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Lieb mich noch einmal, Fremder

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1. KAPITEL

Dienstag, 29. November

In dem Moment, in dem Aimee Wellington die Bühne in dem neuen Musical „Sweatshock“ betritt, erlahmt jedes Interesse. Halt, nein! Nicht jedes Interesse. Da ist noch das faszinierte Entsetzen, das einen zwingt, hinzusehen, wie bei einem Zug, der auf einen Bus voller Nonnen und Waisenkinder zurast.

Hat diese Frau jemals etwas von Stimmtraining, Schauspielunterricht und Einfühlungsvermögen gehört? Selbst Pinocchio war nicht so hölzern. Konnte man in ganz Boston keine Schauspielerin finden, die imstande ist, einen Ton zu halten und ihren Text auf natürliche Art zu sprechen oder wenigstens so auszusehen, als gehöre sie zum Ensemble und sei kein zappeliges, überdrehtes Requisit?

Oh, Entschuldigung, es geht ja gar nicht um Talent. Bei Aimee Wellington hat es nie etwas mit Talent zu tun, sondern mit Warenhäusern, die ihrer Familie ein Vermögen eingebracht haben. Es hat mit der Entscheidung ihres Vaters zu tun, ihr dieses Vermögen zu überlassen, lange bevor sie die dafür nötige Reife erworben hat. Es geht letztlich darum, berühmt-berüchtigt zu sein.

Was ist mit der schauspielerischen Leistung? Zählt die nicht mehr? Ist das Publikum verrückt nach Prominenten?

Das ist traurig. Während der Vorstellung, bei der ich Aimees auf ganze zwei mimische Ausdrücke beschränkte Schauspielkunst verfolgte und ihrem falschen Gesang lauschte, war ich sehr versucht, sie mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht zu setzen. Selbst die zweite Besetzung wäre besser gewesen. Ha, stellt mich auf die Bühne!

Und wacht auf!

Krista Marlowe las den Text der letzten Eintragung in ihr Internettagebuch und kaute dabei auf einem Kartoffelchip, auf den sie lieber verzichten sollte, falls sie ihr Gewicht halten wollte. Zuerst hatte sie nur eine kleine Portion in einer roten Plastikdose mitgenommen. Es war eine von diesen Dosen, in denen sie und ihre Schwester in ihrer Kindheit immer ihr Pausenbrot aufbewahrt hatten, und die ihre Mutter nicht wegwerfen durfte. Aber nach drei kleinen Portionen hatte sie keine Lust mehr gehabt, ständig aufzustehen, und sich daher gleich die ganze Tüte geholt.

Manchmal waren Kartoffelchips einfach nötig.

Aimee Wellington machte Krista verrückt. Nicht nur, weil Kristas Schwester Lucy, die Aimee schwindelig singen, schauspielern und tanzen konnte, sich ebenfalls um die Rolle der Bridget in Sweatshock beworben hatte. Sondern aus Prinzip. Es gab zu viele untalentierte Idioten im Showbusiness, deren Stimmen durch Effekte verstärkt wurden und deren Körper durch plastische Chirurgie in künstliche Idealbilder verwandelt worden waren. Ganz zu schweigen von Teenagern, die Sex verkauften, bevor sie selbst welchen haben sollten.

Na schön, vielleicht klang sie jetzt ein bisschen zu großmütterlich. Und, ja, sie selbst hatte ihre Jungfräulichkeit als Teenager verloren. Aber sie rieb diese Erfahrung auch nicht den Kindern anderer Leute unter die Nase. Es tat weh, mit ansehen zu müssen, wie das große Talent ihrer Schwester vergeudet wurde, indem Lucy einen öden Bürojob machte und nachts in Bars vor einer Handvoll älterer Herren auftrat, während diese völlig untalentierte Primadonna zum Star wurde.

