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Liebe to go

1. KAPITEL

Er roch nach Kaffee und Vanille.

„Hey, pass doch auf!“ Marie blickte in das wütende Gesicht eines Kerls, dessen Augen sie böse anfunkelten. Das Blut schoss ihr in den Kopf, während sie erschrocken auf den Kaffeefleck starrte, der sich auf seiner Brust ausbreitete. Dampfende braune Flüssigkeit tropfte von dem Tablett, das er in seinen schlanken Händen hielt, auf die lange Schürze, die er um seine schmalen Hüften geschlungen hatte wie einen Sarong. Auf dem Boden schwammen Plastikdeckel und Kaffeebecher aus Pappe wie Inseln in einem Meer aus Kaffee. So ein Mist, dachte Marie, die das alles nur deshalb verursacht hatte, weil sie unbedingt ihre neue Kurzhaarfrisur im Spiegel betrachten musste. Ein Anblick, an den sie sich erst noch gewöhnen musste. Ihr Mantel hatte glücklicherweise keinen Kaffee abbekommen. Marie atmete auf. Der Kerl schnaubte. Marie war klar, dass sie sich jetzt entschuldigen musste. Schließlich war sie schuld an diesem Malheur. Doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Der Zorn des blonden Hünen schüchterte sie gehörig ein.

Doch wem wollte sie etwas vormachen? Auch wenn er nicht wütend gewesen wäre, hätte er sie eingeschüchtert, weil Männer, vor allem gut aussehende Männer, sie generell verunsicherten. Deshalb versuchte sie es mit einem vorsichtigen Lächeln, während sie den Manuskriptstapel, den sie mit sich herumtrug, weil er in ihrer übervollen Tasche keinen Platz mehr gefunden hatte, mit beiden Händen umklammerte, bis ihre Knöchel sich weiß verfärbten. Eigentlich hatte sie keine Arbeit mehr mit nach Hause nehmen wollen. Doch angesichts eines weiteren ereignislosen Wochenendes war sie ihren Plänen untreu geworden. Marie seufzte. Es gab Schlimmeres, als zwei Tage lang auf der Couch zu liegen und Liebesromane zu lesen. Das war nämlich seit vier Wochen und drei Tagen ihr Job – seit Kurzem arbeitete sie nämlich in einem Verlag für Liebesromane. Natürlich bestand die Arbeit einer Lektorin auch noch aus anderen Aufgaben, aber jedes Ding hat zwei Seiten, und das Lesen von Liebesromanen gehörte zum angenehmen Teil. Marie war stolz auf ihren Job. Endlich hatte auch sie einmal Glück gehabt. Leider war die Sache befristet.

So wie es aussah, war das im Moment aber nicht ihr einziges Problem. Der Kerl, der sich recht eindrucksvoll vor ihr aufbaute, starrte sie nämlich an, als wollte er sie entweder auffressen oder ihr den Kopf abreißen.

„Hast du keine Augen im Kopf?“, schnauzte er sie an. Marie schrumpfte innerlich zusammen.

„Kommt hier herein und rennt die Leute über den Haufen. Damned!“ Er schüttelte den Kopf. Dabei fiel ihm eine freche Locke in die Stirn. Mit einer unwirschen Geste strich er sie sich mit dem Arm aus dem Gesicht. Maries Herz klopfte heftig, während er das Tablett auf den nächstgelegenen Tisch knallte und nach einer Handvoll Servietten aus dem Serviettenständer griff.

„Wie kann man nur so blind sein!“ Marie wagte es nicht, ihn anzusehen. Er hatte ja recht. Es war wirklich gedankenlos von ihr gewesen, nicht zu schauen, wohin sie ging. Als sie ihren Blick schließlich von der neuen Frisur ihres Spiegelbildes losgerissen hatte, war sie mit voller Wucht gegen seinen Rücken geprallt. Der Kaffee, der sich auf dem Tablett verteilt hatte, dampfte noch. Marie machte ein schuldbewusstes Gesicht.

