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Love me, Stranger

Prolog

Ich war müde und die hämmernde Musik dröhnte mir noch immer in den Ohren. Zwar hatte ich mich bereits an die Bar zurückgezogen, dem Bereich des Clubs, in dem die Lautstärke gerade noch erträglich war, doch die Sehnsucht nach meinem Bett hatte mich zu fest im Griff.

»Hier, dein Martini«, sagte die junge Barkeeperin und stellte den Drink vor mir ab.

»Danke«, erwiderte ich mit einem erschöpften Lächeln und streckte meine Hand nach dem Glas aus. Leider bekam ich den Rand nicht richtig zu fassen. Es kippte klirrend um, und der Martini schwappte auf die Jeans des Clubbesuchers, der neben mir saß.

»Shit«, fluchte ich leise und sagte laut: »Das tut mir furchtbar leid!«

Der junge Mann, der mich zuvor in keiner Weise beachtet hatte, weil er viel zu beschäftigt gewesen war, heftig mit einer hübschen Blondine neben ihm zu flirten, wandte sich mir nun mit einem finsteren Gesichtsausdruck zu. Seine Augen bohrten sich in meine und ich musste schlucken.

»W-warten Sie«, stammelte ich eingeschüchtert und griff nach einer kleinen Serviette. Unbeholfen versuchte ich den Alkohol von seiner Hose zu tupfen und achtete dabei überhaupt nicht darauf, wohin meine Hand wanderte. Erst als meine Finger einen harten Widerstand berührten, wurde mir bewusst, dass ich in seinem Schritt angelangt war.

Oh mein Gott, war das etwa …? Hatte er eine …? Und wenn ja, wie groß war dann sein …? Plötzlich zuckte es in seiner Hose direkt an meinen Fingerkuppen.

Ja, er hatte tatsächlich eine Erektion – so viel wusste ich immerhin über die männliche Anatomie, auch wenn meine körperlichen Erfahrungen mit Männern ansonsten stark begrenzt waren.

Ich hob den Blick und sah, wie der Typ mich mit unverhohlener Neugier musterte. Eine Augenbraue hatte er dabei fragend nach oben gezogen. Seine maskulinen, wenn auch nicht zu kantigen Gesichtszüge wirkten auf mich beinahe hypnotisierend. Er hatte eine gerade, wohlgeformte Nase, unter der sich ein Paar volle, sinnliche Lippen befanden. Seine Kinnpartie wirkte streng und passte zu der Dominanz, die sein breiter Nacken ausstrahlte. Doch kaum etwas an ihm war so anziehend wie das Grün seiner großen, mandelförmigen Augen, die von dichten Wimpern umrahmt wurden und sowohl Intelligenz, als auch Unnahbarkeit ausstrahlten.

Die Blondine hingegen hätte mich, ihrem Blick nach zu urteilen, wohl am liebsten gepackt und umgehend in die Getränkewand hinter der Bar geschleudert. Ich murmelte eine verlegene Entschuldigung und ließ meine Hände zurück in meinen eigenen Schoß sinken.

»Hier. Damit du nicht verdurstest«, zwinkerte mir die Barkeeperin zu, die anscheinend mitbekommen hatte, dass ich den ersten Martini verschüttet hatte. Zum Dank lächelte ich sie kurz an, obwohl mir das Ganze mehr als peinlich war. Diesmal griff ich nach dem Stiel des Glases und rutschte von meinem Hocker. Ich wollte so schnell wie möglich weg!

»Charlie! Da bist du ja!«, grölte Mila, meine beste Freundin und der einzige Grund, weshalb ich diesen Club überhaupt erst betreten hatte. »Amüsierst du dich?« Sie war eindeutig angetrunken. Das leichte Lallen in ihrer Stimme verriet es. »Komm mit, ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen.«

Mila packte mich am Arm und riss mich mit sich. Mein Fuß, der in einem viel zu hohen Absatzschuh steckte, verfing sich im Bein des Barhockers. Ich verlor das Gleichgewicht, geriet ins Wanken und stolperte geradewegs in die Arme des Mannes, der zuvor schon einmal das Opfer meiner Unbeholfenheit geworden war. Wahrscheinlich wollte es das Schicksal genau so, dass ich das zweite Martiniglas noch in der Hand hielt, während ich fiel und der Drink diesmal auf seinem Shirt landete.

Ich kniff die Augen fest zusammen, als ich vergeblich versuchte, mich von seinem Schoß zu winden. Der Typ hatte seine kräftigen Arme um meine Taille gelegt und stellte mich mit Leichtigkeit zurück auf die Füße, bevor er mit zusammengezogenen Augenbrauen und ausgebreiteten Armen sein Shirt betrachtete.

»Kann die nicht endlich jemand vor die Tür stellen?«, hörte ich die Blondine genervt sagen. »Die ist doch nicht mehr zurechnungsfähig.«

Diese Situation katapultierte sich auf einen unangefochtenen ersten Platz der absolut peinlichsten Momente meines gesamten bisherigen Lebens! Dabei war ich bereits fünfundzwanzig.

»Es tut mir wirklich leid, ich …« Ich wollte ihm anbieten, die Sachen zur Reinigung zu bringen, doch dann wusste ich nicht, wie ich das in die Tat umsetzen sollte. Er wäre wohl um diese Uhrzeit kaum mit mir in einen Waschsalon gegangen, um sein T-Shirt und seine Hose zu waschen.

»Er wird’s überleben«, trällerte Mila und zog mich weiter.

