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Lennox und der Wettlauf gegen die Zeit: Das Zeitalter des Kometen #13

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Inhaltsverzeichnis

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Lennox und der Wettlauf gegen die Zeit: Das Zeitalter des Kometen #13


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.


Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Mit Mühe gelingt es Professor David Mulroney, mit seinem Flugzeug von Berlin ins Rheinland zu gelangen. Auch hier hat der Kometeneinschlag die Entwicklung der Menschheit zurückgeworfen. Wie und wo soll er Hilfe finden, um endlich Tim Lennox aufzuspüren? Die Rivalität zwischen Coellen und Dysdoor könnte sich als nützlich erweisen. Doch dann erfährt der Professor, dass Lennox in Amerika ist.


1

Die Spitfire pflügte durch den Fluss. Metall kreischte. Wasserfontänen bäumten sich vor Propeller und Bug auf, klatschten gegen das Cockpit und strömten über das Glas. Die Maschine bremste abrupt, als ihre Nase unter den Wasserspiegel tauchte. Ein letzter nasser Vorhang rauschte gegen das Cockpit. Dann fiel das Flugzeug zurück und kam zur Ruhe. Durch einen trüben Vorhang sah David Mulroney die Umrisse kahler Bäume zu beiden Seiten des Ufers. Am linken ragten die verschwommenen Konturen eines hohen Gebäudes in den Himmel.

Dave sank in seinem Pilotensitz zusammen und stöhnte laut. »Ich hab’s geschafft, ich bin unten.« Seine Knie zitterten; schweißnass klebte ihm die Pilotenkombi an Oberschenkeln, Brust und Rücken.

»Verdammt noch mal, ich hab’s tatsächlich geschafft!«

Die Erschöpfung strömte wie flüssiges Blei durch seine Glieder. In beiden Schläfen dröhnten Pauken – sein Herzschlag. Ihr Echo antwortete aus seinem Bauch. Herzschlag, Atmen, Schwitzen, Rumoren in den Gedärmen – viel mehr nahm sein Bewusstsein in diesen Sekunden kaum wahr. Vielleicht beiläufig noch das herabströmende Wasser auf der Cockpit-Kuppel der Supermarine Spitfire.

Die verschwommene Uferkulisse stand fast still, drehte sich behäbig. Das Flugzeug wurde nur noch von der Strömung getragen.

Dann neigte es sich zur linken Seite.

»Jesus!« Und schon wieder fiel Daves Herz in rasenden Galopp. Er presste die Stirn links gegen die Cockpit-Kuppel: Die Spitze der linken Tragfläche war schon im Wasser versunken. Er blickte nach rechts: Die Spitze der rechten Tragfläche schwebte eine Handbreit über der Wasseroberfläche.

»Sie kippt um!« Dave stieß die Kuppel auf. »Wenn ich nicht aufpasse, kentert sie!«

Er stemmte sich aus dem Cockpit. Eine Armeslänge trennte die Spitze des rechten Flügels bereits von den Wellen. Dave tat einen Schritt auf die Tragfläche hinaus, während er sich am Rand des Cockpits festhielt. Eiskalt war der Rhein; rauer Wind zerzauste Daves langes Haar. Wassertropfen spritzten gegen seine Brillengläser.

Er spürte, wie die Neigung des Flugzeugs sich verlangsamte.

»Du gehst mir nicht unter!«, brüllte er. »Nicht, nachdem wir so weit gekommen sind!« Er wusste, dass die Außenhülle der Spitfire dicht sein musste. Er hatte sie schließlich selbst zusammengebaut.

Zentimeter um Zentimeter schob er seine Füße weiter auf die Tragfläche hinaus. Endlich begann die rechte Tragfläche sich dem Wasser entgegenzuneigen.

Dave richtete sich im gleichen Maße wieder auf und stand schließlich aufrecht dicht am Rumpf. Mit der Rechten hielt er sich am Cockpit-Rahmen fest, mit der Linken zog er die Brille von der Nase und wischte sie am Brustteil seiner Kombi ab.

Als er sie wieder aufsetzte, sah er Gebäude am linken Ufer vorbeiziehen.

Verwundert betrachtete er die mittelalterlich anmutenden Bauwerke. Keine Ruinen, richtige Gebäude – windschief zum Teil und mit maroden Dächern, aber bewohnte Gebäude. Über einigen sah er Rauchsäulen, die der Wind von den Dächern riss. Und mittendrin ein alles überragendes schwarzes Bauwerk mit zwei gotischen Türmen.

