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Long Distance Playlist

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Isolde
  6. Taylor
  7. Isoldes Smartphone
  8. North Shore Ballet School
  9. Taylor
  10. Taylor
  11. Instant-Messenger-Unterhaltung
  12. Versinke in deiner Traurigkeit
  13. Isoldes Smartphone
  14. Instagram-Chat
  15. Taylor
  16. Isolde
  17. Isoldes Smartphone
  18. Taylor
  19. Skype-Unterhaltung
  20. Ultimativer Wutraum
  21. Taylor
  22. Paket in Isoldes Briefkasten
  23. Instagram-Chat
  24. Ohne dich bin ich besser dran
  25. Taylor
  26. Taylor
  27. Isolde
  28. Taylor
  29. Taylors Smartphone
  30. Instagram-Chat
  31. Isolde
  32. Instant-Messenger-Unterhaltung
  33. Isoldes Smartphone
  34. Instagram-Chat
  35. Instant-Messenger-Unterhaltung
  36. Taylor
  37. Isolde
  38. Instant-Messenger-Unterhaltung
  39. Taylor
  40. Isolde
  41. Taylor
  42. Isolde
  43. Skype-Unterhaltung
  44. Isoldes Smartphone
  45. Isolde
  46. Taylors Smartphone
  47. Taylor
  48. Isolde
  49. Instagram-Chat
  50. Isolde
  51. Taylor
  52. Instant-Messenger-Unterhaltung
  53. Instagram-Chat
  54. Skype-Unterhaltung
  55. Taylor
  56. Isolde
  57. Issy und Taylor mitten in der Nacht
  58. Taylors Smartphone
  59. Skype-Unterhaltung
  60. Taylors Smartphone
  61. Taylor
  62. Instant-Messenger-Unterhaltung
  63. Isolde
  64. Taylor
  65. Taylor
  66. Isolde
  67. Instant-Messenger-Unterhaltung
  68. Isolde
  69. Instant-Messenger-Unterhaltung
  70. Notiz auf der Küchentheke der Byrne-Familie
  71. Isolde
  72. Isolde
  73. Isolde
  74. Instagram-Chat
  75. Isolde
  76. Taylor
  77. Isolde
  78. Isolde
  79. Taylor
  80. Isoldes Smartphone
  81. Isolde
  82. Taylors Smartphone
  83. Isolde
  84. Taylor
  85. Isolde
  86. Taylor
  87. Fahrt ins Paradies mit dir
  88. Instant-Messenger-Unterhaltung
  89. Instant-Messenger-Unterhaltung
  90. Taylor
  91. Isolde
  92. Taylor
  93. Isolde
  94. Taylor
  95. Isolde
  96. Taylor
  97. Isolde
  98. Taylor
  99. Instant-Messenger-Unterhaltung
  100. Taylor
  101. Isolde
  102. Isolde
  103. Taylor
  104. Isolde
  105. Taylor
  106. Isolde
  107. Taylor Smartphone
  108. Taylor
  109. Isolde
  110. Jagd nach dem Powder
  111. Instant-Messenger-Unterhaltung
  112. Isolde
  113. Taylor
  114. Isolde
  115. Taylor
  116. Isoldes Smartphone
  117. Isolde
  118. Ich kann nicht aufhören, an sie zu denken
  119. Taylor
  120. Isolde
  121. Isolde
  122. Taylor
  123. Isolde
  124. Taylor
  125. Isolde
  126. Isoldes Smartphone
  127. Isolde
  128. Taylor
  129. Taylor
  130. Instant-Messenger-Unterhaltung
  131. Taylor
  132. Isolde
  133. Isoldes Smartphone
  134. Isolde
  135. Taylor
  136. Isolde
  137. Taylor
  138. Isolde
  139. Taylor
  140. Isolde
  141. Isolde
  142. Fernbeziehung
  143. Taylor
  144. Isolde
  145. Taylor
  146. Danksagung

empty

Für die Freunde, die man mitten in der Nacht anrufen kann.

Isolde

Samstag, 25. August

Eigentlich hätte ich gar nicht auf dieser Party sein sollen. Ich ging ohnehin nur selten auf Partys. Und schon gar nicht samstags, denn samstags war Folgendes angesagt:

Ballettunterricht,

Proben für Schulaufführungen,

oder Vortanzen.

Ihr könnt jeden Balletttänzer fragen – der Samstag ist der wahrscheinlich stressigste Tag der Woche. Und Partys sind das Erste, was man aufgibt, wenn man eine Karriere als professionelle Balletttänzerin anstrebt und mehr daraus machen will als nur ein Hobby.

Als ich noch in der Grundschule war, versuchte ich, alles unter einen Hut zu bringen. Da hechtete ich samstags von meinen Proben auf die Geburtstagspartys meiner nicht-tanzenden Freunde. Meist kam ich drei Stunden zu spät.

In fünfundneunzig Prozent der Fälle verpasste ich es, wenn »Happy Birthday« gesungen wurde, und es war so gut wie sicher, dass es kein Stück Kuchen mehr für mich geben würde. (Ja, ich bin Balletttänzerin und esse Kuchen. Schockierend, nicht wahr?) Dann hing ich ungefähr eine Stunde lang mit meinen Freunden ab – immer noch in meinem Ballett-Outfit und Strumpfhosen –, bevor mich meine Eltern abholten, um mich wieder ins Studio zu bringen, damit ich mich für die Abendvorstellung aufwärmen konnte.

Damals dachte ich, ich würde das alles hinbekommen. Aber Freunde merken es sich, wenn man immer die Letzte ist, die kommt, und die Erste, die geht. Da kann das Geschenk noch so toll sein. Das Einzige, woran sie sich erinnern, ist, dass man zu spät gekommen ist. Sie verstehen nicht, warum man den Unterricht nicht das eine Mal ausfallen lassen kann. Und ich kann es ihnen nicht verübeln. Man versteht es nicht, wenn man nicht selbst tanzt.

Als ich älter und Ballett immer wichtiger wurde, wurde es unmöglich, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich konnte nicht mehr einfach zwischen den Probenpausen verschwinden. Die Lehrer beobachteten ganz genau, wer die Sache ernst nahm. Ja, man braucht Talent, um Profitänzerin zu werden, aber das ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Der Rest ist Disziplin, Hingabe und der Zwang, besser sein zu wollen als alle anderen. Wenn ich nicht trainierte oder eine Aufführung hatte, machte ich Pilates, um an meiner Haltung und Flexibilität zu arbeiten. Oder ich stand im Fitnessstudio auf dem Crosstrainer, um Muskeln aufzubauen. Oder ich dehnte mich (Balletttänzer dehnen sich immer). Oder ich flickte meine Spitzenschuhe.

Wenn es eine Frage gibt, die mein Leben mit fünfzehn Jahren und acht Monaten (also schon ziemlich alt in Ballettjahren) zusammenfasst, ist es diese: Was bist du zu opfern bereit?

Schon beim Wort »opfern« bekomme ich ein schlechtes Gewissen, denn so viele Profitänzer sagen: »Wenn Tanzen dein großer Traum ist, solltest du deine jungen Jahre nicht als ›Opfer‹ betrachten.«

Die Realität im Ballett sieht so aus: Wenn du es nicht genug willst, steht sofort jemand bereit, der deinen Platz einnimmt. Also stand das Tanzen immer an erster Stelle. Das war das Gesetz, nach dem ich lebte. Alles andere in meinem Leben blieb zugunsten des höheren Ziels auf der Strecke.

Das beinhaltete Partys, Kino und alle Aktivitäten, die eine Karriere gefährdende Verletzung nach sich ziehen konnten (Skifahren, Eislaufen, eigentlich jede Sportart). Ich konnte bei niemandem übernachten, nicht mit meinen Freunden an einem Donnerstagabend in der Mall abhängen. Für mich gab es kein Zeltlager, und selbst meine Abschlussfeier am Ende des sechsten Schuljahres fiel flach, weil ich an dem Abend die Rolle der Coppélia tanzte.

Ich habe das Gefühl, schon seit Jahren in einem Laufrad festzustecken. Jedes Jahr dreht es sich schneller – und ich muss wie verrückt Gas geben, um mit dem neuen Tempo Schritt zu halten. Ansonsten falle ich heraus. Und das wäre das Ende von allem.

