn selbst für einen Wulfanen zu halten: Wulfer. Er hatte das zweite Gesicht von seiner Mutter geerbt. Schon bei seiner Geburt war er am ganzen Körper von rotem Haar bedeckt und so groß gewesen, dass Rapuns Vater ihn mit dem Messer aus dem Mutterleib schneiden musste. Ein Wunder, dass Franca überlebt hatte.

Fünfundzwanzig Schritte unterhalb seines Ausgucks hörte Rapun den Adepten auf den Capo einreden. Er verstand kein Wort. Irgendwann übermannte die Müdigkeit den Göttersprecher. Er kauerte sich unter das Fenster an die Mauer und schlief ein wenig.

Zwei Stunden später weckten ihn Stimmen außerhalb der Turmruine. Er stand auf und sah zur Fensterlücke hinaus. Der Mond schien jetzt direkt über dem Turm. Unten, am Eingang der Ruine sprach der Adept mit Rydolpher und seinen Dolchmännern. Waren sie also zurückgekehrt! Durch Brennnesseln, Birkengeäst und Farn arbeitete Rapun auf der Wendeltreppe nach unten.

Als er ins Freie trat, wäre er fast über den Gefangenen gestolpert. Er wimmerte und wälzte sich in einem Jagdnetz hin und her. Ein Halbwüchsiger, wie es aussah. Sie hatten ihm seine Wildlederkappe in den Mund gestopft, damit er nicht schreien konnte. Rapun glaubte das Weiß seiner aufgerissenen Augen erkennen zu können. Das engmaschige Netz schnürte seinen Körper zu seinem verkrümmten Bündel zusammen.

„Sie haben keine Wachen aufgestellt“, zischte der Adept. „Sagte ich nicht, dass sie sich sicher fühlen? Sagte ich nicht, dass sie dumm sind?“

Der Göttersprecher ging vor dem Gefangenen in die Hocke. Tatsächlich, ein halbwüchsiger Knabe! Jünger noch als Wulfer. In seinem Gesicht konnte Rapun der Dunkelheit wegen nicht lesen. Doch es war so bleich, dass man hätte meinen können, eine Handvoll Schnee läge im Gras. Er roch stark nach Schweiß, und als Rapun mit den Fingern durch das Netz fuhr, um nach dem Knebel zu greifen, berührte er den Hals des Jungen – die Schlagader pulsierte rasend schnell.

Der Göttersprecher riss die nasse Lederkappe aus dem Mund des Gefangenen und warf sie ins Gestrüpp. „Wie heißt du?“, fragte er ihn in der Sprache der Südländer.

Der Junge warf sich auf die Seite und übergab sich. Rapun wartete, bis er aufhörte zu würgen und zu husten, dann packte er das Netz und zerrte ihn zurück auf den Rücken. „Wie heißt du?“

„Madrilan.“

„Madrilan.“ Seltsamer Name. Er klang fremd in Rapuns Ohren. „Madrilan …“

„Und deine Sippe?“ Wulfer ging vor dem Hirtenjungen in die Hocke. „Wie heißt deine Sippe, will ich wissen!“

Der Junge schwieg. Wulfer zischte geifernd und schlug ihm ins Gesicht. „Willst du wohl!“

Er unterbrach sich, griff durch die Netzmaschen an den Hals des Jungen, riss eine Kette ab und richtete sich langsam auf. Im Mondlicht sah Rapun seine gefletschten Zähne schimmern. Er hielt ein ovales Medaillon zwischen den Daumen- und Zeigeklaue.

„Was haben wir denn hier?“ Er öffnete das Medaillon, hob es in Augenhöhe und drehte sich ein Stück, bis das Mondlicht darauf fiel. Rapun sah dem jungen Adepten über die Schulter: Ein weißer Lupa-Kopf eingelassen in schwarzen Achat!

Wulfer knurrte böse. „Ein Reesa!“ Er blickte sich nach Rapun um. „Habe ich es dir nicht gesagt? Es ist das Dorf! Hier hat die Mördersippe sich verkrochen!“ Er fauchte und begann nach dem Jungen zu treten. Der schrie auf, und Vartyro warf sich blitzschnell neben ihm auf die Knie und presste ihm die Hand auf den Mund.

„Beherrsche dich!“, fuhr Rapun den Adepten an. „Wir brauchen ihn noch!“ Fauchend trat Wulfer zur Seite. Rapun beugte sich über den wimmernden Jungen. „Ich stelle dir jetzt ein paar Fragen, und du wirst sie mir beantworten, klar?“

Vartyro nahm die Hand von seinem Mund. Der Junge reagierte nicht. „Wie viele wohnen in eurem Dorf?“

Der Junge namens Madrilan schluckte, antwortete aber nicht. Wulfer trat ihm in die Nieren. „Wie viele, Bursche?“

„Hundert … hundertdreiundzwanzig.“

Das waren mehr, als sie erwartet hatten. Wulfer grunzte böse, und einer der Dolchmänner stieß einen Fluch aus.

