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Megan muss sich entscheiden

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1. KAPITEL

Glitzernd warfen die goldgerahmten Spiegel und die perlenbesetzten Abendkleider das schimmernde Licht der Kronleuchter zurück. Es schien, als wäre der ganze Saal mit Diamanten berieselt worden. Die magische Atmosphäre hätte dem Traum junger Mädchen entstiegen sein können, aber Megan DeWilde beschäftigte im Moment nur eines: Sie stand oben auf der Freitreppe, und ihre einzige Sorge war, ob sie die Marmorstufen hinabschreiten konnte, ohne über den Saum ihres Kleides zu stolpern.

Ganz Monaco war zu dem wichtigsten Ereignis der Saison, dem jährlich stattfindenden Maskenball von Baronin und Baron Waldheim, erschienen. Angeblich wurde sogar Prinzessin Caroline erwartet. Plötzlich sah Megan sich selbst, wie sie der Prinzessin vorgestellt werden sollte, stolperte und mit schiefsitzendem Diadem und vor Verlegenheit hochrotem Kopf vor den hochherrschaftlichen Füßen landete.

Sie wusste, was als nächstes geschehen würde. Alle würden sie anstarren und flüstern, welche Schande es sei, dass die ehrenwerte Familie DeWilde mit einer solch tollpatschigen Tochter geschlagen war. Wenn sie sich dann wieder abgewandt hätten, würde sie sich aufrappeln können und den Rest des Abends damit verbringen, hinter einer der Palmen ihre Wunden zu lecken.

„Schau nicht so besorgt drein, Megan. Du siehst absolut überwältigend aus. Es ist eins der schönsten Kostüme, das ich je gesehen habe. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass die Oper es dir für diesen Abend ausgeliehen hat.“

Megan warf einen nervösen Blick auf ihre Schwägerin, die links von ihr stand. „Beziehungen zahlen sich wohl aus“, murmelte sie. „Aber das Kleid wird längst nicht mehr so elegant wirken, wenn ich wie ein Häuflein Elend am Fuß der Treppe lande. Ich bin nicht sicher, ob ich heil hinunterkomme. Allein diese Perlenstickerei wiegt eine Tonne. Und durch diese Maske sehe ich so gut wie nichts.“ Sie schaute auf ihr champagnerfarbenes Kostüm und rückte die Maske zurecht, um wenigstens etwas sehen zu können. Aber es hatte keinen Sinn. Sie konnte weder ihre Füße noch die Treppenstufen vor sich ausmachen. „Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Seiteneingang, den wir benutzen können. Einen mit einer netten Rampe.“

„Hör auf, dir Sorgen zu machen, kleine Schwester.“ Megans Bruder Gabriel trat rasch zwischen sie und Lianne und spielte den Romeo bei seiner Julia, als die Lianne heute Abend maskiert war.

Lianne erwartete ein Baby, und Megan hatte sich sehr für ihre Schwägerin und ihren Bruder gefreut, als sie ihr davon erzählten. Das Kind sollte im August zur Welt kommen, und Megan hegte die stille Hoffnung, dass das erste Enkelkind der DeWildes die zerbrochene Familie wieder zusammenbringen würde.

Gabe bot Megan den Arm. „Wenn du hinuntergehst, nimmst du mich mit“, sagte er. „Schließlich brauchst du bei dem Gewicht deines Kleids jemanden, der deinen Sturz auffängt.“

„Und was ist mit mir?“, neckte ihn Lianne.

Gabe lächelte Lianne an, als er ihren Arm in seinen legte. „Deinetwegen mache ich mir keine Gedanken, Liebling. Schon bald wirst du so kugelrund sein, dass du ohne Schwierigkeiten die Treppe hinunterrollen kannst.“

Lianne kicherte und schlug ihm scherzhaft auf die Hand. Megan warf ihrem Bruder ein sarkastisches Lächeln zu, und ihre Augen hinter der Maske begegneten sich. „Ich bin sicher, du hast nicht gewusst, dass du einen Gentleman geheiratet hast, nicht wahr, Lianne?“, bemerkte sie. „Vielleicht sollte Gabe öfters Strumpfhosen tragen.“

„Er hat so hübsche Knie“, spaßte Lianne.

Megan atmete einmal tief durch und umklammerte den Ellbogen ihres Bruders. „Also, bringen wir es hinter uns.“ Das Trio reichte dem Majordomus die Einladungen.

„Gabriel DeWilde und Lianne Beecham DeWilde“, gab der livrierte Hausangestellte mit lauter Stimme für die bekannt, die es interessieren mochte. Er wartete darauf, dass sie vorwärtsgingen. Da beugte sich Lianne vor und flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Er hob eine Augenbraue und räusperte sich. „Und Megan DeWilde“, fügte er hastig hinzu.

Megan seufzte. Sicherheit wurde beim Waldheim-Ball großgeschrieben, und niemand kam ohne Einladung hinein. Auch wenn Gabe leicht eine mündliche Einladung für sie bekommen hatte, so hatte es doch einen peinlichen Moment vorn am Eingangstor gegeben. Und nun wurde sie wieder daran erinnert, dass sie nicht auf der offiziellen Gästeliste gestanden hatte.

