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Leuchtfeuerherzen

Für Zeynep.

»Ich habe gelernt, dass man nie zu klein ist, um einen Unterschied zu machen.«

Greta Thunberg

PROLOG

Liam hatte sich die heutige Aktion seit Tagen ausgemalt, und als seine Freunde mit zwei Schubkarren auf ihn zukamen, breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. Die Show konnte beginnen – und er würde ihm zeigen, dass er es ernst meinte.

»Da seid ihr ja endlich«, begrüßte er Lena und Fiete und schob das Garagentor hoch, an dem er gelehnt hatte. »Dachte schon, ihr kommt nicht mehr.« Nickend wies er auf eine Reihe von gefüllten blauen Säcken, die hinter den Surfbrettern standen.

»Mit den Schubkarren sind wir keine ICEs«, antwortete Fiete etwas außer Atem. Auf seiner Stirn hatte sich ein leichter Schweißfilm gebildet. Er stellte die Schubkarre ab und fuhr sich mit einem Ärmel seiner Sweatshirtjacke über die Stirn.

Lena stellte ihre Schubkarre ebenfalls ab und fischte ein Handy aus einer Tasche ihrer Jeanslatzhose. »Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir sind total pünktlich.« Sie blickte vom Handy auf. »Was machst du denn schon hier? Wir haben erst in einer Viertelstunde mit dir gerechnet – frühestens. Solltest du nicht gerade eine Englischarbeit schreiben?«

»Pfft!« Liam verzog den Mund und strich mit einer Hand eine hellblonde Strähne unter sein Cap. »Hab ich mir geschenkt.«

Lena runzelte die Stirn. »Aha … und was wird aus deinem FOR?«

»Wenn das so weitergeht mit dieser Welt, brauche ich keinen Schulabschluss mehr«, erwiderte er trocken, griff nach einem Sack und beförderte ihn schwungvoll in eine Schubkarre.

»Stimmt.« Fiete schnappte sich ebenfalls einen der blauen Beutel und lud ihn auf eine Karre.

Lena schien mit sich zu ringen, ob sie etwas sagen sollte. Liam sah sie herausfordernd an. Die Predigt konnte sie sich sparen. Sie wusste genau, wie stur er war – und dass ihm die Aktion superwichtig war, wussten alle. Genauso, wie sie wussten, dass Liam damit um noch viel mehr kämpfte als nur gegen Müll. Schließlich seufzte sie nur. »Und dein Vater hat keine Ahnung?«

»Nicht die geringste. Der würde noch nicht mal mitbekommen, wenn jemand in meiner Garage wohnen würde.« Liams Tonfall triefte vor Spott. Er machte keinen Hehl daraus, was er von den Geschäften seines Vaters hielt. »Mein alter Herr ist viel zu sehr mit seinen Projekten beschäftigt, als dass er irgendetwas bemerken würde.«

Lena legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte ihn aufmunternd an. Die Wut und Enttäuschung über seinen Vater lösten sich unter ihrer Geste auf und wichen Entschlossenheit.

»Dann mal auf in den Kampf«, sagte Liam.

Eine gute Viertelstunde später luden sie die Schubkarren mit den Säcken in den Ortsbus ein. Liam bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Fahrgäste und lachte in sich hinein. Wenn die Leute hier schon so schauten, was für Gesichter würden dann erst die anderen machen? Allen voran sein Vater?

Sie fuhren an alten, reetgedeckten Friesenhäusern und gemütlichen Cafés vorbei, Richtung Bad, dem Zentrum von St. Peter-Ording.

Als sie die voll beladenen Karren am Hotel Strand Gut Resort vorbeischoben, konnten sie schon von Weitem eine Menschenansammlung auf dem Seebrückenvorplatz ausmachen. Die Veranstaltung schien bereits in vollem Gang zu sein.

»Perfektes Timing.« Liams Mundwinkel verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen.

Die Leute hatten sich wenige Meter vor dem Kurkartenhäuschen versammelt. Liam, Lena und Fiete blieben zunächst in einiger Entfernung neben der Bude stehen, von wo aus sie einen guten Blick auf das Geschehen hatten.

»Ein Hauch von Amerika in St. Peter-Ording«, meinte Liam kopfschüttelnd.

Über dem Eingang der Bude prangte »Coffee-to-go-Station« in unübersehbaren Leuchtschriftbuchstaben. Davor stand sein Vater in einem eleganten Anzug, gestikulierte groß beim Reden und lächelte dabei in die zahlreichen Kameras.

»Dein Vater scheint in seinem Element zu sein«, stellte Lena nüchtern fest.

»Er liebt solche Termine geradezu«, stimmte Liam ihr zu. »Und die gesamte hiesige Presse ist anwesend, inklusive der Bürgermeister.«

»Perfekter kann es für ihn nicht laufen«, erwiderte sie.

»Perfekter kann es für unsere Aktion gar nicht sein.« Liam grinste sie an.

»Du weißt, dass wir auf jeden Fall dabei sind. Aber bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst?«, fragte Fiete ihn.