Ich habe diese Panik in mir, dass mir die Zeit davonrennt. Dreizehn- und Vierzehnjährige werden an der National Ballet School angenommen. Lasst uns der Wahrheit ins Gesicht blicken: Dieses Jahr hätte ich es schaffen müssen. Jünger hat mich meine Mum nicht vortanzen lassen, obwohl ich sie angebettelt habe. Meine Lehrer haben ihr ins Gewissen geredet, weil ich sehr vielversprechend war. Dad hatte sogar angeboten, die Miete für ein Apartment in Melbourne zu bezahlen, falls sie mich nehmen würden. Verdammt, er wäre sogar mit mir umgezogen.

Ich wusste, dass es egoistisch von mir war, Dad zu fragen, es in Erwägung zu ziehen, Mum zu verlassen, die aufgrund ihres Jobs hier in Sydney bleiben musste. Vor allem jetzt, da Vi weggezogen war, um ihre Abschlussarbeit in Cambridge zu beenden. So wütend war ich jedes Jahr aufs Neue, wenn Mum wieder Nein sagte. Verstand sie denn nicht, was es für meine Karriere bedeuten würde, an dieser Schule angenommen zu werden? Der besten Schule des Landes? Sie hielt mich zurück.

Anas Eltern hatten ihr bereits mit zwölf erlaubt vorzutanzen. Die ersten zwei Jahre hatte sie keinen Erfolg. Aber beim dritten Versuch wurde meine beste Freundin eine von insgesamt achtzehn Schülerinnen, die unter den Tausenden von Mädchen ausgewählt wurden, die aus dem ganzen Land angereist waren.

Fünfzehn war das magische Alter, das Mum für »reif genug« erachtete. Inzwischen gab es auf dem Campus der National Ballet School ein Studentenwohnheim, was bedeutete, dass sie kein Apartment für mich mieten mussten, falls man mich aufnehmen würde.

Aber wie inzwischen jeder weiß, war der Druck, es endlich zu schaffen, zu hoch für mich. Im Juni vermasselte ich das Vortanzen, auf das ich all die Jahre hingearbeitet hatte.

Jetzt dreht sich das Laufrad noch schneller, denn beim nächsten Mal werde ich schon sechzehn sein. Wenn ich es bis dahin nicht in eine professionelle Schule schaffe, die mit einer Ballettkompanie verknüpft ist, dann war's das. Die Türen schließen sich langsam für mich.

Ich weiß, das klingt jetzt eingebildet, aber ich hatte bisher nie darüber nachgedacht, dass ich vielleicht nicht gut genug sein könnte. Klar, manchmal hatte ich Probleme mit meiner Haltung oder meinem Turnout, aber das konnte ich mit Fleiß wettmachen. Nichts löste in mir vergleichbare Gefühle aus wie das Tanzen. Nichts kam diesem Hochgefühl nahe. Deshalb wusste ich, ich würde immer alles dafür geben.

Doch seit ich das Vortanzen verpatzt habe, habe ich diese leise Stimme im Hinterkopf, die fragt: »Was, wenn das alles nicht genug ist?«

Jetzt stecke ich auch noch den letzten Rest meiner Energie ins Ballett. Jede letzte Reserve, die ich aufbringen kann. Selbst wenn ich das Gefühl habe, ich würde schlafwandeln, weil ich meinen Körper bereits an seine Grenzen getrieben habe.

Als Kelly aus meiner Tanzgruppe auf Facebook gepostet hat, dass sie am 25. August eine Party schmeißen würde, weil sie sturmfrei hat, habe ich nicht einmal darüber nachgedacht hinzugehen, obwohl wir überraschenderweise an diesem Abend keine Aufführung hatten.

Aidan hat eine Grimasse gezogen, als ich Nein gesagt habe. In jeder Ballettgruppe gibt es ein paar magische Wesen, die ständig Party machen können und damit durchkommen. Die aus irgendeinem Grund sogar noch besser performen, nachdem sie »ein wenig Dampf abgelassen« haben. Aidan ist eines davon.

Ich nicht. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, ihm zu sagen, dass er allein hingehen soll. Insgeheim hatte ich gehofft, er würde sagen: »Nein, lass uns einfach zusammen abhängen.« Selbst wenn es nur bedeuten würde, unsere schmerzenden Beine auf meinem Sofa auszustrecken und fernzusehen. Aber Aidan hat nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: »Alles klar. Dann gehe ich eben allein.«

Für eine Millisekunde dachte ich darüber nach, es mir anders zu überlegen. Aber Montagnachmittag fand das Vortanzen für Dornröschen statt. Und ich wollte unbedingt die Rolle der Aurora. Jede Hauptrolle war wichtig für meinen Lebenslauf. Ein weiteres Zeichen, dass ich es ernst meinte und bereit war, alles zu geben. Ich wusste, ein bisschen mehr Schlaf und Erholung würden mir guttun. Also, tschüss Party.

Heute Abend – der Abend der Party – habe ich Aidan gegen zwanzig Uhr eine Nachricht mit dem Text Ich hoffe, du hast Spaß! ☺ geschickt. Neunzig Minuten später hatte ich noch immer keine Antwort. Normalerweise schrieb er mir immer innerhalb von Minuten zurück. Dann begann ich, mich zu fragen, ob er sauer auf mich war.

Das schlechte Gewissen setzte ein. Was für ein Glück ich doch hatte, mit dem süßesten Tänzer unserer Gruppe zusammen zu sein. Der, den alle Mädchen wollten. Der, von dem ich niemals gedacht hätte, dass er mich eines zweiten Blickes würdigen würde – bis er mich nach unserer Herbstvorstellung geküsst hatte, nachdem der Vorhang gefallen war.

Natürlich hatten wir uns schon während der Aufführung geküsst, denn ich war Cinderella und er mein Prince Charming. Aber das waren nur kleine Küsschen gewesen. Bühnenküsse. Aber nach unserer Premiere küsste er mich richtig. Als uns keiner sehen konnte. Es war, als wären wir die einzigen Menschen auf der ganzen Welt.

Wie viel Glück ich doch hatte, einen Freund zu haben, der dieses Ballettleben verstand. Der für dieselbe Sache brannte. Der bei Verletzungen und allem, was mit Vortanzen zu tun hatte, mitfühlen konnte. Der dasselbe Maß an Euphorie empfand wie ich, wenn er auf die Bühne hinaustrat.

Während ich mich dehnte, scrollte ich durch Instagram. Den Fotos nach zu urteilen war ich als Einzige aus der Ballettgruppe nicht auf der Party.

Du musst dich ein bisschen mehr anstrengen, wenn du Freunde haben willst, Isolde, schimpfte meine innere Stimme.

Seit Ana weg war, hatte ich keinen mehr in meiner Tanzgruppe, dem ich mich nahe fühlte – abgesehen von Aidan. Ana und ich waren immer zusammen gewesen. Egal, ob wir an der Stange Pliés übten oder uns hinter der Bühne aufwärmten. Da wir so eng befreundet waren, hatte ich mir nie die Zeit genommen, die anderen Tänzerinnen besser kennenzulernen oder mit ihnen herumzualbern.

In diesem Moment vermisste ich Ana so sehr, dass es schmerzte. Obwohl wir oft chatteten und skypten, war es einfach nicht dasselbe.

Also zog ich mir um 22:30 Uhr etwas an, das kein Ballett-Outfit war, tauschte die Spitzenschuhe gegen High Heels und bat meinen Dad, mich zu Kellys Party zu fahren.

Bevor ich durch Kellys Tür trat, hatte ich gute Laune. Doch das änderte sich schlagartig, als ich die Schwelle überschritt.

Aidan.

Steffanie.

Küssend.

Mein Leben, das sich bisher mit Lichtgeschwindigkeit bewegt hatte, blieb abrupt stehen.

Rückblickend weiß ich, dass das gedemütigte Würgegeräusch, das ich gemacht hatte, als ich die beiden zusammen sah, nicht annähernd laut genug war, dass sie es hätten hören können. Aber in diesem Moment war es, als würde es wie eine Schallwelle nach einer Explosion den Raum durchqueren, denn zwei Sekunden später hörten sie auf, sich zu küssen.

