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Lennox und der dunkle Feind: Das Zeitalter des Kometen #3

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Inhaltsverzeichnis

  • Lennox und der dunkle Feind: Das Zeitalter des Kometen #3
  • Copyright
  • Prolog
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11

Lennox und der dunkle Feind: Das Zeitalter des Kometen #3


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 275 Taschenbuchseiten.


Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf...


Prolog

… zu stark. Er war zu stark, wollte unter allen Umständen leben. Sie hatte es geahnt. Nach allem, was geschehen war, hatte etwas in ihr sogar gewusst, wie alles kommen würde.

Jetzt hing sie zusammengekrümmt im Rostgeflecht des Sitzes und hielt sich den Bauch. Getreten hatte er sie! Sie, die noch ein Kind war! Sie schrie vor Schmerz.

Der Eisenkasten schaukelte hin und her, rollte durch Löcher, über Gesteinsaufwürfe und Wurzelstrünke, schaukelte auf und ab, und vorn, unter der dunkelgrünen Eisenplatte, brüllte eine Bestie. Ja, eine wütende Bestie musste es sein, ein Tier, das den Wagen anzog, wie sonst sollte der Eisenkasten sich fortbewegen?

„Du warst es!“, schrie der Gelbhaarige neben ihr. „Du hast das Kind getötet!“ Seine Knöchel traten bleich hervor, so fest umklammerte er das Rad, mit dem er den Eisenwagen zu lenken schien. Jandra sah das Entsetzen in seinen Augen, sah den unbedingten Willen zu leben darin – er war zu stark! Nicht sein Körper allein – vor allem sein Herz. Ungeheuer stark war es, o ja, und Jandra begriff, dass er noch leben würde – bei Wudan: leben! –, wenn sie selbst längst die Würmer und Vögel fraßen; oder der Schwarze Feind.

Dennoch: Sie musste es tun, was blieb ihr denn übrig? Der Hunger klopfte unter ihrer Zunge, und die Stimmen in ihrer Brust stritten um ihren Willen.

„Du gehörst zu ihnen! Du arbeitest mit diesem Wulfanenweib zusammen!“, brüllte der Mann, und jetzt mischte sich Zorn in sein Entsetzen. Jandra hörte es und wusste, dass keine Zeit mehr zu verlieren war. Die Wut würde ihn noch stärker machen! Sie stützte sich auf dem Drahtgeflecht auf. Ein Fauchen löste sich aus ihrer Kehle, doch als sie sich auf ihn stürzen wollte, riss der Gelbhaarige am Rad.

Sie wusste, dass er dem Eisenkasten mit dem Rad die Richtung aufzwang, in die er rollen sollte, aber sie wusste nichts von den Kräften, die einen kleinen Körper wie ihren packen konnten, wenn er das Rad so schnell und so kräftig zur Seite riss, wie er es jetzt tat. Bis zum Rand des Rostgeflechts schleuderten diese Kräfte sie.

Jandra schrie. Ihre kleinen Fingern klammerten sich im Sitz fest. Scharfe Kanten rissen die Haut auf. Sie blickte hinter sich auf die Straße: Eine zerbrochene Steindecke flog unter ihr dahin, kleine Krater, Wurzelstrünke, Grasbüschel. Nur nicht hinausfallen, nicht aus dem Eisenwagen stürzen, nur das nicht! Sie schrie die Angst aus ihrem Kinderherzen heraus.

Auch er brüllte jetzt, ohne Atem zu schöpfen, hob sein Bein aus dem Raum unter dem Rad und trat nach ihr. Mit aller Kraft. Sein Stiefel traf ihre Brust. Ihre blutigen Finger glitten aus dem Rostgeflecht. Die Welt rotierte; moosbedecktes Gemäuer, grauer Himmel, riesige Baumkronen, die zerbrochene Gesteinsdecke, alles wirbelte um sie. Sie schlug auf, rollte durch Gras, Geröll und Schutt, blieb liegen und hörte das Trommeln ihres kleinen Herzens; und von fern das wütende Gebrüll der Bestie unter dem Eisendeckel des Wagens.

Das Mädchen hob den Kopf. Eine halbe Speerlänge entfernt holperte der Eisenwagen durch das Gestrüpp auf der Straße, wich Gesteinsspalten und Wurzelwerk aus, schrammte knapp an einem dieser verrosteten Eisenkästen am Straßenrand vorbei, bäumte sich auf, als er über eine verbogene Stange fuhr.

„Tinnox!“, schrie Jandra. „Tinnox!“

Lass mich nicht allein, wollte sie rufen. Aber wie töricht. Hatte sie es nicht verdient, allein gelassen zu werden? Allein in diesem Urwald aus Ruinen, Eisen, Geröll und Gestrüpp? Allein und ausgeliefert dem Schwarzen Feind. Ja, das hatte sie verdient.

„Wudan!“ Der Eisenwagen mit dem Gelbhaarigen verschwamm hinter einem Tränenschleier. Auf eine Trümmerhalde holperte er zu, die Reste einer Brücke, von Disteln und Brennnesseln überwuchert, zusammengebrochen vor so vielen Wintern, unzählige Menschenalter her. Zwei Leuchten glühten rot an seiner Rückseite auf, einem bösen Augenpaar gleich: Verachtung und Hass sprühte es. Zum Abschied Verachtung und Hass, nichts anderes stand ihr zu. Und dann wich der Eisenkasten der Trümmerhalde aus, rollte um sie herum und verschwand hinter ihr.

Jandra lauschte noch eine Zeitlang seinem Brummen. Nach und nach klang es ab und verlor sich allmählich in der Ferne. „Wudan …“, flüsterte sie. „Wudan sei mir gnädig.“

Stille. Nur in ihrem Schädel noch hallte das Gebrumm des Eisenkastens nach, und das Gebrüll des Mannes vor dem Rad. „Warum?“, flüsterte sie. „Urgaza, warum?“ Sie bohrte die heiße Stirn in Gras und Geröll. „Warum hast du mir das angetan?“ Bald hörte sie nur noch ihr Schluchzen und Weinen. Moosbedeckte und efeuumrankte Ruinenfassaden schleuderten es ihr entgegen. Jandra war allein.