„Hätte ich mich bloß nicht von dir überreden lassen, mitzukommen“, flüsterte Megan. „Ich habe das Gefühl, als würde ich alles vermasseln.“

„Entspann dich“, sagte Gabe, als sie nun die Treppe hinunterschritten. „Du warst doch diejenige, die der Baronin vorgestellt werden wollte. Außerdem ist es wirklich an der Zeit, dass du mal wieder unter Leute kommst. Du kannst dich nicht für den Rest deines Lebens in deinem Büro verkriechen.“

Megan verfluchte im selben Augenblick, als sie auf ihren Kleidersaum trat, dass sie Gabes und Liannes Einladung angenommen hatte. Voller Panik krallte sie sich an Gabes Arm fest, konnte jedoch glücklicherweise das Gleichgewicht bewahren. Ihr Bruder hatte wohl recht. Seit im Sommer vor einem Jahr ihr damaliger Verlobter Edward Whitney sie direkt vor dem Altar hatte sitzenlassen, hatte sie sich noch mehr auf ihre Karriere gestürzt und alles anderes ausgeschlossen.

Allein der Gedanke an Edward löste bei ihr ein Gefühl des Bedauerns und ein überwältigendes Gefühl des Versagens aus. Sie hatte gedacht, dass sie ihn liebte, ihm die perfekte Frau sein würde. Ihre Familie war begeistert über ihre Verlobung gewesen, völlig sicher, dass Edward der richtige Mann für sie war. Und Megan hatte ihr Leben lang versucht, ihrer Familie zu gefallen.

Aber als der Tag der Hochzeit kam, war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass er doch nicht der richtige Mann für sie sein würde. Oder richtiger ausgedrückt, sie war nicht die richtige Frau für ihn. Er wollte eine Frau, die alles konnte, und das auch noch mit allergrößter Gelassenheit – eine Frau, die ihren Beruf weiter ausübte und zugleich sein Privatleben effektiv gestaltete. Eine Frau, die immer und jederzeit zur Verfügung stand, und die sich in ihrer Freizeit für wohltätige Zwecke einsetzte. Eine Frau, die fünf Kinder erzog und das Hauspersonal mit sanfter, aber bestimmter Hand führte.

Er wollte aber keine Frau haben, die nicht die Zeit fand, sich die Sitzordnung für den Hochzeitsempfang einzuprägen … keine Frau, die sich nicht im geringsten dafür interessierte, welche Kerzen den Altar schmücken sollten … keine Frau, die zu einer Trauungsprobe wegen eines dringenden geschäftlichen Termins zwei Stunden zu spät kam.

Sie hatte so hart daran gearbeitet, Edward die Frau zu sein, die er sich wünschte, überzeugt, sie würde es schließlich auch schaffen, weil sie solche Fehler an sich nicht akzeptieren wollte. Aber inzwischen wusste sie, der einzige Fehler wäre eine Ehe mit Edward gewesen. Vielleicht war sie zur Probe letztendlich auch zu spät gekommen, um Edward einen Grund zu liefern, die Hochzeit abzusagen.

Sie seufzte stumm. Oder vielleicht hatte er sie nie wirklich geliebt. Wahrscheinlich würde sie es niemals herausfinden. Eines war ihr allerdings an jenem Tag klargeworden: Eine Ehe oder eine enge Bindung waren nichts für sie. Für einen kurzen, blinden Augenblick hatte sie nur das haben wollen, was ihre Mutter hatte – die Liebe eines Mannes, Glück innerhalb einer Familie, und zugleich einen ausfüllenden Beruf. Erst später, lange nach dem Hochzeitsfiasko, musste sie lernen, dass niemand, nicht einmal Grace DeWilde, alles auf einmal haben konnte.

Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt und sie vor alles andere gestellt. Einerseits, um die Demütigung wiedergutzumachen, die sie der Familie zugefügt hatte, andererseits um sich zu überzeugen, dass Arbeit allein ihr Leben genügend ausfüllte. Es gab Zeiten, wo sie sogar auf dem Sofa in ihrem Büro auf dem Montparnasse übernachtete. Wenn sie schon nicht die perfekte Frau sein konnte, dann wollte sie wenigstens ihr Bestes geben, eine perfekte DeWilde zu sein.

Selbst ihre Teilnahme an diesem Maskenball konnte als geschäftliche Veranstaltung für sie gelten. Die Einladung war an ihre Mutter und ihren Vater gerichtet gewesen, aber der gegenwärtige Stand ihrer Ehe hatte ihre Teilnahme ausgeschlossen. Grace und Jeffrey DeWilde lebten seit fast neun Monaten getrennt. Megans Vater hatte darauf bestanden, dass Gabriel und Lianne an seiner Statt als Repräsentanten von DeWilde’s Monte Carlo an dem Ball teilnahmen. Und die beiden hatten dann Megan überredet, sie zu begleiten.

Sehr hatten sie sich nicht zu bemühen brauchen, da Megan entschlossen war, sich eine Vorstellung bei der großzügigsten Mäzenin der Opéra Monaco, Baronin Waldheim, zu ergattern, um einen kleinen Teil ihres beträchtlichen Reichtums auf die Opéra in Paris zu lenken.

„Megan DeWilde“, unterbrach eine warme Stimme sie in ihren Gedanken. „Welche Freude, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen.“

Zu ihrer großen Überraschung sah sich Megan am Fuß der Treppe, mit heilen Knochen, der Baronin Waldheim gegenüber, die ihr jetzt die Hand reichte. Megan machte einen Hofknicks und lächelte die Baronin an.