Krista hatte sich auf die Fahne geschrieben, glänzende Fassaden einzureißen und in ihren Internetartikeln und Beiträgen für den Boston Sentinel oder sonstige Druckerzeugnisse, an die sie etwas verkaufen konnte, aufzuzeigen, wie das Publikum mit diesem Mist an der Nase herumgeführt wurde. Ihr Chefredakteur deutete ständig an, dass bald ein Redakteur in Rente gehen würde, doch Krista arbeitete lieber freiberuflich, um ihre Botschaft in alle Richtungen aussenden zu können.

Vielleicht war sie verrückt, unrealistisch oder besessen, aber sie wollte etwas bewirken, eine Bewegung zurück zu Qualität und einem natürlicheren Rhythmus der von Zeit und Geld regierten Existenz der Menschen.

Krista hatte ihr eigenes Internettagebuch „Wacht auf“ begonnen, in dem sie regelmäßig Tricks aufspießte, die ihr begegneten. Ein neues, übermäßig verpacktes, überproduziertes, künstlich aufgeblähtes Lebensmittel oder der neue Star, der seinen Ruhm nicht verdient hatte, oder das neue, in den Himmel gelobte Ferienziel, das mehr einem Vergnügungspark denn einem Hotel glich. Die Weihnachtsfeiertage boten zusätzliche Möglichkeiten, sich über ungezügelten Kommerz, konsumbesessene Kids und rücksichtslose Erwachsene im Kaufrausch aufzuregen.

Jeff Sites, regelmäßiger Kolumnist beim Boston Sentinel hatte ihre Schimpfkanonaden in einer seiner Kolumnen erwähnt, und seither war die Zahl der Besucher auf ihrer Internetseite sprunghaft gestiegen. Das freute sie natürlich, denn je mehr Leute innehielten und darüber nachdachten, welchen Schwachsinn sie mit ihren hart verdienten Dollars unterstützten, desto eher würde sich wieder Qualität durchsetzen.

Sie stellte den Text in ihr Tagebuch und schaute gähnend zur Uhr in der rechten unteren Eckes ihres Computerbildschirms. Hoppla, schon fast Mitternacht. Sie brauchte ihren Schönheitsschlaf.

Krista sah sich in ihrer Einzimmerwohnung um und seufzte. Eine aufgeräumtere Umgebung brauchte sie auch.

Sie stand auf, streckte sich – sie war ständig verspannt, ganz egal, welche Entspannungstechniken sie probierte –, nahm die Chipstüte und ging in die Küche, wo ein Berg Abwasch auf sie wartete. Den erledigte sie immer vor dem Schlafengehen. Ein neuer Tag erforderte eine saubere, aufgeräumte Umgebung.

Na ja, aufgeräumt manchmal, in erster Linie sauber, und hygienisch auf jeden Fall.

Nachdem sie den Abwasch erledigt und sich eine Flasche Wasser aus dem quietschenden Kühlschrank – der ebenfalls gereinigt werden musste – genommen hatte, putzte sie sich die Zähne und ging ins Schlafzimmer. Der langflorige Teppich dort hatte dieselbe eklige orange-braune Farbe wie der in der Küche, die zugleich Wohn- und Esszimmer war. Eines Tages würde sie ein tolles Haus besitzen. Nachdem sie ihr erstes Buch geschrieben hätte und zu ihrem ersten Auftritt bei Oprah Winfrey …

Halt, ermahnte sie sich. Lebe im Hier und Jetzt.

Sie begann ihre abendlichen Übungen, indem sie sich darauf konzentrierte, ihre Gedanken auszulöschen, in ihren Körper zu horchen und ihre Muskeln, die sie aufrecht hielten, bewusst wahrzunehmen.

Sie könnte einen Artikel für eine Frauenzeitschrift schreiben über die Vorzüge täglicher Yogaübungen, humorvoll, mit besonderem Augenmerk auf spirituelle Befriedigung als einen Weg, weniger für Dinge auszugeben, die man nicht brauchte. Sie würde nicht predigend, aber …

Nichts mehr denken, Krista.

Einatmen, ausatmen. Ihr Körper nahm automatisch verschiedene Yogapositionen ein.

