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Liebe im Herzen

Über dieses Buch

August 1914. Der Krieg bringt Tod und Leid über England und Elsie wünscht sich nichts mehr, als ihren Mitmenschen in dieser schweren Zeit zu helfen.

Sie reist nach London, wo sie sich aufopferungsvoll um die belgischen Flüchtlinge kümmert. Aber Elsie will mehr und als sie die Chance erhält, als Undercover Agentin nach Frankreich zu reisen, greift sie kurzerhand zu.

Doch dann zwingt sie das Schicksal in ihr Heimatland zurückzukehren und Elsie bleibt nichts anderes als die Hoffnung, dass sie den Mann ihres Herzen eines Tages wiedertreffen wird…

Über die Autorin

Lily Baxter wuchs in London auf und begann ihre Karriere in dem Bereich Werbung und TV.

Mittlerweile lebt sie mit Ihrer Familie in Dorset und ist Autorin zahlreicher Romane.

LILY BAXTER

LIEBE IM
HERZEN

Aus dem Englischen von Isabell Lorenz

beHEARTBEAT

 

Für Ann und Bill Spivey

Sutton Darcy, August 1914

Erstes Kapitel

Schritte im Marschtritt hallten durch das Dorf und hatten all seine Bewohner auf die Hauptstraße gelockt. Niemand wollte verpassen, wie die Männer der Gegend in einem von Kitcheners ersten Bataillonen aus Freiwilligen Seite an Seite in den Krieg zogen. Sie gehörten, da war man sich sicher, zu den ersten dieser Kumpelbataillone, in denen sich Freunde, Nachbarn, Kollegen gemeinsam zum Wehrdienst meldeten, wie der Herr Kriegsminister, die Regierung und die Krone es wünschten.

Elsie Mead hatte sich gerade auf den Nachhauseweg von Colonel Masons Haus am Dorfrand ins Tan Cottage gemacht. Bis eben war sie damit beschäftigt gewesen, Mrs. Mason zu frisieren. Cora Mason, um einige Jahre jünger als ihr Mann, hielt sich im Dorf für die erste Instanz in Modefragen. Stets wollte sie stilsicher gekleidet und frisiert sein, obwohl sie sich bei der Führung ihres Haushalts mit einem Minimum an Dienstboten begnügen musste. Ohne die Vorzüge einer eigenen Zofe bat sie oft Elsie, ihr die Haare in dem kunstvollen Pompadourstil zu frisieren, der gegen Ende von Königin Viktorias Herrschaft durch die Gibson Girls berühmt gemacht worden war. Besagte Gibson Girls waren durch Charles Gibsons Schwarz-Weiß-Zeichnungen eleganter junger Damen zu Stilikonen geworden - damals, was immerhin ein Vierteljahrhundert her war. Elsie hatte nicht das Herz, Cora Mason zu erklären, dass diese Frisur längst nicht mehr der letzte Schrei war.

Natürlich musste Cora Mason an diesem denkwürdigen Tag - wann denn auch sonst? - an der Seite des Colonels stehen und wollte umso mehr, dass er stolz auf sie sein konnte. So hatte sich Elsie alle Mühe gegeben, die komplizierte Frisur zu richten, und dabei höflich Coras endlosem Geplapper zugehört. An den entsprechenden Stellen hatte sie einsilbige Antworten gegeben und genickt, doch mit den Gedanken war sie bei den jungen Männern, die ihre Heimat verließen, um für ihr Land zu kämpfen. Sie kannte sie alle, seit sie gemeinsam die Dorfschule besucht hatten, und jetzt zogen sie aus, um sich den Schrecken des Krieges zu stellen.

Elsie blieb stehen und winkte den Dodd-Brüdern Luke, Frank und Jim zu, deren Vater Fischer war und sich jetzt eine andere Mannschaft für sein Boot suchen musste. Mickey Fowler winkte sogar zurück und tippte sich an die Uniformmütze, und sein Bruder Joe erdreistete sich, ihr eine Kusshand zuzuwerfen. Unweigerlich schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sich das Federwild auf dem Landsitz der Familie Winter jetzt, während der Abwesenheit der Fowler-Jungs, in Sicherheit wiegen durfte. Die beiden waren wilde Burschen, immer auf Abenteuer aus und schwer zu bändigen, aber im Grunde ihres Herzens keine schlechten Kerle. Beim letzten Erntedankfest hatte sie mit beiden getanzt, aber dieses Jahr würde alles anders sein, von Sorgen und sogar von Verlust überschattet - ein für Elsie kaum zu ertragender Gedanke.

Es war eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die sich auf den Weg ins große Abenteuer machte, und die jungen Gesichter glühten vor Aufregung. Elsie gab sich große Mühe, die Männer mit einem fröhlichen Lächeln zu verabschieden, doch sie hatte ein ungutes Gefühl. Auf dem Nachhauseweg machte sie Halt beim Doktor, um ein Fläschchen Laudanum für ihre kranke Mutter abzuholen.

Es war ein heißer Tag, und die Sonne brannte Elsie auf den unbedeckten Kopf, während sie die Landstraße entlang dem unmittelbaren Dorfkern wieder verließ. Die Hecken rechts und links der Straße waren schwer von staubig grünem Blattwerk, und allerlei Getier wimmelte in ihnen, das in den verknoteten Wurzeln und Ästen lebte und nach Futter suchte. Heckenbraunellen schossen hervor wie die mechanischen Vögelchen einer Spieluhr und verschwanden dann wieder wie plötzlich abgeschaltet. Feldmäuse raschelten am Boden, und Igel rollten sich unter dem der Hitze wegen abgeworfenem Laub zusammen und schliefen bis zur Abenddämmerung. Dann würden sie hervorkommen und sich auf die Suche nach Nahrung machen. Es war alles so vertraut, und doch schienen Elsie der wolkenlose Himmel und die Sommersonne von den Weltereignissen verdunkelt, die auch ein verschlafenes englisches Dorf nicht unberührt ließen.

In diese Gedanken versunken, hörte Elsie jemanden ihren Namen rufen und blieb stehen.

»Wart mal, Elsie!« Es war Phyllis Piper, eines der Hausmädchen, die auf dem Landsitz Darcy Hall arbeiteten, das ihr nun hinterhergerannt kam. »Wart mal einen Moment!«, rief sie noch einmal, atemlos. »Die haben mich geschickt. Ich soll fragen, ob es deiner Mum inzwischen besser geht und sie wieder zur Arbeit kommt. Uns fehlen Leute, weißt du. Zwei der Hausmädchen haben sich eine Stelle in der Stadt gesucht, und ein paar andere drohen damit, dass sie das auch machen wollen. Es gibt massenhaft offene Stellen, jetzt, wo so viele Männer zur Armee gehen. Da nimmt man auch Frauen.«

»Ma muss noch im Bett bleiben, Phyllis. Ich weiß nicht, wann es ihr so gut geht, dass sie wieder arbeiten kann.«

»Mrs. Tranter häutet mich bei lebendigem Leib, wenn ich ohne jemanden zurückkomme, der uns zur Hand geht. Miss Marianne kommt heute an, und für morgen ist eine große Dinnerparty geplant. Wir werden alle Hilfe brauchen, die wir kriegen können.«

Elsie musterte sie nachdenklich. »Ich glaube, ich könnte ein paar Tage aushelfen. Ich habe mich auf verschiedene Stellen als Zofe beworben. Aber die meisten wollen jemanden, der dauerhaft im Haus wohnt, und ich kann Ma nicht allein lassen, wo sie doch so krank ist.«

Phyllis setzte ihren Strohhut ab und fächelte sich energisch Luft zu. »War wirklich Pech, dass die alte Mrs. Tonbridge so plötzlich den Löffel abgegeben hat. Ich hab gehört, Rose Hill soll verkauft werden.«

»Seit ich von der Schule abgegangen bin, war ich bei der alten Dame. Ich hab alles für sie gemacht, und sie war gut zu mir. Solch eine Stelle findet sich nicht so leicht.«

»Bei uns, nun, das ist nicht die Arbeit, die du gewohnt bist, Elsie. Aber wenn es dir nichts ausmacht zu putzen, wäre das eine große Hilfe für uns.« Phyllis trat näher und schaute über die Schulter, als rechnete sie damit, dass hinter der Hecke Leute stünden, die sie belauschten. »In der Küche heißt es, Miss Mariannes Tante will sie so schnell wie möglich verheiraten und sie aus dem Weg haben.«

Elsie hatte es eigentlich eilig, weil sie nach Hause wollte, aber einem bisschen Klatsch konnte sie nicht widerstehen. Womöglich heiterte das ihre Mutter ja auf. »Aber es ist doch wohl Sache von Miss Mariannes Eltern, sich um ihre Zukunft zu kümmern.«

»Ach, na ja, aber die sind doch immer noch in Indien und kommen so schnell wohl auch nicht zurück. Und morgen wird Miss Marianne einundzwanzig.«

»Aber die Party, Phyllis, die für sie gegeben wird - das ist doch alles, wie es sich gehört und immer schon war.«

»Ach, das ist ja eben nicht irgendein Geburtstag, Elsie. Miss Marianne wird doch morgen volljährig, und danach braucht sie keinen Onkel und keine Tante mehr, die sich um sie kümmern. Nicht, dass die Miss je groß gehört hätte auf das, was die beiden ihr gesagt haben. Aber wenn sie jetzt von diesem piekfeinen Mädchenpensionat in der Schweiz nach Hause kommt, da wird ziemlich was fällig, das glauben wir alle.« Phyllis packte Elsie am Arm, ihre Augen glänzten vor Aufregung. »Womöglich sagt sie Mr. und Mrs. Winter, dass sie packen und verschwinden sollen. Das wird denen nicht gerade gefallen, wo sie doch immer tun, als wäre Darcy Hall ihr Eigentum. Dabei wissen wir doch alle, dass die zwei arm wie Kirchenmäuse sind.«

Elsie warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Du bist ja eine fürchterliche Klatschtante, Phyllis.«

Beleidigt zuckte Phyllis mit den Schultern. »Bei Gott, das ist die reine Wahrheit! Aber was soll ich nun Mrs. Tranter sagen?«

»Eigentlich sollte ich mich nach einer kriegswichtigen Arbeit umgucken, aber ich glaube, noch ein paar Tage zu Hause werden wohl kaum schaden. Und ich möchte wirklich nicht fort von hier, solange Ma krank ist.«

»Heißt das, du hilfst bei uns aus? Ich bin wirklich verzweifelt, Elsie, sonst würde ich nicht fragen.«

»Ich brauche das Geld. Also ja.«

Phyllis versetzte ihr einen Klaps auf den Rücken. »Gott sei Dank! Dann will ich mal zurück und Mrs. Tranter die gute Nachricht überbringen. Kannst du schon heute Nachmittag anfangen?«

»Ich sehe, was sich machen lässt.«

»Fabelhaft. Ich hab nichts anderes von dir erwartet.« Phyllis stülpte sich den Hut auf den Kopf und eilte davon in Richtung Darcy Hall, und Elsie machte sich wieder auf den Weg nach Hause.

Das kleine Schlafzimmer im Tan Cottage war abgedunkelt und die Luft stickig vom süßlichen Geruch nach langer Krankheit. Hinter geschlossenen Gardinen gefangene Fliegen brummten und schlugen gegen die Fensterscheiben im erfolglosen Versuch, hinaus ins Sonnenlicht zu flüchten. Bei der kleinsten Bewegung der Kranken quietschten die Sprungfedern der Matratze gefährlich.