»Mila, warte!« Ich musste brüllen, denn mittlerweile waren wir der Tanzfläche und somit den Boxen wieder so nahe, dass eine normale Unterhaltung noch schwieriger wurde. »Mir geht’s nicht gut. Hast du was dagegen, wenn wir nach Hause fahren? Ich zahle das Taxi.«

Mila sah mich mit unverhohlener Enttäuschung an. »Jetzt schon? Es ist gerade mal vier Uhr.«

Um diese Zeit lag ich für gewöhnlich selig schlafend unter meiner Bettdecke, doch Mila, mit der ich mir eine Wohnung teilte, war da von einem ganz anderen Schlag. Ihr Tag begann meistens nicht vor zwölf Uhr mittags, während ich ein wahrer Frühaufsteher war. Am liebsten mochte ich es, bei Morgendämmerung am fast leeren South Beach entlang zu joggen, wo mir höchstens ein paar Gleichgesinnte begegneten.

Als Mila den flehenden Ausdruck in meinem Gesicht bemerkte, hatte sie allerdings ein Einsehen. »Von mir aus, fahren wir zurück.«

Erleichtert atmete ich aus. Endlich würde ich diesen Club verlassen. Endlich.

1

»Das ist nicht dein Ernst!«, sagte ich mit offen stehendem Mund, als Mila und ich am frühen Nachmittag in der Küche saßen und ein verspätetes Mittagessen zu uns nahmen. Das lange Wachsein hatte mich völlig aus der Bahn geworfen. Durchzechte Partynächte waren meinem Körper eindeutig zuwider. Mila schienen solche nächtlichen Exzesse allerdings nicht viel besser zu bekommen. Gerade hatte sie mir ganz sachlich berichtet, dass sie sich, im Rahmen ihrer Facharbeit für die Uni, als Porno-Darstellerin bewerben wollte.

Mila spießte eine Käseravioli auf ihre Gabel. »Oh doch«, sagte sie felsenfest. Ihre braunen Augen leuchteten aufreizend.

»Mila, bist du wahnsinnig? Du willst mit einem wildfremden Mann schlafen und dich dabei auch noch filmen lassen?«

Mila führte die Gabel in den Mund und zuckte leichthin mit einer Schulter. »Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen habe ich endlich ein Thema für meine Facharbeit und verdiene gleichzeitig auch noch Geld mit etwas, das ich ohnehin für mein Leben gern tue.«

»Aber …« Mir fehlten die Worte. Wie konnte ich meiner besten Freundin diese Schnapsidee bloß ausreden? »Was ist mit HIV? Wie kannst du dir sicher sein, dass der Kerl gesund ist?«

Wieder ein Schulterzucken. »Kondome. Ach, und die Darsteller müssen sich regelmäßigen Bluttests unterziehen. Sie werden also alle zwei Wochen auf HIV getestet.«

»Und was ist, wenn du vergewaltigt wirst? Wenn dieser Juan, den du gestern kennengelernt hast, ein Hochstapler ist, der einfach nur darauf aus ist, junge hübsche Mädchen in eine Falle zu locken?« Allein bei der Vorstellung wurde mir speiübel.

»Charlie«, sagte Mila beschwichtigend. »Um es zu einer Vergewaltigung zu machen, müsste das Ganze ohne mein Einverständnis geschehen. Aber ich möchte es. Mir ist schon klar, dass das kein Spaziergang wird. In Pornos geht es zum Teil hart zur Sache. Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich liebe Sex, besonders wenn er roh und schmutzig ist.«

Oh ja, das tat sie wirklich. Das war schwer zu überhören, wenn sie in regelmäßigen Abständen einen neuen Mann mit in unsere WG brachte. Keiner von ihnen blieb allerdings jemals bis zum Frühstück. In dieser Hinsicht war Mila das komplette Gegenteil von mir. Sie brauchte Männer, heiße Flirts und sexuelle Abenteuer beinahe so sehr wie die Luft zum Atmen. Ich hingegen war, was Männer und Sex betrifft, absolut unerfahren. Die wenigen Beziehungen, die ich aufzuweisen hatte, gingen nie über die üblichen Dinge wie Küssen und Händchenhalten hinaus. Daran war ich allerdings nicht ganz unschuldig, denn um mich auf einen Mann körperlich einlassen zu können, benötigte ich Zeit. Zeit, die die Typen jedes Mal lieber darin investiert hatten, sich eine andere anzulachen. Somit hatte ich spätestens nach dem fünften Date immer wieder alleine dagestanden. Doch ich sah auch nicht ein, meine Prinzipien zu ändern, nur um endlich aus dem Club der ewigen Jungfrauen auszutreten. Wenn mich ein Mann wirklich wollte, würde er warten, bis ich bereit war, mich ihm voll und ganz hinzugeben. Mila hatte mit den Augen gerollt, als ich diese Überzeugung verkündete, und gesagt, ich solle mich endlich nageln lassen, damit ich meine schwachsinnigen Ansichten über Bord werfen und anfangen könnte das Leben zu genießen. Sie verstand nicht, dass Sex, auch wenn ich ihn noch nicht am eigenen Leib erfahren hatte, für mich einen völlig anderen Stellenwert hatte als für sie. Ich war aber auch kein prüdes Mäuschen, das vorhatte, bis zu seiner Hochzeitsnacht unberührt zu bleiben.

Ich wollte einfach nur den richtigen Mann im richtigen Moment in mein Leben treten lassen – ohne dass mir die Gesellschaft vorschrieb, in welchem Alter ich mein ‚erstes Mal’ erleben sollte.

»Juan ist in Ordnung«, sagte Mila kauend. »Ich denke, so viel Menschenkenntnis besitze ich. Außerdem will er mir in den nächsten Tagen einen Vertrag zukommen lassen, was eindeutig für seine Seriosität spricht. Aber wenn du dir so große Sorgen um mich machst, wieso begleitest du mich nicht einfach?«

Prompt verschluckte ich mich an meinem Wasser. »Wie bitte?«, fragte ich hustend. »Ich soll mitkommen?«

»Klar. Würdest du das tun?« Ihre großen braunen Augen ruhten fast hypnotisierend auf mir.