„Wudan, sei mir gnädig“, schluchzte sie. „Wudan, lass mich nicht zuschanden werden!“ Wie so oft in Verzweiflung und Kummer kamen ihr die Gebetsrufe Sulymans über die Lippen. Sie ahnte ihre Bedeutung nur vage, genauso wie sie nur eine vage Vorstellung von dem Gott hatte, den Sulyman verehrte. „Wudan, gib mich nicht preis dem Zorn meiner Feinde.“

Den Kopf zwischen den Armen geborgen, lag sie im Dreck und weinte. Langsam, ganz langsam kroch der Schmerz in ihr Bewusstsein: Schmerz in der kleinen Brust, Schmerz im Knöchel. Sie stützte sich auf die Ellenbogen, richtete sich auf den Knien auf, wollte sich erheben. Stechender Schmerz im Knöchel; sie stöhnte und brach zusammen.

Und jetzt? Sie hob den Kopf. Wohin?

„Urgaza … warum hast du mich allein gelassen?“

Wohin nur? In die Hausruinen, weg von der Straße! Sie spähte in die Luft. Kein Greif unter der grauen Wolkendecke. Auf Armen und Knien robbte sie durch Geröll und über Wurzelstrünke. Sie kroch durch ein Farnfeld. Noch drei oder vier Speerlängen bis zur nächsten Ruine. Hinter Efeuranken gähnten schwarze Fensteröffnungen. Wieder ein Blick in den Himmel. Nichts; noch nichts. Blicke nach links und rechts in die stille Straße hinein und an den Ruinenfassaden entlang. Nichts. Weiter.

Die Tränen rannen ihr aus den Augen. Nicht allein wegen des Schmerzes, sondern weil ihr die Einsamkeit und ihre Ohnmacht bewusst wurden.

Etwas raschelte, vorn im Efeu vor der Maueröffnung zur Ruine! Etwas zischte. Ein schaumiger Strahl löste sich aus dem Gestrüpp, durchmaß in weitem Bogen die Luft, klatschte eine Speerlänge vor Jandra ins Farnfeld. Farnhalme krümmten sich, Fiederlaub färbte sich schwarz, das Gestrüpp schrumpfte von einem Atemzug zum anderen. Eine scharf riechende Wolke stieg dort auf, wo der Strahl niedergegangen war. Eine schwärzliche, fast kreisrunde Bresche klaffte im Farngestrüpp, und über ihr hing Dampf.

Jandra atmete nicht mehr. Alles in ihr verwandelte sich in Stein; ihr Blut, ihr Herz, ihr Hirn, ihre Lungen. Sie schrie nicht, sie konnte nicht schreien, nie mehr würde sie schreien – es war vorbei. Das Ende. Ja, das Ende.

Vollkommen erstarrt und wie in Trance blickte sie auf die Ranken vor der Maueröffnung. Zweige brachen, Blätter schwebten ins Geröll vor der Fassade. Und dann schob sich der erste Schwarze Feind aus der Ruine: groß, haarig und dunkel wie die Nacht.

Das Ende. Jandra schloss die Augen!



1

Seit vier Monden ruhten damals die Waffen. Seit vier Monden waren die Angstschreie der Nackthäute in den Ruinen verstummt. Nur in den Gewölbekellern unter der Herzogsburg hörte man sie noch täglich. Oder in den Kerkern im Nordteil Bollunas. Immer dann, wenn man sie holte, heulten sie um ihre jämmerlichen Leben; die meisten jedenfalls. Alle wussten sie inzwischen, wo sie enden würden.

Murrzek selbst kam selten in die Gewölbe, und in der Nordstadt war er erst ein einziges Mal gewesen, heimlich, mit ein paar anderen halbwüchsigen Wulfanen. Doch sein Vater hatte einmal beiläufig erwähnt, wie sie sich gebärdeten, wenn man sie abholte, die Nackthäute.

Damals gab es in jeder Straße von Bolluna mindestens ein Haus, zu dem man einen Weg durch Schutt und Geröll gebahnt, dessen Fassade man notdürftig von Klettergewächs befreit und dessen Dach man mit Lehm und mit Baumstämmen aus dem nahen Wald abgedichtet hatte. Mindestens ein Haus in jeder Straße, von dessen Feuerschacht der Wind an jenem Tag eine Rauchsäule abriss und in den finsteren Himmel jagte.

Kalt war es, eisig kalt. Bis an sein Lebensende würde Murrzek frösteln, wenn er an diesen Tag dachte, und niemals vergaß er ihn in den siebzehn Wintern, die ihm noch blieben.

Ein scharfer Nordwind blies aus dem Eisgebirge durch die Wälder der Stromebene und die Ruinenstädte vor den Gebirgszügen im Süden. Über dem Süden der Ruinenlandschaft Bollunas, dort wo die Berghänge anstiegen, stauten sich dunkle Wolken. Blitze zuckten manchmal aus ihnen, und dann hörte man Donner grollen. Im Nordteil der Stadt nieselte es nur ein wenig. Abends und morgens ging der Regen seit einem halben Mond hin und wieder in Schnee über, und an diesem Tag war der Himmel schwarz wie Murrzeks Körperhaar. Keiner der Burgwächter hatte seine Fackel bei Tagesanbruch gelöscht.

Wie in seiner Erinnerung später, fröstelte er wirklich an jenem Tag, während er neben Urgaza hinter seinem auf Fell und Birkenreisig gebetteten Vater hertrottete. Der Nordwind spielte mit dem schiefergrauen Körperhaar des Toten.

Hinter sich hörte Murrzek manchmal den Erstgeborenen des Herzogs kichern und plappern. Der Rote Brellzek war damals noch keine vier Winter alt. Drulza zischte ihn jedes Mal an, wenn er in die feierliche Trauer hinein krähte, oder sie verpasste ihm einen Klaps auf den Rachenschlund, damit er wieder Ruhe gab. Auch daran erinnerte sich Murrzek später oft.

Hin und wieder bellte an der Spitze der Prozession der zweite Hauptmann der Hexengarde einen Befehl. Sonst aber verlor kaum jemand ein Wort. Nur der Widerhall Tausender von hornhäutigen Fußsohlen flog über Gestrüpp und überwucherte Trümmerhalden zwischen den Ruinenfassaden hin und her.

