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Liebe treibt die schönsten Blüten

Über das Buch

Kann man Liebe säen, wo sie nicht von selbst wächst? Das fragt sich Gartenbauerin Svea, als sie ausgerechnet im Rückenkurs den Landschaftsarchitekten Lars trifft. Nach 45 Minuten Faszienlockerung ist ihr klar: der und kein anderer. Von seiner Seite allerdings: null Interesse. Die Partnerübung mit dem Igelball endet im Desaster, und auch die wissenschaftlich geprüften Flirt-Tipps von Sveas Freundin Elisabeth zeigen keine Wirkung. Oder? Als Lars bei der Stadt Köln die Neugestaltung eines Platzes ausschreibt und Svea sich mit ihrer Firma bewirbt, kommt Bewegung in die Sache …

Über die Autorin

Valerie Korte wuchs im Rheinland auf und lebt nach Stationen in Schottland, Berlin, München und Duisburg inzwischen in Köln – mit Familie und einem wuchernden Garten. Nach dem Studium der Germanistik und BWL arbeitete sie zunächst als Sachbuchlektorin und Social-Media-Managerin. Irgendwann brach sich dann ihre kreative, romantische Seite Bahn, und sie schrieb ihren ersten Liebesroman.

Kapitel 1

Das blaßgelbe, befruchtete Weibchen des ZITRONENFALTERS überwintert. Man kann es bei der Frühlingsfeier am blühenden Weidenbusch zwischen Bienen und Hummeln, welch letztere mit ihm in gleicher Lage sind, und zwischen manchen anderen Kerfen teilnehmen sehen, freilich ohne Sang und Klang, sondern stumm wie alle Tagfalter.

Brehms Tierleben, Bd. 9: Insekten, Tausendfüßer und Spinnen, über den Zitronenfalter

Ich erwachte aus meinem Schreibtischnickerchen, weil mir eine Zitrone auf den Kopf fiel. Den Zitronenbaum hatten Elisabeth und ich schon von unserer Vormieterin übernommen. Über die Jahre war er uns dank liebevoller Pflege im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf gewachsen und trug sogar hin und wieder Früchte. Zusammen mit dem gelb blühenden Oleander und zwei stattlichen Palmen verlieh er unserem Wintergarten, der gleichzeitig als Homeoffice diente, das historische Flair eines Gewächshauses in einem botanischen Garten. Die Frucht kullerte über die Tischplatte und kam neben meinem Smartphone zum Liegen.

Wie zur Begrüßung gab das Handy im selben Moment ein Pling von sich. Es war der Signalton der Dating-App, die ich vor ein paar Monaten installiert hatte. Telefon, smart, aber altersschwach, trifft Zitrönchen, knackig, aber leicht angesäuert.

Ich sah nach, wer mir geschrieben hatte. Ron, mein Date für heute Nachmittag. Und er sagte mir nun schon zum zweiten Mal kurzfristig ab. Beim letzten Mal war er vorgeblich krank geworden, heute hielten ihn offenbar grundsätzliche Zweifel ab:

Sorry, bin mir mit uns beiden nicht so sicher. So richtig zeigen willst du dein Figürchen ja auf keinem der Fotos.

Seltsamerweise spürte ich eher Erleichterung als Ärger. Dann musste ich mein Figürchen wenigstens nicht live der Beurteilung des sportbegeisterten Ron, Lehrer, 36, aussetzen. Ich fand mein Figürchen eigentlich ganz okay, aber auf den Profilfotos hatte ich es unabsichtlich einmal unter einem langen Sommerkleid versteckt und ein anderes Mal überhaupt nicht gezeigt – das Bild war ja auch ein Gesichtsporträt.

»Ron sagt mir ab, weil meine Fotos nicht figurbetont genug sind«, rief ich zu Elisabeth hinüber, die in der Küche rumorte. Als ich eingeschlafen war, hatte sie noch mir gegenüber am Schreibtisch gearbeitet.

»Schick ihm doch einen Link zu einem Porno und behaupte, das seist du, auf Finder aber natürlich inkognito unterwegs. Das wäre sein Preis gewesen! Und dann blockierst du ihn«, kam prompt die Antwort vom Profi.

Während ich noch überlegte, ob mir die Sache den Aufwand wert war, stellte ich fest, dass Ron mir zuvorgekommen war. »Leider hat er schon mich blockiert. Aber ist okay. Am Ende wäre der Nachmittag sehr teuer geworden. Ron schreibt nämlich auf seinem Profil, dass die Damen seine Drinks bezahlen müssen, bis sie aussehen wie auf ihren Fotos.«

Aus der Küche kam ein Stöhnen.

Na ja. Immerhin war ich jetzt um die Erfahrung reicher, dass Typen, die sich schon auf ihrem Profil wie ein Idiot präsentierten, es auch in Wirklichkeit waren. Und ich würde nachher zu diesem Rückenkurs gehen können, bei dem ich mich wegen meiner Nackenverspannungen angemeldet hatte.

Elisabeth kam mit einem Tablett aus der Küche und stellte mir ihren selbstgemachten Eistee und einen üppigen Salatteller vor die Nase. Meinen Laptop schob sie damit ein Stück nach hinten. »Sommerlicher Melonensalat frei nach Starkoch Ottolenghi«, erklärte sie, griff sich den Telefonhörer von meinem Schreibtisch und verschwand dann mit ihrem Teller in ihrem Zimmer.

Elisabeth war eine Genießerin mit Hang zum Übergewicht. Da sie aber weder weiter zunehmen noch Abstriche an den Gaumenfreuden machen wollte, perfektionierte sie in unserer WG-Küche die raffinierte leichte Kochkunst. Wovon ich natürlich ebenfalls profitierte.

Ich pickte herzhaft mit der Gabel in den schön angerichteten Teller und drückte die Entertaste, damit mein Bildschirm wieder anging. »Wow!«, murmelte ich, als sich eine wahre Geschmacksexplosion in meinem Mund ausbreitete. Auf meinem Laptop allerdings erschien nur meine Doktorarbeit, an der ich schon seit vielen Jahren schrieb – über die genaue Anzahl der Jahre schwieg ich lieber. Es war ein umfangreiches wissenschaftshistorisches Werk über den Einfluss von Brehms Tierleben auf die entomologische Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Entomologie war der Fachbegriff für Insektenkunde. Manchmal zweifelte ich am Sinn meines Themas. Wenn es hochkäme, würden zwanzig Leute sich wirklich dafür interessieren. Und das, während draußen das große Insektensterben im Gange war …

Ich trank einen Schluck von dem Eistee und klickte zu Facebook rüber, aber niemand hatte etwas gepostet, das ich nicht schon kannte. Also musste ich wohl selbst ran. Ich schoss ein Handyfoto von der Zitrone und postete es verbunden mit der Frage, was es wohl bedeuten mochte, dass die Frucht mir gerade auf den Kopf gefallen war. Vielleicht würden ein paar witzige Antworten meinen Nachmittag aufpeppen.

Vielleicht ein Kommentar von Jens … Ich hatte schon länger nichts mehr von ihm gehört, und das fühlte sich immer noch komisch an, obwohl wir schon seit einem guten Jahr getrennt waren. Aber er war meine Jugendliebe gewesen und wir ewig zusammen. Zwar war auch mir unser gemeinsames Leben manchmal vorgekommen wie ein Samstagseinkauf in der City mit jemandem, den es immer in die Geschäfte zog, die mich so gar nicht interessierten – aber Schluss gemacht hätte ich trotzdem nie.

Ich hörte Elisabeth in ihrem Zimmer telefonieren.

In den letzten Jahren hatte Jens nur noch für sein Start-up gelebt. Er und ein Kumpel hatten einen hodenfreundlichen Fahrradsattel aus einem kühlenden, ergonomischen Material entwickelt. Inzwischen lief es nicht schlecht, sie belieferten unter anderem Fahrradkuriere europaweit und sicherten deren Fruchtbarkeit. Und Jens hatte offenbar wieder Kapazitäten frei: Um sich etwas auszuprobieren, so hatte er es formuliert, als er mir den Laufpass gab.

Das mit dem Ausprobieren hätte ich ja nun grundsätzlich auch gern gemacht. Nur mit wem? Die Insektenforscherkollegen waren meist eher weniger flotte Bienen, die Typen, die Elisabeth manchmal zu ihren intellektuellen Salons einlud, zu versponnen oder schwafelig. Und beim Onlinedating traf ich zwar zwischen den Reinfällen hin und wieder ganz nette Kerle, aber keinen hätte ich auch nur küssen wollen.

Elisabeth, die ich von der Uni kannte, wo sie als Sozialpsychologin über die Liebe forschte, meinte, ich sei demisexuell veranlagt. Was hieß, dass ich erst eine emotionale Bindung aufbauen musste, um mich körperlich zu jemandem hingezogen zu fühlen.

Es klingelte. Ich nahm die Füße vom Tisch, steckte die Gabel in das letzte Stück Melone und ging zur Wohnungstür. Als ich ankam, stand sie schon offen, und ich hörte Elisabeths Stimme im Treppenhaus. Und schon kam sie mir wieder entgegen, im Arm ein mittelgroßes Päckchen.

