Logo weiterlesen.de
Mailverkehr – Fesselnde Lust

Zu diesem Buch

Die Autorin Hannah Zimmermann ist empört, als auf der Beerdigung ihrer Freundin Birgit das Lied Highway to Hell gespielt wird. In einer E-Mail teilt sie dem zuständigen Bestatter Mike Gruber mit, dass sie sich weigert, die Rechnung zu bezahlen. Doch Mike durchschaut schnell, dass sich hinter Hannahs stolzer Fassade eine Frau verbirgt, in deren Leben schon lange nichts mehr so läuft, wie es laufen soll. Und so schlägt er ihr einen verheißungsvollen Deal vor: Er lässt die Rechnung fallen, wenn Hannah den Rat ihrer Agentin befolgt, einen Erotikroman verfasst und ihn als Probeleser akzeptiert. Doch nie hätte Hannah geglaubt, dass die Welt, in die sie daraufhin eintaucht, so faszinierend, so fesselnd und so gefährlich sein könnte. Lust, Schmerz und Leidenschaft überwältigen sie – und in ihren E-Mails lässt sie Mike an ihren Erfahrungen teilhaben …

Betreff: Die Beerdigung von Frau Stiller, Rechnungsnummer 13498

Von: H. Zimmermann

Datum: 22.10.2012 10:16

Sehr geehrter Herr Gruber,

ich habe Ihnen ausdrücklich untersagt, bei der Trauerfeier das Lied »Highway to Hell« von AC/DC spielen zu lassen. Frau Stiller stand unter dem Einfluss schmerzstillender Medikamente, als sie mit Ihnen ihre Wünsche besprach. Birgit ist eine gute alte Freundin von mir und hätte niemals die Trauergemeinde so schockieren wollen. Vor allem, weil diese überwiegend aus Kollegen bestand. Bibliothekare sind nicht bekannt für ihren progressiven Musikgeschmack. Von diesem Ausrutscher einmal abgesehen, ist die Abschiednahme jedoch würdig verlaufen und ich zahle gerne die Rechnung, wie bereits mit Ihnen besprochen. Natürlich nur unter Abzug des Postens »Musik«.

Mit freundlichen Grüßen

H. Zimmermann

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 23.10.2012 08:23

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

Frau Stiller hat mir unmissverständliche Anweisungen gegeben, wie sie ihre eigene Abschiednahme gestalten wollte. Das von Ihnen beanstandete Lied war für sie ein Symbol für Lebenslust und Freude. Ich richte mich nach den Wünschen meiner Klienten, auch und vor allem wenn sie tot sind. Ich berücksichtige ebenfalls die Wünsche der Hinterbliebenen. Selbst wenn es sich um heimlich in den Sarg gelegte, potentiell gefährliche Grabbeigaben handelt. Zuverlässigkeit und Diskretion. Sie machen den Erfolg meines Institutes aus.

Bitte zahlen Sie die Rechnung komplett.

Mit freundlichen Grüßen

M. Gruber

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: H. Zimmermann

Datum: 23.10.2012 23:11

Sehr geehrter Herr Gruber,

ist es bei Ihnen üblich, in den Särgen von Toten herumzuwühlen? Ich war ja gleich misstrauisch, als Birgit so von Ihnen schwärmte. Von wegen alternative Beerdigungen. Bunt bemalte Särge, Lesungen, verrückte Musik. Dazu ein Bestatter, der aussieht wie ein zugekiffter Filmstar.

Birgit hatte eindeutig zu viel Morphium im Blut. Die Ärmste. Und was, bitte schön, ist an einem Vibrator gefährlich? Er war, wie Birgit immer gern betont hat, ihr bester Freund. Ich wollte sie nicht ohne ihn gehen lassen. Es bleibt dabei: Ich weigere mich, die Rechnung vollständig zu bezahlen.

Mit freundlichen Grüßen

H. Zimmermann

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 24.10.2012 09:14

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

Leichen zu verbrennen ist nicht ganz so einfach, wie der Laie glaubt. Ein Herzschrittmacher kann zum Beispiel explodieren, und ernsthaften Schaden anrichten. Meine Aufgabe als Thanatopraktiker, eine Bezeichnung, die ich dem »Bestatter« vorziehe, ist es, so etwas zu verhindern. Ihre Grabbeigabe erwies sich jedoch bei näherer Inspektion als nicht batteriebetrieben, und deshalb habe ich sie bei der Toten belassen.

Was Ihre Bemerkung angeht, ich sähe aus wie ein zugekiffter Filmstar: Hollywood hat noch nicht angerufen, und im Dienst nehme ich keine verbotenen Substanzen zu mir. Das Institut erfreut sich einer guten Auftragslage, gerade weil wir anders sind als die anderen.

Sind Sie sicher, dass Frau Stiller diese Grabbeigabe nicht lieber in den Händen ihrer besten Freundin gesehen hätte?

Wenn Sie die Rechnung nicht innerhalb der nächsten 14 Tage begleichen, muss ich Verzugszinsen anmahnen.

Mit freundlichen Grüßen

M. Gruber

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: H. Zimmermann

Datum: 24.10.2012 22:57

Sehr geehrter Herr Gruber,

Sie schneiden Leichen auf und nehmen Herzschrittmacher heraus? Ich dachte, so was macht man im Krankenhaus? Und Thanatos, das ist griechisch und bedeutet Tod, nicht wahr? Sehr poetisch. Viel zu poetisch für jemanden wie Sie. Leichenfledderer!

