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Liebesdienste

KRITIKER UND AUTOR

KRITIKER

Also im Grunde geht das so gar nicht. Nicht bei diesem Thema. Das legt jeder sensible Leser schon nach den ersten Kapiteln empört aus der Hand. Vor allem jede Leserin, die weiß, was für ein menschenverachtendes Gewerbe Prostitution ist. Gerade in Berlin. Bist wohl lange nicht mehr unterwegs gewesen?

AUTOR

(gequält lächelnd) Es mag auch andere Erfahrungen geben.

KRITIKER

Das ist ein knallhartes Geschäft geworden. Dass sich da, wie du hier schreibst (sucht die Textstelle), die Frauen vergnügen, sogar (hat die Textstelle) miteinander vergnügen, so etwas gibt es nicht. Die meisten von denen machen das doch nicht einmal freiwillig.

AUTOR

Es könnte davon abhängen, wie man an solch eine Begegnung herangeht. Nichts befreit mehr als das Gegenteil dessen, was man erwartet.

KRITIKER

(unbeeindruckt) Das ist mir alles zu – romantisch! Entspricht überhaupt nicht der Realität. Die Nutten sind hier alle (blättert) Psychologinnen mit Riesenbusen, an dem man sich ausheulen kann.

AUTOR

Das Ganze soll auch keine Dokumentation sein.

KRITIKER

(aufgebracht) Aber das ist ein sensibles Thema! (blättert) Mag ja sein, dass du so etwas Ähnliches erlebt hast. Aber denk an die Leser! Die klappen das zu, wenn das so – romantisiert ist. Im Puff hat man nicht nach Liebe zu suchen.

AUTOR

Nein, aber nach jemandem, dem man sie geben kann.

KRITIKER

Im Puff?

AUTOR

Eigentlich überall. Nur im Puff ist das, was stört, für eine Weile ausgesperrt.

KRITIKER

(lacht) Und die Nutte ist mit dir eingesperrt. Da muss sie dir zuhören!

AUTOR

Na ja. Und wenn du dann den richtigen Ton triffst …

KRITIKER

(lacht) … wirds kompliziert! (Lacht) Wenn die mal Deutsch kann!

AUTOR

Kann schon passieren. Aber wir suchen eben alle.

KRITIKER

Wonach?

AUTOR

Danach, dass Liebe, die wir geben wollen, nicht ins Bodenlose fällt.

KRITIKER

Klingt kitschig.

AUTOR

Ist wahr.

KRITIKER

Erklär das mal dem Leser!

AUTOR

Mach ich.

Die Herren:

Tommy liebt Susi, doch die liebt nicht zurück

Ein Therapeut hört gut zu und liebt klare Ansagen

Rockmusiker Georg ist in Ellens festen Händen und kann Jessie nur empfehlen

Allrounder Kris hat alles im Griff außer seiner Liebe zu Jessie

Reinhard liebt Ruth täglich und leidet wöchentlich

Juan hat Ulla geheiratet, liebt Theresa, hat eine Affäre mit einer verheirateten Frau und interessiert sich seit Neuestem für die hübsche neue Klavierschülerin

Der Feuerwehrmann liebt Jenny und rettet Pummelchen

Der Kritiker wäre zu überzeugen

Die Damen:

Jessie hat einen Freund der nichts von ihrem Beruf wissen darf, ein Kind, und sie kann nicht privat.

Jenny hat einen Freund, der mit ihrem Job klar kommt

Dunja liebt Tommy, aber der liebt nicht zurück

Ruth blickt voll durch, liebt einen Alki, Malt-Whisky und Massagen, quält Reinhard exquisit und tröstet Tommy

Susi hat ein süßes Töchterchen von einem hässlichen Automechaniker und wartet unentschlossen-mäkelig auf ihren Traummann – aber das ist nicht Tommy

