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Liebesreise in die Toskana

Liebesreise in die Toskana

Catherine George

Verzaubert in Florenz

Aus dem Englischen von E.M. Simmet

Diana Hamilton

Verwechslungsspiel in der Toskana

Aus dem Englischen von Karin Weiss

Lucy Gordon

Eine italienische Hochzeit

Aus dem Englischen von Dr. Susanne Hartmann

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der Abflug von London nach Pisa würde sich etwas verzögern, erklärte der Pilot über Lautsprecher. Durch die bis auf einen leeren Platz am Mittelgang voll besetzte Maschine ging ein hörbares Raunen, und die Stewardessen beeilten sich, mit beruhigendem Lächeln zu versichern, dass kein Anlass zur Sorge bestehe und man nur auf einen verspäteten Passagier gewartet habe.

Georgia lehnte sich zu ihrer Schwester hinüber, die am Fenster saß. “Da kommt er ja!”

Charlotte, schon leicht benommen von der Beruhigungstablette, die sie genommen hatte, verfolgte mit verzagtem Blick, wie ein großer dunkelhaariger Mann vom Flugpersonal zu dem leeren Platz neben Georgia auf der anderen Seite des Gangs geführt wurde. Zwei Stewardessen waren dem Mann dabei behilflich, sein Handgepäck zu verstauen, und Georgia lauschte amüsiert dem italienischen Wortschwall, mit dem die beiden Frauen den Spätankömmling überschütteten.

“Was ist los?”, erkundigte sich Tom mit gedämpfter Stimme.

“Sie entschuldigen sich, weil die erste Klasse ausgebucht ist und er mit der zweiten vorliebnehmen muss”, flüsterte Georgia ihrem Schwager ins Ohr. “Eine echte Zumutung!”

Tom leitete die Nachricht an seine Frau weiter, die darauf nur matt lächelte. Georgia wusste, dass ihre Schwester sich im Moment nichts sehnlicher wünschte, als das Flugzeug auf dem schnellsten Weg zu verlassen und mit dem nächsten Zug nach Hause zu fahren. Die Motoren begannen zu dröhnen, und die beiden Stewardessen eilten zu ihren Plätzen. Tom Hannay griff nach der eiskalten Hand seiner Frau, als sich das Flugzeug in Bewegung setzte und Sekunden später vom Boden abhob.

Georgia, die im Gegensatz zu ihrer Schwester nicht unter Flugangst litt, lehnte sich zurück und beobachtete, wie die Maschine durch die Wolkendecke stieß. Dann drehte sie sich zu Tom um und stellte erleichtert fest, dass Charlottes Augen geschlossen waren. Die Tablette begann also zu wirken, und bald würde ihre Schwester tief und fest schlafen, wie Georgia aus Erfahrung wusste.

Sobald die Aufforderung zum Anschnallen erloschen war, erhob sich der Spätankömmling und verstaute seine elegante Wildlederjacke in der Kleiderablage über den Sitzen. Dabei fiel ihm eine schmale Lederbrieftasche aus der Jacke und direkt in Georgias Schoß. Sie wartete, bis er die langen Beine ausgestreckt hatte, und gab ihm dann sein Eigentum zurück.

Er sah sie mit seinen leuchtend blauen Augen bewundernd an. “Grazie!”, bedankte er sich lächelnd mit jener tiefen und leicht rauen Stimme, die nach Georgias Erfahrung ein typisches Merkmal italienischer Männer war. “Sie muss mir aus der Jacke gerutscht sein. Sie wurden doch nicht etwa verletzt?”

“Nein”, erwiderte sie kühl.

“Tut mir leid, dass sich meinetwegen der Abflug verzögert hat”, fuhr er unbeirrt fort. “Hoffentlich sind Ihnen dadurch keine Unannehmlichkeiten entstanden.”

“Nein, absolut keine”, versicherte sie ihm, wissend, dass Tom dem auf Englisch geführten Gespräch amüsiert lauschte.

“Reisen Sie nur bis Pisa oder weiter nach Florenz?”

Georgia zog das Magazin aus der Tasche am Vordersitz und hoffte, der Mann würde den Wink verstehen. “Nach Florenz.”

“Ist das Ihr erster Besuch dort?” Der Italiener lehnte sich bequem in seinem Sitz zurück. Offenbar gedachte er die Unterhaltung fortzusetzen, was Georgia erboste. Wieso der Mann sie so in Rage brachte, wusste sie selbst nicht. Vielleicht sah er einfach zu gut aus und war zu sehr von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugt.

“Ja”, beantwortete sie seine letzte Frage kurz angebunden. Er sollte sich bloß nicht einbilden, sie wäre entzückt, weil er sie eines Gesprächs für würdig erachtete.

“Es wird Ihnen dort sicher gut gefallen”, meinte er und drehte sich ganz zu ihr. Sie empfand diese fast schon vertrauliche Geste als leicht irritierend. “Firenze ist keine gewöhnliche Stadt, sondern ein unvergessliches Erlebnis!”

Sie lächelte ihn kühl an und atmete erleichtert auf, als das laute Rattern der Servierwagen ein weiteres Gespräch unmöglich machte. Sie klappte das am Vordersitz befestigte Tablett herunter und beobachtete aus den Augenwinkeln heraus, wie der Italiener dasselbe tat. Seine Mundwinkel umspielte ein ironisches Lächeln.

Georgia nahm die Plastikschale mit dem Essen entgegen und machte sich als Erstes ein Käsebrötchen zurecht, das sie in eine Serviette wickelte und dann wegpackte. “Wenn Charlotte aufwacht, hat sie gewöhnlich einen Riesenhunger”, sagte sie leise zu Tom.

“Niemand weiß das besser als ich”, erwiderte er und machte ebenfalls ein Brötchen zurecht. “Als wir an unserem Hochzeitstag nach Paris flogen und spätabends ins Hotel kamen, verlangte meine frisch angetraute Ehefrau erst einmal ein ausgiebiges Dinner, ehe wir unsere Hochzeitsnacht feiern konnten.”

Georgia lachte laut auf, verstummte jedoch, als ihr Blick dem ihres Nachbarn auf der anderen Seite des Gangs begegnete. Schnell sah sie weg und ärgerte sich, weil sie spürte, wie sie errötete. Glücklicherweise erschien in diesem Augenblick eine hübsche Stewardess und bot dem attraktiven Spätankömmling etwas zu trinken an.

“Mir scheint, du hast eine Eroberung gemacht”, neckte Tom seine Schwägerin leise.

Georgia rümpfte die Nase. “Ich war der einzige weibliche Passagier in seiner unmittelbaren Nähe. Nur deshalb hat er mit mir ein Gespräch angefangen. Er muss irgendeine Berühmtheit sein, sonst würden die Stewardessen nicht so um ihn herumscharwenzeln.”

“Irgendwie kommt mir sein Gesicht bekannt vor”, stimmte Tom ihr zu. “Aber ich weiß nicht, woher ich es kenne. Vielleicht ist er ein Schauspieler?”

Georgia warf dem Fremden einen verstohlenen Blick zu, doch sein Gesicht war ihr nicht vertraut. “Dem Profil nach könnte er es sein”, sagte sie. “Er hat klassisch geschnittene Gesichtszüge und eine römische Nase.” Sie erhaschte einen kurzen Blick auf einen langen, schmalen Fuß, der in einem jener eleganten und doch bequemen Schuhe steckte, für die Italien berühmt ist. Dann ließ sich der Mann Kaffee nachschenken, und sie sah ein muskulöses gebräuntes Handgelenk, an dem eine Rolex lose baumelte. “Offensichtlich zählt er zu den oberen Zehntausend und ist daran gewöhnt, bedient zu werden.”

“Nicht so laut, Georgie”, flüsterte Tom. “Er könnte dich hören.”

Der Fremde hatte jedoch die Lider mit den dichten langen Wimpern geschlossen, wie Georgia beruhigt feststellte.

Der kurze Flug nach Pisa dauerte nicht lange. Wie auf Kommando erwachte Charlotte, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Sie war heilfroh, dass ihre Qualen zu Ende waren, und aß heißhungrig die beiden Brötchen.

Sobald die Maschine den Boden berührt hatte, sprang der elegante Italiener auf und holte sein Handgepäck hervor. Er bedachte Georgia mit einem strahlenden Lächeln und verbeugte sich leicht. “Arrivederci! Viel Spaß in Florenz!” Lässig warf er sich die Wildlederjacke über die Schulter und eilte zum Ausgang, wo er vom Personal wortreich verabschiedet wurde und der Kapitän ihm sogar höchstpersönlich die Hand drückte.

“Wer war denn das?”, erkundigte sich Charlotte neugierig. “Jemand, den man kennen muss?”

“Zumindest glaubt er das”, antwortete Georgia spöttisch.

Nun, da sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war Charlotte wie verwandelt. “Seht nur diesen wunderbaren blauen Himmel!”, rief sie fröhlich, während sie in der Ankunftshalle auf ihr Gepäck warteten. “Zwei Wochen voller Sonnenschein liegen vor uns, Tom.”

Sie sammelten ihr Gepäck ein und machten sich auf den Weg zum bereits wartenden Zug.

“Schade, dass du nur einen Abend mit uns verbringen kannst, Georgie”, wandte sich Charlotte an ihre Schwester, als der Zug sich in Bewegung setzte.

“Ich hab den Job nun mal angenommen”, entgegnete Georgia keineswegs traurig. “Im Übrigen würde sich Tom wahrscheinlich bedanken, wenn ihr mich als lästiges Anhängsel überall mit hinnehmen müsstet.”

“Ganz recht”, pflichtete Tom ihr breit grinsend bei. “Ich liebe dich zwar heiß und innig, Georgia Fleming, aber im Urlaub habe ich meine Frau lieber ganz für mich.”

“Wie kannst du nur so etwas sagen, Tom”, entrüstete sich Charlotte.

“Aber es ist nun mal wahr”, entgegnete ihr Mann.

“Danke, Liebling.” Die beiden lächelten sich verliebt an.

“Nehmt bitte Rücksicht auf meine Jugend und Unerfahrenheit”, scherzte Georgia.

Ihre Schwester lachte. “Ich weiß zwar nicht, wie es sich mit Letzterem verhält, aber du bist nur elf Monate jünger als ich. Noch heute erzählt Mom oft von ihrem stressigen Leben als junge Mutter von zwei noch in den Windeln liegenden Babys.”

Georgia schnitt ein Gesicht. “Für mich ein Grund mehr, so lange wie möglich frei und ungebunden zu bleiben.”

“Magst du denn keine Kinder?”, fragte Tom. “Wenn nicht, dann tun mir die armen Kleinen leid, die du unterrichtest.”

“Natürlich mag ich Kinder – solange ich sie nach der Schule ihren Müttern zurückgeben kann!” Georgia lachte. “Ich mag auch Babys, aber die Art der Fortpflanzung behagt mir nicht. Warum bin ich nicht als Mann geboren worden?”

Tom Hannay musterte sie ausgiebig von Kopf bis Fuß. “Das ist recht leicht zu beantworten”, sagte er lächelnd und drückte seine Frau zärtlich an sich. “Es mag chauvinistisch klingen, aber die Frauen in eurer Familie sind nun mal so ausgesprochen weiblich, dass ich mir keine als Mann vorstellen könnte, eure Mutter eingeschlossen.”