Was soll das heißen, Birgit hätte gewollt, dass ich den Vibrator behalte? Hat sie etwa mit Ihnen über mich gesprochen? Was hat sie gesagt? Etwa, ich hätte es mal wieder dringend nötig? Und dass ich Torschlusspanik habe, weil ich auch bald vierzig werde? In vier Jahren! Typisch Birgit.

Ist sogar in ihrem Alter noch mit jungen Kerlen um die Häuser gezogen. Sie wären genau ihr Typ gewesen: dunkle Haare, dunkle Augen, gepflegter Dreitagebart. Und dann noch dieses Tattoo, glauben Sie nur nicht, dass ich das nicht gesehen hätte. Was finden Männer an älteren Frauen? Mutterkomplex?

Hat Birgit auch gesagt, dass ich manchmal zu viel trinke? Dass ich allein lebe, weil »kein Kerl auf Dauer meine spitzen Bemerkungen aushält«? Sie hätten Birgit mehr Morphium verpassen sollen im Krankenhaus …

Aber Krebs ist nicht lustig. Der Tod ist nicht lustig.

Birgit war meine beste Freundin. Und nun ist sie fort. Einfach so.

Es ist still und dunkel. Ich trinke, wann und was ich will. Ich schreibe, was ich will.

Und ich zahle die verflixte Rechnung nie und nimmer!

Mit höchst unfreundlichen Grüßen

H. Zimmermann

Betrifft: Erste Mahnung

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 25.10.2012 13:37

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

Frau Stiller hat sich nicht zum Thema Torschlusspanik geäußert, wenn ihr auch eine gewisse Besorgnis über das weitere Schicksal ihrer besten Freundin anzumerken war. Unser Gespräch drehte sich jedoch hauptsächlich um die Gestaltung ihrer Abschiednahme. Frau Stiller wollte als lebensbejahend in Erinnerung bleiben. Für eine Bibliothekarin erschien sie mir erstaunlich progressiv.

Bezüglich des »Leichenfledderers« muss ich Ihnen widersprechen: Ich behandele Tote mit Respekt und versuche auch, den Hinterbliebenen entsprechend zu begegnen. Das ist durchaus nicht immer einfach. Milde ausgedrückt.

Was Männer an vergleichsweise älteren Frauen finden? Lebenserfahrung. Intelligenz. Gelassenheit und Humor. Frau Stiller besaß all das, was sie nicht zuletzt in ihrer Musikwahl bewiesen hat.

Die erste Mahnung ist heute an Sie gegangen. Zahlen Sie bitte unverzüglich die Rechnung. Auch ein »Leichenfledderer« muss leben.

Mit freundlichen Grüßen

M. Gruber

Betreff: L.m.a.A.

Von: H. Zimmermann

Datum: 26.10.2012 01:56

Sehr geehrter Herr Leichenfledderer,

soso, Birgit hatte also Lebenserfahrung. Übersetzt heißt das: Falten! Und auf den ganzen anderen Schnickschnack könnt ihr Männer doch sonst so gut verzichten! Intelligenz sei attraktiv bei einer Frau? Blödsinn! Geheiratet werden doch nur die hübschen Dummchen, die lassen sich besser kontrollieren. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Und Birgit war kein Kind von Traurigkeit. Progressiv fürwahr! Sie hatte viele Männer, doch nicht einer ist bei ihr geblieben. Abgesehen von einem nicht-batteriebetriebenen Ersatzteil. Am Ende war sie einsam, ohne Familie, ohne Geld. Als Bibliothekarin verdient man eben nicht gerade ein Vermögen. Und ich bin diejenige, die alles regeln muss! Nee, dann doch lieber allein. Ist auch weniger anstrengend. Keine schmutzigen Socken auf dem Fußboden, keine Barthaare im Waschbecken, kein Kerl, der Bier saufend vor dem Fernseher hockt und Fußball glotzt. Klischee? Ach nee. Glauben Sie mir, das gibt es öfter, als Frau lieb ist! Und um mir so ein Prachtexemplar an Land zu ziehen, soll ich auf die Piste gehen? Rumhängen in Bars und Kneipen, surfen durch Internetportale? Und dann die peinlichen ersten (und gleichzeitig letzten) Dates. Nein danke. Nichts für mich. Ich sitze hier gemütlich mit einem guten Buch und kraule meinen Kater.

Sie sehen: Ich besitze ebenfalls Gelassenheit. Vor allem, wenn Mann mich in Ruhe lässt.

Die Beerdigung war sowieso viel zu teuer.

Fleddern sie weiter, von mir bekommen Sie keine müde Made.

H. Zimmermann

Betrifft: Erste Mahnung

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 26.10.2012 08:19

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

in der Tat hat Frau Stiller von ihrem bewegten Leben gesprochen. Jedoch tat sie das nicht mit Bedauern. Sie bedauerte vielmehr nur, dass ihre beste Freundin ganz alleine zurückbleiben würde und niemanden mehr hätte, der ihr »kräftig in den Arsch treten« würde. Als »zickige alte Jungfer« würde sie sterben, »ganz in Rosa so wie Barbara Cartland, nur ohne die Kohle«.

Ich gebe zu, die letzte Bemerkung habe ich nicht verstanden. Vielleicht doch das Morphium?