»Ich fühle mich wie der Hase in der Fabel vom Hasen und dem Igel. Immer bist du schon da, wenn ich komme.«

Elisabeth lachte. »Das Paket ist für dich, Häschen. Herr Kasch hatte es vorgestern schon angenommen und wollte es jetzt loswerden.« Sie überreichte es mir.

Ich betrachtete den Absender. Das mussten die Belegexemplare für meinen jüngsten Artikel sein! Er war in der Atalanta, einer Fachzeitschrift zur Schmetterlingswanderung, erschienen, und anderthalb Jahre Feldforschung steckten darin.

Während ich noch überlegte, ob die Schere zum Öffnen wohl in der Küche oder im Wintergarten war, kam Elisabeth schon damit an und reichte sie mir.

»Jetzt willst du mich aber veräppeln!«, meinte ich mit gespielter Empörung.

»Überhaupt nicht, ich brenne nur darauf, deinen Artikel zu sehen«, erwiderte Elisabeth.

Sie war einfach in allem schneller als ich. Wenn wir zum Essen einluden, bereitete ich den Nachtisch in der Zeit zu, in der sie die Suppe, Hauptgang und Salat auf den Tisch brachte. (Aus eigenem Antrieb wäre ich natürlich auch nicht so verrückt gewesen, zehn Leute zum Menü zu bitten, muss ich dazusagen.) In der Spanne, in der ich einen Artikel veröffentlichte, publizierte sie sechs. Und während meiner Beziehung mit Jens hatte sie sicher fünfundvierzig wechselnde Partner gehabt.

»Dein Herz schlägt schneller als meins«, stimmte ich Andreas Bouranis Hit mit leicht verändertem Text an, während ich die Magazine aus dem Paket schälte.

»Und doch: Sie schlagen wie eins«, wandelte Elisabeth die darauffolgende Zeile ab. »Jetzt zeig schon.«

Ich merkte ihr an, dass sie sich beherrschen musste, nicht schnell selbst das Inhaltsverzeichnis eines der Hefte zu durchsuchen, um meinen Artikel zu finden.

»Warum bist du bloß mit mir befreundet?«, murmelte ich kopfschüttelnd, während ich blätterte.

»Weißt du doch: Du beruhigst mich«, sagte sie und grinste.

»Dafür hast du doch schon Meyer-Landrut. Dass Katzen und Hunde den Stresshormonspiegel ihrer Halter senken, ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Während es zu mir keine Studien gibt.« Meyer-Landrut war unser Kater, ein dickes, gefräßiges Tier, das Elisabeth als noch junge Katze in dem Jahr zugelaufen war, als die gleichnamige Sängerin den European Song Contest gewonnen hatte. Und weil er so schön miaute und die gleiche Haarfarbe hatte, war er nach ihr benannt worden.

»Dein Fell ist weicher«, sagte sie und tätschelte meinen gewellten, etwas fusseligen rotblonden Schopf. »Außerdem hältst du deine Toilette selbst sauber.«

Da! Mein Artikel. Unser Gespräch bedurfte keiner Fortsetzung, denn natürlich hatten wir es so ähnlich schon tausendmal geführt. Es gehörte sozusagen zu den Ritualen unserer Freundschaft. Meistens versicherte Elisabeth mir am Ende noch mal, dass ich ganz normal war und sie eben hyperaktiv. Außerdem könne ich gut putzen.

Jetzt hielt ich ihr das aufgeschlagene Heft hin. »Alle Grafiken am richtigen Platz, wie es aussieht, und sie haben sogar die ungekürzte Version genommen.«

»Echt gut«, meinte sie im Überfliegen. »Auch stilistisch. Und dann die Forderung an die Kommunalpolitik nach den Blühzonen im öffentlichen Raum. Hoffentlich könnt ihr euch damit Gehör verschaffen. Nur dass du halt nicht Ralf Perscheid heißt …«

»Jaaaa«, antwortete ich gedehnt. Der Artikel war von vorn bis hinten von mir, ich hatte die Forschung geleitet und größtenteils selbst in Feld und Flur durchgeführt. Hatte im Regen gestanden und in der Erde gewühlt. Aber mein Name stand nirgends. Offiziell war der Artikel von dem Professor, für den ich arbeitete. Er dankte am Ende nur seinem anonymen Team für die Unterstützung. »So ist es halt. Dafür sorgt er immer wieder dafür, dass mein Vertrag verlängert wird. Trickst mit den Projektmitteln herum und so weiter. Ohne ihn wäre ich schon längst arbeitslos.«

»Du hättest einen anderen Job. Du bist eine Koryphäe – wenn auch leider nur heimlich.«

»Ja, eben. Und mit einem anderen Job hätten wir es auch nicht so gemütlich, sondern du müsstest immer allein hier sitzen. Anderswo könnte ich bestimmt nicht so oft Homeoffice machen.«

»Es würde ja schon reichen, wenn du nur mal verlangen würdest, dass du als Mitautorin unter deinen eigenen Artikeln genannt wirst … Der Typ braucht dich doch. Er würde sich am Ende bestimmt nicht dagegen sperren.«

»Jahaa …«, machte ich wieder. »Nächstes Mal.«

Elisabeth sah mich zweifelnd an.

Ich schwieg, wollte das Thema lieber nicht weiter vertiefen. Solange ich nicht so viel drüber nachdachte, wurmte es mich weniger, dass die Lorbeeren für meine Arbeit jemand anders kassierte. Und auch, dass ich so ein harmoniesüchtiges, schissiges Weibchen war.

Ausweichend blickte ich auf mein Handy. Es zeigte einen Kommentar unter meinem Zitronenposting an. Er war allerdings nicht von Jens, sondern von Elisabeth, die vermutete, dass die Zitrone mich weiterarbeiten sehen wollte. Sie grinste mich an, und ich sah es ein. Bis es Zeit für den Rückenkurs war, widmete ich mich noch mal meinem Forschungsthema.

Kapitel 2

Der schöne Argus, Adonis, ist entschieden der prächtigste unserer deutschen BLÄULINGE, denn das Blau seiner Flügel wird in Feuer und Glanz von keinem anderen erreicht.

Brehms Tierleben, Bd. 9: Insekten, Tausendfüßer und Spinnen, über den Bläuling

Draußen hatte der Dauerregen der letzten Tage nachgelassen, es nieselte nur noch ein bisschen. Ich inhalierte die kühle, feuchte Frühlingsluft und bemerkte, dass die Kastanie vor unserem Haus leicht zu grünen begonnen hatte. Ich hatte auch gestern nicht die Wohnung verlassen, sondern bei geschlossenem Wintergarten über dem Laptop gebrütet und war nur gelegentlich zum Klo oder in die Küche getrottet. Umso schöner war es jetzt, mit ein paar ausgreifenden Schritten in Bewegung zu kommen. Am liebsten wäre ich kurz gerannt, aber mit meinen Gummi-Clogs und dem Schirm war das ungünstig und hätte vielleicht auch etwas komisch ausgesehen. Also hielt ich nur mal eben den Schirm von mir weg, um ein paar Regentropfen mit dem Gesicht aufzufangen.

Hinter der nächsten Straßenecke hörte ich von ferne Hildegard Knef rote Rosen und all die anderen Wunder besingen, die das Leben ab jetzt für sie bereithalten sollte. Ich konnte zwar nicht ausmachen, aus welchem Haus die Musik kam, aber bei dem Wunsch ging ich mit. Nach anderthalb Jahren Singledasein und davor bestimmt sieben mit Jens ohne jegliche Romantik fand ich schon, dass ich damit mal wieder an der Reihe war.

Die Schulturnhalle, in der der Rückenkurs oder genauer gesagt das Faszientraining für den Rücken stattfinden sollte, war an ihren typischen großen, quadratischen Glasbausteinfenstern zu erkennen und in einem langgezogenen Nebengebäude untergebracht. Als ich die stickige Umkleide betrat, in der sich der Geruch alten Gemäuers mit einem Hauch jugendlichen Fußschweißes mischte, bedauerte ich kurz, hergekommen zu sein. Vielleicht hätte es eine Joggingrunde durch den Lohsepark auch getan. Aber nein, ich wollte ja speziell etwas für meinen Nacken tun. Ich stellte Schirm und Schlappen in der Umkleide zu einigen anderen Schuhen und Taschen, die so aussahen, als gehörten sie eher älteren Semestern. Meine Jacke, unter der ich schon die Sportkleidung trug, hängte ich an die Garderobe.

Als ich die Halle betrat, wurde die Musik, die in der Umkleide kaum zu vernehmen gewesen war, wieder lauter. Das kleine Grüppchen Teilnehmer, zwei Männer in ihren Fünfzigern und drei Frauen, die sicher auch ein gutes Stück älter waren als ich, saßen alle mit etwas Sicherheitsabstand zum jeweiligen Nachbarn auf der Turnhallenbank aufgereiht. Einige hatten begonnen, sich zu unterhalten, und fragten sich offenbar ebenfalls, woher der Sound kam. In dem Moment, als ich mich zu ihnen auf die Bank setzte, ging er allerdings auch schon aus.