„Das ist doch nicht zu fassen!“ Er sprach mit einem amerikanischen Akzent. Und laut. Zu laut, für Maries Geschmack.

Das Stimmengewirr im wie üblich überfüllten Coffeeshop verstummte. Marie blickte unsicher um sich. Die halbe Stadt war hier versammelt. Kein Wunder, denn diese Cafeébar war inmitten der umliegenden Banken und Verlagshäuser weit und breit der einzige Ort, wo man sich mit Schinken-Käse-Panini, Thunfischbagel, Spicy-Chicken-Sandwiches, portugiesischen Puddingtörtchen, Brownies oder Maries geliebten Zimtschnecken eindecken konnte. Von den vielen exotisch klingenden Kaffeesorten ganz zu schweigen. Maries Magen knurrte. Der Kerl, der eigentlich mit der Trockenlegung des Tabletts beschäftigt war, hob den Kopf und sah sie grinsend an. Blödmann! dachte Marie, als sie aus den Augenwinkeln registrierte, dass inzwischen alle zu ihr herübersahen und sich offenbar köstlich amüsierten. Marie senkte den Blick. Nur ihre Freundin Caro war leider nirgendwo zu sehen. Arbeitete sie heute etwa nicht?

Der Amerikaner schob Marie unsanft zur Seite.

„Hör zu, Sweetie, steh mir wenigstens nicht im Weg rum!“ Jemand aus der Schlange lachte. Sehr witzig.

Marie warf einen Blick auf die Deckenmalerei, wo pausbäckige Putten sich auf rosa Wölkchen um den Ventilator scharten.

Beam me up, Scottie“, flehte sie kaum hörbar, während ihr der Schweiß ausbrach. Doch wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, geschah wieder einmal nichts, außer dass der Riemen ihrer schweren Tasche sich noch ein wenig schmerzhafter in ihre Schulter grub.

„Es tut mir leid! Das wollte ich nicht!“ Juhu! Endlich hatte sie einen Ton herausgebracht.

„Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden.“ Der Kerl legte in einer theatralischen Geste seine Hand an das Ohr. Sein Publikum schien sich zu amüsieren. Auf ihre Kosten! Marie spürte, wie sie zu allem Überfluss schon wieder rot anzulaufen drohte. Sie räusperte sich.

„Es tut mir leid!“

„Wie bitte?“

Sie warf ihm einen genervten Blick zu. Er hörte wohl schlecht. Marie hätte nicht übel Lust gehabt, ihm die Zunge herauszustrecken. Schade, dass sie aus diesem Alter raus war.

Wenig später lag er vor ihr auf den Knien und sammelte die Becher vom Boden auf.

Er hatte eine umwerfende Figur – das musste man ihm lassen. Das dunkle T-Shirt, das alle Angestellten des Coffeeshops zu langen schwarzen Schürzen trugen, spannte über seinem muskulösen Oberkörper. Die Härchen auf seinen gebräunten Armen schimmerten golden. Und die ausgewaschene Jeans, die Marie wegen der langen Schürze nur von hinten sah, ließ erahnen, dass sich ein knackiger Po darunter verbarg.

Rasch löste Marie den Blick von seiner Hinterfront. Es hätte noch gefehlt, dass er bemerkt hätte, wie sie ihn musterte. Eine Locke fiel ihm immer wieder in die Stirn, obwohl er sie ständig zurückschob. Maries Wangen brannten wie Feuer. Sie lenkte ihren Blick auf die nagelneuen Wildlederballerinas an ihren Füßen. Leider hatten sie bei den schwungvollen Aufräumarbeiten dieses amerikanischen Hünen offenbar ein paar Kaffeespritzer abbekommen. Der Kerl machte sie wahnsinnig. Die Schuhe waren neu, und sie hatten Marie ein halbes Gehalt gekostet.

„Pass doch auf!“, rief sie, ohne groß darüber nachzudenken.

„Hast du etwas gesagt?“ Seine Augen blitzten.

„Meine Schuhe“, flüsterte Marie, schon wieder eingeschüchtert, und deutete nach unten.