Martha ist Susis Kellner-Kollegin

Theresa liebt den Einen, aber bislang ohne Vollzug

Pummelchen macht alles richtig und hat trotzdem Pech

Lydia lenkt die Damen souverän

Naddi steht auf Jessie

Die Drehbuchautorin bekommt nur einen Kuss

Carmen kann Tantra

Ellen wacht über Georg

Die Stuhlfrau ist zu nichts zu bewegen

SUSI, TOMMY, MEIN FREUND UND ICH

„Weißt du, wenn ich eine Frau suchen würde, die genau mein Typ ist“, sagte Tommy zu der Frau, zu der er eine besonders komplizierte Beziehung hatte, „dann wäre die blond, 1,75 Meter groß, hätte Oberschenkel wie Säulen und Körbchengröße DD.“

„Dann bin ich also überhaupt nicht dein Typ“, warf Susi ein, eine Bemerkung, die nicht zum Gang der Unterredung gehörte und unbeachtet blieb.

„Die Titten kuckst du dir vier Wochen lang an, dann kannst du sie nicht mehr sehen. Und du – du willst doch keine Leiter heiraten, sondern einen Menschen“, fuhr Tommy fort, worauf Susi, völlig ungerührt von dem Widerspruch zu ihrer vorigen Bemerkung, entgegnete: „Ich will einen Schrank heiraten, und bevor ich dich heirate, musst du erst zehn Zentimeter wachsen.“ Tommy war Anfang vierzig.

„Meine große Liebe“, schränkte Susi erneut inkonsequent argumentierend ein, „war nur 1,69 Meter, aber gelernter Fleischer, der konnte halbe Schweine schleppen.“

„Ein Vergleich, den wir lieber nicht ganz zu Ende denken wollen“, kommentierte Tommy mit dem Blick auf Susis üppigen Leib. Sie war 1,78 Meter, rundum kräftig und hätte ihn mit wenig Mühe aus dem Fenster werfen können. Beide lachten, knutschten und machten ohne Bezug zum vorangegangenen Gespräch dreimal Liebe.

Ein Freund hatte mir aus Spanien gemailt:

Theresa ist ein Bild von einer Frau; sprach sie eigentlich nur in dem Gefühl an, es könne ohnehin nicht klappen; fragte sie, ob wir einen Kaffee trinken wollten, und sie sagte: ja.

Drei Wochen später die Mail:

Es war eine rührende Szene; wir saßen im Parkhaus im Auto, stundenlang; wir hielten nur Händchen; und ganz zum Schluss, wir hatten uns noch nicht einmal geküsst, sagte sie mir: Ich glaube, ich habe mich zum ersten Mal im Leben verliebt.

Teresa war sechsunddreißig. Der Freund, ein notorischer Frauenheld, besuchte mich bald darauf in Berlin, ganz verändert. Täglich mailte er an Teresa von Internetcafés aus und wertete ihre feinnervigen Mitteilungen mit erstaunlicher Sensibilität aus. Ich zitierte Fontane: Wenn nur die Herzen nicht involviert sind. Wir lachten, aber mein Freund suchte nach ihrer letzten Mail (er trug die Ausdrucke bei sich) in Sorge, sie verlegt zu haben.

Susi hatte klare Vorstellungen von ihrem Typ, der ihr erotisch anziehend erschien. Sie hätte das in einer Kontaktanzeige klar fassen können: Nicht unter 1,85 Meter, sportlich, muskulös, blond, so um die Dreißig. Als Tommy sie fragte, ob es ihr denn nur um die Hülle gehe, ergänzte sie: „Nein, natürlich will ich auch, dass wir es uns richtig schön machen, weißt du, dass er es merkt, wenn ich es uns schön mache, dass er nicht einfach nur dasitzt und (sie rang nach Worten) blöd ist. Dass er seinen verdammten Schwanz hoch kriegt. Ich bin erst 23. Ich will viel Sex. Richtig guten Sex.“ Sie hatte regelmäßig guten Sex mit Tommy, vertraute ihm dabei ihre intimsten Wünsche an, hielt ihn aber für zehn Zentimeter zu klein und zu wenig schrankförmig. Sie gingen gemeinsam in Spelunken, in superfeine Restaurants, sie spielten Harry und Sally, telefonierten nächtelang, sms-ten, bis die Finger brachen, und manchmal sang ihm Susi sturzbetrunken mitten in der Nacht einen traurigen Countrysong auf die Mailbox.