Dafür öffnete sich die Tür der Herrenumkleide, und ein Mann trat heraus. Er kniff die Augen zusammen, als wäre es ihm zu hell in der Halle, dann schaute er sich mit etwas angestrengtem Gesichtsausdruck um. Zögerlich ging er schließlich auf unsere Bank zu, nickte einmal in die Runde und setzte sich neben einen der Herren. Schade eigentlich, er hatte ganz niedlich ausgesehen in seinen Joggingshorts und dem labbrigen blauen T-Shirt.

Kurz schaute ich an mir herab. Ein sexy Outfit sah anders aus, aber immerhin konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass wir vom Stil her ganz gut zusammenpassten. Labbriges T-Shirt konnte ich auch. Außerdem waren wir beide ungeschminkt. Vielleicht fiel es ihm auf.

Allerdings wirkte ich ohne Mascara immer, als wäre ich bei der Verteilung der Wimpern gerade auf dem Klo gewesen. Elisabeth hatte mal gesagt, ich hätte ein Gesicht wie aus einem anderen Jahrhundert. Und tatsächlich hingen im Amsterdamer Rijksmuseum so einige Ölschinken, auf denen die Kaufmannsgattinnen mit ihren runden Gesichtern, der hellen Haut und den großen, ein bisschen glupschigen blauen Augen einem ganz ähnlichen Phänotyp angehörten wie ich.

Verstohlen guckte ich noch mal zu dem Typ hinüber, aber er hatte die Unterarme auf die Oberschenkel gestützt und schaute zu Boden. Wie ein trauriger, verletzter Nationalspieler auf der Ersatzbank.

Jetzt trudelte noch eine Frau in meinem Alter ein, die ziemlich abgehetzt wirkte und sich sogleich auf die Bank plumpsen ließ. Nach ihr erschien eine jüngere mit einem auffälligen Lidstrich und langen schwarzgefärbten Haaren, die zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden waren.

»Hallo zusammen, ich leite diesen Kurs heute«, rief Letztere gut gelaunt, während sie federnden Schrittes auf uns zukam. Gekleidet war sie in einen eng anliegenden schwarzen Catsuit. Das sah eher nach Aerobic als nach Rückenkurs aus, aber vielleicht unterrichtete sie ja beides. Jedenfalls gab es in diesem Moment sicher niemanden in der Halle, der nicht ihre hübsche Silhouette bewunderte. Der Typ sah auch hin, wie ich mit einem Seitenblick feststellte.

»Entschuldigt die Verspätung, ich musste den Hausmeister erst noch bitten, seine Partymusik leiser zu stellen. Die hört er sonntags immer gerne, aber wir kommen bei der Lautstärke ja nicht in die Entspannung, und die ist für den Rücken das A und O. Jetzt setzen wir uns erst mal in einen Kreis. Am besten alle im Schneidersitz – dabei nehmen wir ganz automatisch eine bessere Haltung an.« Unsere Kursleiterin selbst saß, nachdem sie sich elegant niedergelassen hatte, aufrecht da wie eine Balletteuse.

Einige Teilnehmer brauchten ziemlich lange, um ihre Beine einzufalten, und die resolut wirkende Frau neben mir mit ihrem sorgfältig gebügelten T-Shirt und der rot getönten Kurzhaarfrisur entschuldigte sich, sie könne seit ihrer Meniskusoperation das Knie schlecht knicken.

»Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, dass wir uns hier duzen. Hat jemand was dagegen?«, fragte unsere Lara Croft für den Rücken. Niemand widersprach, auch wenn die beiden älteren Herren guckten, als ginge ihnen das nun doch zu weit. »Wunderbar, ich bin also die Pia und ausgebildete Fitnesstrainerin und Physiotherapeutin. Manche kennen mich aus der Praxis am Heumarkt.« Sie nickte zu einer der älteren Damen hinüber. »Der Rücken ist mein Schwerpunkt.«

»Mit Schwerpunkt im Rücken muss dat Leben ja ’n Balanceakt sein«, murmelte einer der Griesgrame in seinen Schnauzer.

Pia lächelte künstlich und zog es ansonsten vor, die Bemerkung zu ignorieren. Außerdem wurde es jetzt spannend, denn sie hatte eine Mappe aus ihrer pinkfarbenen Sporttasche hervorgekramt und kündigte an, die Teilnehmerliste durchzugehen.

»Ich rufe euch alle nacheinander auf, und jeder erzählt mir dann ein bisschen, warum er hier ist, ob es akute Beschwerden gibt und was er von diesem Kurs erwartet. Dann kann ich auch darauf achten, dass ihr keine Übungen mitmacht, die nicht gut für euch sind. Die Erste auf meiner Liste ist Carla.«

»Hier«, meldete sich die jüngere Frau, die zuletzt gekommen war, und hob kurz die Hand. Hektisch begann sie mit ihrer Vorstellung, als gäbe es keine Zeit zu verlieren: »Also, warum ich hier bin: Ich hab vor ’nem guten halben Jahr Zwillinge bekommen, und die beiden wollen die ganze Zeit über getragen werden. Ich hab dann immer die Marie vor dem Bauch und die Juna auf dem Rücken in der Babytrage. Sie schlafen auch nur in der Trage, jedenfalls tagsüber. Abends tun mir die Schultern weh, und ich hab fast den Eindruck, dass ich etwas verkrampfe.«

Den Eindruck hatte ich auch, und ich konnte nur hoffen, dass meine Kinder, falls ich welche bekommen sollte, hintereinander statt gleichzeitig kämen. Auch Pia nickte mitfühlend.

Carla plapperte weiter. »Außerdem steht überall in den Ratgebern, man soll als Mutter auch mal was für sich tun. Ich hab also heute 750 Milliliter Milch abgepumpt und portioniert und beschriftet in den Kühlschrank gestellt und der Oma eine Anleitung geschrieben, auch wie das mit den drei Breien funktioniert, die sie zusammenmischen muss, damit Juna den isst – die ist da ein bisschen wählerisch. Ich hab die beiden dann noch mal gewickelt und mich fertig gemacht – und dann kam also meine Mutter zum fliegenden Wechsel, die stand vorher noch im Stau. Jetzt bin ich also hier. Mal ein bisschen entstressen. Hab aber das Handy hier bei mir. Falls was sein sollte.« Sie lächelte erschöpft in die Runde. »Tschuldigung, ich hab seit vorgestern mit niemandem mehr als einen Satz gesprochen. Hab ein bisschen Nachholbedarf.«

Von den Frauen kam ein verständnisvolles Murmeln. »Das ist nur eine Phase, musst du dir immer sagen«, meinte meine Nachbarin. »Es wird wieder besser.«

»Ach wat. Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen.« Das war wieder der Griesgram mit dem Schnauzbart.

Carla schaute ihn erschreckt an und sagte nichts mehr. Mir fiel auf, dass sie es fast geschafft hatte, sich die Fingernägel zu lackieren. Nur Mittel-, Ring- und kleiner Finger rechts fehlten noch.

»Das hört sich sehr fordernd an, Carla«, schaltete sich Pia mit warmer Stimme ein. »Aber auch erfüllend.«

»Ja, total«, bestätigte Carla, aber klang dabei weit weniger überzeugt. »Sie geben ja so viel zurück«, setzte sie noch tapfer hinzu.

»Das will man aber auch nicht immer haben.« Der Schnauzbart schien aus Erfahrung zu sprechen.

»Du wirst hier ganz bestimmt etwas Ausgleich finden, auch für deine Schultern«, übernahm wieder Pia. »Am Ende jeder Kursstunde machen wir eine Entspannungseinheit. Und vorher werden wir uns einige sehr wirksame Regenerationsübungen erarbeiten.« Sie zwinkerte Carla zu und schaute dann wieder in ihre Mappe. »Die Nächste auf meiner Liste ist Cornelia.«

Das war die Kurzhaarige neben mir, deren T-Shirt intensiv nach Weichspüler duftete. Sie sprach laut und frei von der Seele weg. »Ach, was soll ich sagen, seit der Sache mit dem Meniskus ist irgendwie der Wurm drin. Es zwickt und zwackt an allen Ecken und Enden, besonders am Rücken, und mein Hausarzt meint, ich muss was tun. Diese Faszien sind ja im Moment der letzte Schrei und klingen wie die Lösung aller Probleme, und da dachte ich, das probiere ich mal aus.«

»Tatsächlich ist es so, dass die Faszien, das Bindegewebe, das unseren ganzen Körper zusammenhält, zwar schon lange bekannt sind, aber man erst seit Kürzerem dabei ist, ihre Bedeutung für den ganzen Stütz- und Bewegungsapparat zu erfassen. Und ihr werdet ihre Bedeutung in den nächsten Wochen am eigenen Leib erfahren.« Auch Cornelia bekam ein Zwinkern von Pia.