Maden sind äußerst nützliche Tiere. Sie verarbeiten uns zu

Kompost, und somit werden wir wieder Teil des ewigen Kreislaufes.

Der Preis für die Beerdigung ist wie vorher mit Ihnen besprochen, und durchaus angemessen. Unser Unternehmen bemüht sich, die Kosten niedrig zu halten, doch es fallen auch Beträge an, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Einzelheiten liegen Ihnen bereits vor.

Bitte begleichen Sie umgehend Ihre Rechnung.

Mit freundlichen Grüßen

M. Gruber

Betrifft: Vertrauensbruch

Von: H. Zimmermann

Datum: 27.10.2012 02:56

Herr Gruber!

Ich fasse es nicht! Das hat Birgit tatsächlich gesagt? Einem völlig Fremden gegenüber? Nur weil sie ihn sexy findet (oh ja, ich kenne Birgit, und das habe ich genau gesehen!) und er so tut, als würde er zuhören? Dabei hat er noch nicht mal alles kapiert, weil er noch feucht hinter den Ohren ist! Ich bin Schriftstellerin! Ich schreibe Liebesromane! Und Barbara Cartland war die große Dame des Liebesromans, wurde sogar von der Queen geadelt. Ihre Bücher sind in zwanzig Sprachen übersetzt und überall auf der Welt hat sie Fans. Dabei produzierte sie grässlichen Kitsch. Meine Sachen sind besser. Ich kann nämlich schreiben. Und zwar so, dass es zu Herzen geht. Nicht so gestelzt wie Sie, Sie Totengräber. Ihre Mails sind so tot wie Charles Dickens’ sprichwörtlicher »Türnagel«. Lernt man das in Ihrer Ausbildung, seine Worte einzubalsamieren, bis sie steif und leblos sind?

Meine Liebesromane sind lebendig! Meine Heldinnen sind mutig, tapfer, abenteuerlich, sie bekommen am Ende, was sie sich wünschen, und der Leser auch: das Happy End! Ich kann nichts dafür, dass der Umsatz zurückgegangen ist. Ich schreibe immer noch gut. Die Leute wollen es nur nicht mehr lesen. Keine Ahnung, warum.

Verschonen Sie mich mit Ihrer biologischen Weltanschauung.

Ich zahle nicht.

Grußlos

H. Zimmermann

Betrifft: Zweite Mahnung

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 27.10.2012 11:43

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

Kondolenzbriefe schreiben und mit trauernden Hinterbliebenen korrespondieren gehört in der Tat zur Ausbildung und erfordert einen gepflegten Sprachduktus. Nichts hat mich jedoch auf einen derartigen Austausch mit Ihnen vorbereitet.

Frau Stiller hat die »Blutarmut« Ihrer Liebesromane bemängelt, dass es Ihnen »an Erfahrung« fehlen und der Leser dieses bemerken würde. Ich kenne mich in diesem Metier nicht aus, da ich die große Liebe für ausgemachten Blödsinn halte und folglich keine Liebesromane lese. Ich finde jedoch Ihre Mails alles andere als blutarm, auch wenn sie eine gewisse Männerphobie erkennen lassen. Wenn ich Angst vor Leichen hätte, könnte ich meinen Job nicht machen. Sie haben Angst vor Männern. Warum? Nachdem ich Sie insgesamt dreimal gesehen habe, zweimal im Büro und einmal auf der Beerdigung, sehe ich zumindest rein äußerlich keinen Anlass. Es gibt genügend Männer, die kleine, runde Frauen den zickigen Bohnenstangen vorziehen, die nur Salat essen und im Bett den nichtvorhandenen Bauch einziehen.

Frau Stiller meinte, wenn Sie weiterhin diesen »Rosamunde-Pilcher-Blödsinn« schreiben würden, hätte das Auswirkungen auf Ihr Gehirn. Sie bräuchten dringend einen Mann, der Sie mal »so richtig durchvögelt«. Sorry. Nicht meine Wortwahl.

So. Ich hoffe, das war lebendig genug geschrieben.

Die zweite Mahnung ist ergangen. Zahlen Sie umgehend.

Mit freundlichen Grüßen

Der Türnagel

Betrifft: Beleidigung

Von: H. Zimmermann

Datum: 27.10.2012 23:15

Herr Gruber!

Das ist ja ungeheuerlich! Ich werde Sie verklagen! Man wird Sie aus Ihrer Totengräberzunft ausschließen! Ich habe keinen Hass auf Männer und ich habe auch keine Angst vor Ihnen! Ich bin auch nicht »klein und rund«. Warum schreiben Sie nicht gleich »dick«, Sie dunkelhaariger Westentaschencasanova?

Nur weil ich an die wahre Liebe glaube (ja, das tue ich tatsächlich!) und nicht wahllos in der Gegend herumschlafe, bin ich noch lange nicht »bedürftig«. Ja, ich bleibe lieber zu Hause und lese und verzichte dankend darauf, unter all den Nieten da draußen auf die Jagd nach dem großen Los zu gehen. Haben Sie noch nie gesehen, wie die Chancen stehen, beim Lotto zu gewinnen? Eins zu 140 Millionen! Da spiele ich nicht mit!