Murrzek war damals alt genug, um zu begreifen, was es bedeutete, neben seiner Pflegemutter direkt hinter der Fellbahre des Toten zu marschieren, noch vor der Obermutter und dem Herzog. Nicht ein einziges Mal drehte er sich nach Drulza und Krallzek um. Aber er bildete sich ein, ihre lauernden Blicke auf seinem Rücken zu spüren.

Nicht so sehr wegen Pinzeks Tod brannte sich dieser Tag in sein Gedächtnis ein – sicher, Pinzek hatte ihn gezeugt, aber was bedeutete das schon? Die meisten seiner Altersgenossen wussten nicht einmal, wer sie gezeugt hatte, und er selbst konnte sich nur an drei Wortwechsel mit Pinzek erinnern, die länger als ein paar Atemzüge gedauert hatten.

Das erste Mal in Murrzeks fünftem Winter: Eine wilde Kazze hatte ihn gebissen, er lag im Wundfieber und sein vom Wein berauschter Vater hielt seine Hand fest, weinte und beantwortete jede Frage Murrzeks nach seiner Mutter. Nur eine nicht. Die Frage, warum sie sterben musste.

Es gab Wulfanen in Bolluna, die raunten hinter vorgehaltener Hand, dass Pinzek selbst die Mutter Murrzeks getötet hatte. Weil sie sich vom Herzog hatte besteigen lassen. Murrzek hasste diese Leute. Einst würde er groß sein und Macht genug haben, sie zum Schweigen zu bringen.

Murrzek überlebte das Wundfieber, und danach sprach sein Vater nie wieder mit ihm über seine Mutter.

Und dann auf einem Jagdzug an den Ufern des Stromes. Vier Winter war es her, Murrzeks erster Jagdzug. Eine Horde Nackthäute aus dem Nordland war ihnen in die Netze gegangen, und sein Vater hatte ihm gezeigt, wie man sie tötete, und ihm dann eine Klinge in die kleine Hand gedrückt.

Und schließlich das dritte Mal vor zwei Nächten an seinem Sterbelager. Fast fünfzig Winter lang hatten Pinzeks Schwert, seine Axt und sein Bogen um sich gefressen; fast fünfzig Winter lang war er an den Ufern des Großen Stromes entlang gestreift, durch die Flusswälder und Ruinenstädte; sein ganzes Leben lang hatte er Tod und Verderben über Lumpenpack und Taratzen in den Städten und über die Bestien in den Wäldern und an den Stromufern gebracht – aber gestorben war er vier Monde nach Kriegsende auf seinem Strohsack. Aus irgendeinem Grund wollte der Kot seinen Körper nicht mehr verlassen, und er begann innerlich zu verfaulen. „Sie sei dir wie deine Mutter“, hatte Pinzek zu seinem Sohn gesagt und auf Urgaza gezeigt. „Wenn der Tag kommt, gib dein Leben für sie.“

Urgaza war nicht Murrzeks Mutter. Doch sie behandelte ihn zärtlicher als die meisten ihrer elf leiblichen Kinder.

An diesem Tag, als sie die Leiche seines Vaters aus den Ruinen zum Scheiterhaufen geleiteten, war Murrzek wenig älter als dreizehn Winter. Zum ersten Mal trug er unter den Augen der Obermutter und des Herzogs Waffen und den geteerten Bastmantel eines Wulfanenkriegers. Vor allem deswegen brannte sich dieser Tag in sein Gedächtnis ein.

Jedes Mal, wenn einer der Fackelträger ihn von der Seite beäugte, drückte er die Brust unter dem Bastzeug heraus, und seine haarige Faust schloss sich um den Griff der Kupferklinge an seinem Gurt. Und immer wenn sie an einer der bewohnten Ruinen vorbeizogen, stülpte er stolz die untere Schlundlippe heraus und reckte den Spieß ein Stück höher in die Luft, damit der Taratzenschädel an dessen Spitze die Leiche seines Vaters überragte und jeder ihn sehen konnte.

Vor einem halben Winter hatte Pinzek die Taratze von einem Raubzug jenseits des Stromes als Gefangene mit nach Bolluna gebracht. Mit durchgeschnittenen Fersensehnen kroch sie über das Wurzelwerk der alten Eiche im Turmhaus. „In seiner Rotte ist er ein König“, sagte Pinzek und reichte seinem Sohn einen Spieß. „Töte ihn.“ Auf der Spitze seines Chitinhelmes trug Murrzek den Schädel jener ersten Nackthaut, die er vier Winter zuvor unter Anleitung seines Vaters abgeschlachtet hatte.

Murrzek war bei Weitem nicht der einzige Jungwulfane, der an jenem Tag solche sichtbaren Zeichen seiner Waffenfähigkeit zur Schau trug. An die zwei Dutzend Schädelknochen sah man damals auf Spießen über der Prozession schweben. Aber keiner seiner Altersgenossen marschierte auch nur in der Nähe des Toten oder der Hexe und ihrer Tochter.

Auf Schutthalden, vor eroberten und halbwegs bewohnbaren Ruinen und in Maueröffnungen standen junge und alte Wulfanen, reckten die Fäuste in den Eiswind und grüßten die Hexe, die Obermutter und den Herzog, wenn die Spitze der Prozession sie erreichte. Und danach schlugen die Greise und Halbwüchsigen unter ihnen die Faust gegen ihre Brust, gingen in die Knie und neigten ihr haariges Haupt vor dem Toten.

Die waffenfähigen Krieger eskortierten den Trauerzug, fast tausendsechshundert Wulfanen. Damals lebten noch um die achttausend Wulfanen in Bolluna.

Nicht irgendein Krieger war Murrzeks Vater gewesen. O nein, den Hauptmann der Hexengarde trugen sie an jenem Tag aus der Stadt. Doch nicht nur dem Führer ihrer Leibgarde gab Urgaza damals das letzte Geleit, sondern zugleich ihrem Vertrauten und letzten Geliebten. Mindestens drei ihrer elf Kinder stammten von Pinzek.