Sie erreichten das Hotel in Florenz bei strahlendem Sonnenschein, der den nahe vorbeifließenden Arno in ein golden schimmerndes Band verwandelte. Entzückt betrat Georgia den Balkon ihres Zimmers und schob die Blumentöpfe beiseite, um einen Blick auf den in einiger Entfernung liegenden Ponte Vecchio zu werfen und die Schönheit und ungeheure Vitalität dieser Stadt samt Lärm und Gerüchen in sich aufzunehmen.

Je besser sie Italien kennenlernte, desto mehr liebte sie es. Schon als Studentin hatte sie zweimal während der Semesterferien in einem Ferienlager in Venedig gearbeitet. Nach ihrem Abschluss an der Universität war sie nach Venedig zurückgekehrt und unterrichtete dort seit einem Jahr an einer internationalen Schule Englisch. Zwar war es anstrengend, ihre meist lernunwilligen Schützlinge für diese Sprache zu begeistern, doch ihrer Liebe zu Italien tat das keinen Abbruch.

Allerdings hatte sie den Sommerurlaub diesmal daheim in England verbringen wollen. Aber einer ihrer Schüler hatte zu Hause derart von ihr geschwärmt, dass ein Freund seiner Eltern zu ihr in die Schule gekommen war und sie gebeten hatte, seiner kleinen Tochter während der Sommerferien Englischunterricht zu geben. Zuerst hatte sie ablehnen wollen, hatte dann jedoch den Gedanken an einen Sommer in der Toskana zu verlockend gefunden, um sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen. Und so hatte sie zugesagt und sich nur ausbedungen, die erste und letzte Woche ihres Urlaubs in England verbringen zu können.

Träumend lehnte sich Georgia über die Balkonbrüstung und beobachtete das Treiben auf der Straße. Bisher hatte sie Venedig für die schönste Stadt Italiens gehalten, doch nun schien Florenz mit seinen prächtigen Renaissancebauten der alten Lagunenstadt den Rang abzulaufen.

Charlotte und Tom hatten beschlossen, am ersten Abend mit Georgia im luxuriösen Hotel Lucchesi zu übernachten. Morgen würden sie dann weiterreisen und sich in der Ruhe und Abgeschiedenheit eines toskanischen Bauernhofes vom stressigen Leben in London erholen, wo Charlotte im Büro ihres früheren Chefs und jetzigen Mannes, eines erfolgreichen Anwalts, als Sekretärin arbeitete.

Für Georgia hingegen war heute der letzte freie Tag, denn Signor Marco Sardi würde morgen einen Wagen schicken, der sie zur Villa Toscana brachte. Dort begannen dann ihre Pflichten als Englischlehrerin der kleinen Alessandra Sardi.

Georgia beschloss, erst einmal unter die Dusche zu gehen. Sie arrangierte die Blumentöpfe wieder so, wie sie vorher gestanden hatten, und war überrascht, als plötzlich Toms besorgtes Gesicht an der beide Balkone trennenden Wand erschien.

“Georgia, bitte komm sofort herüber!”

“Was ist passiert?”

“Charlotte fühlt sich nicht wohl.”

Erschrocken eilte Georgia aus dem Zimmer nach nebenan.

“Was hat sie?”, fragte sie, als Tom die Tür öffnete. Sein Gesicht war fast so weiß wie der Hotelbademantel, den er trug.

“Sie ist im Badezimmer und übergibt sich”, antwortete er. “Du sprichst Italienisch, Georgie. Ich glaube, wir benötigen einen Arzt.”

Georgia ging ins Bad und fand ihre Schwester über das Waschbecken gebeugt, wo sie sich Wasser ins Gesicht spritzte.

“Schade um die beiden Käsebrötchen”, keuchte Charlotte und griff nach einem Handtuch. “Hör nicht auf Tom. Ich brauch’ keinen Arzt. Du weißt ja, dass mir auf Reisen leicht schlecht wird. Wahrscheinlich ist mir die Taxifahrt vom Bahnhof zum Hotel nicht bekommen.”

Georgia umarmte ihre Schwester und zog sie an sich. “Du zitterst ja”, stellte sie besorgt fest.

“Das würdest du auch, wenn du absolut nichts mehr im Magen hättest!”

Langsam führte Georgia sie zurück ins Schlafzimmer zu einem äußerst beunruhigten Tom.

“Liebling, mir geht es schon besser, wirklich”, versicherte Charlotte, als er sie vorsichtig hochhob und zum Bett trug. “Ich benötige nur eine Dusche, etwas Tee und Kekse oder so was Ähnliches. Wenn das nicht hilft, werde ich diese grässlichen Magentropfen von meiner Mutter nehmen.”

“Wie gut, dass sie sie dir mitgegeben hat”, sagte Tom und deckte seine Frau fürsorglich zu.

Georgia gab eine entsprechende Bestellung beim Zimmerservice auf, und da sie im Augenblick nichts weiter für Charlotte tun konnte, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu duschen.

Als es Zeit fürs Dinner wurde, erschien sie bei den beiden in einem grünen Minikleid, das farblich gut zu ihrer leicht gebräunten Haut und dem von der Sonne aufgehellten langen Haar passte. Charlotte lag noch immer im Bett, sah aber nicht mehr ganz so mitgenommen aus wie zuvor und verkündete stolz, dass sie den von Georgia bestellten Tee mit Toast im Magen behalten habe.

“Oh Georgia, du siehst so unverschämt gesund aus”, meinte sie und stöhnte.

“Nicht nur gesund, sondern geradezu atemberaubend”, scherzte Tom. “Da du nun hier bist, kleine Schwester, gehe ich schnell unter die Dusche.”

Charlotte sah ihn beunruhigt an. “Darling, könntest du nicht lieber in Georgias Bad duschen? Vielleicht will der Toast doch noch raus, und ich muss plötzlich ins Bad.”

Tom Hannay versicherte seiner Frau, alles für sie zu tun, nahm Georgias Schlüssel und verschwand.

“Es tut mir so leid, Georgia, dass ich euch den ganzen Abend verderbe”, sagte Charlotte schuldbewusst, als sich ihre Schwester zu ihr aufs Bett setzte. “Aber ich fühle mich zu schwach, um mit euch zum Dinner zu gehen.”

“Das musst du auch nicht”, tröstete Georgia sie und strich ihr zärtlich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. “Wir werden hier oben essen.”

Charlottes Miene verfinsterte sich. “Im Moment stört mich sogar Essensgeruch. Deshalb wäre es mir lieber, wenn ihr beide, Tom und du, unten im Restaurant essen würdet. Ich werde inzwischen ein wenig vor mich hindösen, und ihr beide könntet so das Essen wenigstens genießen.”

“Aber wir können dich doch hier oben nicht allein lassen!”

“Klar könnt ihr das.” Charlotte schlüpfte tiefer unter die Bettdecke. “Um ehrlich zu sein, ich würde mich jetzt gern ein wenig ausruhen, damit ich morgen fit genug bin, die Fahrt durch die viel gerühmte toskanische Landschaft entsprechend zu genießen.” Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, als Tom zurückkam und sich das nasse Haar mit dem Ärmel seines Bademantels rubbelte. “Soeben habe ich Georgia gebeten, mit dir allein zum Dinner zu gehen und mir etwas Ruhe zu gönnen. Wenn ihr zurückkommt, kann sie mir dann noch eine Kleinigkeit zu essen bestellen.”

Zuerst protestierte Tom heftig, vermochte aber Charlottes bittendem Lächeln nicht lange zu widerstehen. “Du weißt, wie ungern ich dich allein lasse, Liebling.”

Lächelnd hielt sie ihm das Gesicht zum Kuss hin. “Keine Angst, Tom Hannay, dies ist deine letzte Gelegenheit zu einem Date mit einer atemberaubenden Blondine!”

Georgia verzog das Gesicht. “‘Atemberaubend’ lasse ich mir gefallen, aber nenn mich nicht blond. Sag lieber, mein Haar sei hell.”

Tom lachte. “Das sagte man auch von der schönen Helena. Und was hat sie damit nicht alles angerichtet! Aber wie auch immer, Miss, geben Sie mir noch einige Minuten Zeit bis zu unserem Dinner zu zweit. Ich habe einen Bärenhunger!”

Als Georgia und Tom den Speisesaal betraten, waren nur noch zwei Tische frei. Der Ober führte sie zu einem Fenstertisch, drückte sein Bedauern über das Fernbleiben von Signora Hannay aus, reichte ihnen die Speisekarten, winkte einem Weinkellner und ließ sie schließlich allein, damit sie ihre Wahl treffen konnten.

“Eine gute Idee von dir, hier zu buchen”, sagte Georgia später bei der Vorspeise. Der luftgetrocknete Schinken mit Honigmelone war von edelster Qualität, genau wie der gegrillte Lachs mit feinem Buttergemüse. Als Tom ihr Wein nachschenkte, fing er plötzlich zu lachen an.

“Schau nicht hin, Georgia, aber rat mal, wer dort hinten neben der Tür sitzt!”

“Wer denn?”, fragte sie, noch zu sehr mit dem köstlichen Essen beschäftigt, um wirklich neugierig zu sein.

“Der Typ aus dem Flugzeug, auf den wir warten mussten.”

Unwillkürlich sah Georgia hoch und blickte direkt in die tiefblauen Augen des Fremden. Zu ihrer Verwunderung musterte er sie mit einer Feindseligkeit, die sie selbst auf diese Entfernung hin erkennen konnte.

“Er scheint sich sehr für dich zu interessieren”, bemerkte Tom nach einem flüchtigen Blick auf ihn. “Vielleicht hat er sich an euer Gespräch im Flugzeug erinnert. Seltsam, sein Blick ist irgendwie unfreundlich. Soll ich hingehen und ihn fragen, weshalb er dich so anstarrt?”

“Wag es ja nicht!”, fuhr Georgia ihn an. Dann lächelte sie entschuldigend. “Tut mir leid, Tom. Vielleicht glaubt er, mich zu kennen, was nicht stimmt.” Sie aß weiter. Ganz sicher würde sie sich von diesem eingebildeten Schönling nicht den Appetit verderben lassen.

“Die Ober umschwirren ihn genauso wie das Personal im Flugzeug”, stellte Tom interessiert fest.

“Ich frage mich, wer er ist.” Georgia legte das Besteck aus der Hand und tupfte sich mit der Serviette den Mund ab. “Mmh, es hat einfach wundervoll geschmeckt.”

“Wie steht’s mit einem Dessert?”

Sie überlegte. “Die Versuchung ist groß, aber nein, lieber nicht. Lass uns zu Charlotte zurückkehren.”

“Gut.” Tom stand auf und rückte ihren Stuhl nach hinten. “Den Kaffee können wir ja zusammen mit dem Imbiss für Charlotte beim Zimmerservice bestellen.”

