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​Mary-Lou schwor Rache

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​Mary-Lou schwor Rache

Western von John F. Beck












Klappentext:


Als die Bank von Greenhill überfallen wird zeigt sich, dass Hank Jones eine Vergangenheit hat, die niemandem zuvor bekannt war, denn er kennt den Bandenboss, der ein berüchtigter Bandit ist, und steht obendrein in dessen Schuld. Hank setzt sich massiv für ihn ein und stellt sich damit sogar gegen Sheriff Chad Harbin, dem Verlobten seiner Tochter Mary-Lou. In einer dramatischen Auseinandersetzung kommt Hank ums Leben.

Blind vor Wut schwört Mary-Lou Rache zu nehmen. Dafür verbündet sie sich sogar mit dem verbrecherischen Jim Santana, der ausschließlich das Gesetz der Stärke und Gewalt anerkannte und ihr nur unter der Bedingung hilft, dass sie seine Frau wird. In ihrer Verzweiflung ist Mary-Lou sogar zu diesem Opfer bereit. Doch dann kommt alles ganz anders …



***



Der Knall eines Revolverschusses hallte dumpf aus dem steinernen Gebäude der Greenhill-Bank.

Mit einem wilden Satz sprang Sheriff Chad Harbin vom Stuhl auf, riss die Winchester 73 aus dem Gewehrrechen und hastete zur Tür.

Draußen flutete gleißendes Licht über die breite Main Street der kleinen Rinderstadt. Das Bankhaus lag dem Sheriffs-Office schräg gegenüber. Staubbedeckte struppige Pferde waren am Haltegeländer davor angeleint. Daneben stand ein breitschultriger Fremder auf dem Gehsteig und hielt ein schussbereites Gewehr im Hüftanschlag.

Die hohen Türflügel der Bank wurden nach innen aufgezerrt. Ein schmächtiger Mann mit hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln stolperte über die Schwelle. Sein spitzes Gesicht war kreidebleich, die Augen weit aufgerissen.

„Hilfe!“, krächzte er. „Überfall! Amarillo und seine Banditen rauben den Tresor …“

Aus dem Gebäude folgte das erneute Krachen eines Schusses. Für einen Moment wurde die Dämmerung hinter der halboffenen Tür vom grellen Mündungslicht zerfetzt. Wie von einem Kolbenhieb ins Genick getroffen, stürzte der Bankclerk hart vornüber, rollte auf den Gehsteig und lag dann still.

Chad Harbin lud die Winchester durch und sprang wie ein Tiger auf die Officeveranda. Ehe er das Gewehr hochreißen und den Pferdewächter vor der Bank anrufen konnte, befahl seitlich hinter ihm eine klirrende Stimme: „Bleib so stehen, Sternträger! Keine falsche Bewegung – sie könnte deine letzte sein! In diesem netten Spielchen wirst du nicht mitmischen!“ Ein Colthammer knackte unmissverständlich.

Der Sheriff von Greenhill erstarrte. Er wandte nur halb den Kopf und sah einen großen stoppelbärtigen Burschen mit angeschlagenem Colt vor der Bretterwand stehen. Zorn und Enttäuschung durchströmten Chad siedend heiß, als er begriff, wie glatt er diesem Banditen in die Falle gegangen war. Der Mann grinste ihn herausfordernd an, wies mit dem eckigen Kinn zum Bankhaus hinüber und meinte spöttisch: „Gleich ist alles vorbei. Nur nicht die Nerven verlieren, Freundchen! Wir kassieren den Zaster, und du behältst dein Leben – aber nur, wenn du vernünftig bist!“

Undeutliche Stimmen schallten aus der Bank. Glas schepperte, hartes Gepolter war zu hören. Der Pferdewächter vor dem Steingebäude schwang plötzlich sein Gewehr an die Schulter und feuerte blitzschnell ein paar Kugeln die Straße hinab. Fensterscheiben barsten, Holzsplitter wirbelten. Chad sah seinen Deputy Walt Drover gerade noch rechtzeitig in den Eingang des Lucky Cowboy Saloons zurückspringen. Die Gehsteige zu beiden Fahrbahnseiten waren wie leergefegt.

