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Mein Boss – tabu?

PROLOG

Die Sterne sind jetzt unerwünscht, löscht jeden aus davon,

Verhüllt den Mond und nieder reißt die Sonn’,

Fegt weg den Wald und auch des Meeres Flut,

Nie wird es sein, so wie es war – nie wieder gut.

W. H. Auden

„In zehn Minuten ruft der Premierminister an.“

Jack nickt nur flüchtig. Er scheint überhaupt nicht beeindruckt. Aber Jack Grant war schon immer eine Klasse für sich. Als investmentfreudiger Selfmade-Millionär mit sagenhaftem Sexappeal hat er keinen Respekt vor Autoritäten.

Es ist kaum zu glauben: Jack liegt nackt, wie Gott ihn geschaffen hat, in seinem Bett und verschwendet keinen Gedanken daran, dass er schon vor einer Stunde an seinem Schreibtisch hätte sitzen sollen. Ich genieße den Anblick seines muskulösen Rückens und stelle mir vor, wie es unter der Bettdecke weitergeht. Kann man’s mir verdenken, dass ich Lust auf ihn bekomme? Mir wird so heiß, dass ich mir am liebsten die Bluse vom Leib reißen möchte, vom lockenden Kitzeln zwischen meinen Schenkeln ganz zu schweigen …

„Worum geht’s denn?“

Seine Stimme klingt gedehnt, als er sich zu mir umdreht und mich mit seinen blitzenden grünen Augen aufmerksam mustert. Sein Akzent ist unverkennbar irisch. Er klingt wie Colin Farrell nach einer alkohol- und nikotinreichen Nacht: sonor, heiser und kehlig.

Genervt verdrehe ich die Augen. „Um die jüngste Folge von England sucht den Superbäcker.“

Seit sechs Monaten sind wir in Verhandlungen über den Erwerb eines großen kommunalen Grundstücks. Die Verträge stehen kurz vor der Unterzeichnung, und wegen des großen Medieninteresses hat sich nun auch der Premierminister in die Angelegenheit eingemischt.

Er lacht. „Nun ja, jeder braucht schließlich ein gutes Rezept für Kuchen.“

„Sag bloß, du hast eins?“

„Aber sicher.“ Sein Grinsen ist ebenso charmant wie teuflisch.

Ich verstehe, wieso es ihm so leichtfällt, Frauen ins Bett zu kriegen.

„Neun Minuten!“, blaffe ich.

Das Grinsen wird breiter.

Mein Herz schlägt schneller. Ich versuche es zu ignorieren. Blödes Herz.

„Hast du schon den Flug nach Sydney gebucht?“

„Natürlich.“

Als er meinen ungehaltenen Tonfall wahrnimmt, hebt er eine Augenbraue. Wie um mich zu provozieren, rekelt er sich ungeniert im Bett, streckt die Arme über den Kopf und präsentiert mir seinen fantastischen Körper.

„Was ist mit Amber?“

Ich finde, dass man ein gewisses Maß an Kooperationsbereitschaft zeigen könnte, wenn der Premierminister anruft. Jack scheint anderer Meinung zu sein.

„Ist alles geregelt.“

Amber, Jacks Schwägerin, nimmt ein Sabbatical von ihrem Job als Bankmanagerin, um sich um das Start-up der Stiftung zu kümmern. Sie ist immens qualifiziert und – aus persönlichen Gründen, als Schwester von Jacks verstorbener Frau – ungemein motiviert.

„Die Gehaltsfrage ist geklärt. Sie wird wie besprochen in der Nähe von Edinburgh eingesetzt.“

Er nickt, macht aber keine Anstalten, sich zu bewegen.

„Im Ernst, Jack. Noch acht Minuten. Steh endlich auf!“

„Bist du heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden?“

Er fährt sich mit dem Finger über die Brust und lenkt meine Aufmerksamkeit auf sein wohlgeformtes Sixpack. Mein Mund ist staubtrocken.

„Nein.“

„Du bist noch schlechter gelaunt als sonst“, neckt er mich, und ich presse die Lippen zusammen.