»Mila, du … du hast ‘nen riesigen Knall! Was ist mit deiner Zukunft? Wenn dieses Filmmaterial im Internet die Runde macht, bist du dein Stipendium los. Und deine Familie, was wird die wohl davon halten? Womöglich wird dir das sogar deinem gesamten restlichen Leben anhaften!«

Mila seufzte. »Ich habe mir das wirklich gut überlegt. In erster Linie tue ich das für mein Studium. Das Thema »Pornographie« ist nach wie vor ein Tabuthema, mit dem ich aufräumen will. Und das kann ich nur, wenn ich an der Quelle ansetze. Und was meine Familie angeht: Ich habe ein Allerweltsgesicht. Sollte irgendwer glauben, mich erkannt zu haben, kann ich das jederzeit abstreiten. Mal ganz davon abgesehen: wer gibt schon freiwillig zu, Pornos zu schauen?«

»Ein Allerweltsgesicht? Wer zum Teufel hat dir denn diesen Mist eingeredet? Du bist wunderschön und außerdem viel zu clever für diesen echt hirnverbrannten Selbstversuch.«

In Milas Augen begann etwas zu flackern. »Siehst du, genau das meine ich – du hast ein Klischee im Kopf, wie eine Pornodarstellerin zu sein hat, und da du mich kennst, glaubst du, ich wäre nicht so. Aber das ist exakt der Punkt an dem ich bei meiner Arbeit ansetzen möchte. Nur weil man Pornos dreht, wird man von der Gesellschaft gleich in eine schmutzige, perverse Schublade gesteckt.«

»Und du hast anscheinend vor, ebenfalls dort zu landen! Wenn du deine Facharbeit unbedingt über dieses Thema schreiben willst, weshalb tauschst du dich dann nicht einfach nur mit diesem Juan aus – mit Worten meine ich – und behältst deine Sachen an?«

»Weil es in meiner Arbeit um mehr geht als um stupide Fakten. Ich möchte selbst erfahren, wie sich eine Pornodarstellerin fühlt. Und zwar vor, während und nach dem Sex. Mich interessiert die Geschichte hinter der Geschichte.«

Ich gab ein verächtliches Schnauben von mir. »Bist du sicher, dass du nicht lieber Journalismus belegen solltest, anstatt Soziologie?«

»Jedenfalls steht mein Entschluss fest. Ich werde das auf jeden Fall durchziehen.«

»Und ich werde dir mitnichten dabei zusehen, wie du dich von einem Pornodarsteller durchnehmen lässt.« Bei der Vorstellung lief ich puterrot an.

»Ach, komm schon, Charlie. Als ob das ein Problem wäre. Du hast mich mindestens schon fünf Mal mit einem Typen erwischt. Viel anders wird das bei einem Pornodreh auch nicht aussehen.«

Ich schüttelte den Kopf und schob meinen Teller weg. Der Appetit war mir endgültig vergangen. »Du bist unglaublich, Mila.«

»Also, kommst du mit?«

Ich seufzte und verdrehte die Augen. »Na gut – allerdings wird das für dich nicht billig.«

»Einmal Kino und Sushi?«

»Das wäre das Mindeste.«

»Danke, Charlie, du bist die Beste!«

2

Am Montag, genau eine Woche und einen Tag nach unserem Gespräch am Küchentisch, standen Mila und ich auf dem leeren Parkplatz eines Shoppingcenters. Der Vertrag, den Juan Mila versprochen hatte, hatte vor sechs Tagen in unserem Briefkasten gelegen. Spätestens von diesem Moment an war sich Mila sicher, dass bei dieser Porno-Sache alles mit rechten Dingen zugehen würde. Am liebsten hätte ich sie für ihre Naivität in ihr Zimmer gesperrt. Doch selbst sechs Tage hatten nicht ausgereicht, um meine Freundin von dem Gedanken abzubringen, sich vor einer Kamera das Leben zu ruinieren. Sinnlos. Es kam mir eher so vor, als wollte sie es umso mehr, je öfter ich auf sie einredete. Und nun stand sie in einem schwarzen Hauch von Nichts neben mir. Ihre Brüste waren in einen viel zu kleinen BH gezwängt, der ihr Dekolletee zwar perfekt in Szene setzte, ihre Möpse jedoch beinahe herausfallen ließ. Darüber trug Mila ein Netzkleid, das erst knapp über der Bikinizone in einen hautengen Rock überging. Dieser bedeckte auf diese Weise gerade noch ihren runden Hintern. Dazu trug sie zu allem Übel auch noch kniehohe Stiefel. Anna Wintour hätte bei diesem Anblick vermutlich einen Schock erlitten. Kurzum – Mila trug das perfekte Outfit für den Straßenstrich.

Selbstverständlich hatte ich ihr das bereits mehr als ein Mal gesagt, aber alles was ich zur Antwort bekam, war ein Abwinken mit der Hand. Und was für ein lächerlich ungleiches Paar wir abgaben, schien sie erst recht nicht zu interessieren. Denn neben meiner Bordsteinschwalben-Freundin wirkte ich mit meiner hochgeschlossenen, hellblauen Bluse, dem schwarzen Bleistiftrock, der so lang war, dass er meine Knie bedeckte, und meinen flachen Riemchensandalen wie die personifizierte Unschuld vom Lande. Mila ist eindeutig der Typ Megan Fox mit ihrem dunklen, glänzenden Haar und ihrer männermordenden, sexy Ausstrahlung, während ich mein Aussehen weder einem Hollywood-Star noch sonst irgendeinem Schönheitsideal zuordnen würde. Für mein Empfinden bin ich einfach nur gewöhnlicher Durchschnitt. Mein mittelblondes, leicht stufig geschnittenes Haar reicht mir bis zu den Schulterblättern, meine Augenfarbe ist weder eindeutig blau noch grau und meine Figur kann man zwar durchaus als schlank bezeichnen, üppige Kurven oder große Brüste sucht man bei mir allerdings vergeblich. Das Einzige, was ich an mir wirklich mag, sind meine vollen Lippen, auf die die meisten, mit denen ich mich unterhalte, sehr oft schauen und die meinem ebenfalls eher durchschnittlichen Gesicht zumindest ein wenig Charakter verleihen.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. »Es ist bereits fünf nach.« Ein kleiner Hoffnungsschimmer flammte in mir auf, als ich daran dachte, dass der Deal vielleicht doch noch platzen würde.