Georgia, die vor Tom den Speisesaal durchquerte, versteifte sich unwillkürlich, als sie am Tisch des Fremden vorbeikam. Sie hatte beschlossen, ihn zu ignorieren, doch ihr Blick wurde magnetisch von ihm angezogen. Die unverhüllte Missbilligung in seinen Augen bestürzte sie. Hastig griff sie nach Toms Hand und zog ihn zur Tür.

“Ich hätte schon keine Szene gemacht”, beschwerte sich ihr Schwager im Aufzug.

“Ich wollte lieber sichergehen. Vergiss nicht, dass Signor Sardi meine Hotelrechnung bezahlt. Ich möchte nicht, dass er für zerbrochenes Mobiliar aufkommen muss.”

“Ich leg mich doch nicht mit jemandem an, der einen Kopf größer ist als ich. Solche Leute erledige ich mit meinem vielfach im Gerichtssaal erprobten Spezialblick.”

“Ach, lass uns diesen Widerling vergessen!”, sagte Georgia, betroffen darüber, wie sehr der kleine Zwischenfall ihr zugesetzt hatte. “Tom, ich bin hundemüde und verzichte lieber auf den Kaffee. Ich schau nur noch kurz, wie es Charlotte geht, und frage, was sie essen möchte. Dann geh ich ins Bett.”

“Schade, dass wir nicht noch einen Tag gemeinsam in Florenz verbringen können, ehe du deinen Job antrittst.”

“Ja, das tut mir auch leid, aber es ist nun mal nicht zu ändern. Und Michelangelos David, den ich mir seit Jahren ansehen will, läuft mir nicht davon.”

Charlotte ging es mittlerweile wesentlich besser. Hungrig bat sie Georgia, ihr eine Gemüsesuppe und Sandwiches zu bestellen, und war ganz aufgeregt, als Tom ihr erzählte, dass der elegante Italiener aus dem Flugzeug im Hotelrestaurant nur einige Tische von ihnen entfernt gesessen habe.

“Wenn Blicke töten könnten, wäre Georgia jetzt eine Leiche, so böse hat er sie angesehen”, berichtete Tom weiter. “Ich wollte ihn zur Rede stellen, aber Georgia hat mich aus dem Speisesaal gezerrt, weil sie Angst hatte, ich würde einen Streit mit ihm anfangen.”

“Sehr vernünftig von ihr”, lobte Charlotte. “Soweit ich mich erinnere, ist er mindestens einen Kopf größer als du, Darling.”

“Seid mir bitte nicht böse, wenn ich mich jetzt zurückziehe”, meinte Georgia und gähnte. “Ich bin todmüde.”

“Du frühstückst aber morgen früh mit uns auf dem Balkon”, befahl Charlotte und gab ihrer Schwester einen Gutenachtkuss.

Als Georgia ihre Zimmertür aufschloss, fand sie auf dem Boden ein Kuvert. Es enthielt eine kurze Mitteilung auf Italienisch, die besagte, dass jemand sie morgen früh um elf an der Hotelrezeption abholen und zur Villa Toscana fahren würde.

Georgia runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Zettel von Marco Sardi stammte. Der unfreundliche Ton, in dem die kurze Notiz verfasst war, unterschied sich zu sehr von den beiden äußerst höflichen und liebenswürdigen Briefen, die sie bisher von ihrem künftigen Arbeitgeber erhalten hatte. Sie zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Papierkorb. Vielleicht handelte es sich um einen Anruf, den ein Hotelangestellter nur sinngemäß notiert hatte.

Sie holte eine Flasche Mineralwasser aus dem kleinen Kühlschrank, schenkte sich ein Glas ein und setzte sich damit auf den Balkon, um die warme Vollmondnacht zu genießen. Sie hatte ihre Müdigkeit nur vorgeschützt, weil sie plötzlich das Bedürfnis verspürt hatte, allein zu sein.

Nachdenklich betrachtete sie den ungewohnt hell strahlenden Mond, der den Ponte Vecchio mit einem silbernen Schimmer überzog. Wieso hatte dieser unbekannte Italiener sie derart böse angesehen? Vielleicht war er ja allergisch gegen Blondinen. Aber entsprach sie mit ihrem hellen Haar nicht sogar dem florentinischen Schönheitsideal der Renaissance? Allerdings hatte sie keine haselnussbraunen, sondern fast schwarze Augen, ein Erbe ihrer spanischen Urgroßmutter. Bisher hatten Männer den Kontrast zwischen ihrem hellen Haar und den dunklen Augen immer bewundert. Der Italiener von vorhin schien da anderer Meinung zu sein. Nicht dass es ihr etwas ausmachte, denn sie würde ihn wohl kaum noch einmal wiedersehen.

Georgia wartete, bis der Mond aus ihrem Blickfeld verschwunden war, und ging dann widerstrebend ins Bett, wo sie eine unruhige Nacht verbrachte, in der ein blauäugiges Monster durch ihre Träume geisterte.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen wurde Georgia sehr früh von der Sonne geweckt und war schon lange reisefertig, ehe Tom an ihre Tür klopfte und meldete, dass auf dem Balkon nebenan ein Frühstück für drei Personen auf sie warte.

Zu Georgias Erleichterung fühlte sich ihre Schwester wieder völlig gesund und machte sich mit einem wahren Heißhunger über das reichhaltige Frühstück her. Nachdem sie zwei Kannen Kaffee geleert hatten, stand Georgia schließlich auf.

“Ihr wisst ja, unter welcher Nummer ich in der Villa Toscana zu erreichen bin. Ruft mich bitte an, bevor ihr zurückfliegt”, sagte sie und küsste die beiden zum Abschied.

“Wir werden dich schon morgen anrufen”, versprach Charlotte. “Ich möchte mich vergewissern, dass es dir dort gut geht.”

Georgia umarmte ihre Schwester noch einmal und ging dann nach unten zur Rezeption, wohin einer der Pagen bereits ihr Gepäck gebracht hatte. Man teilte ihr mit, dass noch niemand nach ihr gefragt habe, und sie setzte sich in einen der tiefen, mit weinrotem Brokat bezogenen Polstersessel des Foyers, holte eine große Sonnenbrille aus der Handtasche und vertiefte sich in eine der herumliegenden Zeitschriften. Während sie darin blätterte und sich mit den neuesten Kreationen italienischer Modeschöpfer vertraut machte, warf sie hin und wieder einen Blick zur Rezeption, doch niemand schien auf sie zu warten.

Über einige besonders ausgefallene Modelle musste sie lächeln und hoffte, dass ihre legere Reisekleidung Signor Sardis Geschmack entsprechen würde. Sie trug eine sandfarbene Leinenhose, die ihre langen Beine wirkungsvoll zur Geltung brachte, eine weiße ärmellose Seidenbluse, flache braune Ledersandaletten und eine Handtasche in der gleichen Farbe. Das lange blonde Haar hatte sie mit einem goldbraun gestreiften Seidenschal im Nacken zusammengebunden.

Georgia sah erneut zur Rezeption und versteifte sich, als sie dort eine wohlbekannte Gestalt im Gespräch mit einer der Empfangsdamen entdeckte. Schon wieder dieser arrogante Italiener, dachte sie verärgert und versteckte ihr Gesicht hinter einer Zeitschrift in der Hoffnung, er würde weg sein, wenn sie an die Rezeption gerufen wurde.

“Signorina Fleming?”, vernahm sie plötzlich eine ihr seltsam vertraute Stimme. Georgia sah überrascht hoch. Direkt vor ihr stand der Mann aus dem Flugzeug, bekleidet mit einer weißen Leinenhose von edelstem Schnitt und einem Hemd, so blau wie seine Augen, deren Blick sie in der vergangenen Nacht bis in ihre Träume verfolgt hatte.

Sie nickte hoheitsvoll.

“Erlauben Sie bitte, dass ich mich Ihnen vorstelle”, sagte er auf Italienisch. “Ich bin Gianluca Valori.”

Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor. Etwa ein Fußballer? Seinem Tonfall nach schien er jedenfalls zu erwarten, dass ihr der Name ein Begriff war. Georgia sah ihn durch ihre dunklen Brillengläser stumm an.

“Ich soll Sie zur Villa Toscana fahren, Miss Fleming”, fuhr er fort, sichtlich irritiert, weil sie so beharrlich schwieg. “Marco Sardi ist mein Schwager. Falls Sie mir nicht glauben, wird der Hotelmanager meine Identität gern bestätigen.”

“Das wird nicht nötig sein, Signor Valori.” Georgia sprach die Landessprache fließend, aber mit leichtem Akzent, den, wie sie aus Erfahrung wusste, die meisten Italiener jedoch besonders charmant fanden. Dass der Mann vor ihr diese Meinung nicht teilte, war klar. Sein arrogantes Benehmen ärgerte Georgia, und sie stand auf, schwang sich die Handtasche über die Schulter und teilte ihm mit, dass ihr Gepäck neben dem Empfangstresen stehe.

Gianluca Valori brauchte dort nur zu erscheinen, und schon umschwirrte ihn ein Heer von Bediensteten, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Man trug Georgias Gepäck hinaus und die roten Teppichstufen hinunter, über die jeden Morgen ein frisch gereinigter weißer Leinenläufer gelegt wurde. Gelassen wartete Georgia an der Eingangstür, während ihr Begleiter ihre Hotelrechnung bezahlte und dann wortreich verabschiedet wurde. Anschließend führte er sie nach draußen zur Lungarno della Zecca Vecchia, wo ein Sportwagen stand, der sie in Form und Farbe an einen geschmeidigen schwarzen Panther erinnerte.

Ach du meine Güte, dachte Georgia entsetzt, als sie sah, wie ihr Gepäck im Kofferraum verschwand. Ist das etwa unser Auto?

Ihr Begleiter half ihr mit unpersönlicher Höflichkeit auf den Beifahrersitz, setzte sich hinters Steuer, und, so kam es zumindest Georgia vor, wenige Minuten später rasten sie bereits in mörderischem Tempo über die Autostrada A1.

“Haben Sie Angst?”, erkundigte sich der Fahrer schließlich nach einem kurzen Seitenblick auf ihr bleiches Gesicht.

“Ja”, erwiderte sie gereizt. “Könnten Sie bitte etwas langsamer fahren? Mir wird sonst schlecht.”

Gleichmütig zuckte er eine Schulter und verlangsamte geringfügig das Tempo. “Es besteht keine Gefahr, Miss Fleming.” Er lächelte leicht. Die erste menschliche Regung, die sie seit seinen anfänglichen Flirtversuchen im Flugzeug bei ihm wahrnahm. “Ich bin ein routinierter Fahrer.”

“Das bin ich auch”, antwortete sie, nicht mehr ganz so blass. “Aber nicht bei diesem Tempo und nicht in einem solchen Auto.”

Er schien etwas aufzutauen. “Gefällt Ihnen der Supremo? Er ist unser bestes Produkt.”

Georgia runzelte die Stirn. Supremo? Valori? Natürlich! Die Firma Valori war ein kleiner, aber feiner Hersteller von luxuriösen Sportwagen, berühmt in der ganzen Welt. Jeder Autonarr träumte davon, einen Supremo zu fahren. Und in der Welt des Grand Prix war diese Firma fast eine Legende, vor allem seit ...