Und Sie? Womöglich bieten Sie sich noch als »Helfer in der Not« an? Gehört das mit zum Service? Handfestes Trösten der trauernden Hinterbliebenen? Das wirkt vielleicht bei anderen Frauen, aber nicht bei mir. Und überhaupt: Sex wird heutzutage überbewertet! Überall an den Kiosken prangen die Pralle-Titten-Blätter. Auch meine Lektorin meint, ich solle »erotischer« schreiben, das wollen die Frauen lesen. Und der Markt biete wohl nicht genug »gute« Erotik für Frauen, gerade die gutbetuchte Zielgruppe ab vierzig sei unterrepräsentiert. Einen erotischen Selbstfindungsroman soll ich machen! Singlefrau auf der Suche nach Liebe und Sex. Pah! Ist doch kein Problem, diesen Blödsinn kann ich locker produzieren. Aber ich will nicht! Das ist unter meinem Niveau, und nein, Niveau ist keine Hautcreme!

Ich will und werde auch nicht Ihre Rechnung bezahlen. Sie werden mir eine Entschädigung für die Beleidigung leisten!

H. Zimmermann

Betrifft: Zweite Mahnung

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 28.10.2012 13:49

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

die Fesseln gesellschaftlicher Konventionen sind schwer abzustreifen, manche schaffen es nie. Das Leben ist kurz. Es muss ausgekostet werden. Banal, aber wahr. Ich weiß das. Frauen haben es in dieser Hinsicht schwerer als »Westentaschencasanovas«, wenn sie ein erfülltes Sexualleben wünschen, auch das hat Frau Stiller erwähnt. Sie sprach ebenfalls von Ihren Problemen mit Ihrer Figur und Ihrem Aussehen. Dass Sie »komplexbeladen« seien und niemals Dates hätten. Wenn Sie nie rausgehen, wie wollen Sie dann Ihre wahre Liebe treffen?

Ich habe Sie nicht für einen Feigling gehalten. Schade.

Was das »handfeste Trösten« Hinterbliebener angeht, so gehe ich vor diesem Hintergrund davon aus, dass Sie von Ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen sprechen.

Da Sie sich weiterhin so hartnäckig weigern, die Rechnung zu bezahlen, vermute ich, dass Sie zahlungsunfähig sind. Kann mich auch nicht erinnern, Ihren Namen jemals auf den Bestsellerlisten gesehen zu haben. Können Sie vom Schreiben tatsächlich leben?

Nun, es geht mich nichts an.

Auch ich bin selbstständig und führe mein eigenes Unternehmen. Das war nicht einfach, vor allem zu Beginn. Die Konkurrenz ist groß. In keiner anderen Stadt Deutschlands gibt es so viele Bestatter wie in Berlin. Eine erhöhte Nachfrage nach individuell gestalteten Abschiednahmen hat mich glücklicherweise bewogen, mein Angebot zu erweitern. Jetzt bin ich sehr erfolgreich im Geschäft. Auch wenn das unregelmäßige Arbeitszeiten, Nacht- und Wochenendschichten bedeutet.

Sie wissen, was der Markt verlangt. Also produzieren Sie das Entsprechende und verdienen Sie Geld – damit Sie Ihre Existenz sichern und endlich meine Rechnung bezahlen können.

Mit freundlichen Grüßen

Mike Gruber

Betrifft: Möchtegernmuserich

Von: H. Zimmermann

Datum: 28.10.2012 16:29

Sehr geehrter Herr Gruber,

wer hat Sie denn zum Fachmann für Schriftstellerfragen ernannt? Und was soll das heißen, ich würde mich von Ihnen trösten lassen wollen? Das ist weder bewusst noch unbewusst der Fall. Höchstens, wenn ich bewusstlos wäre! Typen wie Sie gibt es doch zuhauf: Kerle, die sich durch die Betten vögeln und kein Interesse an dauerhafter Bindung haben. Unreif und machohaft. Ich habe genau gesehen, wie Sie erst mit Ihrer Assistentin geflirtet haben und dann mit der Angestellten vom Krematorium! Und das alles an Birgits Sarg! Typen wie Sie sind der Grund, weshalb ich nicht date. Nicht meine »Komplexe«, wie Birgit behauptet hat!

Außerdem: Ich bin nicht pleite. Auch wenn meine Bücher nicht mehr so gut verkauft werden wie früher, zum Leben reicht’s mir! Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, ganz so einfach wie Sie sich das vorstellen, ist es mit dem Romanschreiben nicht. Ich kann mich nicht mal eben hinsetzen und 250–300 Normseiten aus dem Ärmel schütteln. Auch ein Liebesroman will gut vorbereitet sein. Ich entwickele sorgfältig die Charaktere, ich denke mir ein Problem aus, das beide auseinanderbringt, schreibe eine Storyline, ich recherchiere die Hintergründe, inszeniere das Happy End und erst dann folgt das Schreiben selbst. Am Ende gibt es Probeleser, Fans, die mein Manuskript auf Spannung und »gute Schreibe« testen.

Im Metier der Internetforen kenne ich mich überhaupt nicht aus. Das bedeutet, ich müsste sehr viel Zeit in die Recherche investieren. Auch habe ich für einen solchen Stoff keine Probeleser. Niemand in meinem Bekanntenkreis konsumiert derartige Literatur.

Ich bin kein Feigling, ich bin Realistin.

Also gut: Könnte ich die Rechnung in Raten begleichen?