»Da kommt jemand«, hörte ich Mila sagen und blickte auf. Mein Herz begann zu rasen und ich schickte Stoßgebete zum Himmel, dass der herannahende Van sich nur verfahren hatte. Als er jedoch auf den Parkplatz zusteuerte und schließlich unweit von uns entfernt einparkte, wusste ich, dass alles Bangen umsonst gewesen war.

Die Tür des Vans wurde geöffnet und zwei Typen stiegen aus. Obwohl sie hintereinander liefen, erkannte ich, dass beide Sonnenbrillen trugen, obwohl der Himmel über Miami an diesem Tag von dichten Wolken überzogen war.

Ich spürte, wie sich Milas Finger mit meinen verschränkten. Sie war also doch nicht so cool wie sie vorgab zu sein. Aber auch meine Anspannung stieg mit jeder Sekunde.

»Ist das Juan?«, fragte ich Mila und meinte damit den vorderen der beiden Männer. Er besaß das typische Aussehen eines Südamerikaners – tief gebräunte Haut, schwarzes Haar, ein schlanker, wenn auch nicht besonders großer Körperbau.

»Ja, das ist er«, zischte mir Mila noch schnell zu, bevor Juan uns erreichte.

»Hey«, begrüßte er meine Freundin mit einem geschäftsmäßigen Zahnpastalächeln und streckte ihr die Hand entgegen. »Bitte entschuldige die Verspätung.« Er nahm seine Brille ab. Seine Augen waren tiefbraun und von einigen kleinen Fältchen umgeben. Ich schätzte ihn auf Anfang, höchstens Mitte dreißig.

Mila ergriff seine Hand und schüttelte sie. »Kein Problem, war ja nicht lange.«

Nachdem Juan Mila kurz gemustert hatte, galt seine Aufmerksamkeit plötzlich mir. »Und wer ist deine hübsche Freundin hier?«, fragte er an Mila gewandt, mich jedoch nicht aus den Augen lassend.

Mila schob mich ein Stück weiter nach vorne, da ich instinktiv einen Schritt zurück gewichen war. »Das ist Charlotta, meine beste Freundin. Sie wollte mich heute unterstützen.«

Ich grinste verlegen und gab Juan die Hand. »Charlotta klingt schrecklich, bitte nennen Sie mich Charlie.«

Der zweite Typ, der schräg hinter Juan stand, weshalb ich ihn nicht richtig sehen konnte, tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm irgendetwas zu.

Juans Augen weiteten sich ein wenig, und er schien mich noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen. »Und du bist also zu Milas Unterstützung mitgekommen?«, fragte er mit leichtem Zweifel in der Stimme.

Ich wusste nicht, was daran so verwerflich war. »Äh, ja.«

Er klatschte in die Hände und rieb sie sich. »Okay, damit überrascht ihr Ladys uns jetzt zwar, aber gut, dann gibt es eben eine Programmänderung.« er wandte sich an seinen Freund. »Wärst du mit einem Dreier einverstanden, Joe?«

Ich glaubte mich verhört zu haben. »Einen Dreier? Nein!« Sofort wechselte meine Gesichtsfarbe von blass auf knallrot.

Mila begann übertrieben zu gackern und wedelte mit der Hand. »Nicht die Art von Unterstützung, Jungs. Sie hält sich im Hintergrund, drückt mir die Daumen, rückt meine Haare zurecht und solche Sachen.« Milas Augen huschten zwischen Juan und dem anderen hin und her. »Natürlich nur, wenn das in Ordnung geht.«

Joe, wie Juan ihn genannt hatte, trat einen Schritt nach vorn und nahm ebenfalls seine Brille ab. In diesem Moment stockte mir der Atem. Nein, nein, bitte nicht!

Ich stand dem Mann gegenüber, den ich vor einer Woche gleich zweimal mit Martini getauft hatte. Er trug das gleiche Shirt wie bei unserer ersten Begegnung, nur war es frisch gewaschen. Es spannte über den fein definierten Muskeln seiner Brust und seiner trainierten Oberarme. Er trieb Sport, das sah man sofort. Sein dunkelblondes Haar war über den Ohren und im Nacken kurz, wurde an den Seiten millimeterweise etwas länger, erreichte am Oberkopf jedoch gerade einmal eine Länge von knapp zwei Zentimetern. Deutliche Schatten unter seinen leuchtend grünen Augen gaben den Anschein, dass er die Nacht des Öfteren zum Tag machte. Dennoch schadete das seiner Attraktivität in keiner Weise. Er war eine Augenweide – das wurde mir jetzt bei Tageslicht erst richtig bewusst.

