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MacTavish & Scott – Tod eines Künstlers

Inhalt

  1. Cover
  2. MacTavish & Scott – Die Lady Detectives von Edinburgh: die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35

Über diese Folge

Finola und Anne sind hocherfreut: Ihre Detektei entwickelt sich gut und etabliert sich immer mehr in Edinburgh. Da folgt auch schon der nächste Fall, der sie sogar persönlich betrifft: Annes guter Freund Gordon hat sich das Leben genommen. Sie ist zutiefst erschüttert. Dass der erfolgreiche, charismatische Künstler Selbstmord begangen haben soll, kann und will sie nicht glauben. Und tatsächlich fällt ihr Verdacht auf jemanden, den sie ebenfalls gut kennt – doch dann wird diese Person tot aufgefunden … Ist Anne selbst nun etwa auch in Gefahr?

Über die Autorin

Gitta Edelmann hat als Übersetzerin in Bonn, Rio de Janeiro, Freiburg und Edinburgh gearbeitet, bevor es sie wieder ins Rheinland zurückzog. Neben Kindergeschichten und historischen Romanen hat sie bereits eine fünfbändige Cosy-Crime-Reihe veröffentlicht. Die Autorin darf sich außerdem Lady of Glencoe and Lochaber nennen, da sie dort ein paar Quadratfuß Land besitzt.

MacTavish & Scott – Die Lady Detectives von Edinburgh: die Serie

Die junge Schottin Finola MacTavish zieht von der malerischen Isle of Skye nach Edinburgh, um dort in der Kanzlei von Anne Scott als Detektivin zu arbeiten. Gemeinsam mit dem Computergenie Lachie lösen die beiden Lady Detectives die verblüffendsten Fälle. Finola merkt dabei schnell, dass sie ein Händchen fürs Ermitteln und Beschatten hat – am liebsten in Verkleidung. Noch dazu hat sie immer die Kräutermedizin ihrer Granny zur Hand, die überraschend effektiv wirkt – auch bei Anne, die jedoch ein dunkles Geheimnis zu haben scheint …

Kapitel 1

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»MacTavish & Scott, hier spricht Anne Scott. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Finola MacTavish lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Eigentlich hatte Anne mit ihr jetzt ihren nächsten Einsatz besprechen wollen, aber natürlich ging das Telefon vor. Schließlich konnte es sich bei so einem Anruf um einen neuen Auftrag handeln, und Aufträge waren für ihr Detektivbüro elementar.

»Ja, ich verstehe. Könnten Sie mir etwas mehr dazu sagen?« Anne verdrehte die Augen und signalisierte Finola mit einem Blick zur Wanduhr und Augenrollen, dass das Gespräch voraussichtlich länger dauern würde.

Finola grinste und erhob sich. Sie konnte diese Zeit wunderbar nutzen, um sich in der Küche einen Tee aufzugießen und vielleicht schnell noch eine Scheibe Toast zu essen. Für ein richtiges Frühstück hatte sie vor ihrem Neunuhrtermin mit Anne keine Zeit gehabt, nachdem sie gestern mit Laurie im Pub versumpft war und verschlafen hatte.

»Guten Morgen, Lachie«, rief sie durch die halb offene Tür in sein Büro.

»Morgen, Lassie«, antwortete Lachie, ohne seinen Blick vom Bildschirm zu lösen. »Seid ihr schon fertig?«

»Wir haben noch nicht einmal angefangen. Anne musste ans Telefon. Klang nach einem neuen Auftrag.«

»Gut, gut.«

»Ich mach mir ’nen Tee, willst du auch einen?«

»Hab schon.« Lachie deutete kurz auf den geblümten Becher, der auf seinem Schreibtisch stand. Dann flogen seine Finger wieder über die Tastatur.

»Sorry, ich will das schnell noch fertig machen, bevor ich mit dir …«, murmelte er.

»Bevor du mit mir was?«

»Finola, ich bin so weit«, tönte Annes Stimme zu ihnen herüber.

Finola seufzte. »Das ging jetzt schneller, als ich dachte.«

Lachie antwortete nicht, also seufzte Finola noch einmal und begab sich zurück in Annes Büro.

»Neuer Auftrag?« Sie setzte sich wieder auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch und streckte ihre Beine aus.