Mein Freund indes hatte sich verliebt. Die Liebe hatte ihn völlig im Griff. Er wirkte rücksichtsvoll, nahm kleine Schritte und ließ, obgleich Meister der Vergesslichkeit, wenig liegen. Er trug Fotos bei sich, Fotos von Teresa. Als wir uns im Pub trafen, lehnte er sie auf dem Nebentischchen gegen die Speisekarte. Während eines langen Gesprächs – kein Alkohol, nur Kaffee – sah uns Teresa ernst aus ihren spanischen Augen an. „Sie ist doch wunderschön“, fügte mein Freund hin und wieder in die Unterhaltung ein, worauf ich ihm jeweils sinngemäß antwortete, sie sei genau der Typ Frau, der ihm gefalle, und sie unterscheide sich nicht einmal allzu sehr – ich musste vorsichtig formulieren, um nicht in die Falle zu tappen – von seiner Verflossenen. Er war so verliebt, dass er das Gespürlose in meiner Bemerkung nicht hörte, und wies auf den Schwung ihrer Oberlippe hin: „So etwas finde ich ja klasse, schau mal hier, wenn das so ganz deutlich konturiert ist.“ Ich sah mir das Foto noch einmal an, nickte beipflichtend, aber eigentlich machte mir der Ausdruck in ihren Augen Angst. Sie schien sich vor der Außenwelt schützen zu wollen und würde diesen Schutz nur aufgeben um – die große Liebe zu finden. -

Einige Wochen später mailte mir mein Freund in einem recht nüchternen Ton, der Begeisterung zu vermitteln versuchte, Teresa habe ihm sogar anvertraut, er würde, wenn es denn so wäre, ihr erster Mann sein. Ich mailte umgehend zurück, man dürfe alles, nur kein Herz zerbrechen.

Am Abend nach unserem alkoholfreien Pubbesuch saßen wir in einer Szene-Kneipe in Berlin-Mitte. Wir waren unter den ersten Gästen und der Laden wirkte überflutet von attraktiven Kellnerinnen, alle blond, 1,75 Meter, vollbusig und 23. Wir wurden beide unruhig. Mein Freund rauchte seine erste Zigarette an diesem Tag und bemerkte, nachdem eine Blondbezopfte sich zum Abräumen des Tischchens uns entgegengeneigt hatte: „Das ist ein wunderbares Alter.“ Als wir gingen, blieb sein Lieblingsfeuerzeug auf dem Tisch zurück. Er hatte es vergessen.

Susi gab eine Kontaktanzeige in eben dem Wortlaut auf, den wir vermuteten. Die Wartezeit verbrachte sie in ehrlicher Zuwendung mit ihrer zweijährigen Tochter, einem blonden Engelchen. Die hatte sie von einem bierbäuchigen Menschen, der am Ostkreuz einen Autohof betrieb. Sie selbst sagte von ihm, er habe eine Wampe und Halbglatze und eigentlich nichts Besonderes zu bieten, aber eines Tages, sie hatten beide in derselben Kneipe gekellnert, habe er sie einfach gepackt und geküsst. „Und da habe ich ein Gefühl im Bauch gekriegt“, erzählte sie Tommy im Bett nach dem zweiten Orgasmus, „und wusste, das ist er. Und anfangs hat er mich behandelt wie eine Prinzessin. Aber dann hatte er nur noch seine Autos im Kopf, und wenn er überhaupt nach Hause kam, kriegte er seinen verdammten Schwanz nicht mehr hoch. Er hat nicht einmal mehr gemerkt, wenn ich es uns besonders schön gemacht hatte, sah fern und fasste mich nicht mehr an. Ich bin erst 23. Ich brauche Sex.“ Sie schmiegte sich an Tommy, der sie verständnisvoll streichelte. Sie wandte sich um und steckte ihre Zunge in seinen Mund. „Streicheln, lecken, ficken, genau in dieser Reihenfolge“, sagte sie.