Während Ronald – das war der Schnauzer – und sein Kollege Rainer verlesen wurden, die beide von der Stadtreinigung waren und nicht freiwillig, sondern aufgrund einer Verschwörung ihrer Ehefrauen hier, begann mein Herz ein bisschen schneller zu schlagen. Ich wäre ja jetzt zwangsläufig eine der Nächsten. Der Typ fehlte noch, ich und eine andere Frau. Zwar war ich mittlerweile daran gewöhnt, an der Uni Seminare zu geben. Aber in fremder Umgebung über mich selbst zu sprechen, das war mir immer noch nicht angenehm. Zumal ich hier nicht richtig wusste, was ich sagen sollte. Die anderen hatten so prominente Beschwerden. Andererseits wollte ich vor dem Typ, der mit konzentrierter Miene die Vorstellung der anderen begleitet und einige Male an den richtigen Stellen sehr nett gelacht hatte, auch nicht total unfit rüberkommen.

Das Los ging noch ein weiteres Mal an mir vorüber. Aufatmen. Und hinhören! »Lars«, las Pia nämlich nun mit dem french manikürten Finger auf ihrer Liste vor.

Lars also. Mit seinem dicken dunkelblonden Haar hatte er auch ein bisschen was Skandinavisches. Jetzt strich er es sich aus der Stirn. Vielleicht war er auch etwas nervös. »Das bin dann ich«, meinte er überflüssigerweise, denn alle anderen Männer waren ja schon dran gewesen. »Ich hatte vor einiger Zeit zwei Bandscheibenvorfälle.« Seine Stimme klang ein bisschen rau, lässig. Mit so einer Stimme ausgesprochen klangen zwei Bandscheibenvorfälle wie etwas, das jeder Mann haben sollte. Wie zwei Millionen auf dem Konto oder zwei Groupies im Bett.

»Damit bist du für heute unser Sieger«, scherzte Pia, die das womöglich genauso sah, und schenkte nun auch Lars ihr Zwinkern, was mir irgendwie nicht passte. »Leider gibt es das gar nicht mal so selten im jüngeren Alter. Am besten sprechen wir beide nachher noch darüber, welche Bandscheiben genau betroffen sind. Dann kann ich dir beim nächsten Mal ein, zwei maßgeschneiderte Übungen mitbringen.«

»Danke. Ich bin jedenfalls top motiviert«, meinte Lars und lächelte etwas gequält, während er wiederum mit diesen angestrengt zusammengekniffenen Augen in Pias Richtung schaute. Als er dann ein wenig sein Gewicht verlagerte, zuckte er prompt zusammen.

»Ich sehe schon, da haben wir einiges zu tun«, antwortete Pia und lächelte warmherzig.

Als sie ihren Blick wieder der Liste zuwandte, war ich an der Reihe. »Svea.«

»Hier!« Ich winkte etwas albern in die Runde.

»Hallo, Svea«, winkte Cornelia zurück, und Ronald und Rainer feixten.

»Also, ich habe hin und wieder Nackenschmerzen.« Und als diese Worte so unabgeschlossen in der Luft hingen, fügte ich noch hinzu: »Wenn Mails von meinem Chef kommen.« Tatsächlich hatte ich da einen Zusammenhang festgestellt.

Ich erntete einen Lacher, den ich so nicht geplant hatte, und wagte es nicht, in Lars’ Richtung zu gucken.

Pia aber nahm mich ernst. »Da sprichst du etwas ganz Wichtiges an, das du offensichtlich schon intuitiv erkannt hast. Rückenprobleme haben sehr oft eine psychische Komponente. Wenn man sich die nicht ansieht, kann man meist nur Teilerfolge erzielen. Das können wir hier im Kurs nicht leisten, aber ich kann euch nur immer wieder ermutigen, diesen Aspekt für euch selbst anzuschauen. Danke, Svea!« Pia nickte mir zu, und jetzt war ich fast ein bisschen stolz. Verstohlen schaute ich zu Lars hinüber, der aber nach unten auf seine gekreuzten Beine in den dunkelgrünen Sweat-Shorts sah und vielleicht schon begonnen hatte, seine Psyche zu befragen. Was ihm wohl nach Pias Theorie seine Bandscheibenvorfälle beschert haben mochte?

Als wir gerade noch Miriam und ihren Ischias kennenlernten, sah Lars plötzlich auf und in meine Richtung. Ich konnte nicht rechtzeitig wegschauen, und so begegneten sich unsere Blicke. Mein ertappter und sein etwas angespannter. Er lächelte nicht und strich sich wieder die Haare aus der Stirn.

Und in diesem Moment geschah etwas. Es war, als seien alle meine Nervenenden auf Empfang gestellt worden. Ich konnte ihn nur weiterhin anstarren, während er unverwandt zurückblickte. Mir wurde schwindelig, und ich musste mich mit den Händen auf dem Boden abstützen.

Pia hatte offenbar angeordnet, dass wir aufstehen sollten, denn alle erhoben sich, auch Lars. Wie gebannt verfolgte ich seine Bewegungen. Wie er seine Füße aufsetzte, sich streckte. Erst als er sich umgedreht hatte und mir den Rücken zuwandte, stand ich mit Pudding in den Beinen auf. Die Gruppe strömte zu einem Schrank hinter einem der Rolltore, aus dem wir uns wohl jeder eine Matte nehmen sollten, außerdem eine der Faszienrollen. Zu Lars hielt ich verwirrt Abstand, aber als wir uns alle einen Platz suchen sollten, wählte ich den hinter ihm.

Pia begann nun, die Übungen jeweils erst zu erläutern und dann zu demonstrieren, aber ich konnte ihr beim besten Willen nicht folgen. Mit Blick auf meine Mattennachbarn, vor allem aber auf meinen Vordermann, turnte ich mehr schlecht als recht und immer etwas zeitverzögert hinterher. Ich hatte das Gefühl, dass eine Wärme von diesem Lars ausging, die wie eine Infrarotlampe auf mich gerichtet war und mich magisch anzog.

Am liebsten wäre ich aufgestanden, hätte ihn von hinten umarmt und meine Wange an seinen geschundenen Rücken unter dem verwaschenen T-Shirt gelegt. Wie er wohl roch? Seltsamerweise hatte ich bereits eine Vorstellung davon. Waldig irgendwie. Mit einer kuscheligen Kokosnote.

Nach einiger Zeit kam Pia, die reihum bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorbeiging, Tipps gab oder Fragen stellte, bei Lars an. Ich rollte gerade in halb sitzender, halb liegender Position auf der harten Styroporrolle nach hinten. Als Pia sachte ihre Hand auf Lars’ Wirbelsäule legte, hielt ich den Atem an und stoppte in der Bewegung.

»An welcher Stelle waren denn die Vorfälle, und wo hast du noch Schmerzen?«, fragte Pia leise, während sie mit einem professionellen Handstreich Lars’ Bandscheiben nach oben folgte.

Ich wünschte mir, sie zu sein.

»Ganz unten«, antwortete Lars mit dieser Bandleaderstimme, während Pias Hand zu der besagten Stelle fuhr. »Zwischen Kreuzbein und Lendenwirbel und eins darüber«, setzte er hinzu, aber ich meinte zu bemerken, dass er unauffällig ein bisschen von Pias Hand abrückte. »Die Schmerzen strahlen von dort bis in die Hüfte und die Beine.« Pia nahm ihre Hand weg, und ich hatte keine Ahnung, ob ich das bedauern oder begrüßen sollte.

Dann sagte sie: »Du solltest den Bereich nicht aussparen, auch wenn es etwas weh tut. Durch die Schonhaltung ist jetzt alles völlig verspannt, und das ist auch der Hauptgrund für die Beschwerden. Schau nur, dass du mit der Rolle nicht direkt auf die Wirbelsäule drückst, ja? Und wenn der Schmerz schussartig kommt, dann hör auf.«

»Okay«, antwortete der Patient und ließ seinen breiten Problemrücken gehorsam weiter über die Rolle gleiten. Die Körperbeherrschung, die er dabei an den Tag legte, verriet, dass er wohl im Grunde nicht unsportlich war. Und ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich wirklich so demisexuell war.

Aber es war nicht nur das. Lars strahlte so etwas Vertrauenerweckendes aus. Oder sollte ich sagen: Vertrautes? Ich hätte ihm sofort einen Gebrauchtwagen abgekauft. Obwohl ich hier in der Stadt kein Auto fuhr. Aber auch jede andere Frage von ihm hätte ich wohl gerade ohne zu zögern mit Ja beantwortet.

Doch jetzt kam Pia erst mal zu mir herüber, und ich bemühte mich, so zu wirken, als sei ich ernsthaft bei der Sache. Aufmunternd lächelnd korrigierte sie meine Haltung. Dann legte sie ihre heilende Physiotherapeutinnenhand für wenige Sekunden auf meinen Nacken, bevor sie weiter zu Rainer oder Ronald ging. Zwar war ich ein bisschen neidisch, weil Pia mit so großer Selbstverständlichkeit einen Catsuit mit Spaghettiträgern trug, und vor allem, weil sie Lars einfach so anfassen durfte. Aber sie war als Kursleiterin echt gut, das musste ich ihr lassen. Selbst wenn das Faszientraining an sich keinen Effekt hätte, so würde sich dank ihrer sachkundigen Zuwendung sicher bei jedem eine Placebo-Wirkung einstellen.