Dabei hat er ja recht. Heute Morgen habe ich die Einladung bekommen, die ich jedes Jahr erhalte und in der ich gebeten werde, an der Feier des Hochzeitstages meiner Eltern teilzunehmen.

Grauenvoll!

Einmal jährlich werde ich von meinen Eltern auf das familiäre Mutterschiff beordert, und mir wird meine Herkunft vor Augen geführt: Egal, was ich tue, beruflich oder privat, ich werde immer Gemma Picton sein. Lady Gemma Picton.

Entsetzlich!!

„Setz dich. Erzähl mir, was dir auf dem Herzen liegt.“

Auffordernd klopft er mit der flachen Hand auf die Matratze, und erneut verdrehe ich die Augen. Hoffentlich merkt er nicht, wie sehr ich in Versuchung gerate. Allein bei der Vorstellung, diesem elektrischen Knistern, das zwischen uns herrscht, nachzugeben … Doch Jack ist für mich absolut tabu – der Stoff, aus dem nur meine Träume sind.

„Nicht so wichtig.“

„Na komm schon …“

„Es ist wirklich nichts Besonderes. Etwas Privates“, antworte ich ausweichend.

Er zuckt nur die Schultern, aber in seinem Blick liegt Neugier. Neugier, vermischt mit Begehren. Lust. Verlangen. Gier.

Wir kennen unsere Grenzen und tun gut daran, sie nicht zu überschreiten.

Jack schiebt die Bettdecke beiseite und entblößt die Tätowierung, die sich um seine Hüften bis hinunter zu seinen Beinen schlängelt. Sie stechen zu lassen muss höllisch wehgetan haben – vor allem auf der empfindlichen Haut auf der Innenseite seiner Oberschenkel, ganz in der Nähe seines Schwanzes.

Einmal habe ich ihn gefragt, warum er sich das Tattoo hat machen lassen. „Damals hielt ich es für eine gute Idee.“ Das war alles, was er dazu zu sagen hatte.

Es macht ihm nichts aus, dass ich ihn nackt sehe. Es ist nicht das erste Mal, und es wird auch sicher nicht das letzte Mal sein. Manchmal frage ich mich, ob er mich provozieren will und auf eine Reaktion wartet. Das wäre natürlich ein klassischer Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Nur fühle ich mich nicht belästigt. Es amüsiert mich eher. Und es törnt mich auch ein bisschen an.

Seit zwei Jahren arbeite ich für Jack, und seitdem habe ich ihn ungefähr einmal pro Woche nackt gesehen. Das bedeutet durchschnittlich hundert Mal Anstarren, und er ist es wirklich wert, angestarrt zu werden. Ich glaube übrigens nicht, dass er immer so war. Denn vorher gab es sie.

Lucy.

Seine Frau.

Zwei Monate nach ihrem Tod habe ich angefangen, für ihn zu arbeiten, und seitdem ist er so: düster und grüblerisch, begehrenswert und sexy, melancholisch und trauernd. Mit einem Wort: faszinierend.

Nach Lucys Tod hat er angefangen, mit allem zu schlafen, was einen Rock trägt. Und mit den Whiskyorgien nach dem Sex. Es ist eine Art lustvoller Selbstgeißelung.

Egal also, wie gern ich seinen nackten Arsch betrachte – ich weiß, er ist nur zum Ansehen und nicht zum Anfassen. Wie damals, als Grandma mich zum Shoppen in ihr Lieblingsgeschäft in Portmeirion mitgenommen hat, wo ich das mit Obst- und Blumenmustern kunstvoll bemalte Porzellan bewundern, aber auf keinen Fall berühren durfte.

Eine Berührung konnte dazu führen, dass etwas zerbrach – so wie jetzt: Jack zu berühren könnte dazu führen, dass ich zerbreche.

„Gefällt dir, was du siehst?“ Die Worte tropfen aus seinem Mund wie flüssige Schokolade.

„Sieben Minuten.“ Ich gehe und bemühe mich, das heiße und feuchte Gefühl zwischen meinen Beinen zu ignorieren.