Anne lächelte. »Ja, und dieses Mal einer ganz ohne Verbrechen. Von einer Frau, die ihren alten Schulfreund sucht.«

»Das klingt nett und nicht allzu schwierig. Ich hatte schon eine mehrstündige Observierung bei diesem Wetter befürchtet.«

Finola deutete zum Fenster, gegen das der Wind den Regen prasseln ließ.

»Nun, du weißt ja nicht, was bei dem Auftrag nötig sein wird, den ich für dich habe.«

»Noch ein neuer Fall?«

»Nicht wirklich neu«, gab Anne zu. »Du kennst ihn eigentlich schon. Aber bisher war keine Zeit dafür.« Sie hielt inne und schluckte.

Finola begriff. »Malcolm?«

Anne nickte. »Ich möchte, dass du nach York fährst und dich einmal persönlich um die Sache kümmerst. Vielleicht entdeckst du ja im Gespräch noch anderes als das, was wir bisher online und am Telefon herausfinden konnten. Ich habe dir für heute Nachmittag ein Zugticket gebucht und im Laburnum Guest House ein Zimmer reserviert. Morgen erreichst du alle, die in Büros oder Geschäften arbeiten, und am Samstag dürftest du Leute zu Hause antreffen.«

Anne schob ihr einen großen braunen Umschlag über den Tisch. »Hier sind die Unterlagen.«

Finola nickte. »Wann geht der Zug?«

»Um kurz nach drei. Dann kannst du um sechs im Guest House einchecken.«

»Okay. Also ist ja vorher noch ein bisschen Zeit zum Frühstücken.« Finola zwinkerte.

»Ja. Entschuldige, dass ich dich mit der Fahrt nach York heute Morgen so überfalle, aber wer weiß, ob ich nächste Woche auf dich verzichten kann. Und es wird jetzt einfach Zeit …«

»Ja, mach dir keine Sorgen, ich krieg das hin.«

Anne stand auf. War die Besprechung schon beendet?

»Solltest du mir nicht noch ein bisschen über deinen verstorbenen Mann erzählen?«, fragte Finola. »Wenn ich eine entsprechende Rolle spielen soll, wäre etwas mehr Info hilfreich.«

»Lachie wird dich briefen«, erklärte Anne. »Ich habe noch anderes zu tun.«

Ah! Jetzt verstand Finola Lachies Bemerkung von vorher. Und sie verstand auch, dass Anne nicht über den Mann sprechen wollte, mit dem sie so lange verheiratet gewesen war und der es dennoch fertiggebracht hatte, das gemeinsame Geld verschwinden zu lassen, bevor er – ausgerechnet in England – von einem LKW überfahren worden war.

Kapitel 2

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»Lachie?«

Lachie sah von seinem Bildschirm auf. »Fertig?«

Finola nickte.

»Komm rein, aber pass auf, irgendwo hat sich diese verflixte Katze versteckt. Nicht dass du über Olga stolperst wie ich vorhin. Hast du dein Frühstück mitgebracht?«

Finola balancierte ihren Teller mit einem dicken Käsesandwich und ihren Teebecher zwischen den Papierstapeln hindurch zu dem kleinen Sofa, das in einer Ecke von Lachies Büro stand.

»Ja, ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich zwischendurch kaue. Mein Magen fühlt sich nämlich schon ganz flau an.«

Lachie drehte sich mit seinem Schreibtischstuhl zu ihr um. »Kein Problem. Außerdem bist du ja meine Chefin, da werd ich dir nichts verbieten.« Er grinste.

Finola zog eine Grimasse. Tatsächlich war MacTavish & Scott ihre und Annes Detektei, aber wo wären sie ohne Lachies geniale Computerfähigkeiten? Und er war so ein angenehmer Mensch, ruhig und zurückhaltend, mit einer scharfen Intelligenz und Beobachtungsgabe. Dazu kamen noch seine langjährige Erfahrung und seine unbedingte Loyalität Anne gegenüber. In den letzten Wochen hatte Finola ihn sehr zu schätzen gelernt.

»In der Küche steht eine ganze Kanne Tee auf dem Stövchen, falls du auch noch mehr möchtest«, sagte Finola und setzte sich auf das Sofa.

Lachie schüttelte den Kopf. »Alles gut.« Er wartete, bis Finola einen Schluck getrunken und einen Bissen von ihrem Sandwich genommen hatte. »Ich erzähl dir einfach erst mal ein bisschen was von Malcolm, ja?«

Finola nickte und kaute weiter.