»Das geht in Ordnung«, sagte er zu Mila und wies mit einem Kopfnicken auf mich. »Solange sie nicht Händchenhalten muss.« Joe grinste, doch die Art, wie er die Mundwinkel hob, hatte etwas Arrogantes an sich. Seine Stimme, die tief und rau klang, hörte ich nun zum ersten Mal, und sie drang über meine Ohren direkt in meinen Unterleib. Ich zuckte leicht zusammen, als mich dieses süße Ziehen so unerwartet erfasste. Gütiger Himmel – dieser Mann schien reinster fleischgewordener Sex zu sein. Obwohl er mich andererseits mit seiner unnahbaren Aura gleichzeitig einschüchterte und mir seine eher herablassende Art irgendwie zuwider war. Für wen hielt er sich denn? Mister Wichtig? Und trotzdem übte gerade diese kühle Gleichgültigkeit eine seltsame Faszination auf mich aus, gerade weil ich tief in mir den Wunsch verspürte, dass er mich wahrnähme.

Juan deutete mit einer knappen Geste zu seinem Begleiter. »Das ist übrigens Joe, dein Partner für den heutigen Dreh. Er ist seit knapp drei Jahren im Geschäft und kennt sich ziemlich gut aus.«

Mir sackte das Herz in den Schuh. Er war Pornodarsteller? Der einzige Mann, der mich seit Monaten wirklich interessierte, verdiente seinen Lebensunterhalt damit, pornographische Filme zu drehen? Ich wusste, dass ich spätestens jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden musste, doch ich konnte Mila nicht im Stich lassen. Verdammte Scheiße!

»Also, Ladys. Können wir starten? Den schriftlichen Kram erledigen wir, wenn wir unterwegs sind.«

3

»Das ist der Typ von letzter Woche aus dem Divine«, raunte ich Mila zu, als wir in den Van einstiegen.

Sie sah mich entgeistert an. »Mr. Dirty Martini?«

Ich nickte.

»Er ist ziemlich heiß, nicht?« Ihre Augen verrieten ihre Vorfreude. »Ich glaube ich hätte es wesentlich schlechter treffen können«, feixte sie. Ihre Wangen waren vor Aufregung leicht gerötet.

Ein hässlicher Stich der Eifersucht traf mich mitten in die Brust. »Kann schon sein«, murmelte ich.

»Hättest du vielleicht doch Lust auf einen Dreier mit ihm?«, flüsterte Mila.

Wieder errötete ich. »Was? Nein, niemals!« Eher wäre ich aus dem fahrenden Van gesprungen, als diesem Irrsinn zuzustimmen.

Mila zuckte mit den Schultern. »War nur ein Vorschlag.« Sie kramte den leicht zerknitterten Vertrag aus ihrer Handtasche und reichte ihn nach vorne.

Joe, der auf dem Beifahrersitz saß, nahm ihn entgegen und vergewisserte sich, dass er unterschrieben war.

»Und du willst wirklich dabei zusehen, wie deine Freundin gevögelt wird?«, fragte er mich und blickte im selben Moment auf, in dem ich nach vorne sah. Unsere Augen trafen sich für etwa eine Sekunde, dann wandte ich schnell den Kopf zur Seite. Ich hatte nicht vor, ihm diese Frage zu beantworten und murmelte deshalb: »Von wollen kann wohl kaum die Rede sein.«

Mila knuffte mich unsanft in die Seite.

In meinem Hals hatte sich ein fester Knoten gebildet, der mir sowohl das Sprechen, als auch das Atmen erschwerte. Wie konnte ich bloß in eine solche Situation geraten? Im Stillen flehte ich den lieben Gott um ein Wunder an. Wie wäre es denn mit einem plötzlichen Hurrikan, oder einer Invasion von Aliens, wie in Krieg der Welten? Mir war vollkommen egal, was, Hauptsache, es verhinderte, dass der Van je sein Ziel erreichte.

»Wie wirst du mich denn vögeln?«, hörte ich Mila neben mir mit tiefer, erotischer Stimme hauchen. Dabei biss sie sich aufreizend auf die Unterlippe.

Joe drehte sich nach hinten und fasste nach ihrem Kinn. Sein Blick ruhte auf ihrem von der Natur gegebenen Schmollmund. Mit dem Daumen zog er ihre Unterlippe nach unten. »Das wirst du noch früh genug erfahren, Baby.«

Ich sog scharf die Luft ein und presste die Beine fest zusammen, denn der tiefe Bass, den seine Stimme erzeugte, löste in mir eine ungewollte Sintflut an Erregung aus.

»Alles okay bei dir?«, fragte Joe und fixierte auf einmal mich.

Hatte er meine Reaktion etwa mitbekommen? Ich nickte nur, unfähig, mich verbal zu äußern. Mein Körper spielt nur gerade komplett verrückt, aber ansonsten ist alles ganz wunderbar! Danke der Nachfrage.

Joe lehnte mit einem Ellbogen auf der Lehne seines Sitzes und verschlang mich mit diesen unergründlichen, grünen Augen. »Komm her«, knurrte er leise.

Wieder durchfuhr mich dieses intensive Kribbeln zwischen meinen Beinen. Oh Gott, nicht doch! Mein Verstand sagte mir, dass ich mich besser von ihm fernhalten sollte, denn das hier konnte einfach nicht gut enden. Nicht, solange ich wie paralysiert auf dieser Rückbank saß und entgegen aller Vernunft im Begriff war, alles zu tun, was Joe von mir verlangte. Doch je weiter sich mein Urteilsvermögen gegen den Gedanken an ihn sträubte, umso nachgiebiger und williger reagierte mein Körper. Dieser innere Zwiespalt wurde immer stärker, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und dem nachgab, was mich am meisten quälte – meine aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte, sich nach Freiheit verzehrende und vollkommen haltlose Libido. Deshalb rutschte ich auf der Rückbank schließlich weiter nach vorn. Ich war verloren.

Genau wie bei Mila, erkundeten erst seine Augen und dann sein Daumen meine Lippen. Bei mir ließ er sich jedoch wesentlich mehr Zeit.