Vor dem Generalstore, nur zwei Häuserblocks von der Greenhill-Bank entfernt, stand ein hochrädriger Ranchwagen. Er gehörte Hank Jones, der auf einer kleinen Ranch draußen am Turkey Creek lebte und dessen Tochter der Sheriff in einigen Wochen zur Frau nehmen wollte. Wahrscheinlich hielt sich Jones mit Mary-Lou im Store auf. Jeden Augenblick konnten sie herauskommen – und der Verbrecher vor der Bank schien auf alles zu schießen, was sich nur bewegte.

Brennende Besorgnis erfüllte Chad. Die kalte Stimme des Desperados mit dem Colt drang in seine sich jagenden Gedanken ein. „Weg mit dem Schießprügel, Sheriff. Du kannst damit nichts mehr anfangen.“

Chad drehte sich langsam vollends zu dem Banditen herum.

„Diese Sache bricht euch das Genick. Das verspreche ich dir.“

„Bist du versessen darauf, dass wir dich als Toten zurücklassen? Sei kein Narr, Sternträger!“

Noch während sich Chad drehte, war sein Blick auf einen weiteren Mann gefallen. Er saß in der schattigen Gasseneinmündung neben dem Office unbeweglich auf einem hochbeinigen Rapphengst. Ein großer drahtiger Bursche mit dunkel gebräuntem, scharfzügigem Gesicht und schwarzem Haar, das sich unter dem ins Genick geschobenen Stetson hervorringelte. Der Colt an seiner rechten Seite war auffällig tief geschnallt. Betont lässig hielt der Mann beide Hände auf dem steilen Horn des McClellan-Sattels verschränkt.

Minutenlang vergaß Chad den Desperado, der ihn in Schach hielt.

„Santana!“, flüsterte er grimmig. „Lässt du also endlich deine Maske fallen? Du arbeitest mit Amarillo Hand in Hand?“

„Irrtum, lieber Harbin! Mit der ganzen Sache habe ich nichts zu tun. Bin nur Zaungast.“ Er zuckte leicht die Achseln. „Wenn alles vorbei ist, kannst du mir nichts anhaben, Sheriff. Ich werde nur unten in Arizona und New Mexico steckbrieflich gesucht. Wenn es dir auch im Magen liegt, hier in Colorado bin ich so unbescholten wie jeder andere Bürger. Deine Sache, wenn du nicht glauben willst, dass ich ein neues Leben begonnen habe.“ Er lachte spöttisch, tippte an die Krempe seines Stetsons, wendete den Rapphengst und ritt gelassen in die schattige Seitengasse zurück.

„Er hält sich ’raus, ein kluger Hombre!“, grinste der Stoppelbärtige. „Solltest seinem Beispiel folgen, Sheriff! Wirf jetzt endlich deine Knarre weg, sonst fällst du tot um!“ Er machte einen drohenden Schritt auf Chad zu.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Chad, wie sich die Storetür bewegte. Im dämmrigen Spalt wurde ein helles Sommerkleid sichtbar. Mary-Lou! dröhnte es in seinem Kopf. Es blieb keine Zeit mehr zum Überlegen. Er ließ die Winchester sinken. „Hast gewonnen!“, murmelte er dumpf. Dann schleuderte er die Waffe von sich, gab ihr dabei geschickt eine leichte Drehung, und schon zerklirrte das Fenster neben der Officetür unter dem Anprall des Gewehrs.

Instinktiv ruckte der Kopf des Banditen herum. Die Coltmündung geriet aus der Richtung. Chad Harbin ließ sich nach vorn fallen. Der Stoppelbärtige schrie vor Wut. Sein Colt dröhnte. Die Mündungsflamme strich über Chads Rücken weg. Der Sheriff schlang seine Arme um die Beine des Verbrechers und riss mit aller Kraft. Der Mann stürzte auf ihn. Wieder entlud sich der Colt. Chad rollte sich unter dem Desperado hervor und riss seinen eigenen Revolver aus dem Holster. Der Stoppelbärtige wälzte sich auf die Seite und richtete aus nur zwei Armlängen Entfernung die Waffe auf ihn. Chads Stiefel zuckte hoch und erwischte den Kerl genau am Handgelenk. Der Colt wirbelte über die Veranda in den Straßenstaub. Der Bandit brüllte vor Zorn und Schmerzen. Von den Brettern aus schnellte er sich mit krallenartig vorgereckten Händen auf Chad zu … und geriet genau in Chads hochschwingenden Revolverlauf. Wie ein schlaffes Bündel fiel der Verbrecher zurück.

Chad sprang hoch. Die Storetür stand jetzt ganz offen. Hank Jones und seine junge Tochter verharrten wie gebannt auf der Schwelle.

„Zurück ins Haus!“, schrie ihnen Chad zu.

Den rauchenden Revolver in der Faust, stürmte der Sheriff die Verandastufen hinab. Und da kam bereits Amarillo mit seinem wilden Rudel aus der Greenhill-Bank gestürzt …


*


Sie waren zu viert. Kräftige, sehnige Männer mit kantigen Gesichtern, die von einem wilden, verwegenen Leben gezeichnet waren. Jeder hielt einen Revolver in der Faust. Zwei Banditen schleppten prall gefüllte Leinensäcke auf den Schultern. Chad kannte den berüchtigten Bandenboss Amarillo vom Steckbrief her. Er war ein großer hagerer Bursche mit tiefliegenden, fanatisch glühenden Augen. Sein Gesicht war von vielen dunklen Linien zerfurcht, die ihn älter erscheinen ließen, als er tatsächlich war.

Er gab einen knappen Befehl, und sofort begannen die vier Banditencolts zu krachen. Die beiden Burschen mit den Geldsäcken rannten zu den Pferden. Amarillo und ein rothaariger Kerl sprangen vom Gehsteig und versuchten den Sheriff mit ihren schnellen Kugeln zu erwischen. Die Detonationen hallten ohrenbetäubend zwischen den Häuserfronten. Pulverdampf wehte in dichten Schwaden.

Chad ließ sich auf die Knie fallen. Kugeln umjaulten ihn, fetzten Holzspäne von der Veranda und ließen den Sand neben ihm aufspritzen. Ein Pferd riss sich vom Haltebalken los, geriet genau in den Kugelhagel der Verbrecher, bäumte sich durchdringend wiehernd auf und brach schließlich zuerst nach vorn ein, ehe es auf die Seite kippte und sich nicht mehr regte.

Das verschaffte Chad ein paar kostbare Sekunden. Er dachte nicht an Rückzug. Da drüben lag ein toter Bankangestellter im Sonnenlicht, und dort drüben stand mit feuerspeiendem Revolver der Bandit, der viele Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Durch die Schleier aus Pulverrauch und Staub hetzte Chad vorwärts.

„Chad!“, hörte er Mary-Lou Jones angstvolle Stimme durch den wüsten Lärm dringen. Dann kauerte er schon mitten auf der Straße hinter dem zusammengebrochenen Pferd und jagte einen Schuss über den leeren Sattel weg. Amarillo verlor plötzlich das Gleichgewicht, stolperte gegen die Steinwand des Bankgebäudes zurück und rutschte an ihr langsam abwärts.

Den Rothaarigen traf Chad mit dem nächsten Schuss in die Schulter. Der Mann wurde herumgewirbelt und fiel aufs Gesicht in den Straßenstaub. Die beiden Kerle mit den Geldsäcken waren bei den Gäulen angelangt.

Vom Lucky Cowboy Saloon kam Deputy Sheriff Drover mit gezogenem Revolver herangestürmt. Aus der Schmiede polterten zwei, drei schreiende waffenschwingende Männer. Andere Gestalten tauchten auf überdachten schattigen Veranden auf.

Die vor einigen Minuten noch totenstille Stadt Greenhill hatte sich in einen einzigen Hexenkessel verwandelt.

„Halt!“, brüllte Chad den Banditen zu. „Ergebt euch!“

Amarillos Leute fluchten vor Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Der eine löste die Pferdeleinen vom Haltegeländer, der andere schoss wie verrückt zwischen den erschreckt keilenden, sich aufbäumenden Tieren heraus.

Deputy Sheriff Drovers Colt donnerte, die Gewehre und Revolver der anderen Greenhill-Bürger fielen mit ein. Von allen Seiten kamen sie jetzt auf die Bank zugerannt. Das tollkühne Eingreifen ihres Sheriffs und dessen ausschlaggebender Erfolg hatten ihr Zögern und ihre Bedenken weggefegt.