Gruß

Hannah Zimmermann

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 29.10.2012 11:16

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

ich bin gerne bereit, über eine Ratenzahlung zu verhandeln. Vorher jedoch erwarte ich von Ihnen das Beibringen einer Sicherheit. Ich habe schließlich ein Unternehmen zu führen. Wenn Sie mir also verbindlich erklären, dass Sie an Ihrem neuen Projekt »Erotikroman« arbeiten und mich des Weiteren über Ihre Recherchen auf dem laufenden halten, dann ermögliche ich Ihnen eine Stundung.

Sehen Sie mich einfach als Ihren Probeleser an. Ich kann mich sehr gut in Frauen hineinversetzen und weiß, was diese sich wünschen.

Sie sind kein Feigling? Sie haben keine Komplexe? Was also hindert Sie noch daran, Ihren Horizont zu erweitern?

Die Raten werden jeweils zum Ersten des Monats fällig.

Mit freundlichen Grüßen

Mike Gruber

Betrifft: Erpressung

Von: H. Zimmermann

Datum: 30.10.2012 02:25

Sehr geehrter Herr Ganovengruber,

sind Sie der Pate von Berlin? Bin ich in die Hände der Bestattungsmafia gefallen? Muss ich als Nächstes diesen Totenkopfring küssen, den Sie an der linken Hand tragen?

Ich hab’s genau gesehen! Den haben Sie sich aufgesteckt, als alles vorbei war. Und dann sind Sie abgehauen. Irgendwo Party machen, oder?

Pah!

Von wegen Probeleser und »ich weiß, was Frauen wünschen«. Ich soll Sie wohl mit kostenlosem Anschauungsmaterial versorgen? Nur, wenn die Raten monatlich nicht mehr als 50 Euro betragen!

Ich hatte noch nie einen männlichen Probeleser.

Was hat Birgit da nur angerichtet? Und warum hat sie sich einfach so aus dem Staub gemacht? Sie war doch erst siebenunddreißig! Ein Jahr älter als ich … Ich vermisse sie. He, Ganovengruber, Sie kennen sich doch aus. Hat Birgit das Licht am Ende des Tunnels gesehen? Ich war nämlich nicht dabei, als sie starb. Ganz allein im Krankenhaus, morgens um halb drei. Piiiiiiieeeeep. Eine flache Linie auf dem Bildschirm.

Ich war zu Hause, bei meinem Kater, und hab ihm das Fell vollgeheult. Kannte Birgit seit meiner Schulzeit. Die Einzige, die zu mir gehalten hat, wenn die anderen mich mal wieder auf dem Kieker hatten.

Trotzdem. Birgit hätte nicht so über mich reden dürfen. Ich trinke nur hin und wieder ein bisschen Rotwein. Jetzt zum Beispiel. Weil es dunkel und so still ist, dass ich mein Blut hören kann, wie es langsam in meinen Adern andickt.

Kann nicht schlafen. Konnte ich noch nie gut. Nicht ohne »mother’s little helper« (Valium – falls Sie, Herr Ganovengruber, sich damit nicht auskennen). Werde jetzt eine nehmen. Oder zwei. Der Rotwein ist alle, im Fernsehen läuft nur Mist, und der Kater schnarcht auf dem Sofa.

Gute Nacht.

Hannah Zimmermann

Betreff: Rechnung 13498

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 31.10.2012 09:18

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

Schlafmittel erhöhen das Risiko für einen baldigen Tod. Ich empfehle Ihnen dringend ausreichend Bewegung an der frischen Luft und eine ausgewogene Ernährung. Trinken Sie nicht so viel. Alkohol fördert Depressionen.

Achten Sie auf Ihre körperliche und geistige Gesundheit. Sie müssen sich Ihren kritischen Geist erhalten, wenn Sie kreativ sein wollen.

Apropos kritisch: Das Licht am Ende des Tunnels entsteht durch den Sauerstoffmangel, der eintritt, wenn die Blutzufuhr zum Gehirn nachlässt. Menschen, die starke innere Blutungen überlebt haben, berichten, dass alle Farben verschwinden (wenn der Blutverlust einen kritischen Punkt erreicht hat). Kein Gotteserlebnis also. Nur Biologie.

Das Licht am Ende des Tunnels ist sozusagen der Scheinwerfer eines herannahenden Zuges.

Dieses eine Leben ist alles, was wir haben.

Umso wichtiger ist es, etwas daraus zu machen.

Also los, schreiben Sie Ihr Buch!

Mit freundlichen Grüßen

Mike Gruber

Betreff: Moralaposteltum

Von: H. Zimmermann

Datum: 31.10.2012 23:28

Sehr geehrter Herr Moralinsauer!

Hören Sie gefälligst auf, mir mit dem erhobenen Zeigefinger vor der Nase herumzuwedeln. Der Totenkopfring stört dabei erheblich! »Bewegung an der frischen Luft.« Pah! Da muss man ja Depressionen kriegen! (Nicht, dass ich welche hätte!)

Ich soll rausgehen, in diesen grau-feuchten, grauenhaften Alltag? Wo Menschen mit den Mienen von Zombies durch die Gegend schlurfen, versteckt in Mänteln, Schals und Mützen? Wo die Wassertropfen von den Bäumen perlen wie Würmer von der Leiche? Wo nasse Blattgerippe unter den Füßen platschen wie frisches Blut?

Nee danke.