Mehrere Kissen stützten Monique Meads Oberkörper, und ihr Gesicht war so weiß wie die Baumwolldecke, die sie bis zum Hals hochgezogen hatte. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen, und mit der mageren Hand zupfte sie an der Überdecke. Ihren Atem beherrschte sie nur mit Mühe, trotzdem gelang ihr ein Lächeln zur Begrüßung ihrer Tochter. »Ist alles gut gegangen?«

»Mrs. Mason war zufrieden mit dem Ergebnis, Ma. Aber viel wichtiger ist, wie geht es dir?« Elsie hockte sich auf den Bettrand. »Hast du Hunger?«

Monique schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht, aber ich habe Durst.« Sie hustete und griff nach einem Taschentuch. Elsie wurde das Herz schwer, als sie die verräterischen Blutflecken sah. »Ich hole dir frisches Wasser. Und dann musst du deine Medizin nehmen. Ich habe Dr. Hancock gebeten, noch nach dir zu schauen.«

Wieder schüttelte Monique den Kopf und verfiel in ihre Muttersprache Französisch, wie immer, wenn Gefühle sie übermannten. »Non, chérie, non.« Mühsam holte sie Luft. »Das können wir uns nicht leisten.«

Elsie legte ihrer Mutter die Hand auf die Stirn und spürte die Hitze des Fiebers. »Doch, das können wir. Ich habe jetzt Arbeit auf Darcy Hall, und Mrs. Mason hat mir ein Trinkgeld gegeben. Sie ist gern großzügig mit dem Geld ihres Mannes.« Elsie stand auf. »Mach dir keine Sorgen, Ma. Alles wird gut, du wirst schon sehen.«

Elsie sprach mit mehr Überzeugung, als sie tatsächlich empfand. Der Zustand ihrer Mutter hatte sich verschlechtert, und Dr. Hancock war alles andere als optimistisch. »Ihre Mutter sollte in ein Sanatorium«, hatte er bei seinem letzten Besuch gesagt. Aber das kam natürlich nicht infrage. Für Privatleistungen hatten sie nicht das Geld, und die öffentlichen Krankenstationen waren überfüllt. Außerdem hatte Monique eine geradezu krankhafte Angst vor Spitälern, und das aus gutem Grund, denn sie hatte den langsamen, qualvollen Tod ihres Mannes mit ansehen müssen. Elsies Vater hatte unter Colonel James Winter im Burenkrieg gedient, war verwundet nach Hause gekommen und dann seinen Verletzungen in einem Militärhospital erlegen. Mutter und Tochter hatten an seinem Krankenbett gewacht, und die Erinnerungen daran waren noch lebhaft in Elsies Gedächtnis, obwohl sie beim Tod des Vaters erst acht Jahre alt gewesen war.

In immer wiederkehrenden Fieberanfällen murmelte die Mutter den Namen des Vaters, und Elsie war sich schmerzlich bewusst, dass die Lungenkrankheit den geschwächten Körper der Mutter allmählich auszehrte. Doch solche Gedanken verbannte sie, schob sie weit von sich, während sie nach draußen zur Dorfpumpe lief und einen Eimer Wasser heraufholte.

Elsie stand in der Spülküche auf Darcy Hall und machte den Abwasch, nachdem oben das Mittagessen serviert worden war. Da läutete gleich eine ganze Reihe kleiner Glöckchen auf dem Klingelbrett und versetzten, wie zu hören war, das ganze Haus in Aufregung. Gleich darauf folgte das Geräusch trippelnder Schritte, und Phyllis steckte den Kopf zur Tür herein. »Komm schon. Wir müssen nach draußen und Miss Marianne willkommen heißen.«

Elsie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und folgte den übrigen Dienstboten nach draußen auf den von den Wirtschaftsgebäuden umschlossenen Innenhof. Sie liefen über Kopfsteinpflaster und plapperten aufgeregt auf ihrem Weg zur Vorderfront des Haupthauses. Es hatte eine eindrucksvolle Front, wie viele Landsitze aus der Zeit Jakobs I. Dort nahmen sie in Reih und Glied Aufstellung und warteten darauf, dass das Automobil zum Halten käme.

»Neumodisches Zeugs«, brummelte die Köchin leise. »Eine Kutsche mit zwei Pferden würde ich jederzeit vorziehen.«

Die Haushälterin Mrs. Tranter warf ihr einen vernichtenden Blick zu. »Psst.«

Die Köchin verzog die Lippen zu einem schmalen Strich, gab aber wohlwissend keine Widerworte.

Elsie wusste natürlich, dass Miss Marianne Winter und sie fast gleich alt waren, und nun war sie neugierig zu sehen, wie sich die junge Dame nach zwei Jahren auf dem piekfeinen Mädchenpensionat herausgemacht hatte. Nur bei wenigen Gelegenheiten hatte Elsie, immer dann, wenn sie ihre Mutter zur Arbeit begleiten durfte, einen Blick auf Miss Marianne werfen können, und das auch in der Regel nur aus der Ferne. Denn es war ihr strengstens verboten gewesen, Teile des Hauses oder Gartens zu betreten, in denen sich die Familie aufhielt. Nur einmal, als Elsie beim Striegeln eines der Pferde geholfen hatte, hatte Marianne Winter mit ihr gesprochen, besser gesagt: sie zurechtgewiesen, sie habe nicht das Recht, überhaupt in den Stallungen zu sein. Sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, hatte Elsie ihr damals Bescheid gegeben. Das hatte ihr eine Gardinenpredigt und einen Vortrag über Manieren vom Ersten Stallburschen eingetragen. Doch Miss Marianne hatte bloß gelacht und ihr Pony zum Aufsitzblock geführt.

Elsie reckte den Hals, um einen Blick auf die modisch gekleidete junge Frau zu werfen, die aus dem vom Chauffeur gelenkten Automobil stieg. Als Kind hatte sie die Dienstboten über eine flüchtige Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden reden hören. Jetzt allerdings, als sie einen Blick auf Marianne Winter erhaschte, war ihr trotz der Unterschiede in Kleidung und Frisur, als schaue sie in einen Spiegel. Elsie wurde sich der Seitenblicke der Küchenmädchen bewusst, die zur Begrüßung knicksten. Sie selbst blieb stocksteif stehen. Solch eine Zurschaustellung von Unterwürfigkeit kam ihr sehr altmodisch vor, wie ein Relikt aus feudalen Zeiten. Im Übrigen war sie, was ihren Lebensunterhalt anging, nicht von der Familie Winter abhängig. Wenn ihr die kurze Erfahrung mit der Arbeit in der Küche eines gezeigt hatte, dann dies: Sie war nun entschlossener denn je, eine gut bezahlte Stelle zu finden, damit ihre Mutter nie mehr niedere Tätigkeiten wie diese würde ausüben müssen.

Marianne nickte anmutig und richtete einige Worte an Mrs. Tranter und die Köchin. Die Dienstboten nahm sie nur flüchtig zur Kenntnis, ehe sie das Haus betrat, wo sie von Onkel und Tante begrüßt wurde. Der Butler Soames schloss die zweiflügelige Tür, und Mrs. Tranter wies alle an, an ihre Arbeit zurückzukehren.

Phyllis kam zu Elsie herüber und blieb neben ihr, während sie zurück zum Kücheneingang gingen. »Hast du gesehen, was sie anhatte? Ich wette, die Kleider waren direkt aus Paris. Die müssen ein Vermögen gekostet haben.«

»Ja, gut möglich.«

»Bist du gar nicht neidisch, Elsie? Also ich bin das jedenfalls.«

»Nein, eigentlich nicht. Ich fand, sie sah nicht gerade glücklich aus.«

Mit offenem Mund starrte Phyllis sie an. »Wie kannst du so was sagen? Wie könnte die denn unglücklich sein, wo sie doch gut aussieht und viel Geld hat?«

»Weiß nicht. Ist bloß so eine Ahnung.«

»Ach, du und deine Ahnungen!«, sagte Phyllis und kicherte. »Ich weiß noch, als wir in der Schule in Miss Murrays Klasse waren, haben wir alle die alte Schrulle richtig gehasst. Bloß du hast immer Entschuldigungen für sie gefunden.«

»Sie hatte ein ganz elendes Leben. Ihr Vater war ein Säufer und brutaler Schläger. Der kam dann ja auch ins Gefängnis, weil er einen Mann halb totgeschlagen hat.«

»Trödelt nicht so rum, ihr zwei.« Mrs. Tranters Stimme hallte über den Stallhof. »Es gibt noch jede Menge zu tun!«

Später am Nachmittag, als Elsie nach Hause kam, begegnete sie gerade noch Dr. Hancock, der das Tan Cottage bereits wieder verlassen wollte. Er begrüßte sie mit ernstem Ausdruck auf seinem faltigen Gesicht. »Monique erzählte mir, dass Sie auf Darcy Hall ihren Arbeitsplatz übernommen hätten.«

»Ich bin bloß kurz eingesprungen, Herr Doktor. Ich will mir eine Stelle in einem kriegswichtigen Bereich suchen, damit ich meiner Mutter das Leben etwas erleichtern kann.«

Er schüttelte den Kopf. »Sie ist eine sehr kranke Frau, meine Liebe. Sie werden stark sein müssen, für sie beide zusammen. Aber Sie müssen sich auch auf das Unvermeidliche einstellen.«

»Ich weiß.« Obwohl Elsie fest entschlossen war, nicht zu weinen, füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie schluckte krampfhaft. »Ich sehe ja, wie sie Tag für Tag immer weniger wird.«

Er legte ihr die Hand auf den Arm. »Können Sie denn jemanden bitten, Ihnen hier beizustehen?«

Elsie schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Mas Familie hat sie enterbt, als sie einen Engländer heiratete. Ihre Seite der Verwandtschaft habe ich nie kennengelernt.«

»Wie ist es denn mit der Familie Ihres Vaters?«

»Er wuchs in einem Waisenhaus auf und ist als Jugendlicher schon in die Armee eingetreten. Ich habe niemanden.«

»Rufen Sie mich, wenn ihr Zustand sich verschlechtert. Ich bin rund um die Uhr für Sie da.« Traurig lächelte er sie an, dann band er sein Pferd los. Er bestieg den leichten, zweirädrigen Kutschwagen, schnalzte mit den Zügeln, und das Tier trottete über die Landstraße davon.