Mein Freund war schon lange wieder in Spanien und ich wünschte ihm allen Erfolg der Welt bei der Anwendung des Jus Primae Noctae, als ich das Vergnügen hatte, mit meinen Abiturienten über die Liebe im Mittelalter zu sprechen. Ich hatte eine Abbildung aus dem Codex Manesse vorgelegt: Ein Ritter, liebeskrank aufs Bett gelagert, seine Herrin unbeeindruckt ihr Hündchen streichelnd. Allgemeines Staunen. Mutmaßungen. Das sei ein Typ, der liege auf dem Bett, sehe vielleicht Fußball im Fernsehen und lasse sich bedienen von seiner Frau, die auch noch das Hündchen versorgen müsse. Bei sanfter gedanklicher Führung gelang es, das Missverständnis zu beseitigen. Der Ritter leiste Liebesdienst an seiner unerreichbaren Herrin und liege deswegen krank darnieder. Was sie darüber denke? Das sei wenig bekannt, aber vermutlich davon abhängig, ob er die richtige Körpergröße und die Geschicklichkeit besaß zu werben, wenn der Herr außer Landes war. Ob er denn diese hohe Herrin wirklich geliebt habe? Das sei das Erstaunliche. Er habe sie wirklich geliebt, als handelte es sich um ein wirkliches Liebesverhältnis. Für das Sich-Verlieben sei es gar nicht wichtig, ob das Ziel erreichbar ist. Ob das so ähnlich sei, als wenn 15-jährige den Backstreet Boys ihre Höschen zuwerfen? Ja, das sei ähnlich. Es komme lediglich darauf an, ein bestimmtes Ziel für seinen Liebeswunsch zu finden. Ein Etwas, in das man sich verlieben kann. Einen Teddybären etwa, einen Hamster oder ein Kopfkissen zum Hineinbeißen. Oder eben eine Frau, die sich gerade vorzustellen versucht, wie ihr Märchenprinz auszusehen habe.

KRIS WEIß NICHTS UND GEORG ALLES

Kris und Georg trafen sich regelmäßig, wenn auch in großen Abständen bei ihrem Lieblingsitaliener.

Kris war absolut straight und hatte Karriere auf der Überholspur gemacht. Er konnte so ziemlich alles: mit Zahlen jonglieren, Computer füttern, diverse Musikinstrumente spielen. Aber er hatte nicht allzu viel Ahnung von Frauen.

Georg war ein Säufer mit lichten Momenten, abgehalfterter Rockmusiker und Gelegenheitsproduzent. Er wusste alles. Wenn sie sich trafen, gab es zunächst ein Geplänkel nach dem Motto: Geht es dir gut? Gibt es etwas Neues?, aber sehr bald war man bei dem einzig interessanten Thema angekommen: den Veränderungen und Verwerfungen in der Beziehungslandschaft. Da gab es eine Krise mit der Offiziellen, ein Auf-und-Ab mit der Nebenfrau, ein Aufglimmen der Leidenschaft zur Ex. Es gab neugierige Nachfragen, halbherzige und manchmal mutige Ratschläge und stets die unterirdische Bedrängnis, ob die eigene Libido der fremden unterlegen sei.

In all den Gesprächen waren Georgs Erfahrungen mit, sagen wir, leichteren Mädchen deutlich geworden und das Interesse an diesem Sujet hatte sich in Kris aufgestaut. Einmal, als Georg von einem einschlägig bekannten Café erzählte, in welches man sich nur zu setzen brauche, um von Superbrüsten, naturgeil, angesprochen zu werden (auch der nebenher erwähnte Preis schien in Kris' Kalkulation zu passen), weiteten sich seine Pupillen derart, dass Georg lakonisch zurückfragte, ob er an so etwas auch interessiert sei. Er war. Also begann Georg, was ihm ohnehin lag, zu referieren: über die zahllosen Berliner Etablissements, über Angebot und Gegenleistung, über die heißesten Geschöpfe und ihre Spezialitäten.