»Das glaubst du nicht, Mickey!«, flüsterte Dave seinem imaginären Bruder zu, mit dem er sich unterhielt, wenn er alleine war. »Das ist der Kölner Dom! Er steht noch … ich glaub’s nicht!«

Ungläubig betrachtete er den schwarzen Doppelturm der uralten Kathedrale. Im zerstörten Berlin hatte er keine einzige Ruine solcher Höhe gesehen. Der himmelstürmenden Architektur waren die Gipfel gestutzt worden – durch den Glutorkan, den der Komet vor über fünfhundert Jahren entfacht hatte.

Auch aus dem Wirrwarr von Dächern, Giebeln, Türmchen und Laubkronen rund um die Kathedrale am linken Rheinufers ragte kein Bauwerk von nennenswerter Höhe, keine Kirchenruine, kein Turm – nur der alte Dom. Er allein schien, wenngleich stark beschädigt, der Apokalypse standgehalten zu haben.

David Mulroney, vom amerikanischen Ostküsten-Katholizismus geprägt, erfüllte diese Einsicht mit einem Anflug von Ehrfurcht.

Die Ansammlung von Häusern glitt langsam vorbei. Eine knapp fünf Meter hohe Mauer grenzte sie vom Fluss ab. Eine breite Mauer, die kaum Zerfallsspuren aufwies – in Köln schienen Leute zu leben, die Wert auf ihre Instandhaltung legten. Hinter ihr verlief wohl ein unbebauter Streifen, zwanzig oder dreißig Meter breit, bevor die Fassaden der Stadt begannen. Oder die Fassaden dessen, was der Komet und die Jahrhunderte von ihr übrig gelassen hatten.

Die Spitfire lag jetzt flach auf dem Strom. Dave ging in die Hocke, streckte ein Bein ins Cockpit und setzte sich auf dessen Rahmen. Die Maschine kippte nicht ab. Trotzdem wagte er nicht, die Tragfläche zu verlassen.

Der Dom rückte näher. Und mit ihm ein bizarres Gebilde aus drei grünen Bögen. Misteln, Efeu und Weinranken spannen es vollkommen ein und hingen von ihm herab wie eine Zottelmähne. Eine Brücke – langsam trieb die Spitfire unter ihr durch.

David Mulroney, erst seit September 2012 in Deutschland, war nie in Köln gewesen. Den Dom kannte er von Postkarten, aus Geschichtsbüchern, aus Filmen. Die Hohenzollern-Brücke nicht.

Sie blieb zurück, und Dave erkannte ein paar Gestalten an der Stelle, wo sie ans stadtseitige Ufer führte.

»Hey!« Er winkte, das Flugzeug schwankte.

»Habt ihr ein Boot?« Die Gestalten – es waren drei oder vier – reagierten nicht. »Einen Kahn!«

Dave schrie so laut er konnte. »Hilfe! Holt mich hier runter!« Keine Reaktion. Sie beobachteten ihn reglos. »Verdammt…«

Die Brücke blieb zurück, die Stadtmauer endete, eine zweite Brücke schob sich über ihn hinweg, nicht ganz so grün verhüllt wie die erste. Bald sah Dave keine Dächer mehr; nur noch der Dom ragte im Süden aus dem Wald.

Die Strömung trug die Spitfire an der Ruine einer dritten Brücke vorbei. Etwa dreißig Meter weit ragte ein Bruchstück von der rechten Uferseite auf den Rhein hinaus. Dann beschrieb der Fluss eine Biegung nach links; die Maschine näherte sich dem rechten Ufer.

Dave blickte sich um. Das Heck der Spitfire war eingedrückt, direkt hinter dem Cockpit. Das Seitenleitwerk bestand nur noch aus ein paar Splittern, das rechte Höhenruder war zerbrochen. Auch Querruder und Bremsklappe an der linken Tragfläche hatten den Angriff der Rieseneule nicht unbeschadet überstanden. Der Gedanke an den Luftkampf gegen die Schuppenbestie – die Eingeborenen in den Ruinen Berlins hatten sie »Eluu« genannt – jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Dave schüttelte sich.