Halbherzig setzte ich die Übungen fort, immer darauf bedacht, keine allzu schlechte Figur abzugeben für den Fall, dass Lars sich mal umdrehen würde. Sofern meine Position das erlaubte, beobachtete ich ihn und versuchte, mir jedes Detail einzuprägen. Schließlich würde ich ihn bald eine Woche lang nicht sehen. Die Silhouette seines blassen Nackens. Seine etwas verhaltene Art, sich zu bewegen. Seine Schulterblätter unter dem blauen T-Shirt und die durch zahlreiche Waschgänge spröde gewordene Schrift darauf. Wie er hin und wieder seine gleichwohl jugendlich wie kraftvoll wirkende Hand mit den paar Sommersprossen darauf in den Rücken drückte. Das Muster, in dem die Venen die Hand durchzogen. Und dann sein solidarisches Lächeln in Richtung Rainer, der neben ihm saß und jedes »Spürt der Zugspannung nach!« oder »Das ist nicht angenehm, aber sehr wirksam!« von Pia mit einem lauten Ächzen quittierte.

Nach der Abschlussentspannung, während derer Pias sanfte, gurrende Anweisungen uns das Gehirn massierten, verstauten wir alle ziemlich benommen unser Material in den Schränken. Nur Carla war schon am Handy und eilte in Richtung Ausgang. Die beiden Herren von der Stadtreinigung wirkten etwas versöhnt, Lars in sich gekehrt. Zu einem weiteren Blickkontakt kam es nicht, und mir war das auch genug für heute.

Draußen regnete es inzwischen nicht mehr. Als ich auf dem Rückweg an einem Vorgarten vorbeikam, in dem die Buschwindröschen in Hülle und Fülle blühten, schaute ich mich kurz um und brach dann eine der kleinen weißen Blüten ab. Sie hatte ihren Zenit schon überschritten, aber für heute wollte ich sie noch auf meinen Schreibtisch stellen.

Kapitel 3

Unter der Familie der kleinen, meist licht gelblich gefärbten Mücken […] gibt es auch eine Reihe, welche man wegen ihrer dunklen Flügel TRAUERMÜCKEN (Sciara) genannt hat. […] Die Larve hat, wenn sie in größeren Mengen vorkommt, als sogenannter Heerwurm (Kriegswurm, Wurmdrache, Heerschlange) eine gewisse Berühmtheit erlangt. […] Die einen prophezeiten aus dem Erscheinen des Heerwurmes Krieg, die anderen den Ausfall der Ernte; so zwar, daß er den schlesischen Bergbewohnern Segen verhieß, wenn er thaleinwärts zog, Mißwachs dagegen, wenn er seinen Weg bergauf nahm; den Abergläubischen im Thüringer Walde bedeutete jene Marschrichtung Frieden, diese Krieg. Noch andere benutzten das Erscheinen des Heerwurmes als Orakel für ihre Person. Sie warfen ihm Kleider und Bänder in den Weg und schätzten sich glücklich, besonders hoffnungsvolle Frauen, wenn er über diese hinkroch, bezeichneten hingegen den als einen nahen Todeskandidaten, dessen Kleidungsstücken er auswich.

Brehms Tierleben, Bd. 9: Insekten, Tausendfüßer und Spinnen, über die Trauermücke

Elisabeth war nicht zu Hause, dabei hätte ich ihr so gern sofort von meiner aufregenden Rückenstunde erzählt. Das Buschwindröschen stellte ich in ein Wasserglas. Mit mir hingegen wusste ich nicht so recht wohin, begann schließlich, die Küche aufzuräumen, in der noch die Überreste von unserem Salat herumlagen.

Meyer-Landrut sprang mit einer trägen Bewegung vor mir auf die Arbeitsfläche und setzte sich aufrecht hin, als wollte er sagen: Na komm schon, dann erzähl’s halt mir, wenn’s raus muss. Ich nahm ihn auf den Arm, rieb meine Nase zwischen seine Ohren und bedankte mich, dass ich so auf ihn zählen konnte.

Unsere Küche war mit ihren beigebraun strukturierten Achtziger-Jahre-Fronten eigentlich ausnehmend hässlich. Als wir einzogen, hatten wir vorgehabt, sie bei nächster Gelegenheit abzubauen und einige luftige Ikea-Elemente zu ein paar Regalen zu kombinieren. Aber wie das so ist, hatten wir uns schon nach kurzer Zeit an den Anblick gewöhnt. Außerdem schnurrten die Schubladen in ihren Scharnieren so sanft raus und wieder rein wie bei keiner zweiten, die Schränke schlossen mit einem samtigen Ploppen, und wir hatten so viele Unter- und Oberschränke, dass Elisabeths umfangreiche Zutaten- und Geschirrsammlung darin verschwand und immer noch Platz war. Und die Geräte würden wahrscheinlich auch noch die nächsten dreißig Jahre halten. Als ich die Spülmaschine angestellt und mit den Resten der Zitrone die Kalkspuren an Wasserhahn und Spülbecken entfernt hatte, ging mein Puls etwas ruhiger. Wo andere eine Achtsamkeitsmeditation brauchten, konnte ich einfach putzen. Da schlug man doch zwei Musca domestica (Stubenfliegen) mit einer Klappe. Sowieso fand ich, dass Hausarbeit chronisch unterbewertet wurde. Immerhin rackerte man sich dabei nicht im Dienste irgendeines Unternehmens ab, das im Zweifelsfall am Ende sinnlosen Plastikmüll produzierte, sondern sorgte dafür, dass man selbst und die eigenen Lieben es gemütlich hatten …

Jedenfalls hatten Elisabeth und ich beschlossen, uns das Geld für neues Küchenmobiliar zu sparen und den Retrostil zur Tugend zu erheben. Wir hatten etwas stümperhaft die Wände um die Schränke herum lindgrün gestrichen, und auf dem Fensterbrett wucherten die Modepflanzen der Achtziger: zwei Grünlilien neben einem Pfennigbaum in einem mit Makramee überzogenen Blumentopf. Nahe meinem Essplatz an dem kleinen Klapptisch aus Kiefernholz störte ein zu großer Ficus benjamina, der dafür aber ja auch nichts konnte und deswegen stehen bleiben durfte.

Nachdem hier alles einwandfrei aussah, kramte ich mein Handy aus meiner Jacke hervor. Zu meiner Überraschung zeigte es sieben verpasste Anrufe von meiner Mutter an. Das war aber untypisch. Ohne die Mailbox abzuhören, rief ich zurück. Es klingelte lange, dann ging Mama endlich dran.

»Svea«, sagte sie nur. Sie klang erschöpft.

»Hallo, Mama. Was ist denn los?«

»Alles gut bei dir?«, fragte sie, anstatt meine Frage zu beantworten.

»Ja, klar. Ich war beim Rückenkurs, hatte ich dir, glaube ich, erzählt. Aber was ist los?«

Sie seufzte. »Dass du es jetzt auch schon im Rücken hast …«

»Mama! Das ist doch jetzt egal. Sag mir, was los ist!«

»Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll … Papa …«

Schreck und Angst schossen mir in die Glieder und ließen meine Stimme lauter und schriller klingen als beabsichtigt. »Sag mir einfach, was los ist!«

»Ja, natürlich, entschuldige. Ich bin noch ganz erschlagen.« Ihre Stimme brach. »Er hatte heute Mittag einen leichten Schlaganfall.«

»Aber er lebt?«, flüsterte ich, während mir das Blut in den Kopf schoss.

»Ja – ja! Doch, es geht ihm sogar den Umständen entsprechend gut. Es war ein Warnschuss, sagt der Arzt, mit dem ich gesprochen habe.«

»Ist er bei Bewusstsein?« Ich kramte in meinem Gehirn nach allen Infos, die ich zum Thema Schlaganfall gespeichert hatte. Viel war das nicht, ich erinnerte mich nur, dass bei Facebook eine Zeitlang eine Liste mit einigen Punkten herumging, an denen man einen Schlaganfall erkennen konnte. Man sollte den Betroffenen zum Lächeln auffordern. Fiel das schief aus, war das ein Anzeichen für einen Hirnschlag, so viel wusste ich noch. Ich dachte an das feine, ein wenig zurückhaltende Lachen meines Papas, und die Tränen traten mir in die Augen.

»Ja, eben war er wach, sollte aber jetzt ein bisschen schlafen. Wir sind im Krankenhaus. Er hat Probleme mit dem linken Bein. Meistens wird das mit Physiotherapie langsam wieder besser, meinen sie hier.« Bei dem Stichwort musste ich kurz an Pia denken.

»Aber so weit sind wir natürlich noch nicht. Jetzt wird er erst mal durchgecheckt, um abzuklären, ob irgendwo noch ein weiteres Blutgerinnsel lauert«, erklärte Mama.