Morgen würde sie den Artikel recherchieren, den sie der Zeitschrift Budget Travel vorgeschlagen hatte, über unbekannte, erschwingliche Urlaubsziele. Romantische Fluchten vor dem Feiertagsstress. Dabei könnte sie auch ein paar Notizen zu dem Yoga-Artikel machen. Außerdem würde sie an dem Artikel für Food & Wine weiterarbeiten müssen, über den Hang der Verbraucher zu zu viel Salz und künstlichen Aromen. Sie dachte daran, ihm den Titel „Liebe zur Chemie“ zu geben.

Verdammt, sie schaffte es einfach nie, ganz abzuschalten.

Ihr Telefon klingelte. Sie gab den Versuch, inneren Frieden zu finden, auf und meldete sich. Um diese Uhrzeit rief nur Lucy an, da sie von ihrem Dienstagabendauftritt bei Eddie’s nach Hause kam.

„Hallo, Krista.“

Krista runzelte die Stirn. Ihre Schwester klang nicht gerade begeistert. Allerdings stand sie schon seit einer Weile neben sich. „Hattest du keinen guten Auftritt heute Abend?“

„Nein, er war nicht so toll. Normalerweise ist das Publikum ganz in Ordnung. Aber heute machte mich während ‚When I Fall In Love‘ ständig dieser Betrunkene an, und ein paar Gestalten zu viel benahmen sich, als wäre ich bloß ein Videoband bei ihnen zu Hause, das man beliebig kommentieren kann.“ Sie klang, als sei sie den Tränen nahe.

Bingo. Ein Artikel oder Internetbeitrag über die technikgesättigten Leute, die sich nicht benehmen konnten. Krista klemmte den Hörer zwischen Kinn und Schulter, um ihre Jogginghose auszuziehen, und wartete, dass ihre Schwester weitersprach. Glücklicherweise kannte Lucy die Tücken ihres Berufes und war schon mit schlimmerem Publikum fertig geworden.

„Dann fuhr ich nach Hause, und Linc und ich … wir reden nicht einmal richtig miteinander.“

Das war es also. Lincoln Baxter war seit vier Jahren Lucys inoffizieller Verlobter. Vielleicht war Krista ein bisschen voreingenommen, aber sie fragte sich, warum man es nicht einfach tat, wenn man jemanden heiraten wollte. Die zwei waren jetzt seit sechs Jahren zusammen – seit der letzten Highschoolklasse –, und Kristas Ansicht nach knisterte es nicht mehr, und es wäre besser, sich jemand anderen zu suchen. Linc hatte es bis jetzt noch nicht einmal geschafft, einen Ring zu kaufen.

„Er verbringt jeden Abend vor dem Fernseher. Ich wünschte, er würde mehr Zeit mit mir verbringen. Er kommt nicht mehr, um mich singen zu hören. Ich kann es ihm nicht verdenken, aber es wäre doch nett, und außerdem habe ich ihn gefragt. Er bleibt bis spät in die Nacht wach, sodass wir fast nie zusammen ins Bett gehen, und falls doch, na ja, dann passiert nichts.“

Krista warf ihre Jogginghose auf den Sessel neben dem Bett. Sie verstand. Kein Sex, keine Intimität. Da konnte Lucy sich ebenso gut eine aufblasbare männliche Puppe kaufen.

Hm, ein Artikel über die Falschheit der Männer beim Umwerben einer Frau. Und die Falschheit der Frauen, damit sie nicht als Männerhasserin dastünde, denn das war sie nicht, auch wenn sie wegen ihres unbefriedigenden Liebeslebens langsam zu einer wurde.

„Lucy, ich glaube, es ist an der Zeit, diese Beziehung einmal kritisch zu betrachten.“

„Nein, nein. So schlimm ist es nicht.“

„Du kannst doch nicht mit ihm zusammenbleiben, nur weil du Angst vor dem Alleinsein hast.“

„Er ist der Richtige für mich. Das wusste ich vom ersten Moment an.“

Krista tastete nach ihrem pinkfarbenen Flanellnachthemd unter ihrem Kopfkissen. Sie glaubte kein bisschen an Liebe auf den ersten Blick. Sie glaubte an spontane gegenseitige Anziehung. Aber Liebe brauchte Zeit. Liebe war das, was blieb, wenn der anfängliche Leidenschaft nachließ. Liebe war das, was sie in den Augen ihrer Eltern sah, wenn die einander ansahen.