Die Hexe selbst hatte die festliche Prozession angeordnet. Nicht einmal um die Leiche des alten Herzogs hatte man sieben Winter zuvor so viel Aufhebens gemacht. Im Wald vor den Ruinen sollte der Hauptmann verbrannt werden. So verlangte es wulfanischer Brauch. Aber danach musste seine Asche von einer Eskorte nach Virruna gebracht und über dem Grab der Ersten Mütter verstreut werden. Das verlangte wulfanischer Brauch nur für verstorbene Hexen und im Kampf gefallene, ruhmreiche Herzöge. Urgaza verlangte es für den toten Pinzek.

Krallzek, der Herzog, konnte toben, wie er wollte: Was Urgaza sich vornahm, das setzte sie auch durch. Immer. Seitdem ihre Tochter Drulza vor zwei Wintern Obermutter geworden war und dem jungen Herzog einen Sohn geboren hatte, galt die Hexe als mächtigste Wulfane diesseits des Großen Stromes. Krallzek, nach dem Tod seines Vaters trotz seiner damals erst achtzehn Winter zum Herzog ausgerufen, stand als vierter an der Spitze der Wulfanenhierarchie: hinter Urgaza, Drulza und dem Hauptmann der Hexengarde. Wäre Pinzek vor sieben Jahren, als der alte Herzog starb, nicht auf einem Kriegszug am Fuß des Eisgebirges unterwegs gewesen, hätten die Wulfanen des Geschlechtes der Zek an diesem eisigen Tag ihren Herzog aus der Stadt getragen.

Pinzeks Kriegskunst verdankten sie es schließlich, dass nach so vielen Wintern nun endlich auch das letzte Nackthautnest in der riesigen Ruinenstadt ausgeräuchert war. Bolluna gehörte nun einzig und allein den Wulfanen. Wie sieben andere Ruinenstädte zwischen dem Eisgebirge im Norden und den Bergzügen im Süden auch.

Es war so dunkel, dass Murrzek kaum noch Ruinenskelette und Baumkronen unterscheiden konnte, als die Prozession den Bestattungsplatz erreichte, ein gerodetes und von Trümmern freigeräumtes Waldstück. In seiner Mitte erhob sich ein fast schulterhohes und annähernd quadratisches Podest aus übereinander geschichteten Eisenbalken, die Krallzeks Großvater einst aus der Erde hatte reißen lassen.

Urgaza wusste Legenden zu erzählen, nach denen die Nackthäute vor Alxanatan in rollenden Kästen auf solchen Eisenbalken von Stadt zu Stadt gefahren waren. Damals glaubte Murrzek solche Geschichten noch.

Die Hohlräume zwischen den Eisenbalken hatten die Vorfahren Murrzeks mit Geröll aufgefüllt. Ein Stapel aus Reisig und Holz häufte sich auf dem Podest. Die Krieger der Hexengarde kletterten auf den Scheiterhaufen, zogen die Totenbahre hinauf und betteten Pinzeks schweren Leichnam auf der obersten Reisigschicht. Der zweite Hauptmann legte dem Toten sein Schwert und seinen Bogen zur Rechten und Linken. Danach half er Urgaza auf den Scheiterhaufen.

Während sich die Krieger, die Obermutter, der Herzog und ihre Gefolge im Kreis um das Bestattungspodest sammelten, verharrte die Hexe schweigend neben dem Toten. Manchmal schloss sie die Augen, und dann bewegten sich ihre Schlundlippen stumm; manchmal drang ein heiserer Singsang aus ihrem Schlund, und ihre Rechte schlug magische Zeichen über dem Leichnam.

Viele Atemzüge lang nahm die Hexe Abschied von ihrem Vertrauten und beschwor Orguudoo, ihn gnädig in seinen finsteren Tiefen zu empfangen. Hundertfacher Fackelschein flackerte auf dem Holzstoß und Urgazas tiefrotem Ledermantel.

Neben Murrzek sank der junge Herzogssohn übermüdet ins feuchte Gras. Sein Schnarchen machte Krallzek noch nervöser, als er sowieso schon war. Aus den Augenwinkeln sah Murrzek den Herzog von einem Bein auf das andere treten und mit dem Kopf auf seinen Erstgeborenen deuten. Solange, bis Drulza, die Obermutter, sich schließlich nach dem kleinen roten Fellknäuel bückte, es über ihre Schulter legte und an sich drückte.

Schließlich kletterte Urgaza vom Scheiterhaufen. Sieben Krieger in den rotbraunen Ledermänteln der Hexengardisten traten mit Fackeln an den Holzstoß. Einem nahm Urgaza das Feuer ab. Gemeinsam mit ihren sechs Leibgardisten entzündete sie den Scheiterhaufen. Der Nordwind fuhr so heftig in die Flammen, als hätte er auf diesen Moment gewartet.

Im Nu loderte das Feuer auf und warf seinen Schein über die Rodung, und gleichzeitig legten an die zwölfhundert Wulfanen ihre Schädel in die Nacken, rissen ihre Schlünde auf und stimmten ein schauriges Geheul an. Die ganze lange Zeit über, während das Feuer Holz und Toten verzehrte, beklagten sie den Hauptmann der Hexengarde.

Ihr Geheul flutete den Wald, stieg in den Nachthimmel hinein und brach sich an den äußersten Ruinen Bollunas. Murrzek klammerte sich im Lederumhang seiner Pflegemutter fest; Weinkrämpfe schüttelten ihn mit solcher Macht, dass ihm der Helm mit dem Nackthautschädel vom Kopf und der Speer mit dem Taratzenschädel aus den Händen glitt. Er verstand sich selbst nicht mehr in diesem Moment, und siebzehn Winter sollten vergehen, bis er das nächste Mal weinen würde.

Irgendwann krümmte sich hinter der Flammenwand die zusammengeschrumpfte Leiche, richtete sich auf, als wollte sie vom Scheiterhaufen steigen, und fiel dann in sich zusammen. Schlagartig verstummte das Geheul.

Die Obermutter mit ihrem Gefolge trat als Erste den Rückweg in die Ruinen an. Nach und nach folgten ihnen die Mitglieder der Pinzek-Sippe und die meisten der über eintausend Krieger. Urgaza war eine der Letzten, die gingen. „Ich bin stolz auf dich“, sagte sie zu Murrzek. Meinte sie seine Kriegerinsignien oder seine Entscheidung, die Asche seines Vater durch die Stromebene bis nach Virruna zu begleiten? Murrzek war sich nicht sicher.