„Das Vergnügen liegt auf meiner Seite, Baronin Waldheim.“

„Ich habe von Ihrer Arbeit mit der Opéra und dem Ballet Paris gehört“, fuhr die Baronin fort. „Wir teilen die Liebe zur Kunst, nicht wahr? Ich denke, wir sollten uns einmal eingehender darüber unterhalten. Vielleicht bei einem Abendessen oder anlässlich einer meiner Reisen nach Paris.“ Die Baronin tätschelte ihr die Hand, dann wandte sie sich an Lianne und beehrte sie mit einem warmen Lächeln.

„Das wäre nett“, bedankte sich Megan und setzte hastig „Madame“ hinzu. Verstohlen sah sie sich um und versuchte die Zahl der Anwesenden zu schätzen, die ihren Obulus entrichtet hatten, um teilnehmen zu können. Die Opéra Monaco würde in der kommenden Saison keine ihrer Produktionen kürzen müssen.

Sie beneidete die Baronin, wie leicht diese Spenden auftreiben konnte. Vor ein paar Jahren noch war die Opéra in der Rue de la Paix in der Nähe von DeWilde’s Paris für Megan nur ein Gebäude wie viele für sie gewesen. Erst als ihre Großtante Marie Claire sie ins Theater mitschleppte, um ihr Kultur nahezubringen, wie sie sich ausdrückte, hatte sie erfahren, dass es die Heimat des weltberühmten Ballet Paris war. Von Anfang an hatten sie die Kostüme, die Tänzerinnen und Tänzer und die elegante Umgebung bezaubert. Und sie hatte beschlossen, dass die Opéra vom Reichtum der Familie DeWilde profitieren sollte.

Um einen ruhigen Ort zu finden, an den sie sich für den Rest des Abends zurückziehen konnte, begab sie sich auf direktem Weg hinüber zu den französischen Türen, die hinaus zur Terrasse führten. Sie warf noch einen Blick über die Schulter zu Megan und Gabe und stieß deswegen mit einem hochgewachsenen Mann zusammen, der in der Tür stand.

Er drehte sich langsam um, stellte seine Champagnerflöte auf das nahe Fensterbrett und wischte sich den verschütteten Champagner von seinem Kostüm. „Excusez-moi“, sagte er in perfektem Französisch.

Megan trat einen Schritt zurück, aber da verfing sich ihr Absatz im Saum des Kleides. Wie in einem Zeitlupenfilm fühlte sie sich nach hinten fallen, unfähig, das Gleichgewicht zu halten, da ihr Fuß fest auf dem Kleid stand. Gerade noch rechtzeitig aber packte der Fremde ihren Ellbogen und hielt sie fest.

„Ça va bien?“, fragte er.

„Ja, danke“, erwiderte sie.

„Vous êtes certaine?“

„Absolut. Es tut mir leid, dass ich in Sie hineingelaufen bin. Ich … ich habe nicht aufgepasst, wo ich hingehe.“ Himmel, erst seit wenigen Minuten war sie hier auf dem Ball, und schon hatte sie ihren ersten Schnitzer begangen. Sie richtete sich auf und rückte ihr Diadem zurecht. Dann zerrte sie an ihrer Maske, bis die Löcher wieder vor ihren Augen lagen.

Ihr Herz machte einen Sprung, als er sie anlächelte. Obwohl der größte Teil seiner Züge unter der Maske verborgen war, ahnte sie dahinter ein ausgesprochen gutaussehendes Gesicht. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, sagte er in ebenso perfektem Englisch.

Ungewollt verkrampften sich ihre Finger im Kleid, und sie bemühte sich, ihre zunehmende Nervosität nicht in ihrer Stimme mitschwingen zu lassen. „Aber … es war meine Schuld. Zumindest gestatten Sie mir, dass ich Ihnen ein neues Glas bringe.“

Er tat ihr Angebot mit einem Schulterzucken ab. „Ich möchte nichts mehr trinken“, sagte er. „Aber ich würde gern tanzen.“ Er legte ihr die eine Hand auf den Rücken, die andere streckte er ihr entgegen.

Megan starrte auf seine Hand. „Sie wollen mit mir tanzen?“

Er nahm ihre Hand. „Ich setze es mir immer zum Ziel, auf einem Fest mit der schönsten Frau zu tanzen“, sagte er, hauchte ihr einen Kuss auf die Hand und steuerte dann mit ihr auf die Tanzfläche zu. „Und heute Abend werde ich es nicht anders halten.“

Megan war niemals eine besonders gute Tänzerin gewesen, aber in den Armen dieses Mannes fühlte sie sich auf einmal wundervoll leicht und beschwingt, während sie sich im Walzertakt wiegten. Schon nach kurzer Zeit war sie atemlos und benommen, und ihr Gehirn schien nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

„Haben Sie auch einen Namen, oder muss ich Sie Königin der Nacht nennen?“, fragte er, seine Worte sanft an ihrer Schläfe. Sie konnte sein Lächeln heraushören, spürte die Wärme seines Atems, und ihre Nerven begannen zu vibrieren.