Na, vielleicht nicht jedes Mal. Zum Beispiel, wenn Dad sich zu lange davor drückte, die Garage aufzuräumen, oder Mom drei Tage für eine einfache Entscheidung brauchte …

„Ihr habt euch beide verändert seit dem College“, sagte Krista und hob erst den einen, dann den anderen Arm, um sich das Nachthemd über den Kopf zu ziehen. „Die Menschen verändern sich. Ihr habt euch auseinandergelebt.“

„Wir stecken momentan nur in einer Krise. Wir brauchen etwas. Ich weiß nur nicht, was.“

„Eine Partnerberatung?“

„Da wird er nicht hingehen.“

„Lucy, du solltest wirklich …“

„Ich muss Schluss machen, er kommt ins Bett. Mittagessen am Donnerstag?“

„Klar.“ Krista legte auf. Ihre Schwester war lieb und talentiert, sie verdiente Ruhm und alles Glück dieser Erde. Stattdessen war sie von einem Flittchen ausgestochen worden und war mit einem Mann zusammen, dem völlig gleichgültig war, was Lucy auszeichnete – Treue, Talent, Intelligenz, Mitgefühl, Sex-Appeal, Schönheit, Schwung. Früher hatte sie jedenfalls Schwung besessen. Jetzt wirkte sie oft niedergeschlagen und enttäuscht.

Krista schob ihre Ohrstöpsel in die Ohren und legte sich ins Bett. Hätte Lucy die Rolle in Sweatshock bekommen, wäre sie viel stärker und hätte die Kraft gehabt, Linc zu verlassen, um sich jemanden zu suchen, der sie mehr verdiente.

Ein weiterer Grund für Kristas Groll gegen die – zum Glück – unnachahmliche Aimee Wellington.

Seth Wellington saß in seinem schwarzen Lieblingsledersessel vor dem riesigen Wohnzimmerfenster seiner Wohnung in South Boston. Die Aussicht auf den Hafen erinnerte ihn jeden Tag daran, dass es mehr auf der Welt gab als graue Vorstandszimmer. Ein Gedanke genau zur rechten Zeit. Er schaute zum Computerbildschirm auf seinem Schreibtisch, auf dem der Internetartikel zu lesen war, auf den ihn seine Vorstandskollegin Mary Stevens aufmerksam gemacht hatte. Diese Krista Marlowe hatte ernsthaft etwas gegen seine Stiefschwester Aimee. Er hatte Sweatshock letzte Woche gesehen. Aimee würde zwar nie eine zweite Renée Zellweger sein, aber so schlecht, wie diese sarkastische, offenbar unglückliche Frau sie darstellte, war sie auch nicht.

Nur das Timing war schlecht. Als vorübergehender Chef von Wellington Department Stores, während sein Vater sich von einem Schlaganfall erholte, hatte er den Vorstand davon zu überzeugen versucht, das angestaubte Image des Konzerns aufzupolieren. Das Problem, wenn man ein so ehrwürdiges altes Unternehmen erbte, war, dass manche Vorstandsmitglieder alles genau so belassen wollten wie seit der Gründung durch Seths Vorfahr Oscar Wellington, der am Copley Square 1889 das erste Warenhaus eröffnet hatte. Damit verhielten sie sich wie die Dinosaurier, die lieber ausstarben, als sich anzupassen.

Seth und Mary waren die neuesten und mit sechsunddreißig beziehungsweise neununddreißig Jahren mit Abstand jüngsten Vorstandsmitglieder. Im letzten Jahr hatten sie hart um Veränderungen gekämpft und mühsam Erfolge errungen. Am Ende würden ihre Bemühungen sich mit der Wiedereröffnung der Warenhäuser am einundzwanzigsten Dezember auszahlen. Natürlich hätte Seth das neue Image lieber vor der profitabelsten Zeit des Jahres präsentiert, doch der Vorstand war ein größeres Problem gewesen, als er erwartet hatte, und die Baufirmen hatten es nicht so eilig gehabt wie er.