Gemma starrt mich an, und ich bin drauf und dran, mit dem Ruf „Ich Tarzan, du Jane“ über sie herzufallen. Ich möchte sie packen und zu mir herunterziehen. Kein Vorspiel. Kein Petting. Möchte sofort ganz tief in sie eindringen …

In meiner Fantasie trägt sie kein Höschen, und ihren Verstand hat sie an der Garderobe abgegeben – denn die echte Gemma würde mir tausend Gründe nennen, warum sie keinen Sex mit mir haben will, obwohl sie bereits in meinen Armen stöhnt.

Vergangene Nacht hat es Spaß gemacht. Jedenfalls anfangs. Leider hat die Frau, die ich mit nach Hause genommen habe – Rebecca? Rowena? –, zu viel geredet.

Sie wollte es auf die romantische Tour.

Ich wollte vögeln.

Also habe ich ihr das Geld fürs Taxi in die Hand gedrückt und sie hinauskomplimentiert.

Und jetzt habe ich einen enormen Ständer sowie eine Assistentin, die permanent in meinen sexuellen Fantasien herumgeistert. Sie hasst es, wenn ich sie Assistentin nenne, deshalb mache ich es so oft wie möglich, um sie zu provozieren. Genaugenommen ist sie meine juristische Beraterin.

Ich versuche mich erinnern, wann ich angefangen habe, ständig an sie zu denken. Seit wann habe ich sie nicht nur gleichgültig in ihrem Businessoutfit zur Kenntnis genommen, sondern darüber nachgedacht, wie lange ich wohl brauchen würde, es ihr vom Körper zu reißen?

Ich glaube, es begann gleitend. Zuerst war da dieser Blick, als sie in Spanien zu mir in den Hubschrauber gestiegen ist. Dann ein Lachen beim Abendessen. Ihr Summen, als sie aus einem Fenster schaute und ihr offenbar tausend Gedanken durch den Kopf gingen.

Dann war da dieser Stromausfall, als wir in meinem Büro festsaßen. Beim Feueralarm wurden sämtliche Türen automatisch verschlossen, und wir steckten eine Stunde lang im Aufzug fest. Im schwachen Schein der Notbeleuchtung schimmerten ihre unendlich langen Beine wie Seide. Als die Tür endlich aufgestemmt wurde, stand ich kurz davor, sie auf den Teppichboden zu werfen und zu vögeln, bis sie den Verstand verlor.

Ja, das könnte der Moment gewesen sein, in dem mir klar wurde, dass ich ziemlich in der Klemme stecke.

Ich habe keinerlei Interesse an einer Beziehung, aber ich will sie vögeln. Und ich glaube, sie will es auch. Ich habe den interessierten Blick ihrer karamellfarbenen Augen auf meinem Hintern bemerkt, als sie glaubte, ich merke es nicht.

Deswegen bin ich neuerdings sehr wachsam, wann immer sie in meiner Nähe ist.

1. KAPITEL

Sie könnte genauso gut nackt sein. Das knallrote Kleid mit den hauchdünnen Trägern sitzt hauteng und ist sehr tief ausgeschnitten. Außerdem ist es ziemlich kurz. Nicht unanständig kurz, aber, Himmel, ihre Beine sind lang und glatt, und bei diesem Kleid ist es mir unmöglich, wegzusehen.

Gemma ist schärfer als all die anderen Frauen hier – und das will etwas heißen angesichts der Tatsache, dass sich für diese Auftaktveranstaltung der größte Teil des Londoner Jetsets versammelt hat. Models, Schauspielerinnen, Sportlerinnen und viele Frauen, die wegen des Geldes geheiratet haben und nun hart daran arbeiten, den Erwartungen ihrer Ehemänner gerecht zu werden.

Und dann ist da noch Gemma.

Offenbar hat sie etwas Witziges gesagt, denn der Kerl, der bei ihr steht, beugt sich näher zu ihr hinüber und lacht. Ist er ihr Date? Stirnrunzelnd schaue ich genauer hin. Hat sie etwa ihren Lover mitgebracht? Sollte sie nicht als meine Begleitung hier sein?

Sie in Gesellschaft eines anderen Kerls zu sehen bringt mich aus der Fassung. Eifersucht schnürt mir die Kehle zu.

Ich nehme zwei Champagnergläser vom Tablett eines Kellners und bahne mir einen Weg durch den Saal. Einige Gäste versuchen, mich anzusprechen, aber ich habe keine Zeit für sie. Mein Interesse gilt allein Gemma.

„Jack …“

Sie zieht einen Schmollmund, als ich näherkomme, und mustert mich mit diesem Blick, für den sie ein Patent zu haben scheint. Wie schafft ein Mensch es nur, so verächtlich zu schauen und gleichzeitig den Hauch eines Lächelns zu zeigen?

Ich reiche ihr ein Glas Champagner, und unsere Finger berühren sich kurz. Sofort stelle ich mir vor, dass sie eine andere Stelle meines Körpers anfasst.

„Erinnerst du dich an Wolf DuChamp?“, fragt sie mich. „Er kümmert sich um unsere New Yorker Finanzen.“

Ich erinnere mich an den albernen Namen, jedoch nicht an seinen Träger. Was ist schon bemerkenswert an einem blonden, gut aussehenden Jungen, dem man den Abschluss einer Elite-Uni schon von Weitem ansieht?

„Aber sicher.“ Ich strecke meine Hand aus, denn ich weiß, dass ich die Form wahren muss, auch wenn ich am liebsten sofort über Gemma herfallen würde.

„Schön, Sie wiederzusehen, Sir.“

Gemma weiß, dass ich es hasse, ‚Sir‘ genannt zu werden. Unversehens stelle ich mir vor, dass sie es zu mir sagt, während sie vor mir kniet, mich in den Mund nimmt und dabei nach oben schaut, bis sich unsere Blicke treffen. Okay, es gibt also doch Situationen, in denen ich mich an die Anrede gewöhnen könnte …

Was zum Teufel denke ich da? Fantasien sind zwar gut und schön, aber Gemma zu vögeln wird immer ein Traum bleiben. Eher könnte ich mir diese Tätowierung von der Haut kratzen.

„Ich habe Gem gerade das Software-Update erklärt, mit dem wir uns zurzeit beschäftigen.“

Will er mich provozieren? Zum einen, indem er von Software redet, während mir gerade so schöne Bilder von Hardware durch den Kopf gehen; zum anderen, indem er Gemma ‚Gem‘ nennt, als wären sie die dicksten Freunde aus Kindergarten-Zeiten.

„Ich erkläre es dir gleich im Schnelldurchgang“, verspricht sie mir. Sie spürt meine Ungeduld, doch vermutlich nicht die Ursache dafür.

„Es wird unsere Arbeit viel effizienter machen“, fügt Wolf hinzu.

Gem wendet sich ein wenig von mir ab, um mir die Chance zu geben, mich zu verziehen.

„Ich werde prüfen, inwieweit es umsetzbar ist“, versichert sie ihm. „Das dürfte kein allzu großes Problem sein. Wir müssen allerdings unbedingt dafür sorgen, dass die Systeme während der Datenübertragung geschützt sind. Ein Datenleck wäre eine Katastrophe.“

„Das habe ich mir auch schon überlegt“, erwidert Wolf, und ich habe das Gefühl, überflüssig zu sein.

Auf der anderen Seite des Raumes versucht eine Blondine mit einem wahnsinnigen Vorbau und unendlich langen Beinen meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich will Gemma, aber ich kann sie nicht haben. Glücklicherweise gehöre ich nicht zu den Typen, die in Selbstmitleid versinken. Auch andere Mütter haben schöne Töchter.

Für mich gelten zwei Regeln beim Vögeln.

Erstens: keine Verantwortung.

Zweitens: Keine Rothaarigen.

Verantwortung war für Lucy ein Muss.

Und Lucy war rothaarig.

Ich erstarre zur Salzsäule. Vor mir erscheint Lucys Bild. Sie runzelt missbilligend die Stirn. Ehe wir uns kennenlernten, habe ich nichts anbrennen lassen, es allerdings nie so toll getrieben wie jetzt. Inzwischen ist mir alles egal. Nur dieses anklagende Stirnrunzeln vertrage ich nicht. Selbst jetzt, da sie tot ist, möchte ich Lucy nicht verärgern.

Unwillkürlich wandert mein Blick zurück zu Gemma. Wolf tippt irgendetwas in sein Handy. Sie nickt und legt eine Hand auf seinen Arm. Ich spüre einen Kloß im Magen und versuche, ihn zu ignorieren.

Unverzüglich steuere ich auf die Blondine zu, als wäre sie die einzige Frau im Raum.

„Ich bin Jack Grant.“

Ihre Lippen sind knallrot geschminkt. „Ich weiß.“

„Dann sind Sie im Vorteil.“

Sie lächelt verschmitzt. „Nach allem, was ich über Sie gehört habe, bringt es nichts, Ihnen meinen Namen zu nennen. Morgen erinnern Sie sich sowieso nicht mehr daran, stimmt’s?“

Ich lache. Ihre Aufrichtigkeit gefällt mir. „Nein …“ Ich beuge mich näher zu ihr hinüber, sodass meine Lippen nur noch ein paar Millimeter von ihrem Ohr entfernt sind. Mein Atem streift ihr Haar, und ich bemerke eine Gänsehaut in ihrem Nacken. „Aber an mich werden Sie sich für den Rest Ihres Lebens erinnern.“

Ihr Lachen klingt rau. Unter normalen Umständen fände ich sie unglaublich sexy, aber in diesem Moment ist sie gerade so akzeptabel. Wenn ich ehrlich bin, langweilt sie mich sogar.

„Wir werden sehen …“

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken besorgen?“

„Sie könnten mich von Ihrem Glas trinken lassen“, schnurrt sie mit einem Blick auf meinen Champagnerkelch.

Mir war gar nicht bewusst, dass ich ihn immer noch in der Hand halte. Automatisch reiche ich ihn ihr und schaue ihr dabei zu, wie sie die Lippen ans Glas legt und den Kopf nach hinten kippt. Die Flüssigkeit ist von honiggoldener Farbe. Sie gibt mir das Glas zurück, und ich nehme ebenfalls einen Schluck.

„Verschwinden wir von hier“, schlägt sie mit einem kehligen Lachen vor.

Ich nicke und lege eine Hand auf ihren Rücken. Gemma und Lucy geistern mir nun gleichzeitig durch den Kopf – ein ganz neues Erlebnis. Würden sie sich gegen mich verbünden? Würden sie sich überhaupt mögen?

Lucy war warmherzig und lieb. Sie hat mich immer angesehen, als sei ich ihr Retter, und vermutlich war ich das auch. Ich habe sie aus ihrem alten Leben und von ihrem Freund befreit, der sie wie den letzten Dreck behandelt hat, und ich habe alle ihre Träume erfüllt.

Aber das Schicksal ist ein Arschloch und hatte für Lucy nichts Gutes in petto. Eine Zeit lang konnte sie ihr Leben mit mir genießen – doch dann erwischte es sie voll. Man kann die Vorsehung nicht überlisten.

Gemma ist ihr überhaupt nicht ähnlich. Sie wirkt knallhart, ist aber in Wirklichkeit butterweich. Sie ist intelligent – viel intelligenter als ich – und weiß genau, was sie will. Und sie ist sexy. In meiner Nähe gibt sie sich absolut kühl – als hätte sie noch nie auch nur etwas von einem Orgasmus gehört, geschweige denn einen erlebt. Das macht sie für mich nur noch begehrenswerter. Ich will, dass sie einen Höhepunkt nach dem anderen hat, bis sie nicht mehr weiß, was ‚kühl‘ überhaupt bedeutet.

„Jack.“

Sie erwischt mich in dem Augenblick, als ich den Raum verlassen will. Ihr Blick bleibt kurz an der Blondine haften, gleitet jedoch gleich weiter. Sie ist ein einziger Eisblock. Ich möchte Gemma gegen die Wand drücken und bis zur Besinnungslosigkeit küssen. Hier und jetzt.

„In zwanzig Minuten sollst du deine Rede halten.“

Hoppla! Selbst für meine Verhältnisse ist das ein ziemlicher Schnitzer. Normalerweise achte ich darauf, dass mir nichts in die Quere kommt, wenn es ums Geschäft geht – nicht einmal Sex.

„Bis dahin sind wir zurück.“

Die blonde Sexbombe an meiner Seite überrascht uns beide. Ihre Worte sind eindeutig zweideutig.

Verdammt! Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Quickie im Auto hatte. Schlägt sie das gerade tatsächlich vor?

Gemma konzentriert sich auf ihr Handy. Ihre kühle Gelassenheit stinkt mir gewaltig.

„Okay. Du kannst es kurz machen. Die Ziele umreißen, die die Stiftung zu erreichen hofft, ein Dank an die Geschäftspartner und bla, bla, bla …“ Gemma schaut die Blondine kurz an und lächelt flüchtig. „Bis dahin viel Spaß!“

Natürlich liefert Jack eine ordentliche Rede ab. Der Smoking sitzt perfekt, das weiße Hemd faltenlos. Die Fliege klebt wie angeleimt an ihrem Platz. Wortgewandt erzählt er von der Stiftung, streut hier und da ein paar Anekdoten ein, damit seine Zuhörer etwas zu lachen haben.

Im Gegensatz zu mir. Ich mache mir Gedanken über die Blondine.

Nein: Meine Gedanken kreisen um Jack – und das sollten sie besser nicht tun. Ich darf mich nicht davon beeinflussen lassen! Ich habe mir für diesen Job den Arsch aufgerissen, um mein Arbeitspensum zu schaffen. Der Umstand, dass mein Boss ein unwahrscheinlich scharfer Typ ist, darf mir jetzt nicht in die Quere kommen.

Ich konzentriere mich lieber auf Wolf.

Er unterhält sich inzwischen mit jemand anderem – zweifellos über diese verdammte Software. Seine Miene ist ernst, aber Wolf ist eigentlich immer ernst. Eigentlich stehe ich nicht auf ernste Typen. Wenn ich mit ihm flirte, hört er wahrscheinlich gleich die Kirchenglocken läuten.

Meine Güte! Etwas Schlimmeres kann ich mir kaum vorstellen.

Wolf hat gemerkt, dass ich ihn anschaue. Er ist so offen, dass ich quasi seine Gedanken lesen kann. Ich muss diese Gelegenheit vorüberziehen lassen. Er ist nicht der Richtige.

Ich wende mich ab.

Jack steht direkt vor mir.

Die Band hat zu spielen begonnen. Weil ich so sehr mit meinen Gedanken über Wolf DuChamp beschäftigt war, habe ich es gar nicht bemerkt.

„Hat dir die Rede gefallen?“

„Fischst du nach Komplimenten?“ Ich schlürfe Champagner. „Was ist los? War sie nicht angemessen beeindruckt?“

Er funkelt mich an. Er ist richtig sauer! Sollte ich etwa den Nagel auf den Kopf getroffen haben?

„Bezweifelst du etwa, dass ich es schaffe, eine Frau in fünfzehn Minuten zu befriedigen?“

Er kommt mir nur ein winziges Bisschen näher, aber es reicht, um einen Funken in meinem Unterleib zu entzünden. Wut. Verärgerung. Hitze. Begierde.

Mist!

„Ob du’s glaubst oder nicht: Deine Fähigkeiten in diesem Bereich sind mir ziemlich einerlei.“ Londons Schickeria wirbelt um uns herum, und ich würde am liebsten mit ihr fortgewirbelt werden.

„Du lügst“, sagt er so leise, dass ich glaube, ihn missverstanden zu haben.

Wir müssen uns an unsere Grenzen halten. Er weiß es – ich weiß es. Jede Faser meines Körpers verzehrt sich nach ihm, aber noch hat mein Verstand das Sagen. Ich möchte mir meine Kar­riere nicht vermasseln. Und es geht noch um mehr. Ich liebe Jack. Ich meine, ich liebe es, mit ihm zu arbeiten. Selbst wenn er sich von seiner schlechtesten Seite zeigt – er ist zu einer der größten Konstanten in meinem Leben geworden. Wie blöd wäre es, das aufs Spiel zu setzen?