„Du kannst dich von einer 1,85 Meter-Domina auspeitschen, dabei von ihrer süßen Assistentin bepieseln und gleichzeitig von einem Luder mit F-Körbchen verhöhnen lassen“, fasste Georg langjährige Erfahrung zusammen. Kris wagte nicht nach Einzelheiten zu fragen. Seine Wangen glühten. „Aber was mich angeht“, Georg war Meister der Pointe, „krieg ich davon nicht einmal mehr einen hoch. Die klatscht dir ihre Titten um die Ohren, aber das bringt alles nichts.“

Kris wirkte verblüfft. Georg schien ernstlich mit dem erwähnten Defizit beschäftigt zu sein und es entstand vorübergehendes Schweigen. Aber er sammelte sich, ordnete seine Gedanken neu und fuhr fort: „Wahnsinnig ist, dass es dir richtig kommt, wenn du es am wenigsten erwartest.“ Kris unterließ jede Zwischenbemerkung, weil er sich von dem Thema völlig überfordert fühlte. „Weißt du, da liegst du mit irgendeiner Scheißnutte, die ist flachbrüstig und hat nichts Besonderes und die zieht dir ihre Fingernägel über die Schenkel und sagt zwei, drei Sauereien, und du gehst ab wie 'ne Rakete.“ Kris, der weder die eine noch die andere Variante kannte, entschied sich für ein beipflichtendes „Hum“ und ließ sich beim abschließenden Grappa von Georg Adressen auf einen Bierdeckel schreiben.

SEIN THERAPEUT UND ER

Er habe, „offen gestanden“, den Überblick verloren, vertraute er seinem Therapeuten an, als der ihn nach dem Stand seiner Liebesverhältnisse gefragt hatte. Es verhalte sich mitunter so, dass er während des Mittagessens voller Begehren an Sina denke, dann aber doch, „plötzlicher Eingebung folgend“, zu Ronja fahre, mit ihr (der Therapeut fragte danach) „ja, durchaus“ Verkehr habe, abends aber die arme Anne anrufe (sie sei depressiv, leider) um sich nach deren Befinden zu erkundigen. Sie schütte ihm stundenlang ihr Herz aus, worauf er voller Mitgefühl einschlafe, um am nächsten Morgen mit einem, „Verzeihung“, Bock auf Sina zu erwachen.

Der Therapeut machte sich einige Notizen auf einem kleinen Zettel mit schöner Bildumrandung. Ob er sich denn vorstellen könne, den Apfel der Entscheidung einer der drei Schönen zu reichen?

Auf Sina sei er geil wegen ihrer schweigsamen Art zu vögeln („sie zieht dich irgendwie in sich hinein“), auf Ronja wegen ihrer animalischen Hängetitten und auf Anne sei er eigentlich gar nicht geil, fühle sich aber von ihr „irgendwie benötigt“. Sie sprächen manchmal wochenlang nicht miteinander, aber dann rufe sie plötzlich an und hauche ihm die unerhörtesten Zärtlichkeiten ins Ohr.

Der Therapeut machte eine weitere Notiz. Dann schob er das schöne Blatt ein Stück von sich fort und sah ihm erstmals fest in die Augen. „Waren Sie jemals richtig verliebt?“

Er erwiderte den Blick, zögerte nicht lange und sagte: „Ja, ich war einmal verliebt.“ Ob diese Liebe denn Ordnung in sein Gefühlsleben gebracht habe? Es entstand eine längere Pause. Nein, das könne man so eigentlich nicht sagen. Es sei ein absolutes, ein forderndes Gefühl gewesen, das keinen Widerspruch zuließ, das einem Freiheit nahm statt sie zu geben.

„Aber sexuell“, der Therapeut malte einen Kringel auf sein Blatt, sei das ein eindeutiger Zustand gewesen?

Das sei überhaupt kein eindeutiger Zustand gewesen, antwortete er. Er hätte sich gewünscht, jene Liebe wäre gleichzeitig Zärtlichkeit und Vollzug gewesen. Aber die Zärtlichkeit habe den Vollzug verhindert, wenn er verstehe, was er meine. Es gäbe eine reine Zärtlichkeit jenseits allen Begehrens, da wünschtest du, aus deinen Fingern flössen Milch und Honig.

Aber das sei keine sexuelle Energie, fragte der Therapeut vorsichtig. Das sei Liebe, sagte er, die Energie der Liebe, die reine Liebe, da sei dir Ficken scheißegal.

Der Therapeut nahm sein schönes Blatt vom Tisch. Er hatte verstanden.