Seth hatte sich für Aimee als neue Repräsentantin der Warenhäuser entschieden. Sie war großartig gewesen in den modernen Musical-Werbespots, die zeitgleich mit der Wiedereröffnung gesendet würden. Was ihre Repräsentationspflichten anging, war die Sache möglicherweise riskanter. Aber sie gehörte nun einmal zur Familie, und die war Seths Vater wichtig; Aimee trug den Namen der Wellingtons seit der zweiten Ehe von Seths Vater. Außerdem gab sie sich vor der Kamera dank ihrer Schauspielerfahrung ganz natürlich. Aimee konnte die Brücke schlagen zwischen den älteren treuen Kunden und den jüngeren, die die Kaufhäuser trotz aller Bemühungen bisher nicht in ausreichender Menge angezogen hatten.

Krista Marlow jedoch machte Aimee lächerlicher als Aimee sich selbst. Die Vorstandsmitglieder waren verärgert. Als sich der Feldzug der Kolumnistin noch auf Aimees Shoppingtouren, ihre Schauspielbegeisterung und Eigenwerbung beschränkt hatte, hatte der Vorstand Krista nicht für gefährlich gehalten. Doch angesichts des Medieninteresses und in ganz New England gesendeter Werbespots fürchtete der Vorstand nun, Kristas Voreingenommenheit würde das neue Warenhausimage zum Gespött machen.

Konnte Krista dem Unternehmen wirklich Schaden zufügen? Seth bezweifelte das. Ironischerweise würden ihre Angriffe vielleicht sogar nützlich sein. Allerdings musste er zugeben, dass Kristas Bosheit ihn wurmte. Er nahm es persönlich, nicht nur, weil er Aimees Stiefbruder war, sondern auch, weil er so viel Energie in die Wellington-Kaufhäuser investiert hatte. Da er sich um den Chefposten nicht gerissen hatte, würde es ihm das Genick brechen, wenn seine Mühen nicht zum Erfolg führten.

Sein Handy klingelte. Er schob das Notebook zur Seite und zog müde sein Handy aus der Tasche. Als er die Nummer auf dem Display erkannte, entspannte er sich jedoch. Mary. In der letzten Stunde hatte er die Anrufe der anderen Vorstandsmitglieder nicht angenommen, da er nicht in der Stimmung gewesen war, sich ihre Kommentare zu Marlows jüngster Attacke auf seine Stiefschwester anzuhören.

War es da ein Wunder, dass er lieber wieder unterwegs gewesen wäre? Nach dem Wirtschaftsstudium hatte er einen Monat verreisen wollen. Daraus waren erst zwei Monate, dann sechs, dann über ein Jahr geworden, bis die Krankheit seines Vaters ihn zurück in die Firma zwang, in der er schon gearbeitet hatte, als er gerade buchstabieren konnte.

Familie war Familie, ja. Nur fühlte er sich manchmal wie eingekerkert.

„Hallo, Mary.“

„Hast du meine E-Mail bekommen? Ich habe drei Anrufe von Vorstandsmitgliedern über mich ergehen lassen müssen.“

„Ja, ich habe den Beitrag gelesen.“ Er versuchte, nicht allzu resigniert zu klingen. „Offenbar hat Miss Marlow die Show nicht gefallen.“

„Meinst du? Wenn ich mir noch einmal den Satz ‚Das könnte ernsthafte Konsequenzen haben‘ anhören muss, werde ich mir ein Ticket nach Jamaica kaufen und Rum trinken, bis alles vorbei ist. Willst du mit?“

Er grinste. Mit Mary hatte er eine kurze heiße Affäre gehabt. Seither waren sie gute Freunde. Gelegentlich trafen sie sich noch, doch hatten sie es erfolgreich zu verhindern gewusst, ihr Privatleben zum Thema des Firmenklatsches werden zu lassen. Mary war die Sorte Frau, die Seth mochte. Klug, sexy, diskret, nicht klammernd. Sie hatte ihre Beziehung immer ganz nüchtern betrachtet.

„Momentan hört sich das paradiesisch an. Wie oft haben wir ihnen versichert, dass das Risiko minimal ist?“

„Zu oft.“

Er rieb sich den verspannten Nacken und schaute sehnsüchtig auf den Ozean hinaus. Für Leute zu springen, hasste er am meisten an seinem Job. „So gern ich auch davon verschont bliebe, angesichts all dessen, was wir zu tun haben, wäre es vielleicht nicht schlecht, Maßnahmen zu ergreifen, damit diese feinen Gentlemen endlich Ruhe geben.“

Und möglicherweise hatten sie auch ein klein wenig recht. Er wollte schließlich nicht, dass die Leute sich nur deshalb für die Warenhäuser interessierten, weil Aimee sich wie eine Närrin aufführte, was bei ihr jederzeit passieren konnte. Und weil Seth sich für sie eingesetzt hatte, würde dadurch auch sein Ansehen beim Vorstand sinken. Ja, er wollte den Posten des Chefmanagers nicht mehr, aber nur, weil sein Vater wieder gesund genug war, um das Kommando zu übernehmen, nicht, weil er das Unternehmen ruiniert hätte.

„Du wirst sie dir also vornehmen?“

Er seufzte. „Ich werde mir etwas einfallen lassen, was den Vorstand zufriedenstellt.“

„Oh.“ Mary lachte, und es klang tief und sexy. „Soll ich morgen in den Schlagzeilen Ausschau halten nach einer Meldung über Miss Marlow, die man aus dem Charles River mit den Füßen in Zement gefischt hat?“

„Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird.“

„Hm, ich hoffe es auch nicht. Es wäre schlimm, wenn du ins Gefängnis müsstest.“

Er lachte. „Das wird nicht passieren. Danke, dass du mich über den Internetartikel informiert hast.“

„Gern geschehen. Ruf mich an, wenn du reden willst.“ Ihr verführerischer Ton verriet, dass sie nicht „reden“ im Sinn hatte.

„Mach ich. Gute Nacht.“ Er legte auf, obwohl er wusste, dass sie noch mehr hatte sagen wollen, und fühlte sich deshalb ein wenig schuldig. Doch wenn er ihr jetzt den kleinen Finger gäbe, nun, dann würde sie gleich nach etwas Größerem greifen. Und für diese Art von Vergnügen war er nicht in Stimmung. Er brauchte seine ganze Kraft und Konzentration, um dafür zu sorgen, dass die Umgestaltung der Warenhäuser keine kolossale Pleite wurde.

Er trank den letzten Schluck lauwarmen Kaffee und brachte seinen Lieblingsbecher, den seine Mutter ihm gekauft hatte, als er mit ihr nach Graceland gefahren war – bevor sie zu krank zum Reisen geworden war –, in die Küche. Er wusch und trocknete ihn sorgfältig ab und stellte ihn neben die Kaffeemaschine, in der bereits der neue Filter für den Morgenkaffee war. Anschließend wischte er rasch die Arbeitsflächen ab und füllte ein großes Glas mit gefiltertem Wasser aus dem Spender in der Tür seines Kühlschranks.

Danach schaute er in den unteren Zimmern nach, ob sie aufgeräumt und abgeschlossen waren, ehe er wieder in seine Eigentumswohnung im ersten Stock ging. Er hatte sie gekauft, obwohl er nicht lange bleiben würde.

Er ging ins Schlafzimmer, zog sich aus und nahm das oberste Taschenbuch vom Zeitschriftenstapel unter seinem Nachtschrank. Es war der neueste Harlan-Coben-Thriller. Seth brauchte Ablenkung von der realen Welt.

Zehn Minuten später gab er den Versuch, zu lesen, auf. Seine wachsende Verärgerung ließ sich nicht länger ignorieren.