Schnell lief Elsie ins Haus und rannte die Treppe hoch. Sie erzählte ihrer Mutter von Miss Mariannes Rückkehr und richtete Grüße von den Küchenmädchen aus, die ihr eine rasche Genesung wünschten. Ein Lächeln umspielte Moniques Lippen, während sie unter dem Einfluss von Laudanum in Schlaf sank. Elsie ging nach unten, stellte sich Brot und Käse bereit und aß ihr Abendessen. Miss Marianne würde Forelle zum Dinner haben, gefangen in dem Fluss, der den großen Besitz querte, gefolgt von Schottischem Moorhuhn, das noch am Vortag durch die Heide gestreift war. Die Vögel waren per Eisenbahn aus Schottland gekommen, dann ausgenommen, gerupft und gebraten worden. Dazu wurde Rotweinsauce serviert. Den krönenden Abschluss des Willkommensessens hatte die Köchin am Nachmittag zubereitet, und Anblick und Duft des Erdbeerparfaits hatten Elsie das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Sie aß zu Ende und machte sich eine Tasse Tee, die sie in den kleinen Garten hinter dem Cottage mitnahm. Elsie war in den Vormonaten jeden Abend erst spät aus Rose Hill zurückgekommen und hatte deshalb kaum Zeit gehabt, das Unkraut im Gemüsegarten zu jäten. Winden hatten beinahe völlig die weißen Rosen überwuchert, die ihre Mutter so liebte, und Nesseln breiteten sich aus, wo sonst Kartoffeln, Karotten, weiße Rüben und Zwiebeln gezogen wurden. Im Winter waren Kohlköpfe zu pflücken gewesen und Wurzelgemüse, das sie einwecken konnten. Aber in diesem Jahr gab es nur Unkraut und wilden Mohn.

Die Sonne versank in einem Feuerball, und den Himmel durchzogen Streifen von Scharlachrot und Orange. Die Purpurschatten der nahenden Nacht wurden länger, und ein kühler Wind zerzauste Elsie das blonde Haar. Aber der Küchengeruch haftete immer noch an ihrer Kleidung, und ihre Hände waren von Waschsoda und Kernseife gerötet und rau. Müdigkeit überwältigte Elsie, und als sie ihren Tee getrunken hatte, ging sie hinein, um sich zum Schlafengehen fertig zu machen. Bis ihre Mutter krank geworden war, hatte sie mit ihr im selben Zimmer geschlafen, doch inzwischen schlief sie in einer Ecke der Küche auf einer Matratze, die mit Flockwolle gefüllt war. Elsie sah noch einmal nach Monique, ehe sie sich schlafen legte, aber selbst im Schlaf blieb sie unruhig und wachte beim kleinsten Geräusch auf. Sie hatte sich längst darauf eingestellt, noch dem schwächsten Ruf oder leisestem Geräusch aus dem Krankenzimmer zu folgen.

Als Elsie am nächsten Morgen zur Arbeit erschien, rechnete sie mit der üblichen Geschäftigkeit und wurde nicht enttäuscht. Das Küchenpersonal war schon dabei, das Frühstück der Familie zu richten. Im Winter wären die Hausmädchen herumgelaufen, hätten Kaminroste gesäubert und Feuer gemacht, ehe die Familie erwacht wäre. Die Stubenmädchen stünden auch dann schon bereit und trügen die Silberschüsseln mit Spiegeleiern und knusprigem Speck, mit scharf gewürzten gegrillten Nierchen und buttrigen Rühreiern ins Speisezimmer. Mr. Winter und Miss Marianne brauchten jeden Morgen nur ganz nach Geschmack auszuwählen. Mrs. Winter ließ sich das Frühstück immer hoch auf ihr Zimmer bringen und erhob sich erst am späten Vormittag aus dem Bett. Das alles wusste Elsie von ihrer Mutter, und sie konnte sich kaum vorstellen, wie man in solch Müßiggang und Luxus leben konnte.

Sie schnupperte anerkennend und atmete die köstlichen Aromen ein, die ihre Geschmacksnerven kitzelten, als sie durch die Spülküche hereinkam. In der Küche standen Mrs. Tranter und die Köchin tief gebeugt über einem Blatt Papier, und sie sahen alles andere als glücklich aus.

»Wie kann sie bloß von uns erwarten, dass wir in der kurzen Zeit so etwas zuwege bringen?«, beschwerte sich die Köchin.

»Sie sind die Expertin, Mrs. Coker. Bestimmt haben Sie doch die französischen Bezeichnungen für all diese Gerichte gelernt, als Sie Ihre Kochausbildung machten.«

»Nein«, erklärte Mrs. Coker rundheraus. »So was ist nie vorgekommen. Wir sind in England, und dieses französische Zeugs mögen wir nicht.«

»Aber Mrs. Winter will doch die Gäste beeindrucken.«

»Ich hab in der Küche von Belvedere Castle mit der Arbeit angefangen, als ich zehn war. Da gab es keine Menükarten, ob Französisch, Englisch oder in irgendeiner anderen Sprache. Das hätte man als sehr gewöhnlich und ungehörig angesehen.«

»Tja, Mrs. Winter will es so, und wer sind wir, dass wir etwas dagegen sagen können?«

Mrs. Coker senkte die Stimme. »Feinste Gesellschaft ist die nicht gerade. Ihr Vater war Geschäftsmann, das wissen wir doch alle, und das merkt man auch.«

»Psst.« Nervös sah Mrs. Tranter sich um, aber die Küchenmädchen in Hörweite waren entweder zu beschäftigt, um zuzuhören, oder taten, als seien sie taub. »Nicht so laut.« Ihr Blick fiel auf Elsie, und sie winkte sie heran. »Auf ein Wort, Mädchen.«

Elsie lief zu ihnen. »Tut mir leid, dass ich ein bisschen zu spät bin, aber ich musste erst noch dafür sorgen, dass Ma es bequem hat.«

»Das hier wäre deiner Mutter sehr leicht gefallen, Elsie. Hat Monique dir Französisch beigebracht?«

»Ja, Mrs. Tranter. Ich hab Französisch gesprochen, noch ehe ich Englisch konnte.«

»Aber du bist doch in Sutton Darcy geboren, oder?« Mrs. Coker richtete durchdringend den Blick auf sie.

»Aber ja, Mrs. Coker.«

»Das tut jetzt nichts zur Sache«, entschied Mrs. Tranter ungeduldig. Sie drückte Elsie die Menükarte in die Hand. »Kannst du das ins Französische übersetzen und dann mit ordentlicher Handschrift zwölf Exemplare schreiben? Mrs. Winter will heute Abend eine Karte an jedem Platz stehen haben.«

»Ja, natürlich, das geht.«

»Du darfst dafür in mein Büro gehen. Phyllis wird deinen Platz einnehmen, solange bis du diese Aufgabe erledigt hast.«

Leise brummelte Phyllis etwas, als sie Richtung Spülküche marschierte.

»Wenn du etwas zu sagen hast, dann nur raus damit, Phyllis Piper.«

»Schon gut, Mrs. Tranter«, rief Phyllis aus den Tiefen der Spülküche.

»Es gibt viel zu tun heute«, erklärte Mrs. Tranter in aller Entschiedenheit. »Wir müssen unser Bestes geben, damit das Dinner zu Miss Mariannes einundzwanzigstem Geburtstag ein wahrhaft denkwürdiges Ereignis wird. Alle Gäste sind bedeutend, aber dieses Mal ist noch eine Familie aus Paris dabei.« Mit nachdenklichem Blick wandte sie sich an Elsie. »Sprichst du fließend Französisch?«

»Ich bin ein bisschen aus der Übung, aber ja, ich glaube schon.«

Mrs. Tranters strenge Miene zerschmolz zu einem strahlenden Lächeln. »Ein Französisch sprechendes Hausmädchen würde die Gäste auf jeden Fall beeindrucken. Komm mit, Elsie. Ich will mal sehen, ob wir ein schwarzes Kleid haben, das dir passt. Häubchen und Schürzen haben wir genügend im Wäscheschrank. Wenn das erledigt ist, gehst du dann gleich in mein Büro.« Sie marschierte davon und ließ Elsie keine andere Möglichkeit, als ihr zu folgen.

»Zu Hause habe ich ein schwarzes Kleid, Mrs. Tranter. Bis vor Kurzem habe ich auf Rose Hill für Mrs. Tonbridge gearbeitet.«

»Du bist ausgebildete Zofe?«, fragte Mrs. Tranter über die Schulter hinweg.

»Jawohl.«

»Jetzt mach dir bloß keine Hoffnungen auf eine höhere Stellung! Das hier ist nur vorübergehend. Morgen wirst du wieder Geschirr spülen und Pfannen scheuern, und das auch nur, bis deine Mutter gesund genug ist, um an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.«

Den ganzen Vormittag verbrachte Elsie im Büro der Haushälterin, übersetzte die Menükarte ins Französische und schrieb sie zwölfmal in ihrer schönsten lateinischen Schrift. Mrs. Tranter begutachtete jede einzelne Karte, obwohl sie eingestanden hatte, kein Wort Französisch zu beherrschen. »Ausgezeichnet«, sagte sie mit selbstgefälligem Lächeln. »Ich zeige die Karten Mrs. Winter. Übrigens, sie wünscht, dass du Nancys Platz einnimmst, wenn die Gäste heute Abend eintreffen. Mr. Soames wird dir sagen, was du zu tun hast.«

»Ich werde mein Bestes geben, Mrs. Tranter.«

»Unter normalen Umständen würdest du kein Wort mit den Gästen reden, aber Mrs. Winter wünscht, dass du dem reichen französischen Bankier und seiner Frau gegenüber besonders aufmerksam bist. Mr. und Mrs. Bellaire kommen in Begleitung ihres unverheirateten Sohnes Henri. Verstehst du, was ich damit sagen will, Elsie?«

»Jawohl, Mrs. Tranter.«

»Und du sollst Mr. Soames im Speisezimmer zur Hand gehen. Nancy wird auch da sein, und du tust genau, was sie macht. So, und jetzt geh nach Hause und hol dein Kleid.« Sie warf einen Blick auf Elsies abgewetzte Schuhe. »Ich hoffe, du hast ein besseres Paar als das da.«

Monique war begeistert, als sie von Elsies Beförderung hörte, auch wenn es nur eine vorübergehende Maßnahme war. »Sie haben gesehen, dass du etwas Besonderes bist, chérie«, sagte sie ganz außer Atem. »Du wurdest auserwählt, um die Gäste zu beeindrucken.«

Elsie schüttelte die Kissen auf. »Das ist doch nur, weil ich Französisch spreche. Weißt du, wer diese Leute sind, die Mrs. Winter so unbedingt beeindrucken will?«

»Madame Bellaire und Miss Mariannes Mutter haben sich im Mädchenpensionat in Paris kennengelernt. Als der Colonel nach Delhi versetzt wurde, schickte man Miss Marianne ins Internat nach Buckinghamshire, und den Sommer verbrachte sie jeweils in Südfrankreich bei den Bellaires.«

Elsie nickte. »Jetzt erinnere ich mich wieder, obwohl mich das damals nicht sonderlich interessiert hat. Alles, was auf Darcy Hall passierte, hatte für mich immer etwas von einer Romanhandlung und nicht von wirklichem Leben.«

»Mr. Bellaire gehört ein Bankhaus in Paris, und er ist sehr reich. Sein Sohn ist eine richtig gute Partie, und alle Dienstboten wissen, dass Mrs. Winter ihre Nichte unbedingt verheiraten und aus dem Weg haben will. Miss Marianne kann ganz schön schwierig sein, das war sie schon immer, wie du ja weißt. Sie hat immer das ganze Haus auf den Kopf gestellt, als sie noch klein war.« Monique hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund, als sie von einem Hustenanfall übermannt wurde.