»Also. Malcolm und ich waren Nachbarskinder. Sind praktisch zusammen aufgewachsen. Natürlich war er einige Jahre älter als ich, und vielleicht war ich eher so eine Art Schoßhündchen für ihn …« Lachie räusperte sich.

»Wir haben dann eine Weile lang den Kontakt verloren, aber als ich nach meinem Informatikstudium nach Edinburgh kam, haben wir uns zufällig wiedergetroffen. Er hatte damals schon das Detektivbüro MWS Investigations in der New Town und war seit ein paar Monaten mit Anne verheiratet.«

»Sie war zu dem Zeitpunkt Künstlerin?«

»Nicht nur. Sie jobbte außerdem als Tour Guide, und sie war ziemlich engagiert dabei, in einer alten Fabrikhalle eine Art Gemeinschaftsatelier für Kreative zu schaffen, die sich keine eigenen Ateliers leisten konnten. Das sogenannte Artists House.«

»War sie erfolgreich? Ich meine, als Künstlerin?« Finola biss erneut in ihr Sandwich. Wie gut, dass sie Pickles auf dem Käse hatte. Der säuerlich-würzige Geschmack war genau das Richtige nach dem feucht-fröhlichen Abend.

Lachie legte den Kopf schief. »Wie man’s nimmt. Sie bekam für ihre Gemälde einige Anerkennung ausgesprochen, aber finanziell ist das in künstlerischen Berufen ja immer so eine Sache. Spielte natürlich keine Rolle für sie, weil Malcolm ja sehr gut verdiente. Auf ein Einkommen von Anne konnten die beiden verzichten, auch später, als sie sich vornehmlich um Sean, Aidan und Iain kümmerte. Wenn sie ein Bild verkaufte, war das meistens nur ein nettes Zubrot für die Familie. Aber eine Zeit lang hat Anne tatsächlich sogar recht gut verdient.«

Finola verkniff sich Fragen nach Annes drei Söhnen, von denen sie bisher nur die Fotos auf dem Schreibtisch im Büro kannte. Sie mussten ungefähr in ihrem Alter sein, Mitte, Ende zwanzig? Doch das tat im Augenblick nichts zur Sache.

»Und dann hat dich Malcolm angestellt.«

»Nicht sofort, aber ein Jahr später oder so. Er hat früh erkannt, wie wichtig das Internet für die Detektivarbeit werden würde. Er war immer sehr vorausschauend und voller Pläne.«

»Hm. Schade, dass wir seine letzten Pläne nicht kennen und nicht wissen, was er mit dem Geld vorhatte. Hat er dir gegenüber wirklich nie etwas durchklingen lassen, irgendwas, was du erst heute deuten kannst?«

»Nein. Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass er mit Ernie darüber gesprochen hat. Die beiden hatten immer aufregende Ideen und Überlegungen. Aber das nutzt uns ja leider wenig.«

Finola nickte. Malcolms Freund Ernie war tot. Und alle Spuren, die sie in diese Richtung verfolgt hatten, waren im Sande verlaufen.

Lachie bückte sich und nahm ein Blatt Papier von einem der Stapel neben seinem Schreibtisch.

»Ich hab dir hier mal ein paar Ereignisse aus Malcolms und Annes Leben mit Jahreszahlen aufgeschrieben, damit du eine Basis für deine Legende bei den Ermittlungen hast.« Er stand auf und legte die Liste neben Finola auf das Sofa.

»Legende?«

»Deine Geschichte, wer du angeblich bist, und der harmlose Grund, warum du deine Fragen stellst. Du kannst dich ja schlecht als Privatdetektivin vorstellen. Mit einer guten Geschichte fängt alles an, und dass du die erzählen kannst, hast du ja schon bewiesen.

»Danke. Ich wusste bisher nur nicht, dass man das Legende nennt.«

»Wenn du zu der Auflistung noch mehr Fragen hast, melde dich.«

Finola nickte. »Und kannst du noch mal zusammenfassen – wie war das mit seinem letzten Fall, dem, der ihn nach York geführt hat?«

Lachie runzelte die Stirn. »Das ist irgendwie ganz seltsam gelaufen. Ich lag damals gerade mit Grippe zu Hause und habe nicht wirklich etwas aus der Detektei mitgekriegt. Auch die anderen Angestellten von MWS Investigations – Malcolm hatte zu dem Zeitpunkt noch fünf Festangestellte außer mir – wissen von nichts. Allerdings war das eigentlich zu erwarten, weil Malcolm immer sehr auf Diskretion geachtet hat. Wenn er also einen Fall persönlich übernahm, erfuhr kein anderer seiner Detektive etwas darüber. Höchstens ich, wegen der Internetrecherche. Aber ich war ja krank, und in solchen Fällen hat er die Computerarbeit meistens selbst übernommen. Er hatte einiges von mir gelernt.«

»In dem Fall ging es um einen verschwundenen Jungen?«

»Das hat er zu Anne gesagt. Und dass er deswegen nach York müsse.«

Lachie atmete tief ein und ließ dann seinen Atem in einem Schnauben entweichen.

»Bloß habe ich keine Spur von einem solchen Fall gefunden. Weder in unseren Papieren noch in den virtuellen Akten. Nicht in seinen E-Mails. Keine Nummer mit der Vorwahl von York in seinem Handy. Und bei der Polizei hier oder in York gibt es um jene Zeit auch nicht einen halbwegs passenden Fall.«

»Du hast dich bei der Polizei eingehackt?«

»So was würde ich nie tun«, behauptete Lachie. »Das wäre illegal.«

Finola konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, ging aber über seine Bemerkung diskret hinweg und fasste zusammen: »Egal, warum, wir wissen, dass er tatsächlich nach York gefahren ist. Mit dem Zug. Wo ein Hotelzimmer auf seinen Namen reserviert war.«

»Im Viking Hotel, ja.«

»Und dass er zwar dort eingecheckt, aber die Nacht nicht im Hotel verbracht hat.«

»Genau.«

»Und am nächsten Vormittag beim Überqueren einer Straße von einem Lastwagen erfasst wurde.«

»Der zu schnell und ohne zu blinken abbog«, ergänzte Lachie.

»Malcolm starb noch am Unfallort.«

Lachie nickte.

»Und wir haben keine Ahnung, wo er die Nacht verbracht hat.«

»Er hatte nichts bei sich, was uns weiterhilft. Auch nichts in seinem Gepäck im Hotel.«

Finola sah Lachie an und nickte. Die Spurenlage war wirklich äußerst dürftig.

Lachie erhob sich, ging zu der Regalwand und zog einen grauen Pappkarton aus einem der Fächer. Anders als bei den übrigen Schachteln stand kein Name darauf. Finola verstand – es musste sich um Malcolm Scotts Hinterlassenschaft handeln.

»Hier ist alles, was er bei sich hatte. Kannst du auch noch mal durchschauen«, sagte Lachie. »Vielleicht entdeckt ja dein unvoreingenommenes Auge etwas, was Anne und ich übersehen haben.«

Er warf einen Blick zur halb offenen Tür und dämpfte seine Stimme. »Ich würde meine Hand trotz aller Freundschaft nicht für Malcolm ins Feuer legen. Er war äußerst charmant und wirkte sehr offen und ehrlich, aber er hatte immer gerne Geheimnisse. Und wenn es zu seinem Vorteil war, konnte er ganz schön … Irgendwie passt es sogar, dass er die Ersparnisse abgehoben hat, bevor er nach York fuhr. Er steckte ja immer voller Pläne. Nur wissen wir leider nicht, was er vorhatte. Und nicht, wo das Geld abgeblieben ist, das ja immerhin auch Anne gehört.«

Finola nickte. Sie stand auf, legte die Liste auf den Pappkarton und nahm ihn Lachie ab.

»Dann wollen wir das Geheimnis mal aufklären«, sagte sie mit mehr Zuversicht in der Stimme, als sie eigentlich besaß.

»Viel Glück! Und pass auf dich auf da unten in England.«

Kapitel 3

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Immerhin war das Wetter in York ein bisschen besser als bei ihrer Abreise in Edinburgh. Zwar regnete es ebenfalls, aber deutlich leichter, und vor allem war der schneidende Wind an der schottischen Ostküste geblieben. Die Wetter-App sagte für den folgenden Tag sogar sonnige Abschnitte voraus.

Finola schulterte ihren Trekking-Rucksack, trat aus dem Bahnhof, überquerte die Straße und wandte sich nach rechts, um dem Verlauf der Stadtmauer zu folgen, die auf ihrem Wall thronte. Anne hatte ihr extra eine Wegbeschreibung zum Laburnum Guest House ausgedruckt, was Finola ein wenig schmunzeln ließ. Manchmal merkte man eben doch den Generationsunterschied zwischen ihnen.

Mauer und Straße bogen nach links ab, und kurz darauf bot sich endlich die Möglichkeit, den ersten Blick auf die Innenstadt zu werfen. Micklegate Bar. Eines der mittelalterlichen Stadttore, prächtig anzusehen mit den beiden Türmen, den Zinnen mit ihren Statuen, den rot-weiß-goldenen Wappen – durch dieses südliche Tor, so hatte Finola vorhin im Internet gelesen, hatten früher Könige die Stadt betreten. Nun, was Königen recht war, sollte ihr billig sein.

Es war nicht weit, sie ging ein Stück die Micklegate entlang, und schräg gegenüber der Kirche fand sie das Laburnum Guest House. Anders als der Name Laburnum – Goldregen – es andeutete, war dies ein aus Ziegelsteinen gemauertes Stadthaus mit weißen Mauerabsätzen, Sprossenfenstern und einer grünen Tür. Von Goldregen keine Spur.

Auf ihr Klopfen öffnete ein dunkelhaariger Mann um die vierzig und strahlte sie an.

»Herzlich willkommen, Ms Grant oder Ms Scott?«, fragte er.

»Scott, Finola Scott.«

»Was für ein schöner Name. Ich bin Andrew Wilson«, stellte er sich vor und winkte ihr, ihm ins Haus zu folgen. An einer Kommode neben dem Treppenaufgang blieb er stehen.

»Sally und ich haben Ihnen die Nummer drei im ersten Stock gegeben«, sagte er und nahm einen kleinen Schlüssel mit einem großen lila Holzschild vom Bord über der Kommode. »Ich denke, da werden Sie sich wohlfühlen. Der Schlüssel passt auch in die Haustür, und Frühstück ist um halb neun dort drüben.«

Er reichte ihr den Schlüssel und deutete auf eine Tür im hinteren Teil des Hauses, an der ein buntes Schild mit der Aufschrift Breakfast Room hing.

»Vielen Dank.«

»Soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«, fragte ihr Gastgeber höflich und beäugte, wie es ihr schien ein wenig hilflos, den großen Rucksack, den sie auf dem Rücken trug.

»Nein, danke, das schaffe ich so ganz bequem«, erklärte Finola.

»Wenn Sie einen Stadtplan oder weitere Informationen benötigen …« Er wies auf die Kommode, die mit allerlei bunten Prospekten und einer Rezeptionsklingel bestückt war.

»Danke, im Augenblick brauche ich nichts.«

Andrew Wilson setzte erneut zu sprechen an, als der Türklopfer betätigt wurde.

»Ah, das muss dann jetzt Ms Grant sein.« Er eilte zur Haustür und gab so Finola die Gelegenheit, sich zurückzuziehen.

Das Zimmer war für ihren Geschmack etwas zu pink und zu geblümt, aber es war recht groß, und das Bett schien beim ersten Ausprobieren bequem. Der Schrank bot zudem ausreichend Fächer, um ihre verschiedenen Verkleidungen, die sie sicherheitshalber mitgebracht hatte, hineinzusortieren. Aber dafür war später noch Zeit.

In der Ecke stand ein gemütlicher Sessel, und natürlich gab es alles Notwendige, um sich einen Tee zu kochen. Das Bad war allerdings winzig, und die Dusche darin wirkte ein wenig improvisiert. Egal, sie würde hoffentlich den Zweck erfüllen.

Schon eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft stieg Finola die Treppe wieder hinunter und verließ das Guest House. Sie versuchte, leise zu sein, um nicht Andrew Wilson zu begegnen, der ihr ein wenig zu sehr um ihr Wohl bemüht gewesen schien. Sein interessierter Blick war ihr nicht entgangen, ein Blick, dem sie auf keinen Fall weitere Nahrung bieten wollte, allein schon wegen Sally. Sie hatte sich den Namen seiner Frau gut merken können, denn bei einem ihrer letzten Fälle hatte sie ihn selbst benutzt. Sally, Physiotherapeutin aus Glasgow.

Was dachten sich manche Männer eigentlich?

Sie folgte der Micklegate, betrachtete die Schaufenster der jetzt am Abend geschlossenen kleinen Geschäfte und erreichte kurze Zeit später die Brücke über die Ouse. Rechts auf der anderen Seite entdeckte sie den Pub Kings Arms, den Lachie ihr ans Herz gelegt hatte. Im Sommer musste es tatsächlich herrlich sein, dort draußen am Ufer des Flusses zu sitzen. Jetzt, Ende Oktober, in der Dämmerung bei Regen war die Idee weniger verlockend, aber sie konnte ja hineingehen.

Doch zuerst musste sie sich orientieren. Sowohl, was die Stadt selbst betraf, als auch die Orte, an denen sie hoffentlich Malcolms Spuren finden würde.

Sie überquerte die Brücke und ging einfach weiter geradeaus, bis sie auf ein Gässchen stieß, in das sie nach links abbog. Hier war es sehr eng und malerisch, dennoch überraschte Finola die Menge an kamerabewaffneten Touristen, die sich weder von Regen noch einsetzender Dunkelheit abgeschreckt gefühlt hatten. Die oberen Stockwerke der alten Fachwerkhäuser ragten weit hervor, an einer Stelle schienen sich die gegenüberliegenden Häuser fast zu berühren – natürlich, das mussten die berühmten Shambles sein!

Der touristische Spaziergang bot Finola nicht nur die Möglichkeit, die überraschend sympathische Stadt ein wenig zu erkunden, sondern auch, ihre Recherchestrategie zu durchdenken. Sie hatte während der knapp dreistündigen Zugfahrt Lachies Liste mit den Daten aus Annes und Malcolms Leben genau studiert und war einigermaßen zuversichtlich, sich als ihre Tochter ausgeben zu können. Als solche würde sie hoffentlich Türen öffnen können, die ihr sonst verschlossen blieben.

Zweiunddreißig Jahre verheiratet waren Anne und Malcolm gewesen. Ein Zeitraum, den sich Finola kaum vorstellen konnte. Das war länger, als sie lebte! Ihre drei Söhne musste sie nun als ihre Brüder ausgeben, ohne sie je gesehen zu haben. Sie hatte sich immer Geschwister gewünscht, aber so war das schon sehr eigenartig.

Sie seufzte. Wie sollte das klappen?

Doch mit jedem weiteren Schritt, den sie durch die Sträßchen und Gässchen von York machte, wurde sie optimistischer. Hatte sie nicht oft genug hervorragend improvisiert? Ging es nicht viel mehr um ein Gefühl für Menschen als um das Präsentieren von Fakten?

Sie konnte sich Anne durchaus als Mutter vorstellen, auch wenn diese völlig anders war als ihre eigene. Ja, wahrscheinlich gerade deshalb.

Und Malcolm? Auf den Fotos in Annes Alben zeigte er ein sympathisches Lächeln. Wie hatte Lachie ihn beschrieben? »Er war äußerst charmant und wirkte sehr offen und ehrlich, aber er hatte immer gerne Geheimnisse.«

Vielleicht musste sie gar nicht einmal in seine echte Familie eindringen?

Vielleicht konnte sie ja eines seiner Geheimnisse sein?

Kapitel 4

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York Minster war beeindruckend. Die größte mittelalterliche Kathedrale in England. Wie groß war so eine Fensterwand? Wie ein Tennisplatz?

Für Finola markierte das Minster den nördlichsten Punkt ihres Spaziergangs, sie würde sich nun auf den Rückweg machen und im Kings Arms noch eine Kleinigkeit essen und trinken. Dabei konnte sie Lachie ein Foto aus dem Pub schicken, mit dem ihn trotz seiner Abneigung gegen England frohe Erinnerungen zu verbinden schienen.

Irgendwie musste sie einen anderen Weg eingeschlagen haben als gedacht, denn auf einmal stand sie vor dem Jórvik Viking Centre.

Eboracum für die Römer, Eoforwic für die Angelsachsen, Jórvik für die Wikinger, York für die Normannen und ihre Nachfolger – der Name der Stadt hatte gewechselt, und die Geschichte las sich spannend, aber was Finola am Jórvik Viking Centre an diesem Abend hauptsächlich interessierte, war, dass hier um die Ecke das Viking Hotel zu finden war.

Und damit war der Spaziergang unversehens zu Ende, und die Arbeit begann. Wie gut, dass sie unauffällige Klamotten und einen schlichten Pferdeschwanz trug, die sie jünger aussehen ließen und zu ihrer neuen Rolle passten.

»Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?«

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