Er löschte das Licht und zog die Decke hoch. Die Hände hinter dem Kopf gefaltet, beobachtete er die Lichtpunkte, die durch die Löcher und Spalten in den Jalousien entstanden. Er hatte keine Zeit, sich wegen der Ansichten einer einzigen Frau Gedanken zu machen.

Doch etwas an Krista Marlows Respektlosigkeit gegenüber Aimee grenzte an persönliche Abneigung. Sicher, sie war unterhaltsam, geistreich und hatte in vieler Hinsicht recht. Nach ihrem ersten Artikel hatte Seth hin und wieder gelesen, was sie schrieb, und das meiste interessant gefunden.

Vor zwei Monaten, nachdem Aimees lächerliche selbst produzierte CD herausgekommen war und sie die Rolle in Sweatshock bekommen hatte, waren Kristas Kommentare immer beißender geworden.

Er wälzte sich im Bett. Die Sache machte ihn neugierig. Morgen würde er mehr über diese Marlow in Erfahrung bringen, damit er etwas hatte, womit er den Vorstand beruhigen konnte. Vielleicht würde er ihnen erzählen, dass er Miss Marlow bitten würde, nachsichtiger zu sein. Es war einen Versuch wert. Angesichts der bevorstehenden Wiedereröffnung der Kaufhäuser brauchte er den Vorstand hundertprozentig hinter sich. Selbst eine kleine Panne war da eine Panne zu viel.

Denn je eher er mit der Umgestaltung des Unternehmens Erfolg hatte, desto eher konnte er die Geschäfte wieder seinem Vater überlassen und verschwinden.

2. KAPITEL

Seth marschierte mit Sonnenbrille und Baseballkappe in die Redaktion des Boston Sentinel. Im linken Ohr trug er einen kleinen goldenen Ring, und an den Knien spürte er die Dezemberkälte durch die Risse in seinen Jeans. Sein betont lässiger Gang ließ die Kapuze seines Sweatshirts auf dem Rücken hüpfen. Der ganze Auftritt machte ihm wider Erwarten Spaß.

Kein Mensch würde ihn als Seth Wellington IV., Erbe des gigantischen Wellington-Vermögens und Chef eben jenes respektablen Unternehmens, erkennen. So etwas hatte er seit zwei Jahren nicht mehr gemacht. Nicht seit seinen Reisen, auf denen er in verschiedenen Städten mit verschiedenen Persönlichkeiten experimentiert hatte, um zu sehen, wie die Menschen reagierten.

Na ja, hauptsächlich, um zu sehen, wie die Frauen reagierten.

Er näherte sich der Rezeptionistin, einer kecken jungen Blondine, und legte die Arme auf den Empfangstresen. Er wünschte, er könnte die Sonnenbrille abnehmen, um Blickkontakt herzustellen, doch er wagte nicht, zu viel von seinem Gesicht zu zeigen. „Wie geht es Ihnen denn so?“

„Bestens, danke“, erwiderte sie förmlich, doch ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Sicher. Ich bin Bobby Darwin, ein ehemaliger Klassenkamerad von Krista. Ist sie hier?“

„Krista …“

„Genau.“ Er lächelte sie an. „Marlow.“

„Sie war heute Morgen hier. Sie haben sie verpasst.“

„So ein Pech!“ Er schlug auf den Tresen und stemmte die Hände in die Hüften. „Erst verpasse ich sie zu Hause und jetzt hier. Wissen Sie, wo sie hingegangen ist?“

„Sie sagte, sie wolle zum Mittagessen.“

„Wirklich?“ Er tat entsetzt. „Und sie hat Sie nicht eingeladen?“

Die Rezeptionistin kicherte und errötete. „Nein.“

Er beugte sich wieder vor. Was hätte er darum gegeben, noch einmal zweiundzwanzig zu sein und dieses Mädchen zu einem Date zu überreden. „Wie heißen Sie?“

„Charlisse.“

„Nun, Charlisse, können Sie mir sagen, wo Krista hingegangen ist? Ich würde sie nämlich gern überraschen. Wir kennen uns schon ewig.

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