»Ich komme sofort«, kündigte ich an. »Welches Zimmer?«

»Aber hast du denn überhaupt Zeit, du hast doch immer so viel Stress am Lehrstuhl.«

»Also bitte jetzt, sag mir einfach die Station und das Zimmer.«

Sie nannte mir die Daten, ermahnte mich dann noch mal, auf dem Weg gut aufzupassen, nicht dass mir auch noch etwas passierte, wenn ich jetzt derart aufgewühlt unter die Verkehrsteilnehmer ging.

Es war immer das Gleiche. Ich sollte vor allem geschützt, von allem verschont werden. Als wäre ich immer noch ein hilfloses Kleinkind, das durch einen unglücklichen Zufall in den Körper einer erwachsenen Frau geraten war und dann auch noch eine Stelle an der Uni bekommen hatte. Dabei war es keineswegs so, dass meine Eltern mich aggressiv bevormundeten oder versuchten, sich einzumischen, wie ich das manchmal bei Freundinnen erlebte. Vielmehr fassten sie mich immer mit Samthandschuhen an, bemühten sich, nur ja nicht meinen Unmut zu erregen. Allerdings machte gerade das mich oft rasend. Auch wenn ich nun selbst nicht gerade der Typ war, der sich kopfüber in jeden Konflikt stürzte, sehnte ich mich manchmal nach einer offenen Auseinandersetzung, nach der man sich dann wieder herzlich in die Arme nehmen konnte. Aber das war undenkbar, meine Eltern waren immer schon wie eine liebevolle, samtweiche Front für mich gewesen. Ankuscheln jederzeit, Reibung schwierig.

Dass meine Mutter so ungeduldig versucht hatte, mich zu erreichen, zeigte, wie sehr sie aus der Bahn geworfen war, und auch mir zitterten nach dem Gespräch die Knie. Zum zweiten Mal an diesem Tag, wie mir auffiel, nur aus denkbar unterschiedlichen Gründen.

Ich zog mir schnell etwas Vernünftiges an, damit die Ärzte den Eindruck bekämen, dass man mit den Angehörigen des Patienten Werner Tewald rechnen musste. Dann lief ich zur Bushaltestelle.

Als ich schließlich vor der genannten Zimmertür stand, atmete ich mehrmals tief durch, bevor ich klopfte. Ich hatte zum ersten Mal Angst davor, meine Eltern zu sehen. Davor, dass dem einen Schlaganfall vielleicht in der Zwischenzeit ein zweiter, stärkerer gefolgt war. So etwas gab es doch? Davor, dass mein Vater verändert aussehen, meine Mutter weinen und ich hilflos dastehen würde …

Langsam ließ ich die Tür aufschwingen – und sah erst nur ein leeres Bett mit einer darüber gebreiteten Plastikfolie. Doch dahinter stand noch ein weiteres Bett, und unter einem weißen, kleingemusterten Plumeau zeichneten sich darin ein paar Beine ab. Der Blick aus dem Fenster ging ins Grüne.

Jetzt kam auch Mama auf mich zu. Sie war sehr blass, und ihr dünnes Gesicht unter dem rötlich gesträhnten Bob wirkte älter, als ich es in Erinnerung hatte. Wir umarmten uns lange, denn mein Vater war eingeschlafen, wie ich mit einem Blick über ihre Schulter feststellte. Ich hatte ihn seit Ewigkeiten nicht mehr schlafend gesehen, und der Anblick ließ mein Herz schwer und warm werden.

Als meine Mutter mir einen Stuhl zurechtrückte, wachte er jedoch schon wieder auf. Eigentlich sah er recht normal aus, stellte ich erleichtert fest. Er trug noch eins seiner grün-weiß-karierten Arbeitshemden. Vermutlich war er mal wieder sonntags auf einer seiner Baustellen unterwegs gewesen. Mein Vater hatte eine Gartenbaufirma und arbeitete zu viel. Das war eigentlich schon lange klar, aber jetzt konnte es wohl erst recht nicht mehr so weitergehen.

»Tag, mein Mäuschen«, sagte er wie immer, aber die Erschöpfung war ihm deutlich anzumerken. Er sprach langsamer als sonst.

»Hallo, Papa«, antwortete ich und gab ihm einen Kuss auf die hohe Stirn, atmete dabei seinen väterlichen Geruch ein, spürte seine Wärme und war heilfroh, dass wir noch mal davongekommen waren. Wieder kamen mir die Tränen, und ich sah kurz zur Seite.

»Setz dich zu mir«, meinte er und klopfte auf seine Bettkante. »Mit dem Bein hier kann ich dich gerade sowieso nicht treten.«

Gehorsam schmunzelte ich über den kleinen Versuch zu scherzen. »Ich habe schon von Mama gehört, dass das Bein Probleme macht.«

»Ja, das kommt natürlich jetzt zur Unzeit. Ich habe vier Aufträge am Laufen und weitere in der Pipeline. Das schafft der Dieter nicht alleine.« Dieter arbeitete schon in der Firma, seit ich denken konnte, und übernahm mit einigen Honorarkräften den Großteil der Arbeit vor Ort in den Gärten. Ums Geschäftliche allerdings kümmerte sich ausschließlich mein Vater.

»Das wird sich irgendwie regeln, Werner«, warf meine Mutter ein. »Ich spreche mit Dieter, und der wird schauen, was er tun kann, und dann die Auftraggeber entsprechend informieren.«

»Ich rede selbst mit ihm. Ich habe ihm gerade schon eine SMS geschickt. Er kommt gleich«, verkündete mein Vater.

»Er kommt gleich?«, wiederholte ich entgeistert. »Du wurdest vor anderthalb Stunden in die Stroke Unit eingeliefert, und jetzt willst du hier ein berufliches Meeting abhalten?«

»Ja, wer soll es denn sonst machen? Du vielleicht?« Er sah mich aufmerksam an. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? So eine spitzfindige rhetorische Frage passte eigentlich nicht zu meinem Vater. Aber sein Tonfall war auch nicht fordernd gewesen, sondern milde wie immer.

»Wenn ich dich damit davon abhalten kann, dass du dich selbst entlässt, um morgen wieder ins Büro zu gehen: ja«, antwortete ich.

»Es wäre natürlich toll, wenn du das machst«, beeilte sich Mama zu sagen. »Du kennst den Laden ja auch.«

Das stimmte. Ich hatte als Studentin immer meine Semesterferien damit verbracht, in der Firma mitzuhelfen, und mir damit meinen Urlaub verdient. Und auch in den letzten Jahren war ich manchmal eingesprungen, wenn Not an der Frau gewesen war oder meine Eltern Urlaub machten. Meine Mutter indes arbeitete als Friseurin und hatte kaum Einblick in die Geschäfte meines Vaters.

»Du kannst ja hierbleiben, wenn Dieter kommt«, schlug Papa eifrig vor.

»Nein, ich schreibe Dieter, dass er nicht kommen soll und wir uns stattdessen morgen früh um acht in der Firma treffen«, berichtigte ich ihn. »Dieter und ich, nur um das klarzustellen. Heute ist Sonntag, und Dieter hat Enkel. So, und jetzt genug davon.«

Mein Vater seufzte und machte ein unzufriedenes Gesicht. »Ich habe wohl keine Wahl«, bemerkte er, besann sich aber dann offenbar und streckte beide Hände aus, eine nach mir und eine nach meiner Mutter auf der anderen Bettseite. Alle drei Hand in Hand saßen wir eine Weile schweigend da. »Gut, dass ich euch beide habe«, sagte Papa irgendwann leise.

Wir unterhielten uns noch eine Weile darüber, was meine Eltern bisher über Papas Zustand erfahren, beziehungsweise das, was sie davon in der Aufregung behalten hatten. Schließlich kam eine Schwester und holte ihn für ein paar Tests ab. Uns legte sie nahe, für heute nach Hause zu fahren, denn der Patient brauche Ruhe. Als er in seinem Bett aus dem Zimmer geschoben wurde, rief er mir zu meiner Verwunderung noch das Passwort für seine Firmen-E-Mails zu. Da hatte ich bisher noch nie rangedurft.

Als ich es in meinem Handy notieren wollte, sah ich, dass Jens doch noch auf mein Posting geantwortet hatte: Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Marinade draus.

Von jemandem, der sich von einem getrennt hatte, fand ich so einen Postkartenmotivationsspruch etwas taktlos. Davon abgesehen: Sollte man nicht »Limonade« machen? Außerdem lebte ich weitgehend vegetarisch, während Jens derjenige war, der gern Fleisch marinierte. Noch gestern hätte ich mich über seinen Spruch aufgeregt. Heute zog ich gnädig in Betracht, dass er ihn witzig gemeint haben könnte.

*

Wieder zu Hause war auch Elisabeth zurück. Sie saß am Küchentisch, vor sich ein Glas mit einer eklig aussehenden Flüssigkeit – Kokoswasser mit dem Saft der Minusfrucht Ananas und gehäckseltem Brokkoli vielleicht –, und las Zeitung. Sie war kurz bei Damian gewesen, erfuhr ich, einem Zweiradmechaniker aus Köln-Lövenich, mit dem sie sich gelegentlich zum Sex traf oder eine Radtour machte oder beides. Elisabeth hatte meist mehrere Männer für unterschiedliche Zwecke, wobei Sex fast immer dazugehörte. Es war nur die Frage, ob darüber hinaus noch eine Gemeinsamkeit bestand.