Megan hob den Kopf und sah ihm in die leuchtend blauen Augen hinter der Maske. „Sie haben mein Kostüm erkannt“, sagte sie. „Ich bin überrascht.“

„Mozart“, erwiderte er. „Die Zauberflöte. Aber wenn ich mich recht erinnere, wird die Königin der Nacht am Ende des Abends von einem Erdbeben verschlungen.“

„Ich habe vor, dieses Fest in einem Wagen zu verlassen, der mich hergebracht hat“, sagte Megan. „Der Fahrer wartet draußen …“ Sie brach ab, weil ihr bewusst wurde, wie schwachsinnig sie daherredete. Sie hatte in Unterhaltungen nie geglänzt. Es war vielmehr so gewesen, dass eine kluge Bemerkung ihr immer erst eingefallen war, wenn sie schon eine halbe Stunde aus dem Raum war.

„Ach, wir haben uns doch eben erst kennengelernt“, sagte er. „Und die Nacht ist noch jung. Es ist noch viel zu früh, um schon an Abschied zu denken.“

Megan sah ihn misstrauisch an. Er sprach mit der Weltläufigkeit eines Mannes, der wusste, dass sich Frauen in seiner Gegenwart wohlfühlten. Sie fragte sich, wie viele nervöse Zungen er vor ihrer schon gelockert hatte. „Nun erkenne ich Ihr Kostüm“, sagte sie. „Sie sind Don Juan, nicht wahr? Ich würde sagen, Sie haben sich das passende Kostüm ausgesucht.“

Ein Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. „Ihr habt mich verletzt, Hoheit. Ich spreche aus meinem Herzen.“

„Wie ich mich erinnere, sprach Don Juan nicht aus seinem Herzen, sondern mit …“ Gerade noch rechtzeitig brach sie ab. Sie räusperte sich verlegen. „Na ja, Sie wissen es ebenso gut wie ich, oder?“

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte – ein volles, tiefes Lachen, das sie überlief wie ein kühler Sommerschauer eine brütendheiße Kopfsteinpflasterstraße. „Tu es très charmante, ma chère reine“, sagte er. „Warum sind wir einander noch nicht vorgestellt worden?“

Bei seinen Worten überlief es Megan heiß und kalt zugleich. Seine vertrauliche Form im Französischen, die für Liebhaber und enge Freunde reserviert war, erschien ihr wie eine Zärtlichkeit. „Sie sind auch sehr charmant, Monsieur“, antwortete sie möglichst leichthin.

Er zog sie wieder an sich. „Schluss mit diesen Heimlichkeiten. Sagen Sie mir Ihren richtigen Namen.“

„Aber dies ist ein Maskenball“, parierte sie geschickt. „Es würde den Abend verderben, wenn wir uns zu früh zu erkennen gäben, finden Sie nicht auch?“

„Dann bleiben Sie meine Königin bis zu dem Augenblick, wo wir allein sind und ich Ihnen die Maske abnehme.“

Zum ersten Mal seit ihrer geplatzten Hochzeit empfand Megan wieder so etwas wie Selbstvertrauen als Frau. Hinter der Maske konnte sie sein, was sie wollte. Sie konnte geheimnisvoll und verführerisch sein … sogar sexy. Sie konnte die Art Frau sein, die einen Mann allein durch einen verführerischen Blick oder ein verlockendes Lächeln anzog. Sie konnte eine Frau sein, die einen Mann völlig gefangen nahm, so dass er ihre Fehler übersah und in ihr nur noch die Geliebte suchte.

Heute Abend war sie nicht länger Megan DeWilde, Managerin und Expertin für unerfüllte Beziehungen. Nein, heute Abend fühlte sie sich … sehr französisch, sinnlich und lebendig, und ein wenig … ruchlos. Sie wollte, dass das Spiel zwischen ihr und diesem Fremden weiterging.

„Und wie soll ich Sie ansprechen?“, fragte Megan mit ihrem bezauberndsten Lächeln. „Ich sollte Sie wohl Don nennen. Oder ziehen Sie Juan vor?“

„Mit Don bin ich einverstanden“, sagte er. Warm glitt sein Atem über ihr Ohr. „Aber denken Sie an meine Worte – noch bevor diese Nacht vorüber ist, werde ich Ihre Identität kennen.“

Von diesem Augenblick an war es Megan, als wäre sie in eine Märchenwelt eingetaucht. Unsicherheiten und Mängel spielten keine Rolle mehr. Die wirkliche Welt war ausgeschlossen, und ein Mann schlug sie in seinen verführerischen Bann, wie es zuvor noch keinem gelungen war.

Nach dem ersten Tanz führte er sie hinaus auf die große Terrasse, und sie tanzten im Mondschein, allein, während die Musik durch die kühle Luft schwebte und das Licht durch die hohen Glastüren herausfiel. Sie erwachte in seinen Armen zum Leben, sie lachten miteinander, neckten sich, und jedes Gespräch mündete immer wieder in diese seltsame, direkte Anziehung, die sie füreinander empfanden.

Megan kannte dieses wundervolle Prickeln, sie hatte es erfahren, als sie noch jung gewesen war und von romantischen Dingen geschwärmt hatte – bevor ihre praktische Natur alle dummen Teenagerträume ersetzte. Aber nun fühlte sie sich gefährlich und hemmungslos. Ihr Herz schlug jedes Mal schneller, wenn er sprach, ihr stockte der Atem in der Kehle, ihre Sinne erwachten, bis die Sterne und die Luft süßer denn je schienen.

„Sagen Sie, was machen Sie hier?“, fragte er mit einem umwerfenden Lächeln.