»Wieso sollte ich mir nicht sicher sein?«

Fiete zuckte mit den Schultern. »Er ist dein Vater.«

»Und wennschon. Wenn es um Geld geht, ist alles andere bloß zweitrangig. Ich auch.« Auch jetzt konzentrierte Liam sich nur auf die grimmige Entschlossenheit in sich und ließ der Enttäuschung keinen Platz. Dieses Verhalten kannte er schon viel zu lange von seinem Vater, als dass es ihn noch kümmern sollte.

»Dann mal los, bevor die Presseveranstaltung zu Ende ist.« Lena schob die Karre auf das Häuschen zu, die Jungs folgten ihr.

»… das hat in Sankt Peter-Ording viel zu lange gefehlt. Wir schließen mit unserem Coffee-to-go-Prinzip eine Marktlücke.« Liams Vater setzte erneut ein breites Lächeln auf und hielt den Fotografen einen Einweg-Kaffeebecher mit Plastikdeckel entgegen. »Endlich können die geschätzten Touristen ihren leckeren Kaffee auch am …« Er geriet ins Stocken, als ein blauer Müllsack scheppernd vor seinen Füßen landete und der Inhalt sich auf seinen Schuhen und dem Steinpflaster vor ihm verteilte. Angewidert machte er einen Satz nach hinten. »Was zum …! Was soll der Blödsinn?«, rief er ärgerlich.

Ungerührt kippte Liam den Inhalt eines weiteren Sackes vor dem Häuschen aus, gefolgt von noch einem, den Fiete entleerte. Dutzende Plastikbecher und -flaschen bedeckten den Boden, dazwischen eine Angelsehne, Schuhe, Blechdosen, ein zerfetztes rotes Gummiboot und eine von Muscheln besiedelte Sonnenbrille. Die Kameras der Fotografen klickten hektisch und der Bürgermeister schnappte nach Luft.

»Was soll das? Bist du völlig übergeschnappt?!« Sein Vater wollte ihn zur Seite schieben, doch Liam blieb stehen und blickte seinen Vater wütend an. »Was glaubst du eigentlich, was du hier machst?«

Liam hob sein Kinn. »Was glaubst du eigentlich, was du hier machst?!«, fragte er, doch bevor sein Vater reagieren konnte, wandte er sich an die anwesende Presse. »Wir brauchen keine Coffee-to-go-Station in Sankt Peter-Ording. Wir brauchen keinen weiteren Müll, der in der Nordsee landet und unsere Umwelt verschmutzt!«

Er griff nach einem eingerissenen, platt gedrückten Plastikbecher, der in einer Schubkarre lag. »Wissen Sie, was das hier ist?« Er zeigte den Anwesenden den kaputten Behälter. »Das hier lag gestern im Spülsaum am Strand, bloß ein paar Meter von dem Pfahlbau Arche Noah entfernt. Meine Recherchen im Internet haben ergeben, dass es sich hierbei um einen Messbecher eines Waschmittels handelt. Anhand des aufgedruckten Werbeslogans Fakt mit der neuen Basiskraft mit PSE konnte ich das Alter leicht bestimmen. Die Werbung lief im Sommer 1970 und damit dürfte der Becher schon 50 Jahre alt sein. Wir können nicht zulassen, dass noch mehr unseres Mülls jahrelang im Meer schwimmt!«

Lena und Fiete rollten zwei Transparente aus, die sie vor einigen Tagen angefertigt hatten. Eins legten sie auf den Müllberg, das andere hielten sie so, dass die Fotografen es gut ablichten konnten. Liam trat einen Schritt zur Seite, damit jeder sie lesen konnte – There is no planet B und Früher war der Fisch in der Packung, heute ist die Packung im Fisch.

»Also, das ist ja unglaublich! Und völlig überzogen!«, rief Liams Vater mit hochrotem Gesicht. »Du spinnst doch komplett, wegen der paar Becher hier so einen Aufstand zu machen!« Und zu den Anwesenden gewandt, sagte er: »Ich muss mich für meinen Sohn und seine Freunde entschuldigen. In dem Alter regiert der jugendliche Übermut, wissen Sie.« Er versuchte, den Zwischenfall, so gut es ging, wegzulächeln, was ihm allerdings nicht ganz gelang.

»Was wollen Sie mit Ihrer Protestaktion erreichen?«, fragte ein Reporter.

»2,8 Milliarden Einwegbecher und 1,3 Milliarden Plastikdeckel werden pro Jahr weggeworfen. Das sind pro Stunde 320.000 Stück in Deutschland. Der Wahnsinn muss endlich aufhören«, forderte Lena mit fester Stimme.

»Plastikbecher sind ein NO, denn wir lieben SPO!«, skandierte Fiete und hielt das Transparent noch höher.

»Wegen meiner Coffee-to-go-Station geht jetzt die Welt unter oder was?!«, brüllte Liams Vater, dessen Gesichtsfarbe mittlerweile die Farbe einer Tomate angenommen hatte. »Ihr seid doch völlig übergeschnappt!«

Liam wusste, was im Leben seines Vaters wirklich zählte, und das war nicht die Umwelt. Trotzdem fehlten ihm für einen Moment vor lauter Wut die Worte.

