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Lennox und die verfluchte Stadt: Das Zeitalter des Kometen #2

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Inhaltsverzeichnis

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Lennox und die verfluchte Stadt: Das Zeitalter des Kometen #2


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.


Tim Lennox, Tinnox genannt, hofft nach seinem Absturz noch immer darauf, dass er seine Kameraden finden kann – oder dass man nach ihm sucht. Also bleibt er vorerst bei der Horde und Marrela. Auf dem Weg in die sogenannten Südlande wird jedoch immer deutlicher, dass der Kometeneinschlag weitaus schlimmere Auswirkungen haben muss, denn irgendwann trifft Tim auf die Überreste seiner Zivilisation und erkennt entsetzt die Wahrheit. Nun gilt es zu überleben.


1

Der Sturm fegte durch die vereisten Felsspalten. Manchmal klang es, als würden hunderte von Schwertern auf einmal durch die Luft sausen. Und dann wieder hörte es sich an wie der Klageruf eines sterbenden Eluus.

Der Himmel hing tief und grau über den Gipfeln des zerklüfteten Eisgebirges. Als wäre er aus schmutzigem Zinn.

Der kleine Höhleneingang im Steilhang über dem Gletscher war von den gegenüberliegenden Bergrücken aus kaum zu erkennen. Schmal und nicht einmal mannshoch öffnete er sich etwa einen halben Steinwurf hoch im vereisten Fels.

Zwei, drei Schritte vom Höhleneingang entfernt hockte eine in braunes, abgeschabtes Leder gehüllte Gestalt. Barloor, der Göttersprecher.

Wie in Trance wiegte er seinen Oberkörper hin und her. Die Ohrlappen seiner Lederkappe scheuerten über seine Schultern. Angespannte Konzentration verzerrte sein knochiges, tausendfach zerfurchtes Gesicht zu einer maskenhaften Fratze. Seine Augen waren halb geschlossen.

Die schmalen, blutleeren Lippen bewegten sich fast stumm. Nur manchmal drang heiseres Gemurmel aus seiner Kehle. „Höre mich, großer Herr der Finsternis. Höre mich, o schrecklicher Orguudoo!“

Etwa einen Schritt vor seinen gekreuzten und in Leder gehüllten Beinen lag, umringt von getrockneten Kotballen, ein menschlicher Kopf.

Kleine Eiszapfen und Schneeklumpen hingen in dem struppigen Vollbart des abgeschlagenen Schädels. Auf seinen blauen und verzerrten Lippen schien noch der Todesschrei des Erschlagenen zu beben, und im Weiß seiner blicklosen Augen spiegelte sich das spärliche Licht, das von draußen in die Höhle hereinsickerte.

„Hier ist dein Sklave Barloor“, murmelte der Lederne. „Barloor, der Göttersprecher. Höre mich, schrecklicher Orguudoo …“ Seine Schaukelbewegung verlangsamte sich. Er riss die Augen auf und starrte den abgeschlagenen Kopf an. „Höre mich, Herr der finstersten Tiefe.“ Seine Iris leuchtete rötlich.

Ein Stück hinter Barloor, an der Höhlenwand, lehnten die langstielige Streitaxt des Göttersprechers und sein Bogen. Daneben ein zusammengerolltes Bündel von Fellplanen, Holzstangen, Pfeilen und getrocknetem Kot. Außer Kot gab es kaum Brennmaterial hier in den eisigen Regionen weit oberhalb der Schneegrenze.

Rechts neben sich hatte Barloor einen großen und einen sehr kleinen Lederbeutel abgelegt. Der große enthielt ein Messer, eiserne Pfeilspitzen, Feuersteine, ein paar Knäuel Tiersehnen und zahllose Säckchen und Päckchen mit irgendwelchen Blättern, Wurzeln, Blütenextrakten und Pulvern aus getrockneten Tierorganen. Alles Dinge, die er für seine Beschwörungsrituale, oder zur Behandlung von Krankheiten brauchte.

Axt, Bogen, Zeltplane und Ledersack – viel mehr hatte er nicht mitnehmen können, als er vor einer Woche die Horde verlassen musste.