Ich stelle mir kurz vor, wir hätten eine Affäre und sie endet, weil Jack nichts Langfristiges anfängt – und dann sehe ich ihn nie wieder …

Allein die Vorstellung macht mich krank.

Ich will lieber nicht darüber nachdenken.

Ich möchte es gar nicht erst riskieren.

„Die Rede war gut.“ Ich bringe das Gespräch zurück auf sicheres Terrain.

„Sag mal, Gemma …“ Jack hält sich nicht an die Spielregeln – er flirtet mit mir. „Was läuft da zwischen dir und diesem Kerl aus New York?“

Von wem redet er? „Du meinst Wolf?“

Er verzieht die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. Ob er weiß, wie verdammt sexy er damit wirkt?

„Ist er im Bett ein Wolf?“

Die Frage trifft mich unerwartet. Sie ist für meinen Geschmack zu intim. Ich will Jack provozieren und betrachte ihn eine Weile abschätzend, ehe ich zurückschlage. „Wie war die Blondine?“

„Langweilig“, antwortet er wie aus der Pistole geschossen. Offenbar hat er keine Hemmungen, mit mir über sein Sexleben zu sprechen.

„Wo ist sie überhaupt?“

„Zu Hause. Sie wartet.“

„Auf dich?“

Ein Schulterzucken. „Ich habe gesagt, dass ich vielleicht vorbeikomme. Nur so konnte ich sie loszuwerden.“

Moment mal. Er hat nicht mit ihr geschlafen? Ich meine, er hat sie nicht gevögelt? Der Gedanke stimmt mich seltsam heiter, obwohl mir die Frau leidtut, weil er zuerst mit ihr geflirtet und sie dann in die Wüste geschickt hat.

„Du bist ein richtiges Scheusal“, murmele ich. „Fährst du denn zu ihr?“

„Vielleicht.“

Während der ersten sechs Monate unserer Zusammenarbeit bin ich mit seinem zügellosen Sexleben nicht so gut zurechtgekommen. Jedes Mal wenn ich auf Hinweise seiner nächtlichen Aktivitäten stieß, bin ich rot geworden, und ich konnte ihm nicht in die Augen schauen. Aber inzwischen hatte ich zwei Jahre Zeit, mich daran zu gewöhnen.

„Na dann …“ Ich versuche, das Hämmern meines Herzens und das lustvolle Prickeln in meinen Nippeln zu ignorieren. „Gute Nacht.“

„Warte.“ Er packt mich am Handgelenk.

Ich hole tief Luft. Wir berühren uns nicht! Höchstens zufällig. Aber nicht so!

Mit dem Daumen streicht er mir über die Handfläche, und als ich nichts sage, zieht er mich heftig an sich und drückt unsere Körper aneinander. Wir stehen mitten in der Menge und sind doch allein. Wie in einer Luftblase, die uns einhüllt. Eine Luftblase, angefüllt mit sinnlichem Knistern.

Sein Körper ist muskulös, stark, heiß. Genau wie in meinen Fantasien. Ich zwinge mich, Jack anzusehen, als ob er den Verstand verloren hätte.

„Ja, Sir?“

Seine Augen blitzen. Ich habe ihn so genannt, um ihn an die Grenzen in unserer Beziehung zu erinnern. Genauso gut hätte ich ein Streichholz über einer Benzinpfütze anzünden können. Er lässt mich nicht los.

„Tanz mit mir.“

Die Atmosphäre um uns knistert vor Spannung. Ich weiß, dass er mich um mehr als bloß einen Tanz bittet. Aber er soll nicht glauben, ich hätte Angst.

„Gern.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

Er legt die Hand auf meinen Rücken. Nein … knapp über meinen Hintern. Er spreizt die Finger und drückt mich fest an sich, sodass ich gegen ihn stolpere. Die Finger der anderen Hand verschränkt er mit meinen.

Ich konzentriere mich auf die Band.

„Dein Kleid ist fantastisch“, sagt ...

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