JESSIE UND JENNY

Wenn Jessica in Fahrt war, machte es Jenny sogar Spaß ihr zuzuhören, wenn sie sich über etwas aufregte.

„Weißt du, ich erwarte doch überhaupt nicht viel von ihm“, sie gestikulierte mit einer brennenden Zigarette, „wenn ich aus diesem Scheißpuff hier nach Hause komme, darf ich erstmal überall aufräumen und das Klo putzen, nachdem ich hier schon ein halbe Stunde geputzt habe.“ Der Vorwurf war zu indirekt für Jenny und blieb unbeantwortet. „Und vielleicht möchte ich mal abends etwas (sie betonte „etwas“) mit meinem Kind spielen, zur Abwechslung.“ Sie nahm einen der wenigen Züge aus der Zigarette, die zum größten Teil ohne ihr Zutun abbrannte. „Dann koche ich uns schnell noch etwas Schönes, decke den Tisch richtig schön, mit Kerzen und so 'ner Flasche Wein, die ich auch erst selbst mitgebracht habe, und dann, weißt du, dann möchte ich wenigstens, dass er auch mal dankeschön sagt dafür, dass ich es uns nett mache. Gestern hätte ich ihm fast gesagt (sie lachte), weißt du, ich arbeite den ganzen Tag (jetzt lachte auch Jenny) und mache noch deine Scheißwohnung sauber für dich und du bringst nicht mal anständig Geld nach Hause und kriegst abends dein Maul nicht auf.“

Ihr war etwas Asche auf den Oberschenkel gekrümelt, die sie beiläufig beiseite wischte. Beide Frauen saßen nackt nebeneinander auf der Bettkante im Zimmer eines Berliner Etablissements und rauchten ihre Feierabendzigarette. Sie waren in ihren Zwanzigern, beide blond und makellos gebaut. Jessica war größer als Jenny, etwas fraulicher und hatte bei völlig flachem Bauch einen DD-Naturbusen. Sie saß vornübergebeugt und rauchte wie ein Arbeiter im Drillichanzug. Jenny stand auf und begann sich anzuziehen, wobei sie sich von Aphrodite in ein normales, junges Mädchen verwandelte.

„Ich habe damit erst gar nicht angefangen“, entgegnete sie, „wenn du diesen Job heimlich machst, lebst du nur im Stress, und eines Tages kommt doch alles raus und dann hast du erst richtig Theater zu Hause.“

„Ich wollte aber nie einen Partner, der weiß, dass er mit einer Nutte zusammen ist“, sagte Jessie. Sie drückte ihre Zigarette aus und erhob sich ebenfalls.

„Entweder“, fuhr sie fort, „stirbt er vor Eifersucht, wenn er sich vorstellt, dass seine Liebste täglich von zehn bis zwölf Männern gevögelt wird. Oder es ist ihm egal, und ich möchte nicht mit einem Mann zusammenleben, dem es egal ist, wenn ich gevögelt werde.“

„Ich kann das absolut trennen“, sagte Jenny, die inzwischen Jeans und Rollkragenpullover trug, „mein Freund und ich, das hat mit meinem Job überhaupt nichts zu tun. Das ist eine ganz normale Beziehung.“

„Ist er denn nicht eifersüchtig?“

„Na klar, wenn ich mit jemandem flirte und er dabei ist, aber nicht auf die Freier, die sind mein Job.“

„Ich glaube nicht, dass das wirklich funktioniert“, sagte Jessie, während sie den Sitz einer figurbetonten Bluse im Spiegel überprüfte. „Er sagt vielleicht nichts, aber es ist doch logisch, dass er sich das immer vorstellt, wenn ihr zusammen seid. Es wäre mir erst recht unangenehm, wenn ihn das richtig geil macht.“

„Ich glaube, dass er merkt, dass ich ihn wirklich lieb habe“, antwortete Jenny und schnürte sich ihre Turnschuhe zu. „Und ich kann ganz ehrlich sein mit meinen Gefühlen, kann ihm sagen, wenn mich etwas genervt hat, und er kann dann auf seine Weise darauf reagieren.“ Als Jessie entgegen ihrer gewöhnlichen Art nicht sogleich konterte, ergänzte Jenny in ruhigem Ton: „Du kannst das doch überhaupt nicht, dein Freund weiß doch nicht einmal, wenn es dir schlecht geht und schon gar nicht warum. Er hat doch eigentlich keine Chance. Du willst, dass er auf etwas reagiert, dass er gar nicht wissen kann, und bist dann sauer, weil er kein Händchen für deine Stimmungen hat.“

„Und dein Freund hat das?“, fragte Jessie leicht gereizt.