Barloors knochige Hand schob sich in den kleinen Lederbeutel. „Komm herauf aus deiner schrecklichen Finsternis.“ Die wiegenden Bewegungen seines Oberkörpers wurden schneller, seine Stimme dringender. „Gönne deinem Sklaven die Zeichen deiner erhabenen Gegenwart …“ Drei, vier Krümel einer trockenen Masse zwischen den Fingerbeeren zog er seine Hand wieder aus dem kleinen Säckchen und führte sie zum Mund.

Der getrocknete Rotpilz schmeckte bitter und süßlich. Barloor benutzte die giftige Substanz nur, um die Schmerzen Schwerverwundeter zu lindern. Oder um bei besonders schwierigen Beschwörungen mit der Geisterwelt in Kontakt zu kommen.

Nachdem Sorban ihn aus der Horde verbannt hatte, war Barloor drei Tage lang über schneebedeckte Höhenzüge, Gletscher und durch vereiste Bergschneisen gewandert. Zurück zu dem Lagerplatz, an dem die Horde fast zwei Monde zuvor von Rastarzus’ Taratzen angegriffen worden war. Und wo sie zum erstem Mal den blauen Feuervogel durch den Himmel ziehen sahen.

Barloor hatte einen der gefallenen Krieger aus seinem Schneegrab geholt. Den Kopf hatte er ihm mit der Axt vom Rumpf getrennt. Denn Körper hatte er sorgfältig zerlegt und nach und nach aufgetaut. Sorban hatte ihm nur Vorräte für drei Tage mitgegeben. Das Fleisch der Gefallenen würde den Göttersprecher noch über Wochen am Leben erhalten. Doch solange wollte er nicht hier, in dieser eisigen Wildnis, bleiben.

Noch bevor die Sonne an diesem Tag ihren ersten Rotschimmer auf den Nachthimmel geworfen hatte, war Barloor hinunter auf das Schneefeld vor dem Gletscher geklettert und hatte den Kopf des gefallenen Kriegers ausgegraben.

Um den Dämonen der „Finsteren Tiefe“ so nahe heraufzubeschwören, wie Barloor es plante, brauchte man mindestens den Kopf eines Toten. Besser wäre ein lebendiges Tier. Und am allerbesten wäre ein lebender Mensch – ein Gefangener etwa.

Barloors Oberkörper straffte sich. Er riss den Mund auf, als hätte er Schmerzen. Lange, gelbliche Zähne ragten aus seinen blassen Gebiss. Er rollte mit den Augäpfeln und stieß ein gurgelndes Röcheln aus. Der Rotpilz wirkte.

Ganz langsam nur ging sein Oberkörper wieder in die Schaukelbewegung über. Seine Hände verkrallten sich in dem harten Leder seines Mantels. Er hechelte wie ein von Durst gequälter Fieberkranker. Keuchend begann er erneut zu murmeln. „Komm, Orguudoo. Komm, o Schrecklicher. Gewähre mir die Erhabenheit deiner Gegenwart …“

Seit Sonnenaufgang hockte er vor dem abgeschlagenen Kopf. Nur noch zwei oder drei Stunden, und der verwaschene Sonnenfleck würde durch die Nacht vom dunstigen Himmel gewischt werden.

Plötzlich verstummte der Göttersprecher. Er riss die Augen auf. Die rötlichen Augäpfel schienen zu vibrieren. Barloors Unterkiefer sank nach unten und begann zu zittern. Er starrte den Kopf einen Schritt vor sich auf dem Eisboden an.

Statt Schnee hingen jetzt Wassertropfen zwischen den Barthaaren. Die Eiszäpfchen waren fast vollständig abgeschmolzen. Feine Rinnsale von Wasser flossen aus dem Bart, suchten sich ihren Weg über die bläulich-weiße Wangenhaut und krochen in die fast violetten Ohren des abgeschlagenen Kopfes.

Fauliger Gestank erfüllte plötzlich die Höhle. Die um den Schädel angehäuften Kotballen begannen zu rauchen. Kleine Flammen schlugen aus ihnen. Und plötzlich bewegte der rumpflose Tote die Lippen. „Was willst du von mir, dass du mich so nahe zu dir rufen musst, Barloor?“

Es war keine menschliche Stimme – es war ein Krächzen und Knarren, als würde Stoff reißen, oder Holz splittern. Barloor warf sich über seine gekreuzten Beine auf den Höhlenboden. Er keuchte wie ein Erstickender. Seine Nackenmuskulatur krampfte sich zusammen, und seine Arme begannen zu schlottern. Er wollte reden, aber brachte keinen Ton heraus. Es war erst das zweite Mal in seinem Leben, dass er den Dämonen so nahe zu sich heraufbeschworen hatte.