„Ich tanze mit Ihnen.“

„Sind Sie allein hergekommen?“

Sie wusste, was er meinte, aber nicht, was sie ihm antworten sollte. Hatte er wirkliches Interesse, oder gehörte dies alles nur zum Spiel dazu? „Und wenn nicht?“, neckte sie ihn. „Wenn nun mein Mann genau in diesem Augenblick drinnen nach mir sucht?“

„Dann bleiben wir die ganze Nacht hier draußen und gehen Ihrem Ehemann aus dem Weg.“

Megan irritierte seine Antwort seltsamerweise. „Dann würde es für Sie keinen Unterschied machen, ob ich verheiratet bin oder nicht?“

„Überhaupt keinen.“

„Und ist es bei Ihnen üblich, verheirateten Frauen den Hof zu machen?“

Er hörte zu tanzen auf und sah sie an. „Niemals“, sagte er in einem Ton, der zeigte, er sprach die Wahrheit. „Aber das war, bevor ich Sie kennenlernte. In meinen ganzen Leben habe ich noch keinen Coup de foudre erlebt. Ich bin nicht sicher, wie ich weitermachen soll.“

Megan suchte nach der Übersetzung für diesen Ausdruck, sie war sicher, sie hatte ihn schon vorher gehört. „Ein Blitzschlag?“, fragte sie.

„Liebe auf den ersten Blick“, erwiderte er. Er umfasste ihre Oberarme und sah ihr in die Augen. „Sagen Sie mir, dass Sie nicht verheiratet sind“, forderte er sie auf. „Sagen Sie mir, was ich schon längst weiß.“

„Ich … ich bin nicht verheiratet“, sagte Megan mit bebender Stimme.

„Verlobt?“

Sie schüttelte den Kopf, zum ersten Mal wirklich froh, dass die Hochzeit mit Edward geplatzt war.

Er lächelte zufrieden, als er sie wieder in die Arme zog. „Dann kann uns nichts davon abhalten, die Nacht miteinander zu verbringen“, murmelte er.

Er tanzte mit keiner anderen, redete mit keiner anderen und sah keine andere an. Tanzten sie, hielt er sie dicht an sich gepresst, und waren sie auf der Terrasse und schauten hinunter auf die schimmernden Lichter Monte Carlos, hielt er ihre Hand oder legte den Arm um sie. So, als könnte es den Zauber, der sie gefangen hielt, zerstören, wenn er den körperlichen Kontakt unterbrach.

„Es ist wunderschön, nicht wahr?“ Megan blickte verträumt auf die Lichter der Côte d’Azur. Luxusyachten wiegten sich sanft in den Wellen des Hafens, die das Licht der Stadt golden färbte. Von hier oben konnte Megan das Casino und den Palast von Monaco erkennen.

Er umfasste ihr Kinn und drehte ihren Kopf so, dass sie ihn ansehen musste. „Tu es belle“, murmelte er. „Ton rayonnement m’éblouit.“

Ich bin schön, übersetzte Megan stumm. Ich überwältige ihn mit meiner Ausstrahlung. Sie fühlte, wie ihre Wangen zu glühen begannen und wandte sich hastig ab, wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Meinte er seine Worte ernst oder nicht?

Ihr Blick wanderte die Hafenfront entlang, bis er an ihrem Hotel haften blieb.

Plötzlich waren ihr seine Motive völlig egal. Wenn er vorhatte, sie zu verführen, warum sollte sie sich dann dagegen wehren? Da sie eine Ehe oder feste Bindung für sich ausgeschlossen hatte, blieb ihr als einzige Möglichkeit vielleicht nur noch eine kurze Affäre mit einem lasterhaften Playboy.

Als sie nach Paris gezogen war, hatte sie sich geschworen, ein freieres Leben zu führen – wie eine Französin, und nicht wie das konservative britische Mädchen, das sie die meiste Zeit ihres Lebens gewesen war. Nur eine Nacht, in der sie der Lust nachgab … sicherlich war es das Risiko wert, oder? Schließlich konnte sie doch den Männern nicht für den Rest ihres Lebens entsagen!

Megan holte tief Luft und blickte ihn an. „Haben Sie einen Wagen?“, fragte sie.

Einen Moment schien ihn ihre Frage zu erstaunen, dann nickte er.

„Dann lassen Sie uns von hier verschwinden“, sagte Megan. „Wir treffen uns in fünf Minuten draußen vor dem Eingang.“

Damit raffte sie ihr Kleid, rückte ihre Maske zurecht und eilte zurück in den Ballsaal, in Gedanken schon bei einer plausiblen Story für Gabe und Lianne.

Sie entdeckte sie am Rand der Tanzfläche, Arm in Arm, während sie den Tanzenden zuschauten. Megan starrte einen Moment auf die beiden. Wie glücklich Gabe doch sein konnte, wirkliche Liebe gefunden zu haben. Er und Lianne waren das perfekte Paar, so sicher der Gefühle, die sie füreinander hegten, so ausgefüllt mit ihrem gemeinsamen Leben.

Megan schloss die Augen und biss sich auf die Lippen, als Neid sie überkommen wollte. Vielleicht würde es für sie niemals Mr. Right geben. Aber Mr. Right Now wartete draußen auf sie, und sie würde ihn nicht fortgehen lassen.