„Oh, sorry!“, meinte er dann auch prompt übertrieben ironisch. „Deine Schuhe. Um Himmels willen, sie haben Kaffee abbekommen.“ Sehr zum Vergnügen der anderen Anwesenden wedelte er dabei mit einer triefend nassen Serviette in der Luft herum, sodass Marie nun auch noch um ihren Mantel zu fürchten begann. Hätte sie doch nur ihren Mund gehalten.

„Haben Sie das gehört?“, wandte er sich an sein Publikum. „Ich habe ihre Schuhe ruiniert, oh, mein Gott!“ Er fasste sich gespielt verzweifelt an den Kopf. Die Meute lachte. Marie hingegen war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Sie hoffte bloß, dass niemand da war, den sie kannte.

„Okay, es tut mir wirklich leid!“, versuchte sie abermals einzulenken, aber sie hätte genauso gut probieren können, auf einen tollwütigen Hund einzureden. Der Amerikaner war ganz schön in Fahrt und fuhr ungerührt damit fort, Servietten in die Pfützen auf dem Boden zu klatschen. Geräuschvoll schob er Stühle und Tische beiseite. Marie sprang hierhin und dahin, bis sie nicht mehr wusste, wohin sie ihre Füße bewegen sollte, um sich vor seinen schwungvollen Bewegungen in Sicherheit zu bringen. So langsam begann es, in ihr zu brodeln. Die Ohren ihres Spiegelbildes leuchteten dunkelrot. Der neue Kurzhaarschnitt war wohl doch nicht so praktisch, wie Caro behauptet hatte. Wo blieb sie nur?

„Hey, young miss, findest du es eigentlich super, deine Mitmenschen erst mit heißem Kaffee zu verbrühen und dich dann zu beklagen, wenn deine Schuhe etwas abbekommen?“, knurrte der Kerl sie vom Boden aus an, wobei er so aussah, als wollte er diesmal mit der nassen Serviette nach ihr werfen. Marie wich automatisch einen weiteren Schritt zurück. Das Publikum johlte. Marie konnte beim besten Willen nichts Komisches an dieser Situation entdecken.

„Tut mir leid!“, wiederholte sie noch einmal laut, in der Hoffnung, ihn endlich zu besänftigen oder so weit zu beruhigen, dass er wenigstens mit diesem Theater aufhörte. „Ich wollte dich wirklich nicht umrennen. Ich habe dich nur einfach nicht gesehen!“

Jeff richtete sich auf.

„Das habe ich bemerkt, Prinzessin!“, sagte er mit einem rauen Ton in der Stimme. Unter anderen Umständen hätte Marie sein tiefes Timbre vermutlich sogar sexy gefunden, aber so fand sie es einfach nur unerträglich laut.

Jeff verzog seinen Mund zu einem Grinsen. Er hatte sich ganz schön erschreckt, als der heiße Kaffee ihm plötzlich über die Brust gelaufen war. Vermutlich würden sich ein paar Brandblasen unter dem T-Shirt bilden. Die Stelle, an der ihn die heiße Brühe getroffen hatte, schmerzte immer noch. Einfach so hinterrücks auf ihn aufzulaufen war schon eine Leistung. Doch nun, nachdem er seinem ersten Zorn Luft gemacht hatte, begann ihm die junge Frau, die an allem schuld war, ein wenig leidzutun. Vor allem, weil ihn ihre außergewöhnlich großen, mit dichten Wimpern umrandeten grünen Augen ängstlich anstarrten. Ob sie wirklich Angst vor ihm hatte? Jeff musste unwillkürlich lächeln. Offenbar brachten sie sich gegenseitig aus der Fassung. Jedenfalls brachte sie ihn aus der Fassung. Ausgerechnet ihn, der bis vor wenigen Minuten noch stolz auf seine ausgezeichneten Manieren gewesen war. Die Frau übte eine merkwürdige Faszination auf ihn aus. Er konnte sich nur nicht erklären, warum. Trotz ihrer superkurzen Haare und dem dicken Rollkragenpullover, den sie unter dem Trenchcoat trug, wirkte sie sehr weiblich. Und sie war schön. Auf eine natürliche und ungeschminkte Art schön. Eigentlich glich sie eher einer Elfe als einer Frau. In ihrer Gegenwart kam sich Jeff vor wie ein grober, ungehobelter Klotz. Er hätte gerne herausgefunden, ob sie wirklich so zerbrechlich war, wie es den Anschein hatte. Ihre großen grünen Augen sahen ihn an, als könnte sie in seiner Seele lesen. Jeff kratzte sich am Kopf. Shit, Jeff! In der Seele lesen? Was waren das denn für blödsinnige Gedanken? Diese Frau irritierte ihn in einem Maße, das ihm bislang fremd gewesen war. Und dennoch oder gerade deshalb konnte er seine Blicke nicht mehr von ihr wenden. Schon gar nicht von dem winzigen Schönheitsfleck, der ihren rechten Mundwinkel zierte, so als ob sie ihn sich absichtlich dorthin gemalt hätte. Ob sie wusste, wie unglaublich sexy sie war?

Aber sexy hin oder her – ihretwegen hatte er sich verbrüht, und vermutlich würde er wegen dieser Sache auch noch seinen Job verlieren. Er hatte allen Grund, wütend auf sie zu sein.

Trotzdem fühlte er sich sonderbar berührt von ihrem Blick. Verlegen rieb er sich mit der Handfläche über die Nase. Aber das gab ihr noch lange nicht das Recht, ihn einfach umzurennen.

„Wenn du wirklich so blind bist, solltest du beim nächsten Mal besser deinen weißen Stock mitbringen.“

Marie schaute ihn ungläubig an. War dieser aufgeblasene Idiot etwa immer noch nicht fertig?

Erschüttert stellte sie fest, dass jeder einzelne Besucher im Coffeeshop grinste. Sogar der nette alte Herr, dem sie am Freitag den letzten Thunfischbagel überlassen hatte. Musste dieser, dieser … dieser Kerl denn wirklich so einen Wirbel veranstalten?

Okay, vielleicht hatte er sich ihretwegen verbrüht. Doch abgesehen davon war außer einem schmutzigen Shirt nichts Schlimmeres passiert. Warum starrte er sie dann also unablässig an? Marie warf einen raschen Kontrollblick in den Spiegel an der Wand. Nichts. Sie sah aus wie immer. Mausblond und langweilig. Das einzig Aufregende an ihr waren momentan die Haare, die in alle Richtungen gleichzeitig von ihrem Kopf abstanden, obwohl sie glatt anliegen sollten. Das war jedenfalls der Plan gewesen. So etwas würde aber doch wohl niemanden dazu veranlassen, sie nicht mehr aus den Augen zu lassen? Es sei denn, er starrte sie an, weil er weiteres Unheil verhindern wollte.

„Was ist?“, fragte er. Marie hob die Achseln. Was sollte denn sein? Wenn er eine schlagfertige Antwort erwartet hatte, dann war er bei ihr an der falschen Adresse. Leider! Vermutlich fielen ihr all die guten Antworten wieder erst abends im Bett ein. Dann, wenn es zu spät war. Caro hatte recht gehabt. Maries Schüchternheit entwickelte sich allmählich zu einem echten Handicap. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass sie stumm wie ein Fisch in der Gegend herumstand, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Die Heldinnen in den Liebesromanen ihres Verlags stellten sich nie so blöd an. Sie wussten immer haargenau, wo es langging, und waren alles andere als auf den Mund gefallen. Marie seufzte. Einmal so sein wie die Frauen in diesen Romanen! Aber so war sie nun einmal nicht – und das Leben war kein Liebesroman. Zumindest ihr Leben schien meilenweit davon entfernt.

„Sorry, das wollte ich wirklich nicht“, flüsterte sie zum wiederholten Male, so als ob sie nur diesen einen Satz beherrschte. Gleichzeitig tippte sie sich innerlich an die Stirn und machte sich Vorhaltungen, weil sie nicht einmal imstande war, deutlich zu sprechen. Marie, du bist eine Idiotin! sagte sie sich, aber das half ihr auch nicht weiter.

„Das wäre ja auch noch schöner“, sagte, nein, rief er. Sein Tonfall ging ihr so langsam auf den Geist. Sie holte tief Luft.

„Okay. Ich habe mich entschuldigt. Was willst du noch?“ Na bitte, geht doch! dachte Marie, nachdem sie diesen Satz zwar mit zittriger Stimme, aber immerhin hörbar herausgebracht hatte.

„Eine Entschuldigung reicht in diesem Fall nicht!“ Der Kerl erhob sich und stemmte die Hände in die Hüften. Marie riss die Augen auf. Sie hörte wohl nicht richtig? Sollte sie ihm die Füße küssen, oder was? Hallo, Marie? Du bist diesem Typ überhaupt nichts schuldig, meldete sich irgendwo in ihrem Kopf die Stimme der Vernunft. Genau! dachte Marie und straffte den Rücken. Seinem forschenden Blick ausweichend, tat sie so, als ob sie sich für eines der Werbeplakate, die von der hohen Decke hingen, interessierte. Vanilla Rhapsody. Die neueste Kaffeeversuchung: Heiß und auf Eis! Marie hätte überhaupt nichts dagegen gehabt, wenn ihm das Schild auf den Kopf gefallen wäre. Sie wandte ihren Blick von der schnörkeligen Schrift auf dem rosafarbenen Plakat ab und blickte verstohlen auf die Uhr. Schon zehn nach neun! Sie musste los! Und zwar schleunigst! Ihr Chef mochte es nicht, wenn man nicht pünktlich am Schreibtisch saß. Vanilla Rhapsody musste warten. Aber wie kam sie bloß an diesem Kerl vorbei?

Den Papierstapel dicht an sich gepresst, versuchte sie, sich unauffällig in Richtung Ausgang zu bewegen. Doch er durchschaute ihr Manöver und stellte sich ihr in den Weg.

„Wo willst du hin?“ Marie betrachtete ihn fassungslos.

„Ich muss zur Arbeit“, sagte sie, ärgerte sich aber gleichzeitig darüber, dass sie ihm überhaupt geantwortet hatte. Was ging ihn das an?

„Du glaubst wohl, du kannst hier einfach so jemanden umrennen, dich entschuldigen und dann abhauen?“

Marie zuckte mit den Achseln.

„Um ehrlich zu sein, ja!“ Das war nun immerhin schon der zweite Satz, den sie einwandfrei herausgebracht hatte. Bravo, Marie, du machst dich! Der Kerl kam näher. Er roch nicht nur nach Kaffee und Vanille. Er benutzte auch ein gut duftendes Eau de Toilette, wie Marie bei dieser Gelegenheit feststellte.

Du stehst da übrigens in einer Kaffeepfütze.“ Grinsend deutete er auf ihre Füße.

Marie trat rasch einen Schritt zur Seite, während er sich bückte, um auch diese Stelle trockenzulegen. Dabei streifte er Maries Knie mit seinem Arm, und sie bekam prompt eine Gänsehaut. Irritiert wich sie zurück, bis sie hinterrücks gegen eine cremegelb gestrichene Säule stieß, die sie eigentlich woanders wähnte. Das Publikum begann zu lachen. Am lautesten der alte Herr, dem Marie jetzt garantiert nie wieder das letzte Thunfischbrötchen überlassen würde. Das war ihm hoffentlich klar.

„Was willst du?“, fragte sie ungehalten.

„Du könntest dich von mir zu einem Drink einladen lassen. Als Wiedergutmachung. Tolle Idee, oder?“ Der Amerikaner grinste. Er hielt sich wohl für unwiderstehlich. Aufgebracht betrachtete Marie ihn. Dieser Mensch hatte vielleicht Nerven. Glaubte er etwa im Ernst, sie würde sich von ihm einladen lassen, nachdem er so eine Show abgezogen hatte? Sie dachte ja gar nicht daran. Doch bevor sie ablehnen konnte, tauchte Caro aus der Menge auf. Jetzt wird alles gut, dachte Marie.

„Was ist denn hier los?“, fragte Caro in der ihr üblichen fröhlichen Art.

Fasziniert beobachtete Marie, wie sich der vorlaute Typ in Caros Gegenwart in einen zivilisierten und wohlerzogenen Menschen verwandelte. Wie sie erstaunt bemerkte, war er sogar zu einem zauberhaften Lächeln imstande, das zwei hinreißende Grübchen auf seine Wangen zauberte. Und seine Zähne strahlten so weiß, wie es Marie bisher nur aus der Zahnpastawerbung kannte. Dieser blöde Amerikaner war wirklich verdammt attraktiv.

„Hallo, Erde an Marie, hörst du mich?“ Caro knuffte sie freundschaftlich in die Rippen. Der Kerl lächelte. Und Caro lächelte zurück. Marie seufzte. So wie er und Caro sich ansahen, war der Fall längst klar. Ihre beste Freundin sah aber auch wieder zum Anbeißen aus. Sie trug die gleiche lange schwarze Schürze wie Jeff. Zwischen Bund und T-Shirt blitzte ein schmaler Streifen ihres gebräunten Bauchs hervor. Ihre langen dunklen Haare waren zu einem Zopf geflochten, der wie eine schlafende schwarze Schlange auf ihren Schultern lag. Caro war einen halben Kopf kleiner als Marie, weshalb sich Marie ein wenig zu ihr hinunterbeugen musste, um ihr einen Begrüßungskuss zu geben.

„Wie ich sehe, hast du dich schon mit Jeff bekannt gemacht“, sagte Caro lachend.

Marie nickte. Ihr fehlten immer noch die Worte. Der Mensch, der sie vor allen Leuten lächerlich gemacht hatte, hieß also Jeff.

„Wir hatten einen kleinen Zusammenstoß!“, erklärte Jeff in einem harmlosen Tonfall, der Marie beinah daran zweifeln ließ, dass er sie noch vor Kurzem beschimpft hatte. Doch ein Blick auf den alten Herrn, der immer noch zu ihnen herüberschaute, so, als warte er noch auf den Abspann, genügte, um sie daran zu erinnern, wie es wirklich gewesen war. Sie hatte sich Jeffs Wut nicht nur eingebildet. Es gab Zeugen.

Als er schließlich hinter dem Tresen verschwand, besann sich auch die Allgemeinheit wieder auf ihr eigentliches Interesse an den Leckereien in der Glasvitrine, und Marie entspannte sich ein wenig.

„Wie findest du ihn?“, fragte Caro und deutete mit dem Kinn auf Jeff. In ihren Augen zeigte sich ein Glitzern, das Marie schon von früheren Gelegenheiten kannte. Kein Zweifel! Caro stand auf diesen Kerl. Deshalb verkniff sich Marie eine Antwort. Es war mehr als offensichtlich, dass Jeff etwas mit dem seligen Gesichtsausdruck ihrer besten Freundin zu tun hatte.

„Wahnsinn, oder? Er sieht umwerfend aus, gib’s zu!“

„Hm …“, machte Marie. Was sollte sie darauf antworten?

Ihr Blick wanderte zum Tresen hinüber. Jeff hatte ihnen den Rücken zugekehrt und hantierte an der italienischen Kaffeemaschine, bis er plötzlich innehielt und in ihre Richtung sah. Als sich ihre Blicke trafen, fühlte Marie sich ertappt. Ihr Herz verfiel in einen schnellen Galopp. Rasch wandte sie sich ab, weil sie spürte, wie ihr schon wieder die Röte ins Gesicht schoss.

„Ich muss los“, sagte sie und küsste Caro auf die Wangen. Insgeheim nahm sie sich vor, sich so schnell nicht wieder hier blicken zu lassen. Jedenfalls nicht, solange dieser amerikanische Supermann im Coffeeshop arbeitete.

„Aber warum …?“ Caro sah sie erstaunt an, doch Marie ließ sie nicht ausreden. Wenn sie Caros Blick richtig deutete, und daran bestand kein Zweifel, dann würde sie den Namen Jeff in der nächsten Zeit noch oft genug zu hören bekommen. Caro war ganz eindeutig hingerissen von ihm. Marie hoffte nur, dass ihre Freundin diesmal wusste, worauf sie sich da einließ. Bisher hatten sie beide leider kein großes Glück bei der Auswahl ihrer Männer gehabt. Und dieser hier sah entschieden so aus, als könnte er Herzen schneller brechen, als es einer Frau lieb war.

Jeff saß auf der Holzbank im sogenannten Personalraum, einem winzigen fensterlosen Zimmerchen, und tupfte sich Salbe auf die roten Flecken auf seiner Brust und am Handgelenk. Caro hatte ihn netterweise mit allem Nötigen versorgt. Sie war eine fabelhafte Kollegin. Jeff grinste. Und sie sah sehr gut aus. Jeff waren die sehnsüchtigen Blicke der männlichen Gäste nicht entgangen. Vermutlich hatte dieser Laden Caro mindestens die Hälfte des Umsatzes zu verdanken. Eine Frau wie Caro würde überall Erfolg haben. Auch in den Staaten. Genau wie seine Mutter. Er lachte. Caro ähnelte ihr sogar irgendwie.

Bei der Berührung mit dem kühlenden Gel zuckte er zusammen. Er biss sich auf die Lippen, während er seine Brandblasen in Augenschein nahm. Es sah glücklicherweise nur halb so schlimm aus, wie er angenommen hatte. Der Kaffee war wirklich höllisch heiß gewesen. Als er an die vor Schreck geweiteten grünen Augen der schönen Elfe dachte, die – wie er inzwischen von Caro wusste – Marie hieß, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Maries Schönheitsfleck hatte ganz leicht gezittert, als er sie beschimpft hatte. Beschimpft! Was war nur in ihn gefahren? Gedankenverloren strich er sich mit der Hand über die Stirn. Er hatte sich unmöglich benommen. Wirklich, er hätte sich besser im Griff haben müssen. Egal, ob sie ihn aus der Fassung gebracht hatte oder nicht. Vor allem an seinem ersten Arbeitstag, der offenbar nicht gerade unter einem guten Stern stand. Jeff grinste. Barista. Eigentlich hatte er gedacht, dass ein Barista nur hinter der Theke arbeitete. Er konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern, dass vorher die Rede von Kellnern gewesen war. Aus unerfindlichen Gründen hatte Florian ihm dieses nicht ganz unwichtige Detail verschwiegen. Jeff kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Die Vorstellung, dass er, Jeff Ethan Goldberg, kellnerte, belustigte ihn, denn er hatte bis vor wenigen Minuten in seinem ganzen Leben noch nie jemanden bedient. Im Gegenteil. Vom ersten Augenblick seiner Existenz an waren immer Menschen um ihn herum gewesen, die ihn bedient hatten. Er hätte sonst was dafür gegeben, wenn sie ihn hätten sehen können. Plötzlich musste er lachen. Besser nicht! Seine Mutter hätte auf jeden Fall einen hysterischen Anfall bekommen, wenn sie gewusst hätte, dass ausgerechnet ihr Sohn als Kellner in einem Coffeeshop arbeitete.

Die Gäste hatten glücklicherweise sehr cool auf seine rüde Art reagiert. Zu Hause in San Diego hätte man ihn nach so einem Auftritt garantiert auf der Stelle gefeuert. Schließlich hatte er einen Gast beschimpft, wenn auch im Affekt – eine Todsünde in der Gastronomie. Aber am meisten grämte er sich, weil er Florians Job so leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte. Was war vorhin nur mit ihm los gewesen?

Jeff zog das bekleckerte T-Shirt aus und warf es in eine Ecke. Dann streifte er ein frisches über und atmete erleichtert auf. Er hatte seinem Freund Florian hoch und heilig versprochen, ihn ordentlich zu vertreten. Florian war Student.

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