Steffanie drehte sofort den Kopf, entdeckte mich und wurde knallrot. Bis hinunter zu ihrem Schwanenhals. Obwohl Aidan mit dem Gesicht zu mir stand und ich mich direkt in seiner Sichtlinie befand, als er die Augen öffnete, war es, als hätte er nur Augen für Steffanie.

Als sich unsere Blicke schließlich trafen, begann mein ganzer Körper zu zittern. Ich wollte schreien oder jemandem den Drink aus der Hand reißen und ihm ins Gesicht schütten. Oder Steffanie. Ich wollte etwas Wütendes, Mächtiges tun, das zeigte, dass ich nicht die Verletzliche war. Aber ich wusste, ich würde nicht mal eine Silbe herausbringen, denn meine Zähne klapperten wie verrückt.

Weil ich überzeugt war, ich könnte vor lauter Schmerz, Schock oder sogar Schande sterben, wenn ich auch nur eine Sekunde länger wie eine nutzlose, zitternde Qualle hier herumstand, drehte ich mich um und haute verdammt noch mal ab.

Taylor

Samstag, 25. August

Eigentlich hätte ich gar nicht auf dieser Party sein sollen.

Obwohl inzwischen fast fünfzehn Monate vergangen sind, kann ich mich noch genau daran erinnern, wie es dazu gekommen war, dass ich für die Party in Wanaka zugesagt habe.

An diesem Tag war ich fix und fertig vom Training. Ich hatte versucht, meinen neuesten Trick – ein Frontside Triple 1440 Mute – zu verfeinern und war öfter auf meinem Hintern gelandet, als ich zählen konnte. Zu allem Überfluss war auch noch Joe total schlecht drauf gewesen. Ich nannte es seine »Bad-Cop-Coach«-Stimmung. Alles, was ich wollte, waren zwei Schmerztabletten, Netflix und mein Bett.

Ich kann mir Joes Gesicht richtig vorstellen, wenn er herausgefunden hätte, dass ich nur wenige Stunden, nachdem er mir gesagt hatte, ich solle meinen (Schimpfwort) auf die Reihe kriegen, auf eine Party gegangen bin. »Hör auf, zu allem Ja zu sagen, und fang endlich an, mal Nein zu sagen. Du kannst nicht alles haben, Kumpel. Nicht, wenn du der Beste sein willst.«

Als Brad und Connor zur Haustür hereinstürmten und mir entgegenschrien, ich solle meinen Arsch ins Auto bewegen, hatte ich fest vor, Nein zu sagen.

»Komm schon, Mann. Zieh deine Jacke an«, sagte Brad, nahm sie vom Kleiderhaken neben der Tür und warf sie mir zu.

»Nee, ich setze heute aus«, erwiderte ich.

»Ernsthaft?« Connor verzog das Gesicht. »Du versetzt uns aber nicht, um mit Natalia zu facetimen, oder?«

»Du bist ja nur neidisch, weil du keine so heiße Freundin hast, mit der du facetimen kannst. Aber nein, Mann. Ich bin einfach fertig vom Training.«

»Wir gehen nur ganz kurz hin.« Brad zog ebenfalls eine Grimasse. »Ich will nicht allzu spät über die Bergkette zurückfahren.«

Ich hörte Joes Stimme in meinem Kopf, die mir sagte: »Hör auf, immer zu allem Ja zu sagen.« Er hatte nicht ganz unrecht. Das Wort »Ja« gehörte zu meiner Standardeinstellung. Ich war quasi die Definition von FOMO. Mein Mund formte bereits ein Nein, doch Connor unterbrach mich.

»Ich habe gehört, dass Travis auch kommt.«

Travis Rice. Big Mountain Freerider. Red-Bull-Athlet. Filmemacher. Der Typ, der Snowboarden für mich definierte. Der Kerl, dem jeder in der Szene schon mal über den Weg gelaufen war – nur ich nicht. Ich wusste, dass Travis in Neuseeland war, um irgendwas streng Geheimes zu filmen.

Aus dem »Nein« wurde ein »Okay«.

Dieses Wort haut mir jeden Tag in die Magengrube und schickt mich in einen Strudel aus Was-wäre-wenn-Fragen:

Was, wenn ich Nein gesagt hätte?

Was, wenn ich statt der einen vier Buchstaben die anderen vier Buchstaben gesagt hätte? Vielleicht hätte ich dann immer noch eine Karriere als Snowboarder.

Dann würde ich jetzt immer noch den ganzen Tag das tun, was ich liebe.

Dann würde ich die Welt bereisen, statt das Gefühl zu haben, dass meine zusammengebrochen ist ...

Isoldes Smartphone

Sonntag, 26. August, 00:09 Uhr

AIDAN: Ich werde dich so lange anrufen, bis du rangehst, Isolde. Bitte lass es mich erklären, Babe.

ICH: BABE? Aidan, lass mich VERDAMMT NOCH MAL in Ruhe.

AIDAN: Wenn du nicht ans Telefon gehst, sage ich es eben so: Ich wollte dich nicht verletzen.

ICH: Mit DIESEM Spruch kommst du jetzt? Bitte fahr fort. Ich würde gern hören, wie du auf die Idee kommst, DEINE ZUNGE IN STEFFANIES HALS ZU SCHIEBEN würde mich NICHT verletzen.

AIDAN: Ich wollte damit sagen, dass ich nicht vorhatte, Steffanie zu küssen. Wir haben geredet. Ihr Kopf war direkt neben meinem. Und dann ist es einfach passiert.

ICH: Dinge passieren nicht »einfach so«, Aidan. Du hast dafür gesorgt, dass es passiert ist. Du hast dich dazu ENTSCHIEDEN, sie zu küssen.

ICH: Ich weiß übrigens, dass DU SIE geküsst hast. Kelly hat alles beobachtet. Genau wie alle anderen auf der Party. Du hast sie geküsst und nicht damit aufgehört, bis ich aufgetaucht bin (auch das weiß ich von Kelly).

ICH: Was denkst du, wie ich mich gefühlt habe, dich dabei zu beobachten, wie du ein anderes Mädchen küsst, obwohl du mir erst vor sechs Wochen gesagt hast, dass du mich liebst?

AIDAN: Isolde, ich wollte nicht, dass es so passiert.

ICH: »Es so passiert?« Wolltest du mich schon vorher wegen Steffanie abservieren?

AIDAN: Nein. Aber ich finde schon seit einem Monat, dass unsere Beziehung nicht mehr richtig funktioniert.

ICH: Genau. Zwei Wochen, nachdem du ICH LIEBE DICH gesagt hast, findest du plötzlich, dass unsere Beziehung nicht mehr funktioniert. Klingt logisch ... Oh, Moment mal. Hat sich Steffanie nicht VOR EINEM MONAT von ihrem Freund getrennt? Für wie dumm hältst du mich eigentlich?

AIDAN: Babe, ich halte dich nicht für dumm.

ICH: DU HAST NICHT MEHR DAS RECHT, MICH BABE ZU NENNEN. DAS IST JETZT STEFFANIES KOSENAME.

ICH: Dann hast du wohl die letzten vier Wochen nur auf den richtigen Moment gewartet, die Sache zu beenden. Lass mich raten. Nach dem Vortanzen am Montag, richtig? Damit es keiner von uns vermasselt? Und dann wolltest du wahrscheinlich ein paar Wochen abwarten, bevor du was mit Steffanie anfängst. Das hat Klasse, Aidan.

AIDAN: Isolde, lass uns ehrlich sein. Das mit Steffanie wäre nicht passiert, wenn zwischen uns alles gut wäre.

ICH: Du meinst wohl, das mit Steffanie wäre nicht passiert, wenn du kein lügender, betrügender Idiot wärst.

AIDAN: Ich wünschte, wir hätten das persönlich geklärt. Ich wollte nicht, dass ein ehrliches Gespräch eine so hässliche Wendung nimmt.

ICH: Ehrliches Gespräch? Ich dachte, das Gespräch vor sechs Wochen im Park – aka »Ich liebe dich« – wäre ehrlich gewesen.