„Wir sind wenigstens ehrlich“, sagte sie, „weitgehend ehrlich jedenfalls. Ich erzähle ihm natürlich auch nicht von jedem Perversen, aber im Großen und Ganzen weiß er, was läuft. Und dann kann ich auch von ihm erwarten, dass er sich auf mich einstellt, ein bisschen jedenfalls. Anders könnte ich das nicht. Ich möchte einfach gern ich selbst sein, wenn ich mit jemandem zusammen bin. Ich bin ehrlich mit ihm und er kann sich auf mich verlassen.“

„Hast du dich denn nie ein bisschen in einen Gast verliebt?“, fragte Jessie.

Jenny zögerte einen Moment, sagte dann aber ziemlich sicher: „Nein, nicht wirklich. Manchmal macht es natürlich Spaß, das ist ja auch der Sinn der Sache, aber ich würde nie auch nur im Traum auf die Idee kommen, mit einem Gast privat zu werden.“

„Ach ja“, bemerkte Jessie mit ironischem Unterton. „Nicht einmal mit unserem Feuerwehrmann?“

„Du wirst lachen, nicht einmal mit dem. Wir hatten tolle Stunden zusammen, haben gequatscht, gelacht, gevögelt. Und du weißt, dass der vögeln kann. Aber wenn er weg war, war er weg. Und kein Gedanke mehr.“

„Und bei ihm?“, fragte Jessie.

„Ob du es glaubst oder nicht“, sagte Jenny, „das ist mir scheiß-e-gal, er hat seine Probleme und ich meine. Kennst du „Sacrifice“ von Elton John?“

„Nein“, sagte Jessie mit dem Lippenstift in der Hand.

„Es sind zwei Herzen, die in zwei völlig verschiedenen Welten leben.“

„Es ist die unkomplizierteste Art, an einen guten Fick zu kommen“, sagte Jessie im Gehen.

JENNY UND DER FEUERWEHRMANN

Es brodelte, es kochte. Zwanzig Minuten Massage, zehn Minuten Französisch, eine halbe Stunde vögeln von vorne und hinten, dann Verlängerung. Weiter vögeln, und, weil er gemerkt hatte, dass Jenny bis dahin noch nicht gekommen war, lecken bis zum Letzten. Dafür brauchte sie fast zwanzig Minuten, dann ergriff sie, seltener Vertrauensbeweis, seine Hände und gab sich ganz ihrem Vergnügen hin. Ihr Becken schnellte ein Stück in die Höhe, sie bat ihn zurückzuweichen und ergab sich einsamer Ekstase. Er war ein Bär von einem Mann und sie genoss es, in seinen Armen verwöhnt zu werden. Diesem Gast konnte sie sich vollständig hingeben, sie wusste, er würde sie ein wenig halten, wenn ihr danach zumute war. Sie liebte seine starken Arme, sie genoss den Verkehr mit ihm (es passte genau), aber sie kam erst, wenn er sie mit seiner Zunge liebkoste. Wenn sie erschöpft dalag, pflegte er sich eine Zigarette anzuzünden und eine Bemerkung über die Brandgefahr zu machen. Ob sie ihn liebte? Sie fühlte sich restlos wohl in dieser Situation, sie hätte nichts anderes gewollt. Er würde aufstehen, sie wie eine Feder vom Bett heben, sie zärtlich aber unaufdringlich küssen und würde gehen. Er würde wiederkommen, wenn sie sich auf ihn freuen könnte, ohne Pflichtgefühl, ohne schlechtes Gewissen.

Eines Tages blieb er für einen Augenblick auf der Bettkante sitzen. Er klopfte mit seiner Zigarette auf den rechten Oberschenkel, statt sie anzuzünden.

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