„Megan, wo bist du gewesen?“, fragte Lianne, als Megan zu ihr trat. „Ich sah dich tanzen, aber dann warst du auf einmal verschwunden.“

Megan legte die Hand auf die Stirn. „Ich war ein wenig an der frischen Luft. Ich habe rasende Kopfschmerzen“, sagte sie mit überzeugend leidender Stimme. „Ich gehe.“

Lianne runzelte besorgt die Stirn. „Du siehst wirklich schlecht aus, Megan. Dein Gesicht ist gerötet und deine Augen glänzen so unnatürlich. Gabe, willst du nicht schnell den Wagen holen, und ich bringe Megan hinaus zur Tür?“

„Oh nein!“, rief Megan. Sie schluckte hektisch. Sie war das Lügen einfach nicht gewohnt, und nun vermasselte sie diese auch noch. „Ich … ich möchte euch nicht den Abend verderben. Ich habe bereits im Hotel angerufen. Sie schicken einen Wagen.“

„Red keinen Unsinn, Megan“, sagte Lianne. „Du musst nicht allein nach Haus fahren. Wir gehen mit dir.“

„Bitte“, bat Megan. „Mir geht es so schon schlecht genug. Bleibt hier und genießt den Ball. Wenn euer Baby erst einmal da ist, werdet ihr nur noch wenig Gelegenheiten haben, die Nacht durchzutanzen.“

Lianne seufzte ergeben. „Also gut. Bist du sicher, du schaffst es allein zurück zum Hotel?“

Megan drückte ihre Schwägerin kurz. „Ich bin ein großes Mädchen, keine Bange.“

Gabe gab ihr einen Kuss auf die Wange, sah sie aber forschend an. Ihr Zwillingsbruder kannte sie besser als jeder andere Mensch auf der Erde. Er hatte auch ihre Zweifel in Bezug auf Edward gespürt und war der einzige gewesen, der nicht vor Wut geschäumt hatte, als Edward nicht zur Hochzeit erschienen war. Sehr wahrscheinlich wusste er, dass sie gerade gelogen hatte.

„Bist du sicher, dass du zurechtkommst?“, fragte er noch einmal nach.

„Bestimmt.“ Megan vermied es, ihn anzusehen. „Amüsiert euch noch, und dann sehen wir uns morgen früh.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Wir frühstücken zusammen, ehe ich mit dem TGV zurück nach Paris fahre.“

Sie verabschiedete sich schnell, ehe Gabe und Lianne noch weitere Fragen stellten konnten. Sie drängte sich durch die Gäste und eilte durch das Portal nach draußen. Atemlos blickte sie die Reihe der Luxuslimousinen entlang und suchte nach dem schwarzweiß kostümierten Mann, mit dem sie den Rest der Nacht verbringen würde.

Plötzlich öffnete sich eine Wagentür vor ihr, und ein Mann stieg aus. Megan hielt den Atem an. Sie wusste, er war es. Er hatte seinen Hut, die Maske und das schwarzweiß gestreifte Wams ausgezogen. Nun war sein Gesicht zu sehen, und er trug nur noch sein gerüschtes Hemd, enganliegende schwarze Satinbreeches und kniehohe Schaftstiefel.

Megan konnte den Blick nicht von seinem Gesicht nehmen. Sie hatte geahnt, er würde attraktiv sein, aber mit einem so überwältigend gutaussehenden Mann hatte sie nicht gerechnet. Ein unglaublich männliches Gesicht – ein fester Mund, ein ausgeprägtes Kinn, dazu ein aristokratisches Profil mit einer perfekten Nase, leuchtend blaue Augen unter rabenschwarzen geschwungenen Augenbrauen.

Megan überkam das Bedürfnis, angesichts dieser unverhüllten Sinnlichkeit einfach davonzulaufen. All ihr Selbstvertrauen verließ sie, als sie begriff, dass sie diesem Mann Klassen unterlegen war. Jemandem, der so aussah, lagen die schönsten und kultiviertesten Frauen sicherlich reihenweise zu Füßen. Was sollte er da von ihr wollen?

Sie wusste es genau. Und sie wusste auch, was sie von ihm wollte. In ihrem ganzen Leben nicht war sie mit einem Mann ins Bett gegangen, den sie gerade kennengelernt hatte! Und genau das überlegte sie tatsächlich allen Ernstes. Zu allem Überfluss mit einem Mann, der in seinem Schlafzimmer sehr wahrscheinlich eine Drehtür eingebaut hatte, um all die Frauen zu schaffen, die begierig waren, unter seine Bettdecke zu schlüpfen!

Er streckte eine Hand aus. „Kommen Sie“, drängte er. „Sie können nicht wieder hineinlaufen. Dort drinnen gibt es nichts für Sie.“

Megan holte bebend Luft. „Hören Sie, Don oder Juan, oder was immer Ihr Name auch ist, ich glaube wirklich nicht, dass …“

Er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht“, murmelte er und zog sie mit einem verführerischen Lächeln näher heran. Langsam nahm er den Finger fort und senkte den Kopf. „Nicht.“

Er zog sie dicht an sich, sein Mund bedeckte ihren. Megans Beine gaben nach, aber er legte ihr den Arm um die Hüfte, ohne den Kuss auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen. Der Kuss schien Stunden zu dauern, und Megan bekam kaum mit, dass der Fremde wieder den Kopf hob. Benommen vor Verlangen stand sie da.