»Du darfst dich nicht so anstrengen, Ma«, mahnte Elsie ängstlich. »Ich komme nach Hause, sobald ich kann, und erzähle dir dann alles.«

Monique lehnte sich in die Kissen zurück. Sie war bleich und erschöpft, aber ihre Augen glänzten. »Eventuell bietet Mrs. Winter dir ja eine dauerhafte Stellung an.«

»Vielleicht, Ma. Wir werden sehen.« Elsie maß die verordnete Dosis Laudanum ab und ließ sie in ein Wasserglas tröpfeln. »Ich wünschte, ich müsste heute Abend nicht zur Arbeit. Du kommst doch zurecht, oder?«

»Natürlich. Du musst dir jede noch so kleine Einzelheit einprägen und mir dann alles erzählen.«

Elsie wartete, bis ihre Mutter die Medizin getrunken hatte. Sie füllte noch einmal Wasser ins Glas und stellte es auf das kleine Tischchen neben dem Bett. »Ich hole nur noch Kleid und Schuhe, und dann bin ich weg. Wünsch mir Glück, Ma. Bei einer so piekfeinen Party habe ich noch nie bei Tisch bedient.«

»Das schaffst du schon. Du bist ein kluges Mädchen. Du kannst alles, wenn du nur willst.«

Elsie trug ihr schwarzes Kleid, dazu ein gestärktes weißes Häubchen und eine frisch gebügelte Schürze. So wartete sie nervös in der eichengetäfelten Eingangshalle hinter Soames, als er die Türen öffnete, um die Gäste einzulassen. Mr. und Mrs. Winter warteten im Salon, wo sie die Gäste zu begrüßen gedachten. Aber Marianne hatte sich noch nicht blicken lassen. Es war ein warmer Abend, und eine nach der anderen fuhren die Chauffeure die Limousinen vor dem Landsitz vor und setzten die wohlhabenden Wagenbesitzer stilgerecht ab. Mäntel mussten nicht entgegengenommen werden, aber die Herren trugen weiße Seidenschals, Handschuhe und Zylinder, die sie Elsie überreichten, ohne auch nur einen zweiten Blick auf sie zu werfen. Die Damen trugen paillettenbestickte Seidenchiffonroben, die mit Diamantohrringen und Colliers um die Wette funkelten.

Soames führte die Herrschaften in den Salon, und Elsie blieb allein zurück. In diesem Moment trafen die letzten Gäste ein, und Monsieur und Madame Bellaire wurden von Fred ins Haus gebeten. Tagsüber war Fred Gärtner, aber man hatte ihm befohlen, für diese Gelegenheit eine schlecht sitzende Dienstbotenlivree anzuziehen, und er schwitzte reichlich.

Monsieur Bellaire reichte Elsie Hut, Handschuhe und Gehstock mit silbernem Knauf. Seine elegante Frau musterte Elsie neugierig, aber noch ehe sie etwas sagen konnte, schritt ein junger Mann in die Eingangshalle und blieb abrupt stehen, als er Elsie sah. »Marianne?«, fragte er lachend. »Spielst du uns mal wieder einen deiner Streiche?« Seine dunklen Augen funkelten belustigt.

Elsie knickste. »Ich bedaure, Sir. Sie sind im Irrtum«, murmelte sie auf Französisch. »Ich bin Elsie.«

»Nein!« Er wirbelte sie herum. »Du machst natürlich Scherze.« Er sprach fehlerlos Englisch, allerdings mit einem leichten Akzent, was ihn nur umso attraktiver machte. »Marianne Winter, du kleiner Teufel!«

Zweites Kapitel

Elsie errötete heftig. »Es tut mir leid, Sir. Aber ich bin nicht die, für die Sie mich halten.«

»Das würde ich allerdings auch sagen.« Mariannes Stimme ertönte hinter ihnen. »Was ist denn los? Bin ich in eine französische Farce geraten?«

Henri starrte erst die eine, dann die andere an. »Marianne?«

»Wie konntest du mich nur mit einem Hausmädchen verwechseln, Henri?« Sie lächelte, aber davon ließ sich Elsie nicht einen Moment in die Irre führen. Ihr war klar, dass Miss Marianne ebenso gekränkt wie wütend war.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Damen«, sagte Henri leise auf Französisch.

»Sie spricht Englisch«, sagte Marianne mit scharfem Unterton. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber ihre Augen schleuderten Blitze. »Sie ist ein Mädchen aus dem Dorf.«

Elsie knickste. »Tut mir leid, Miss Marianne.«

Marianne machte den Mund auf, wollte etwas sagen, aber Henri kam ihr zuvor. »Der Fehler lag allein bei mir, Mademoiselle.« Er nahm Elsies Hand und deutete einen Handkuss an.

Einen flüchtigen Moment lang hielt er mit verständnisvollem Lächeln ihren Blick, und als Elsie seinen Atem auf dem Handrücken spürte, prickelte ihre Haut. Wie angewurzelt stand sie da, konnte weder sprechen noch sich rühren.

»Wie außergewöhnlich«, meinte Madame Bellaire leise. »Da besteht definitiv eine Ähnlichkeit, möchte ich meinen.«

»Das finde ich ganz und gar nicht.« Monsieur Bellaire küsste Marianne auf beide Wangen. »Sie sehen hinreißend aus, meine Liebe. Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen.«

Marianne schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Danke, Monsieur. Ich vermisse meine sommerlichen Besuche in Ihrem herrlichen Chateau in Le Lavandou.«

»Wer weiß, wann wir solchen Luxus wieder genießen können«, sagte Henri und seufzte schwer. »Die deutsche Armee rückt beständig vor. Aber wir werden sie bis zum letzten Mann bekämpfen. Paris wird ihnen sicher nicht in die Hände fallen.« Er bot Marianne den Arm. »Sobald wir wieder zu Hause sind, trete ich in die Armee ein.«

Madame Bellaire warf ihm einen warnenden Blick zu. »Heute Abend wird nicht über den Krieg gesprochen, Henri. Wir sind hier, um Mariannes einundzwanzigsten Geburtstag zu feiern.«

»Und ich freue mich, dass Sie meinetwegen von so weit her gekommen sind.« Marianne legte die Hand auf Henris Arm. »Kommen Sie, Sie müssen meinen Onkel und meine Tante kennenlernen.«

Gefolgt von Henris Eltern gingen die beiden Richtung Salon. Elsie, die nicht recht wusste, was man jetzt wohl von ihr erwartete, ließen sie in der Eingangshalle stehen.

Sie war erleichtert, als Soames auf sie zugehumpelt kam, aber sein Gesichtsausdruck war alles andere als ermutigend. »Was stehst du denn hier müßig in der Gegend herum?« Nervös betrachtete er den Stapel Zylinder, die Schals und Handschuhe, die sie auf ein kunstvoll verziertes Konsoltischchen abgelegt hatte. »Der persönliche Besitz der Gäste gehört in den Garderobenschrank. Und es muss darauf geachtet werden, dass Zusammengehörendes auch zusammengelegt wird. Es wäre eine Katastrophe, wenn etwas verwechselt würde!«

Elsie starrte die holzgetäfelte Wand an. »Ich weiß nicht, wo der Schrank ist, Mr. Soames.«

»Ach herrje«, sagte er missbilligend, »man hätte dich vorher einweisen müssen. Ich kann schließlich nicht alles machen.« Er drückte auf eines der Eichenpaneele, und wie durch Zauberei öffnete sich eine Tür und enthüllte einen tiefen Garderobenschrank. »Sortier die Unordnung, und dann komm ins Speisezimmer. Beobachte Nancy. Mach ihr alles nach und gib dir Mühe, nichts zu verschütten.«

Im Speisezimmer hielt sich Elsie im Hintergrund und sah aufmerksam zu, während sich Soames und Nancy wie Tänzer in einem wunderschön choreographierten Ballett um die Tafel bewegten. Die Suppe wurde serviert, es folgte der Fischgang, dann das Zwischengericht. Sorbets wurden gereicht, damit der Gaumen der Gäste erfrischt und auf den grandiosen Auftritt des Hauptgangs vorbereitet würde.

Graham Winter sprach stark den Getränken zu und überließ es seiner Frau Josephine, den Ablauf des festlichen Dinners zu überwachen. Das tat sie anfangs nervös, lachte perlend zu allem, was Colonel Mason sagte, während dessen Frau Cora mit verkniffenem Mund zusah. Marianne saß zwischen Henri und Sir John Galbraith, dem Amtsrichter des Ortes. Völlig natürlich glitt sie in die Rolle der Gastgeberin und verwies so ihre Tante entschieden auf ihren Platz.

Elsie war unwillkürlich beeindruckt von der offenbar mühelosen Art, in der Marianne ihre Gäste ins Gespräch zog. So konnte sie ablenken von den plumpen Versuchen ihres Onkels, sich als Hausherr aufzuspielen, und von dem geringen gesellschaftlichen Schliff ihrer Tante. Sir Johns mausgraue kleine Frau redete nur, wenn sie angesprochen wurde, und Madame Bellaire gab sich redlich Mühe, nur ja nicht ignoriert zu werden. Monsieur Bellaire plauderte mit der Pfarrersgattin, die das Pech hatte, neben Graham Winter zu sitzen. Sie errötete jedes Mal heftig, wenn er eine unangemessene Bemerkung machte, was Marianne durch einen Themenwechsel zu überspielen versuchte. Schließlich nickte er über dem Dessert ein, und Fred und Soames mussten ihm aus dem Raum helfen. Von Mrs. Winter kamen schwache Entschuldigungsversuche, die ihre Nichte Marianne beiseitewischte.

Marianne stand auf, und entgegen der Tradition schlug sie vor, es sollten sich alle zum Kaffee in den Salon zurückziehen. Elsie bewunderte ihre Gelassenheit und das Geschick, mit dem sie eine Situation handhabte, die beinahe den Abend ruiniert hätte. Josephine Winter tat Elsie eher leid, denn deren Pläne waren auf traurige Weise zunichtegemacht worden. Statt als erfolgreiche Gastgeberin gefeiert zu werden, wurde ihr nun Mitleid entgegengebracht.

Elsie trat beiseite, als sich die Gäste leicht belustigt von der Wendung der Ereignisse erhoben und das Speisezimmer verließen. Henri hielt einen Moment inne, als er auf einer Höhe mit Elsie war. »Was für ein Abend, Mademoiselle. Ich möchte mich noch einmal für meinen Irrtum vorhin entschuldigen.«

Elsie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie brachte ein scheues Lächeln zustande und knickste. Marianne sah sie abschätzend an, als sie Henris Arm nahm und anmutig aus dem Raum schwebte.