»Wie wäre es, wenn wir uns jetzt alle wieder beruhigen und einen Kaffee im Hotel trinken – ganz klassisch?«, witzelte der Bürgermeister, dem die Situation sichtlich unangenehm war. »Meine Damen und Herren, bitte folgen Sie mir …« Er wies zum Eingang vom Deichkind, dem Restaurant des Strand Gut Resort.

»Typisch! Jeden Tag von Neuem unsere Welt zumüllen und dann auch noch wegschauen, wenn jemand etwas daran ändern will!«, rief Lena den Leuten hinterher.

»Das wird noch ein Nachspiel haben, Liam!«, zischte ihm sein Vater wutentbrannt zu. »Wenn deine Mutter diese Aktion erlebt hätte, sie hätte sich in Grund und Boden für dich geschämt.«

»Lass Mama gefälligst da raus!« Liam ballte vor Wut die Fäuste.

Sein Vater winkte bloß ab und beeilte sich, zu den anderen aufzuschließen.

Ein Reporter war zurückgeblieben und kam nun zu ihnen. »Euer Verhalten hat mir imponiert.« Er hob anerkennend die Augenbrauen und überreichte Lena eine Visitenkarte. »Ich würde euch gerne mal interviewen und eure Sichtweise in einem Artikel bringen … falls ihr möchtet.«

»Ja gerne. Wir melden uns bei Ihnen.« Lena steckte die Karte in die Brusttasche ihrer Latzhose.

Der Journalist verabschiedete sich und folgte den anderen ins Restaurant Deichkind.

Liam blickte zum Hoteleingang, seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt. »Wenn mein Vater glaubt, er könnte mich einschüchtern, dann hat er sich geschnitten. Ich werde nicht einfach nur dastehen und zuschauen, wie er mit unserer Zukunft spielt, nur um sich selbst zu bereichern.«

»Eins steht fest, er will auf keinen Fall, dass du ihm seine neue Geschäftsidee kaputt machst.« Fiete zog sich einen Arbeitshandschuh über und fing an, das Strandgut wieder zurück in den Sack zu räumen.

Liam griff ebenfalls nach einem Handschuh. »Das kann er sich abschminken«, sagte er mit fester Stimme.

»Was hast du vor?«, wollte Lena wissen.

»Das muss ich mir noch überlegen. Aber eines kann ich euch sagen: Jetzt erst recht.«

1. KAPITEL

Kalifornische Seelöwen schwebten mit eleganten Schwimmbewegungen im verglasten Unterwassertunnel über die Köpfe der Besucher hinweg. Kinder jauchzten vor Begeisterung laut auf und zeigten mit großen Augen auf die Ohren robben über und neben ihnen. Ein kleines Mädchen legte seine Hand auf eine Stelle der gläsernen Wand, an der ein Seelöwe es von der anderen Seite mit seiner Schnauze berührte.

Alicia verfolgte jede Bewegung der Robben mit ihrer Kamera und drückte in passenden Momenten auf den Auslöser, wie immer völlig gebannt von ihrer Anmut.

An ihr stürmten zwei Jungen im Grundschulalter vorbei, die kurz darauf mit ihren kleinen Fäusten gegen das Sichtglas hämmerten. Alicia sah verärgert von ihrer Kamera auf. Das passierte immer wieder. Warum konnten die Eltern nicht besser auf ihre Kinder aufpassen? Gerade als sie etwas zu ihnen sagen wollte, fiel ihr Blick auf eine Frau, die zu den Kindern eilte.

»Felix und David! Das macht man nicht! Ihr erschreckt die Tiere«, schimpfte sie, nahm die Jungs an die Hand und zog sie weiter.

Ein paar verantwortungsbewusste Menschen gab es also noch. Alicia schaute wieder durch die Linse der Kamera. Auch wenn sie heute schon ein paar tolle Fotos gemacht hatte, bedauerte sie, dass die Robben so beliebt waren und sich immer ziemlich viele Leute in dem Unterwassertunnel aufhielten, ganz gleich, wann sie da war. Viel lieber hätte sie ihre Lieblingstiere ganz für sich allein gehabt, um sie in Ruhe beobachten und fotografieren zu können.

Ihr Liebling war Legolas, der Zuchtbulle des Seelöwen-Reviers, der in dem Moment zusammen mit der jungen Robbe Fridolin in wilden Schwimmbewegungen das Wasser des Beckens aufwirbelte. Sie ging näher an das Glas heran und tippte schnell hintereinander auf den Auslöser.

Plötzlich tauchte Legolas direkt auf sie zu. Alicia senkte die Kamera. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, er schaute sie an, bevor er wendete und an die Wasseroberfläche schwamm. Sie war noch kurz in dem Moment gefangen, bis eine Stimme sie zurück in die Wirklichkeit holte. »Hi, Alicia!«

Alicia wirbelte erschrocken herum, lächelte aber, als sie die blonde Frau in der kurzen khakifarbenen Cargohose und dem Shirt mit dem Emblem des Zoos sah. »Hi, Ilka.«

»Schön, dich mal wiederzusehen.« Sie umarmte Alicia. »Legolas hat schon nach dir gefragt.«

Alicia lachte. »Ich freue mich auch. Wie geht’s dir?«

»Ganz gut.« Ilka deutete auf die Kamera in ihren Händen. »Hast du mal wieder Fotos von deinen Lieblingsmodels gemacht?«

»Jede Menge sogar!« Alicia zeigte ihr einige ihrer Aufnahmen.