»Öffne deine süßen Lippen für mich«, befahl er leise und schob seinen Zeigefinger in meinen leicht geöffneten Mund. »Und jetzt saug daran.« Ich tat es. Einfach, weil ich auf einmal wie besessen davon war, ihm zu gefallen. Ich begehrte diesen Kerl und wollte, dass er mich für genauso begehrenswert hielt.

Ihm entfuhr ein erotisches Zischen, welches mich vor Verlangen zusammenfahren ließ.

»Ja, sehr gut. Mach weiter. Kräftiger.«

Ich erfüllte ihm auch diesen Wunsch und spürte, wie es in meinem Höschen feucht wurde.

Joe entzog mir seinen Finger und legte seine Hand auf mein Knie. »Spreiz die Beine, Baby«, verlangte er, während seine Hand meinen Rock nach oben schob. Es lag so viel Begierde in seinem Blick, dass ich zu zittern begann. Er wollte mich auch. Ob nur für den Moment, oder auch darüber hinaus, tat meinem zügellosen Verlangen nach ihm keinen Abbruch.

»Ganz ruhig«, flüsterte Joe. »Rutsch noch ein Stück weiter vor.«

Wie gebannt platzierte ich meinen Hintern auf der weichen Kante des Rücksitzes. Ich war das reinste Wachs in seinen Händen.

»Deine Beine, öffne sie noch etwas weiter.« Seine Hand strich an der Innenseite meiner Oberschenkel entlang. Ich konnte nur mit viel Mühe ein Wimmern unterdrücken. Die Erregung in mir war so intensiv, dass es schon beinahe zu viel war.

»Schh«, versuchte er mich zu beruhigen. Hatte ich etwa doch gewimmert? »Alles gut, Baby.« Seine Lippen strichen zaghaft über meine.

Ich war nicht in der Lage mich zu regen, weshalb ich still saß und ihm die absolute Kontrolle überließ. Die sanfte Berührung seines Mundes entlockte mir ein heiseres Keuchen. Dann wurden Joes Lippen fordernder. Er küsste mich langsam, ließ sich Zeit damit, meinen Mund zu erkunden. Seine Zunge glitt über meine Unterlippe, bevor er mit den Zähnen zärtlich in das weiche Fleisch biss und leicht daran zog. Heiße Lava schien mich zu durchströmen. Schließlich schob Joe seine Zunge zwischen meine Lippen und forderte meine auf, sich an dem Spiel zu beteiligen.

Ich wurde von einem Rausch erfasst, dessen Echo in meinen Ohren widerhallte. Zwischen meinen Schenkeln pulsierte es heftig, aber auch meine Brüste spannten sich erregt an. Ich stöhnte auf.

Joe quittierte meine Reaktion auf unseren Kuss mit demselben Laut. Sein tiefes Stöhnen verursachte in mir ein gewaltiges Erbeben all meiner Sinne. Doch als er auf einmal mit den Finger unter mein Höschen fuhr und es zur Seite schob, verkrampfte ich mich. Das ging alles so schnell. Viel zu schnell. War ich dafür überhaupt schon bereit? Auf diese Frage hin hörte ich meine innere Stimme genervt mit der Zunge schnalzen.

Beruhigend strich er mir über die Wange, leckte sinnlich über meine Lippen und hatte mich bald wieder genau dort, wo er mich haben wollte.

»Joe«, wisperte ich, hin und her gerissen von meinen Gefühlen, die mich beinahe entzweiten.

Sein Mittelfinger fuhr über meine Schamlippen hinab zu meiner Klitoris. Joe sog scharf sie Luft ein. »Da kann es jemand wohl kaum noch erwarten«, sagte er mit rauer Stimme. Und als sein Finger noch tiefer glitt, entfuhr ihm ein erregtes: »Wow, bist du nass.« Anscheinend nahm er dies als willkommene Einladung, ohne Vorwarnung in mich einzudringen.

Ich erwartete, dass es wehtat, doch stattdessen zogen sich meine inneren Muskeln fest um den plötzlichen Eindringling. Meine Finger krallten sich in die Polsterung.

»Und so verdammt eng«, fügte Joe heiser flüsternd hinzu. Er berührte mit einem zweiten Finger den Eingang meiner Vagina und versuchte sich in mich zu schieben, doch diesmal war der Widerstand größer und es folgte ein Zwicken, das mich kurz zusammenzucken ließ. Dann jedoch wurde mein Verlangen aufs Neue erweckt, als sich Joe in mir zu bewegen begann.

Sein Kuss wurde feucht und wild, und er nahm mich nach der anfänglichen Vorsicht seiner Finger nun zunehmend energischer. Dabei rieb sein Daumen über meine empfindsame Perle, die sich nun noch geschwollener anfühlte.

Ich sog die Luft in kurzen flachen Zügen ein. Mein Herz hämmerte wie wild, und ich vergaß einfach alles um mich herum. Es existierten nur noch Joe mit seinen Lippen, seinen Fingern und den heißen Lauten, die er von sich gab, während er eine Hand in meinem Haar vergraben hatte und die andere in einem erbarmungslosen Rhythmus über und in meine Weiblichkeit trieb.

»Ah«, stöhnte ich laut. Eine meiner Hände griff nach seinem Arm. Ich spürte den angespannten Muskel und bekam durch diese Demonstration seiner Stärke eine heftige Gänsehaut.

Seine Finger in mir rieben immer wieder über ein und denselben Punkt, bis meine Beine zu zucken begannen.

»Joe!«, schrie ich und kam so heftig, dass ich ein paar Kratzer auf seinem Arm hinterließ. Ich presste die Schenkel fest zusammen, wand mich unter den nicht enden wollenden Zuckungen meiner Scheide, doch Joe hörte nicht auf, sich tief in mir zu bewegen und mich zu stimulieren. Ich kam ein zweites Mal innerhalb weniger Sekunden und schrie dabei noch lauter. Völlig hemmungslos.

Dann sackte ich erschöpft und außer Atem zusammen. Verschwommen erkannte ich, wie Joe seine beiden Finger, mit denen er mich zuvor entjungfert hatte, ungläubig anstarrte. Es klebte ein bisschen Blut daran. Herzlichen Glückwunsch, Charlie, du wurdest soeben erfolgreich entjungfert.

»Heilige Scheiße.« Diese Worte kamen zur Abwechslung nicht von Joe, sondern von Mila, die mich mit weit aufgerissenen Augen ansah.

»Du warst noch Jungfrau«, stellte Joe nüchtern fest. Sein Blick ruhte jedoch weiterhin starr auf seinen mit meinem Blut benetzten Fingern.

Mila erwachte aus ihrer Starre. »Ja, das war sie, du dämlicher Arsch«, fuhr sie ihn an. »Und sie war stolz darauf, bis du deine dreckigen Finger nicht bei dir behalten konntest.« Dermaßen wütend hatte ich Mila noch nie erlebt. Zumal sie meine Jungfräulichkeit zuvor immer missbilligt hatte.

Als der Van an der nächsten Ampel hielt, riss meine Freundin die Autotür auf und zerrte an meinem Handgelenk. »Komm, Süße, ich hab’s mir anders überlegt. Du hattest recht, das Ganze war eine selten dämliche Schnapsidee.«

Noch bevor ich dazu kam, mein Höschen und meinen Rock zu richten, taumelte ich bereits hinter Mila aus dem Wagen.

»Charlie! Hey!« Die Beifahrertür flog schwungvoll auf und Joe sprang heraus, um uns einzuholen. Sobald er jedoch aus dem Van stieg, stieß er plötzlich einen lauten Schmerzensschrei aus und krümmte sich. Einen Augenblick später kniete er am Boden und hielt sich den Rücken.

»Ein echt dämlicher Trick«, maulte Mila und war dabei, mich auf die andere Straßenseite zu schieben.

Juan war ausgestiegen und seinem Freund zu Hilfe geeilt.

»Das ist kein Trick«, sagte ich zu Mila und blickte mich besorgt um. »Er hat sich irgendwas gezerrt oder verrenkt.« Als praktizierende Physiotherapeutin, die ich von Beruf her bin, hatte ich bei dem Anblick von Joe, der sich am Boden krümmte, eine Ahnung davon wie schlimm es ihn erwischt haben musste. Ich lief zurück zum Van, wo Juan damit beschäftigt war, den schreienden Joe auf die Rückbank zu hieven. Mila folgte mir nörgelnd. »Wir müssen ihn zu meinem Dad bringen.«

»Fuck«, brüllte Joe mit schmerzverzerrtem Gesicht und krümmte sich weiter. So schnell konnte sich das Blatt wenden. Da war es also, mein erhofftes Wunder, stellte ich mit Schrecken fest. Dass es sich jedoch so zeigen würde, hatte ich weder geahnt, noch gewollt. Dennoch empfand ich es als Glück im Unglück, dass ich dank meiner Berufung Joe behilflich sein konnte.

Ich drängelte mich an Juan vorbei und nahm auf der Rückbank Platz, um meine Arme unter die Achseln des sich windenden Joes zu schieben und ihm hinein zu helfen. Er war kräftig, aber auch ich konnte trotz meiner eher zierlichen Gestalt ordentlich zupacken, wenn es sein musste.

»Scheiße, ich glaube ich hab mir das Rückgrat gebrochen«, stöhnte Joe.

Ich bettete seinen Kopf in meinem Schoß und versuchte ihn zu beruhigen. »Solange du deine Beine noch bewegen kannst, ist deine Wirbelsäule nicht verletzt.«

Er sah mich aus glasigen Augen an. Sein Gesicht war nach wie vor schmerzverzerrt, und er wand sich weiter hin und her.

»Du musst versuchen still zu liegen. Konzentriere dich auf deinen Atem. Ganz ruhig ein und wieder aus.« Als Joe tatsächlich begann, meine Worte umzusetzen, sagte ich an Juan gewandt, der wieder hinter dem Steuer saß: »Fahr uns zum Biscayne Boulevard 202. Mein Vater ist Chiropraktiker. Er hat dort seine Praxis.«

Juan legte nur zögernd den Gang ein. »Ist es nicht besser, wir bringen ihn gleich ins Krankenhaus? Das Mercy Hospital liegt nur ein paar Straßen von hier entfernt.«

»Nein«, sagte ich barsch. »Auch wenn der Weg vielleicht kürzer ist, es könnte lange dauern, bis Joe behandelt wird. Außerdem ist mein Dad auf seinem Gebiet der Beste in ganz Florida. Er ist über Monate hinweg ausgebucht und hält regelmäßig Vorträge an Universitäten im ganzen Land.«

»Bring mich zu ihrem Vater«, sagte Joe mit gepresster Stimme und bäumte sich dabei auf. »Und tritt aufs Gas, Mann, oder ich krepiere hier.«

Es tat mir schrecklich leid, ihn so leiden zu sehen. »Joe, sieh mich an.«

Nur mit Mühe gelang es ihm, seine zusammengekniffenen Augen zu öffnen.

Ich legte meine Hand auf seine gerötete Wange und strich mit dem Daumen sanft darüber. Meine andere Hand vergrub ich in seinem Haar, das sich trotz der Kürze himmlisch weich anfühlte. »Es wird alles wieder gut. Mein Dad kriegt dich wieder hin. Wie ist das überhaupt passiert? Vor ein paar Minuten war doch noch alles in Ordnung. Hattest du so etwas schon öfter?«

»Nein«, stöhnte Joe. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. »Ich habe mich im Sitz umgedreht, und dann hat es auf einmal im Rücken geknackt. Scheiße, ich weiß auch nicht… Es tut höllisch weh. Egal, was ich tue.«

»Willst du deinen Dad denn nicht wenigstens vorher anrufen und Bescheid sagen, dass wir mit einem Notfall unterwegs sind?«, fragte Mila vom Beifahrersitz aus.