»Das Biest hat mich verfolgt«, murmelte er, während er das näher rückende Ufer im Auge behielt. Frost überzog gelbliches Gras und die kahlen Zweige niedriger Büsche. »Von Berlin aus hat es mich verfolgt … nur um Rache zu nehmen für seinen toten Gefährten. Irre!«

Er beglückwünschte sich zu dem Entschluss, ein altes 7,7-mm-Maschinengewehr nachträglich in den linken Flügel einzubauen. In seinem Feuer war der Eluu vom Himmel gestürzt.

Die Spitfire schaukelte heftiger in der Strömung, ihre Schnauze drehte plötzlich ab, das Ufer entfernt sich wieder. »Mist, verdammter«, knurrte Dave.

Er dachte daran, in den Fluss zu springen und das Ufer schwimmend zu erreichen. Prüfend steckte er die Hand ins Wasser – eiskalt. Er stellte sich vor, wie sein Luftwaffen-Overall sich mit dem kalten Wasser vollsog.

»Du säufst ab«, murmelte er. »Und selbst wenn du das Ufer erreichst – bis du dich zu den Leuten am Dom durchgeschlagen hast, holst du dir den Tod.«

Dave verabschiedete sich von der Idee. Er würde sich nicht nur den Tod holen – er würde vor allem die Spitfire verlieren. Mitsamt ihrer Fracht: Werkzeug, Ersatzteile, Schweißbrenner.

Nein, sich von der Maschine zu trennen hieße, sich auch von seinem Ziel zu trennen: nach London zu fliegen und Commander Timothy Lennox zu suchen. Fast fünf Monate hatte er für dieses Ziel gearbeitet. »Kommt nicht in Frage«, knurrte er. »Ich werde nach England fliegen.«

Bald trieb die Maschine wieder in der Mitte des Stroms flussabwärts. Kahle Laubwälder zogen an beiden Ufern vorbei, hin und wieder ausgedehnte Ruinenkomplexe – zerstörte Fabriken, Hafenanlagen, Brückenpfeiler und so weiter. Alles von Gestrüpp und Gebüsch und auch Frost überzogen. Überresten verlassener Dschungelstätten gleich, wie man sie in den Zeiten, aus denen David Mulroney stammte, nur in archäologischen Dokumentarfilmen zu sehen bekommen hatte.

Dave wartete. Irgendwann würde der Strom wieder eine Biegung machen, vielleicht schaffte er es dann, das Flugzeug ans Ufer zu bringen.

Grübelnd lehnte er sich, auf der Tragfläche stehend, an das Cockpit. Ein Blick auf die Uhr – der Kalender am unteren Rand des Zifferblatts zeigte den 24. Dezember. 2516, nicht 2012. Daran hatte er sich noch immer nicht gewöhnen können. Es war zwanzig vor zehn. Vor etwas mehr als zweieinhalb Stunden war er in Berlin gestartet. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor.

»Fröhliche Weihnachten«, murmelte er. Sein schmales Gesicht verzog sich zu einem bitteren Grinsen. Er dachte an Jennifer Jensen und an Daanahs Grab. Beide hatte er in Berlin zurückgelassen.

Der Gedanke an die Ruinen des Reichstags erfüllte ihn mit Wehmut. Sogar mit Trauer. Ursprünglich hatte er schon vor Wochen zum Flug nach England starten wollen. Zusammen mit Daanah.

Die schrecklichen Bilder jenes Morgens schienen Daves Brust mit kaltem Gestein zu füllen. Das Eluu-Paar hatte sie kurz vor dem Start angegriffen. Daanah schrie, als das Biest sie packte. Zusammen mit den Amazonen von Berlin hatte Dave die Rieseneule töten können – aber Daanah mussten sie begraben!

Dave verscheuchte die schrecklichen Erinnerungen.

»Nicht an Daanah denken«, sagte er laut zu sich selbst. Diese Selbstgespräche und auch die Monologe an seinen Bruder Mickey waren ein Resultat der monatelangen Gefangenschaft beim Volk der Menen. »Nicht an den Tod denken. Denk ans Leben. Du wirst leben. Wer einen Kometeneinschlag, einen Zeitsprung und fünf Monate Einzelhaft überlebt hat, der überlebt auch das hier. Ich schwör’s dir, Mickey!«

Etwas mehr als eine dreiviertel Stunde später näherte er sich einer scharfen Linksbiegung. Dave spähte aufmerksam zu der Stelle, wo der Flusslauf aus seinem Blickfeld verschwand und nur noch Uferwald zu sehen war. Auffällig lichter Uferwald.