Die Hexe kramte ein Ledersäckchen aus ihrem roten Mantel und gab es ihm. „Wenn ihr beim Grab der Erzmütter angelangt seid, such die Erde im Umkreis von drei Speerlängen ab. Bring mir ein wenig von dem Lehm mit, den du dort findest, und ein paar Wurzeln von Eichen- oder Birkenschösslingen, falls du welche entdeckst. Sonst nimm Distel- oder Löwenzahnwurzeln. Und vor allem brauche ich einige Käfer und Spinnen. Doch nur solche, die direkt am Grab leben.“

Sie legte ihre knochigen Hände auf seinen Kopf. Müde und traurig sah sie ihn aus ihren dunkelbraunen Augen an. Ein paar weiße Haare entdeckte Murrzek auf ihren Wangenknochen und über ihren Ohren. Sie hatte sich verändert, seit sie vor drei Wintern zur Hexe der Wulfanen von Bolluna aufgestiegen war, zehn Winter älter sah sie aus.

„Orguudoos Macht sei mit dir“, krächzte sie. „Er, der Allerhöchste, wird dich mir zurückbringen.“ Abrupt wandte sie sich ab, ging zum Scheiterhaufen, schabte ein wenig Asche in ein Bleikästchen und huschte Richtung Ruinen in die Dunkelheit davon.

Der Herzog und etwa dreißig Krieger blieben bei der Glut zurück, die Hälfte von ihnen Angehörige der Hexengarde. Gemeinsam mit ihnen hielt Murrzek die letzte Totenwache für Pinzek. Bis zum Tagesanbruch schwebte nach wulfanischer Überlieferung der Geist eines Verstorbenen über seiner Körperasche, bevor er dem Ruf Orguudoos ins Erdinnere folgte. Und so lange durften seine sterblichen Überreste nicht allein gelassen werden.

Gegen Morgen beleuchtete der Glutschein nur noch die engste Umgebung des Scheiterhaufens. Murrzek kauerte sich ins Gestrüpp und schlief ein. Als er die Augen wieder aufschlug, hingen Schneeflocken in seinem Bastmantel und auf den Totenschädeln vor ihm im Herbstlaub. Er fror und versuchte sein Zittern zu unterdrücken. Auf dem Scheiterhaufen stapften Hexengardisten durch das verkohlte Geäst. Mit bloßen Händen schaufelten sie Asche in einen Ledersack. Krallzek brüllte Befehle, schlug und trat um sich und machte seiner schlechten Laune Luft.

Später verteilten ein paar Krieger kaltes Fleisch und Wasser in Hautsäcken. Nach dem Essen brachen dreizehn Wulfanen mit der Asche Pinzeks nach Norden auf. Der Herzog selbst führte sie an. Murrzek war der Jüngste von ihnen.


*


Es roch nach Moder, rostigem Metall und feuchtem Staub. Ein Knistern, Schaben und Rascheln lag in der Luft, als wäre sie aus dem gleichen uralten Papier wie die Bücher in den von Staub und Spinnweben verschleierten Regalen hinter Sulyman; und als wollte sie jeden Moment zerreißen.

Wie die anderen drei auch presste Sulyman sich an die Wand neben einem der Fenster, durch die man auf die Straße hinausblicken konnte. Hinausblicken konnten sie wohl, aber sie sahen nichts. Nur Umrisse von halb eingestürzten Gebäudeflügeln, von ein paar Baumkronen über dem Ruinenkomplex und von den Schutthalden vor den Mauerresten auf der anderen Straßenseite. Aus Angst entdeckt zu werden hatten sie ihre Fackeln erstickt. Nur die kleine Öllampe brannte noch, doch mit ihr waren Tonios und Quarlux in den Keller gestiegen, um nach einem Fluchtweg zu suchen.

Die Dunkelheit war voll von jenem Knistern, Schaben und Rascheln; von überall her näherte es sich. „Sie riechen uns“, flüsterte Drollux. „Orguudoo stehe uns zur Seite, die verdammten Biester riechen uns.“

Im Dunkeln sah Drollux’ Silhouette wie die eines bekleideten, auf den Hinterläufen stehenden Riesenhundes aus. Um fast einen Kopf überragte sogar seine Artgenossen. Obwohl er ein kehliges, fast rülpsendes Idiom sprach, verstand Sulyman jedes seiner Worte. Zwei Winter lang hatten er und der Wulfane in Rooma eine Zelle geteilt und Rücken an Rücken in der Arena gegen den Tod gekämpft. So unterschiedlich sie sein mochten – sie kannten sich so gut, wie zwei intelligente Wesen sich kennen konnten.

„Da.“ Vashilla stieß einen unterdrückten Schrei aus und schlug sich die rechte Hand vor den Mund, mit der Linken deutete sie auf die Straße hinunter in die Dunkelheit. Alle sahen sie die Schatten: Sie lösten sich aus den Konturen der Ruinen und krochen über die Straße, steif und hölzern, als wären sie Torfhaufen, die jemand schieben musste. Ihre schlanken Beine konnte Sulyman nicht erkennen, es war einfach zu dunkel. Er wusste aber, wie schnell sie sich auf ihnen fortbewegen konnten. Nicht weil er schneller laufen konnte als sie, lebte er noch, sondern weil er schneller laufen konnte als Dutzende junger und alter Wulfanen, die bei der Flucht aus der Festung des Herzogs hinter ihm zurückgeblieben waren.

Zuerst nahmen sie nur fünf oder sechs Schatten wahr, doch nach und nach spie die Nacht immer mehr aus, bis es zwischen Fassaden und Trümmerhalden nur so wimmelte von kriechenden Torfhaufen. Und dann dieses entsetzliche Zischen. Sulyman hatte es erwartet und zuckte dennoch zusammen. Scharfer Gestank mischte sich in den Geruch nach Papier, Staub und Metall. Sie wichen vom Fenster zurück, weil der Umriss einer Dampfwolke von der Vortreppe aus zu ihnen aufstieg.

Sulyman hielt den Atem an, und die anderen taten es auch – er sah es ihren starren Gestalten an.