Sie biss sich auf die Lippe und musterte überrascht das markante Profil des Fahrers. Oh nein! Kein Wunder, dass ihr sein Name bekannt vorgekommen war. Gianluca Valori war einer der besten Rennfahrer gewesen, die Italien jemals hervorgebracht hatte. Sie hatte ihn sogar schon im Fernsehen gesehen, auf dem Siegerpodest stehend, mit Schirmmütze und blitzenden weißen Zähnen, als er lachend die sprudelnde Champagnerflasche geschwenkt hatte.

“Fühlen Sie sich nicht wohl, Miss Fleming?”, fragte er mit einem kurzen Seitenblick auf sie.

“Oh doch, vielen Dank.” Ich komme mir nur ziemlich dämlich vor, setzte sie in Gedanken hinzu.

“Wir sind bald da”, informierte er sie. “Die Villa liegt in der Nähe von Lucca, ungefähr dreißig Minuten von Florenz entfernt.”

Sie nickte steif. Sicher benötigte ein normaler Fahrer für diese Strecke mindestens doppelt so lange wie Gianluca Valori in seinem Supremo. Sie rasten an dem von einer Stadtmauer umgebenen Lucca vorbei und drosselten dann das Tempo, als sie von der Autobahn auf eine enge Landstraße wechselten, die sich durch eine sanfte Hügellandschaft schlängelte. Ab und zu säumten hohe Zypressen den Straßenrand, als wollten sie mit ihren Ästen auf die großartige Aussicht hinweisen. Auf manchen der vorbeiziehenden Hügeln standen prachtvolle Villen. Dann passierte der Supremo ein altes Kloster und bog schließlich in einen schmalen Kiesweg ein.

Langsam steuerte Gianluca den Wagen durch ein offenes Tor in einen blühenden und mit weißen Statuen durchsetzten Park und fuhr bis direkt vors Haus. Georgia war angenehm überrascht, statt des erwarteten Landhauses im klassizistischen Stil eine zwar relativ kleine, jedoch äußerst stilvolle Villa zu erblicken. Ein perfektes Beispiel italienischer Architektur des späten 18. Jahrhunderts, in tiefem Hyazinthblau und mit weiß gestrichenen Fensterläden.

“Wir sind da”, riss Signor Valoris Stimme sie aus ihrer Versunkenheit in den Anblick des Hauses.

“Ja”, antwortete Georgia etwas zerstreut. “Ja, natürlich.” Es war das erste Mal, dass sie ihn anlächelte. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, um die Farben der Villa Toscana ganz unverfälscht zu sehen, und vergaß sogar für einen Augenblick ihre Abneigung gegenüber Gianluca Valori. “Was für ein zauberhaftes Haus!”

Er musterte sie einige Sekunden lang, zuckte die Schultern und betrachtete dann finster das Gebäude.

“Meine Schwester besaß einen ausgezeichneten Geschmack. Sie hat die Restaurierung der Villa von Anfang bis Ende persönlich überwacht.”

Georgia sah ihn voller Mitgefühl an. Marco Sardis verstorbene Frau war also Gianluca Valoris Schwester gewesen.

Plötzlich stürmte eine kleine Gestalt in einem pinkfarbenen T-Shirt und Shorts aus dem Haus, und Gianluca Valori sprang mit einem Satz aus dem offenen Sportwagen, um das Kind aufzufangen. Er küsste es auf beide Wangen, ehe er es durch die Luft wirbelte und dann wieder sanft auf den Boden stellte.

“Komm, Alessa”, sagte er, als Georgia nun ebenfalls ausstieg. “Heiße Miss Fleming in eurem Haus willkommen.”

Georgia blickte in ein kleines blasses Gesicht, umrahmt von glänzend schwarzem, zu einem dicken Zopf geflochtenem Haar. Die Augen des Kindes waren ebenso blau wie die seines Onkels und musterten die neue Lehrerin zurückhaltend. “Ich weiß doch nicht, wie das auf Englisch heißt, Luca”, sagte die Kleine.

Georgia lächelte, als Luca Valori seiner Nichte erklärte, dass sie ruhig Italienisch sprechen dürfe, da Miss Fleming das auch verstehe.

“Hallo, Alessandra, ich freue mich sehr, dich kennenzulernen”, sagte Georgia und reichte ihr die Hand.

Die Kleine begegnete ihr mit einem ihrem Alter unangemessenen Ernst. “Willkommen in der Villa Toscana, Miss”, sagte sie mit geradezu rührender Förmlichkeit.

“Ich danke dir.”

Ein junger Mann erschien und kümmerte sich um das Gepäck, während Georgia mit dem Kind und dessen Onkel die äußerst geschmackvolle Eingangshalle betrat. Der glänzende Parkettfußboden und die je zur Hälfte holzgetäfelten und mit zartgrünem Seidenmoiré tapezierten Wände harmonierten wundervoll miteinander. An einer Wand hing ein großer goldgerahmter Spiegel, in dem sich die bunten Farben der auf zwei Marmortische verteilten Blumentöpfe widerspiegelten.

Eine lächelnde Frau in einem adretten Baumwollkleid begrüßte Luca Valori mit einem Wortschwall in einem stark dialektgefärbten Italienisch, das für Georgia nur schwer zu verstehen war.

“Langsam, Elsa”, neckte Luca die Frau. “Miss Fleming spricht zwar unsere Sprache sehr gut, aber sie wird dich kaum verstehen, wenn du wie ein Wasserfall redest.”

Die Frau lachte und bemühte sich, langsamer und deutlicher zu sprechen, als sie nun Georgia fragte, ob sie ihr erst ihr Zimmer zeigen solle, ehe sie im Wintergarten Tee oder Kaffee servieren würde.

“Ich würde mich gern vorher etwas frisch machen”, erwiderte Georgia dankbar und wandte sich dann an Luca Valori: “Danke, dass Sie mich hergefahren haben.”

Er verbeugte sich förmlich. “Tut mir leid, dass Ihnen mein Tempo Angst eingejagt hat.”

“Bist du gebraust, Luca?”, erkundigte sich Alessa mit blitzenden Augen.

“Ja, aber Miss Fleming hat sich gefürchtet, und ich musste langsamer fahren. Deshalb haben wir so lange gebraucht.” Er blickte ironisch lächelnd zu Georgia.

“Tut mir leid, dass Sie sich meinetwegen verspätet haben”, erwiderte diese frostig. “Da Sie in Eile sind, will ich Sie nicht länger aufhalten und mich verabschieden.” Sie streckte ihm die Hand hin.

Alessa kicherte und schmiegte sich an die langen Beine ihres Onkels. “Luca lebt hier bei uns, seit ...” Sie verstummte mitten im Satz, und Luca Valori legte tröstend den Arm um seine Nichte.

Georgia zog die Hand zurück und konnte nur mühsam ihr Entsetzen verbergen.

“Ich habe in Florenz übernachtet, weil ich dort heute Morgen noch einiges zu erledigen hatte. Und natürlich auch wegen des Privilegs, Sie hierher fahren zu dürfen.” Luca Valoris spöttische Miene verriet, dass er genau wusste, wie Georgia zumute war. “Marco hat heute einige geschäftliche Termine, und so war ich froh, ihn etwas zu entlasten, indem ich Sie mitnahm. Außerdem”, fuhr er fort, “ist es nie vergeudete Zeit, eine Nacht in Florenz zu verbringen. Speziell der gestrige Abend war für mich sehr aufschlussreich.”

“Franco hat Ihr Gepäck auf Ihr Zimmer gebracht, Miss”, unterbrach Elsa zu Georgias Erleichterung das Gespräch. “Wenn Sie mir bitte folgen wollen.”

Georgias Zimmer lag im obersten Stockwerk des Hauses. Unwillkürlich entfuhr ihr ein Ausruf des Entzückens, als sie den sich über zwei Ebenen hinziehenden Raum betrat. Unten befand sich ein kleines Wohnzimmer, von dem einige Mahagonistufen nach oben in den Schlafbereich führten. Die Wände waren mit einer zart gemusterten Rosentapete bespannt, deren Muster sich im Teppich wiederholte. An der Fensterseite standen zwei mit roséfarbenem Samt überzogene Polstersessel und ein kleiner runder Messingtisch und in einer Ecke ein zierlicher Schreibtisch mit einer antiken Lampe. Auf der von einer Balustrade begrenzten oberen Ebene befand sich neben einem großen Fenster mit atemberaubender Aussicht ein breites Bett, auf dem eine weiße Häkeldecke lag.

Elsa drehte einen kleinen Messingknopf und öffnete eine in die Wand eingelassene Tür, hinter der sich ein Kleiderschrank verbarg. Dann stieg sie die Treppe hoch und öffnete eine weitere Tür. “Hier ist das Bad, Miss Fleming. Bitte kommen Sie nach unten, wenn Sie fertig sind. Ich werde Ihnen dann den Weg zum Wintergarten zeigen.”

“Vielen Dank”, sagte Georgia, der ihr neues Domizil sehr gefiel. “Es ist wirklich zauberhaft hier. Wo schläft Alessandra?”

“Im Zimmer nebenan, Miss, und Pina, ihr Kindermädchen, am Ende des Flurs.” Elsa ging zur Tür, dann drehte sie sich nochmals um. “Alle nennen sie Alessa, Miss”, erklärte sie mit entschuldigendem Lächeln und verließ das Zimmer.

Georgia ging ins Bad. Bewundernd ließ sie die Finger über die cremefarbenen Marmorfliesen und vergoldeten Armaturen gleiten, ehe sie sich Gesicht und Hände wusch. Sie bürstete ihr Haar, band es wieder im Nacken zusammen und betrachtete sich dann stirnrunzelnd im Spiegel. Wieso hatte sie eine solche Abneigung einem ihr völlig fremden Mann gegenüber? Sie schnitt ihrem Spiegelbild ein Gesicht, zog sich die Lippen nach und ging dann nach unten, wo sie in der Halle von Elsa in Empfang genommen wurde, die sie durch ein großes Esszimmer und einen glasüberdachten Flur entlang zu einem riesigen Wintergarten führte.

Überall standen Pflanzen in verschiedenen Grünschattierungen, und die über den ganzen Raum verteilten Korbmöbel mit den bunten Kissen verliehen ihm eine lockere und gemütliche Atmosphäre, ebenso wie die auf zahllosen kleinen Tischen liegenden Zeitungen und Zeitschriften. Die Sonnenblenden an den hohen Fenstern waren zur Hälfte heruntergezogen, um vor der heißen Julisonne zu schützen, aber die weiten Glastüren standen offen und gaben den Blick auf den Park frei, aus dem leises Wasserrauschen zu vernehmen war, das die Illusion von Kühle vermittelte.

Als Georgia eintrat, stand Luca Valori von seinem Stuhl auf. Alessa jedoch war nirgendwo zu sehen. Elsa fragte, ob die englische Miss Tee wünsche, aber Georgia bat um starken italienischen Kaffee, den sie mittlerweile zu schätzen gelernt hatte. Elsa verschwand und ließ die beiden in betretenem Schweigen zurück.

“Bitte, nehmen Sie Platz”, sagte Luca schließlich.

Georgia setzte sich auf ein Sofa, und Luca nahm wieder auf seinem Stuhl Platz.