Plötzlich stutzte er.

»Ist das eine Fata Morgana, oder sehe ich da einen Landungssteg?«

Je näher er mit der Maschine der Flussbiegung entgegen trieb, desto sicherer war sich Dave.

Das Gestell aus Baumstämmen, das dort mitten in der Biegung in den Rhein ragte, war ein Anlegesteg.

Und auch Gebäude konnte er erkennen – lange Flachbauten aus Holz, und in Ufernähe viele Hütten auf Pfählen.

»Eine Ufersiedlung, na prächtig«, freute sich Dave. »Hoffentlich keine Barbaren vom Schlage der Berliner Menen.«

Er dachte an die zerlumpte Horde, die bei der Landung in Berlin über ihn und Jenny hergefallen war. Fast zehn Monate war das jetzt her. Sie hatten ihm übel mitgespielt anfangs – hatten ihm fast den Schädel eingeschlagen, den Unterarm gebrochen und ihn in einen finsteren Kerker gesperrt. Eine Erfahrung, die Dave nicht unbedingt wiederholen musste.

Noch siebenhundert, achthundert Meter war die Anlegestelle jetzt entfernt. Das Flussknie begann, die Spitfire näherte allmählich wieder dem Ufer.

Ein klobiges Steinhaus schob sich in Daves Blickfeld, darüber erhob sich eine Art Turm. Vielleicht zwanzig oder dreißig Meter hoch – schwer zu schätzen auf die Entfernung, und während der Strom Dave und sein Flugzeug näher und näher herantrug, sah er die Fahne auf der Turmspitze: eine Flagge in den Farben Grün und Schwarz.

Das machte einen kriegerischen Eindruck auf David Mulroney, und ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Indessen trieb die Strömung die Spitfire bis auf acht oder zehn Meter ans Ufer heran.

»Weiter, weiter«, murmelte Dave. »Komm schon, komm!« Ein ausgedehnter Schilfstreifen säumte das Ufer der äußeren Flussbiegung. Frost klebte an den bräunlichen Rohren. Das Wasser musste seicht sein an dieser Stelle.

Und plötzlich sah er ihn: Schlank, spitz und von metallenem Blau ruhte er vor einem großen Steingebäude auf einem Holzpodest. Dave sperrte Augen und Mund auf.

»Das … das ist …«, stammelte er in grenzenloser Verblüffung, »das ist doch eine F 17!« Wie ein Denkmal stand der Jet etwa zweihundert Meter entfernt auf dem Holzgerüst.

»Das gibt’s ja gar nicht!«

Drei Meter etwa trennten ihn jetzt nur noch vom Schilf. Der Anlegesteg war knapp hundertfünfzig Meter entfernt.

Dave riss sich vom Anblick des Jets los und beugte sich ins Cockpit hinein. Nacheinander zog er die Kunststoffkästen mit dem Werkzeug aus dem Stauraum hinter dem Pilotensitz. Er wartete, bis ihn nur noch ein Schritt vom Schilf trennte, dann warf er die Kästen hinein. Genauso verfuhr er mit den Ledersäcken, in denen die Ersatzteile steckten. Zuletzt warf er die verrosteten Metallflaschen mit dem Sauerstoff und dem Acetylen und schließlich den Schweißbrenner aus dem Flugzeug. Dann erst wagte er selbst den Sprung.

Das Wasser war so kalt, dass es weh tat. Doch glücklicherweise reichte es ihm nur bis knapp über die Knie an dieser Stelle. Er watete bis zur Spitze der rechten Tragfläche. Rasch wurde das Ufer flacher. Dave packte die Tragfläche, um die Maschine ins Schilf zu ziehen. »Raus mit dir, Lady Spitfire, beweg dich!«

Und gleichzeitig geschah es – viel zu schnell, als dass Daves Hirn die vielen Sinneseindrücke verarbeiten konnte: Das Schilfrohr raschelte wie von den Schritten eines schweren Mannes, etwas klatschte wenige Schritte neben Dave in den Fluss, dann eine Wasserfontäne, ein Schatten flog auf die Maschine zu und prallte dumpf und hart auf Bug und Cockpit auf.