Nancy stupste Elsie in die Seite und grinste. »Jetzt bist du erledigt. Fred hat gesehen, was der Franzose gemacht hat. Er hat gedacht, du bist Miss Marianne. Wirklich zum Totlachen.«

»Es war peinlich. Kein Wunder, dass Miss Marianne wütend war.«

»Tja, du bist bloß eine Aushilfe. Feuern kann sie dich also nicht«, erklärte Nancy fröhlich. Ihr Lächeln verblasste, und sie neigte nachdenklich den Kopf. »Aber wenn du dich anziehst wie sie, könntet ihr glatt als Schwestern durchgehen.«

»Beeilt euch mit dem Abräumen!«, verlangte Soames ungeduldig. »Es gibt noch jede Menge zu tun.«

Nancy machte sich daran, das Geschirr auf einem Galerietablett zu stapeln. »Es heißt, der Colonel, Miss Mariannes Vater, war ein ziemlich Schlimmer, als er jung war.« Sie zwinkerte und grinste. »Du weißt wohl, was ich meine, oder?«

»Nein«, antwortete Elsie kurz angebunden, »und ich will es auch gar nicht wissen. Irgendwer verbreitet immer Klatsch und Tratsch.«

»Ich ganz bestimmt nicht, ehrlich.« Nancy hob das Tablett hoch. »Ich bringe das hier nur eben in die Spülküche, Mr. Soames. Im Handumdrehen bin ich wieder da.«

Soames sah sich im Raum um und schüttelte den Kopf. »Es war alles ganz anders in den alten Tagen, als der Colonel und Mrs. Winter Dinnerpartys gaben. Die Welt verändert sich, und das nicht zum Besseren. Räum fertig auf, Elsie, und dann melde dich bei der Köchin, ehe du nach Hause gehst. Sie braucht vielleicht noch Hilfe in der Küche.«

»Jawohl, Mr. Soames.«

Er verließ das Speisezimmer, und Elsie arbeitete systematisch, bis der Tisch abgeräumt und alles zusammengestellt war, damit es in die Küche gebracht werden könnte. Fred war zum Helfen heraufgeschickt worden, und er griff sich das schwerste Tablett. »Das ist doch keine Arbeit für einen Mann«, beschwerte er sich. »Gleich morgen gehe ich ins Rekrutierungsbüro.«

Elsie rang sich ein Lächeln ab. »Viel Glück, Fred. Ich finde, Sie sind sehr mutig.«

Seine geröteten Wangen nahmen ein noch tieferes Rot an. »Danke, Elsie. Ich wünschte, alle würden so denken wie Sie. Meine alte Mum bringt mich um, wenn sie es erfährt.« Er walzte aus dem Speisezimmer und polterte über den auf Hochglanz gebohnerten Parkettboden, als er Richtung Küche davonstapfte.

Elsie nahm ein Tablett mit Gläsern auf und wollte ihm folgen, als die Tür aufging und Henri Bellaire in den Raum schlenderte. Mit einem entschuldigenden Lächeln blieb er stehen. »Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber meine Mutter glaubt, sie hat ihre Lorgnette auf dem Tisch liegen lassen.«

Elsie setzte das Tablett wieder ab. »Ich habe sie nicht gesehen, aber ich werde noch einmal nachschauen.« Ihr war bewusst, dass sie rot wurde, aber sie machte sich auf die Suche nach dem fehlenden Augenglas und fand es auf dem Fußboden hinter Madame Bellaires Stuhl. Sie reichte es dem jungen Mann. »Ein Glück, dass niemand daraufgetreten ist.«

»Danke, Elsie. Der Name war doch Elsie, oder?«

Sie hielt den Blick gesenkt. »Ja, Sir.«

»Sind Sie böse auf mich, Elsie?«

Sie schaute auf und sah, dass er es ernst meinte. »Nein, Sir, natürlich nicht. Es war doch nur ein Irrtum.«

»Sie sind sich wirklich sehr ähnlich«, sagte er nachdenklich. »Äußerlich jedenfalls. Allerdings nicht im Wesen, glaube ich.«

»Dazu kann ich nichts sagen, Sir.«

»Bitte, behandeln Sie mich nicht, als wäre ich der Feind«, sagte er mit reuevollem Lächeln. »All das wird sich ändern, wissen Sie. Das Feudalsystem, das die Reichen den Armen auferlegt haben, wird bald nur noch Geschichte sein.«

»Wenn Sie das sagen, Sir.«

Er sah ihr in die Augen. »Die Worte kommen Ihnen von den Lippen, aber ich glaube, so recht überzeugt sind Sie nicht davon.«

»Wovon ich überzeugt bin oder nicht, Sir, hat keinerlei Bedeutung.« Sie hielt seinem Blick stand.

»Das glauben Sie nicht, und ich glaube es auch nicht.«

»Na schön. Wenn Sie denn wirklich wissen wollen, was ich denke ... Sie könnten genauso gut sagen, das System der Unterdrückung, das Männer den Frauen auferlegt haben, sollte bald nur noch Geschichte sein. Frauen sollten das Wahlrecht haben und Berufe ergreifen dürfen, die bisher nur Männer ausgeübt haben, und gerade jetzt passiert das allmählich schon.«

»Wusste ich es doch!« Er warf den Kopf zurück und lachte. »Sie haben das Gesicht eines Engels und die Seele einer Suffragette.« Er schlug die Hacken zusammen. »Ich salutiere vor Ihnen, Elsie.« Er hörte Schritte und drehte sich um.

Soames stand hinter ihm, mit versteinertem Gesicht. »Kann ich behilflich sein, Sir?«

Henri schwenkte die Lorgnette vor ihm. »Nein, danke, Soames. Ich habe nur das hier gesucht. Danke für Ihre Hilfe, Elsie.« Er schlenderte aus dem Raum, und Elsie schnappte sich das Tablett.

»Ich hoffe, du hast nicht vergessen, was sich gehört, Elsie.«

»Natürlich nicht, Mr. Soames.«

»Du wirst in der Küche gebraucht. Bring das Tablett runter. Den Rest wird Fred holen. Unten, da gehörst du hin, Mädchen!«

Die scharfe Erwiderung, die Elsie schon auf der Zunge lag, verkniff sie sich. Ihre Arbeit zu verlieren, auch wenn sie nur von kurzer Dauer war, konnte sie sich nicht leisten. Aber sie hatte nicht die Absicht, bis ans Ende ihres Lebens in Stellung zu bleiben. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Aber Henri Bellaire hatte durch die dünne Schicht von Demut gesehen, die sie bei der Arbeit zur Schau trug, hatte den rebellischen Geist dahinter gespürt, ihr wahres Ich. Mit gestärktem Optimismus machte sie sich an den Abwasch. Was die Zukunft für sie bereithielte, lag in ihrer eigenen Verantwortung. Aber momentan war ihre vordringlichste Aufgabe, ihre Mutter wieder gesund zu pflegen. Die Prognose des Doktors konnte ja falsch sein. Warum eigentlich nicht auf ein Wunder hoffen?

Am nächsten Morgen schälte Elsie gerade Kartoffeln in der Spülküche, als Nancy den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Du wirst in Miss Mariannes Zimmer verlangt. Jetzt bist du fällig, wenn du mich fragst. Sie hat dir gestern Abend schon finstere Blicke zugeworfen.«

Elsie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »War doch nicht meine Schuld, dass ihr Freund eine Brille braucht.«

»Der Witz war gut«, sagte Nancy und kicherte. »Sag ihr das ruhig, wenn du dich traust.«

»Werd ich auch, wenn sie mir Schwierigkeiten macht.« Elsie blieb auf der Türschwelle stehen. »Du sagst mir besser, wo ich lang muss. Ich weiß nicht, wo ihr Zimmer ist.«

»Na komm, ich zeig es dir. Dieser alte Kasten mit seinen vielen Fluren ist ein richtiger Irrgarten. Und wir wollen doch nicht, dass du dich verläufst. Womöglich findet man dich erst, wenn du nur noch ein Skelett aus bleichen Knochen bist.«

»Du redest ganz schön viel Blödsinn zusammen, Nancy.«

Aber sie musste sehr bald zugeben, dass sie sich ohne Nancy tatsächlich verlaufen und Miss Mariannes Zimmer sicher nicht innerhalb einer angemessenen Zeit erreicht hätte. So aber stand sie endlich davor, um sich vielleicht doch nichts als ein paar harsche Worte und die Kündigung abzuholen.

»Herein.« Mit gelangweilter Stimme reagierte Marianne auf Elsies Klopfen. Elsie machte die Tür auf und murmelte rasch noch ein Dankeschön in Nancys Richtung.

»Erzähl uns, was sie gesagt hat«, flüsterte Nancy.

Elsie trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Sie wollten mich sehen, Miss Winter?«

Marianne saß an ihrer eleganten Frisierkommode aus Rosenholz. Sie drehte sich um und musterte Elsie. »Cora Mason erzählte mir, du bist eine gute Friseuse.«

»Ich bin ausgebildete Zofe.«

»Das habe ich gehört.« Marianne drehte sich wieder weg und betrachtete ihr Spiegelbild. »Ich will mir die Haare schneiden lassen. Kannst du das? Kennst du Irene und Vernon Castle? Sind die beiden nicht fabelhaft, ihr Stil, sich zu bewegen, zu kleiden? Ich finde Irene Castle einzigartig und so modern!«

»Die Castles, das berühmte Tanzpaar? Oh ja, natürlich, ich habe schon Fotos von Irene Castle gesehen. Sie trägt die Haare kurz, eine Art Pagenkopf, nicht wahr? Sehr modern, ja, stimmt, und sehr amerikanisch. Sind Sie sicher, dass Sie so gegen den Strom schwimmen möchten wie die Castles? Außerdem habe ich eine Frisur wie diese noch nie geschnitten.«

Marianne schüttelte ihre langen, flachsblonden Locken. »Ich will eine Veränderung. Ich übernehme von jetzt an die Verantwortung für mein Leben.« Sie zog eine Schere aus einer Schublade. »Mach es. Ich will einen Pagenkopf. Genau wie Irene Castle.«

Elsie zögerte. »Sind Sie sich wirklich sicher?«

»Los, schneid mir die Haare.« Marianne drückte Elsie die Schere in die Hand. »Mach es. Bitte.«

»Na ja, wo Sie mich so nett bitten«, sagte Elsie und kicherte. »Aber geben Sie mir nachher nicht die Schuld, wenn Ihnen das Ergebnis nicht gefällt. Wieder ankleben kann ich Ihnen die Haare nicht, wenn sie erst mal abgeschnitten sind.«

Stirnrunzelnd drehte sich Marianne zu ihr um. »Du redest ganz schön forsch drauflos.«

»Ich bin ja nicht dauerhaft hier, Miss Winter. Ich vertrete bloß meine kranke Mutter.«

»Wieso bist du aus deiner früheren Stellung weggegangen?«

»Mrs. Tonbridge ist gestorben.«

»Aha.« Marianne musterte sie nachdenklich. »Willst du dich nach einer anderen Stelle umsehen?«

»Menschen wie ich können sich Nichtstun nicht leisten.«

»Klingt ganz schön kämpferisch. Bist du etwa eine von den Frauen, die sich vor öffentlichen Gebäuden an die Gitterzäune ketten?«

»Nein. Aber ich wünschte, es wäre so. Ich finde diese Frauen sehr mutig.«

»Willst du da stehen und mir Vorträge über das Frauenwahlrecht halten, oder schneidest du mir jetzt die Haare?«

»Ich kann das eine oder das andere machen, oder beides gleichzeitig«, antwortete Elsie ruhig. »Was würden Sie vorziehen?«

Einen kurzen Augenblick schaute Marianne verblüfft, dann lachte sie. »Du hast Courage. Das gefällt mir. Ich entscheide mich für den Haarschnitt ohne die Moralpredigt.«

Elsie schwenkte die Schere. »Wie kurz wollen Sie es denn?«

»Gewagt kurz. Kannst du auch eine handgelegte Wasserwelle machen? Das ist im Moment in London der letzte Schrei.«

»Das habe ich in Zeitschriften gesehen. Mrs. Tonbridge mag ja eine ältere Dame gewesen sein, aber mit der Mode hielt sie gern Schritt.«

»So will ich auch alt werden: so richtig skandalträchtig.« Marianne gluckste vor Lachen. »Ein Handtuch findest du im Wäschetrockenschrank, und Wasser ist im Krug auf dem Waschtisch. Du willst die Haare ja vielleicht anfeuchten.«

»Ja, natürlich.« Elsie traf die nötigen Vorbereitungen und fing an zu schneiden. Dabei arbeitete sie schnell und methodisch. Sie war sich bewusst, dass Marianne jedes Klappern der Schere aufmerksam verfolgte, aber sie ließ nicht einmal eine Sekunde in ihrer Aufmerksamkeit nach. Nachdem sie einmal begonnen hatte, war ihre einzige Sorge, eine Frisur zu schaffen, die dem Gesicht schmeichelte und gut aussah. Im Gegensatz zu Cora Mason schwieg Marianne die ganze Zeit und hielt sich mit Kommentaren zurück, bis die letzte Haarsträhne an ihrem Platz saß.