„Wie viele davon können mit einer Waffe umgehen?“, fragte Rapun. „Und wie viele und welche Art von Waffen besitzt ihr?“

Der Hirtenjunge starrte ihn an.

„Ich hab dich etwas gefragt, Madrilan Reesa!“

Der Junge schwieg.

„Du wirst Schmerzen erdulden müssen, wenn du schweigst. Also: Welche Art von Waffen und wie viele?“

Der Junge presste die Lippen zusammen. Kein Wort sprach er.

„Große Schmerzen, Reesa!“, zischte Wulfer. „Und am Ende wirst du doch reden.“

Der Junge kniff die Augenlider zusammen. Wie einer, der nicht mehr zwischen Albtraum und Wirklichkeit unterscheiden konnte, kam er Rapun vor; wie einer, der zu schlafen und zu träumen hoffte, und nun versuchte aufzuwachen. Ein paar Mal riss er die Augen auf, schloss sie wieder, und riss sie wieder auf, schloss sie erneut. Die ganze Zeit schwieg er, und der Göttersprecher wusste, dass er eine Seele vor sich hatte, die zum Schweigen und zum Leiden entschlossen war.

Rydolpher aber trat dem Jungen in die Rippen. „Mach’s Maul auf, oder wir schneiden dir Zunge ab!“

Uringeruch stieg aus Kleidern des Gefangenen. Doch er sprach kein Wort.

„Bringt ihn zum Reden!“, zischte Wulfer.

Rydolpher und seine Dolchmänner zogen ihre Klingen. „Los, er muss reden! Macht schon!“ Wulfer knurrte drohend. „Macht es gründlich, und er wird reden!“


*


Später erinnerte sie sich vor allem an Geschrei, an den Geruch von Metall und Feuer, und an Augen, groß wie der Himmel und bis zum Bersten voll mit Liebe, Angst und Erbarmen.

Sie war ja noch so klein!

Es waren die Augen ihrer Mutter gewesen. Die Erinnerung an diese guten Augen und an ihre warme Stimme waren das einzige, das ihr von der Mutter geblieben war. Ich habe solche Angst um dich und ich liebe dich, sagten die guten Augen an jenem blutigen, brennenden, brüllenden Morgen. Alles wird gut, meine kleine Ly, alles, alles wird gut, sagte die warme Stimme. Sie zitterte, während sie das sagte, die Stimme. Ja, auch das vergaß sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr.

Und natürlich das Säckchen aus schwarzem Leder, auch das blieb Ly von ihrer Mutter. Und ja, auch das schwarze Ledersäckchen begleitete sie ihr ganzes Leben hindurch; oder fast ihr ganzes Leben lang. In der letzten Stunde ihres Lebens trug sie es nicht mehr bei sich, da mussten ihr die Erinnerungen genügen.

Wenige Atemzüge nach dem ersten Geschrei von aufgescheuchten Wachvögeln und Menschen in Todesnot band ihre Mutter jenes Säckchen um Lys Hüfte. Drei oder vier wimmernde Gestalten drängten sich um die Mutter und um sie. Geschwister wahrscheinlich. Später grübelte sie oft darüber nach, ob es Brüder oder Schwestern gewesen waren. Sie kam nie dahinter. Allerdings hatte es einen Bruder gegeben, von dem sie zeitlebens eine blasse Erinnerung behielt. Aber der schlief an jenem Morgen nicht in der Hütte.

„Alles wird gut, meine kleine Ly, alles, alles wird gut!“

In den Ritzen zwischen den Latten der Fensterverschläge leuchtete es rot und gelb. Etwas schwirrte über das Hüttendach. Die Mutter streifte ihr Fellhosen über, danach ein Fellmäntelchen und Stiefel. Die größte der drei oder vier Gestalten half den kleineren beim Anziehen. Alles geschah in großer Eile, die Unterlippe der Mutter bebte, ihre emsigen Hände zitterten, ihre Augen waren feucht.

„Alles, alles wird gut, meine Kleine!“

Immer mehr Menschen schrien außerhalb der Hütte. Einige wütend und gehässig, andere angstvoll und klagend. Rauch quoll unter der Hüttentür hindurch in den einzigen Raum. Ihre Mutter schlug mit der flachen Hand auf den Docht der Öllampe, es wurde wieder dunkel in der Hütte. Nur das Feuer, das man in den Ritzen der Fensterverschläge sehen konnte, streute ein wenig Licht in die schützende Dunkelheit. Es war ein böses Licht.

Ihr Vater? An ihn behielt sie keinerlei Erinnerung. Ein großer Krieger einst, so erfuhr sie viel später. Und in jenen Tagen im Walddorf? Ein Hirte, ein Jäger, ein Schmied – sie konnte sich nicht erinnern. Die meisten Männer im Walddorf waren doch Hirten, Jäger und Krieger gewesen, oder? Sie wusste das nicht genau, sie reimte es sich aber später aus den spärlichen Fakten zusammen, die sie im Lauf der Jahre herausfand.

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