Die Tragfläche entglitt Daves Händen. Er stand wie festgefroren und starrte auf das Vieh, das seine Spitfire langsam vom Ufer wegtrug: ein massiger Körper, schmutzig-grün und über und über mit schuppigen Noppen besetzt. Ein breites Maul und riesige gelangweilte Augen.

Muskulöse und ungeheuer lange Oberschenkel. Zwischen den fast menschlich anmutenden Fingern spannten sich Schwimmhäute.

»Jesus!« , stöhnte Dave. Es war eine Art Kröte, fast so groß wie David Mulroney selbst! Sie öffnete nicht einmal das Maul. Das feuchte rote Ding schoss einfach durch ihre zusammengelegten Lippenwülste auf Dave zu und schlang sich um seinen Hals.



2

»… er trieb den Fluss hinunter«, sagte einer der Bewaffneten. »Auf einem schwimmenden Feuervogel.«

Der greise Kanzler und Juppis, sein nicht wesentlich jüngerer Stellvertreter, betrachteten die vier Männer in den braunen Lederschuppenpanzern nachdenklich. Sie gehörten zu der Wachmannschaft an der Brücke. Aufgeregt waren sie in Attenaus Haus gestürmt.

Was sie zu berichten hatten, hätte zu anderen Zeiten wie ein Märchen geklungen. Doch seit vor etwas mehr als vier Monden der Mann namens Tinnox in einem Feuervogel vom Himmel gefallen war, hielt man in Coellen vieles für möglich.

»Wie sah der Feuervogel aus?«, wollte Juppis wissen. Hellwach blitzten seine grauen Augen aus seinem zerknitterten Gesicht. Er trug Hosenkleider und eine Jacke aus schwarzem Wildleder, darüber eine rötlich gefärbte Wolldecke. Sein weißes Haar hing ihm als langer dicker Zopf tief in den Rücken. Auch sein Vollbart war weiß. Manche der älteren Coelleni wollten wissen, dass er mehr als siebzig Winter gesehen hätte.

»Anders als der von Tinnox«, sagte der Anführer der Wächter, ein junger rotblonder Bursche namens Tones. »Kleiner, bräunlich, und die Flügel bildeten ein Kreuz mit dem Körper des Vogels. An seiner Spitze wirbelte ein …«, ratlos blickte der Mann seine Gefährten an, aber auch die konnten ihm das Wort nicht nennen, das er suchte, »… ein Stern.«

»Er machte großen Lärm, der Vogel«, ergänzte einer der anderen Wächter. »Brummte wie eine wild gewordene Androne. Er schlug auf dem Wasser auf, sprang wieder hoch, schlug noch mal auf, sprang wieder hoch … dann erst landete er. Fast wäre er versunken.«

»Und der Mann darin, der Feuervogelreiter?«, erkundigte sich Juppis. »Beschreibt ihn mir.«

»Dünn und hoch«, sagte Tones. »Braunes Haar, bis hierher.« Er deutete auf seine Schulter. »Nur wenig Bart, zwei Gläser vor den Augen. Und er trug das gleiche Kleid, wie Tinnox es trug.«

»Das gleiche Kleid wie Tinnox«, murmelte Juppis. Er blickte den Kanzler an. »Was sagst du dazu, Jannes Attenau?«

Der Greis wiegte seinen kahlen Kopf hin und her und zog die buschigen Brauen hoch. »Der Große Fluss ist schon sehr kalt um diese Zeit. Es wird dem Fremden nicht bekommen, wenn er hineinfällt.«

»Vielleicht fällt er auch gar nicht in den Fluss«, knurrte Juppis. »Vielleicht fällt er in die Hände der Dysdoorer. Wird ihm auch nicht bekommen.«

»Ein Feuervogel fiel vom Himmel und hat Tinnox und seine Frau zu uns gebracht.« Der Kanzler raffte seinen hellbraunen Fellmantel zusammen und stand auf. »Und mit ihnen Freiheit und Frieden für unser geliebtes Coellen. Wir wissen nicht, was dieser Feuervogel und sein Reiter uns bringen, aber wir sind es Wudan schuldig, uns seiner anzunehmen.«

Mit einer Kopfbewegungen wies er die Wachen zur Tür seines Hauses. »Sorg dafür, dass der Bürgerrat in mein Haus kommt, Tones. Und geh zu Honnes. Berichte ihm, was geschehen ist. Er soll an der Ratsversammlung teilnehmen. Wir müssen rasch entscheiden, was zu tun ist.«



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