Timlux fasste sich als erster wieder. Er wirbelte herum und rannte in die Dunkelheit. Sulyman hörte ihn über Bretter, Steine und Bücher stolpern, heisere Flüche bellen und stöhnen. Dann wurde es still auf der anderen Seite des Saales. „Was siehst du?“, flüsterte Drollux. Sie wussten, dass der Sohn des Herzogs durch ein Fenster zum Innenhof hinunter spähte.

„Alles voll.“ Dumpf klang Timlux’ Geflüster aus Staub und Dunkelheit. „Sie kommen von allen Seiten … sie ätzen auch hier die alten Türen kaputt.“

„O Wudan!“, stöhnte Vashilla. „O Wudan, warum?“ Die junge Nosfera fing an zu weinen.

„Hast du dir eingebildet, was Besseres verdient zu haben als all die anderen, he?“, blaffte Drollux. Sulyman sah die wuchtige Gestalt des Gefährten unschlüssig nach allen Seiten schaukeln.

„Tötet mich“, jammerte Vashilla. „Um Wudans willen, tötet mich!“ Sie schrie hysterisch.

Drollux packte sie und presste ihr die haarige Pranke ins Gesicht. „Steck ihn dir in den Hintern, deinen Wudan, und gib Ruhe!“, zischte er. Scharf und angriffslustig klang seine Stimme, so wie sie immer klang, wenn er im höchsten Grad erregt war. Sulyman sank der Mut endgültig. Wenn Drollux sich fürchtete, was blieb dann noch zu hoffen?

Bis jetzt hatte der Südländer sich von der unerschütterlichen Geduld des Kampfgenossen und Fluchtgefährten beruhigen lassen. All die Monde und Sonnenuntergänge lang. Obwohl der Schwarze Feind Ruine um Ruine erobert, obwohl sein Würgegriff sich enger und enger um sie geschlossen hatte, und obwohl von dreihundertsiebzig Eingeschlossenen nur sie allein übrig geblieben waren – von fast vierhundert nur noch sechs entkräftete und halb verhungerte Kreaturen. Und jetzt? Jetzt war es vorbei.

Eine Tür knarrte, Papier raschelte, Lichtschein im hinteren Bereich des Saales. „In den Keller!“ Tonios Stimme. „Schnell, wir haben ihn gefunden!“

Die Öllampe am ausgestreckten Arm, lief der Nosfera ein Stück in den Saal hinein, um den Gefährten zu leuchten. Sulyman fasste die zitternde Vashilla an der Hand und zog sie hinter sich her an Regalreihen entlang durch Staub, Papier und Geröll Richtung Innentür. Dort warteten der Nosfera und Quarlux, der Hauptmann der Herzogsfestung von Virruna.

Quarlux war es, der sich zuerst an die unterirdischen Ganggewölbe zwischen der Papierruine – so nannten die Wulfanen das, was Sulyman für einen ehemaligen Universitätskomplex hielt – und den Fluss am Stadtrand erinnert hatte.

„Ihr habt ihn gefunden?“ Drollux raffte die Fackeln zusammen und stolperte hinter Sulyman und Vashilla her. „Ihr Prachtkerle habt den Gang tatsächlich gefunden?“

„Still!“ An der Tür bei Tonios und Quarlux stießen sie fast mit Timlux zusammen. „Still, Taratzenhirne!“ Er hielt sich die Kralle seines Zeigefingers vor die Schlundlippen. Gemeinsam lauschten sie. Scharren und Kratzen auf der Treppe vor der Saaltür. Etwas klatschte von außen dagegen.

„Weg!“ Drollux breitete seine langen Arme aus und schob alle auf einmal aus dem Papiersaal. „Nichts wie weg!“ Vashilla stolperte, schlug lang hin und begann wieder zu wimmern.

„Wohin wir auch fliehen, sie werden uns folgen, du Narr!“, zischte Timlux. Er bückte sich nach der jammernden Nosfera.

Einige Atemzüge lang schwiegen sie. Die Flamme unter der Öllampe spiegelte sich in den roten Augen Tonios und den braunen Augen der Wulfanen.

„Das kann sie aufhalten.“ Sulyman starrte den brennenden Docht unter der Glashaube an. „Nur das kann sie aufhalten“, flüsterte er und deutete auf die Lampe.

Von der Saaltür kam ein Geräusch, als würden tausend Holzböcke auf einmal an ihr nagen; es rasselte, knirschte und prasselte. Scharfer Gestank trieb Sulyman die Tränen in die Augen, Tonios bedeckte Mund und Nase mit dem Ärmel seines Mantels, und Drollux hob seinen Lederumhang und zog ihn über seinen Schlund.

„Einer muss das verdammte Papier anzünden.“ Quarlux knurrte böse.

Sulyman zögerte keinen Atemzug lang. Er riss Drollux eine der Fackeln aus der Hand, drehte den Docht aus der Öllampe in Tonios lederner Hand so hoch, dass die Flamme aus der Lampenöffnung loderte, und entzündete die Fackel. „Weg mit euch!“, rief er. „Ich seh eure Spuren im Staub!“ Falls ich es schaffe, fügte er in Gedanken an und rannte in den Papiersaal hinein.

Hinter sich hörte er die Schritte der Gefährten. „Danke!“, blaffte es dumpf und in der Sprache der Südländer aus einem Treppenschacht. Das erste Mal, dass Sulyman dieses Wort aus Drollux’ Schlund hörte. Tränen stiegen im in die Augen – der scharfe Dampf und der Abschiedsschmerz.

Sein Fackelschein fiel matt auf die Saaltür: Hinter dem Dampfschleier konnte Sulyman die Umrisse eines kopfgroßen Lochs erkennen.

Er wich nach rechts in die Regalreihen aus, riss zwei Bücher hervor, hustete, weil Staub und Dampf seine Atemwege reizten, und hielt die alten Bücher über die Fackel. Erst als sie brannten und die Flammen nach seiner schwarzen Hand leckten, warf er sie ins Regal zurück. Einen ganzen Stoß alter Bücher fegte er mit der Fackel aus einem Fach, schob sie mit dem Stiefel ans Regal und entzündete den Haufen.

Weiter, das nächste Regal, die nächsten Bücher, und dann zurück auf die andere Seite des alten Lesesaals. Die brennenden Regale stieß er dabei um, sodass sie nach vorn auf die ersten beiden Regalreihen kippten.