Zwei Banditengäule brachen im Kugelregen zusammen. Der eine Bandit musste, um sich vor den wirbelnden Hufen zu retten, auf die Straße springen. Er wurde von mehreren Geschossen gleichzeitig getroffen und förmlich niedergeschmettert. Der Leinensack öffnete sich. Geldscheinbündel rutschten heraus. Der andere Desperado schaffte es, in den Sattel zu kommen. Er hielt den Geldsack mit der Coltfaust vor die Brust gepresst, mit der anderen Hand lenkte er das Pferd herum.

Chad war hinter dem toten Pferd hochgekommen. Drover schrie den Bürgern zu, das Schießen einzustellen, um den Sheriff nicht zu gefährden. Chad fiel dem Banditenpferd in die Zügel. Das Tier scheute zurück und knickte in die Hanken.

„Gib auf, Bandit!“, keuchte Chad dem Reiter zu.

Der Mann schrie schrille unzusammenhängende Worte und stieß wie rasend mit dem Stiefel nach Chad. Er ließ den Geldsack noch immer nicht los und konnte deshalb den Revolver nicht in Anschlag bringen. Chad packte seinen Fuß und wollte ihn aus dem Sattel zerren. Da wurde ein Gewehrlauf durch ein Bankfenster gestoßen. Der Schuss vermischte sich mit dem Klirren des Glases. Die Kugel traf den Bankräuber von hinten in den Kopf und schleuderte ihn an Chad Harbin vorbei in den wallenden Staub.

Die gebrochenen Augen des Mannes starrten Chad geweitet an. Noch im Tod hielt der Bandit den mit Dollarnoten gefüllten Leinensack an seinen Leib gedrückt. Ein Gefühl des Ekels packte den Sheriff. Der Lärm ringsum schmerzte in seinen Ohren. Ein Rausch schien die Bürger von Greenhill erfasst zu haben. Eine heisere verzerrte Stimme schrie: „Da ist noch einer von den Halunken! Schnappt ihn euch!“

Chad fiel der Bandit ein, den er auf der Officeveranda niedergeschlagen hatte. Er wirbelte herum. Der Verbrecher war zu sich gekommen, presste sich keuchend gegen die Bretterwand und hob Chads Winchester in Anschlag. In einem staubaufwirbelnden Halbkreis stürmten die Bürger auf ihn zu.

„Weg mit dem Gewehr!“, brüllte Chad. „Lass dich verhaften, du verdammter Narr!“

In seiner Panik hörte der Bandit nicht und begann verzweifelt zu feuern. Ein Greenhill-Mann schrie auf und griff sich an die blutende Wange. Ein Hagel von heißem Blei prasselte erbarmungslos gegen das Office, zerhämmerte sämtliche Fensterscheiben und ließ den Stoppelbärtigen ein paarmal zusammenzucken. Mit letzter Kraft hielt er sich noch auf den Füßen, schaffte es aber nicht mehr, die Winchester hochzureißen.

„Aufhören!“, schrie Chad den Bürgern zu. „Aufhören!“

Da peitschte es schon wieder drei- oder viermal, und der Bandit stürzte mit ausgebreiteten Armen nach vorn auf die Verandabretter. Es gab keine Amarillo-Bande mehr!

Jäh verstummte der Lärm. Ernüchterung überfiel die Menge. Auf einmal starrten sich die Männer überrascht und betreten an. Jemand murmelte gepresst: „Sie haben nichts anderes verdient! Wir haben nur unsere Pflicht getan.“

Chad sah die schlaffen Gestalten, die Geldscheinbündel, die glänzenden Patronenhülsen im Sand, und sekundenlang wünschte er sich weit weg von hier. Dann hörte er hinter sich eilige Schritte und Mary-Lous angespannten Ruf: „Chad, bist du verletzt?“

Er drehte sich zu ihr herum. Sie kam gerade vom Gehsteig herab. Ihr langes schwarzes Haar flatterte. Ihr ausdrucksvolles, klar geschnittenes Gesicht war blass. Chad wollte ihr beruhigend zulächeln, da sah er die große hagere Gestalt hinter ihr emporwachsen, und eisiger Schreck jagte seinen Rücken hinab.

„Mary-Lou, Vorsicht!“ Er sprang vorwärts.