Sie starrte ihr Spiegelbild an, und ein entzücktes Lächeln erhellte ihr Gesicht. »Das ist ja ganz fabelhaft! Genau so wollte ich es.« Mit einem Kopfnicken reagierte sie auf Elsies besorgten Blick. »Du bist eine ausgezeichnete Coiffeuse. Reich mir mal meine Handtasche. Ich will dir für deine Mühe ein bisschen was extra geben.«

Elsie schüttelte den Kopf. »Ich werde für meine Arbeit hier bezahlt, Miss, und Haare schneiden ist mir sowieso lieber als Geschirr spülen.«

»Das musst du machen? Ich dachte, du wärest als Stubenmädchen eingestellt.«

»Ich mache die Arbeit, die man mir zuweist.«

»Na trotzdem. Ich bestehe darauf, dir etwas extra zu geben. Kauf deiner Mutter Blumen oder ein paar Pralinen.« Marianne stand von der Frisierkommode auf und schüttelte ihre Röcke aus. Sie griff nach ihrer Handtasche und holte das Portemonnaie heraus. »Danke, Elsie.« Sie drückte Elsie ein Zweischillingstück und eine silberne Sixpence-Münze in die Hand. »Ich bin schon ganz neugierig auf Henris Gesicht, wenn er meine neue Frisur sieht.«

»Sie sehen aus wie ein Filmstar, und das sage ich nicht etwa, um Ihnen zu schmeicheln.«

»Vielleicht solltest du dir deine Haare auch schneiden«, sagte Marianne mit ironischem Lächeln. »Ich muss gestehen, ich war ein bisschen verärgert, als Henri dich mit mir verwechselt hat. Aber womöglich wäre es ganz amüsant, wenn wir bei der einen oder anderen Gelegenheit einmal die Plätze tauschten.«

»Ich glaube kaum, Miss Marianne, dass es Ihnen Spaß machen würde, in der Spülküche Töpfe und Pfannen zu scheuern.«

»Nein, das wohl nicht. Aber wenn du dich mit Kopfschmerzen oder sonst einem kleineren Unwohlsein in mein Bett zurückziehst, könnte ich ohne Anstandsdame mit Henri ausgehen. Das wäre ein Riesenjux.«

»Und Mrs. Tranter würde mich auf der Stelle feuern. Für mich wäre das kein großer Spaß.«

»Ich glaube, da hast du wohl recht. Aber du vergeudest dein Talent, wenn du weiter in der Spülküche schuftest. Du solltest dir etwas Besseres suchen.«

»Das habe ich vor, Miss. Da muss ich gar nicht erst groß überlegen.«

Mariannes neue Friseur erregte großes Aufsehen im Hause Winter. Mrs. Winter war entsetzt. Das jedenfalls erzählte Nancy, nachdem sie im Speisezimmer das Mittagessen serviert hatte und in die Küche zurückkam. »Ich dachte schon, die fällt in Ohnmacht oder hat einen von diesen epilektrischen Anfällen, von denen man immer wieder hört. Sie hat gesagt, Miss Mariannes Mutter wäre fuchsteufelswild, wenn sie das sehen müsste. Ihre Tochter wie so ein geschorenes Schaf!«

Mrs. Coker nickte. »Eine sehr elegante Dame, unsere Mrs. Winter. Ein Jammer, dass sie Miss Marianne so hat verwildern lassen. Ich hab gedacht, dieses piekfeine Mädchenpensionat hätte sie zurechtgebogen. Aber ich hab mich anscheinend geirrt.«

»Tja, ich finde, sie sieht gut aus«, erklärte Phyllis kühn.

»Und wann hast du sie denn überhaupt gesehen?« Mrs. Coker fuhr zu Phyllis herum. »Du hättest doch mit allem fertig sein sollen, ehe die Familie auf ist.«

»Ich hatte gerade zum zweiten Mal heute Morgen das Bad gereinigt, Mrs. Coker. Mr. Winter hat es in einem fürchterlichen Zustand zurückgelassen.«

»Das wollen wir jetzt wirklich nicht wissen, Phyllis. Geh wieder an deine Arbeit.«

Elsie kam aus der Spülküche herein und wischte sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab. Sie hatte das Gespräch mit angehört, aber es stand ihr nicht zu, Miss Marianne zu verteidigen oder zu kritisieren. »Ich bin mit dem Abwasch fertig, Mrs. Coker. Ist es Ihnen recht, wenn ich nach Hause gehe und mal kurz nach Ma sehe? In einer Stunde oder so bin ich wieder da.«

»Ich nehme an, du wirst dir jetzt zu fein sein, das Geschirr abzuwaschen, wo du doch Miss Mariannes Friseuse bist«, sagte Mrs. Coker grimmig lächelnd.

Elsie zuckte mit den Schultern und lachte. Doch sie war sich der Seitenblicke der Küchenmädchen bewusst, die zu ihr noch nie sonderlich freundlich gewesen waren. »Es war nur eine Ausnahme, Mrs. Coker. Ich glaube kaum, dass ich ihr demnächst noch mal die Haare kürzen muss.«

Sie verließ die Küche und nahm sehr wohl das eifersüchtige Gemurmel unter einigen Dienstboten zur Kenntnis. Aber mit den klimpernden Münzen in ihrer Tasche machte sie auf dem Nachhauseweg Halt beim Dorfladen. Dort kaufte sie die Lieblingskekse ihrer Mutter und ein Fläschchen Bovril-Rindfleischextrakt. Damit könnte sie eine nahrhafte Rinderkraftbrühe zaubern.

»Wie geht es Monique?«, erkundigte sich Mrs. Rogers, die nette Dame, die den Dorfladen führte. Genau diese Frage stellte sie jedes Mal, wenn Elsie durch die Tür trat.

»Kaum verändert«, antwortete Elsie knapp. Sie wusste, was immer sie Mrs. Rogers im Vertrauen erzählte, wäre innerhalb weniger Minuten allgemein bekannt.

»Wie kommst du auf Darcy Hall zurecht?« Mrs. Rogers schaufelte Vollkornkekse aus dem Pappkarton und wog sie auf der großen Messingwaage ab. »Und wie geht es Miss Marianne? Ich wette, sie findet es sehr ruhig hier zu Hause.«

»Das glaube ich auch.«

»Wahrscheinlich reist sie bald nach Indien, um einen Ehemann zu finden. Für eine junge Dame ihres Standes gibt es hier nicht viel Möglichkeiten, zumal die infrage kommenden jungen Herren jetzt alle der Armee beitreten wollen.«

»Das weiß ich wirklich nicht, Mrs. Rogers. Ich wasche nur Geschirr ab. Die Familie vertraut mir nichts Persönliches an.«

Mrs. Rogers schüttete die Kekse in eine Papiertüte und schwenkte sie gekonnt herum, sodass sich die Enden ordentlich einrollten. Die Tüte stellte sie auf die Theke. »Ich muss eben warten, bis Nancy oder Phyllis in den Laden kommen. Die beiden sind ja fast Familienmitglieder, sagen sie jedenfalls.«

»Das wird wohl stimmen. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Ich habe nur eine Stunde frei.« Elsie bezahlte ihre Einkäufe und verließ eilig den Laden, ehe Mrs. Rogers noch weitere Fragen stellen konnte.

Die Sonne schien von einem derart blauen Himmel, dass Elsie das Licht in den Augen wehtat. Von den staubigen Bürgersteigen stieg Hitze auf und brannte durch die dünnen Sohlen ihrer Stiefel, als sie Richtung Tan Cottage ging. Mehrmals hielten Frauen sie an, um sich nach dem Befinden ihrer Mutter zu erkundigen, und Elsie brachte es nicht übers Herz, ihnen zu erzählen, dass es kaum Hoffnung gebe. Sie ging schneller und dachte, wie sehr es Ma freuen würde, ein Plätzchen zum Tee zu haben. Sie würde ihr von Miss Mariannes neuer Frisur erzählen und von der Aufregung, die das verursacht hatte. Sie würde auch berichten können, dass die handgelegte Wasserwelle gar nicht so schwierig war, wie sie befürchtet hatte.

Als Elsie auf der Landstraße um die Ecke bog, sah sie Miss Peabody, die Gemeindeschwester, die gerade ihr Fahrrad durch das Eingangstor des Tan Cottage auf die Straße schob. Elsie winkte und rief Miss Peabodys Namen. »Bitte warten Sie!«

Miss Peabody blieb stehen, ganz still. »Sie haben mir den Weg nach Darcy Hall erspart, Elsie.«

»Was ist los?« Die Worte schmeckten bitter im Mund, und der Ausdruck auf Miss Peabodys Gesicht bestätigte Elsies schlimmste Befürchtungen.

»Dr. Hancock hat sie ins Krankenhaus gebracht, Elsie. Es tut mir leid, aber ihr geht es deutlich schlechter.«

Elsie fasste nach dem Torpfosten, als die Knie unter ihr nachzugeben drohten. »Wie ernst ist es, Miss Peabody?«

»Das kann ich nicht sagen. Aber Sie sollten lieber ins Krankenhaus fahren.«

»Das mache ich sofort. Sie wissen nicht zufällig, wann der nächste Bus fährt, oder?«

»Der fährt nur zweimal am Tag. Und ich glaube, der erste ist schon weg.«

»Dann gehe ich zu Fuß.«

»Es sind acht Meilen bis zum Krankenhaus, Elsie. Ich würde Ihnen ja mein Rad leihen, aber das brauche ich für meine Krankenbesuche.«

»Danke. Aber ich bin auch früher schon zu Fuß in die Stadt gelaufen. So weit ist es gar nicht, und wenigstens regnet es nicht.«

Miss Peabody brachte ein angedeutetes, verkniffenes Lächeln zustande. »So ist es recht, mein Kind. Ein herrlicher Tag heute, und man muss auch für Kleinigkeiten dankbar sein. Vielleicht haben Sie ja Glück, und es nimmt Sie jemand mit.«

Die Papiertüte mit ihren Einkäufen fest umklammert, machte sich Elsie auf den Weg Richtung Krankenhaus. Es war früher Nachmittag, und es ließ sich höchstens einmal ein Heuwagen oder ein anderes schweres Fuhrwerk sehen. Die Straße aus der Römerzeit erstreckte sich vor Elsie wie ein endloses graues Band, und das Ackerland zu beiden Seiten war von niedrigen Hecken gesäumt, die wenig Schatten boten. Irgendwo hoch oben über einem Feld mit reifem Getreide stand eine Feldlerche in der Luft und trällerte ihr melodisches Lied. Das einzige andere Geräusch war das Knirschen ihrer Schritte auf der steinigen Landstraße.