AIDAN: Ich habe NICHT gelogen, als ich diese Worte gesagt habe.

ICH: Ganz offensichtlich doch. Denn wenn man jemanden liebt, WIRKLICH liebt, will man keine sechs Wochen später mit einem anderen Mädchen zusammen sein!

AIDAN: Es war kompliziert, okay? Natürlich hatte ich Gefühle für dich. Wir waren fünf Monate lang zusammen. Aber komm schon, Isolde. Neunzig Prozent unserer Gespräche drehen sich ums Ballett.

ICH: Na und? Wir sind Balletttänzer. Du WEISST, wie das läuft.

AIDAN: Siehst du? Genau das meine ich. Ballett ist deine ganze Welt.

AIDAN: Ich weiß, dass du es falsch auffassen wirst, aber du bist ... intensiv, Isolde.

AIDAN: Und das macht dich zu einer hervorragenden Tänzerin. Ich habe es dir nie erzählt, aber im Laufe der letzten Jahre hat mir Ms Morris mindestens dreimal gesagt, dass du das hättest, was man niemandem beibringen könne. Jeder weiß, was das bedeutet. Man kann den Blick nicht von dir abwenden, wenn du auf der Bühne stehst. Aber vielleicht ist genau diese Intensität schuld daran, dass es zwischen uns nicht funktioniert.

AIDAN: Alles ist im Moment so ernst. Mit den Proben. Dem Vortanzen. Ich brauche hin und wieder ein wenig Leichtigkeit. Vielleicht ist das mit Steffanie deshalb passiert. Mit ihr ist es anders. Sie nimmt die Dinge nicht so ernst.

ICH: Dann ist es also MEINE Schuld, dass du mich betrogen hast? Ich investiere eben viele Gefühle. Auch in dich.

AIDAN: Das habe ich NICHT gesagt.

ICH: Du weißt, dass uns mehr zusammengehalten hat als Ballett. Eines Tages, wenn du beschließt, dich nicht länger selbst zu belügen, was unsere Beziehung angeht, nur weil es dir gerade passt, wirst du dich daran erinnern.

AIDAN: Steffanie und ich haben eine besondere Verbindung.

ICH: Oh, den Scheiß kannst du Steffanie schreiben, Aidan. Mach alles mit ihr. Schließlich ist sie deine Seelenverwandte.

ICH: Warum dreht ihr nicht einfach Pirouetten von einer Klippe?

AIDAN: Ich verstehe, dass du sauer bist. Wirklich. Du WEISST, dass es mich schmerzt, dir wehgetan zu haben. Ich hoffe, wir können eines Tages wieder Freunde sein.

ICH: Fahr zur Hölle, Aidan.

North Shore Ballet School

Samstag, 1. September

Dornröschen Besetzungsliste

PRINZESSIN AURORA

Steffanie Williams

PRINZ DÉSIRÉ

Aidan McNeil

FLIEDERFEE

Isolde Byrne

CARABOSSE (BÖSE FEE)

Mariah De Santos

DIE FEE DER SCHÖNHEIT

Lilly Martin

DIE FEE DER ANMUT

Aiko Adachi

DIE FEE DER KLUGHEIT

Kelly Heines

DIE FEE DER BEREDSAMKEIT

Isabella Moretti

DIE FEE DER KRAFT

Kayla Bates

DER KÖNIG

Charlie Morris

DIE KÖNIGIN

Hannah Kwong

ENGLISCHER PRINZ

Will Simson

SPANISCHER PRINZ

Henry Cho

UNGARISCHER PRINZ

Jacob Walsh

SCHWEDISCHER PRINZ

Justin Silverson

ANFÜHRER DER JAGD

Luca Papadakis

DER HERZOG

Jin-Soo Kim

DIE HERZOGIN

Chloe King

PRINZESSIN FLORINE

Andrea Li

DER BLAUE VOGEL

Grace Thompson

CINDERELLA

Alexis Mikhailov

PRINCE CHARMING

Zachary Brown

DIE WEISSE KATZE

Jose Da Silva

Taylor

Samstag, 8. September

Mein Nachname – Hellemann – bedeutet »Mann aus der Hölle«.

Ich kann mich noch daran erinnern, als mir Dad das erste Mal davon erzählt hat. Damals war ich zehn. Ich fand es unheimlich cool. Ihr wisst schon. Flammen, Feuer, Unterwelt.

Dann erklärte mir Dad, Hellemann sei ein norwegischer Name, der vom altnordischen Wort »helle« abstamme, was so viel wie »Steilhang« bedeutet.

Hellemann: Der Mann vom Steilhang.

Als ich endlich die Bedeutung meines Nachnamens kannte, musste ich natürlich sofort meinen Vornamen googeln.

Taylor: Spätlatein, »schneiden«

»Carven« bedeutet im Snowboarding, dass man auf der Kante des Boards enge Kurven zieht. Während man den Hang hinabfährt, übt man mit dem Körper Druck aus, um sicherzugehen, dass Nose und Tail des Boards in dieselbe Richtung fahren. Wenn man hinter sich blickt und im Schnee eine wunderschöne schlanke, geschwungene, rasiermesserscharfe Linie sieht, weiß man, dass man es richtig macht.

Mit anderen Worten: ein perfekter Schnitt.

Taylor Hellemann: Der einen Steilhang schneidet.

Das gefiel mir. Es war, als wäre mein Name ein Hinweis auf den Sinn meines Lebens. Als wäre ich dafür bestimmt, Snowboarder zu sein.

Damals glaubte ich noch an Bestimmung.

Jetzt weiß ich es besser.

Taylor

Mittwoch, 12. September

»Endlich ist er mal entspannt«, sagt Finn, deutet mit einem Kopfnicken auf Slash und setzt sich zu mir an das steinige Ufer des Queenstown Beach.

Er reicht mir einen Burger. Wie immer beweist auch heute der erste Bissen, warum unser Lieblingsburgerladen hier in QT so was wie Religion ist.

»Ja, nicht wahr?«, erwidere ich kauend.

Zum allerersten Mal ist mein Hund mehr daran interessiert, ausgiebig die Steine zu beschnüffeln, als den Enten hinterherzujagen, die hier am Strand gern ein Nickerchen halten.

Da er ein Husky ist, liegt es in seiner Natur, kleinen Lebewesen nachzujagen. Deshalb sind wir das ganze letzte Jahr nur in der Nähe unseres Hauses Gassi gegangen, denn das ist eine entenfreie Zone.

Aber heute ist es anders. Vielleicht zeigt das ganze Training endlich Wirkung. Vielleicht können wir solche Spaziergänge jetzt öfter machen. So hätte ich eine Ausrede, öfter am Süßwarenladen vorbeizuschlendern. So lächerlich es auch klingt – selbst ein kurzer Blick auf Ellie hebt meine Stimmung. Ich könnte versuchen herauszufinden, wann ihre Schicht zu Ende ist und »zufällig« in dem Moment am Laden vorbeikommen. Ellie fände Slash bestimmt bezaubernd. Das wäre der Türöffner für ein richtiges Gespräch mit ihr.

Ich stelle mir gerade lebhaft vor, wie ich mich mit Ellie unterhalte, als Finn sein Burgerpapier zusammenknüllt und aufsteht.

»Nope. Zu früh gefreut. Er hat diesen Blick drauf«, sagt er.

Ich spähe zu Slash hinüber und sehe, wie er vier Enten beobachtet, die zum See hinunterwatscheln. Eine Sekunde lang bleibt die Anführer-Ente stehen, dreht den Kopf zu Slash und (ich schwöre bei meinem Leben) verengt die Augen zu Schlitzen, als wollte sie sagen: »Pass bloß auf, Fellpo.« Die Enten dahinter fangen an zu quaken, was wie irres Gelächter klingt. Slash stürmt nach vorn, aber zum Glück habe ich gerade noch rechtzeitig nach seiner Leine gegriffen.