»Seid ihr nach dem Kurs noch zusammen was trinken gegangen?«, fragte Elisabeth. »Du warst so lange weg.«

»Wäre ich gerne. Aber leider nicht. Ich war im Krankenhaus …« Ich setzte mich ihr gegenüber und erzählte, was passiert war.

Nach meinem Bericht war sie sichtlich mitgenommen. Schon oft hatten wir am Sonntag mit meinen Eltern zusammen bei uns Kaffee getrunken und dazu eine von ihr gebackene Obsttarte mit extra dünnem Boden genossen. Elisabeths Eltern betrieben an der Nordsee einen Gasthof, konnten eigentlich nie weg, und so sahen sie sich nicht oft. Irgendwann hatte mein Vater Elisabeth sogar in einem rührend steifen Antrag das Du angeboten.

»Es wird wieder gut, Svea. Jedenfalls fürs Erste. Ein bisschen anders, fragiler vielleicht als früher. Aber vielleicht auch bewusster. Womöglich ist das jetzt wirklich ein Warnschuss gewesen, über den ihr froh sein könnt«, mutmaßte meine Freundin tröstend, auch wenn wir wohl beide wussten, dass das etwas schöngeredet war.

Schließlich berichtete ich auch noch von Lars.

»Klingt nach einem Phänomen aus dem Spektrum ›Liebe auf den ersten Blick‹«, meinte Elisabeth fachmännisch.

»Es war jedenfalls unser erster richtiger Blickkontakt … Und was heißt das jetzt?« Die Liebe war schließlich Elisabeths Forschungsgebiet.

»Also, eine Erfolgsprognose kann ich daraus leider nicht ableiten. Aber es ist schon so, dass von Liebe auf den ersten Blick meistens beidseitig berichtet wird. Was natürlich auch daran liegen kann, dass die Lieben, aus denen nichts wird, wieder in Vergessenheit geraten. Jedenfalls geben in Studien dreißig bis fünfzig Prozent der Teilnehmer an, so was schon mal erlebt zu haben. Männer übrigens noch häufiger als Frauen!« Sie hob die rechte Augenbraue und sah mich vielsagend an.

»Ich weiß nicht, ob es ihm genauso ging. Er war nicht besonders auf mich fokussiert oder so. Aber genau kann ich es nicht sagen. Ich habe mich ja hinter ihn gesetzt.«

»Du hast dich hinter ihn gesetzt?«, wiederholte Elisabeth verständnislos. »Aber da konnte er dich doch gar nicht sehen!«

»Sollte er ja auch nicht.«

Sie seufzte und ich dann auch. »Ich brauche wohl doch mal ein Coaching von dir. Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen?«

»Dich vor ihn setzen und ihm bei den Übungen derart mit deinen herrlichen Brüsten vorm Gesicht herumschaukeln, dass ihm Hören und Sehen vergeht.«

»Ich hatte ein altes Herren-T-Shirt an. Und wenn das Phänomen Liebe auf den ersten Blick heißt, passt doch Busenschaukeln sowieso nicht«, widersprach ich lahm.

»Da muss ich dich enttäuschen. Alle Forscher sind sich einig, dass die sogenannte Liebe auf den ersten Blick strenggenommen keine Liebe, sondern nur äußerliche Anziehung ist – erotische Anziehung.«

»Hm … Ich kann’s nicht verleugnen, von meiner Seite aus war die vorhanden – oh Mann, ich habe so ein schlechtes Gewissen. Während ich da in der Turnhalle meinen Hormonwallungen erlegen bin, ist mein Vater irgendwo auf einer Terrasse zusammengebrochen.«

»Äh … du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass dein Vater den Schlaganfall bekommen hat, weil du nicht an deine eigenen Faszien, sondern an die von diesem Lars gedacht hast?«

Okay, so formuliert klang es wirklich absurd. »Nee, das nicht … aber … na ja, so ähnlich schon«, gab ich zu.

»Die weibliche Sexualität ist kein Grund für Schuldgefühle«, meinte Elisabeth streng.

»Natürlich nicht, auf keinen Fall!«, beteuerte ich.

»Wir Menschen unterschätzen außerdem gern die Macht des Zufalls«, fuhr Elisabeth fort, die im Gegensatz zu mir das Dozieren liebte. »Diejenigen mit beruflichem Erfolg zum Beispiel schreiben ihn meist ihren herausragenden Fähigkeiten zu statt dem Umstand, dass sie zufällig einen Patenonkel haben, der mehrfacher Millionär mit besten Kontakten ist. Dazu gibt es sogar Studien. Liebende dagegen nennen ihr Zusammentreffen gern Schicksal. Dabei bestimmt in Wirklichkeit oft der Zufall über unser Leben. Auf jeden Fall stehen deine Gedanken im Rückenkurs in keinem Zusammenhang mit dem Blutgerinnsel, das sich im Kopf deines Vaters gelöst hat. Reiner Zufall. Keine Rüge durch das Schicksal oder so.«

»Meinst du, dass Jens damals vor mir vom Himmel gefallen ist, war dann auch kein Schicksal? Das würde einiges erklären.«

»Ganz offensichtlich nicht.«

»Na gut, genau genommen war es auch nur das Klettergerüst auf dem Spielplatz, wo wir als Teenager immer rumhingen, von dem er runtergefallen ist. Aber mir kam das damals schicksalhaft vor.« Jens war neu in der Siedlung gewesen und hatte sich bei der Aktion den Arm gebrochen. Ich war im Krankenwagen mitgefahren und voilà – waren wir zusammen. So spektakulär wie einfach war das damals. Und musste es so nicht eigentlich sein? »Aber dass Ron mir heute abgesagt hat und ich deshalb zum Faszientraining gehen und Lars treffen konnte, das kann doch wirklich nur Schicksal gewesen sein«, meinte ich dann.

»Ich würde mich nicht drauf verlassen. Dafür habe ich aber vollstes Vertrauen in deine Brüste.« Elisabeth grinste.

»Danke. Kriegst gleich rechts und links eins damit um die Ohren. Also, jedenfalls begeistere ich mich gerade das erste Mal nach Jens wieder so richtig für einen Mann. Das ist doch mal was.«

Was ich nicht sagte: Manchmal konnte oder wollte ich Elisabeth nicht folgen, wenn sie die Liebe so sezierte und gnadenlos auf das Spiel der Hormone, Zufälle oder die evolutionären Regeln der Fortpflanzung herunterbrach. Man hätte vielleicht meinen können, gerade ich als Biologin müsste das genauso sehen. Aber als Naturwissenschaftlerin wusste ich auch: Es gab so vieles auf der Erde, was immer noch rätselhaft war. Der Stand der Wissenschaft war nie mehr als das: ein derzeitiger Stand. Nicht ausgeschlossen, dass die Erkenntnisse der Quantenmechanik in vierzig Jahren einen Durchbruch in der Psychologie der menschlichen Liebe bringen würden, der so völlig anders aussah als alles, was derzeit als erwiesen galt. Und der Fakt, dass ich mich heute zum ersten Mal in meinem Leben von einem völlig Fremden so heftig angezogen gefühlt hatte, war doch wirklich bemerkenswert. Auch jetzt noch, nach allem, was danach passiert war, konnte ich das Gefühl in mir zurückholen, wenn ich daran dachte. Aber ich wollte das lieber nicht weiter diskutieren, sondern bis zu unserem nächsten Turnhallen-Date einfach nur in meinem Herzen bewegen.

»Weißt du denn irgendwas über den wunderbaren Lars? Vielleicht können wir ihn googeln?« Gierig griff Elisabeth nach ihrem Smartphone, das auf dem Tisch lag.

»Klar, gib ein: Lars, Bandscheibenvorfall, Köln. Und wenn du da keinen Treffer landest: Lars, dunkelblond, Faszientraining, blaues T-Shirt.«

»Ich probiere auch noch mal Lars, sportlich, geile Stimme.«

»Lars, Sommersprossen, entzückender Rücken. Gleich haben wir ihn. Nee, aber im Ernst, einen Anhaltspunkt habe ich wirklich. Laut seinem T-Shirt ist er vor vier Jahren für die Stadt Köln bei irgendeinem Firmenlauf an den Start gegangen.«

Die Recherche lief jedoch ins Leere – offenbar war der Firmenlauf eingestellt worden. Und auch unter »Stadt Köln, Lars« fanden wir keinen passenden Treffer.

Kapitel 4

Die in Winkeln von Ställen, Scheunen, Kirchen und überhaupt von allen nicht öfter dem Werke der Reinigung unterworfenen Räumlichkeiten der Häuser ausgespannten dreieckigen Spinnengewebe, welche meist von darin abgelagertem Staube schwarz aussehen, kennt jedermann zur Genüge. Die verschiedenen Namen, wie Hausspinne, Fensterspinne, WINKELSPINNE (Tegenaria domestica), welche ihre Erbauerin führt, deuten auf deren Aufenthalt hin. Sie breitet sich nicht nur über ganz Europa, sondern auch über das nördliche Afrika aus, überwintert bei uns im Jugendalter und ist durchschnittlich im Juni, das Männchen bei einer Länge von 11 mm, das Weibchen von 17–19,5 mm, erwachsen.