Als er durch die Flammen über den mittleren Hauptgang huschte, sah er ein vielgliedriges schwarzes Bein, das sich durch ein schildgroßes Loch in der Saaltür tastete. Nicht mehr lange, dann würde sich ein Strom schwarzer Leiber in den Saal ergießen. Weiter! Schnell! Bücher und Staub aus den Regalen, anzünden, zum nächsten Regal, das alte Papier brannte sofort lichterloh.

Sulyman ahnte, welche Schätze er hier vernichtete, um das Leben seiner Gefährten zu retten. Er wusste, dass man Räume mit einer derartigen Ansammlung von Papier „Bibliotheken“ nannte. Dort, wo sie ihn vor elf Wintern geraubt und verschleppt hatten, im zentralen Südland jenseits des kleinen Meeres, wusste man solche Dinge. Denn dort gab es weise Männer, sehr weise Männer. Sulymans Vater war einer von ihnen.

Rauch senkte sich auf Sulyman herab, unerträglich heiß wurde es. Er stieß brennende Regale gegen noch nicht brennende. Um der Rauchdecke auszuweichen, rutschte er auf Knien und trat den Rückzug an. Hustend auf Knie, Ellenbogen und Fackelschaft gestützt kroch er der hinteren Tür zum Treppenschacht entgegen.

Feuerschein fiel auf Buchrücken hinter Staubschleiern, und wie zufällig stachen vertraute Schriftzeichen Sulyman in die tränenden Augen. Einen Atemzug lang verharrte er auf allen Vieren und starrte die quadratischen und geschwungenen Balken und Haken der Lettern auf dem Buchrücken an.

Die Erinnerung überfiel ihn wie ein heftiger Schmerz: Er erkannte die Buchstaben, erkannte die Worte, erkannte die Sprache – es war, als würde eine Decke über seinem Hirn zerreißen. Die Heilige Sprache seiner Väter!

Nur wenige Weise in seiner Heimat konnten sie noch sprechen, und noch weniger verstanden sie zu lesen. Sulymans Vater hatte beides beherrscht und Wert darauf gelegt, dass sein Sohn in der uralten Tradition aus den Zeiten vor Alxanatan unterrichtet wurde.

„Rette mich, Gott meines Vaters.“ Sulyman riss das Buch aus dem Regal und barg seine Beute unter dem Mantel auf der bloßen Haut. „Meine Feinde rotten sich gegen mich zusammen … Gott meines Vaters, rette mich!“ Sulyman robbte zum Treppenschacht. Hinter ihm prasselte eine Flammenwand.


*


In den Morgenstunden des dritten Tages erreichten sie das Ufer des Großen Stromes. Krallzek ließ die Böschung nach den getarnten Verstecken der Barken absuchen. Über eine Länge von sechshundert Speerwürfen verteilt gab es insgesamt sieben Stellen, an denen die Wulfanen südlich des Großen Stromes seinen Lauf zu überqueren pflegten. An diesen Stellen hatte man seit Generationen abgedeckte Erdlöcher angelegt, in denen breite Holzbarken untergebracht waren. Mit ihnen setzten wulfanische Kriegs- oder Jagdrotten gewöhnlich ans andere Ufer über.

Zwanzig Mann trug so ein Kahn, und gegen Mittag kämpfte Murrzek mit den anderen zwölf gegen die starke Strömung an. Paddel, Axtblätter und Stangen benutzten sie, um die Barke ans Nordufer zu steuern. Krallzek stand am Bug und brüllte Befehle. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man Pinzeks Asche nicht zum Erzmüttergrab nach Virruna schleppen müssen. Die Asche eines durchschnittlichen Wulfanenkriegers landete für gewöhnlich im Großen Strom.

Im Uferwald des Nordufers versenkten sie die Barke in einem der auch dort angelegten Erdlöcher und tarnten sie sorgfältig. Dann ging es weiter Richtung Virruna. Manchmal, wenn der Wald sich um einen See herum lichtete, konnte Murrzek die weißen Gipfel des Eisgebirges im Norden erkennen. So nahe war er den Nordbergen nie zuvor gekommen. Fernweh ergriff ihn und die Sehnsucht nach Ruhm und Abenteuern.

Am fünften Tag fanden sie kurz vor Einbruch der Dämmerung eine tote Androne. Der Hinterleib des schwarzen Fluginsekts war zu einem unförmigen grauen Klumpen von der Größe eines Strohsacks zusammengeschmolzen.

Schweigend standen die dreizehn ratlosen Wulfanen um den Kadaver. Der lederüberzogene Holzsattel sah aus, als hätte eine hungrige Taratze ihn angeknabbert. Um den kurzen Hals hing unversehrtes Zaumzeug. Bauch- und Brustraum der Androne klafften auseinander. Ein Wulfane aus der Hexengarde ging in die Hocke und spähte in den toten Körper hinein. „Ausgeweidet“, sagte er.

Murrzek wusste, dass nur Boten Andronen benutzten, um eilige Nachrichten zwischen den Wulfanenkolonien hin und her zu tragen. Auf Kriegszügen und Jagdexpeditionen bevorzugte Murrzeks Rasse die Deckung des Waldes und der Ruinen.

„Wo eine Androne ist, muss auch ein Reiter sein“, knurrte Krallzek. „Suchen.“

Noch bevor die Nacht über den Wald fiel, fanden sie ihn. Oder vielmehr das, was von ihm übrig war: seinen Chitinhelm, seinen Brustkorb und Teile seiner Hüftknochen und Beine. Verwesendes Fleisch hing an den Knochen. Um die Leichenteile herum sah das Unterholz schwarz und verfault aus. Als hätte man es im Umkreis von zwei Speerlängen niedergebrannt. Nur entdeckten sie nirgendwo Asche. Ein scharfer Gestank hing über der Fundstelle.

„Weiter!“, befahl Krallzek. Missmutig trottete er an der Spitze der Rotte in den abendlichen Wald. Murrzek vermutete, dass er den verstorbenen Hauptmann der Hexengarde verfluchte, und Urgaza gleich mit ihm. Doch der Herzog hütete sich laut zu bellen, er brummte nur missmutig vor sich hin. Niemand sonst sprach ein Wort. Murrzek glaubte einen Stein im Bauch mit sich herumzuschleppen.