“Entspricht das Zimmer Ihrem Geschmack?”, erkundigte er sich höflich.

“Oh ja, es ist bezaubernd”, versicherte Georgia, froh über das unverfängliche Gesprächsthema. Schon wollte sie eine weitere Bemerkung über die Einrichtung machen, da fiel ihr ein, dass Lucas verstorbene Schwester das Mobiliar ausgesucht hatte. Sie ließ den Blick zu einer der geöffneten Glastüren gleiten. “Der Park ist wunderschön. Täusche ich mich, oder höre ich tatsächlich leises Rauschen?”

“Durch das Grundstück fließt ein kleiner Bach.” Sein Mund verzog sich zu einem sarkastischen Lächeln. “Bewundernswert, wie perfekt Sie die Kunst des Small Talks beherrschen, Miss Fleming.”

Sie betrachtete ihn und entschied, darauf nicht zu antworten. “Wo ist Alessa?”

“Bei ihrem jungen Kindermädchen Pina, von dem sie seit ihrer Geburt betreut wird. Alessa wird mit uns zu Mittag essen.” Er machte eine Pause und sah Georgia direkt ins Gesicht. “Sie werden Geduld mit ihr aufbringen müssen. Sie sträubt sich dagegen, Englisch zu lernen, und will ihren Vater auch nicht nach England begleiten.”

“Muss sie das denn?” Georgia erwiderte offen seinen Blick. “Ich weiß, Signor Sardi möchte, dass sie genügend Englisch lernt, um ihn für einige Monate nach London begleiten zu können. Aber wieso muss sie mit ihm kommen? Sicher könnte sie bis zu seiner Rückkehr bei Verwandten wohnen?”

Luca Valoris Blick wurde eisig. Offenbar empfand er ihre Frage als unerwünschte Einmischung in Familienangelegenheiten. “Marcos Schwester würde Alessa gern nehmen, aber er kann es nicht ertragen, monatelang von seiner Tochter getrennt zu sein. Deshalb muss sie mit ihm kommen und vorübergehend eine englische Schule besuchen.” Er zögerte. “Marco glaubt, es würde ihr guttun, und ich denke das auch.”

“Ich verstehe.” Georgia verstand nur zu gut. Ihr neuer Job würde nicht leicht sein. Marco Sardi hatte sie engagiert, um seine Tochter auf den Aufenthalt in England vorzubereiten. Aber noch wichtiger war ihm ein liebevoller Umgang mit seinem Kind, daran hatte er keinen Zweifel gelassen.

“Mögen Sie Kinder?”, fragte Luca und sah Georgia durchdringend an.

“Ja. Es war schon immer mein Wunsch, später einmal zu unterrichten.” Sie sah lächelnd hoch, als Elsa mit dem Kaffee erschien. “Vielen Dank.”

Die Frau nickte ihr freundlich zu und bat sie zu entschuldigen, da sie sich um den Lunch kümmern müsse.

Georgia schenkte aus der Silberkanne Kaffee in die geblümten Porzellantassen und reichte eine davon Luca Valori. Dann tat sie Zucker und einen Schuss Sahne in ihre Tasse, trank durstig einen großen Schluck und machte keinen weiteren Versuch, die Unterhaltung fortzusetzen.

“War Ihr Liebhaber traurig über den Abschied?”, fragte Luca Valori so unvermittelt, dass sie sich beinahe verschluckt hätte.

Sorgfältig stellte Georgia ihre Tasse auf den Tisch neben ihr und sah direkt in die durchdringend blickenden blauen Augen ihres Gegenübers. “Bitte entschuldigen Sie, aber ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden, Signor Valori.”

Er zuckte die Schultern – eine Geste, die ihr allmählich vertraut war. “Das denke ich nicht. Ich wollte wissen, ob Ihr Liebhaber etwas dagegen hatte, Sie meiner Obhut anzuvertrauen. Falls Sie mir weismachen wollen, es gäbe keinen, dann vergessen Sie bitte nicht, dass ich Sie gestern mit ihm im Flugzeug und abends beim Dinner gesehen habe. Ich war ziemlich überrascht, als ich erfuhr, wer Sie sind. Marco hatte mir nämlich erzählt, die von ihm engagierte junge Dame sei den Sommer über allein, da ihr Verlobter bei der britischen Armee auf Zypern Dienst tue. Anscheinend hat er doch noch Urlaub bekommen.”

Georgia unterdrückte ihren aufsteigenden Zorn. “Nein, das hat er nicht”, entgegnete sie mit ausdrucksloser Miene. “Mein Begleiter sowohl im Flugzeug als auch beim Dinner gestern Abend war der Mann meiner Schwester. Beide wohnten im Hotel neben mir.”

Ungläubig sah Luca Valori sie an. “Ist das wahr?”

“Natürlich ist es wahr!”

Er verzog spöttisch den Mund. “Dann ist die Dame zu bemitleiden – sowohl wegen ihres Ehemannes als auch wegen ihrer Schwester.” Sein Blick drückte Abscheu aus, und er stand auf und verließ wortlos den Raum.

Georgia sah ihm sprachlos nach, im Moment zu verblüfft, um wütend zu sein. Kurz darauf erschien Alessa, gefolgt von einem schüchternen dunkelhaarigen Mädchen, und Georgia blieb keine Zeit, um sich über Luca Valoris unverschämtes Benehmen noch weitere Gedanken zu machen.

Alessa ging zielstrebig auf sie zu, das kleine Gesicht ernst und konzentriert. “Miss Fleming, mein Onkel lässt sich entschuldigen. Er ... er ...”

“Hat dringende Geschäfte zu erledigen”, half das Kindermädchen ihr liebevoll.

In ihrer Freude über diese Nachricht fiel Georgias Lächeln besonders herzlich aus, und sie hoffte, damit dem jungen Mädchen die Scheu zu nehmen. “Du musst Pina sein”, sagte sie.

Pina nickte lächelnd und erklärte dann, sie müsse noch in der Küche helfen.

“Ich wollte, dass Luca mit uns zu Mittag isst”, sagte Alessa schmollend und fixierte Georgia rebellisch. “Habe ich heute schon Englischunterricht, Miss?”

“Nein, heute noch nicht. Ich dachte, du würdest mir erst einmal den Garten zeigen, vielleicht auch dein Zimmer und dein Spielzeug, wenn du Lust hast.” Georgia lächelte die Kleine freundlich an. “Und nenn mich bitte Georgia. Das gefällt mir besser als ‘Miss’.”

“Georgia”, wiederholte Alessa stirnrunzelnd. “Ist das ein englischer Name?”

“Ich denke schon.” Georgia lachte. “Mein Vater wollte immer einen Jungen, deshalb wurde meine Schwester Charlotte getauft statt Charles oder vielmehr Carlo, wie man bei euch sagt. Und als ich geboren wurde, nannte man mich Georgia statt George oder Giorgo ...”

Zu Georgias Entsetzen zuckte es um Alessas Mund. Die Kleine begann zu weinen und schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht, um die Tränen zu verbergen. Von Mitleid überwältigt, zog Georgia das Kind sanft in die Arme und versuchte es leise zu beruhigen.

“Was hast du, mein Schatz?”, fragte sie. “Kannst du es mir erzählen?”

“Mama hatte ... ein Baby, einen Jungen ... aber sie sind jetzt beide ... im Himmel.” Alessa schluchzte verhalten, dann kämpfte sie nicht länger dagegen an, sondern schmiegte sich an Georgias Brust und weinte. Georgia hielt sie fest an sich gedrückt und streichelte ihr beruhigend den Rücken.

“Wein nur, mein Schatz”, sagte sie heiser. “Lass es raus.” Der Schmerz des Kindes bestürzte sie. Natürlich hatte es niemand für nötig befunden, ihr mitzuteilen, dass Maddalena Sardi im Kindbett und, wie sie mittlerweile ahnte, erst vor Kurzem gestorben war.

Es dauerte einige Zeit, bis Alessa sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, und als sie sich schließlich von Georgia löste, waren beide nass von Tränen und das kleine Gesicht des Mädchens rot und verquollen.

“Ich glaube, wir ziehen uns jetzt etwas Trockenes an, Alessa”, sagte Georgia. “Sollen wir Pina suchen, oder darf ich dich in dein Zimmer begleiten, und du zeigst mir, wo deine Sachen sind?”

Alessa ließ sich Zeit zum Überlegen und stimmte schließlich nach einem letzten Schluchzer zu, Georgia in ihr Zimmer mitzunehmen. Es war ein entzückender Raum, in Pink und Weiß gehalten, mit vielen Büchern sowie pädagogischem Spielzeug und zahllosen Puppen, die Alessa stolz ihrer Besucherin zeigte.

“Und hier sind meine Kleider.” Die Kleine öffnete einen weißen, mit bunten Märchenbildern beklebten Schrank. Georgia ging mit Alessa in das ebenfalls weiße und pinkfarbene Bad, half ihr, Gesicht und Hände zu waschen und ein frisches T-Shirt anzuziehen. Dann bat sie das Kind, mit in ihr Zimmer zu kommen.

“Ich habe dort eine Überraschung für dich”, erzählte sie dem kleinen Mädchen auf dem Weg dorthin.

Alessas Miene hellte sich auf. “Eine Überraschung? Für mich?”

“Für dich und niemand sonst.” Georgia öffnete eine ihrer Reisetaschen und entnahm ihr einen in buntes Geschenkpapier gehüllten länglichen Karton. “Hier, mein Schatz. Das habe ich extra aus England für Signorina Sardi mitgebracht.”

Alessa kniete sich auf den Boden, riss das Papier herunter und öffnete ungeduldig den Deckel des Pappkartons. Ihre Augen leuchteten auf, als sie eine große Puppe mit zu Zöpfen geflochtenem blondem Haar entdeckte, die ein Kleid, Socken und Schuhe trug. Neben der Puppe befand sich ein kleiner Koffer.

“Da sind noch mehr Sachen zum Anziehen für die Puppe drin. Gefällt sie dir?”

Alessa nickte eifrig und klatschte in die Hände. “Sie ist wunderschön, Miss ... Georgia! Und du hast sie aus England mitgebracht, für mich?”

“Genau das hab ich getan. Sollen wir sie aus dem Karton nehmen?” Georgia lächelte erleichtert. Natürlich war das Geschenk reine Bestechung, aber wenn es ihr half, Alessas Vertrauen zu gewinnen, hatte es seinen Zweck erfüllt. Zudem hatte der Anblick der Puppe den letzten Rest von Schmerz aus dem Kindergesicht vertrieben. Allein schon deshalb hat sich das Mitbringsel gelohnt, dachte Georgia, als sie mit Alessa die Treppe hinunterstieg und das Kind in die Küche rannte, um Pina und Elsa die Puppe zu zeigen. Gleich darauf kam sie zurück und teilte mit, dass im Wintergarten zum Lunch gedeckt sei.

“Ich werde sie Luisa nennen, und sie darf heute auf Lucas Stuhl sitzen”, verkündete Alessa. Ihre Miene verfinsterte sich flüchtig. “Luca kann heute nicht mit uns essen, Elsa”, sagte sie zur Haushälterin, die soeben den ersten Gang servierte.