„Wenn du jetzt noch zurückgehen willst, dann geh“, sagte er. „Denn noch ein paar Sekunden, und ich lasse dich nicht mehr aus meinen Armen.“

„Ich … ich will nicht gehen“, flüsterte sie. „Ich würde lieber bei dir bleiben.“

Er drehte sie herum und drängte sie gegen den Wagen. Seine Hände glitten ihre Arme hoch, dann über ihre Schultern. Mit großen Augen starrte sie ihn an, als er ihr vorsichtig das Diadem und den verzierten Turban abnahm, der ihr Haar verborgen hatte. Dunkle Locken fielen ihr auf die Schultern. Er griff langsam nach ihrer Maske. Sie hielt den Atem an und schloss die Augen, weil sie in seinen Augen nicht die unausweichliche Enttäuschung sehen wollte.

Sie wusste, sie war nicht schön, nicht im klassischen Sinn. Dazu war sie zu blass und ihr Mund zu groß. Zwar besaß sie eine gerade Nase, aber ihre Augen waren von einem undefinierbaren Haselnusston, weder grün noch braun. Insgeheim beglückwünschte sie sich, dass sie ihre neuerwählte französische Identität auch äußerlich unterstrichen hatte. Ihr normalerweise mausbraunes Haar war von Jean-Louis David persönlich, einem stadtbekannten Pariser Coiffeur, in ein kräftiges Mahagoni umgefärbt worden. Sehr zu ihrem Vorteil, wie sie fand.

„Wunderschön“, flüsterte er.

Überrascht riss sie die Augen auf, und wieder küsste er sie. „Können wir fahren?“, fragte er dann.

Sie nickte, und er half ihr galant in den Wagen, passte auf, dass sie sich nicht auf ihr Kostüm setzte. Wegen des voluminösen Rocks saßen sie ziemlich weit auseinander, und die Fahrt den Berg hinunter nach Monte Carlo schwieg sie unsicher.

Dann, nach einer letzten Haarnadelkurve, lagen die hellen Lichter Monte Carlos vor ihnen.

„Wollen wir in mein oder dein Hotel?“, fragte er.

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte Megan und warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. „Ich habe so etwas noch nie gemacht.“

Er hob eine Augenbraue. „Noch nie?“

„Ich … ich meine, das schon, aber noch nie auf diese Art. Ich möchte nur nicht, dass du denkst, ich wäre … du weißt schon. Ich war nie eine … eine Frau, die auf Abenteuer aus ist.“

Er griff sanft nach ihr und zog sie an sich. Megan presste ihre Hände gegen seine muskulöse Brust und blickte ihm mit großen Augen ins Gesicht.

„Wer bist du?“, murmelte er und streifte mit den Lippen ihren Mund. „Wer bist du, dass du in einer einzigen Nacht mein Herz stehlen konntest? Wir sind nun allein. Sag mir deinen Namen.“

„Megan“, gab sie leise zurück. „Ich heiße Megan.“

Wieder küsste er sie, lange und leidenschaftlich, und seine Zungenspitze spielte mit ihrer, bis er ihren Mund so gut kannte, wie er bald ihren Körper kennen würde.

„Oh Megan, meine schöne Königin der Nacht. Nous sommes faits l’un pour l’autre.“

Ein wohliger Schauer rann Megan über den Rücken, und sie wusste, nun gab es kein Zurück mehr. Sie wollte diesen Mann besitzen, wie er sie besitzen wollte. Sie wollte sich in seinen Armen verlieren, seinem Körper, und die Frau vergessen, die sie am hellen Licht des Tags war. „Sag mir deinen Namen“, flüsterte sie.

„Phillip“, erwiderte er. „Phillip Villeneuve.“

Zuerst durchdrangen ihre Worte nicht den Schleier der Leidenschaft, der ihr Gehirn umnebelte. „Phillip Vill…“ Das Wort erstarb ihr in der Kehle. „Villeneuve?“ Sie zwang sich zu lachen. „Einen Moment lang dachte ich, du hättest Phillippe de Villeneuve gesagt!“

„Ich bevorzuge die englische Form Phillip“, sagte er mit rauer Stimme und senkte schon wieder den Kopf. „Und meine Familie hat das de vor unserem Namen schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Ja, ich bin Phillippe de Villeneuve.“ Er küsste sie sanft. „Nun, wo wir uns einander vorgestellt haben, können wir vielleicht damit beginnen, uns besser kennenzulernen.“

„Den Teufel werden wir!“ Megan stieß ihn grob von sich und wich so weit wie möglich zurück. Sie klopfte mit der Faust gegen die Rauchglasscheibe, die den Fond vom Fahrer trennte. „Halten Sie an!“

Mit gerunzelter Stirn sah er sie an. „Megan, was ist los?“ Er griff nach ihr, aber sie schlug ihm auf die Hand.

„Wag es ja nicht, mich anzufassen! Wie konntest du nur so tief sinken!“ Wieder schlug sie gegen die Trennscheibe. „Anhalten! Sofort!“

Phillip beugte sich ruhig vor und drückte die Taste für die Wechselsprechanlage. „Halten Sie an“, sagte er, dann wandte er sich wieder an Megan. „Megan, was ist los?“, wiederholte er.

Der Wagen hielt am Straßenrand. Megan riss die Tür auf und krabbelte hinaus.