Einen Augenblick lang blieb sie stehen, um zu Atem zu kommen. Da entdeckte sie in der Ferne eine Staubwolke, die näher zu kommen schien. Das Geräusch eines Automobilmotors wurde lauter, und ein Kabriolett, das sich mit hoher Geschwindigkeit bewegte, kam in Sicht. Doch erst als das Automobil langsamer wurde und neben ihr zum Halten kam, erkannte sie den Fahrer.

Henri schob sich die Schutzbrille hoch auf den Autohelm. »Guten Tag, Elsie. Diesmal liege ich doch richtig mit dem Namen, oder? Keine Verwechselung?«

Er lächelte, und diese Mischung aus Schuldbewusstsein und Schalk hatte etwas sehr Anziehendes. Elsie erwiderte das Lächeln. »Ja, Sir, das haben Sie.«

»Wohin wollen Sie denn an solch einem heißen Tag? Hier gibt es doch meilenweit nichts, für das sich ein Fußmarsch lohnen würde.«

»Ins Krankenhaus.« Ihr brach die Stimme, als sie ein Schluchzen unterdrückte. »Meine Mutter wurde eingeliefert, und ich muss zu ihr.«

Sein Lächeln verblasste. »Es tut mir leid, das zu hören. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.«

»Doch, das ist es leider.«

»Kann ich etwas für Sie tun?«

»Wenn Sie nach Darcy Hall fahren, wären Sie bitte so freundlich und erklärten Mr. Soames, weshalb ich nicht zur Arbeit zurückgekommen bin?«

Er beugte sich vor und öffnete die Tür auf der Beifahrerseite. »Steigen Sie ein. Ich fahre Sie ins Krankenhaus, wenn Sie mir den Weg beschreiben.«

Sie schüttelte den Kopf. »Danke, aber das ist nicht nötig.«

»Ich kann eine junge Dame bei solcher Hitze unmöglich die ganze Strecke zu Fuß gehen lassen. Mit dem Auto sind wir im Handumdrehen da.«

»Aber dafür müssten Sie in die entgegengesetzte Richtung. Das wäre doch wirklich ein großer Umweg.«

»Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich Sie hier allein zurückließe. Ich sehe, dass Sie verstört sind, und ich bin sicher, Marianne wird es nichts ausmachen, noch ein Weilchen zu warten.«

»Das ist wirklich nicht nötig, Sir. Ich bin es gewohnt, zu Fuß zu gehen.«

»Und ich bin es gewohnt, dass die Leute tun, was ich verlange.« Er lachte, und in seinen Augenwinkeln zeigten sich kleine Lachfältchen. »Also bitte. Sie wollen mich doch nicht enttäuschen, oder?«

Ihr war heiß, und sie war müde und sehr besorgt, und so war es leichter, zu akzeptieren und nicht weiter Widerstand zu leisten. Sie stieg ins Auto. »Danke.«

»Es ist mir ein Vergnügen. Ich prahle gern mit meinen Fahrkünsten.« Er rückte sich seine Schutzbrille wieder zurecht, legte den Gang ein, und mit quietschenden Reifen wendete er den Wagen. »Leider steht mir dieses Automobil nur zur Verfügung, wenn ich hier in England bin. Aber zu Hause in Paris habe ich ein ähnliches Modell.« Er ließ den Motor aufheulen, und der Wagen schoss davon.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fuhr Elsie in einer pferdelosen Kutsche, und die Geschwindigkeit war gleichzeitig berauschend und beängstigend. Sie hielt sich fest, schloss zunächst die Augen, dann öffnete sie sie wieder und staunte über die Landschaft, die so rasch vorbeiflog, wie sie sich das niemals hätte vorstellen können.

Henri warf ihr einen Blick zu und grinste. »Haben Sie denn keine Angst?«

»Nein«, erklärte sie entschieden. »Natürlich nicht.«

»Marianne liebt die Geschwindigkeit auch.«

Die Aufregung und der Reiz des Neuen wurden durch die Erwähnung von Mariannes Namen urplötzlich gedämpft. Einen kurzen Augenblick lang hatte Elsie ihre Sorgen vergessen und die neue Erfahrung genießen können, von einem Mann wie Henri als Gleichgestellte behandelt zu werden. Doch schon war der Moment vorüber. »Biegen Sie hier links ab«, verlangte sie abrupt. »Das Krankenhaus ist am Ende der Straße. Sie können es nicht verfehlen.«

Henri drehte das Lenkrad und schwenkte den Wagen herum. Vor dem Vordereingang kam das Automobil zum Stehen, und Henri kletterte auf den Kiesboden hinaus. Er setzte Autohelm und Schutzbrille ab, lief schnell ums Heck des Wagens und hielt Elsie die Wagentür auf. »Das war doch besser als zu Fuß zu gehen, oder?«

Sie ließ sich von ihm aus dem Wagen helfen und genoss das Gefühl, wie eine Dame behandelt zu werden. »Meinen herzlichen Dank, Monsieur Bellaire. Es war sehr freundlich von Ihnen, sich diese Mühe zu machen und solch einen Umweg zu fahren.«

»Ich warte auf Sie.«

»Oh nein, das kann ich wirklich nicht von Ihnen erwarten.«

»Wie wollen Sie denn nach Hause kommen?«

»Ich weiß nicht. Ich nehme an, hier fährt ein Bus.«

Er runzelte die Stirn. »Sie wollen zurück nach Darcy Hall.«

»Ja, natürlich.«

»Dann warte ich auf Sie.«

Sie erkannte, dass Widerstand zwecklos war, und ihr Wunsch, ihre Mutter zu sehen, überwog alle anderen Erwägungen. Sie eilte ins Krankenhaus und überließ es Henri, ihr zu folgen oder auch nicht, ganz wie es ihm beliebte.

Eine Krankenschwester führte sie in den Seitenflügel und bat sie, auf dem Flur zu warten. Durch eine offen stehende Tür konnte Elsie einen flüchtigen Blick in den Krankensaal werfen. Sie sah Betten und Bewegung von Krankenschwestern, die wie grauweiße Tauben im Saal hin und her flatterten. Doch die Tür ging wieder zu und schloss sie aus. Sie war in Versuchung, hineinzustürmen und zu verlangen, ihre Mutter sehen zu dürfen. Aber gerade als sie das Gefühl hatte, es nicht länger ertragen zu können, ging die Tür auf, und Dr. Hancock trat auf den Flur.

»Elsie, mein liebes Kind, es tut mir ja so leid.«

Drittes Kapitel

Henri hatte auf sie gewartet. Nun bot er an, sie nach Darcy Hall zurückzufahren. »In solch einem Moment sollten Sie nicht allein sein, chérie«, sagte er sanft.

Benommen und viel zu verstört zum Weinen schüttelte Elsie den Kopf. »Da gehöre ich nicht hin. Ich sollte nach Hause gehen.«

»Ich bin sicher, man wird sich auf Darcy Hall um Sie kümmern«, beharrte Henri. »Es sei denn, Sie haben einen Menschen, der Ihnen nahesteht und heute Nacht bei Ihnen bleiben kann.«

»Ich habe keine Verwandten in England.«

Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. »Heißt das, Sie haben Familie in Frankreich? Das frage ich nur, weil Sie akzentfrei Französisch sprechen.«

»Meine Mutter stammt aus Frankreich. Aber ihre Familie hat sich von ihr losgesagt, als sie Pa heiratete.«

»Das tut mir leid. Das muss ein großer Kummer für Ihre Frau Mutter gewesen sein. Aber wenn Sie mir erlauben, Sie nach Darcy Hall zu bringen, wird Marianne ganz bestimmt dafür sorgen, dass man sich dort um Sie kümmert.«

»Nein. Vielen Dank, Monsieur Bellaire. Aber ich möchte lieber nach Hause.«

»Bitte nennen Sie mich Henri«, sagte er sanft. »Ich bin Ihr Freund, Elsie. Und ich glaube, Sie sollten heute Nacht nicht allein sein.«

»Ich bin im Tan Cottage aufgewachsen. Da wohne ich«, erklärte sie schlicht. »Bitte bringen Sie mich nach Hause.«

Henri Bellaire tat, wie verlangt, und brachte sie sogar noch zur Tür, aber sie bat ihn nicht hinein. Für das winzige Häuschen mit dem einen Zimmer oben und dem einen Zimmer unten schämte sie sich nicht, aber sie wollte lieber allein sein. Ihre Mutter war ganz plötzlich an einer Blutung gestorben, und das war für Elsie ein unerwarteter und schwerer Schlag. Sie war vorgewarnt gewesen und hätte damit rechnen sollen, dass das Ende ummittelbar bevorstand, doch tief in ihrem Herzen hatte sich Elsie an die Hoffnung geklammert, dass es doch anders kommen würde. Jetzt war der Tod der Mutter unwiderruflich eingetreten, alle Hoffnung am Ende. Sie hatte den Leichnam ihrer Mutter gesehen und ihr die marmornen Wangen geküsst, als wollte sie gute Nacht sagen. Aber aus der Nacht, die ihre Mutter jetzt umfing, würde sie nicht mehr erwachen.

Am Küchentisch ließ sie sich auf einen Holzstuhl fallen, und erst da wurde ihr bewusst, dass sie immer noch die Tüte mit den Keksen und dem Rindfleischextrakt umklammert hielt. Sie stellte die Tüte auf den Tisch und starrte sie an, als wäre sie die letzte greifbare Verbindung zu der Mutter, die sie gerade verloren hatte. Die Sonne ging unter, und die Schatten sammelten sich um Elsie, bis sie beinahe in völliger Dunkelheit saß. Da endlich kamen die Tränen. Sie vergrub den Kopf in den Armen und schluchzte.

Bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher wachte Elsie auf, und einen Moment lang hatte sie keine Ahnung, wieso sie über dem Tisch zusammengesunken war und nicht in ihrem improvisierten Bett lag. Sie hob den Kopf, und die Erkenntnis, dass sie vollkommen allein war, traf sie mit solcher Wucht, dass es ihr den Atem verschlug. Unsicher stand sie auf und bewegte sich steif zur Hintertür. Die Luft draußen war erfüllt von Spätsommerdüften. Es roch nach Geißblatt und weißen Rosen, die ihre Mutter so geliebt hatte, vermischt mit dem Geruch von sonnenwarmem Gras. Unverkennbar war auch das salzige Aroma der See, die nur eine halbe Meile über die Kreidehügel hinweg entfernt lag.

Ein neuer Tag war angebrochen. Nichts konnte ihr den Schmerz des Verlustes nehmen, aber ihr Kummer wurde gedämpft durch das Wissen, dass das Leiden ihrer Mutter nun vorüber war. Ma mochte gegangen sein, aber immer noch spürte Elsie ihre Liebe, die sie wie eine wärmende Decke einhüllte. Und ganz gleich, was die Zukunft für sie bereithielt, zweierlei bliebe fester Bestandteil ihres Lebens: Ma würde für immer in ihrem Herzen wohnen, und sie würde sich alle nur erdenkliche Mühe geben, ihre Mutter stolz zu machen. Plötzlich wehte sie ein Hauch des Lieblingsparfüms ihrer Mutter an, und sie spürte ihre Gegenwart, als stünde sie unsichtbar neben ihr.

Langsam ging Elsie zur Pumpe und bewegte den Schwengel auf und ab. Wasser sprudelte heraus und schuf einen Regenbogen. Sie hielt den Kopf unter den eiskalten Schwall. Sie richtete sich auf und schüttelte sich die Tropfen aus dem langen Haar. Einem plötzlichen Impuls folgend, lief sie ins Haus zurück und suchte in der Schublade der Frisierkommode, bis sie eine Schere fand. Wenn dies ein Neuanfang sein sollte, dann wollte sie eine der emanzipierten Frauen sein, die in Kriegszeiten dazu beitrugen, dass im Land alles reibungslos funktionierte.

Elsie nahm sich eine Strähne nach der anderen vor und schnitt durch die feuchten Locken, bis sie einen Pagenkopf ganz ähnlich dem hatte, den sie für Marianne geschaffen hatte. Sie griff sich ein Handtuch und rubbelte sich die Haare halbwegs trocken, und plötzlich fühlte sie sich leicht und befreit. Eines aber blieb noch, dem sie sich stellen musste.

Langsam ging sie die Treppe zum Zimmer ihrer Mutter hinauf. Es war immer noch so, wie ihre Mutter es verlassen hatte, in der Zeit eingefroren wie ein Stillleben. Das Bett war nicht gemacht, und Medizinfläschchen, Glas und Wasserkaraffe standen auf dem Tischchen. Der unangenehme Geruch nach Krankheit war durchdringend, und Elsie war mit wenigen, raschen Schritten am Fenster und öffnete es. Bürste und Kamm ihrer Mutter lagen auf der Kiefernholzkommode, daneben stand die verblasste Fotografie von Elsies Vater, worauf er mit stolz geschwellter Brust in seiner Ausgehuniform zu sehen war. Mit dem Kamm fuhr Elsie sich schnell durch das Haar, das allmählich trocknete und sich schon heftig lockte. Kritisch starrte sie auf das Ergebnis im schon lange nicht mehr gesäuberten Spiegel. Mit mehreren Schnitten mit der Schere begradigte sie unebene Spitzen, dann nickte sie sich zu und würdigte ihr Werk. »Du wirst stolz auf mich sein, Ma, das verspreche ich. Und ich halte mein Wort.«

Als Elsie in die Küche von Darcy Hall trat, senkte sich betretenes Schweigen über den Raum. Auf brüske, leicht verlegene Art sprach Mrs. Coker ihr Beileid aus. »Wir werden Monique vermissen«, brummelte sie und warf einen kritischen Blick auf Elsies neue Frisur. »Setz das Häubchen auf. Das ist jetzt nicht die Zeit für Frivolitäten.« Mit noch mehr Elan begab sie sich wieder ans Kneten des Brotteigs. Phyllis und Nancy waren gefühlsbetonter und umarmten Elsie, aber wenn sie etwas zu ihren kurzen Haaren hätten sagen wollen, behielten sie ihre Meinung lieber für sich. Die anderen Dienstboten murmelten Beileidsbekundungen und machten sich dann rasch wieder an die Arbeit, ganz so, als wäre nichts geschehen.

Später, nachdem das Mittagessen serviert und der Tisch abgeräumt war, nahm Mrs. Tranter Elsie mit besonderem Nachdruck beiseite und erklärte, sie könne die Stellung haben, solange sie sie brauche. Elsie fand es unangemessen zu erwähnen, dass sie gehen wolle, sobald sie anderswo Arbeit gefunden habe. Denn bis dahin gab es noch einiges zu regeln, vor allem hieß es, Vorkehrungen für die Beerdigung zu treffen, obwohl Elsie nicht wusste, woher sie das Geld dafür nehmen sollte. Wie betäubt ging sie ihren Pflichten nach und fand es zunehmend schwierig, ihre Gedanken beisammenzuhalten.

Als alles Geschirr gewaschen, abgetrocknet und weggeräumt war, wartete Mrs. Coker, bis alle, von Elsie abgesehen, aus der Küche heraus waren, um ihre kurze Pause zu genießen. »Mrs. Tranter ist mit mir einer Meinung, dass du den Rest des Tages freinehmen solltest. Du musst Vorkehrungen treffen und so weiter.« Sie zögerte, starrte auf einen Punkt irgendwo über Elsies Kopf. »Es ist eine schwierige Zeit für dich. Das weiß ich.« Sie räusperte sich geräuschvoll und tätschelte Elsie die Schulter. »Ich sehe dich dann morgen, in aller Frühe. Und komm nicht zu spät.«

»Danke, Mrs. Coker.«

Elsie fand sich allein in der weitläufigen Küche, die so groß war, dass es dort gemeinhin hallte. Nur jetzt war die Stille schlimmer als das allgemeine Stimmengewirr und das Klappern von Töpfen und Pfannen. Es war heiß und stickig, und Elsie setzte ihr Häubchen ab und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Sie war mit dem Aufwischen des Fußbodens fertig und wollte gerade den Eimer nach draußen tragen und das Schmutzwasser in den Abfluss gießen, als sie schnelle Schritte auf der Treppe hörte. Sie drehte sich um und sah zu ihrer Überraschung Marianne den Raum betreten. Marianne hielt einen Moment inne, das Inbild von Eleganz in einem cremefarbenen Kleid aus Shantung-Seide, dessen Oberteil von einem hochmodischen Knebelverschluss gehalten wurde. Sie sah aus, als wäre sie aus den Seiten des Modemagazins Weldon’s Ladies getreten. Verblüfft starrte sie Elsie an. »Du hast es gemacht. Du hast dir die Haare geschnitten.«

»Ich wollte eine Veränderung.«

»Gut«, erklärte Marianne lächelnd. »Es steht dir.«

»Kann ich etwas für Sie tun, Miss?«

»Ja. Eigentlich war ich auf der Suche nach dir.« Der eng geschnittene Rock zwang Marianne, winzige Schritte zu machen, als sie vorsichtig über den noch feuchten Boden ging. »Ich habe das mit deiner Mutter erfahren, und es hat mir so leidgetan. Ich wäre schon früher heruntergekommen, aber Henri musste nach London, und seine Eltern reisen wieder nach Paris zurück, also habe ich sie zum Bahnhof gefahren.«

Elsie zitterte, obwohl die Hitze in der Küche drückend war. Sie hatte gehofft, sie würde Henri noch einmal sehen, und sei es auch nur, um sich bei ihm für seine Freundlichkeit zu bedanken. Aber da er nun fort war, kam sie sich vor, als habe sie mehr als einen Freund verloren. »Natürlich«, meinte sie leise. »Ich verstehe.«

Marianne zögerte, biss sich auf die Unterlippe. »Schlimme Sache, das mit deiner Mutter, meine Beste. Ich weiß, wie es ist, keine Mutter zu haben. Obwohl meine ja noch unter den Lebenden weilt.« Sie hob die Hände. »Ich rede lauter Blödsinn. Aber ich wollte dich wissen lassen, dass du mein Mitgefühl hast. Und wenn ich irgendetwas für dich tun kann ...« Ihre Stimme verlor sich. »Du weinst doch nicht etwa, oder?«

Elsie fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Nein, Miss Marianne. Ich bin bloß ein bisschen erschöpft, das ist alles.«

»Natürlich. Das ist ja verständlich. Bestimmt hast du vergangene Nacht nicht viel geschlafen.«

»Mir geht es gut, wirklich. Und ich muss jetzt weitermachen.«

»Ja, sicher.« Marianne drehte sich um, machte die ersten Schritte, blieb aber noch einmal stehen. Mit verlegenem Lächeln wandte sie sich an Elsie. »Sieh mal, mir ist klar, dass alles ein bisschen schwierig ist im Moment ... ich meine, finanziell. Ich hätte von selbst gar nicht daran gedacht, aber Henri sagte, du wärest vermutlich etwas knapp bei Kasse. Und, na ja, ich will nicht um den heißen Brei herumreden, Elsie. Was ich versuche zu sagen, ist: Ich möchte, dass du die Rechnung des Beerdigungsinstituts an mich schickst.«

»An Sie?« Elsie starrte sie verblüfft an. »Wieso sollten Sie die Beerdigung meiner Mutter bezahlen wollen?«

»Ich habe soeben das Geld zu meiner freien Verfügung bekommen, das mein Großvater mir hinterlassen hat. Ich stehe mich also gerade ganz gut. Darüber hinaus scheint es mir das Richtige. Du musst mir erlauben, dir zu helfen, und sei es auch nur, um Henri zu beweisen, dass ich keine verzogene Offiziersgöre bin. Im Grunde bin ich das genaue Gegenteil.«

»Er hat Sie gebeten, das für mich zu tun?«

»Nicht ausdrücklich. Aber er ist sehr großzügig und tut sehr viel für seine Angestellten, wenn sie in Schwierigkeiten stecken. Außerdem ist er so reich wie der sprichwörtliche Krösus. Daher auch die plumpen Versuche meiner Familie, uns zu verkuppeln.« Marianne gluckste vor Lachen. »Schau nicht so entsetzt. In meinen Kreisen ist das immer noch üblich. Aber bei diesem Spiel mache ich nicht mit. Henri und ich sind wie Bruder und Schwester. Den Mann, den ich heiraten will, suche ich mir selber aus. Aber, na ja, ich schweife ab. Erlaubst du mir nun, das für dich zu tun?«

»Ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Marianne hielt den Kopf schief und runzelte die Stirn. »Zufällig habe ich heute Nachmittag nichts vor, und ich weiß nichts Rechtes mit mir anzufangen. Wie wäre es, wenn ich einfach mit dir zum Pfarrer gehe? Es ist offensichtlich, dass du eine Freundin gebrauchen könntest.«

»Ich bin kein Fall für die Wohlfahrt«, erklärte Elsie mit scharfem Unterton. »Ich bin sicher, Sie finden eine amüsantere Beschäftigung, als mir beim Organisieren der Beerdigung meiner Mutter zu helfen.« Ihr war klar, dass sie sich unvernünftig verhielt, aber sie kam sich vor, als wäre ihr gerade der letzte Rest Stolz genommen worden. Sie schnappte sich den Eimer und marschierte auf den Hof hinaus.

Marianne war gegangen, als Elsie in die Küche zurückkam, und sie schämte sich für ihren Ausbruch. Es war freundlich von Marianne gewesen, ihr finanzielle Hilfe anzubieten, aber sie waren keine Freundinnen und würden es auch nie sein. Dafür war die gesellschaftliche Kluft zwischen ihnen zu groß, und sie wollte sich der Familie Winter nicht verpflichtet fühlen. Ein Leben in Stellung war nicht das Richtige für sie. Mariannes unbedachte Worte hatten Elsie bewusst gemacht, wie dumm sie gewesen war, als sie angenommen hatte, Henri Bellaire sei an ihr als Mensch interessiert. Für ihn war sie vermutlich nur eine weitere Gelegenheit, jemandem zu helfen, der vom Glück nicht so begünstigt war wie er selbst. Ja, sie hatte sich von seinem Charme und seinem guten Aussehen blenden lassen. »Du bist ein Dummkopf, Elsie Mead«, sagte sie laut.

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