Ilka zog anerkennend die Augenbrauen hoch. »Wow! Du hast wirklich ein Händchen dafür.«

»Danke«, erwiderte Alicia, in der sich beim Betrachten der Fotos und des Kompliments ein warmes Gefühl ausbreitete.

»Vielleicht können wir ein paar deiner Schnappschüsse für die Zoo-Homepage gebrauchen.«

»Ja klar! Darüber würde ich mich tierisch freuen!«

»Ich frag mal bei dem zuständigen Kollegen nach«, versprach Ilka. »Bleibst du noch zur Fütterung?«

Alicia schaute auf ihr Handy. »Sorry, das wird heute leider nichts. Ich habe später noch eine Verabredung.« Fast bedauerte sie ein wenig, dass sie nachher noch mit ihrem Freund Elias verabredet war. Wie gerne wäre sie noch länger geblieben und hätte Ilka bei der Fütterung geholfen. Aber wenn sie ihr Date um eine Stunde verschieben würde, hätte Elias sicher kein Verständnis dafür. Ihre Faszination für die Seelöwen konnte er einfach nicht verstehen – dabei hatte Alicia ihn so oft gebeten, mit ihr in den Zoo zu gehen, damit sie ihm zeigen konnte, was ihr wichtig war.

»Schade«, meinte Ilka. »Du hättest mir helfen können. Ich hatte nach dir nie wieder eine Praktikantin, die so ein gutes Händchen für unsere Seelöwen hatte.«

»Ich hätte total gerne noch ein zweites Praktikum gemacht, aber da gab es wohl einige andere Bewerber vor mir auf der Liste«, sagte Alicia bedauernd.

Vor einem Jahr hatte sie in den Sommerferien ein Praktikum hier gemacht, weil sie herausfinden wollte, ob ein Job mit Tieren zu ihr passte. Damals war sie zufällig bei Ilka und ihren Kalifornischen Seelöwen gelandet. Ihre erste Begegnung mit den Robben hatte gleich etwas Magisches gehabt. Es war wie die berühmte Liebe auf den ersten Blick gewesen. Alicia hatte sofort die Sprache der Tiere verstanden und konnte bereits am zweiten Tag ihres Praktikums bei der Robbenfütterung mithelfen. Seitdem waren ihr die Tiere ans Herz gewachsen und sie hatte sich ein beachtliches Wissen über Robbenarten angelesen. Am liebsten hätte sie jeden Tag im Zoo verbracht, doch das schaffte sie meistens bloß an den Wochenenden oder in den Ferien.

»Einige ist gut … ich glaube, es stehen über 30 Leute auf der Liste.«

»Tja, ich kann ihren Wunsch gut nachvollziehen. Jetzt muss ich mich aber beeilen, wenn ich den Bus zurück nach Recklinghausen noch erwischen will. Ich komme bald wieder«, versprach Alicia und umarmte Ilka zum Abschied. »Schließlich sind ja Ferien und ich habe eine Jahreskarte.«

Alicia trank den Rest ihres Bananenshakes aus und blickte sich ein weiteres Mal suchend um. Sie hatte sich extra beeilt, um pünktlich zu ihrer Verabredung mit Elias zu kommen. Aber von dem keine Spur.

Wieder schaute sie auf ihr Handy. Sieben Minuten vor fünf. Seit gut einer Stunde saß sie hier im Eiscafé wie bestellt und nicht abgeholt und wartete auf ihn. Wehmütig dachte sie an die Zeiten am Anfang ihrer Beziehung zurück. Da war er meistens noch vor ihr am Treffpunkt gewesen und immer hatte er ihr das Gefühl gegeben, dass es außer ihr nichts Wichtigeres auf der Welt gab. Während der ganzen Zeit, wenn sie zusammen waren, hatte er sie mit seiner uneingeschränkten Aufmerksamkeit verzaubert. Doch davon war nichts mehr übrig geblieben.

Nachdem sie schon versucht hatte, ihn telefonisch zu erreichen, schrieb sie ihm eine Nachricht.

Wollten wir uns nicht um 16 Uhr im Dino treffen?

Wo steckst du???

Sie starrte auf das Handydisplay und spürte, wie sich Frustration in ihr breitmachte. Alicia hoffte darauf, gleich eine Antwort von ihrem Freund zu bekommen, in der sich sein Nichtkommen aufklärte, obwohl ihr Bauchgefühl ihr signalisierte, dass dies nicht passieren würde.