„Megan, warte!“, rief Phillip und rutschte auf dem Sitz weiter, um ihr zu folgen. „Was machst du?“

„Untersteh dich, mir zu folgen!“

„Megan, ich begreife das nicht.“

Sie bückte sich und riss ihm ihr Diadem und den Turban aus den Händen. „Ich hätte mir denken müssen, dass etwas ganz anderes dahintersteckt. Wenn ich daran denke, dass ich mich fast von dir hätte verführen lassen!“

„Verdammt, Megan, wovon redest du eigentlich? Was soll dahinterstecken?“

Megan hörte nicht weiter zu. Mit einem gemurmelten Fluch griff sie nach der Wagentür und knallte sie zu. Dann raffte sie ihren Rock und machte sich auf den Weg zu ihrem Hotel, entschlossen, diesen schrecklichen Abend zu schnell wie möglich zu beenden.

Mein Gott, worauf habe ich mich da eingelassen? dachte sie grimmig. Ein Villeneuve! Beinahe hätte sie mit einem Villeneuve geschlafen! Und noch schlimmer, sehr wahrscheinlich hätte sie es auch noch genossen.

2. KAPITEL

Im Sitzungssaal der DeWilde Corporation herrschte eine gedämpfte Atmosphäre. Megan DeWilde sah sich an dem großen Konferenztisch um und versuchte im Stillen die Stimmung der einzelnen Aufsichtsratsmitglieder einzuschätzen. Die vierteljährlichen Sitzungen waren nie spannungsfrei, aber die heutige stand unter einem besonderen Vorzeichen. Die meiste Zeit war über das neueste geschäftliche Unternehmen ihrer Mutter diskutiert worden – sie hatte eine eigene Firma in San Francisco gegründet.

Alle Anwesenden hatten noch einmal ihre Besorgnis darüber geäußert, dass Grace DeWilde das Familienunternehmen verlassen hatte. Sie war der Hauptmotor der

DeWilde Corporation gewesen, und viele glaubten, dass ihr Fortgang die geschäftliche Zukunft des Konzerns negativ beeinflussen könnte.

Megan konnte sich ihre Mutter eigentlich unmöglich als jemand Außenstehenden vorstellen, aber Grace hatte ihrer Familie keine andere Wahl gelassen. Die Mitglieder sprachen jetzt über sie, als wäre sie ein Feind. Aber so sehr Megan es auch versuchte, sie konnte die Interessen des Unternehmens nicht von dem Chaos trennen, das die Trennung ihrer Eltern in ihrem Herzen ausgelöst hatte. Sie konnte keine Seite wählen. Sie würde es auch nicht.

Megan holte tief Luft und richtete sich in ihrem Sessel auf. Ihr Name stand als nächstes auf der Agenda, und sie wartete schon ungeduldig darauf, ihren Vorschlag einzubringen. Sie hatte ihn in einem Papier allen Mitgliedern vor zehn Tagen zukommen lassen und war zuversichtlich, ihre Zustimmung zu erhalten.

Was das Geschäftliche betraf, litt Megan nicht an mangelndem Selbstvertrauen. Sie kannte das Geschäft fast so gut wie ihre Eltern. Sie war entschlossen zu beweisen, dass sie des Namens würdig war, den sie trug – und ihrer Position als Managerin von DeWilde’s Paris. Und sie hoffte, irgendeines Tages ihren Vater in der Leitung der DeWilde Corporation abzulösen.

Es war schon seltsam, dass die Anwesenheit aller Aufsichtsratsmitglieder sie kaum beunruhigte, der kleinste gesellschaftliche Anlass sie aber jedes Mal in tiefste Selbstzweifel stürzte. Ihr Gedanken flogen zurück zum Maskenball in Monaco, und bei der Erinnerung daran zuckte sie innerlich zusammen.

Während der letzten Woche hatte sie versucht, das Fiasko aus ihren Kopf zu vertreiben. Was bedeutete es schon, wenn sie sich zur Närrin gemacht hatte, weil sie scharf auf irgendeinen Fremden gewesen war? Von ihrem Verlobten vor dem Traualtar im Stich gelassen zu werden, hatte sie gelehrt, mit viel peinlicheren Situationen fertig zu werden. Aber der Fremde war nicht irgendein Fremder, er war ein Villeneuve – ein verschworener Feind der Familie DeWilde.

Obwohl die Ursache für die Feindschaft zwischen den beiden Familien nie so richtig klar geworden war, wusste sie doch, es hatte mit ihrer Großtante Marie Claire und dem Patriarchen des Villeneuve-Clans, Armand de Villeneuve, zu tun. Früher einmal waren die Villeneuves in Paris geschäftlich die größten Konkurrenten der DeWildes gewesen. Aber nach dem zweiten Weltkrieg, hatten sie sich auf die Stoffproduktion verlegt und ihren Firmensitz nach Hongkong errichtet.

An dem Tag, an dem Megan zur Leiterin der Pariser Filiale ernannt worden war, hatte sie von ihrem Vater den eindeutigen Befehl erhalten, niemals Geschäfte mit den Villeneuves zu machen. Als loyale Tochter und pflichterfüllte Mitarbeiterin hatte sie bisher seine Wünsche respektiert.

Sie schluckte, als sie daran denken musste, wie nahe sie daran gewesen war, sich auf andere Art mit einem Villeneuve einzulassen. Gott sei Dank war dieses „Geschäft“ nicht zum Abschluss gekommen. Nervös spielte sie mit ihrem Füllfederhalter.

Nicht, dass es nicht wundervoll gewesen wäre, denn immerhin war Phillip Villeneuve unleugbar ein toll aussehender Mann und offensichtlich ein erfahrener Verführer. Sie unterdrückte einen Seufzer.

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