Der Mann riss Mary-Lou bereits mit harter Faust zurück, presste sie an sich und hielt ihr die Revolvermündung an die Schläfe. Ein leiser Laut des Erschreckens kam über Mary-Lous Lippen. Sie wagte keine Bewegung mehr.

Amarillos Gesicht war vor Hass und Anstrengung verkniffen. Blut sickerte von seinem linken Oberschenkel das Hosenbein hinunter. Hinter Chad tönte ein rauer Aufschrei. Tritte scharrten über die Straße heran.

Sofort knirschte der Bandenboss wild: „Versucht es nur, ihr Teufel! Das Girl hätte es mit dem Leben zu bezahlen!“ Die Geräusche hinter dem Sheriff verebbten. Beklemmende Stille herrschte. Jeder sah dem hageren Banditen an, wie ernst er es meinte. Chad forderte heiser: „Lass sie aus dem Spiel, und ich verspreche dir, wir beide werden es von Mann zu Mann austragen!“

„Zur Hölle mit dir, du Schuft mit dem Blechstern!“ Amarillos Stimme zitterte vor Wut. „Von Mann zu Mann? Das kenne ich! So wie ihr meine Crew erledigt habt, ihr Hundesöhne, was? Beim Teufel, ich habe gute Lust, euch dieses Mädchen tot vor die Füße zu legen, nur um euch diese Heldentat heimzuzahlen!“

„Amarillo!“, keuchte Chad entsetzt. „Du …“

„Sei still, Sternträger!“, fauchte ihn der Bandit an. „Kein Wort mehr! Ich werde jetzt verduften, und das Girl ist meine Lebensversicherung. Nehmt die Geldsäcke und bindet sie am Sattel des Falben fest. Ich nehme sie ebenfalls mit. Glotzt mich nicht so an! Das geht euch wohl nicht in den Sinn, dass zum Schluss doch noch ich die Runde gewinne, was?“

„Du bist verwundet, Amarillo!“, sagte Chad gepresst. „Du kommst nicht weit!“

„Lass das nur meine Sorge sein! Und noch eines – wenn ich es nicht schaffe, wenn ich auf der Strecke bleibe, irgendwo draußen in den Hügeln, dann sterbe ich nicht allein! Ich habe das Girl bei mir! Ich habe noch nie meinen Revolver gegen eine Frau gerichtet. Aber was ich hier in dieser verdammten Stadt gesehen habe, ist zu viel, um noch irgendwelche Rücksichten aufkommen zu lassen! Eure schuld! Schreibt es euch hinter die Ohren, ihr Lumpenpack!“

Mary-Lou als Schutzschild vor sich haltend, bewegte er sich rückwärts auf die Pferde zu. Sein linker Fuß schleifte im Staub. Amarillo knurrte: „Ich warte auf das Geld!“

Deputy Sheriff Walt Drover, ein schlaksiger junger Mann mit Sommersprossen über der Nase, schaute Chad fragend an. Chad konnte nur nicken. Da bückte sich Drover seufzend nach den prallen Leinensäcken. Plötzlich entstand Bewegung in der Mauer aus unschlüssig starrenden Männern.

„Mike Conroe!“, rief eine atemlose raue Männerstimme. „Mike, um Himmels willen …“

Amarillo zuckte zusammen. Die Wildheit schwand jäh von seinem Ledergesicht. Seine Augen suchten die Menge ab. Mary-Lous Vater Hank Jones bahnte sich ungeduldig einen Weg nach vorn. Er war ein stämmiger schnurrbärtiger Mann, dessen Gesicht alle Farbe verloren hatte.

„Dad!“, schrie das Mädchen auf. „Vorsicht! Er ist zu allem entschlossen!“

„Mike!“, schnaufte Jones wieder, blieb stocksteif stehen und starrte Amarillo an. „Mike, sie ist meine Tochter!“

Amarillo schluckte. Seine Faust mit dem tödlich drohenden Revolver zitterte plötzlich. „Hank – du?“

„Sie ist meine Tochter!“, wiederholte Jones kratzend, und seine Fäuste öffneten und schlossen sich nervös.

Da sank die Waffe des gefürchteten Bandenführers langsam nach unten. Er ließ Mary-Lou los. Sie lief zu ihrem Vater, schlang ihre Arme um ihn und barg zitternd ihr Gesicht an seiner Brust. Jones Blick war an dem lederhäutigen Desperado wie festgebrannt.