„Sprich, Barloor, warum hast du mich gerufen?“ Hundertfach hallte die Totenstimme aus der Dunkelheit der Höhle zurück.

Barloor hob den Kopf. Er zwang sich, tief durchzuatmen. Es stank nach Kot und Schwefel. Und nach verbranntem Haar. Der Rauch, der von dem Kopf und den brennenden Kotballen aufstieg, brannte ihm in der Nase und im Rachen. Ein Hustenanfall schüttelte ihn.

Er versuchte, seine Panik zu unterdrücken und wagte einen Blick auf das Gesicht des abgeschlagenen Kopfes. Dessen blaue Lippen und buschigen Brauen zuckten. Die Stirn des Toten legte sich in Falten, glättete sich wieder und legte sich erneut in Falten. Bart- und Haupthaar schmolz in den größer werdenden Flammen. Aus den Nasenlöchern stieg Rauch. Die Augäpfel kochten, und die Iris warf Blasen.

Barloor fror plötzlich, und trotzdem rann ihm der Schweiß über das fahle Gesicht. „Ehre sei dir, erhabener Orguudoo“, keuchte er. „Ich will, dass du Tinnox vernichtest.“



2

Der Abstieg schien nicht enden zu wollen. Timothy Lennox schätzte, dass inzwischen mindestens fünftausend Höhenfuß zwischen ihnen und dem kleinen Gletschertal lagen, von dem aus sie vor drei Tagen aufgebrochen waren. Und dieses Tal war von Schneeriesen umgeben gewesen, deren höchste Gipfel es sicher noch einmal um gut siebentausend Fuß überragt hatten. Trotzdem ging es noch immer bergab.

Tim hatte ein gutes Augenmaß – und dennoch konnte etwas an seiner Schätzung nicht stimmen. Die Schneegrenze lag in milden Monaten bei etwa dreitausendsechshundert Fuß und nicht bei fünftausend Fuß. Und es war März. Wahrscheinlich Mitte März.

Und die höchste Erhebung der Alpen, der Montblanc, war knapp vierzehntausendvierhundert Fuß hoch. Selbst wenn er in den französischen Alpen gelandet sein sollte – sie müssten längst die ersten Flusstäler erreicht haben. Oder wenigstens das eine oder andere Bergdorf.

Stattdessen schroffe Felswände, Geröllfelder, serpentinenartige Trampelpfade und immer wieder Trümmerfelder von aufeinander getürmten und ineinander verkeilten Felsblöcken. Teilweise so groß wie achtstöckige Häuser. Als wenn in dieser Gegend ganze Bergrücken in die Luft gesprengt worden waren. Oder als ob es hier ein Erdbeben unvorstellbaren Ausmaßes gegeben hätte.

Tim konnte auf etwa zweihundert Flugstunden zurückblicken, die er in den letzten zwei Jahren über den Alpen absolviert hatte. So eine Landschaftsformation war ihm nie aufgefallen.

Am Abend des dritten Tages kletterten sie über ein Geröllfeld auf ein Hochplateau hinab. Tim marschierte an der Spitze des Zuges. Zusammen mit Marrela und Sorban, dem massigen Führer der Horde.

Noch immer hielten sie ihn für einen Abgesandten Wudans, ihres höchsten Gottes. Jedenfalls Sorban und seine Horde hielten ihn dafür. Marrela hatte längst begriffen, dass er weiter nichts als ein Mensch war.

Zum Teufel – das war er! Ein Mensch! Ein ziemlich verwirrter Mensch sogar – denn auf nichts, was er wahrnahm, konnte Tim sich einen Reim machen. Weder auf diese fellverhüllten Barbaren, mit ihren eisenzeitlichen Waffen und Werkzeugen, noch auf ihre Sprache, noch auf die fremdartige Landschaft und den ständig verhangenen Himmel, und schon gar nicht auf die merkwürdigen Wesen, die ihm in den Wochen seit der Notlandung begegnet waren.

Diese Riesenheuschrecken zum Beispiel. Frekkeuscher nannten Sorban und seine Leute die gewaltigen Insekten. Größer als ein Kamel waren sie, und ein moosgrüner Pelz bedeckte ihren langgestreckten Körper unterhalb ihrer beiden Flügelpaare.

Hinter den vier Speerträgern, die nach Tim, Marrela und dem Häuptling die zweite Spitze bildeten, krochen die elf Tiere den steinigen Hang hinunter. Auf fünf von ihnen hatten Sorbans Leute die Zeltstangen, Fellplanen, Waffen und Vorräte der Horde geladen. Fünf weitere trugen zwei schwangere Frauen und drei Mütter mit Kleinkindern. Auf einem Frekkeuscher ritt Radaan, Sorbans ältester Sohn. Marrela hatte ihm in einem Schwertkampf den Oberschenkel mit der flachen Klinge zerschlagen.

Tim wusste, dass der junge Bursche ihn hasste. Seine lauernden Blicke sprachen Bände. Tims vertrauter Umgang mit Marrela passte ihm nicht. Und Tim war sich ziemlich sicher, dass er neben Marrela der zweite in der Horde war, der längst nicht mehr an seine Göttlichkeit glaubte.

Nichts, was Tim beunruhigen musste. Seitdem Radaan zusammen mit Barloor, dem Schamanen der Horde, versucht hatte, ihn, den vermeintlichen Gott, an die Taratzen auszuliefern, mieden ihn die meisten Hordenmitglieder. Die einzige, die noch mit ihm sprach, war die alte Zurpa, Radaans Mutter und Sorbans Hauptfrau.

Barloor hatte der Häuptling aus der Horde verbannt. Vier Tage, bevor sie das Lager abgebrochen hatten. Aber seinen eigenen Sohn zu verstoßen – dazu hatte er sich nicht durchringen können.

Je zehn Krieger und Kriegerinnen flankierten den Zug. Die meisten waren Schwerträger. Ein paar Halbwüchsige liefen neben den Frekkeuschern her. Vier Jungen und drei Mädchen. Vier Bogenschützen bildeten die Nachhut.

Genau fünfundvierzig Köpfe zählte Sorbans Horde. Zusammen mit Tim waren sie sechsundvierzig.

Gelb-braunes Gras bedeckte das Hochplateau. Dazwischen bräunliche Moose und Flechten. Ein paar verkrüppelte Bäume sah Tim, und gegen das Ende des etwa neunhundert Fuß breiten Plateaus hin verschwand der Trampelpfad in schwarz-grünem Gestrüpp. Es erinnerte Tim an Ginster. Aber von mehr als mannshohen Ginstersträuchern hatte er noch nie gehört.

Schnell wie ein leichtfüßiger Junge sprang der hünenhafte Häuptling die letzten hundertfünfzig Fuß des Geröllfeldes hinab. Schon seit drei Tagen wunderte Tim sich, wie mühelos der Riese seine schätzungsweise dreihundert Pfund durch das unwegsame Gelände bewegte.

Sorban ging ein Stück auf das Plateau hinaus und sah sich um. Dann blickte er zurück und winkte mit beiden Armen. „Zi bataa wee nu camboo“, brüllte er.

Tim wandte sich an Marrela. „Was sagt er?“

„Lager bauen – hier.“ Sie deutete nach unten.

Marrela hatte ihr blauschwarzes Kraushaar mit Lederbändern zu einem fast hüftlangen Zopf zusammengebunden. Wie die meisten Hordenmitglieder trug sie ein dunkelbraunes, langhaariges Fell. Tim konnte sich nicht vorstellen, von welchem Tier ein derartiges Fell stammen sollte. Es sei ein Wakuda-Fell, hatte Marrela ihm vor einigen Tagen erklärt. Wakuda – vielleicht meinte sie das rinderartige Tier, das Tim in der Vorratshöhle des Taratzen-Königs gesehen hatte. Auch dessen Fell war dunkelbraun und zottelig gewesen.

Einige Männer der Horde trugen das schwarzgraue Fell der Taratzen – der Riesenratten. Sorban zum Beispiel. Wenn Tim Marrela richtig verstanden hatte, galt dieses Fell als eine Art Trophäe. Nur wer eine Taratze getötet hatte, durfte deren Fell tragen, und sich damit das sichtbare Zeichen eines besonders tapferen Kämpfers umlegen.

Die Verständigung mit Marrela gelang von Tag zu Tag besser. Oft hatte Tim das Gefühl, sie könnte ihm von den Augen ablesen, was er sagen wollte.

Während die Horde das Lager aufschlug, überquerte Tim mit Marrela und Sorban das Plateau. Von seinem Rand aus fiel ein mit Moos, Flechten und bräunlichem Gras bedeckter Hang in ein schmales Tal hinab. Ein kaum sichtbarer Trampelpfad führte in zahllosen Serpentinen nach unten. In der Talsohle sah Tim den Lauf eines Gebirgsflusses. So tief unten, dass man sein Rauschen hier oben nicht hören konnte. Von seinem anderen Ufer aus stieg das Gelände wieder steil an. Der nächste Höhenzug.

Auch Sorban blickte auf den Fluss hinunter. Er nickte, als würde er die Gegend kennen. „Modejaa reeso wee du fluwee naa.“

„Morgen den Fluss entlang“, übersetzte Marrela auf Tims fragenden Blick hin. Tim runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht erinnern, ihr das Wort Fluss beigebracht zu haben. Ständig überraschte sie ihn mit neuen englischen Begriffen. Begriffe, die sie eigentlich noch nie gehört haben konnte.

„A doo dejaana atweeno da landa de midaa.“ Wieder der rollende Bass des schwarzbärtigen Riesen.

„Zwei Tage und wir kommen in Südland“, übersetzte Marrela.

Das Südland galt als eine Art Gelobtes Land unter diesen Barbaren. Soviel hatte Tim herausgefunden. Sie erwarteten von ihm, dass er sie sicher dort hin führte. Immerhin war er in ihren Augen ein Gott.

„Woher weiß er das?“, wollte Tim wissen. „Kennt er diesen Fluss? Kennt er den Weg?“

Marrela und Sorban palaverten miteinander. Tim verstand nicht alles, was die Frau ihm anschließend übersetzte. Er begriff immerhin soviel, dass irgendwelche Vorfahren Sorbans schon einmal versucht hatten, in das sogenannte Südland vorzudringen. Sein Vater oder sein Großvater. Vielleicht auch sein Urgroßvater.

Tim schwirrte der Kopf. Schon wieder taten diese Barbaren so, als würden Leute wie sie seit Urzeiten durch diese Gegend streifen. Leute mit Schwertern und Spießen, Leute, die auf Riesenheuschrecken ritten und sich in Fell hüllten, Leute, die sich mit Riesenratten herumschlugen – es war zum Heulen und zum Lachen zugleich!

Um diese Jahreszeit pflegten sich Millionen von Skitouristen in den Alpen zu tummeln. Tim hatte noch nicht einmal einen verbogenen Skiliftträger aus dem Schnee ragen sehen. Selbst wenn der verdammte Komet alle Europäer auf einmal ausgelöscht haben sollte – woher um alles in der Welt kamen diese Barbaren? Woher diese Riesenheuschrecken? Und die gefräßigen Taratzen? Sie alle konnten doch nicht aus dem Nichts aufgetaucht sein!

Zum hundertsten Mal kapitulierte Tims glasklarer Verstand vor diesen Fragen. Es war, als hätte er einen Knoten im Hirn. Als würden seine Gedanken gegen eine Stahltür anrennen, die keinen Millimeter nachgab.

Sorban stapfte durch durch das spärliche Gras zurück zu seinen Leuten. Marrela blieb neben Tim stehen. Seit sie ihn aus dem Höhlensystem der Taratzen befreit hatte, wich sie kaum noch von seiner Seite. Es war gut, jemanden neben sich zu haben, auf den man sich verlassen konnte.

Tim zog den Reißverschluss seines Pilotenanzuges auf. Er war nassgeschwitzt von dem mühsamen Marsch des zurückliegenden Tages. Ein milder Wind blies von Süden her auf das Hochplateau. Viel zu mild für einen Märztag im Gebirge.

Tim holte den Kompass aus der Brusttasche. Seine Augen verfolgten den Flusslauf tief unter sich. Nicht einmal eine Meile weiter südöstlich verschwand er in der tiefen Kerbe zwischen den beiden Hängen. Jedenfalls behauptete Tims Kompass, dass der Fluss hier in südöstliche Richtung floss.

Tim hatte keine Ahnung, wo die anderen beiden Jets und Blythes Schleudersitz gelandet waren. Aber wenigstens einer der Jets hatte sich auf dem gleichen Kurs wie er selbst von Alexander-Jonathan entfernt. In südlicher Richtung. Kurz vor dem Einschlag des Kometen hatte Tim die Maschine vor sich durch die Stratosphäre trudeln gesehen. Die Wahrscheinlichkeit Irvin Righter, Jenny Petersen und die anderen zu finden war lächerlich gering. Aber auch nicht gleich Null. Vielleicht im Gelobten Land. Tim hatte keine Wahl – er musste dorthin.

Seite an Seite gingen er und Marrela zu den anderen. „Traurig?“, fragte Marrela leise.

Tim zuckte mit den Schultern.

„Du denkst an andere Feuervögel?“ Tim nickte. Es überraschte ihn schon nicht mehr, dass diese erstaunliche Frau seine Gedanken erahnte. „Ich helf dir“, sagte sie.

Tim wandte sich ab, um sein bitteres Lächeln vor ihr zu verbergen. Wie sollte diese halbwilde Frau ihm helfen können, seine Kameraden wiederzufinden?



3

Laute Stimmen mischten sich in das monotone Getrommel des Regens. Laute Stimmen und ein zeterndes Kreischen, das Drulza bekannt vorkam. Sie erhob sich von ihrem Lager aus Fellen und mit Trockengras gefüllten Säcken und hinkte durch den Saal bis zu einem der vier riesigen Bogenfenster.

Ihre kurzen, haarigen Finger griffen in das Efeugestrüpp und bogen es auseinander. Zwischen den morschen Stützbalken hindurch spähte sie hinunter auf einen weitläufigen, quadratischen Platz. Gestrüpp und kleine Bäume wuchsen dort unten.

Auf drei Seiten war der Platz durch grüne Wälle aus Efeu, Weinranken und andere Kletterpflanzen begrenzt. Zugewucherte Hausfassaden. Gegenüber von Drulzas Fenster, etwa einen Speerwurf weit entfernt, bildete ein langgestreckter, flacher Hügel die Grenze des Platzes. Ein Schutthaufen. Büsche wuchsen auf ihm und hüfthohes, gelbliches Gras.

Acht ihrer Leute sah Drulza zwei Stockwerke unter sich durch das Gestrüpp schaukeln. Sie stießen Gefangene vor sich her. Drei Nackthäute. Und einen Gefangenen zerrten sie an zwei starken Ketten zwischen sich über den Platz. Einen ungewöhnlich großen Gefangenen – eine Taratze.

Drulzas wulstige Schlundlippen legten sich in zahllose Falten. Sie stieß ein heiseres Gekrächze aus. Es gab nicht viel zu lachen in letzter Zeit, seit der Schwarze Feind ein Haus nach dem anderen eroberte. Aber der Anblick der Beute dort unten brachte sie zum Lachen. „Lecker“, krächzte sie.

Sie spähte hinüber zum Turm. Der zerklüftete, durch ein gutes Dutzend Baumstämme notdürftig abgestützte Steinquader erhob sich etwa zwanzig Schritte hoch über das Dach. Die Krone eines Laubbaumes ragte aus den Überresten der Ziegel. Und das Gemäuer, welches das Dach in grauer Vorzeit einmal vor Regen und Schnee geschützt hatte, war vollständig von grünem Gestrüpp überwuchert. Aus dem Glockenstuhl des Turmes bogen sich krumme Birkenstämme.

Und darüber, ganz oben, zwischen den Resten der Zinnen, sah Drulza die Schatten der Wächter. Ihre Lanzen überragten die zerfallenen Zinnenkronen. Drulza neigte ihren haarigen Schädel und lauschte. Über sich hörte sie schlurfende Schritte. Auch die Wächter auf dem Dach des Hauptquartiers befanden sich auf ihren Posten.

Sie ließ die Efeuranken los. Nur flackerndes Fackellicht erhellte den Saal jetzt noch.

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