»Ja, du hast recht, natürlich.« Ich nahm meine Hand aus Joes Haar. Die andere ruhte nach wie vor auf seiner Wange. In meiner Tasche wühlend wurde ich immer nervöser.

»Hier.« Mila reichte mir ihr Smartphone, in dem die Nummer der Arztpraxis meines Vaters ebenfalls eingespeichert war. Ich tippte auf das Display und hielt mir das Gerät ans Ohr. Nach dem zweiten Rufzeichen meldete sich Rita, eine der drei Sprechstundenhilfen, die für Dad arbeiteten.

»Rita, hier ist Charlie. Ich habe eine dringende Bitte. Du musst den nächsten Termin der im Plan steht unbedingt absagen. Ich komme gleich mit einem Notfall zu euch. Wahrscheinlich ein blockierter Wirbel.«

»Du weißt schon, dass wir keine Notaufnahme sind?«, bluffte mich Rita an. »Du verlangst von mir, dass ich Mrs. Hover absage. Die Frau wird mich töten.«

»Hör auf zu zicken und tu mir einfach den Gefallen, okay?«, zeterte ich zurück. »Sag Mrs. Hover, dass sie als Entschädigung eine Gutschrift für fünf Ganzkörpermassagen bekommt.«

Das schien Rita ein wenig milder zu stimmen. »Gut, von mir aus. Wann bist du in etwa da?«

Ich warf einen Blick aus dem Fenster, um mich eventuell an etwas orientieren zu können. Zum Glück befanden wir uns bereits auf dem Biscayne Boulevard. »Vielleicht fünf Minuten, höchstens zehn. Bis gleich.« Ich beendete das Gespräch und gab Mila das Telefon zurück. »Wir sind gleich da«, bestätigte ich Joe noch einmal und strich erneut über seinen Kopf.

Sein Kiefer war angespannt, dennoch versuchte er sich an einem leichten Heben der Mundwinkel.

4

»Hier lang.« Ich ging voran. Juan stützte Joe, der nur unter großen Qualen einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Mila bildete das Schlusslicht. »Ist nicht mehr weit.«

Wir bogen um die nächste Ecke und stiegen die drei flachen Stufen des Gebäudes hinauf, indem sich die Privatpraxis meines Vaters befand. Die meisten seiner Patienten waren gutsituiert und ließen eine ordentliche Summe Geld bei ihm. Andererseits war er nun einmal der Beste und verdiente sich zu Recht eine goldene Nase.

Es war immer sein Traum gewesen, mir seine Praxis eines Tages zu überlassen. Doch um Ärztin zu werden, waren meine Noten nie gut genug gewesen. Also hatte ich beschlossen, nach der High School eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu beginnen. Vor fünf Jahren schloss ich mit einem guten Ergebnis ab. Seitdem unterstütze ich Dad in seiner Praxis, indem ich physiotherapeutische Aufgaben übernehme. Meistens sind das medizinische Massagen, Wärmeanwendungen und Krankengymnastik. Letzteres oft bei Patienten, die einen Unfall hatten oder operiert worden waren. Mein Vater und ich funktionieren wie ein eingespieltes Team, wenn es auch manchmal schwer fällt, Berufliches und Privates zu trennen.

Ich riss die Tür zum Empfangsbereich auf und sah, wie eine aufgebrachte Mrs. Hover Rita in die Mangel nahm.

»Wieso absagen? Ich hatte einen festen Termin!«

»Mrs. Hover«, sagte ich freundlich lächelnd und trat auf sie zu. »Es tut mir schrecklich leid, ich denke für dieses Malheur bin ich verantwortlich. Hat Ihnen Rita bereits die Gutschrift angeboten?« Schnell erklärte ich der aufgebrachten Patientin die Sachlage und entschuldigte mich in aller Form bei ihr.

Etwas genervt, aber weitestgehend beschwichtigt, verließ Mrs. Hover die Praxis wenige Minuten später. Ich atmete erleichtert aus.

Mila, Juan und Joe standen noch im Eingangsbereich, als ich Rita auf meinen schmerzgeplagten Patient hinwies. »Das ist Joe …«, begann ich, bis mir bewusst wurde, dass ich seinen Nachnamen nicht kannte.

»Jake«, sagte Joe mit zusammengepressten Zähnen. »Driftwood.« Er zog die Brieftasche aus seiner Jeans und reichte mir seine Krankenversicherungskarte. »Joe ist nur mein … Künstlername.«

Es war für mich nur schwer vorstellbar, das was er beruflich tat tatsächlich als Kunst zu bezeichnen. Doch in dieser Hinsicht scheiden sich wahrscheinlich die Geister.

Die üppige Rita, die nur zwei Jahre älter ist als ich, nahm die Karte entgegen. »Hier steht aber Jakub Driftwood.« Sie beäugte Joe, oder besser gesagt Jake alias Jakub, genauer und kam anscheinend zu dem Entschluss dass er ihr gefiel, was wiederum mir eindeutig missfiel.

»Jakub ist schrecklich. Niemand nennt mich so«, sagte er und versuchte sich trotz seiner Qualen an einem Lächeln, das mir gelten sollte.

»Ihr könnt rein gehen sobald ich Mr. Driftwood in unsere Datei aufgenommen habe. Dauert nur zwei Minuten.«

Jake stöhnte auf und verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Maske.

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