„Zufrieden, Hank?“, fragte Amarillo leise, wartete keine Antwort ab und wandte sich dem Sheriff zu. „Nun? Worauf wartest du noch? Tu deine Pflicht, Sternträger!“

Chad gab sich einen Ruck. Den Finger am Abzug, steuerte er geradewegs auf den jetzt schwankenden Bandenboss zu. Amarillos Augen verengten sich. Die alte Wildheit erwachte in ihnen. Er bemühte sich, nochmals den Colt in die Höhe zu bringen. Doch der Blutverlust hatte ihn schon zu sehr geschwächt. Er lächelte verzerrt.

„Schade, Sheriff! So einfach wollte ich es dir nicht machen!“

Das verletzte Bein gab unter ihm nach. Er landete dumpf und schwer im Sand. Der Colt entglitt ihm. Chad kauerte neben ihm nieder.

„Ich werde dich jetzt verbinden, Amarillo.“

Jones war plötzlich zur Stelle und schob den jungen Sheriff zur Seite. „Überlass das mir!“

Ihre Blicke trafen sich. „Woher kennst du ihn, Hank?“, fragte Chad leise.

„Es ist lange her!“, murmelte Jones ausweichend. Ein nachdenklicher, bitterer Ausdruck stand in seinen Augen. Er bückte sich zu Amarillo. „Ich stehe wieder in deiner Schuld, Mike. Wie damals vor zehn Jahren.“

Er hob den Verwundeten auf und trug ihn auf seinen muskulösen Armen zum Sheriffs-Office. Chad blieb nichts anderes übrig, als hinterherzugehen. Er und Mary-Lous Vater waren immer gute Freunde gewesen. Aber jetzt war etwas Fremdes zwischen ihnen, was Chad mit Unruhe erfüllte. Die Menge auf der Main Street zerstreute sich. Walt Drover ließ die toten und verletzten Banditen fortbringen. Leer und still, als ob nichts geschehen wäre, lag die kleine Stadt kurze Zeit später wieder unter dem strahlend blauen Colorado-Himmel.


*


Mit gesenktem Kopf kam Hank Jones aus der Zelle, die die hintere Hälfte des Sheriffs-Office abtrennte. Amarillo lag still auf der Holzpritsche. Ein dicker Verband lief um seinen linken Oberschenkel. Chad nahm den klirrenden Schlüsselbund vom Schreibtisch.

„Hank, bist du mir nicht eine Erklärung schuldig?“

Jones’ Miene war verschlossen. Stumm ging er an Chad vorbei.

„Hank!“, rief der Sheriff wieder.

Da blieb Jones mit dem Rücken zu ihm ruckartig stehen. Seine breiten Schultern zogen sich zusammen. Zwei Sekunden verharrte er völlig reglos, dann machte er so blitzartig einen Seitenschritt zum Gewehrständer, dass Chad nicht mehr reagieren konnte. Schon war Jones herumgewirbelt und hielt einen Spencer Karabiner in den schwieligen Fäusten. Er sagte leise und gepresst: „Lass ihn frei, Chad! Lass ihn aus Greenhill verschwinden!“

„Das ist ja Wahnsinn, Hank!“ Chad starrte den gedrungenen Rancher ungläubig an. „Was ist in dich gefahren?“

„Ich bin dabei, eine Schuld zu bezahlen, eine uralte Schuld!“

In der Zelle setzte sich Amarillo mühsam auf der Pritsche hoch. Schmerzen und Schwäche zeichneten noch immer sein hageres Gesicht, aber sein Blick war voll lauernder Wachsamkeit. Chad murmelte heiser: „Du weißt nicht, was du da tust. Leg das Gewehr weg.“

„Erst wenn Mike Conroe in Sicherheit ist.“

„Mike Conroe? Er ist Amarillo, einer der gefürchtetsten Banditen in Colorado. Ein Mann, der schon zu viel Unheil angerichtet hat …“

„Ein Mann, dem ich mein Leben verdanke, Chad!“, unterbrach ihn Jones. „Es war vor zehn Jahren. Damals trug er noch seinen richtigen Namen – Mike Conroe. Es war im letzten Jahr des Bürgerkriegs. Wir kämpften beide auf der Seite der Konföderation.

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