Schon gar nicht heute Nacht. Halloween. Da sind ja angeblich die Toten unterwegs, um die Lebenden heimzusuchen. Ich kann nur keinen Unterschied feststellen da draußen. Für mich sehen die alle tot aus. Egal ob verkleidet oder nicht. Mauseekeltot.

Da es Ihrer Ansicht nach kein Leben nach dem Tod gibt, gibt es also auch keine Gespenster, oder? Komisch nur, dass Birgit jede Nacht an meinem Bett steht und mich vorwurfsvoll ansieht. Als hätte ich vergessen, ein ausgeliehenes Buch rechtzeitig zurückzubringen. Mein Bibliothekarsgespenst.

Meine Bücher. Ich habe ein ganzes Zimmer voll davon.

Mein Leben in den Büchern. Plattgepresst zwischen den Seiten wie ein totes Mauerblümchen.

Birgit hat behauptet, sie würde nichts nachtrauern, sie hätte in ihrem Leben alles gemacht, was sie tun wollte. Für eine Bibliothekarin war sie ganz schön umtriebig.

Wenn ich jetzt sterben würde … Nee, das könnte ich nicht von mir behaupten.

Und Sie?

Passen Sie auf, dass der Zug Sie nicht erwischt.

Weingeistgrüße

Hannah

Betrifft: Reue

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 01.11.2012 08:57

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

ich bin ein pragmatischer Mensch. Probleme sind dazu da, analysiert und wenn möglich, gelöst zu werden. Wenn nicht, muss man sich damit arrangieren.

Radikale Akzeptanz, das ist mein Motto.

Herbst- und Winterdepressionen sind ein weitverbreitetes Problem, für das es Lösungen gibt. Notfalls auch Antidepressiva.

Reue über ein nicht gelebtes Leben ist ein Problem, das nicht gelöst werden kann. Jedenfalls nicht auf dem Totenbett.

Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich nicht nur mit trauernden Hinterbliebenen zu tun, sondern führe oftmals auch Gespräche mit Sterbenden. Darüber, wie sie ihr Leben geführt haben, darüber, wie sie ihre Abschiednahme gestalten möchten. So wie mit Frau Stiller.

In ihren letzten Tagen auf Erden wünschen sich viele, dass sie weniger Zeit mit ihrer Arbeit und stattdessen mehr Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden verbracht hätten. Einige wünschen sich, sie hätten mehr Mut gehabt, über ihre Gefühle zu sprechen (und das waren nicht nur die Frauen).

Die meisten von ihnen jedoch, und das finde ich besonders traurig, hätten gerne ein Leben geführt, das mehr ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen entsprochen hätte. Nicht dem, was die anderen von ihnen erwarteten.

Everybody’s Darling = Everybody’s Depp.

Frau Stiller hatte diesbezüglich keine Probleme.

Ich für meinen Teil habe ebenfalls keine Angst vor dem Zug. Mein Leben ist ausgefüllt. Es findet nicht nur zwischen Buchdeckeln statt, obwohl ich hin und wieder gerne lese, zum Beispiel Edgar Allan Poe. Der hat ganz richtig gesagt:

»Die ganze Religion, mein Freund, hat sich schlicht und einfach aus dem Betrug, der Angst, dem Vorteil, der Fantasie und aus der Poesie entwickelt.« Dem schließe ich mich vorbehaltlos an.

Führen Sie ein Leben, das Ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht? Vielleicht ist es das, was Frau Stiller anmahnte, und nicht eine überschrittene Leihfrist …

Apropos Mahnung: Bitte zahlen Sie Ihre Rechnung.

Oder schreiben Sie.

Mit freundlichen Grüßen

Mike

Betreff: Zitate

Von: H. Zimmermann

Datum: 02.11.2012 01:29

Sehr geehrter Herr Gruber,

immerhin, Sie lesen also. Auch auf Englisch?

Gut für Sie.

Wie finden Sie das? »The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.« (Jane Austen) (Eine Person, sei es Mann oder Frau, die keine Freude hat an einem guten Roman, muss unerträglich dumm sein.)

Austen ist den Macho-Autoren, die Sie zu bevorzugen scheinen, weit überlegen, was den feinsinnigen Humor und die hervorragende Beobachtungsgabe für zwischenmenschliche Beziehungen angeht.

Nun, jedem das Seine.

»Ich verlange von den Leuten nicht, dass sie mir angenehm sind, weil es mich vor dem Problem bewahrt, sie zu mögen.« (dito)

Es ist gar nicht so schlimm, in Büchern zu leben. Gute Bücher öffnen Türen in Bereiche, die sonst verborgen bleiben würden. Und die wirklich guten lassen den Leser verändert zurück. Weil sie seinen Horizont erweitern, und vielleicht sogar das eine oder andere Vorurteil abbauen. Wer liest, schlüpft in fremde Köpfe, sieht fremde Welten und fühlt mit fremder Haut. Das kann genauso beglückend, erschreckend und wild sein wie eine »reale« Erfahrung.

Kann. Konnte.

So hat es mal funktioniert. Bei mir. Doch seit Birgits Tod gelingt es mir nicht mehr, zwischen die Buchstaben zu schlüpfen und das Leben hinter den Seiten zu finden. Meine Bücher bleiben tot. Die Schrift nur Hieroglyphen. Ein Zaun, an dessen schwarzem Maschendraht ich vergeblich rüttele.