Es war nicht das erste Mal, dass sie vergeblich auf ihn wartete. Sie erinnerte sich an einen Freitagabend, an dem sie im strömenden Regen vergeblich vor dem Kino ausgeharrt hatte, während er mit seinen Fußballkollegen im Clubraum ein Spiel zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern im Fernsehen geschaut hatte. Damals hatte er sich reumütig bei ihr entschuldigt und geschworen, dass dies kein weiteres Mal passieren würde. Verspätungen aufgrund seines Trainings waren gang und gäbe geblieben, aber Alicia hatte fest daran geglaubt, dass er sie kein weiteres Mal versetzen würde.

Die Enttäuschung in ihr wuchs mit jeder weiteren Minute ohne Nachricht von Elias, bildete einen Kloß in ihrer Kehle und trieb ihr die Tränen in die Augen. Er hatte es ihr doch hoch und heilig versprochen und ihr dabei so tief in die Augen gesehen, dass sie alles andere hätte vergessen können. Sie war sogar extra eine Viertelstunde eher in der Eisdiele gewesen und hatte sich ihr neues Sommerkleid angezogen. Schließlich gab es etwas zu feiern: Es war das Wochenende vor dem Beginn der Sommerferien. Vor ihnen lagen sechs schulfreie Wochen und, was noch viel wichtiger war, sie hatten die Fachoberschulreife mit Qualifikation in der Tasche. Nach den Ferien ging es für Elias und sie in der Oberstufe weiter.

Sie blinzelte und schluckte die Tränen hinunter, als die Kellnerin an ihren Tisch trat.

»Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«

»Nein danke. Nur die Rechnung.« Alicia schüttelte den Kopf und lächelte die Frau tapfer an.

Nachdem sie ihren Milchshake bezahlt hatte, lief sie zu ihrem Fahrrad, das sie an einem Radständer vor einem Supermarkt angekettet hatte. Sie steckte gerade den Schlüssel ins Schloss, als das Handy in ihrer Tasche piepste.

Endlich meldete sich Elias! Dann würde sich doch alles aufklären. Hastig fischte sie ihr Smartphone aus der Tasche, doch ihre aufgekeimte Hoffnung verwandelte sich in Frust, als sie las, von wem sie eine Nachricht bekommen hatte.

Clara, ihre beste Freundin, wollte wissen, ob sie heute noch was vorhätte.

»Schön wär’s«, sagte Alicia leise zu sich selbst und versuchte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, runterzuschlucken.

War eigentlich mit Elias zum Eisessen verabredet.

Aber er ist nicht aufgekreuzt. Fahre jetzt zum Fußballplatz.

Vielleicht ist er da. Melde mich später bei dir.

Sie steckte das Handy zurück in die Tasche und schaute hoch zum Himmel, wo sich inzwischen massige Wolken ausdehnten. Schnell löste sie das Fahrradschloss und schwang sich in den Sattel. Der Fußballplatz war ungefähr 20 Minuten mit dem Rad von dem Eiscafé entfernt. Mit etwas Glück kam sie dort noch trocken an, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und für die ersehnte Abkühlung sorgte. Alicia trat kräftig in die Pedale.

Sie konnte sich nicht gegen den Gedanken wehren, dass Elias sie womöglich einfach vergessen hatte – wieder einmal. In ihrem Bauch grummelte es. Sie hoffte, dass sie falschlag und es bloß ein Missverständnis war. Aber so richtig konnte sie nicht daran glauben.

Als sie am Sportzentrum ankam, landete ein erster Regentropfen auf ihrer Nase. Sie stieg ab und schob das Rad den Weg entlang, der zum Fußballplatz führte. Rund um den Ascheplatz standen Zuschauer, die ihre Mannschaft anfeuerten und Alicia die Sicht auf die Spieler nahmen. Neben ehrgeizigen Eltern waren auch die üblichen Fußball-Groupies am Start, eine Gruppe von circa zwölf Mädchen, die teilweise mit einem der Spieler zusammen waren oder es sich fest vorgenommen hatten, in naher Zukunft zu sein.

Alicia lehnte ihr Rad an die Mauer der Sporthalle und suchte sich einen Platz abseits der Menschentraube, einige Meter hinter dem Tor. Sie musste nicht lange nach Elias Ausschau halten, ihr Freund schoss gerade auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes eine Ecke.

Sie blinzelte mehrmals, doch an dem Anblick änderte sich nichts. Elias war hier. Er hatte sie tatsächlich vergessen.

Ein zentnerschweres Gewicht legte sich auf ihr Herz. Mit verschränkten Armen beobachtete sie das Spiel. Elias bemerkte ihre Anwesenheit überhaupt nicht. Er war zu sehr auf das Spiel konzentriert – wie immer, wenn er Fußball spielte. Nichts ging für ihn über seine Leidenschaft. Das hatte er heute nur wieder bewiesen. Und Alicia damit schmerzvoll die Augen geöffnet.

Nachdem der Schiedsrichter das Spiel abgepfiffen hatte, ging Alicia zu dem überdachten Eingang der Sporthalle, der zu den Umkleiden führte. Dicke Regentropfen prasselten mittlerweile auf das Vordach. Als Elias kam, unterhielt er sich mit einem Mannschaftskameraden und wäre fast an ihr vorbeigegangen. Im letzten Augenblick bemerkte er sie.

»Hey! Was machst du denn hier?« Er umarmte sie und wollte ihr einen Kuss auf die Lippen drücken, doch sie drehte den Kopf zur Seite.

»Nicht.«

Elias lachte auf und wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn. »Okay, verstehe. Ich dusche schnell.« Er verschwand in dem Gebäude, bevor sie noch etwas entgegnen konnte.

Wie erstarrt sah Alicia ihm hinterher. Er schien wirklich nicht zu wissen, dass sie heute eine Verabredung gehabt hatten. War Fußball denn wirklich wichtiger als sie? Hatte er genug von ihr oder war einfach von Anfang an kein Platz in seinem Leben für etwas anderes gewesen? Er hatte sie davor gewarnt, aber gleichzeitig in der wenigen Zeit mit so viel liebevollen Gesten bedacht, dass sie es nicht hatte sehen wollen.

Der Gedanke machte sie regelrecht fertig. Elias war ihr erster Freund und sie war so sehr in ihn verliebt. Trotzdem konnte sie sich so nicht behandeln lassen. Nicht von ihm und auch nicht von jemand anderem.

Alicia verzog sich ins stickige Innere der Sporthalle, als es draußen immer ungemütlicher wurde, und suchte das Damen-WC auf. Sie war von der Fahrt mit dem Rad und der brütend heißen Luft völlig verschwitzt. Sie drehte den Wasserhahn auf und erfrischte ihr Gesicht mit kaltem Wasser. Gut, dass sie sich fast nie schminkte, weil sie sich dann fühlte, als würde sie eine Maske tragen.

Sie schaute in den Spiegel über dem Waschbecken. Ihre Wangen waren durch die Hitze leicht gerötet und ihre grünen Augen spiegelten ihren inneren Aufruhr wider. Wie hatte Elias nichts davon merken können? Sie musste Klartext mit ihm reden. Er musste wissen, wie sehr er sie mit seinem Verhalten verletzt hatte.

Alicia band ihr schulterlanges braunes Haar zu einem Dutt hoch und verließ dann das WC. Im Flur lehnte sie sich an die Wand. Sie war völlig in Gedanken versunken und überlegte noch, was sie Elias sagen wollte, als er plötzlich schon vor ihr stand. »Da bin ich.«

Er lächelte sie gut gelaunt an. Genau in dieses Lächeln hatte sie sich verliebt. Doch mittlerweile schickte es keinen Schmetterlingsschwarm mehr durch ihren Bauch, sondern ließ Ärger in ihr aufsteigen, weil er so unbedarft war.

Alicia wich ihm wieder aus, als er erneut versuchte, sie zu küssen. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie hasste Streit, doch so ging es nicht weiter.

»Was hast du denn?« Seine grünen Augen schauten sie ahnungslos an. Er lebte wirklich im Moment, und so, wie er sie vor Minuten noch komplett vergessen hatte, war er jetzt völlig bei ihr.

Alicia schüttelte den Kopf. »Du weißt es wirklich nicht mehr, oder?«, fragte sie leise.

»Was soll ich wissen?« Er drehte sich zu einem seiner Mannschaftskollegen um, der ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte.

»Wir gehen noch in den Vereinsraum, bis das Gewitter vorbei ist. Kommst du mit?«, fragte er ihn.

»Komme gleich nach«, sagte Elias und verpasste Alicia damit einen weiteren Stich ins Herz. Er wandte sich wieder ihr zu und zuckte mit den Schultern. »Also? Was soll ich wissen?«

»Wir waren heute um 16 Uhr im Eiscafé Dino verabredet!«, brach es aus Alicia heraus. »Über eine Stunde habe ich da auf dich gewartet.«

»Oh, war das heute?« Er klang erstaunt. Aber auf mehr wartete sie vergebens.

»Zufällig ja.«

»Das habe ich ganz vergessen«, sprach er das Offensichtliche aus.

»Das habe ich auch schon bemerkt.« Alicia biss sich auf die Unterlippe, um die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten.

Elias stellte seine Sporttasche auf dem Boden ab und strich ihr über den Arm. »Hey, sei nicht sauer, ja? Ich habe es nicht mit Absicht vergessen.«

Alicia verschränkte wieder die Arme vor der Brust. »Wäre es dir wichtig gewesen, hättest du es nicht vergessen.«

»Entschuldigung.« Er versuchte, sie wieder zu küssen.

Alicia hob abwehrend die Hände. »Deine Trainings und Treffen mit deinen Freunden vergisst du komischerweise nie.«

»Was willst du denn noch? Ich habe mich doch entschuldigt.«

»Ich möchte, dass dir unsere Verabredungen genauso wichtig sind wie dein Training und du nicht deine komplette Freizeit auf irgendwelchen Fußballplätzen verbringst und mich dabei völlig vergisst.« Ihre Stimme zitterte leicht.

Elias verschränkte ebenfalls die Arme vor seinem Oberkörper. »Du weißt ganz genau, wie wichtig die Trainings und Testspiele für meine Spielerkarriere sind. Ich dachte, wir hätten darüber geredet und du unterstützt mich dabei«, sagte er in einem vorwurfsvollen Ton.