Will nicht mit uns essen, verbesserte Georgia in Gedanken und schalt den abwesenden Signor Valori einen Rabenonkel, weil er seiner Nichte eine Enttäuschung bereitet hatte. Und nicht einmal ein kleines Geschenk hatte er Alessa von seiner Reise mitgebracht!

Als sie bei der Pasta angelangt waren – es gab Spinatnudeln mit einer delikaten Pilzsoße –, hörten sie plötzlich ein Motorengeräusch. Einige Minuten später schlenderte Luca Valori lässig durch die offene Gartentür und ließ seine hocherfreute Nichte wissen, dass er seine Meinung geändert habe. Die Geschäfte könnten bis morgen warten.

“Ich habe entschieden, dass du wichtiger bist als jedes Geschäft”, sagte er zu Alessa und blickte dann grimmig zu Georgia. “Ich habe die wirklich wichtigen Dinge mit den weniger wichtigen verwechselt, mich aber noch rechtzeitig eines Besseren besonnen”, erklärte er und widmete sich dann mit großem Appetit der ihm eilends servierten Pasta und dem später folgenden Hähnchen nach Jägerart.

Georgia ließ es sich ebenfalls schmecken. Ganz gewiss würde sie sich von einem jähzornigen Italiener nicht den Appetit verderben lassen, schon gar nicht bei einem so exzellenten Essen, wie es in der Villa Toscana serviert wurde. Die Unterhaltung geriet diesmal nicht ins Stocken, da Alessa fröhlich plapperte und dem Onkel stolz die Puppe zeigte.

“Ein wirklich schönes Geschenk”, sagte Luca zu der Kleinen und schmunzelte. “Du hast noch gar nicht gefragt, was ich dir mitgebracht habe.”

“Papa hat gesagt, das gehört sich nicht”, erwiderte Alessa wohlerzogen, doch schnell überwog ihre Neugier die guten Vorsätze. “Was hast du mir denn mitgebracht, Luca? Auch eine Puppe?”

“Nein, keine Puppe. Du bekommst mein Mitbringsel heute Abend, denn du hast ja schon ein so wundervolles Geschenk von Miss Fleming bekommen.”

“Sie heißt Georgia”, berichtete ihm Alessa eifrig und wandte sich an ihre neue Lehrerin. “Darf Luca dich auch so nennen?”

“Natürlich”, antwortete Georgia und fügte mit zuckersüßem Lächeln in Luca Valoris Richtung hinzu: “Falls er es will.”

“Sehr freundlich”, antwortete er mit ausdrucksloser Miene und wandte sich erneut Alessa zu. “Was hast du denn heute Nachmittag vor, mein Kleines?”

“Kommst du nachher mit mir in den Pool, Luca?”, bat sie.

Er tätschelte ihr bedauernd die Wange. “Tut mir leid, aber ich erwarte einen sehr wichtigen Anruf aus Mailand. Vielleicht später, mein Schatz.”

“Ich könnte Alessa in den Pool begleiten”, bot Georgia an.

Das kleine Mädchen blickte sie zweifelnd an. Ganz offensichtlich war die neue Lehrerin kein Ersatz für den angebeteten Onkel. “Kannst du schwimmen, Georgia?”

“Sicher. Und du?”

Alessa schüttelte den Kopf.

“Dann werde ich es dir beibringen. Noch heute Nachmittag, wenn du willst.”

Alessa klatschte begeistert. “Oh ja, bitte!”, rief sie und griff nach der Puppe. “Komm, Luisa, wir müssen Pina suchen und uns umziehen.”

Georgia stand ebenfalls auf und bedachte Luca Valori mit einem kühlen Lächeln. “Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen.”

“Wir haben heute sicher noch öfter das Vergnügen, uns zu sehen”, erwiderte er spöttisch.

Nicht wenn ich es verhindern kann, dachte sie. Aber das war natürlich Unsinn. Da Luca Valori in der Villa Toscana wohnte, ließ sich eine baldige Begegnung mit ihm schwerlich vermeiden.

Sie seufzte. Zu schade, dass der bestaussehende Mann, der ihr jemals begegnet war, glaubte, sie habe eine Affäre mit dem Mann ihrer Schwester. Sie nahm sich vor, ihn so bald wie möglich darüber aufzuklären, dass dies nicht stimmte. Nicht nur, um ihren guten Ruf wiederherzustellen, wie sie sich eingestand. Es war das erste Mal, dass ein Mann ihr mit unverhohlener Feindseligkeit begegnete, und sie hätte nie gedacht, dass es sie so treffen würde. Verletzter Stolz vielleicht. Jedenfalls verspürte sie den Wunsch, Luca Valoris schlechte Meinung über sie zu ändern, ehe sie die Villa Toscana wieder verließ.

3. KAPITEL

Der Nachmittag brachte Georgia in ihrem Bemühen, Alessa Sardis Zuneigung zu gewinnen, ein großes Stück weiter. Das nierenförmige Schwimmbecken im Park war groß und an einem Ende so tief, dass es Alessa verboten war, ohne Begleitung eines Erwachsenen ins Wasser zu gehen.

“Ich darf nur mit Papa oder Luca in den Pool”, erklärte sie, während sie ins Wasser glitt, wo sie sofort von Georgia aufgefangen wurde. Sie kreischte vor Vergnügen, als Georgia sie an den Händen durch den seichten Teil des Beckens zog.

“Und jetzt halt dich am Beckenrand fest, während ich dir zeige, wie man Arme und Beine gleichzeitig bewegt”, sagte Georgia und schwamm mit langsamen Brustzügen, wie sie es in der Schule gelernt hatte, einmal auf und ab. Dann stellte sie sich an das seichte Ende des Beckens und strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. “So, nun stütze ich dich am Kinn, Alessa, und du versuchst, es mir nachzumachen. So ist es richtig, mein Schatz. Ganz ruhig, ich lass dich nicht fallen.”

Mit Pina als bewundernder Zuschauerin verlief der Schwimmunterricht äußerst erfolgreich und endete mit einer übermütigen Wasserschlacht. Schließlich lieferte Georgia das kleine Mädchen bei der mit einem Handtuch wartenden Pina ab. Unwillkürlich versteifte sie sich, als sie am anderen Ende des Pools eine hochgewachsene, tief gebräunte Gestalt elegant ins Wasser springen und mit kraftvollen Kraulzügen auf sie zukommen sah. Innerhalb weniger Sekunden stand Luca Valori dicht neben ihr im flachen Wasser. Er begrüßte seine aufgeregte Nichte mit einem freundlichen Nicken und wandte sich dann Georgia zu.

“Sie sind eine gute Pädagogin, Miss Fleming. Ich habe den Schwimmunterricht von meinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet.”

Die Tuchfühlung mit Luca Valoris aufregendem und fast nacktem Körper machte Georgia nervös, und sie vergaß ihren Vorsatz, ein klärendes Gespräch mit dem Mann zu führen. Nur schnell weg hier, dachte sie. “Glücklicherweise ist Alessa nicht wasserscheu. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt. Ich muss duschen und meine Haare trocknen.”

Statt zu antworten, schwang er sich mit einem eleganten Klimmzug aus dem Wasser und hielt ihr helfend die Hand hin, die sie notgedrungen nahm und sich von ihm aus dem Becken ziehen ließ. Sie war froh, einen schlichten schwarzen Badeanzug anzuhaben, der eher praktisch als verführerisch war, und schlüpfte schnell in den Bademantel.

“Pina sagt, dass Elsa für dich extra englischen Tee gekocht hat”, berichtete Alessa, während das Kindermädchen sie mit dem Handtuch trocken rieb. “Und Kekse hat sie auch gebacken.”

“Wunderbar!” Georgia lächelte das kleine Mädchen warm an. “Dann werde ich mich jetzt mit dem Duschen beeilen und dich dann treffen, Alessa. Und wo?”

“Hier draußen, wenn es Ihnen recht ist.” Luca Valori deutete auf einen Tisch mit Stühlen unter einem großen Sonnenschirm.

“Das soll Alessa entscheiden”, sagte Georgia.

“Hier draußen, hier draußen”, sang das Kind fröhlich und blickte den Onkel bittend an. “Du musst auch kommen, Luca.”

Er legte theatralisch die Hand aufs Herz und verneigte sich. “Ganz wie die Prinzessin befiehlt.”

Alessa lachte entzückt und griff nach Georgias Hand. “Machen wir schnell. Komm, Pina!”

Georgia folgte Alessa und Pina nach oben und versprach, sobald ihr Haar trocken war, in den Park zu kommen. Nachdem sie geduscht und ihre Haare gewaschen hatte, setzte sie sich mit dem Föhn ans Fenster und betrachtete sinnend die hügelige toskanische Landschaft. Irgendwann würde sie den Stier bei den Hörnern packen und Luca Valori fragen müssen, womit sie ihn verärgert und weshalb ihre Erklärung über Tom die Dinge noch verschlimmert habe. Sie wollte nicht, dass er sich eventuell bei seinem Schwager über sie beschwerte und sie möglicherweise vorzeitig ihren Job beenden musste. Das konnte ihrem guten Ruf an der Schule in Venedig zu sehr schaden.

Bei dem Gedanken verdrehte sie genervt die Augen und stand auf, um ein gelbes T-Shirt und eine weiße Baumwollhose anzuziehen. Sie schlüpfte in braune Sandaletten und ließ ihr Haar offen auf die Schultern fallen, damit die letzten feuchten Strähnen von der Nachmittagssonne getrocknet wurden. Sie verteilte etwas Feuchtigkeitscreme auf ihrem Gesicht und zog die Lippen mit einem roséfarbenen Stift nach. Plötzlich klopfte es energisch an der Tür, und sie öffnete. Draußen stand Alessa in einem bunten Sommerkleid, das dunkle Haar zu zwei Zöpfen geflochten und im Arm die neue Puppe, die nun Jeans und ein T-Shirt trug.

“Bist du fertig, Georgia?”

“Bin ich, Miss Sardi. Wo ist Pina?”

“Schon unten, um Elsa zu sagen, dass wir kommen.” Alessa legte ihre kleine Hand vertrauensvoll in Georgias und plapperte ohne jede Scheu, während sie gemeinsam die Treppe hinunterstiegen. “Werden wir jetzt jeden Tag zusammen schwimmen?”, erkundigte sie sich begierig.

“Sicher – allerdings immer erst nach der Englischstunde.”

“Oh.” Alessa machte einen Schmollmund.

“Der Unterricht wird dir gefallen, das verspreche ich dir”, sagte Georgia.

Der Tisch im Park war bereits mit einem silbernen Teeservice gedeckt sowie einer Kaffeekanne und Tellern mit Keksen, unter anderem dem für Italien typischen Mandelgebäck. Pina stand abwartend am Tischende, und Luca Valori, nun wieder angezogen, wie Georgia erleichtert feststellte, rückte den beiden ankommenden Damen die Stühle zurecht.

“Hat Ihnen das Schwimmen Spaß gemacht, Miss Fleming?”, fragte Luca, während Pina ihm Kaffee einschenkte.