»Lass uns weitergehen«, sage ich zu Finn und ziehe Slash zurück, bevor hier ein Bandenkrieg ausbricht. Die Enten setzen ihren Weg zum vereisten Lake Wakatipu fort, und Finn, Slash und ich gehen vorbei am Café, über die kleine Brücke und zum Eingang der Queenstown Gardens. Wir sind kaum zehn Minuten unterwegs, als mein Hund beschließt, den ausgewiesenen Weg zu verlassen. Und da er die Kraft eines kleinen Elefanten hat, folgen wir ihm eben den Hügel hinab zu den Steinen, die das Ufer säumen. Ich nehme Slash von der Leine und lasse ihn im seichten Wasser herumtollen.

Meine Nase kribbelt vor Kälte. Man merkt, dass die Temperatur heute Abend wieder wie verrückt fallen wird. Das Versprechen von Schnee liegt in der Luft.

Finn hasst die langen Winter hier in QT. Aber ich bin dankbar dafür, denn das bedeutet, dass ich einen Großteil des Jahres lange Hosen tragen kann und meine Prothese nicht sichtbar ist. Ich schätze, ich sollte dankbar sein, in einer Gegend zu leben, die von schneebedeckten Gipfeln umgeben ist – selbst wenn ich nicht mehr snowboarde. Diese Tatsache bringt mich manchmal beinahe um.

Ganz zu schweigen davon, dass ich hin und wieder in einem Outdoorladen arbeite und Skifahrern und Snowboardern Ausrüstung verkaufe, um meine Familie finanziell zu unterstützen. Aber ein Siebzehnjähriger mit null Arbeitserfahrung muss eben nehmen, was er kriegt.

Finn sieht von seinem Smartphone auf. »Dad sagt, er würde uns in der Nähe von LV abholen.«

Irgendwie schaffen wir es, Slash aus dem Wasser zu locken und wieder zum Weg hinaufzuklettern. Alles läuft glatt, bis wir auf der Church Street sind und Mr Williams neben uns am Bordstein anhält. In diesem Moment kommt eine Gruppe Anfang Zwanzigjähriger vorbei. Sie haben ein Frisbee dabei. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zur Frisbee-Golfanlage am Ende der Straße. Slashs Blick fällt sofort auf die gelbe Scheibe, und BOOM – er muss sie haben.

Mit aller Kraft versucht er, sich loszureißen. Mittlerweile ist er so stark geworden, dass ich wie verrückt ins Schwitzen komme, wenn ich versuche, ihn zu halten.

Die Frisbee-Truppe verschwindet, und Slash legt sich flach und am Boden zerstört auf den Bürgersteig. Ich zupfe an seiner Leine und wiederhole immer wieder seinen Namen, doch Slash hat beschlossen, mich zu ignorieren. Ich stelle mich vor ihn, um ihm in die Augen sehen zu können, doch er verweigert den Blickkontakt. Schon als ich den Mund öffne, um mit ihm zu schimpfen, weiß ich genau, was jetzt kommt. Falls ihr noch nie gesehen habt, wie ein Husky mit einem Menschen diskutiert – es läuft so ab: Sobald man auch nur den Mund aufmacht, heult der besagte Husky los. Einfach über einen drüber. Übertönt einen komplett. Es ist ihre Art, die Oberhand zu gewinnen.

Slashs Bellen hallt über den ganzen See. Er ist wie ein übermüdetes Kleinkind, das im Supermarkt ausrastet. Nur dass er noch lauter und dramatischer ist. Die vorbeikommenden Touristen starren mich an, als würde ich ihn quälen.

Finns Schultern beben vor Lachen. »Dein Hund ist noch sturer als du«, bemerkt er. »Das hätte ich nicht für möglich gehalten.«

Mr Williams, der inzwischen ausgestiegen ist, will losfahren, denn er steht im Halteverbot. Mit vereinten Kräften versuchen wir, Slash weiter in Richtung Auto zu schieben, damit wir ihn auf den Rücksitz hieven können.

»Heilige Scheiße. Ellie«, flüstert mir Finn zu.

Ich will ihm nicht glauben, folge aber seiner Blickrichtung. Japp, da ist sie. Nur einen Meter von uns entfernt. Sie trägt noch ihre Arbeitsklamotten. Wahrscheinlich hat sie gerade ihre Schicht beendet und ist uns direkt in die Arme gelaufen.

Sie starrt. Natürlich starrt sie. Und ich kann es ihr nicht verübeln. Slash jault wie verrückt.

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragt sie und macht einen Schritt auf mich zu.

Ich versuche, so lässig wie möglich zu wirken, und kichere amüsiert. Doch es klingt gequält. »Nein. Alles gut.«

»Wirklich. Ich bin mit Huskys aufgewachsen«, erwidert sie mit ihrem zuckersüßen kanadischen Akzent.

Damit hätte ich nicht gerechnet, als ich mir ausgemalt habe, wie wir uns unterhalten.

»Wir haben alles unter Kontrolle«, versichere ich.

In diesem Moment verwandelt sich Slash von der Eisskulptur in einen Sprinter. Da ich direkt über ihm stehe, die Beine links und rechts neben ihm, wirft er mich um, und ich lande hart mit meiner rechten Seite auf dem Pflaster. Ich muss die Zähne fest zusammenbeißen, um nicht laut zu fluchen.

Finn steht neben mir und blickt entsetzt drein. »Ist mit deiner Prothese alles in Ordnung?«

Ich weiß, warum er fragt. Auch wenn mein Unterschenkel aus Titan ist – ich bin gerade direkt draufgeknallt. Auf Beton. Ich weiß, er hätte das Wort Prothese nicht in den Mund genommen, wenn er daran gedacht hätte, dass Ellie direkt hinter ihm steht. Trotzdem bin ich kurz sauer auf ihn.

Ich kann in Ellies Augen sehen – die ein wenig größer geworden sind –, dass sie genau gehört hat, was Finn gesagt hat. Dass sie verstanden hat, was es bedeutet.

Amputierter.

»Alles in Ordnung?«, fragt sie mich.

Sie klingt besorgt. Zum Glück nicht mitleidig.

Doch ich kann nicht antworten. Mein Mund ist staubtrocken. Aber ein Nicken gelingt mir.

»Ich hole den Hund«, sagt sie.

Ellie rennt los und packt Slash am Halsband. Sie scheint eine Hundeflüsterin zu sein, denn plötzlich ist der Verräter Mr Brav. Er hat aufgehört zu heulen, sitzt nun neben ihr und wartet auf ihr nächstes Kommando.

Jetzt da Ellie abgelenkt ist, ertaste ich durch meine Jeans, ob meine Prothese, direkt unterhalb meines rechten Knies, noch in Ordnung ist. Es ist ein System mit Rasterstift, das eigentlich immer hält. Aber ich bin wirklich hart auf den Boden geknallt.

Aber es ist alles in Ordnung. Ich hole tief Luft, wische die schwitzigen Hände an meiner Jeans ab und stehe auf. Während Ellie Slash zum Auto führt, wimmert er. Es ist dasselbe Geräusch, das er macht, wenn ich zu Hause hinfalle, was zum Glück nur noch selten vorkommt. Obwohl ich weiß, dass er keine Schuld an dem Vorfall trägt – schließlich ist er nur ein Hund –, bin ich zu wütend, um ihn anzusehen.

Ich gehe zum Auto, klettere auf den Beifahrersitz und bringe es irgendwie fertig ein »Danke für deine Hilfe« in Ellies Richtung zu murmeln.

»Kein Problem.« Kurz wirkt es, als wollte sie noch irgendwas hinzufügen.

Aber ich will nicht, dass sie noch etwas sagt. Vielleicht hatte es überhaupt nichts mit gerade eben zu tun. Vielleicht aber doch. Ich kann heute nicht die üblichen zwanzig Fragen beantworten, die man einem Beinamputierten stellt. Und schon gar nicht, wenn ich mich so sehr schäme.

Finns Dad startet den Motor und winkt Ellie freundlich zum Abschied.

Wir fahren aus der Stadt hinaus. Mit jedem Kilometer entferne ich mich mehr von dem, was eben passiert ist. Endlich kann ich wieder leichter atmen. Aber ich zittere noch immer. Selbst als wir Frankton passieren und die Halbinsel umrunden, um zu Mums und Dads Haus zu gelangen. Es ist bestimmt der Schock. Ich bin seit Monaten nicht mehr hingefallen, und plötzlich passiert es vor etlichen Leuten – inklusive des Mädchens, in das ich seit Ewigkeiten verknallt bin.

Und jetzt weiß Ellie von meinem Bein.

Ich glaube, so schnell werde ich nicht mehr in den Süßwarenladen gehen.

Instant-Messenger-Unterhaltung

Mittwoch, 12. September, 23:32 Uhr

ISOLDE BYRNE: Ich könnte meine Mum umbringen. Sie hat die letzten zweieinhalb Wochen kein bisschen Mitgefühl gezeigt.

ANA ZHANG: Ich hab's dir ja gesagt. Gib dem Ganzen ein paar Wochen. Aidan wird schon merken, wie dumm er war ...

ISOLDE BYRNE: Ich dachte wirklich, Aidan wäre anders, weißt du? Das stört mich am meisten. Während ich Mühe habe, die Stücke meines gebrochenen Herzens aufzusammeln, muss ich die beiden jeden Tag im Unterricht sehen. Und dann kann ich auch noch dabei zusehen, wie Steff MEINE Rolle probt. Stattdessen muss ich jetzt die Fliederfee tanzen.

ANA ZHANG: Weißt du, viele halten die Fliederfee für die zentrale Rolle. Sie ist die Erzählerin des gesamten Stücks.

ISOLDE BYRNE: Aber sie ist nicht die Hauptrolle. Das ist das Einzige, was Ballettdirektoren interessiert. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Die Fliederfee muss Prinzessin Aurora und Prinz Désiré ihren Segen geben – aka meinem Ex und dem Mädchen, mit dem er mich betrogen hat. Argh. Aber zurück zum Thema. Obwohl Mum genau weiß, was ich durchgemacht habe, posaunt sie in die GANZE WELT hinaus, dass ich verlassen wurde.

ANA ZHANG: Und mit »ganze Welt« meinst du ...?

ISODLE BYRNE: Sie hat auf meiner Facebook-Seite gepostet (weil ich nicht aus meinem Zimmer kommen wollte): »Isolde, kannst du bitte aufhören, dich in deinem Liebeskummer zu suhlen und herunterkommen? Ich brauche Hilfe mit dem Abendessen, bevor ich mit Maia wegen der Hochzeit skype.« Die Hochzeit. Sie redet von nichts anderem mehr. Was seltsam ist. Du weißt, wie sie ausgerastet ist, als Vi mitgeteilt hat, dass sie heiraten will.

ANA ZHANG: Vi ist noch ziemlich jung.

ISOLDE BYRNE: Sie ist vierundzwanzig! Mum war auch in dem Alter, als sie Dad geheiratet hat! Jedenfalls hat sie eine 180-Grad-Drehung hingelegt und ist jetzt besessen von jedem winzigen Detail, obwohl sich Maia um alles kümmert.

ANA ZHANG: Es ist so großartig, dass ihr tatsächlich eine Wedding Plannerin habt.

ISOLDE BYRNE: Ja, nicht wahr? Jedenfalls gibt es kein Familienessen mehr, bei dem es nicht ausschließlich um die Hochzeit geht. Die Hochzeit ist erst NÄCHSTES Jahr. Ich freue mich für Violetta. Aber gerade macht mich dieses ganze Liebesgedöns echt fertig.

ANA ZHANG: Ich wünschte, ich wäre jetzt bei dir, um dich zu drücken. Das ist echt SCHEISSE.

ISOLDE BYRNE: Ein paar von Mums Freundinnen haben den Post kommentiert und geschrieben: »Ich erinnere mich noch daran, als mir zum ersten Mal das Herz gebrochen wurde. Man denkt, es wäre das Ende der Welt.« Und so weiter und so fort. Ich habe den Post sofort gelöscht. Aber wenn irgendjemand von der Schule ihn gesehen hat, sterbe ich.

ANA ZHANG: Das hat keiner gesehen. Wer benutzt denn heutzutage noch Facebook? Nur alte Leute.

ISOLDE BYRNE: Jedenfalls bin ich dann runtermarschiert, während Mum gerade dabei war, mit Maia zu skypen und ihr zu sagen, dass sie Taylor rufen soll, damit er mit mir skypt. Er hat sich wohl letztes Jahr von Natalia (aka Die Freundin) getrennt. Er sollte mir ein paar Tipps geben, wie ich das überstehe. Als würde ich mich dann nicht wie die größte Verliererin des Planeten fühlen.

ANA ZHANG: Ich glaube nicht, dass Taylor dich wie eine Verliererin behandeln würde.

ISOLDE BYRNE: Ich fühle mich aber wie eine, Ana. Dann habe ich Mum angeschrien: »Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht darüber reden will!« Mum hat nicht gemerkt, dass ich ins Zimmer gekommen bin und ist fast bis zur Decke gehüpft. Selbst Maia hat entsetzt dreingeblickt, denn wann schreie ich bitte jemanden an?

ANA ZHANG: Isolde Byrne, aka die Meisterunterdrückerin.

ISOLDE BYRNE: Danke, schätze ich? Jedenfalls hält mir Mum dann eine Standpauke über Respekt. Mitten im Streit kommt Dad die Treppe heruntergerannt und sagt: »Issy, ich habe eine hervorragende Gute-Laune-Kombo für dich. Zuerst die gefühlvolle Partitur von Madame Butterfly, gefolgt von einem spätabendlichen Schokoteller in unserem Lieblingsrestaurant. Viel besser als Netflix und KitKats.«

ANA ZHANG: Ich glaube, dein Dad denkt wirklich, Oper wäre das ultimative Heilmittel.

ISOLDE BYRNE: Auf jeden Fall. Aber ich muss zugeben, dass ich die ganze Sache mit Taylor dank Madame Butterfly vergessen konnte. Bis ich in der Pause mein Handy gecheckt und eine E-Mail von ihm im Postfach gefunden habe ...

ANA ZHANG: Okay, die musst du mir unbedingt weiterleiten.

ISOLDE BYRNE: Ana ... Manches davon ist ... ein wenig persönlich.

ANA ZHANG: Komm schon! Dann sag mir wenigstens, was er geschrieben hat. Hast du gesehen, wie er jetzt aussieht?

ISOLDE BYRNE: Woher weißt du bitte, wie er jetzt aussieht?

ANA ZHANG: Wir folgen uns gegenseitig auf Insta. Er ist jetzt noch heißer als früher. Noch mehr Major Babe.

ISOLDE BYRNE: Fast hätte ich diesen verstörenden Spitznamen vergessen ...

ANA ZHANG: Du schreibst ihm aber zurück, oder?

ISOLDE BYRNE: Ich ...

ANA ZHANG: Was?!

ISOLDE BYRNE: Es ist Ewigkeiten her. Und was er geschrieben hat, ist ...

ANA ZHANG: Spuck's endlich aus!

ISOLDE BYRNE: Seine Mail war wirklich nett. Damit habe ich nicht gerechnet. Nach dem, was passiert ist.

ANA ZHANG: Nett ist gut. Wenn du ihm nicht schreiben willst, mache ich es für dich. »Hey, Tay ...« *rotwerd*

ISOLDE BYRNE: Genau. Das wäre ÜBERHAUPT NICHT komisch.

ANA ZHANG: Ich schätze, es wäre irgendwie unnatürlich, wenn du ihn attraktiv fändest, oder? Wenn man bedenkt, wie nahe sich eure Familien stehen. Plus die Tatsache, dass ihr früher nackt zusammen gebadet habt ...

ISOLDE BYRNE: Ich war vier!

ANA ZHANG: Er ist wie ein Bruder für dich, oder? Natürlich schreibt er dir eine E-Mail, nachdem dir das Herz gebrochen wurde. Was ist eigentlich zwischen euch passiert? Das hast du mir nie richtig erzählt.

ISOLDE BYRNE: Keine Ahnung. Ich schätze, wir haben uns einfach auseinandergelebt. Er war die ganze Zeit auf Reisen für sein Training. Außerdem lebt er in Queenstown. Wir sind seit fast drei Jahren nicht mehr dort gewesen.

ANA ZHANG: Warum nicht?

ISOLDE BYRNE: Sorry, Ana. Mum schreit mich gerade wegen schmutzigen Trainingsklamotten an. Ich sollte besser Schluss machen.

ANA ZHANG: Hab dich lieb, Isolde.

ISOLDE BYRNE: Ich dich auch.

Von: taylor_hellemann@gmail.com

An: IsoldeByrne@hotmail.com

Gesendet: Mittwoch, 12. September, 22:01 Uhr

Betreff: Öffne mich ☺

Hey Goldie,

ich hoffe, der Spitzname ist noch in Ordnung für dich. Mir ist vollkommen bewusst, dass du mittlerweile fast sechzehn bist. Ich würde meiner Mum auf keinen Fall erlauben, mich immer noch Tay-Tay zu nennen. Vor allem jetzt nicht mehr, da T-Swift existiert. Vielleicht ist Tay-Tay mittlerweile rechtlich geschützt. Schließlich ist T. Swift die absolute Herrscherin.

Ich hoffe jedenfalls, dass ich dich immer noch Goldie nennen darf. Falls es dich nervt, denk daran zurück, wie es angefangen hat. Man muss ein wenig Nachsicht mit dem zweijährigen Taylor haben, der versucht hat, den gefakten deutschen Akzent deines Vaters nachzuahmen, als er »I-soll-dee« gesagt hat. Wie du ja weißt, war »Gol-die« das Beste, was ich zustande gebracht habe.

Und falls du dich doch über deinen Spitznamen aufregst, dann denk daran, wer schuld daran ist – dein Dad. Und deine Mum, weil sie ihm erlaubt hat, die Namen ihrer Kinder auszusuchen, obwohl sie genau wusste, dass er seine Opernbesessenheit an ihnen auslassen würde. (Ich habe übrigens gehört, dass dein Dad jetzt Opernkritiker ist. Was ist aus seinem Marketing-Job geworden?!)

Isolde und Violetta – keine typischen Babynamen.

Ich kann mich wohl glücklich schätzen, dass mein Dad seine Kinder (und Hunde) nach Musikern benennt. Apropos Hunde. Weißt du schon, dass wir vor ungefähr einem Jahr ENDLICH einen Husky bekommen haben? Dad hat ihn Slash (aka Guns N' Roses) getauft, bevor ich überhaupt den Hauch einer Chance hatte, über einen Namen nachzudenken.

Trotz der Assoziation zur Oper passt dein Name zu dir. Er ist einzigartig. Wie du. (Merkst du, wie ich daraus ein Kompliment gemacht habe? Ich stelle mir vor, wie sich dein unbeeindrucktes Stirnrunzeln in ein Lächeln verwandelt, während du denkst Ach, dieser Taylor. Nervig, aber trotzdem so liebenswert.) Dein Name ist einprägsam (und wieder: wie du) und genau richtig für eine berühmte Balletttänzerin (und wir wissen beide, dass du das eines Tages sein wirst).

Isolde Byrne tanzt die Rolle der Odette in Schwanensee ...

Siehst du? Ich habe gerade deinen richtigen Namen benutzt! Wenn du nächstes Jahr zur Hochzeit hier bist, werde ich versuchen, ihn laut auszusprechen.

Aber was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass es mir leidtut, von deiner Trennung zu hören. Mum sagte irgendwas von einer Party und einer anderen Tänzerin? Okay, jetzt mal im Ernst – mir ist gerade ein Schauer über den Rücken gelaufen. Das könnte daran liegen, dass es heute Abend EISKALT ist. Oder die logischere Erklärung: Ich kann förmlich spüren, wie du vor Wut kochst, weil deine Mum es meiner Mum erzählt hat.

Ich weiß nicht, ob ich es dir jemals gesagt habe, aber du faszinierst mich ein bisschen, wenn du wütend bist, Goldie. Um ehrlich zu sein, finde ich deine Rage ziemlich cool (vorausgesetzt, sie richtet sich nicht gegen mich), denn es zeigt, wie viel Intensität du in dir hast. Wenn du wütend wirst, muss ich immer daran denken, was ich spüre, wenn ich dich tanzen sehe. Wenn du tanzt, ist es, als würdest du allen Zuschauern sagen (ohne ein einziges Wort, was das Ganze noch magischer macht): »Ich kann euch in eine fremde Welt entführen.«

Ziemlich legendär.

Jedenfalls weiß ich, wie gern du Dinge für dich behältst (du bist das genaue Gegenteil von meiner Wenigkeit, denn ich plappere immer VIEL ZU VIEL), aber wahrscheinlich will deine Mum nur helfen (auf ihre eigene verschrobene Weise).

Wenn dich dieser Typ wirklich betrogen hat, ist er ein Schwachkopf, und du solltest froh sein, ihn endlich los zu sein.

Ich weiß, wie schrecklich es sich anfühlt, wenn sich etwas, das man als echt und beständig empfunden hat, plötzlich in Luft auflöst. Wenn man jeden Moment durchgeht, den man mit jemandem geteilt hat, und sich fragt, ob es überhaupt echt war. Wenn man sich fragt, ob derjenige einen jemals wirklich geliebt hat. Denn wie kann aus Liebe – wahrer Liebe – so schnell nichts werden?

Okay, wenn ich daran denke, wie es dir gerade gehen muss, spüre ich, wie sich ein Jahrhundertorkan in mir zusammenbraut.

Ich muss wissen, wer dieser Vollidiot ist.

PAUSE.

Okay, bin wieder da. Ich war gerade auf deiner Instagram-Seite (Stalker-Alarm, Goldie! Folge mir, und es ist offiziell. Nur ein Freund, der sich die Seite einer Freundin ansieht, okay?), um herauszufinden, wie Mr Schwachkopf aussieht. Ich konnte keine Fotos von ihm finden (wahrscheinlich hast du sie gelöscht, was sehr gut ist. Daumen hoch). Aber ich habe mir auch die Bilder angeguckt, auf denen du markiert wurdest, was mich zu seiner Seite geführt hat. Ich habe ein altes Gruppenfoto entdeckt. Vielleicht von einem Musikfestival. Er wirkt wie einer, der ein wenig zu selbstverliebt ist.

Wer geht bitte oberkörperfrei zu einem Festival? Ekelhaft.

Aber was ich eigentlich mit dieser E-Mail sagen wollte (abgesehen davon, dass ich dir mein aufrichtiges Mitgefühl aussprechen wollte), ist, dass es mir leidtut, dass wir seit Ewigkeiten nichts mehr voneinander gehört haben.

Ich weiß, dass du eine Million Mal versucht hast, anzurufen. Und du hast mir all die Briefe geschrieben und mir haufenweise Aussie-Schokolade (die übrigens unglaublich war) geschickt, und ich habe Monate gebraucht, um mich mit einer kurzen Nachricht bei dir zu bedanken. Ich fühle mich deshalb immer noch schlecht. Du dachtest wahrscheinlich Meine Güte, Taylor ist ein totales Ar&*% geworden, was ich total verstehen kann.

Dich nicht anzurufen war arschig, vor allem, da unser letztes Gespräch ein Streit über Natalia war. Ich weiß, dass deine Anrufe und Nachrichten ein Friedensangebot waren, das ich mit meinem kurzen Text ziemlich armselig erwidert habe.

Alles, was ich sagen kann, ist ... Es ging einfach nicht. Ich wusste, ich würde nur schweigen, wenn wir telefonieren, denn mir fehlten zum ersten Mal in meinem Leben die Worte. Alles war ... nun ja, furchtbar, nachdem ich mein Bein verloren hatte.

Hier höre ich besser auf. Meine Therapeutin (japp, ich habe jetzt eine Therapeutin – sie heißt Claire) will, dass ich ständig darüber rede. Und wenn ich schon niemandem davon erzähle, der dafür BEZAHLT wird, dann tue ich es auch keinem an, mit dem ich befreundet bin.

Hör zu. Können wir einen Pakt schließen, dass wir nicht über den Unfall sprechen? Ich sage es Claire immer wieder. Was passiert ist, ist passiert. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Und ich will mich einfach auf das Jetzt konzentrieren.

Ich hoffe wirklich, du schreibst mir zurück, Goldie. Ich vermisse dich.

x Tay

P.S.: Ich habe dir eine Playlist geschickt. Du kannst sie dir über Spotify anhören. Du weißt sicher noch, dass Dad und ich für alles eine Playlist haben. (Sag nicht, die Pancake-Brunch-Playlist würde keine schönen Erinnerungen wecken.)

Diese Playlist heißt Versinke in deiner Traurigkeit. Ich dachte, das würdest du vielleicht zu schätzen wissen, weil es das genaue Gegenteil von allen Ratschlägen ist, die man nach einer Trennung bekommt.

Achtung! Manche von den Songs habe ich in Dauerschleife gehört, als ich mich von Natalia getrennt habe. Ich weiß, dass ich damit ein Risiko eingehe, denn:

1. Vielleicht findest du es gruselig, dir vorzustellen, wie ich zu bestimmten Trennungssongs geheult habe. (Du hast mich schon mal heulen sehen, als ich mit Finn gekämpft habe und er mir aus Versehen das Knie in die Weichteile gerammt hat. Aber in dieser Situation hätte jeder Mann Tränen vergossen.) Also versuch bitte, mir ein paar Pluspunkte dafür zu geben, dass ich meine Gefühle zulasse, okay?

2. Wahrscheinlich hasst du den Gedanken, dass mein Herz so gebrochen war, dass ich ihretwegen geweint habe. (Lass uns der Wahrheit ins Auge blicken – du wusstest von Anfang an, was passieren würde.)

P.P.S.: Mir ist bewusst, dass auf der Liste auch sehr alte Songs dabei sind. Dafür kannst du meinem Dad die Schuld geben. Du weißt, dass er mich beim geringsten Anzeichen dafür enterben würde, dass ich jeden Song scheiße finde, der älter als ein Jahr ist.

Versinke in deiner Traurigkeit

Say Something

A Great Big World
& Christina Aguilera

Apologize

OneRepublic

Turning Tables

Adele

Goodbye My Lover

James Blunt

Skinny Love

Birdy

Nothing Compares 2 U

Anna of the North

Already Gone

Kelly Clarkson

Heart Skipped a Beat

The xx

Breathe Out

MAALA

Think of You

MS MR

Same Mistakes

Laurel

Moments Passed

Dermot Kennedy

Bad at Love

Halsey

Isoldes Smartphone

Samstag, 15. September, 13:15 Uhr

VIOLETTA: Mum hat mich eben angerufen. Sie meinte, du hättest dir die Haare in irgendeiner VERRÜCKTEN FARBE gefärbt???

VIOLETTA: Die Trennung, richtig? Ich habe das Gleiche gemacht, als mich Matty (erinnerst du dich noch an Skater Boy, neunte Klasse?) abserviert hat. Es war fürchterlich, aber noch zu retten. Deine Haare werden sich auch retten lassen. Keine Panik.

VIOLETTA: Oh mein Gott. Mum hat schon wieder angerufen. Ich habe ihr ein Foto von den Brautjungfernkleidern geschickt. Du weißt schon. DIE, DIE UNS SO GUT GEFALLEN HABEN UND DIE ICH AM DONNERSTAG BESTELLT HABE. Und jetzt gefällt ihr plötzlich die Farbe nicht mehr.

VIOLETTA: Sie treibt mich in den WAHNSINN! Ich bin diejenige, die wegen Veilchenblau oder was auch immer ausrasten sollte, aber ich bin total entspannt. Sie ist besessen von MEINER Hochzeit. Ruf deine arme Schwester an. Ernsthaft. MUMZILLA ist auf freiem Fuß. Ich wiederhole: MUMZILLA wurde gesichtet!!

Instagram-Chat

Samstag, 15. September, 13:40 Uhr

ANA ZHANG: Bist du zu Hause? Lass uns skypen ☺

ISOLDE BYRNE: Ich kann nicht. Erstens, weil ich nicht will, dass du mich in diesem Zustand siehst. Und zweitens bin ich nicht zu Hause. Ich bin beim Friseur, um Ersteres zu retten.

ANA ZHANG: WAS HAST DU GETAN?

ISOLDE BYRNE: Nun ja, gestern Nacht um zwei habe ich über dieselbe Frage nachgegrübelt, über die ich seit drei Wochen nachdenke. Warum hat mich Aidan betrogen? Und dann kam mir die Erkenntnis: Er ist fremdgegangen, weil er mich langweilig findet.

ANA ZHANG: Du bist NICHT langweilig! Ich werde Aidan schreiben und ihm sagen, dass er ein egoistischer, arroganter ...

ISOLDE BYRNE: SCHREIB IHM NICHT. Jedenfalls erschien es mir eine großartige Idee, meine Haare zu färben. Du weißt ja, dass ich schon immer wissen wollte, wie ich als Rothaarige aussehen würde. Rothaarige sind sexy. Und ich habe diesen dunkelhaarigen Ich-bin-langweilig-und-nehme-alles-viel-zu-ernst-Vibe.

ANA ZHANG: Ich wiederhole: Du bist NICHT langweilig. Bitte sag mir, dass du dafür zum Friseur gegangen bist.

ISOLDE BYRNE: Ich hatte keine Kohle.

ANA ZHANG: Issy!!!

ISOLDE BYRNE: Weil meine Haare so verdammt dunkel sind, meinte die Frau in der Drogerie, ich solle sie zuerst blondieren. Und das habe ich gemacht. Und dann habe ich die Farbe aufgetragen. Und jetzt haben meine Haare die gleiche Farbe wie diese McDonald's-Figur.

ANA ZHANG: Ronald McDonald?

ISOLDE BYRNE: Nicht Ronald. Grimace.

ANA ZHANG: Den muss ich googeln ... Oh. Die Figur. DEINE HAARE SIND LILA?

ISOLDE BYRNE: MEINE HAARE SIND LILA. Genau das habe ich geschrien, als ich die Treppe hinuntergerannt bin. Und dann habe ich angefangen zu heulen. Mum kam aus ihrem Arbeitszimmer und sagte: »Isolde, ernsthaft? Welche haarsträubende Entscheidung triffst du als Nächstes?«

ANA ZHANG: Punkt für deine Mum für das Wortspiel.

ISOLDE BYRNE: Kein Funken Mitgefühl. Sie meinte, ich solle mich selbst darum kümmern, weil sie arbeiten muss. Und da sie weiß, dass ich kein Geld habe, wollte sie mir damit sagen, dass ich meinen Frieden damit schließen muss, ab jetzt als 168 cm große Aubergine herumzulaufen. Also habe ich geschrien: »Ich fasse es nicht!« Dann warf Mum die Hände in die Luft und sagte, sie könne einfach nicht von zu Hause aus arbeiten. Ob denn keiner verstehe, dass wir nur noch ein Einkommen hätten und sie die Familie versorgen müsse.

ANA ZHANG: Ich will jetzt nicht unhöflich sein, aber ihr Einkommen ist so hoch wie drei durchschnittliche Einkommen zusammen.

ISOLDE BYRNE: Nicht wahr? Jedenfalls kommt Dad um die Ecke und bekommt mit, was Mum gesagt hat. Ich sehe, wie ihm die Gesichtszüge entgleisen. Obwohl er immer wieder sagt, dass die Entlassung ihm die Möglichkeit gibt, seiner Leidenschaft nachzugehen, weiß ich genau, dass die Kündigung sein Ego verletzt hat. Jedenfalls sagt Dad, er würde mit mir zum Friseur gehen, weil er sowieso einen neuen Haarschnitt vertragen könnte. Was überhaupt nicht stimmt. Aber er hat eben Mitgefühl.

ANA ZHANG: Kannst du mir BITTE ein Foto schicken, bevor sie deine Haare wieder umfärben?

ISOLDE BYRNE: Wenn du es auch nur einer Menschenseele zeigst, war's das mit unserer Freundschaft. Isolde hat dir ein Foto gesendet.

ANA ZHANG: Nun ja ... Es ist definitiv nicht ... langweilig.

ISOLDE BYRNE: Lass uns nie wieder davon sprechen.

ANA ZHANG:

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