»Hallo? Natürlich unterstütze ich dich. Aber du hast ja gar keine Zeit mehr für mich. Es geht nur um Fußball und deine zukünftige Karriere als Profi. Wir sehen uns überhaupt nicht mehr. Ist dir das denn noch gar nicht aufgefallen?«

»Gerade sehen wir uns doch. Außerdem weißt du, dass du zu jedem Spiel kommen kannst.«

»Na toll!« Alicia verdrehte die Augen. »Dann kann ich mich ja gleich zu den Groupies stellen.«

»Was soll das denn heißen? Die Mädels supporten ihre Freunde wenigstens!«

»Ich dich auch, aber ich möchte dich nicht nur zusammen mit einem Fußball sehen. Kannst du das nicht verstehen? Wir können ja noch nicht einmal in den Ferien Zeit zusammen verbringen, weil du übermorgen schon ins Trainingslager fährst.«

»Also wenn du so wenig Verständnis für mich und meinen Traum hast …« Elias’ Kiefermuskeln arbeiteten, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

Alicia war durch seine Reaktion tief verletzt. »Was ist denn mit meinen Träumen? Immer geht es nur um das, was für dich wichtig ist. Ich möchte auch mal dran sein.«

Elias griff nach seiner Tasche. »Für solche Diskussionen habe ich gerade echt keine Nerven. Ich gehe zu den anderen in den Vereinsraum«, sagte er unwirsch.

»Fein. Dann kann ich mich ja mit jemand anderem treffen.« Alicias Stimme bebte.

»Mach das.« Damit ließ Elias sie stehen und ging den Flur entlang.

Entgeistert schaute Alicia ihm hinterher, unfähig, ihm noch etwas hinterherzurufen. Er hatte keine Zeit, sich mit ihr zu treffen, und ihre Gefühle interessierten ihn offensichtlich auch nicht. Was war nur passiert, dass sie ihm so egal war?

In ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen. Sie wischte sie verstohlen weg. Elias sollte nicht sehen, dass sie weinte, falls er sich noch einmal nach ihr umschauen sollte. Diese Blöße wollte sie sich nicht geben. Doch das tat er nicht. Er stieg die Treppe am anderen Ende des Flures hoch und verschwand im ersten Stock.

Mehrere Minuten blieb Alicia erstarrt stehen und schaute in die Richtung, in der er verschwunden war. Aber sosehr sie es auch hoffte, er kam nicht zurück, um ihr zu sagen, dass er das alles nicht so gemeint hatte.

Sie fühlte sich leer und ausgehöhlt, als sie schließlich die Sporthalle verließ. Es hatte aufgehört zu regnen und die Gewitterwolken hatten sich verzogen. Die Sonne blinzelte zaghaft durch erste Wolkenlücken hindurch und die Luft hatte sich auf angenehme Temperaturen heruntergekühlt. Ein kräftiges Gewitter reinigt die Luft, sagte ihre Oma immer. Doch Alicia hatte das unbestimmte Gefühl, dass der Streit zwischen ihr und Elias nichts bereinigt hatte, sondern sich das Gewitter in ihrer Beziehung gerade erst richtig zusammenbraute. Sie suchte in ihrer Tasche nach ihrem Handy und schickte Clara eine Nachricht.

Hey, kann ich dich später anrufen, wenn ich zu Hause bin? Brauche dich.

2. KAPITEL

»So ein Idiot!«, schimpfte Clara am Telefon.

»Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich vielleicht was falsch gemacht habe«, sagte Alicia traurig. Sie fühlte sich völlig gerädert und lag zusammengerollt auf ihrem Bett, das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt.

Clara schnaubte. »Was sollst du denn bitte falsch gemacht haben? Immerhin warst du pünktlich bei eurer Verabredung und bist danach sogar noch zu ihm zum Fußballplatz gefahren – allerhöchstens war das ein Fehler. Ich wäre ihm nicht hinterhergerannt.«

»Ich musste einfach wissen, wo er ist und was los ist. Immerhin hätte ihm auf dem Weg zu unserer Verabredung ja auch was passiert sein können …« Kaum dass sie die Worte ausgesprochen hatte, stieg eine Mischung aus Scham und Wut in ihr auf. Wie dämlich von ihr – sich Sorgen zu machen, während Elias keinen einzigen Gedanken an sie verschwendet hatte.

»Du meinst, der Blitz hätte ihn treffen können?«, fragte Clara trocken.

»Ach, Clara. Was soll ich nur machen? Ich will ihn doch unterstützen, aber kann er sich nicht auch ein Mal um mich kümmern? Ich bin doch mehr als ein Maskottchen! Ich würde nie eine Verabredung mit ihm vergessen, weil er mir so wichtig ist.« Alicia biss sich auf die Unterlippe. Heute war ihr schmerzlich bewusst geworden, dass diese Gefühle scheinbar nicht auf Gegenseitigkeit beruhten. Sie fühlte sich hundsmiserabel.