Brehms Tierleben, Bd. 9: Insekten, Tausendfüßer und Spinnen, über die Winkelspinne

Es war Montagmorgen, Viertel vor acht, und ich war mit der S-Bahn auf dem Weg ins Büro meines Vaters. Dieter hatte einen Schlüssel und wollte mich dort erwarten. Die Bahn überquerte gerade die Hohenzollernbrücke und passierte die Abertausende von Liebesschlössern, die hoffnungsvolle Paare in einem romantischen Moment dort angebracht hatten. Irgendwo musste auch noch das von Jens und mir hängen. Wir hatten es schon vor Jahren dort befestigt, als die Dinger noch nicht so dicht gedrängt hingen. Jens hatte uns auf dem Rückweg von irgendeiner Party in einem Kiosk ein Wegbier gekauft und außerdem dieses Schloss. Mit der Spitze des dicken Eddings, den er zu dieser Zeit immer mit sich herumtrug, um bei Bedarf eine Mauer oder einen Aufzug mit seinem »Tag« zu versehen – er hatte damals eine Phase als Gangsterrapper –, hatte er ein J + S daraufgekritzelt. Und dann hatten wir kichernd das Schloss an das Geländer gehängt, das die Schienen vom Fußgängerweg abtrennte. Das Ganze hatte sich damals wenig feierlich, aber total selbstverständlich angefühlt. Jens und ich.

Wie das Geländer wohl aussähe, wenn alle Schlösser von Paaren, deren Beziehung seither in die Brüche gegangen war, aufspringen und in den Rhein fallen würden, überlegte ich. Es gäbe vermutlich ein permanentes Geplatsche, und die Rheinschifffahrt käme zum Erliegen.

Ob ich wohl noch mal irgendwann ein Schloss dort aufhängen würde? Eines mit der Aufschrift S + L, drängte sich eine vorwitzige Eingebung auf.

Und dann hatten wir die Hohenzollernbrücke schon passiert, waren auf der rechten Rheinseite angekommen, und meine Gedanken wanderten weiter zu meinem Vater. Mama hatte gestern noch einmal mit ihm telefoniert, aber nichts Neues erfahren. Sie litt unter der Unsicherheit und darunter, dass sie wenig mehr tun konnte, als ihn zu besuchen und ihm einen eingetupperten Obstsalat mitzubringen.

In schnellen kleinen Schlucken nippte ich an dem Kaffeebecher, den ich mir von zu Hause mitgebracht hatte. Offenbar war ich ein bisschen nervös ob der Aufgaben, die mich gleich im Büro erwarten würden …

Es lag im ersten Haus einer kurzen Sackgasse mit einigen kleineren Altbauten, Gewerbeeinheiten und einer Industriebrache mit einer halb abgerissenen Lagerhalle. Es war sicher nur eine Frage der Zeit, bis dort einer dieser Mehrfamilienhaus-Quader mit grauen Fensterrahmen entstehen würde, die jetzt überall hochgezogen und zu horrenden Preisen angeboten wurden. Neben dem Haus, in dem Papa unten in einem ehemaligen Ladengeschäft seinen Firmensitz hatte, gab es noch eine Autowerkstatt, und ein Bildhauer hatte einige nebeneinanderliegende Garagen zu einem Atelier umgewandelt.

Durch das Schaufenster betrachtete ich Papas Schreibtisch und den Kabelsalat darunter und dachte, dass das kein geeignetes Aushängeschild war. Ich drückte die Klingel neben dem immer blank geputzten Messingschild, auf dem »Werner Tewald Gartenbau« und eine Telefonnummer standen, und erwartete das vertraute Summen des Türöffners.

Doch Dieter öffnete selbst. Wie jedes Mal war ich erstaunt, wie riesig er war, als er so vor mir im Hausflur stand. Alles an ihm war groß, die Nase, das ganze Gesicht, die Poren, die Frisur – graue, nicht zu bändigende dicke Haare – und auch sein Herz, an das er mich jetzt drückte.

»Hallo, Dieter, schön dich zu sehen«, sagte ich lachend, als er mich wieder losließ, und fügte hinzu: »Trotz der unerfreulichen Umstände. Ist der Türöffner kaputt?«

Er seufzte. »Nein, beziehungsweise, ich weiß nicht. Ich weiß gar nicht, wo man drücken muss, damit es aufgeht.«

Ich folgte ihm hinein und zeigte ihm die Stelle, die wegen der darum gebauten Regalbretter nicht gleich erkennbar war. Die Wände in Papas Büro waren ringsherum zugebaut mit Regalen und Schränken, die dennoch aus allen Nähten platzten. Es gab ja gewisse Aufbewahrungspflichten, aber dass man Ordner mit Abrechnungen aus den Jahren 1991/92 oder die Gartenbauregelwerke der vergangenen 15 Jahre jeden Tag griffbereit haben musste, das wagte ich doch zu bezweifeln.

An Papas Büro schloss sich ein weiteres, kleineres an, in dem hin und wieder Praktikanten oder Aushilfen wie ich saßen. Dahinter, mit Fenstern zum Hof, lagen nebeneinander eine kleine Küche und die Toilette.

»Ich habe schon Kaffee gemacht«, meinte Dieter. »Soll ich dir einen holen?«

»Nein, ich habe mir einen mitgebracht«, antwortete ich und deutete auf den Becher, den ich auf Papas Schreibtisch abgestellt hatte.

Während Dieter in der Küche verschwand, um sich eine Tasse einzugießen, war ich unsicher, auf welchem Stuhl ich nun Platz nehmen sollte. Auf Papas, weil ich seine Tochter war und den Code für seinen Computer hatte, oder auf dem vor seinem Schreibtisch, weil Dieter schließlich hier angestellt und besser im Bilde war? Ich entschied mich für den Besucherstuhl, doch als Dieter zurückkam, blieb er stehen und sagte: »Werner meinte, du hättest den Zugang zu seinen E-Mails mitgebracht? Ich kann doch nicht tippen, meine Finger sind zu groß.« Er wedelte mit seinen Pranken vor meinem Gesicht herum.

Ich lachte. »Dann müssen wir dir für Papas Abwesenheit eine Übergrößentastatur kaufen.«

»Nee, lass mal. Ich bleibe lieber der Mann fürs Grobe. Da ist auch genug zu tun. Wir haben gerade zwei Gärten am Laufen und sind als Subunternehmer bei einem Auftrag in Dellbrück dabei, wo ein Bachlauf renaturiert und ufertypisch bepflanzt werden soll. Ich muss auch gleich weg, die Jungs sind schon unterwegs.«

Dieter und mein Vater fuhren immer zwischen den einzelnen Aufträgen hin und her, um anzuleiten und die wichtigen Entscheidungen zu treffen. Abends und am Wochenende machte mein Vater dann die ganze Bürokratie. Es war ein beachtliches Pensum, das er absolvierte. Und das, obwohl er eigentlich schon im Rentenalter war. Ich wusste nicht wirklich, warum er sich das antat. Meine Eltern hatten fürs Alter gut vorgesorgt, und ihr Haus war abbezahlt.

Inzwischen war ich um den Schreibtisch herumgegangen und hatte den Rechner hochgefahren.

»Irgendwas dabei, das ich wissen müsste?«, fragte Dieter und sah besorgt auf die Wanduhr über der Ausgangstür. Jede volle Stunde war einem anderen heimischen Vogel zugeordnet, dessen Zwitschern ertönte, wenn der kleine Zeiger dort ankam. Ich hatte sie meinem Vater geschenkt.

»Ein Herr Kranwinkel lässt wegen des Zünslerbefalls seinen Wunsch nach einer Buchsbaumeinfassung fallen und entscheidet sich stattdessen für eine niedrige Mauer aus Betonpalisaden.«

Dieter nickte und machte sich eine Notiz in einem kleinen Buch, das er aus der Brusttasche seines Hemdes genommen hatte. Und ich dachte, eine Felsenbirne oder Kornelkirsche mit etwas Angebot an Pollen und Nektar wären doch eigentlich ein schönerer Ersatz gewesen.

»Dann möchte jemand die drei großen Thujen neben seiner Terrasse auf drei Metern gekappt haben und fragt nach dem Preis. ’ne Idee, was ich ihm antworten könnte?«

»Können wir schon einschieben. Den Preis kenne ich nicht, da musst du deinen Vater fragen.«

Ansonsten scrollte ich durch zwei Rechnungen und die Bitte um Stundung der nächsten Rate von einer Produktionsfirma, die meinem Vater offenbar Geld für die Gestaltung ihres Außengeländes schuldete. Das würde ich wohl oder übel auch mit Papa besprechen müssen. Dabei hatte ich ihn eigentlich aus allem raushalten wollen.

»Da wirst du nach und nach reinwachsen«,

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