Als die Dunkelheit Baumkronen, Stämme und Buschwerk zu einer einzigen schwarzen Wand verschwimmen ließ, gab Krallzek das Zeichen, ein Lager aufzuschlagen. Kein Auge schloss Murrzek in dieser Nacht.

Nach fünf Stunden Marsch trafen sie am nächsten Tag – dem sechsten ihrer Wanderung – auf die ersten Ruinen Virrunas, und kurze Zeit später auf den kleinen See, an dessen Ufer das Grab der Ersten Mütter lag. Weiß und dicht hing eine Dunstwolke über dem Wasser.

Ein Steinwall umgab die Grabstätte, lose angehäuftes Geröll aus den Ruinen in der Umgebung des Sees, nicht ganz einen Speerwurf lang und zwei Speerlängen hoch. Nur der schiefe, acht Speerlängen hohe Eckturm neben dem Durchgang bestand aus grob bearbeiteten und mit Mörtel zusammengefügten Quadersteinen. Kein Meisterwerk der Baukunst, gewiss nicht. Die Wulfanen – die längste Zeit ihrer kurzen Geschichte als Jäger und Eroberer in Wäldern und Ruinen unterwegs – hatten immer nur an der vorhandenen Bausubstanz aus der Zeit vor Alxanatan herumgeflickt und nie selbst den Ansatz einer Architektur entwickelt.

Oben auf dem überdachten Ausguck des Turms waren keine Wächter zu sehen. „Ho!“, rief Krallzek. „Faules Pack! Wo steckt ihr?“ Ein paar Schritte vor dem Ringwall blieb er stehen und spähte zum Turm hinauf. „He, ho! Aufwachen! Hoher Besuch aus Bolluna!“ Keine Antwort. Krallzek drehte sich zu seiner Rotte um, deutete auf Murrzek und zwei andere. „Du, du und du – nachschauen!“

Murrzek stapfte hinter den beiden Kriegern der Hexengarde her durch die schmale Öffnung im Ringwall und am Turm vorbei. Der Boden war sumpfig, das Gras trotz des nahen Winters sattgrün. Während seine Begleiter den Platz rund um das eigentliche Grab abschritten, blieb Murrzek stehen und betrachtete es. Es bestand aus einem vorn und hinten offenen Verschlag aus Birkenstämmen und einem verrosteten Eisenkasten unter dem Dach des Verschlags. Murrzek erschauerte. Hier also ruhten die Gebeine der Urmütter aller Wulfanen!

Seine Knie begannen zu zittern, Schwindel ergriff ihn, und sein Schlund fühlte sich auf einmal trocken an. Er trat näher an den Eisenkasten heran. Einer dieser Wagen, mit denen die Alten vor Alxanatan durch die Welt gefahren waren, wenn man den Legenden glauben konnte. Er überragte Murrzek fast um eine halbe Speerlänge.

Langsam ging er um ihn herum. Alle Fenster waren blind, das große, schräge an der Vorderseite durchlöchert. Die vier grauen Rollen, auf denen der Eisenwagen ruhte, steckten bis zur Hälfte im feuchten Grasboden. Schwarze Fetzen hingen an ihnen, und über den Fetzen lag ein Netz aus verrosteten Ketten. Anders als die Eisenwagen in den Ruinen verhüllte diesen hier weder Moos noch Gestrüpp. Die Wulfanen von Virruna pflegten das Grab sorgfältig, kratzten Moos und Flechten vom Eisen, rissen Winden und Efeu aus dem Boden seiner Umgebung und schmierten es vor jedem Winter mit Taratzenfett ein.

An jeder Seite des Kastens entdeckte Murrzek unterschiedlich gut erhaltene Symbole aus dicken Balken. Das an der Vorderseite war am deutlichsten zu sehen: ein Kreuz.

Über dem vorderen Fenster ragten zwei dunkle runde Hülsen aus dem Dach. Sie erinnerten Murrzek an die Schirme großer Öllampen und hatten auch etwa die Form. Zwischen ihnen, ziemlich genau in der Mitte des Dachs waren drei verrostete Trichter befestigt.

Vor den verschlossenen Türen an der Rückseite des Eisenwagens blieb Murrzek stehen. Ehrfurcht und Andacht ergriffen ihn. Der Gedanke, dass hinter diesen Türen, hinter diesen blinden Fenstern die Skelette der Ersten Mutter und ihrer Tochter lagen, jagte ihm einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken. Sein Nackenfell richtete sich auf. Er schloss die Augen, öffnete den Schlund und versuchte sich an wenigstens eines der vielen Gebete zu erinnern, die er Urgaza Tag für Tag murmeln hörte.

„Niemand zu Hause!“, brüllte einer der Hexengardisten. „Aber hier, schaut euch das an!“ Die Stimme riss Murrzek aus der Trance. Er zog Urgazas Ledersäckchen aus dem Bastmantel und begann die Umgebung des Eisenwagens nach Käfern und Spinnen abzusuchen. Das schmatzende Geräusch von Schritten näherte sich.

„Niemand hier?“, blaffte Krallzek unwillig. „Seit wann lässt man das Grab der Ersten Mütter unbewacht?“ An der Spitze von fünf Kriegern stapfte er an der Innenseite des Steinwalls entlang. „Was glotzt ihr so blöde ins Gras?“

Murrzek fand ein Spinnennetz in einem Rostloch in der Seitentür des Eisenwagens. Eine große gelbe Spinne hing darin. Er pflückte sie aus dem Netz und steckte sie in den Ledersack. Im Gras am Rande des Verschlags entdeckte er ein paar Ameisen und zwei grüne Käfer. Auch sie wanderten in den Beutel. Mit seiner Schwertklinge begann er den Grasboden umzupflügen und nach Lehm zu suchen. Aus den Augenwinkeln sah er die anderen am Steinwall stehen und ihre Klingen und Spieße ins Gras stoßen. Splitternde Geräusche klangen auf.

„Spinneneier!“, rief der Herzog, und Murrzek drehte sich nach ihm und den anderen um. „Verdammte Spinneneier, überall!“

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