»Soll ich vorbeikommen und dich etwas aufheitern?«

»Das ist total nett von dir, aber ich möchte lieber ein bisschen allein sein und in Ruhe die Fotos von den Seelöwen bearbeiten«, wiegelte Alicia ab. »Vielleicht kommen welche davon auf die Homepage des Zoos.«

»Du meinst, du möchtest in Ruhe Trübsal blasen«, stellte Clara fest und traf damit den Nagel auf den Kopf. »Meld dich einfach, okay? Ich sorge schon dafür, dass du auf andere Gedanken kommst.«

»Da bin ich mir sicher. Wir können uns morgen treffen, ja?«

»Na schön. Falls du es dir doch noch anders überlegen solltest oder es dir schlechter geht, ruf mich an, okay?«

»Danke, Clara.« Alicia beendete das Gespräch und starrte einige Sekunden lang an die Zimmerdecke, bevor sie die Kraft fand, sich aufzuraffen. Sie hoffte, wenigstens bei der Bearbeitung der Fotos von ihrem Liebeskummer abgelenkt zu werden. Doch tief in ihrem Innern war ihr klar, dass sie damit keinen Erfolg haben würde. Elias spukte jede Sekunde in ihrem Kopf umher und es gab nichts, was das hätte ändern können.

Wenigstens waren ein paar Aufnahmen dabei, die sie dem Zoo zur Veröffentlichung anbieten konnte. Sie hob den Blick zu dem großen Poster über ihrem Monitor, das sie beim Füttern der Seelöwen im Gelsenkirchener Zoo zeigte. Dies war ihr Abschiedsgeschenk von Ilka am letzten Tag ihres Praktikums gewesen. Sie erinnerte sich daran, wie glücklich sie damals gewesen war. Erst waren Elias und sie frisch zusammengekommen und dann hatte sie endlich den heiß ersehnten Praktikumsplatz ergattert.

Alicia schloss das Bildbearbeitungsprogramm und rief YouTube auf. Dort fand sie ein neues Video, das Kalifornische Seelöwen in Freiheit vor der nordamerikanischen Küste zeigte. Wie gerne würde sie mal dorthin reisen. Bislang kannte sie die Tiere nur aus dem Zoo. In freier Wildbahn hatte sie bisher bloß Kegelrobben und Seehunde an der Nordseeküste beobachtet, wo ihre Tante Heide lebte.

Betrübt schaute Alicia auf ihren Kalender, der neben dem Poster hing. Sechs Wochen Sommerferien! Normalerweise war dies die schönste Zeit im Jahr. Aber dieses Mal? Im Moment erschien es ihr wie eine Zeit, die sie irgendwie überstehen musste. Elias würde wochenlang in seinem Trainingscamp sein und Clara flog die kompletten sechs Wochen nach Florida, weil ihre Eltern dort Ferienhäuser verkauften.

Würde sie doch wenigstens mit ihren Eltern in den Urlaub fahren, so wie Clara. Aber daran war in diesem Jahr nicht zu denken gewesen, weil ihre Eltern nicht zusammen freibekommen hatten. Die Warteliste für ein weiteres Praktikum im Zoo war verdammt lang und auch ein Besuch bei Tante Heide, die in St. Peter-Ording eine Pension betrieb, kam nicht infrage, weil alle Zimmer in der Sommerzeit belegt waren. Ihre letzte Hoffnung auf aufregende Ferien war ein Ferienpraktikum in der Schutzstation Wattenmeer in Westerhever gewesen. Ferien mitten im Nationalpark zu machen und die Chance zu bekommen, Robben in freier Wildbahn zu beobachten, was könnte es Schöneres geben?! Aber ein paar Wochen nach Eingang ihrer Bewerbung hatte sie die Absage aus Westerhever vorliegen gehabt.

Es schien in diesem Jahr für sie aussichtslos zu sein, die Ferien mit schönen unvergesslichen Erlebnissen zu füllen. Und nun kam auch noch die Beziehungskrise mit Elias hinzu, die dem Ganzen das i-Tüpfelchen aufsetzte.

Leise Kratzgeräusche unterbrachen Alicias Grübeleien. Sie drehte sich um. Ihr Kater Mäxchen versuchte, die geschlossene Tür mit einer Pfote zu öffnen. »Hast ja recht, mein Dicker. Es ist Zeit für das Abendbrot.« Sie öffnete ihre Zimmertür und folgte dem Kater, der zielstrebig in die Küche im Untergeschoss lief. Alicia füllte Mäxchens Napf mit Futter und warf gerade die leere Dose in den Müll, als es an der Haustür klingelte. Das konnte nur Clara sein. »Schaff dir nie Freunde an, für die ein Nein eigentlich ja bedeutet«, sagte Alicia zu ihrem Kater und öffnete dann die Tür.

»Hi!«

»Du?« Alicia starrte Elias überrascht an und ihr Herz schlug sofort schneller. Der Streit hatte ihn doch nicht kaltgelassen!

»Kann ich reinkommen?«, fragte er ohne Umschweife. Seine Haare waren nass vom Regenwasser und von seiner Trainingsjacke perlten einige Tropfen ab. Er sah hinreißend aus.

Alicia trat einen Schritt zur Seite, um ihn reinzulassen. In ihr keimte die Hoffnung auf, dass sich doch noch alles zum Guten wenden würde.

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