“Sehr sogar. Für mich ist es ein großer Luxus, in einem Haus mit eigenem Swimmingpool zu wohnen”, antwortete Georgia.

“Wo wir früher wohnten, hatten wir auch keinen”, mischte sich Alessa ins Gespräch und sog geräuschvoll an dem Strohhalm, mit dem sie ihre Milch trank.

“Die Restaurierung des Hauses wurde erst kürzlich fertiggestellt”, erklärte Luca, und seine Gesichtszüge verfinsterten sich.

Maddalena Sardi hat also die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr lange genießen können, dachte Georgia.

“Ich hatte mich schon gewundert, warum Alessa nicht schwimmen kann”, sagte sie leise.

“Willst du nicht ein bisschen mit Pina Ball spielen, bis Miss Fleming ihren Tee getrunken hat?”, schlug Luca seiner Nichte lächelnd vor.

Alessa verzog das Gesicht, nickte dann jedoch gehorsam. “Aber später musst du mit mir spielen, Luca.”

“Versprochen.” Er sah der Kleinen nach, als sie über den Rasen hüpfte. Seine blauen Augen waren von Trauer überschattet.

Georgia gab sich einen Ruck. “Signor Valori, ich möchte mich nicht in Ihre Familienangelegenheiten mischen, aber andererseits will ich Alessa auch nicht unwissentlich wehtun. Deshalb bitte ich Sie, mir etwas mehr über ihre Mutter zu erzählen.”

“Gut.” Luca schenkte sich Kaffee nach. “Maddalena starb vor sechs Monaten, kurz nach ihrem Umzug in die Villa Toscana. Sie war zehn Jahre älter als ich, müssen Sie wissen, zwar körperlich zart, dafür aber eine starke Persönlichkeit mit einem ausgeprägten Willen. Als sie mit dreiundvierzig Jahren noch einmal schwanger wurde, war ihr Arzt sehr beunruhigt.” Er schwieg und schien zu überlegen, dann meinte er: “Ich bin sicher, dass Marco nichts dagegen hat, dass ich Ihnen das erzählt habe.”

“Alessa hat mir bereits gesagt, dass ihre Mutter mit einem kleinen Jungen im Himmel sei”, sagte Georgia und sah auf ihre verschränkten Hände. “Es war ... herzzerreißend.”

“Das ist genau das richtige Wort.” Er räusperte sich. “Maddalenas Tod hat uns allen das Herz gebrochen. Natürlich hat Marco am meisten gelitten. Ein Ehemann, der seiner Frau in einer solchen Lage nicht helfen kann, fühlt sich in jedem Fall schuldig.” Lucas Stimme bekam einen rauen Klang. “Meine Schwester wollte unbedingt einen Sohn haben, und das endete in einer Tragödie.”

“Das tut mir alles schrecklich leid ...” Georgia versagte die Stimme, und ihre Augen wurden feucht. Sie sah den Ausdruck von Überraschung in Luca Valoris blauen Augen und drehte rasch den Kopf weg. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, das nur von Alessas fröhlichem Lachen unterbrochen wurde.

“Miss Fleming, ich habe beschlossen, Marco nichts zu sagen”, erklärte Luca schließlich.

Georgia blickte ihn verblüfft an. “Glauben Sie, es wäre ihm nicht recht, dass ich mehr über den Tod seiner Frau weiß?”

“Sie haben mich missverstanden. Ich wollte nur sagen, dass ich ihm nichts von Ihrem Schwager berichten werde.”

Sie erstarrte. “Signor Valori, da gibt es auch nichts zu berichten.”

“Tut mir leid, aber ich bin anderer Meinung”, widersprach er mit seidenweicher Stimme.

Sie setzten ihr Streitgespräch nicht fort, da Franco, der Gärtner, aus dem Haus auf sie zukam und mitteilte, dass die englische Signorina am Telefon verlangt werde.

“Wenn man vom Teufel spricht”, murmelte Georgia und stand auf.

Luca erhob sich ebenfalls und musterte sie scharf. “Teufel?”

“Damit sind nicht Sie gemeint”, versicherte sie ihm. “Bitte entschuldigen Sie mich, und sagen Sie Alessa, ich würde gleich zurück sein.”

Georgia eilte mit Riesenschritten ins Haus. Franco führte sie in ein kleines Arbeitszimmer am hinteren Ende der Halle und ließ sie allein. Georgia atmete einmal tief durch.

Wie erwartet war Charlotte am Apparat. “Ein bisschen Beeilung, du Schlafmütze”, begrüßte ihre Schwester sie. “Wo treibst du dich denn herum, dass du so lange brauchst, um ans Telefon zu kommen?”

“Ich war draußen im Park. Du solltest sehen, wie schön es hier ist. Ein Juwel von einem Haus, mit Swimmingpool und eigenem Bach!” Georgia klärte ihre überraschte Schwester über die Identität des Mannes aus dem Flugzeug auf, beschrieb ihr die schreckliche Fahrt von Florenz zur Villa Toscana im Wagen eines Formel-1-Asses und erzählte ihr als Krönung des Ganzen von Luca Valoris Verdacht, Tom wäre ihr Liebhaber.

Charlotte brach in schallendes Gelächter aus. “Hast du ihn denn nicht aufgeklärt und ihm von James erzählt?”, fragte sie, als sie wieder sprechen konnte.

“Natürlich! Aber er wusste bereits von James, und aus unerfindlichen Gründen wurde er noch wütender, als er erfuhr, dass Tom mein Schwager ist. Doch genug von mir. Geht es dir besser?”

Charlotte, so war zu hören, fühlte sich blendend, fand das Bauernhaus, in dem sie wohnten, unbeschreiblich romantisch, hatte neben sich einen ungeduldigen Tom, der wissen wollte, worüber sie so lache, und eine Telefonkarte, die gleich abgelaufen sein würde.

“Wir werden dich nächste Woche noch mal anrufen, ehe wir zurückfliegen. Und, Georgia, sorg dafür ...”

Die Leitung war tot. Auf dem Rückweg in den Park empfand Georgia plötzlich ein wenig Heimweh. Zu ihrer Erleichterung wartete draußen nur Alessa auf sie. Luca Valori war nirgendwo zu sehen.

“Mein Onkel muss noch etwas schreiben”, sagte das kleine Mädchen und fragte neugierig: “Mit wem hast du telefoniert?”

“Mit meiner Schwester. Sie macht hier mit ihrem Mann Urlaub. Nun ja, nicht direkt hier, aber nicht weit weg. Hast du Lust, mich jetzt durch den Park zu führen? Zu all deinen Lieblingsplätzen?”

Alessa stimmte eifrig zu, stolz und glücklich, Georgia den Bach zu zeigen, der sich leise plätschernd durch den Park schlängelte, dann den Küchengarten, wo alle möglichen Arten von Gemüse und Kräutern unter Francos kundiger Hand gediehen. Kameliensträucher und andere exotische Blumenbüsche, die Georgia nicht kannte, spendeten den Steinskulpturen Schatten, die überall im Park standen. Dazwischen leuchteten Beete mit Hortensien und Geranien.

In der vom Haus aus nicht zu sehenden hintersten Ecke des Parks, halb verdeckt von Zypressen, stand ein altes, verwahrlostes Sommerhäuschen auf Pfählen. Alessa kletterte die gefährlich aussehenden Holzstufen hinauf und öffnete die Tür zu einem stickigen Zimmer, das nach Sonne und Staub roch und in dem einige schon recht mitgenommen aussehende Korbmöbel standen. Durch die Fenster hatte man einen Blick auf das in einiger Entfernung liegende Kloster.

“Hier bin ich am liebsten”, sagte Alessa und ließ sich auf einen der Stühle fallen. “Aber Papa hat mir verboten, allein hierher zu gehen.”

Georgia verstand, weshalb. “Wir werden künftig zusammen herkommen. Wenn du willst, verlegen wir ab und zu den Englischunterricht hierher.”

Alessas ausdrucksvolles kleines Gesicht hellte sich auf. “Wirklich? Papa dachte, du würdest mich in seinem Arbeitszimmer unterrichten.”

“Wenn er das wünscht, werde ich das natürlich tun. Aber wenn du den Unterricht lieber in deinem Zimmer oder im Wintergarten oder hier hättest, werden wir deinen Vater um Erlaubnis dafür bitten, ja?”

Das Kind stimmte begeistert zu und drückte sein Zutrauen zur neuen Englischlehrerin dadurch aus, dass es auf dem Rückweg wie selbstverständlich ihre Hand ergriff. Dass es so leicht sein würde, Alessas Zuneigung zu gewinnen, hatte Georgia nicht zu hoffen gewagt. Und Luca Valori scheint nicht zu beabsichtigen, Marco Sardi irgendwelche Geschichten über Tom und mich aufzutischen, überlegte sie, während sie mit dem vergnügt plappernden Kind an der Hand zum Haus zurückging. Wirklich großzügig von Signor Valori, mich bei seinem Schwager nicht anzuschwärzen, dachte Georgia spöttisch und nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit nochmals ein ernstes Wort mit dem aufbrausenden ehemaligen Rennfahrer zu reden.

Die Gelegenheit dazu ergab sich früher als erwartet. Elsa teilte dem enttäuschten Kind nämlich mit, dass Signor Sardi erst am späten Abend zurückkommen würde.

“Aber er wird dir ganz bestimmt noch Gute Nacht sagen”, versuchte Elsa die Kleine zu trösten und wandte sich dann lächelnd an Georgia. “Er hat mich beauftragt, Sie in seinem Namen in der Villa Toscana willkommen zu heißen, Miss, und Signor Valori gebeten, sich beim Abendessen um Sie zu kümmern. Falls es heute Abend bei ihm zu spät wird, will er Sie morgen früh begrüßen, ehe er ins Büro fährt.”

“Danke, Elsa.” Georgia rang sich ein Lächeln ab. Unter anderen Umständen hätte sie sich auf ein Dinner mit einem so gut aussehenden Mann wie Luca Valori gefreut. Aber da ihm ihre Gesellschaft so offensichtlich zuwider war, würde das Essen mit ihm wahrscheinlich eine einzige Tortur werden. Sie erwog, Elsa zu bitten, ihr ein Tablett aufs Zimmer zu schicken, verwarf den Gedanken jedoch wieder. Wahrscheinlich war es als Privileg zu werten, dass die junge Englischlehrerin mit der Familie speisen durfte. Zudem wollte sie dem Hauspersonal nicht durch Sonderwünsche mehr Arbeit aufbürden. Und auf keinen Fall sollte Luca Valori sich einbilden, er hätte die Schlacht gewonnen.

Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie Alessa nach draußen folgte, um noch ein wenig mit ihr zu spielen. Ihre Freundinnen zu Hause in England würden sie glühend beneiden, weil sie mit Gianluca Valori zu Abend essen durfte, dem berühmten Rennfahrer, der während seiner kurzen Laufbahn neben Größen wie Mansell, Alesi und dem brillanten und später verunglückten Ayrton Senna auf dem Siegerpodest gestanden hatte.

Als Alessa bat, an diesem Abend unter Georgias Aufsicht zu baden, stimmte diese gern zu. Zu ihrem Erstaunen erbot sich Pina, in der Zwischenzeit Georgias Koffer auszupacken und die Sachen in den Schrank zu hängen.

Ein Angebot, das Georgia mit Freuden annahm, denn sie fand eine Badestunde mit Alessa wesentlich vergnüglicher. Nachdem sie mit zwei Plastikschiffchen einige Rennen in der Wanne veranstaltet hatten, wusch Georgia Alessa das dichte schwarze Haar, wickelte dann das Kind in ein Handtuch und knuddelte und kitzelte es beim Abtrocknen, was der Kleinen sehr gefiel. Dann zog Georgia ihrem Schützling das Nachthemd an, trocknete und kämmte ihm die dunklen Locken, während das kleine Mädchen sich vertrauensvoll an sie schmiegte. Wohlhabenheit und Luxus sind eben kein Ersatz für Mutterliebe, dachte Georgia voller Mitleid. Allein bei dem Gedanken, dass ihre Mutter sterben könnte, verspürte Georgia einen Stich im Herzen, und sie war immerhin eine erwachsene Frau von sechsundzwanzig Jahren. Wie schlimm musste es da erst für ein zwanzig Jahre jüngeres Mädchen sein, die Mutter zu verlieren! Instinktiv drückte sie das Kind liebevoll an sich.

“Natürlich kannst du schon selber lesen”, begann Georgia dann diplomatisch. “Aber da heute unser erster gemeinsamer Tag ist, würde ich dir gern eine Gutenachtgeschichte vorlesen, wenn du das willst.”

Alessa, deren Lider schon schwer wurden, nickte und sagte, dass ihr Papa ihr auch immer etwas vorlese, wenn er abends rechtzeitig nach Hause komme. Georgia wählte das Märchen vom gestiefelten Kater und nutzte ihr schauspielerisches Talent dazu, die einzelnen Figuren mit unterschiedlichen Stimmen darzustellen.

Bald gesellte sich auch Pina zu ihnen und hörte aufmerksam zu. Ihr Blick ruhte so liebevoll auf dem Kind, dass Georgia sich zumindest in einem sicher war: Mochte Alessa auch die Mutter verloren haben, es fehlte ihr nicht an Liebe. Nicht nur Pina, sondern in erster Linie natürlich Alessas Vater, ihr Onkel und auch die energische und verlässliche Elsa umsorgten die Kleine liebevoll.

Nachdem die Geschichte zu Ende war, sträubte sich Alessa nicht gegen Pinas Anordnung, schlafen zu gehen. Das kleine Mädchen bedankte sich bei Georgia für die Gutenachtgeschichte, nahm ihr das Versprechen ab, am nächsten Tag wieder etwas vorzulesen, und kletterte ins Bett.

“Weißt du, Georgia, ich war böse auf Papa, weil ich Englisch lernen muss. Aber dich mag ich. Magst du mich auch?”

Über Alessas Kopf hinweg begegnete Georgia Pinas Blick. Sie war froh, in den Augen des Kindermädchens nicht die Spur von Eifersucht zu entdecken. “Ja, ich mag dich auch sehr, Alessa. Ich glaube, wir beide werden gut miteinander auskommen.”

Beruhigt schloss das Kind die Augen. “Gute Nacht, Georgia.”

“Gute Nacht, mein Schatz. Bis morgen früh.”

Zu Georgias angenehmer Überraschung hatte das Kindermädchen ihre Sachen nicht nur ausgepackt und in den Schrank gehängt, sondern sie, wo es nötig war, auch noch gebügelt.

“Pina, du bist ein Engel”, sagte Georgia laut und durchforstete ihre Garderobe nach einem passenden Kleid für das bevorstehende Dinner. Welchen Aufzug erwartete man wohl von einer Frau, die man verdächtigte, ein Verhältnis mit dem Mann ihrer Schwester zu haben? Sie griff nach einem klassisch geschnittenen schwarzen Leinenkleid und hielt es sich vor dem Spiegel an. Genau das Richtige. Dazu schlichte Perlenohrstecker und schwarze Leinenpumps. Das würde wohl seriös genug sein.

Da sie bis zum Dinner noch mehr als eine Stunde Zeit hatte, beschloss sie, kurz an James zu schreiben. Er hatte in seinem letzten Brief ihren Entschluss heftig kritisiert, in den Ferien zu arbeiten, was sie verärgert und eher noch darin bestärkt hatte, Signor Sardis Angebot anzunehmen. Mit ihrem jetzigen Brief wollte sie James wieder versöhnlich stimmen, weshalb sie ihm ihre derzeitige Umgebung nicht so enthusiastisch schildern wollte, wie es der Villa Toscana angemessen gewesen wäre. Nachdenklich kaute sie an ihrem Kugelschreiber und versuchte sich James’ Gesicht vorzustellen, doch gegen ihren Willen drängte sich immer wieder ein schmales Gesicht mit funkelnden blauen Augen dazwischen. Sie fühlte sich innerlich so weit von James entfernt, dass sie ein schlechtes Gewissen bekam.

Nicht dass sie offiziell mit ihm verlobt gewesen wäre. Sie hatte ihn nur bei Marco Sardi als ihren Verlobten ausgegeben, weil ihr keine andere Bezeichnung für ihn eingefallen war. Dass sie noch keinen Verlobungsring von ihm am Finger trug, war allerdings nicht James’, sondern allein ihre Schuld. Sie hatte es nicht eilig, die Frau eines Berufssoldaten zu werden. Lieber wollte sie noch einige Jahre unabhängig sein, sich die Welt ansehen und in ihrem Beruf arbeiten. Da James in der Armee zu bleiben gedachte, hatte er notgedrungen zugestimmt, so lange auf Georgia zu warten, bis sie bereit war, ihn zu heiraten und ihre Berufswünsche seiner Karriere unterzuordnen.

Georgia beschrieb James nun in einem kurzen, lustigen Brief den Flug und den Abend im Luxushotel, unterließ es aber, von der Villa Toscana zu schwärmen. Dann machte sie es sich in dem Sessel am Fenster bequem und las noch ein bisschen in einem spannenden Krimi. Die Handlung zog sie so in ihren Bann, dass sie darüber die Zeit vergaß und ihr nur noch fünfzehn Minuten zum Umziehen blieben. Herzlich wenig, um sich so zurechtzumachen, dass Luca Valoris Vorurteile ihr gegenüber vielleicht ins Wanken geraten würden.

Punkt acht Uhr war sie fertig. Umgeben von einer zarten Wolke teuren Parfüms, dezent geschminkt und das üppige aschblonde Haar im Nacken mit einem schwarzen Samtband zusammengebunden, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel und war mit ihrem Erscheinungsbild zufrieden. Außer den Perlenohrclips und ihrer goldenen Uhr trug sie keinen Schmuck, was den raffiniert einfachen Schnitt ihres Kleides wirkungsvoll unterstrich.

Als sie die Treppen hinunterstieg, fühlte sie sich wie ein General vor der Schlacht, bereit, dem Feind zu trotzen, der in Gestalt von Luca Valori wie auf ein Stichwort gleichzeitig mit ihr in der Halle erschien. Er trug jetzt statt der legeren Hose eine elegante schwarze und hatte schwarze Schuhe angezogen. Sein Hemd war so blau wie das vom Morgen. Georgia fragte sich, ob es eine Sonderanfertigung war. Eitel genug war er.

“Sie sehen heute Abend sehr elegant aus, Miss Fleming”, begrüßte er sie und führte sie in einen kleinen Salon, wo auf einem Marmortisch ein Tablett mit Flaschen und Appetithappen stand.

“Vielen Dank”, erwiderte sie gelassen.

Er deutete auf das Silbertablett mit den Flaschen. “Was darf ich Ihnen einschenken?”

“Mineralwasser, bitte.”

Er zog eine Braue hoch. “Kann ich Sie nicht zu einem Aperitif überreden?”

“Nein danke. Ich trinke wenig, höchstens ein Glas Wein zum Essen.”

Er zuckte die Schultern. “Gut, dann eben Mineralwasser.”

“Danke.” Georgia nahm das Glas und setzte sich, machte jedoch keine Anstalten, sich mit ihm zu unterhalten.

“Sind Sie immer so schweigsam?”, fragte er schließlich. Dann lächelte er vielsagend. “Ach nein, natürlich nicht. Gestern Abend, beim Dinner, haben Sie sich recht angeregt mit Ihrem Schwager unterhalten.”

“Ich kenne Tom schon sehr lange.” Mit ausdrucksloser Miene verfolgte sie, wie er ihr gegenüber am Tisch Platz nahm.

“Offensichtlich. Aber weiß Ihre Schwester auch, dass Ihre Beziehung zu ihm so ... intim ist?” Er musterte sie mit einem boshaften Blick und trank sein Glas Wein zur Hälfte leer.

Sein süffisanter Tonfall erübrigte jede weitere Erklärung. Georgia kochte innerlich vor Wut und verwarf den Vorsatz, Luca Valori für sich zu gewinnen. Warum sollte sie einem völlig Fremden gegenüber ihr Verhalten rechtfertigen? Marco Sardi würde sie natürlich auf Wunsch Rede und Antwort stehen, denn er zahlte nicht nur ihr Gehalt, sondern war auch ein freundlicher, gütiger Mann, den sie schon bei ihrer ersten Begegnung zu schätzen gelernt hatte. Luca Valori hingegen war nur Alessas Onkel, und es stand ihm nicht zu, über ihr Privatleben Rechenschaft zu verlangen.

Sie trank ihr Glas leer und stand auf. “Signor Valori, Sie werden bestimmt erleichtert sein, wenn ich Sie von meiner Gesellschaft befreie und mich auf mein Zimmer zurückziehe. Bitte haben Sie die Güte, Elsa zu bitten, mir das Essen aufs Zimmer zu schicken.”

Luca sprang auf und machte eine entschuldigende Handbewegung. Dann fuhr er herum, als von der Tür her jemand mit ruhiger Stimme sagte: “Ich glaube, das wird nicht nötig sein, jetzt, da ich hier bin, Miss Fleming.”

Georgia sah ebenfalls zur Tür und erblickte einen müde aussehenden dunkelhaarigen Mann, der sie beide mit hochgezogenen Brauen musterte.

“Marco, du kommst schon so früh!”, rief Luca lächelnd, nicht im Geringsten verlegen über das unerwartete Erscheinen seines Schwagers. Ganz im Gegensatz zu Georgia, die tief errötete.

Marco Sardi reichte ihr die Hand und lächelte amüsiert. “Ich freue mich, Sie zu sehen, Miss Fleming. Ich hatte gehofft, man würde Sie während meiner Abwesenheit gut behandeln.”

Luca zuckte unschuldig lächelnd die Schultern. “Nur ein kleines Missverständnis, Marco.”

“Freut mich, zu hören, Luca. Miss Fleming ist unser Gast und kommt mit den besten Referenzen zu uns. Es würde mir sehr leidtun, wenn sie sich veranlasst fühlte, mit dem nächsten Flugzeug nach London zurückzukehren.”

Dankbar blickte Georgia Marco Sardi in das abgespannte, kluge Gesicht. “Ich habe mich bereits mit Alessa angefreundet, Signor Sardi. Sie ist ganz bezaubernd.

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