Was nun? Hier drin gibt es keinen Ausweg mehr. Da draußen lauern die Zombies …

Und warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich mag Sie nicht mal. Sie sind eingebildet, eitel und erteilen gerne ungebetene Ratschläge.

Vielleicht, weil Sie meine letzte Verbindung zu Birgit sind? Weil ich immer noch nicht kapiere, dass sie Ihnen Dinge anvertraut hat, die privat sind? Weil ich nicht glauben kann, dass sie tatsächlich ruhig und gelassen in den Tod ging?

Sie lesen garantiert keine Gedichte, stimmt’s? Dabei würden Ihnen die von Dylan Thomas sicher gefallen. Waliser. Alkoholiker und Schürzenjäger. Der hat sein Leben gelebt, auch wenn der Suff es erheblich verkürzte.

Bei ihm, da ging es nicht um »sanft entschlummern« oder »selig entschlafen«. Grässliche Euphemismen für den Exitus. Bei Dylan Thomas war von Zorn und Verzweiflung die Rede. Sehr ehrlich. Ich will noch nicht sterben. Ich lebe. Und ich will richtig leben. Nicht mehr zwischen Buchdeckeln. Nicht mehr alleine, mit einem dicken, fetten Kater als einzigem Bettgenossen. (Zugegeben – ein Punkt für Sie – so richtig glücklich hat mich das nicht wirklich gemacht.)

Nicht mehr mit dem Gespenst einer vorwurfsvollen Bibliothekarin in meiner Wohnung.

Birgit hat mal gesagt, sie wünsche sich, dass sich die Menschen nicht immer so verhalten würden, wie man es erwartet.

Nun gut. Diesen einen Wunsch kann ich ihr erfüllen.

Ich geh da raus. Zombies sind langsam und dumm, denen entkommt man. Oder ich lege sie mit einem gezielten Kopfschuss um.

Das trauen Sie mir wohl nicht zu?

Ich werde meine Grenzen sprengen! Ich werde recherchieren und dieses verflixte Buch schreiben. Ich werde leben!

Warten Sie es ab!

H.

Betrifft: Rechnungsnummer 13498

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 02.11.2012 10:43

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

ich gratuliere zu dieser Entscheidung.

»Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem Du die hundertprozentige Verantwortung für Dein Leben übernimmst.« (Dante Alighieri)

Ich bin Ihnen also nicht angenehm? Denken Sie an Mr Darcy und Elisabeth Bennett. Stolz und Vorurteil. Das wäre beinahe schiefgelaufen.

Bevor Sie fragen: Nein, ich habe das Buch nicht gelesen. Nur den Film gesehen. Zwangsweise. Wegen einer Frau, die ich irrtümlich für eine potentielle Partnerin hielt. Leider eine hoffnungslose Romantikerin, für die eine Beziehung bedeutete, sich ununterbrochen auf der Pelle zu hocken und gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Ich habe nie begriffen, wie Frauen funktionieren. Hatte auch noch nie ein Buch in der Hand, das es mir erklärt hätte.

Ihre große Chance: Schreiben Sie so, dass ich mit Ihrer Haut fühlen kann. Wenn Sie mich dazu bringen, eine reale Erfahrung zu machen, meinen Horizont zu erweitern und Vorurteile abzubauen, dann schaffen Sie das mit Ihren Lesern da draußen erst recht.

Ich akzeptiere Ihren Vorschlag: monatliche Raten von 50 Euro, dazu Einblicke in Ihre Recherche und Ihre Texte.

Wo wollen Sie beginnen? Wie werden Sie vorgehen?

Und ja, auch ich schätze den Gebrauch von Euphemismen keineswegs. Hoffe, Ihr Schreiben ist frei davon. Klar, direkt, ohne Umschweife. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Können Sie das?

Mit interessierten Grüßen

Mike

PS: Ich kann Englisch (und mag es sehr). Französisch kann ich auch. Spanisch … mmh. Griechisch … sehr schön.

Betrifft: Profi

Von: H. Zimmermann

Datum: 03.11.2012 02:56

Herr »Interessiert«!

Kann ich das? Kann ich das? Wie können Sie es wagen, mir diese Frage zu stellen?

Ich bin Schriftstellerin. Ich bin Profi! Ja, gut, auch wenn es bisher leicht kitschige Liebesromane waren. Na und? Auch die müssen gut geschrieben sein, damit sie gelesen werden!

Ich bin weder ein Feigling noch prüde! Ich mag Männer durchaus! Bin eben nur anspruchsvoll. Will nicht jeden. Das werde ich Ihnen beweisen, Sie Leichen befummelnder Hollywoodbestatter. Also: ein erotischer Liebesroman über eine Singlefrau mittleren Alters? Kein Problem. Ich werde gründlich recherchieren! Schließlich kann man über das am besten schreiben, was man kennt! Und wo fange ich an zu suchen? Da wo sie alle anfangen: im Internet. Okay, bisher war mir das zu unpersönlich. Ich habe meine Meinung geändert. Es hat zugegebenermaßen auch einiges für sich. Zumindest ist es mittlerweile längst nicht mehr anrüchig, hier jemanden kennenzulernen.

In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt rund 16 Millionen Menschen allein (!). Und viele davon sind beruflich eingespannt und haben keine Zeit, in Bars rumzuhängen. (Solche Typen will ich auch gar nicht kennenlernen.)

Bin gerade dabei, mich in einem dieser Internet-Datingportale anzumelden. Unglaublich, was die alles von einem wissen wollen. Das sind ja fast 500 Fragen! Wo bleibt die Romantik?

Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsfilme?

Alter, Größe, Gewicht, Augen- und Haarfarbe?

Blödsinn!

Mist!

Wahrscheinlich finde ich da draußen doch sowieso niemanden, der Jazzmusik mag (»A Night in Tunisia« von Gillespie), sich Nutella zwischen zwei Kekse schmiert (mein PMS-Sandwich), eine Frau sexy findet, die Snoopy-Nachthemden trägt (als Fliegerass im Zweiten Weltkrieg auf seiner Hundehütte) und der außerdem auch nichts gegen Katzenhaare im Rotwein hat.

Und dann soll ich mir noch einen Nicknamen ausdenken, zu so später Stunde …

Bah.

H.

PS: Ich kann es der »Potentiellen« nicht verübeln, dass sie das Weite gesucht hat. Sie sollten weniger Ihre Sprachkenntnisse und mehr Ihre emotionale Kompetenz üben!

Betrifft: All those lonely people

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 03.11.2012 03:34

Guten Abend, Hannah!

Sind Sie noch da? Wie wäre es mit »Kaktusblüte«?

Musste heute mal wieder eine Nachtschicht einlegen. Eine Wiederherstellung. Autounfall mit Fahrerflucht.

Junge Frau. Studentin oder so. Linke Gesichtshälfte völlig eingedrückt. Angehörige wünschen sich Abschiednahme am offenen Sarg.

Wenn ich diese Leiche befummle, dann einzig und allein zu dem Zweck, sie für ihre trauernden Freunde und Verwandten wiederherzurichten. Damit sie sich in Ruhe und Würde verabschieden können.

Dazu höre ich gerne Musik. Am liebsten etwas Klassisches. Bach. Oder Mozart. Das gibt allem einen würdigen Rahmen.

Du fängst also im Internet an?

Internetportale sind nicht mein Ding. Bin ein analoger Typ in einer digitalen Welt. Eine schummrige Bar, ein paar Drinks … Augenkontakt. So funktioniert das.

Meine Lieblingsbar. Das Galander: https://bar.galander-berlin.de/

Eine kleine Oase inmitten dieser oberflächlichen, neonbeleuchteten Yuppie-Tempel. Wenn man im richtigen Moment hinsieht, kann man die Geister von Dylan Thomas, Hemingway und Bukowski zwischen all den anderen Nighthawks am Tresen sitzen sehen.

Mike

PS: Ein Snoopy-T-Shirt könnte an der richtigen Frau durchaus sexy aussehen.

Betreff: Nachtadler

Von: H. Zimmermann

Datum: 03.11.2012 03:52

Monsieur Gruber!

(Ich kann auch Französisch!)

Wir haben eine rein geschäftliche Beziehung. Ich werde den Teufel tun und Sie duzen. (Ja, das habe ich gemerkt. Sprache ist mein Job, und so betrunken bin ich nun auch wieder nicht!)

Kein Wunder, dass Internet-Flirtportale nicht Ihr Ding sind. Da muss man nämlich mehr tun, als nur trinken und plüschig gucken! Da muss man seine Karten auf den Tisch legen und ganz klar sagen, was man will, wie und mit wem. Hier gibt es seriöse Männer!

Deshalb treibe ich mich auch nicht in Bars rum. Wegen der Aufreißer, die nur auf eine schnelle Nummer aus sind – auch wenn sie Dante zitieren und Fremdsprachen beherrschen.

Die Heldin meines Romans ist eine reife, gescheite Frau, die an einer dauerhaften Beziehung interessiert ist, nicht an One-Night-Stands!

Sie finden also, »Kaktusblüte« passt zu mir? Sehr witzig. Ha, ha.

Den Film kenne ich.

Was allerdings wirklich lustig ist: Ich habe tatsächlich Kakteen. Zwischen den Fensterscheiben im Wohnzimmer. Und sie haben schon lange nicht mehr geblüht. Aber hübsch stachelig sind sie immer noch.

Und was treiben Sie da zu dieser Nachtzeit? Eine Wiederherstellung zu den Klängen von Mozart? Wie kann man denn eine eingedrückte Gesichtshälfte reparieren? Und warum machen Sie das, Sie Nighthawk?

Jetzt bin ich neugierig.

Madame Hannah

Betrifft: Seriosität

Von: Gruber Bestattungen

Datum: 03.11.2012 04:16

Madame Zimmermann!

Seriosität ist ein gutes Stichwort. Das, was ich hier mache, ist seriös (steril und hygienisch sowieso). Ein letzter Akt respektvoller Zuneigung für den Toten: waschen, einbalsamieren. Wiederherstellung mache ich mit Unterbau-Material und Gips. Acrylharz und Plastik für das Gesicht, Gewebe-Ersatz und Wachs für die Konturen. Zum Schluss eine gute Versiegelung, dann Airbrush mit qualitativ hochwertiger Farbe, und voilà … eine schlafende Schöne!

Es ist mehr als ein Job. Ich kann Menschen helfen.

Der Abschied am offenen Sarg ist ein erster Schritt zur Trauerbewältigung. Vor allem bei Unfallopfern, wo es so überraschend kommt. Die Angehörigen können sie sehen, berühren und verstehen, dass sie wirklich tot sind.

Warum ich das mache?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mailverkehr - Fesselnde Lust" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen